7. Juli 2018, Samstag

20:16
Wir wollten ohnehin irgendwo einkaufen gehen…
Dementsprechend überzeugte ich Sebastian davon, dass wir auch ins große Einkaufszentrum nach Oberwart fahren könnten. Unser erstes Ziel die allgemeine Ambulanz im Krankenhaus. Mein Katheter wurde gewechselt, neues Urikult gemacht und der freundliche Urologe machte keinen Hehl daraus, dass bei mir dank meiner MS ohnehin alles im Arsch sei. Ich meinte, schon lange kein Blasentraining betrieben zu haben, und er ganz fatalistisch: „Das bringt ohnehin nichts mehr! Ihre Blase ist kaputt!“.
Als er den Befund schrieb, gab ich ihm den Tipp, bei der Diagnose „Zombie“ zu vermerken…
Hahaha… Alles ja so lustig, ich habe Witze gemacht, über meine Situation, meine Schrottkiste von Körper usw. und so fort. Aber spätestens dann im Sportladen, als Sebastian sich nach neuen Dartpfeilen umsah, ging in mir beim Anblick der Laufabteilung wieder irgendetwas zu Bruch. Bin ich denn wirklich irgendwo ganz tief versteckt in mir der Meinung, dass ich jemals wieder laufen werde können? Wie dumm muss man sein??
Der Lächerlichkeit preisgegeben habe ich mich zu allem Überfluss auch noch, als ich meine Tablettendose stolz präsentierte und meinte, kein Problem zu haben, die einzelnen Präparate auseinanderhalten zu können. Den nächsten Scheiß gedreht… Das, was ich für die Retardtabletten gehalten und auch gestern sowie in den letzten Tagen, in denen es mir mit der Blase schlecht ging, eingeworfen hatte, waren in der Tat die Medikamente fürs Herzrasen!!
Hatte ich nicht zuletzt genau andersrum denselben Fehler begangen? Und die Tabletten gegen das Herzrasen mit denen für die Blase verwechselt und sogar geglaubt, sie würden die ersten Tage die Panikattacken eindämmen???
Wieder war die Rede von der Botoxspritze und auch da konnte ich mir die Klappe nicht halten: „Wow! Dann habe ich eine faltenfreie Blase… Wenigstens etwas!!“.
Die Schwester, die sich erst um mich kümmerte, erzählte sogleich, ihre „Schwester“ hätte ebenfalls MS. Wer hat denn nicht MS oder ist nicht mit jemandem verwandt oder kennt immerhin ein oder zwei Leute, die es haben?! Was für eine Volksseuche!

In der Wartezeit las ich wieder im Buch „Ich war erst 12“. Es ging darum, wie der Vater das erste Mal nachts ins Schlafzimmer der Tochter kommt und sie ausquetscht, wie sich das mit ihrem Freund verhalten würde. Ganz unschuldig, die beiden hielten Händchen und das war schon das größte der Gefühle. Nachdem sie ihn diese eine Nacht vertreiben konnte, wusste sie ganz genau, er würde wiederkommen. Und so geschah es auch. Dieser seltsame, gefährliche Blick. Bereits in der ersten Nacht hatte er ihr übers Haar gestreichelt… Und sie fühlte intuitiv, dass das nicht normal war! Denn er berührte sie nie! Er war auch sehr streng und mitunter aufbrausend. Sie respektierte ihn. Aber das, DAS war nicht mehr normal… Und sie fühlte sich schlecht!

Der Täter ist austauschbar. Wer auch immer, aber ich las diese Zeilen und bereits bei der kurzen Beschreibung der ersten Nacht konnte ich fühlen, wie sie sich gefühlt haben muss… Mir wurde schlecht, klamm, ich fühlte mich ekelhaft, dreckig und zugleich im Körper gefangen.
Dem voraus ging eine plötzliche Panikattacke, als ich mich bei der freundlichen Schwester angemeldet habe…

Das soll „Hineinsteigern“ sein? Nicht mehr als das?!!
Ich bin davon überzeugt, dass jeder Mensch, der sich selbst verletzt, sexuelle Gewalt erfahren hat!
Warum kann ich dann diese Überzeugung nicht auf mich selbst anwenden? Wenn ich doch weiß und keine Sekunde daran zweifle, dass andere Verdrängen, Abspalten??! Warum dann nicht ich ebenfalls???

Sebastian ist mit Jan und dem anderen Sebastian weggegangen. Ich bin allein und spüre in mir das Verlangen, mich zu verletzen…
Was waren das auch für Höllenschmerzen, als wir nach Hause kamen? Mein linkes Bein krampfte bereits die ganze Heimfahrt über. Mein Bauch eine steinharte, druckempfindliche Murmel. Erst recht angepisst vom Wechsel des Katheters. Alles tat weh. Wir haben zu Mittag gegessen und anschließend gab es sogar noch Eis… Für meine Verhältnisse viel zu viel und dreimal über den Hunger!! Dafür aber meldete sich dann mein Darm. Wunderbar… Kaum hatte ich mich vor der Toilette aus dem Rollstuhl erhoben, führte der Druck hinten zu einem bestialischen Krampf vorne im Unterleib, ich fiel um, auf die Kloschüssel und pinkelte mich wieder an. Ich biss vor Schmerzen in die Aufstehhilfe links von mir, ich bekam keine Luft mehr und es fühlte sich an, als würde der Krampf meine Harnröhre aus mir rausquetschen, oder besser noch, gleich noch die ganze Blase dazu!!

Der Arzt klärte mich darüber auf, dass die Krampflöser für die Blase nebst der Mundtrockenheit eben auch den Darm lähmen würden. Genauso wie das Lioresal, ganz zu schweigen von den Opioiden und erst recht den Morphinen, die fehlende Bewegung mal ausgeklammert. Er empfahl mir auch, stattdessen das Lioresal hoch zu dosieren. Ob das hilft? „Die Harnwegsinfekte werden immer wieder kommen und die Krämpfe… Die Blase ist auch nur ein Muskel, die MS schädigt alles.“.
Schwer seufzen.
Es war ein warmer Tag, wir waren von 10 bis nach 17:00 Uhr unterwegs. Aber ich wollte nicht verstehen, warum ich mir nach der grauenvollen Klositzung weder die Hände noch das Gesicht waschen konnte… Ich war unfähig, meine Hand zu heben, um damit den Schlauch am Wasserhahn festzuhalten und den eiskalten Strahl auf meine Visage zu richten, damit die Seife abläuft!!!

Um anschließend wieder unaufhörlich gähnen zu müssen. Es war zu viel… Auch jetzt kann ich auf dem Rollstuhl nicht mehr sitzen. Mein Ischias ist zu Tode beleidigt. Der Rücken gekränkt. Dabei will ich noch am Video arbeiten…

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19. Mai 2018, Samstag „Träume sind Schäume…?“

12:08
58,9 Kilo. Viel zu spät, erst um 10 aus dem Bett. Die Feldsperlinge samt erster Brut haben gestern den Futtersilo binnen weniger Minuten komplett entleert. Auf der einen Seite gibt es Hirse, Wellensittichfutter, was sie fressen können, und auf der anderen Seite ungeschälte Sonnenblumenkerne. Aber was machen die kleinen Monster, wie gewohnt? Wie kleine Bagger schaufeln sie unten die Kerne aus dem Schälchen, auf der Suche nach etwas Fressbarem, finden nichts, graben weiter und nun liegt der gesamte Inhalt der einen Hälfte vom Silo auf der Holzplatte, im Regen. Um dort wunderbar zu schimmeln.

Sebastian hatte es mit der Sonnencreme etwas zu gut gemeint. Geplant war, ich fahre hinters Haus, halte rasch meinen Traum fest, ehe er völlig auseinanderfällt (genau deswegen bin ich auch so lange im Bett geblieben, um ihn mir wieder und wieder mit geschlossenen Augen durch den Kopf gehen zu lassen). Anschließend mit dem Rollstuhl nach Jennersdorf, vorbei am Mehrparteienhaus, Ausschau halten, ob ich dieses Mal Eltern oder Jungtiere vor die Linse bekomme. Er schleppte mir gerade alles nach draußen, Wasserflasche, Notebook und sogar einen Zeichenblock…

Alles scheint sich gegen mich zu stellen! Alles!

Da bist du ganz alleine schuld dran!!

ZU verkrüppelt für alles!!! Und natürlich!! Jetzt grinst die Sonne wieder blöd vom Himmel!!

Kaum war er draußen, kaum fuhr ich los, begann es zu regnen! Zu schütten! Alles zurück ins Haus, um jetzt wieder den inneren Kampf auszufechten, was ich nicht alles draußen verpasse, dass ich draußen sein müsse… Und die Unruhe kommt auf Temperatur!
Die fette Schicht Sonnencreme auf meiner Visage kaum ertragen. Wenn ich mich nun nur lange genug hineinsteigere, bin ich der Überzeugung, keine Luft mehr zu bekommen, unter dem Fett zu ersticken!
Gestern zusammen mit Sonja wurde auch ein Rätsel gelöst. Ich wunderte mich, warum der Vogel mit dem explodierten Auge nun plötzlich ein Männchen war. Machte Scherze über eine verunglückte Geschlechtsumwandlung, von wegen Augapfel als Testikel oder so. Da tauchte die Meise vermeintlich wieder auf, das explodierte Auge nun aber auf der anderen Seite! Und wieder weiblich! Also gibt es zwei Kohlmeisen, ein Männchen und ein Weibchen. Waren die beiden Zwillinge in einem Ei, am Kopf zusammengewachsen? Gestern beim Katalogisieren der neuen Aufnahmen einen genauen Blick auf die Verunstaltung werfen dürfen… Ganz schön ekelhaft!

Aber tut dem nun nichts zur Sache! Dabei geht nur wieder der Traum verloren! Womit fing die Geschichte an?
Ich wohnte im Gasthaus. Wer hätte DAS für möglich gehalten?! Der Dachboden war ausgebaut, der Dachboden verfügte über ganz neue Dimensionen, ein riesiger Komplex, beinahe wie bei der Reha. Aus irgendeinem Grund wurden Hunderte von Kindern im Haus einquartiert, Notunterkunft (vermutlich wegen den Nachrichten kurz vor Mitternacht, dass es in den USA erneut zu einer Schulschießerei gekommen sei). Ich schämte mich. Das waren alles Schulkollegen von mir. Alle Altersstufen. Und ein Mädchen, sie heißt Michaela, musste bei mir im Zimmer schlafen. Ich hatte in den Jahren, Hauptschule und Gymnasium, so gut wie nichts mit ihr zu tun. Mir fällt nicht einmal ihr Nachname ein. Sie schlief auf meinem Bett und ich auf dem Fußboden. Mein Bett war so dermaßen hart, sie bekam Rückenschmerzen und ich schämte mich. Es dauerte auch eine Ewigkeit, ehe wir zum ersten Mal ins Gespräch kamen. Sie fand auch den Gedanken ekelhaft, mit mir eine Zahnbürste zu teilen. Ein anderer Schulkollege hingegen hatte da weniger Probleme, wollte sogar einen Aufsatz benutzen, den ich bereits mehrmals in Gebrauch gehabt hatte. Sie ekelte sich vor vielen Dingen in unserem Haus, in meinem Leben. Erst da musste ich bemerken, dass mein Dasein nicht so normal war, wie ich bis dato dachte.
Wir sollten uns umziehen. Aus dem Fenster konnte ich aber sehen, dass im Hühnergehege der Nachbarn gegenüber ein alter Bauer aus dem Dorf saß. Graue Haare, grauer Schnauzbart, eine riesengroße Knollennase. Und er beobachtete mich, eindeutig. Ich zog den Vorhang vor, zumindest zur Hälfte. Und sagte wohl ziemlich laut, dass der Typ ein Perverser sein müsse. Wie und warum er es hörte, weiß ich nicht. Er brüllte irgendwelche Beschimpfungen zurück. Ich konterte, lautstark, in meiner Mundart. Darauf titulierte er mich als Hure, eben genau so eine Hure wie meine Mutter!!
Er stampfte wutentbrannt von dannen und erzählte im ganzen Dorf herum, ich würde wie ein Flittchen am Fenster meines Kinderzimmers die Hüllen fallen lassen, und ich dachte, ich könne nie wieder mit dem Rollstuhl normal durchs Dorf fahren. MIR würde ja niemand glauben! Ich suchte in meinem Schrank, aber da waren keine Klamotten mehr (an diesem Punkt stellt sich Panik bei mir ein). Scheinbar hatte sich meine Mutter meine ganzen Sachen gekrallt. Ich ging auf den Dachboden, der nun zwei Stockwerke umfasste. Dort waren die andern Schulkinder untergebracht. Ich fand einen Raum, der dem Dachboden hier im Haus gleicht, aber zugleich vom Lichteinfall her dieselbe Stimmung hat wie jener im Gasthaus. Dort stand ein Schrank. Darin meine ganzen Sachen, meine ganzen Klamotten!! Meine Mutter sagte, nach meinem Selbstmordversuch hätte sie die alle aufgehoben. Alles fein säuberlich zusammengelegt, und ich wühlte darin herum wie eine Wildsau. Ich fand auch noch andere Utensilien, mein Notebook und derlei Krimskrams; am besten alles auf einmal mitnehmen, schlussendlich war es ja MEIN EIGENTUM! Sie stand immer noch hinter mir, beobachtete genau, was ich machte. Der Raum war plötzlich leer, nur sie und ich. Und die Erinnerung, dass da zuvor kleine Kinder gewesen sein müssen. Wie eine Einblendung, eine Rückblende. Kleine Mädchen, fünf oder sechs Jahre alt, saßen da auf dem Estrichboden. Und eine schwarze Gestalt hatte ihnen Überraschungseier geschenkt. Nachdem sie das getan hatten, was der Schatten von ihnen wollte. Zurückgeblieben lediglich die gelben Plastikkapseln mit dem Spielzeug darin. Die erste Figur in einer der Kapseln, und ich weiß nicht mehr genau, wie diese aussah, sprach bereits Bände! Erst recht die in der zweiten Kapsel, und noch viel mehr die Zeichnung, die selbstgemalte Grußkarte, die neben dieser lag…
Dazu muss erwähnt werden, gestern eine Dokumentation über jugendliche Mörderinnen gesehen zu haben, und die jüngste, damals gerade mal 11, hatte grausige Zeichnungen angefertigt, ehe sie damit anfing, erst nur Tiere zu töten und dann eben auch Menschen.
Also von diesen Zeichnungen inspiriert, auf dem Fetzen Papier ein kryptisch-kindliches Bild von einem Menschen, wohl einer Frau mit Rock, und noch wahrscheinlicher vom Mädchen selbst…
Und tatsächlich! Da setzt der Lochfraß ein!! Ganz zu schweigen davon, dass ich vermutlich unfähig bin, auch nur einen Strich zu zeichnen, dabei hatte sich mir das Bild doch so dermaßen eingebrannt und jetzt, augenblicklich löst es sich vor meinem inneren Auge auf!!! Ich hätte morgens, gleich nach dem Erwachen eine Skizze anfertigen sollen!
Aber ich will es versuchen: Also das Mädchen steht rechts, von der Seite. Das Mädchen hat unten am Rock scheinbar einen Penis. Und von links kommt eine Schlange angekrochen, bäumt sich vor dem Mädchen auf, gibt ihm einen Kuss. Ich „glaube zumindest“, aus dem Penis tropft etwas. Und oben drüber geschrieben in kindlicher Krakelschrift: „Danke. Es schmeckte wie Sahne“.

Ich sah dieses Bild und mir wurde speiübel. Waren da bereits andere Opfer? Oder war ich das als Kind?
Die Kinder hatte man längst, vor Jahren schon, weggebracht. Die Kinder waren zu klein, um zu wissen, was da mit ihnen geschieht. Sie haben es schlicht und ergreifend VERGESSEN…
Ich versuchte zu fliehen, wegzulaufen, die Straße runter… [….]

Um seltsamerweise in Jennersdorf anzukommen. Dort, wo zumindest in meinem Traum lauter Arztpraxen waren. Da waren auch Bonzen und Ärzte, vor allem mein Hausarzt aus Kindertagen, den ich später gehasst habe, ob seiner anzügliche Bemerkungen im Gymnasium mir gegenüber, die allesamt Teil eines Kinderpornorings waren! Und alle hatten sie sich bedient auf dem Dachboden im Gasthaus!! Kinder wurden in Kofferräume gestopft von riesengroßen Edelkarren. Wie Waren. Und der kriminelle Sauhaufen machte sich soeben aus dem Staub…
Die nächste Szene, die ich sehe, spielt sich vor der Reha-Klinik ab. Die Konkurrenzklinik davor steht lichterloh in Flammen. Aber die unzähligen Menschen auf der Straße, auf dem Gehsteig schert das nicht. Scheinbar ist Silvester, im Sommer, da läuft Techno, alle tanzen und ich kann mich ebenfalls dem Rhythmus nicht entziehen. Außerdem entstehen so geniale Aufnahmen mit der Kamera, beinahe postapokalyptisch, mit der brennenden Anstalt im Hintergrund…
Als ich mich in der Klinik anmelden will, ich flüchte regelrecht in diese, habe ich alles vergessen. Ich weiß nicht mehr, bei welchem Pult ich mich anstellen muss, ob ich zahlen muss oder nicht, und scheinbar habe ich einen Erlagschein nicht unterschrieben. Ich entschuldige mich damit, seit Jahren keinen mehr ausgefüllt zu haben und deswegen nicht mehr zu wissen, wie das geht…

Was nicht unerwähnt bleiben soll: Nachts konnte ich vernünftig gehen. Für meine Verhältnisse. Ich räumte sogar in der Küche ein wenig auf.
Um dann heute, ohne die Hände noch irgendwie in Anspruch genommen zu haben, nicht einmal das Notebook aufklappen zu können. Mein Rücken schmerzt. Der Hintern schmerzt. Und ich will diese Zeichnung machen… Aber besteht die Blockade lediglich der Angst wegen, zu versagen, nicht zu können, oder eben vielleicht auch, „weil ich nicht darf“? Und es sei definitiv ebenfalls erwähnt, dass die Zeichnungen dieser schizophrenen Mörderin nichts mit dem Bild zu tun hatten, welches ich in meinem Traum sah. Lediglich bis auf die kindliche Abbildung einer Frau im Rock. Aber ich hocke hier, völlig erstarrt, die Hände wie auf den Schoß gepflastert, den Zeichenblock vor mir und ich komme nicht zu Potte!…

16:22
Rasenmäher, Flugzeug, Rasenmäher. Im Supermarkt damit gekämpft, nicht in Tränen auszubrechen. Im Auto spätestens die Kontrolle verloren, als ich mich für mein Verhalten im ersten Supermarkt entschuldige.
Aber nicht einmal weinen kann! Unverzüglich brannten die Augen, als seien meine Tränen ätzende Säure!

WIE DEINE MUTTER!!!

Meine Mutter hatte sich immer die Augen gerieben, „zu wenig Tränenflüssigkeit“ lautete die Diagnose.

Der Reihe nach. Ich wollte also nach Jennersdorf, und scheiterte bereits am Schuhregal. 10 Minuten um den linken Schuh zu verschließen!! Ein Donnerwetter ging auf mich hernieder. Und draußen? Eiskalter Wind. Sonne, keine Sonne, Sonne, schwarze Wolken.
Also dachte ich: „O.k.! Ich bleibe hier und filme, was mir vor die Nase kommt!“. In der Weide neben dem quadratischen Wannenteich lauter Schwanzmeisen, fütterten ihre Jungschar. Und ich zu dumm, die Kamera zu halten!!! Alles ging schief!!! ALLES!!!!…

Bring dich um.

Ich bring mich um.

Ins Haus gefahren, 2 mg Hydal, „nur“ die Retardfassung. Sebastian mitgeteilt, dass ich noch da sei, ob er nicht jetzt fahren möchte. 10 Minuten später war er unten. In diesen 10 Minuten war noch mehr schief gegangen. Und warum?! Weil ich ein beschissener Krüppel geworden bin, der eigentlich gar nicht mehr allein zu Hause bleiben kann, weil er nichts hinbekommt! Doch, ich könnte den ganzen Tag auf dem Sofa sitzen bleiben. Aber von wegen Selbstständigkeit, kümmerliche Reste eines eigenständigen Lebens… VERGISS ES!!! WARUM NICHT GLEICH IN EIN HEIM?!!!

Im ersten Supermarkt war er mehr mit seinem Handy beschäftigt. Und der erste Artikel, den ich in die Hand nahm, die Strauchtomaten, landeten SELBSTVERSTÄNDLICH auf dem Boden! Er wollte den morgigen Tag planen, ein Kinobesuch steht an. Er hörte mir überhaupt nicht zu, was wir benötigen, was uns fehlt, was wir kaufen müssen… Und ich dämliches Stück Scheiße allein nicht in der Lage auch nur irgendetwas anzufassen! Da war ich kurz davor, ihn anzuschreien!

Und alles nur, weil ich dermaßen am ENDE bin!
Im nächsten Supermarkt kam von hinten plötzlich eine Dame, berührte mich vorsichtig an der Schulter, begrüßte mich, und ich sah sie an wie eine Kaulquappe! Ich entschuldigte mich, ich könne mich nicht erinnern…
„Wir haben uns damals an der Raab getroffen. Da warst du dem Rollator spazieren…“. Ich dachte angestrengt nach, aber erst beim zweiten Satz klingelte es leise: „Ich kenne dich noch vom Laufen. Ich wohne in Rax und du bist jeden Tag vorbeigerannt…“.
Hastig verabschiedete sie sich, sie hatte ja Sachen auf dem Laufband an der Kasse liegen. Ich sank in mich zusammen. Ich meine mich nun zumindest an die Depression nach diesem Ausflug und Kennenlernen erinnern zu können.

Wieder im Auto wollte ich mich erklären, mein Verhalten, dass ich dermaßen am Verzweifeln sei. Aber er hat es wohl nicht verstanden, dass es der Versuch einer Entschuldigung war und zugleich ihn über den Schweregrad meiner Krise in Kenntnis zu setzen. Er stattdessen sagte, warum er so viel ins Handy gekuckt hätte. Und bemerkte vermutlich nicht einmal, dass ich in Tränen ausbrach. Spätestens als ich mir vor Schmerz die Augen rieb, musste dieser Kommentar sein: „Selbst zum Weinen zu dämlich!!“.

Es ist ihm zu viel. Erst recht meine permanenten Zerstörungsankündigungen. Mit meinem Eis in der Hand: „Es wäre besser, es gäbe einen Menschen weniger, der in Form von Palmöl Orang Utan-Blut konsumiert und die Welt zugrunde richtet.“.

Als wir vor all dem im Dorf angekommen waren, auf dem Parkplatz vom ersten Markt, die Autos, die Leute mit den Einkaufswägen… Ereilte mich eine FETTE Derealisation. Nichts ergab mehr Sinn! Und der Wunsch, zu sterben, nur noch lauter.
Ein Wort hat sich mir eingebrannt, passend zum ganzen Tag: WERTLOS. ICH bin WERTLOS!! Zu nichts mehr zu gebrauchen!!

Man solle mich nun bitte nicht falsch verstehen. Diese Ansichten gelten nicht für andere Menschen. Es geht hier lediglich NUR UM MICH, MICH, DAS WERTLOSE STÜCK SCHEISSE!! Ich schämte mich für mich selbst, in Grund und Boden, wie ich aussehe, mit dieser Akne überzogen… Ein einziges Minenfeld! Und alles mache ich falsch! Auch jetzt sitze ich tatenlos vor dem Zeichenblock…
Kaum zu Hause, 2,6 mg Hydal. Ich warte auf dessen Wirkung. Kann ich sitzen, der Körper überzogen mit Schmerzen. Die Schnauze voll.

21:04
Schlussendlich gezeichnet, was ich gesehen habe. In mir löste es einiges aus. Sebastian hingegen: „Aha…“.

2018-05-19

16. Mai 2018, Mittwoch „Alles läuft schief…“

09:13
59 Kilo um 6:45 Uhr. Seit ich hier am Computer sitze, entgleitet mir alles. Nach dem Frühstück ein Räucherstäbchen angesteckt, wollte doch eigentlich nur nachsehen, wie diese bei den Ingredienzen angeführte „Champa-Blüte“ aussehen soll. Da waren noch unzählige Registerkarten offen von gestern, von der letzten Suche nach Benzos? Bleibe erst einmal wieder bei dem Artikel hängen, sehe die Auflistung von diversen Wirkstoffen, Untergruppen, Narkosemitteln. Von dort aus weiter gesucht, mit Hauptaugenmerk auf eben Narkotika. Ganz wichtig: Überdosierung. Von dort aus weiter zum Sänger von Linkin Park, zum Sänger von Soundgarden, während die Zeit weiter und weiter läuft. Erst ganz am Schluss sehe ich mir das Gewächs an.

Als ich dann endlich die nötigen Fotos und die Stoppuhr öffne, funktioniert letztere nicht mehr. Das war doch bereits gestern so… Die nächsten 10 Minuten verstreichen, ehe ich sie wieder vermeintlich hergestellt habe. Aber aus den Einstellungen ausgestiegen, übernimmt er diese nicht aufs Programm. Den Computer neu starten, Trommelwirbel… Pustekuchen. Zu allem Übel scheint auch noch die Sonne zum Vorschein zu kommen. Natürlich bin ich von gestern noch ordnungsgemäß bedient; musste nachts mit dem Rollstuhl ins Bett fahren, konnte keinen Fuß mehr vor den anderen setzen, und ebenso morgens mit meinem schwarzen Ferrari ins Bad und dann ins Wohnzimmer kullern. Die Vernunft gebietet, diesen Rausch nun mindestens zwei Tage lang verrauchen zu lassen. Im Beipackzettel vom Kortisonspray steht mitunter als häufige Nebenwirkung „Nesselausschlag“. Nicht mehr vor noch zurück wissen. Was ist richtig und was ist falsch, sehe ich doch gelinde gesagt ausreichend zum Kotzen aus! Ob nun Cortison oder Sonnencreme oder einfach nur Sonnenausschlag oder weil ich so eine fette Sau bin, deren Haut den Eindruck erweckt, als würde ich sie seit Tagen mit einer dicken Schicht ranzigem Frittierfett einschmieren!! Ich bin so ekelhaft, die Visage kaum gewaschen, glänzt sie erneut wie ein frischgebackener Krapfen.
Jetzt ist es eben soweit! War es ein Fehler, mich per Mail mit Mieke über einen möglichen Vormittagsbesuch zu unterhalten? Der an diesem Tag zumindest das Malen schon mal abhaken würde?

Und nun wahrscheinlich viel fataler, mit dem Tagebuch begonnen zu haben… Meine Gedanken, jeder meiner Gedanken will nun wieder „zu Papier“ gebracht werden, jeder Anteil von mir will seinen Senf dazu geben…

Es verstreichen sage und schreibe 5 Minuten, nur für das Foto der aktuellen Entwicklung am Gemälde. Der Buntspecht würde gerne ans kalte Buffet, aber direkt davor auf der Bank im Wohnzimmer sitzt Fine und putzt sich das Fell. Die Farbschalen öffnen, die Kleckse befeuchten, die Pinsel in die Hand nehmen, obwohl ich längst Schlimmeres im Sinn hatte. Angefangen bei irgendwelchen Medikamenten bis hin zur Rasierklinge. Selbst Rumpelstilzchen bläut mir ein, dass es viel zu spät ist. Er will, dass ich meinen speziellen Musikordner öffne und mich abschieße.

Dezente Kopfschmerzen, während draußen der Himmel allmählich blau wird. Alles an und in mir wehrt sich dagegen, jetzt zu arbeiten. Am besten einen Pullover anziehen und mit der Kamera raus, bevor ich alles verpasse! Oder den Comic fürs neue Projekt zeichnen…
Zugleich aber…

DU WIRST NIE FERTIG WERDEN!!! ES IST VORBEI, GIB AUF!!!

Markus wollte von mir wissen, welche Qualität die Blockade in mir hat. Wie sie sich anfühlt. Depressiv? Oder von Ängsten genährt, zu versagen, schlussendlich wieder mit der Lähmung konfrontiert zu sein?! Oder bin ich tatsächlich nur ein faules Stück Scheiße??? Was bedeutet dieses „Ich kann nicht!“?
Ich weiß es nicht? Ich würde mich auch jetzt lieber aufschlitzen, als Farbe auf die Leinwand zu bringen. Was ist das für eine seltsame Alternative? In mir sperrt sich alles gegen die Aufgabe! Noch klimpert die Rechte… Aber mir droht alsbald ein böses Ende…

VON WEGEN!! DAZU MÜSSTEST DU ES ERST EINMAL RICHTIG MACHEN!!! Da ist so viel Speck!… Es kann doch nicht so schwer sein, tiefer in diese wertlose Masse hinein zu schneiden!!!

Alsbald wird es 10:00 Uhr. Beide Hände klimpern. Die Schälchen wieder bedecken, wiederum auf die Schälchen ein weißes Tuch breiten, damit die Sonne die Farbe darunter nicht austrocknen kann, vom Weiß eher reflektiert wird. Mein Schicksal scheint somit besiegelt! Selber schuld! Mit dem ersten Abschuss vor zwei Tagen die Weichen für die nächste längerfristige Episode gestellt!

Den Kopf senken, mich beim Bild entschuldigen und dann eine neue Schale Tee kochen… Ich versage…

10:22
Mir Morphium besorgen, ehe ich wieder am Tisch Platz nehme.
Eine Hasstirade entlud sich mehrfach lautstark in der Wohnküche. Und obwohl ich „die Suppe“ zum Kochen gebracht habe, wird Sebastian zum ersten Opfer meiner Wut: „Warum zum Teufel räumst du das dreckige Geschirr nicht dorthin, wo es hingehört?! Warum stellst du es zu den Brotkörbchen?! Bist du so dumm oder einfach nur faul??!!“. Dann bin kurz ich dran, als ich vor dem Kühlschrank vergesse, was ich eigentlich wollte…

WIE SAUBLÖD BIST DU EIGENTLICH??!!!

Um nahtlos mit der Volkshilfe weiter zu machen, als ich vor dem Geschirrregal stehe und meine einstmalige Ordnung nur noch einer kleinen Postapokalypse genügt: „WAS SOLL DAS, VERDAMMT NOCH MAL!!! WAS IST DENN DA SO SCHWER ZU VERSTEHEN, WELCHE SCHÄLCHEN WO HINGEHÖREN??!! Wie blöd muss man sein, um die Glasschälchen zwischen die Keramikschälchen zu stellen, wenn daneben zwei Stapel NUR mit Glasschälchen stehen??!!“.

Ungerecht, es tut mir leid. Und wie gesagt, bin ich Ursprung allen Übels. All dem voraus, als ich aufstand, fiel aus irgendeinem Grund das Brotkörbchen vom Rollertor, die gebrauchte Teeschale zersprang in 100 Teile, der Holzboden voll mit Splitter und Teeresten. Zu diesem Zeitpunkt blieb ich noch ruhig, ganz ruhig, denn ich befand mich bereits auf dem Weg zum Schafott, das Urteil gesprochen! Weiter mit Schimpftiraden nun gen korrekte Adresse ging es dann im Badezimmer, beim Zähneputzen, vor dessen Erledigung ich noch zehn Hübe Tramal geschluckt habe. Währenddessen 100 total schwache Kniebeugen gemacht, und während das Wasser allmählich heiß wurde, noch meine dümmliche Visage gewaschen. Als würde die widerwärtige Akne davon weg gehen!! Kaum die richtige Temperatur erreicht, den linken Unterarm von Blutresten befreit, Hände und Arm heiß aufgewärmt. Schon denke ich, mir läuft die Zeit davon. Die Tablettendose öffnen; ist und bleibt eine von gleich zwei Büchsen der Pandora!

Mir ist beinahe zu lachen zu mute, während der Tag draußen von Regen auf Sonnenschein umstellt. Wie viel Morphin darf es sein? Besser mehr davon, als diese vermaledeite chemische Psychoscheiße! Das Risiko lässt sich zumindest einigermaßen einschränken: Bestenfalls bin ich nach einem Tag voller Spastik morgen wieder halbwegs hergestellt.

Hofft die blöde Kuh!!
Warum machst du es nicht gründlich? Bis er nach Hause kommt?… Hast du gut 2 Stunden!!

Um meine Augen herum bildet sich ein Ring aus Watte. Vor mir auf dem Tisch das alte Handtuch. Ich erinnere mich… Kinderzeiten… Da war es auch schon da. Aber hatte definitiv eine andere Funktion als jetzt! Das Rot vom Blut überwiegt, was die Farbe betrifft. Das Blut hat alles verklebt. Nur meine Hände sind erneut eiskalt.

Hör auf, die Tabletten nur anzuschauen!! Friss sie endlich!!

Tun, wie mir geheißen.

Wie müsste Bianca aussehen, dass Rumpelstilzchen mit ihr klar kommt?“.
Ich zeichnete das Bild eines magersüchtigen Kindes, einer magersüchtigen Jugendlichen. Kaum oder noch besser keine sekundären Geschlechtsmerkmale. Und innerlich so verhungert, dass sie eigentlich längst tot ist…

Damit sie gefälligst die Schnauze hält, nichts mehr sagt, die Nutte! Sie ist ja selber schuld, AN ALLEM!!! Damit Sie schweigt!! Früher und erst recht später und ganz besonders für immer!!!

Ein weiblicher Kernbeißer nähert sich dem Restaurant. Der Buntspecht macht aber dermaßen Tumult und verscheucht regelmäßig alles und jeden.
Die Arme verschränkt. Das Erdnusssäckchen ist der Renner schlechthin. Die neue Räucherstäbchenpackung morgens mit einem alten Skalpell geöffnet. Da meldete sich schon die Sehnsucht.
Aber es bringt doch nichts! Die Rasierklingen schärfer, wie auch immer das sein kann. Hätte ich andere bestellen sollen, vielleicht nicht so billig?

Sebastian zeigte sich gestern doch ein wenig entsetzt, dass ich mich erneut abgestellt hatte. Er würde das jedes Mal merken, hat der schon oft gesagt. Wirklich? Vermag er Depression von Dröhnung zu separieren?

Während ich mehrfach und mühevoll das letzte Hauptwort korrigieren muss, meldet sich die Panik. Ist sie nun eine Werkzeug Rumpelstilzchens oder tatsächlich ein eigener Anteil, also Symptom eines Anteils…

Nein! Was schwafelst du von Anteilen?? Das ist nichts als ein Symptom!! Und selbst das bildest du dir nur ein, um Aufmerksamkeit zu bekommen!“

Mir läuft die Zeit davon! Gleich ist es 11. Süßstoff in den Tee. Ich könnte die Heizdecke unter das besudelte Handtuch legen; vielleicht bringt es was.

Da fällt der Kopf plötzlich in den Nacken. Heroin auf Rezept, freundlichst gesponsert von IHRER burgenländischen Gebietskrankenkasse! Der Mund bleibt offen. Ich bin so schlecht und ich sollte tot sein. Angesichts dessen, was da auf mich zukommt, was es noch an Schritten zu tun oder zu bewältigen gilt, wäre es definitiv zum Wohle aller, die da von mir schäbigerweise noch mit reingezogen werden, wenn nicht sogar ein großer Segen, ich würde endlich den Mund halten und mich töten.

Endlich mit dem „kleinen Tod“ anfangen…
Dabei in den letzten Tagen so viel wie noch nie mit Sebastian über meinen ersten Suizidversuch gesprochen. Und erst recht über meine ständigen Ankündigungen, was diese mit ihm anrichten.

Es wird 11:04; versuchen, das Handtuch irgendwie behelfsmäßig zu falten. Jene Seite, mit den frischen und noch feuchten Flecken nach oben, um das weiße Kleid nicht in Mitleidenschaft zu ziehen und so mich selbst zu verraten. Ich hätte schon viel früher auf die Idee kommen sollen, mir schwarze Stulpen zu bestellen…
Von der blauen mit der Aufschrift „Salmix- Salmiakpastillen N“- zur goldenen „Fishermans’s Friend“-Büchse der Pandora wechseln. Ich hatte in der letzten Zeit einen hohen Verschleiß. Unzählige Klingen geöffnet und wieder in ihr Kuvert gesteckt, nicht sicher, ob sie schon komplett verbraucht seien. Erneut Zeit fressen und in der Dose aufräumen. Ich könnte ja auch mit den gut 20 blutbesudelten Stücken wieder eine Art „Kunstinstallation“ machen, sie auf die aktuelle Leinwand kleben. Da sind doch so viele weiße Leerstellen…

11:12
Nun wird es aber endgültig Zeit! Mit der rechten Hand auf den Unterarm klopfen. Gleicht eher einem Akt des Verprügelns. Hoffentlich klingelt es nicht an der Tür. Meinen speziellen Selbstmordordner in die Playlist ziehen. Verdammt! Es ist Mai! Da gehört das dazu!!! Der eine Typ, an dessen Geburtstag sich der Sänger von Linkin Park das Leben genommen hat, hatte seinerseits für den eigenen Selbstmord ebenfalls den Mai gewählt! Meine Oma starb am 23., ich versuchte es am 21. und die kleine Amsel, die damals, als ich selbst ein kleines Mädchen war und im Frühlingsregen unter dem Fliederbusch saß, in meiner Hand ganz langsam dahin siechte und dann ganz wie in Zeitlupe die Augen für immer schloss, eben DIE kleine Amsel, die zum Synonym für mich als kleines Kind, das ich gerade doch selbst noch war, wurde, DEM kleinen Kind, „das irgendjemand seelisch umgebracht hatte“… Das wird wohl auch Mai gewesen sein. Ich hatte das hübsche Kleidchen von der Erstkommunion an. Oder die Feierlichkeiten von jemand anderem, von einer Familie, deren Kind Erstkommunion feierte… Erstkommunion ist doch im Mai?
Es war definitiv Frühling, weit fortgeschrittener Frühling. Der Flieder blühte…

Die Musik läuft. Die nagelneue Rasierklinge zur Hand. Der Schädel voll mit Watte. Wie viel Kontrolle wäre ich unbewusst „unterworfen“, würde die Taubheit auch den Arm erfassen?
Wäre nur nicht alles so kalt, so eiskalt…

Mit derselben Kante beginnen wie gestern schon. Die Haut wie trockenes, rissiges, uraltes Papier. Oder Pergament.
Plötzlich huscht ein Lächeln über meine Lippen… Zögern. Das ist für dich, inneres Kind. Erinnerungen überschwemmen mich, Bilder aus besseren Zeiten. Wie der oft zitierte Film, der vor den Augen eines Sterbenden im letzten Moment vor dem Exitus abläuft…

Doch dann geht der Blick auf die Uhr, 11:31 Uhr, Herzrasen… Warum kann Sebastian nicht wegbleiben? Warum lässt man mich nicht allein?! Warum immer zeitlichen Grenzen unterworfen?

Die Kante ist zu sachte. Und das Blut läuft kalt über den scheinbar noch kälteren Arm… Das Werkzeug umdrehen. Beim achten Schnitt etwas fester, aber die Rasierklinge versinkt nicht. Aufgehalten von einem dichten Maschendrahtzaun aus Narben. Das Blut gerinnt zu schnell. Wieder, immer noch eine Anämie. Ich fantasiere von zumindest dem EINEN Schnitt, wie jedes Mal. Und wie jedes Mal zum Scheitern verdammt?…

Das Kernbeißerweibchen wagt sich endlich ins Restaurant.
Es riecht nach Blut. Ich müsste einmal richtig „ausholen“, nicht schneiden, stattdessen die Klinge ins Fleisch schlagen… Versuche es schnell. Versuche es langsam. Die Haut auseinanderziehen… Lächerlich! Unterm Arm eine kleine, aber dicke Pfütze. Ich denke, ich müsste draußen in der Sonne sitzen, müsste ganz viel getrunken haben, der Körper müsste aufgeheizt sein, und dass jeder weitere Versuch von vornherein zum Scheitern verdammt ist, unter diesen aktuellen Umständen. Die Zeit rennt nebenher. Kommt er früher, kommt er später? Mir nur noch einen letzten Versuch gewähren…

LOS!!!! DU BIST SO EINE ENTTÄUSCHUNG!!!

Aus einem werden vier weitere Schnitte. Aber sie bleiben nicht ernstzunehmende Linien.

Nach einer Überdosis würden sie das im Krankenhaus nicht einmal bemerken!!
HAST DU GEHÖRT, DU WIDERWÄRTIGE SCHLAMPE??!!
Das wäre NIEMANDEM auch nur eine Notiz wert!!

Dabei will ich doch nur, dass es jemand sieht, „die Zeichen erkennt“ und mich endlich erlöst…

WAS BIST DU?!!!! EIN BABY???!!!

Kleinlaut, geläutert, geduckt, beschämt die Rasierklinge in ihr gelbes Kuvert einschlagen. Einen Strumpf überstreifen. Dabei rutscht der halbe Ärmel wieder in die letzten Wunden. Ein Wunder, dass man von außen das Blut nicht durchsickern sieht. Und ich soll jetzt ernsthaft gleich wieder funktionieren? Aber was sonst? Wie solle ich meine Situation nachvollziehbar erklären?
Die linke Hand eine Faust. Die Finger der rechten lassen sich auch nicht mehr strecken. Wie immer hoffen und im guten Glauben, keine sichtbaren Spuren hinterlassen zu haben. Tuch und Klingen wandern zurück in meine ehemalige Lederschultasche. Wagte jemand einen Blick hinein, würde er entsetzt und angewidert zurückschrecken und sich wohl spätestens dann das korrekte Bild meiner Wenigkeit in seinem Kopf zeichnen. Was bin ich schon?

ABSCHAUM!…

Den rechten Zeigefinger in den Mund stecken. Wie auch den Daumen; alles voll mit Blut, um sodann mit dem nassen Finger auch die Flecken vom linken Oberarm auslöschen.
Und draußen schließt die Sonne die Augen, ist fertig mit mir.

https://www.youtube.com/watch?v=wVIXlo845zA

17:31
Ich hielt es neben Sebastian auf dem Sofa nicht aus. Meine Gedanken rutschten ab, ich dachte an die abendliche Sitzung und die Panik strangulierte mich. Wieder und wieder riss sie mich hoch, meine Füße baumelten in der Luft, sodass ich außerstande war etwas anderes zu denken, als DAS ALLES nicht überleben zu können! Ich fühlte mich schuldig, als ich aufstand. Zu allem Überfluss. Irgendwann würde ich sagen, die Zeit mit ihm nicht bewusst wahrgenommen zu haben. Käme zu der schmerzhaften Erkenntnis, dass es nun zu spät ist. Ich weinte; ganz kurz. Dann schluckte ich zwei Betablocker. Einfach nur ein Symptom oder das Kind? Wieder das Gefühl, mir in die Hose zu machen. Blasenskrämpfe.

Ihn mit einer Einkaufsliste losgeschickt. Ich selbst fuhr nach draußen, hinter mir versteckt einen kleinen Frotteefetzen, in meiner Bauchtasche die Rasierklingendose und ein Skalpell ebenfalls im Gepäck. Ich stand mit dem Rollstuhl bereits vor dem Wannenteich unterm Hollerbusch, hatte Stulpe und Verbandstrumpf abgestreift, als er plötzlich wieder zurück kam. Ich erkenne unser Auto am Motorengeräusch und erst recht an Sebastians Fahrstil. Was nicht heißen soll, dass er rast. Hastig stülpte ich zumindest den schwarzen Schlauch wieder über und tat so, als würde ich den Teich beobachten.

Er hatte ein Formular für den Hausarzt vergessen, das ich ausfüllen hatte müssen. Dann war er wieder weg, ich sah auf die Uhr, berechnete einen realistischen Zeitrahmen, zog das Skalpell aus seiner Plastikfolie und begann zu schneiden… Quer über die zuvor entstandenen Reihen.
Also das ist des Rätsels Lösung!! Diesen vermaledeite dreckigen Körper ausgetrickst!! Was hat er gemacht? Versucht, den von mir verursachten Schaden zu heilen. Hatte die Durchblutung im Unterarm verstärkt, angeheizt.

Und genau dieser Umstand kam mir zugute! Die Schnitte waren sicherlich nicht tief. Nicht tiefer als jene zuvor. Insgesamt zwölf lange Schnitte. Der 13. entstand aus Versehen, als ich das Blut mit einer doch noch scharfen Klinge vom Arm schabte und mir dabei ins Handgelenk geschnitten habe. Ich blutete in den Teich. Minute um Minute. Wie eine abgestochene Sau…

Was du ja eben auch BIST!! UND NICHTS ANDERES!!!

Und blutete und blutete und blutete…

Nach 20 Minuten den Stofffetzen auf den Boden geworfen, nun die Suppe darauf tropfen lassen. Und es blutete und blutete und blutete. Heiß lief mein Leben die weiße, kalte Haut hinab. Verklumpte zwischen meinen verkrampften Fingern. Ließ sich aber nicht aufhalten. Blutete und blutete und blutete.
Die Socken, die Hose, den Rollstuhl, den Asphalt, das helle Blech vom Teich mit meiner Schuld vollgespritzt.
So wurden es wohl 30 Minuten, eine halbe Stunde. Notdürftig drehte ich das nasse Laub auf dem Boden um, auf dem ich Spuren hinterlassen hatte. Fuhr zurück ins Haus, im Spiegel mein Gesicht vermeintlich blass. Gut 10 Minuten am Waschbecken meine Hände und den Lappen so gut es ging gewaschen, um letzteren dann in die Waschmaschine zu stecken. Zum krönenden Abschluss wieder alles vertuscht, die Armstulpe mein treuer Verbündeter.

Pünktlich. Er kam gerade zurück und ich gab mich völlig normal. Es donnerte und begann zu regnen; den ganzen Computerkrempel wieder ins Haus geschleppt, mit seiner tatkräftigen Hilfe. Und jetzt, da nur noch 3 Minuten bis zur Sitzung bleiben, erneut das Gefühl, jemand drücke mir die Kehle zu. Weg der Rausch von den Tabletten, erst recht die Betäubung vom Blutverlust. Wieder die blaue Dose holen. 2,3 mg Morphium.

Am Schluss: Morgens per Zufall gelesen, dass eine Überdosis mit Lioresal sehr häufig letal ausgeht. Gerade das Medikament, von dem die Ärzte nichts wussten und sich wunderten, warum die Antagonisten nicht anschlugen.
Dem Tod doch näher gewesen als gedacht? Stolz drauf?…

20:24
Im schwindenden Licht sitzt der Kuckuck oben am Waldrand und ruft. Die Sitzung war… so schmerzhaft.

Die Panik als Ritterrüstung inneren Kindes, in schwarz-weiß und voller Zorn auf mich. Weil ich unser beider Versprechen nicht eingehalten habe. Mich (uns) mit 18 nicht umgebracht. Nein, es sogar noch schlimmer gemacht! Sebastian kennengelernt und so getan, als könne ich ein sexuelles Wesen sein!! Und das Kind damit erst recht ein weiteres Mal verraten!!

Markus platzierte dieses in dem Bild, mit dem wir arbeiteten, an meinen Maltisch. Mir vis-a-vis. Er saß rechts am Kopfende, Rumpelstilzchen auf der anderen Seite. Hasstiraden wurden hin und her geschickt, mir wieder und wieder klargemacht, ich müsse mich zum Wohle aller umbringen… Weil ich doch so ein schlechter Mensch sei, eine Gefahr für das Kind, das Kind hätte vor mir…

Ehe sich einige Veränderungen auftaten.
Ganz ehrlich? Gleich zu Beginn ließ mich die Panik am kurzen Strick in der Luft baumeln, verzweifelt nach Luft ringend. Und ich teilte meinem Psychoanalytiker mit: „Mir ist gerade danach, unverzüglich aufzulegen!“. Mich zu drücken. Zu flüchten. Wegzulaufen… Weg vor der Angst, der Wahrheit, dem Ungemach, direkt hinein in den nächsten Rausch, die nächste Betäubung, unverzüglich hinein in den Tod.

Um mich kurz zu halten. Das innere Kind hasst mich, verabscheut mich. Aber ich keinen Deut besser. Und am Schluss der Therapie saß das Kind in seiner Erdhöhle mit den Spielzeugpferdchen. Geschrumpft, um darin Platz zu finden und sich verschanzen zu können, und die Pferde zum Leben erwacht. In der Höhle war es vermeintlich sicher… Wie ich es immer wieder zu Kinderzeiten gespielt habe. Um die Höhle herum nun ein Stacheldrahtzaun. Die Panik als Stacheldrahtzaun. Eine Art Prüfung. Das Kind, so schien es mir, erwartet, dass ich mich in den Zaun stürze und dort verharre, dem Schmerz zum Trotz, den schrecklichen Ängsten zum Trotz… Um ihm zu beweisen, stark genug zu sein, gemeinsam mit ihm die Erinnerungen aufzudecken, gemeinsam mit ihm diesen schwierigen Pfad zu beschreiten. Ohne es weiterhin eine Hure zu schimpfen. Es als Kind wahrzunehmen. Ein Kind, das nichts dafür kann, was ihm widerfahren ist.

Während der Sitzung zusätzlich mindestens 20 Tropfen Tramal eingeworfen. Vielleicht waren es auch mehr, ich weiß es nicht.
Die Fragestellung, wie soll ich mit der Angst umgehen… Ich wünschte, und das teilte ich ihm auch mit, mich dann jedes Mal an den Zeichenblock setzen zu können und ohne nachzudenken vor mich hin zu kritzeln. Intuitiv das Unterbewusstsein seine Sprache finden lassen… ABER…

Er wiederum meinte, ich könne die „Bilder“, die ich nicht zeichnen oder malen kann, weil die Hände gelähmt sind, auch im Tagebuch mit Worten entstehen lassen.

Hoffnung?
Meine Augen verdrehen sich, machen einen Knoten. Ich habe ganz seltsame Schmerzen, ein seltsames Gefühl. Nicht unbedingt im Gedärm, aber darüber, und unterhalb vom Magen. Es brennt, es drückt und breitet sich nach rechts aus, in Brust und schlussendlich Oberarm. Die Augen verdrehen sich, kein Licht an und ich könnte unverzüglich einschlafen. Die Reste vom Tee trinken.
Nahtlos an das Gespräch Sebastian zu mir ins Wohnzimmer zitiert, gebeten, ihn angefleht, mit lediglich einer Bitte: „Bitte!! Halte mich einfach für einen Moment ganz fest!!!“.

Da sehe ich mich als Kind in einer Erinnerung, es sieht aus wie eine Bildspur im Videoprogramm, aber die Untertitel verändern sich plötzlich…

Im Wachzustand zu träumen beginnen. Jedes Mal, wenn sich meine Augen beim Blinzeln länger schließen als gewollt, und selbst dann, wenn ich verzweifelt versuche sie aufzuhalten. Ich bin fertig. Fertig mit diesem Tag. Fertig mit der „Scheiße“? Morgen alles anders machen? Es zumindest versuchen? Und tatsächlich Urlaub vom Bild nehmen?

Mich verunsichert fühlen und irgendwie bekomme ich gerade einen Schweißausbruch. Doch darüber nachzudenken, tritt die nächste Angstlawine los…

Mir selbst einreden, in mich hinein sprechen: „Inneres Kind, ich nehme deine Ängste wahr. Ich habe dieselben Ängste. Aber gemeinsam ist man standhafter, dem Paniksturm ausgesetzt, als allein dagegen anzukämpfen oder schlimmstenfalls aufzugeben!! Ich möchte versuchen, dich zu verstehen! Ich möchte für dich die Erwachsene sein. Keine Schlampe, wie auch du keine Nutte sein kannst! Dich schützen…“.

Rumpelstilzchen sagt, das sei alles esoterische Kacke! Aber angestrengt versuchen, nicht darüber nachzudenken. Nicht jetzt, nicht mehr heute… Für heute war es eindeutig genug. Ich kann und ich will nicht mehr, und draußen beginnt es zu regnen…

Alles ist in Ordnung. Die Welt geht nicht unter. Alle leben. Keiner tut mir etwas an. Das Kind sicher in der Höhle. Am warmen Lagerfeuer, zusammen mit den Pferden. Während draußen der Regen stärker und stärker wird… Will nur noch aufs Sofa, etwas essen und Sebastians Hand halten.

2013-06-29-schnappschuss

25. April 2018, Mittwoch „Schlaglöcher im Lebensweg“

8:37
Wie kann es nur schon so spät sein? Angestrengt versuche ich mit einem Feuchttuch für einigermaßen klare Sicht zu sorgen. Die Gläser der alten Brille flächendeckend zerkratzt.
Der Lichteinfall erinnert mich an die Sommersportwoche, erste Klasse Gymnasium. Schwer schlucken. Tief Luft holen. Der Versuch, eine Strategie zu etablieren. 59,2 Kilo um 6:45 Uhr, 37,7°C, zur Morgendosis zusätzlich ein Buscopan, da die Blase trotz Spasmolyt immer noch zu Beschwerden aufgelegt ist, und des weiteren ein Mexalen. Augenblicklich noch unklar, ob ich dem Bild eine Chance einräume oder nicht. Beide Hände zu Fäusten geballt, die Rechte brilliert bereits mit Fehlleistungen an der Maus. Am Vogelrestaurant ein Kohlmeisenpärchen. Das Männchen holt einen Sonnenblumenkern oder eine Haferflocke, hüpft auf den Ast 10 cm über ihm, wo das Weibchen wartet, und drückt ihr die Leckerei liebevoll in den Schnabel, woraufhin sie diese unverzüglich verputzt. In meinem Hirn, zwischen Watte und schwarzen Löchern (das ausgesprochen folgt die nächste Angstattacke) angestrengt versuchen, Alternativen auszudenken. Die Videoclips müssten weiter katalogisiert werden. Und natürlich, jetzt mit dem Panikgalgen um den Hals sind alle anderen Möglichkeiten außer Sicht geraten.

BITTE, ruf endlich in dieser neuen Klinik in Graz an!“.
Es folgt eine Schweigephase… Die Hand klimpert. So gut wie gar nicht geschlafen; war gestern Vollmond?! Ich war doch so müde! Erst lagen 500 Kilo Panik auf mir. Dann kamen die Schmerzen, weil ich mich nicht umdrehen konnte. Wie oft musste ich Sebastian aufwecken, wie oft habe ich mich entschuldigt und wie oft hat er gesagt, ich soll mit dem Schwachsinn aufhören? Meine Beine einer Leichenstarre anheimgefallen. Und von wegen „Streckspasmus ist weniger unangenehm oder schmerzhaft als Beugespasmen“… Der rechte Fuß verkrampfte sich, wie Otto Normalbürger es vielleicht beim Sport bei Magnesiummangel kennt. Aber besagter Otto Normalbürger macht dann Dehnungsübungen, schnappt sich die Fussschaufel und drückt sie gegen die Streckung. Ich lag da wie auf der Folterbank! Nur mit dem bequemen Umstand für den Folterknecht, mich nicht fesseln zu müssen. Der Körper fesselte mich, fesselte sich selbst. Es wurde Mitternacht, es wurde 1:00 Uhr, 2:00 Uhr, 3:00 Uhr… Und alles, was auf 3:00 Uhr bis zu 4:00 Uhr folgte, nahm kein Ende! Scheinbar sah ich minütlich auf diesen beschissenen Radiowecker mit seinen bedrohlich rot leuchtenden Zahlen! Ich schluckte ein halbes Gewacalm. 1,3 mg Hydal. Ein ganzes Gewacalm. 2,6 mg Hydal. Aber ich konnte nicht schlafen. Erst war es unmöglich, mich auf die Seite zu drehen. Endlich geschafft, schmerzten alle Stellen, auf denen ich lag, als würde ich 200 Kilo wiegen!

Nebenher wird es 8:57 Uhr; wie’s aussieht, habe ich das Malen bereits gedanklich quittiert.

Dann war es unmöglich, mich auf den Rücken zu drehen, beide Beine dermaßen steif aneinandergepresst, ineinander verwickelt… Musste ich ihn doch ernsthaft bitten, aufzustehen, ich sah nur noch die eine Möglichkeit, mich aus dem Bett zu zerren und neu hinein zu klettern! Dann hielt ich es auf dem Rücken nicht aus. Ich sah mich in meiner, und ich hoffe, es sei mir erlaubt, das zu sagen, MISSLICHEN Lage, Tränen flossen nach innen und so teilte ich eben auch ihm mit, dass wir uns besser nicht kennen lernen hätten sollen. Dass ich augenblicklich keinen anderen Weg mehr für mich sehe als den Tod!!!

Erstaunlich, wie wach ich bin. Die Hand zählt für mich weiter bis 4. Ich versuchte es mit Affirmationen: „Auch wenn jetzt jemandem aus meiner Familie etwas passiert, jemand stirbt, die Vögel werden weiter zwitschern, der Himmel wird nicht auf uns herab stürzen, es werden sich keine schwarzen Löcher in der Landschaft auftun!“. Oder rezitierte irgendwelche dümmlichen Schlager.

Aber was mache ich jetzt? Einen Abschuss wagen? Temesta und Morphium?
Markus schrieb mir gestern, ich solle mir „nicht-selektive Betablocker“ vom Hausarzt verschreiben lassen: „Einen Versuch ist es wert!“. Das wiederum erinnert mich schmerzlich daran, wie viele Dinge noch zu organisieren und zu erledigen sind, was zwangsläufig zur Überforderung führt, um schlussendlich in Panik zu münden.

War es nun ernsthaft wichtig, diesen ganzen Mist aufzuschreiben, als mich mit den Handschwingen der Dohle auseinanderzusetzen? Schon so manches Mal gestaltete es sich als schwierig, grenzwertig, Symbole für „den Täter“ zu malen. Aber das aktuell darf ohne Übertreibung als zähe Angelegenheit bezeichnet werden.

Kurz schweift mein Gedanke ab, wieder zur Nacht, gefolgt von einer weiteren Panikklatsche!
Meine Halswirbelsäule fühlt sich an, als hingen die einzelnen Wirbel lose an einem hauchzarten, porösen Schnürchen. Panik. Die Vögel zwitschern, draußen, aber auch hier drinnen alles friedlich und ruhig. Nur nicht IN mir. Den Faden verlieren. Was mache ich jetzt? Klimpern… Dafür sollte ich einen Nobelpreis verliehen bekommen (Ironie aus). Kann nicht mehr denken. All die Ideen von zuvor haben sich aufgelöst. Der beim Frühstück noch strukturierte Tagesbeginn wird jetzt zu Grabe getragen. Die Blase, die Bauchdecke schmerzen immer noch. Die Eintrittspforte nässt. Mir ist viel zu heiß, aber es ohne Heizdecke am Rücken auf dem Rollstuhl überhaupt nicht aushalten. Was will ich, was wollte ich?

ENDLICH, denn nun ist es bereits 9:15 Uhr, den Tee austrinken, den Darmschmeichler runterwürgen, ein zweites Mal zum Sofatischchen rollen, um meine Drogen zu holen. Und tief einatmen und noch tiefer ausatmen, um dabei zu visualisieren, mit jedem Luftausstoß ein Scheibchen der Angst wie bei einem Brotlaib abzuschneiden und auszuspucken.

Da fällt mir ein, der Traum fehlt noch. Es ging mir sehr, sehr schlecht (was für ein Zufall), ich war bei der Reha, gleichzeitig in einem Krankenhaus, ner Psychiatrie und alles spielte sich im Gasthaus ab. Meine Mutter wollte unbedingt das Gleiche haben wie ich. Also tat sie so, als sei auch sie schwer krank. Rannte mir ständig nach, um mich nachzuahmen, und sich schlussendlich sodann in den Vordergrund zu drängen. Es endete nicht gut für sie… Wieder einmal habe ich sie verprügelt, brutal geohrfeigt.

Es bleibt die Frage: Vielleicht kann sie gar nichts dafür, es waren andere Umstände, Missstände, warum ich sie dermaßen internalisiert habe? Und so beinahe schon krankhaft versuche, sie wie den Teufel höchstpersönlich aus mir auszutreiben…

Hör dir doch mal zu!!
DU BIST TOTAL KRANK, GESTÖRT!!!

Meine letzte Hoffnung, meine Heilsbringer holen und dann in einer halben Stunde wissen, ob sie zu etwas taugen oder nicht… Dabei tut mir wieder alles leid. Was ich mehr oder minder öffentlich ausspreche. Das Bild, das ich von meiner Mutter vermittle. Und sowieso und überhaupt, und am besten wäre ich tot, um die Welt nicht mehr mit mir zu belasten!!!

Panik…

9:43
Immer noch nicht weiter. Bis auf das Organisieren vom Taxi für die nächsten beiden Termine. Und nicht zu vergessen die Einnahme der Tabletten. Allmählich fallen mir wieder all die Alternativen ein. Aber was helfen sie mir, wenn ich nach einer Sache doch unfähig bin, noch irgendetwas in Angriff zu nehmen?

Ich wollte/könnte Musik machen.
Mich durch die Videoclips kämpfen.
An dieser Stelle beginnt erneut der Erinnerungsfraß…
Den Comic fürs Video machen.
Aus einem anderen Comic eine Animation machen.
Mit dem inneren Monolog von 1999 oder so einen Kurzfilm machen.
Eine Naturdoku basteln.
Neue Musik bei Freemusic akquirieren.

Aber für all diese Projekte brauche ich meine Hände! Panik. Völlige Blockade. Dabei könnte ich gerade nicht einmal behaupten, schlimmstenfalls zu schlafen. Hinaus zu fahren darf ich mir ebenfalls nicht erlauben.

Für einen Augenblick geht die Hand zur Kamera, draußen ein Feldsperling am Balzen. Aber die Fensterscheiben total dreckig, der Fokus bleibt an den dreckigen Wasserflecken hängen. Noch einmal und sicherlich nicht das letzte Mal für heute GANZ TIEF LUFT HOLEN, eine belanglose Fernsehsendung anwerfen und zum Pinsel greifen. Die Schrift im Kalender gerade eben sah ja nicht so schlecht aus…

Warum zum Henker schreibst du das auf?!!!
SELBSTVERLIEBTE, FETTE SCHLAMPE!!!

10:44
Die Panik hört und hört nicht auf. Es fühlt sich beinahe an wie Sodbrennen, wie ein Magengeschwür, dieser Druck im Bauch, die Schlinge um den Hals. Auffällig dabei lediglich Herzrasen und Atemnot. Ich bin so kurz davor, auch noch Psychopax oben drauf zu schmeißen. Dabei… Obwohl mir die entschleunigte Sprechweise, der gedämpfte Tonfall, beinahe zu flüstern, sagen möchten, da wirkt bereits etwas. Jetzt müsste ich mich nicht einmal dazu zwingen, zu schlafen. Die Augen fallen zu. Aber was ist das für ein Saboteur in mir, der ein Schläfchen mit dem Scheitern des ganzen Tages in einen Topf wirft?

Erinnerungen an diese Jahreszeit. Was war ich als Kind immer froh, wenn die großen Festivitäten endlich und vorerst abgeschlossen waren? Das Aufstellen vom Maibaum jedes Jahr. Und was es da nicht noch für Fressgelage abzuhalten gab. Egal, was ich versuche mir einzureden. Egal, wohingehen meine Ablenkungen zielen. Alles vergebene Liebesmühe. Und wieder und wieder, wie auch in meinen Träumen wieder und wieder sehe ich mich den Waldweg hinuntergehen zu dieser Zweigstelle. Nimmt man den Weg links oder jenen rechts? Wohin soll die Reise gehen?

Die Augen fallen zu. Schlafen… PANIK!!!! Lebenszeit vergeuden!!! Ist das hier nun tatsächlich von der Intensität her besorgniserregender als vor einem Jahr? Es ist so dämlich, ich vermag ja nichts zu machen, aber beim Versuch, mich damit darüber zu arrangieren, dass es eben aktuell so sei, wird als Versagen angerechnet! Dass ich den Verlust von Fähigkeiten, von Muskeln und Kraft gleichgültig auf die Schulter nehme! Mit dieser scharfen Anklage werde ich konfrontiert, der Mund zugeklebt, kann und darf dazu keine Stellung beziehen. Alles, was ich sage, ist von vornherein FALSCH. Weil ich ja regelrecht GLÜCKLICH darüber bin, eine faule Ausrede dafür zu haben, nicht trainieren zu müssen. Was für ein faules Schwein. Beste Grundlagenarbeit für einen alsbaldigen Suizid.

Nichtsdestotrotz… Gleich sind es 60 Minuten am Bild, abschließen, Kissen auf den Tisch und auf Schlaf hoffen, der mich aus dieser perversen Angstmaschinerie zumindest für eine halbe Stunde entfliehen lässt. Sonst drehe ich durch. Dabei, und das darf nicht unerwähnt bleiben, wird der Gedanke, mich notfalls in die Psychiatrie einweisen zu lassen, GERADE EBEN BEI DIESEN WETTERBEDINGUNGEN, als Schuldeingeständnis angesehen! Mir wird die große Uhr direkt vor die Visage gehalten, mit Fingerzeig auf jede einzelne Sekunde, die dort verstreichen wird! Was ich alles verpasse, die ganzen Veränderungen in der Natur, es könnte ja das letzte Mal sein, usw. und so fort. Einem Verbrechen gleich!!!

Erschieß dich doch gleich!!
Als ob du es in diesem Knast aushalten würdest!!!

Ich denke, Abbitte leisten zu müssen. Ein paar Schnitte, sozusagen als Eintrittskarte, Initiationsritus, um den Schlaf wert zu sein, die Bezahlung für ein paar Minuten Frieden. Denn „verdient“ habe ich den Schlaf nicht!! Nicht einmal durch den Umstand, nachts vielleicht lediglich ein oder zwei Stunden geschafft zu haben. Werde ich jetzt richtig verrückt?

Noch nicht einmal Zähne geputzt, nicht den Frischkäse zurück in den Kühlschrank geräumt, nicht das Gesicht gewaschen und ich bekomme eine vage Vorstellung davon, wie so eine Faule-Sau-Visage aussehen muss. Schlussendlich werfe ich mir ALLES vor! Denn schlussendlich mache ich alles falsch!!

Der nahende Todestag meiner Oma, die seltsame Zeit damals hinterher, die Zeit vor den letzten Sommerferien, bzw. 3/4 davon, die ich noch nicht als „KRANK“ abgestempelt war. Die Erinnerungen produzieren Panik. Mir wird schlecht. Von der Rasierklinge und erst recht von mir nicht viel erwarten. Den Schmerz erforschen, jede einzelne Kante kennenlernen. Bin ich gerade so tief drin in dieser Scheiße, dass es nur noch Einweisung oder Suizid als Menüauswahl zu geben scheint?

Fünf Schnitte. Das Werkzeug ist hinüber. Bluten will es ohnehin nicht. Schmetterlinge flattern draußen über die Terrasse, aber ich sehe bereits den Herbst, das beginnende Sterben, ein Jahr älter, dann eben offiziell!
JEDES BESCHISSENE AUTO, welches unten an der Straße vorbeifährt, bringt eine nagelneue, erfrischende Brise Panik mit sich. Immer oben drauf, eine Schippe nach der anderen!! Neuen Kratzer, die Haut vertrocknet, wie Gummi. Wäre ja auch zu schön um wahr zu sein gewesen, meine „Lieblingszahl“ die 4 in die Haut zu meißeln und dann meine Augen schließen zu dürfen.
Unterdes aufgehört mitzuzählen. Ich hätte vielleicht doch ins Bad fahren sollen, meine Zähne putzen, den Arm mit Wasser etwas aufweichen, geschmeidiger machen. Aber die Blockade, die mich soeben hier an Ort und Stelle kettet, hätte es so oder so unmöglich gemacht…

DU ARMES, ARMES, BEDAUERNSWERTES OPFER!!!
Stirb endlich!!!

Den Verschleiß noch an die Spitze treiben. Das neue Werkzeug wird mir den Kontakt mit dieser abgefuckten Haut sehr übel nehmen. Aber ich muss mir meine Sporen verdienen, im übertragenen Sinne, um dann wenigstens vielleicht noch eine halbe Stunde vor der Angst in den Schlaf flüchten zu dürfen!

Die Wunde lässt sich auseinanderziehen, ein bisschen, aber das auf der Armunterseite ist wirklich nur FETT und SPECK!! Der nächste Schnitt zu zaghaft. Einen einzigen wütenden, unkontrollierten Schnitt…

Selbstverstümmelung, ohne es dabei ernst zu nehmen, ist kein Wunschkonzert!“. Das Blut eiskalt. Nochmals und nochmals… Den winzigen Tropfen Blut von der Kante wischen. 20? 30? Ich erkenne keine Zukunft mehr. Die Panik in Zusammenspiel mit den Sperenzchen von MS und vermutlich Sinusitis haben mir das Genick gebrochen. Mit ziemlicher Wahrscheinlichkeit hat Sebastian mittlerweile Angst nach Hause zu kommen. Entwickelt seinerseits ein Magengeschwür, nicht wissend, auf welche Situation er in seinem Heim stoßen wird müssen. Es tut mir leid die Verbandstrümpfe vom Krankenhaus, diese kurzen Dinger mit einem Loch für den Daumen, die eigentlich viel zu weit waren und nur dem einen Zweck dienten, unter sich einen Venenzugang sicher zu beherbergen, taugen einen Scheißdreck! So wird es 11:42 und immer fraglicher, ob ich überhaupt zum Schlafen kommen werde; um 18:00 Uhr Therapie mit Markus. Die rechte Hand besudelt mit Blut. Ein Kissen holen…

17:58
2 Minuten noch. Mittags in Sebastians Gegenwart einen Nervenzusammenbruch gehabt. Er bat mich eindringlich, die psychosomatische Klinik anzurufen. Ließ mir anschließend von ihm 20 Tropfen Psychopax in den Mund träufeln. Davon habe ich wenigstens geschlafen… Aber jetzt geht es mir wieder beschissen. Kein Ausweg, keine Rettung, alles vorbei…?

24. März 2018, Samstag „Tief in meiner Psyche…“

9:37
61,3 Kilo um 9:00 Uhr. Meinem Körper ist scheißegal, wie viel oder wie wenig ich esse. Aber dabei handelt es sich ja schlussendlich um ein viel zu oft erwähntes Dauerproblem.

Zu gestern: Ganz harmlos fing die Sitzung an, man hat sich mit Medikamenten auseinandergesetzt, über Alternativen nachgedacht und kam schlussendlich nur noch zu einem Ergebnis, seitens Markus: „Betablocker… Die könnten gegen das gefühlte Herzrasen helfen. Fraglich nur, wie sie sich mit den Antidepressiva und den Opiaten vertragen. Und wer sie dir verschreiben wird.“.
Ich erwähnte während dieser ersten halben Stunde immer wieder, welche Worte und Gedanken gerade Panikhiebe austeilen würden. Dann sprach Markus von einem Kreislauf, in dem ich mich befinde… Von da an ging es abwärts! „Ich sehe keinen Kreislauf, das ist eine Spirale…“.
Die Zusammenfassung: Ich sah mich als ein weißes Waschbecken. In diesem eine Flüssigkeit, die Lebenszeit. Da für ein Kind die Zeit langsamer verläuft sind die äußeren Kreise auch viel langsamer, weil auch größer und von der Warte des Kindes aus erscheint der Abfluss unendlich weit weg. Markus fragte mich, wie so ein Waschbecken bei normalen Menschen, denen es nicht so ginge wie mir, aussehen könnte. „Die sitzen als kleines Figürchen am Rand ihres Waschbeckens, halten ihre nackten Füße in die Lebensflüssigkeit, erfreuen sich über den Sonnenschein, manchmal regnet es, dann sind sie auch traurig, senken den Kopf und werden sich der Lebenszeit unter ihnen bewusst, aber dann kommt die Sonne wieder raus und sie genießen den Moment, den Augenblick, wie gut die Sonne auf der Haut tut…“. Ab dem Wort „Kreislauf“ war ich bereits in Tränen ausgebrochen. Erst recht bei der thematisierten Erkenntnis, keine Sekunde meines Daseins wirklich voll und ganz genießen zu dürfen. In meiner Flüssigkeit, in den Ringen näher am Abfluss, treiben Sebastian, meine Mutter, mein Vater, mein Bruder… Und warum sehe ich das so genau? Weil MICH jemand als kleines Kind vom Rand meines „Lebens-Waschbecken“ geschubst hat, hinein in diesen Strudel. Und da die kleine dreckige Kinderhure beschmutzt wurde, verseuchte sie die ganze Lebensflüssigkeit, diese wurde schwarz und umso besser kann ich jetzt die immer schneller werdenden Kreise gen Abgrund der anderen sehen. Er fragte mich, was passieren würde, würde er seine Hände in diese Flüssigkeit eintauchen. „Deine Hände würden depressiv werden…“. Darauf er: „Wie sehen depressive Hände aus?“. Sie lassen den Kopf hängen, sie lassen alles hängen, sie bewegen sich nicht mehr, sind unfähig… Und siehe da! Schon waren wir bei der MS, bei den Lähmungen. Wir sprachen über meine eigene Angst vor dem Tod. Und mit viel Schluchzen kam ich wieder zu der Aussage: „Dieser dunkle, schwarze Abfluss… Der ist so beängstigend und außerdem wird da wieder etwas mit einem gemacht, ohne dass man es beeinflussen kann. Darum erscheint es leichter, das Waschbecken zu zerstören, es geht zu Bruch, die Lebensflüssigkeit landet auf dem Boden, der Kreislauf endet und all das fühlt sich so befreiend an… Daher aus Angst vor dem Tod der Gedanke, ihm den Suizid vorzuziehen. Um mich nicht EIN ZWEITES MAL UMBRINGEN ZU LASSEN, von einem anderen!!! Ich bin ja schon tot! Wie ich da in dieser schwarzen, zähen Suppe herumgewirbelt werde! In meiner Panik immer wieder mit dem Kopf unter Wasser gerate und keine Luft mehr bekomme, nichts mehr sehen kann…“. Mit meinem Selbstmordversuch ist im Waschbecken, im Porzellan ein Riss entstanden. Und jedes Mal wenn besagte Personen oder eben die Eckdaten des Jahres (Ostern, Geburtstag meiner Mutter, Geburtstag meines Vaters, mein beschissener Geburtstag, gefolgt von Sebastians, gefolgt von Weihnachten und Silvester, die alle mit dem Bedürfnis, der Fragerei, dem Fordern zwischen den Zeilen der Familie verknüpft sind, mich endlich wieder zu sehen, zu haben, zu besitzen) nun eben an diesem Riss vorbeiziehen, wird die Sehnsucht nach dem selbst gewählten Tod so unglaublich laut. Es wäre doch ein Einfaches, den Riss ausweiten zu lassen. Mit mehreren Versuchen und am Ende bestenfalls wenn aus Versuch ein abschließendes Ergebnis resultiert.

Endaussage: Ich wurde als Kind zerstört. Zumindest das scheint nun allmählich in Stein gemeißelt. Ich kann mich als Kind nicht selbst dreckig gemacht haben. Mich selbst bis in die kleinste Pore besudelt haben!!

Als wir weiter sprachen, sah ich in mir plötzlich ein Bild: Ich stehe als kleines Kind auf dem Parkplatz hinter dem Gasthaus, vor den Garagen und unter dem großen Essigbaum. Markus wollte wissen, was ich sehe, wenn ich hinunter gucke. Vermeintlich/gefühlt trug ich einen Jogginganzug, eben etwas, das man beim Spielen schmutzig machen konnte, rote Sandalen ohne Socken. Da lagen Blätter. Altweibersommer. Wie zu meinem Geburtstag. Ich sollte ihm sagen, wie es sich anfühlt: „Ginge ich nach links, käme ich ins Gasthaus. Gerade aus in die Garage. Entweder zu meiner Mutter oder auf dem anderen Weg zu meinem Vater. Aber hinter meinem Rücken ist die Straße. Nach rechts geht sie den Hügel hoch und man kann vom Gasthaus und erst recht von der Küche aus mich den Kilometer bis zur Kurve um den Hügel flüchten sehen. Einfacher wäre es die Straße runter, 100 m Bundesstraße, den Berg hoch und nach Hause! Das würde keiner sehen! Und alles in mir will flüchten, will wegrennen! Aber ich kann nicht!!!“. Ich stehe da wie eine Statue, in den Asphalt gegossen. Er fragte mich, was dieser große Baum wohl gesehen hat, wenn ich darunter gespielt habe. „Dieser hat wohl als Einziger beobachtet, wie ich immer wieder in der Schräge der Wiese unter ihm ein kleines Loch gegraben habe, meine Kunststofftierchen beinahe am Erfrieren waren und dann glücklicherweise diese Höhle fanden, mit Lagerfeuer, keine Gefahr mehr, sie waren sicher, ihr Leben war gerettet. Und das habe ich wieder und wieder und wieder gespielt…“, um wahrscheinlich mich selbst zu retten, wäre ich eines dieser Pferdchen gewesen. Wieder brach ich in Tränen aus…

13:13
Es gab Frühstück und ich war 1 Stunde lang spazieren. Um vielleicht 300 m zu schaffen? Jetzt ist wieder das linke Bein schlechter als das rechte.

Die Imaginationsübung ging weiter. Was für ein Pferd wäre ich gerne gewesen, fragte er mich, nachdem sich klar offenbart hatte, dass ich versuchte mich selbst in diesen Spielzeugpferdchen unaufhörlich in Sicherheit zu bringen. Erst fragte ich, ob es egal ist, dass die Entscheidung von späteren Erfahrungen beeinflusst ist, was er bejahte. „Ich wäre ein Isländer… Immer draußen, wilde Mähne, hat mehrere Tanzschritte drauf, robust, wild und frei, eigenständig…“. Daraufhin fragte er mich, wo wir beide mit den Isländern hin reiten würden.
Das Ergebnis wieder in einer Kurzfassung: Hier über das gesamte Hügelland, bis runter in die ungarische Ebene, durch die Wälder, über Wiesen… Aber nicht auf ein Ziel hin. Ich wollte nirgendwohin. Ich wollte hierbleiben. Hier im sanften Vulkanland. Die Berge würde ich nicht mögen, sagte ich. Ich war kurz davor, die Assoziation selbst auszusprechen, aber er tat es: „Diese spitz nach oben gereckten Steine haben auch irgendwie etwas von einem Phallus… Oder nicht?“. Ich beschrieb es so, dass man an den Bergen die Naturgewalten sieht, als hätte es damals zu „Mutter Natur“ auch noch etwas Männliches gegeben, gewaltige Kräfte prallten da ohne Rücksicht auf Verluste aufeinander… Insofern würden mir Berge Unwohlsein bescheren. Aber das Hügelland hier, das hat etwas Weibliches. Wie eine weibliche Silhouette und für mich ist die Natur definitiv weiblich, eine Mutterfigur, die beschützt. Wir „ritten“ weiter, aus Herbst wurde Winter und wir fanden eine Höhle, in der wir alle Platz hatten und natürlich ein Lagerfeuer. Interessante Assoziationen zu dieser Aussage: Es ist eine natürliche Höhle, kein Haus, kein Stall, den wir gesucht haben. Die Öffnung kann ruhig offen bleiben, in der Naturhöhle ist man sicher.
So unterhielten wir uns auch über Tag und Nacht, über die unterschiedlichen Qualitäten von Dunkelheit, die ich relativ klar zu unterscheiden wusste. Auch wenn er fragte, ob uns da draußen im Wald in der Höhle nicht irgendeine Gefahr lauern würde. Mein Gefühl sagte mir einfach, in der Natur bin ich sicher, draußen bin ich sicher. Und selbst wenn die Nacht noch so dunkel sein sollte, etwas Restlicht bleibt immer. Darauf bezog er sich auf meine Ängste, die in mir entstehen, wenn ich daran denke, dass der Himmel eigentlich nicht blau ist und es dahinter unendlich weitergeht und man eigentlich noch nichts weiß. „Draußen ist der Sonnenaufgang schön und auch der Sonnenuntergang schön. Im Haus und erst recht in den zurückliegenden Jahren wird die Sonne morgens eher als Verräter verstanden, weil sie abends wieder verschwindet, mich im Stich lässt, den Tod meiner Mutter androht… Und in der Dunkelheit der Nacht eigentlich eben auch meinen Eigenen.“. In der Nacht sind da die Sterne und der Mond und es hat nichts Bedrohliches an sich. Das sind wie Fixpunkte, an denen man sich festhalten kann. Aber im großen weiten All, wo keine Sonne ist, können auch keine Sterne leuchten… Also diese Qualität von Dunkelheit meine ich, die dieselbe ist wie in einem dunklen Raum. Es wird in einer finsteren Nacht draußen nie so finster sein wie in einem abgedunkelten Zimmer!! DAS ist die Dunkelheit, die von Menschen gemachte Dunkelheit!! Darum wohnt die Panik nicht draußen in der Natur, sie wohnt hier, hier im Haus… Und erst recht in meiner Vergangenheit, von der sie zehrt, und in diesem beschissenen Gasthaus!!

Ich glaube, das fasst im Groben die gestrigen 150 Minuten zusammen, die mich an manchen Stellen fast dazu getrieben hätten, während des Gesprächs meine Arme aufzuschneiden… Der Schmerz war so unerträglich. Und dennoch weiß ich, erst einen scheuen Blick in dieses Grauen erheischt zu haben und dass es noch viel, viel schlimmer und schmerzhafter werden wird. „Es ist in deinem Fall gut, dass es langsam passiert. Weil da ja auch noch die MS, das Gefühl, körperlich auch in der Realität völlig ausgeliefert zu sein, besteht. Und es in Österreich nun mal leider KEINE EINZIGE VERNÜNFTIGE NOTFALLPSYCHIATRIE gibt, wenn dann die ersten Erinnerungen auftauchen und mit hoher Wahrscheinlichkeit davon auszugehen ist, dass Suizidversuche stattfinden werden.“.

9. März 2018, Freitag „Perversionen…“

8:37
Was um Himmels Willen ist in mich gefahren??!

DU BIST KEIN OPFER!! DU BIST DER POTENTIELLE TÄTER!!

In den letzten Tagen so häufig darüber gesprochen, warum ich keine Kinder möchte. Vor allem Markus hört nicht damit auf (in der Psychoanalyse nennt man das wohl Ausloten der Widerstände), sagt, ich komm in Teufelsküche, wenn ich mich sterilisieren lassen. Weil Traumaopfer oft diesen Weg wählen und so erst recht nicht zu einem weiblichen Körper finden können. Diese endlosen Debatten ermüdeten mich gestern und das ständige Wiederholen, warum man dann nicht „einfach ein Kondom nimmt“ in Kombination mit seiner krankheitsbedingt verschleimten Stimme, seiner „Stimmfarbe“ waren irgendwann nicht mehr auszuhalten. Ich fühlte mich von ihm regelrecht „vergewaltigt“. Als würde er mein Hirn ficken! Das teilte ich ihm auch gleich zu Beginn mit, dass seine ständigen Zerlegungen meiner Chronik, wie ich als Teenager war, und eben keinen Bock auf Disco und Rauchen und Saufen hatte, keinen Bock auf Jungs, ein Männerhasser war, eine Feministin und lieber im Wald, als mich mit Freundinnen stundenlang vor dem Spiegel aufzudonnern, denn schlussendlich hatte ich sowieso den zukünftigen Lungenkrebs und Besoffene permanent um mich zu Hause! Und er dann immer so tut, als sei es völlig normal, während der Pubertät „völlig aus dem Ruder zu laufen“. Aber ich weiß, das gehört zur analytischen Arbeit dazu und es war mir gestern eben wichtig ihm mitzuteilen, mich zu erklären, zu entschuldigen, warum ich dann mitunter sehr entnervt und bisweilen aggressiv reagieren würde: „Das fühlt sich für mich so an, als würdest du mein komplettes Leben infrage stellen!“. So sagte ich ihm eben auch, dass es mir jetzt reichen würde. Wenn er noch einmal das Wort Kondom in den Mund nimmt, würde ich kotzen. So auf der Suche nach einem Widerstand- bitte sehr, da war er und ich wollte partout nicht mehr weiter darüber diskutieren! Brigitte hatte ja mittwochs erneut das, was meine Mutter mit mir gemacht hat, mich wie eine Puppe zur Schau zu stellen, um sich selbst zu profilieren, qualitativ sehr wohl mit einer seelischen Vergewaltigung verglichen. „Ob es einen tatsächlichen Missbrauch gegeben hat oder nicht!“. Wieder dieses Anzweifeln und die Tatsache, dass man eine DIS nicht von einem Dasein als Püppchen in den ersten Jahren bekommt! Also zweifelt sie auch wieder die Diagnose an und unterstützt mich dabei, selbst nicht daran glauben zu können… So kam es eben auch gestern wieder, als ich ihre Worte Markus gegenüber wiederholte, zu einer weiteren Wiederholung seiner Sichtweise. Darauf ich: „Aber wenn das doch alles eingebildet ist? Und das Bisschen schon ausreicht?… Ich eigentlich nur der Rolle entsprechen will, der Aufmerksamkeit wegen, oder um mich abzugrenzen??…“; ich stockte, dachte kurz nach und dann: „Aber andererseits… WARUM all diese Zeichnungen und Bilder vor, während und nach der ersten Psychotherapie? Immer dieselbe Symbolik, die man eben GENAU SO bei Missbrauchsopfern findet… Als von Missbrauch noch keine Rede war, nur ein aufkeimendes Gefühl?“. Ich kann mir gut vorstellen, dass Markus sich zurück lehnte, als er sagte: „Da siehst du’s. Du gibst dir alle Antworten selbst!“.

Also das alles sei meinen Träumen vorausgeschickt! Ich traf Ute, die entfernte Nachbarin und ich durfte ihr Bauernhaus betreten, das plötzlich riesengroß war, ein monströser Gutshof, und in ihrer Küche wie in einem Gasthaus Tische und Bänke und die ganzen Nachbarn kamen und gingen, wie sie wollten; es war ein riesengroßes Saufgelage! Ute und ein paar ihrer Gäste machten sich gemeinsam mit mir auf den Weg nach Hause. Wir liefen los und ich freute mich, immer weiter laufen zu können, nicht zu stürzen und auch sie fragte mich ganz erstaunt, wie ich dieses Wunder zustande gebracht hätte: „Ich habe jeden Tag trainiert, immer ein bisschen mehr, nur NIE aufgegeben!“. Wir erreichten unsere Einfahrt. Der Asphalt war mit Tonnen Sand bedeckt. Sand und Schnee. Das hatte den neuen Weg zusammenbrechen lassen. Alles war kaputt. Dem Haus ging es nicht besser: Wie eine der Bauernhausruinen, die wir als Kinder immer wieder aufgesucht hatten, so schön unheimlich! Holzbalken brachen über uns zusammen, Mauern stürzten auf uns herab… Aber ganz plötzlich verwandelte sich das Haus in die winzige Wohnung im Gebäude der Volksschule. Und war zugleich ein riesengroßes, unheimliches Hotel! Auch ich wechselte die Gestalt… Ich war plötzlich nicht mehr ich, ich wurde zu einer schwarzhaarigen Femme fatal!! Ich hatte ein Rendezvous. Diesen Mann schickte ich in das erste Zimmer und sperrte von außen zu. Ich war total notgeil!! Ins nächste Zimmer ließ ich mir einen kleinen Jungen bringen. Der war sicher nicht älter als acht oder zehn. An die genauen Details kann ich mich nicht erinnern, da waren noch andere Leute und wahrscheinlich haben die ihn ausgezogen, bis er nackt auf dem Bett lag. Ein Pädophiler hätte seine Freude mit den Beschreibungen!! Ich stürzte mich auf ihn. Der Junge weinte bitterlich, er stand Todesängste aus und ich geilte mich daran auf, an seiner Unschuld, wie ein Vampir zehrte ich an seiner Angst und dem Schaden, den ich in seinem Leben hinterlassen würde!! Im dritten Zimmer ließ ich mir ein kleines Mädchen bringen. Ich ging ihr an die Wäsche, griff ihr zwischen die Beine. Ich spürte, was das Kind spürte. Ich fühlte, wie das Kind irritiert war von der Erregung, die so überhaupt nicht zu ihrer Angst passte und dass ihr Körper sie zu verraten schien! Ich zwang die Kleine mich zu befriedigen. Noch nicht fertig ging ich wieder zurück zum ersten Zimmer, in dem ich das Rendezvous eingesperrt hatte. Ich war nackt, er mir fremd und ich wusste, ich muss bestraft werden.

[…..]

Draußen im Flur waren viele Menschen. Die konnten durch die Jalousie ins Zimmer hinein sehen. Draußen wurde gefeiert, getrunken, es war wie in einem Bordell. Ein Butler kam ständig zur Tür herein, sah zu und tat gleichzeitig seine Arbeit, wechselte Handtücher aus. An den eigentlichen Akt kann ich mich nicht erinnern. Lediglich nur noch daran, dass ich auf dem Boden saß und unter mir war alles voller Blut. Nun war ich es, die wimmerte, die das Opfer war.

Ein unglaublicher Druck in meinem Bauch. […..]

Und DU glaubst, DAS Opfer zu sein???!!
DU BIST SO KRANK IM HIRN!!!

Wenn ich sage, dass ich keine Kinder will, habe ich nicht Angst, sie zu missbrauchen! Ich spüre lediglich (wenn man da überhaupt von „lediglich sprechen darf) das unkontrollierbare Potenzial, dem Kind an die Gurgel zu gehen!! UND DAS IST DER HAUPTGRUND, WARUM ICH KEINE KINDER WILL UND HABEN DARF!!! UND WARUM ICH NICHT DARÜBER DISKUTIEREN WILL, WARUM ICH MICH STERILISIEREN LASSEN MUSS!!! So schleppend wie das gerade vorangeht, brauche ich wohl auch 20 Jahre, bis ich im Ansatz Zusammenhänge herstellen kann!!

Ich fühle mich so schlecht… Dabei konnte ich erst gar nicht einschlafen und träumte abschließend bevor Sebastian mich aus dem Bett holte davon, dass mein Bruder und ich zur Schule mussten morgens. Er ging voraus, es war schon viel zu spät, aber ich musste noch meine Schuhe anziehen, die unten vor der ersten Stufe vom Treppenhaus im Gasthaus standen. War schon wieder Nikolaus?! In jedem Schuh lagen mindestens 50 €!! Was soll der Scheiß? Wie oft hatte ich gesagt, meine Mutter soll aufhören mit diesen Geschenken die ganze Zeit! Mir unentwegt Geld zuzustecken!! Als müsse sie mich bezahlen, kaufen oder schmieren!! Ich kramte das Geld und den restlichen Krempel aus meinen Schuhen und schlüpfte in diese hinein, als ich von oben die Musik einer Violine hörte. Ein Musikstück von einer CD, die ich mir mit 17 gekauft habe; gälische Lieder. Hatte sie sich sogar meine Musikrichtung einverleibt, um unbedingt wie ich zu sein? Dann stand sie neben mir und ich war froh, dass sie endlich aufhörte zu spielen. Ihre Musik schmerzte in den Ohren. Was wollte sie von mir? Was hat sie gesagt? Im Traum dachte ich nur, dass ich es nicht mag, bereits morgens auf meine Eltern zu treffen. Dass ich diese Phase vor der Schule für mich ganz allein brauche. Nicht sprechen möchte. Und erst recht nicht irgendwelche Konflikte ausbaden…

Was für eine Nacht! Was für ein Traumkino! Ich fühle mich so schuldig und so dreckig und schlecht, allein dafür möchte ich mich jetzt aufschlitzen! Ein weiterer Grund: 60,6 Kilo um 6:45 Uhr!

Die Sonne scheint. Und ich ahne schon, wie mein restlicher Vormittag verlaufen wird…

20:15
Allein. Sonja sagte, meine Schultern, mein Rücken hätten sich verändert: „Viel weniger Muskulatur.“. Alles geht zugrunde…

23. Dezember 2017, Samstag

10:02
59,2 Kilo um 8:15 Uhr. Kein Fieber, aber der Schädel ordnungsgemäß unter Druck. Die Farben befeuchten. Gestern bei unserem Ausflug wieder einmal nicht drumherum gekommen, in einem der Läden eine Tube mitzunehmen. Mir scheint fast, je weniger ich schaffe, je weniger ich malen kann, desto besser ausgestattet wäre ich. Ein Trauerspiel.

10:21
Zu viel Zeit vergeht. Ich hatte versucht, ein Entwicklungsfoto zu machen. Sebastian beobachtete erst nur und versuchte dann, meinen Körper zu stützen. „Man kann gerade zusehen, wie dein Kopf hochrot anläuft.“. Es dauerte 5 Minuten!! Am Ende dieser: „WAS FÜR EIN BESCHISSENER KRÜPPEL!! ICH KANN MICH JETZT HINLEGEN!! WARUM NICHT GLEICH AM VORMITTAG MIT DEN SELBSTMORDPLÄNEN ANFANGEN?!!“. Die Ohren unter dem Headset pulsieren heiß und schmerzhaft. Das ganze System fährt runter auf ein Minimum, als sei der Akku ausgelutscht! Nun ernsthaft so erschöpft, ich möchte mich, ich müsste mich ausruhen…

Na gut, dann eben erst einmal meinen Traum abarbeiten; schlägt in dieselbe Kerbe wie jener gestern und muss unter Verschluss bleiben. Ich MUSS mir unbedingt ein kleines Diktiergerät zulegen! Da kann ich mir noch zu oft einreden, dass ich mir den Traum merken werde, morgens bleiben doch wieder nur Bruchstücke übrig, völlig aus dem Kontext gerissen.

Deine Träume sind Spinnerei!!

[…..]
So wird es nebenher 10:43 und ich sehe überhaupt keinen Sinn mehr, zum Pinsel zu greifen. Mein Schädel bereits kurz vor der Explosion. Und egal, was auch immer ich gestern konsumiert hatte, es zeigte sich keinerlei Wirkung auf Unruhe und erst recht nicht auf die Panik, die mich immer wieder heimsuchte. Wie Messerstiche! Ich stinke erneut zum Himmel, da kann ich mich waschen und abschrubben, so oft und so lange ich will! Die Haut wie mit diesem Gestank imprägniert! Als hätte ich zwei verunglückte Bierbrauereien unter den Achseln!! Ohne Scheiß: Ich stinke nach abgestandenen Bier!! Heute ein extra kurzes Oberteil angezogen, mit Spaghettiträgern. Aber erst einmal das Headset abnehmen und gucken, ob sich etwas verbessert… Wenn ich heute wieder nichts leiste, zwangsbeglücke ich mich mit einer Fahrkarte ins Unheil!…

14:31
Nach einer Stunde Malen ein paar Schritte durch den Flur gegangen, zwei oder drei Runden. Im Badezimmer fast umgefallen. Auf dem Sofa kurzerhand eingeschlafen. Als Sebastian gerade eben losfahren wollte, ließ ich mir von ihm in eine Strickweste helfen und fuhr für ein paar Minuten vor die Tür. Wenn man die Flugzeuge ausschalten könnte, wäre es idyllisch still. Er fragte mich noch: „Was soll ich jetzt wegen Christtag sagen… Willst du oder nicht?“. Er hat eine Verabredung mit meiner Mutter im Supermarkt, die dort samstags wieder Prozente hat. Ich schüttelte den Kopf. Ich KANN nicht!

Also kurz stand ich dann noch in der Sonne, alleine. Umso dann hastig ins Haus zu fahren, mit lediglich einem Bestreben: Mich aufschlitzen, solange er noch unterwegs ist! Dafür und für das schlechte Gewissen, das ich eigentlich haben müsste, sind die fünf Kratzer verdammt oberflächlich ausgefallen. Ich wusste nicht, wo ich in dieser fast schon ebenmäßigen Fläche aus Schorf ansetzen sollte. Und irgendetwas scheint mich auch zurückgehalten zu haben. Aber wer weiß, was der Tag noch bringt! Was ich noch machen könnte… Jede Menge Tramal und dazu ein Aspro; die Kopfschmerzen werden immer schlimmer. Zuvor die Temperatur auch wieder auf 36,8 °C angestiegen.

Die Sonne scheint mir ins Gesicht, blendet mich. Erinnert an unzählige Läufe. Frühlingshaft ist es; hätte auch eine kleine Ausfahrt machen können. Vor meinen Gedanken, vor dem schlechten Gewissen, vor der Spirale ins Verderben flüchten… Was bin ich für ein schlechter Mensch! Oder der Denkstruktur der Familientradition folgend: Wer weiß, ob man noch einmal Weihnachten miteinander feiern wird! Wer weiß, ob nicht was passiert!

Zum Opium greifen. Mindestens eine doppelte Dosis, ein Aspirin. Das Oberteil rutscht ständig nach oben, entblößt den größten Schandfleck an meinem Körper (abgesehen von meiner Visage). Zuvor als ich im Flur einen scheuen Blick in den großen Spiegel warf, wurden meine Befürchtungen bestätigt: Ich sehe aus wie eine hochträchtige Mastsau! Alsbald wird wieder mal jemand fragen, ob ich schwanger sei. Das ist bereits einmal vorgekommen, was habe ich mich gefreut… Die Kratzer brennen unter einer dicken Schicht Selbstbeschimpfung. Rumpelstilzchen macht schon den ganzen Tag nichts anderes, als jeden meiner Schritte zu kommentieren, zu bewerten, schlecht zu reden. Wie gewohnt eben. Mir Tramal von den Fingern lecken. Als ich das Aspro auspacken wollte, war mir Spucke und Schmerzmittel für einen Augenblick der Unachtsamkeit aus dem Mund gelaufen…

Du gehörst wirklich ENDGÜLTIG ins Heim!!

Deswegen den 40 noch weitere 10 Tropfen hinzugefügt. Nichts vergeuden! Zwischen den Fingern alles abschlecken, bis sie nicht mehr kleben. Einer der Zivildiener zuletzt meinte, er würde bereits bei wenigen Tropfen kotzen müssen. Auch Ramidas Ehemann schien strikt gegen dieses Medikament. Ihm sei es so schlecht gegangen, weil ihm niemand gesagt hat, dass er dazu Tropfen gegen Übelkeit einnehmen müsse. Das habe ich anfangs auch… Aber mittlerweile kann ich mir eine fette Überdosis reinziehen, ohne irgendwelche Probleme zu haben. Und das ist dann ja auch der eigentliche Sinn einer Überdosis! Es soll helfen, abstellen, Frieden bringen, und nicht noch mehr Ungemach heraufbeschwören.

Eigentlich hätte ich auch Sebastian sagen können, dass ich meiner starken Kopfschmerzen wegen nicht zum Familienfest kommen kann und er dies weitergibt. Er ist fatalerweise wieder in derselben Situation, wie wohl seine gesamte Kindheit hindurch. Steht zwischen zwei Parteien und sieht sich verpflichtet, zu vermitteln, zwanghaft Harmonie herbeizuführen. Das tut mir leid. War nie meine Intention, ihm das aufzubürden. Aber hätte ich ihr geschrieben, wie hätte ich die Zeilen formulieren sollen? Ich weiß es nicht! Ich für meinen Teil habe das Gefühl, mit meinen Eltern nicht mehr normal sprechen zu können.

Zum Glück in einer Stunde Therapie; obwohl ich soeben angesichts der dröhnenden Schmerzen in meiner Birne das Gefühl habe, das schreckliche Rauschen von Skype und Markus‘ Husten und Räuspern nicht aushalten zu können! Vielleicht versuchen, noch ein wenig zu schlafen…

Genau, du selbstgerechtes Miststück!
Tu dir ruhig was GUTES, während deine armen Eltern leiden müssen wegen dir!!

Schmerzen in der rechten Kieferhöhle setzen ein, der ganze Kiefer beginnt zu schmerzen. Strafe?

So wird es 15:17 Uhr, mein „Erbrochenes“ noch einmal überflogen und korrigiert. So kam es zu dem Umstand, dass Rumpelstilzchen bei diversen Passagen noch etwas „hinzufügen wollte“, was es dann an besagten Stellen einzufügen galt. Die Kopfschmerzen lassen nach, während draußen ein Abendrot vorbereitet wird. Die Augen schließen und hoffen, Sebastian und wirklich rechtzeitig vor Beginn der Therapie nach Hause, damit ich nicht verschlafe…

18:33
Mein Schädel platzt!! Es war zwar eine gute Sitzung, wieder über 2 Stunden lang, aber… Ja, was aber? Immer noch keine Antwort darauf, was ich mit meiner Pattsituation anstellen kann. Vielleicht ist meine Verfassung tatsächlich von langer Hand geplant, Rumpelstilzchens Sabotage, Bestrafung, Vergiftung…

Zu einem weiteren Aspro greifen. Sebastian kommt alsbald von oben runter und für mich steht ein Vollwaschgang auf dem Programm. Und bitten und betteln, diesen Mief zumindest für zwei oder drei Tage loszuwerden. Kurz vor der Sitzung waren es erneut 36,9 °C. Irgendwie wollen wir versuchen, mich in die Badewanne zu verfrachten. Das spart Wasser und einmal Einweichen kann sicher nicht schaden. Wenn er dann hinterher in der Wanne liegt, kann ich ja immer noch überprüfen, ob mein schlechtes Gewissen diese zarte und erste Tendenz hin zur Selbstliebe nicht bei weitem überragt und förmlich nach Konsequenzen schreit.

Was gab es heute zu essen, bis jetzt? 70 % von einer Semmel, eine Clementine und zwei Kekse. Aber mein Körper wird nicht weniger, als hätte er von der Hungerphase nach der Überdosis seine Strategie angepasst, dieses elende Arschloch. Die Schmerztablette nicht aus der Folie bekommen. Die Hände gelähmt. Der Schädel vermeintlich am Glühen. Das macht die Augen auch immer so müde, lässt sie brennen, als würden sie in diesem heißen Kopf verkochen.

Und ganz plötzlich kommt die Panik, ich sehe meine zuletzt diktierten Zeilen und…

Ja genau! Nutze deine Bühne voll und ganz aus!!
Das kannst du arrogante Drecksau ja so gut!!
Immer am Jammern!! DU hast es nötig!!
Deine armen Eltern!!!! Alles tun sie für dich und du bist nichts als EGOZENTRISCH!!!
SELBSTVERLIEBTE SCHLAMPE!!

Weiter mit der dämlichen Folie vom Aspirin kämpfen, alsbald die Nerven wegschmeißen. Das Wasser in der Badewanne darf definitiv nur lauwarm sein, sonst verschlimmere ich die Situation noch unnötig. Die Schultern massiv verspannt. Alles tut weh… Vielleicht auch deswegen keinen triftigen Grund gesehen, mir noch mehr Schmerzen zuzufügen.

Gedacht, gesagt und wieder Panik. Das Gilenya heute wieder weg lassen. Ich müsste mir Notizen im Kalender machen, um irgendwie einen Überblick darüber zu bekommen, an welchen Tagen ich aussetze. Unwillkürliche Gesichtszuckungen setzen ein. Die doppelte Dosis Tramal.

19:46
Planänderung. Mir wurden jetzt die Haare gewaschen, ich nebenbei erneut meine Achseln einer Grundreinigung unterzogen. Morgen früh wird dann geduscht. Den linken Unterarm mit heißem Wasser eigentlich vorbereitet, den Großteil vom Schorf mit einem Einwegrasierer entfernt. Eigentlich könnte ich… Die Panik fordert es von mir. Aber… Es lohnt sich nicht? Wenn ich morgen unter die Dusche gestellt werde? Und vielleicht möchte ich auch nicht? Vielleicht bin ich mit meiner Sinusitis ausreichend belastet? Ich will Ruhe haben, doch nicht mehr als Ruhe. Um mich rum und erst recht in mir!

WANN wache ich auf????!!!

Ab Minute 12… Und meine Ratio und Therapieerfahrung sagen:“DOMIAN!!! FRAG NACH DER KINDHEIT!!!“. Und dann erzählt sie es selbst, nachdem bei all ihren Erzählungen zuvor bei mir alles innerlich reagierte, wie mit der Brechstange ran ans Eingemachte!!! Erzählt vom Missbrauch als Kind, der Amnesie, dem KLASSIKER schlechthin – der Erinnerung im Alter von 40+… warum ist das für mich nicht ENDLICH DER SCHLÜSSELMOMENT???!!!
Wie war das heute Morgen, noch vor 20 Minuten? „Ach,das Mitschleifen zu den Beerdigungen wird schon mein Hauptproblem sein!“ und „Ach, ich hab gar kein Thema für die Sitzung heute. Alles nur Einbildung.“.

WAS BRAUCH ICH DENN NOCH?????