3. Juli 2018, Dienstag „Und täglich grüßt das Murmeltier…“

8:31
Oder besser gesagt „…der Wiederholungszwang…“?
Unzählige Minuten verstreichen wertfrei, das Diktierprogramm zelebriert seine 5 Minuten.
58,4 Kilo um 6:45 Uhr, draußen vor dem Küchenfenster singt eine Goldammer, der Himmel unentschlossen und verhältnismäßig wenig Gäste am Restaurant. Ich bin so müde und habe es mir doch selbst zuzuschreiben. War der Rausch wenigstens schön? Oder hatte nicht mehr in petto als mich körperlich in einen Kaugummi zu verwandeln?
Mein sauteurer Sessel kommt heute. Dafür muss im Wohnzimmer manch anderes weichen. Ein Drittel der Couch zum Beispiel. Ob das alles so klug ist, oder ob es die Unruhe und gefühlte Unordnung erst recht verstärkt?

Als ich gestern mit der Animation einfach nicht vom Fleck kam und wahrlich schon überhaupt keine Lust mehr hatte (diesbezüglich muss auch noch erwähnt werden, dass ich vermutlich noch mehr Umstände bekomme, wenn die Samples nicht passen), drängte sich mir die Tatsache auf, auf den SD-Karten wieder zwei neue Sprachaufnahmen zu haben. Die Panik bedankte sich mit einem Knicks… Aber mir nun vorzugaukeln, mit dem restlichen Tee und einem gemütlichen Festhalten meiner Gedanken ruhig und entspannt in den Tag starten zu können, dürfen, wenn nicht sogar zu müssen, sollte als infantil bezeichnet werden. Wie lange macht mein Rücken mit? Der Ischias meldet sich. Die rechte Ferse schmerzte nachts bestialisch und der Nachhall lässt auch jetzt noch keine Langeweile aufkommen.

Bis dato hatten die Comicfiguren keine Augen. Keine Ahnung, was ich Vollpfosten mir dabei gedacht habe. Wollte ich sie ernsthaft nachträglich einbauen, über das Videoschnittprogramm???
Rumpelstilzchen lacht sich schlapp über mich und meine Blödheit. Nun über Umwege jedes einzelne Bildchen nachbearbeiten. Und sollte das total bekloppt aussehen, sicherheitshalber dieselben Dateien in einen externen Ordner verschoben, um sie dann wiederum im Arbeitsordner zu ersetzen… Aber das wird jetzt zu verkopft! Hauptsache ich mache keinen Fehler und lösche irgendwo aus Versehen irgendwas…

9:19
Lange habe ich nicht durchgehalten…
Aber es ist doch wie jeden Sommer, wie jeden Frühling, jeden Herbst… Als Opfer zermalmt zwischen den Prioritäten!! Ich müsste ein paar Schritte gehen. Ich müsste weiterkommen mit dem Video. Ich müsste malen, ehe ich nicht mehr malen kann. Ich müsste noch dieses eine Dokument fürs Büro fertig machen. Ich müsste draußen sein, ich verpasse alles. Erst recht deswegen, weil seit einer halben Stunde die Mäusebussarde mit ihren jungen Bruchpiloten unentwegt ums Haus kreisen und von lediglich diesem einen Blickwinkel durch die Terrassentür kann ich sie nicht filmen…
Ich bekomme ein Magengeschwür bei dem Gedanken, was für grandiose Chancen mir bereits entgangen sein könnten… Aber was heißt hier „könnten“, DAS IST FAKT!!!
Die Unruhe manifestiert sich erst in klimpernden Händen. Ständig die Kamera nehmen, kurz warten (die Lichtbedingungen gelinde gesagt beschissen), sie wieder weglegen, um wenige Minuten später den nächsten Raubvogel vorbei zischen zu sehen. Ich fange an vor und zurück zu wippen. Die Kopfschmerzen nehmen zu.

Eigentlich bedarf es nur einer kleinen Randnotiz: „Bedarf es auch heute wie jedes Jahr zur selben Zeit härterer Bandagen, um mich entscheiden zu können, bzw. mich erfolgreich zu irgendetwas zu zwingen, das ich dann konsequent durchziehe? Man muss ja fast schon sagen >NATÜRLICH< mit unlauteren Mitteln. Denn ohne mich wirklich >kräftig< in die Mangel zu nehmen, also die Unentschiedenheit, das Dilemma, wird das heute wohl nichts mehr!!! Also bleibt die Qual der Wahl, also das Mittel zum Zweck. Oder gleich alles auf einmal?“.

Habe ich morgens Hydal geschluckt? Die 2 mg Retard? Ich weiß es nicht mehr. Aber vielleicht, wenn ich es mir lange genug einrede, verspüre ich auch so eine „benutzerfreundliche Dämpfung“. Mir den Tag einzuteilen, jeder Streitpartei im Laufe des Tages Zeit anzuberaumen, wie bei einem Schulstundenplan, sieht nur von außen wie eine von „Gott gegebene Heilsbringung“ aus…

Scheiße. Ich bin Atheist!

Aber nun folgt erst einmal der Trommelwirbel: MAGIX erneut öffnen und mich gleich -bestenfalls- mit einer Katastrophe konfrontiert sehen. Weil ich doch etwas falsch gemacht habe, er die Dateien nicht einlesen kann, oder die Augen schlicht und ergreifend bekloppt aussehen…

Mäusebussarde…

14:17
Bloß zaghaft schielt die Sonne durch die von hinten beleuchtete und dadurch weiße Wolkendecke. Rasenmäher. Kopfschmerzen. Vor wenigen Minuten war ich nur noch einen Atemzug davon entfernt, einzuschlafen. Aber ich erlaubte es mir nicht. Das Bein krampfte zu Mittag. Die Konsequenz daraus 1,3 mg Hydal. Nun obendrauf eine Koffeintablette. Obwohl ich nicht glaube, dass sie wirkt. Ich bin immer noch zu unruhig. Dabei war ich zuvor nach meinen letzten Worten mit dem Rollator erst auf der Terrasse gewesen, um dort den Mäusebussard zu verpassen, wanderte nach hinten, weil ich dort einen jungen hören konnte, hielt eine Ewigkeit Ausschau, kam zum Schluss, dass ich ihn nur von der Straße aus sehen würde können, raste im Schneckentempo zurück ins Haus, holte den Rollstuhl, fuhr mit diesem die Straße runter, näherte mich leise und ganz langsam seinen Rufen… Ohne ihn entdeckt zu haben, flatterte er plötzlich los, und zwar direkt neben mir, und suchte das Weite.
Etwas verärgert fuhr ich zurück die Einfahrt hoch. Wieder konnte ich ihn hören, wieder direkt vor mir, aber ich sah ihn einfach nicht… Dieselbe Strategie, wenn man mit einem Rollstuhl überhaupt „schleichen“ kann. Und dasselbe Debakel wie zuvor: Direkt vor mir machte er sich aus dem Staub!

Dann wurde mein neuer Sofasessel geliefert. Die Lieferanten waren so freundlich, das neue Luxusstück ins Wohnzimmer zu bringen. Um dort auf dem Holzboden eine mindestens 1 m lange Schramme zu hinterlassen, die Sebastian auffiel. Mir natürlich nicht, als es geschah. Aber mal ehrlich: Hätte ICH irgendetwas gesagt?!

Mir läuft die Zeit davon, mir rast das Herz, ich will alles gleichzeitig und auf einmal schaffen. Aber diesem winzigen Fetzen aus meinem Traum heute Nacht sollte ich (so noch ein wenig Vernunft in mir wohnt) Aufmerksamkeit schenken:
An die Rahmenbedingungen erinnere ich mich nicht mehr. Zuerst war jemand zu Besuch, mit kleinen Kindern. Diese Kinder wurden aber uns geschenkt. Und dann war es wieder so, dass der kleine Junge (oder das kleine Mädchen -ich erinnere mich nicht und spielt wohl auch keine Rolle) Sebastians Kind aus erster Beziehung war. Und ich somit die Stiefmutter. Zuerst hatte ich keinerlei Bezug zu diesem kleinen Menschen. Das Kind eiferte mir nach, als ich den Vögeln zu fressen gab. Es nahm gleich einen ganzen Eimer voll mit Sonnenblumenkernen und verschüttete diese auf der Terrasse. Kochte Wut in mir hoch? Oder sogleich Verständnis für dieses arme, kleine Wesen? Es war ja nicht böse gemeint, lediglich tollpatschig. Ich konnte sehen, wie gleich mehrere Menschen (der Besuch, ganz sicher Sebastians Schwester, der Schwager und noch andere Gestalten) mich eingängig beobachteten.
Ich schimpfte nicht. Auch maßregelte ich das Kind nicht. Das Kind tat mir leid. Ich sah in ihm plötzlich eine verstoßene, verhasste, verteufelte kleine Kinderseele, die für etwas verantwortlich gemacht wurde, was sie ja gar nicht gemacht haben kann. Aus dem einfachen Grund: WEIL ES EIN KIND WAR!!!
Vermutlich sagte ich irgendetwas wie: „Das nächste Mal wird es schon besser gehen. Aber danke, dass du mir hilfst. Die Vögel werden sich freuen!“. Ich streichelte dem Kind über die Stirn. Ich nahm das Kind in den Arm. Vermutlich weinte es. So drückte ich es noch fester an mich, gab ihm einen Kuss auf die Wange, schaukelte es in meinen Armen: „Ich passe auf dich auf…“…
(Mich selbst diese Worte nun aussprechen zu hören, löst noch viel mehr in mir aus als der Traum an sich, oder meine rationalen Überlegungen heute Morgen dazu.)
Als wir ins Haus kamen, wurden allseits Maulaffen feilgehalten. Irgendjemand sagte zu Sebastian, und vielleicht war es auch Constanze: „Ich hätte NIE gedacht, dass sie in der Lage ist, das Kind zu küssen!! Wäre nicht einmal so weit gegangen, in Erwägung zu ziehen, dass sie es in den Arm nimmt, überhaupt berührt!!“.

Man kann nun denken was man will. Rumpelstilzchen, ich mir selbst vorwerfen, den Trauminhalt total zu verdrehen. Denn -wie erst gestern in irgendeiner Gerichtssendung gehört- Erinnerungen haben nicht sonderlich viel Wahrheitsgehalt, sind zu instabil, zu plastisch, wie warme Knetmasse…
Aber ich ahne, was Markus dazu sagen wird. Und es geht nur nicht darum, ihm auf Teufel komm raus zu gefallen und wiederzugeben, was er hören will. Denn aus meinem eigenen Munde käme dieses Thema wohl nicht. Noch nicht. Vielleicht auch nie. Also muss der Umweg über das Träumen genommen werden.
Das Kind, das bin ich, war ich, und verkörpert (immer noch vorhanden,… auch wenn Rumpelstilzchen wettert, ich hätte mir das einreden lassen, um Aufmerksamkeit zu bekommen) mein inneres Kind. Dieses Kind, das ICH SELBST als Nutte, Hure, Schlampe, Flittchen, DRECKIGE FOTZE tituliere. Von dem ich überzeugt bin, dass ihm gar nichts passiert ist! Trotz allem im Widerspruch dazu, dass sie ein notgeiles Miststück ist!!! Ist, damals war…
Eine narzisstische Missgeburt!! Der niemand etwas angetan hat!! Und erneut völlig ambivalent dazu die Überzeugung, dass sie selbst schuld ist!! Mit breit gespreizten Beinen die kindliche Möse jedem entgegen gestreckt hat!!! Wie ein räudiger Köder, der mit seinem Hintern vor lauter Geilheit unentwegt über dem Boden rutscht!!! Dieses Kind, das allein bereits ob seines weiblichen Geschlechts nur so vor Dreck trieft!!!

Mein Wortschatz würde durchaus noch Beschimpfungen für eine weitere halbe Stunde hergeben… Aber mit dieser kleinen Exkursion in meine ganz persönliche Anschauung, meine Kindheit betreffend, sollte ich eindrucksvoll und für Hinz und Kunz deutlich klargestellt haben, WAS FÜR EIN MONUMENTALER SCHRITT ES IST, DIESES KIND zumindest im Traum anzunehmen, in den Arm zu nehmen, in der Umarmung in Trauer und Schmerz und Angst zu verschmelzen…

Ich hatte meine Tante per Mail gefragt, ob ich denn in meiner Kindheit „sehr körperlich, anschmiegsam“ gewesen sei. Sie hatte doch bei der Geburtstagsfeier meiner Mutter samstags einerseits ihr Erstaunen und zugleich ihre Wahrnehmung als Beobachterin geäußert (die für sie bis dato Bestand hatte und alles erklären konnte): „Neeeiiiin…. Als Kind warst du völlig normal!! Du hast dich erst nach dem Tod von Oma verändert, mit 16 damals!“. Darauf wollte ich natürlich wissen, wie diese Veränderung ausgesehen hätte. „Ganz normal… Du bist in die Pubertät gekommen, warst nicht mehr Kind, aber auch noch nicht Frau.“.
Woraufhin ich ihre Sicht von meiner Realität „ein wenig zurechtrücken, wenn ich da erschüttern“ durfte: „Von wegen! Ich war bereits mit sechs Jahren auffällig…“.
Aber nun zurück zur eingangs erwähnten Fragestellung. Sie hat mich falsch verstanden. Und oder besser gesagt aber zugleich ist die Antwort in diesem Kontext noch interessanter: „Für uns warst und bist du unser drittes Kind, ein kleines Schmusekätzchen! Deine Vorliebe zur Nacktheit war im Kleinkindalter ganz normal, fand ich.“.

Irgendwie stockt mir da der Atem. Und muss nun zwangsläufig sagen, dass der Traum nach Lesen dieser Nachricht stattgefunden hat. Wäre es doch wahrscheinlicher gewesen, mich dann erst recht als kindliches Flittchen, Prostituierte zu sehen!!!

Der Rasenmäher treibt mich in den Wahnsinn! Ich bekomme Halsschmerzen, die Stimme versagt, die Kopfschmerzen werden zusehends heftiger. Der immer häufigere Blick auf die Uhrzeit verschärft mein Problem mit mir selbst. Bin ich doch ein Junkie???
Da geht noch mehr…
Da MUSS noch mehr möglich sein!!!…
Aber mit welchen Mitteln?…

15:34
Mein Schädel scheint zu glühen! 37,5°C. War die Heizdecke zu warm? Ich hatte meine liebe Not, ins Badezimmer zu torkeln. Mich am Waschbecken zu halten, während eiskaltes Wasser über meine „Glühbirne“ lief.
Den Ventilator zusätzlich anwerfen. Novalgin, Aspro oder noch mehr Tramal? Nur noch eineinhalb Stunden allein zu sein, den Nachmittag verschissen zu haben, macht mich im wahrsten Sinne des Wortes „KRANK“. Der Tag hat zu wenig Stunden! Und die Erschöpfung, die Müdigkeit wird schlimmer und schlimmer!
Das erinnert mich an so manch ein Video von mir, wenn ich gerade von derlei Situationen (sehr beliebt im Sommer) berichte und dem Kampf, der fast zwangsläufig jedes Mal damit einherging.
Der Gaumen schon wieder staubtrocken. VERDAMMT! Ich habe eine halbe Wassermelone zu Mittag gefressen?

Mein linker Unterarm liegt nun schutzlos vor mir, auf meinem Schoß. Die Blutreste von gestern abgewaschen. Kein Vergleich zum ersten Schlachtfest. Lächerlich die Spuren, die es hinterlassen hat.
Meine Augen verdrehen sich.
Würde ich schlafen, käme ich nicht mehr hoch. Und nachts keinen Schlaf zu finden, wäre damit vorprogrammiert. Mir wird schlecht.
Novalgin oder Tramal? An meiner wackeligen Gesamtkonstitution kann man ohnehin nicht mehr viel ruinieren…

40 Tropfen Opioide. Und dann ans Video. Während mein schlechtes Gewissen nach draußen schielt und mir vorzuwerfen weiß, dass es bald -und schneller als mir lieb ist- wieder kälter wird, ich mich nicht anziehen, nicht ausziehen kann und somit dazu verdonnert, verdammt bin, im Haus bleiben zu müssen!!!
Egal wie, egal was ich mache… Unterm Strich ist es schon vorweg die falsche Entscheidung!!!
Bitte stell mich ab!! Bitte…

16:05
Mein Blutzucker kollabiert. Oder der Mineralstoffwechsel, was weiß ich!! Zu viel getrunken…
„Trink weniger.“, der Pflegeschüler (Praktikant bei der Volkshilfe) montags.
Dann vertrocknet der Gaumen von den Antidepressiva und Spasmolytika!!!

Schon vergessen, welcher Satz folgen sollte.
Achja… Die Hände unbrauchbare spastische Fäuste. Kann nicht tippen; laute Musik angemacht, um die müden Geister wach zu rütteln.
Herzrasen; nun physischer Natur, zwecks Ausschwemmen…

JAMMERN!!JAMMERN!!! JAMMERN!!!!
BESCHISSENER, WERTLOSER KRÜPPELWASCHLAPPEN!!!!!

Alles an mir zittert, während tote „Vorbilder“ um ihr Leben singen, brüllen, schreien (Linkin Park)…

16:29
Selber schuld…? Weil medikamenteninduziert? Weil ich es nicht anders verdient habe? Weil ich schlecht bin? Bestraft gehöre?…

Kind, ich bitte dich, mach die Augen zu…

16:56
Gefühlt zum ersten Mal an diesem Tag tief durchatmen dürfen. Jeder Schnitt läuft an gleich mehreren Stellen aus. Kurzzeitig wird die Panik mehr. Ich scheine keinerlei Ausweg mehr zu haben. Ich denke, ich muss mich umbringen.

Das Lied donnert durch den Raum, direkt in mein wütendes Herz, meine gehetzte Seele…
Es kam genau zu dem Zeitpunkt raus, als unklar war, ob ich wieder laufen würde können oder nicht. Es wäre das perfekte Stück für einen Sprint gewesen. Dachte ich damals. Hoffend, es dafür noch einsetzen zu können. Aber der Kampf war vergebens und es gab keinen Sprint mehr, nicht einmal ein moderates Tempo…

Geschmacklos hin oder her; laut mitgesungen, als würde ich mir die Seele aus dem Leib schreien, während mein einziger Retter, die Rasierklinge, einen Schnitt nach dem anderen platzierte…

Was bist du nur für eine feige Sau!!!

Versagt? Mir keine Mühe gegeben? Es nicht einmal versucht?…
Es blutete und blutete, während mir die Zeit davon lief.
Er kommt bald nach Hause. Die Panik reitet auf diesem Gedanken einen wilden Ritt. Nicht wissend, welchen tieferen Sinn der Satz „Nicht mehr allein sein…“ eigentlich hat.
Ich weiß es nicht…
Weiß es einfach nicht…
WAS weiß ich schon?…

Das doch so unschuldig wirkende weiße Blümchenkleid mit meinem Dreck besudelt. Zwei dicke Blutstropfen, gierig absorbiert vom Stoff, als sei es sein einziges Ansinnen, mich zu verraten: „Schaut! Schaut alle! Seht her, was die Geisteskranke verbrochen hat!!!“.
Die Sätze kommen zähflüssig und schwinden, ohne jemals einen Schatten besessen zu haben!

Was wollte ich sagen…?

Funktionieren müssen. Lächeln müssen.
Dankbar dafür, diese Plattform zu haben. ES aussprechen zu dürfen.
Du machst es nur noch schlimmer, das weißt du. Warst nicht du es, die postulierte, dass die Mischung, oder die Benzos bereits ganz allein die Panik nur noch anheizen?

Ich hatte nachgedacht. Über die Geburtstagsfeier. Die darauf folgenden Sterbefantasien.
Darüber nachgedacht, dass mein Verhalten meiner Mutter gegenüber nicht fair sei. Wenn sie, falls sie nichts mit all dem zu tun hat. Ich war ihr gegenüber doch immer so ehrlich… Damals…
Wäre es nicht das mindeste, ihr eine Nachricht zu schicken, einen Brief, um mich zu erklären? Mich zu entschuldigen scheint bereits im Vorfeld vergebens. Ihr mitteilen, warum und weshalb die Kontaktsperre vonnöten sei. Zumindest den Versuch unternehmen, behelfsmäßige Erläuterungen aus mir raus zu quetschen.

Ich denke, ich bin es dir schuldig. Sollte dir endlich erklären, warum ich mich verhalte, wie ich mich verhalte. Aber wie sollte ich dieses Chaos in Worte fassen? Ohne Erinnerung? Was habe ich schon vorzuweisen? Aversionen (Abneigungen), Ängste, Gefühle, eigentlich nichts als Gefühle… Tue ich dir Unrecht? Die ganze Zeit schon? Mir wurden diese Gefühle und Ahnungen nicht eingeredet. Sie stammen von mir, mir ganz allein. Und wenn ich an meine Kindheit, an uns als Familie denke, sehe ich kaum einen Bruchteil, der heil wäre.
Ursache-Wirkung. Seit Jahren kämpfe ich mit mir selbst, fechte eine Schlacht aus, die ich nicht gewinnen kann… Nicht ohne Hilfe und erst recht nicht ohne Erinnerungen.

[….]

Betrügen mich meine Gefühle, bin ICH das Problem?
Keine Erinnerungen. Aber Flashbacks. Und Albträume, Albträume, Albträume. Diese werden mehr und mehr und immer intensiver und immer deutlicher. Seit 2013 zeichnet sich eine Konstante ab: Immer ein und derselbe Täter.
Warum sehe ich dich seit ich noch so klein war ständig sterben?
Warum fühle ich mich dir gegenüber so schuldig?
Was soll ich angestellt haben, um in mir selbst das Urteil mit mir herum zu schleppen, ich würde dich umbringen?

Fachliteratur, Fachleute sprechen davon, dass ein Kind unter der Drohung missbraucht wird, dass, sollte es darüber reden, die Mutter umgebracht oder sterben würde vor Gram.
Es ist die Rede davon, dass es eben NICHT normal ist, bis 11 ins Bett zu machen. In den späteren Jahren habe ich es selbst zu vertuschen gewusst.
Auch ist symptomatisch, dass missbrauchte Kinder nicht erwachsen werden wollen/können/dürfen. Und sich umbringen oder es zumindest versuchen, wenn sie an der Schwelle zum Erwachsenenalter stehen.
Und selbstverständlich darüber hinaus.

[….]
Es tut mir so leid…“

So oder so ähnlich?
Und wie viel Zeit habe ich jetzt damit vergeudet???
Die Panik übermannt mich, ringt mich nieder, drückt mich zu Boden, würgt mich, und ihr vergifteter Atem und ihre boshaften Augen sprechen nur eine Sprache: „ICH BRING DICH UM, WENN DU ES NICHT SELBST MACHST!!!“.

Die Sonne scheint. Der Himmel beinahe blau. NICHTS geschafft. Das Dokument von der Firma unangetastet. Das Video noch lange nicht fertig. Und der Rausch verraucht…
Warum sterbe ich nicht???
Und wo oder wann war der Punkt erreicht, als der Tag aus dem Ruder lief?
VERDAMMT, ICH WEISS ES EINFACH NICHT!!!!

19:25
Sebastian hat mich in den Arm genommen, ganz fest gehalten, eine Daseinsberechtigung für ein paar zaghafte Tränen geliefert.
Ihm den Text geschickt. Damit er sich mein Chaos durchlesen kann, um vielleicht etwas besser zu verstehen…
Warum ich eben glaube, eine Sollbruchstelle eingebaut bekommen zu haben, und dass die Garantiezeit nun abgelaufen ist.
Noch einmal eine zweifache Dosis Tramal. Aber danach? Eine Weitere? Ich weiß es nicht! Definitiv eine Temesta… Und als diese nach einer halben Stunde immer noch nicht anzuschlagen beliebte, ein Gewacalm obendrauf.

Die Bussarde riefen so laut, die Elterntiere konnte man immer wieder vorbeifliegen sehen. Demnach für vielleicht 5 Minuten mit dem Rollstuhl ums Haus gefahren. Aber alles dermaßen verwuchert, man vermag die Spitzen der alten Bäume oben im Wald nicht zu erkennen, alles verdeckt.
Mir selbst ein Versprechen geben: Morgen Vormittag werde ich draußen auf der Terrasse warten. Dann, wenn man es dort noch aushalten kann, die Sonne noch nicht alles verbrennt. Bestenfalls mit dem Notebook, um die Büroarbeiten abzuschließen.

Das klingt doch alles wunderbar, du hast ein Ziel, einen Plan!“

Ach, halt die Schnauze!!

19:57
Mein Schädel wird schwerer und schwerer. Habe ich ENDLICH eine sogenannte Wohlfühlzone erreicht? Der Körper will schlafen, die Augen verdrehen sich wie bereits mittags. Die Schultern schwer, werden schwerer, noch schwerer. Abendlicht liegt über dem Hügelland. Ich sehe zusammenhangslose Kindheitserinnerungen. Fußball spielen mit meinem Bruder, ich komme soeben mit Kolga von einem Halbtagesausritt zurück, ich sitze hinter der Garage auf dem Betonziegelstein und weine der Nacht entgegen, ich kann das leckere Abendessen, welches meine Mutter gerade zubereitet, bis nach draußen riechen, es sind Sommerferien und meine Schulfreundinnen unten bei der Volksschule spielen mit mir bis es dunkel wird. Meine Mutter kommt, um mich abzuholen. Aber sie verstrickt sich in ein Gespräch mit Marianne, der Schulwärtin, und wir Kinder sind mal froh, dass die beiden ausreichend Stoff auszutauschen haben. So müssen wir nicht ständig bitten, noch ein bisschen weiter toben zu dürfen.

Es ist schön, idyllisch… Friedlich. Aber tief in einer dunklen Ecke meines Magens rumort etwas, fordert immer lauter Aufmerksamkeit. Als wäre es ein Warnsignal, dass sich immer hysterischer schrillend in die Magenschleimhaut eingräbt…

Was will es von mir? Ist doch alles so wunderschön!
Aber die Nacht ist gnadenlos, schiebt sich über den Abend und frisst auch noch die letzten Reste Licht. Was bleibt, sind Glühwürmchen und bestenfalls ein klarer Sternenhimmel. Und wie aufeinander abgestimmt, perfekt trainiert und konditioniert, kommt die Panik im „starken Trab“ um die Ecke gebogen und hält zielsicher und dabei gnadenlos auf mich zu…

21:41
Mit offenem Mund, die Kinnlade hängt teilnahmslos, unkontrolliert runter. Alles doppelt sehen. Den Kopf zu schütteln hilft nur wenige Sekunden. Guter Dinge, zumindest schlafen zu dürfen.

Sebastian schläft längst auf dem Sofa und ich hatte noch kein Abendessen.

HUNGERN bekäme dir ohnehin besser!!

Beim Lesen vermischten sich in meinem Schädel Außenreize, Erinnerungsfetzen, bereits dagewesene Träume mit welchen, die eventuell noch kommen werden und beinahe psychotisch irgendwelchen Bildern, ich male mir die Realität unfreiwillig bunt und skurril und zugleich obskur… Surrealismus im Rauschzustand.
Nun ist genug, es reicht, kann kaum noch sprechen…

Es tut mir leid. Wirklich, auch wenn es manch einem schwer fällt zu glauben. Ich tue das nicht, um jemandem zu schaden, runter zu ziehen, die Laune zu ruinieren.
Aber diese ganzen Gedanken müssen raus, irgendwohin raus, ehe ich daran stillschweigend zugrunde gehe…

Advertisements

10. Juni 2018, Sonntag „Die Heimkehr wie ein Bombeneinschlag!!“

13:53
Womit fange ich an, wie soll ich dieses Chaos einigermaßen in Zaum halten, wenn ich doch bei jedem dritten Wort bereits eine Denkpause benötige, mich ausschalte, dissoziiere? Hätte ich im Haus bleiben sollen, nicht raus ins grüne Überangebot an Leben?

Verspätet diesen Tag beginnen wie eigentlich jeden anderen auch, um irgendwo Struktur zu finden: Mit Magenschmerzen und zitternden Knien stand ich um 12:15 Uhr auf der Waage, stellte mich meinem eigenen Scharfrichter, und hatte… Glück?
56,8 Kilo.
Was habe ich mich verachtet, wie fett mich selbst empfunden, ganz zu schweigen von dem, was ich im Spiegel sah. Aber nun genug, für Selbstbeschimpfung Hasstiraden bleibt immer noch genug Zeit. Dafür, dass ich die ganze Reise über mich eigentlich an keinen einzigen Traum erinnern konnte, wurde ich mit nächtlichen Bildern seit vorgestern regelrecht überschwemmt!!! Heute Nacht, ich kann sie nicht mehr zählen! Erst recht kaum beschreiben, wie heftig die psychosomatischen Symptome hinterher!! Das Herzrasen, die Angst!!

Von 7. auf 8. Juni 2018
Mit dem Traum von Donnerstag auf Freitag beginnen. Keine Notizen, lediglich eine kurze Sprachaufnahme auf der Videokamera. Ob ich daraus das Puzzle wieder zusammensetzen kann, bleibt offen.

Die Tonspur starten… Sebastian und ich schliefen nackt unterhalb meines ersten „sicheren Ortes“, meinem Hügel, auf der dunklen Wiese in einer Mulde. Beide waren nackt, aber man konnte uns von der Straße aus nicht sehen, wie zwei schwarze Gestalten, die mit der schwarzen Wiese verschmolzen. Aber auch lagen wir sehr nahe am alten Bauernhaus von Herrn Hirtenfelder, und der alte Mann musste etwas gehört haben. Im Haus ging überall Licht an, es rumorte, man konnte ihn poltern hören, schimpfen, er suchte etwas. Wir schlichen ums dunkle Haus herum, bis er zumindest mich entdeckte, und er hatte eine geladene Schrotflinte in der Hand. Da tauchte plötzlich von hinten eine Dame auf, Typ Tina oder innere Helferinstanz, und korrigierte meinen soeben ausgesprochenen Satz, meine Entschuldigung, und tischte dem alten Männchen irgendeine Geschichte auf, die er prompt glaubte. Er packte die Waffe weg und ging zurück in sein Haus. Die Frau verschwand.
Sebastian und ich kletterten den Hügel hoch. Allmählich wurde es hell. Beim Scheinwerfer von jedem einzelnen Auto duckten wir uns, aber alsbald würde man uns beide nackt dort oben sehen können. Oben auf dem Hügel war plötzlich eine Hütte, ein kleines Gartenhäuschen, wie ich es als Kind hatte. Nur proportional viel größer. Ich meinte mich im Traum zu erinnern, mit meinen beiden letzten Freundinnen lauter Material von unserem Hausbau dorthin geschleppt zu haben, um den Schuppen aus lauter Einzelteilen zusammen zu basteln.
Geschah es an diesem Punkt? Ich sah, ich hörte einen riesengroßen, bösartigen Hund, der mehr einem Werwolf glich, auf mich zu rasen. Sein gieriges Hecheln, das hinab Tropfen seines Geifers. Ich stellte mich tot, in die noch dunkle, aber allmählich von der Morgendämmerung feuchte Wiese gepresst wie ein verängstigtes Kaninchen!! Er war mir ganz nah, direkt vor mir, zwischen uns lediglich ein dünner Schleier aus Nebel. Er war so riesig und ich ein schutzloses kleines, nacktes Kind… Doch dann ein Aufblitzen in seinen gefährlich funkelnden Augen!! Jetzt war mir klar: „In der nächsten Sekunde stürzt er sich auf mich und wird mich zerfleischen!!! Es/er wird mich töten!!!“…

Atemnot. Panik. Herzrasen. Ich verwehrte mir Luft zu holen. So angestrengt, dass ich in Trance fiel. Ich dissoziierte. Scheinbar hielt ich damit aber die Zeit an. Dieses Gefühl während einer Dissoziation, dass um mich herum die Zeit plötzlich viel langsamer ablaufen würde, setzte auch nun ein. Ich sah das Monster in Zeitlupe zum Sprung ansetzen, wie es sich auf mich stürzen würde, zugleich der Gedanke, würde ich nun so wach werden, auch am Tag sterben zu müssen. Der Wolf flog, flog mir entgegen, dabei immer langsamer werdend…
Und ich? Duckte mich weg, bewegte mich zur Seite…
Er sprang ins Nichts!!! Für einen Augenblick erwachte ich, heilfroh, die Gefahr gebannt zu haben. Und träumte weiter…

Nun das Absurde: Plötzlich war er zahm, ein ganz lieber, freundlicher Streuner. Da waren irgendwelche Wildtiere, waren es Igel oder Gänse? Sie alle verschanzten sich in meiner Hütte. Der Hütte auf dem Hügel, der für mich ein sicherer Ort war als Kind. Aber nun kam irgendjemand aus Richtung Gasthaus quer über die Wiese, teilte mir mit, man verlangte nach mir. Ich sollte die Hütte zurückgelassen.
Ein Sturm, ein heftiger Windstoß!! Die Hütte wurde fortgeblasen, zu diesem Zeitpunkt stand ich unter dieser am Hang. Sie stürzte über mich hinweg und so haarscharf an mir vorbei; beinahe hätte sie mich erschlagen. Wieder Herzrasen, wieder Panik. Aber ich half dabei diese -nun einmal umgestülpt- wieder aufzustellen, etwas weiter unterhalb vom Hügelgipfel neu zu befestigen, zu verankern. Nun konnte man die Hütte vom Gasthaus nicht mehr da oben thronen sehen, sie versteckte sich sozusagen hinter meinem sicheren Ort. Die Tiere zogen wieder ein und auch irgendwelche Flüchtlinge. Unten an der Straße um den Hügel herum ging die Polizistin, mit der ich damals 2012 bei meiner Ausstellung im Dorf Kontakt hatte. Weil sie in meinen Bildern etwas Eindeutiges zu erkennen glaubte. Ich wollte ihr Fragen stellen, rief immer wieder hinunter und sie zu mir zurück hinauf, während ich langsam den Hügel hinabstieg.
Als wir unten auf halbem Wege aufeinandertrafen, sah sie und erkannte auch ich selbst eine riesengroße Beule auf meiner Stirn, mein Gesicht blutverschmiert. Aber zu Hause, im Gasthaus wurde das beflissen ignoriert. Oder keiner konnte es sehen. Irgendeine Festivität, meine Mutter kochte hinten auf der neuen Terrasse, die erst nach meiner Kindheit gebaut worden war, für mal eben 100.000 Menschen. Wir gingen an ihr vorbei, ich wollte mit der Polizistin in mein Kinderzimmer, um dort bestimmte Fragen zu erörtern. Aber wir kamen nicht so weit. Sie meinte plötzlich, gehen zu müssen. Ich sah sie durch das Gasthausfenster vorne auf dem Parkplatz stehen, und die ganze Szene machte den Eindruck, als sei sie ein ungebetener Gast, der das Haus nicht betreten dürfe. Als hätte sie es nie betreten. Keine Antworten, keine Fragen besprochen. Aber stattdessen hat sich meine Mutter ebenfalls einen neuen Termin bei ihr geben lassen: „Ich muss ja wissen, worüber ihr geredet habt!“.

Jetzt folgt noch ein zweiter Traum, von dem ich bereits nichts mehr wusste. Ebenfalls gleiches Datum.
Mit irgendwem war ich unterwegs. War wohl noch Kind oder Teenie. Dann war ich allein, wohl oder übel erwachsen und fuhr mit zwei großen Fahrrädern, einem roten elektrischen Kinder-Cabrio und meinem Rollator. Die Bundesstraße runter in Richtung Königsdorf durch den Wald, unten in die pannonische Ebene hinein, drehte dort wohl eine Runde und fuhr denselben Weg die Bundesstraße zurück. Zuvor hatten ja noch Freunde oder irgendwelche Bekannte (allesamt erwachsen) die Fahrräder gefahren. Aber nicht nur dass ich nun mit diesen ganzen Gerätschaften alleine war, etwa 1 km bevor der Wald beginnt, bevor es den Hügel hoch geht in Richtung Gasthaus, begann es zu der man. Das Unternehmen sollte doch ein positiver Start sein, ein gutes Zeichen, wieder zu trainieren, mein Leben selbst in die Hand zu nehmen, der MS etwas entgegenzusetzen. Und dabei schien ich nun allem Anschein nach die Zeit aus den Augen verloren zu haben. Es konnte ja wohl kaum Absicht sein, dass jemand am Himmel das Licht ausgeschaltet hat, oder…?
Spätestens am Wald, an der Steigung angekommen, war zappenduster. Ich hatte keine Beleuchtung an meinem Rollator. Mein Handy funktionierte nicht. Ich musste mich, musste meine Ängste überwinden und irgendjemanden anhalten, um um Hilfe zu bitten. Da kam mir ein Wagen, voll gestopft mit jungen Leuten, entgegen, hinten dran ein Anhänger und sie wollten mich sofort aus meiner misslichen Situation befreien. Denn ich allein, in dem dunklen Wald, der Bundesstraße, wo uns doch damals, als ich 16 war und den elfjährigen Nachbarsjungen dabei hatte, jemand einpacken wollte… Und das aber am helllichten Tag!!!… Wie gefährlich würde es dann nachts für mich als hilfloser Krüppel, erst recht weiblichen Geschlechts sein??
Sie packten die ganzen Fahrräder und das Kinderauto auf den Anhänger und fuhren nun aber in die entgegengesetzte Richtung, zurück in die Ebene, zurück zum Bach und dann zum Fluss.
Wir bogen rechts ab, in den kleinen Güterweg den Fluss entlang. Aber da war kein Asphalt mehr! Stattdessen ringsum nichts als Mais!!! Mannshoher Mais!! Dort hinein geschlagen eine schmale Schneise. Ich war zu Fuß. Hatte ich einen Stock? Keine Straße, kein Asphalt, und dennoch rasten permanent Autos an mir vorbei. Ich musste unaufhörlich links oder rechts tiefer in den Acker hinein klettern, um nicht überfahren zu werden. Was sehr beängstigend war, und erst recht nicht darauf vorbereitet, auf was ich scheinbar in der Mitte vom Acker stieß: Da war ein Guru!! Eine Mischung aus Markus und einem Osteopathen, zugleich Esoteriker und Sektenführer einer Art Hare-Krishna-Vereinigung, die es sich zur Aufgabe gemacht hatte, Krankheiten auf den Grund zu gehen und diese zu heilen. Er war soeben dabei auf der anderen Seite von dem seltsamen Pfad einen Tempel zu errichten. Eine Aztekenstatue war bereits zu sehen. Es sollte ein Zentrum der Heilung werden. Und dann kam ich gerade um die Ecke, das perfekte „Opfer“ oder der perfekte „Nutznießer“? Kaum hatte er mich in seinen Fängen (das klingt so negativ, soll es aber gar nicht… alles war nur irgendwie seltsam), begann er mich zu analysieren. Erst schossen seine Assoziationen ins Leere. Aber dann hat er mich wohl berührt! „Du musst unbedingt nach Wien!! Da gibt es seit einiger Zeit eine Heilung für deine MS!!!“.
Völlig paradox, wie ich nun reagierte! Ich brach in seinen Armen förmlich in mich zusammen! Konnte mich nicht mehr auf meinen Beinen halten! Ich weinte! Dann schrie ich laut!! Lauter und lauter: „ICH DARF NICHT GESUND WERDEN!!! ES DARF MIR NICHT GUT GEHEN!!! DAS DARF ICH MEINEN ELTERN NICHT ANTUN!!!“; lauter und lauter, als könne ich mich damit selbst bereits vernichten. Ich riss mich los. Weg, nichts als weg!!! ICH MUSS STERBEN! ICH MUSS MICH UMBRINGEN! ANSTATT GESUND WERDEN ZU DÜRFEN MUSS ICH MICH UMBRINGEN!!!…
War es auf dem Weg zum Guru oder auf der Flucht von diesem? Während ich ständig den Fahrzeugen ausweichen musste? Zudem sei auch noch erwähnt, da patrouillierten lauter Soldaten. In meinem Schädel manifestierte sich die Angst, beobachtet zu werden, schon die ganze Zeit, zudem konnte ich mich kaum noch bewegen, kam kaum vom Fleck. Irgendwer könnte mich weiter in den Acker hineinschleifen. Damit er mich dort vergewaltigt. Die Angst nicht abschütteln könnend, redete ich sie mir schön, ganz pragmatisch: „Dann habe ich es wenigstens ENDLICH hinter mir! Niemand kann mehr sagen, ich wurde nicht missbraucht. Wenn er mich dann auch noch umbringt, umbringen sollte… Auch gut…“.
Szenenwechsel. Wieder stand ich am Beginn des Waldes. Bereits ein paar Schritte die Bundesstraße hoch in diesen hinein. Aber es war helllichter Tag. Das Licht wieder angeschaltet. Ich saß auf einem Fahrrad. War erwachsen, der Drahtesel normal. Aber hinter mir stand meine Mutter und hielt mich fest. „Lass mich los!“, und ich trat in die Pedale -ich schüttelte sie ein Stück weit ab. Dann stand mein Vater hinter mir. Sie hatte zu ihm gesagt, er solle dann eben die Aufgabe übernehmen. Die „Aufgabe“? Er hielt mich wie ein Vater, der seinem kleinen, ungeschickten und dummen Kind das Fahrradfahren gerade erst beibringt. Auch davon riss ich mich los, ich wollte nicht, dass er mich berührt, und Sebastian sagte nur (wie am Morgen nach der Geburtstagsfeier bei seiner Oma, als mir diese beim Schmieren einer Stulle helfen wollte): „Sie will das alleine machen! Lasst sie! Sie wird dann schon um Hilfe bitten!“.

Mittlerweile ist es 15:16 Uhr! Für zwei Träume in einer Nacht! Die abschließende Korrektur, das Überfliegen noch nicht einmal eingeschlossen! Ich bewege mich überhaupt nicht, alle möglichen Stellen an meinem Körper beginnen zu schmerzen. Mittlerweile mit einer dicken Schicht Weidensamen dekoriert, unfähig, auch nur die Maus zu betätigen. Und doch: Es bedurfte lediglich kleinster Stichpunkte, um die Träume wieder aufrollen zu können. Erstaunlich.

Heute Nacht im Traum ein Filmchen nach dem anderen. Unklar, ob ich meine nächtlich festgehaltenen Hieroglyphen überhaupt entziffern kann… Ganz abgesehen vom stumpfen Buntstift und bei Traum zwei der plötzlichen Komplettlähmung meiner Rechten.
Ein Zettel fehlt und ich kann nicht denken. Da helfen die restlichen Teile auch nicht, um den Anfang aus der Versenkung auftauchen zu lassen… Oder?

Ich machte Therapie mit Markus. Per Computer, per Tablett, per Haustelefon. Ich wohnte im Gasthaus und saß im alten Wohnzimmer. Aber ständig kam irgendein Gast herein oder von draußen hörte ich jemanden laut schimpfen. Da war keiner, der aufpasste, der bediente. So sah ich mich gezwungen immer wieder unter Flüchen meinerseits hinter die Theke zu gehen und Leute abzufertigen. Eine Störung folgte nach der anderen. Aus irgendeinem Grund (vermutlich wollte ich Sport machen) ging ich mit dem Telefon in der Hand durch die Hintertür, quer durch den Garten, während Markus immer wieder in Monologe verfiel, die nichts mehr mit mir zu tun hatten, einem falschen Pfad folgten, Tatsachen verdrehten. Ich wurde immer zorniger, wütender, verzweifelter. Mir war ohnehin längst alles zu viel!!! Mir wuchsen meine unzähligen Träume über den Kopf, von denen ich noch keinen einzigen diktiert hatte, sowie mein Video, das Bild, das Malen allgemein…!!!! Entweder wollte ich mich umbringen oder einen radikalen Bruch geschehen lassen!!! Ich schrie, in den Hörer hinein, während er redete und redete, wie eine Wand und nichts von all meinem Geschrei hörte. Er kam zu keinem Ende, keine Atempause!! Dementsprechend brüllte ich immer lauter! Zudem nebenher immer noch unterbrochen von anderen Leuten, die meinen Weg kreuzten. Ich kletterte unten über den Zaun, wie damals immer als Kind, runter zum Zebrastreifen, überquerte die Straße, die Bundesstraße entlang, wieder in Richtung Königsdorf. Zumindest bis zur Einfahrt von mehreren Häusern. Dort wohnte nun Petra, meine Freundin aus Kindertagen und Schulkollegin. Sie stand einfach an der Straße und machte mir Vorwürfe. Währenddessen immer noch Markus in der Leitung. „Was fällt dir ein? Du hast mein Leben ruiniert! Wie kannst du nur solche Sachen, solche Unwahrheiten über mich bei Facebook verbreiten?!! Du bist das Letzte! Ich werde das Gleiche auch mit dir machen! Mal sehen, wie sich das für dich anfühlt!“. Ich war irritiert, konsterniert und zugleich fiel mir etwas ein. Hatte mir Sebastian nicht in diesem Traumuniversum zuvor davon erzählt, seit Tagen würden Facebook-Profile gehackt, millionenfach, und hatte es nicht auch seines erwischt? Wie lange habe ich meine Seite schon nicht mehr angesehen? Wer weiß, was dort passiert! Und davon versuchte ich sie nun zu überzeugen, aber es dauerte, ehe sie zustimmte, mit mir nach Hause ins Gasthaus zu gehen. Wollte ihr dort meinen Verlauf zeigen, dass ich definitiv seit Monaten nichts mehr mit Facebook zu tun gehabt hätte. Wieder zurück im Wohnzimmer meinte Markus wohl zu mir, er sei so schwer krank, er hätte im wahrsten Sinne des Wortes einen Genickbruch und könne die Sitzungen nicht weiterführen. Ob ich dafür Interesse hätte, mit seinem Kollegen einen Versuch zu starten. Ich willigte ein und war erst recht erstaunt, als ich zu hören bekam, wer denn dieser ominöse Kollege sei: „Lamictal! Die nächste Zeit nimmst du jeden Tag 40 mg, schlimmstenfalls mehr!“.
Da war Schluss mit aller Freundschaft: „GANZ SICHER NICHT!! ICH FRESSE KEIN ZEUG, DAS MICH WIEDER FETT WERDEN LÄSST!!!“. Er versuchte mich noch zu überzeugen, aber ich wollte einfach nicht mehr. Vermutlich wollte ICH es sein, die die Therapie abbricht. Und nicht Diejenige, die vor die Tür gesetzt wird!
Wieder wird es absurd: Meine Mutter war nicht begeistert, dass ich nun keine Therapie mehr machen würde. Oder war es schlichtweg der beste Moment, um das Ruder an sich zu reißen? Sie redete auf mich ein, wollte mich beinahe zwingen, zu dem Therapeuten zu gehen, den sie selbst kennen würde. Irgendein Bekannter wäre bei diesem bereits in Behandlung. Natürlich nicht zu vergessen, dass sie das ALLES selbstverständlich bezahlen würde!!! Das Kleingedruckte ließ sie aus. Dass sie dann auch die Kontrolle über die Therapie, den Therapeuten und erst recht über mich hätte.
Vehement lehnte ich ihr Angebot ab! Das passte ihr gar nicht. Und so kam es, wie es kommen musste: Ablenkmanöver! Ich war soeben aus irgendeinem Grund am ekelhaften Kühlschrank in der Gasthausküche zugange. Vermutlich wollte ich mir etwas zu essen rausnehmen, kam aber nicht so weit. Lauter abgelaufene und erst recht unbeschriftete Lebensmittel „aus der Vergangenheit“. Ich sah mich gezwungen ihn auszuräumen. Mehr und mehr vergammelte Lebensmittel stapelten sich oben auf der Arbeitsplatte. Und an irgendeiner Stelle bemerkte ich dann, dass dort (egal wie unlogisch das war) eine Flüssigkeit auslief. War es Öl? Stinkendes, ranziges und erst recht total dreckiges Öl?! Ich kam an die Stelle nicht heran, aber es lief und lief unaufhörlich aus dem Elektrogerät, durch die Dichtung der Tür, auf den nicht minder ekelhaften Plastikboden, um schlussendlich unter den Kühlschrank zu laufen und dort weiß der Himmel was zu machen!!! Eine Verschwörung?! Ein besudeltes Geheimnis horten, komme was wolle??!!! Weil „man“ weiß, dass ich drunter NIEMALS nachsehen würde? Weil mir davor viel zu sehr ekelt???!!!
Sie war also nicht begeistert. Viel schlimmer noch: Jetzt wollte sie meine Aufmerksamkeit! Meine UNGETEILTE Aufmerksamkeit und erst recht mein schlechtes Gewissen!!
Draußen hinter der Theke stand nun die Brotmaschine. Ich hörte, wie das Gerät einmal betätigt wurde. Einen Schrei, der eher einem Lachen glich, und noch eine zweite Betätigung. Dann kam mir meine Mutter aus dem Gastzimmer in die Küche entgegen gelaufen. Sie hielt mir den rechten Zeigefinger hin. Davon fehlte die Hälfte! Oben ragte wie aus dünnem, weißem Gummi ein falscher Fingerknochen heraus, der bei jeder Bewegung wackelte. Als sei das ein Comic!! „Angeblich“ ein Unfall. Warum aber dann dieses Verhalten? Sie begann zu schreien und das Blut spritzte aus der Wunde. Spritzte mir direkt ins Gesicht. Sie hing plötzlich auf meinem Rücken wie ein kleines Äffchen, das Blut besudelte mich weiterhin von oben bis unten, erst recht meine Visage. Konnte kaum noch was sehen, nicht sprechen, ich würgte unentwegt. Meinen Vater sollte ich holen. Der war draußen irgendwo und mit Holzarbeiten (???) beschäftigt. Völlig abgedreht! Auch fällt mir jetzt ein, dass diese Holzarbeiten mitunter der erste Störfaktor meiner Sitzung mit Markus gewesen sein müssen! Ich fand ihn und rief ihm zu, dass er seine Frau ins Krankenhaus bringen müsse. Aber selbst er sah nur mein beschmiertes Gesicht und lachte laut…

So wird es 15:58 Uhr, ehe ich mich dem letzten und vielleicht auch wichtigsten Traum widmen kann! Zudem sind die nächsten Wortbrocken auf den winzigen Zetteln noch unleserlicher. Als ich nach dieser Traumsequenz erwachte, war ich völlig unfähig einen Stift überhaupt zu halten. Die Hand ließ sich nicht öffnen, noch etwas umklammern. Der Arm wie tot.

Wie alles begann, weiß ich nicht mehr. Lediglich dass aus dem Treffen meiner Eltern auf zuvor schon erwähnter Terrasse plötzlich eine Art Talkshow wurde, meine Mutter der Moderator. Ich zu diesem Zeitpunkt noch in dem Raum, in dem immer die Spielautomaten standen. Doch als ich ihn verließ, über die kleine Seitentür, stand ich dort auf der Terrasse und sah meine Mutter, meinen Vater und einen mir scheinbar noch unbekannten alten Freund von ihm sitzen. Im Traum wurde er Panzer genannt. Im Traum war er aber ein alter Stammgast vom Gasthaus, der meine Kindheit (nicht negativ) begleitet hat. Und Panzer in der Tat der Spitzname eines anderen Gastes. Aber eben im Traum machte alles Sinn. Mir fällt nur nicht mehr ein, wie er damals hieß. Und spätestens jetzt beim Diktieren bin ich mir auch nicht mehr sicher, ob ich ihn nicht mit dem Sänger der EAV verwechsle, es diesen Gast nie gegeben hat.
Die drei saßen da, mit Blick zu mir, als säße ich auf der Anklagebank. [….] Da ergriff sein alter Jugendfreund aus Zeiten vom Autocrash die Sprache: „Als du klein warst, Bianca, da war eine Feier. Ich hatte in meinem Penis vorne drin einen Eiswürfel stecken, den ich selbst nicht mehr raus bekam…“.
Als ob das das „NORMALSTE“ der Welt gewesen wäre! Ich sah ihn auch bei dieser Party, nackt (zumindest unten rum) dastehen, sah den Würfel aus der Öffnung seiner Harnröhre hervor glitzern.
„Dann kamst du, hast zu mir gesagt, dass du ein braves Mädchen bist und mir helfen möchtest. Dass du viel kleinere Finger hättest und das kein Problem sei.“.
Ich sah mich als kleines Kind. Ich hatte wohl ein Kleidchen an, ein sehr kurzes Kleidchen, vielleicht war ich auch gerade mal vier oder fünf, und ging auf ihn zu…
Er fuhr fort: „Da hast du den Eiswürfel aus mir raus geholt, ihn dir einmal genüsslich in den Mund gesteckt, einmal sauber geschleckt, mit deiner Zunge wohl die Kanten abgerundet und ihn zurück in meinen Penis geschoben.“.
Ich sah mich dort stehen, als Kind, mit einem zufriedenen Lächeln auf den Lippen, als hätte ich soeben von der köstlichsten Köstlichkeit der Welt gekostet!
Darauf er, mit strengem Blick: „Hast du gehört? DU warst das! DU GANZ ALLEIN! NIEMAND hat zu dir gesagt, du sollst das tun! Niemand!!“; und er schüttelte noch traurig den Kopf, zugleich entsetzt über meine Schlechtigkeit. [….]
So oder so ähnlich. Die Parteien erhoben sich und gingen weg. Ließen mich allein. Lediglich meine Mutter sagte irgendetwas von wegen „das nächste Missbrauchsopfer in meiner Sendung“. Was aber nicht darauf schließen ließ, ob sie jetzt auf meiner Seite war oder nicht.
Ich erwachte voller Grauen. Atemlos, mit Herzrasen, mir war schlecht, speiübel. Aber zugleich auf der Zunge der Geschmack vom Eiswürfel… Undefinierbar. Als hätte auch meine Zunge dissoziiert. Und ein leckeres Fruchteis daraus gemacht? Oder lediglich die Kälte abgespeichert?

Es ist 16:26 Uhr. Ich muss mich erst abschütteln, um ins Haus gehen zu können. Und wie ich mich kenne, haben all diese Träume morgen spätestens keine Bedeutung mehr…

19:11
Die Korrektur frisst etwa eine weitere Stunde. Kaum vor dem Notebook Platz genommen, begann für die Stechmücken das große Festmahl. Noch einmal zurück ins Haus, ein Räucherstäbchen angesteckt und mitgebracht. Dieses hat mich bis jetzt in einer Rauchwolke verhüllt; keine einzige Belästigung folgte. Ich bin weit weg von den Träumen. Alles, woran ich mich augenblicklich aufhänge, sind Unordnung und Dreck im und ums Haus. Der Ischias schmerzt, der Rücken schmerzt, Nacken und Schultern völlig verspannt und ich darf wohl froh sein, gestern bei der Heimfahrt den größten Teil mit dem Kopf auf dem Tisch verschlafen zu haben. Kein Wunder! Die Nacht davor -wenn überhaupt- wenige Minuten geschlafen und morgens eine dreifache Dosis Tramal konsumiert. Meine Fresse, was war ich zugedröhnt! Stand regelrecht neben mir. Was äußerst angenehm war, erst recht in Hinsicht auf die ganzen Pannen, Ausfälle, die jedes Mal neue Verspätungen nach sich gezogen haben. Die Zugfahrt begann ja bereits mit 70 Minuten Verzögerung. Unterwegs wurden es weniger. Viel weniger. Wieder ein bisschen mehr. Ein bisschen sehr viel mehr. Vorletzter Stand waren 80 Minuten… Um am Schluss eine ganz andere Linie zu nehmen und sogar 1 Stunde früher als geplant zu Hause zu sein. Sebastian ein wahres Nervenbündel. Ich wirkte im Gegensatz dazu regelrecht stoned.
Die ganzen Angstzustände, die überschäumende Panik, in Hinblick auf die Heimreise und erst recht Ankunft zu Hause, waren zum Glück (bis jetzt) Schall und Rauch. Aber wer weiß schon, was noch kommt? Der linke Unterarm oberflächlich verheilt. Zurückgeblieben dunkelrosa Striche, hundertfach, akkurat nebeneinander und zugleich sich -teilweise nach Anarchie rufend- kreuzend. Eine schöne Fläche für das nächste Schlachtfeld.

Meine Haare müssen gewaschen werden. Vielleicht gehe ich noch ein paar Schritte, bevor ich dem Abend den Rücken kehre. Als wir gestern irgendwann vor 22:00 Uhr nach Hause kamen, ums Haus herum alles voll mit Glühwürmchen… Es war so schön, so ein beinahe Freude auslösender Empfang… Bis Martha auftauchte und nun mit dem anderen Bein stark humpelte…

Vielleicht noch eine kurze Zusammenfassung: Meine Hände sind unbrauchbar. Meine Beine dick geschwollen. Ich werde nicht malen können. Und erst recht froh sein müssen, die Maus und vielleicht noch die Tastatur so weit betätigen zu können, um ein wenig mit dem Video voranzukommen. Die Kamera zu halten ohnehin nichts als Utopie, und die Frage, ob das nun alles der Hitze geschuldet ist, mitunter dem Durchfall, den Strapazen der Reise, ob ich einen Schub habe oder alles nur psychisch…

30. April 2018, Montag

8:35
Eine schwache Hand greift nach den Farbgläschen…

DU FETTE SAU, SCHÄME DICH!!

59,6 Kilo um 6:45 Uhr. Zum Abendessen gab es grünen Spargel, eine gekochte neue Kartoffel und fettreduzierte Sauce Hollandaise.

Vergiss die halbe Tafel Schokolade nicht!!

Dieselbe schwache Hand kann die schwere Farbflasche kaum über dem Schälchen halten. Eigentlich nur noch darauf warten, mich mit der Farbe von oben bis unten zu bekleckern. Die Flasche für das Weiß ist zwar leichter, aber die Farbe macht sich selbstständig und landet zur Hälfte auf dem Tischtuch. Dabei sollte der Eintrag anders beginnen…

Träume, Träume, Träume. Drei an der Zahl, obwohl der Erste am wichtigsten erscheint. So ich ihn jetzt überhaupt rekonstruieren kann… Als ich erschrocken aufwachte, war noch alles klar, erst recht die Angst, der Ekel, all die negativen Gefühle, die sich auf Sebastian übertrugen, obwohl dieser überhaupt nichts dafür kann!

Alles spielte sich im Gasthaus ab (wo sonst). Sebastian und ich schliefen oben in meinem Kinderzimmer (nebenher den Glasdeckel einer der Petrischalen unter den Tisch und außerhalb meiner Reichweite befördern). Ich erwachte um 5:00 Uhr morgens und hielt es im Bett nicht mehr aus (mittlerweile sind 10 Minuten nur für die farbliche Sauerei drauf gegangen). Es war noch dunkel, als ich den Raum verließ, ihn schlafend zurückließ und die Treppe hinunterschlich, ins Gastzimmer.

[…..]

Ich rannte die Treppe hoch, er mir dicht auf den Fersen. Ich sagte zu mir selbst im Traum: „Jetzt folgt das, was immer folgen muss! Ich muss unbedingt die Tür abschließen! Ich muss es schaffen!“. Ich stürmte durch die schon mehrmals weiß lackierte Tür, die voll mit Farbnasen war, an manchen Stellen abgestoßen, drehte mich in Windeseile im Zimmer um, sah aber plötzlich eine Kinderhand nach der Türklinke greifen, diese alte Türklinke, machte die Tür zu, das Herz schlug mir bis zum Hals, ich atmete nicht mehr… Und drehte den Schlüssel einmal herum!! Just in dem Augenblick polterte es gegen die Tür, aber sie blieb zu! Vorerst. Sebastian war nicht mehr im Zimmer. Ich kann auch nicht sagen, ob das jetzt auch noch zusätzlich die Möblierung aus Kinderzeiten war.

Dann wachte ich voller Panik schweißgebadet auf! Und glaubte, nicht mehr einschlafen zu können, zu dürfen, um ja kein Detail zu vergessen!

Zweiter Traum: Ich sehe mich die Treppe nach oben laufen.

[…..]

Und ich hatte nur noch Angst, wieder nach unten zu gehen.
Entweder in diesem oder dem letzten Teil hatte mein Kinderzimmer plötzlich keine normale Tür mehr. Lediglich eine braune Schiebetür. Und ich konnte mich bemühen, anstrengen, konnte machen, was ich wollte! Sie hatte keinen Riegel mehr! Da war auch keine Klinke, nur so ein Loch aus Metall, in das man hinein fassen konnte, um die Türen dann zu verschieben. Ich versuchte es immer und immer wieder… Die Invasoren von draußen schafften es jedes Mal ohne große Mühe in meine Sicherheitszone.

Letzter Traum, in Auszügen: Das Gasthaus war zum Restaurantimperium herangewachsen. Die Zeit um 1900 wurde nachgestellt und meine Mutter sagte, wenn ich nun nicht mehr zur Schule gehe, nur noch zu Hause bin, muss ich gefälligst auch mitarbeiten. „Du wirst dem Papa in der Küche helfen, mindestens 20 Stunden die Woche! Wirst Geschirr spülen und die dreckigen Bürsten schrubben!“. All die Sachen, von denen ich mittlerweile heftige Aversionen entwickelt habe, die ich jetzt aber nicht mehr aufzählen kann. Dabei hatte sie einen strafenden Blick in ihren Augen. Sie funkelten mich regelrecht an! Ich wurde umgezogen, von einer Zimmerzofe in irgendwelche Gewänder gesteckt, und all das Erklären, dass meine Hände gelähmt seien, blieb fruchtlos! Da waren noch lauter Schwarze, Sklaven, Flüchtlinge, allesamt in gleicher Sträflingsmontur (zugleich gepaart mit einem Hauch von Kleidung, wie man sie von Kellnern kennt). Die Ketten an Händen und Füßen fielen keinem auf. Überall wurden Menschen gefoltert und wenn sie nicht funktionierten, umgebracht. Unten sah ich meinen Vater in der Gasthausküche stehen. Jetzt war sie nur viel größer und er ganz allein dabei, Fleisch zu braten.
[…..]

Aus Versehen blaue Farbe erwischt. Während des Diktierens ohnehin nur Mist produziert, wenn überhaupt irgendetwas. Als ich vorgestern auf der Rückkehr von meinem Ausflug meinte, den ersten Pirol gehört zu haben, und nicht wieder einmal dem Star auf den Leim gegangen zu sein, hatte ich recht. Nun ist er unten im Graben zu hören, laut und deutlich. Nach meinem Ausflug gestern hatte ich sogar die irrwitzige Idee (wieder einmal), nun wirklich unten an der Straße eine Tafel mit „Galerie“ aufzustellen… Aber man frage bitte nicht, welcher Donnerhagel anschließend auf mich hernieder prasselte!!! Jeder meiner Sätze wurde in meinem Kopf verdreht, mir zur Last gelegt. Ganz abgesehen von der Panik, nicht wissend, ob Mieke nun käme oder nicht, und je länger ich wartete und wartete, desto stärker die Ängste, desto lauter das Täterintrojekt. Meine Bewegungen fahrig, unkontrolliert, zittrig, zu schwach und ohne jegliches Gefühl für Abstand… Licht eingeschaltet und dabei die offene Blechdose mit den ganzen Tabletten gen Boden befördert. Sebastian ungemein auf den Nerv gegangen. Die Beschimpfungen wurden immer heftiger, immer lauter; zu seinem Leidwesen. Von mir spreche ich gar nicht erst…

Dabei war ich gestern tatsächlich ein paar Schritte draußen, die halbe Einfahrt, um auf der Bank Pause einzulegen, und diese mit drei Physioübungen für die Halswirbelsäule konstruktiv zu nutzen. Nach einer kleinen Weile vor der Glotze mit einem Apfel im Gepäck die nächste Ausfahrt gestartet. Ich stand eine halbe Stunde am Straßenrand vor einer Baumgruppe, in der sich ein Kuckuck einen Spaß draus machte, mich zum Narren zu halten. Aber wenigstens die Straßenleichen ließen sich filmen… Mieke kam nicht. Auf meine letzte Mail hatte sie vor dem Wochenende ohnehin nicht mehr geantwortet, in der ich die Uhrzeit und den Tag vorschlug für unsere Teesession. Ab heute kommt die Volkshilfe auch erst um 13:00 Uhr. Der Vormittag ist mir heilig. Wenn das aktuell auch die einzige Zeit des Tages zu sein scheint, zu der Malen überhaupt möglich ist…

Hatte gestern Abend heftige Kopfschmerzen. Auch heute stürmt es, noch schlimmer als gestern, aber mich wird trotzdem nichts im Haus halten. Ich bin wieder einmal erstaunt und zugleich entsetzt von meinem Ausflug zurückgekommen. Selbiges Bild zeichnete sich auch samstags beim Einkauf ab. Jeder ist sich selbst der Nächste! Keiner lächelt, keiner ist freundlich, keiner achtet auf den anderen, geht mal einen Schritt zur Seite… Und eben gestern grüßte ich zu 50 % vergebens. Die Leute, die mich kannten, mal ausgeklammert. Noch amüsanter die Tatsache, was das Verhalten von Pärchen auf Fahrrädern betrifft. Der Mann fährt grundsätzlich immer voraus, grüßt mitunter. Die Frau hingegen bummelt mit Abstand hinterher, und, wie die eine Dame gestern, sieht mich bitterböse an. Wählt sicherlich FPÖ und möchte nebst Flüchtlingen auch alle Krüppel bald in einem Internierungslager sicher verwahrt sehen!
Zweite Theorie: Sie traut ihm nicht und jedes weibliche Wesen ist zum Feindbild erklärt. Aber wenigstens die Kinder lernen noch zu grüßen; ein kleiner Hoffnungsschimmer. Nur hoffen, dass sie nicht so dumm wie ihre Eltern werden…

11:38
Meine Idee, ihm entgegen zu gehen, scheint nun verworfen. Beim Zähneputzen kurzerhand davor auch noch die Haare gewaschen. Wenn der Wind nicht wäre…
Oder aufs Laufband? Und nur kurz vor die Tür, wo es windstill zu sein scheint? Damit meine hässlichen Granen trocken sind, bevor er geht?

Der neue Computer wurde gerade geliefert. Zitat Sebastian: „Jetzt bin ich sogar am Überlegen, ob nicht ICH den nehme und du bekommst meinen Alten…“. Mir egal. Hauptsache das Sprachprogramm verleitet ihn nicht zum Absturz, ebenso das Videoprogramm. Die Stunde, während die Volkshilfe hier ist, werde ich sicherlich nicht im Haus bleiben. Obwohl es heute wieder Andrea ist… Tut mir leid.

20:36
Die Sitzung zu dritt gemeinsam mit Sebastian verlassen; Markus hätte sich wohl noch länger mit mir allein unterhalten, aber ich konnte nicht mehr. Ich schwitze, der Tee ist zu viel, die Heizdecke zu viel, obwohl ich es ohne diese mit den Rückenverspannungen kaum noch auf dem Rollstuhl aushalte.
Da war tatsächlich Panik, vor der Therapie. Die sich immer mehr zuspitzte und während unserer Unterhaltung ihren Höhepunkt erreichte -auch deswegen meine vorzeitige Verabschiedung. Sie erwürgte mich, lag wie ein nassgewordener Zementsack in meinem Magen, meinen Eingeweiden. Und vermittelte mir lediglich eine Botschaft: „ICH BRING DICH UM!!!!“.
Sebastian gerade gebeten, die Fenster zu öffnen. Ich bin fertig. In meinem Schädel scheint alles mindestens einen Widerhall zu erleben. Mir das Headset um den Hals hängen. Es ist kaputt, wie auch das Aufladekabel meines uralten Handys. Die Hand klimpert und klimpert verzweifelt vor sich hin. In mir der Gedanke, ich sollte es zumindest mit den Einzelteilen für meine Animation versuchen. Aber selbst diese Überlegung heizt die Ängste an. Was ist denn jetzt los? Was ist anders? Oder hat sich in den letzten drei Tagen bereits abgezeichnet, dass die Wirkung nicht lange anhalten würde? Könnte mit dem Videoschnitt beginnen, könnte das letzte Videomaterial katalogisieren, könnte, könnte, könnte… Und bin dabei doch völlig gefesselt, versteinert, gelähmt und wie vor Angst erstarrt.

Mein Ausflug währte nicht lange. Ich kam gerade 1 km weit, um dort verärgert feststellen zu müssen, dass die Kamera sich nicht aufgeladen hatte. Blöd wie ich war den Ersatzakku zu Hause vergessen. Und da wäre ja noch der Wind, den man eigentlich einen waschechten Sturm nennen müsste. Dass mein Schädel am Rotieren ist, kein Wunder? Ich versuchte es dann noch einmal die Straße runter, nachdem ich den Akku ausgetauscht hatte. Aber es war sinnlos. Zwar warm, aber mit dem Getöse nicht auszuhalten. Sodann auf dem Sofa vor der Glotze versauert. Mir so wertlos vorkommen. Als hätte ich den ganzen Tag vergeudet. Aber ich habe 2 Stunden gemalt und bin anschließend noch hinaus, die halbe Einfahrt runter und wieder zurück. Wird dennoch nichts daran ändern, dass meine Füße und Sprunggelenke auch heute dick geschwollen sein werden. Irgendetwas in mir versetzt mich in einen schockgefrosteten Zustand. Mein riesengroßer Bauch ragt weit hervor und macht keinen Hehl daraus, was für eine fette Sau ich bin. Jeden Abend bei Betreten vom Schlafzimmer all die Klamotten in meinem Kleiderregal registrieren müssen. All das, was jetzt mit diesem widerwärtigen Speckbauch nicht mehr passt. Oder „man besser nicht tragen sollte“. Weil ständig alles kaputt gehen muss. Ich es nicht anders verdient habe…

Markus schwor Sebastian darauf ein, was ihm in den nächsten Wochen blühen könnte. Also mit mir blühen könnte. Wiederholte mehrfach, dass die Suizidalität einen neuen Gipfel erreichen könnte. Und machte schlussendlich seine Ankündigung wahr: Zumindest vorerst die nächsten zwei Wochen täglich eine Sitzung, pro forma 1 Stunde, außer es bedarf mehr Zeit. Meine Hand hört nicht auf zu klimpern. Mein Körper tut so, als seien die beiden gekochten Kartoffeln mit Schale ein riesengroßer Gänsebraten gewesen, schön salzig und die Sauce mit Fettaugen verziert!!
Heute sei Walpurgisnacht, meinte Margit, als ich sie nachmittags vor ihrem Haus traf. Vollmond und ich solle hinausfahren, um die Energie zu tanken…
Mich bedrückt eher die Angst, dann nicht schlafen zu können.
Im Kopf hätte ich alle Details fertig, müsse sie nur noch zu Papier bringen, Sebastian hat mir sogar Photoshop mitgebracht, also alles wäre bereit für meine geplante Animation. Aber ich stehe mir selbst im Weg, mir dabei einredend, ohnehin der Lähmung wegen nichts zustande zu bringen.

11. April 2018, Mittwoch

8:39
„Wie ruiniert man einen Vormittag mit einem einzigen Wimpernschlag?“…

Darf man noch als gnädig bezeichnen, Frühstück und Morgensendung beenden zu dürfen? Ich wollte soeben die Arbeit aufnehmen. Stattdessen darf ich mir das Gemeckere der Notrufstation anhören. Etwa alle 5 Minuten informiert mich der Kasten darüber, nicht verbunden zu sein. Lautstark. Was ebenfalls toll ist: Nun werde ich mir erst recht der Unordnung alleine auf der Sofalandschaft bewusst und erst recht, WIE abhängig man mittlerweile vom Strom ist! Ein beinahe choreografiertes Klacken geht durch den ganzen Raum und sicherlich 30 unterschiedliche Gerätschaften werden ausgeschaltet. Kein Strom. Wir haben kein Unwetter und auch die Uhrzeit ist doch immer dieselbe, der Weg zum Sicherungskasten wäre überflüssig; also darf ich davon ausgehen, dass der Stromanbieter wieder irgendwelche Arbeiten am Netz durchführt. Das kann schnell gehen. Schlimmstenfalls bis kurz vor Mittag dauern.

Ich hatte recht! Dieses Mal auf die Uhrzeit geachtet und es sind tatsächlich exakt 5-Minutenabstände. Jetzt darf ich dem Wind zuhören, wie er durch die wertlose Dunstabzugshaube pfeift. Jedem einzelnen, beschissenen Flugzeug darf ich meine Flüche hinterher schicken. 59,5 Kilo um 6:45 Uhr. Abstruse Träume. Von Leichen, Leichenbergen auf dem Zebrastreifen unterhalb vom Gasthaus. Das Überqueren der Straße war tödlich. Aber ich weiß nicht, ob diese Menschen überfahren wurden oder eher im übertragenen Sinne „Leichen im Keller“ entsprächen. Waren es Zombies? Halbtote? Ich musste an diverse Dokumentationen über Konzentrationslager nachdenken. Da das eine riesengroße Sauerei bedeutete, hatte irgendjemand die Leichen erst auf die Bushaltetasche geschoben. Etwas später waren die Kadaver 3 m weiter oben auf dem Hügel hinter der Thujahecke verschwunden. Irgendjemand hatte sie verschwinden lassen. Interessant… Aufs Grundstück vom Gasthaus? Lediglich ein halber Kopf und ein Arm waren von der Straße aus zu sehen. Auf dem Asphalt selbst waren nur noch Flecken zu erkennen und kurz lag da vielleicht auch noch eine Hand. Die Raben würden sich darum kümmern und „kein Hahn danach krähen“! Ich war mit Birgit und meinem Hund spazieren. Im Feuerwehrhaus gab es ein Dorfmuseum, voll gestopft mit Reliquien aus dem Gasthaus. Eigentlich war es das Museum meiner Mutter, wenn man so möchte. Ich wollte laufen. Ich lief, ganz langsam, sodass Birgit ruhig neben mir her gehen konnte. Kreuz und quer durchs Dorf. Dreh- und Angelpunkt, wer hätte es gedacht, das Gasthaus. Ich bekam Erinnerungen, gemischt mit einem mulmigen Gefühl. Auch jetzt gerade ist es nicht anders. Der seltsame Lichteinfall. Semesterferien oder unter der Woche krank und zu Hause von der Schule? Ich sah Stücke, die früher im Kurzwarenladen meiner Großeltern verkauft wurden. Eine Mappe, einen Stift, um den Papier gewickelt war wie bei einer Zigarre. Ich erzählte Birgit, als Kind bereits einmal druntergekuckt zu haben. Nun rollte ich das Papier erneut auf. Es war unheimlich. Ich hörte das Raunen des Windes im leeren Gasthaus. Ich hörte dieses eine Musikstück von Lisa Gerrard, bei dem ich mich immer als Kind genau in dieser Situation im Gastzimmer allein und verloren stehen sehe. Mir wurde schlecht, mir wird schlecht. Irgendwo unter dem Papier befand sich ein Zeitungsschnipsel von 1980, exakt zwei Wochen nach meiner Geburt. Aber darauf stand nichts Wichtiges. Werbung? Aktien? Definitiv etwas, womit ich nichts anfangen konnte. Weil ich noch nicht so weit bin, die Zeilen zu lesen? Oder weil ich enttäuscht war, dass meine Eltern für mich keine Zeitkapsel angelegt hatten?

Es dreht sich doch alles um diese paar Erinnerungsfetzen: das leere Gasthaus, irgendwelche Vorbereitungen für den Ballettunterricht, das „Spielzimmer“, welches meine Mutter uns unten in der alten Bar eingerichtet hat. Das „Spielzimmer“, welches sie später auf dem Dachboden zurecht gemacht hat. Den markanten Geruch von Bar und Dachboden in der Nase. Dahinter, drumrum IMMER dieses Pfeifen des Windes und das Gefühl, völlig allein gelassen zu sein am Tag. Alle sterben. Vielleicht rührt daher die Angst. Oder geht eben noch tiefer… Das Licht draußen, wie vormittags in der Gasthausküche vor der großen Glasfront, auf dem Hocker an der Arbeitsplatte sitzend. Einfach nur froh, dass Stille herrscht, keine Gäste, kein Trubel. Aber zugleich ein bedrohliches Gefühl, als ob diese Stille selbst etwas Bedrohliches in sich birgt.

Wenn alles still ist, du selbst still bist, hört dich niemand schreien. Stille kann ohrenbetäubend sein. Stille kann wie Watte sein und alles verschlucken. Dunkelheit und Stille werden zu einer zähen, schwarzen Flüssigkeit; erst bleibst du nur stecken, dann versinkst du langsam, manchmal über Jahre hinweg, ehe du einen letzten Atemzug tust und endlich untergehst. Du bist tot. Und lebst doch noch, irgendwie. Aber du erinnerst dich nicht mehr daran, wie die Sonne schmeckt. Auch weißt du nicht mehr, an welcher Stelle sich Dunkelheit und Stille gegen dich verschworen haben. Wann wurde dieser Pakt geschlossen? Wann wurden Dunkelheit und Stille zu einer Flüssigkeit, die in jede deiner Poren eindringt, dich kontaminiert, vom Scheitel bis zur Sohle, keinen noch so winzigen Fleck an dir „unberührt und rein“ lässt?

Du bist besudelt. Du bist Schmutz. Bist der Inbegriff von Dreck. Du kannst nicht mehr denken. Leichen denken nicht…

Das könnte ich nun ewig so fortspinnen, erneut würde so ein Monolog das Produkt sein, welches ich bereits vor 20 Jahren von mir gab, mehr oder minder in der gleichen Form.
Draußen ruft der Kuckuck und die Sonne scheint sich gegen die Wolken zu bewähren. Nach draußen fahren und hoffen, den Kindermörder zu erwischen? Ich fühle mich schlecht. Schuldig. Warum arbeite ich nicht? Ich könnte es zumindest ohne Vorlage versuchen. Pro forma ein paar Grundierungen anbringen. Aber ich tue es nicht. Bin wie gefesselt, versteinert, gelähmt und völlig unbeweglich. Dafür hasse ich mich. Muss mich jetzt hassen; hatte ich doch gestern Nachmittag genug Schlaf! Wie paralysiert den ganzen Hass auf mich ein prasseln lassen. Als würde man stillhalten, würde man verprügelt. Weil man weiß, dass man es nicht anders verdient hat. Der Schrei nach Konsequenzen trägt erste Blüten; Tramal, Hydal oder Benzos? Für die Klinge zu wenig Flüssigkeit intus. Der Kasten schreit auch nicht mehr, als hätte er mich die letzten 40 Minuten belauscht. Der Ischias schmerzt, der Rücken schmerzt, ich ertappe mich selbst dabei, immer wieder die Luft anzuhalten. Ein gesunder Mensch könnte mir so viele Alternativen aufzählen… „Warum nimmst du nicht dein Handy, da ist Musik drauf und für die Zeitmessung die Stoppuhr um deinen Hals? Oder warum fährst du nicht nach draußen? Warum putzt du dir nicht jetzt die Zähne? Wieso absolvierest du dein Gehtraining nicht gleich? Für was all diese Lethargie?! Könntest auch versuchen, das Sofa aufzuräumen. So vieles könntest du… Aber eben du versuchst es ja nicht einmal!!“.
Will fressen. Dann kotzen. Der nächste ruinierte Vormittag. Was den ganzen Tag aus den Angeln heben wird; wie montags und all die Tage, die eben nach diesem Schema abgelaufen sind bis jetzt!

ARMES, ARMES OPFER!!!

Zuvor hätte ich noch schlafen können. Aber nun? Alles kaputt, alles verraucht und alternativlos…

Sei doch nicht immer so negativ!“

Selber schuld. Aber zu dem Schluss bin ich ja bereits gekommen. Worauf warten… Dass der Strom doch noch angeht und ich doch noch arbeiten kann, und nur deswegen darf ich jetzt nichts anderes machen, um meine Hand, bzw. deren Ressourcen nicht vorzeitig zu verschwenden? Alles eine Sache der Einteilung? Alles minutiös geplant? Und deshalb so fehleranfällig und erst recht zerbrechlich?

Die nächste Erinnerung. Meine Familie mit uns Kindern in einer Gaststätte in Loipersdorf. Wir sind wohl mit dem orangen Cabrio unterwegs. Ich rieche das Leder, den festen Stoff der Sitze, schwarz und weiß. Sommer. Wo ist da die Bedrohung? Sehen wir nur das UFO über unseren Köpfen nicht?…

Da wird es 9:40 Uhr, ich muss endlich eine Entscheidung treffen. Der Akku macht ohnehin nicht mehr lange mit. Außerdem trocknet mir der Gaumen aus. Ich muss mir irgendeine Form von Absolution erteilen!! Dringend! Sonst vermag ich diese Pattsituation nicht zu verlassen!! Diese blöden Arschlöcher! Ist es heutzutage zu viel verlangt, per E-Mail darüber verständigt zu werden, dass der Strom abgestellt wird? Vielleicht einen Tag oder zwei davor? Ich hätte mich besser vorbereitet!

Klar! Jetzt sind wieder alle anderen Schuld, wenn du zu faul bist, du fette Sau!!

In mir vibriert alles, wenn ich nach außen hin auch völlig ruhig hier in den Rollstuhl zusammengesunken hocke wie eine alte Frau, die auf den Tod wartet! Die Rechte klimpert immer schneller. Was habe ich gestern dank Internet gelernt? Die Zahl 4 bedeutet in vielen ostasiatischen Ländern Unglück. Wie treffend!

Das wertlose Stück Scheiße labert weiter Scheiße… HALT ENDLICH DIE FRESSE!!!

12:09
Die Reihenfolge spielt keine Rolle. Also gehe ich davon aus, erst ins Badezimmer gefahren zu sein, die dicke Fettschicht von meiner aufgedunsenen Fettvisage gewaschen zu haben. Mir war so kalt, ich hatte versucht zu schlafen. Nun endlich heißes Wasser und auf dem Rückweg einen Pullover im Gepäck. Dann schluckte ich erst etwa 20 Tropfen vom Tramal; die Pumpe war leer. Aus dem neuen Fläschchen sicherlich 30-40 Tropfen. Die Ausschau auf das Wetter draußen, mal ein bisschen Sonne mit ganz viel Wind, dann wieder nur grauer Himmel und Wind, vergrätzte mir auch noch das letzte bisschen Willen, dann eben raus zu fahren. Ich blieb am Tisch und konnte doch längst nicht mehr auf dem Rollstuhl sitzen. Ischias, Rücken… Ich nahm das Buch zur Hand, las weiter über die Multiple Persönlichkeit, stopfte mir ab und an in das Blut von kleinen Orang Utans getauchte Waffelröllchen in den Mund (Palmölprodukte) und wartete auf die Betäubung. Um 11:45 Uhr gingen alle Starkstromgeräte wieder in Betrieb. Der Rest blieb stumm. Ich drohte ohnehin schon wieder auszulaufen; schlurfte ins Badezimmer, wechselte die riesengroße Einlage und sah im Stromkasten, dass die Sicherung für die Wohnküche außer Betrieb war. Jetzt leuchtet wieder alles und ich darf mich sicher fühlen… (Ironie aus!)

Es wäre Idiotie gewesen, spazieren zu gehen. Das Handy funktioniert hier nicht und der Notrufkasten außer Betrieb. Bei meinem fragwürdigen Glück?…

Ich bin nicht betäubt. Lediglich müde. Gerade eben beim Anstecken der Kamera wäre ich beinahe umgefallen. Starker Schwindel. Spaziergänge damit für den heutigen Tag von der Liste gestrichen. Ich dachte auch darüber nach, warum ich nicht zum Zeichenblock greife, anstatt tatenlos zu sein und mich hinterher noch mehr hassen zu dürfen. Was weiß ich… Wie in mir gefangen! Während des Lesens fielen mir noch Details meines Traumes ein… Hatte ich nicht immer wieder in den Spiegel geguckt und eine ganz andere Frau darin gesehen? Und nur noch gehofft, dass der Albtraum endlich aufhört? Die Frau war älter und nicht unbedingt mit wohlproportionierten Gesichtszügen gesegnet (gestern bei der Trödelsendung eine Dame, die meiner verstorbenen Arbeitskollegen gewissermaßen ähnelte und ein total plattgedrücktes Gesicht hatte, gesehen und angestrengt darüber nachgedacht, ob sie sich hübsch findet, ob ihr Mann sie hübsch findet) und vermutlich von der Sendung inspiriert.
Des weiteren sah ich Schwarzspechte im Kampf mit Raubvögeln, doch ich vermochte die Kamera nicht zu halten, kein einziges scharfes Bild hinbekommen, alles verwackelt und verschwommen und dabei die Bewegungen der Tiere wie in Zeitlupe, nebulös und geheimnisvoll, als wollten sie mir etwas sagen… Als tanzten sie in einem Theater! Die Baumgruppe war jene hinter dem Haus. Und doch befand sie sich neben dem Feuerwehrhaus, also dem Museum meiner Mutter, und die beiden Welten passten überhaupt nicht zueinander. Als hätte man eine klare Trennlinie gezogen aus Asphalt, über die hinaus keine Geheimnisse und Erinnerungen an das Wirrwarr in dem Wäldchen dringen konnten. Sie verendeten, verwesten, verblüten, vertrockneten, wurden zu Staub auf dem heißen Asphalt, gleich nachdem sie die grüne Schwelle überschritten haben, und früher oder später vom Regen weggeschwemmt oder von braven Bürgern mit dem Besen weggefegt… Hier, wo das halbe Dorf von der Hügelkette auf der einen Seite und jener auf der anderen Seite hinab ins Tal zum Sportplatz mit dem Feuerwehrhaus daneben, darüber thronend das Gasthaus auf dem Hügel davor, gucken kann, zusehen kann… Und keiner tut was, keiner reagiert… Diese Welt von Biedermännern, links und rechts, die akkurat gepflegten Gärten um die ebenso akkurat hingestellten Häuschen, jedes mit einem Zaun umringt, alles sauber, alles fein, kein Schmutz, alles entspricht der „Norm“. Da passt dieses wilde Wäldchen aus dem Graben hier unten bei uns nicht dazu. Dort sieht man nur, was man sehen WILL! Was sozusagen in den eigenen quadratischen „Mikrokosmos“ passt. Sonst werden die Vorhänge vorgezogen. Sonst ist man nicht zu Hause. Als ob es in diesen Häusern nicht auch unzählige Erinnerungswälder gäbe, in den Köpfen der Kinder, der Eltern, die mal Kinder waren, usw. und so fort. Alles „heile Welt“!… Und dann komme ich daher mit diesem anarchistischen Chaos, dem Aufruhr, dem Durcheinander, in dem NICHTS schön und ordentlich ist, und die Welt vermag aus den Angeln zu heben… Wie kann ich es wagen! Kurzum: ICH bin der Störenfried! Also warum daraus keine Konsequenzen ziehen und das Übel entfernen?…

17:34
Eigentlich wollte ich malen, es zumindest versucht haben. Aber dann war es bereits nach 5, als ich nach Hause kam, die Verspannung in meinem Rücken dermaßen heftig, ich bekomme kaum noch Luft. Tramal, Novalgin und jetzt noch Morphium. Sebastian ist kurz weggefahren. Statt Pinsel die Rasierklinge in der Hand. Ich fühle mich so gehetzt. Die ganze Ausfahrt über Stress, Stress, Stress!!!

Die Haut wie Gummi, wie nicht durchblutet, die Hände trotz Waschen mit heißem Wasser vor wenigen Minuten erneut eiskalt. Keinen Spaß haben werden… Aber darum ging es ja eigentlich auch nicht! Den langen Armwarmer nach oben geschoben, er schiebt seinerseits die Haut zusammen. Ein Bündel aus unzählbaren Narben…

Da kommt Sebastian plötzlich herein geplatzt! Hastig alles vertuschen, ist ohnehin noch nicht viel passiert. Ein Kratzer, zwei Kratzer? Jetzt kann ich die Rasierklingen nicht mehr auseinanderhalten!
Ein Test und schnell ist klar, welche der beiden verbraucht ist. Warum ich das jetzt mache? Um Markus eins auszuwischen? Um die Betäubung zu vertiefen? Weil ich mich in einer Pattsituation wähne, aus der es kein Entkommen zu geben scheint. Außer alles zu zerstören!

Das ist doch mal ein Argument! Aber alles an mir ist wie erfroren und ich sowieso wie immer zu feige…

Es wird 17:45, 20 Kratzer, nicht der Rede wert. Die Klingendose verschwindet in der Ledertasche und da ich kein Taschentuch habe, werde ich mir das Blatt von der Küchenrolle, welches ich bereits seit Monaten zum Abtupfen meiner Pinsel benutzt habe, auf die blutige Wundfläche kleben. Die Verspannung wie ein viel zu enges Korsett. 2,6 mg Hydal. Nun versuchen, irgendwie die schwarze Stulpe darüber zu streifen. Aber es missglückt. Sollte Sebastian noch einmal hereinschneien, kann ich den Arm ja unterm Tisch verschwinden lassen.

Meine Augen wandern immer wieder nervös zur Uhrzeit. Wird immer schlechter, die Panik kreist in meinem Schädel, wirbelt wild herum, will mich aus der Fassung bringen. Dabei setzen die ersten Anzeichen der Betäubung ein. Die Angst in mir will, dass ich die Therapie abbreche. Will, dass ich endlich so tue, als sei alles in Ordnung! Es ist Frühling! Alles lebt! Ich will mich nicht über Dinge unterhalten, die nicht mehr als Hypothesen sind, Kopfkino, Fantastereien und infame Assoziationen!!! Ich bin keine Multiple! Mir ist nie etwas zugestoßen! Alles, was ich will, ist Aufmerksamkeit!!!

Mir selbst einen weiteren Grund genannt, wem oder was die 20 Schnitte dienen. Mir bleibt die Luft weg, allein beim Gedanken, erst das penetrante Rauschen der schlechten Leitung und dann seine Stimme hören zu müssen. Wieder nicht auseinanderhalten können, was meint er ernst, was ist Provokation, womit will er mich jetzt aus der Reserve locken oder ist er wirklich so verrückt… Keine Minute mehr…

20:14
Als ich gerade ins Badezimmer fahre, Sebastian liegt in der Badewanne, tut er so, als sei für mich in den zurückliegenden 120 Minuten nichts vorgefallen. Als würde man die verheulten Augen nicht sehen können. Als würde man die gedämpfte Stimme nicht hören können. Bin ich enttäuscht? Fühle mich allein? Ich weiß es nicht…

Seine erste Reaktion auf Markus‘ Wunsch, ich solle unbedingt erneut meine Invalidität feststellen lassen, um sodann ebenfalls erneut um eine Invaliditätsrente anzusuchen und bei zu erwartender Ablehnung auf einen „Härtefall“ plädieren, fällt leider für mich katastrophal aus. Er gibt eigentlich nur ein Geräusch von sich, einen Ton, der mir sagt: „Ach, ernsthaft?! Das macht doch gar keinen Sinn?!“. Abschließend versucht er sich scheinbar zu retten, sagt: „Ich kenne mich da überhaupt nicht aus,… Aber ich stehe voll hinter dir!“.

Scheiße nur: Der erste Eindruck zählt… Ich fahre wieder. Meine Haare wäscht er mir morgen früh. Ich glaube, jetzt muss ich mich erst recht verletzen. Die lange Stulpe abstreifen. Alles verschmiert, aber die Spuren glänzen auf der Haut. Würde ich den Rauschzustand noch weiter vertiefen, würden die Panikattacken nicht weniger. Ich aber vermutlich zügig einschlafen. Er sagte, er würde nicht lange baden. Reicht das aus, um behände dem verunglückten Kunstwerk noch ein paar letzte Veränderungen hinzuzufügen? Die Ohren fühlen sich ganz heiß an, pulsieren unter dem Headset. Gefühlt ist er gerade Lichtjahre von mir entfernt. Aber „ich muss ja verstehen, er ist müde, ich komme schon wieder mit der gleichen SCHEISSE wie immer um die Ecke“ usw. Ihm gegenüber nicht fair? Wieso? Ich tue ja nur mir weh.

Kaum war ich wieder vorne, höre ich wiederum ihn hinten einmal laut seufzen, ächzen oder stöhnen. Ihn gefragt, ob er mein Video heute sehen möchte. Natürlich beziehe ich die Lautäußerung wie gewohnt auf mich. Und wenn er noch so oft sagt, ich solle das bleiben lassen.

Da sind zwei offene Kuverts; welches davon enthält die nagelneue Klinge? Ist er schon aus der Badewanne raus?

Das gewählte Stück sieht zwar abgenutzt und dreckig aus, ist aber das richtige! Wieder wie ein heißes Messer in Butter… Ich hätte in der Erwartung, dass es eine Stumpfe ist, ohne nachzudenken anfangen sollen zu schneiden… Jetzt bin ich wieder befangen, zu sehr…

Beschissenes Weichei!!

Wie wahr, wie wahr… Auch die nächsten, gut gemeinten Versuche gehen ins Leere. Obwohl… Jetzt blutet es wenigstens. Wenigstens ein einziges Mal… So werden es 20. Kein Einziger von Erfolg gekrönt. EIN MAL!!…

Nummer 25 stellt mich ansatzweise zufrieden. Zudem hängt mir die Zeit im Nacken. Ich vermag die Finger nicht mehr zu strecken, um so zu kontrollieren, wie tief das Finalwerk geworden ist. Da es sich aber um die Unterseite handelt, wird es nicht lange bluten und wohl oder übel keine Narbe hinterlassen. Ehe er kommt und mich in flagranti erwischt… Vielleicht ahnt er auch, was ich treibe, und bleibt deswegen dem Wohnzimmer länger fern…?

Ich bin so eine Belastung… Es tut mir leid!

10. März 2018, Samstag „Verschwendungssucht…“

17:00
59,5 Kilo um 9:00 Uhr. Ich bin so unsagbar wütend. Wütend auf mich selbst. Ich möchte mir selbst die Fresse polieren. Mich selbst zusammenschlagen. Aber ich bin ja unfähig. Was für ein Tag, was für ein strahlender erster Frühlingstag! Und ich Stück Scheiße verschwende jegliche Chance! Nun ist alles zu spät. In 2 Stunden habe ich Sitzung. Da ist keine Sonne mehr, der Himmel bewölkt. Ich rotiere innerlich. Nichts geschafft! Ganz und gar nichts geleistet! Nichts als aufzustehen, beim Frühstück anstatt einer Hälfte vom Aufbackbrötchen noch die Hälfte von der anderen Hälfte fressen zu müssen. Ich war doch längst satt! Wir fuhren nach Fürstenfeld. Auf dem Weg dorthin die Kiebitze auf dem Acker direkt nach Gillersdorf entdeckt. Aber Sebastian fuhr dran vorbei.

Die vermaledeite Schrottkiste stürzt ab! Noch einmal: Wir drehten keine richtige Runde an diesem Einkaufszentrum, dieser Einkaufsmeile. All die Menschen, die von ihnen geschaffenen Dinge, der Lärm… Mein Blick blieb unentwegt an irgendwelchen Gegenständen oder im Nichts hängen, das Gehirn ging auf Standby. Ein dezenter Anflug von Derealisation. Und zugleich so einen Neid, auf all diese Fahrradfahrer, diese Profisportler in ihrer funktionellen Montur. In einem Café tranken wir Kaffee und ich Kakao; NATÜRLICH mit Sahneklecks obendrauf. Überquerten die Straße, er ging zu McDonald’s und ich blieb draußen, um eine Krähe dabei zu filmen, wie sie irgendetwas verspeiste.
Nachts hatte ich ihn noch gebeten, den Rollstuhl anzustecken… Ich kann ihm daraus keinen Vorwurf machen, dass er das vergessen hat. Im Café knallte die Sonne dermaßen warm vom Himmel, ich hätte meinen Poncho nicht gebraucht. Und alles was ich fühlte war: ICH MUSS UNBEDINGT DA RAUS, RAUS AUS MEINEM VERDAMMTEN KÄFIG!!! Hatten wir nicht gleich zu Beginn unserer Fahrt nach etwa 1 km ein Eichhörnchen im Wald gesehen? Ich wollte nur noch raus, wollte dorthin fahren, das kleine Nagertier beobachten, mit der Kamera erwischen! In mir wurde regelrecht alles zerrissen!!!…

Aber dann? Zuhause, bereits 14:00 Uhr, ein paar Bissen von Sebastians Pommes. Im Auto auf der Heimfahrt hat es bereits einen kleinen Milchshake gegeben, um auch nichts auf meinem Strafkonto auszulassen! Er guckte Fußball, ich wartete auf das Aufladen vom Akku, der nur noch 40 % hatte und mich nirgendwohin gebracht hätte, öffnete eine der Tüten, die ich mir bei „Müller“ kaufen musste: Dragees mit Geschmacksrichtung Tropic. Und ich stopfte das Zeug unaufhörlich in mich hinein. Obwohl da riesengroß stand, die Süßigkeit würde Rindergelatine enthalten. Währenddessen zog bereits eine Wolkenfront am Himmel auf; keine warme Sonne mehr.

Was macht die dämliche Kuh?!

Eingeschlafen!! Wie immer nach dem Mittagessen!! Verloren!! Gegen meinen inneren Schweinehund?! Gegen das verfluchte Fatigue-Syndrom?! Unfähig mich zu bewegen. In mir rumort es… Und den schönen Tag verschissen!! Nur noch 90 Minuten bis zur Sitzung. Panikattacken. Schon den ganzen Morgen über. Weil es schon wieder so spät war, so spät aufgestanden, der halbe Tag bereits vertan!! Was ist so schwer daran zu verstehen, dass „mir die Zeit davon läuft“?! Körperlich?! Aktuell in einer Verfassung wie nach meiner Überdosis!
„Tja Frau Samer, gehen Sie mal in sich!“… Ist der Zustand anders, die Qualität anders als exakt vor einem Jahr oder exakt vor zwei Jahren, oder all die verschwendeten Jahre, die hinter mir liegen, in denen ich jedes Mal dachte, im Winter einen Schub haben zu müssen?!
„Tja Frau Samer, was würden Sie sagen?!“… ICH WEISS ES NICHT!!! Ist es, weil ich bereits während der Reha nur noch mit dem Rollstuhl unterwegs war und vier Wochen lang meine Beine lediglich auf dem Laufband trainiert habe? Wegen der Erkältung, die letzten drei Tage dort? Hat diese die Sinusitis angeheizt? Hat diese einen Schub angestoßen? ODER BIN ICH AN ALLEM SELBER SCHULD, WEIL ICH DER MEINUNG BIN, ZU SCHWACH ZUM TRAINIEREN ZU SEIN??!!!

Der Tag landet im Mülleimer. Ich fresse weiter. Vor mir auf dem Tisch eine Tüte M&M’s mit Erdnüssen. So schön bunt… Dabei schmecken sie mir überhaupt nicht! Längst überlege ich, was ich mir einschieße! Bereits als wir nach Hause kamen und sich längst abzeichnete, wie auch dieser Tag verlaufen würde, in Gedanken eine Rasierklinge in der Hand und unterm schwarzen Ärmel ein paar Schnitte platziert. Um mich zu bestrafen. Weil ich der Müdigkeit wieder nachgegeben habe. Den Kampf verloren habe. Den Tag, auch wenn ich ihn mit Sebastian verbringen durfte, nicht wertschätzen kann und als vergeudet erachten muss. Die Wut in mir treibt mir Tränen in die Augen… Ach ja! Ein blasses Abendrot zeichnet sich soeben am Himmel ab… Also wobei bleibt es? Tramal und Psychopax? Sebastian geht abends aus. Noch genug Zeit, über die Rasierklinge eingängiger nachzudenken. Bei „Müller“ stand ich wohl eine gefühlte Ewigkeit vor dem Regal mit den Rasierern, den zwei Sorten Rasierklingen. Wie gebannt starrte ich die Schachtel von „Wilkinson“ an. Als die Läden ringsum plötzlich kein „Gillette“ mehr verkauften, musste ich kurzzeitig auf diese umsteigen. Die waren vergleichsweise Schrott! Da sind jene von „Bic“ noch besser…

Was wird das hier? Ein Verkaufsgespräch? Die rechte Hand… Umschließt den linken Unterarm und klimpert und klimpert, hoch und runter, immer bis vier. In der Küche herrscht ein heilloses Chaos. Als ich meine Flasche Wasser holte, kurz darüber nachgedacht, aufzuräumen. Aber der Gedanke kam bis zum Gefühl in meinem Körper, zur Unsicherheit am Rollator und wurde begraben.

Sebastian will/soll noch Abendessen kochen. Meine Güte, ich hätte mir vorher schon den Finger in den Hals stecken sollen!! Oder eben noch besser diesen langen Eislöffel, der seit sicherlich zwei Jahren in der Schultasche am Rollator verborgen auf seinen Einsatz wartet. Was ich an mir gerade so hasse? Abgesehen von der omnipräsenten „Unfähigkeit“?! Nebst dieser Kugel, die sich mein Bauch schimpft, meine mittlerweile acht Mastferkel beherbergt, die die Mastsau erwartet (und ich mir einrede, dass es hauptsächlich Luft sein muss, zwecks Verdauungsproblem wegen dem Morphium und dass die Urologen immer wieder Schwierigkeiten haben, meine Nieren mit dem Ultraschall zu entdecken, weil der Torso dermaßen aufgebläht ist, wie einer davon letztens auch sagte)?! Meine Oberarme!! Null Muskulatur, aber dermaßen fett!! Sie sehen aus, wie zuletzt während der Anorexie unter Antiepileptika, als da aber tatsächlich Ödeme waren!! Und ich hasse meine Beine, meine Füße!! Von außen trotz Stützstrumpf kann man super erkennen, wie dermaßen aufgedunsen das rechte Sprunggelenk schon wieder ist!!! HASS!!! DIESER KÖRPER IST ÜBERZOGEN MIT EINER DICKEN, FETTEN SCHICHT VON KLEBRIGEM, SCHWARZEM HASS!!!

Wenn das mal nicht nach der Klinge schreit!

Aber die wird daran auch nichts ändern… Ich muss mich abschießen! Meine Tablettendose zurate ziehen…

17:59
Mindestens 20 Tropfen Psychopax, Diazepam, in einen Mund voll mit Wasser, 2,6 mg Morphium und einer doppelten Dosis vom Tramal. Ich bin doch ein Junkie, wie? Die Zunge wie verbrannt von diesem elenden Zeug, das vermutlich hauptsächlich wieder dafür sorgen wird, noch weniger Kontrolle über meinen beschissenen Körper zu haben!
Gestern Abend das gesamte Medikamentenressort aussortiert, umgeräumt, weggeworfen. Es tat mir in der Seele weh, mindestens ein Drittel in den Müll zu schmeißen. Was waren da für schöne Substanzen dabei… Das Mirtel… Vor Jahren bereits abgelaufen. So viele schöne Psychopharmaka. Aber die eine große Schachtel mit der übriggebliebenen Menge meiner geplanten, Monate zuvor bereits vorbereiteten Überdosis behalten. Die Hand klimpert schneller. Im Süden zwischen den Hügelketten wie Wäscheleinen bunte Farbstreifen gespannt, die schneller ihre Farbe eingebüßt haben, als ihrer wirklich gewahr worden zu sein. Ich sehe mich, das Kind hinter der Garage, mit Tränen in den Augen und der Angst vor dem Tod der Mutter, der automatisch auch meinen bedeuten würde.

2017-05-27-abendkind

Vielleicht ist so eine kleine Dämpfung gar nicht so verkehrt, um in der Therapie -ohne mich wieder in hitzige Diskussionen zu verlieren- irgendwie vorankommen zu können. Mit tut gerade alles leid. Sebastian war gestern mit meiner Mutter einkaufen und anschließend noch in der Kneipe, in der sie in von ihrer Kindheit und diversen Besonderheiten im Dorf zu berichten wusste. Sie ist eine wandelnde Dorfchronik und sollte das alles ernsthaft aufschreiben, am besten in Buchform. Aber vom sterbenden Licht verkomme ich zum Kind und öffne meinen Sterbefantasien Tür und Tor. Vielleicht, mein Erklärungsansatz, habe ich diese Kinder gestern im Traum selbst missbraucht, weil ich mein inneres Kind so sehr verachte und ablehne und es noch zusätzlich bestrafen musste. Oder ich tue ihm etwas an, um am Tag mit besserem Gewissen behaupten zu können: „Da muss etwas passiert sein…“. Als müsse ich dieses durch und durch falsche Konstrukt beinahe mit krimineller Energie am Leben erhalten… Alles für die Aufmerksamkeit!

Das sage ich dir doch schon immer! Du Dramaqueen!
Aufmerksamkeitsgeile, fette Narzisstin!!
MICH GIBT ES DOCH GAR NICHT, DU PRODUZIERST MICH NUR, UM BESONDERS ZU SEIN!!!

Noch mehr Schoko-Erdnussdragees in meinen gierigen Schlund stopfen. Mir läuft die Zeit davon. Und wieder ein formidabeler Grund für einen frühlingshaften Anflug von Panik, wegen der Sitzung. Wegen einem Termin. Wieder einmal… Ach, Routine ist doch was feines! Da weiß man wenigstens, was man hat, erlebt keine unerwarteten Überraschungen! (Ironie aus.)

2 Minuten noch. Jetzt würgt mich die Panik. Die Substanzen scheinen aber meine Beweglichkeit verbessert zu haben, wie gerade eben beim Weg zur Toilette, um den Katheterbeutel zu entleeren. Aber die Panik? Lacht sich über die ganzen Psychopharmaka, die ihr mit einem Maulkorb drohen, richtig schön kaputt… Skype anwerfen…

22:15
Drüben auf dem Sofa liegt Martha und schnarcht. Beinahe 3 Stunden Sitzung. Und plötzlich ohne Vorwarnung fällt hinter dem Tisch ein Messbecher aus Emaille vom Hocker auf den Boden. Mit einem lauten Knall. Die bereits seit den letzten Minuten der Sitzung wieder vorhandenen Panikzustände spritzen über wir eine kochende Suppe, in die man noch eine riesengroße Zutat fallen hat lassen!
Die Therapie war gut. Der Traum hatte nichts mit Perversion zu tun, er spiegelte mein Unterbewusstsein wider. Ich bin in den ersten drei Zimmern, habe erst in diese Einblick erhalten. Die Spaltung sichtbar, die Multiplizität meiner Persönlichkeit offenkundig. Denn ich habe den Täter ja in mir, als Introjekt.

Panik. Sebastians eigentliches Vorhaben ist ausgefallen, er ist nun mit dem anderen Sebastian nur nach Jennersdorf in die Kneipe. Wann kommt er nach Hause? Wie viel Zeit bleibt mir noch? Hatte ich erwähnt, direkt vor der Sitzung weitere 20 Tropfen meiner Opioide konsumiert zu haben? Der Kopf schön dick mit Watte ausgefüllt. Aber die Panik lacht sich erneut schlapp. Ich muss noch etwas leisten, am Video weitermachen…

9. März 2018, Freitag „Perversionen…“

8:37
Was um Himmels Willen ist in mich gefahren??!

DU BIST KEIN OPFER!! DU BIST DER POTENTIELLE TÄTER!!

In den letzten Tagen so häufig darüber gesprochen, warum ich keine Kinder möchte. Vor allem Markus hört nicht damit auf (in der Psychoanalyse nennt man das wohl Ausloten der Widerstände), sagt, ich komm in Teufelsküche, wenn ich mich sterilisieren lassen. Weil Traumaopfer oft diesen Weg wählen und so erst recht nicht zu einem weiblichen Körper finden können. Diese endlosen Debatten ermüdeten mich gestern und das ständige Wiederholen, warum man dann nicht „einfach ein Kondom nimmt“ in Kombination mit seiner krankheitsbedingt verschleimten Stimme, seiner „Stimmfarbe“ waren irgendwann nicht mehr auszuhalten. Ich fühlte mich von ihm regelrecht „vergewaltigt“. Als würde er mein Hirn ficken! Das teilte ich ihm auch gleich zu Beginn mit, dass seine ständigen Zerlegungen meiner Chronik, wie ich als Teenager war, und eben keinen Bock auf Disco und Rauchen und Saufen hatte, keinen Bock auf Jungs, ein Männerhasser war, eine Feministin und lieber im Wald, als mich mit Freundinnen stundenlang vor dem Spiegel aufzudonnern, denn schlussendlich hatte ich sowieso den zukünftigen Lungenkrebs und Besoffene permanent um mich zu Hause! Und er dann immer so tut, als sei es völlig normal, während der Pubertät „völlig aus dem Ruder zu laufen“. Aber ich weiß, das gehört zur analytischen Arbeit dazu und es war mir gestern eben wichtig ihm mitzuteilen, mich zu erklären, zu entschuldigen, warum ich dann mitunter sehr entnervt und bisweilen aggressiv reagieren würde: „Das fühlt sich für mich so an, als würdest du mein komplettes Leben infrage stellen!“. So sagte ich ihm eben auch, dass es mir jetzt reichen würde. Wenn er noch einmal das Wort Kondom in den Mund nimmt, würde ich kotzen. So auf der Suche nach einem Widerstand- bitte sehr, da war er und ich wollte partout nicht mehr weiter darüber diskutieren! Brigitte hatte ja mittwochs erneut das, was meine Mutter mit mir gemacht hat, mich wie eine Puppe zur Schau zu stellen, um sich selbst zu profilieren, qualitativ sehr wohl mit einer seelischen Vergewaltigung verglichen. „Ob es einen tatsächlichen Missbrauch gegeben hat oder nicht!“. Wieder dieses Anzweifeln und die Tatsache, dass man eine DIS nicht von einem Dasein als Püppchen in den ersten Jahren bekommt! Also zweifelt sie auch wieder die Diagnose an und unterstützt mich dabei, selbst nicht daran glauben zu können… So kam es eben auch gestern wieder, als ich ihre Worte Markus gegenüber wiederholte, zu einer weiteren Wiederholung seiner Sichtweise. Darauf ich: „Aber wenn das doch alles eingebildet ist? Und das Bisschen schon ausreicht?… Ich eigentlich nur der Rolle entsprechen will, der Aufmerksamkeit wegen, oder um mich abzugrenzen??…“; ich stockte, dachte kurz nach und dann: „Aber andererseits… WARUM all diese Zeichnungen und Bilder vor, während und nach der ersten Psychotherapie? Immer dieselbe Symbolik, die man eben GENAU SO bei Missbrauchsopfern findet… Als von Missbrauch noch keine Rede war, nur ein aufkeimendes Gefühl?“. Ich kann mir gut vorstellen, dass Markus sich zurück lehnte, als er sagte: „Da siehst du’s. Du gibst dir alle Antworten selbst!“.

Also das alles sei meinen Träumen vorausgeschickt! Ich traf Ute, die entfernte Nachbarin und ich durfte ihr Bauernhaus betreten, das plötzlich riesengroß war, ein monströser Gutshof, und in ihrer Küche wie in einem Gasthaus Tische und Bänke und die ganzen Nachbarn kamen und gingen, wie sie wollten; es war ein riesengroßes Saufgelage! Ute und ein paar ihrer Gäste machten sich gemeinsam mit mir auf den Weg nach Hause. Wir liefen los und ich freute mich, immer weiter laufen zu können, nicht zu stürzen und auch sie fragte mich ganz erstaunt, wie ich dieses Wunder zustande gebracht hätte: „Ich habe jeden Tag trainiert, immer ein bisschen mehr, nur NIE aufgegeben!“. Wir erreichten unsere Einfahrt. Der Asphalt war mit Tonnen Sand bedeckt. Sand und Schnee. Das hatte den neuen Weg zusammenbrechen lassen. Alles war kaputt. Dem Haus ging es nicht besser: Wie eine der Bauernhausruinen, die wir als Kinder immer wieder aufgesucht hatten, so schön unheimlich! Holzbalken brachen über uns zusammen, Mauern stürzten auf uns herab… Aber ganz plötzlich verwandelte sich das Haus in die winzige Wohnung im Gebäude der Volksschule. Und war zugleich ein riesengroßes, unheimliches Hotel! Auch ich wechselte die Gestalt… Ich war plötzlich nicht mehr ich, ich wurde zu einer schwarzhaarigen Femme fatal!! Ich hatte ein Rendezvous. Diesen Mann schickte ich in das erste Zimmer und sperrte von außen zu. Ich war total notgeil!! Ins nächste Zimmer ließ ich mir einen kleinen Jungen bringen. Der war sicher nicht älter als acht oder zehn. An die genauen Details kann ich mich nicht erinnern, da waren noch andere Leute und wahrscheinlich haben die ihn ausgezogen, bis er nackt auf dem Bett lag. Ein Pädophiler hätte seine Freude mit den Beschreibungen!! Ich stürzte mich auf ihn. Der Junge weinte bitterlich, er stand Todesängste aus und ich geilte mich daran auf, an seiner Unschuld, wie ein Vampir zehrte ich an seiner Angst und dem Schaden, den ich in seinem Leben hinterlassen würde!! Im dritten Zimmer ließ ich mir ein kleines Mädchen bringen. Ich ging ihr an die Wäsche, griff ihr zwischen die Beine. Ich spürte, was das Kind spürte. Ich fühlte, wie das Kind irritiert war von der Erregung, die so überhaupt nicht zu ihrer Angst passte und dass ihr Körper sie zu verraten schien! Ich zwang die Kleine mich zu befriedigen. Noch nicht fertig ging ich wieder zurück zum ersten Zimmer, in dem ich das Rendezvous eingesperrt hatte. Ich war nackt, er mir fremd und ich wusste, ich muss bestraft werden.

[…..]

Draußen im Flur waren viele Menschen. Die konnten durch die Jalousie ins Zimmer hinein sehen. Draußen wurde gefeiert, getrunken, es war wie in einem Bordell. Ein Butler kam ständig zur Tür herein, sah zu und tat gleichzeitig seine Arbeit, wechselte Handtücher aus. An den eigentlichen Akt kann ich mich nicht erinnern. Lediglich nur noch daran, dass ich auf dem Boden saß und unter mir war alles voller Blut. Nun war ich es, die wimmerte, die das Opfer war.

Ein unglaublicher Druck in meinem Bauch. […..]

Und DU glaubst, DAS Opfer zu sein???!!
DU BIST SO KRANK IM HIRN!!!

Wenn ich sage, dass ich keine Kinder will, habe ich nicht Angst, sie zu missbrauchen! Ich spüre lediglich (wenn man da überhaupt von „lediglich sprechen darf) das unkontrollierbare Potenzial, dem Kind an die Gurgel zu gehen!! UND DAS IST DER HAUPTGRUND, WARUM ICH KEINE KINDER WILL UND HABEN DARF!!! UND WARUM ICH NICHT DARÜBER DISKUTIEREN WILL, WARUM ICH MICH STERILISIEREN LASSEN MUSS!!! So schleppend wie das gerade vorangeht, brauche ich wohl auch 20 Jahre, bis ich im Ansatz Zusammenhänge herstellen kann!!

Ich fühle mich so schlecht… Dabei konnte ich erst gar nicht einschlafen und träumte abschließend bevor Sebastian mich aus dem Bett holte davon, dass mein Bruder und ich zur Schule mussten morgens. Er ging voraus, es war schon viel zu spät, aber ich musste noch meine Schuhe anziehen, die unten vor der ersten Stufe vom Treppenhaus im Gasthaus standen. War schon wieder Nikolaus?! In jedem Schuh lagen mindestens 50 €!! Was soll der Scheiß? Wie oft hatte ich gesagt, meine Mutter soll aufhören mit diesen Geschenken die ganze Zeit! Mir unentwegt Geld zuzustecken!! Als müsse sie mich bezahlen, kaufen oder schmieren!! Ich kramte das Geld und den restlichen Krempel aus meinen Schuhen und schlüpfte in diese hinein, als ich von oben die Musik einer Violine hörte. Ein Musikstück von einer CD, die ich mir mit 17 gekauft habe; gälische Lieder. Hatte sie sich sogar meine Musikrichtung einverleibt, um unbedingt wie ich zu sein? Dann stand sie neben mir und ich war froh, dass sie endlich aufhörte zu spielen. Ihre Musik schmerzte in den Ohren. Was wollte sie von mir? Was hat sie gesagt? Im Traum dachte ich nur, dass ich es nicht mag, bereits morgens auf meine Eltern zu treffen. Dass ich diese Phase vor der Schule für mich ganz allein brauche. Nicht sprechen möchte. Und erst recht nicht irgendwelche Konflikte ausbaden…

Was für eine Nacht! Was für ein Traumkino! Ich fühle mich so schuldig und so dreckig und schlecht, allein dafür möchte ich mich jetzt aufschlitzen! Ein weiterer Grund: 60,6 Kilo um 6:45 Uhr!

Die Sonne scheint. Und ich ahne schon, wie mein restlicher Vormittag verlaufen wird…

20:15
Allein. Sonja sagte, meine Schultern, mein Rücken hätten sich verändert: „Viel weniger Muskulatur.“. Alles geht zugrunde…

3. Januar 2018, Mittwoch „Rasant geht es weiter…“

8:42
59,6 Kilo um 6:45 Uhr. Mir schwarmt jetzt schon nichts Gutes, wenn ich an die Ankunft in der Klinik denke, das Standardprocedere mit der Waage und der Diskussion mit der Schwester darum, dass ich morgens nackt mindestens über einen Kilo weniger gewogen habe, sie aber trotzdem 60,9 in meiner Akte schreiben will! Das war jedes Mal so oder ich bilde mir es nur ein, keine Ahnung. Echt und jedes Mal definitiv vorhanden die Anspannung vor dieser Situation. Wer wird kommen und meine Unterarme fotografieren?

Auf meinem Tisch ein heilloses Chaos, das ganze Nähzeug, der Stapel Hosen… Ich darf mich bloß nicht umsehen, sonst bekomme ich bereits jetzt die erste Krise! Die Irritationen zwecks Vorlagenfoto immer noch nicht aus der Welt geschafft. Mir andere Fotos anzusehen, brachte keine Erleuchtung und die Federn aus meiner Sammlung leider auch inkorrekt eingeklebt. Müssen sie an dieser Stelle hell oder dunkel sein? Wo ist der Schattenwurf? Die entscheidende Partie eher „eigenmächtig“ vom Foto abweichen lassen. Darauf kollidieren die Spitzen mit einem Baumstumpf, sind zum Teil mit Blättern bedeckt, aber mein Eichelhäher fliegt ja, frei in der Luft. Das wird noch ein Spaß mit den Beinen, die auf dem Original ebenfalls fehlen.

Unter meinem Tisch erneut das Nordburgenland in den Süden geholt: eine lange Lacke! Miniaturausgabe. Ohne Fische und Vögel, aber würde man nur lange genug warten, vermutlich mit Fliegen. Beim Hin und Her vor und nach dem Frühstück den Katheterbeutel teilweise lieblos hinter mir her geschleift. Dabei entweder mit Fuß oder Rollator mit dem Ventil in Kontakt getreten, wortwörtlich. Erst bemerkte ich nasse Füße, dann die Pfütze und erst abschließend das zu einem Viertel geöffnete Ventil. Damit es nicht langweilig wird, Beschäftigungstherapie… Die Müllabfuhr darf sich freuen, dann ist der Restmülleimer wenigstens mal voll mit Küchenrolle und Servietten. Eben allem, was auf die Schnelle greifbar ist.

Wieder massive Kopfschmerzen. Immer noch liegt mein Handy samt Tasche im Auto; kein Laufbandtraining. Aber definitiv spannend mein Traum heute Nacht. Als ich ENDLICH schlafen durfte. Das Fenster des Schlafzimmers geht gen Westen, der Mond erhellte es die ganze Nacht. Ich war so risikofreudig und schluckte außer 2 mg Hydal retard kein weiteres Morphium. Wir gingen früher ins Bett, gleich nach dem Abendessen, von dem man heute noch sehr viel hat… (hier stinkt alles, Klamotten und Haare inklusive nach Zwiebeln). Ich las noch ein paar Zeilen über die Therapie bei einer DIS. Da bemerkte ich, dass ich wohl auf den Oropax lag. Irgendwie und irgendwo. Dennoch vermochte ich einzuschlafen… Aber wie zu erwarten nicht lange. Sebastian schnarchte und schnarchte und ich streichelte ihn, schubste ihn, versuchte ihn zu drehen, rammte ihm meinen Ellbogen ins Kreuz und musste schlussendlich desillusioniert erkennen, dass er bereits auf dem Bauch lag und trotzdem Bäume umsägte! Eine Ewigkeit… Doch dann, aus 2:00 Uhr war mittlerweile 3:00 Uhr geworden, wurde er leise, glitt in eine andere Schlafphase, der Atem ruhiger und ich dachte: „ENDLICH!“. Und ganz leise, damit Rumpelstilzchen mich nicht hört, dass nun bloß nicht die Beine anfangen sollten zu zappeln… Das mit dem „Leise“ hatte bereits Sebastian vor dem Einschlafen zu bedenken gegeben, nachdem ich meinte, es heute ohne zweite Tablette zu versuchen. Aus den gefühlten Druckpunkten (Schulter, Hüfte, Knie sowie Fersenzorn -den man auf einem MRT DEFINITIV gesehen hätte) wurde ein ziehender Schmerz, der die Grundlage, bzw. die Strophenzeile für die Krampfimpulse legte! Beide Beine abgedeckt und in die eiskalte Luft des offenen Fensters und der hellen, kalten Winternacht gehalten. Noch einen Vergleich bemühen: Die Saite der Schmerzgitarre wurde straffer und straffer gezogen und alles wartete nur noch auf das Reißen, den Knall! Ich hörte Sebastian husten. „Hast du dein Getränk da?“. Er reichte mir seine Cola light und ich schluckte 1,3 Hydal. Umso gleich noch nach den alten, winzigen Oropax zu suchen. Irgendwann, gefühlt viel zu spät, konnte ich einschlafen und träumte diesen Mist…

Silvia (neben der ich mindestens fünf Jahre in der Schule saß) und ich standen unter dem Gasthaus, vor der Volksschule an der Bushaltestelle. Ich sollte durch ein kleines Loch im Zaun kriechen, um auf die Wiese vor der Schule zu kommen. Wie so oft war auch in diesem Traum der begrünte Schulhof das sichere Ziel. Das Loch war viel zu klein für mich und kaum hatte ich den Kopf hindurch gesteckt, erinnerte ich mich daran, schmerzlich, dass ich doch gar nicht mehr kriechen könne. Nicht kriechen und auch nicht krabbeln! Kopfschüttelnd zog ich diesen wieder aus dem Loch. Wir gingen die paar Schritte den Gehsteig entlang, in Richtung Fußgängerüberweg, wo es dann den Hügel hoch geht zum Gasthaus. Auf diesem kleinen Stückchen lagen unzählige sterbende, tote oder sich paarende Insekten, Schmetterlinge. Silvia half mir, diese einzusammeln, bis ich beide Hände voll damit hatte. Und jetzt wird es gruselig! Da waren ganz seltsame Arten dabei, mit riesengroßen Köpfen wie Ameisen und sie fingen an, mich zu beißen, ihre scharfen Zangen in mein Fleisch zu treiben. Ich wurde etwas nervös, vielleicht sogar hysterisch und sie half mir hastig, die Biester abzuschütteln. Sofort entstanden auf meinen Händen riesige Schwellungen, bläulich unterlaufen. Das sah nicht gesund aus. Wir überquerten die Straße, gingen den Hügel hinauf. Auf diesem noch kürzeren Stück lagen mindestens zehn tote Hummeln! Es ging um dieses Glyphosat, welches im Traum gerade verboten worden war. Aber meine Mutter hatte noch Reste, sie mähte die Wiese ums Haus herum, die ganzen Blumen, die wilden Gräser, alles hat sie plattgemacht und mit diesem Giftzeug angesprüht. Silvia, als Frau Doktor der Biologie, und ich grüne Hexe protestierten heftig. Aber meine Mutter hatte für alles eine Ausrede, schön verpackt in einem Witz, den nur sie witzig fand, um sich damit weiter und immer weiter selbst in die Scheiße hinein zu reiten! „Ach, die toten Marienkäfer habe ich ins Vogelhäuschen gefüllt, dann haben die Kohlmeisen etwas Knackiges zum Naschen!“, und sie kicherte dämlich. Im Traum hatten Marienkäfer dieselbe wichtige Aufgabe wie Bienen und mit scharfen Zungen wiesen wir sie zurecht. Aber sie? Wechselte einfach das Thema, machte noch mehr verblödete Witze. Spät am Abend stand wohl irgendwo ein Konzert an, ich hatte bereits mein kurzes, schwarz-rotes Kleid an. Nur meine Unterschenkel, Schienbeine und Füße waren voll mit Lehm, von dem Versuch, das sichere Ufer zu erreichen. Ich wollte in die Badewanne. Diese wurde halb voll mit Wasser befüllt, lauwarm. Meine Mutter folgte uns und meinte, uns „unterhalten“ zu müssen. Die Anekdoten, die sowieso grundsätzlich mit ihr etwas zu tun hatten und immer waren die anderen schuld, wurden immer schlechter und noch schlechter. Wir haben kein einziges Mal gelacht. Zumal ich sie mehrfach aufforderte, das Badezimmer zu verlassen, uns alleine zu lassen. Aber sie kam ständig durch eine Tür, die es eigentlich nicht gibt. Im Traum hatte das Badezimmer eine direkte Verbindung zur Gasthausküche. Sie hörte meine Warnungen nicht, nahm meine Grenzen nicht wahr, also war es mir auch egal, ob sie das nun Folgende mitansehen müsste oder nicht -selber schuld! Ich kniete in der Badewanne, streifte die beiden langen Armstulpen ab, und darunter tauchten die weißen Strumpfverbände auf. Allem Anschein nach gestapelt, alle auf einmal muss ich getragen haben (gestern die frisch gewaschenen von der Wärmepumpe geholt, auf die ich sie immer zum Trocknen lege -ich befördere den blutigen Krempel definitiv nicht in die allgemeine Wäsche, sodass Sebastian sie hinterher auch noch aufhängen müsste). Mit jedem Strumpf mehr, den ich entfernte und im Wasser versinken ließ, wurde eben dieses immer rötlicher. Dabei am weißen Wannenrand ein blauer Saum von irgendeinem Schaumbad, das Sebastian zuvor benutzt haben musste. Während all dem versuchte ich nämlich auch diesen Schmutz zu entfernen. Dabei merkte ich, wie scharf meine Mutter darauf war, diese Aufgabe zu erledigen, mir abzunehmen. Am liebsten gleich vor meinem Bad. Die Einstichstellen der Insekten, riesige Beulen waren daraus geworden. An jeder Hand drei Stück. Jede Beule hatte ein schwarzes Loch auf der Spitze und daraus floss so etwas ähnliches wie verdünnte Milch. Ich musste fast zwangsläufig an Sperma denken (beim Abendessen noch eine Satiresendung gesehen, in der einer der Hauptdarsteller Sperma mit Schamhaaren gemischt hatte und Sebastian meinte, ihm käme gleich das Essen hoch und wiederum ich, dass ich das jetzt gar nicht so ekelhaft finden würde wie die zuvor gezeigten Essensreste auf Tellern, in der Spüle und erst recht die Küchenschwämme und Spülbürsten).

Sie stand da und sah zusammen mit meiner Schulfreundin dabei zu, wie die immer neu auftauchenden Verbände blutiger und blutiger wurden. Mehrmals noch versuchte ich meine Mutter hinaus zu komplementieren. Aber sie ging nicht. Die Wunden, die schlussendlich unter all dem besudelten Stoff auftauchten, entsprachen den kümmerlichen Resten, die ich aktuell mit mir herum trage. Meine Mutter machte Witze, selbst darüber machte sie Witze. Ich war so wütend auf sie und fühlte mich zugleich schlecht, nicht zumindest so getan zu haben, über ihre Geschmacklosigkeiten zu schmunzeln. Als ich der Badewanne entstieg, sagte ich zu Silvia, dass ich abends wohl nicht mitkommen würde/könne: „Die Insektenstiche und Kopfschmerzen…“. Da kam meine Mutter angeflogen, umarmte mich, streichelte mir durch das ansatzweise nasse Haar, was ich als total widerlich empfand, und sagte: „Das wird wunderschön! DU bleibst bei MIR und ich werde dich pflegen, mich um dich kümmern, für immer, wir werden es so toll haben!!“. Gänsehaut und Ekel!
Später dann unten im Gastraum sah ich sie von der Seite und scheinbar hatte sie massiv abgenommen. War ich neidisch? Sie hatte auch ein ganz anderes Gesicht, war jünger und glich einer der Damen von der Volkshilfe, mit der ich mitunter nicht so gut zurecht kam. Sie hatte kein Doppelkinn mehr! Ich fühlte mich wieder schlecht und schuldig, sie und ihre Witze eiskalt zu ignorieren. Ich hinterfragte meinen scharfen und mitunter zynischen Tonfall. Doch dann öffnete meine Mutter den Mund und sie hatte nur noch zwei Zähne!!! Da war das Doppelkinn hin! Sie war also nicht schlanker, sie hatte nur kein Gebiss im Mund und dieser war dementsprechend wie bei einer uralten Frau in sich zusammen gefallen!!

Als mich Sebastian um 6:45 Uhr weckte, saß ich aber erneut in der Badewanne. Insofern hat er mich gerettet! Ich muss mich nun aber endlich auf das Bild konzentrieren, über 1 Stunde nichts geschafft, außer diesen Traum festzuhalten… Mein Rücken total verspannt, man darf sich fragen, wie es in zehn Jahren, in 20 Jahren aussehen wird, wenn ich jetzt schon so eine Schrottkiste bin. Die Selbstmordgedanken klopfen geduldig an die Tür. Der Schädel dröhnt unter dem Headset und hinten im Rachen hängt Schleim, der weder runterläuft noch die Ambition zeigt, in Richtung Nase weiter zu wandern. Kurze Pause, Physioübungen für die HWS?

18:34
2 Stunden gemalt, drei Physioübungen gemacht, sodann meine Haare gewaschen, währenddessen noch Zähne geputzt, im Flur spazieren gegangen, das Wohnzimmer gesaugt…

Die Sitzung war erneut heftig. Aber ich habe vergessen, an welcher Stelle ich in Tränen ausgebrochen bin. War es jene, an der er meinte, ich hätte keinen Plan fürs Leben gehabt und ich selbst zu dem Schluss gekommen war, dass ich bis 18 keinen Plan hatte, wie es mit mir weitergehen soll, außer mich umzubringen, und da ich das verabsäumt habe, musste es mir hinterher zwangsläufig IMMER schlecht gehen. Es durfte nicht anders sein… Ich musste mich hassen?! Genau da kamen die ersten Tränen. Es erscheint alles so dermaßen logisch! ALLES!! Als müssten die Täter nur noch den Mund aufmachen und es gestehen oder sich zumindest unabsichtlich verraten!! Was sagt mir der Traum? Dass es mir nicht gut gehen darf! Dass ich das Ziel nicht erreichen darf! Noch nicht, und ich damit bestraft werde, meinem Körper beim Abbau zusehen zu müssen! Also muss ich zurück ins Gasthaus, zurück in meine Vergangenheit!

Wenn man es genau nimmt und an die heute vorherrschenden Gegebenheiten anpassen möchte, wenn man das Gasthaus als ein übermächtiges, boshaftes Wesen sehen möchte… Dann wurde mit den Änderungen an der Straße vor geraumer Zeit sozusagen zu Füßen des Gasthauses, zu dessen Wurzeln, der Fluchtweg noch extra steinig gemacht, da es nun nicht einmal mehr den Fußgängerüberweg gibt und ich schon verdammt schnell sein müsste, um das Gasthaus hinter mir liegen lassen, über die Straße rennen und heil das Ziel erreichen zu können…

Markus macht mir Mut. Sagt, es dauert bei jedem unterschiedlich lange. Ich sei auf einem sehr guten Weg. Sehr viel würde sich da bereits in Bewegung setzen, in die Gänge kommen. Erst recht dass nachts nach dem Lesen, wenn ich die Augen schließe, die Erinnerungsfetzen mich inklusive Assoziationen und dem Gefühl, mich wieder in diesen Situationen zu befinden, als wäre ich mit einer Zeitmaschine zurück gereist, heimsuchen und mein Gehirn überfluten… Immer schneller, immer schneller… Das sei ein sehr gutes Zeichen. Dagegen stellt sich so wie jetzt gerade Rumpelstilzchen.

Ich wollte eigentlich noch malen, oder die beiden übrigen Hosen in Angriff nehmen; die braune „Mittelalterhose“ hatte ich nachmittags bereits umgenäht. Aber nach der Sitzung, soeben der Weg in die Toilette, dort kurz zu sitzen, erst recht dann aufzustehen, mir die Hose wieder hochzuziehen… Das hat mir den Hahn abgedreht! Mit einem Schlag, ganz plötzlich, hatte sich alles erübrigt! Die Hände gelähmt!! Mein Rücken total verknotet und auch heute, wenn ich mich nach rechts lehne und den Kopf ebenfalls in diese Richtung drehe, plötzlich ein einschließender Kopfschmerz in der rechten Schläfe… Ich komme gar nicht mehr hinterher, was ich mir für den Termin mit Sonja oder für die Reha notieren sollte. Was sollte, was würde ich jetzt tun? Auf dem Sofa sitzen und in der einen Stunde alleine durchdrehen? Früher oder später? Die ganzen Videodateien rüber auf den Stand-PC kopieren, auf dem ich das Videoprogramm habe? Wie irgendeine dumme Sendung anmachen und hoffen, dabei vergessen zu können?

Der Blick mustert unaufhörlich den rechten Unterarm; der Ärmel ist nach oben gekrempelt, um arbeiten zu können und das schicke Oberteil nicht noch mehr mit Farbe in Kontakt zu bringen. Von den letzten Schnitten, egal wie oberflächlich sie waren, zeichnen sich Narben ab. Weil dieser Unterarm wenigstens noch intakte Haut besitzt, auf der man einzelne Spuren meines inneren Kampfes zu erkennen vermag. Links verschwindet alles wie beim Schrei in ein schwarzes Wurmloch. Wenn selbst meine Mutter im Traum darüber Witze macht? Wie 2013, zu meinem Bild „Testament“, in dem es ja eindeutig um Selbstmord geht, und ihr erster Kommentar lautet „Du hättest die Bluse vorher bügeln sollen, dann hättest du nicht zu einer Arbeit gehabt!“…? Manchmal wäre es besser zu schweigen…

22. September 2017, Freitag

8:29
Erst Erstaunen… 58,7 um 6:45 Uhr. Doch gleich die ersten Handgriffe am Bild gehen einher mit der Selbstbeschimpfung…

Dummer Trampel!!

Ich sah es kommen, wollte das überschüssige Wasser aus einem der Glasschälchen entfernen, um Platz zu machen, für weitere Farbkleckse und… Plumps! Das Glas landet in dem großen Gefäß, in das ich immer verbrauchtes Wasser kippe, um nicht ständig aufstehen zu müssen… Das bedeutet zugleich wieder unzählige Tuben und Flaschen zu öffnen und wieder zu verschließen, in meinen Kisten und Körben nach den richtigen Farbtönen zu suchen, was Kraft kostet, viel zu viel Kraft. Dabei noch der Erkenntnisgewinn, dass sehr viele Farben allmählich den Jordan überschritten haben. Unzählige Sachen wieder einmal auf den Boden befördern -warum arbeite ich nicht gleich dort? Erspare mir das Runterschmeißen und wieder Aufheben! So Verstreichen 29 Minuten nur für die Vorbereitung.

Der kleine, graue Kater streift über die Terrasse. Der Abend, die Nacht brachten mich an meine Grenzen, der Traum sorgte für die Verlängerung dieses Unwohlseins.

Mich erst einmal auf der Leinwand orientieren, alles sortieren; ein wenig Tee habe ich noch. Sicherheitshalber ein Frotteetuch auf meinem Schoß ausgebreitet; der eine Fleck auf der Hose in Grün reicht mir. Aber wo fange ich nun an? Wo an der Leinwand, wo beim Traum?…

VERDAMMTE SCHEISSE!!! Mit dem Mauskabel das Glas mit dem schmutzigen Pinselwasser umkippen, auf die offenen Petrischalen, auf die Farben und am schlimmsten: auf das Gesicht!! Dass ich heute so flott auf dem Weg in den Abgrund unterwegs sein würde, hätte ich auch nicht für möglich gehalten! Ich möchte mich jetzt schon massakrieren, bestrafen dafür, mich hier wie ein Elefant im Porzellanladen aufzuführen!!

DU BIST SO SAUBLÖD!!! VERRECK DOCH ENDLICH!!

Vor der Leinwand stehen, nichts als Chaos sehen und erst recht keinen Ausweg! Das alles hier umorganisieren… VERDAMMT! Ich habe KEINEN PLATZ!! Alles voll geräumt, lauter winzige Details, von links nach rechts, von vorne nach hinten und wieder zurück schieben. Mein Rücken bricht in sich zusammen… Klar! Du musst dich melden! Warum habe ich das Haus so beschissen geplant?! Für was zwei Kinderzimmer?! Warum ist die Wohnküche nicht doppelt so groß und mein Arbeitstisch doppelt so groß?!!

Weil du Trottel selbst DANN alles zumöhlen wirst!!

Eine weitere Katastrophe bahnt sich an, als ich den Streifen Karton aufhebe, auf dem gerade alle Farbschälchen stehen. Die Gefahr zu visualisieren bewahrt mich auch nicht vor dem Missgeschick! Einmal tief durchatmen,… soweit es die Blockade im Kreuz überhaupt zulässt. Was mache ich jetzt?! Mich kotzt an, dass ich die Kabel links neben mir mindestens einmal die Woche auseinander nehme und sie sofort wieder verknotet sind!! Seien es die Kopfhörer, die Maus oder die 100.000 anderen Apparaturen, die am Computer dran hängen!! Versuchen, irgendwie Prioritäten zu setzen…

9:20
Völlig aus der Bahn geworfen. Das, was sich mir gestern Abend in Form einer Panikattacke präsentiert hat, scheint nun Realität zu werden: Ich war felsenfest davon überzeugt, den heutigen Tag, überhaupt keinen Tag mehr ohne Betäubung überleben zu können!!! Augenblicklich ist es nur noch eine Frage von Minuten, ehe ich mich erneut abschießen muss. Noch immer keine Ordnung auf der Leinwand, nicht zufriedenstellend die Sicherungsmaßnahmen der fertigen Partien. Noch immer kein Platz auf dem Tisch, und das, obwohl die Leinwand seit Wochen hochkant vor mir liegt und eigentlich nur 30 % der Tischfläche einnimmt. Und der ganze andere Scheiß drumrum??!! Der Tee, das Räucherstäbchen sollten doch eigentlich Ruhe vermitteln, aber ich rotiere innerlich!

Vielleicht kommt das aber auch von den gestrigen Überdosen?

Und wenn schon! Ich kann nicht mehr klar denken, dabei wollte ich mich doch noch dem Traum widmen, der mir wichtig erscheint und in meinem Gedächtnis bereits zu zerbröseln beginnt! Ich halte die Fettschicht auf meinem Gesicht nicht aus, nicht die Flecken auf meiner Brille. Ich fühle mich dreckig, ekelhaft, besudelt und doch selber schuld!

9:47
So tun als ob… Zähne geputzt, Gesicht gewaschen, Unterarm von Blutresten befreit… „Früher war mehr Lametta!“… Die Spuren vom Schlachtfest kläglich. Da sehnt man sich in Zeiten zurück, voll gepumpt mit Cortison und erst recht Blutverdünner! Dunkelblau, dunkelviolett bis hin zu beinahe schwarz… Das war wenigstens noch ein Farbenspiel!

2008-04-29b(2008)

Allem Anschein nach habe ich mit dem Malen bereits abgeschlossen. Ich hänge in der altbekannten Lethargie fest. Am liebsten noch einen Tee und dann in Ruhe den Traum Revue passieren lassen. Eigentlich sollte Sebastian heute Abend der Sitzung mit Markus beiwohnen, aber da kommt ja „tragischerweise“ Fußball. Ich denke nach dem gestrigen Tag benötige ich die Sitzung ohnehin für mich allein.

Markus eine Nachricht schicken. Ich weiß nicht wie oft er mir eingebläut hat mich zu melden, wenn es kritisch wird. Aber… Tja, ABER…

Auf der Leinwand alles zu Ende arrangiert, um sie dann nach hinten zu schieben und damit sozusagen vorerst den Abschluss für heute zu markieren. Mein Traum… Sebastian und ich waren in Jennersdorf. Es war Tag, es war Nacht, irgendetwas dazwischen, scheinbar Winter, mal lag Schnee, mal gab es Eis, mal nichts von alledem. Ich hörte meine Laufmusik, ich musste also die Kopfhörer in den Ohren haben. Auch trug ich meine Laufmontur, und die neue Laufhose, die ich eigentlich nie richtig zum Tragen gekommen war, flatterte an meinen Oberschenkeln. Ich versuchte es, ganz vorsichtig, Schritt für Schritt… Nur nicht aufgeben, mein Liebster dicht hinter mir, er würde mich auffangen… Alles endete abrupt, als meine Mutter mir vor die Füße rannte. Sie begann zu reden und redete und redete und redete wie ein Wasserfall, den man nicht stoppen kann. Ich konnte fühlen, wie sie mir die Energie raubt, aussaugt, meine Kräfte schwanden mit jedem einzelnen Wort von ihr und so landete ich wieder im Rollstuhl. Alle stiegen ins Auto, warum wir sie mitnahmen, weiß ich nicht mehr genau. Irgendein Auto sollte gewechselt werden, denke ich… Wir fuhren zum Gasthaus, und doch zum Haus meiner Oma nach Fürstenfeld. Diese hatte Besuch von ihrer Tochter aus der Schweiz. Jene, die ihr als Kind von einer Schwiegermutter oder so weggenommen worden war. Während dem Krieg? Ich kenne die Geschichte nicht so genau. Aber nun war sie da, die Tante, mit ihrem Mann und ihren beiden Töchtern. Zumindest im Traum hatte die Jüngere einen anderen Vater. Alle waren von meiner Mutter begeistert, weil sie doch so schlagfertig und lustig war. Ich befand mich im ersten Zimmer mit Onkel und Cousinen. Meine Mutter ging in den anderen Raum, wo sich die Tante und wieder der Onkel befanden, um auch dort für gute Laune zu sorgen. Als sie ging und von meinen Cousinen gelobt wurde, verdrehte ich hinter dem Rücken meiner Mutter demonstrativ für alle im Raum die Augen. Die jüngere Cousine fragte mich, was denn los sei. Ich lag auf einem seltsamen Kanapee, die Matratze war so wuchtig und kugelrund, dass ich permanent auf irgendeiner Seite hinunter purzelte. Ich fühlte mich krank, wollte Fieber messen und bemerkte doch zügig, dass diese „Krankheit“ definitiv mit der Gegenwart meiner Mutter zu tun hatte. Denn nun, kaum hatte sie den Raum verlassen, war meine Temperatur wieder normal. Was hätte ich der Cousine antworten sollen?

[……]

Wie man dann auf das Thema Missbrauch kam, weiß ich ebenfalls nicht mehr. Die Jüngere erzählte mir nun davon, dass ihr Vater sie an die Wand gedrückt und von hinten missbraucht hätte. Beim alten Rein-Raus-Spiel hätte er sodann einmal sein Ziel verfehlt, sie zwischen ihren Beinen hindurch gekuckt und mit einem Messer ihm den Schwanz kurzerhand abgeschnitten. Er würde nie wieder jemandem etwas zuleide tun! Es war auch die Jüngere (sie war dennoch mindestens 45-50), die definitiv einen Schaden davongetragen hatte. Das sah man an ihrer Art, sich schwarz zu kleiden, sich zu schminken, sie hatte auch keine Kinder, keinen Partner und vor allem vernarbte Arme. Ich versuchte mich auf dem Bett zu halten, aber fiel in einer Tour auf den Boden und konnte mich immer weniger alleine aufrichten, bis ich völlig gelähmt dort liegen blieb. Da sagte die Ältere, die sehr wohl zwei kleine Kinder hatte und Ärztin geworden war: „Das ist eindeutig eine Dissoziation!!“. Beide halfen mir zurück ins Bett, die Ärztin wollte meinen Blutdruck messen und schob den linken Ärmel hoch. Etwas erschrocken sah sie die blutunterlaufenen 30 Schnitte von gestern. Sie zog die Augenbrauen zusammen, ihr Gesichtsausdruck wurde sehr, sehr ernst. Sie fragte mich nicht direkt, aber für sie war das alles eindeutig und es ging nur noch darum: Wer hat mir DAS angetan? Da zog die Ältere ihre Bluse aus, ihr Torso war von den Schlüsselbeinen mittig bis runter zum Schambein in Form einer Schlangenlinie oder vielleicht auch eines Fragezeichens aufgeschlitzt und mehr als brachial wieder zusammengeflickt worden. Die Narbe ein dicker Wulst. Ich meine mich zu erinnern, sie hätte noch gesagt, dass sie sich auch damit auskennt, hätte es selbst mit einem Brieföffner gemacht, nachdem sie Jahre missbraucht worden war… Nun sah ich meine beiden Cousinen, beide arg gebeutelt vom Leben. Ich sah mich sofort wieder in einem Konkurrenzkampf. Der aber definitiv nicht von den beiden ausging; sie waren einfach nur besorgt um mich und voller Verständnis. Aber wie ich da so auf dem Kanapee lag und mich gleichzeitig fragte, wie meine Oma hier allein im Haus darauf sicher schlafen könne, ob das nicht viel zu gefährlich sei… Wie ich da so lag und mir vorkam wie auf hoher See bei einer Sturmflut, fühlte ich mich unglaublich schlecht, gleich in zwei Richtungen! Einerseits: Wie könnte ich bloß das, was mir passiert ist, vielleicht passiert ist, eventuell, möglicherweise, wenn überhaupt, mit ihren Schicksalen in einen Topf werfen? Mir ist doch nichts passiert, alles halb so wild, nicht so schlimm…

[……]

Mit diesem schlechten Gewissen riss mich Sebastian um 6:45 aus dem Schlaf. Aber ich fühlte mich den Cousinen so dermaßen verbunden, auf eine unerklärliche Art und Weise. Auf eine unausgesprochene Weise. Es ging ihnen auch nicht darum, zu vergleichen, auf- oder abzuwerten.

Ich fühle mich scheiße. Nichts geleistet außer Schlamperei und Unheil anzurichten. Sollte ich Physioübungen machen? Sollte ich einen kleinen Spaziergang draußen wagen? Oder aufs Laufband? Ich weiß es nicht, ich kann mich nicht entscheiden und am liebsten möchte ich mich aufs Sofa legen und schlafen. Ehe ich wirklich erneut zu meinen Drogen greife. Oder zur Rasierklinge. Wie die Ruhe vorm Sturm fühlt es sich soeben an. Als ob die nächste Entscheidung mein Schicksal bestimmen könnte.

17:52
Kaum bin ich allein, kaum hat er den Raum verlassen, kaum habe ich einmal kurz durch die Terrassentüren draußen das herbstliche Abendrot gesehen, manövriere ich den Rollstuhl hastig noch einmal zum kleinen braunen Beistelltisch neben dem Sofa, greife hastig zum kleinen braunen Fläschchen und pumpe mir erneut eine volle Dosis in den Mund. Obwohl es erst Minuten her ist, mir eben eine solche bereits verordnet zu haben. Ich bin zerrissen. In mir drinnen völlig zerrissen. Ich vermag nicht, mir eine Absolution zu erteilen, mir selbst zu erlauben, dieses oder jenes erst einmal ad acta zu legen. Alles, was ich sehe, ist mein Versagen: nicht gemalt, viel zu viel Zeit auf dem Sofa vor der Glotze, nichts am Video gemacht, den wunderschönen Tag den Bach runter gehen lassen, nicht raus gefahren und beim Versuch, spazieren zu gehen, völlig abgeschmiert. 50 Minuten Geriatrie pur! Oder besser gesagt: Ausflug der Palliativstation! Erst recht als Sebastian ein paar Schritte neben mir her ging, verreckte ich bei jedem Schritt ein Stückchen mehr. Und wehe, ich habe gelacht! Dann wäre ich wie letztens bei dieser schrecklichen Situation in der Dusche beinahe völlig kraftlos in mich zusammengesunken und auf den Boden geknallt! Warum bin ich dann zu Hause nicht raus mit dem Rollstuhl? Warum blieb ich auf dem Sofa sitzen? Warum konnte ich mich nicht entscheiden? Und während Sebastian sich noch über das Gesehene in der Flimmerkiste amüsierte, es kommentierte, brach in mir etwas zusammen. Spätestens jetzt im Abendrot erkenne ich den Bruch… Ich will nicht mehr leben. Die Zerrissenheit ließ und lässt sich auch immer noch nicht deutlich von der Panik abgrenzen. Zuvor waren meine Arme noch warm, da hätte ich zur Klinge greifen sollen. Ich wollte eine Aufnahme machen, für das Video, mit der Fragestellung, was da gestern mit mir abgelaufen sei. Auch zu Sebastian gesagt, ich wüsste es nicht mehr. Ich könnte es immer noch machen. Aber stattdessen bewege ich mich nicht und fühle mich schlecht und schuldig und als ein Nichts! Das schöne Wetter, den schönen Tag, alles vergeudet. Und bald ist Winter, bald ist es zu kalt…

Was ist es? Langeweile? Als Langeweile kostümiertes Unvermögen? Wie oft noch wieder und wieder IMMER DIESELBEN FRAGEN?! Wehmut stellt sich ein. Kindheitserinnerungen flattern vorbei. Die Schnitte betrachten; sie tun nicht einmal mehr weh.

18:43
Mich meiner verbalen Inkontinenz gewidmet. Bin ich schlauer? Erst die Panik vor den Terminen, vor der „Unbekannten“, der „Variablen“, was die Volkshilfe betrifft, mittags die Erkenntnis, keine Freunde haben zu dürfen, nachmittags die innere Unruhe, die selbe Zerrissenheit wie augenblicklich auch, dann die Angst, allen um mich rum mit meiner Suche nach Antworten Leid zuzufügen, sie umzubringen und es besser wäre, ich würde sterben, dass sich sowieso erst ganz am Anfang stehe und schon damit nur Schaden anrichte, um zu guter letzt den ganzen Dreck in und an mir klar und deutlich zu erkennen und das Gefühl, das einer Tatsache glich, keinen einzigen Tag mehr ohne Abschluss überleben zu können. So könnte das Fazit unterm Strich aussehen.

Sebastian macht mir noch einmal den Tee heiß, sagt, ich solle ihm und Rostock alles Gute wünschen und er würde wiederum mir wünschen, dass es nicht zu schlimm wird und dann nochmals sich selbst, dass er hinterher nicht wieder so eine zerstörte Frau hier sitzen hat wie zuletzt, als es danach zum Streit gekommen war. Ein Räucherstäbchen anstecken. Auf meine beiden Nachrichten waren keine Antworten eingetrudelt. Vielleicht erwartet Markus gleich, dass Sebastian neben mir sitzt. Ich bekomme Kopfschmerzen und lege mir das Taschentuch vor mir griffbereit auf den Tisch. Ständig gehen Wörter verloren, aber das war schon vor den Überdosen gestern und heute so…

20:29
Während dem Gespräch mehrfach zusammengebrochen. Erst wegen dem Gedanken, keine gute Freundschaft wert zu sein, derer Erhaltung unfähig. Anschließend ging es nur noch um Schuldgefühle und Sterbefantasien wie seit Kindertagen, in der Hauptrolle meine Mutter. „Das ist so tief in meiner Psyche verankert, ich sehe nichts anderes als das.“. Und für einen kurzen Zeitraum fühlte ich mich wie die Sechsjährige, die nachts im Bett lag und sich die Augen aus dem Kopf geheult hat. Markus fragte, ob ich leise oder laut geweint habe. „Ich glaube, ich habe laut geschluchzt, meinen unerträglichen Schmerz ganz tief ins Kissen geschrien… Und auf diesem Wege wieder lautlos geblieben.“. Ich sah draußen die letzten Fetzen vom Tag in Form eines schmalen Lichtstreifens über dem Graben, ganz weit weg im Süden. Spannte sich von der einen Hügelkette zur anderen wie eine Brücke. Eine Brücke zum vergangenen Tag. Und wurde blasser und blasser und verschwand. Ich sah die Kleine, ich WAR die Kleine, ich sah meine Mutter sterben. Also nicht wortwörtlich. Ich sah nicht ihren Tod. Ich sah ihre Augen, ihren Blick, und er wurde plötzlich „todtraurig“, leer und mit diesem Eindruck ließ sie mich zurück, ganz allein, und ich doch noch so klein. Bei aller Ratio, bei all dem erwachsenen Verständnis… Ich sah sie sterben und war davon überzeugt, dass es kein Morgen mehr geben wird. Also war ich das kleine Mädchen, das sich nachts in den Schlaf weint und immer wieder ins Bett macht…

DSCN1709
(2008)

Ich dachte, die Überdosis reicht nicht. Ich dachte, ich muss mich noch verletzen. Aber nun ist alles leer meinem Kopf. Und ich bin heilfroh, von der Schokolade noch genug zu haben, um auch noch die Gefühle mit einem seligen Lächeln abzustellen…