18. Juni 2018, Montag „Ein neuer Kreislauf…“

8:40
57,5 Kilo ohne Entwässerungstablette um 6:45 Uhr. Was sagte ich gestern beim Frühstück? „Oh je, siehst du das da am Schlauch?“; es doch tatsächlich wieder einmal gewagt, etwas Positives anzuerkennen: „Gestern noch war der Urin glasklar. Und nun sind da die ersten Trübstoffe… Das ist kein gutes Zeichen.“. Dann krampfte es zum ersten Mal. Und jetzt gerade hört es nicht mehr damit auf. Wegen dieser Botoxspritze anfragen? Oder macht diese überhaupt keinen Sinn, weil es die Krampflöser schon nicht schaffen?
Preiselbeersaft in mich hineinschütten. Spätestens morgen sehe ich mich wieder nach Oberwart pilgern. Mir wird jetzt schon schlecht.
Während ich diktiere weitere Musik runterladen. Dabei sollte ich mir bewusst machen, damit den ganzen Entstehungsprozess nur noch mehr zu verkomplizieren. Die Auswahl wird so noch umständlicher…

Der Traum heute Nacht war ganz versöhnlich. Ich war auf der Bundesstraße nach Königsdorf mit einem Lehrer und einer weiteren Schulkollegin mit einem Segelschiff unterwegs. Und jeder Ackerweg links oder rechts führte zu einer Insel. Definitiv waren wir auf Hawaii.
Und als ich mir soeben beim Sprechen auf die Zunge beiße, fällt mir ein, in einer Psychiatrie/einem Schulheim gelegen zu haben. Weil ich Anfälle hatte. Der derben Sorte. Aber da waren auch Millionen andere Anwärter für einen Therapieplatz; warum sollte also gerade ich vorgereiht werden? Ich versuchte zu erklären, was da mit mir passiert… Träumte ich mitten am Tag? Immer wieder sah ich Dinge auf mich zukommen, Ungeheuer, dunkle Gestalten, die mich vor Schreck erstarren ließen. Und ich war davon überzeugt: Das ist jetzt echt!! Oder noch viel schlimmer die Sache mit der Schlange… Aus heiterem Himmel spürte ich eine monströse Würgeschlange um meinen Hals, die ihren muskulösen Leib immer enger und enger um meine Kehle zog. Ich drohte zu ersticken, obwohl sie reine Einbildung war! Aber man nahm mich nicht ernst…

Mich dem Video widmen. Da sind 35 Minuten Material, die auseinandergenommen und wieder zusammengefügt werden müssen…

16:23
Wie kurz davor bin ich, den linken Unterarm wieder zu zerschneiden?

Manchmal gibt es Zufälle, die gibt es eigentlich nicht. Das Krampfen wurde immer heftiger…
Es klingelt an der Tür. Ich hatte doch den Termin für heute abgesagt. Ich hatte doch dem Taxiunternehmer gesagt, dass die Fahrt heute ausfällt, weil ich doch vor über zwei Wochen früher dort war als geplant.
Es war Josef, der Fahrer, um mich abzuholen. Und in der Tat hatte ich mit dem Gedanken gespielt, irgendwie nach Oberwart zu fahren, wenn das so weiter ginge. Umso besser. Erst recht, weil ich mir die Erwartungshaltung samt Panikzuständen so erspart habe.
Sogar im Krankenhaus stand mein Termin noch… War ich wirklich so blöd? Oder hat ein anderer geschlampt?
Mühselig und nicht zielführend.
Der Katheter wurde gewechselt, ein neues Urikult angelegt, zu dem noch ein pflanzliches Präparat verschrieben bekommen. Doch bei der Heimfahrt war Josef irgendwie mies gelaunt. Oder wieder nur Einbildung meinerseits, weil ich tatsächlich immer noch glaube, Einbildung sei auch eine Art Bildung??

Vor dem Mercedes entbrannte eine kurze Diskussion, als er mir unter die rechte Achsel griff und ich wohl „zu schroff (?)“ protestiert habe? Er für meinen Geschmack entnervt: „WO darf man dich ÜBERHAUPT noch ANFASSEN??“.
Dieselbe Debatte hatte ich wenige Minuten zuvor im Untersuchungsraum mit einer netten Schwester geführt. „An den Händen.“. Darauf begrabschte er mit seinen Händen hastig meine Oberarme, Unterarme und monierte seinerseits: „WIESO?! Das ist doch alles HAND!“.
Spätestens jetzt kippte die Situation, definitiv für mich, und aus Harmlos wurde Bedrohlich. „Nein?“, als würde ich mich mit einem einfältigen kleinen Kind unterhalten: „Das da oben sind meine OBERARME!! DAS meine Unterarme!! Da unten…“, und schüttelte meine Hände: „… DAS sind meine Hände!“.
Diese BESCHISSENE Unsitte in der österreichischen Dialektik, Arme als Hände und Beine als Füße zu bezeichnen!! Ich war definitiv bedient! Und saß im Taxi die ganze Heimfahrt über zusammengekauert an die Beifahrertür gepresst, meinen linken Arm so weit wie möglich von ihm weg haltend!
NATÜRLICH ist das wieder ganz allein MEIN Kopfkino!! Ich kann mir sonst wie viel Schuld an der Situation geben!! Mich ermahnen, Vernunft walten zu lassen!! Aber die Gefühlswelt hält nichts von Ratio, und ich fühlte mich dermaßen unwohl mit ihm im Auto… Kaum zu Hause der erste Weg ins Bad, Händewaschen. Und dann, als ich mich für die Ausfahrt mit Sonnencreme einschmieren wollte, als mir diese hinunter fiel und ich mehrfach versuchte, sie aufzuheben, sie mir aber ständig zwischen den Fingern entglitt, gaben auch noch die Knie nach und ich stürzte zum ersten Mal seit einer Ewigkeit auf den Rücken…

Wie konnte ich es auch nur wagen, in den letzten drei Tagen (genau wie im Fall der Blase) einmal den Gedanken zuzulassen, dass ich schon lange nicht mehr umgefallen sei. Noch besser: die Überheblichkeit! Ich dachte ernsthaft, jetzt nicht mehr so dumm zu sein und besser aufzupassen…

Du bist so dämlich!

Ich war kurz weg, es viel zu heiß, meine Füße brannten und mir war draußen auch irgendwie ganz anders. Mit jedem Stückchen näher zurück ans Haus nahm die Beschimpfungsfrequenz frappierend zu. Ein „nettes Wort“ nach dem anderen aus meinem eigenen Mund zu mir zurück oder direkt an mein Spiegelbild gerichtet!
Ich hätte mir das sparen sollen. Mein Rücken schmerzt. Vom Sitzen oder meinem UMfall? Meine Hände klimpern, ich fühle mich wieder im Sumpf der Lethargie gefangen. Das Bild wird nie fertig werden. Und ebenso wird es auch dem Video ergehen…

Offiziell verbleiben mir noch etwa 20 Minuten, bis mit Sebastian zu rechnen ist. Ich will, ich kann nichts…

Mich zum Sofa schleppen und dort dahin schmelzen…

Was für eine träge, fette Sau!!!

Man frage bloß nicht, wie ich mich fühlte, als die zierliche Daniela mich wieder auf die Beine stellte… Zum Glück war sie noch da…


20:06
Heilige Scheiße!!
WAS WAR DAS GERADE?????

Ich bin immer noch 9, bin immer noch im Gasthaus, RIECHE das Gasthaus. Exakt dasselbe Licht, aber es ist nicht abends, es ist morgens, vormittags an einem Mittwoch, Ruhetag und ich in der riesen Burg ganz allein…

Ich fragte Markus: „Weißt du in etwa WANN ich gesagt habe, jetzt geht’s los??“.
„Vor etwa einer halben Stunde…“.
MEINE FRESSE!!!
Die Blase verkrampft sich schmerzhaft, aber ich vermag partout nicht die kleine gelbe Tablette aus der Blechdose zu fischen. Meine linke Hand völlig verkrampft, die rechte nicht minder gelähmt.
„Leider muss ich dir sagen, dass diese Somatisierungen in nächster Zeit wohl zunehmen werden.“, mein Analytiker trocken.
Das heißt, um etwa 19:30 Uhr bin ich plötzlich weggetreten und vermochte genau wie gestern diese Tatsache ins Off hinein kundzutun. Darauf folgten, wie von mir gestern gewünscht, konkrete Fragen. Eine Reise zurück in meine Kindheit. Eine Reise durch die große Burg, durch das kleine Häuschen meiner Oma. Gerüche, Geschmack, Geräusche. Tatsachen tauchten auf, die ich so nicht mehr auf dem Schirm hatte.

[…]

Mir ist schlecht. Mein Schädel dröhnt. Irgendwie immer noch weggetreten.
Was ich als Erstes gesehen hätte, hat er gefragt…
Als würde man auf meinen Kopf schauen. Die Schädelplatte entfernt. Aber der freigelegte Schädel ergibt keine Kontur, hat Löcher. Ich sehe darin die Neun liegen. Ich verschiebe die Konturen, die Neun hat eine Kurve und lässt sich perfekt einfügen. Zugleich hat sie aber auch ein Auge, und dieses ist blind. Die Acht hingegen erscheint friedlicher…
Er meinte, die Acht wäre ja 2 × 4, also meine vermeintliche „Glückszahl“. „Die Acht hat gleich zwei blinde Augen. Aber man kann sie zumindest durchmalen, sie ergibt einen geschlossenen Kreislauf, den man nachzeichnen kann, bis man sich in Trance versetzt, sich selbst beruhigt. Aber die Neun wie kastriert, wie abgeschnitten…“. Und was sich mir noch aufdrängte, war folgender Gedanke, den ich auch aussprach: „Sie sieht aber auch aus wie ein Spermium…“.

Das Programm vermag das Wort nicht zu schreiben. Kann es „nur“ ein Zufall sein, dass bei Öffnen der Korrektur das richtige Wort auf Platz 4 steht????

Die Neun sei beängstigend. Mein Alter?
Ich bin regelrecht verstört. Neben der Spur. Und ich will nur noch die Glotze anschmeißen und aufhören zu denken…

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18. April 2018, Mittwoch „Bremsspuren…“

8:28
Zu Beginn der Küchenschlacht kommt auch der Rehbock zum Dinner. Am Ende der Wiese genoss er ein paar zarte Triebe und Blattspitzen, um sich dann für etwa 10 Minuten hinzulegen, sein Dasein zu genießen, sich sicher zu fühlen. Bei den Schlusstakten der Kochsendung steht er wieder auf und stiefelt durch die Wiese, auf mich zu, um sich nun noch einen Nachtisch zu gönnen, ein paar Happen von den faulen Äpfeln. Man kann seinem Geweih regelrecht beim Wachsen zusehen. Er hat auch Durchfall, seine Hinterläufe sind mit Kot beschmiert. Aber nicht so frappierend und besorgniserregend wie vor ein paar Jahren bei Rosalinde, die dazu noch trächtig war, mit Zwillingen, wie jedes Jahr, wie alle Rehe hier im Graben. Und sie mehr dem Tod glich als einem sprühenden Leben. Deswegen die Wurmkur für Ziegen gekauft und, in Wasser aufgelöst, die Semmel die Flüssigkeit aufsaugen lassen und auf die Wiese gelegt. Sie hat sie erwartungsgemäß und pünktlich abgeholt und wenige Tage später war sie nicht mehr wiederzuerkennen, so gesund sah sie aus. Eingriff in die Natur? Wenn einem schon nur dieser kleine Lichtblick bleibt… Wenn man schon unfähig ist, Freundschaften zu halten oder sich an Haustiere zu binden…

Um 10 heute Sitzung. Panik. ABER für die wenigen Stunden an diesem Tag nicht der erste Anflug. In meinem Schädel das Echo von Kopfschmerzen. Links oben der Wald hat sich bereits verhüllt, die Vorhänge geschlossen; es kommt nicht mehr so viel Licht in den frühen Stunden in meinen goldenen Käfig.
Nachts im Bett waren wir zu dritt. Sebastian, ich und auf mir drauf die Panik. Ich war müde, aber durfte nicht schlafen. Um mich, um meinen Körper von der Angst abzulenken ein Bonbon nach dem anderen gelutscht, unterdes wurde es später und später und dann war es schon nach Mitternacht… 59,4 Kilo um 6:45 Uhr. Also mit stark eingeschränkter Nahrungszufuhr kann man also auch sein Gewicht „halten“…? Die Verdauung zum Stillstand gekommen. Beim Morgenmagazin zuvor hieß es, wir hätten dieses Jahr einen exorbitant starken Pollenflug. Prompt springt der Hypochonder in mir auf den nächsten Zug auf…

Und wenn du jetzt von den ganzen Immunsuppressiva auch noch eine Allergie bekommst?“

Mir die nächsten Theorien spinnen, da ich ja sonst kein Hobby zu haben scheine?
Was ich jetzt definitiv noch brauche, das ist laute Musik…

17:19
Bin extra rasch wieder nach Hause gekommen, um auf jeden Fall vor ihm dort zu sein, um noch allein sein zu können. Bis auf den Wind war es beinahe sommerlich. Gleich zweimal traf ich auf einen Maiwurm, diese mussten dann vor der Kamera posieren und letzterer hat mir auf die schwarze Armstulpe geschissen. Darf man wohl oder übel auch als Statement werten.
Ich wollte unbedingt früher zu Hause sein, um mich aufschlitzen zu können. Das muss ich zugeben. Und ich wollte noch malen; morgens doch lediglich 75 Minuten geschafft. Aber meine Hände sind gelähmt. Mein Schädel dröhnt. Die Rechte klimpert heimlich in ihrer Faust. „Etwa um 18:00 Uhr bin ich zu Hause!“, lautete seine Prognose. Mir bleiben noch 36 Minuten. Markus gab mir den Ratschlag, ich solle abends mit Zunahme der Panikattacken mir selbst einen Brief schreiben, indem ich mir Mut zuspreche, mir selbst sage, was ich alles kann und geleistet habe… Ich musste einmal schlucken, mein interner Freund am Toben. Auch jetzt. Den ganzen Tag über. Ein neues Bild zeichnen, für besseres Verständnis: Es fühlt sich an, als gäbe es in meinem Kopf ein Mikrofon. Da hinein spreche ich meine Gedanken, wie geschriebene Sätze. Und wenn dem Täterintrojekt irgendetwas nicht passt, schubst er mich vom Podest, reißt das Mikrofon an sich und brüllt hinein. Ich liege auf dem Boden und kann weder sprechen noch denken. Bis er den Platz wieder frei macht.

Der Schleim läuft zäh meinen Gaumen hinab. Alles blüht, auch die Traubenkirschen lassen ihre duftenden Dolden hängen. Immer wieder musste ich ganz tief einatmen, durch die Nase, es war einfach zu betörend. Mir zugleich aber immer der Vergänglichkeit bewusst. Erst recht als Rosi mit Anni auf dem Beifahrersitz kurz anhielt, sie waren auf dem Weg zur Beerdigung einer etwas entfernten Nachbarin, die ich zum Glück nicht persönlich kannte. So dachte ich eben nach dieser Begegnung erst recht darüber nach, wie es wäre, würde ich ein ganzes Jahr versuchen, es bewusst zu erleben, jeden Monat, jeden Duft, jeden Sonneneinfall, um mich dann im Winter umzubringen.

Sogleich wurden wieder Reize gesetzt…

Warum so lange warten? Mach es doch jetzt, sofort!!

Das Leben ist zu flüchtig. In meinem Kopf sah ich mich einen wunderschönen Ausflug machen, ohne Bescheid zu sagen, wohin die Reise geht, mir dann unterwegs einen stillen Ort suchen, den man nicht so schnell entdeckt, für den die Welt vielleicht blind ist, um dort eine Überdosis zu nehmen…

Zeitgleich aber wieder dahinter verborgen der Wunsch, gerettet zu werden. Mir so perfide, so schlecht und schäbig vorkommen.

Meine Medikamente einnehmen. Bedarf es eines Rauschzustandes? Oder wäre die Panik gestern ohne diesen vielleicht nicht so dermaßen Amok gelaufen?
Die Tablettendose im neuen, grünen Stoffbeutel -darauf ein Pfadfinderabzeichen, ein Peacezeichen und zu guter letzt ein Totenschädel- beim Katheter.

Eine volle Dosis vom Tramal und dazu 2,6 mg Hydal. Die Hand klimpert weiter; Sebastian wird oder könnte oder sollte bald kommen. Die Wunden am Arm eine Trauerveranstaltung. Aber vielleicht… Vielleicht darf ich später noch arbeiten.

19:07
Vor 20 Minuten klingelte das Telefon; Sebastian, sei erst jetzt aus der Firma rausgegangen. Ich ließ ihn wissen, mir wäre lieber gewesen, er hätte nicht angerufen. Gewartet hätte ich so oder so… Heizt doch lediglich die Ängste an.
In meiner Untätigkeit, meiner zwangsverordneten Lethargie ein paar Physioübungen gemacht, für den Nacken, die Schulterpartie, um währenddessen mein letztes Video noch einmal anzusehen. Es sind fast all die Fehler enthalten, die ich eigentlich abschließend ausgemerzt hatte. Nun ist es zu spät, zu dem den Ordner vom Computer gelöscht. Als ob Markus‘ Worte in mir irgendetwas angestoßen hätten… Ich betrachtete mich selbst mit anderen Augen. Gnädiger, wohlwollend…

Du siehst doch gar nicht so schlimm aus.
Hast ein freundliches Gesicht.

Die Betäubung stellte sich alsbald ein, ich wollte sie genießen, sehnte mich so sehr nach ein bisschen Frieden, aber ich durfte nicht. In regelmäßigen Wellen überschwemmte mich die Panik während des ganzen Videos. Anfangs ging es noch besser, aber dann schien sie wieder zu gewinnen. Der Ischias, beidseits, begann zu meckern, kritisierte das Sitzkissen, erst recht das viele Sitzen. Ich griff obendrauf zum Novalgin. Panik um Panik, jede Welle versuchte mich unterzutauchen, runter zu drücken, mir den Atem zu rauben…

Aber nun das Erstaunliche: Ich konnte mir ja keinen Brief schreiben, während ich mir meinen Film ansah. Aber da schien es, als würde meine Helferinstanz auf den Plan treten! Passend dazu soeben erneut hoher Wellengang… Mir Optionen aufgezählt, sie wieder und wieder runter gebetet. So ich jetzt nicht arbeiten kann, könnte ich die neuen Aufnahmen sichten und aussortieren, ich könnte nach neuer Musik Ausschau halten, ich könnte vielleicht fürs neue Projekt einen kleinen Comic zeichnen, um daraus eine kurze Animation zu basteln, ich könnte mit der Arbeit für eine kleine Tierdokumentation, mit all meinen gesammelten Pflanzen und Tieren, machen, oder diesen inneren Monolog mit all den Zeichnungen zu einem Video verarbeiten, eventuell aus meiner Geschichte für Kinder mit der Waldmaus ebenfalls ein Filmchen entstehen lassen, und ich könnte und könnte und könnte…

Die Panik ließ nach. Als hätte ich ihr einen Schranken vor den Latz geknallt. Rumpelstilzchen tobte, ständig fand er etwas Anstößiges in meinem Film…

Das ist doch Blödsinn! Du brauchst keine Angst zu haben, alles ist gut, jetzt gerade passiert nichts mit dir! Schau doch, deine Bilder, was du da nicht alles bereits geschaffen hast. Dabei hättest du nicht einmal im Traum gedacht, jemals so malen zu können!

Ob es auch jetzt noch fruchtet?

Gleich kommt Sebastian, du bist nicht mehr allein und hast dich noch nicht verletzt!!!
Also tu es endlich!!!

Sebastian liebt dich und er braucht dich. Und du liebst ihn auch. Nichts wird passieren, wenn er zurück ist.

Mir konsequent meine Betäubung nicht wegnehmen lassen.

Den Text überflogen, korrigiert und zugleich mit weiteren Angstzuständen konfrontiert. Mein Nacken ist steif, die Schultern sind steif und der Hals kratzt. Sinusitis, Erkältung, Allergie?

Nur nicht in die nächste Denkschleife verrennen. Meine rechte Hand spastisch, zumal mir auch die Zeit davon läuft. Vielleicht der Versuch, eine Skizze anzulegen. Sonst ab zu den Videos.

Panik.

RASIERKLINGE!!!

19:57
Die elende Glocke läutet 5 Minuten zu früh. Mich auf die Heizdecke setzen. Meine Haare müssten auch noch gewaschen werden… Warum habe ich es selbst noch nicht probiert?
Beide Hände zu Fäusten verkrampft. Je mehr ich mich dagegen wehre, versuche, sie wieder gerade zu biegen, desto mehr gehen die Finger in die Beugung. Die Panik scheint zu gewinnen.

GEH INS BADEZIMMER UND BRING ES HINTER DICH!!!

20:33
Er ist immer noch nicht zurück und es war sicherlich klug, mich selbst um die Haare zu kümmern. Dabei natürlich riskieren, mehrfach beinahe umzufallen. Die Maus nicht mehr betätigen können. Draußen rumpelt ein Traktor schon seit Stunden über einen Acker und macht mich zusätzlich nervös. Gegen die spaßig ein weiteres Lioresal geschluckt, aber es bewirkt nicht, was es eigentlich soll. Meinen linken Unterarm von Blutresten befreit. Alles wäre jetzt schön warm, ich hätte eine Schale Tee intus, ich könnte jetzt…

Hör auf davon zu schwafeln!! Schneide dir ein Loch in den Arm!!! Mach endlich IRGENDETWAS richtig!!!

Während ich mich irgendwie ans Waschbecken klammerte, „heiteres Wellenreiten“. Jedes Mal irgendein dämliches Lied gesungen. Mit mir selbst reden, als sei ich ein kleines Kind.
Die Hand klimpert unverdrossen weiter. So kurz davor, noch irgendetwas zu konsumieren. Auch sei erwähnt zu Mittag lediglich einen Eiweißshake, zum Frühstück eineinhalb Vollkorngrissini, ein paar Gummibärchen und nachmittags vier kleine Lakritzdrops gegessen zu haben…

Sebastian kommt nach Hause, mit froher Botschaft. Um mich zugleich mit seiner Lebendigkeit aus der Bahn zu werfen. Die neue Bekanntschaft, die Stieftochter eines Internisten, hat bei ihrem Stiefvater wegen diesen Werten nachgefragt, auf die Markus so wild ist. Das sei überhaupt kein Problem, hätte sie gesagt, er würde nur gern ein neues Blutbild von mir haben, sich das ganze von A bis Z angucken. Eigentlich sei er ein Privatarzt, würde das aber für mich gratis machen.
Wow…? Vitamin B?

Sebastian ist noch nach oben: „Ich brauche noch etwa eine halbe Stunde, ist das o. k.?“. Nachher muss ich unbedingt kurz mit ihm reden, über die Sitzung heute. Dass ich ihn unbedingt brauche, was die Panik betrifft, und ich diesbezüglich auch nicht viel verlange. Nur eben mich auf gar keinen Fall wie ein Kind behandeln, irgendetwas herunterzuspielen, mich bestenfalls 2 Minuten lang einfach nur festhalten, wenn ich mich schon verliere. Und dass alsbald wohl wieder eine Sitzung zu dritt ansteht: „Die Rahmenbedingungen sind sehr wichtig! Das Setting muss geklärt werden, denn da kommt noch einiges auf dich zu! Und du wirst ihn brauchen, als Stütze! Darauf muss ich ihn noch einmal dringlich einstimmen, das ist zwingend notwendig!“, Markus vormittags.

Die Panik will mich immer noch verschlingen. Keine Ahnung, was es zu essen geben wird. Vermutlich gar nichts.

Brauchst du etwa noch eine Aufforderung??!!
LOS!!!

Klimpern. Und die Blase vermittelt erneut den Eindruck, als wäre es bald wieder an der Zeit, mich anzupinkeln. Im Katheterschlauch heute die ersten Eiweißpartikel…

Da geht im Flur plötzlich sein Handy an, anstatt zu klingeln laute Musik… Und während ich gefühlt mit der Aufmerksamkeit bei diesem elenden Ding bin, bekommt mich die Angst zu fassen!
Verzweifelt Luft holen. An die gerade diktierten Zeilen denken, um die Einsicht zu haben, dass es mir nicht gut gehen darf! Die Hand klimpert schneller.
Dann hört sie damit auf, abrupt, wandert in Richtung Schultasche…

STÜCK SCHEISSE!!

Das gelbe Kuvert landet auf dem Boden. Die Hand lässt auch noch die Klinge fallen, aber diese kommt wenigstens nur bis zum weiten Hosenbein. Das Herz schlägt schneller, die Atmung beschleunigt…

Fest andrücken. Vier Schnitte. „Nett“, nichts zu spüren. Aber die Unterseite vom Arm ist wertlos. Mir wird schlecht. Die Klinge wenden und drehen. Verbraucht. Das Blut ist vermeintlich eiskalt. Ziehe ich die Haut auseinander, schlägt die Oberfläche Wellen, glänzt wie Plastik. Bei Nummer 19 kurz innehalten. Die 20 muss besser werden…

MACH EINMAL ETWAS RICHTIG!!!!

Ein dicker Tropfen landet auf der Hose. Aber genau im roten Streifen, da fällt es nicht auf, sieht aus wie Wasser. Nummer 19 schickt sich an zu gefallen… Pumpt und pumpt.
Warum kriegen das Kinder hin? Warum ich als Erwachsene mit so heftigen Schmerzmitteln intus nicht?! Einmal genäht zu werden; scheint auf meiner Wunschliste zu stehen. Wie einst der Suizidversuch eben auch. Es tut mir leid, diesen Mist erneut in die Welt hinaus zu flüstern.

Die 20 geht komplett daneben, so werden es zwangsläufig 24. Das Blut eiskalt. Schmutzigen Verband, noch mehr Flecken auf der Hose. Warum bin ich nicht nach Jennersdorf gefahren, um mir neue Verbände zu besorgen…

So wird es 21:18, einmal tief ausatmen. Der Brustkorb wie zugeschnürt.

Im Flur meldet sein BESCHISSENES Telefon, eine Nachricht bekommen zu haben und das dazugehörige Piepsen fährt mir durch Mark und Bein! Als hätte man mir, meinem Herz mit einem Flammenwerfer WORTWÖRTLICH „eins übergebraten“!!! JETZT hat mich die Panik endgültig voll und ganz im Griff!!

Strafe genug?

16. April 2018, Montag „Lebenszeit = abzusitzende Haftzeit“…

8:32
59 Kilo um 6:45 Uhr. Erneut hat sich viel zu viel Krempel auf Leinwand und Tisch angesammelt, die Farben in den Schälchen nach zwei Tagen angetrocknet. Katzenhaare aus der schwarzen Tunke zupfen. Moderate Kopfschmerzen, schlaflose Nacht. Ich las bis kurz nach Mitternacht. Vermochte nicht einzuschlafen, irgendwie war es so warm, zu warm, Licht wieder an und das Buch abgeschlossen. Jetzt kann ich es Gerald wenigstens zurückschicken. Mit der ganzen Materie vermochte ich nicht sonderlich viel anzufangen. Lediglich am Schluss bei den Fallbeispielen erkannte ich diverse Überschneidungen. Zumindest „gefühlt“, wenn das überhaupt irgendetwas wert ist…
Dann entgleist mein Gedanke, ist flüchtig bei der Volkshilfe und die erste Panikattacke prescht über mich hinweg wie ein vom Teufel besessener Rasenmäher. Meine Hand klimpert, dabei sollte sie jetzt malen. Versuchen, an der Spitze zwischen den beiden Pinseln den neuen auszumachen. Vor allem die schwarze Farbe hat gelitten. Ich weiß gar nicht, wo, womit ich anfangen soll. Immer angesagt sind Korrekturen am Weiß der Leinwand. Obwohl dieses auch nur noch dreckig und abgenutzt aussieht.

In meinem Traum ging es um eine Art Weltuntergang, am Dreiländereck gab es ein Flüchtlingslager. Das Wort „Lager“ darf man dabei wortwörtlich nehmen! Chinesen, Japaner, syrische Flüchtlinge, Afrikaner… Und ich irgendwie die ganze Zeit auf der Flucht vor meinen Eltern. Es war Weihnachten und zugleich mein Geburtstag. Birgit war gekommen, ins Lager, um mit mir zu feiern. All die anderen Schulkollegen, Freunde hatte ich mittlerweile erfolgreich vergrätzt. Mich nie auf Glückwunschkarten, Geschenke erkenntlich gezeigt, geschweige denn geantwortet. Bravo! Meine Eltern ließen auch nicht locker, jagten mich regelrecht. Wo ich war, waren sie mir dicht auf den Fersen. Eine Art Zeltfest fand statt. Währenddessen rebellierten draußen die Flüchtlinge. Es kam zu Völkerwanderungen, die Chinesen versuchten sich mit den Japanern zu verständigen, anzufreunden. Sie hatten doch ähnliche Kampfsportarten. Hinterm Zaun gegenüber waren die Afrikaner eingesperrt. Beiderseits wurde versucht, die hohe Hürde zu überwinden. Es gab Tote, Verletzte und zugleich sah das Gelände aus wie jenes in Graz beim Krankenhaus. Meine Mutter wollte unbedingt ganz nah an mir dran sein. Ich war gerade aufgestanden, um etwas zu trinken zu holen. Da musste ich an ihr vorbeigehen.

[….]

Es folgte eine Verfolgungsjagd. Aber das Jugendamt holte mich aus dem Auffanglager, schnappte mich meiner Mutter vor der Nase weg. Als ich abgeholt wurde, steckte ich mir noch hastig ein kleines gelbes Kuvert in die Hosentasche. Eine Rasierklinge, für den Fall der Fälle.

Ein weiteres Produkt aus Fernsehprogramm, Lesestoff und sich ohnehin im Kreis drehenden Gedanken? Meine Kopfschmerzen werden immer stärker. Ich sollte mir unbedingt ein Fieberthermometer fürs Ohr besorgen. Nachts hat es geregnet, der Himmel ist grau, die Vögel zwitschern und der Blumensamen von Daniela schien bereits gestern zu sprießen, als ich einen intensiven Blick auf die Wiese warf und an diversen Maulwurfshaufen lauter kleine Keimlinge entdecken durfte.
Der Schleim läuft eifrig den Rachen hinab. Mir erneut einen Termin beim HNO-Arzt besorgen. Damit der mich nach Graz überweist. Die nächsten Termine, der nächste Stress, das nächste Gerenne… Panik. Und die Frage: Hört das denn nie auf? Obwohl anders gefragt: Würde ich eine Ruhepause überhaupt registrieren und zu goutieren wissen?!

Jetzt mit Musik versuchen, Konzentration zu finden…

Das erste Lied der Liste ein „Klassiker“ bei den Sprinteinheiten. Ambivalente Gefühle strömen durch meinen Körper. Die Augen wollen weinen, die Beine meinen, Endorphine zu verspüren, und beide Hände, Arme werden schlagartig taub, ein Teil in mir will sie aufschlitzen, um den Schmerz auszutreiben, zu tilgen, um mir die Endorphine anderweitig zu holen…

Beruhigen! Irgendwie beruhigen!… Ein Räucherstäbchen anstecken und dann doch wieder nur wie gebannt auf die Flamme starren, in mir der dringliche Wunsch, diese an meinem Unterarm auszudämpfen…

14:31
Mein Schädel platzt. Ich wollte, ich sollte den Arzt anrufen, neuer Termin, aber ich bin unfähig zu denken. Genauso wie ich unfähig war, auf dem Sofa einzuschlafen. Der Hintern dermaßen am Schmerzen. Die Füße schmerzen. Gefühlt presst der Druck im Schädel meinen rechten Augapfel mindestens einen halben Zentimeter aus seiner Höhle. Das Aspirin wirkungslos. Als nächstes Mexalen… Und dann „Open-House-Analgetika“?! Nur um den Körper nicht mehr spüren zu müssen!! Der Himmel bleibt grau. Mein Nacken steif. Wieder drücken sich die Sitzbeinhöcker durchs Fett meiner Arschbacken. Wohin mit mir?

[….]

Die Kirschbäume beginnen zu blühen. Neue Nuancen mischen sich ins frühlingshafte Duftbild. Und ich möchte mich gerade am liebsten nur abschießen. Richtig, mit allem drum und dran. Mir die Birne wegblasen!
Aber das darf ich nicht… Sonntag steht der große Ausflug an, nach Graz, zu einem internationalen Dartspiel, von dem er bereits seit einem halben Jahr redet. Was könnte ich einwerfen? Abends Sitzung. Kann ich einen Termin beim HNO vereinbaren und Sebastian fährt mit mir dorthin? Brauch ich die Rettung? Oder lass ich es sein? Tritt doch ohnehin wieder nur die nächste Lawine los: Arzt, CT, Arzt, dann vielleicht Klinik… Wenn es doch bereits letztes Jahr wirkungslos geblieben ist?

Meine Rechte klimpert unablässig. Die Spannung muss irgendwo raus. Bedingt durch das Technokonzert in meinem Gehirn scheint alles an mir zu glühen. Ebenso meine Arme. „Ein Thema für die Therapie basteln!“… Auch mein Untergeschoss pulsiert, seit gestern schon. Vermittelt mir den Eindruck, ich würde mich jede Sekunde anpinkeln.

Ich sehe mich selbst, wie mein Blick starr und gebannt am ersten Rinnsal haften bleibt. Wie sich der Kopf schlagartig leert, und es gibt nur noch die Gier nach noch mehr Blut und bestenfalls einen dicken Schuss Endorphine, körpereigenes Morphium… Bereits bei diesen Worten wird es in mir ganz still. Kurz. Eine kleine Vorschau. Aber das Hauptprogramm muss erst einmal gestartet werden, um tatsächlich in den Genuss kommen zu können… Es ist doch ohnehin alles egal, scheißegal. Ich sehe das Wetter draußen, sehe August 1998, ich krank im Bett mit perversen Neuropathien in den Beinen. Der Anfang vom Ende… Und meine Mutter macht mir Vorwürfe, warum ich mich nicht darüber gefreut habe, weil die beiden unerwartet nach bereits drei Tagen von ihrem angeblich einwöchigen Ausflug zurückgekommen sind. Wie sie mir eine Szene macht und ich in meiner Verzweiflung vermutlich geschrien habe: „Ich kann seit zwei Wochen keine Sekunde mehr schlafen!! Weil meine Beine ständig brennen!! Wie soll ich da gut drauf sein?!“…

Ich habe den Geschmack von Eistee im Gaumen. Wie damals. Mir wird schlecht…

Nachts vor dem Zubettgehen stand ich kurz im Flur vor dem großen Spiegel, nur in Unterhose, und betrachtete voller Entsetzen meinen Rücken. Die dicke Schwangerschaftswampe mal außen vor lassen… Aber von hinten sehe ich aus wie ein somalisches Hungerkind, wie Gollum!!! Meine Schulterblätter ragen weit hervor, die Rippen präsentieren sich in voller Pracht, wie ein abgenutztes Waschbrett. Zumindest die Ausschau auf meinen Rücken täuscht vor, ich wäre anorektisch! Was ist das? Muskelschwund „at it’s best“ oder eine weit fortgeschrittene Osteoporose??!! Wie eine hochgradig bedenkliche Skoliose!! Zwangsläufig musste ich an „Ötschi“, unsere nationale Gletschermumie, denken. Wunderschön…

DU BIST ZUM KOTZEN!!! ZOMBIE, FETTER!!!

Die Hand öffnet die Dose, besudelte Tücher werden ausgebreitet, der linke Armwarmer abgestreift. Der Himmel bleibt grau. Der Kopfschmerz zieht in die Ohren, in die Stirnhöhlen hinein, kriecht über die Nase in den Kiefer. Einhalt gebieten!! Es langt!! Den linken Unterarm gestern mit einem Einwegrasierer mehr oder minder vom Schorf befreit. Dieses Jahr, mit dem kleinen Weg zum neuen Teich, könnte ich mich tatsächlich mit dem Rollstuhl -wie vor drei Jahren eigentlich geplant- unter den Hollerbusch stellen und mich abschießen… Der Strauch wie die schützenden Arme von Mutter Natur, daran hängen die ersten Dolden, kurz vor dem Erblühen…

Die Rasierklinge markieren; heute keinen Nerv auf allzu lange Experimente! Die erste Wahl scheint die richtige zu sein!… Nach zwei Testschnitten in mich gehen, um nach dem Gefühl Ausschau zu halten, das den Antrieb hierfür leistet… Verzweiflung? Hass? Die Schnauze voll zu haben?

SCHLAPPSCHWANZ!!!

Mit dem Rollstuhl ins Bad und den Arm mit heißem Wasser verbrühen? So ein scharfes Werkzeug und dann versagen… Mich vor mir selbst schämen! Zehn Kratzer und die letzte Kante hätte es wahrlich in sich, wäre ich nur nicht so feige!!! Das Blut gerinnt. Die Heizdecke abmontieren und auf dem Weg ins Badezimmer irgendetwas konsumieren…

15:22
Strafregister: eine doppelte Dosis Tramal, 40 Tropfen, 2,6 mg Morphium, Hydal. Die Arme sehen aus wie gekocht. Die neue Rasierklinge im Wohnzimmer vergessen, mich am alten Stück versucht. Insgesamt komme ich jetzt auf 15 Schnitte; zumindest die letzten fünf brannten unter dem heißen Wasserstrahl. Von den ersten zehn Kratzern sieht man eigentlich gar nichts. Ich bin… Ich weiß es nicht, was ich bin. Verstört? Der Schädel hämmert weiter und fast lieblich das Aroma der Opiattropfen am Gaumen. Und wie leicht ging es mir von der Hand, die Pumpe achtmal zu betätigen. Als würde ich jeden Tag nichts anderes machen…
Die Vögel zwitschern. Amsel, Rotkehlchen, diverse Meisen… Auf ein Neues!… Der Counter läuft… Nummer 4 sinkt tiefer. Ich müsste eine Kerbe in den Arm schlagen, um Spuren zu hinterlassen, ein Stück herausschneiden… Aber ich kann so was nicht. Bei jedem einzelnen Schnitt lediglich darauf hoffen, ungestüm genug zu sein. Aber das Blut gerinnt schon wieder. Ich werde immer zärtlicher… Das ist doch absurd! 18 Stück. Zumindest das Muster über dem Handgelenk blutet ein wenig, die Haut noch nicht wie totes Leder. Die Klinge in der Hand wenden und ihr die Schuld geben.

FEIGE SAU!!!

30 oberflächliche Linien in Rot. Kann mir eigentlich den Verband sparen. Der falsche Moment? Es später noch einmal mit der anderen Klinge versuchen?

DU BIST EINFACH FÜR ALLES ZU DÄMLICH!!!

Kurz innehalten, zusehen, wie die zähe Pampe aus den letzten Ventilen läuft. Von „gepumpt wird“ kann gar nicht die Rede sein. Schlägt mein Herz überhaupt noch?

45 Versuche und kein einziger Treffer. Schlechte Quote. Die war schon mal besser…

Davon träumst du wohl!!

Den blutigen Krempel liegen lassen. Sebastian ist erst irgendwann nach 17:00 Uhr zu erwarten. In mich zusammensinken und um zumindest eine Mikrodosis Endorphine flehen… Bitte! Stell mich ab! Stell diesen Körper ab!

15:57
Im Internet nach Schlauchverbänden suchen. Ich müsste eine Ausfahrt allein nach Jennersdorf machen, zum Bandagisten, um dort neues Material zu bekommen.
Ein wenig Watte macht sich im Schädel breit. Aber die Schmerzen zeigen sich unbeeindruckt. Kortisonspray in die Nase. Verätzt unverzüglich den Hals, er beginnt zu kratzen.

16:26
Leichenhallenklänge… Endlich abdriften! Markus hat völlig recht, wenn er von „Heroin“ anstatt Opioiden spricht. Das war jetzt mein Schuss. Werde ich dadurch depressiver? Oder nur gleichgültiger?
Ich sehe das Licht, ich höre die Vögel, die Musik und wieder hänge ich im menschenleeren Gasthaus fest, das Raunen des Windes und ich der letzte Mensch auf Erden. Ein kleiner Mensch, ein Kind. Erinnerungen tun sich auf und ich sitze hier mit offenem Mund und starrem Blick nach draußen, irgendwo im Nichts endend, sich dort verlierend. Anstatt die mit Flecken übersäten Tücher wegzuräumen, ein weiteres Mal zur Klinge greifen… Ein Tropfen Blut klebt an der grünen Wasserflasche.

Meine Fresse! Geh arbeiten, dann langweilst du dich nicht und hörst auf mit dem Scheiß!!“

Was für ein wertloses Stück Dreck!!! VERRECKE!!!!

Die Augen wie kuschelig in Watte gepackt. Die andere Klinge. Zwei Wunden brechen auf, als ich den Verband abstreife.

…16 Schnitte. Der Körper hat versucht, sich zu heilen, den Arm gut durchblutet… Sein Pech. Es krachte ganz leise bei jedem Schnitt, wenn sich die scharfe Kante durch das verkrustete Blut seinen Weg bahnte, bis zur Haut, in die Haut, unter die Haut… Der Fleck auf dem alten Geschirrtuch wird größer und größer. Die Letzten erwecken nun wenigstens den Anschein, da müsse irgendwo ein Herz schlagen und verzweifelt versuchen, mich am Leben zu halten. Obwohl ich so gerne das Band abschneiden würde. Abschneiden, reißen lassen, loslassen, mich fallen lassen…

Na wenigstens das bekomme ich hin: Mit der alten Klinge brachial über die Wunden schaben, sodass das Stück Metall immer wieder einsinkt, die Ventile offen, am Laufen hält. Mittlerweile bilden sich blutige Erhebungen auf dem Tuch. Ich will, ich MUSS es hinunter tropfen sehen! Als sei das die Bestätigung, dass der Dreck auch wirklich meinen Körper verlassen hat…

Warum diktiere ich jedes Detail, muss alles haarklein festhalten? Was für eine Perversion steckt wohl dahinter? Als müsse ich beweisen: „Ich habe zumindest gekämpft…“. Worum? Um dieses Leben? Um dessen Ende, den Tod?

DRECKIGE SCHLAMPE!!!

Die Atmung steht still. Meine Schande verschwindet in der Lederschultasche, verkriecht sich unter einer langen, schwarzen Wollstulpe. Verräterisch lediglich Blutspuren rechts an den Fingern. Auch mein Herz scheint stillzustehen.

Alles wäre perfekt, doch dann kommt die Panik. Bald nicht mehr allein, bald Therapie und es wird mir zu viel. Markus wird wieder fragen: „Wie fühlt sich das an?“. Augenblicklich definitiv so, als müsse ich noch mehr konsumieren. Obwohl/weil das soeben immer noch verdammt wenig ist für meine „Störungsgruppe“… Die Kopfschmerzen fangen wieder an…

17:53
Ich musste mein Gesicht waschen. Mit dem Rollstuhl, gehen funktioniert wohl nicht mehr. In der Küche Tee für mich zubereitet, meine Medikamente geholt. Die Milch lässt sich aus der neuen Packung nicht ohne zu kleckern in die Teeschale gießen. Eigentlich geht der größte Teil der Milch auf Boden und Hosenbein. Die Tabletten aus der Dose landen ebenfalls auf dem Boden.

Dumme FOTZE!!
Du dumme FOTZE!!!
DÄMLICHE FOTZE!!!!

Gleich muss ich ihn anrufen. Mein Schädel dröhnt…

20:07
Ende der Sitzung. Heftige Sitzung. Mir für meine letzten Worte noch einmal Musik anmachen. Die Kopfschmerzen waren mal stärker, mal schwächer. In den letzten Minuten ging es um meine Sexualität in der Partnerschaft. Ich sollte mir diverse Dinge vorstellen. Aber es war mir schier unmöglich, ohne nicht gleichzeitig sehr heftig den Wunsch zu verspüren, die Version von mir in der Vorstellung zu zerstören. Auch erzählte ich ihm, dass ich allein beim Anblick von Füßen zerstörerische Derealisationen bekomme. Kaum erwähnenswert, was das erst recht für Füße bei der Sexualität bedeutet. Ich benutzte das Wort „grotesk“. Dass sich für mich die Körper in Einzelteile auflösen. Nichts gehört mehr zusammen, nichts ergibt Sinn, keine Einheit wiederherstellbar. Ich halte Sexualität am Tag, beleuchtet nicht aus. Die verzerrten Leiber, entstellten Gesichter… WIDERLICH, ABSTOSSEND, BEÄNGSTIGEND, ERSCHRECKEND und kann einfach nicht wahr sein!!! Ich habe noch nie einen „schönen“ Sexualakt gesehen. Menschen werden zu Tieren. Zu unheimlichen Gespenstern. Monstern. Sie grunzen, stöhnen, sabbern, schlabbern, schlecken… Ganz zu schweigen von den Geräuschen, die aufeinander treffende Massen und Körperflüssigkeiten verursachen…

Die Kopfschmerzen nehmen wieder zu. Ebenso die Halsschmerzen. Meine Rechte hält den linken Unterarm am Handgelenk fest und klimpert auf den Wunden herum, die sich da unter der schwarzen Wolle verbergen. Die Rotlichtlampe steht seit über 2 Stunden vor mir und gibt ihr Bestes. Ich hätte den verdammten Arzt anrufen sollen! Draußen beginnt es zu schütten.

Hinter mir knackt es, ich erschrecke und ein schmerzhaftes Brennen fährt durch den ganzen Körper. Ich kann nicht mehr…

Neues Kapitel – „Orale Inkontinenz“

(Video noch einmal ausgetauscht- müsste nun fehlerfrei sein)

30. Januar 2018, Dienstag

20:07
Mir ins Bett helfen lassen. Ich fühle mich… Keine Ahnung. Seltsam. Aufgelöst.

Ja genau und dann spielst du dasselbe Theater wieder und wieder!!

Vor dem Badezimmerspiegel eine Aufnahme mehrmals wiederholt und von dieser inneren Zerrissenheit und den Büchern erzählt, die gerade auf mich einwirken. Wie viel davon ist echt, wenn ich es mehrmals rezitiert habe?

Ich wollte, ich sollte meinen Traum noch aufschreiben. Aber ich kann ihn nicht veröffentlichen. Vielleicht noch zur Physiotherapie; da sollte ich auf einem Hocker direkt vor dem Spiegel sitzen. Ich wollte nicht hinsehen, klammerte meinen Blick erst an eine Ecke meiner Klamotten, dann an meine Schultern, ob die Aufrichtung stimmt. Die Therapeutin sagte, die Armbewegung bei der Übung würde nun aussehen wie Ballett. Gefiel ich mir? Konnte ich mich aushalten?

Eingebildete, widerwärtige Fotze!!

Zum Traum: [….]

21:16
Mit Sebastian gesprochen. Fühlt sich immer noch so unendlich weit weg an, obwohl er zu Hause ist, obwohl er morgen vorbeikommt. Wenn ich etwas Trauriges erzähle oder von meinen Tiefpunkten der letzten Tage, seufzt er. Es ist nicht direkt ein Vorwurf, aber ich teile ihm mit, welcher Eindruck bei mir ankommt: „Siehst du? Du hältst es nicht mehr aus. Du kannst es nicht mehr hören.“, und denke mir dabei, das ist aber LEIDER meine VERFICKTE REALITÄT!! Zu ihm gesagt, er muss diese beiden Seiten im neuen Buch lesen. Vielleicht versteht er dann besser. Auch meinte er, während der Zugfahrt das Buch über Traumata, wie von mir gewünscht, gelesen zu haben. Zumindest einen Teil davon. Auf meine Frage, ob es bei ihm angekommen sei, gibt er zumindest vor, (Zitat) „dass das alles ganz schlimm und schon richtig sei“. Was erwarte ich von ihm? Dass er aufhört, sich an diese Pseudoharmonie zu klammern? Ich könnte heulen…

4. Januar 2018, Donnerstag „Reizüberflutung…“

9:51
Ich konnte nicht schlafen. Ich durfte nicht schlafen. Wieder wurde es 3:00 Uhr, oder noch später, obwohl wir bereits um 10 ins Bett gegangen waren. Das Lesen löste unverzüglich Panikattacken aus. Auf die Panikattacken folgte die „Initialerinnerung“, und schon breitete sich ein großflächiges Netz von Verknüpfungen mit anderen Augenblicken in meiner Chronik vor meinem inneren Auge aus. Los ging es damit, mit meiner Mutter von Güssing nach Hause zu fahren. Scheinbar hatten wir dort meine Oma besucht, oder ich wurde nach meiner Blinddarmoperation dort abgeholt, und meine Oma war zeitgleich wegen ihrer Krebserkrankung ebenfalls dort stationär, ich durfte mit ihr im selben Zimmer liegen, unsere Betten wurden sogar zusammengeschoben. Aber das war es gar nicht, was ich sah. Sondern diese Heimfahrt und in meinen Händen dieser rote Doktorkoffer, darauf ein weißer Kreis, in dem sich wiederum im selben Rotton ein rotes Kreuz befindet. Alles aus Plastik. Ich sah diese Situation ich war in dieser Situation, vermochte den Kunststoff zu riechen. Aber nur für einen winzigen Augenblick, bevor die Erinnerungen weiterjagten, zu einer ganz anderen Momentaufnahme mit diesem Koffer, auf dem Fußboden im Wohnzimmer, dann sah ich mich in der Damentoilette mit irgendwelchen Kindern während einer Großveranstaltung im Gasthaus… Usw. und so fort. Es hörte nicht mehr auf, ich konnte mich nicht auf den Text konzentrieren, unentwegt dieses Gaumenschnalzen, unwillkürlich beim Lesen von bestimmten Wörtern, die in mir irgendetwas auslösten. Nennen wir das Kind doch gleich beim Namen: Angst! Nichts als Angst! Ein seltsames Unwohlsein, als sei ich noch im Hier verankert, würde aber mit meinem Kopf in der Vergangenheit hängen und die Jahre dazwischen zerreißen meinen Körper! Jede dieser banalen Erinnerungen war mit einer Erwartungsangst belegt. Wieder hörte ich das bedrohlich dumpfe Klimpern vom Hauptthema aus „Der weiße Hai“. Wann würde der erste Einschlag, der erste Flashback wie aus dem Nichts auftauchen?!

NIEMALS!! WEIL NICHTS PASSIERT IST!!!
Wann kapierst du das endlich; erst, wenn du alle umgebracht hast??!!
DU, DU ALLEIN BIST DAS PROBLEM!!!

Gestern noch in der Sitzung erschien alles so logisch. Jetzt wird erneut der Verunsicherung Platz geschaffen. Wäre es besser, gäbe es da noch mehr Selbstanteile? Zumindest irgendetwas, das auf meiner Seite wäre, oder wenigstens neutral? … Das Kind?…

Gestern im Fernsehen diese Sendung mit den Fünflingen gesehen. Das eine Kind, welches dezent „behindert“ zu sein scheint… Es machte mich so unglaublich aggressiv und ich dachte nur, ich wünschte mir nur… Irgendjemand würde es umbringen!! Mit Tränen in den Augen fragte ich Markus gestern, ob ich ein Nazi wäre. Ob DAS mein eigentliches Naturell sei! Er versuchte mich zu beruhigen und ich überlegte weiter, was es sonst bedeuten könnte. Hasste ich dieses kleine Kind, weil es so wehrlos war? Weil behinderte Kinder wehrlos und völlig schutzlos ausgeliefert sind? Weil dieses Kind in der Glotze Bedürfnisse anmeldete, was ja, das sagt mir meine Ratio, ganz natürlich sei? Und mein inneres Kind ebenso wehrlos war, sich nicht gewehrt hat und deswegen zur Nutte wurde? Also Schuld daran, mein ganzes Leben ruiniert zu haben!!!…

Nicht zu verachten ein entscheidendes Detail! Speziell dieses kleine Baby, mit seinem zerknautschten Gesicht, den feuerroten Haaren, den operierten Schlitzaugen, den speckigen Bäckchen… Um Himmels Willen! Das kleine Mädchen sieht aus wie Schani!! Und ich hasse es, mehr und mehr und mehr, mit jeder Folge von der Sendung, die ich zufällig an mache!! Diese Drecksau, die sich an meinem Hintern seinen Schwanz geil gerubbelt hatte!! Und zu dessen Erwähnung, inklusive zweimaligem Ansprechen dieser Vorfälle an meinem Geburtstag lediglich zu Schweigen meiner Eltern geführt hatte!! Ich bin im falschen Film! Aber dennoch so eine Angst vor mir selbst, vor meinem Hasspotenzial, das sich leider nicht nur gegen mich selbst richtet!

Markus sagte, das sei normal. Ganz normal für meine Patientengruppe. Heute 59,3 Kilo um 6:45 Uhr. Mit mir einen Kampf ausfechten, ob ich mich abschießen muss oder nicht. Dabei ist die Volkshilfe bereits da, hab sie auf den Flur verbannt; vorerst. Ein Aspirin gegen die starken Kopfschmerzen. Mein Körper will schlafen. Die Sonne scheint. Und ich denke, heute wäre wieder ein wunderbarer Tag, um Schaden an mir anzurichten. Versuchte ich abends doch noch ernsthaft über eine Stunde lang den bekloppten Befund vom Hausarzt zu entziffern! Da werden doch tatsächlich Werte benutzt, die längst nicht mehr gängig sind. Was heißt das, 7 % Lymphozyten? Wenn 20-40 % normal wären? Wäre das höher als die letzten 0,3 oder weniger und entspräche 0,2, bei denen das Gilenya eigentlich runter reduziert oder abgesetzt werden müsste?

Aber ein Detail konnte ich recht zügig entschlüsseln (so viel Erfahrung habe ich schon): Meine Anämie ist noch fetter als beim letzten Blutbefund!! Wunderbar! Wie sie wohl jetzt im Augenblick mit der Periode aussehen würde? Das schreit ja förmlich danach, „selbst Hand anzulegen“ und meinen Beitrag dazu zu leisten… Eventuell draußen, nachmittags, wenn nichts mehr geht…

18:52
Eine falsche Bewegung, der rechte Fußrücken berührt den Holzkorpus vom Hocker vor mir und die Krämpfe nehmen ihren Lauf. Nicht das erste Mal an diesem Tag. Auch nachts zeigte sich das Potenzial dazu, obwohl ich gleich 2,6 mg Hydal zusätzlich zu den 2 mg retard geschluckt hatte. Zum Glück blieb es beim Potenzial, den Druckschmerzen dank dieser beschissenen Matratze. Aber jetzt… Wieder ausgeliefert. Mieke hatte zuvor sogar angerufen und gefragt, ob es nun ihrer Hilfe inklusive eigener Nähmaschine bedarf, was meine Hosen betrifft. Sie hat mich aus dem Schlaf gerissen. Ich habe den größten Teil vom Nachmittag verpennt, und kaum wieder wach, wuchsen Unzufriedenheit, Selbsthass, Unruhe!

Ich habe ernsthaft keine Lust verspürt, mich trotz allem zu verletzen. Ich dachte schon: „Was ist denn mit mir los?!“. Ob die Sitzungen, die ständige Konfrontation mit dem Thema und eine unbestreitbar vorhandene Erkenntnis anfangen mich zu verändern?

Zwar 16:00 Uhr, als das Telefon klingelte. Ich, ekelhafte, fette Sau blieb sitzen! Die Motivation wie paralysiert. Stand ich doch morgens nach 135 Minuten an der Leinwand kurz auf dem Laufband, gar nicht mal schlecht, Maximalgeschwindigkeit von 0,7 km/h. Wäre Martina von der Volkshilfe bloß vorher gegangen oder hätte noch ein bisschen weiter gearbeitet… Ich hatte gerade mal 16 Minuten geschafft, da sollte ich den Arbeitsauftrag unterschreiben. Sie hatte kein Netz, es dauerte, ich stand zu lange und konnte mir anschließend weiteres Training in die Haare schmieren. Und seitdem sitze ich hier auf dem Sofa…

Immer noch kein Bedürfnis, zur Rasierklinge zu greifen? Gefühlt sind meine Lymphknoten angeschwollen, leichte Halsschmerzen, wieder. Was ich definitiv getan habe, vor 2 Stunden bereits eine volle Dosis Tramal zu schlucken und gerade eben noch einmal. Als sei es Wasser.
Sebastian kam nach Hause, irgendwann um 17:30 Uhr, half mir aus meiner Hose und wiederum in eine der beiden neuen, die noch nicht umgenäht wurden. Was für ein Glück! Chinesisches Produkt! Ich musste lediglich den Saum unten einmal umlegen und so fest nähen. Die Nähmaschine rauchte bedrohlich, mir stand das Wasser auf der Stirn. Und selbst wenn es nur ein kleiner Akt war, versuchte gar nicht erst, noch einmal den Einstieg ins Malen zu finden. Den Computer ausgemacht, zurück aufs Sofa, vor das Notebook. Sebastian findet angeblich kein Akku für das Gerät. Den Dazugehörigen hat er damit ruiniert, ihn sofort auszubauen und jahrelang ohne Gebrauch irgendwo rumliegen zu lassen. Das ist schade. Dafür klingelte heute zweimal die Türglocke. Das erste Mal nahm Martina das Paket entgegen; mein neuer Rollcontainer aus Holz. Das zweite Mal der Postbote; ich kam kaum vom Sofa hoch und zum Glück rannte er wie schon so oft ums Haus und ich musste nur zur Terrasse gehen, um ein Paket mit dem sauteuren Buch „Tagkind, Nachtkind“ und meinem winzigen Diktiergerät entgegenzunehmen. Es ist so winzig wie ein kleiner USB-Stick. Perfekt! Kann ich mir direkt um den Hals hängen, um es immer dabei zu haben! Was ich heute Nacht geträumt habe, längst vergessen.

Dieser Satz und die Panik zerrt an mir, ganz plötzlich, wie ein bösartiger Hund, der von hinten angreift und einem ohne Vorwarnung in die Wade beißt.

19:25
Das Diktierprogramm zum dritten Mal neu starten. Das rechte Bein über das linke geschlagen, den Oberschenkel verprügeln. So viel Opiat intus, aber die Kopfschmerzen nehmen nicht ab. Hilfe suchend wandert mein Blick nach rechts auf das kleine Tischchen neben dem Sofa, die kleine Holzschatulle, voll gestopft mit diversen Blisterpackungen. Die Augen bleiben am Fläschchen Psychopax hängen. Habe ich nichts draus gelernt? Aus dieser paradoxen Wirkung, die immer wieder eingetreten war? Scheinbar nicht. Jetzt gerade jeden einzelnen Gedanken festzuhalten, dient wohl auch nur dem einen Zweck, mich irgendwie über Wasser zu halten. Sonst saufe ich ab. Ist Selbstverletzung auch deswegen kein Thema, weil das Hemd sich nicht so einfach zum Verstecken anbietet?

FAULE AUSREDE!!

Als ich Sebastian abends eine Zeile aus dem Buch vorlas, und die aktuellen Seiten handeln ja von der DIS-Therapie, meinte er zuerst: „Da steht aber nicht ernsthaft DIS?“. „Natürlich! Er kann ja nicht jedes Mal dissoziative Identitätsstörung schreiben, da wäre das Buch doppelt so dick geworden und das nur, wegen diesem einen Wort!“; in der Passage stand eben, dass Therapeuten den Fehler machen, sich nicht mit den Alter-Persönlichkeiten zu unterhalten und ich fügte hinzu, dass Brigitte das auch tunlichst unterlässt. Darauf kam von Sebastian lediglich ein „Aha…“. Also glaubt er selbst nicht an die Diagnose? Sieht auch darin wieder ein Thema, in das ich mich heillos verrannt habe? Wie damals mit der Borderline-Diagnose? Oder war er nur müde und maulfaul?

19:53
Sebastian kommt, Tür geht auf, Herzrasen! Es tut mir leid, ich entschuldige mich, er sagt wie ein kleiner Junge: „Aber ich kann doch nichts dafür…“. Die Glotze läuft, es krampft weiter und zu 2mg retard Morphium und nem Schluck Wasser, damit mir das Zeug nicht wie Cognac oder Korn die Zunge verbrennt, mindestens 18 Tropfen Psychopax.

16. Dezember 2017, Samstag

16:48
59,1 um 9:00 Uhr. Der Tag verliert seine Farben. Ein Sonnenscheintag. Aber ich… Ich habe den entscheidenden Teil verschlafen. Um mich nun zu fühlen, als hätte ich eine Überdosis intus.
Gleich nach dem Aufstehen machten wir uns auf den Weg nach Feldbach, in einen der billigen Möbelläden; ich wollte die Suche nach großen Tassen noch nicht aufgeben. So ein weiter Weg für zwei Stück Teeglück für Mieke und mich. Aber es war lustig, wir hatten Spaß, ich habe gefroren, und dann zu Hause nach dem ersten Essen an diesem Tag weggebrochen. Vielleicht wäre ich früher aufgestanden, vielleicht hätte ich das Abendrot einfangen können, als es noch am gewaltigsten war. Wären da nicht die Krämpfe gewesen, die unaufhörlich meinen Schlaf torpedierten. Nach 2 Stunden dieser Tortur nahm ich Morphium; wie bei einem Placeboeffekt dauerte es gefühlt keine 5 Minuten und Frieden kehrte ins System. Ins kaputte System. Dann vielleicht ohnehin nur 30 Minuten durchgeschlafen, aber das Bild am Himmel bereits am Zerfließen. Ich hätte draußen sein müssen, es hatte Frühlingstemperaturen. Aber ich habe es nicht geschafft. Ich denke, ich möchte doch unbedingt den ganzen Tag kreativ sein, meine Potenziale ausnutzen, aber ich schaffe nichts davon.
Panik.
Diese hat aktuell ihre Qualität erneut verändert, hat noch einen Zahn zugelegt. Auch heute Nacht hatte ich vor dem Einschlafen eine konfuse Reise durch meine Kindheit durchgemacht. Im Traum kam der vermeintliche Täter vor… Aber gleich mit Schwinden der nächtlichen Geister hatte sich auch dieser aufgelöst und vermutlich erscheint mir der nächtliche Film bedeutender, als er tatsächlich war. Aber nach der Sitzung?

Dabei bin ich jetzt schon wieder wütend auf mich selbst, weil es bereits nach 5 ist und noch nichts geschafft. Hatte ich mich nachts doch tatsächlich an den Zeichenblock gesetzt und vermutlich ist es eine faule Ausrede zu behaupten, die Qualität vom Papier sei der Grund, warum ich nichts zustande brachte. Außer das Gesicht des Kindes, die Augen hohl und schwarz. Gerade eben, als ich 15 Tropfen Tramadol schluckte, der Tag draußen im Sterben lag, hatte ich das Gefühl, ich muss viel mehr genommen haben. Mein Rücken schmerzt. Die Heizdecke gibt ihr Bestes, aber das reicht wohl nicht.
Panik.
Mich der Leinwand stellen. Wollte ich doch ein neues Videoprojekt beginnen… Aber nach der Konfrontation mit mir, meiner UNgestalt gestern, wäre dies vermutlich ohnehin nicht gut gegangen… Der Befund vom Röntgen scheint unauffällig, die Schmerzen sind aber da. Hirngespinst? Oder eine Weichteilproblematik? Die Dame, die gestern im Warteraum neben mir saß, fragte ganz leise und vorsichtig: „…Das sieht mir sehr nach Unfall aus… Habe ich recht?“, mit Blick auf mich samt Polenporsche. Ich lächelte. Und klärte sie auf. Da meinte sie: „Meine Güte! Was hat sich der da oben dabei wohl gedacht?“. Ach, der Christengott ist dafür verantwortlich? Na endlich habe ich einen Schuldigen!…

Mich aufrecht hinsetzen. Ich versuche es zumindest. Und endlich an die Arbeit gehen…

17:52
Ich verliere den Boden unter den Füßen.

18:11
Sebastian kommt soeben zurück. Ihn bitten müssen, die Terrassentür zu öffnen und mich einmal kurz ganz fest zu halten. Als ich mich erhebe, wird der Schwindel noch schlimmer. In all den Büchern die zurückliegenden Tage immer wieder gelesen, dass man Sachen macht und sich nicht mehr daran erinnert, bei der DIS. Und für einen kurzen Augenblick lasse ich den Gedanken zu, bereits jede Menge Tramal konsumiert zu haben.:: Blödsinn!
Mein Blutzucker! Genauso wie gestern nach dem Friseur! Eine plötzliche Hitzewallung, Schwindel, weiche Knie… Im ersten Moment glaubt man, stoned zu sein. Er stellt mir Apfelspalten, Schokolade und eine geschälte Clementine auf den Tisch. Klopft meinen Rücken kurz weich. Macht eine Nasenspülung im Bad und sagt mir immer wieder, wie wunderschön ich bin und dass ich es nicht nötig habe, mich so fertig zu machen. Ich aber prophezeie ihm, dass es noch schlimmer kommen wird. Dass das gerade nur die Spitze vom Eisberg sei. Er will mir das nicht glauben, oder nicht wahrhaben. „Wenn du wieder festgehalten werden möchtest oder irgendwas brauchst, klingel oben an!“. Hastig die kleine Citrusfrucht vertilgen. In mir zittert alles. Da drauf eine ganze Entwässerungstablette… Der Kollaps könnte kommen! Es folgt eine Derealisation. Nicht die Erste und sicherlich auch nicht die Letzte an diesem Tag. Meine Abendtabletten nehmen. Mein Rücken schmerzt immer mehr, verspannt sich, verknotet sich immer mehr. Ich sehe die Benzos auf dem Boden der Dose. Die Sehnsucht kommt angerannt und reißt mich mit sich. Irgendetwas will mich erneut blockieren, ausbremsen. Meine kleine Floskel bemühen: „Ganz auf den Zug aufspringen und behaupten, dem zugrunde läge eine abgespaltene Persönlichkeit oder ein Selbstanteil.“? Die Farben neu befeuchtet…
Panik. Ich brauche Ablenkung! Dachte ich wirklich, der Scheiß der zurückliegenden 20 Jahre, vielleicht auch noch den Mist mit den Sterbefantasien der Kindheit mit eingeschlossen, machen 31 Jahre, wäre schon die Krone des Sadismus? Ernsthaft?! So etwas wie eine Panikattacke hätte ich mir in dem Maß nie vorstellen können! Scheinbar ist es an der Zeit. Mich endlich zu erinnern und aufzuarbeiten oder zu sterben…
18:43
https://www.youtube.com/watch?v=m9_7BBn_7mk

Mir die Seele aus dem Leib singen. In Gedanken längst am Verbluten, damit dieses schreckliche Gefühl endlich aufhört, ein Ende nimmt!!!!!!

https://www.youtube.com/watch?v=PBvwcH4XX6U

Ein Schrei wird zum Himmel fahren
Schneidet sich durch Engelsscharen
Vom Wolkendach fällt Federfleisch
Auf meine KINDHEIT mit Gekreisch…“

Mir kommt die Kotze hoch…

20:27
Und kurz, nach dem tosendem Sturm, kommt nun Stille. Als sei es nie anders gewesen, hätte NIE einen Grund gegeben, zu hadern, zu verzweifeln, an Selbstmord zu denken, mit der Familie zu brechen, mich „so anzustellen“… Wie trügerisch die Flaute.
Jetzt erst recht einer Derealisation anheim fallen. Was ist echt, was Realität, Traum oder Wahnsinn?

2 Stunden. 1162h und 30min. Endlich etwas essen…

25. März 2017, Samstag 11:42

Eine Karikatur angefertigt und währenddessen meine alte Laufmusik gehört. Draußen der strahlende Himmel, all die Erinnerungen an Abertausende Läufe; mir standen die Tränen in den Augen. Der Schmerz nicht weit davon entfernt, mich zu übermannen. Die Nachbarin auf dem Balkon, ich hielt ihr Telefonieren nicht aus, nicht ihr Gejammere. Als sei ich einen Deut besser… Der gestrige Tag hatte Schlagseiten bekommen, die Übelkeit bot mehrere Auslöser als Erklärung. Vorrangig definitiv die Entwässerungstablette. Heute die Stirnhöhlen zugekleistert. Erst beim Frühstück tauchte beim Schnäuzen ein etwas verblasstes Maiskorn in meiner Rotze auf. Sehr appetitlich. Mir gestern Nacht sogar die Blöße gegeben und einen blutigen Hosenboden den Mitpatienten wohl oder übel unwissend präsentiert. Auch wenn die junge Schwester meinte: „Das Oberteil ist lang genug, das hat man nicht gesehen!“. So zucke ich auch jetzt regelmäßig bei jeder noch so winzigen Reaktion von meinem Unterleib nervös zusammen: „Hält die Monstereinlage oder hält sie nicht?“. Sebastian wird/will kommen und ich hatte erneut einen Missbrauchstraum. Das gestern Gelesene mit anderen Protagonisten wiederholt, in meiner ganz persönlichen Fassung. Und wieder waren Zombies unterwegs und versuchten das Dorf an sich zu reißen.

Die letzte Therapie liegt hinter mir, ich fühle mich erschlagen und sehe eine überfordernde Woche auf mich zu rollen, hauptsächlich bestehend aus Schlaf und Versagen. Mein Rücken bringt mich erneut um, das Gelkissen erneut im Waschbecken aufheizen. Und wieder an die Musik denken, an zuvor, all die Erinnerungen, all die Straßenstücke… Ein gewisser Grad Verbitterung stellt sich ein, den ich mir wieder nicht anmerken lassen werde.

Mittag. Erst ertönt die Sirene, es folgen die Kirchenglocken und ich verliere mich in einer weiteren Derealisation. Auf dem Nachbarbalkon unterhält man sich angeregt. Ich verstehe schon wieder so vieles nicht, kann es nicht einsortieren, als „normal“ ad acta legen. Die ganzen Hilfsmittel, die Tatsache, hier auf Reha zu sein, nicht nervös zusammenzucken zu müssen, dass die Sirene einen Testlauf wie überall in Österreich Samstagmittag unternimmt, während anderswo Bomben fallen. So weit weg, so schräg und ich verstehe mich selbst nicht in meinem Menschsein. Was bin ich schon? In Einzelteile zerlegen und viele davon als mir nicht zugehörig empfinden, ablehnen. Bin ich verrückt, werde es oder alles ein abgekartetes Spiel und ich nichts als eine Schachfigur, eigener Züge und Entscheidungen beraubt.

23:29

Spaßiger Abend. Missbrauchsdoku im Bett.

Frühling…
Sebastian wieder wie heute Nachmittag vor dem Kuchenregal unten vorm Kiosk stehen sehen, wie er da so unschuldig das drehende Ding beobachtet, völlig unbedarft überlegt, was er gerne hätte… Lebensblicke…

ICH SEH IHN STERBEN!!!!

Laut zu weinen anfangen. Wie damals, als kleines Kind, im Kopf die sterbende Mutter… Ich will nur noch sterben, unverzüglich, auf der Stelle diesem Schmerz entfliehen!

6. Dezember 2016, Dienstag 19:35

58 um 7. Die Katastrophe weitet sich aus. Morgens gemeinsam mit Sebastian geduscht und anschließend nackt auf dem Sofa zu sitzen und den Anblick meiner Speckschwarte ertragen zu müssen, nicht auszuhalten. Am liebsten würde ich ein Profiskalpell mit Schmackes über dieses weiße Ungetüm ziehen…

Ein vergeudeter Tag. Wie befürchtet. Die Krämpfe ließen sich nicht eindämmen, trotz 5,2 mg Morphium nachts. Eine unruhige, lange Nacht und gefühlt wollte die 1 vor dem Doppelpunkt und der Minutenanzeige dahinter einfach nicht verschwinden. Die 2. Stunde des Tages zog sich in die Unendlichkeit. Ich vermochte mich nicht umzudrehen, musste ihn mindestens einmal aufwecken und um Hilfe bitten. Aber die einschießenden Spasmen zerstörten die neue Liegeposition ohnehin binnen Minuten. Also was blieb mir übrig? Morgens 4 mg Hydal retard. 1,5 h gemalt und dann bis zum Mittagessen auf dem Sofa geschlafen. Kaum hatte ich die Augen geschlossen, konnte ich nahtlos in die Traumwelt übertreten. Selbiges nach dem Mittagessen und 1:15 weiteren Stunden am Bild. Wenn der letzten halben Stunde mehrmals während dem Malprozess für Sekunden eingenickt. Mit dem Pinsel auf der Leinwand. Erneut 1 h hingelegt, ehe er nachhause kam. Was mache ich morgen? Ich wollte den Tag allein „genießen“ und ganz besonders wollte ich ihn für meine Aktivitäten „ausnutzen“. Etwas später nach dem Frühstück lediglich eine Tablette und abends dann 2? Obwohl ich seit 2 Tagen erneut auf 3 ganze Novalgin umgestiegen bin, sind Herr und Frau Ischias noch mehr angepisst.

Während ich mir selbst dabei zu hören, wie aus meinem Munde ein weiterer Schmerzbericht entsteht, brodelt in mir eine weitere Panikattacke deswegen. Ich hasse mich.

ABER gestern Abend beim Feilen an einem Fotobuch für meine Mutter eine kleine Dokumentation über Borderline laufen lassen. Schwarz-Weiß-Denken, Menschen in Gut und Böse einteilen… Das mache ich nicht. Hinter jedem Monstrum das Kind und dessen Traumata erahnen

20:10

Mir beinahe in die Hose machen. Beide Hände spastisch verkrampft und unbrauchbar, der Schwindel omnipräsent. Und nicht mehr schaffen… Sebastian möchte nachher mit mir einen Film kucken. 669:00 insgesamt. Das Bild wird nie fertig…