6. Juli 2018, Freitag „HEUTE ist Freitag!…“

8:30
59,3 Kilo um 6:45 Uhr. Wie gestern, wie vorgestern. Da geht man einmal nach über 20 Tagen aufs Klo und wiegt zwei Tage später einen Kilo mehr… Logik?
Es regnet. Dementsprechend hoch die „FluGtuation“ am Restaurant. Die Insekten bleiben zu Hause. Ich möchte eine riskante These aufstellen: Wetten, zu Mittag scheint wieder die Sonne?
Keine halbe Stunde mehr, dann habe ich Sitzung. Die vermutlich vorerst Letzte. Eine Pause ist angedacht. Nachts im Bett verlor sich mein Blick unentwegt im obersten Regalfach, dort, wo mindestens fünf Paar nagelneue Laufschuhe aufeinander gestapelt Staub ansetzen. Ein Fach weiter unten liegen weitere Modelle, kaum getragen. Den ganzen Ausflug über (bis auf das längere Stück mit den Schmerzen) musste ich ans Laufen denken. Aber wo sollte ich auch hinfahren, welche Strecken blieben mir denn, um nicht mit Erinnerungen konfrontiert zu werden?
Die Antwort ernüchternd: HIER definitiv keine Alternative! ALLES wurde abgelaufen!
Es ist Sommer! Zwangsläufig bin ich wieder mit diesem Verlust konfrontiert. Natürlich könnte ich aufhören, dabei auch noch mein altes Handy mitzunehmen, um damit die Musik von damals zu hören. Beim „Spaziergang“ brauchte ich sie aber. 45 Minuten waren möglich. Davon die letzten 15 nur noch Quälerei. Aber es war so heiß…
Trotz etwas mehr Bewegung, trotz neuer Stützstrümpfe, war es gerade Sebastian, der abends zu mir sagte: „Huch, du hast aber wieder ordentlich Wasser in den Füßen!“.
Der Witz nur: Mir wäre es erst gar nicht aufgefallen! Ist nicht er es, der die Situation permanent runterspielt, wenn ich mich darüber beklage, dass meine Gliedmaßen doppelt bis vierfach so dick geschwollen sind?
Der Körper setzt Funktionen aus, beginnt mit dem Abbau, stellenweise mit dem Sterbeprozess.
Stromkosten hin oder her: Nachts liege ich im Bett, die Matratze ist so weich, dass die Inkontinenzmatte unter mir permanent unbequeme Falten schlägt, kaum auszuhalten ist, aber fürs Wohlbefinden sorgen Ventilator und Heizstrahler -die kalte Luft für die krampfenden Beine und die warme für Oberkörper und eiskalte Hände. Wie in Kindertagen stelle ich mir vor, in einer eiskalten Nacht draußen irgendwo am Lagerfeuer zu liegen…

Aber das habe ich schon oft genug diktiert. Anstatt die Zeit so zu verschwenden, hätte ich die letzte Aufnahme schneiden können. Eine Katastrophe, teils vom Wind und größtenteils von Flugzeugen sabotiert. Ich könnte natürlich auch wieder damit anfangen, wie beschissen ich aussehe. Dass der Spiegel mitunter gnädiger zu mir ist.
Das erste Thema heute wird definitiv wieder diese Grunddebatte sein, warum er felsenfest davon überzeugt ist, es mit einer Multiplen zu tun zu haben. Wobei doch ich selbst immer den Eindruck gewinne, ich generiere Rumpelstilzchen regelrecht.
Vor über 1 Stunde noch hatte ich eine bessere Erklärung parat, traf den Nagel auf den Kopf als der Satz gerade eben. Aber er ist weg. Oder sagen wir so: Ich hatte mich in flagranti dabei erwischt, wie ich etwas dachte, das ich dann doch nicht denken durfte, es bedurfte einer Reaktion und rief mein vermeintliches Täterintrojekt auf den Plan. Gar nicht mal dahingehend, dass ich ihn eingeladen hätte, sondern wie ein Gerät eingeschaltet! Um dem Bild zu entsprechen! Den „Erwartungen“?!
Wie fühlt es sich an? Wie sollte es sich anfühlen? Laut Markus und dem viel zitierten DSM V, der wohl immer noch nicht offiziell beendet und veröffentlicht ist, genau so, wie ich es beschreibe. Dabei bleibt aber latent ein Vorwurf: Dass ich das alles nur fingiere, der Aufmerksamkeit wegen, um anders, besonders zu sein… Dabei ernte ich immer nur schräge Blicke, keiner nimmt mich ernst, wenn ich mich dahingehend oute. Also welche Form von „narzisstischer Zufuhr“ erhalte ich denn überhaupt, um diese Unterstellung zu rechtfertigen?
Keine?
Oder genügt es mir, in meiner Gedanken- und Fantasiewelt etwas Besonderes zu sein?…

18:15
„Der Körper soll dein Tempel sein“… Ich lach mich tot…
Mein Körper ist mein Erzfeind! Oder wie heute in der zweistündigen Sitzung von mir beschrieben: „Ich fühle mich wie ein Alien. Eine Art Energiewesen. Das Gehirn…? Ist ja auch etwas Physisches, also sagen wir, es ist das, was man landläufig als Seele bezeichnet. Und irgendjemand hat mich in diesen fremden Organismus gepflanzt. Ich kann mich damit nicht identifizieren! Es bleibt für mich ein „FREMD-Körper“.“.
Mittags 2 Stunden lang Krämpfe im linken Bein. Egal, wie oft ich aufstand und umherging. Egal, wie oft ich das Bein verprügelte. Egal, ob warme oder kalte Luft, und so war eben auch das Magnesium egal. Gezwungen, zum Morphium zu greifen…
So trat wenigstens nach einer halben Stunde endlich Frieden ein. Sebastian kam sehr spät nach Hause, es war bereits 15:00 Uhr. Während er schlief, war ich wach. Und als er noch kurz einkaufen fahren wollte, schlief ich ein. Dabei hielt es mein Ischias auf dem nagelneuen, schweineteuren Fernsehsessel nicht aus.

Ich lag da vielleicht 30 Minuten. Aber der Heizstrahler lief währenddessen. Als ich erwachte, traf mich regelrecht der Schlag! Mir war speiübel, als hätte ich wieder zu viel getrunken, mich mit Entwässerungstabletten voll gestopft und jegliche Elektrolyte ausgeschwemmt, und zugleich Mund, Zunge, Gaumen sowie Kehle dermaßen staubtrocken, als hätte ich die Namib durchquert…
Sein erster Kommentar: „Meine Güte! Ist das hier heiß! Als ich gerade die Tür geöffnet habe, war es so, als würde mich eine Wand erschlagen!“. Und so fühlte ich mich eben auch, als hätte ich mit meiner fortgeschrittenen MS in der prallen Sonne verschlafen; oder noch besser, 5 Stunden in einer Sauna gesessen… Völlig ausgeknockt, unbeweglich, instabil! Zu allem Überfluss hatte ich die Wasserflasche runtergeworfen und er kam genau im richtigen Augenblick zurück; ich hätte die riesengroße Pfütze nicht aufwischen können.

Ich hatte meiner Verdauung mit einem der beiden Einläufe vom Hausarzt gedroht. Das hat wohl „gefruchtet“. Bereits seit drei Tagen, ganz besonders heute fühlte sich mein dicker Bauch wie eine steinharte, schmerzende und erst recht druckempfindliche Kugel an! Als ich es endlich geschafft hatte, aufzustehen, drückte der Darm wohl auf die Blase…? Oder die Überdosis Wärme hat sich auf die jeweilige Stelle in meinem Hirn ausgewirkt, die für meine Inkontinenz verantwortlich ist?… Ein heftiger Blasenkrampf, ich pinkelt in die Hose… Bzw. und zum Glück in die große Einlage. Das, was dann auf dem Klo folgte, war wahrlich kein Spaß.
„Mit freundlichen Grüßen, Deine Opioide und Morphine!“. Und die fehlende Bewegung. Und die ungesunde Ernährung…? Jeden Tag, wenn es heißt: „Was möchtest du heute essen?“, da habe ich keinen Plan, vermag nicht darüber nachzudenken, habe auch eigentlich auf gar nichts Lust und wenn dann irgendetwas Essbares vor mir steht, dissoziiere ich eine kleine Ewigkeit über dem Menü, anstatt es mir in den Mund zu stecken. Oder esse einen Bissen und bin eigentlich schon satt…

WARUM NIMMST DU DANN NICHT AB, DU SAU??!!!

Die Sitzung heute hatte so viele wichtige Punkte angeschnitten, mein Analytiker so viele entscheidende Sätze von sich gegeben… Und ich mir nichts gemerkt!…
Natürlich habe ich wieder mit ihm darüber diskutiert, was es nun mit der Multiplen auf sich hat. Er nannte ein paar stichhaltige Argumente, die ich nicht abstreiten konnte. Aber vergessen! Alles, was mir in Erinnerung geblieben ist: „Das, was du da mit dir tust, ist eigentlich ein Verbrechen und du würdest dafür ins Gefängnis wandern, wenn du es mit jemand anderem tun würdest!“. Das saß. Und irgendwie und über Umwege, die erneut schlüssig waren, wollte er mir damit klarmachen, dass DAS ALLES schlicht und ergreifend für einen verdrängten sexuellen Missbrauch sprechen muss!

Was machte ich? Begann zu klimpern, das Hirn ging auf Stand-by.
Ebenso schlüssig die nächste Überlegung, gerade angesichts meines Zusammenbruchs vorletzte Nacht: „Vielleicht weiß deine Mutter wirklich nichts, aber da der Täter zu dir gesagt hat, das darfst du ihr nicht erzählen, das bringt sie um, hat er dir damit die Sterbefantasien in den Kopf gepflanzt, gerade angesichts ihres Verhaltens, was Krankheit und Tod betreffen, und dass du DANN irgendwann anfängst, auch sie abzulehnen, weil sie sterben zu sehen eigentlich dein gesamtes Leben verpfuscht hat, kein Wunder.“.

Und wieder sah ich diesen Satz im Nachwort des Buches „Ich war erst zwölf“ von einer Fachfrau, mit dem ich nicht gerechnet hatte, aber er stand da, wie eine Tatsache, wie etwas völlig Normales, Gängiges bei dieser Thematik, und ich habe mich mein gesamtes Leben gefragt, ob nur ich so gestört, bescheuert bin!!!
„Opfer von sexuellem Kindesmissbrauch glauben sehr häufig, ihre Mütter umzubringen, sehen sie sterben…“. In dem Kontext, würden sie der Mutter vom Missbrauch erzählen. Weil der Täter sie damit zum Schweigen gebracht hat. „Wenn die Mama das erfährt, bringe ich sie um!“. „Das darfst du der Mama nicht sagen, das bringt sie um!“.
Und wieder erläuterte Markus den gravierenden Unterschied zwischen zum Beispiel seinen Misshandlungen damals im Internat und meinen Reaktionen auf diverse Trigger: „Wenn ich den Film von der Kampusch sehe, fühle ich mit ihr. ABER in deinem Fall gehen gewisse Szenen wortwörtlich UNTER die Haut!!! Das ist bei mir nicht so, und das hat doch was zu bedeuten!! Und du wärst schon ein verdammt guter Schauspieler, wenn ich mich auf deine Videos beziehe, und du die DIS nur spielst! Und das kannst du dir auch nicht eingeredet haben, um dann bei diesem Thema so dermaßen körperlich zu reagieren!“…

Therapiepause. Bis zum 1. August. Sollte ich dekompensieren, etwas erinnern, bräuchte ich nur per Skype einen Notruf absetzen, man könne dann kurzfristig eine Notfallsitzung einberaumen. Aber der Sommer sei eine gute Zeit, mir etwas Gutes zu tun. Da hat er insofern recht, weil ich zu dieser Jahreszeit doch immer noch einen Restkrümel Selbstständigkeit allein durch den Umstand habe, niemanden zum An- und Ausziehen zu benötigen, wenn ich raus möchte. „Und die Natur ist für dich eine wichtige Ressource!“.

Ich würde gerne darüber nachdenken, wie es jetzt weitergehen soll. Denn es muss doch irgendwann etwas geschehen. Aber „ich darf nicht“. „Sobald du dich zu sehr mit dem Missbrauch, vermutlich mit dem Täter, also mit dem, was dir passiert sein könnte, auseinandersetzt, umso lauter wird Rumpelstilzchen. Auch wenn er behauptet, dir sei nichts passiert, müsse er sich dann ja nicht so ins Zeug legen… Oder nicht?“. Und: „Wenn du ein Problem damit hast, dann nenne es eben Egostate, oder noch besser: Ein abgespaltenes Gefühl! Aber ein Solches entsteht eben nur, wenn ein Missbrauch die kindliche Seele spaltet, widersprüchliche Gefühle sich nicht einsortieren lassen, um schlussendlich -zum Selbstschutz, um überleben zu können- abgespaltet zu werden!“.

Am Video weiter arbeiten. Aber ich weiß nicht wie. Es bedürfte noch einer Aufnahme, aber die Lichtbedingungen sind schlecht, ich fühle mich unansehnlich, nicht zumutbar und so dermaßen verwirrt oder vielleicht auch gelöscht im Schädel, dass ich davon überzeugt bin, nichts zu sagen zu haben…

19:14
Nächster Blasenkrampf…

19:42
Es hört nicht mehr auf zu krampfen. Harnwegsinfekt, Pilz, kalte Füße?
Mit dem Rollstuhl zum Sofa gefahren, um den Heizstrahler zu holen. Das Kabel verheddert, das Kabel zu kurz, beim Rangieren (und ich musste dazu noch das Kabel und die Fernbedienung der Heizdecke festhalten) kollidiert der rechte Fuß mit der Tür…
Eine überzeugendere Einladung für die nächsten Krämpfe gibt es wohl kaum!! Als ob das Krampfen im Unterleib nicht bereits ausschlaggebend genug sei…
Und ich bin wütend! Beschimpfe mich selbst! Lasse mich beschimpfen! Und bin stinksauer, wie ich so blöd sein konnte, das Haus so zu planen, wie ich es geplant hatte! Das soll ein großes Wohnzimmer sein? Geräumig und mit Platz für so einen klobigen Rollstuhl??
SO EIN SCHEISS!!!
Wenn die Beine nicht ohnehin von der warmen Luft erneut ihr perverses Treiben fortsetzen.

21:19
Mich anpissen…

Du fettes, dreckiges Ferkel!!!

Advertisements

3. Juli 2018, Dienstag „Und täglich grüßt das Murmeltier…“

8:31
Oder besser gesagt „…der Wiederholungszwang…“?
Unzählige Minuten verstreichen wertfrei, das Diktierprogramm zelebriert seine 5 Minuten.
58,4 Kilo um 6:45 Uhr, draußen vor dem Küchenfenster singt eine Goldammer, der Himmel unentschlossen und verhältnismäßig wenig Gäste am Restaurant. Ich bin so müde und habe es mir doch selbst zuzuschreiben. War der Rausch wenigstens schön? Oder hatte nicht mehr in petto als mich körperlich in einen Kaugummi zu verwandeln?
Mein sauteurer Sessel kommt heute. Dafür muss im Wohnzimmer manch anderes weichen. Ein Drittel der Couch zum Beispiel. Ob das alles so klug ist, oder ob es die Unruhe und gefühlte Unordnung erst recht verstärkt?

Als ich gestern mit der Animation einfach nicht vom Fleck kam und wahrlich schon überhaupt keine Lust mehr hatte (diesbezüglich muss auch noch erwähnt werden, dass ich vermutlich noch mehr Umstände bekomme, wenn die Samples nicht passen), drängte sich mir die Tatsache auf, auf den SD-Karten wieder zwei neue Sprachaufnahmen zu haben. Die Panik bedankte sich mit einem Knicks… Aber mir nun vorzugaukeln, mit dem restlichen Tee und einem gemütlichen Festhalten meiner Gedanken ruhig und entspannt in den Tag starten zu können, dürfen, wenn nicht sogar zu müssen, sollte als infantil bezeichnet werden. Wie lange macht mein Rücken mit? Der Ischias meldet sich. Die rechte Ferse schmerzte nachts bestialisch und der Nachhall lässt auch jetzt noch keine Langeweile aufkommen.

Bis dato hatten die Comicfiguren keine Augen. Keine Ahnung, was ich Vollpfosten mir dabei gedacht habe. Wollte ich sie ernsthaft nachträglich einbauen, über das Videoschnittprogramm???
Rumpelstilzchen lacht sich schlapp über mich und meine Blödheit. Nun über Umwege jedes einzelne Bildchen nachbearbeiten. Und sollte das total bekloppt aussehen, sicherheitshalber dieselben Dateien in einen externen Ordner verschoben, um sie dann wiederum im Arbeitsordner zu ersetzen… Aber das wird jetzt zu verkopft! Hauptsache ich mache keinen Fehler und lösche irgendwo aus Versehen irgendwas…

9:19
Lange habe ich nicht durchgehalten…
Aber es ist doch wie jeden Sommer, wie jeden Frühling, jeden Herbst… Als Opfer zermalmt zwischen den Prioritäten!! Ich müsste ein paar Schritte gehen. Ich müsste weiterkommen mit dem Video. Ich müsste malen, ehe ich nicht mehr malen kann. Ich müsste noch dieses eine Dokument fürs Büro fertig machen. Ich müsste draußen sein, ich verpasse alles. Erst recht deswegen, weil seit einer halben Stunde die Mäusebussarde mit ihren jungen Bruchpiloten unentwegt ums Haus kreisen und von lediglich diesem einen Blickwinkel durch die Terrassentür kann ich sie nicht filmen…
Ich bekomme ein Magengeschwür bei dem Gedanken, was für grandiose Chancen mir bereits entgangen sein könnten… Aber was heißt hier „könnten“, DAS IST FAKT!!!
Die Unruhe manifestiert sich erst in klimpernden Händen. Ständig die Kamera nehmen, kurz warten (die Lichtbedingungen gelinde gesagt beschissen), sie wieder weglegen, um wenige Minuten später den nächsten Raubvogel vorbei zischen zu sehen. Ich fange an vor und zurück zu wippen. Die Kopfschmerzen nehmen zu.

Eigentlich bedarf es nur einer kleinen Randnotiz: „Bedarf es auch heute wie jedes Jahr zur selben Zeit härterer Bandagen, um mich entscheiden zu können, bzw. mich erfolgreich zu irgendetwas zu zwingen, das ich dann konsequent durchziehe? Man muss ja fast schon sagen >NATÜRLICH< mit unlauteren Mitteln. Denn ohne mich wirklich >kräftig< in die Mangel zu nehmen, also die Unentschiedenheit, das Dilemma, wird das heute wohl nichts mehr!!! Also bleibt die Qual der Wahl, also das Mittel zum Zweck. Oder gleich alles auf einmal?“.

Habe ich morgens Hydal geschluckt? Die 2 mg Retard? Ich weiß es nicht mehr. Aber vielleicht, wenn ich es mir lange genug einrede, verspüre ich auch so eine „benutzerfreundliche Dämpfung“. Mir den Tag einzuteilen, jeder Streitpartei im Laufe des Tages Zeit anzuberaumen, wie bei einem Schulstundenplan, sieht nur von außen wie eine von „Gott gegebene Heilsbringung“ aus…

Scheiße. Ich bin Atheist!

Aber nun folgt erst einmal der Trommelwirbel: MAGIX erneut öffnen und mich gleich -bestenfalls- mit einer Katastrophe konfrontiert sehen. Weil ich doch etwas falsch gemacht habe, er die Dateien nicht einlesen kann, oder die Augen schlicht und ergreifend bekloppt aussehen…

Mäusebussarde…

14:17
Bloß zaghaft schielt die Sonne durch die von hinten beleuchtete und dadurch weiße Wolkendecke. Rasenmäher. Kopfschmerzen. Vor wenigen Minuten war ich nur noch einen Atemzug davon entfernt, einzuschlafen. Aber ich erlaubte es mir nicht. Das Bein krampfte zu Mittag. Die Konsequenz daraus 1,3 mg Hydal. Nun obendrauf eine Koffeintablette. Obwohl ich nicht glaube, dass sie wirkt. Ich bin immer noch zu unruhig. Dabei war ich zuvor nach meinen letzten Worten mit dem Rollator erst auf der Terrasse gewesen, um dort den Mäusebussard zu verpassen, wanderte nach hinten, weil ich dort einen jungen hören konnte, hielt eine Ewigkeit Ausschau, kam zum Schluss, dass ich ihn nur von der Straße aus sehen würde können, raste im Schneckentempo zurück ins Haus, holte den Rollstuhl, fuhr mit diesem die Straße runter, näherte mich leise und ganz langsam seinen Rufen… Ohne ihn entdeckt zu haben, flatterte er plötzlich los, und zwar direkt neben mir, und suchte das Weite.
Etwas verärgert fuhr ich zurück die Einfahrt hoch. Wieder konnte ich ihn hören, wieder direkt vor mir, aber ich sah ihn einfach nicht… Dieselbe Strategie, wenn man mit einem Rollstuhl überhaupt „schleichen“ kann. Und dasselbe Debakel wie zuvor: Direkt vor mir machte er sich aus dem Staub!

Dann wurde mein neuer Sofasessel geliefert. Die Lieferanten waren so freundlich, das neue Luxusstück ins Wohnzimmer zu bringen. Um dort auf dem Holzboden eine mindestens 1 m lange Schramme zu hinterlassen, die Sebastian auffiel. Mir natürlich nicht, als es geschah. Aber mal ehrlich: Hätte ICH irgendetwas gesagt?!

Mir läuft die Zeit davon, mir rast das Herz, ich will alles gleichzeitig und auf einmal schaffen. Aber diesem winzigen Fetzen aus meinem Traum heute Nacht sollte ich (so noch ein wenig Vernunft in mir wohnt) Aufmerksamkeit schenken:
An die Rahmenbedingungen erinnere ich mich nicht mehr. Zuerst war jemand zu Besuch, mit kleinen Kindern. Diese Kinder wurden aber uns geschenkt. Und dann war es wieder so, dass der kleine Junge (oder das kleine Mädchen -ich erinnere mich nicht und spielt wohl auch keine Rolle) Sebastians Kind aus erster Beziehung war. Und ich somit die Stiefmutter. Zuerst hatte ich keinerlei Bezug zu diesem kleinen Menschen. Das Kind eiferte mir nach, als ich den Vögeln zu fressen gab. Es nahm gleich einen ganzen Eimer voll mit Sonnenblumenkernen und verschüttete diese auf der Terrasse. Kochte Wut in mir hoch? Oder sogleich Verständnis für dieses arme, kleine Wesen? Es war ja nicht böse gemeint, lediglich tollpatschig. Ich konnte sehen, wie gleich mehrere Menschen (der Besuch, ganz sicher Sebastians Schwester, der Schwager und noch andere Gestalten) mich eingängig beobachteten.
Ich schimpfte nicht. Auch maßregelte ich das Kind nicht. Das Kind tat mir leid. Ich sah in ihm plötzlich eine verstoßene, verhasste, verteufelte kleine Kinderseele, die für etwas verantwortlich gemacht wurde, was sie ja gar nicht gemacht haben kann. Aus dem einfachen Grund: WEIL ES EIN KIND WAR!!!
Vermutlich sagte ich irgendetwas wie: „Das nächste Mal wird es schon besser gehen. Aber danke, dass du mir hilfst. Die Vögel werden sich freuen!“. Ich streichelte dem Kind über die Stirn. Ich nahm das Kind in den Arm. Vermutlich weinte es. So drückte ich es noch fester an mich, gab ihm einen Kuss auf die Wange, schaukelte es in meinen Armen: „Ich passe auf dich auf…“…
(Mich selbst diese Worte nun aussprechen zu hören, löst noch viel mehr in mir aus als der Traum an sich, oder meine rationalen Überlegungen heute Morgen dazu.)
Als wir ins Haus kamen, wurden allseits Maulaffen feilgehalten. Irgendjemand sagte zu Sebastian, und vielleicht war es auch Constanze: „Ich hätte NIE gedacht, dass sie in der Lage ist, das Kind zu küssen!! Wäre nicht einmal so weit gegangen, in Erwägung zu ziehen, dass sie es in den Arm nimmt, überhaupt berührt!!“.

Man kann nun denken was man will. Rumpelstilzchen, ich mir selbst vorwerfen, den Trauminhalt total zu verdrehen. Denn -wie erst gestern in irgendeiner Gerichtssendung gehört- Erinnerungen haben nicht sonderlich viel Wahrheitsgehalt, sind zu instabil, zu plastisch, wie warme Knetmasse…
Aber ich ahne, was Markus dazu sagen wird. Und es geht nur nicht darum, ihm auf Teufel komm raus zu gefallen und wiederzugeben, was er hören will. Denn aus meinem eigenen Munde käme dieses Thema wohl nicht. Noch nicht. Vielleicht auch nie. Also muss der Umweg über das Träumen genommen werden.
Das Kind, das bin ich, war ich, und verkörpert (immer noch vorhanden,… auch wenn Rumpelstilzchen wettert, ich hätte mir das einreden lassen, um Aufmerksamkeit zu bekommen) mein inneres Kind. Dieses Kind, das ICH SELBST als Nutte, Hure, Schlampe, Flittchen, DRECKIGE FOTZE tituliere. Von dem ich überzeugt bin, dass ihm gar nichts passiert ist! Trotz allem im Widerspruch dazu, dass sie ein notgeiles Miststück ist!!! Ist, damals war…
Eine narzisstische Missgeburt!! Der niemand etwas angetan hat!! Und erneut völlig ambivalent dazu die Überzeugung, dass sie selbst schuld ist!! Mit breit gespreizten Beinen die kindliche Möse jedem entgegen gestreckt hat!!! Wie ein räudiger Köder, der mit seinem Hintern vor lauter Geilheit unentwegt über dem Boden rutscht!!! Dieses Kind, das allein bereits ob seines weiblichen Geschlechts nur so vor Dreck trieft!!!

Mein Wortschatz würde durchaus noch Beschimpfungen für eine weitere halbe Stunde hergeben… Aber mit dieser kleinen Exkursion in meine ganz persönliche Anschauung, meine Kindheit betreffend, sollte ich eindrucksvoll und für Hinz und Kunz deutlich klargestellt haben, WAS FÜR EIN MONUMENTALER SCHRITT ES IST, DIESES KIND zumindest im Traum anzunehmen, in den Arm zu nehmen, in der Umarmung in Trauer und Schmerz und Angst zu verschmelzen…

Ich hatte meine Tante per Mail gefragt, ob ich denn in meiner Kindheit „sehr körperlich, anschmiegsam“ gewesen sei. Sie hatte doch bei der Geburtstagsfeier meiner Mutter samstags einerseits ihr Erstaunen und zugleich ihre Wahrnehmung als Beobachterin geäußert (die für sie bis dato Bestand hatte und alles erklären konnte): „Neeeiiiin…. Als Kind warst du völlig normal!! Du hast dich erst nach dem Tod von Oma verändert, mit 16 damals!“. Darauf wollte ich natürlich wissen, wie diese Veränderung ausgesehen hätte. „Ganz normal… Du bist in die Pubertät gekommen, warst nicht mehr Kind, aber auch noch nicht Frau.“.
Woraufhin ich ihre Sicht von meiner Realität „ein wenig zurechtrücken, wenn ich da erschüttern“ durfte: „Von wegen! Ich war bereits mit sechs Jahren auffällig…“.
Aber nun zurück zur eingangs erwähnten Fragestellung. Sie hat mich falsch verstanden. Und oder besser gesagt aber zugleich ist die Antwort in diesem Kontext noch interessanter: „Für uns warst und bist du unser drittes Kind, ein kleines Schmusekätzchen! Deine Vorliebe zur Nacktheit war im Kleinkindalter ganz normal, fand ich.“.

Irgendwie stockt mir da der Atem. Und muss nun zwangsläufig sagen, dass der Traum nach Lesen dieser Nachricht stattgefunden hat. Wäre es doch wahrscheinlicher gewesen, mich dann erst recht als kindliches Flittchen, Prostituierte zu sehen!!!

Der Rasenmäher treibt mich in den Wahnsinn! Ich bekomme Halsschmerzen, die Stimme versagt, die Kopfschmerzen werden zusehends heftiger. Der immer häufigere Blick auf die Uhrzeit verschärft mein Problem mit mir selbst. Bin ich doch ein Junkie???
Da geht noch mehr…
Da MUSS noch mehr möglich sein!!!…
Aber mit welchen Mitteln?…

15:34
Mein Schädel scheint zu glühen! 37,5°C. War die Heizdecke zu warm? Ich hatte meine liebe Not, ins Badezimmer zu torkeln. Mich am Waschbecken zu halten, während eiskaltes Wasser über meine „Glühbirne“ lief.
Den Ventilator zusätzlich anwerfen. Novalgin, Aspro oder noch mehr Tramal? Nur noch eineinhalb Stunden allein zu sein, den Nachmittag verschissen zu haben, macht mich im wahrsten Sinne des Wortes „KRANK“. Der Tag hat zu wenig Stunden! Und die Erschöpfung, die Müdigkeit wird schlimmer und schlimmer!
Das erinnert mich an so manch ein Video von mir, wenn ich gerade von derlei Situationen (sehr beliebt im Sommer) berichte und dem Kampf, der fast zwangsläufig jedes Mal damit einherging.
Der Gaumen schon wieder staubtrocken. VERDAMMT! Ich habe eine halbe Wassermelone zu Mittag gefressen?

Mein linker Unterarm liegt nun schutzlos vor mir, auf meinem Schoß. Die Blutreste von gestern abgewaschen. Kein Vergleich zum ersten Schlachtfest. Lächerlich die Spuren, die es hinterlassen hat.
Meine Augen verdrehen sich.
Würde ich schlafen, käme ich nicht mehr hoch. Und nachts keinen Schlaf zu finden, wäre damit vorprogrammiert. Mir wird schlecht.
Novalgin oder Tramal? An meiner wackeligen Gesamtkonstitution kann man ohnehin nicht mehr viel ruinieren…

40 Tropfen Opioide. Und dann ans Video. Während mein schlechtes Gewissen nach draußen schielt und mir vorzuwerfen weiß, dass es bald -und schneller als mir lieb ist- wieder kälter wird, ich mich nicht anziehen, nicht ausziehen kann und somit dazu verdonnert, verdammt bin, im Haus bleiben zu müssen!!!
Egal wie, egal was ich mache… Unterm Strich ist es schon vorweg die falsche Entscheidung!!!
Bitte stell mich ab!! Bitte…

16:05
Mein Blutzucker kollabiert. Oder der Mineralstoffwechsel, was weiß ich!! Zu viel getrunken…
„Trink weniger.“, der Pflegeschüler (Praktikant bei der Volkshilfe) montags.
Dann vertrocknet der Gaumen von den Antidepressiva und Spasmolytika!!!

Schon vergessen, welcher Satz folgen sollte.
Achja… Die Hände unbrauchbare spastische Fäuste. Kann nicht tippen; laute Musik angemacht, um die müden Geister wach zu rütteln.
Herzrasen; nun physischer Natur, zwecks Ausschwemmen…

JAMMERN!!JAMMERN!!! JAMMERN!!!!
BESCHISSENER, WERTLOSER KRÜPPELWASCHLAPPEN!!!!!

Alles an mir zittert, während tote „Vorbilder“ um ihr Leben singen, brüllen, schreien (Linkin Park)…

16:29
Selber schuld…? Weil medikamenteninduziert? Weil ich es nicht anders verdient habe? Weil ich schlecht bin? Bestraft gehöre?…

Kind, ich bitte dich, mach die Augen zu…

16:56
Gefühlt zum ersten Mal an diesem Tag tief durchatmen dürfen. Jeder Schnitt läuft an gleich mehreren Stellen aus. Kurzzeitig wird die Panik mehr. Ich scheine keinerlei Ausweg mehr zu haben. Ich denke, ich muss mich umbringen.

Das Lied donnert durch den Raum, direkt in mein wütendes Herz, meine gehetzte Seele…
Es kam genau zu dem Zeitpunkt raus, als unklar war, ob ich wieder laufen würde können oder nicht. Es wäre das perfekte Stück für einen Sprint gewesen. Dachte ich damals. Hoffend, es dafür noch einsetzen zu können. Aber der Kampf war vergebens und es gab keinen Sprint mehr, nicht einmal ein moderates Tempo…

Geschmacklos hin oder her; laut mitgesungen, als würde ich mir die Seele aus dem Leib schreien, während mein einziger Retter, die Rasierklinge, einen Schnitt nach dem anderen platzierte…

Was bist du nur für eine feige Sau!!!

Versagt? Mir keine Mühe gegeben? Es nicht einmal versucht?…
Es blutete und blutete, während mir die Zeit davon lief.
Er kommt bald nach Hause. Die Panik reitet auf diesem Gedanken einen wilden Ritt. Nicht wissend, welchen tieferen Sinn der Satz „Nicht mehr allein sein…“ eigentlich hat.
Ich weiß es nicht…
Weiß es einfach nicht…
WAS weiß ich schon?…

Das doch so unschuldig wirkende weiße Blümchenkleid mit meinem Dreck besudelt. Zwei dicke Blutstropfen, gierig absorbiert vom Stoff, als sei es sein einziges Ansinnen, mich zu verraten: „Schaut! Schaut alle! Seht her, was die Geisteskranke verbrochen hat!!!“.
Die Sätze kommen zähflüssig und schwinden, ohne jemals einen Schatten besessen zu haben!

Was wollte ich sagen…?

Funktionieren müssen. Lächeln müssen.
Dankbar dafür, diese Plattform zu haben. ES aussprechen zu dürfen.
Du machst es nur noch schlimmer, das weißt du. Warst nicht du es, die postulierte, dass die Mischung, oder die Benzos bereits ganz allein die Panik nur noch anheizen?

Ich hatte nachgedacht. Über die Geburtstagsfeier. Die darauf folgenden Sterbefantasien.
Darüber nachgedacht, dass mein Verhalten meiner Mutter gegenüber nicht fair sei. Wenn sie, falls sie nichts mit all dem zu tun hat. Ich war ihr gegenüber doch immer so ehrlich… Damals…
Wäre es nicht das mindeste, ihr eine Nachricht zu schicken, einen Brief, um mich zu erklären? Mich zu entschuldigen scheint bereits im Vorfeld vergebens. Ihr mitteilen, warum und weshalb die Kontaktsperre vonnöten sei. Zumindest den Versuch unternehmen, behelfsmäßige Erläuterungen aus mir raus zu quetschen.

Ich denke, ich bin es dir schuldig. Sollte dir endlich erklären, warum ich mich verhalte, wie ich mich verhalte. Aber wie sollte ich dieses Chaos in Worte fassen? Ohne Erinnerung? Was habe ich schon vorzuweisen? Aversionen (Abneigungen), Ängste, Gefühle, eigentlich nichts als Gefühle… Tue ich dir Unrecht? Die ganze Zeit schon? Mir wurden diese Gefühle und Ahnungen nicht eingeredet. Sie stammen von mir, mir ganz allein. Und wenn ich an meine Kindheit, an uns als Familie denke, sehe ich kaum einen Bruchteil, der heil wäre.
Ursache-Wirkung. Seit Jahren kämpfe ich mit mir selbst, fechte eine Schlacht aus, die ich nicht gewinnen kann… Nicht ohne Hilfe und erst recht nicht ohne Erinnerungen.

[….]

Betrügen mich meine Gefühle, bin ICH das Problem?
Keine Erinnerungen. Aber Flashbacks. Und Albträume, Albträume, Albträume. Diese werden mehr und mehr und immer intensiver und immer deutlicher. Seit 2013 zeichnet sich eine Konstante ab: Immer ein und derselbe Täter.
Warum sehe ich dich seit ich noch so klein war ständig sterben?
Warum fühle ich mich dir gegenüber so schuldig?
Was soll ich angestellt haben, um in mir selbst das Urteil mit mir herum zu schleppen, ich würde dich umbringen?

Fachliteratur, Fachleute sprechen davon, dass ein Kind unter der Drohung missbraucht wird, dass, sollte es darüber reden, die Mutter umgebracht oder sterben würde vor Gram.
Es ist die Rede davon, dass es eben NICHT normal ist, bis 11 ins Bett zu machen. In den späteren Jahren habe ich es selbst zu vertuschen gewusst.
Auch ist symptomatisch, dass missbrauchte Kinder nicht erwachsen werden wollen/können/dürfen. Und sich umbringen oder es zumindest versuchen, wenn sie an der Schwelle zum Erwachsenenalter stehen.
Und selbstverständlich darüber hinaus.

[….]
Es tut mir so leid…“

So oder so ähnlich?
Und wie viel Zeit habe ich jetzt damit vergeudet???
Die Panik übermannt mich, ringt mich nieder, drückt mich zu Boden, würgt mich, und ihr vergifteter Atem und ihre boshaften Augen sprechen nur eine Sprache: „ICH BRING DICH UM, WENN DU ES NICHT SELBST MACHST!!!“.

Die Sonne scheint. Der Himmel beinahe blau. NICHTS geschafft. Das Dokument von der Firma unangetastet. Das Video noch lange nicht fertig. Und der Rausch verraucht…
Warum sterbe ich nicht???
Und wo oder wann war der Punkt erreicht, als der Tag aus dem Ruder lief?
VERDAMMT, ICH WEISS ES EINFACH NICHT!!!!

19:25
Sebastian hat mich in den Arm genommen, ganz fest gehalten, eine Daseinsberechtigung für ein paar zaghafte Tränen geliefert.
Ihm den Text geschickt. Damit er sich mein Chaos durchlesen kann, um vielleicht etwas besser zu verstehen…
Warum ich eben glaube, eine Sollbruchstelle eingebaut bekommen zu haben, und dass die Garantiezeit nun abgelaufen ist.
Noch einmal eine zweifache Dosis Tramal. Aber danach? Eine Weitere? Ich weiß es nicht! Definitiv eine Temesta… Und als diese nach einer halben Stunde immer noch nicht anzuschlagen beliebte, ein Gewacalm obendrauf.

Die Bussarde riefen so laut, die Elterntiere konnte man immer wieder vorbeifliegen sehen. Demnach für vielleicht 5 Minuten mit dem Rollstuhl ums Haus gefahren. Aber alles dermaßen verwuchert, man vermag die Spitzen der alten Bäume oben im Wald nicht zu erkennen, alles verdeckt.
Mir selbst ein Versprechen geben: Morgen Vormittag werde ich draußen auf der Terrasse warten. Dann, wenn man es dort noch aushalten kann, die Sonne noch nicht alles verbrennt. Bestenfalls mit dem Notebook, um die Büroarbeiten abzuschließen.

Das klingt doch alles wunderbar, du hast ein Ziel, einen Plan!“

Ach, halt die Schnauze!!

19:57
Mein Schädel wird schwerer und schwerer. Habe ich ENDLICH eine sogenannte Wohlfühlzone erreicht? Der Körper will schlafen, die Augen verdrehen sich wie bereits mittags. Die Schultern schwer, werden schwerer, noch schwerer. Abendlicht liegt über dem Hügelland. Ich sehe zusammenhangslose Kindheitserinnerungen. Fußball spielen mit meinem Bruder, ich komme soeben mit Kolga von einem Halbtagesausritt zurück, ich sitze hinter der Garage auf dem Betonziegelstein und weine der Nacht entgegen, ich kann das leckere Abendessen, welches meine Mutter gerade zubereitet, bis nach draußen riechen, es sind Sommerferien und meine Schulfreundinnen unten bei der Volksschule spielen mit mir bis es dunkel wird. Meine Mutter kommt, um mich abzuholen. Aber sie verstrickt sich in ein Gespräch mit Marianne, der Schulwärtin, und wir Kinder sind mal froh, dass die beiden ausreichend Stoff auszutauschen haben. So müssen wir nicht ständig bitten, noch ein bisschen weiter toben zu dürfen.

Es ist schön, idyllisch… Friedlich. Aber tief in einer dunklen Ecke meines Magens rumort etwas, fordert immer lauter Aufmerksamkeit. Als wäre es ein Warnsignal, dass sich immer hysterischer schrillend in die Magenschleimhaut eingräbt…

Was will es von mir? Ist doch alles so wunderschön!
Aber die Nacht ist gnadenlos, schiebt sich über den Abend und frisst auch noch die letzten Reste Licht. Was bleibt, sind Glühwürmchen und bestenfalls ein klarer Sternenhimmel. Und wie aufeinander abgestimmt, perfekt trainiert und konditioniert, kommt die Panik im „starken Trab“ um die Ecke gebogen und hält zielsicher und dabei gnadenlos auf mich zu…

21:41
Mit offenem Mund, die Kinnlade hängt teilnahmslos, unkontrolliert runter. Alles doppelt sehen. Den Kopf zu schütteln hilft nur wenige Sekunden. Guter Dinge, zumindest schlafen zu dürfen.

Sebastian schläft längst auf dem Sofa und ich hatte noch kein Abendessen.

HUNGERN bekäme dir ohnehin besser!!

Beim Lesen vermischten sich in meinem Schädel Außenreize, Erinnerungsfetzen, bereits dagewesene Träume mit welchen, die eventuell noch kommen werden und beinahe psychotisch irgendwelchen Bildern, ich male mir die Realität unfreiwillig bunt und skurril und zugleich obskur… Surrealismus im Rauschzustand.
Nun ist genug, es reicht, kann kaum noch sprechen…

Es tut mir leid. Wirklich, auch wenn es manch einem schwer fällt zu glauben. Ich tue das nicht, um jemandem zu schaden, runter zu ziehen, die Laune zu ruinieren.
Aber diese ganzen Gedanken müssen raus, irgendwohin raus, ehe ich daran stillschweigend zugrunde gehe…

29. Juni 2018, Freitag „Henkersmahl…

8:26
58,2 Kilo um 6:45 Uhr; ohne Entwässerungstablette und ohne Stützstrümpfe. Die Verdauung liegt weiter im Koma. Habe ich es geschrieben? Dass sich in der Situation mit dem starken Durchfall in Deutschland, im Zusammenspiel mit diesem Missbrauchstraum, als die riesige Hand zwischen meinen Kinderbeinen lag, gefühlt einen prägenden Eindruck hinterlassen hat? Weil ich doch an mir runter sah und dem Kind passierte nichts! Ich durfte Teil daran haben, wie die Kleine ihren missbrauchten Unterleib abgespaltet hat! Wie sich im Weltall ein Raumschiff von seinem Raketenantrieb löst…

Habe ich oder habe ich nicht? Mieke fragte mich gestern, ob ich denn nichts spüren würde. Von wegen Völlegefühl, Druck auf dem Bauch, Blähbauch… Aber eigentlich nicht.

Die Krämpfe nehmen zu, machen mich krank. Die eine Temesta war kurzfristig eine kleine Hängematte für die Seele. Ich habe die Idee mit der Selbstverletzung so lange hinausgezögert, bis er nach Hause kam. Wir gingen ins Bett. Dieses empfand ich erneut als unerträglich, ekelhaft, widerlich, DRECKIG! Und die Beine krampften… 2 mg retard und 2,6 mg vom normalen Morphin. Zusätzlich eine volle Dosis Gewacalm, 5 mg. Also… Volle Dosis an dieser Stelle gleichzusetzen mit einer Tablette.
Ich war wach, ich schlief, ich wurde durch Epochen meiner Vergangenheit geschleudert, ich träumte von der Vergangenheit. Um nun nichts mehr auseinanderhalten zu können, im eigentlichen Sinne auch nichts festgehalten… Alles weg.
Der graue Himmel, die Vögel draußen, leisten ihren ganz eigenen Anteil an dem Prozess. Die meiste Zeit des Tages bin ich nur noch 4 und dann wieder 15, mal neun Jahre alt, dann 11 und zurück zum vermeintlich entscheidenden Alter von sechs Jahren. Ich bin nicht mehr im Jetzt. Ich bekomme nichts mehr mit. Merke mir nichts. Außer vielleicht dass ich der dummen Tabletten wegen mich heute noch unsicherer bewegen kann. Meine Augen verdrehen sich, wollen schlafen. Aber ich habe abends noch mit der Animation begonnen. Das soll ja schlussendlich auch nach etwas aussehen…
Um 10 Gespräch mit Markus. Wenn sie mal pünktlich kommt, um 11 Therapie mit Sonja. Meine Augen driften ab, bleiben noch häufiger und latenter ihm Nichts kleben. Wie Fliegen in einem Spinnennetz und es kostet dermaßen Überwindung, Kraft und Anstrengung, den starren Blick loszureißen. Da meine ich mich plötzlich erinnern zu können, das wäre bereits als Kind und Jugendlicher so gewesen…

17:22
Der Himmel weiß nicht so recht. Ich weiß nicht so recht. Hin und her gerissen zwischen dem Wunsch, auszuruhen, weiter am Video zu arbeiten und erst recht draußen zu verweilen, um nicht alles zu verpassen…
Mittags für Sekunden eingeschlafen. Dann kam er nach Hause, es gab etwas zu essen und das linke Bein trieb wieder seine Spielchen mit mir: es krampfte bestialisch!! Drauf klopfen, den Oberschenkel verprügeln, Ventilator… Alles sinnlos.
Was habe ich geschluckt? 1,3 mg Hydal? Ein Säckchen Magnesiumgranulat. Und dann, als die Unruhe auf dem Sofa angeheizt durch die neuropathischen Schmerzen immer schlimmer wurde, erneut 1 mg Temesta. Nebenbei erwähnt die verspätete Mittagsdosis vom Tramal bestand wieder aus 20 Tropfen. Nicht wie gewöhnlich 15.

Auf meiner Oberlippe herum kauen. Dabei kann und wird es nicht bleiben dürfen. Selbst wenn es dazu beiträgt, meinen Körper noch instabiler zu machen. Ich nicht aufstehen, nicht stehen und nur sehr schwer gehen kann.
Habe ich es erwähnt? Markus hat mir angeboten nach der Feier mit mir eine Sitzung abzuhalten. Schlimmstenfalls werde ich diese auch benötigen. Ich vermag den Gedanken nicht abzuschütteln, mich bestrafen zu müssen und dort NUR mit einem blutenden Unterarm antanzen zu dürfen.
Damit man mich nicht falsch versteht: Ich will und werde damit niemanden unter Druck setzen. Nicht drüber reden und erst recht nicht zur Schau stellen, was ich mit mir selbst angestellt habe. Aber ich brauche scheinbar die beruhigende und zugleich pochende Gewissheit, dass ich ein schlechter Mensch bin und erst recht an allem schuld!

20. Juni 2018, Mittwoch „Die Welt steht Kopf…“

8:37
58,5 Kilo um 6:45 Uhr.
Wo ist oben und dann zwangsläufig unten?
Eine gedankliche Fehlleistung jagt eine weitere gedankliche Fehlleistung. Sebastian zog mich gestern aus und ich schlurfte zur Wohnzimmertür hinaus, um bei Betreten der Flurfliesen folgende Frage zu stellen: „Können wir jetzt ins Bett gehen, bitte?…“. Ich bin so dumm! Wieder entfallen mir ständig Worte. So wie ich eben auch permanent Vokale in Wörtern verschiebe. Alles Auswüchse der Nebenwirkungen?
NATÜRLICH war das Ausziehen das Signal dafür, dass wir ins Bett gehen werden. In der Toilette den Beutel entleert. Es sollte ein kurzer Halt am Waschbecken werden…
Und endete mit einer Druckstelle auf der Stirn, zeitliche Verzögerung inklusive. Mein Anblick und dazu irgendein Gedanke plus dieser Melodie, die ich soeben klimperte… WEGGETRETEN!

Mich ans Waschbecken klammernd, den Kopf gegen das kleine Regal unter dem Spiegel gepresst. Die Arme wurden heiß. Mit jeder Wiederholung in meinem Kopf wurde auch dieser immer heißer. Ich kochte. Die Melodie in meinem Schädel erst nicht mehr zuordnen können. Aber es war die Titelmelodie der „Küchenschlacht“, dieser alte Song, dessen Name mir gerade nicht einfällt. Und je länger ich den Teil, den ich mit meinen Händen ständig zum Spannungsabbau missbrauche, in meinem Kopf wiederholte, trieb es diesen Ausnahmezustand voran. Als vermochte es die Trance zu vertiefen, in die Länge zu ziehen. Der einzige klare Gedanke, den ich zu fassen in der Lage war, war jener, das Kind in mir zu bitten, die Treppe hoch zu den Schlafzimmern zu gehen. Denn die Kleine war ja bereits in der grauen Burg. Ich sah sie in mir, wie sie die Stufen erklimmt, aber eben nicht, wie sie irgendein spezielles Schlafzimmer ansteuert. An diesem Punkt die Kontrolle verloren. Alles verzerrte sich. Sebastian kam von draußen rein. Es folgten irgendwelche Erinnerungsfetzen. Ich sah Gegenstände meiner Kindheit, an die ich schon Jahre nicht mehr gedacht habe…

17. Juni 2018, Sonntag „Immer wieder sonntags…“

11:33
Bis 10:00 Uhr im Bett geblieben. Kurz nach 5:00 Uhr schweißgebadet aus einem Traum erwacht, das Diktiergerät im Wohnzimmer vergessen, nichts zu schreiben in meinem Nachtkästchen. Also fünf weitere Stunden verzweifelt versucht, den Traum festzuhalten, er wollte mir unaufhörlich entgleiten, als müsse ich flüssigen Teig mit meinen bloßen Händen in den Tag, ins Bewusstsein hinüber tragen. Mehrmals entglitt er mir. Mehrmals stellte ich in meinen Kopf hinein die Frage, wie eigentlich immer, wenn ich mich an einen Traum erinnern will: „Wo war ich?…“.

Wie eigentlich jeden Sonntag dauert es nicht lange, bis sich der erste Gartennazi bemüht fühlt, gesetzeswidrig am Ruhetag der Woche seinen Rasenmäher anzuschmeißen. Und so wird es eben auch nicht lange dauern, bis sich auch der nächste Vollidiot inspiriert fühlt, dem „kriminellen Pionier“ nachzueifern.

Kaum mit Sack und Pack nach draußen gewandert, vermag man bereits akustisch diverse Arschlöcher auseinanderzuhalten. Es macht wütend. Und ich denke an das aktuelle Videoprojekt, in dem man nicht einmal bei den Aufnahmen im Haus von Lärm verschont bleibt. Da war es in Hamburg ruhiger!

Nun aber zum Traum, ehe alles verloren geht…
Womit fing alles an? Es gab einen Wettbewerb, auf einer Bobbahn. Da waren Behinderte, Klienten von meinem Verein. Jeder durfte oben einmal eine Puckscheibe in die Bahn werfen. Es war ein hochangesehener Wettbewerb, wie mir schien. Der Rundfunk war da, ein Fernsehteam, und für gewöhnlich hatte jedes Jahr irgendein Künstler den Wurf jedes einzelnen Teilnehmers zeichnerisch festgehalten. Und dieses Jahr sollte ernsthaft ich die Rolle übernehmen. Ich machte ihnen klar, dass ich eigentlich nicht stehen kann, vom Zeichnen, erst recht schnellem Zeichnen keine Rede sein konnte. Aber man hörte mir nicht zu, ich stellte mich mit meinem Zeichenblock unter der Bahn auf und ohne zu wissen, wie ich an dieses Thema herangehen solle, kritzelte ich hastig irgendetwas. Für Realismus war keine Zeit. Also wurden Comics daraus. Aber ich darf wohl annehmen, dieser Teil hat für den restlichen Traum keinerlei Bewandtnis. Oder wenn, dann vielleicht zumindest diese, dass ich Anerkennung erhielt und irgendwie selbstbewusster aus der Aufgabe heraus ging. [….]

Wir haben uns gestern angezickt. Gleich zu Beginn unserer Fahrt. Oder war es so, „dass er sich endlich einmal gegen meine Dauerkritik wehrte“?
Nachdem er mir die Anekdote von meiner Mutter erzählt hatte, fügte ich dem noch eine bissige Bemerkung hinzu. Was wiederum ihn zu folgender Aussage bewegte: „Darüber möchte ich mir kein Urteil erlauben!“. Und in anderem Kontext, dass ich mich ja ständig an irgendwelchen Kleinigkeiten aufreiben kann, bis sie monströs erscheinen. Das „wäre in meinem Fall ja schon pathologisch“ (überspitzt interpretiert).
Der Gipfel war die Situation abends, bevor wir ins Bett gingen. Ich monierte, dass er mir beim Ausziehen weh getan hätte. „Er sei so grob, bereits morgens, weil er nicht bei der Sache sei, schnell und noch schneller fertig werden will“. Und was sagte er darauf? „Mach nicht so ein Blatt daraus!“.
Beim Verlassen vom Wohnzimmer wiederholte ich knurrend seine Worte, und fügte hinzu: „DU musst es ja wissen…“. Dann schwieg ich. Was er natürlich nicht lange aushielt. Zuckersüß warb er um meine Aufmerksamkeit. Mit ganz besänftigter Stimme. Wiederum meine blieb ablehnend.

Und warum? NATÜRLICH gestehe ich ihm ein, dass das alles irgendwann mal zu viel wird. Aber sich erneut für meinen Eindruck so patriotisch auf die andere Seite zu schlagen, mir bei jeder einzelnen Erzählung von Gefühlen und erst recht Träumen das Gefühl zu geben, es handele sich um eine obskure Parallelwelt, die nichts zu bedeuten hat, außer vielleicht eine tendenziell „leichte“ Aversion/Ablehnung“… Das tut weh. Mich regelrecht zurückgestoßen fühlen. Und ganz allein.
Ist es mein geisteskrankes Hirnkino, das mir verdrehte Tatsachen vorgaukelt? Oder ist es nicht in der Tat so, dass aus seinem Harmoniebedürfnis heraus diese Überforderung mitunter Energie bezieht? Und wieder vollführt er einen Spagat, um „niemanden ungerechtfertigt vorzuverurteilen“? Dabei wünschte ich nur, zumindest mein Partner stünde hinter mir…
Andererseits: Wie soll er, wenn ich ihn ständig zurückstoße? Henne oder Ei? Allein morgens diese Prozedur, wenn er mich aus dem Bett schält, seine schmachtenden „Liebesbekundungen“, die allesamt auch ein Pädophiler zu einem Kleinkind sagen könnte: „Du bist so NIEDLICH! Mit deinen Wuschelhaaren in der Früh! Und den süßen Stummelbeinchen!! Meine Güte!! Ich möchte dich auffressen!!!“. Das alles verziert mit Lauten der Verzückung…

Das ist er, wir leibt und lebt. Es tut mir leid. Wie schon so oft und erst recht nach so einem Traum löst sein Gehabe Ekel bei mir aus. Und ganz sicher nicht das Gefühl, wie eine erwachsene Frau behandelt zu werden. Wenn es wenigstens einen Flashback in mir auslöste. Aber so funktioniert es leider nicht. In diesen Momenten wird er für mich zu einem anderen. Schlimmer noch: zu einem Täter.

Du und deine Fantasie!!!
Du bist so gemein… Bestraf dich!!!

Im Kühlschrank liegt weiterhin Essen von meiner Mutter. Ich halte es nicht aus. Von Essen ganz zu schweigen. Oder hat er recht? Haben all jene recht, die ständig meinen, die Multiple Sklerose hätte mich verändert und psychisch krank gemacht? Hat er recht, dass ich mich übertrieben in eine Fliege hineinsteigere, bis sie ein Elefant geworden ist?

Die Ratio sagt…
Ich weiß nicht mehr, wo ich sie im Text angeordnet hatte. Links oder mittig? Bei der Helferinstanz oder dem Kind?
Spricht nicht gerade DAS dafür, dass die Diagnose der Multiplen falsch sein muss? Wenn ich selbst so eklatante Fakten in den Shredder der Vergesslichkeit befördere?!

Genauso gut könnte dieses Verhalten aber auch ein Indiz oder Symptom der posttraumatischen Belastungsstörung sein. Der verzweifelte Versuch, Ankerpunkte zu finden, zu sortieren, sich zu orientieren in diesem Chaos aus Gefühlen und fehlenden Erinnerungen dazu. Puzzleteile probeweise zusammenfügen, umso herauszufinden, welche tatsächlich zueinander passen.“

Der Himmel wechselt ständig von Sonne zu Wolken. Weidensamen, alles voll mit Weidensamen. Dass sie tatsächlich monatelang fliegen war mir bis jetzt auch noch nicht bewusst. Ständig juckt die Nase und dabei Angst, eine Allergie zu bekommen.
Der Urin im Schlauch sieht heute katastrophal aus. Wagte ich nicht erst gestern zu denken, dass er sich verdammt lange gut hält, schön klar ist? DAS der Grund?
Neben dem Urteil, dass der Tag zwecks spätem Aufstehen bereits im Arsch ist, streiten in mir noch weitere Vorwürfe um ihre Wichtigkeit.
„Es ist schön, ich muss draußen sein.“.
„Ich muss mit dem Video weiterkommen.“.
„Ich möchte eine Ausfahrt machen.“.
„Das Bild bleibt schon wieder liegen.“.
„Meine Muskulatur baut immer weiter ab, ich müsste mich bewegen.“…
Um derer nur die Schlagzeilen zu nennen. Und der Besuch? Kommt er heute?
Meine fettige Visage nicht aushalten, daran bleiben gefühlt erst recht Weidensamen hängen, oder besser gesagt kleben. Mir ekelt vor allem! Erst recht von mir selbst. Wie kann man da erwarten, dass ich die Berührungen anderer aushalten muss?

20:14
Erst nur irritiert. Wo ist da vorne und hinten, sehe ich etwas nicht, das kann doch nicht sein…
Dann gelinde gesagt etwas schockiert. Vor dem Bildschirm verharren und gar nicht erst in der Lage, das alles zu erfassen, noch die Zeit, es mir zu Gemüte zu führen…

Ich wollte fürs Video die nächste Aufnahme machen. Die erste Fassung gefiel mir nicht. ICH gefiel mir nicht. Ein zweites Mal denselben Text runter gespult. Es war eher verhältnismäßig wenig, was ich da erzähle. Vom Traum vor der Heimfahrt mit dem Typen, der einen Eiswürfel im Penis stecken hatte. Dann warf jemand im Hintergrund einen Rasenmäher an und vom Bildmaterial an sich vermag man die Veränderung erst gar nicht zu erkennen…
Absence! Lediglich an meiner Atmung kann man eine Veränderung feststellen. Bis ich in die Kamera sage, was gerade mit mir passiert. Und bedingt dadurch, alles festzuhalten, was gerade durch meinen Schädel läuft, wird der Zustand aufrechterhalten… Aber SO lange??

Anschließend, immer noch neben der Spur, Übelkeit, Neuropathie in den Armen, musste ich mich aufs Sofa setzen. Dermaßen fertig, regelrecht erschöpft. Und hätte man mich gefragt, hätte ich felsenfest behauptet, den Text nicht zu Ende gesprochen zu haben und tatsächlich anschließend nur wenige Minuten „abwesend“ gewesen zu sein…

Doch die Fakten, die Aufnahmen, strafen mich Lügen. Und ich Vollpfosten wundere mich noch, warum diese auf drei Einzelteile zerlegt wurde. Ich hatte doch nur zwei Aufnahmen gemacht. Jene, die ich nicht mochte, und dann eben noch die Zweite. Dabei aber nicht realisieren, dass die Kamera das Material ab einer gewissen Länge in Stücke schneidet, die abgespeichert werden. Es waren sage und schreibe 35 Minuten!!!
Ich hockte da in diesem seltsamen Licht 35 Minuten und assoziierte. Mein Bruder und ich auf dem Sofa, im alten Wohnzimmer im Gasthaus. Klavierunterricht. Fernsehprogramm. Käsetoast mit Ketschup.

Natürlich, es wird Abend und der Himmel sieht nach Regen aus. Aber auch diese Lichtqualität bringt mich angesichts des Festhaltens der Geschehnisse dezent zurück in diesen Ausnahmezustand. Eine Panikattacke war das nicht. Denke ich. Aber all das Gesehene und jetzt Diktierte löst in mir ungemein Unwohlsein aus. Mir wird wieder schlecht. Wäre die Kamera nicht mehr angewesen, dann hätte es ja auch keinen Sinn gemacht, die Situation zu beschreiben. Und so wäre sie vermutlich auch viel schneller vorbeigegangen. Also kein „Die nächste Phase erreicht!“. Alles zerklären.

Die große Hand zwischen meinen Beinen im Traum heute Nacht… Hat wohl einen „bleibenden Eindruck“ hinterlassen. Nun diese Worte auszusprechen, in einem Atemzug mit dem wahrlich unappetitlichen Traum, vermag die Übelkeit dann doch ein wenig zu vertiefen…

NUR ein Traum oder doch bereits mehr?

16. Juni 2018, Samstag „Mein Gefühl sagt mir…“

18:12
Morgens waren es 57,5 Kilo. Ich fühle Panik. Weil sich Besuch sporadisch angekündigt, aber das Telefon bis jetzt noch nicht geklingelt hat.
Vormittags waren wir wieder bei einer Shoppingtour, Feldbach. Im Möbelladen so einen elektrischen Sofasessel angeguckt. Beschlossene Sache: So ein Ding wird bestellt! Verfügt sogar über eine Aufstehhilfe!
Hilft aber nicht über die Panik hinweg. Wird dadurch vermutlich eher noch mehr geschürt. Wieder Geld ausgeben? Keine Ahnung, wie es auf meinem Konto aussieht?

[…..]

Dieser kleine Ausflug in die Verwandtschaft, dank Sebastians Erzählung, genügte wieder. So viel zur Fragestellung gestern in der Sitzung, was ich mir eher vorstellen kann: Wie von Rumpelstilzchen gefordert „einfach normal sein“ oder Kontaktsperre? Und dann halte ICH mich für verrückt? Wer besitzt hier mehr Selbstreflektion?
Soviel ist sicher: Ich brauche jetzt etwas, von irgendetwas etwas mehr… Abenddosis…

Es wird 18:34. Kein Gilenya mehr in der Dose. Acht Schuss vom Tramal. Im zweiten Möbelmarkt sprach mich unverwandt eine ältere Dame von hinten an, nachdem wir gerade den Lift verlassen hatten: „Entschuldigung, darf ich Sie etwas fragen? Sie haben keine MS, oder? Nein, ganz sicher nicht…“. Ich musste mit dem Rollstuhl erst eine Chicagowende vornehmen, um sie sehen zu können: „Doch…“. Daraufhin begann sie gleich zu erzählen, von ihrem Sohn, der sei 50, und ihm ginge es gar nicht gut, dass sie unablässig am „Studieren“ (wie man hier in Österreich zum Grübeln sagt) sei, wieso und weshalb und warum, und erst recht warum es noch nicht längst eine Heilung gibt. Dann überraschte sie mich. Ich meinte nur, in meinem Fall gäbe es wohl eine große psychosomatische Überschneidung, worauf sie sagte: „Ob Kind oder Jugendlicher, egal. Alles, was dir da passiert, schleppst du den Rest deines Lebens mit dir mit…“.
Und wieder sitze ich für meinen Teil hier und frage mich, warum ich mich seit frühesten Kindertagen so schuldig fühle. Was muss ich getan haben, dass in mir das Gefühl entstand, nicht leben zu dürfen?
Erneut hatte ich mich an Markus aufgerieben; schlussendlich geweint. Der Witz ist: Ich weiß jetzt nicht mehr an welcher Stelle ich zusammengebrochen bin. Lediglich das weiß ich noch, abends allein (Sebastian war mit seinen Freunden weg) „Tote Mädchen lügen nicht“, die neue Staffel, geguckt zu haben. Und als die erste Folge zu Ende war, brach ich ohne Vorwarnung in Tränen aus. Wegen dem Satz im Abspann, dass man sich Hilfe suchen soll, wenn man mit Mobbing, sexuellem Missbrauch, Selbstmordgedanken zu tun hat, mit Adresse anbei?
Nach der zweiten Folge dasselbe Bild.

WARUM DARF ICH ES NICHT ZULASSEN??? WARUM WIRFT MIR DIE STIMME IN MEINEM KOPF VOR, ICH WÜRDE MIR ALLES NUR EINBILDEN, UM AUFMERKSAMKEIT ZU ERHEISCHEN, DA SEI NICHTS GESCHEHEN??!!! ZUGLEICH ABER AUCH, DASS ES AM BESTEN WÄRE, ICH BRÄCHTE MICH UM!! ZUM WOHLE ALLER!!!…

Mein Gefühl sagt mir, wegen den letzten Tagen am Video bereits den ganzen Juni verpasst zu haben. Bald wäre Sommersonnenwende, und dann ohnehin die Hälfte des Jahres vorbei und somit ALLES hinfällig, verpasst, tot.
Augenblicklich wie hier drinnen im Haus gefangen. Warum fahre ich nicht hinaus? Heute scheint die Sonne wieder, ist es draußen doch so schön. Als wir von unserem Einkauf zurückkamen, kaum war ich dem Auto entstiegen, präsentierten sich mir wie bestellt gleich zwei wunderschöne Insekten, wie auf dem Präsentierteller, direkt vor mir. Letzteres war ein Trauerfalter, der sich nun wunderschön den Brombeerenblättern niederließ und filmen ließ.
Bereits da packte mich die Wehmut. Aber ich ziehe keine Konsequenzen draus (schon wieder nicht), denn ich hatte ihn ja gebeten, mir Tee zu machen.
Morgen soll es schön werden. Sommerliche Temperaturen. Ich freue mich jetzt schon auf die geschwollenen Beine. Und einen weiteren Tag mit der Auseinandersetzung, wann ich mich wieder verletzen muss…

12. Juni 2018, Dienstag „Neue Route?…“

9:45
Mal etwas anderes ausprobieren…

Wer hat DIR denn ins Hirn geschissen??!!

Vermutlich ist es nicht mehr als eine Seifenblase. Wird spätestens morgen platzen. Aber dennoch sei erwähnt, dass selbst die Ängste vor meiner vermutlich katastrophalen Zukunft mich nicht aus der Lethargie, eigentlich schon der Agonie zu befreien wussten. Wer würde in diesem Kontext auf die Idee kommen, dass eine Essstörung zum Helfer in der Not wird?
58,1 Kilo um 6:45 Uhr! Horror! Mit dem kleinen Unterschied zu sonst: Es zeichnete sich bereits abends ab!
Warum ich es voraussagen konnte?
Beide Füße dermaßen dick geschwollen, meine Sprunggelenke dem Ödem zum Opfer gefallen, von diesem verschlungen worden! Sebastian amüsierte sich: „Die Füße von einem kleinen Baby! Kleine Stampfer!“. Und ich dazu verdammt, mich wieder einmal zu verachten.
Jetzt kommt aber das große ABER! Dass ich nicht malen würde, war ohnehin klar. Das Frühstück verzögerte sich, viel zu sehr damit beschäftigt, Daten vom einen zum anderen Computer zu transferieren. Erst recht die ganzen Videoclips, um nun mit dem neuen Rechner weiter arbeiten zu können… Eher „zu müssen“. Aus irgendeinem Grund darf ich nun das Schnittprogramm nur noch auf dem Neuen benutzen, nicht mehr auf dem Notebook. Was sehr ärgerlich ist. Erst recht, dass ich auf dem neuen Kasten die Videodaten nicht auf C: in den allgemeinen Videoordner schieben konnte. Weil dieser ja „zu klein“ ist. Alles VERschiebt sich, und so ich das Notebook irgendwann doch wieder benutzen kann, wird das ein einziges Chaos, weil die Ausgangsorder nicht mehr ident sind!
Aber nun zurück zum kurzen Lichtblick. Ich konnte heute Morgen gut gehen. Bis zuvor war auch der Himmel grau, nichts setzte mich unter Druck. Leider hat mein Geschwafel gerade eben vom Bild eine weitere Plattform für Anspannung geliefert…
Während die Daten 100 Jahre brauchen, während ich sie kopiere, machte ich erst am Ende der zweiten Folge Küchenschlacht an diesem Morgen erst zwei Physioübungen für meinen Nacken und, nach meinem Ausflug gestern, so eine Gier auf meine Musik: Aufs Laufband, unerwartet 0,9 km/h geschafft. Nur 10 Minuten! Damit ich das heute im Laufe des Tages wiederholen kann!

Ist es infantil von mir zu glauben, damit den Ödemen einen Strich durch die Rechnung zu machen? Das soll wirklich reichen?

Das kriegst du sowieso nicht hin!!
Du bist und bleibst eine faule Sau!!!

Anschließend stand ich im Badezimmer, um mein Gesicht zu waschen. Ich konnte es aushalten… Empfand es sogar als annehmbar… Die blasse Haut, die dunklen Schattierungen unter den Augen…

Da wäre ja noch mein Traum von heute Nacht: Ich wohnte im Gasthaus. Ich war erwachsen und zugleich am Anfang meiner Pubertät. Wir waren in der Küche, vermutlich aß ich etwas. Da sagte mein Vater zu mir: „JETZT siehst du uralt aus! Älter als du bist! Früher hast du besser ausgesehen… Aber jetzt?!“, wandte sich angewidert von mir ab und verließ den Raum.
Aus irgendeinem Grund wusste ich genau, warum er das so sah: Weil ich zugenommen hatte! Weil ich schlicht und ergreifend FETT geworden war! Und er mag keine FETTEN Menschen! Zu mir hat er das zwar niemals gesagt (in der Realität), meinem Bruder und meiner Schwägerin gegenüber sich aber nie ein Blatt vor den Mund genommen. [….]

15:59
Sebastian sprach beim wahrlich unnötigen und erst recht ungesunden Mittagessen davon, dass ein Unwetter im Anmarsch sei. Das hat mich dann gleich dermaßen inspiriert…
Ich hätte mir nicht erlauben dürfen, vor der Glotze einzuschlafen! Es schmerzte doch alles, Rücken, erst recht Hintern! Wie kann man da nur friedlich einpennen?! Und wie immer keine Selbstkontrolle! Aus der gesetzten Deadline um 15:00 Uhr wurde mal eben 4!

Mein Gesicht schwitzt. Meine Füße? Geschwollen. Das Bild von mir selbst in meinem Kopf ähnelt dem eines zerlaufenden Spiegeleis in altem Bratfett!!…
Perfekte Grundlagen für die nächste kleine Selbstzerstörung. Aber der Katheterbeutel drohte zu platzen, und nachdem ich kurz vor Mittag ein zweites Mal für 12 Minuten auf dem Laufband war, gestalteten sich die wenigen Schritte nach dem Schläfchen ins Badezimmer ziemlich instabil. Meine nagelneue Brille gewaschen. Auch wenn die Sonne nun eigentlich ins Badezimmer scheinen würde, sorgen die ganzen Bäume und Sträucher für Dunkelheit. So wagte ich einen scheuen Blick in den Spiegel…

Das Gesicht dort… Kann es tatsächlich das Meinige sein? Ist das wirklich möglich? Nachdem ich vormittags doch Videoclips benannt und sortiert hatte, mitunter auch jenen, auf dem ich Sebastian mit dem Rollator entgegen gehe und URALT und dazu NOCH FETTER aussehe!! Keinerlei Körperspannung, und die Wampe… Als hätte ich einen kapitalen Bierbauch! Das kann man in diesem Fall nicht mal mehr als Schwangerschaftsbauch durchgehen lassen!!
Aber das Bild, welches sich dort im Spiegel abzeichnete, war hager. Kränklich. Fertig. Jedoch alles in einem positiven Zusammenhang. Dieses Gesicht würde auch gut in die Psychiatrie passen. Heruntergewirtschaftet. Essstörung.
Ich war positiv überrascht. Zumal ich vor dem Einschlafen und erst recht nach dem Aufwachen bis jetzt nur das Wasser in meinen Extremitäten gesehen habe. Wie unnatürlich, aufgeschwemmt nicht nur diese Stellen sein müssen.

Es hatte ja auch wirklich begonnen zu nieseln. Aber jetzt scheint die Sonne und ich sehe mich wieder mit dem Konflikt konfrontiert: Drinnen bleiben oder rausfahren? Aber wenn ich schon nicht male, es nicht einmal versuche, sollte ich die Zeit wenigstens (das Wort ist weg…) lukrativer zu nutzen wissen.
Den neuen Computer anschmeißen. Und morgen bekomme ich ein eigenes Tablet, um damit immer und überall Tagebuch diktieren zu können. Was das alles wieder kostet! Brauche ich das wirklich?

28. Mai 2018, Montag

8:56
Wenn man diesem Zustand „irgendeinen Vorteil“ entlocken möchte, dann vermutlich lediglich diesen: 58,3 Kilo um 6:45 Uhr!

Vor den Terrassentüren werden die nächsten Generationen Kohlmeisen gemästet. Ein Teil davon landet schnurstracks in den Mäulern der Katzen; wie ich entsetzt bei einer kleinen Fahrt zur Terrasse zuletzt feststellen musste, der Klinkerweg voll mit kleinen Flügeln. Ich hasse die Katzen! Nie wieder Katzen!
Definitiv gestresst und kaputt genug, das Malen für heute ad acta zu legen, oder erst damit begonnen zu haben. Aber zumindest emotional.
Gerade eben noch die Kamera weggelegt, nachdem ich eine der Meisen verpasst habe, die sich an Sebastians Haarspende zwecks Nestbau bedient hat, taucht da doch tatsächlich direkt vor der Scheibe der Zilpalp auf, ebenfalls wieder einmal auf der Jagd nach Bettzeug. Verpasst. Ärgerlich. Peitscht die Unruhe noch mehr an. Dafür bei der nächsten Nahaufnahme sehen dürfen, dass zumindest die weibliche Kohlmeise noch ein zweites Auge hat. War also doch eine Zecke als schlecht gewählte Augenklappe.

Ich fühle mich unfähig, in irgendeiner Form in Aktion zu treten. Dabei mich irgendwie damit geistig arrangiert, nun endlich den Comic für mein Video herzustellen. Der Masterplan im Kopf steht; hatte ausreichend Zeit nachts für das Anlegen eines solchen.
Und was war das für eine BESCHISSENE Nacht!
Nachmittags 38 °C, immer stärker werdend die Kopfschmerzen, mir wurde immer schlechter. Hatte zwei weitere Aussetzer. Einen, als ich mittags vor der Toilette stand. Den Nächsten 1 Stunde später, als ich von draußen gerade mit dem Rollstuhl an der offenen Badezimmertür mit Blick zur Toilette vorbeifuhr. Also mindestens acht Stück. Und das Gefühl, die Anfälle nur lange genug aushalten zu müssen, ehe sich eine Pforte öffnen würde…

Ich wollte jetzt zeichnen, aber kein Zeichenblock, kein Federpenal auffindbar. Schon wird aus der Hektik erneut Stress und Panik. Seit ich hier mit meinem Frühstück sitze, diverse Telefonate geführt. Die Ambulanz der Urologie sei ausgelastet. Aber der Katheter müsse, wenn er so aussieht, wie von mir beschrieben, unbedingt gewechselt werden.
Robert rief an, rief zurück- heute um 13:00 Uhr werde ich abgeholt und erspare mir die Volkshilfe.
Mein Herz rast. Mein Schädel hämmert. Just in dem Moment, als wir zur Primetime und draußen war es noch hell, ins Bett gingen, schnappte ich mir dort den Eimer, der normalerweise nachts die Sicherungsverwahrung für den Katheterbeutel darstellt, und entledigte mich unfreiwillig meines Abendessens. Wie kam ich auch auf die dumme Idee, mir so etwas mitbringen zu lassen, als Sebastian noch einmal nach Jennersdorf zu Pizzeria fuhr? Ein Putenwiener, ziemlich in Fett ertränkt und dazu das Frittierfett geschmacklich arg an seinen Belastungsgrenzen.
Nachdem ich mich übergeben hatte, ging es mir kurz besser. Wir guckten noch eine Folge „Black mirror“, ich wollte schlafen, durfte aber nicht. Die Kopfschmerzen wurden wieder unerträglich. Und dann STUNDENLANG Krämpfe im rechten Bein. Hatten diese endlich aufgehört, monierte auch noch das Linke, an der Reihe zu sein. Gehen wir davon aus, Tramal und Abenddosis Morphine nicht ausgespuckt zu haben, hätte ich gestern ganz schön viel getankt.

Der Gedanke an diese Reise setzt mich unter Stress! Herzrasen! Ich klimpere. Mitunter einer der Gründe, warum ich gestern immer wieder „das Bewusstsein“ verlor. Mich in Trance getrommelt…
Wie unter Cortison!! Ganz viel Distress!!! So war es natürlich kein Problem die nächtliche Frage, die kurze Diskussion darüber, welcher Vogel denn nun am gestrigen Morgen der erste gewesen sei, klipp und klar beantworten zu können. In der Tat eine Taube. Türkentaube. Dann drei Takte der Singdrossel, gefolgt vom Rotkehlchen, Amsel, Kuckuck und die ganze Vogelschar!!
Oder noch früher? Vielleicht kurz geschlafen, riss ich die Augen auf, um dann eine Ewigkeit auf den offenen Fensterflügel zu starren. Egal wie verstaubt, wie dreckig, der helle Mond spiegelte sich darin und gab mir eine weitere Erklärung, warum ich heute erneut nicht zur Ruhe kommen konnte. Und ich wusste zugleich, dass es irgendwann nach 2:00 Uhr sein muss. Die Zwei als die Hälfte von Vier… Fluch und Segen zugleich!!
Aber bevor ich jetzt weiter meinen Gedanken nachhänge, den Zeichenblock suchen, ehe alles zu spät ist…

Und es ist verdammt spät! 9:45 Uhr! Wenige Schritte durch die Küche, wenige Handgriffe, mein Schädel dröhnt und mir bleibt die Luft weg. Beide Hände klimpern bis 4. Bin wieder in mir selbst gefangen. Ob es so schlimm wird wie gestern? Denn auch da sah ich keinen anderen Ausweg mehr als im Suizid. Das Gefühl so heftig, so unerträglich, ich hielt es draußen nicht aus; ganz abgesehen davon, dass es viel zu warm war. Darauf versuchte ich es mir irgendwie unter diesen Umständen auf dem Sofa bequem zu machen, döste ein wenig. Meine Selbstmordgedanken verschlafen, wenn man so will.
Mir ein Mexalen einwerfen, noch einmal die Temperatur überprüfen, gegen die inneren Vorwürfe mir selbst versprechen, spätestens nach dem Versuch zu zeichnen ein paar Übungen für die Halswirbelsäule zu machen…

Und wie ich die letzte Zeile so überfliege, mich selbst dabei fast um Haaresbreite ausgeknockt.
Aber was macht die dumme Kuh? Eine Ewigkeit vor dem Sofatisch verharren, ins Nichts starrend, und jetzt auch noch die Tablette runterschmeißen. Kaum aufgehoben -anstatt diese zu schlucken- darauf herum klimpern. 2 Minuten noch, dann ist es schon 10:00 Uhr.

NICHTS UND WIEDER NICHTS!!!

Sollte ich eine von den Koffeintabletten schlucken? Was ziehe ich nachmittags fürs Krankenhaus an? Quäle ich Josef, bestehe darauf, dass der Rollstuhl mitkommt?

Unentwegt geht der innere Vorhang runter. Konzentration sucht man vergebens. Ich sehne mich nach Sofa und Kinderfernsehen. Bin in Gedanken bei 1998. Die MS schlägt mir ihre Pranken ins Fleisch. Erkältet. Und das im Sommer…

SO KOMME ICH NICHT WEITER!!! Hätte ich doch mal besser gemalt! Da macht es wenigstens einen Sinn, nachts wach zu liegen und über neue Titel zu sinnieren: „Wund-Male“…

FÜR WAS, DU SCHEISS KRÜPPEL??!!!
Du wirst nicht mehr malen, nie wieder!!!

11:08
Die linke Hand ist warm, die Rechte, die zeichnen musste, eiskalt. Kernbeißer, Kohlmeisen, Kleiber und Buntspecht geben sich an meinem Restaurant die Klinke in die Hand. Die Kopfschmerzen werden stärker und stärker, wieder wird mir schlecht, der Schädel scheint zu glühen.
Eine grobe Skizze vom ganzen Comic fertiggestellt. Mit einigen Überlegungen. Vermutlich ZU vielen Überlegungen. Für den Rest reicht das wohl nicht mehr, die Verspannungen im Rücken bereits eingerastet, ich verrostet. Das Thermometer konsultieren…
Links 37,2 °C, rechts 37,6. Mich hundeelend fühlen. Das ist nicht mehr einfach „nur“ eine Reaktion auf die Antibiotika. Mich anstecken lassen? Beide Hände klimpern.
Völlig unfähig.

19:51
Während der Sitzung soeben geklimpert, angespannt draußen in das Wirrwarr aus grünen Himbeerstauden gestarrt.
Das letzte Wort schreibt das Programm falsch und als ich es korrigiere, der nächste Anflug von Dejavue.
Draußen vor dem Carport aufs Taxi wartend um exakt 13:00 Uhr weggetreten.
Assoziationen zu den Gefühlen: Jemand erwürgt mich, jemand erdrückt mich, jemand spritzt mir Gift in den Mund, das Gift kontaminiert alles in mir, aber ich muss nur ruhig bleiben, zählen, kauen, runterschlucken, dann hört es wieder auf…
Beide Hände klimpern noch schneller. Dinge wurden klipp und klar beim Namen genannt. Erst recht und ganz besonders was Täter und Opfer betreffen.

Das Wort „Opfer“ hypnotisiert mich für einen Augenblick… Bewegungsunfähig. Neurotische Zuckungen der Oberlippe die einzig feststellbare Aktivität dieses toten Körpers.

Ist das, was ich bei der Fahrt empfunden habe, hysterisch? […]

Wann kippte die ganze Angelegenheit? Als er mir helfen wollte, mich gerade hinzusetzen und zwischen Autositz und Gesäß/Oberschenkeln griff? Wie bei einem kleinen Kind? Ich konnte im Taxi nicht sitzen, musste ihn bitten, bereits bei der Hinfahrt kurz stehenzubleiben. Als ich bei der Rückfahrt so tat, als würde ich versuchen zu schlafen, die Rückenlehne weit nach hinten gestellt, ich lag beinahe, fühlte ich mich unglaublich in Gefahr. Völlig unbeweglich von Spastik und parierte.
Es tut mir leid. Wie bereits bei seinem Kollegen vor einem Jahr. Das Kino im Kopf, das die beiden Männer in mir auslösen, welches doch gar nicht passiert sein soll, angeblich, nicht abstellen können. Und eigentlich war ich froh, die Tür zu Hause hinter mir schließen zu können…
Und zum Glück saß ich noch auf dem Rollstuhl, weil ich unverzüglich vom Sofa zurück ins Badezimmer rasen musste, um mich zu übergeben. Schon wieder. Zum Teil vor die Toilette. Die Kopfschmerzen hämmern und hämmern, es zieht rein bis in den Kiefer. Auch der Hals kratzt jetzt. So viel habe ich doch gar nicht geredet Ende der Therapie… Oder? Vom Kotzen?
Hauptsächlich war es doch Markus, der beinahe eine glühende Rede zum Thema „Warum glaubt keiner Bianca und gibt ihr Rückhalt?!“ gehalten hat. Es löste heftige Reaktionen in mir aus. Und ich muss beinahe sagen, kurz froh darüber gewesen zu sein, als ein prächtiger Fasan unter dem Vogelrestaurant auf der Terrasse auftauchte.
Ich will nachdenken. Über das, was gesagt wurde. Aber ich kann nicht. Lediglich klimpern. Die Hände auf dem Schoß, überkreuzt, wie gefesselt. Meinen Tee trinken und froh sein, ihn zu haben.

Da sehe ich, wie viel noch in der Schale ist. Dabei fällt mir ein, nachts beim Wachliegen über eines meiner Bilder, über das Entstehungsvideo nachgedacht zu haben. Ich weiß immer noch nicht, wie es heißt. Lediglich die Melodie der Spieluhr im Hintergrund habe ich nachts geklimpert. Jetzt löst sie bei mir Übelkeit aus…

Markus fragte: „Warum sagt jeder zu dir, das kann nicht sein, so schlimm wird es nicht gewesen sein, du hast doch alles, das schöne Haus, deinen Freund, ist doch jetzt egal, das war damals.…. Und WARUM sieht stattdessen keiner, dass du dich aufschlitzt, kotzt, abschießt, dich umbringen willst??!!!“.

Mir wird schlecht…

19. Mai 2018, Samstag „Träume sind Schäume…?“

12:08
58,9 Kilo. Viel zu spät, erst um 10 aus dem Bett. Die Feldsperlinge samt erster Brut haben gestern den Futtersilo binnen weniger Minuten komplett entleert. Auf der einen Seite gibt es Hirse, Wellensittichfutter, was sie fressen können, und auf der anderen Seite ungeschälte Sonnenblumenkerne. Aber was machen die kleinen Monster, wie gewohnt? Wie kleine Bagger schaufeln sie unten die Kerne aus dem Schälchen, auf der Suche nach etwas Fressbarem, finden nichts, graben weiter und nun liegt der gesamte Inhalt der einen Hälfte vom Silo auf der Holzplatte, im Regen. Um dort wunderbar zu schimmeln.

Sebastian hatte es mit der Sonnencreme etwas zu gut gemeint. Geplant war, ich fahre hinters Haus, halte rasch meinen Traum fest, ehe er völlig auseinanderfällt (genau deswegen bin ich auch so lange im Bett geblieben, um ihn mir wieder und wieder mit geschlossenen Augen durch den Kopf gehen zu lassen). Anschließend mit dem Rollstuhl nach Jennersdorf, vorbei am Mehrparteienhaus, Ausschau halten, ob ich dieses Mal Eltern oder Jungtiere vor die Linse bekomme. Er schleppte mir gerade alles nach draußen, Wasserflasche, Notebook und sogar einen Zeichenblock…

Alles scheint sich gegen mich zu stellen! Alles!

Da bist du ganz alleine schuld dran!!

ZU verkrüppelt für alles!!! Und natürlich!! Jetzt grinst die Sonne wieder blöd vom Himmel!!

Kaum war er draußen, kaum fuhr ich los, begann es zu regnen! Zu schütten! Alles zurück ins Haus, um jetzt wieder den inneren Kampf auszufechten, was ich nicht alles draußen verpasse, dass ich draußen sein müsse… Und die Unruhe kommt auf Temperatur!
Die fette Schicht Sonnencreme auf meiner Visage kaum ertragen. Wenn ich mich nun nur lange genug hineinsteigere, bin ich der Überzeugung, keine Luft mehr zu bekommen, unter dem Fett zu ersticken!
Gestern zusammen mit Sonja wurde auch ein Rätsel gelöst. Ich wunderte mich, warum der Vogel mit dem explodierten Auge nun plötzlich ein Männchen war. Machte Scherze über eine verunglückte Geschlechtsumwandlung, von wegen Augapfel als Testikel oder so. Da tauchte die Meise vermeintlich wieder auf, das explodierte Auge nun aber auf der anderen Seite! Und wieder weiblich! Also gibt es zwei Kohlmeisen, ein Männchen und ein Weibchen. Waren die beiden Zwillinge in einem Ei, am Kopf zusammengewachsen? Gestern beim Katalogisieren der neuen Aufnahmen einen genauen Blick auf die Verunstaltung werfen dürfen… Ganz schön ekelhaft!

Aber tut dem nun nichts zur Sache! Dabei geht nur wieder der Traum verloren! Womit fing die Geschichte an?
Ich wohnte im Gasthaus. Wer hätte DAS für möglich gehalten?! Der Dachboden war ausgebaut, der Dachboden verfügte über ganz neue Dimensionen, ein riesiger Komplex, beinahe wie bei der Reha. Aus irgendeinem Grund wurden Hunderte von Kindern im Haus einquartiert, Notunterkunft (vermutlich wegen den Nachrichten kurz vor Mitternacht, dass es in den USA erneut zu einer Schulschießerei gekommen sei). Ich schämte mich. Das waren alles Schulkollegen von mir. Alle Altersstufen. Und ein Mädchen, sie heißt Michaela, musste bei mir im Zimmer schlafen. Ich hatte in den Jahren, Hauptschule und Gymnasium, so gut wie nichts mit ihr zu tun. Mir fällt nicht einmal ihr Nachname ein. Sie schlief auf meinem Bett und ich auf dem Fußboden. Mein Bett war so dermaßen hart, sie bekam Rückenschmerzen und ich schämte mich. Es dauerte auch eine Ewigkeit, ehe wir zum ersten Mal ins Gespräch kamen. Sie fand auch den Gedanken ekelhaft, mit mir eine Zahnbürste zu teilen. Ein anderer Schulkollege hingegen hatte da weniger Probleme, wollte sogar einen Aufsatz benutzen, den ich bereits mehrmals in Gebrauch gehabt hatte. Sie ekelte sich vor vielen Dingen in unserem Haus, in meinem Leben. Erst da musste ich bemerken, dass mein Dasein nicht so normal war, wie ich bis dato dachte.
Wir sollten uns umziehen. Aus dem Fenster konnte ich aber sehen, dass im Hühnergehege der Nachbarn gegenüber ein alter Bauer aus dem Dorf saß. Graue Haare, grauer Schnauzbart, eine riesengroße Knollennase. Und er beobachtete mich, eindeutig. Ich zog den Vorhang vor, zumindest zur Hälfte. Und sagte wohl ziemlich laut, dass der Typ ein Perverser sein müsse. Wie und warum er es hörte, weiß ich nicht. Er brüllte irgendwelche Beschimpfungen zurück. Ich konterte, lautstark, in meiner Mundart. Darauf titulierte er mich als Hure, eben genau so eine Hure wie meine Mutter!!
Er stampfte wutentbrannt von dannen und erzählte im ganzen Dorf herum, ich würde wie ein Flittchen am Fenster meines Kinderzimmers die Hüllen fallen lassen, und ich dachte, ich könne nie wieder mit dem Rollstuhl normal durchs Dorf fahren. MIR würde ja niemand glauben! Ich suchte in meinem Schrank, aber da waren keine Klamotten mehr (an diesem Punkt stellt sich Panik bei mir ein). Scheinbar hatte sich meine Mutter meine ganzen Sachen gekrallt. Ich ging auf den Dachboden, der nun zwei Stockwerke umfasste. Dort waren die andern Schulkinder untergebracht. Ich fand einen Raum, der dem Dachboden hier im Haus gleicht, aber zugleich vom Lichteinfall her dieselbe Stimmung hat wie jener im Gasthaus. Dort stand ein Schrank. Darin meine ganzen Sachen, meine ganzen Klamotten!! Meine Mutter sagte, nach meinem Selbstmordversuch hätte sie die alle aufgehoben. Alles fein säuberlich zusammengelegt, und ich wühlte darin herum wie eine Wildsau. Ich fand auch noch andere Utensilien, mein Notebook und derlei Krimskrams; am besten alles auf einmal mitnehmen, schlussendlich war es ja MEIN EIGENTUM! Sie stand immer noch hinter mir, beobachtete genau, was ich machte. Der Raum war plötzlich leer, nur sie und ich. Und die Erinnerung, dass da zuvor kleine Kinder gewesen sein müssen. Wie eine Einblendung, eine Rückblende. Kleine Mädchen, fünf oder sechs Jahre alt, saßen da auf dem Estrichboden. Und eine schwarze Gestalt hatte ihnen Überraschungseier geschenkt. Nachdem sie das getan hatten, was der Schatten von ihnen wollte. Zurückgeblieben lediglich die gelben Plastikkapseln mit dem Spielzeug darin. Die erste Figur in einer der Kapseln, und ich weiß nicht mehr genau, wie diese aussah, sprach bereits Bände! Erst recht die in der zweiten Kapsel, und noch viel mehr die Zeichnung, die selbstgemalte Grußkarte, die neben dieser lag…
Dazu muss erwähnt werden, gestern eine Dokumentation über jugendliche Mörderinnen gesehen zu haben, und die jüngste, damals gerade mal 11, hatte grausige Zeichnungen angefertigt, ehe sie damit anfing, erst nur Tiere zu töten und dann eben auch Menschen.
Also von diesen Zeichnungen inspiriert, auf dem Fetzen Papier ein kryptisch-kindliches Bild von einem Menschen, wohl einer Frau mit Rock, und noch wahrscheinlicher vom Mädchen selbst…
Und tatsächlich! Da setzt der Lochfraß ein!! Ganz zu schweigen davon, dass ich vermutlich unfähig bin, auch nur einen Strich zu zeichnen, dabei hatte sich mir das Bild doch so dermaßen eingebrannt und jetzt, augenblicklich löst es sich vor meinem inneren Auge auf!!! Ich hätte morgens, gleich nach dem Erwachen eine Skizze anfertigen sollen!
Aber ich will es versuchen: Also das Mädchen steht rechts, von der Seite. Das Mädchen hat unten am Rock scheinbar einen Penis. Und von links kommt eine Schlange angekrochen, bäumt sich vor dem Mädchen auf, gibt ihm einen Kuss. Ich „glaube zumindest“, aus dem Penis tropft etwas. Und oben drüber geschrieben in kindlicher Krakelschrift: „Danke. Es schmeckte wie Sahne“.

Ich sah dieses Bild und mir wurde speiübel. Waren da bereits andere Opfer? Oder war ich das als Kind?
Die Kinder hatte man längst, vor Jahren schon, weggebracht. Die Kinder waren zu klein, um zu wissen, was da mit ihnen geschieht. Sie haben es schlicht und ergreifend VERGESSEN…
Ich versuchte zu fliehen, wegzulaufen, die Straße runter… [….]

Um seltsamerweise in Jennersdorf anzukommen. Dort, wo zumindest in meinem Traum lauter Arztpraxen waren. Da waren auch Bonzen und Ärzte, vor allem mein Hausarzt aus Kindertagen, den ich später gehasst habe, ob seiner anzügliche Bemerkungen im Gymnasium mir gegenüber, die allesamt Teil eines Kinderpornorings waren! Und alle hatten sie sich bedient auf dem Dachboden im Gasthaus!! Kinder wurden in Kofferräume gestopft von riesengroßen Edelkarren. Wie Waren. Und der kriminelle Sauhaufen machte sich soeben aus dem Staub…
Die nächste Szene, die ich sehe, spielt sich vor der Reha-Klinik ab. Die Konkurrenzklinik davor steht lichterloh in Flammen. Aber die unzähligen Menschen auf der Straße, auf dem Gehsteig schert das nicht. Scheinbar ist Silvester, im Sommer, da läuft Techno, alle tanzen und ich kann mich ebenfalls dem Rhythmus nicht entziehen. Außerdem entstehen so geniale Aufnahmen mit der Kamera, beinahe postapokalyptisch, mit der brennenden Anstalt im Hintergrund…
Als ich mich in der Klinik anmelden will, ich flüchte regelrecht in diese, habe ich alles vergessen. Ich weiß nicht mehr, bei welchem Pult ich mich anstellen muss, ob ich zahlen muss oder nicht, und scheinbar habe ich einen Erlagschein nicht unterschrieben. Ich entschuldige mich damit, seit Jahren keinen mehr ausgefüllt zu haben und deswegen nicht mehr zu wissen, wie das geht…

Was nicht unerwähnt bleiben soll: Nachts konnte ich vernünftig gehen. Für meine Verhältnisse. Ich räumte sogar in der Küche ein wenig auf.
Um dann heute, ohne die Hände noch irgendwie in Anspruch genommen zu haben, nicht einmal das Notebook aufklappen zu können. Mein Rücken schmerzt. Der Hintern schmerzt. Und ich will diese Zeichnung machen… Aber besteht die Blockade lediglich der Angst wegen, zu versagen, nicht zu können, oder eben vielleicht auch, „weil ich nicht darf“? Und es sei definitiv ebenfalls erwähnt, dass die Zeichnungen dieser schizophrenen Mörderin nichts mit dem Bild zu tun hatten, welches ich in meinem Traum sah. Lediglich bis auf die kindliche Abbildung einer Frau im Rock. Aber ich hocke hier, völlig erstarrt, die Hände wie auf den Schoß gepflastert, den Zeichenblock vor mir und ich komme nicht zu Potte!…

16:22
Rasenmäher, Flugzeug, Rasenmäher. Im Supermarkt damit gekämpft, nicht in Tränen auszubrechen. Im Auto spätestens die Kontrolle verloren, als ich mich für mein Verhalten im ersten Supermarkt entschuldige.
Aber nicht einmal weinen kann! Unverzüglich brannten die Augen, als seien meine Tränen ätzende Säure!

WIE DEINE MUTTER!!!

Meine Mutter hatte sich immer die Augen gerieben, „zu wenig Tränenflüssigkeit“ lautete die Diagnose.

Der Reihe nach. Ich wollte also nach Jennersdorf, und scheiterte bereits am Schuhregal. 10 Minuten um den linken Schuh zu verschließen!! Ein Donnerwetter ging auf mich hernieder. Und draußen? Eiskalter Wind. Sonne, keine Sonne, Sonne, schwarze Wolken.
Also dachte ich: „O.k.! Ich bleibe hier und filme, was mir vor die Nase kommt!“. In der Weide neben dem quadratischen Wannenteich lauter Schwanzmeisen, fütterten ihre Jungschar. Und ich zu dumm, die Kamera zu halten!!! Alles ging schief!!! ALLES!!!!…

Bring dich um.

Ich bring mich um.

Ins Haus gefahren, 2 mg Hydal, „nur“ die Retardfassung. Sebastian mitgeteilt, dass ich noch da sei, ob er nicht jetzt fahren möchte. 10 Minuten später war er unten. In diesen 10 Minuten war noch mehr schief gegangen. Und warum?! Weil ich ein beschissener Krüppel geworden bin, der eigentlich gar nicht mehr allein zu Hause bleiben kann, weil er nichts hinbekommt! Doch, ich könnte den ganzen Tag auf dem Sofa sitzen bleiben. Aber von wegen Selbstständigkeit, kümmerliche Reste eines eigenständigen Lebens… VERGISS ES!!! WARUM NICHT GLEICH IN EIN HEIM?!!!

Im ersten Supermarkt war er mehr mit seinem Handy beschäftigt. Und der erste Artikel, den ich in die Hand nahm, die Strauchtomaten, landeten SELBSTVERSTÄNDLICH auf dem Boden! Er wollte den morgigen Tag planen, ein Kinobesuch steht an. Er hörte mir überhaupt nicht zu, was wir benötigen, was uns fehlt, was wir kaufen müssen… Und ich dämliches Stück Scheiße allein nicht in der Lage auch nur irgendetwas anzufassen! Da war ich kurz davor, ihn anzuschreien!

Und alles nur, weil ich dermaßen am ENDE bin!
Im nächsten Supermarkt kam von hinten plötzlich eine Dame, berührte mich vorsichtig an der Schulter, begrüßte mich, und ich sah sie an wie eine Kaulquappe! Ich entschuldigte mich, ich könne mich nicht erinnern…
„Wir haben uns damals an der Raab getroffen. Da warst du dem Rollator spazieren…“. Ich dachte angestrengt nach, aber erst beim zweiten Satz klingelte es leise: „Ich kenne dich noch vom Laufen. Ich wohne in Rax und du bist jeden Tag vorbeigerannt…“.
Hastig verabschiedete sie sich, sie hatte ja Sachen auf dem Laufband an der Kasse liegen. Ich sank in mich zusammen. Ich meine mich nun zumindest an die Depression nach diesem Ausflug und Kennenlernen erinnern zu können.

Wieder im Auto wollte ich mich erklären, mein Verhalten, dass ich dermaßen am Verzweifeln sei. Aber er hat es wohl nicht verstanden, dass es der Versuch einer Entschuldigung war und zugleich ihn über den Schweregrad meiner Krise in Kenntnis zu setzen. Er stattdessen sagte, warum er so viel ins Handy gekuckt hätte. Und bemerkte vermutlich nicht einmal, dass ich in Tränen ausbrach. Spätestens als ich mir vor Schmerz die Augen rieb, musste dieser Kommentar sein: „Selbst zum Weinen zu dämlich!!“.

Es ist ihm zu viel. Erst recht meine permanenten Zerstörungsankündigungen. Mit meinem Eis in der Hand: „Es wäre besser, es gäbe einen Menschen weniger, der in Form von Palmöl Orang Utan-Blut konsumiert und die Welt zugrunde richtet.“.

Als wir vor all dem im Dorf angekommen waren, auf dem Parkplatz vom ersten Markt, die Autos, die Leute mit den Einkaufswägen… Ereilte mich eine FETTE Derealisation. Nichts ergab mehr Sinn! Und der Wunsch, zu sterben, nur noch lauter.
Ein Wort hat sich mir eingebrannt, passend zum ganzen Tag: WERTLOS. ICH bin WERTLOS!! Zu nichts mehr zu gebrauchen!!

Man solle mich nun bitte nicht falsch verstehen. Diese Ansichten gelten nicht für andere Menschen. Es geht hier lediglich NUR UM MICH, MICH, DAS WERTLOSE STÜCK SCHEISSE!! Ich schämte mich für mich selbst, in Grund und Boden, wie ich aussehe, mit dieser Akne überzogen… Ein einziges Minenfeld! Und alles mache ich falsch! Auch jetzt sitze ich tatenlos vor dem Zeichenblock…
Kaum zu Hause, 2,6 mg Hydal. Ich warte auf dessen Wirkung. Kann ich sitzen, der Körper überzogen mit Schmerzen. Die Schnauze voll.

21:04
Schlussendlich gezeichnet, was ich gesehen habe. In mir löste es einiges aus. Sebastian hingegen: „Aha…“.

2018-05-19