5. Februar 2019, Dienstag

11:25
Verunglückt. Mehr oder minder verunglückte gestern so einiges. Oder alles.
Da erst fällt mein Blick auf den Befund vom Krankenhaus zuletzt, der vor mir auf dem Tisch liegt… Steht da doch tatsächlich IMMER noch Borderline??? Na bitte, da wird mir doch gleich „ganz warm ums Herz“ und ich könnte mir den Strom für die Heizdecke sparen!!! WANN KOMMT DAS IN DEN KÖPFEN ALLER ÄRZTE ENDLICH AN??!!! SVV IST EBEN NICHT GLEICH BORDERLINE!!! VERDAMMTE SCHEISSE!…
Nebst erneut diesem Unfug von „multiplen Suizidversuche“…

Zu gestern. Ich wollte ihm mittags entgegengehen. Aber als ich mich endlich um 11:00 Uhr erhob, schien ich bereits zu lange gesessen zu haben. War steif. Spastik vom feinsten. Im Badezimmer angekommen, wurde es noch mit massiver Schwäche versüßt. Ich nannte es dann „Schlag-Lähmung“. Der sogenannte „Mittagsklassiker“. Das Zähneputzen eine Kunst. Erst recht dabei zu stehen. Und anschließend nach dem Toilettengang meine Hose wieder hochzuziehen…

Du fettes Stück Scheiße!!! Du bist eine Fettkugel!!!

Ich fuhr mit dem Rollstuhl nach draußen und stand dort im Sonnenschein mindestens 20 Minuten. Das Hitzegefühl in meinem Schädel nahm ab; messbar war es doch ohnehin wieder nicht. Vielleicht war auch die Sonne zu stark, ZU warm, als ich noch am Tisch saß. Es gab Tassensuppe aus der Tüte, und als er wieder zur Arbeit fuhr, streifte ich mir meine dicken Wollstulpen über die langen Ärmel meines Hemdes, die Kopfhörer in den Ohren, meine Laufmusik auf Anschlag, ein letzter Blick in den Spiegel: „Na bitte? JETZT scheine ich ja meinen Stil gefunden zu haben! Ich bin MINDESTENS die coolste Rollatorfahrerin des ganzen Südburgenlandes!“. Um mich auf den Weg zu machen. Im Sonnenschein war es frühlingshaft, schlichtweg traumhaft. Man vermisste keine Jacke. Und meine mir so wohl vertrauten Klänge donnerten in meinen Schädel hinein, und ich fühlte mich wie damals, vor nun neun Jahren; am liebsten hätte ich laut mitgesungen, beließ es aber wie schon damals beim Laufen bei tonlosem Mitsprechen. Ich war arschlangsam, aber hatte Spaß, war guter Dinge, gut gelaunt. Erste Frühlingsgefühle eben, wie jedes Jahr. Je näher ich der Straße kam, desto stacksiger mein Gangbild. Steifer, noch steifer, bewegter Stillstand. Am Haus der Nachbarin vorbei machte ich eine Pause. Hatte mir eine Karamellwaffe zur Belohnung mitgenommen. Dann Kehrtwende, zurück. Mich allein von der Präsenz des Hauses beobachtet gefühlt; langsamer und noch langsamer. Aber dann, oh Wunder, kaum die Hälfte unserer Einfahrt geschafft, konnte ich „wieder gehen“. Also ohne Unterbrechung nach jedem einzelnen Schritt. Dann eben nur noch nach jedem Dritten oder Vierten.
52 Minuten hatte ich geschafft. Aber nun war ich platt und wollte nur noch in den Rollstuhl und wieder raus, fliehen, ehe die Volkshilfe kommt. Insofern gut, dass genau dann Daniela kam und mir in meinen neuen Rollstuhlsack helfen konnte. Genauso wie in die Jacke. Sie packte mich sozusagen warm ein, füllte mir noch die Wärmeflasche voll, diese auf den Schoß gelegt und ich fuhr los. Immer noch guter Dinge. Obwohl der beschissene Rollstuhl bereits am unteren Ende unserer Ausfahrt stehend wegrutschte. Die Jacke blieb nicht zugeknöpft; Sebastian hatte mir seine hingelegt, weil sie schön groß und kuschelig warm ist. Hatte den Nachteil, die Ärmel viel zu lang; kämpfte ich doch schon permanent mit den Stulpen, um meine Hände zu befreien. Oben am Hügelkamm war der Wind bissig, und die Sonne hatte sich natürlich wieder hinter Wolken versteckt. So richtig problematisch wurde es dann beim „Abgang“. Im Wald, bergab. Sehr vertrauensvoll: Ging ich sozusagen vom Gas, also wenn die Motorbremswirkung einsetzte, rutschte mir mein fahrbarer Untersatz regelrecht unterm Hintern weg, mehrere Meter unkontrolliert über den Asphalt. Da gab es sowieso nur zwei Optionen: Entweder links in den Straßengraben oder rechts steil den Hang hinunter. Mein Körper versteifte sich immer mehr vor Anspannung. Endergebnis? Im bekloppten Sack, dazu in den riesigen Stiefeln, angetrieben von der durch Kälte und erwähnter Anspannung ausgelösten Spastik, Streckspastik wohl gemerkt, rutschten meine Füße von den Fußstützen, die auch immer wunderbar eine riesengroße Lücke zwischen sich gewähren, in die man „abgleiten“ kann. Diesen neuen Sack also zum zweiten Mal für eine Ausfahrt genutzt und zum zweiten Mal kam es zum selben Fiasko! Meine Fußsohlen, der nagelneue Sack, schliff auf dem Asphalt. Noch dazu der steilste Teil der Straße noch vor mir. Unfähig, meine Beine abzubiegen. Anzuwinkeln. Wieder auf die Stützen zu zerren. Unter Rollstuhl ließ sich überhaupt nicht mehr kontrollieren, rutschte nur noch ab. Versuchte sogar noch, ihn einmal zu wenden; in der Hoffnung, wenn die Beine oben sind, also höher als der Körper, würde es mir vielleicht leichter gelingen, ihrer Herr zu werden. Pustekuchen! Und nach minutenlangem Kampf musste ich Sebastian anrufen. Ihn von der Arbeit wegholen, schon wieder. Was für ein Theater, mich erst mal aus dem Sack auszubauen…

Und ich war sauer! Sauer auf den Orthopädiefachmann, auf die ganze Firma! Weil sie den Rollstuhl eben nicht vor einem Jahr während der Reha in Ordnung gebracht haben! Weil er nicht wie abgemacht sich im März gemeldet hat! Weil kein Schwein auf meine unzähligen Mails reagiert hat! Weil der Rollstuhl eigentlich schon vor eineinhalb Jahren einmal generalüberholt werden hätte sollen!!!

Aber nein! Ich trage ganz allein die Schuld! Denn WARUM habe ich nicht mit mehr Vehemenz auf mein Recht gepocht? Warum habe ich nicht ein einziges Mal zum Telefonhörer gegriffen und immer nur dezent und vorsichtig per E-Mail mein Problem kundgetan? Da muss man doch telefonisch hinter sein… Blablabla!

Meine Schulter brachte mich bis zum Abend hin um. Auch brach ich die Sitzung nach 1 Stunde ab. Empfand Markus als… Wortkarg? Nicht bei der Sache? Und ich wusste doch auch nicht mehr, was ich sagen sollte. Dazu die Kopfschmerzen…
Es gab gleich im Anschluss Abendessen, und danach war ich fix und fertig. Na zumindest 37,6 °C… Damit man nicht wieder sagen kann, ich würde mir das Hitzegefühl in meinem Schädel und die damit einhergehende MS-Schwäche nur einbilden! Musste mich hinlegen, um mir alte Videos von mir selbst anzusehen
. Mir TATSÄCHLICH die Frage erlaubend, „dass ich doch gar nicht so schlimm bin“… ODER?

Als ich nämlich vom Spazieren zurück gekommen war, keinerlei Körperaufrichtung mehr, zusammengefallen zu einen unförmigen Kartoffelsack (womit ich es gerne Vergleiche), wieder konfrontiert mit meinem Spiegelbild, meinem „Seitenprofil“, und es war Rumpelstilzchen, der mir da entgegen brüllte…

SCHAU DICH DOCH AN, DU FETTE MASTSAU!!!
DU und COOL??!!!
DU BIST EINE EINZIGE LACHNUMMER, WENN MAN NICHT GLEICH BRECHEN MUSS BEI DEINEM ANBLICK!!!

Hatte ich mich nicht gerade eben erst noch freundschaftlich mit meinem Körper, mit meinen Beinen unterhalten? Mich erkundet, warum sie jetzt steif werden, was ihnen über die Leber gelaufen sei, ihnen sogar noch gut zugeredet…?!
Ab dann ging irgendwie schon wieder alles schief… „Selffullfing Prophecy“… Hausfrauenpsychologie…

Augenblicklich befinde ich mich nämlich wieder in besagter Pattsituation. Zu diesem Zweck lasse ich Sebastian immer seinen Handrücken auf Stirn und Wangen legen: „Hab ich recht? Das fühlt sich doch heiß an, oder?“, worin er mich auch bestätigen kann, während die Temperatur, gemessen vom neuen Thermometer, grundsätzlich auf etwa 37,2 °C beharrt.
Sebastian selbst fühlt sich heute miserabel. Oder, wie er es gerade noch einmal nannte, „moll“. Tee wird gekocht und ausgeteilt.
Die Verspannung im Kreuz fühlt sich beinahe so an wie etwas „Organisches“. Es kann ja alles von allem Möglichen kommen… Das Gefühl, dass die Nase zu ist, von den Verspannungen. Die Schwäche von der vermeintlichen Hitze. Oder doch alles von diesem Bakterium? Der Spaziergang zu anstrengend? Der Wind zu kalt? Oder jedes einzeln für sich von Bewandtnis? Mein Schädel raucht…

15:05
Soeben in meinen „Hausapotheken-Annalen“ gewühlt. Bei den meisten Sachen weiß ich nicht mehr, wogegen ich sie verschrieben bekommen habe. Seractil finde ich definitiv keines. Also wird es Deflamat. Die ganzen Psychopharmaka, die an mir ausgetestet wurden… Unglaublich, was ich schon alles mit mir machen habe lassen. Andererseits… Die nächste Überdosis kann kommen, ich bin gewappnet!

Der Himmel bricht auf, längs entstehen helle Lichtstreifen in Weiß. Schöner Himmel. Jetzt müsste ich oben am Hügel sein. Oder unten in der Ebene, da sieht der Himmel noch bombastischer aus, man kann noch weiter kucken.

Vielleicht sollte ich mir Musik anmachen, dann höre ich mit der idiotisch anmutenden Bewegung meines linken Armes nicht jedes Mal nach wenigen Wiederholungen auf. Meine rechte Hand ist gelähmt. In der Tat fühle ich mich nun wacher und nicht mehr so „ans Kreuz genagelt“ wie zuvor, ABER… Immer noch sehr schlecht auf den Beinen. Beim Zähneputzen war es unmöglich, frei zu stehen. Eigentlich musste ich mich regelrecht wieder einmal ans Waschbecken klammern; einer meiner Lieblingssätze.
Alles, was ich geschafft habe, war, noch eine Inkontinenzunterlage für den Rollstuhl bei Amazon rauszusuchen. Da er mir ja nicht gewünscht zwei bestellt hatte, sondern lediglich eine Schwarze. Und ein Tischstativ. Was ist das jedes Mal für eine unendliche Suche… Und davor ein Foto, das bereits ins Video eingebaut wurde, dank Photoshop bearbeitet. Es kommt noch mehr Bewegung in die Animation. Also ein bisschen mehr…
Meine Stimme kracht erneut in sich zusammen. Wenn ich erst einmal anfange, werde ich mit Räuspern nicht fertig! Also wie kann es sein, dass der Facharzt NICHTS gesehen haben will? Und nun schmerzt auch noch eine andere Stelle am Rücken, der Schmerzpunkt weitet sich aus. Wie eine Krake, mit ihren unzähligen Tentakeln, grabscht sich der Schmerz alles, was in Reichweite ist.

16:55
Ja! Ich habe Schiss davor, ein Druckgeschwür zu bekommen! Weil mir auch noch niemand sagen konnte, dass es sich um was anderes handelt!
Die Fersen (eine scheinbar prädestinierte Stelle für einen Dekubitus) schmerzen dann auch noch den ganzen Tag über, und es sei ja auch nur nebenbei erwähnt, bereits ohne zu langen Druck in der Nacht auf ein und dieselbe Stelle so oder so massivste Durchblutungsstörungen zu haben, erst recht in Händen und Füßen! Und das am Hintern, das ist auch jenseits von Ischias und Co.! Mit diesem Schmerzfiasko wieder mal mehr oder minder alleingelassen werden… So kommt es mir zumindest vor. Oder selber schuld, wie immer… Müsste ich wieder zu 1000 Ärzten rennen? Am besten privat, um auch noch ordentlich Geld zu verplempern???

Vom Deflamat nichts gespürt. Auch meine „Hampelmannaktion“ vergebene Liebesmüh‘. Draußen bricht der Himmel wieder auf und ein paar Abendfarben zeichnen sich dezent an den zerrissenen Wolkenrändern ab. Worüber ich nachgedacht habe, ehe ich wieder auf den Rollstuhl ging? Durchaus inspiriert von den vorher erst entdeckten Psychopharmaka? Erst recht den unzähligen Packungen Gewacalm? Mir jetzt Temesta reinzuschmeißen… Ich belasse es bei 2 mg Morphium… „Belassen“…
Ich lach mich tot!!

Aber „es funktioniert nicht“!

2 mg deswegen, weil die Retardfassung immer noch die bessere Wahl wäre, anstatt gleich 2,6 vom „Turbomorphium“ zu schlucken! Und 1,3 waren keine mehr da, also keine mehr in meiner blauen Blechdose…

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19:12
Mein Tee steht jetzt schon seit 16:00 Uhr. War es zuvor der Satz über den Abendhimmel? Oder doch das flüchtige Öffnen von Facebook, und die Nachricht unserer Nachbarin zu sehen? Was mich gleich wieder in meinen Schuldgefühlen absaufen hat lassen? Weil ich eben nicht fähig bin, mich „zu binden“, „verbindlich“ in Kontakt zu treten? Weil ich mir jetzt schon Kopfzerbrechen leiste, darüber, in zwei Monaten wieder am Haus vorbei zu fahren und mit ihr ein Gespräch anzufangen, oder sie fängt es mit mir an, da ich ja grundsätzlich den Kopf einziehe und zusehe, so schnell es möglich davon zu kommen, weil ich eben NICHTS und NIEMANDEN sehen will? Außer vielleicht Ute und Achim; da ist es nicht so schlimm. Oder völlig Fremde…
Und das Gespräch dauert und dauert und ich unfähig, noch nicht einmal freundlich zu sagen, dass ich weiter will? Weiter muss? Dass die Panik mich schon wieder auffrisst? Geschweige denn von einer UNFREUNDLICHEN Absage??!!!

Entweder das oder weil es Abend wurde… Plötzlich die nächste heftige Panikattacke; gefühlt kurz davor, sich dahingehend auszuwaschen wie zuletzt. Ich musste während meiner viel zu akribischen und perfektionistischen Schrauberei an erneut einer nur Sekunden dauernden Animation, in die ich aber dann so viel Physik und Detailliebe hineinlege, dass man es fast UNGESUND nennen muss, eine BELANGLOSE Dokumentation im Hintergrund anmachen! Irgendetwas, das ablenkt!
Aber es kam noch besser! Da meine Standardfloskeln in mich hinein keinen Effekt hatten, auch nicht mir jetzt bewusst vorzunehmen, noch geschäftiger und noch beschäftigter am Video zu arbeiten, kam ich unverhofft zum Handkuss: In der Doku ging es um eine Frau, die als Pflegemutter in einem Pflegeheim zu arbeiten beginnt. Mir fällt das Wort gerade nicht ein, wie so oft. Und da war ein kleines blondes Mädchen. Es war trotzig und weinte bitterlich. Ich sah mir die Kleine an, ganz genau, und sagte zu mir selbst, zu allem in mir, was dagegen Protest anmeldete: „Schau dir dieses Kind an!!! DIE soll dreckig sein??! DU warst genau so!!!…“; das Kinn begann zu zittern, die Augen wurden ganz heiß. Obwohl sich in mir Widerstand regte…

Das kleine Miststück?? Schau doch, wie aufsässig sie ist!!! Wenn sie erwachsen ist und diese Aufnahmen sieht, wird sie sich dafür in Grund und Boden schämen!!!
Und DU warst noch viel schlimmer!!! Deine armen Eltern, was die sich von dir gefallen lassen mussten, du dreckige Schlampe!!!

Aber ich hielt am Bild fest… Wieder eine Affirmation: „Das ist nur ein Kind! NUR ein Kind! DU warst NUR ein Kind!!!“…

Jetzt aber…

DU FÄLLST NUR AUF DAS SCHEISS KINDCHENSCHEMA REIN!!!

Halt die Klappe!!!

Meine Hand wurde immer gelähmter; kein Wunder, wenn sie seit Stunden auf der Maus liegt, der Zeigefinger nonstop gestreckt und in Aktion…

Was für eine dumme Ausrede!!!
Alles ist vorbei!!! Das Bild kannst du dir in die Haare schmieren, und zeichnen wirst du auch bald nicht mehr können, du wirst NICHTS mehr können, du VERFLUCHTER KRÜPPEL!!!

Ich war im Badezimmer, zuvor erst. Um wieder alle meine Brillen zu waschen. Ich hielt die Alte nicht mehr aus, drückte am rechten Ohr. Die ist doch noch aus Kindertagen, Hauptschule. Obwohl ich von damals bis jetzt nicht sonderlich an Größe zugelegt habe…

Deine Hackfresse ist fetter geworden!!!

Die neue Fassung aber erst recht beschmutzt. Auch machte ich eine Nasendusche und bekam eine Vorschau auf das, was nun beinahe zwangsläufig folgen muss (früher oder später): Ich werde mich irgendwo festhalten, die Hand wird ausrutschen, oder loslassen, weil sie zu Faust wird, ich werde umkippen und mir den Arm brechen…
Mit eiskaltem Wasser konfrontierte ich meine glühende Visage… Meine Lippen knallrot, auch die Hände ins kalte Nass gehalten. Alles vergebens, mein Kopf blüht schon wieder, die Haut wird dementsprechend in Windeseile ebenfalls wieder total fettig sein.
Ich dachte an die Videos von gestern. Ja, da war schon Wehmut, ob der verlorenen Jahre. Aber nun ging ich noch weiter, ging (schleppte mich) nach draußen vor den hellen Fichtenholzrahmen im Flur, um hineinzuschauen und mit meinem Spiegelbild zu sprechen. Oder sprach das Spiegelbild mit mir? „SO schlimm bist du doch gar nicht, ODER?“.
Also kein Wunder, ob Rumpelstilzchens Präsenz augenblicklich…

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2. Februar 2019, Samstag „Achterbahn…“

10:33
„Voll in die Fresse!“. 59,7 Kilo um 9:15 Uhr. Und das, obwohl ich…
Faule Ausrede, von „reduzierter Nahrungsaufnahme“ zu sprechen. Was ist mit dem ganzen Süßkram? Dem süßen Gebäck?! Dem ganzen Zucker, den ich noch extra auf den Milchreis abends gekippt habe??!!
Aber das sollte nicht Thema sein, mir läuft die Zeit davon…
Gestern Nacht, Sebastian hatte Besuch und war lange oben, mir diese Dokureihe auf Netflix gegönnt, über den Missbrauch der katholischen Kirche in Spanien. Und einer der Opfer sagte einen entscheidenden Satz, der sich mir regelrecht in die Seele brannte: „Man wird eines großen Teils seines Lebens, der schön hätte sein können, beraubt!“. Kontaminiert von Ängsten, Selbstzweifeln, Selbsthass, Selbstzerstörung usw. und so fort. Es tat weh, einen Blick zurück zu werfen, auf die letzten 20 Jahre, und was vermeintlich ICH daraus gemacht habe.

Da gilt es gleich einen Schwenk zur Therapie zu machen. Ich schluckte keine Beruhigungstablette, aber äußerte beinahe wie ein verschrecktes Kind abschließend doch noch, dass ich Panik vor der Sitzung gehabt hätte. Sie wollte wissen, wieso. Ob es mir immer noch darum ginge, dass jemand „ins Haus kommt und sozusagen in mich eindringt“. Ich druckste immer noch herum, aber sie konnte zwischen den Zeilen lesen: „Glaubst du etwa, du müsstest mir etwas liefern? Überhaupt nicht! Und wenn ich schweige, dann nur, weil ich aufmerksam zuhöre und auch fasziniert bin, wie sich das alles bei dir entwickelt, wie du große Schritte machst!“. (Wie immer), so oder so ähnlich. Äußerte auch, dass ich immer wieder das Gefühl hätte, SIE überzeugen zu müssen, damit SIE mir glaubt usw. und so fort.
Also hatte die Sitzung ein sehr gutes Ende. Zumal ich sie nach eigenen Erfahrungen mit anderen Klienten fragte und sie mir bestätigen konnte, dass „ich ganz klassisch in diese Gruppe passe“. Dementsprechend die nächste Sitzung gleich für nächste Woche anberaumt…

Unglücklich ausgedrückt; aber ich habe dermaßen Kopfschmerzen, das Headset zerquetscht die letzten Reste Hirn, und zugleich ist alles ganz wattig. Bin wach und schlafe doch noch. Die Lippe aufgerissen, nachts dann im Bett wieder Nasenbluten. Die Schulter wieder ordentlich verspannt, konnte nicht einschlafen, Licht an, Licht aus, Buch zur Hand, Buch weglegen. Überschneidung jagt Überschneidung. Und ich hielt den Heizstrahler nicht aus, hatte Krämpfe… Es müsste also dementsprechend wärmer geworden sein, um von Sebastian morgens gesagt zu bekommen, es hätte bereits 8 °C.

Nun gut, ich habe meine Tage. Gereicht als Erklärung? Alles um mich rum ist Saustall! Heilloses Chaos! Messiehaushalt! Es macht mich KRANK! Wie die verschmierte Brille! Die das Gefühl verstärkt, ICH sei mit FETT überzogen, meine Haut, mein Gesicht, und die Finger sowieso noch voll mit Butter vom Frühstück, weil ich ja mit ganzem Körpereinsatz „fresse“! Dazu der Kabelsalat vor mir, neben mir, unter meinem Tisch. Und immer noch die Leinwand, mit den zerfledderten „Schutzmaßnahmen“, die da aus dem Keilrahmenkreuz heraushängen wie rausgerissene Eingeweide, teilweise liegen sie daneben, auf dem Boden… Kartonstreifen, Streifen von einer Antirutschmatte, Klebestreifen… Mist! Mist!! MIST!!!

Ist es nicht jedes Jahr so? Ich hänge in Erinnerungen fest, Anfang 1990… Da passt ja super, vor wenigen Tagen dieses Fotoalbum gesehen zu haben. Wie damals berichtet, meine Geburtstagsparty, ich ein Moppel, die rosaroten Gymnastikschuhe, der neonfarbene Trainingsanzug, frisst mit einge-xten Füßen einen Pudding… EIN EINZIGES BRECHMITTEL!!! UND DIESES KIND SOLL ICH RETTEN?!! SOLL ICH LIEB HABEN??!!!

Abends dann ein kurzes Telefonat mit dem Hausarzt. Er sah erst keinen Handlungsbedarf angesichts meines Befundes. Ich wiederum erörterte kurz meine schon viel zu lang andauernde und mich belastende Symptomatik, und er ging diverse Antibiotika durch, die ich nehmen könnte.
Schlicht und ergreifend: ICH BIN SAUBLÖD!!! Hatte ich nicht noch zu ihm gesagt, dass das Augmentin für die Blasenentzündung damals auf die Sinusitis keinen Einfluss gehabt hätte? Und lasse mir dann WAS verschreiben? ZINNAT!!
Zur Erinnerung: Das war der gealterte Meister Propper, den ich exakt vor einem Jahr bei der Reha verschrieben bekommen hatte! Und? Hat er die Sinusitis beseitigt? Nein!

Und da kommt die Sonne wieder raus; Wolken, Sonne, alles braun, alles „dreckig“, draußen wie drinnen… Und erst recht in mir selbst! Ich muss aufstehen! Ich muss ZWINGEND UNVERZÜGLICH meine Hackfresse waschen!!! Ich hasse mich… Und das Foto von gestern war ja wieder einmal unter aller Sau, weil ICH unter aller Sau bin…

11:43
Meine saudumme Visage ist überzogen mit roten Flecken. Es tut weh, die Haut zu trocken, die Haut wund, offen. Und der Rest drumrum eine Fritteuse! Mir die Zähne geputzt, wieder „freistehend“, lauter Sachen runtergeworfen, laut fluchend… Sodass er oben wahrscheinlich schon wieder die Augen verdrehen musste. Und dann, zu allem Überfluss, als ich mit meiner „Schönheitskur“ endlich fertig bin… Mit meiner zum Scheitern verdammten „Schadensbegrenzung“, eine riesengroße Pfütze auf dem Fliesenboden. „Zum fragwürdigen Glück“ schien das Ventil vom Beutel leicht geöffnet zu sein. Denn ich habe keine Beutel mehr. Hätte wohl einen zu großen Verschleiß und die Bandagistin müsse dabei der Kasse einen „erhöhten Bedarf“ anmelden, ehe ich mir mehr holen darf. Also ich könnte mir schon welche holen und sie selber bezahlen, so ist es nicht. Ich bin nun mal nicht der Standard Patient, der brav nur noch im Bett liegend seinem Tod entgegen starrt und die Beutel keiner Beanspruchung aussetzt.

Nun ist es wieder dunkel, der Wind noch stärker und der geplante Ausflug fällt ins Wasser. Bzw. wird er hauptsächlich im Auto absolviert. Vögel stalken. Mein Schädel platzt. Er fühlt sich so heiß an, dass ich glaube, die Haut müsse reißen.
Diese Person da, im Spiegel… Ich verabscheue sie! Wie auch bei den Aufnahmen, mit denen ich gestern arbeiten „musste“… Wie unglaublich DÄMLICH sieht das aus?
Nun gut, soll ich mich nun darüber freuen, dass meine Beine im Vergleich zum Rest „schlank“ (oder zu Neudeutsch: „verkümmert“) aussehen? Was hat meine Mutter immer gesagt? Sie wurde nicht müde, mir diesen Satz reinzudrücken, als fragwürdiges Kompliment! Und darum ist es gut, dass ich keine Kinder habe! Denn was für eine Katastrophe ist es, wenn die eigene Mutter sich selbst beschimpft?!! „ZUM GLÜCK HAST DU NICHT SO EIN LANGES GESICHT WIE ICH!!!“ oder „ICH HABE SO EIN LANGES GESICHT!!!“.

Jetzt darf man dreimal raten, was mich bei diesen Aufnahmen am meisten gestört hat… Na? Schon einen heißen Tipp? Ja! Korrekt! MEIN LANGES GESICHT!!! DAS PROPORTIONAL ÜBERHAUPT NICHT ZUM REST VON MEINEM WINZIGEN KÖRPER, MEINEM ZU KURZEN KÖRPER PASST!!! TOTAL ÜBERPROPORTIONIERT!!!

Die beiden dünnen Beine, vier Schichten Pullover von Sebastian in Größe XXXL, noch mehr Schal und obendrauf dieses laaaaaaaaaaaaange Gesicht!!! Wie eine hässliche, widerwärtige Maske!!! Da muss ich doch gleich an den Film „Die Maske“ mit Jim Carey denken! GENAU SO!!!

Und warum bedarf es nun all dieser harschen Worte? Dieses Selbsthasses???

WEIL DU SCHEISSE BIST!!!

15:26
… Dann wollte Sebastian los, ich kam nicht mehr dazu, zu sagen, was ich noch dazu sagen wollte.

Gestern abschließend meinte ich dann noch, dass das alles so frustrierend sei, weil ich davon ausgehen darf, dass gewisse Personen sehr wohl wissen, was geschehen ist, aber gnadenlos schweigen. Und Brigitte gab mir ebenfalls recht, dass meine MS nicht ohne Grund zu diesem Zeitpunkt damals ausgebrochen ist, und erst recht nicht, dass sie sich so zeigt, wie sie es eben mittlerweile tut. Ich muss bestraft werden. Mundtot gemacht werden.

Und so hat nun auch dieser seltsame Lichteinfall zur Folge, erneut mit Kindheitserinnerungen konfrontiert zu sein, die leere Hülsen darzustellen scheinen, aber bis zum Überschwappen voll gestopft sind mit Todesängsten und Panik.
[…]

Wir hatten eine Ausfahrt gemacht, die dann doch großzügiger ausfiel als geplant. Lediglich ein Mäusebussard in Dietersdorf, aber bereits als wir auf ihn zufuhren, trollte er sich. Eine halbe Weltreise durch den Bezirk, die Beine krampften pervers, bis mir schlecht war vor Schmerzen. Von der Schulter ganz zu schweigen, die heute wieder zu Höchstleistungen aufläuft… Schmerztechnisch. Es roch schon nach Frühling. Dann regnete es ab und an. Und jetzt reißt der Himmel auf am Horizont. Was für Kopfschmerzen. Ein Mexalen intus. Was will mein Körper von mir?! Dass ich mich hinlege?! Bin ich wetterfühlig?!

DU BIST WIE DEINE MUTTER!!!

1. Februar 2019, Freitag „Kaum begonnen, schon vorbei…“

10:55
59,4 Kilo um 9:15 Uhr. Wie war das mit den 57, irgendwas Kilo vor ein paar Tagen? Das bisschen Schnee, der hübsche Staubzucker auf der Landschaft -vor 1 Stunde noch sah alles aus wie verzaubert. Und nun nichts als eintöniges Braun. Ich hatte meinen Traum vergessen, aber zum Glück ging es im Fernsehprogramm irgendwann um Schule und so erinnerte ich mich wieder. Ich könnte nun die Augen schließen und mich tiefer sinken lassen, genauer nachsehen, aber bin davon überzeugt, dass er keine bedeutenden Erkenntnisse in sich birgt. Also lasse ich den Aufwand. Für meinen Geschmack ist es ohnehin schon wieder viel zu spät. Es wird Frühling… Und woran ich das festmachen kann? Warum ich glaube, erneut als Wetterorakel in Erscheinung treten zu dürfen? Die Spasmen nehmen wieder zu.

Wieder sehe ich mich als kleines Kind auf der brachliegenden Wiese vor dem Gasthaus sitzen. Der Anblick fällt mir schwer, angesichts der Sichtung alter Fotoalben. Eigentlich wollte ich fürs Tagebuch eines der schrecklichen Geburtstagsfotos einscannen, aber nun hat er den Wäschekorb mit den ganzen Relikten endlich weggeräumt. Und hoffentlich, aber davon ist mit ziemlicher Wahrscheinlichkeit nicht auszugehen, den Korb gleich leer gemacht, damit er ihn später für die Wäsche benutzen kann. Wie ich ihn kenne, würde dieser die nächsten Jahre hinten im Gästezimmer gefüllt mit Alben in Vergessenheit geraten.
Von der ganzen Putzaktion gestern ist nichts mehr übrig, nichts mehr zu sehen; ich werde anschließend den Staubsauger schwingen. Versucht, ansatzweise auf meinem Tisch den sinnlosen Kampf auszufechten, für Leerraum zu sorgen. Und da hätte ich es fast wieder vergessen…
Dachte ich doch noch vor 1 Minute, Folgendes unbedingt sagen zu müssen: Es ist mir ein großes Anliegen, das aktuelle Buch zu zitieren. Wieder und wieder finde ich mich selbst in ihren Worten. Erst recht gestern Nacht, als ich eben sicherlich zum dritten Mal (seit ich im Besitz dieser Lektüre bin) lesen durfte, wie verdreht und gestört ihre Sichtweise auf Sexualität ist. Auch möchte ich, nein, ICH WILL, dass er es liest! Wie ich gerade eben sagte: „Mir ist das so wichtig, weil ich immer hoffe, dass du mich besser verstehst. Dass auch andere so fühlen wie ich und meine verdrehte Welt nicht von ungefähr kommt!“.

Der Himmel ist grau. Die Unordnung macht mich krank. Der Blick wandert kurz zur Leinwand… Hintenrum meine Montagen, damit sich bei der Arbeit der Keilrahmen nicht auf dem leinenabdrückt, fallen auseinander, hängen runter, komplementieren den Saustall! Dann fasst mich der Gedanke, nie wieder zu malen. Es gar nicht erst zu wollen. Gefolgt von Panik. Und dem Bedürfnis, schon wieder zum Temesta zu greifen… Weil es doch so angenehm war…

Und was war das kurz nach dem Aufstehen? Hatte er mich zu ruckartig aus dem Bett gezogen? Denn kaum Platz auf der Toilette genommen, um meine Monstereinlage zu wechseln, tropfte Blut aus meiner Nase. Rechts. „Hey! DU wurdest doch gar nicht operiert, was stellst du dich so an??“. ICH und Nasenbluten… Ein absolutes Novum!

Aber jetzt ans Video. Ablenkung. Ehe ich wieder nur schlechten Gedanken viel zu viel Raum gewähre, bis sie mich zerquetschen, denn…

Eigentlich müsste ich mich jetzt bewegen!
Eigentlich müsste ich jetzt gehen!
Eigentlich müsste ich jetzt meine Zähne!
Eigentlich müsste ich jetzt die Büroarbeit machen!
Eigentlich müsste ich mich umbringen!…

Und warum stand in den letzten beiden Beiträgen März statt Januar? Gefühlt scheint das neue Jahr tatsächlich schon wieder halb vorbei…

12:50
Die Zeit rennt, die Zeit verrinnt, zerfließt unkontrolliert in meinen Händen…
Mich zusammengerissen, einen Teil der Büroarbeit erledigt, beim Zähneputzen vor dem Waschbecken Gleichgewichtsübungen gemacht…
Wie hochtrabend das klingt! Im eigentlichen Sinne stand ich einfach nur davor und habe versucht, es ohne Festhalten zu schaffen. Und im besten Fall mein Gewicht (mein Übergewicht) von einem Bein aufs nächste zu verlagern.
Ich wollte doch irgendetwas Wichtiges sagen… Aber, so schnell wie es vergessen wurde, kann es seinem Namen keine Ehre machen. Dann eben etwas Unwichtiges… Aber was?
Zurück im Wohnzimmer mit dem Rollator den Staubsauger geschwungen. Die Büroarbeit abgeschlossen. Ich trinke einen großen Schluck Wasser, und nur 5 Sekunden später ist der Mund wieder staubtrocken, die Mundwinkel reißen auf. Hatte ich erzählt, dass mich die junge Ärztin bei der Untersuchung ernsthaft gefragt hat, ob ich nicht zu wenig trinke, weil Zunge und Gaumen staubtrocken waren? Die Medikamente, im Gegensatz zum Wörtchen „Wichtiges“, machen wiederum ihrem Beipackzettel ganze Ehre.

Verdammt! Was war es? Eine Erkenntnis? Ein Zusammenhang? Eine Erinnerung an einen wichtigen Traumausschnitt? Oder gar ein Tagtraum?

Fakt ist, Brigitte kommt um 18:00 Uhr. Panik. Immer mehr Panik. Aber habe ich das nicht auch vorher schon erwähnt?
Fine beginnt zu nerven, stromert durch den ganzen Raum, macht mich noch nervöser. Dabei krampft schon wieder das linke Bein… Hach! Was für eine Freude! Wie hatte ich die Spastik vermisst!
Das Licht draußen verändert sich. Ich erinnere mich an Faschingsumzüge, und wieder Klavierunterricht. Aber auch an einsame Streifzüge durch meine Wälder, mit der kleinen Billigkamera im Anschlag. An unbedeutende, hässliche Fotos von Ästen und Bäumen, in denen ich etwas zu erkennen glaubte. Und ein paar Jahre später mit einer Spiegelreflex.

Das Programm versteht mich nicht, meine Stimme bricht unentwegt krachend in sich zusammen und ich klinge wie eine stark rauchende Langzeitalkoholikerin! Die Hände beginnen zu klimpern, mir wird kalt. Vermutlich hat sich die Heizdecke ausgeschaltet. Und das Gezwitscher der Meisen verschlimmert die angstbehafteten Gedanken, dass Februar wie November sei, nach der Reha bereits wieder Frühling, der Sommer noch schneller vergehen wird, den Winter wird es dank Klimawandel nicht geben und schon ist das nächste Jahr da!!! Und ich, in mir drin, wie ein kleines gehetztes Männchen/Weibchen, atemlos und vor Augen eine Apokalypse!!!!

Gestern zu ihm, zu mir selbst, in mich hinein, gefragt: „Glaube ich ernsthaft, wenn meine Eltern sterben, geht die Welt unter?? Das ist doch Schwachsinn!!“. Das Bedürfnis, ihnen einen Brief zu schreiben. Aber keine Vorstellung davon, welchen Inhalt er haben sollte. Ganz viel „Zu-Kreuze-Kriechen“, noch mehr Entschuldigungen, dass ich existiere usw. und so fort?

Und so kam es eben, wozu es kommen musste… Abends, ich sah Sebastian, ich küsste ihn, sagte ihm, wie sehr ich ihn liebe, und bekam selbiges zurück. Aber nichts davon war echt. Nichts davon war real. Alles nur verschwommen, verzerrt, und lediglich einen einzigen Notfallkoffer zur Hand: „Ich bringe mich sofort um!“.

Mir wäre wahrlich lieber, sie käme heute nicht. Ich meine mich zu erinnern, von der „Rasur“ meines linken Unterarmes geträumt zu haben, die tatsächlich vor ein paar Tagen stattgefunden hat. Vor zwei Tagen, abends. Gewohnt rabiat, mit ein paar Bluttropfen. Die unzähligen Kratzer abgekratzt. Und im Traum nutzte ich die Gunst der Stunde und schlitzte mich wieder auf… Mit Erfolg? Ich weiß es nicht mehr. Bekomme Kopfschmerzen. Während meine Hände bis vier zählen. Mein Ischias nervt, die Verspannung im Rücken nervt, das Bein krampft und die Rufe der Meisen katapultieren mich unaufhörlich in dieselbe Erinnerung: Irgendwann um Ostern herum, meine Mutter geht mit mir spazieren, vorbei am Feuerwehrhaus, da ist dieses Rinnsal, dieses kleine Bächlein im Graben, und ich klettere den einen Schritt hinunter, in die Hecke, die dort einsam zwischen all den Äckern wächst, irgendein Spielzeug in der Hand, das nun unbedingt durch Wasser laufen muss…

Eine schöne, eine friedliche, friedvolle Erinnerung. Sonnenschein. Es duftet nach Blüten und frischem Gras. Insekten surren, Schmetterlinge und Vögel überall. Aber ich? Bekomme bei diesem Anblick Todesängste! Was ist Henne, was Ei? Bin ich der Fehler im System? Oder stimmt mit der Szene etwas nicht, bzw. etwas HINTER ihr stimmt nicht? Hinter, HINTERHER nicht???

Und weiß immer noch nicht, was ich vergessen habe…

15:27
Es war nicht DAS Detail, das ich vergessen habe, aber gerade eben beim Kaffee wurde ich schmerzlich (das klingt übertrieben) an eine andere Besonderheit erinnert.
Morgens nach dem Aufstehen,…

Dann sehe ich in meinem Tagebuch nach; so ein Bullshit!! Ich hatte es doch erwähnt…
Also definitiv gerade eben beim Kaffee (in meinem Fall Milchtee zum Keks) tropfte erneut Blut aus meiner Nase.
Nebenbei sei erwähnt: Ich hatte bis vor diesem Eingriff noch nie Nasenbluten.
Dazu das Gefühl -das sich wieder einmal nicht mit dem Thermometer bestätigen ließ, mein Schädel wäre ein Einmachglas, das zu lange in einem zu heißen Backrohr steht und alsbald platzen wird, weil darin alles überkocht und sich Platz machen will!! Leichte Kopfschmerzen. Und weil doch das Säckchen Magnesium zuvor die Krämpfe im linken Bein abgestellt hatte, krampft es nun im rechten. Mit dem Unterschied, nun viel schmerzhafter zu sein, unangenehmer.

Ich bastele mir weitere krude Theorien zusammen, die ich natürlich nicht für mich behalten möchte. So sagte ich auch gerade eben zu Sebastian: „Vermutlich kommt das von diesen Bazillen, die da im Laborbefund stehen. Und ich habe längst eine schwere Gehirnhautentzündung… Hoffentlich breche ich in den nächsten Stunden zusammen und verrecke endlich. Um dann, vielleicht noch kurz davor, oder nachträglich sagen zu können: Jetzt habe ich wenigstens eine GUTE Ausrede, warum ich in letzter Zeit so vermeintlich dement geworden bin!“, und grinste. Er fand es nicht witzig; verständlicherweise. In seiner Rolle, damals als Kind, fand ich die ganzen Sterbe- und Selbstmordankündigungen meiner Mutter und ihrer Mutter ebenfalls nicht sonderlich amüsant…

Kurz hatte es die Sonne versucht. Nun wird es dunkel und erinnert mich an die Leidenschaft meines Bruders von damals, Modellbau. Zugleich sehe ich mich, uns in Fürstenfeld am Bahnhof. Wir holen meine Oma, mütterlicherseits, oder bringen sie dorthin. Wieder mit diesem Druck im Magen…

Etwas mehr als 2 Stunden bis zur Therapie. Ich vermag nicht darüber nachzudenken. Erst recht nicht mehr vorzustellen, dass sie wieder minutenlang einfach nur da sitzt und mich lächelnd anschweigt, was ich absolut nicht ertragen kann!

Noch etwas zu besagtem Befund, den er mittwochs beim Hausarzt abgeholt hat, von dem ich glaube, dass ich dessen Ergebnisse noch nicht thematisiert habe.
Oder doch?

EBV (Epstein-Barr-Virus): Kein Hinweis auf eine akute Infektion mit den untersuchten Parametern.
VZV (Varizella-Zoster-Virus): Kein Hinweis…

Jetzt wird es spannend…


CHLAMYDOPHILA PNEUMONIAE: Akute oder vor kurzem erfolgte Infektion wahrscheinlich. Bei bestehendem klinischen Verdacht auf eine Infektion, bitte respiratorisches (Wow, das Programm versteht das Wort!) Material (Sputum (Und das auch noch!! Ich bin begeistert!!), BAL, BSK) führt Direktnachweis (PCR: CAP-Block) einsenden.
INFLUENZA A: Reaktiver Befund, vermutlich abgelaufene Infektion.
PARAINFLUENZA: Reaktiver Befund…

Was heißt das alles? Was heißt es speziell für mich?
Er fährt gleich für mich noch einmal extra zum Hausarzt um nachzufragen.

dav

28. Januar 2019, Montag

8:53
WAS?! WAS, frage ich mich, WAS ist mit mir los??!!
Müsste es ein anderer Therapeut sein, unabhängig, mit dem ich nichts zu tun habe, der mir exakt dieselbe Floskel erzählt wie Markus? Weil ich diesen ja eigentlich gar nicht kenne? Weil ich diesem ja eigentlich nichts glauben darf?
Er sagt, das sei völlig normal in dieser Phase der Aufarbeitung. Aha? Also kein Zeichen meiner MS? Oder noch besser: dass ich dement werde? „Die gesamte Aufmerksamkeit richtet sich nach innen“, beruhigt er mich jedes Mal. Seit Jahren schon. Aber ich lasse mich nicht beruhigen.
Es fühlt sich an wie Herzrasen, aber ich weiß, dass der Puls nicht erhöht sein wird. Kaum an meine Hände gedacht, beginnen diese zu klimpern. Schneeregen und ein wenig Nebel. Die Gefühle, die nun in mir zum Vorschein kommen, fühlen sich unangenehm an. Ich bin 11 und ich bin ein Mops! Mollig!

EINE FETTE SAU!!!

Alles fühlt sich passend zum Wetter eklig dreckig, feucht an. Zwanghaft muss ich an ein Foto von mir denken, von diesem Reitunterricht, wie ich da vor diesem riesigen Warmblut stehe, ich Zwerg, die Ausläufer der Achtzigerjahre, Leggins, Neonfarben, dermaßen X-Beine, völlig verunsichert, weil mir die Besitzer des Hofes, das Ehepaar, das mich gleichzeitig unterrichtet, Angst macht. Sie sind in meinen Ohren streng, sie klingen streng. Das hier macht keinen Spaß, das hier ist eigentlich nur Belastung. Das Pferd ist viel zu groß. Das alles ist eine Nummer zu groß! Aber wie praktisch, der Hof liegt in der Nähe der Werkstätte, in der mein Vater arbeitet. Also wird dieser ab und zu besucht, ihm wird Essen gebracht.

Wer in deinem Umfeld hat sich despektierlich über Dicke geäußert?“. In schon mehreren Sitzungen in den zurückliegenden acht Jahren ist diese Frage gefallen. „Mein Vater? Meine Mutter sicherlich auch. Aber er hat meinen Bruder ständig beschimpft. Und dann schon erstaunlich, dass er mich völlig unbehelligt ließ. Kein einziges Wort. Wenn man bedenkt, was sich Mario immer anhören musste? Jahrelang? Immer noch?“. Was sollte da die kleine Schwester daneben denken? Deswegen der Versuch zu kotzen? Ohne großartig darüber nachgedacht zu haben, welche meine Beweggründe sein könnten?

Aber eigentlich war ich doch gerade bei der Demenz. Ich habe wenig geschlafen; o. k. Dennoch eine schlechte Ausrede! Stellte mich äußerst wackelig auf die Waage, es dauerte, bis ich zumindest so weit austariert war, um einen flüchtigen Blick auf das Display zu werfen. Natürlich! Ich war erstaunt! Nach DEM Essen! Selbst wenn ich gestern noch einmal etwas abziehen durfte und schlussendlich auf 57,9 kam. Aber, und ich lenke schon wieder ab, worum es nun im eigentlichen Sinne geht ist diese beschissene Zahl heute Morgen auf der Waage!!!
Ich las sie, rechnete wie jeden Morgen für Unterhose und Monstereinlage noch einmal 100g ab (wie großzügig) (ZU großzügig), entdeckte die Hieroglyphen auf meinem linken Handrücken, konnte zumindest das zweite Wort lesen („Corpus Delicti“), ärgerte mich, jenes darüber nicht entziffern zu können, schon völlig verschmiert, ganz zu schweigen von meiner Sauklaue, und kaum im Wohnzimmer angekommen, wusste ich eben NICHT MEHR, ob es nun 58,4 oder 58,3 Kilo gewesen sind!!! Das macht mich ehrlich gesagt krank!!! Weil 100 g bereits eine halbe Welt bedeuten! Und WEIL ICH MIR ABSOLUT NICHTS MEHR MERKEN KANN!!!

Noch mehr Süßstoff in den Tee; ich schmecke ihn heute nicht.

Oder gestern Nacht? Die letzten beiden Folgen von „American Horrorstory“. Vertrottelt fragte ich: „Wer ist denn jetzt DER Schauspieler? Ist das der, der dies oder das hat? Und wovon reden sie jetzt? Worum geht es?“. Sebastian schon leicht entnervt: „Also bitte, das haben wir doch gerade eben erst gesehen! Das war doch erst in der vorletzten Folge, als der oder die genau das getan hat! Das weißt du doch noch!“. Aber ich fühlte meine beiden Ohren und dazwischen nichts als Luft!!! ICH KANN MICH NICHT ERINNERN!!!

Augenblicklich hänge ich in Erinnerungen an die erste Klasse Hauptschule, Schwimmkurs, wie wir da im Kollektiv Heimweh schoben. Um zwangsläufig wieder daran denken zu müssen, wie ich aussah. Sehe hinaus, sehe in mich rein, sehe das Damals, es war die gleiche Jahreszeit, und alles ist muffig und widerlich und feucht und klamm…

Die beiden Wörter auf meiner Hand waren mir gestern, bzw. heute, beim Lesen (erneuten Lesen) eines meiner Missbrauchsbücher in den Sinn gekommen. Immer noch auf der Suche nach einem Namen für mein Video. Ich wusste doch ganz genau, dass ich sie vergessen würde. Und… Siehe da?!
WER HÄTTE DAS FÜR MÖGLICH GEHALTEN…
Schwer, wirklich schwer seufzen. Dazu fällt der Blick auf die Uhrzeit und es ist schon wieder ZU spät!

Im Buch waren gleich mehrere Passagen, die mich bewegten, IN mir ETWAS bewegten. Wieder zum inneren Kind: „Bitte… Vertraue mir endlich!“…

Die Kleine ist auch nur ein Stück Scheiße!!!

Und ich sagte doch tatsächlich zu ihr: „Hör ihm nicht zu! Hör auf mich!…“.
Um innezuhalten und mich zu fragen, was ich da gerade mache. Ist das eine probate therapeutische Maßnahme? Oder mache ich mich augenblicklich zum Vollidioten??? Mit WEM spreche ich da? Da ist niemand! Das habe ich mir alles nur einreden lassen! Mit Handkuss!!! Um mich erneut als etwas „BESONDERES“ profilieren zu können!!!

Bei jedem Witz, den er machte, bei jedem Liedchen, das er trällerte, allein auf den wenigen Metern nachts ins Schlafzimmer… Einerseits war er so weit weg, die Realität existierte nicht mehr, irgendetwas musste sich verschoben haben, und weil das noch nicht reicht, sah ich ihn sterben. Mit jedem winzigen „Piepsen“ von ihm!! Davon überzeugt, bereits übermorgen die Augen zu öffnen und unser Leben sei vorbei!!! Die Zukunft wie ein Damoklesschwert!!!

Und dann waren da noch diese Zeilen in dem Buch. Die ich mir mit dem Stift, mit dem ich später auch noch meinen Handrücken angeschrieben habe, extra unterstreichen musste. Erschienen mir so wichtig, dass ich sie heute in der Sitzung miteinbeziehen möchte… Nein! Muss!! Bis dato hat sie noch gar nicht gesagt, WAS ihr passiert ist! Aber sie spricht von Symptomen und Auffälligkeiten…? Mein Untergeschoss zog sich zusammen, verkrümelte sich nach innen und pulsierte und pulsierte. Um mich deutlich auszudrücken: Das war keine amouröse Erregung!! Das war die „Habachtstellung“ schlechthin!!! Als sie von Schmerzen im Genitalbereich schreibt. Davon, dass es dann auch immer so schrecklich juckt! Dass sie bereits als Kind sterben wollte!

Das kennst du NUR von deinen ganzen Blasenentzündungen! Sonst nichts! Du warst und bist eben DRECKIG!!!

Mein Körper reagierte, in mir reagierte irgendetwas. Und so richtig weggeflasht hat mich der Satz, dass sie bei einem Bruder ihres Vaters übernachten darf, bei ihrer Cousine… Auch jetzt, beim Diktieren, trete ich kurzfristig weg. Auch ich habe bei meiner Cousine geschlafen, oder wir beide bei unserer Oma. „WER hat ins Bett gemacht?“. Sie oder ich? Zumal sie auch noch viel länger Bettnässerin war als ich…

In mir flatterte etwas, bekam Angst. Ich war wach. Wie jede beschissene Nacht von Sonntag auf Montag. Als wäre ICH es, die zur Arbeit hasten müsste! So war auch ICH es, die immer mehr Panik bekommen hatte, abends, bei dem Wissen, dass er gleich das Wohnzimmer betritt und der Tag damit offiziell beendet sein wird! Ich entschuldigte mich bei ihm, weil er mir Angst macht… Das finde ich schrecklich!

Tief durchatmen! Heftige Verspannungen und vom Headset mittlerweile wieder Kopfschmerzen… Panik vor der Volkshilfe. Panik vor der Sitzung abends…

Um erneut den Faden zu verlieren. Was wollte ich sagen?
Stattdessen inneres Kino: Scheißwetter und wir sitzen im Bus bei unserer ersten Klassenfahrt zum Schwimmkurs. Zugleich sah ich das Zeltfest in Henndorf, wie das Zelt aufgebaut wird, Sommer, und zumindest ein Fahrgeschäft…

16. Januar 2019, Mittwoch „Alles anders…“

11:49
Sebastian gönnt sich soeben „Andersdenkende“, um noch in einem alltagstauglichen Wortschatz zu verweilen, ehe ich aushole, und Gossenklientel bediene… „Die Erde ist flach!“…
Aha…

58,7 Kilo um 10:00 Uhr und ich musste mich wahrlich aus dem Bett treten! Was für Träume! Dem sei noch vorausgeschickt, dass ich jetzt eigentlich Termin hätte. Doch Sebastian erhielt einen Anruf, vor über einer Stunde, computertechnisch würde in der Firma alles drunter und drüber laufen, und wir mussten uns einige Ideen einfallen lassen, was nun kurzerhand unplanmäßig umdisponiert werden könnte. Der nette Mann in der Rettungszentrale meinte, es seien keine Einsatzkräfte frei in der kommenden Stunde. Aber die freundliche Sprechstundenhilfe gab mir einen neuen Termin, 2 Stunden später. Insofern kann ich mich jetzt den Träumen widmen, ohnehin voller Angst, irgendein vermeintlich „wichtiges“ Detail bis zum Nachmittag zu vergessen! Obwohl ich doch ganz genau weiß, lediglich jetzt so nah dran wirkt der Traum noch nach, tut so, als sei er der entscheidende Wendepunkt… Wie immer, leider, und mit etwas mehr Distanz verflüchtigen sich die Überzeugungen und AHA-Effekte…

Im ersten Traum, an den ich mich erinnern kann, spielte ich die Hauptrolle in einer Staffel „American Horrorstory“. Ständig auf der Flucht vor bösen Männern, irgendwo an der Grenze zu Slowenien in einem versteckt liegenden Frauenhaus, in dem auch geschlagene Hunde aufgepäppelt wurden. Dann lag das Haus wieder direkt an der Bundesstraße nach Jennersdorf rein, dort, wo das Gebäude der Bewag steht. Ich lief dort wohl die ersten Schritte nach Jahren Rollstuhl, den Gehsteig hoch und runter. Der vermeintliche Täter tauchte auf, er verfolgte mich, zumindest mit Abstand, um mir Angst zu machen. Er würde mich beobachten, die ganze Zeit, und irgendwann würde ich einen Fehler begehen. Ein anderer Kerl versuchte sich Zutritt ins Haus zu verschaffen, er war der Ex der Leiterin dieser Einrichtung; wir versuchten verzweifelt Türen abzuschließen, und schlussendlich wurde er auf ein Brett genagelt, von dem er sich wieder befreien konnte und hin und her und hin und her und um die konfuse Geschichte abzukürzen: Ich war ständig auf der Flucht, rannte weg, rannte tatsächlich, konnte wieder laufen, aber in jedem Haus lauerte Gefahr, Zombies, dabei war es doch mein Ziel, irgendwie das Gasthaus zu erreichen, um dort vermutlich Antworten zu erwarten…

Sebastian stand auf, irgendwann um 8, ich zog in Erwägung, es ihm gleich zu tun, war aber zu müde, spät eingeschlafen, schlecht geschlafen, Krämpfe und Rückenschmerzen und Kopfschmerzen und Unruhe…
Kaum die Augen geschlossen, der nächste Traum.
Dem sei vorausgeschickt, um Mitternacht im Buch noch davon gelesen zu haben, dass sie mittlerweile einen Freund hatte, Jahre nicht mehr zu Hause gewesen wäre, und nun doch tatsächlich dorthin reisen wollte. Sie überstilisiert ihre Mutter zu einer Heldin, was ich im Ansatz auch verstehen kann, bei dem, was die arme Frau durchgemacht hat in Vietnam. Aber eine Sache ist mir unverständlich: In all den Jahren, in denen der Vater die ganze Familie, die Kinder terrorisiert, verprügelt, missbraucht, wird kein einziges Mal davon berichtet, dass die Mutter sich vor „ihre Brut“ stellt… Da fällt es mir schwer, von einer selbstlosen „Heldin“ zu sprechen… Und, wie fast schon zu erwarten, begrüßt der Vater die Protagonisten mit den Worten: „Du Miststück traust dich noch hierher?“; (so oder so ähnlich).

Und dieses Thema wurde in meinem Traum aufgegriffen. Sebastian und ich reisten nach Hause, ins Gasthaus, vermutlich war Weihnachten. Jedermann wollte so tun, als sei nie etwas gewesen. Vor allem ich tat so, als sei die Welt im Lot. Obwohl es unterschwellig brodelte. Mir bereitete der Besuch große Magenschmerzen.
Schon setzt das Vergessen ein… Was war dann?
In meinem Kinderzimmer sah ich mich mit meiner Mutter konfrontiert. Diese hörte nicht auf, nachzubohren und nachzubohren… Aber natürlich habe ich längst vergessen, was sie genau wissen wollte. Warum es mir „so schlecht ging“? Mein Bruder war auch da. Wie immer machte er den Eindruck, die ganze Welt auf den Schultern zu tragen. Ich wollte mich nur irgendwo waschen, duschen, aber überall wurde umgebaut… […]

18:04
In meinem Kopf läuft gerade alles heillos durcheinander. Alles läuft Amok. Ich soll Amok laufen. Da Sebastian gerade eben das Haus verlassen hat, wäre das die beste Gelegenheit dafür. Einfach so, aus heiterem Himmel, durchdrehen. Dabei kann ich mir ausmalen, vom Morphium die Panikattacke zu ernten. Wieder allerhand Analgetika intus. Der Schmerz links auf Höhe Schulterblatt raubt mir den Atem, und breitet sich heute auch noch auf die rechte Seite aus. Novalgin, Tramal und Hydal tanzen einen wilden Reigen. Und wieder wagte ich zu sagen: „Ach, jetzt setzt die Wirkung ein… Und alles wird so schön gleichgültig…“. Einen Scheißdreck tut es!!
Heute noch nichts geschafft zu haben! Bringt mich beinahe um die Ecke! Zurück vom Arzt in Jennersdorf, Sonnenuntergang, und während er im Schreibwarenladen hinter mir nach einer Druckerpatrone suchte, fielen mir noch Details meiner Träume ein. Die nun auch keinen Unterschied mehr machen, geschweige denn dem Ganzen mehr Bedeutung beimessen könnten. Ich sah dieses exakt 1 km lange Stück Gehsteig bis zum Kreisverkehr vor mir, auf dem ich immer meine Sprints durchgezogen habe, meine Endorphine geerntet habe, stellte mir vor, ich würde da gerade laufen und mich selbst beobachten, ich sah mich laufen… Und das tat so weh… Danach im Ortszentrum, vor dem Hausarzt, er drinnen und ich im Auto… War es der niedrige Blutzucker? Als faule Ausrede? Ich brach in Tränen aus, unkontrolliert. Und sah ihn sterben… Weil ich ihn, kurz bevor er ausstieg, von der Seite für einen Augenblick gemustert hatte… Seine Augen, die Feuchtigkeit seiner Augäpfel… Und musste zwangsläufig in mir drinnen das Bild ertragen, dass er irgendwann tot sein wird und diese Augen vertrocknen werden…

Zu weinen anfangen, völlig ausgeliefert…

Als ich eben diesen Satz auf dem Sofa sagte, diese Bemerkung von mir gab, was die Schmerzmittel betraf, den einsetzenden Rausch, da überkam mich beinahe wie eine Ohrfeige, als würde mich etwas oder jemand rügen, eine Angstattacke… Und mir war klar…

DU MUSST DICH AUFSCHLITZEN, SOFORT!!! DAS HÄLTST DU SOWIESO NICHT AUS!!! ODER BRING MICH UM!!!

Ihn noch im Auto, und erst recht dann im Haus mit Fragen gelöchert zum Tag meiner Überdosis. Wann er denn hinterher ins Krankenhaus gefahren sei und derlei Dinge. Im Auto vorm Hausarzt, dieser Lichteinfall… Am Tag meiner Überdosis muss es so ausgesehen haben und ich sah auf der Straße in Gedanken die Rettung mit Blaulicht an mir vorbei rasen… Was für eine abstruse, absonderliche Wehmut sich da auftut… Weil ich es WIEDER will?? Weil ich die Tatsache traurig finde, ist aber nicht zulassen darf?? Weil ich stattdessen denken muss, ich will es wieder versuchen, will mich wieder umbringen??

Der Termin beim Arzt ergab nicht viel. Ich solle mein Blut testen lassen; Montag kommt der Hausarzt vorbei, irgendwann zu Mittag. Ob man Entzündungswerte feststellen kann, ob virell oder bakteriell.
Plötzlich denke ich daran, was er sagen würde, wenn er meine Arme sieht. Ob überhaupt was sagt, oder wie er dreinschaut. Ist das jetzt die nötige Bremse, die ich brauche? Das Thema ist noch nicht durch… Ebenso noch nicht die noch nicht angesprochene Überlegung angesichts der aufkeimenden Panikzustände, mir jetzt eine Temesta reinzuschmeißen… Hatte ich nicht zuvor in meiner Tasche eine Blisterpackung entdeckt?

Die Tablette landet im offenen Beutel, aber wenigstens DAS nimmt ein Happy End! Ab in den Mund und runter damit…

Ich erwähnte, was ich nicht noch alles vorhätte. So viele Videos, die ich noch machen möchte. Aber in meinem Posteingang stapeln sich die Nachrichten, so wie sich alles stapelt und stapelt und mich hoffentlich bald erschlagen wird… Ich kriege NICHTS mehr hin! NICHTS mehr gebacken! NICHTS fertig! Zu NICHTS mehr zu gebrauchen…

20:53
Unentschlossen mache ich ein paar Schwimmzüge in diesem Tümpel der Unannehmlichkeiten. Wofür werde ich mich entscheiden? In tiefen Schlaf fallen? Mich sofort übergeben? Loslassen und mit Folgen auf den Boden knallen?

Die Musik gedrosselt. Sicher ist sicher, ich will und ich muss ihn ja kommen hören. Mich dann ins Badezimmer geschleppt. Die bereits im Einsatz gewesene Klinge ist enttäuschend. Jede einzelne Kante kommt zum Handkuss, und lediglich eine davon erweist sich als noch „einigermaßen probat“. Den Überblick verloren, fester angedrückt, spürte ohnehin nicht mehr viel. Abschließend noch die letzte verbliebene Rasierklinge aus der gelben Schachtel gezogen, das gelbe Kuvert noch verschweißt. Mir eine Stelle ausgesucht und dann zweimal mit ordentlich Nachdruck über die Haut gezogen, durch die Haut gezogen… Aber Oberflächenscheiße bleibt Oberflächenscheiße!
Doch als ich mit der anderen parallel zur Schnittfläche wieder und wieder darüber schabte, mit ebenso Nachdruck, spürte auch ich Gefühlskrüppel in meinen gefühlsgestörten, tauben Fingerspitzen, wie das Werkzeug jedes Mal in der Kerbe versank. In den beiden Kerben versank. Ein kleines Massaker, das Geschirrtuch am Ende mit seinen Kapazitäten.
Wunderschön…

Und wieder die Frage aufwerfen, wie schlecht ich bin. Der Schmerz im Rücken gewinnt wieder Oberwasser, ist eindeutig nicht in meinem dreckigen Blut ersoffen. Meine Gehirnkapazitäten reichen nicht viel weiter als bis zu meiner Nasenspitze, und kaum sind Dinge gesagt oder gedacht werden sie mit einem Ablaufdatum versehen, einer Stoppuhr, die gnadenlos ihre restliche Lebensdauer herunter rechnet. Und die ist nicht lang. Bis… Die Zeit abläuft und alles dem Vergessen geopfert wird. Ich komme mir nur noch debil und blöd vor. Völlig wertlos. Aber… Aber zumindest dies sei als Randnotiz angemerkt: der große Blutfleck auf dem Strumpf, den ich übergestreift habe, dieses seltsam kühle Gefühl unter dem Verband, das Wissen darüber, welch schmutziges Geheimnis sich wieder unter einer schwarzen Stulpe verbirgt… Kleine, schäbige Trostpflaster. Seien mir gewährt… Oder etwa nicht? Mir Versager??

Und so beginnt die nächste Nacht, nichts wurde geschafft, der Uhrzeiger dreht sich gnadenlos weiter, schraubt sich dem Ende so manch eines Mitmenschen entgegen. Und ich schaue zu, tatenlos schaue ich einfach nur zu, in freudiger Erwartung dessen, was mich dann heimsuchen wird, mich erschlagen wird, mich hoffentlich beenden wird, wenn die Uhr erst einmal abgelaufen ist und es keine Möglichkeit der gut oder schlecht gemeinten Entschuldigung oder Ausrede mehr gibt!

Mir wird noch schlechter und mein Schädel fängt an zu dröhnen. Noch mehr, noch etwas anderes einwerfen. Wer weiß…

 

6. Juli 2018, Freitag „HEUTE ist Freitag!…“

8:30
59,3 Kilo um 6:45 Uhr. Wie gestern, wie vorgestern. Da geht man einmal nach über 20 Tagen aufs Klo und wiegt zwei Tage später einen Kilo mehr… Logik?
Es regnet. Dementsprechend hoch die „FluGtuation“ am Restaurant. Die Insekten bleiben zu Hause. Ich möchte eine riskante These aufstellen: Wetten, zu Mittag scheint wieder die Sonne?
Keine halbe Stunde mehr, dann habe ich Sitzung. Die vermutlich vorerst Letzte. Eine Pause ist angedacht. Nachts im Bett verlor sich mein Blick unentwegt im obersten Regalfach, dort, wo mindestens fünf Paar nagelneue Laufschuhe aufeinander gestapelt Staub ansetzen. Ein Fach weiter unten liegen weitere Modelle, kaum getragen. Den ganzen Ausflug über (bis auf das längere Stück mit den Schmerzen) musste ich ans Laufen denken. Aber wo sollte ich auch hinfahren, welche Strecken blieben mir denn, um nicht mit Erinnerungen konfrontiert zu werden?
Die Antwort ernüchternd: HIER definitiv keine Alternative! ALLES wurde abgelaufen!
Es ist Sommer! Zwangsläufig bin ich wieder mit diesem Verlust konfrontiert. Natürlich könnte ich aufhören, dabei auch noch mein altes Handy mitzunehmen, um damit die Musik von damals zu hören. Beim „Spaziergang“ brauchte ich sie aber. 45 Minuten waren möglich. Davon die letzten 15 nur noch Quälerei. Aber es war so heiß…
Trotz etwas mehr Bewegung, trotz neuer Stützstrümpfe, war es gerade Sebastian, der abends zu mir sagte: „Huch, du hast aber wieder ordentlich Wasser in den Füßen!“.
Der Witz nur: Mir wäre es erst gar nicht aufgefallen! Ist nicht er es, der die Situation permanent runterspielt, wenn ich mich darüber beklage, dass meine Gliedmaßen doppelt bis vierfach so dick geschwollen sind?
Der Körper setzt Funktionen aus, beginnt mit dem Abbau, stellenweise mit dem Sterbeprozess.
Stromkosten hin oder her: Nachts liege ich im Bett, die Matratze ist so weich, dass die Inkontinenzmatte unter mir permanent unbequeme Falten schlägt, kaum auszuhalten ist, aber fürs Wohlbefinden sorgen Ventilator und Heizstrahler -die kalte Luft für die krampfenden Beine und die warme für Oberkörper und eiskalte Hände. Wie in Kindertagen stelle ich mir vor, in einer eiskalten Nacht draußen irgendwo am Lagerfeuer zu liegen…

Aber das habe ich schon oft genug diktiert. Anstatt die Zeit so zu verschwenden, hätte ich die letzte Aufnahme schneiden können. Eine Katastrophe, teils vom Wind und größtenteils von Flugzeugen sabotiert. Ich könnte natürlich auch wieder damit anfangen, wie beschissen ich aussehe. Dass der Spiegel mitunter gnädiger zu mir ist.
Das erste Thema heute wird definitiv wieder diese Grunddebatte sein, warum er felsenfest davon überzeugt ist, es mit einer Multiplen zu tun zu haben. Wobei doch ich selbst immer den Eindruck gewinne, ich generiere Rumpelstilzchen regelrecht.
Vor über 1 Stunde noch hatte ich eine bessere Erklärung parat, traf den Nagel auf den Kopf als der Satz gerade eben. Aber er ist weg. Oder sagen wir so: Ich hatte mich in flagranti dabei erwischt, wie ich etwas dachte, das ich dann doch nicht denken durfte, es bedurfte einer Reaktion und rief mein vermeintliches Täterintrojekt auf den Plan. Gar nicht mal dahingehend, dass ich ihn eingeladen hätte, sondern wie ein Gerät eingeschaltet! Um dem Bild zu entsprechen! Den „Erwartungen“?!
Wie fühlt es sich an? Wie sollte es sich anfühlen? Laut Markus und dem viel zitierten DSM V, der wohl immer noch nicht offiziell beendet und veröffentlicht ist, genau so, wie ich es beschreibe. Dabei bleibt aber latent ein Vorwurf: Dass ich das alles nur fingiere, der Aufmerksamkeit wegen, um anders, besonders zu sein… Dabei ernte ich immer nur schräge Blicke, keiner nimmt mich ernst, wenn ich mich dahingehend oute. Also welche Form von „narzisstischer Zufuhr“ erhalte ich denn überhaupt, um diese Unterstellung zu rechtfertigen?
Keine?
Oder genügt es mir, in meiner Gedanken- und Fantasiewelt etwas Besonderes zu sein?…

18:15
„Der Körper soll dein Tempel sein“… Ich lach mich tot…
Mein Körper ist mein Erzfeind! Oder wie heute in der zweistündigen Sitzung von mir beschrieben: „Ich fühle mich wie ein Alien. Eine Art Energiewesen. Das Gehirn…? Ist ja auch etwas Physisches, also sagen wir, es ist das, was man landläufig als Seele bezeichnet. Und irgendjemand hat mich in diesen fremden Organismus gepflanzt. Ich kann mich damit nicht identifizieren! Es bleibt für mich ein „FREMD-Körper“.“.
Mittags 2 Stunden lang Krämpfe im linken Bein. Egal, wie oft ich aufstand und umherging. Egal, wie oft ich das Bein verprügelte. Egal, ob warme oder kalte Luft, und so war eben auch das Magnesium egal. Gezwungen, zum Morphium zu greifen…
So trat wenigstens nach einer halben Stunde endlich Frieden ein. Sebastian kam sehr spät nach Hause, es war bereits 15:00 Uhr. Während er schlief, war ich wach. Und als er noch kurz einkaufen fahren wollte, schlief ich ein. Dabei hielt es mein Ischias auf dem nagelneuen, schweineteuren Fernsehsessel nicht aus.

Ich lag da vielleicht 30 Minuten. Aber der Heizstrahler lief währenddessen. Als ich erwachte, traf mich regelrecht der Schlag! Mir war speiübel, als hätte ich wieder zu viel getrunken, mich mit Entwässerungstabletten voll gestopft und jegliche Elektrolyte ausgeschwemmt, und zugleich Mund, Zunge, Gaumen sowie Kehle dermaßen staubtrocken, als hätte ich die Namib durchquert…
Sein erster Kommentar: „Meine Güte! Ist das hier heiß! Als ich gerade die Tür geöffnet habe, war es so, als würde mich eine Wand erschlagen!“. Und so fühlte ich mich eben auch, als hätte ich mit meiner fortgeschrittenen MS in der prallen Sonne verschlafen; oder noch besser, 5 Stunden in einer Sauna gesessen… Völlig ausgeknockt, unbeweglich, instabil! Zu allem Überfluss hatte ich die Wasserflasche runtergeworfen und er kam genau im richtigen Augenblick zurück; ich hätte die riesengroße Pfütze nicht aufwischen können.

Ich hatte meiner Verdauung mit einem der beiden Einläufe vom Hausarzt gedroht. Das hat wohl „gefruchtet“. Bereits seit drei Tagen, ganz besonders heute fühlte sich mein dicker Bauch wie eine steinharte, schmerzende und erst recht druckempfindliche Kugel an! Als ich es endlich geschafft hatte, aufzustehen, drückte der Darm wohl auf die Blase…? Oder die Überdosis Wärme hat sich auf die jeweilige Stelle in meinem Hirn ausgewirkt, die für meine Inkontinenz verantwortlich ist?… Ein heftiger Blasenkrampf, ich pinkelt in die Hose… Bzw. und zum Glück in die große Einlage. Das, was dann auf dem Klo folgte, war wahrlich kein Spaß.
„Mit freundlichen Grüßen, Deine Opioide und Morphine!“. Und die fehlende Bewegung. Und die ungesunde Ernährung…? Jeden Tag, wenn es heißt: „Was möchtest du heute essen?“, da habe ich keinen Plan, vermag nicht darüber nachzudenken, habe auch eigentlich auf gar nichts Lust und wenn dann irgendetwas Essbares vor mir steht, dissoziiere ich eine kleine Ewigkeit über dem Menü, anstatt es mir in den Mund zu stecken. Oder esse einen Bissen und bin eigentlich schon satt…

WARUM NIMMST DU DANN NICHT AB, DU SAU??!!!

Die Sitzung heute hatte so viele wichtige Punkte angeschnitten, mein Analytiker so viele entscheidende Sätze von sich gegeben… Und ich mir nichts gemerkt!…
Natürlich habe ich wieder mit ihm darüber diskutiert, was es nun mit der Multiplen auf sich hat. Er nannte ein paar stichhaltige Argumente, die ich nicht abstreiten konnte. Aber vergessen! Alles, was mir in Erinnerung geblieben ist: „Das, was du da mit dir tust, ist eigentlich ein Verbrechen und du würdest dafür ins Gefängnis wandern, wenn du es mit jemand anderem tun würdest!“. Das saß. Und irgendwie und über Umwege, die erneut schlüssig waren, wollte er mir damit klarmachen, dass DAS ALLES schlicht und ergreifend für einen verdrängten sexuellen Missbrauch sprechen muss!

Was machte ich? Begann zu klimpern, das Hirn ging auf Stand-by.
Ebenso schlüssig die nächste Überlegung, gerade angesichts meines Zusammenbruchs vorletzte Nacht: „Vielleicht weiß deine Mutter wirklich nichts, aber da der Täter zu dir gesagt hat, das darfst du ihr nicht erzählen, das bringt sie um, hat er dir damit die Sterbefantasien in den Kopf gepflanzt, gerade angesichts ihres Verhaltens, was Krankheit und Tod betreffen, und dass du DANN irgendwann anfängst, auch sie abzulehnen, weil sie sterben zu sehen eigentlich dein gesamtes Leben verpfuscht hat, kein Wunder.“.

Und wieder sah ich diesen Satz im Nachwort des Buches „Ich war erst zwölf“ von einer Fachfrau, mit dem ich nicht gerechnet hatte, aber er stand da, wie eine Tatsache, wie etwas völlig Normales, Gängiges bei dieser Thematik, und ich habe mich mein gesamtes Leben gefragt, ob nur ich so gestört, bescheuert bin!!!
„Opfer von sexuellem Kindesmissbrauch glauben sehr häufig, ihre Mütter umzubringen, sehen sie sterben…“. In dem Kontext, würden sie der Mutter vom Missbrauch erzählen. Weil der Täter sie damit zum Schweigen gebracht hat. „Wenn die Mama das erfährt, bringe ich sie um!“. „Das darfst du der Mama nicht sagen, das bringt sie um!“.
Und wieder erläuterte Markus den gravierenden Unterschied zwischen zum Beispiel seinen Misshandlungen damals im Internat und meinen Reaktionen auf diverse Trigger: „Wenn ich den Film von der Kampusch sehe, fühle ich mit ihr. ABER in deinem Fall gehen gewisse Szenen wortwörtlich UNTER die Haut!!! Das ist bei mir nicht so, und das hat doch was zu bedeuten!! Und du wärst schon ein verdammt guter Schauspieler, wenn ich mich auf deine Videos beziehe, und du die DIS nur spielst! Und das kannst du dir auch nicht eingeredet haben, um dann bei diesem Thema so dermaßen körperlich zu reagieren!“…

Therapiepause. Bis zum 1. August. Sollte ich dekompensieren, etwas erinnern, bräuchte ich nur per Skype einen Notruf absetzen, man könne dann kurzfristig eine Notfallsitzung einberaumen. Aber der Sommer sei eine gute Zeit, mir etwas Gutes zu tun. Da hat er insofern recht, weil ich zu dieser Jahreszeit doch immer noch einen Restkrümel Selbstständigkeit allein durch den Umstand habe, niemanden zum An- und Ausziehen zu benötigen, wenn ich raus möchte. „Und die Natur ist für dich eine wichtige Ressource!“.

Ich würde gerne darüber nachdenken, wie es jetzt weitergehen soll. Denn es muss doch irgendwann etwas geschehen. Aber „ich darf nicht“. „Sobald du dich zu sehr mit dem Missbrauch, vermutlich mit dem Täter, also mit dem, was dir passiert sein könnte, auseinandersetzt, umso lauter wird Rumpelstilzchen. Auch wenn er behauptet, dir sei nichts passiert, müsse er sich dann ja nicht so ins Zeug legen… Oder nicht?“. Und: „Wenn du ein Problem damit hast, dann nenne es eben Egostate, oder noch besser: Ein abgespaltenes Gefühl! Aber ein Solches entsteht eben nur, wenn ein Missbrauch die kindliche Seele spaltet, widersprüchliche Gefühle sich nicht einsortieren lassen, um schlussendlich -zum Selbstschutz, um überleben zu können- abgespaltet zu werden!“.

Am Video weiter arbeiten. Aber ich weiß nicht wie. Es bedürfte noch einer Aufnahme, aber die Lichtbedingungen sind schlecht, ich fühle mich unansehnlich, nicht zumutbar und so dermaßen verwirrt oder vielleicht auch gelöscht im Schädel, dass ich davon überzeugt bin, nichts zu sagen zu haben…

19:14
Nächster Blasenkrampf…

19:42
Es hört nicht mehr auf zu krampfen. Harnwegsinfekt, Pilz, kalte Füße?
Mit dem Rollstuhl zum Sofa gefahren, um den Heizstrahler zu holen. Das Kabel verheddert, das Kabel zu kurz, beim Rangieren (und ich musste dazu noch das Kabel und die Fernbedienung der Heizdecke festhalten) kollidiert der rechte Fuß mit der Tür…
Eine überzeugendere Einladung für die nächsten Krämpfe gibt es wohl kaum!! Als ob das Krampfen im Unterleib nicht bereits ausschlaggebend genug sei…
Und ich bin wütend! Beschimpfe mich selbst! Lasse mich beschimpfen! Und bin stinksauer, wie ich so blöd sein konnte, das Haus so zu planen, wie ich es geplant hatte! Das soll ein großes Wohnzimmer sein? Geräumig und mit Platz für so einen klobigen Rollstuhl??
SO EIN SCHEISS!!!
Wenn die Beine nicht ohnehin von der warmen Luft erneut ihr perverses Treiben fortsetzen.

21:19
Mich anpissen…

Du fettes, dreckiges Ferkel!!!

3. Juli 2018, Dienstag „Und täglich grüßt das Murmeltier…“

8:31
Oder besser gesagt „…der Wiederholungszwang…“?
Unzählige Minuten verstreichen wertfrei, das Diktierprogramm zelebriert seine 5 Minuten.
58,4 Kilo um 6:45 Uhr, draußen vor dem Küchenfenster singt eine Goldammer, der Himmel unentschlossen und verhältnismäßig wenig Gäste am Restaurant. Ich bin so müde und habe es mir doch selbst zuzuschreiben. War der Rausch wenigstens schön? Oder hatte nicht mehr in petto als mich körperlich in einen Kaugummi zu verwandeln?
Mein sauteurer Sessel kommt heute. Dafür muss im Wohnzimmer manch anderes weichen. Ein Drittel der Couch zum Beispiel. Ob das alles so klug ist, oder ob es die Unruhe und gefühlte Unordnung erst recht verstärkt?

Als ich gestern mit der Animation einfach nicht vom Fleck kam und wahrlich schon überhaupt keine Lust mehr hatte (diesbezüglich muss auch noch erwähnt werden, dass ich vermutlich noch mehr Umstände bekomme, wenn die Samples nicht passen), drängte sich mir die Tatsache auf, auf den SD-Karten wieder zwei neue Sprachaufnahmen zu haben. Die Panik bedankte sich mit einem Knicks… Aber mir nun vorzugaukeln, mit dem restlichen Tee und einem gemütlichen Festhalten meiner Gedanken ruhig und entspannt in den Tag starten zu können, dürfen, wenn nicht sogar zu müssen, sollte als infantil bezeichnet werden. Wie lange macht mein Rücken mit? Der Ischias meldet sich. Die rechte Ferse schmerzte nachts bestialisch und der Nachhall lässt auch jetzt noch keine Langeweile aufkommen.

Bis dato hatten die Comicfiguren keine Augen. Keine Ahnung, was ich Vollpfosten mir dabei gedacht habe. Wollte ich sie ernsthaft nachträglich einbauen, über das Videoschnittprogramm???
Rumpelstilzchen lacht sich schlapp über mich und meine Blödheit. Nun über Umwege jedes einzelne Bildchen nachbearbeiten. Und sollte das total bekloppt aussehen, sicherheitshalber dieselben Dateien in einen externen Ordner verschoben, um sie dann wiederum im Arbeitsordner zu ersetzen… Aber das wird jetzt zu verkopft! Hauptsache ich mache keinen Fehler und lösche irgendwo aus Versehen irgendwas…

9:19
Lange habe ich nicht durchgehalten…
Aber es ist doch wie jeden Sommer, wie jeden Frühling, jeden Herbst… Als Opfer zermalmt zwischen den Prioritäten!! Ich müsste ein paar Schritte gehen. Ich müsste weiterkommen mit dem Video. Ich müsste malen, ehe ich nicht mehr malen kann. Ich müsste noch dieses eine Dokument fürs Büro fertig machen. Ich müsste draußen sein, ich verpasse alles. Erst recht deswegen, weil seit einer halben Stunde die Mäusebussarde mit ihren jungen Bruchpiloten unentwegt ums Haus kreisen und von lediglich diesem einen Blickwinkel durch die Terrassentür kann ich sie nicht filmen…
Ich bekomme ein Magengeschwür bei dem Gedanken, was für grandiose Chancen mir bereits entgangen sein könnten… Aber was heißt hier „könnten“, DAS IST FAKT!!!
Die Unruhe manifestiert sich erst in klimpernden Händen. Ständig die Kamera nehmen, kurz warten (die Lichtbedingungen gelinde gesagt beschissen), sie wieder weglegen, um wenige Minuten später den nächsten Raubvogel vorbei zischen zu sehen. Ich fange an vor und zurück zu wippen. Die Kopfschmerzen nehmen zu.

Eigentlich bedarf es nur einer kleinen Randnotiz: „Bedarf es auch heute wie jedes Jahr zur selben Zeit härterer Bandagen, um mich entscheiden zu können, bzw. mich erfolgreich zu irgendetwas zu zwingen, das ich dann konsequent durchziehe? Man muss ja fast schon sagen >NATÜRLICH< mit unlauteren Mitteln. Denn ohne mich wirklich >kräftig< in die Mangel zu nehmen, also die Unentschiedenheit, das Dilemma, wird das heute wohl nichts mehr!!! Also bleibt die Qual der Wahl, also das Mittel zum Zweck. Oder gleich alles auf einmal?“.

Habe ich morgens Hydal geschluckt? Die 2 mg Retard? Ich weiß es nicht mehr. Aber vielleicht, wenn ich es mir lange genug einrede, verspüre ich auch so eine „benutzerfreundliche Dämpfung“. Mir den Tag einzuteilen, jeder Streitpartei im Laufe des Tages Zeit anzuberaumen, wie bei einem Schulstundenplan, sieht nur von außen wie eine von „Gott gegebene Heilsbringung“ aus…

Scheiße. Ich bin Atheist!

Aber nun folgt erst einmal der Trommelwirbel: MAGIX erneut öffnen und mich gleich -bestenfalls- mit einer Katastrophe konfrontiert sehen. Weil ich doch etwas falsch gemacht habe, er die Dateien nicht einlesen kann, oder die Augen schlicht und ergreifend bekloppt aussehen…

Mäusebussarde…

14:17
Bloß zaghaft schielt die Sonne durch die von hinten beleuchtete und dadurch weiße Wolkendecke. Rasenmäher. Kopfschmerzen. Vor wenigen Minuten war ich nur noch einen Atemzug davon entfernt, einzuschlafen. Aber ich erlaubte es mir nicht. Das Bein krampfte zu Mittag. Die Konsequenz daraus 1,3 mg Hydal. Nun obendrauf eine Koffeintablette. Obwohl ich nicht glaube, dass sie wirkt. Ich bin immer noch zu unruhig. Dabei war ich zuvor nach meinen letzten Worten mit dem Rollator erst auf der Terrasse gewesen, um dort den Mäusebussard zu verpassen, wanderte nach hinten, weil ich dort einen jungen hören konnte, hielt eine Ewigkeit Ausschau, kam zum Schluss, dass ich ihn nur von der Straße aus sehen würde können, raste im Schneckentempo zurück ins Haus, holte den Rollstuhl, fuhr mit diesem die Straße runter, näherte mich leise und ganz langsam seinen Rufen… Ohne ihn entdeckt zu haben, flatterte er plötzlich los, und zwar direkt neben mir, und suchte das Weite.
Etwas verärgert fuhr ich zurück die Einfahrt hoch. Wieder konnte ich ihn hören, wieder direkt vor mir, aber ich sah ihn einfach nicht… Dieselbe Strategie, wenn man mit einem Rollstuhl überhaupt „schleichen“ kann. Und dasselbe Debakel wie zuvor: Direkt vor mir machte er sich aus dem Staub!

Dann wurde mein neuer Sofasessel geliefert. Die Lieferanten waren so freundlich, das neue Luxusstück ins Wohnzimmer zu bringen. Um dort auf dem Holzboden eine mindestens 1 m lange Schramme zu hinterlassen, die Sebastian auffiel. Mir natürlich nicht, als es geschah. Aber mal ehrlich: Hätte ICH irgendetwas gesagt?!

Mir läuft die Zeit davon, mir rast das Herz, ich will alles gleichzeitig und auf einmal schaffen. Aber diesem winzigen Fetzen aus meinem Traum heute Nacht sollte ich (so noch ein wenig Vernunft in mir wohnt) Aufmerksamkeit schenken:
An die Rahmenbedingungen erinnere ich mich nicht mehr. Zuerst war jemand zu Besuch, mit kleinen Kindern. Diese Kinder wurden aber uns geschenkt. Und dann war es wieder so, dass der kleine Junge (oder das kleine Mädchen -ich erinnere mich nicht und spielt wohl auch keine Rolle) Sebastians Kind aus erster Beziehung war. Und ich somit die Stiefmutter. Zuerst hatte ich keinerlei Bezug zu diesem kleinen Menschen. Das Kind eiferte mir nach, als ich den Vögeln zu fressen gab. Es nahm gleich einen ganzen Eimer voll mit Sonnenblumenkernen und verschüttete diese auf der Terrasse. Kochte Wut in mir hoch? Oder sogleich Verständnis für dieses arme, kleine Wesen? Es war ja nicht böse gemeint, lediglich tollpatschig. Ich konnte sehen, wie gleich mehrere Menschen (der Besuch, ganz sicher Sebastians Schwester, der Schwager und noch andere Gestalten) mich eingängig beobachteten.
Ich schimpfte nicht. Auch maßregelte ich das Kind nicht. Das Kind tat mir leid. Ich sah in ihm plötzlich eine verstoßene, verhasste, verteufelte kleine Kinderseele, die für etwas verantwortlich gemacht wurde, was sie ja gar nicht gemacht haben kann. Aus dem einfachen Grund: WEIL ES EIN KIND WAR!!!
Vermutlich sagte ich irgendetwas wie: „Das nächste Mal wird es schon besser gehen. Aber danke, dass du mir hilfst. Die Vögel werden sich freuen!“. Ich streichelte dem Kind über die Stirn. Ich nahm das Kind in den Arm. Vermutlich weinte es. So drückte ich es noch fester an mich, gab ihm einen Kuss auf die Wange, schaukelte es in meinen Armen: „Ich passe auf dich auf…“…
(Mich selbst diese Worte nun aussprechen zu hören, löst noch viel mehr in mir aus als der Traum an sich, oder meine rationalen Überlegungen heute Morgen dazu.)
Als wir ins Haus kamen, wurden allseits Maulaffen feilgehalten. Irgendjemand sagte zu Sebastian, und vielleicht war es auch Constanze: „Ich hätte NIE gedacht, dass sie in der Lage ist, das Kind zu küssen!! Wäre nicht einmal so weit gegangen, in Erwägung zu ziehen, dass sie es in den Arm nimmt, überhaupt berührt!!“.

Man kann nun denken was man will. Rumpelstilzchen, ich mir selbst vorwerfen, den Trauminhalt total zu verdrehen. Denn -wie erst gestern in irgendeiner Gerichtssendung gehört- Erinnerungen haben nicht sonderlich viel Wahrheitsgehalt, sind zu instabil, zu plastisch, wie warme Knetmasse…
Aber ich ahne, was Markus dazu sagen wird. Und es geht nur nicht darum, ihm auf Teufel komm raus zu gefallen und wiederzugeben, was er hören will. Denn aus meinem eigenen Munde käme dieses Thema wohl nicht. Noch nicht. Vielleicht auch nie. Also muss der Umweg über das Träumen genommen werden.
Das Kind, das bin ich, war ich, und verkörpert (immer noch vorhanden,… auch wenn Rumpelstilzchen wettert, ich hätte mir das einreden lassen, um Aufmerksamkeit zu bekommen) mein inneres Kind. Dieses Kind, das ICH SELBST als Nutte, Hure, Schlampe, Flittchen, DRECKIGE FOTZE tituliere. Von dem ich überzeugt bin, dass ihm gar nichts passiert ist! Trotz allem im Widerspruch dazu, dass sie ein notgeiles Miststück ist!!! Ist, damals war…
Eine narzisstische Missgeburt!! Der niemand etwas angetan hat!! Und erneut völlig ambivalent dazu die Überzeugung, dass sie selbst schuld ist!! Mit breit gespreizten Beinen die kindliche Möse jedem entgegen gestreckt hat!!! Wie ein räudiger Köder, der mit seinem Hintern vor lauter Geilheit unentwegt über dem Boden rutscht!!! Dieses Kind, das allein bereits ob seines weiblichen Geschlechts nur so vor Dreck trieft!!!

Mein Wortschatz würde durchaus noch Beschimpfungen für eine weitere halbe Stunde hergeben… Aber mit dieser kleinen Exkursion in meine ganz persönliche Anschauung, meine Kindheit betreffend, sollte ich eindrucksvoll und für Hinz und Kunz deutlich klargestellt haben, WAS FÜR EIN MONUMENTALER SCHRITT ES IST, DIESES KIND zumindest im Traum anzunehmen, in den Arm zu nehmen, in der Umarmung in Trauer und Schmerz und Angst zu verschmelzen…

Ich hatte meine Tante per Mail gefragt, ob ich denn in meiner Kindheit „sehr körperlich, anschmiegsam“ gewesen sei. Sie hatte doch bei der Geburtstagsfeier meiner Mutter samstags einerseits ihr Erstaunen und zugleich ihre Wahrnehmung als Beobachterin geäußert (die für sie bis dato Bestand hatte und alles erklären konnte): „Neeeiiiin…. Als Kind warst du völlig normal!! Du hast dich erst nach dem Tod von Oma verändert, mit 16 damals!“. Darauf wollte ich natürlich wissen, wie diese Veränderung ausgesehen hätte. „Ganz normal… Du bist in die Pubertät gekommen, warst nicht mehr Kind, aber auch noch nicht Frau.“.
Woraufhin ich ihre Sicht von meiner Realität „ein wenig zurechtrücken, wenn ich da erschüttern“ durfte: „Von wegen! Ich war bereits mit sechs Jahren auffällig…“.
Aber nun zurück zur eingangs erwähnten Fragestellung. Sie hat mich falsch verstanden. Und oder besser gesagt aber zugleich ist die Antwort in diesem Kontext noch interessanter: „Für uns warst und bist du unser drittes Kind, ein kleines Schmusekätzchen! Deine Vorliebe zur Nacktheit war im Kleinkindalter ganz normal, fand ich.“.

Irgendwie stockt mir da der Atem. Und muss nun zwangsläufig sagen, dass der Traum nach Lesen dieser Nachricht stattgefunden hat. Wäre es doch wahrscheinlicher gewesen, mich dann erst recht als kindliches Flittchen, Prostituierte zu sehen!!!

Der Rasenmäher treibt mich in den Wahnsinn! Ich bekomme Halsschmerzen, die Stimme versagt, die Kopfschmerzen werden zusehends heftiger. Der immer häufigere Blick auf die Uhrzeit verschärft mein Problem mit mir selbst. Bin ich doch ein Junkie???
Da geht noch mehr…
Da MUSS noch mehr möglich sein!!!…
Aber mit welchen Mitteln?…

15:34
Mein Schädel scheint zu glühen! 37,5°C. War die Heizdecke zu warm? Ich hatte meine liebe Not, ins Badezimmer zu torkeln. Mich am Waschbecken zu halten, während eiskaltes Wasser über meine „Glühbirne“ lief.
Den Ventilator zusätzlich anwerfen. Novalgin, Aspro oder noch mehr Tramal? Nur noch eineinhalb Stunden allein zu sein, den Nachmittag verschissen zu haben, macht mich im wahrsten Sinne des Wortes „KRANK“. Der Tag hat zu wenig Stunden! Und die Erschöpfung, die Müdigkeit wird schlimmer und schlimmer!
Das erinnert mich an so manch ein Video von mir, wenn ich gerade von derlei Situationen (sehr beliebt im Sommer) berichte und dem Kampf, der fast zwangsläufig jedes Mal damit einherging.
Der Gaumen schon wieder staubtrocken. VERDAMMT! Ich habe eine halbe Wassermelone zu Mittag gefressen?

Mein linker Unterarm liegt nun schutzlos vor mir, auf meinem Schoß. Die Blutreste von gestern abgewaschen. Kein Vergleich zum ersten Schlachtfest. Lächerlich die Spuren, die es hinterlassen hat.
Meine Augen verdrehen sich.
Würde ich schlafen, käme ich nicht mehr hoch. Und nachts keinen Schlaf zu finden, wäre damit vorprogrammiert. Mir wird schlecht.
Novalgin oder Tramal? An meiner wackeligen Gesamtkonstitution kann man ohnehin nicht mehr viel ruinieren…

40 Tropfen Opioide. Und dann ans Video. Während mein schlechtes Gewissen nach draußen schielt und mir vorzuwerfen weiß, dass es bald -und schneller als mir lieb ist- wieder kälter wird, ich mich nicht anziehen, nicht ausziehen kann und somit dazu verdonnert, verdammt bin, im Haus bleiben zu müssen!!!
Egal wie, egal was ich mache… Unterm Strich ist es schon vorweg die falsche Entscheidung!!!
Bitte stell mich ab!! Bitte…

16:05
Mein Blutzucker kollabiert. Oder der Mineralstoffwechsel, was weiß ich!! Zu viel getrunken…
„Trink weniger.“, der Pflegeschüler (Praktikant bei der Volkshilfe) montags.
Dann vertrocknet der Gaumen von den Antidepressiva und Spasmolytika!!!

Schon vergessen, welcher Satz folgen sollte.
Achja… Die Hände unbrauchbare spastische Fäuste. Kann nicht tippen; laute Musik angemacht, um die müden Geister wach zu rütteln.
Herzrasen; nun physischer Natur, zwecks Ausschwemmen…

JAMMERN!!JAMMERN!!! JAMMERN!!!!
BESCHISSENER, WERTLOSER KRÜPPELWASCHLAPPEN!!!!!

Alles an mir zittert, während tote „Vorbilder“ um ihr Leben singen, brüllen, schreien (Linkin Park)…

16:29
Selber schuld…? Weil medikamenteninduziert? Weil ich es nicht anders verdient habe? Weil ich schlecht bin? Bestraft gehöre?…

Kind, ich bitte dich, mach die Augen zu…

16:56
Gefühlt zum ersten Mal an diesem Tag tief durchatmen dürfen. Jeder Schnitt läuft an gleich mehreren Stellen aus. Kurzzeitig wird die Panik mehr. Ich scheine keinerlei Ausweg mehr zu haben. Ich denke, ich muss mich umbringen.

Das Lied donnert durch den Raum, direkt in mein wütendes Herz, meine gehetzte Seele…
Es kam genau zu dem Zeitpunkt raus, als unklar war, ob ich wieder laufen würde können oder nicht. Es wäre das perfekte Stück für einen Sprint gewesen. Dachte ich damals. Hoffend, es dafür noch einsetzen zu können. Aber der Kampf war vergebens und es gab keinen Sprint mehr, nicht einmal ein moderates Tempo…

Geschmacklos hin oder her; laut mitgesungen, als würde ich mir die Seele aus dem Leib schreien, während mein einziger Retter, die Rasierklinge, einen Schnitt nach dem anderen platzierte…

Was bist du nur für eine feige Sau!!!

Versagt? Mir keine Mühe gegeben? Es nicht einmal versucht?…
Es blutete und blutete, während mir die Zeit davon lief.
Er kommt bald nach Hause. Die Panik reitet auf diesem Gedanken einen wilden Ritt. Nicht wissend, welchen tieferen Sinn der Satz „Nicht mehr allein sein…“ eigentlich hat.
Ich weiß es nicht…
Weiß es einfach nicht…
WAS weiß ich schon?…

Das doch so unschuldig wirkende weiße Blümchenkleid mit meinem Dreck besudelt. Zwei dicke Blutstropfen, gierig absorbiert vom Stoff, als sei es sein einziges Ansinnen, mich zu verraten: „Schaut! Schaut alle! Seht her, was die Geisteskranke verbrochen hat!!!“.
Die Sätze kommen zähflüssig und schwinden, ohne jemals einen Schatten besessen zu haben!

Was wollte ich sagen…?

Funktionieren müssen. Lächeln müssen.
Dankbar dafür, diese Plattform zu haben. ES aussprechen zu dürfen.
Du machst es nur noch schlimmer, das weißt du. Warst nicht du es, die postulierte, dass die Mischung, oder die Benzos bereits ganz allein die Panik nur noch anheizen?

Ich hatte nachgedacht. Über die Geburtstagsfeier. Die darauf folgenden Sterbefantasien.
Darüber nachgedacht, dass mein Verhalten meiner Mutter gegenüber nicht fair sei. Wenn sie, falls sie nichts mit all dem zu tun hat. Ich war ihr gegenüber doch immer so ehrlich… Damals…
Wäre es nicht das mindeste, ihr eine Nachricht zu schicken, einen Brief, um mich zu erklären? Mich zu entschuldigen scheint bereits im Vorfeld vergebens. Ihr mitteilen, warum und weshalb die Kontaktsperre vonnöten sei. Zumindest den Versuch unternehmen, behelfsmäßige Erläuterungen aus mir raus zu quetschen.

Ich denke, ich bin es dir schuldig. Sollte dir endlich erklären, warum ich mich verhalte, wie ich mich verhalte. Aber wie sollte ich dieses Chaos in Worte fassen? Ohne Erinnerung? Was habe ich schon vorzuweisen? Aversionen (Abneigungen), Ängste, Gefühle, eigentlich nichts als Gefühle… Tue ich dir Unrecht? Die ganze Zeit schon? Mir wurden diese Gefühle und Ahnungen nicht eingeredet. Sie stammen von mir, mir ganz allein. Und wenn ich an meine Kindheit, an uns als Familie denke, sehe ich kaum einen Bruchteil, der heil wäre.
Ursache-Wirkung. Seit Jahren kämpfe ich mit mir selbst, fechte eine Schlacht aus, die ich nicht gewinnen kann… Nicht ohne Hilfe und erst recht nicht ohne Erinnerungen.

[….]

Betrügen mich meine Gefühle, bin ICH das Problem?
Keine Erinnerungen. Aber Flashbacks. Und Albträume, Albträume, Albträume. Diese werden mehr und mehr und immer intensiver und immer deutlicher. Seit 2013 zeichnet sich eine Konstante ab: Immer ein und derselbe Täter.
Warum sehe ich dich seit ich noch so klein war ständig sterben?
Warum fühle ich mich dir gegenüber so schuldig?
Was soll ich angestellt haben, um in mir selbst das Urteil mit mir herum zu schleppen, ich würde dich umbringen?

Fachliteratur, Fachleute sprechen davon, dass ein Kind unter der Drohung missbraucht wird, dass, sollte es darüber reden, die Mutter umgebracht oder sterben würde vor Gram.
Es ist die Rede davon, dass es eben NICHT normal ist, bis 11 ins Bett zu machen. In den späteren Jahren habe ich es selbst zu vertuschen gewusst.
Auch ist symptomatisch, dass missbrauchte Kinder nicht erwachsen werden wollen/können/dürfen. Und sich umbringen oder es zumindest versuchen, wenn sie an der Schwelle zum Erwachsenenalter stehen.
Und selbstverständlich darüber hinaus.

[….]
Es tut mir so leid…“

So oder so ähnlich?
Und wie viel Zeit habe ich jetzt damit vergeudet???
Die Panik übermannt mich, ringt mich nieder, drückt mich zu Boden, würgt mich, und ihr vergifteter Atem und ihre boshaften Augen sprechen nur eine Sprache: „ICH BRING DICH UM, WENN DU ES NICHT SELBST MACHST!!!“.

Die Sonne scheint. Der Himmel beinahe blau. NICHTS geschafft. Das Dokument von der Firma unangetastet. Das Video noch lange nicht fertig. Und der Rausch verraucht…
Warum sterbe ich nicht???
Und wo oder wann war der Punkt erreicht, als der Tag aus dem Ruder lief?
VERDAMMT, ICH WEISS ES EINFACH NICHT!!!!

19:25
Sebastian hat mich in den Arm genommen, ganz fest gehalten, eine Daseinsberechtigung für ein paar zaghafte Tränen geliefert.
Ihm den Text geschickt. Damit er sich mein Chaos durchlesen kann, um vielleicht etwas besser zu verstehen…
Warum ich eben glaube, eine Sollbruchstelle eingebaut bekommen zu haben, und dass die Garantiezeit nun abgelaufen ist.
Noch einmal eine zweifache Dosis Tramal. Aber danach? Eine Weitere? Ich weiß es nicht! Definitiv eine Temesta… Und als diese nach einer halben Stunde immer noch nicht anzuschlagen beliebte, ein Gewacalm obendrauf.

Die Bussarde riefen so laut, die Elterntiere konnte man immer wieder vorbeifliegen sehen. Demnach für vielleicht 5 Minuten mit dem Rollstuhl ums Haus gefahren. Aber alles dermaßen verwuchert, man vermag die Spitzen der alten Bäume oben im Wald nicht zu erkennen, alles verdeckt.
Mir selbst ein Versprechen geben: Morgen Vormittag werde ich draußen auf der Terrasse warten. Dann, wenn man es dort noch aushalten kann, die Sonne noch nicht alles verbrennt. Bestenfalls mit dem Notebook, um die Büroarbeiten abzuschließen.

Das klingt doch alles wunderbar, du hast ein Ziel, einen Plan!“

Ach, halt die Schnauze!!

19:57
Mein Schädel wird schwerer und schwerer. Habe ich ENDLICH eine sogenannte Wohlfühlzone erreicht? Der Körper will schlafen, die Augen verdrehen sich wie bereits mittags. Die Schultern schwer, werden schwerer, noch schwerer. Abendlicht liegt über dem Hügelland. Ich sehe zusammenhangslose Kindheitserinnerungen. Fußball spielen mit meinem Bruder, ich komme soeben mit Kolga von einem Halbtagesausritt zurück, ich sitze hinter der Garage auf dem Betonziegelstein und weine der Nacht entgegen, ich kann das leckere Abendessen, welches meine Mutter gerade zubereitet, bis nach draußen riechen, es sind Sommerferien und meine Schulfreundinnen unten bei der Volksschule spielen mit mir bis es dunkel wird. Meine Mutter kommt, um mich abzuholen. Aber sie verstrickt sich in ein Gespräch mit Marianne, der Schulwärtin, und wir Kinder sind mal froh, dass die beiden ausreichend Stoff auszutauschen haben. So müssen wir nicht ständig bitten, noch ein bisschen weiter toben zu dürfen.

Es ist schön, idyllisch… Friedlich. Aber tief in einer dunklen Ecke meines Magens rumort etwas, fordert immer lauter Aufmerksamkeit. Als wäre es ein Warnsignal, dass sich immer hysterischer schrillend in die Magenschleimhaut eingräbt…

Was will es von mir? Ist doch alles so wunderschön!
Aber die Nacht ist gnadenlos, schiebt sich über den Abend und frisst auch noch die letzten Reste Licht. Was bleibt, sind Glühwürmchen und bestenfalls ein klarer Sternenhimmel. Und wie aufeinander abgestimmt, perfekt trainiert und konditioniert, kommt die Panik im „starken Trab“ um die Ecke gebogen und hält zielsicher und dabei gnadenlos auf mich zu…

21:41
Mit offenem Mund, die Kinnlade hängt teilnahmslos, unkontrolliert runter. Alles doppelt sehen. Den Kopf zu schütteln hilft nur wenige Sekunden. Guter Dinge, zumindest schlafen zu dürfen.

Sebastian schläft längst auf dem Sofa und ich hatte noch kein Abendessen.

HUNGERN bekäme dir ohnehin besser!!

Beim Lesen vermischten sich in meinem Schädel Außenreize, Erinnerungsfetzen, bereits dagewesene Träume mit welchen, die eventuell noch kommen werden und beinahe psychotisch irgendwelchen Bildern, ich male mir die Realität unfreiwillig bunt und skurril und zugleich obskur… Surrealismus im Rauschzustand.
Nun ist genug, es reicht, kann kaum noch sprechen…

Es tut mir leid. Wirklich, auch wenn es manch einem schwer fällt zu glauben. Ich tue das nicht, um jemandem zu schaden, runter zu ziehen, die Laune zu ruinieren.
Aber diese ganzen Gedanken müssen raus, irgendwohin raus, ehe ich daran stillschweigend zugrunde gehe…

29. Juni 2018, Freitag „Henkersmahl…

8:26
58,2 Kilo um 6:45 Uhr; ohne Entwässerungstablette und ohne Stützstrümpfe. Die Verdauung liegt weiter im Koma. Habe ich es geschrieben? Dass sich in der Situation mit dem starken Durchfall in Deutschland, im Zusammenspiel mit diesem Missbrauchstraum, als die riesige Hand zwischen meinen Kinderbeinen lag, gefühlt einen prägenden Eindruck hinterlassen hat? Weil ich doch an mir runter sah und dem Kind passierte nichts! Ich durfte Teil daran haben, wie die Kleine ihren missbrauchten Unterleib abgespaltet hat! Wie sich im Weltall ein Raumschiff von seinem Raketenantrieb löst…

Habe ich oder habe ich nicht? Mieke fragte mich gestern, ob ich denn nichts spüren würde. Von wegen Völlegefühl, Druck auf dem Bauch, Blähbauch… Aber eigentlich nicht.

Die Krämpfe nehmen zu, machen mich krank. Die eine Temesta war kurzfristig eine kleine Hängematte für die Seele. Ich habe die Idee mit der Selbstverletzung so lange hinausgezögert, bis er nach Hause kam. Wir gingen ins Bett. Dieses empfand ich erneut als unerträglich, ekelhaft, widerlich, DRECKIG! Und die Beine krampften… 2 mg retard und 2,6 mg vom normalen Morphin. Zusätzlich eine volle Dosis Gewacalm, 5 mg. Also… Volle Dosis an dieser Stelle gleichzusetzen mit einer Tablette.
Ich war wach, ich schlief, ich wurde durch Epochen meiner Vergangenheit geschleudert, ich träumte von der Vergangenheit. Um nun nichts mehr auseinanderhalten zu können, im eigentlichen Sinne auch nichts festgehalten… Alles weg.
Der graue Himmel, die Vögel draußen, leisten ihren ganz eigenen Anteil an dem Prozess. Die meiste Zeit des Tages bin ich nur noch 4 und dann wieder 15, mal neun Jahre alt, dann 11 und zurück zum vermeintlich entscheidenden Alter von sechs Jahren. Ich bin nicht mehr im Jetzt. Ich bekomme nichts mehr mit. Merke mir nichts. Außer vielleicht dass ich der dummen Tabletten wegen mich heute noch unsicherer bewegen kann. Meine Augen verdrehen sich, wollen schlafen. Aber ich habe abends noch mit der Animation begonnen. Das soll ja schlussendlich auch nach etwas aussehen…
Um 10 Gespräch mit Markus. Wenn sie mal pünktlich kommt, um 11 Therapie mit Sonja. Meine Augen driften ab, bleiben noch häufiger und latenter ihm Nichts kleben. Wie Fliegen in einem Spinnennetz und es kostet dermaßen Überwindung, Kraft und Anstrengung, den starren Blick loszureißen. Da meine ich mich plötzlich erinnern zu können, das wäre bereits als Kind und Jugendlicher so gewesen…

17:22
Der Himmel weiß nicht so recht. Ich weiß nicht so recht. Hin und her gerissen zwischen dem Wunsch, auszuruhen, weiter am Video zu arbeiten und erst recht draußen zu verweilen, um nicht alles zu verpassen…
Mittags für Sekunden eingeschlafen. Dann kam er nach Hause, es gab etwas zu essen und das linke Bein trieb wieder seine Spielchen mit mir: es krampfte bestialisch!! Drauf klopfen, den Oberschenkel verprügeln, Ventilator… Alles sinnlos.
Was habe ich geschluckt? 1,3 mg Hydal? Ein Säckchen Magnesiumgranulat. Und dann, als die Unruhe auf dem Sofa angeheizt durch die neuropathischen Schmerzen immer schlimmer wurde, erneut 1 mg Temesta. Nebenbei erwähnt die verspätete Mittagsdosis vom Tramal bestand wieder aus 20 Tropfen. Nicht wie gewöhnlich 15.

Auf meiner Oberlippe herum kauen. Dabei kann und wird es nicht bleiben dürfen. Selbst wenn es dazu beiträgt, meinen Körper noch instabiler zu machen. Ich nicht aufstehen, nicht stehen und nur sehr schwer gehen kann.
Habe ich es erwähnt? Markus hat mir angeboten nach der Feier mit mir eine Sitzung abzuhalten. Schlimmstenfalls werde ich diese auch benötigen. Ich vermag den Gedanken nicht abzuschütteln, mich bestrafen zu müssen und dort NUR mit einem blutenden Unterarm antanzen zu dürfen.
Damit man mich nicht falsch versteht: Ich will und werde damit niemanden unter Druck setzen. Nicht drüber reden und erst recht nicht zur Schau stellen, was ich mit mir selbst angestellt habe. Aber ich brauche scheinbar die beruhigende und zugleich pochende Gewissheit, dass ich ein schlechter Mensch bin und erst recht an allem schuld!

20. Juni 2018, Mittwoch „Die Welt steht Kopf…“

8:37
58,5 Kilo um 6:45 Uhr.
Wo ist oben und dann zwangsläufig unten?
Eine gedankliche Fehlleistung jagt eine weitere gedankliche Fehlleistung. Sebastian zog mich gestern aus und ich schlurfte zur Wohnzimmertür hinaus, um bei Betreten der Flurfliesen folgende Frage zu stellen: „Können wir jetzt ins Bett gehen, bitte?…“. Ich bin so dumm! Wieder entfallen mir ständig Worte. So wie ich eben auch permanent Vokale in Wörtern verschiebe. Alles Auswüchse der Nebenwirkungen?
NATÜRLICH war das Ausziehen das Signal dafür, dass wir ins Bett gehen werden. In der Toilette den Beutel entleert. Es sollte ein kurzer Halt am Waschbecken werden…
Und endete mit einer Druckstelle auf der Stirn, zeitliche Verzögerung inklusive. Mein Anblick und dazu irgendein Gedanke plus dieser Melodie, die ich soeben klimperte… WEGGETRETEN!

Mich ans Waschbecken klammernd, den Kopf gegen das kleine Regal unter dem Spiegel gepresst. Die Arme wurden heiß. Mit jeder Wiederholung in meinem Kopf wurde auch dieser immer heißer. Ich kochte. Die Melodie in meinem Schädel erst nicht mehr zuordnen können. Aber es war die Titelmelodie der „Küchenschlacht“, dieser alte Song, dessen Name mir gerade nicht einfällt. Und je länger ich den Teil, den ich mit meinen Händen ständig zum Spannungsabbau missbrauche, in meinem Kopf wiederholte, trieb es diesen Ausnahmezustand voran. Als vermochte es die Trance zu vertiefen, in die Länge zu ziehen. Der einzige klare Gedanke, den ich zu fassen in der Lage war, war jener, das Kind in mir zu bitten, die Treppe hoch zu den Schlafzimmern zu gehen. Denn die Kleine war ja bereits in der grauen Burg. Ich sah sie in mir, wie sie die Stufen erklimmt, aber eben nicht, wie sie irgendein spezielles Schlafzimmer ansteuert. An diesem Punkt die Kontrolle verloren. Alles verzerrte sich. Sebastian kam von draußen rein. Es folgten irgendwelche Erinnerungsfetzen. Ich sah Gegenstände meiner Kindheit, an die ich schon Jahre nicht mehr gedacht habe…