6. Juli 2018, Freitag „HEUTE ist Freitag!…“

8:30
59,3 Kilo um 6:45 Uhr. Wie gestern, wie vorgestern. Da geht man einmal nach über 20 Tagen aufs Klo und wiegt zwei Tage später einen Kilo mehr… Logik?
Es regnet. Dementsprechend hoch die „FluGtuation“ am Restaurant. Die Insekten bleiben zu Hause. Ich möchte eine riskante These aufstellen: Wetten, zu Mittag scheint wieder die Sonne?
Keine halbe Stunde mehr, dann habe ich Sitzung. Die vermutlich vorerst Letzte. Eine Pause ist angedacht. Nachts im Bett verlor sich mein Blick unentwegt im obersten Regalfach, dort, wo mindestens fünf Paar nagelneue Laufschuhe aufeinander gestapelt Staub ansetzen. Ein Fach weiter unten liegen weitere Modelle, kaum getragen. Den ganzen Ausflug über (bis auf das längere Stück mit den Schmerzen) musste ich ans Laufen denken. Aber wo sollte ich auch hinfahren, welche Strecken blieben mir denn, um nicht mit Erinnerungen konfrontiert zu werden?
Die Antwort ernüchternd: HIER definitiv keine Alternative! ALLES wurde abgelaufen!
Es ist Sommer! Zwangsläufig bin ich wieder mit diesem Verlust konfrontiert. Natürlich könnte ich aufhören, dabei auch noch mein altes Handy mitzunehmen, um damit die Musik von damals zu hören. Beim „Spaziergang“ brauchte ich sie aber. 45 Minuten waren möglich. Davon die letzten 15 nur noch Quälerei. Aber es war so heiß…
Trotz etwas mehr Bewegung, trotz neuer Stützstrümpfe, war es gerade Sebastian, der abends zu mir sagte: „Huch, du hast aber wieder ordentlich Wasser in den Füßen!“.
Der Witz nur: Mir wäre es erst gar nicht aufgefallen! Ist nicht er es, der die Situation permanent runterspielt, wenn ich mich darüber beklage, dass meine Gliedmaßen doppelt bis vierfach so dick geschwollen sind?
Der Körper setzt Funktionen aus, beginnt mit dem Abbau, stellenweise mit dem Sterbeprozess.
Stromkosten hin oder her: Nachts liege ich im Bett, die Matratze ist so weich, dass die Inkontinenzmatte unter mir permanent unbequeme Falten schlägt, kaum auszuhalten ist, aber fürs Wohlbefinden sorgen Ventilator und Heizstrahler -die kalte Luft für die krampfenden Beine und die warme für Oberkörper und eiskalte Hände. Wie in Kindertagen stelle ich mir vor, in einer eiskalten Nacht draußen irgendwo am Lagerfeuer zu liegen…

Aber das habe ich schon oft genug diktiert. Anstatt die Zeit so zu verschwenden, hätte ich die letzte Aufnahme schneiden können. Eine Katastrophe, teils vom Wind und größtenteils von Flugzeugen sabotiert. Ich könnte natürlich auch wieder damit anfangen, wie beschissen ich aussehe. Dass der Spiegel mitunter gnädiger zu mir ist.
Das erste Thema heute wird definitiv wieder diese Grunddebatte sein, warum er felsenfest davon überzeugt ist, es mit einer Multiplen zu tun zu haben. Wobei doch ich selbst immer den Eindruck gewinne, ich generiere Rumpelstilzchen regelrecht.
Vor über 1 Stunde noch hatte ich eine bessere Erklärung parat, traf den Nagel auf den Kopf als der Satz gerade eben. Aber er ist weg. Oder sagen wir so: Ich hatte mich in flagranti dabei erwischt, wie ich etwas dachte, das ich dann doch nicht denken durfte, es bedurfte einer Reaktion und rief mein vermeintliches Täterintrojekt auf den Plan. Gar nicht mal dahingehend, dass ich ihn eingeladen hätte, sondern wie ein Gerät eingeschaltet! Um dem Bild zu entsprechen! Den „Erwartungen“?!
Wie fühlt es sich an? Wie sollte es sich anfühlen? Laut Markus und dem viel zitierten DSM V, der wohl immer noch nicht offiziell beendet und veröffentlicht ist, genau so, wie ich es beschreibe. Dabei bleibt aber latent ein Vorwurf: Dass ich das alles nur fingiere, der Aufmerksamkeit wegen, um anders, besonders zu sein… Dabei ernte ich immer nur schräge Blicke, keiner nimmt mich ernst, wenn ich mich dahingehend oute. Also welche Form von „narzisstischer Zufuhr“ erhalte ich denn überhaupt, um diese Unterstellung zu rechtfertigen?
Keine?
Oder genügt es mir, in meiner Gedanken- und Fantasiewelt etwas Besonderes zu sein?…

18:15
„Der Körper soll dein Tempel sein“… Ich lach mich tot…
Mein Körper ist mein Erzfeind! Oder wie heute in der zweistündigen Sitzung von mir beschrieben: „Ich fühle mich wie ein Alien. Eine Art Energiewesen. Das Gehirn…? Ist ja auch etwas Physisches, also sagen wir, es ist das, was man landläufig als Seele bezeichnet. Und irgendjemand hat mich in diesen fremden Organismus gepflanzt. Ich kann mich damit nicht identifizieren! Es bleibt für mich ein „FREMD-Körper“.“.
Mittags 2 Stunden lang Krämpfe im linken Bein. Egal, wie oft ich aufstand und umherging. Egal, wie oft ich das Bein verprügelte. Egal, ob warme oder kalte Luft, und so war eben auch das Magnesium egal. Gezwungen, zum Morphium zu greifen…
So trat wenigstens nach einer halben Stunde endlich Frieden ein. Sebastian kam sehr spät nach Hause, es war bereits 15:00 Uhr. Während er schlief, war ich wach. Und als er noch kurz einkaufen fahren wollte, schlief ich ein. Dabei hielt es mein Ischias auf dem nagelneuen, schweineteuren Fernsehsessel nicht aus.

Ich lag da vielleicht 30 Minuten. Aber der Heizstrahler lief währenddessen. Als ich erwachte, traf mich regelrecht der Schlag! Mir war speiübel, als hätte ich wieder zu viel getrunken, mich mit Entwässerungstabletten voll gestopft und jegliche Elektrolyte ausgeschwemmt, und zugleich Mund, Zunge, Gaumen sowie Kehle dermaßen staubtrocken, als hätte ich die Namib durchquert…
Sein erster Kommentar: „Meine Güte! Ist das hier heiß! Als ich gerade die Tür geöffnet habe, war es so, als würde mich eine Wand erschlagen!“. Und so fühlte ich mich eben auch, als hätte ich mit meiner fortgeschrittenen MS in der prallen Sonne verschlafen; oder noch besser, 5 Stunden in einer Sauna gesessen… Völlig ausgeknockt, unbeweglich, instabil! Zu allem Überfluss hatte ich die Wasserflasche runtergeworfen und er kam genau im richtigen Augenblick zurück; ich hätte die riesengroße Pfütze nicht aufwischen können.

Ich hatte meiner Verdauung mit einem der beiden Einläufe vom Hausarzt gedroht. Das hat wohl „gefruchtet“. Bereits seit drei Tagen, ganz besonders heute fühlte sich mein dicker Bauch wie eine steinharte, schmerzende und erst recht druckempfindliche Kugel an! Als ich es endlich geschafft hatte, aufzustehen, drückte der Darm wohl auf die Blase…? Oder die Überdosis Wärme hat sich auf die jeweilige Stelle in meinem Hirn ausgewirkt, die für meine Inkontinenz verantwortlich ist?… Ein heftiger Blasenkrampf, ich pinkelt in die Hose… Bzw. und zum Glück in die große Einlage. Das, was dann auf dem Klo folgte, war wahrlich kein Spaß.
„Mit freundlichen Grüßen, Deine Opioide und Morphine!“. Und die fehlende Bewegung. Und die ungesunde Ernährung…? Jeden Tag, wenn es heißt: „Was möchtest du heute essen?“, da habe ich keinen Plan, vermag nicht darüber nachzudenken, habe auch eigentlich auf gar nichts Lust und wenn dann irgendetwas Essbares vor mir steht, dissoziiere ich eine kleine Ewigkeit über dem Menü, anstatt es mir in den Mund zu stecken. Oder esse einen Bissen und bin eigentlich schon satt…

WARUM NIMMST DU DANN NICHT AB, DU SAU??!!!

Die Sitzung heute hatte so viele wichtige Punkte angeschnitten, mein Analytiker so viele entscheidende Sätze von sich gegeben… Und ich mir nichts gemerkt!…
Natürlich habe ich wieder mit ihm darüber diskutiert, was es nun mit der Multiplen auf sich hat. Er nannte ein paar stichhaltige Argumente, die ich nicht abstreiten konnte. Aber vergessen! Alles, was mir in Erinnerung geblieben ist: „Das, was du da mit dir tust, ist eigentlich ein Verbrechen und du würdest dafür ins Gefängnis wandern, wenn du es mit jemand anderem tun würdest!“. Das saß. Und irgendwie und über Umwege, die erneut schlüssig waren, wollte er mir damit klarmachen, dass DAS ALLES schlicht und ergreifend für einen verdrängten sexuellen Missbrauch sprechen muss!

Was machte ich? Begann zu klimpern, das Hirn ging auf Stand-by.
Ebenso schlüssig die nächste Überlegung, gerade angesichts meines Zusammenbruchs vorletzte Nacht: „Vielleicht weiß deine Mutter wirklich nichts, aber da der Täter zu dir gesagt hat, das darfst du ihr nicht erzählen, das bringt sie um, hat er dir damit die Sterbefantasien in den Kopf gepflanzt, gerade angesichts ihres Verhaltens, was Krankheit und Tod betreffen, und dass du DANN irgendwann anfängst, auch sie abzulehnen, weil sie sterben zu sehen eigentlich dein gesamtes Leben verpfuscht hat, kein Wunder.“.

Und wieder sah ich diesen Satz im Nachwort des Buches „Ich war erst zwölf“ von einer Fachfrau, mit dem ich nicht gerechnet hatte, aber er stand da, wie eine Tatsache, wie etwas völlig Normales, Gängiges bei dieser Thematik, und ich habe mich mein gesamtes Leben gefragt, ob nur ich so gestört, bescheuert bin!!!
„Opfer von sexuellem Kindesmissbrauch glauben sehr häufig, ihre Mütter umzubringen, sehen sie sterben…“. In dem Kontext, würden sie der Mutter vom Missbrauch erzählen. Weil der Täter sie damit zum Schweigen gebracht hat. „Wenn die Mama das erfährt, bringe ich sie um!“. „Das darfst du der Mama nicht sagen, das bringt sie um!“.
Und wieder erläuterte Markus den gravierenden Unterschied zwischen zum Beispiel seinen Misshandlungen damals im Internat und meinen Reaktionen auf diverse Trigger: „Wenn ich den Film von der Kampusch sehe, fühle ich mit ihr. ABER in deinem Fall gehen gewisse Szenen wortwörtlich UNTER die Haut!!! Das ist bei mir nicht so, und das hat doch was zu bedeuten!! Und du wärst schon ein verdammt guter Schauspieler, wenn ich mich auf deine Videos beziehe, und du die DIS nur spielst! Und das kannst du dir auch nicht eingeredet haben, um dann bei diesem Thema so dermaßen körperlich zu reagieren!“…

Therapiepause. Bis zum 1. August. Sollte ich dekompensieren, etwas erinnern, bräuchte ich nur per Skype einen Notruf absetzen, man könne dann kurzfristig eine Notfallsitzung einberaumen. Aber der Sommer sei eine gute Zeit, mir etwas Gutes zu tun. Da hat er insofern recht, weil ich zu dieser Jahreszeit doch immer noch einen Restkrümel Selbstständigkeit allein durch den Umstand habe, niemanden zum An- und Ausziehen zu benötigen, wenn ich raus möchte. „Und die Natur ist für dich eine wichtige Ressource!“.

Ich würde gerne darüber nachdenken, wie es jetzt weitergehen soll. Denn es muss doch irgendwann etwas geschehen. Aber „ich darf nicht“. „Sobald du dich zu sehr mit dem Missbrauch, vermutlich mit dem Täter, also mit dem, was dir passiert sein könnte, auseinandersetzt, umso lauter wird Rumpelstilzchen. Auch wenn er behauptet, dir sei nichts passiert, müsse er sich dann ja nicht so ins Zeug legen… Oder nicht?“. Und: „Wenn du ein Problem damit hast, dann nenne es eben Egostate, oder noch besser: Ein abgespaltenes Gefühl! Aber ein Solches entsteht eben nur, wenn ein Missbrauch die kindliche Seele spaltet, widersprüchliche Gefühle sich nicht einsortieren lassen, um schlussendlich -zum Selbstschutz, um überleben zu können- abgespaltet zu werden!“.

Am Video weiter arbeiten. Aber ich weiß nicht wie. Es bedürfte noch einer Aufnahme, aber die Lichtbedingungen sind schlecht, ich fühle mich unansehnlich, nicht zumutbar und so dermaßen verwirrt oder vielleicht auch gelöscht im Schädel, dass ich davon überzeugt bin, nichts zu sagen zu haben…

19:14
Nächster Blasenkrampf…

19:42
Es hört nicht mehr auf zu krampfen. Harnwegsinfekt, Pilz, kalte Füße?
Mit dem Rollstuhl zum Sofa gefahren, um den Heizstrahler zu holen. Das Kabel verheddert, das Kabel zu kurz, beim Rangieren (und ich musste dazu noch das Kabel und die Fernbedienung der Heizdecke festhalten) kollidiert der rechte Fuß mit der Tür…
Eine überzeugendere Einladung für die nächsten Krämpfe gibt es wohl kaum!! Als ob das Krampfen im Unterleib nicht bereits ausschlaggebend genug sei…
Und ich bin wütend! Beschimpfe mich selbst! Lasse mich beschimpfen! Und bin stinksauer, wie ich so blöd sein konnte, das Haus so zu planen, wie ich es geplant hatte! Das soll ein großes Wohnzimmer sein? Geräumig und mit Platz für so einen klobigen Rollstuhl??
SO EIN SCHEISS!!!
Wenn die Beine nicht ohnehin von der warmen Luft erneut ihr perverses Treiben fortsetzen.

21:19
Mich anpissen…

Du fettes, dreckiges Ferkel!!!

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4. Juli 2018, Mittwoch

17:02
Mittags eine winzige Tütensuppe und Wassermelone, abends Reis mit Gemüse… 59,2 Kilo um 6:45 Uhr. Dankeschön… Ein Kilo mehr…

Den neuen Fernsehsessel ausprobiert und mal eben mindestens 2 Stunden darauf geschlafen. Schön und gut; aber das passt alles nicht zusammen; das Sofa halbiert, bringt das neue Möbelstück nichts als Unruhe in den Raum. Sieht noch unordentlicher aus. Kaum auszuhalten.
Den Mittwoch mit Freitag verwechselt, sagte ich doch allen ernstes zu Sebastian, als er mittags nach Hause kam: „Hast du die nächste Woche überstanden…?“. Weil er abends für 1 Stunde weg gehen will. Die Nachwehen der gestrigen Tablettenexkursion? Es passte einfach alles zusammen, als sei Freitag, und ich sah mich bereits heute Abend ganz lange am Video arbeiten.

Völlig verpeilt. Total neben der Spur. Ausblicke in ein Paralleluniversum. Nicht mehr wissen, wo ist unten und oben, wo Hier und Jetzt…
Links an der weißen Kunststoffverkleidung vom Rollstuhlreifen, unter dem sich der Motor verbirgt, eine Blutspur. Der nächste Tropfen auf dem Boden gelandet. Unfähig, es wegzuwischen. Als spiele es keine Rolle. Als sei ich dermaßen depressiv, dass mir alles egal ist.
Wollte ich nicht hinaus? Eine Runde fahren? Der Wind hatte mich abgeschreckt, aber augenblicklich scheint er doch nachgelassen zu haben… Mich wieder schlecht fühlen? Rein in den nächsten Zwiespalt? Als drohte bereits der Winter in den nächsten zwei Tagen damit, mich wieder für Monate ins Haus zu sperren? Wie bescheuert!
Aber wie ich hier so sitze, immer noch müde, fühle ich mich bereits wie in Beton gegossen. Unbeweglich. Die Psyche erstarrt. Der Körper tot. Die Augen glotzen ausdruckslos nach draußen, Dissoziation als Standarddroge.

Durchs offene Wohnzimmerfenster draußen irgendwo in Hausnähe den Schwarzspecht rufen hören. Früher wäre ich schon los, wäre längst draußen gewesen, in der unbelehrbaren Erwartung, ihn irgendwo sehen zu können. Aber Bewegung scheint meiner Natur zu widersprechen. Als hätte diese nie in meinem Dasein stattgefunden.

17:35
Sebastian badet, ich mit beiden Händen an den Rand geklammert, die Knie abgewinkelt, stützen sich an der verfliesten Wand der Wanne ab. Kann mich nicht halten, nicht aufrecht halten, die Beine brechen unter meinem Gewicht zusammen, als würde ich 200 Kilo wiegen…
Aber meine Haare müssen gewaschen werden…
Mehrmals kam es zu kritischen Situationen. Nach hinten fallen, mit dem Kopf in die Glastür der Dusche…?

Daran bist du selber schuld, du faule Sau!!!

Andere geben sich mehr Mühe. Andere kämpfen mehr. Ich mache gar nichts mehr. 15 Jahre lang gekämpft und jetzt ist der Ofen aus? Oder auch das ein Symptom der Depression…

Umso besser! Dann bringst du dich hoffentlich bald um!!!

Kopfschmerzen. Während ich da noch instabil und wackelig vor der Wanne stand, drängte sich mir ein Gedanke auf: „Diese ganzen Medikamente, mich damit abzuschießen, hat zu viele Nebenwirkungen, Nachwirkungen. Aber was bleibt mir denn sonst??…“.
Und ich sah die Rasierklinge.

Aber wenn du nicht einmal DAS richtig hinbekommst!!!

Null Alternativen. Außer mich wieder dermaßen in meine Suizidfantasien hineinzusteigern…

17:55
Er fährt. Ich bin allein, für mindestens eine Stunde. Die Abenddosis fällt beinahe „standardmäßig“ aus. Die einzigen Abweichungen wären ein Hydal 2,6 mg und statt 15 eben 20 Tropfen Tramal. Mich auf meine Standardmittel verlassen, als ob diese in letzter Zeit nicht auch zu massiver Spastik geführt hätten. Aber irgendwie, irgendetwas brauche ich…
Beim Anblick des Lichteinfalls, der kleinen Sonnenblume auf der Terrasse drifte ich wieder ab… Mich jetzt aufschlitzen? Später aufschlitzen? Oder mir diese Option für schlimmere Zustände aufheben?

18:47
Eine leichte Betäubung setzt ein…
ABER… WIE KONNTE ICH ES WAGEN, DIES ANZUMERKEN!!!

PANIK…

19:57

Panik und Betäubung liefern sich einen rasanten Schlagabtausch. Beim Kopieren der letzten Aufnahme die beiden Fotos von der Geburtstagsfeier gesehen…
Wenn überhaupt einen winzigen Augenblick lang, und das nur ganz klein, kaum zu erkennen… Aber ich sehe sie sterben! Ich sehe meine Mutter schon wieder sterben!!! Die Augen werden geflutet…

Die beiden Fotos vom T-Shirt, welches sie vor 20 Jahren, im für den Rest meines Lebens entscheidenden Jahr 1998, zum 50. Geburtstag bekommen hat.

Ich sterbe…
Aber viel zu langsam, es ist kaum zu ertragen!
Sebastian ist zurück, ist oben, wird noch ein bisschen brauchen. Panik, Dämpfung, Verlustängste, noch mehr Panik, weniger Dämpfung, noch viel mehr Verlustängste… Usw. und so fort!!!

Den Rollator umdrehen. Himmel! Wenn da mal jemand aus Versehen einen Blick hineinwirft… Was wird diese Person von mir denken? Auf Verständnis darf ich wohl kaum hoffen. Unzählige Tücher und ein großes Handtuch, Strumpfverbände… Und allesamt blutgetränkt…

Ich brauche…
Ich muss…
Es geht nicht anders…

Dabei meine rechte Hand völlig verkrampft, eine Faust, schwach und gelähmt, die Finger lassen sich ohne äußere Gewalteinwirkung nicht strecken.
Eine Faust ist jedoch allemal besser als ein Streckspasmus in meiner Rechten. Perfekt, um die Rasierklinge doch noch irgendwie zu halten.
Sicherheitshalber zu Beginn gleich den Strumpf überstreifen; meine liebe Not mit diesem lächerlichen Handgriff.
Draußen geht die Sonne unter. Lebenslänglich.

Du wertloses Stück Dreck!!!

Bei dem Gedanken, dass er wieder runterkommt und somit symbolisch den Tag beendet, kommt mir die Kotze hoch vor lauter würgender Angst. Wie ein Strick um meinen Hals, und am anderen Ende hängt Rumpelstilzchen, schaukelt wild hin und her, dabei wird er immer schwerer und schwerer…

Auf jedes Geräusch von oben achten…
Nervös…
Singdrossel und Amsel singen ihr allabendliches Requiem. Einmal tief durchatmen…
Den Kopf schütteln, als würde es jemand beobachten, als würde ich dies für irgendwen tun…

Wieder zu feige! Es tut mir leid. Sie stirbt. Stattdessen sollte ich abkratzen.
Bei jedem lächerlichen Schnitt automatisch, unwillkürlich, reflexartig die Luft anhalten…

Und es wird 20:17 Uhr und auch wenn die ersten vier Kratzer auf der wahrlich verbrauchten Unterseite kaum Anstalten machten, für mich zu weinen, tun es die weiteren vier auf der Oberseite umso mehr.
Dicke, dicke Blutperlen werden aus den fragilen Strichen gequetscht. Wehmut kommt auf… Ich hätte den Arm auf einen der wenigen Flecken vom Frottee legen sollen, der mir zumindest verraten hätte, ob ich meine Schuldigkeit zumindest ansatzweise getilgt habe.

Der dreckige Strumpf, obwohl noch vor drei Tagen nagelneu, rettet die Welt! Kaschiert, was keiner sehen will, was nicht sein darf, denn: „… anderen Menschen geht es so viel schlechter, verhungern, sind Kriegen ausgesetzt, und ich dämliche Kuh tue gerade so, als wäre gerade MIR IRGENDETWAS zugestoßen!!“…

NICHTS UND WIEDER NICHTS!!
Du kannst dich ja nicht einmal erinnern!!!

Erneut die wenigen Spuren von den rechten Fingern lecken. Gleich werde ich tief Luft holen und es wird sich anfühlen, als hätte ich die letzten 20 Minuten nicht mehr geatmet. Im besten Fall, und das hoffe ich inständig, wird sich zumindest für einen Augenblick so etwas ähnliches wie Frieden in meinem Schädel, in meinem ganzen Körper einnisten.
Ich hasse mich. Und ich halte meine Stimme nicht mehr aus…

21:22
Es glich einer Erlösung, als er meinte, noch bis 10 oben zu tun zu haben.
Aber was habe ich davon?
NATÜRLICH ist es unvernünftig, den ganzen Tag bewegungslos auf einer Stelle zu verharren!
NATÜRLICH ist es ungesund!

Hasstiraden erfüllen den Raum. Die Tastatur fällt runter. Sie nicht mehr aufheben können. ALLES wird zur Belastung! Der Saustall links von mir! Die Unordnung vor mir auf dem Tisch! Das Durcheinander rechts in der Küche! Der penetrante Gestank nach Essig, Salatsauce!!!
Mir wird schlecht! Immer schlechter!
Schmerzen! Schmerzen erfüllen den ganzen Körper! Dagegen sind die armseligen Kratzer ein Flohhusten!!! Der Rücken, die Verspannungen, Kopfschmerzen und erst recht der Ischias!!!
NICHTS GEHT! NICHTS FUNKTIONIERT! UND SCHEINBAR IST ES ZU VIEL VERLANGT, WENIGSTENS HIER SITZEN ZU WOLLEN UND MIT VIEL MÜHE, DEN LÄHMUNGEN UND WIDERSTÄNDEN ZUM TROTZ, EINIGERMASSEN PRODUKTIV ZU ARBEITEN, WENN DAS OHNEHIN DURCH DIE BESCHISSENEN UMSTÄNDE STÄNDIG VERZÖGERT, DOPPELT UND DREIFACH IN DIE LÄNGE GEZOGEN WIRD!!!
NICHTS UND WIEDER NICHTS!!!

Mein Dasein kotzt mich an. Da bietet sich einmal die Chance auf Ablenkung, ABER NICHT FÜR MICH! WIE KONNTE ICH ES NUR WAGEN, DIES ÜBERHAUPT IN ERWÄGUNG ZU ZIEHEN, FÜR MICH, MICH STÜCK SCHEISSE!!!!

Die Zeit verrinnt, rieselt mir durch die Finger und ich unfähig, auch nur eine Sekunde festzuhalten. Wie kann ich mir bloß anmaßen, dergleichen in Anspruch zu nehmen, zu fordern, nur darum zu bitten!!…

Es wird heiß. ZU heiß. Ich beginne zu schwitzen. Aber (auch wenn Sebastian nun sagen würde, dass das NICHTS damit zu tun hat) ZU DÄMLICH, den Ventilator einzuschalten.

Du beschissener Krüppel! Du bist eine Lachnummer! Eine Belastung! Bring es endlich zu Ende!!

Unfähig, den Ventilator aufzustellen, nachdem ich ihn umgeschmissen habe. Unfähig, ihn an irgendeiner Stelle in die Hände zu nehmen, festzuhalten!! Mein Schädel droht zu bersten, wenn ich mich bücke. Alles in mir drückt. Kopf, der Magen, die Gedärme, der Ischias.

Überzeugungsarbeit wird sozusagen geleistet.
Aber ich…-allmählich gehen mir die Worte aus, die auch nur ansatzweise beschreiben könnten, WIE wertlos und dreckig und nutzlos und belastend und beschissen usw. und so fort ich bin- …bleibe ernsthaft am Leben!

22:06
Immer noch allein. Mir ist schwindelig. Aber ich sollte dennoch ein paar Schritte gehen…

6. Mai 2018, Sonntag

11:49
Alles in mir sperrt sich dagegen, mich hier an den Tisch zu ketten. Ein einziges Widerstreben, ich will jetzt nicht malen, ich will nicht im Haus gefangen sein, nicht die Büroarbeit machen und nicht meine Gedanken festhalten. Ich muss raus! Ein wunderbarer Tag, kein Wind, Sonnenschein und immer noch auf der Jagd nach den Einzelteilen meiner Träume. 59 Kilo um 10:00 Uhr. Nach dem Aufstehen ein einziges Wrack. Erhebe mich von der Toilette und falle insgesamt dreimal auf diese zurück. In mir ein unbändiger Drang. Beim Blick aufs Bild will mir die Kotze hoch kommen! Was den Bürokram betrifft geht es mir nicht viel anders. Obwohl diesen könnte ich immer noch mit nach draußen nehmen. Werde ich wahrscheinlich auch. Die täglichen Sitzungen engen mich dermaßen ein, ich will sonst keinen Besuch, will keine Vereinbarungen, keine Termine, keine Treffen… Lasst mich alle allein! Irgendwelche Arrangements mit mir selbst treffen…

12:20
In mir selbst alle Überlegungen mit einem Schlag verworfen!
Der Stoffwechsel kündigte Wünsche an, dementsprechend den Aufenthalt im Badezimmer gleich mit dem Zähneputzen kombiniert, was so viel hieß wie: „Malen kann ich mir jetzt in die Haare schmieren!“. Das Gewicht lautet nun 58,6 Kilo. Ich will raus! Ich will raus!! ICH MUSS RAUS!!!

Mir fehlt augenblicklich sogar der Atem, um zu sprechen. Ich will nur noch raus und weg und wie im Traum am besten draußen draufgehen, überfahren werden…

Das schlechte Gewissen, nichts geleistet zu haben, wird mich früher oder später in den Boden rammen… So oder so. Und für leidige Diskussionen mit dem Diktierprogramm zwecks Korrekturen diverser Wörter fehlt mir erst recht die Luft. Nicht reden müssen, raus und Fokus auf all das um mich herum. Zumindest für einen Augenblick weg von meiner eigenen stinkenden Scheiße, die sich mein Leben schimpft.

18:20
Von außen betrachtet, nichts und wieder nichts geleistet. Aber ich will, ich wollte, ich musste raus, raus aus diesem Haus, bevor es mich erdrückt, zwischen seinen Wänden voller Schuldgefühle zermalmt!!

4 Stunden war ich unterwegs. Meine alten Laufstrecken entlang. Was für eine Folter! Und zugleich war es so schön, der Duft zu betörend, versetzte mich zurück in meine Kindheit, in eine scheinbar heile Kindheit. Wie ein Rauschmittel das Aroma der falschen Akazien… Aber dann kam die Zeit, die Zeit, die mir im Nacken hing. Ich war zornig. Ich bin immer noch zornig. Auf Markus, weil er den Termin mit mir machen will. Auf Brigitte, die morgen Abend Termin machen möchte, obwohl ich sie eigentlich längst absägen möchte. Aber auch auf Sebastian und seine Tagesroutine, von der ich völlig abhängig bin. Nicht wie früher, bis spät in die Nacht hinein arbeiten kann… Wer zieht mich dann um? Legt mich ins Bett? Wer holt mich dort wieder raus, wenn ich länger schlafen muss?

Sebastian betont, dass er der letzte ist, der von mir irgendetwas fordert: „Dann bleib doch draußen! Wegen MIR musst du deinen Alltag nicht umstellen!“.

Sicherlich gäbe es für alles eine Lösung. Aber ich will nicht mehr. Mir undankbar vorkommen und irgendwie Meilen davon entfernt, irgendetwas in mir zutage zu fördern, das als Antwort taugen könnte.

So ein wunderschöner Tag, und alles was ich sagen, was ich schreien will: „LASST MICH ALLESAMT IN RUHE!!! BEACHTET MICH NICHT, IGNORIERT MICH, EIN HALLO REICHT, ABER DANN BITTE STILL SEIN, MICH NICHT AUFHALTEN, NICHT FESTHALTEN, ERST RECHT NICHT FESTHALTEN, LASST MICH GEHEN, LASST MICH EINFACH ENDLICH GEHEN!!!“…

Zu viel verlangt? Ich kann euch doch ohnehin nichts geben, nichts zurückgeben, ich bin ein Versager.

Selbsthass. Eine der wenigen Konstanten in meinem Dasein.

Noch eine halbe Stunde bis zur Sitzung. Mir ohne Indikation, außer der, mich zuzudröhnen, 2,6 mg Morphium und 1 mg Temesta. Nebenbei fällt mir ein, die Abenddosis vom Tramal vergessen zu haben. Die Frühstücksdosis wurde mehr oder minder zu Mittagsdosis, so hatte ich mir während meiner Fahrt unterwegs eine etwas großzügigere Menge meiner Tropfen einverleibt, zusätzlich. In der blauäugigen Hoffnung, die Fahrt genießen zu dürfen. Und weil ich so schön blöd bin, jetzt gleich eine doppelte Menge konsumieren. Ich würde ja so gerne aktiv daran mitarbeiten, das Rätsel tief in mir zu lösen. Aber ich wüsste nicht wie…

20:42
Abendkonzert. Die Schafe stehen jetzt unten auf unserer Wiese und blöken. Grillen, Rotkehlchen, Singdrossel.
Völlig breit. Und das ist gut so. Gleich nach den ersten Worten, gleich nach dem Geständnis, wütend auf ihn zu sein, mir diesen Termin aufzubürden, flossen die ersten Tränen. Solche Sachen teile ich ihm grundsätzlich mit. Nicht, um ihn zu beleidigen oder vor den Kopf zu stoßen. Sondern ihn über die aktuelle Dynamik auf dem Laufenden zu halten. Wir sprachen vom Sterben. Vom Abbau. Von der großen Variablen, wer oder was der Täter ist. Was er getan hat. Worin meine Ressourcen lägen. Er meinte, es wäre gut, meine Ausfahrten zu machen. Das Malen, wenn es dies dieser Tage belastend ist, eben zu lassen, zu pausieren. Und ich unter Tränen wieder, dass ich mir solche Auszeiten in Phasen wie diesen überhaupt nicht leisten dürfte, zu schnell geht etwas verloren, auf immer und ewig- wie damals eindrücklich und schmerzlich beim Laufen zu beobachten war.

Und eigentlich… Eigentlich vermag ich überhaupt nicht zusammenzufassen, worüber wir gesprochen haben. Mein Schädel ist so leer und meine Stimme kracht mittlerweile nur noch unmotiviert und krank.

Sebastian liegt hinten in der Badewanne. Mir Mühe geben, aus der Erwartungshaltung nicht Spannung und Panik erwachsen zu lassen! Den Rausch genießen… Dabei lag bereits die ganze Sitzung hindurch der Zeichenblock vor mir, darauf wartend, mit einem Bleistift anzusetzen und die Seele sprechen zu lassen. Aber ich konnte nicht. Psychisch. Physisch es nicht einmal probiert. Wäre nun Wochenende, würde er nach oben gehen, ausgehen, dann hätte ich längst die Bleistifte gespitzt. Diesen gestreckten Zeigefinger, der so gierig ist, so neugierig und dabei brutal… Die Spitze des Zeigefingers, die mein Leben zerstört. Mit einer Geste.

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Ich könnte so viele Dinge tun, so unendlich viele Ideen… Aber alles bleibt liegen. Weil ich faul bin. Weil ich ein Krüppel bin. Weil die Depression lähmt. So bleibt es bei Listen. Unendlich viele, unsägliche Listen. Dem Vergessen zuwider.

Dabei hat mir unterwegs heute eine ältere Dame etwas zu trinken angeboten. Stand schon eine Weile mit dem Rollstuhl vor ihrem alten Bauernhaus, was sie sicherlich beunruhigte. Aber ich filmte nicht ihr Zuhause, der Fokus war aufs das Telefonkabel gerichtet, darauf Rauchschwalben. Da kam sie nachsehen, was der komische Krüppel da draußen im Rollstuhl treibt, und bat mir ein Glas Wasser an. Das ich mit recht herzlichem Dank ablehnte, meine Wasserflasche in ihre Richtung schwenkend.

So viel gesehen, soviel erlebt, gerochen, geschmeckt, gespürt… Und nun einfach nur dankbar und froh, nichts von alledem mehr zu müssen. Zumindest augenblicklich nicht.

21. April 2018, Samstag „Haltlos…“

19:11
59,3 Kilo um 9:45 Uhr. Abends eine und frühmorgens mindestens zwei Absenzen. In Dauerschleife ein und derselbe Satz „Das kenne ich schon, das kenne ich schon, das kenne ich schon, das kenne ich schon…“.

NATÜRLICH könnte es noch schlimmer sein, NATÜRLICH hätte ich mich den ganzen Tag zusätzlich auch noch anpissen können, NATÜRLICH, NATÜRLICH, NATÜRLICH!!!!
Wohin mit mir? Als ich auf dem Sofa schlief, als ich um 15:02 Uhr die dritte Absenz hatte, begann es in mir zu brodeln…

Du hast schon wieder nicht gemalt!
Dir läuft die Zeit davon!
Draußen warst du auch nicht, der Frühling geht vorbei!!
Bewegt hast du dich auch schon lange nicht mehr, du wirst alles verlieren!!! Alles wird den Bach runter gehen und dann wirst du auf mein Angebot zurückkommen!!!…

Mir ist schlecht. Kopfschmerzen. Dezent Halsschmerzen. Der Schleim hängt im Gaumen fest. Meine Befindlichkeit vom neuen Spielzeug abhängig machen: 37,8°C. Die 37°C gar nicht mehr verlassen. Nichts hinbekommen. Nichts leisten können. Völlig wertlos in den Tag hinein. Mit der blauen Blechdose in der Hand meine psychische Schräglage in Augenschein genommen: Welcher Schritte bedarf es? Vorerst 2,6 mg Hydal und eine volle Dosis Tramal. Dazu ein Erkältungsmittel. Meine Hand klimpert. Was war das für ein grandioser Tag?! Was für ein Wetter?!!
Nach dem Frühstück wollte er mit mir nach Fürstenfeld fahren. Endlich schafften wir den Weg zu einem Optiker, aber die Brillenfassung, die ich präferiere, gibt es schon seit Jahren nicht mehr. Da kam mir ein Gedanke, warum ich so renitent bei gewissen Dingen an einem Stil festhalte: Weil meine Mutter, als sie mich noch wie eine Puppe permanent angezogen hat, mich von einem Trend in den nächsten gejagt hat? Immer mit der Aussage: „Das ist gerade so modern!“. Bedeutet Gleichschritt. Alle rennen so rum. Und ich will doch verdammt noch mal nichts anderes sein als ICH SELBST!! MICH SELBST FINDEN, ENDLICH!!! Und was waren das für Modesünden mitunter, Karottenhosen… Abgesehen davon, den aktuellen Modetrend als „fürchterlich“ zu empfinden. Nichts Halbes und nichts Ganzes. Wie ein Sprung in drei Rotkreuz-Säcke.

Wir fuhren zur Eisdiele, ich wählte eine Kugel Eis mit Joghurt und es war viel zu viel und noch mehr zu viel. Eigentlich hätte ich hinterher kotzen müssen. Mein Magen meinte doch bereits nach fünf Löffeln es sei genug. Dabei unfähig, die Finger zu strecken. Es war heiß. Für die Jahreszeit viel zu heiß. Auf der Heimfahrt traf mich halb der Schlag, schreckliche Ohrenschmerzen, Kopfschmerzen und völlig unbeweglich. Als wir zu Hause in unserer Idylle ankamen, auf dem Weg zurück ins Haus, blutete mein Herz. Ich müsste draußen sein, NICHT SCHON WIEDER IN DIESEM KÄFIG GEFANGEN, IN DIESEM KÖRPER GEFANGEN, IN DIESEM ZUSTAND!!!…

Der Ausflug morgen ist für mich gegessen, bleib allein zu Hause; Sebastian wird nicht fertig mir gegenüber zu äußern, dass ihm das gar nicht gefällt, er sich Sorgen macht, ein mulmiges Gefühl hat. Dagegen ich male mir aus, was ich alles mit mir anstellen könnte!
Die Sonne ist untergegangen, der Abend legt sich übers Land. Ich müsste draußen sein… Allein dieser Satz, und ich löse mich in Tränen auf. Will mein Leben zurück. Alles kaputt. Blutzucker? Depression?…

SELBSTMITLEID???!!

Der Mund durch gleich zwei Sorten Spasmolytika staubtrocken, die Lippen aufgerissen. Die Singdrossel schmettert ihr wehmütiges Lied in den Abend hinein. Die Mönchsgrasmücke wird nicht müde, Predigten zu halten. Abends Lärm vor dem Fenster, da war wohl der Igel an den Katzennäpfen… Panik. Bald ist Sommer, dann Herbst und schon wieder Winter. Der Tod rückt immer näher, aber eben nicht meiner. Der Geburtstag meiner Mutter… Mein beschissener Geburtstag…
Eine Sache ist mir aufgefallen: Traumaopfer scheinen mit ihrem Geburtstag auf dem Kriegsfuß zu stehen. Ich möchte mich aus der Verantwortung stehlen. Weil jetzt Abend ist und es dann beinahe schon ganz klassisch keinen anderen Ausweg zu geben scheint?
Montag mit dem Taxi in die Urologie. Montag in Erfahrung bringen, ob es erneut Antibiotika bedarf. Am 6. Mai Termin in der Universitätsklinik, HNO und wieder Antibiotika? In mir dreht sich alles. Scheißegal, wie viel Wasser ich in mich hineinschütte, die Lippen tun weh, die Zunge eine Ledersohle. Ich habe eine hässliche Zunge, widerwärtig! Total aufgerissen, seit Kindertagen schon. Die Hand klimpert schneller.

19:57
Ihn nach unten bitten, um mir Tee zu machen, das Fenster zu öffnen, damit ich die Vögel hören kann, um mir neues Wasser zu geben, die Abläufe von morgen zu erläutern, ebenfalls den Montag zu besprechen, und ihn abschließend noch um eine Blisterpackung Temesta bitten. In der Dose nur noch Gewacalm. Er erzählt mir, ihm morgens direkt nach einer Absenz eben von dieser erzählt zu haben. Ich weiß es nicht mehr. Bin wieder eingeschlafen und alles hat sich mit den Träumen vermischt, um mit Aufwachen schlussendlich in der Versenkung zu verschwinden. Wieder habe ich mich entschuldigt: „Es tut mir leid, aber würdest du bitte kurz runterkommen?…“. Er sparte sich dieses Mal seine Brüskierung, dass ich damit aufhören soll… Wie ein Bittsteller vor ihm zu kriechen, mich für alles zu entschuldigen, als sei ich NICHTS ANDERES ALS EINE ÜBERDIMENSIONALE BELASTUNG. Aber davon bin ich überzeugt. Für mich selbst scheinbar noch nicht ausreichend; warum sonst wäre ich noch am Leben? Habe noch keinen Schlussstrich gezogen?

Mich ganz kurz zusammen gerissen für die Minuten seiner Anwesenheit, den Rest verbarg das Zwielicht im Raum. Nicht aufhören können zu weinen.

BESCHISSENE DRAMAQUEEN!!!

Mein Schädel platzt. Die Wunden von gestern, das Werk der neuen Klinge, nicht der Rede wert…

Selbstmitleid und noch mehr Selbstmitleid und nichts anderes als SELBSTMITLEID!!!

Markus meinte freitags, dass in meinem Fall eine Portion Selbstmitleid durchaus angebracht sei. Um Empathie für mich selbst zulassen zu können. Die Hand zählt bis 4, verzweifelt und unaufhörlich damit beschäftigt, Spannungsabbau zu betreiben. Es zumindest zu versuchen. Beim Gedanken, was ich nun tun sollte, wie es weitergeht, der schüchterne und vorsichtige Blick 1 mm voraus in die Zukunft löst unverzüglich Panik aus.

BESCHISSENER KRÜPPEL!!!

Hatte ich heute Nacht im Traum nicht gedacht, dass es im Traum besser sei, ich gleich dortbleiben sollte, anstatt wieder aufzuwachen, zurückgeworfen ins Fiasko? Dabei nicht mitbekommen, Sebastian an meiner Seite zu haben. Um mich selbst irgendwann mit der Frage konfrontiert sehen zu müssen, warum ich so ignorant war, dass jetzt alles zu spät ist, viel zu spät…

Zusammenbruch, keine Stimme mehr. Ich sehe ihn sterben. Erst recht als er sein Eis aß. Er mit seiner Gesundheit so einen liederlichen Umgang pflegt. Das kleine Kind in ihm. Das Kind, das umgebracht wird. Und in meinem Kopf stirbt er und stirbt und stirbt!! Wie zu Beginn unserer Beziehung! Wie damals mit sechs Jahren, als es aber meine Mutter war, die im Sonnenuntergang ihr Leben lassen musste. Zurückgeworfen… So erscheint mir das alles gerade. Regression! Wie geistesgestört mit dem Kopf rhythmisch immer wieder nicken. Der personifizierte Tod scheint soeben hinter mir zu stehen und sein Fingerzeig zeichnet mir all die zu erwartenden Tode um mich herum. Dass man nur hoffen kann, von ihm vorher gerichtet zu werden.

Wer weint jetzt? Die Hülle, die sich erwachsen schimpft? Das innere Kind?
Das Stofftaschentuch von Sebastians Opa voll rotzen.

20:58
Zugedröhnt. Ein bisschen, einen klitzekleinen Frieden verspüren. Mir die Augen aus dem Kopf geweint. Lauter Erinnerungen meiner Kindheit tanzen in meinem Schädel ums unerträgliche JETZT herum und ich vermag nicht mehr zu erfassen, was oder wer ich bin. Andererseits gespannt jedes Geräusch von oben registrieren. Wann kommt er, wie lange noch allein, muss ich mir wenigstens einmal vor seiner Rückkehr in den Arm schneiden? Alles ist leer, ausgefressen, ausgehöhlt. Mein Dasein ohne Form. Ein Skelett. Was richte ich an, wenn ich weiterhin diesen Pfad beschreite, um auf Teufel komm raus ans Tageslicht zu zerren, was des nachts zur Zerstörung meiner Integrität geführt hat?

Mit offenem Mund, Maulaffen feilhalten, die Mimik eingefroren, ausdruckslos und zugleich wie vom Teufel höchstpersönlich versteinert.

21:29
Er kommt runter. Mein Herz beginnt zu rasen. Dann teilt er mir mit, noch in die Badewanne zu steigen. Jede seiner Fragen, jeder Satz ist augenblicklich zu viel für meine zerstreute Aufmerksamkeit. Im Internet nach weiteren Beruhigungsmitteln Ausschau halten. Zugleich im Hinterkopf, ob ich irgendjemanden davon überzeugen könnte, mir die Wirkstoffgruppe zu verschreiben. Um abschließend den Teil mit der Überdosierung beinahe gierig zu lesen. Niedriger Blutdruck, Bewusstlosigkeit, Koma… Wunderbar.

Ich wollte etwas sagen, aber es ist vergessen, verloren gegangen. Mir ein Räucherstäbchen angesteckt. Wozu? Um ehrlich zu mir selbst zu sein: Ich wollte zum ersten Mal das glimmende Stöckchen, wie wohl bereits vor zwei oder drei Tagen in Betracht gezogen, auf meiner Haut ausdämpfen. Ganz vorsichtig, wie ein Anfänger… Zweimal berührt die glühende Spitze den linken Arm. Eine kleine Brandwunde entsteht. Meine Füße kollidieren mit den Fußstützen, Krämpfe sind die Folge.
Ist nun wieder alles in Butter? Alles wieder gut? Ist obsolet? Ich weiß es nicht. Aber mich in Sicherheit wähnend aus dem Rollator das letzte Highlight des Tages zaubern. Ich vermag nicht mehr geradeaus zu denken. Zugleich stößt mir bitter auf, wie viele Sätze selbstverliebt, egozentrisch mit ICH eingeleitet werden. Sebastian, ich bin deiner nicht wert!

Die Hände zu Klauen deformiert, habe ich Mühe, das neue Stück aus der Dose zu fischen, ganz zu schweigen vom Auszuwickeln aus dem kleinen, orangefarbenen Kuvert. Seine Geräusche hinten machen mich nervös.

In mir nach Antworten suchen und zugleich die musikalische Untermalung des Computerspiels, dass er sich gerade gönnt, nicht aushalten. Noch surrealer kann eine Situation nicht wirken! „Mach es mir nicht kaputt!“. Die Augen wollen schlafen. Quer, gerade, diagonal oder horizontal…? Keine Kraft. Das Blut kalt. Ich prüfe mich, teste mich selbst am Schmerz. Das neue Stück könnte so wundervolle Dinge vollbringen. In die Tiefe eintauchen und den Schmerz, der sich vor mir zu verbergen beliebt, herauskratzen.

21:44
Und spätestens die Nummer Sieben entgleisen lassen. Im Rahmen meiner Möglichkeiten. Das gleiche Spektakel wie beim letzten Schnitt gestern. Das Tuch unter mir immer mehr getränkt. Schlimmstenfalls sickert es durch bis zur Hose. Es tut mir leid, eigentlich nicht meine Intention, damit irgend jemandem zu schaden. Meine Augen brennen, kratzen und die Zeit, gnadenlos wie immer, läuft mir davon…
Aus irgendeinem Grund alles besudelt, Hosenbeine, Armlehne, Tischdecke. Meine Stimme wird tiefer, schnarrt verbraucht, wie die eines abgenutzten, kaputten Opfers. Dabei bin ich gerade Täter.

Bitte verzeiht mir, aber ich wüsste nicht wohin sonst mit meinen Gedanken…

9. März 2018, Freitag „Perversionen…“

8:37
Was um Himmels Willen ist in mich gefahren??!

DU BIST KEIN OPFER!! DU BIST DER POTENTIELLE TÄTER!!

In den letzten Tagen so häufig darüber gesprochen, warum ich keine Kinder möchte. Vor allem Markus hört nicht damit auf (in der Psychoanalyse nennt man das wohl Ausloten der Widerstände), sagt, ich komm in Teufelsküche, wenn ich mich sterilisieren lassen. Weil Traumaopfer oft diesen Weg wählen und so erst recht nicht zu einem weiblichen Körper finden können. Diese endlosen Debatten ermüdeten mich gestern und das ständige Wiederholen, warum man dann nicht „einfach ein Kondom nimmt“ in Kombination mit seiner krankheitsbedingt verschleimten Stimme, seiner „Stimmfarbe“ waren irgendwann nicht mehr auszuhalten. Ich fühlte mich von ihm regelrecht „vergewaltigt“. Als würde er mein Hirn ficken! Das teilte ich ihm auch gleich zu Beginn mit, dass seine ständigen Zerlegungen meiner Chronik, wie ich als Teenager war, und eben keinen Bock auf Disco und Rauchen und Saufen hatte, keinen Bock auf Jungs, ein Männerhasser war, eine Feministin und lieber im Wald, als mich mit Freundinnen stundenlang vor dem Spiegel aufzudonnern, denn schlussendlich hatte ich sowieso den zukünftigen Lungenkrebs und Besoffene permanent um mich zu Hause! Und er dann immer so tut, als sei es völlig normal, während der Pubertät „völlig aus dem Ruder zu laufen“. Aber ich weiß, das gehört zur analytischen Arbeit dazu und es war mir gestern eben wichtig ihm mitzuteilen, mich zu erklären, zu entschuldigen, warum ich dann mitunter sehr entnervt und bisweilen aggressiv reagieren würde: „Das fühlt sich für mich so an, als würdest du mein komplettes Leben infrage stellen!“. So sagte ich ihm eben auch, dass es mir jetzt reichen würde. Wenn er noch einmal das Wort Kondom in den Mund nimmt, würde ich kotzen. So auf der Suche nach einem Widerstand- bitte sehr, da war er und ich wollte partout nicht mehr weiter darüber diskutieren! Brigitte hatte ja mittwochs erneut das, was meine Mutter mit mir gemacht hat, mich wie eine Puppe zur Schau zu stellen, um sich selbst zu profilieren, qualitativ sehr wohl mit einer seelischen Vergewaltigung verglichen. „Ob es einen tatsächlichen Missbrauch gegeben hat oder nicht!“. Wieder dieses Anzweifeln und die Tatsache, dass man eine DIS nicht von einem Dasein als Püppchen in den ersten Jahren bekommt! Also zweifelt sie auch wieder die Diagnose an und unterstützt mich dabei, selbst nicht daran glauben zu können… So kam es eben auch gestern wieder, als ich ihre Worte Markus gegenüber wiederholte, zu einer weiteren Wiederholung seiner Sichtweise. Darauf ich: „Aber wenn das doch alles eingebildet ist? Und das Bisschen schon ausreicht?… Ich eigentlich nur der Rolle entsprechen will, der Aufmerksamkeit wegen, oder um mich abzugrenzen??…“; ich stockte, dachte kurz nach und dann: „Aber andererseits… WARUM all diese Zeichnungen und Bilder vor, während und nach der ersten Psychotherapie? Immer dieselbe Symbolik, die man eben GENAU SO bei Missbrauchsopfern findet… Als von Missbrauch noch keine Rede war, nur ein aufkeimendes Gefühl?“. Ich kann mir gut vorstellen, dass Markus sich zurück lehnte, als er sagte: „Da siehst du’s. Du gibst dir alle Antworten selbst!“.

Also das alles sei meinen Träumen vorausgeschickt! Ich traf Ute, die entfernte Nachbarin und ich durfte ihr Bauernhaus betreten, das plötzlich riesengroß war, ein monströser Gutshof, und in ihrer Küche wie in einem Gasthaus Tische und Bänke und die ganzen Nachbarn kamen und gingen, wie sie wollten; es war ein riesengroßes Saufgelage! Ute und ein paar ihrer Gäste machten sich gemeinsam mit mir auf den Weg nach Hause. Wir liefen los und ich freute mich, immer weiter laufen zu können, nicht zu stürzen und auch sie fragte mich ganz erstaunt, wie ich dieses Wunder zustande gebracht hätte: „Ich habe jeden Tag trainiert, immer ein bisschen mehr, nur NIE aufgegeben!“. Wir erreichten unsere Einfahrt. Der Asphalt war mit Tonnen Sand bedeckt. Sand und Schnee. Das hatte den neuen Weg zusammenbrechen lassen. Alles war kaputt. Dem Haus ging es nicht besser: Wie eine der Bauernhausruinen, die wir als Kinder immer wieder aufgesucht hatten, so schön unheimlich! Holzbalken brachen über uns zusammen, Mauern stürzten auf uns herab… Aber ganz plötzlich verwandelte sich das Haus in die winzige Wohnung im Gebäude der Volksschule. Und war zugleich ein riesengroßes, unheimliches Hotel! Auch ich wechselte die Gestalt… Ich war plötzlich nicht mehr ich, ich wurde zu einer schwarzhaarigen Femme fatal!! Ich hatte ein Rendezvous. Diesen Mann schickte ich in das erste Zimmer und sperrte von außen zu. Ich war total notgeil!! Ins nächste Zimmer ließ ich mir einen kleinen Jungen bringen. Der war sicher nicht älter als acht oder zehn. An die genauen Details kann ich mich nicht erinnern, da waren noch andere Leute und wahrscheinlich haben die ihn ausgezogen, bis er nackt auf dem Bett lag. Ein Pädophiler hätte seine Freude mit den Beschreibungen!! Ich stürzte mich auf ihn. Der Junge weinte bitterlich, er stand Todesängste aus und ich geilte mich daran auf, an seiner Unschuld, wie ein Vampir zehrte ich an seiner Angst und dem Schaden, den ich in seinem Leben hinterlassen würde!! Im dritten Zimmer ließ ich mir ein kleines Mädchen bringen. Ich ging ihr an die Wäsche, griff ihr zwischen die Beine. Ich spürte, was das Kind spürte. Ich fühlte, wie das Kind irritiert war von der Erregung, die so überhaupt nicht zu ihrer Angst passte und dass ihr Körper sie zu verraten schien! Ich zwang die Kleine mich zu befriedigen. Noch nicht fertig ging ich wieder zurück zum ersten Zimmer, in dem ich das Rendezvous eingesperrt hatte. Ich war nackt, er mir fremd und ich wusste, ich muss bestraft werden.

[…..]

Draußen im Flur waren viele Menschen. Die konnten durch die Jalousie ins Zimmer hinein sehen. Draußen wurde gefeiert, getrunken, es war wie in einem Bordell. Ein Butler kam ständig zur Tür herein, sah zu und tat gleichzeitig seine Arbeit, wechselte Handtücher aus. An den eigentlichen Akt kann ich mich nicht erinnern. Lediglich nur noch daran, dass ich auf dem Boden saß und unter mir war alles voller Blut. Nun war ich es, die wimmerte, die das Opfer war.

Ein unglaublicher Druck in meinem Bauch. […..]

Und DU glaubst, DAS Opfer zu sein???!!
DU BIST SO KRANK IM HIRN!!!

Wenn ich sage, dass ich keine Kinder will, habe ich nicht Angst, sie zu missbrauchen! Ich spüre lediglich (wenn man da überhaupt von „lediglich sprechen darf) das unkontrollierbare Potenzial, dem Kind an die Gurgel zu gehen!! UND DAS IST DER HAUPTGRUND, WARUM ICH KEINE KINDER WILL UND HABEN DARF!!! UND WARUM ICH NICHT DARÜBER DISKUTIEREN WILL, WARUM ICH MICH STERILISIEREN LASSEN MUSS!!! So schleppend wie das gerade vorangeht, brauche ich wohl auch 20 Jahre, bis ich im Ansatz Zusammenhänge herstellen kann!!

Ich fühle mich so schlecht… Dabei konnte ich erst gar nicht einschlafen und träumte abschließend bevor Sebastian mich aus dem Bett holte davon, dass mein Bruder und ich zur Schule mussten morgens. Er ging voraus, es war schon viel zu spät, aber ich musste noch meine Schuhe anziehen, die unten vor der ersten Stufe vom Treppenhaus im Gasthaus standen. War schon wieder Nikolaus?! In jedem Schuh lagen mindestens 50 €!! Was soll der Scheiß? Wie oft hatte ich gesagt, meine Mutter soll aufhören mit diesen Geschenken die ganze Zeit! Mir unentwegt Geld zuzustecken!! Als müsse sie mich bezahlen, kaufen oder schmieren!! Ich kramte das Geld und den restlichen Krempel aus meinen Schuhen und schlüpfte in diese hinein, als ich von oben die Musik einer Violine hörte. Ein Musikstück von einer CD, die ich mir mit 17 gekauft habe; gälische Lieder. Hatte sie sich sogar meine Musikrichtung einverleibt, um unbedingt wie ich zu sein? Dann stand sie neben mir und ich war froh, dass sie endlich aufhörte zu spielen. Ihre Musik schmerzte in den Ohren. Was wollte sie von mir? Was hat sie gesagt? Im Traum dachte ich nur, dass ich es nicht mag, bereits morgens auf meine Eltern zu treffen. Dass ich diese Phase vor der Schule für mich ganz allein brauche. Nicht sprechen möchte. Und erst recht nicht irgendwelche Konflikte ausbaden…

Was für eine Nacht! Was für ein Traumkino! Ich fühle mich so schuldig und so dreckig und schlecht, allein dafür möchte ich mich jetzt aufschlitzen! Ein weiterer Grund: 60,6 Kilo um 6:45 Uhr!

Die Sonne scheint. Und ich ahne schon, wie mein restlicher Vormittag verlaufen wird…

20:15
Allein. Sonja sagte, meine Schultern, mein Rücken hätten sich verändert: „Viel weniger Muskulatur.“. Alles geht zugrunde…

24. Januar 2018, Mittwoch

11:42
Angeblich 60 Kilo…

Weil du ja auch so viel fressen musst, du dreckiges Schwein!

So geht das den lieben langen Tag und ich hatte doch ehrlich gehofft, von der Reduktionskost, die einem hier serviert wird, die ich grundsätzlich nie aufesse, würde zu dem selben Phänomen führen, wie es hier auch gelehrt wird, dass ich abnehme… Pustekuchen!

DU FRISST ZU VIEL!!

Definitiv nicht so wenig wie Anfang 2016, als ich in einem „reduzierten Gewichtszustand“ eingeliefert worden war, wie in meinem Befund stand. Habe ich erwähnt, dass die Dis-Diagnose auch im neuen, korrigierten und endgültigen Reha-Pass immer noch drinnen steht?

Aber was, was wollte ich eigentlich festhalten… Dieses konfuse Bilderwirrwarr von heute Nacht, von dem ich wieder nur Fetzen behalten konnte? Vornehmlich die letzten? WARUM diktiere ich es nicht? Warum ist es mir wichtiger, die Augen wieder zu schließen und zu warten, bis die Schwester mich aus dem Bett schmeißt?! Dann ist längst alles im Auflösen begriffen. Ganz am Schluss, nach einer scheinbar unendlichen Reise mit einem Pferdeanhänger und natürlich einem Pferd darin, lebten wir im Gastzimmer, welches nun unser Wohnzimmer war (wie man es in der Realität bei meinen Eltern vorfindet). Wir hatten zwei Ratten dabei und die begannen sich exponentiell zu vermehren, zu potenzieren. Überall unter den schweren, dunkelbraunen Stühlen und Tischen, unter den Bänken, in den Ritzen und Verstecken, irgendwo zwischen Bergen von Kartons. Überall lagen kleine Rattenbabys, die sich ebenso exponentiell entwickelten. Fine und Martha waren im Raum und vor allem Fine schnappte sich ein Baby nach dem anderen. Ich, wir kamen nicht hinterher, die Kleinen rechtzeitig einzusammeln, ich hatte die Hände bereits voll, gut zehn Stück, die auch in meinen Händen weiterwuchsen. Und wir sammelten und sammelten und sammelten. Eine kleine Ratte biss mich vor Angst in die Nase, in die Unterlippe, und ich wusste, wir könnten sie nicht behalten. Sie sei die Erste, die wir hinaus schmeißen müssten. Hinaus in die böse, gefährliche Welt, in der sie ganz allein sei. Kaum auf die Straße gesetzt und die Tür wieder geschlossen, lugten wir durch das Fenster hinaus, während sich draußen die Hühner des Nachbarn, Füchse, Marder, Katzen, eben auch unsere Katzen, Raubvögel um die kleine Ratte versammelten und darauf warteten, anzugreifen. Die Ratte hatte gelbe Flecken auf dem weißen Fell, setzte sich auf ihren breiten Hintern und begann ganz schrecklich zu schreien. Beinahe war es ein Gesang und zugleich ein bitterliches, kindliches Weinen. Das ging unter die Haut, es tat so weh, ich fühlte mich so schlecht und schuldig, wie konnte ich dieses Kind den Wölfen zum Fraß vorwerfen? Seinen Tod goutieren? Nein, ihn selbst verschulden? WIE KONNTE ICH MIR ANMASSEN, ÜBER LEBEN UND TOD DIESER KLEINEN KINDER ZU BESTIMMEN?!

Und was hat es mit mir zu tun? Geht es um eine Selbstanteile? Glauben sie, mit Verlassen von dieser Burg, dem Schritt ins eigenständige Leben, würde alles zu Grunde gehen, man sei dem Tode geweiht?

Mit viel Glück, fallen mir noch andere Details ein. Augenblicklich, ganz plötzlich, starker Harndrang und das Gefühl, mir in die Hose zu machen. Stehe ich auf dem Schlauch, irgendwo ein Knick? Sicherlich nicht außer Acht zu lassen morgens plötzlich dieser Blutschwall, der sich erneut direkt aus dem Loch in den Katheter ergoss. Dicke Blutklumpen, ich trank extra viel, um so zumindest im Ansatz zu verhindern, dass eben dieser den Katheter verstopfen…

20:54
Ich saß draußen am Tisch und habe gezeichnet, die Kopfhörer auf den Ohren, versunken in meiner Musik. Und dann für eine Weile allein fing ich an zu weinen. Ich konnte es nicht unterdrücken, es tat einfach so unendlich weh. Mit einer der Therapeutinnen hatte ich mich zuletzt über ihr Hobby unterhalten. Sie hat mir heute Fotos davon gezeigt… Wie sie wunderschöne, graziöse und akrobatische Verrenkungen an einer Stange macht; total ästhetisch. Das tat schon weh und ich musste an das Tanzen denken. Um auch schlussendlich zu ihr zu sagen, sie müsse sich unbedingt ein wunderschönes Album oder Fotobuch damit zusammenstellen und dass es von mir trotz 15 Jahren Laufen kein einziges vernünftiges Foto gibt. Und das schmerzte, als ich die Laufmusik hörte. So wie auch jetzt wieder in Tränen ertrinke… Aber nicht einmal das kann ich! Die Augen sind es müde, sie brennen, mit jeder Träne mehr, als seien diese aus Säure und ätzend.

Irgendetwas war mir dann noch zum Traum eingefallen, dank der Bemerkung einer Schwester; aber wieder alles vergessen. Bis auf diesen kleinen, kurzen Ausschnitt: Ich sehe mich, von vorne, ich drifte ab, vermutlich in eine Absenz und ganz plötzlich dreht sich alles, in mir, um mich, ich werde in einen Sog hineingezogen, regelrecht verschluckt und ich rase durch die Zeit, rückwärts, schneller, schneller, immer schneller dreht sich die Spirale bis sie mich vollends verschluckt! Toter Punkt! Stille und NICHTS! Und ich sehe etwas, ich spüre etwas, einen Anfang von irgendetwas, den Beginn der Geschichte, den Grund der Tragödie und ich sehe mich als Kind in einer Situation… Und frage mich: „Das soll es sein?“.

Fatal nur, ich weiß nicht, was ich gesehen habe.

Eine Physiotherapeutin, die ich heute nur für eine Massage hatte und noch nie in den vier Jahren kennen lernen durfte, sagte einen entscheidenden Satz, nachdem sie mich nach meiner Geschichte gefragt hatte und ich abschließend meinte: „… Und deswegen will ich keine Kinder! Deswegen ist es besser und wäre auch verantwortungslos, dem Kind gegenüber!“.

Hochachtung für diese Einstellung.“. Das hat mir noch niemand gesagt; bis dato hieß es immer, dass das mit dem eigenen Kind was ganz anderes wäre, Sebastian ja noch da wäre, man in der Überforderung solche Gedanken schon mal hätte, dem Kind an die Gurgel zu gehen, aber schlussendlich täte man es ja nicht.… Und kein einziger von jenen versteht, was für aggressives, unkontrollierbares Potenzial in mir schlummert. Ich dankte ihr für diesen Satz.

Ich war den ganzen Tag fröhlich, überdreht, hatte zu jedem Scheiß einen Kommentar parat. Und hörte unentwegt…

HÖR AUF ZU REDEN!!
HALT ENDLICH DEINE DRECKIGE SCHNAUZE!!!
DU BIST GENAU WIE DEINE MUTTER!!
SCHAU DICH AN, DU STÜCK SCHEISSE!!!
DU PLATZT JA GLEICH!!!

Ohne Unterlass. Mitunter mag es von außen so gewirkt haben, als sei ich nun völlig durchgedreht. Sagte einen Satz, um ihn sofort flüsternd harsch zu kommentieren und abzuwerten. Jedes Mal, wenn ich irgendwo mein Spiegelbild sah…

Dreckige Fotze!!…
… Widerwärtige Schlampe!!…
… Verreck doch endlich!!!!

Vermutlich ist es so; ich werde wahnsinnig…

2. Januar 2018, Dienstag „Wie schnell ein Jahr vergeht…“

8:28
Vor 10 Minuten noch dachte ich, mich unverzüglich wieder hinlegen zu müssen, aber… RECHT HERZLICHEN DANK AN MEINEN DACHSCHADEN!! Das rechte Bein krampft, seit ich aufgestanden bin. Dazu eine heftige Kopfschmerzattacke, die ich mit Drehen des Kopfes einzudämmen suchte. Der Himmel scheint aufzureißen, Wassertropfen hängen schwer an den sterblichen Überresten der Himbeerstauden, kaum Gäste am Restaurant. Im Traum war es bereits wie Frühling, ich ging spazieren und bemerkte erst nach 700 m, keinen Rollator vor mir zu haben, ihn zu Hause vergessen zu haben. Und wie viel besser und schöner ich gehen konnte, aufrecht, ohne dieses dumme Ding. Auf dem Heimweg wurde ich noch schneller. Sollte ich es wagen, versuchen, zu laufen? Es ging noch ziemlich turbulent und abstrus weiter, ist das Aufschreiben aber nicht wert. Meine Zeit besser investieren. Eine Zeit, die ich ohnehin nicht habe. Erneut werde ich nachmittags absaufen, verschlafen, vom Sofa nicht hoch- und von der Glotze nicht wegkommen. Träume wie diesen heute Nacht erzähle ich Markus gar nicht mehr, er interpretiert für meinen Geschmack viel zu viel hinein, würde wieder sagen: „Das sagt uns, dass bei dir noch einiges rauszuholen ist! Dass du wieder laufen wirst können!“. Ich würde es ja verstehen, wenn es beinahe ein Gesetz wäre, dass jeder Gelähmte sich im Traum nur gelähmt sieht. Aber dem ist ja nicht so! Das ist mir dann immer ein bisschen zu viel Fantasterei, und wie enttäuscht wäre ich erst, wenn sich dann doch nichts ändert, ich aber fest daran geglaubt habe? Ersatzreligion. Ich lehne Religionen aller Arten ab!

Mein Schädel scheint gut befüllt, der Druck steigt kontinuierlich. Das Vorlagenfoto verwirrt mich zusehends. Wo ist da Vorne und Hinten? Klar, der Eichelhäher kämpft gerade um sein Leben und in seine Brust gekrallt ein Bein eines Sperbers. Das kann dann mitunter schon etwas Unordnung ins Gefieder bringen. Ob es der Eichelhäher überlebt hat? Das Plüschschweinchen liegt immer noch da. Was wird das für ein Meilenstein, wenn ich es endlich schaffe, ohne mich hinterher selbst schädigen zu müssen das unnütze Ding in den Müll zu befördern…

Panik! Sackgasse! Schlechte Gedankenrichtung!! WARNUNG!! STOPP!!!

Das Neujahrsgeschenk hinter dem Kartonstreifen, der als Lichtschutz für die Leinwand dient, damit die Sonne sich nicht auf den Farben spiegelt, verschwinden lassen. Es tut mir leid. Ich bin schlecht. Zur Ablenkung eine Fernsehsendung anschmeißen…

19:48
Der Tag lief doch gut… Warum bricht er mit Beginn der Dunkelheit, mit Sebastians Heimkehr völlig zusammen? Den Zustand nicht einmal beschreiben können! ICH WILL PLÖTZLICH NICHT MEHR LEBEN, WERDE VON EINER NAMENLOSEN UNZUFRIEDENHEIT ZERFRESSEN!!!!!!!!!!!

Mit den Hosen gekämpft. Zumindest eine davon gekürzt, nur noch nicht umgenäht. Die Nähmaschine begann zu rauchen. Macht mich krank, bei dieser Tätigkeit im Rücken TOTAL zu verspannen, hat mir DAS DAS GENICK GEBROCHEN???!!! Unterm Strich den ganzen Nachmittag NICHTS im Sinne von einem Endprodukt GELEISTET???!!! Hätte ich weiter malen sollen? Ist es das?

Aber ich ahne, es wäre aufs Selbe hinausgelaufen… Zu schnell atmen. Auf dem Sofa, die Heizdecke auf Schultern und Rücken. Die Glotze läuft, zu laut, Sebastian kocht Suppe, es stinkt nach Zwiebeln und ich kann nicht tippen. ICH KANN GAR NICHTS!!!
Mich wieder krank fühlen.

ZU DÄMLICH FÜR ALLES!!!
STIRB!!!

2. Dezember 2017, Samstag „Scheitern in der Königsklasse…“

10:33
Ich hätte längst aufstehen sollen, nicht noch über 1 Stunde auf dem Sofa vergammeln dürfen, vermaledeite Glotze! Vermaledeite Gasthausküche!! 59,9 Kilo um 7:45 Uhr!! Bis dato noch nichts daraus gelernt, nach dem Frühstück eine Entwässerungstablette geschluckt. Ich bleibe dabei, gerade der linke Oberarm sieht unnatürlich breit aus. Die linke Hand vergleichsweise verkümmert, schmächtig. Also warum sollte der Oberarm breiter sein als der rechte, wovon? Und einfach wieder einmal davon ausgehen, das Essen meiner Mutter war viel zu salzig. Vom Fett ganz zu schweigen.
Es war eine scheiß Nacht. Zuerst hat Sebastian geschnarcht, so laut, wie schon lange nicht mehr. Heute niest er in einem fort. Den Abschiedskuss habe ich ihm verwehrt; er ist ins Dorf gefahren, anfragen, ob er einen Termin beim Friseur haben kann und noch Kleinigkeiten besorgen. Ich habe weiter im Buch gelesen, bis 0:45 Uhr. Ich bin fast neidisch, ja, ich werde zerfressen vor Neid, wenn sie von ihrer Anorexie berichtet. Als hätte mein Körper nicht schon gravierendere Probleme genug! Aber was soll man sagen? Selbst in den Videos, aus Zeiten, in denen ich 50 Kilo wog, sehe ich mal dünner aus und dann wieder völlig aufgeschwemmt und mindestens zehn Kilo schwerer! Was habe ich die zurückliegenden Monate versucht? Weniger zu essen? Mehr zu essen mit 4 Stunden Pause dazwischen? Und das Gewicht stagniert und stagniert, um heute auf der Waage mit der 60 konfrontiert zu werden und nur für Unterwäsche und ein bisschen Katheterschlauch 100 g abziehen zu dürfen. Auch ist das wieder so ein Morgen, an dem alles normal erscheint. Alle leben, niemand ist tot, niemand todkrank. Alles schwelgt in Harmonie… Wäre dann wohl nicht ICH mit meinen kruden Ideen, Vorwürfen, Interpretationen, die, wenn ich sie demjenigen an den Kopf werfe, wieder völlig umgedeutet werden. Markus erinnerte mich gestern an ein Streitgespräch mit meiner Mutter, welches ich ernsthaft 2012 oder 2013 aufgezeichnet hatte. Ich versuchte ihr ansatzweise klarzumachen, was bei mir alles aus dem Ruder läuft und welchen Anteil sie dazu beiträgt, beigetragen hat. Sie hat alles widerlegt. Nichts von dem, was ich mir dachte, was ich fühlte, oder um es gleich klar und deutlich zu sagen, „was ich ihr anhängen wollte“, stimmte. Laut ihrer Aussage. ALLES, selbst die Kommas zwischen den Zeilen wurden bagatellisiert und umgedeutet. Und weil wir uns gestern wieder darüber unterhielten, kam ich wie schon damals zu dem Schluss: Ich muss das Problem sein, ich ganz allein, weil ich ja so ein gefühlsgestörter Psycho bin. Wie sonst kann es sein, dass aber auch wirklich JEDE meiner Empfindungen, was meine Umwelt betrifft, falsch sein sollen?! Ich meinte, ich würde es mir noch mal anhören. Aber ehrlich gesagt weiß ich nicht, ob das so klug wäre. Um noch einmal zum Ausgangspunkt zurückzukehren. Jetzt scheint alles heile Welt zu sein. Für diesen Tag, diese Stunde, diese Sekunde… Und die einzige, die Aufhebens um NICHTS macht, das bin ich. Ich ganz allein. Und so steigere ich mich bereits während dem Frühstück wieder rein, bekomme Panik, sehe die Zeit davon laufen, als ich um 9, um 10 noch da hocke, anstatt die Arbeit aufzunehmen. Ich habe kein Fieber, keine Ausrede! Dass mein Schädel beinahe platzt, zählt nicht. Und ganz plötzlich tut sich da ein überdimensionales Schuldenbuch auf, was ich nicht alles verabsäumt habe. Nicht trainiert, kein Laufband, kein Spazieren, keine Physioübungen, alles schleifen lassen und gefühlt keine einzige Frist mehr bekommen. Bereits alles verloren. Zu viel gefressen, zu viel genascht, zu wenig Kontrolle über mich selbst, zu fett, zu viel von mir und damit ausreichend Projektionsfläche für meinen Hass. Kaum saß ich dann hier am Tisch, er drüben noch auf dem Sofa, die Glotze am Laufen, wurde der eingebaute Mixer in Betrieb genommen und die Unruhe kam auf eine ansehnliche Spitzenrotation. Bin ich bereits stofflich abhängig? Sollten die Tabletten nicht direkt nun in der kleinen Holzschatulle neben dem Sofa stehen und mich regelrecht einladen, sie zu schlucken? Seit 37 Minuten setze ich Pinselstriche ohne Charakter, ohne Schatten und ohne Spuren zu hinterlassen. Leeres, unkonzentriertes Pseudomalen, mir selbst weismachend, die Menge und Masse ergibt am Ende die Struktur…

Du bist SO GUT DARIN, dich selbst zu belügen!

Sagt Markus, wir seien auf einem guten Weg, gut vorangekommen, um selbst den Glauben nicht zu verlieren? Wie soll, wie wird der Tag weitergehen? Die Sonne scheint. Den ganzen Nachmittag wieder auf dem Sofa absaufen? Alles scheint in Ordnung… Aber wehe ich denke daran, mich mit meinen Eltern treffen zu müssen. Nach einer Aussage wie: „Wir hatten ja schon so lange nichts mehr von dir!“; aufgebaut auf schlechtem Gewissen meinerseits und eventuell Verlustängsten mütterlicherseits?

13:41
Gleißendes Licht, die Sonne blinzelt müde durch eine der vielen Einzelscheiben der Terrassentüren. Ich war draußen. Sebastian hat mich angezogen, warm und dick eingepackt und für einen Moment stand ich hinter dem Haus, mit dem Rücken zum Nordwind, im einzigen hellen Streifen auf dem nagelneuen Asphalt, mit Blick in den verwilderten und noch spärlich mit Schnee bedeckten Garten. Keine Vögel. Stille. Frostige Stille. Bis auf die unzähligen Flugzeuge und hie und da der verächtliche Ruf eines Eichelhähers, der gewollt stümperhaft nach Mäusebussard klingt. Tief Luft geholt. Auch Markus meinte gestern, mein Video würde bestimmt so manch einen Zuschauer triggern. Nicht wie ein Vorwurf. Aber nun ein Kommentar, der dies bestätigt; obwohl Sebastian meint, ich würde ja eingängig darauf hinweisen, was nun folgt, und jeder ist immer noch für sich selbst verantwortlich. Die Liebe schrieb, sie konnte es sich nur in Happen ansehen. Ist es wirklich so schlimm? Habe ich eine Verantwortung zu tragen, muss wieder verbergen, was so schon nicht gesehen werden will?

Draußen und auch jetzt beim Blick in die tiefstehende Sonne… Ich bin unterwegs, ich laufe und laufe und laufe, bis mir die Beine abfaulen. Viel zu wenig Klamotten an, weder wind- noch wettergeschützt, kurze Hosen, viel zu dünne Handschuhe und blaue Finger. Die Ohrstöpsel sind das einzige, das irgendetwas am Kopf bedeckt und behelfsmäßig schützt. Aber ich laufe und laufe und laufe. Die Lungen werden nicht müde, das Herz wird nicht müde, die Beine werden nicht müde und der unruhige Geist sowieso nicht. Ich will mein Leben zurück. Meine so hart aufrecht am Leben erkämpfte Ausdauer, meine Muskeln, meine Robustheit, mein von kaum etwas beeindrucktes Immunsystem, meine Abhärtung…

Stattdessen werde ich jetzt mit dem Rollator aufs Sofa kriechen, weil sich das Mittagessen bis in den späten Nachmittag hinein verschieben wird, einen Proteinshake mitnehmen und mich bei jedem einzelnen Schluck schlecht, überflüssig und fett fühlen. Die Glotze wird die Aufgabe der Natur vor der Terrassentür übernehmen. Die Vögel werden abgelöst von krachmachenden Menschen. Ich spüre eine leichte Depression. Ich könnte auch versuchen weiter zu malen. Aber ich brauche jetzt den Heizstrahler, denn ich habe keine Abhärtung mehr. Ich habe NICHTS mehr von dem, wofür ich Jahrzehnte gekämpft habe. Ich bin ein Waschlappen geworden, der selbst im Hochsommer einen Heizstrahler benötigt. Und das, man möge sich diesen Satz auf der Zunge zergehen lassen, OHNE Anorexie, ohne ein Hungerhaken zu sein, der keinerlei Fettschicht am Körper mehr besitzt, die ihn wärmen könnte. Nein. Ich bin fett. Hast du gehört?! FETT!!! UND UNBRAUCHBAR BIST DU, KÖRPER!!

Die Rechte klimpert…

19:16
Ein Räucherstäbchen, fünf Bonbons zum Nachtisch und die Lampe auf den Eichelhäher ausgerichtet. Zum Abendessen, dem eigentlichen Mittagessen, gab es Salat aus Rotkohl. Mehr nicht. Sebastian ist nach oben gegangen, sicher noch für 1 Stunde, und ich könnte, ich sollte, ich müsste… Aber stattdessen versuchen zu malen. Wie auch gestern mit verkrüppelt verkrampften Fingern den dünnen Pinsel halten? Zu lauter Musik, um mich jedes Mal zu erschrecken, wenn die Tür hinter mir plötzlich aufgeht? Mein Rücken ist angepisst. Mir ist schwindelig. Aber kein Fieber. Gibt es noch etwas zu sagen? Irgendetwas von Bedeutung?

DU?!! Und BEDEUTUNG??!!!

Die Panik packte mich vor, während und nach dem Essen. Die Angst wollte mich auffressen, erwürgen, strangulieren. Und ich wusste nicht warum. Nachmittags das Fernsehprogramm bescheiden, mir deshalb das Kindle geschnappt und weiter im Buch über Traumata und deren Entstehung so manch einen hilfreichen Satz gelesen. Der mich in dem bestätigen sollte, was ich mittlerweile weiß, was auch mein Gefühl mir sagt, dass das alles nicht einfach von NICHTS kommen kann!!

Aber wenn es so einfach wäre, wenn ich nicht scheinbar von Geburt an bereits an allem die Schuld tragen würde… Obwohl auch das zu lesen war, und beinahe alle Opfer/Überlebenden eint: die Schuldübernahme. Was sehr erstaunlich war, waren die Erinnerungen, die während dem Lesen plötzlich wieder auftauchten und das Gefühl, das Kind würde jetzt tatsächlich mit mir sprechen. Es wurden immer mehr Erinnerungen, als ich plötzlich die wahnwitzige Idee hatte, für dieses Kind eine fiktive Missbrauchsgeschichte schreiben zu können. Mit den vermeintlichen Tätern, mit dem ganzen Schweigen, dem Bestreiten. In meinem Kopf erschien es plötzlich der logische, nächste Schritt zu sein. Das zu schreiben, immer wieder zu lesen und darauf zu warten, was in mir drinnen passiert. Bleibt es bei der Idee oder setze ich sie in die Tat um?

Der Flügel ist gut ausgeleuchtet, aber dafür erkenne ich die einzelnen Farbklecks in den Schälchen nicht. Ich brauche unbedingt eine ordentliche Lampe… Und Katzenhaare in der Farbe. Der Mond scheint hell, die Waldkäuze beginnen zu singen und wie früher müsste ich jetzt draußen sein, ihnen lauschen, ihnen antworten…

Musik an, ganz weit nach vorne gebeugt, mit der Nasenspitze dicht über der Leinwand…

20:51
3 Stunden und 30 Minuten gemalt, machen insgesamt 1133:30h. Das Musikprogramm spuckte einen „Laufklassiker“ nach dem anderen aus, allesamt von 2010. Mir die Seele aus dem Leib schreien! Um den Schmerz nicht zu spüren. Und irgendwo mittendrin läuft das erste Lied meiner „Suizid-Playlist“. Ich fühle so eine schwere Sehnsucht, ich möchte… Und dann denke ich an Sebastian, wie dieser dauerfröhliche, alberne Kerl nichts ahnend von der Arbeit nach Hause kam… Und seine kleine Welt brach bereits mit dem ersten Zettel an der Eingangstür teilweise in sich zusammen, um spätestens bei Ankunft im Wohnzimmer klirrend komplett zu Bruch zu gehen. Es tut mir leid. Aber würde mich das wieder abhalten?

https://www.youtube.com/watch?v=uywIddkYRv4

5. Oktober 2017, Donnerstag

8:38
Es vergeht eine Ewigkeit, ehe ich ansatzweise startklar bin. Die Farben benetzen, die Stoppuhr starten und einen Zug vom Tee. Auf das wortwörtliche Fressgelage folgt heute eine weitere Abrechnung: 60 Kilo um 6:45 Uhr. Dabei waren wir gar nicht essen, dabei gab es zu Mittag nur Suppe. Egal. Im Laufe des Vormittags hatte ich dank Doktor Google relativ zügig eine Diagnose für mich dingfest gemacht: akute Sinusitis. Sogleich in diesem Kartonordner im kleinen Regal nach den Resten meiner letzten Sinusitis-Behandlung gesucht und zum Glück noch ein Cortisonspray entdeckt. Des weiteren geforscht, welcher Wirkstoff gegen die Schmerzen am hilfreichsten wäre und ich habe ja wirklich so gut wie alles im Haus, eine private Apotheke. Diclofenac… Erst einen Magenschoner, so viel Zeit muss sein, auch wenn von außen kaum verständlich, beim allgemeinen Umgang mit meinem Körper, und dazu ein Deflamat. Spätestens beim Gespräch mit Markus, der sich wie gewünscht um 11 meldete, klang das Schmerzinferno schrittweise zu meinem Glück ab. Wenn auch die rechte Nasenhöhle mittags kurzfristig beschloss, Nasenbluten einzuleiten. Markus hatte seine Meinung zu dieser absurden Geburtstagsfeierlichkeit Dienstag abends. Und gab mir recht, was meinen Eindruck betraf. Nach dem Mittagessen gestern war Sebastian auch gesprächiger das Zurückliegende betreffend: „Weißt du, an welchem Punkt ich wirklich entsetzt war? Als du das mit dem Übergriff noch einmal so drastisch gesagt hast und von beiden wurde nicht darauf eingegangen! Wieder nur bagatellisiert! Und deine Mutter sowieso wieder nur mit sich selbst beschäftigt.“. Wie Markus immer wieder sagt, trotz aller Geschenke, trotz aller Anstrengungen, die sie unternimmt, um für mich NUR DAS BESTE zu wollen, bleibt dabei immer noch der fade Beigeschmack, dass sie sich einfach nicht auf mich einlassen kann! Scheißegal, was ich sage! Sie wird alles IMMER auf sich selbst beziehen und aus ihrer Warte bewerten. Was im ersten Moment ja nicht einmal verkehrt klingt. ABER sie kann nicht meine Situation, meine Gefühle sehen. Sie sieht immer nur sich selbst und ihre Reaktion. Sie kann nicht antizipieren, was das für mich bedeutet haben muss. Insofern noch eine Bemerkung von Sebastian gestern: „Ich habe sie vor Jahren mal gefragt, wie es zu all diesen Übergriffen kommen konnte, warum sie nicht reagiert hat.“. Darauf hätte sie geantwortet: „Ja glaubst du etwa, in meiner Kindheit sei es anders gewesen?! Das war völlig normal, da hat keiner was gesagt. Aber vermutlich liegt es daran, dass ich einfach stärker bin, und Bianca, was das betrifft, anders, schwächer als ich.“. Was sagt mir dieser Satz? Ist das anmaßend?! Ich kenne solche Aussagen ihrerseits sehr wohl bereits aus meiner Vergangenheit. Darum auch bei der ersten Konfrontation im Erwachsenenalter mit diesen Geschehnissen die Verteidigung ihrerseits: „Ich dachte, du steckst das so locker weg wie ich!“. Bei diesen ersten Gesprächen war von einer Entschuldigung noch meilenweit nichts zu sehen! Keine Reflexion, immer nur sie, sie, sie. Wie einfach muss es da sein, neben so einer Mutter zum Opfer zu werden? Genau das fragte ich mich auch heute Morgen nach Sebastians Bemerkung zu Donald Trump in den Nachrichten, mit seiner „Tussi“ im Schlepptau: „Na was glaubst du, was die sich denken wird? Wie oft wird er ihr peinlich sein? Aber andererseits, zweimal im Monat die Beine breitmachen und dafür gut abkassieren.“. Zu diesem Zeitpunkt zog er mir gerade einen Stützstrumpf an und wunderte sich, warum meine Fußschaufel in seiner Hand plötzlich ein Eigenleben entwickelte und sich schmerzhaft nach oben verspannte. Diese drei Wörter, „Beine breit machen“, und ich kann gerade eben noch so abgelenkt, so gut gelaunt gewesen sein wie sonst was! Mein Körper wird reagieren! Ich werde das Gefühl haben, jemand reißt meine Scham entzwei, jemand verschafft sich mit Gewalt Zugang, jemand greift dorthin, wo man nicht hingreifen darf!!! Absolute Alarmzeichen in Körper und Seele!! Die Arme wollen eine Stahlkette um die Beine binden, die Beine zusammennähen, oder gleich das Geschlechtsteil, als sei es eine Wunde, die verschlossen gehört, damit keine Keime, keine INVASOREN EINDRINGEN können!!! Auch jetzt gerade, wenn ich das diktiere, wird mir schlecht… Und deswegen zum 1000. Mal: WENN MIR DOCH ANGEBLICH NICHTS PASSIERT SEIN SOLL, WARUM DANN DIESE HEFTIGE REAKTION, JEDES MAL, WIE AUF KNOPFDRUCK???!!

Mein Täterintrojekt schweigt. Doch dann…

Das hat dir doch schon deine Mutter als Kind erklärt: Du bist zu HYPERSENSIBEL!

Aber ich? ICH?!! Mache mir Gedanken, wie unfair ich bin, wie ungerecht ihr gegenüber, allein mein Vergleich mit ihrem kaputten Gebiss in meinem Alter, in dem sie bereits hauptsächlich falsche Zähne hatte, mit meiner Bulimie! Mir wird eingeredet, wie schlecht ich doch bin, ihre Marotten nicht einfach als Charaktereigenschaft zu sehen, wenn sie doch andererseits die beste Mutter der Welt ist, die alles für ihre Tochter tut, am liebsten, wenn man es mit Geld kaufen kann… Wenn ich sie schon nicht mehr an mich heranlasse! Nur die Konfrontation zum Beispiel „lediglich“ mit diesem einen Arschloch, die wird gescheut. Warum auch, war ja nichts Schlimmes, das bisschen Getätschel, meine Güte, das war ganz normal, das kann man doch einem erwachsenen Mann nicht über 20 Jahre lang nachtragen, daran erinnert er sich doch gar nicht mehr und sie mag ihn ja auch überhaupt nicht, also ist ihre eigene Integrität wichtiger, indem sie ihm aus dem Weg geht, mit ihm nichts zu tun hat und es ihr damit super geht. Hallo?! Es ist ihre Versicherung, die mir die Reparatur meiner Kamera bezahlen wird! Es war mitunter auch ihr Geld zum Geburtstag, mit dem ich mir gestern bei der Gelegenheit dasselbe Modell für lediglich 390 € mitgenommen habe, weil es nur noch ein Stück gerade im Angebot gab, das bei Nachlieferung erneut über 500 kosten würde, weil der Verkäufer meinte bei Beschreibung meiner eigenen, dass das ein Totalschaden sein müsse. Boah!!! Was bin ich für ein schlechtes Stück Scheiße!!!

Säße ich mir selbst gegenüber, wäre ich nicht ich, würde ich mir das alles berichten, ich würde mich nehmen und fest schütteln: „VERDAMMT, WACH ENDLICH AUF! SIEHST DU DAS ALLES NICHT??!!“. Aber leider, tragischerweise, bin ich nun mal ich, obwohl ich nicht einmal weiß, wer oder was ich bin! Nebst den soeben wieder erwachten Kastrationsängsten sehe ich meine Mutter sterben und habe gerade so ein eindringliches Bedürfnis, ja, ich möchte sagen, den Zwang, den Pinsel jetzt wegzulegen, zu meiner Rollatortasche zu greifen, die Dose, ein Tuch, einen Verband und in den Untiefen meiner ehemaligen Schultasche irgendwo eine noch eingeschweißte Packung Bic-Rasierklingen hervor zu zaubern und mich bestrafen für alles, was ich soeben geschrieben habe, gedacht habe und was ich mitunter aber auch aus irgendeinem Grund veröffentlichen werde. Weil ich von außen die Bestätigung brauche, dass das nicht alles Einbildung sein kann und weil ich eben ich bin und mir nicht gegenüber sitze, um mich wach zu rütteln, mich aufzuwecken, was für ein krankes System das eigentlich ist? Verziert mit einem Haus, mit jeglichen Annehmlichkeiten, die der Mensch nicht braucht, aber gerne hätte, und alles UMSONST!…

Du willst dich doch nur verletzen, weil die drei Termine heute deine Panik schüren!!

Nein… Im Moment bin ich mir ziemlich sicher, warum ich das tun möchte… Warum ich es tun werde… Die Rechte wandert zur Maus und stoppt damit die Uhr. Die Hände sind kalt, aber aktuell geht es ohnehin um den Schmerz, um die Qualität der Bestrafung, nicht darum, mir gutzutun, in dem ich Schuld und Dreck ablasse… Noch eine halbe Stunde allein.

Da meldet sich etwas in mir, obwohl ich gerade nicht rekapitulieren kann, was ich in den zurückliegenden 45 Minuten an verbalem Mist ausgekotzt habe…

Mama, es tut mir leid…

Bei dem vorhandenen Schnittmuster mangelt es anfänglich an Orientierung, wo ich ansetzen soll. Ganz leise in mir…

Willst du den nächsten Tag betäubt wegschmeißen?

Scheint so. Der erste Schnitt, das Brennen zieht durch den ganzen Körper und Blut quillt an mehreren Stellen aus der doch so zarten Linie. Ein Aufatmen, gewaltig, als tauche man nach 2 Minuten aus dem dunklen Sumpf auf und würde wieder atmen, leben. Es brennt sogar so stark, die Klinge schneidet so scharf, aber ich bin zu feige. Vielleicht auch weil ich doch im Ansatz erkenne, selbst wenn ich es mir nicht eingestehen DARF, wer hier unterm Strich das Opfer ist? Aber selbst zart über die Haut zu streichen führt zu einem dementsprechenden Ergebnis. Ich weiß, wie ich im Krankenhaus immer angesehen werde. Wie mit dem Kopf geschüttelt wird, mit erhobenem Zeigefinger, wenn die nächste Anämie verrät, wie meine Unterarme aussehen werden. „Na, na, na!“. Als würde ich etwas anstellen. Als sei ich unverbesserlich. Und keiner sieht das Leid dahinter. Die tagtäglichen Qualen. Und erst recht das, was der Psyche nicht mehr zugänglich ist, weil es sie sonst komplett zerstört hätte. Um sich dann in solchem, wie die Außenwelt es despektierlich nennen würde, „Fehlverhalten“ zu zeigen. Wo sich schnell urteilen lässt: „Du machst das selber! Also bist du selber schuld!“.

Zehn Schnitte. Noch nicht fertig. Auf die Betäubung, die einschießenden Endorphine warten, um fortzufahren. Dabei bleiben mir noch 10 Minuten.
Spätestens beim 21. Schnitt versuchen mich zufriedenzustellen. Mich, den Teufel in mir, mit seinem Tross aus Schuldgefühlen…

Mama, schau, ich hab es wieder gutgemacht…

Auch die Rechte besudelt. Ich sollte, ich darf der Volkshilfe nicht die Hand geben. Frisch gewaschen und blütenweiß der neue Verband. Aber ich so ungestüm mit meinen verkrüppelten Händen. Ein winziger Tropfen landet auf der weißen Hose. Noch 7 Minuten. Hastig mein makaberes Equipment verschwinden lassen und ins Badezimmer, um meine Hände zu waschen und den Fleck zu entfernen…

10:01
Sogar eine stark riechende Seife gewählt; als könne man die Schuld, die ich auf mich geladen habe, die an mir klebt, riechen. Ein friedliches Brennen verbirgt sich unter Verband und schwarzem Armwarmer. Ich bin so schlecht. Was für ein Psycho.

18:01
Mich erst meinem Sumpf widmen, ehe ich die Berichte für Mieke abschließe. Soeben ergießt sich ein warmer Regen über mein rechtes Bein… Noch 5 Minuten zuvor, Sebastian hatte mir gerade geholfen vom Sofa aufzustehen, schoss ein Krampf schmerzhaft ins Bein hinein und das Knie winkelte sich blitzschnell ab, wie es normalerweise im Sitzen oder Liegen der Fall ist, und ich sank in mich zusammen, nach rechts und wäre beinahe umgefallen. Mindestens 1 Stunde lang, oder waren es sogar schon zwei, hat es gekrampft und ich weiß nicht warum. Auf 1,3 mg Hydal folgten weitere 2 mg retard und soeben wollte ich mir zusätzliche 2,6 einwerfen. Aber die Dosis Tramal fiel etwas höher aus, und scheint nun in Kombination und vielleicht auch durch die kurzweilige Bewegung in Aktion zu treten. Ich war drauf und dran zu verzweifeln.

Die Ausfahrt mit der Rettung war ganz lustig, die beiden Jungs sehr gesprächig, es war witzig und das bei meiner Zahnärztin schnell erledigt. Als sie nach Begutachtung vom gesamten Gebiss meinte, das würde ja wunderbar aussehen, grunzte ich lachend, während sie Geräte und ihre Finger in meinem Mund stecken hatte. Meint sie das ernst?!
Aber als wir zurückkamen, war ich unfähig. Ich fühlte mich krank. Musste dann extra noch einmal zurück zum Klo, mein Darm meldete sich nach Tagen zum ersten Mal, und dann… Ja dann folgte eine kleine Katastrophe. Man möge nicht glauben, ich übertreibe, um in irgendeiner Form Mitleid zu evozieren! Ich stand da MINDESTENS 3-5 Minuten und versuchte verzweifelt, mir die Hose hochzuziehen!! Die Finger schnappten sich den Bund, zogen 1 mm, verkrampften sich und ich musste sie ausschütteln. Während dieser ganzen Prozedur wankte ich vor und zurück und vor und zurück. Von…

DEIN LEBEN IST NICHTS MEHR WERT!!

bis…

Du bist zu fett geworden!!!!

war alles vertreten. Ich schleppte mich anschließend ins Wohnzimmer und konnte nicht mehr…

18:17 und der beschissene Computer schmiert wegen dem Diktierprogramm erneut ab, verschluckt jede Menge Änderungen an einem der zu korrigierenden Dokumente der Firma und natürlich vom Tagebuch! Ich bin es so satt! Hatte ich nicht gerade gesagt, dass ich wenigstens etwas gemacht hätte, wenn das Notebook aktuell einwandfrei funktionieren würde. Und da lässt mich dieser alte Blechtrottel hier auch noch im Stich, obwohl das Programm darauf vergleichsweise zehnmal so schnell läuft! Zeigefinger und Ringfinger auf den Tasten „Strg“ sowie „S“ parken und speichern, speichern, speichern. Blöde Drecksau!

Ich steckte mir zum zweiten Mal an diesem Tag ein Fieberthermometer in die Axel (genau bei dem Satz war er vorher abgestürzt). Kein Fieber, wie schon mittags nicht, als ich das Gefühl hatte, mein Schädel würde glühen. Jetzt fühle ich mich wunderbar. Ein astreiner Rauschzustand, aber wie schon den ganzen Tag damit beschäftigt, den beschissenen Katheter tiefer unter die Bauchdecke zu schieben… Und jetzt gerade mache ich mir in die Hose! ES REICHT!!! Das kann doch nicht zur Dauergewohnheit werden, wenn ich nicht den ganzen Tag über Preiselbeersaft trinke?! Und die Preiselbeertabletten helfen überhaupt nicht! Ebenso wenig wie die Medikamente gegen Krämpfe! Tröpfchenweise blubbert es soeben in die Einlage und ICH DUMMER TROTTEL hatte zuvor erst von der großen auf die kleine Einlage gewechselt!! Mein Körper zahlt es mir heim, was ich mit ihm mache, oder ich muss als verunglücktes Gesamtkunstwerk noch weiter bestraft werden für meine Gedanken!!

Ich darf mich nicht bewegen, wehe, ich stünde auf, ich würde mich von oben bis unten anpissen! Mit dem Rollstuhl durch die Wohnküche fahren, Sirup, Süßstoff und Glas holen.

Sei doch wenigstens froh, dass du vorsorglich die Inkontinenzmatte auf dem Rollstuhl liegen hast!“.

Haltet die Schnauze!!

In meinem Traum heute Nacht fuhr eine mir unbekannte Dame von der Volkshilfe gegen unsere Hauswand und riss dabei die Fassade auf. Sie entschuldigte sich, hatte Angst, bei Bekanntwerden dieses Unfalls gefeuert zu werden, worauf ich meinte, ich würde sie nicht verpetzen, dafür schenkte sie mir ein paar Zitronen. Unser Haus (eines der Gästezimmer im Gasthaus) war voll mit Vogelkäfigen. Jedes Mal, wenn einer meiner Gäste aus Versehen ins Wohnzimmer flog, fing ich ihn ein und behielt ihn kurzfristig zur Beobachtung in Gefangenschaft. Ich hatte Grünspechte und sogar einen Schwarzspecht; eine kleine Blaumeise drohte ständig zu sterben. Die Dame von der Volkshilfe hatte einen Lehrling mit. Vom Naturell her eigentlich ein Kandidat für vamos. Das arme Mädchen sagte mir, fürchterliche Angst vor Leinwänden zu haben. Ich entschuldigte mich, dass sie dann in unserem Haus auch noch Leinwänden mit so fürchterlichen Bildern darauf ausgesetzt sei. Ich träumte von meinem Bild, ich hatte die Leinwand ganz abgedeckt und sah, dass die Hose, das Hemd lediglich schlampig grundiert waren und die Arbeit von hunderten Stunden verschwunden! Ich träumte davon, dass der Rettungshubschrauber oberhalb vom Fußballplatz im Dorfzentrum landete. Meine Mutter kam unverzüglich vom Gasthaus oben runter gerannt, verfolgte die Frau von der Rettung, die soeben eine Akte in der Hand durchblätterte, um ihr diese schlussendlich aus der Hand zu reißen und selbst aufgeregt und hastig und wild darin zu herum zu blättern: „Ist es die Bianca?! Geht es um die Bianca??!“. Nein? Ich war oben im Gästezimmer, bzw. auf dessen Balkon und konnte runter gucken auf sie. Einerseits von dieser Warte aus und andererseits von der anderen Seite, oben am Hügelkamm. Wir hatten irgendeinen Besuch und ich weiß noch, dass ich zu diesem sagte: „Meine Fresse! Wie krank ist diese Frau eigentlich?! Ist ihr denn gar nichts mehr peinlich oder heilig?!“. Es wurde noch besser -der Notarzt war der ehemalige Amtsarzt, der mir jahrelang das Leben zur Hölle gemacht hat, indem er meinen Führerschein auf ein Jahr befristete und ich jedes Jahr das beschissene Ding neu beantragen musste, für über 100 € und zu dem Zeitpunkt bekam ich monatlich 360 € Kinderbeihilfe und musste zusehen, wie ich damit um die Runden komme! Und das alles, weil er mir eben unterstellte, ich würde im Zuge eines Selbstmordversuches mit dem Auto mindestens fünf Leute über den Haufen fahren. Und genau das sagte ich ihm jetzt vor versammelter Mannschaft, und da waren viele, viele Leute um den Hubschrauber herum, ins Gesicht! Ich zerstörte das Ansehen, das er mittlerweile genoss.

Der Rauschzustand wird immer heftiger, aber was auch immer ich mit dem Katheter anstelle, der Urin, der bereits im Harnleiter zu stecken scheint, läuft nicht ab. Schiebe ihn gar so tief, dass er unten anstößt und es wehtut. Morgen endlich nehme ich die neuen stärkeren Antibiotika.

19:03
Ich vermag kaum noch die Maus zu betätigen, das Korrigieren wird immer schwieriger. Mit der Dunkelheit vertieft sich der Rauschzustand, im Raum brennt lediglich die kleine Lampe an meinem Tisch, und natürlich der Bildschirm sowie das Teelicht im Stövchen. Nur einmal gerade eben holte mich die Panik ein, als ich in einem der Berichte noch einmal alles überflog, ein drittes Mal las. Genauso gut hätte es in eine dissoziative Absenz ausufern können…

19:19
Das Programm säuft erneut ab, es muss per Taskmanager beendet werden. In meinem Körper staut sich alles. Mein Bauch ist DICK aufgebläht und der letzte Schluck Tee wurde unverzüglich wieder ausgespuckt von meinem Magen. Als hätte ich den ganzen Tag gefressen. Meine Arbeit schnell noch erledigen…

19:36
Jetzt kommt die Panik. Ich höre oben seine Schritte, die Tür geht auf, meine Zeit hier allein geht zur Neige. Das macht mir Angst.
Geht es darum, dass etwas zu Ende geht? Das ist wie Sterben, wie der Tod von irgendetwas. Ihn bitten, ehe er in die Wanne geht mich noch von meiner gesamten Bekleidung an der unteren Hälfte meines Körpers zu befreien. Ich versuchte soeben aufzustehen… Dennoch lief es unkontrolliert in die Einlage, die längst übergehen muss. Die Panik peitscht nun in Wellen über mich hinweg, obwohl ich doch so schön betäubt wäre, direkt das einfach nur genießen möchte, nicht zu fühlen und nicht zu denken. Gleichgültigkeit. Aber ich darf nicht. Als er nach der Arbeit nach Hause kam, beichtete ich ihm auch, was ich vormittags angestellt habe. Bzw. was diese Gedanken mit mir gemacht haben. Zuvor noch den Satz: „Bitte, nimm es mir nicht übel, ich will dich nicht runterziehen oder so… Aber…“. Es war mir ein Bedürfnis, es auszusprechen. So wie auch das Gespräch direkt anschließend an die eigentliche Situation mit Daniela von der Volkshilfe vorerst verhindert hat, dass ich mich auch noch mit Tabletten abstellen musste. Aber selbst bei ihr entschuldigte ich mich anschließend und fragte verunsichert, ob ich zu viel geredet hätte, sie mit in mein Loch gerissen hätte, aber stellte ihr am Ende das Privileg aus, mich mit ihrer Geduld und ihrem Zuhören zumindest vorerst davor bewahrt zu haben, weiteren Mist zu bauen und dass ich ihr dafür sehr dankbar sei.

20:19
Erst sind es leise, dann laute Flüche, die durch den Raum gewettert werden!

DU DUMME SAU!!
DU STÜCK SCHEISSE!!
WOFÜR BIST DU DENN NOCH ZU BLÖD??
DU DÄMLICHE, SAUDUMME KRÜPPEL-FOTZE!!

In einem fort und ohne Unterlass! Erst versuchte ich ein neues Hemd anzuziehen, aber unfähig wie ich bin, bleibt es an der Haarspange hängen und ich bin minutenlang nicht in der Lage, mich aus dieser beschissenen Situation zu befreien. Unzählige Haare werden ausgerissen. Der nächste Schritt ein Schluck vom Tee, der Strohhalm knickt und die Physik sorgt dafür, dass mir die heiße Milchbrühe ins Gesicht spritzt, meinen ganzen Körper duscht, das Keyboard, den Fußboden, obwohl ich gerade eben erst von Sebastian gewaschen wurde!! Ich werde nicht fertig, mich selbst zur Sau zu machen!! Und zuvor? Ich saß am Wannenrand, er in der Badewanne und schrubbte mich von oben bis unten ab… Egal was ich sagte, jeder Satz wurde kommentiert, erst recht, als ich den Raum verlassen hatte…

Warum sagst du das alles?! Das interessiert kein Schwein!! Hör auf zu reden!!
HALT ENDLICH DEINE BLÖDE SCHNAUZE!!!!

Während ich das diktiere, bebe ich am ganzen Leib vor Selbsthass!! Mir ist schlecht vor Selbsthass!! Ich würde, ich könnte gleich damit fortfahren, womit ich kurz vor Eintreffen der Volkshilfe aufgehört habe!! Aber nein, keine Zeit… Und völlig verspannt, als hätte es die Massage mittags nicht gegeben.

14. August 2017, Montag 18:15

Morgens waren es 59,4 und abgesehen von der Verspätung verlief der Montag wie jeder Montag, trotz Sebastians Urlaub. Er war vormittags nach Jennersdorf gefahren und erst nach Mittag irgendwann zurückgekehrt. Mein Frühstück alleine eingenommen, dazu eine Folge der Küchenschlacht und dann gemalt. Nicht mehr als eine Stunde; kam ich doch ohnehin nicht vom Fleck und wollte mir selbst in den Hintern treten, mich endlich wieder in Bewegung setzen. Enttäuschend, frustrierend, deprimierend… Unsere Einfahrt runter, gerade mal bis zur Baustelle unserer Nachbarn und dann eine Kehrtwende. Was für eine Tortur. Klar! Es war heiß! Aber nicht SO heiß wie die Wochen zuvor, demnach lasse ich diese Ausrede nicht gelten. Aber mir war, mir ist so schwindelig. Jeder einzelne Schritt ein eigener Kampf. Dabei gar nicht mal das Problem, dass die Beine zu spastisch gewesen wären. Aber sie waren schwach, ICH war zu schwach. Gefühlt wie aus heiterem Himmel. Natürlich weiß ich, dass eine Entzündung im Körper das Immunsystem belastet und speziell in meinem Fall, in dem dieses auch noch extrem im Malus betrieben wird, hat es einen immensen Einfluss auf den gesamten Organismus. Aber gleich so wild?!

Ich stehe mit dem Notebook auf dem Schoß im Rollstuhl sitzend mitten in unserer Einfahrt. Diverse Spechte flattern um mich herum, klopfen Beute an den Bäumen klein. Die Nachbarn sitzen unten im Garten und essen Abendbrot. Habe ich schon einmal erwähnt, was es mit mir macht, dass sie alle so gertenschlank sind? Ich mich gerade mit der Jüngeren (ohne hier Namen zu nennen) und ihren Kindern, explizit der Tochter, regelrecht in einem Konkurrenzkampf sehe?
Wenn sie das wüssten! Was sie dann wohl von mir hielten?! Nichts Gutes. Aber in der Tat fühle ich mich so dermaßen unter Druck gesetzt. NATÜRLICH!! Vollends bescheuert!! Aber irgendjemand oder irgendwas muss zwangsläufig herhalten, um mich daran aufhängen zu können.
Die Sonne senkt sich, der Abend schreitet voran. Das Gespräch mit Markus war anstrengt. War mit dem Notebook nach draußen, wollten wir uns doch heute über Skype unterhalten. Aber allein die 1. halbe Stunde ging nur dafür drauf, dass er nicht fertig wurde, Fachgespräche über diverse Gerätschaften, Handys und Headsets zu halten. Ganz ehrlich? Ich fand das lästig, aber solche Exkursionen in themenferne Gebiete finden grundsätzlich in jedem Telefonat statt. Ich wurde heute mehrmals nicht fertig damit, ihm zu sagen: „Aber was hat das jetzt mit mir zu tun, mit meinem Problem?!“. Angeblich, mit dem neuen Headset von Dragon, dem Diktierprogramm, soll er mich glasklar verstanden habe. Er hingegen kam hauptsächlich mit Rauschen bei mir an -gut 40 % von dem, was er sagt, war unverständlich. Unzählige Male musste ich nachfragen, nach einer gewissen Zeit beließ ich es, ich hatte keinen Nerv mehr, die ständigen Ausschweifungen gingen mir gelinde gesagt auf den Keks und zudem hatte das Bein begonnen zu krampfen. Sollten unsere Gespräche nicht 1 Stunde dauern? Hätte ich nicht nach 96 Minuten gesagt, dass ich nicht mehr kann, mein Kopf längst dichtgemacht hätte, es wären wieder 2 Stunden oder mehr geworden. Nur noch rein ins Haus, um ein paar Schritte zu gehen. Ist das undankbar von mir? Schaut man „einem geschenkten Gaul nicht ins Maul“? Muss ich mich schlecht fühlen? Ich sagte ihm abschließend auch, dass er meine mittlerweile etwas pampige Art bitte nicht missverstehen solle. Es sei einfach bereits alles zu viel!

Das Grundstück überwuchert von Ambrosia, diesem elenden Bioinvasor, der bei manch einem heftige allergische Reaktionen auslösen kann. Waren es früher hauptsächlich kanadische Goldruten, kündigt sich nun ein Umbruch an. Es raschelt im Gesträuch, oben im Wald. Hinter mir im Wannenteich baden diverse Vögel. Zu Mittag hatte es Salat gegeben. NUR Salat, aber ich ahne bereits, welche Auswirkungen es auf mein morgiges Gewicht haben wird. Das Kotzen hatte ja auf das Heutige ebenfalls keinerlei positive Folgen.

Sebastian war kurz weg, ist wieder da, geht wieder nach oben. Heute spielt doch Hansa Rostock im Fernsehen. DFB-Pokal. Ganz plötzlich erfasst mich erst Langeweile und dann Panik. Was könnte ich noch mit dieser 1 Stunde anfangen? Muss ich mir Schaden? Zugleich so unsagbar müde. Hatte doch vor geraumer Zeit ein paar Kekse gefressen, während ich das Buch zu Ende las. Ich weiß ganz plötzlich nicht mehr wohin mit mir. Rein, ins Wohnzimmer und mich mit Schokolade voll stopfen, um diese anschließend bevor er runterkommt ins Klo zu befördern? Natürlich sind die Fragen, die Markus stellt, sehr schwerwiegender Natur. Es macht einiges mit mir, aber vermutlich wird meinerseits hauptsächlich das Programm gefahren, dass ich versuche es auszublenden, nicht darüber nachzudenken, welche Konsequenzen, welche Auswirkungen es auf lange Sicht haben würde. So er recht behält. Würde ich den ganzen Tag mit dieser Hypothese im Kopf herumlaufen, ich müsste mich ohne zu zögern umbringen. Es geht nicht, geht einfach nicht. Und so spielt man das Spielchen weiter, tut so, als sei alles im grünen Bereich. Was für ein Spagat. Bei dem Gedanken wird mir schlecht. Man beginnt sich zu wünschen, niemals nachgefragt zu haben. Die Protagonistin im letzten Missbrauchsbuch hat ALLES ganz allein und ohne Therapie überwunden… Was für eine Heldin! Mich rechtfertigen oder ihr gar ankreiden, dass sie sich wenigstens bewegen kann? Gegen den ganz schlimmen Stress zu laufen begonnen hatte? Malen konnte und weiterhin malen kann? Und was maße ich mir gerade an, mich mit ihr und ihrem grausigen Schicksal auf eine Schwelle zu stellen?

Selbstmitleid!!

Mir schmerzen die Sohlen auf den Fußstützen. Mein Rücken tut weh. Wie ich zuvor das Klimpern von Geschirr im Garten gegenüber aus irgendeinem Grund nicht aushalten konnte, ertrage ich gerade das meiner Meinung nach gekünstelte Lachen vom Besuch der Nachbarn ganz und gar nicht. Was bin ich für ein schlechter Mensch… Werde noch zum Misanthrop? Sollte ich eine Runde fahren, wie gestern Abend? Zu welchem Zweck?! An 2 Stellen ist die Straße aufgerissen und notdürftig mit Rollierung vorübergehend aufgefüllt. Die 1. Lücke vermag ich mit dem Rollstuhl zu überwinden, aber nicht die 2. und genau die ist es, die mir seit Wochen die Ausfahrt den Berg hoch verwehrt. Niemand macht sich die Mühe, die der Erdanziehung geopferten Steine zu ersetzen. Längst wollte ich die Nachbarn fragen, wann die Straße endlich wieder repariert würde.

Mehrere Ringeltauben gurren in den Abend hinein. An jedem Baum scheint ein Specht zu hängen, Buntspecht, Kleinspecht, jung oder alt. Oben am Wald das Trommeln imposanter; ein Schwarzspecht. Immer wieder taucht dieser kleine Trupp von Schwanzmeisen in den Baumwipfel neben der Einfahrt auf. Die Holunderbeeren in den oberen Etagen leer gefressen. Ich bin noch nicht ganz ab von der Schokolade. Bei dieser Fettwarte, die sich mein Bauch schimpft, kann man doch ohnehin nicht mehr viel ruinieren. Jetzt schimpfen all die Amseln ringsum, wie jeden Abend. Meine Augen werden schwerer und schwerer. Nur nicht an Morgen denken, der Panik nicht noch extra eine Einladung schicken. Es kommt, wie es kommen wird oder kommen muss. Mich ins Haus zurückziehen, Glotze an, Schokolade ins Maul… Klappe zu, Affe tot!