6. Juli 2018, Freitag „HEUTE ist Freitag!…“

8:30
59,3 Kilo um 6:45 Uhr. Wie gestern, wie vorgestern. Da geht man einmal nach über 20 Tagen aufs Klo und wiegt zwei Tage später einen Kilo mehr… Logik?
Es regnet. Dementsprechend hoch die „FluGtuation“ am Restaurant. Die Insekten bleiben zu Hause. Ich möchte eine riskante These aufstellen: Wetten, zu Mittag scheint wieder die Sonne?
Keine halbe Stunde mehr, dann habe ich Sitzung. Die vermutlich vorerst Letzte. Eine Pause ist angedacht. Nachts im Bett verlor sich mein Blick unentwegt im obersten Regalfach, dort, wo mindestens fünf Paar nagelneue Laufschuhe aufeinander gestapelt Staub ansetzen. Ein Fach weiter unten liegen weitere Modelle, kaum getragen. Den ganzen Ausflug über (bis auf das längere Stück mit den Schmerzen) musste ich ans Laufen denken. Aber wo sollte ich auch hinfahren, welche Strecken blieben mir denn, um nicht mit Erinnerungen konfrontiert zu werden?
Die Antwort ernüchternd: HIER definitiv keine Alternative! ALLES wurde abgelaufen!
Es ist Sommer! Zwangsläufig bin ich wieder mit diesem Verlust konfrontiert. Natürlich könnte ich aufhören, dabei auch noch mein altes Handy mitzunehmen, um damit die Musik von damals zu hören. Beim „Spaziergang“ brauchte ich sie aber. 45 Minuten waren möglich. Davon die letzten 15 nur noch Quälerei. Aber es war so heiß…
Trotz etwas mehr Bewegung, trotz neuer Stützstrümpfe, war es gerade Sebastian, der abends zu mir sagte: „Huch, du hast aber wieder ordentlich Wasser in den Füßen!“.
Der Witz nur: Mir wäre es erst gar nicht aufgefallen! Ist nicht er es, der die Situation permanent runterspielt, wenn ich mich darüber beklage, dass meine Gliedmaßen doppelt bis vierfach so dick geschwollen sind?
Der Körper setzt Funktionen aus, beginnt mit dem Abbau, stellenweise mit dem Sterbeprozess.
Stromkosten hin oder her: Nachts liege ich im Bett, die Matratze ist so weich, dass die Inkontinenzmatte unter mir permanent unbequeme Falten schlägt, kaum auszuhalten ist, aber fürs Wohlbefinden sorgen Ventilator und Heizstrahler -die kalte Luft für die krampfenden Beine und die warme für Oberkörper und eiskalte Hände. Wie in Kindertagen stelle ich mir vor, in einer eiskalten Nacht draußen irgendwo am Lagerfeuer zu liegen…

Aber das habe ich schon oft genug diktiert. Anstatt die Zeit so zu verschwenden, hätte ich die letzte Aufnahme schneiden können. Eine Katastrophe, teils vom Wind und größtenteils von Flugzeugen sabotiert. Ich könnte natürlich auch wieder damit anfangen, wie beschissen ich aussehe. Dass der Spiegel mitunter gnädiger zu mir ist.
Das erste Thema heute wird definitiv wieder diese Grunddebatte sein, warum er felsenfest davon überzeugt ist, es mit einer Multiplen zu tun zu haben. Wobei doch ich selbst immer den Eindruck gewinne, ich generiere Rumpelstilzchen regelrecht.
Vor über 1 Stunde noch hatte ich eine bessere Erklärung parat, traf den Nagel auf den Kopf als der Satz gerade eben. Aber er ist weg. Oder sagen wir so: Ich hatte mich in flagranti dabei erwischt, wie ich etwas dachte, das ich dann doch nicht denken durfte, es bedurfte einer Reaktion und rief mein vermeintliches Täterintrojekt auf den Plan. Gar nicht mal dahingehend, dass ich ihn eingeladen hätte, sondern wie ein Gerät eingeschaltet! Um dem Bild zu entsprechen! Den „Erwartungen“?!
Wie fühlt es sich an? Wie sollte es sich anfühlen? Laut Markus und dem viel zitierten DSM V, der wohl immer noch nicht offiziell beendet und veröffentlicht ist, genau so, wie ich es beschreibe. Dabei bleibt aber latent ein Vorwurf: Dass ich das alles nur fingiere, der Aufmerksamkeit wegen, um anders, besonders zu sein… Dabei ernte ich immer nur schräge Blicke, keiner nimmt mich ernst, wenn ich mich dahingehend oute. Also welche Form von „narzisstischer Zufuhr“ erhalte ich denn überhaupt, um diese Unterstellung zu rechtfertigen?
Keine?
Oder genügt es mir, in meiner Gedanken- und Fantasiewelt etwas Besonderes zu sein?…

18:15
„Der Körper soll dein Tempel sein“… Ich lach mich tot…
Mein Körper ist mein Erzfeind! Oder wie heute in der zweistündigen Sitzung von mir beschrieben: „Ich fühle mich wie ein Alien. Eine Art Energiewesen. Das Gehirn…? Ist ja auch etwas Physisches, also sagen wir, es ist das, was man landläufig als Seele bezeichnet. Und irgendjemand hat mich in diesen fremden Organismus gepflanzt. Ich kann mich damit nicht identifizieren! Es bleibt für mich ein „FREMD-Körper“.“.
Mittags 2 Stunden lang Krämpfe im linken Bein. Egal, wie oft ich aufstand und umherging. Egal, wie oft ich das Bein verprügelte. Egal, ob warme oder kalte Luft, und so war eben auch das Magnesium egal. Gezwungen, zum Morphium zu greifen…
So trat wenigstens nach einer halben Stunde endlich Frieden ein. Sebastian kam sehr spät nach Hause, es war bereits 15:00 Uhr. Während er schlief, war ich wach. Und als er noch kurz einkaufen fahren wollte, schlief ich ein. Dabei hielt es mein Ischias auf dem nagelneuen, schweineteuren Fernsehsessel nicht aus.

Ich lag da vielleicht 30 Minuten. Aber der Heizstrahler lief währenddessen. Als ich erwachte, traf mich regelrecht der Schlag! Mir war speiübel, als hätte ich wieder zu viel getrunken, mich mit Entwässerungstabletten voll gestopft und jegliche Elektrolyte ausgeschwemmt, und zugleich Mund, Zunge, Gaumen sowie Kehle dermaßen staubtrocken, als hätte ich die Namib durchquert…
Sein erster Kommentar: „Meine Güte! Ist das hier heiß! Als ich gerade die Tür geöffnet habe, war es so, als würde mich eine Wand erschlagen!“. Und so fühlte ich mich eben auch, als hätte ich mit meiner fortgeschrittenen MS in der prallen Sonne verschlafen; oder noch besser, 5 Stunden in einer Sauna gesessen… Völlig ausgeknockt, unbeweglich, instabil! Zu allem Überfluss hatte ich die Wasserflasche runtergeworfen und er kam genau im richtigen Augenblick zurück; ich hätte die riesengroße Pfütze nicht aufwischen können.

Ich hatte meiner Verdauung mit einem der beiden Einläufe vom Hausarzt gedroht. Das hat wohl „gefruchtet“. Bereits seit drei Tagen, ganz besonders heute fühlte sich mein dicker Bauch wie eine steinharte, schmerzende und erst recht druckempfindliche Kugel an! Als ich es endlich geschafft hatte, aufzustehen, drückte der Darm wohl auf die Blase…? Oder die Überdosis Wärme hat sich auf die jeweilige Stelle in meinem Hirn ausgewirkt, die für meine Inkontinenz verantwortlich ist?… Ein heftiger Blasenkrampf, ich pinkelt in die Hose… Bzw. und zum Glück in die große Einlage. Das, was dann auf dem Klo folgte, war wahrlich kein Spaß.
„Mit freundlichen Grüßen, Deine Opioide und Morphine!“. Und die fehlende Bewegung. Und die ungesunde Ernährung…? Jeden Tag, wenn es heißt: „Was möchtest du heute essen?“, da habe ich keinen Plan, vermag nicht darüber nachzudenken, habe auch eigentlich auf gar nichts Lust und wenn dann irgendetwas Essbares vor mir steht, dissoziiere ich eine kleine Ewigkeit über dem Menü, anstatt es mir in den Mund zu stecken. Oder esse einen Bissen und bin eigentlich schon satt…

WARUM NIMMST DU DANN NICHT AB, DU SAU??!!!

Die Sitzung heute hatte so viele wichtige Punkte angeschnitten, mein Analytiker so viele entscheidende Sätze von sich gegeben… Und ich mir nichts gemerkt!…
Natürlich habe ich wieder mit ihm darüber diskutiert, was es nun mit der Multiplen auf sich hat. Er nannte ein paar stichhaltige Argumente, die ich nicht abstreiten konnte. Aber vergessen! Alles, was mir in Erinnerung geblieben ist: „Das, was du da mit dir tust, ist eigentlich ein Verbrechen und du würdest dafür ins Gefängnis wandern, wenn du es mit jemand anderem tun würdest!“. Das saß. Und irgendwie und über Umwege, die erneut schlüssig waren, wollte er mir damit klarmachen, dass DAS ALLES schlicht und ergreifend für einen verdrängten sexuellen Missbrauch sprechen muss!

Was machte ich? Begann zu klimpern, das Hirn ging auf Stand-by.
Ebenso schlüssig die nächste Überlegung, gerade angesichts meines Zusammenbruchs vorletzte Nacht: „Vielleicht weiß deine Mutter wirklich nichts, aber da der Täter zu dir gesagt hat, das darfst du ihr nicht erzählen, das bringt sie um, hat er dir damit die Sterbefantasien in den Kopf gepflanzt, gerade angesichts ihres Verhaltens, was Krankheit und Tod betreffen, und dass du DANN irgendwann anfängst, auch sie abzulehnen, weil sie sterben zu sehen eigentlich dein gesamtes Leben verpfuscht hat, kein Wunder.“.

Und wieder sah ich diesen Satz im Nachwort des Buches „Ich war erst zwölf“ von einer Fachfrau, mit dem ich nicht gerechnet hatte, aber er stand da, wie eine Tatsache, wie etwas völlig Normales, Gängiges bei dieser Thematik, und ich habe mich mein gesamtes Leben gefragt, ob nur ich so gestört, bescheuert bin!!!
„Opfer von sexuellem Kindesmissbrauch glauben sehr häufig, ihre Mütter umzubringen, sehen sie sterben…“. In dem Kontext, würden sie der Mutter vom Missbrauch erzählen. Weil der Täter sie damit zum Schweigen gebracht hat. „Wenn die Mama das erfährt, bringe ich sie um!“. „Das darfst du der Mama nicht sagen, das bringt sie um!“.
Und wieder erläuterte Markus den gravierenden Unterschied zwischen zum Beispiel seinen Misshandlungen damals im Internat und meinen Reaktionen auf diverse Trigger: „Wenn ich den Film von der Kampusch sehe, fühle ich mit ihr. ABER in deinem Fall gehen gewisse Szenen wortwörtlich UNTER die Haut!!! Das ist bei mir nicht so, und das hat doch was zu bedeuten!! Und du wärst schon ein verdammt guter Schauspieler, wenn ich mich auf deine Videos beziehe, und du die DIS nur spielst! Und das kannst du dir auch nicht eingeredet haben, um dann bei diesem Thema so dermaßen körperlich zu reagieren!“…

Therapiepause. Bis zum 1. August. Sollte ich dekompensieren, etwas erinnern, bräuchte ich nur per Skype einen Notruf absetzen, man könne dann kurzfristig eine Notfallsitzung einberaumen. Aber der Sommer sei eine gute Zeit, mir etwas Gutes zu tun. Da hat er insofern recht, weil ich zu dieser Jahreszeit doch immer noch einen Restkrümel Selbstständigkeit allein durch den Umstand habe, niemanden zum An- und Ausziehen zu benötigen, wenn ich raus möchte. „Und die Natur ist für dich eine wichtige Ressource!“.

Ich würde gerne darüber nachdenken, wie es jetzt weitergehen soll. Denn es muss doch irgendwann etwas geschehen. Aber „ich darf nicht“. „Sobald du dich zu sehr mit dem Missbrauch, vermutlich mit dem Täter, also mit dem, was dir passiert sein könnte, auseinandersetzt, umso lauter wird Rumpelstilzchen. Auch wenn er behauptet, dir sei nichts passiert, müsse er sich dann ja nicht so ins Zeug legen… Oder nicht?“. Und: „Wenn du ein Problem damit hast, dann nenne es eben Egostate, oder noch besser: Ein abgespaltenes Gefühl! Aber ein Solches entsteht eben nur, wenn ein Missbrauch die kindliche Seele spaltet, widersprüchliche Gefühle sich nicht einsortieren lassen, um schlussendlich -zum Selbstschutz, um überleben zu können- abgespaltet zu werden!“.

Am Video weiter arbeiten. Aber ich weiß nicht wie. Es bedürfte noch einer Aufnahme, aber die Lichtbedingungen sind schlecht, ich fühle mich unansehnlich, nicht zumutbar und so dermaßen verwirrt oder vielleicht auch gelöscht im Schädel, dass ich davon überzeugt bin, nichts zu sagen zu haben…

19:14
Nächster Blasenkrampf…

19:42
Es hört nicht mehr auf zu krampfen. Harnwegsinfekt, Pilz, kalte Füße?
Mit dem Rollstuhl zum Sofa gefahren, um den Heizstrahler zu holen. Das Kabel verheddert, das Kabel zu kurz, beim Rangieren (und ich musste dazu noch das Kabel und die Fernbedienung der Heizdecke festhalten) kollidiert der rechte Fuß mit der Tür…
Eine überzeugendere Einladung für die nächsten Krämpfe gibt es wohl kaum!! Als ob das Krampfen im Unterleib nicht bereits ausschlaggebend genug sei…
Und ich bin wütend! Beschimpfe mich selbst! Lasse mich beschimpfen! Und bin stinksauer, wie ich so blöd sein konnte, das Haus so zu planen, wie ich es geplant hatte! Das soll ein großes Wohnzimmer sein? Geräumig und mit Platz für so einen klobigen Rollstuhl??
SO EIN SCHEISS!!!
Wenn die Beine nicht ohnehin von der warmen Luft erneut ihr perverses Treiben fortsetzen.

21:19
Mich anpissen…

Du fettes, dreckiges Ferkel!!!

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4. Juli 2018, Mittwoch

17:02
Mittags eine winzige Tütensuppe und Wassermelone, abends Reis mit Gemüse… 59,2 Kilo um 6:45 Uhr. Dankeschön… Ein Kilo mehr…

Den neuen Fernsehsessel ausprobiert und mal eben mindestens 2 Stunden darauf geschlafen. Schön und gut; aber das passt alles nicht zusammen; das Sofa halbiert, bringt das neue Möbelstück nichts als Unruhe in den Raum. Sieht noch unordentlicher aus. Kaum auszuhalten.
Den Mittwoch mit Freitag verwechselt, sagte ich doch allen ernstes zu Sebastian, als er mittags nach Hause kam: „Hast du die nächste Woche überstanden…?“. Weil er abends für 1 Stunde weg gehen will. Die Nachwehen der gestrigen Tablettenexkursion? Es passte einfach alles zusammen, als sei Freitag, und ich sah mich bereits heute Abend ganz lange am Video arbeiten.

Völlig verpeilt. Total neben der Spur. Ausblicke in ein Paralleluniversum. Nicht mehr wissen, wo ist unten und oben, wo Hier und Jetzt…
Links an der weißen Kunststoffverkleidung vom Rollstuhlreifen, unter dem sich der Motor verbirgt, eine Blutspur. Der nächste Tropfen auf dem Boden gelandet. Unfähig, es wegzuwischen. Als spiele es keine Rolle. Als sei ich dermaßen depressiv, dass mir alles egal ist.
Wollte ich nicht hinaus? Eine Runde fahren? Der Wind hatte mich abgeschreckt, aber augenblicklich scheint er doch nachgelassen zu haben… Mich wieder schlecht fühlen? Rein in den nächsten Zwiespalt? Als drohte bereits der Winter in den nächsten zwei Tagen damit, mich wieder für Monate ins Haus zu sperren? Wie bescheuert!
Aber wie ich hier so sitze, immer noch müde, fühle ich mich bereits wie in Beton gegossen. Unbeweglich. Die Psyche erstarrt. Der Körper tot. Die Augen glotzen ausdruckslos nach draußen, Dissoziation als Standarddroge.

Durchs offene Wohnzimmerfenster draußen irgendwo in Hausnähe den Schwarzspecht rufen hören. Früher wäre ich schon los, wäre längst draußen gewesen, in der unbelehrbaren Erwartung, ihn irgendwo sehen zu können. Aber Bewegung scheint meiner Natur zu widersprechen. Als hätte diese nie in meinem Dasein stattgefunden.

17:35
Sebastian badet, ich mit beiden Händen an den Rand geklammert, die Knie abgewinkelt, stützen sich an der verfliesten Wand der Wanne ab. Kann mich nicht halten, nicht aufrecht halten, die Beine brechen unter meinem Gewicht zusammen, als würde ich 200 Kilo wiegen…
Aber meine Haare müssen gewaschen werden…
Mehrmals kam es zu kritischen Situationen. Nach hinten fallen, mit dem Kopf in die Glastür der Dusche…?

Daran bist du selber schuld, du faule Sau!!!

Andere geben sich mehr Mühe. Andere kämpfen mehr. Ich mache gar nichts mehr. 15 Jahre lang gekämpft und jetzt ist der Ofen aus? Oder auch das ein Symptom der Depression…

Umso besser! Dann bringst du dich hoffentlich bald um!!!

Kopfschmerzen. Während ich da noch instabil und wackelig vor der Wanne stand, drängte sich mir ein Gedanke auf: „Diese ganzen Medikamente, mich damit abzuschießen, hat zu viele Nebenwirkungen, Nachwirkungen. Aber was bleibt mir denn sonst??…“.
Und ich sah die Rasierklinge.

Aber wenn du nicht einmal DAS richtig hinbekommst!!!

Null Alternativen. Außer mich wieder dermaßen in meine Suizidfantasien hineinzusteigern…

17:55
Er fährt. Ich bin allein, für mindestens eine Stunde. Die Abenddosis fällt beinahe „standardmäßig“ aus. Die einzigen Abweichungen wären ein Hydal 2,6 mg und statt 15 eben 20 Tropfen Tramal. Mich auf meine Standardmittel verlassen, als ob diese in letzter Zeit nicht auch zu massiver Spastik geführt hätten. Aber irgendwie, irgendetwas brauche ich…
Beim Anblick des Lichteinfalls, der kleinen Sonnenblume auf der Terrasse drifte ich wieder ab… Mich jetzt aufschlitzen? Später aufschlitzen? Oder mir diese Option für schlimmere Zustände aufheben?

18:47
Eine leichte Betäubung setzt ein…
ABER… WIE KONNTE ICH ES WAGEN, DIES ANZUMERKEN!!!

PANIK…

19:57

Panik und Betäubung liefern sich einen rasanten Schlagabtausch. Beim Kopieren der letzten Aufnahme die beiden Fotos von der Geburtstagsfeier gesehen…
Wenn überhaupt einen winzigen Augenblick lang, und das nur ganz klein, kaum zu erkennen… Aber ich sehe sie sterben! Ich sehe meine Mutter schon wieder sterben!!! Die Augen werden geflutet…

Die beiden Fotos vom T-Shirt, welches sie vor 20 Jahren, im für den Rest meines Lebens entscheidenden Jahr 1998, zum 50. Geburtstag bekommen hat.

Ich sterbe…
Aber viel zu langsam, es ist kaum zu ertragen!
Sebastian ist zurück, ist oben, wird noch ein bisschen brauchen. Panik, Dämpfung, Verlustängste, noch mehr Panik, weniger Dämpfung, noch viel mehr Verlustängste… Usw. und so fort!!!

Den Rollator umdrehen. Himmel! Wenn da mal jemand aus Versehen einen Blick hineinwirft… Was wird diese Person von mir denken? Auf Verständnis darf ich wohl kaum hoffen. Unzählige Tücher und ein großes Handtuch, Strumpfverbände… Und allesamt blutgetränkt…

Ich brauche…
Ich muss…
Es geht nicht anders…

Dabei meine rechte Hand völlig verkrampft, eine Faust, schwach und gelähmt, die Finger lassen sich ohne äußere Gewalteinwirkung nicht strecken.
Eine Faust ist jedoch allemal besser als ein Streckspasmus in meiner Rechten. Perfekt, um die Rasierklinge doch noch irgendwie zu halten.
Sicherheitshalber zu Beginn gleich den Strumpf überstreifen; meine liebe Not mit diesem lächerlichen Handgriff.
Draußen geht die Sonne unter. Lebenslänglich.

Du wertloses Stück Dreck!!!

Bei dem Gedanken, dass er wieder runterkommt und somit symbolisch den Tag beendet, kommt mir die Kotze hoch vor lauter würgender Angst. Wie ein Strick um meinen Hals, und am anderen Ende hängt Rumpelstilzchen, schaukelt wild hin und her, dabei wird er immer schwerer und schwerer…

Auf jedes Geräusch von oben achten…
Nervös…
Singdrossel und Amsel singen ihr allabendliches Requiem. Einmal tief durchatmen…
Den Kopf schütteln, als würde es jemand beobachten, als würde ich dies für irgendwen tun…

Wieder zu feige! Es tut mir leid. Sie stirbt. Stattdessen sollte ich abkratzen.
Bei jedem lächerlichen Schnitt automatisch, unwillkürlich, reflexartig die Luft anhalten…

Und es wird 20:17 Uhr und auch wenn die ersten vier Kratzer auf der wahrlich verbrauchten Unterseite kaum Anstalten machten, für mich zu weinen, tun es die weiteren vier auf der Oberseite umso mehr.
Dicke, dicke Blutperlen werden aus den fragilen Strichen gequetscht. Wehmut kommt auf… Ich hätte den Arm auf einen der wenigen Flecken vom Frottee legen sollen, der mir zumindest verraten hätte, ob ich meine Schuldigkeit zumindest ansatzweise getilgt habe.

Der dreckige Strumpf, obwohl noch vor drei Tagen nagelneu, rettet die Welt! Kaschiert, was keiner sehen will, was nicht sein darf, denn: „… anderen Menschen geht es so viel schlechter, verhungern, sind Kriegen ausgesetzt, und ich dämliche Kuh tue gerade so, als wäre gerade MIR IRGENDETWAS zugestoßen!!“…

NICHTS UND WIEDER NICHTS!!
Du kannst dich ja nicht einmal erinnern!!!

Erneut die wenigen Spuren von den rechten Fingern lecken. Gleich werde ich tief Luft holen und es wird sich anfühlen, als hätte ich die letzten 20 Minuten nicht mehr geatmet. Im besten Fall, und das hoffe ich inständig, wird sich zumindest für einen Augenblick so etwas ähnliches wie Frieden in meinem Schädel, in meinem ganzen Körper einnisten.
Ich hasse mich. Und ich halte meine Stimme nicht mehr aus…

21:22
Es glich einer Erlösung, als er meinte, noch bis 10 oben zu tun zu haben.
Aber was habe ich davon?
NATÜRLICH ist es unvernünftig, den ganzen Tag bewegungslos auf einer Stelle zu verharren!
NATÜRLICH ist es ungesund!

Hasstiraden erfüllen den Raum. Die Tastatur fällt runter. Sie nicht mehr aufheben können. ALLES wird zur Belastung! Der Saustall links von mir! Die Unordnung vor mir auf dem Tisch! Das Durcheinander rechts in der Küche! Der penetrante Gestank nach Essig, Salatsauce!!!
Mir wird schlecht! Immer schlechter!
Schmerzen! Schmerzen erfüllen den ganzen Körper! Dagegen sind die armseligen Kratzer ein Flohhusten!!! Der Rücken, die Verspannungen, Kopfschmerzen und erst recht der Ischias!!!
NICHTS GEHT! NICHTS FUNKTIONIERT! UND SCHEINBAR IST ES ZU VIEL VERLANGT, WENIGSTENS HIER SITZEN ZU WOLLEN UND MIT VIEL MÜHE, DEN LÄHMUNGEN UND WIDERSTÄNDEN ZUM TROTZ, EINIGERMASSEN PRODUKTIV ZU ARBEITEN, WENN DAS OHNEHIN DURCH DIE BESCHISSENEN UMSTÄNDE STÄNDIG VERZÖGERT, DOPPELT UND DREIFACH IN DIE LÄNGE GEZOGEN WIRD!!!
NICHTS UND WIEDER NICHTS!!!

Mein Dasein kotzt mich an. Da bietet sich einmal die Chance auf Ablenkung, ABER NICHT FÜR MICH! WIE KONNTE ICH ES NUR WAGEN, DIES ÜBERHAUPT IN ERWÄGUNG ZU ZIEHEN, FÜR MICH, MICH STÜCK SCHEISSE!!!!

Die Zeit verrinnt, rieselt mir durch die Finger und ich unfähig, auch nur eine Sekunde festzuhalten. Wie kann ich mir bloß anmaßen, dergleichen in Anspruch zu nehmen, zu fordern, nur darum zu bitten!!…

Es wird heiß. ZU heiß. Ich beginne zu schwitzen. Aber (auch wenn Sebastian nun sagen würde, dass das NICHTS damit zu tun hat) ZU DÄMLICH, den Ventilator einzuschalten.

Du beschissener Krüppel! Du bist eine Lachnummer! Eine Belastung! Bring es endlich zu Ende!!

Unfähig, den Ventilator aufzustellen, nachdem ich ihn umgeschmissen habe. Unfähig, ihn an irgendeiner Stelle in die Hände zu nehmen, festzuhalten!! Mein Schädel droht zu bersten, wenn ich mich bücke. Alles in mir drückt. Kopf, der Magen, die Gedärme, der Ischias.

Überzeugungsarbeit wird sozusagen geleistet.
Aber ich…-allmählich gehen mir die Worte aus, die auch nur ansatzweise beschreiben könnten, WIE wertlos und dreckig und nutzlos und belastend und beschissen usw. und so fort ich bin- …bleibe ernsthaft am Leben!

22:06
Immer noch allein. Mir ist schwindelig. Aber ich sollte dennoch ein paar Schritte gehen…

29. Juni 2018, Freitag „Henkersmahl…

8:26
58,2 Kilo um 6:45 Uhr; ohne Entwässerungstablette und ohne Stützstrümpfe. Die Verdauung liegt weiter im Koma. Habe ich es geschrieben? Dass sich in der Situation mit dem starken Durchfall in Deutschland, im Zusammenspiel mit diesem Missbrauchstraum, als die riesige Hand zwischen meinen Kinderbeinen lag, gefühlt einen prägenden Eindruck hinterlassen hat? Weil ich doch an mir runter sah und dem Kind passierte nichts! Ich durfte Teil daran haben, wie die Kleine ihren missbrauchten Unterleib abgespaltet hat! Wie sich im Weltall ein Raumschiff von seinem Raketenantrieb löst…

Habe ich oder habe ich nicht? Mieke fragte mich gestern, ob ich denn nichts spüren würde. Von wegen Völlegefühl, Druck auf dem Bauch, Blähbauch… Aber eigentlich nicht.

Die Krämpfe nehmen zu, machen mich krank. Die eine Temesta war kurzfristig eine kleine Hängematte für die Seele. Ich habe die Idee mit der Selbstverletzung so lange hinausgezögert, bis er nach Hause kam. Wir gingen ins Bett. Dieses empfand ich erneut als unerträglich, ekelhaft, widerlich, DRECKIG! Und die Beine krampften… 2 mg retard und 2,6 mg vom normalen Morphin. Zusätzlich eine volle Dosis Gewacalm, 5 mg. Also… Volle Dosis an dieser Stelle gleichzusetzen mit einer Tablette.
Ich war wach, ich schlief, ich wurde durch Epochen meiner Vergangenheit geschleudert, ich träumte von der Vergangenheit. Um nun nichts mehr auseinanderhalten zu können, im eigentlichen Sinne auch nichts festgehalten… Alles weg.
Der graue Himmel, die Vögel draußen, leisten ihren ganz eigenen Anteil an dem Prozess. Die meiste Zeit des Tages bin ich nur noch 4 und dann wieder 15, mal neun Jahre alt, dann 11 und zurück zum vermeintlich entscheidenden Alter von sechs Jahren. Ich bin nicht mehr im Jetzt. Ich bekomme nichts mehr mit. Merke mir nichts. Außer vielleicht dass ich der dummen Tabletten wegen mich heute noch unsicherer bewegen kann. Meine Augen verdrehen sich, wollen schlafen. Aber ich habe abends noch mit der Animation begonnen. Das soll ja schlussendlich auch nach etwas aussehen…
Um 10 Gespräch mit Markus. Wenn sie mal pünktlich kommt, um 11 Therapie mit Sonja. Meine Augen driften ab, bleiben noch häufiger und latenter ihm Nichts kleben. Wie Fliegen in einem Spinnennetz und es kostet dermaßen Überwindung, Kraft und Anstrengung, den starren Blick loszureißen. Da meine ich mich plötzlich erinnern zu können, das wäre bereits als Kind und Jugendlicher so gewesen…

17:22
Der Himmel weiß nicht so recht. Ich weiß nicht so recht. Hin und her gerissen zwischen dem Wunsch, auszuruhen, weiter am Video zu arbeiten und erst recht draußen zu verweilen, um nicht alles zu verpassen…
Mittags für Sekunden eingeschlafen. Dann kam er nach Hause, es gab etwas zu essen und das linke Bein trieb wieder seine Spielchen mit mir: es krampfte bestialisch!! Drauf klopfen, den Oberschenkel verprügeln, Ventilator… Alles sinnlos.
Was habe ich geschluckt? 1,3 mg Hydal? Ein Säckchen Magnesiumgranulat. Und dann, als die Unruhe auf dem Sofa angeheizt durch die neuropathischen Schmerzen immer schlimmer wurde, erneut 1 mg Temesta. Nebenbei erwähnt die verspätete Mittagsdosis vom Tramal bestand wieder aus 20 Tropfen. Nicht wie gewöhnlich 15.

Auf meiner Oberlippe herum kauen. Dabei kann und wird es nicht bleiben dürfen. Selbst wenn es dazu beiträgt, meinen Körper noch instabiler zu machen. Ich nicht aufstehen, nicht stehen und nur sehr schwer gehen kann.
Habe ich es erwähnt? Markus hat mir angeboten nach der Feier mit mir eine Sitzung abzuhalten. Schlimmstenfalls werde ich diese auch benötigen. Ich vermag den Gedanken nicht abzuschütteln, mich bestrafen zu müssen und dort NUR mit einem blutenden Unterarm antanzen zu dürfen.
Damit man mich nicht falsch versteht: Ich will und werde damit niemanden unter Druck setzen. Nicht drüber reden und erst recht nicht zur Schau stellen, was ich mit mir selbst angestellt habe. Aber ich brauche scheinbar die beruhigende und zugleich pochende Gewissheit, dass ich ein schlechter Mensch bin und erst recht an allem schuld!

18. Juni 2018, Montag „Ein neuer Kreislauf…“

8:40
57,5 Kilo ohne Entwässerungstablette um 6:45 Uhr. Was sagte ich gestern beim Frühstück? „Oh je, siehst du das da am Schlauch?“; es doch tatsächlich wieder einmal gewagt, etwas Positives anzuerkennen: „Gestern noch war der Urin glasklar. Und nun sind da die ersten Trübstoffe… Das ist kein gutes Zeichen.“. Dann krampfte es zum ersten Mal. Und jetzt gerade hört es nicht mehr damit auf. Wegen dieser Botoxspritze anfragen? Oder macht diese überhaupt keinen Sinn, weil es die Krampflöser schon nicht schaffen?
Preiselbeersaft in mich hineinschütten. Spätestens morgen sehe ich mich wieder nach Oberwart pilgern. Mir wird jetzt schon schlecht.
Während ich diktiere weitere Musik runterladen. Dabei sollte ich mir bewusst machen, damit den ganzen Entstehungsprozess nur noch mehr zu verkomplizieren. Die Auswahl wird so noch umständlicher…

Der Traum heute Nacht war ganz versöhnlich. Ich war auf der Bundesstraße nach Königsdorf mit einem Lehrer und einer weiteren Schulkollegin mit einem Segelschiff unterwegs. Und jeder Ackerweg links oder rechts führte zu einer Insel. Definitiv waren wir auf Hawaii.
Und als ich mir soeben beim Sprechen auf die Zunge beiße, fällt mir ein, in einer Psychiatrie/einem Schulheim gelegen zu haben. Weil ich Anfälle hatte. Der derben Sorte. Aber da waren auch Millionen andere Anwärter für einen Therapieplatz; warum sollte also gerade ich vorgereiht werden? Ich versuchte zu erklären, was da mit mir passiert… Träumte ich mitten am Tag? Immer wieder sah ich Dinge auf mich zukommen, Ungeheuer, dunkle Gestalten, die mich vor Schreck erstarren ließen. Und ich war davon überzeugt: Das ist jetzt echt!! Oder noch viel schlimmer die Sache mit der Schlange… Aus heiterem Himmel spürte ich eine monströse Würgeschlange um meinen Hals, die ihren muskulösen Leib immer enger und enger um meine Kehle zog. Ich drohte zu ersticken, obwohl sie reine Einbildung war! Aber man nahm mich nicht ernst…

Mich dem Video widmen. Da sind 35 Minuten Material, die auseinandergenommen und wieder zusammengefügt werden müssen…

16:23
Wie kurz davor bin ich, den linken Unterarm wieder zu zerschneiden?

Manchmal gibt es Zufälle, die gibt es eigentlich nicht. Das Krampfen wurde immer heftiger…
Es klingelt an der Tür. Ich hatte doch den Termin für heute abgesagt. Ich hatte doch dem Taxiunternehmer gesagt, dass die Fahrt heute ausfällt, weil ich doch vor über zwei Wochen früher dort war als geplant.
Es war Josef, der Fahrer, um mich abzuholen. Und in der Tat hatte ich mit dem Gedanken gespielt, irgendwie nach Oberwart zu fahren, wenn das so weiter ginge. Umso besser. Erst recht, weil ich mir die Erwartungshaltung samt Panikzuständen so erspart habe.
Sogar im Krankenhaus stand mein Termin noch… War ich wirklich so blöd? Oder hat ein anderer geschlampt?
Mühselig und nicht zielführend.
Der Katheter wurde gewechselt, ein neues Urikult angelegt, zu dem noch ein pflanzliches Präparat verschrieben bekommen. Doch bei der Heimfahrt war Josef irgendwie mies gelaunt. Oder wieder nur Einbildung meinerseits, weil ich tatsächlich immer noch glaube, Einbildung sei auch eine Art Bildung??

Vor dem Mercedes entbrannte eine kurze Diskussion, als er mir unter die rechte Achsel griff und ich wohl „zu schroff (?)“ protestiert habe? Er für meinen Geschmack entnervt: „WO darf man dich ÜBERHAUPT noch ANFASSEN??“.
Dieselbe Debatte hatte ich wenige Minuten zuvor im Untersuchungsraum mit einer netten Schwester geführt. „An den Händen.“. Darauf begrabschte er mit seinen Händen hastig meine Oberarme, Unterarme und monierte seinerseits: „WIESO?! Das ist doch alles HAND!“.
Spätestens jetzt kippte die Situation, definitiv für mich, und aus Harmlos wurde Bedrohlich. „Nein?“, als würde ich mich mit einem einfältigen kleinen Kind unterhalten: „Das da oben sind meine OBERARME!! DAS meine Unterarme!! Da unten…“, und schüttelte meine Hände: „… DAS sind meine Hände!“.
Diese BESCHISSENE Unsitte in der österreichischen Dialektik, Arme als Hände und Beine als Füße zu bezeichnen!! Ich war definitiv bedient! Und saß im Taxi die ganze Heimfahrt über zusammengekauert an die Beifahrertür gepresst, meinen linken Arm so weit wie möglich von ihm weg haltend!
NATÜRLICH ist das wieder ganz allein MEIN Kopfkino!! Ich kann mir sonst wie viel Schuld an der Situation geben!! Mich ermahnen, Vernunft walten zu lassen!! Aber die Gefühlswelt hält nichts von Ratio, und ich fühlte mich dermaßen unwohl mit ihm im Auto… Kaum zu Hause der erste Weg ins Bad, Händewaschen. Und dann, als ich mich für die Ausfahrt mit Sonnencreme einschmieren wollte, als mir diese hinunter fiel und ich mehrfach versuchte, sie aufzuheben, sie mir aber ständig zwischen den Fingern entglitt, gaben auch noch die Knie nach und ich stürzte zum ersten Mal seit einer Ewigkeit auf den Rücken…

Wie konnte ich es auch nur wagen, in den letzten drei Tagen (genau wie im Fall der Blase) einmal den Gedanken zuzulassen, dass ich schon lange nicht mehr umgefallen sei. Noch besser: die Überheblichkeit! Ich dachte ernsthaft, jetzt nicht mehr so dumm zu sein und besser aufzupassen…

Du bist so dämlich!

Ich war kurz weg, es viel zu heiß, meine Füße brannten und mir war draußen auch irgendwie ganz anders. Mit jedem Stückchen näher zurück ans Haus nahm die Beschimpfungsfrequenz frappierend zu. Ein „nettes Wort“ nach dem anderen aus meinem eigenen Mund zu mir zurück oder direkt an mein Spiegelbild gerichtet!
Ich hätte mir das sparen sollen. Mein Rücken schmerzt. Vom Sitzen oder meinem UMfall? Meine Hände klimpern, ich fühle mich wieder im Sumpf der Lethargie gefangen. Das Bild wird nie fertig werden. Und ebenso wird es auch dem Video ergehen…

Offiziell verbleiben mir noch etwa 20 Minuten, bis mit Sebastian zu rechnen ist. Ich will, ich kann nichts…

Mich zum Sofa schleppen und dort dahin schmelzen…

Was für eine träge, fette Sau!!!

Man frage bloß nicht, wie ich mich fühlte, als die zierliche Daniela mich wieder auf die Beine stellte… Zum Glück war sie noch da…


20:06
Heilige Scheiße!!
WAS WAR DAS GERADE?????

Ich bin immer noch 9, bin immer noch im Gasthaus, RIECHE das Gasthaus. Exakt dasselbe Licht, aber es ist nicht abends, es ist morgens, vormittags an einem Mittwoch, Ruhetag und ich in der riesen Burg ganz allein…

Ich fragte Markus: „Weißt du in etwa WANN ich gesagt habe, jetzt geht’s los??“.
„Vor etwa einer halben Stunde…“.
MEINE FRESSE!!!
Die Blase verkrampft sich schmerzhaft, aber ich vermag partout nicht die kleine gelbe Tablette aus der Blechdose zu fischen. Meine linke Hand völlig verkrampft, die rechte nicht minder gelähmt.
„Leider muss ich dir sagen, dass diese Somatisierungen in nächster Zeit wohl zunehmen werden.“, mein Analytiker trocken.
Das heißt, um etwa 19:30 Uhr bin ich plötzlich weggetreten und vermochte genau wie gestern diese Tatsache ins Off hinein kundzutun. Darauf folgten, wie von mir gestern gewünscht, konkrete Fragen. Eine Reise zurück in meine Kindheit. Eine Reise durch die große Burg, durch das kleine Häuschen meiner Oma. Gerüche, Geschmack, Geräusche. Tatsachen tauchten auf, die ich so nicht mehr auf dem Schirm hatte.

[…]

Mir ist schlecht. Mein Schädel dröhnt. Irgendwie immer noch weggetreten.
Was ich als Erstes gesehen hätte, hat er gefragt…
Als würde man auf meinen Kopf schauen. Die Schädelplatte entfernt. Aber der freigelegte Schädel ergibt keine Kontur, hat Löcher. Ich sehe darin die Neun liegen. Ich verschiebe die Konturen, die Neun hat eine Kurve und lässt sich perfekt einfügen. Zugleich hat sie aber auch ein Auge, und dieses ist blind. Die Acht hingegen erscheint friedlicher…
Er meinte, die Acht wäre ja 2 × 4, also meine vermeintliche „Glückszahl“. „Die Acht hat gleich zwei blinde Augen. Aber man kann sie zumindest durchmalen, sie ergibt einen geschlossenen Kreislauf, den man nachzeichnen kann, bis man sich in Trance versetzt, sich selbst beruhigt. Aber die Neun wie kastriert, wie abgeschnitten…“. Und was sich mir noch aufdrängte, war folgender Gedanke, den ich auch aussprach: „Sie sieht aber auch aus wie ein Spermium…“.

Das Programm vermag das Wort nicht zu schreiben. Kann es „nur“ ein Zufall sein, dass bei Öffnen der Korrektur das richtige Wort auf Platz 4 steht????

Die Neun sei beängstigend. Mein Alter?
Ich bin regelrecht verstört. Neben der Spur. Und ich will nur noch die Glotze anschmeißen und aufhören zu denken…

16. Juni 2018, Samstag „Mein Gefühl sagt mir…“

18:12
Morgens waren es 57,5 Kilo. Ich fühle Panik. Weil sich Besuch sporadisch angekündigt, aber das Telefon bis jetzt noch nicht geklingelt hat.
Vormittags waren wir wieder bei einer Shoppingtour, Feldbach. Im Möbelladen so einen elektrischen Sofasessel angeguckt. Beschlossene Sache: So ein Ding wird bestellt! Verfügt sogar über eine Aufstehhilfe!
Hilft aber nicht über die Panik hinweg. Wird dadurch vermutlich eher noch mehr geschürt. Wieder Geld ausgeben? Keine Ahnung, wie es auf meinem Konto aussieht?

[…..]

Dieser kleine Ausflug in die Verwandtschaft, dank Sebastians Erzählung, genügte wieder. So viel zur Fragestellung gestern in der Sitzung, was ich mir eher vorstellen kann: Wie von Rumpelstilzchen gefordert „einfach normal sein“ oder Kontaktsperre? Und dann halte ICH mich für verrückt? Wer besitzt hier mehr Selbstreflektion?
Soviel ist sicher: Ich brauche jetzt etwas, von irgendetwas etwas mehr… Abenddosis…

Es wird 18:34. Kein Gilenya mehr in der Dose. Acht Schuss vom Tramal. Im zweiten Möbelmarkt sprach mich unverwandt eine ältere Dame von hinten an, nachdem wir gerade den Lift verlassen hatten: „Entschuldigung, darf ich Sie etwas fragen? Sie haben keine MS, oder? Nein, ganz sicher nicht…“. Ich musste mit dem Rollstuhl erst eine Chicagowende vornehmen, um sie sehen zu können: „Doch…“. Daraufhin begann sie gleich zu erzählen, von ihrem Sohn, der sei 50, und ihm ginge es gar nicht gut, dass sie unablässig am „Studieren“ (wie man hier in Österreich zum Grübeln sagt) sei, wieso und weshalb und warum, und erst recht warum es noch nicht längst eine Heilung gibt. Dann überraschte sie mich. Ich meinte nur, in meinem Fall gäbe es wohl eine große psychosomatische Überschneidung, worauf sie sagte: „Ob Kind oder Jugendlicher, egal. Alles, was dir da passiert, schleppst du den Rest deines Lebens mit dir mit…“.
Und wieder sitze ich für meinen Teil hier und frage mich, warum ich mich seit frühesten Kindertagen so schuldig fühle. Was muss ich getan haben, dass in mir das Gefühl entstand, nicht leben zu dürfen?
Erneut hatte ich mich an Markus aufgerieben; schlussendlich geweint. Der Witz ist: Ich weiß jetzt nicht mehr an welcher Stelle ich zusammengebrochen bin. Lediglich das weiß ich noch, abends allein (Sebastian war mit seinen Freunden weg) „Tote Mädchen lügen nicht“, die neue Staffel, geguckt zu haben. Und als die erste Folge zu Ende war, brach ich ohne Vorwarnung in Tränen aus. Wegen dem Satz im Abspann, dass man sich Hilfe suchen soll, wenn man mit Mobbing, sexuellem Missbrauch, Selbstmordgedanken zu tun hat, mit Adresse anbei?
Nach der zweiten Folge dasselbe Bild.

WARUM DARF ICH ES NICHT ZULASSEN??? WARUM WIRFT MIR DIE STIMME IN MEINEM KOPF VOR, ICH WÜRDE MIR ALLES NUR EINBILDEN, UM AUFMERKSAMKEIT ZU ERHEISCHEN, DA SEI NICHTS GESCHEHEN??!!! ZUGLEICH ABER AUCH, DASS ES AM BESTEN WÄRE, ICH BRÄCHTE MICH UM!! ZUM WOHLE ALLER!!!…

Mein Gefühl sagt mir, wegen den letzten Tagen am Video bereits den ganzen Juni verpasst zu haben. Bald wäre Sommersonnenwende, und dann ohnehin die Hälfte des Jahres vorbei und somit ALLES hinfällig, verpasst, tot.
Augenblicklich wie hier drinnen im Haus gefangen. Warum fahre ich nicht hinaus? Heute scheint die Sonne wieder, ist es draußen doch so schön. Als wir von unserem Einkauf zurückkamen, kaum war ich dem Auto entstiegen, präsentierten sich mir wie bestellt gleich zwei wunderschöne Insekten, wie auf dem Präsentierteller, direkt vor mir. Letzteres war ein Trauerfalter, der sich nun wunderschön den Brombeerenblättern niederließ und filmen ließ.
Bereits da packte mich die Wehmut. Aber ich ziehe keine Konsequenzen draus (schon wieder nicht), denn ich hatte ihn ja gebeten, mir Tee zu machen.
Morgen soll es schön werden. Sommerliche Temperaturen. Ich freue mich jetzt schon auf die geschwollenen Beine. Und einen weiteren Tag mit der Auseinandersetzung, wann ich mich wieder verletzen muss…

10. Juni 2018, Sonntag „Die Heimkehr wie ein Bombeneinschlag!!“

13:53
Womit fange ich an, wie soll ich dieses Chaos einigermaßen in Zaum halten, wenn ich doch bei jedem dritten Wort bereits eine Denkpause benötige, mich ausschalte, dissoziiere? Hätte ich im Haus bleiben sollen, nicht raus ins grüne Überangebot an Leben?

Verspätet diesen Tag beginnen wie eigentlich jeden anderen auch, um irgendwo Struktur zu finden: Mit Magenschmerzen und zitternden Knien stand ich um 12:15 Uhr auf der Waage, stellte mich meinem eigenen Scharfrichter, und hatte… Glück?
56,8 Kilo.
Was habe ich mich verachtet, wie fett mich selbst empfunden, ganz zu schweigen von dem, was ich im Spiegel sah. Aber nun genug, für Selbstbeschimpfung Hasstiraden bleibt immer noch genug Zeit. Dafür, dass ich die ganze Reise über mich eigentlich an keinen einzigen Traum erinnern konnte, wurde ich mit nächtlichen Bildern seit vorgestern regelrecht überschwemmt!!! Heute Nacht, ich kann sie nicht mehr zählen! Erst recht kaum beschreiben, wie heftig die psychosomatischen Symptome hinterher!! Das Herzrasen, die Angst!!

Von 7. auf 8. Juni 2018
Mit dem Traum von Donnerstag auf Freitag beginnen. Keine Notizen, lediglich eine kurze Sprachaufnahme auf der Videokamera. Ob ich daraus das Puzzle wieder zusammensetzen kann, bleibt offen.

Die Tonspur starten… Sebastian und ich schliefen nackt unterhalb meines ersten „sicheren Ortes“, meinem Hügel, auf der dunklen Wiese in einer Mulde. Beide waren nackt, aber man konnte uns von der Straße aus nicht sehen, wie zwei schwarze Gestalten, die mit der schwarzen Wiese verschmolzen. Aber auch lagen wir sehr nahe am alten Bauernhaus von Herrn Hirtenfelder, und der alte Mann musste etwas gehört haben. Im Haus ging überall Licht an, es rumorte, man konnte ihn poltern hören, schimpfen, er suchte etwas. Wir schlichen ums dunkle Haus herum, bis er zumindest mich entdeckte, und er hatte eine geladene Schrotflinte in der Hand. Da tauchte plötzlich von hinten eine Dame auf, Typ Tina oder innere Helferinstanz, und korrigierte meinen soeben ausgesprochenen Satz, meine Entschuldigung, und tischte dem alten Männchen irgendeine Geschichte auf, die er prompt glaubte. Er packte die Waffe weg und ging zurück in sein Haus. Die Frau verschwand.
Sebastian und ich kletterten den Hügel hoch. Allmählich wurde es hell. Beim Scheinwerfer von jedem einzelnen Auto duckten wir uns, aber alsbald würde man uns beide nackt dort oben sehen können. Oben auf dem Hügel war plötzlich eine Hütte, ein kleines Gartenhäuschen, wie ich es als Kind hatte. Nur proportional viel größer. Ich meinte mich im Traum zu erinnern, mit meinen beiden letzten Freundinnen lauter Material von unserem Hausbau dorthin geschleppt zu haben, um den Schuppen aus lauter Einzelteilen zusammen zu basteln.
Geschah es an diesem Punkt? Ich sah, ich hörte einen riesengroßen, bösartigen Hund, der mehr einem Werwolf glich, auf mich zu rasen. Sein gieriges Hecheln, das hinab Tropfen seines Geifers. Ich stellte mich tot, in die noch dunkle, aber allmählich von der Morgendämmerung feuchte Wiese gepresst wie ein verängstigtes Kaninchen!! Er war mir ganz nah, direkt vor mir, zwischen uns lediglich ein dünner Schleier aus Nebel. Er war so riesig und ich ein schutzloses kleines, nacktes Kind… Doch dann ein Aufblitzen in seinen gefährlich funkelnden Augen!! Jetzt war mir klar: „In der nächsten Sekunde stürzt er sich auf mich und wird mich zerfleischen!!! Es/er wird mich töten!!!“…

Atemnot. Panik. Herzrasen. Ich verwehrte mir Luft zu holen. So angestrengt, dass ich in Trance fiel. Ich dissoziierte. Scheinbar hielt ich damit aber die Zeit an. Dieses Gefühl während einer Dissoziation, dass um mich herum die Zeit plötzlich viel langsamer ablaufen würde, setzte auch nun ein. Ich sah das Monster in Zeitlupe zum Sprung ansetzen, wie es sich auf mich stürzen würde, zugleich der Gedanke, würde ich nun so wach werden, auch am Tag sterben zu müssen. Der Wolf flog, flog mir entgegen, dabei immer langsamer werdend…
Und ich? Duckte mich weg, bewegte mich zur Seite…
Er sprang ins Nichts!!! Für einen Augenblick erwachte ich, heilfroh, die Gefahr gebannt zu haben. Und träumte weiter…

Nun das Absurde: Plötzlich war er zahm, ein ganz lieber, freundlicher Streuner. Da waren irgendwelche Wildtiere, waren es Igel oder Gänse? Sie alle verschanzten sich in meiner Hütte. Der Hütte auf dem Hügel, der für mich ein sicherer Ort war als Kind. Aber nun kam irgendjemand aus Richtung Gasthaus quer über die Wiese, teilte mir mit, man verlangte nach mir. Ich sollte die Hütte zurückgelassen.
Ein Sturm, ein heftiger Windstoß!! Die Hütte wurde fortgeblasen, zu diesem Zeitpunkt stand ich unter dieser am Hang. Sie stürzte über mich hinweg und so haarscharf an mir vorbei; beinahe hätte sie mich erschlagen. Wieder Herzrasen, wieder Panik. Aber ich half dabei diese -nun einmal umgestülpt- wieder aufzustellen, etwas weiter unterhalb vom Hügelgipfel neu zu befestigen, zu verankern. Nun konnte man die Hütte vom Gasthaus nicht mehr da oben thronen sehen, sie versteckte sich sozusagen hinter meinem sicheren Ort. Die Tiere zogen wieder ein und auch irgendwelche Flüchtlinge. Unten an der Straße um den Hügel herum ging die Polizistin, mit der ich damals 2012 bei meiner Ausstellung im Dorf Kontakt hatte. Weil sie in meinen Bildern etwas Eindeutiges zu erkennen glaubte. Ich wollte ihr Fragen stellen, rief immer wieder hinunter und sie zu mir zurück hinauf, während ich langsam den Hügel hinabstieg.
Als wir unten auf halbem Wege aufeinandertrafen, sah sie und erkannte auch ich selbst eine riesengroße Beule auf meiner Stirn, mein Gesicht blutverschmiert. Aber zu Hause, im Gasthaus wurde das beflissen ignoriert. Oder keiner konnte es sehen. Irgendeine Festivität, meine Mutter kochte hinten auf der neuen Terrasse, die erst nach meiner Kindheit gebaut worden war, für mal eben 100.000 Menschen. Wir gingen an ihr vorbei, ich wollte mit der Polizistin in mein Kinderzimmer, um dort bestimmte Fragen zu erörtern. Aber wir kamen nicht so weit. Sie meinte plötzlich, gehen zu müssen. Ich sah sie durch das Gasthausfenster vorne auf dem Parkplatz stehen, und die ganze Szene machte den Eindruck, als sei sie ein ungebetener Gast, der das Haus nicht betreten dürfe. Als hätte sie es nie betreten. Keine Antworten, keine Fragen besprochen. Aber stattdessen hat sich meine Mutter ebenfalls einen neuen Termin bei ihr geben lassen: „Ich muss ja wissen, worüber ihr geredet habt!“.

Jetzt folgt noch ein zweiter Traum, von dem ich bereits nichts mehr wusste. Ebenfalls gleiches Datum.
Mit irgendwem war ich unterwegs. War wohl noch Kind oder Teenie. Dann war ich allein, wohl oder übel erwachsen und fuhr mit zwei großen Fahrrädern, einem roten elektrischen Kinder-Cabrio und meinem Rollator. Die Bundesstraße runter in Richtung Königsdorf durch den Wald, unten in die pannonische Ebene hinein, drehte dort wohl eine Runde und fuhr denselben Weg die Bundesstraße zurück. Zuvor hatten ja noch Freunde oder irgendwelche Bekannte (allesamt erwachsen) die Fahrräder gefahren. Aber nicht nur dass ich nun mit diesen ganzen Gerätschaften alleine war, etwa 1 km bevor der Wald beginnt, bevor es den Hügel hoch geht in Richtung Gasthaus, begann es zu der man. Das Unternehmen sollte doch ein positiver Start sein, ein gutes Zeichen, wieder zu trainieren, mein Leben selbst in die Hand zu nehmen, der MS etwas entgegenzusetzen. Und dabei schien ich nun allem Anschein nach die Zeit aus den Augen verloren zu haben. Es konnte ja wohl kaum Absicht sein, dass jemand am Himmel das Licht ausgeschaltet hat, oder…?
Spätestens am Wald, an der Steigung angekommen, war zappenduster. Ich hatte keine Beleuchtung an meinem Rollator. Mein Handy funktionierte nicht. Ich musste mich, musste meine Ängste überwinden und irgendjemanden anhalten, um um Hilfe zu bitten. Da kam mir ein Wagen, voll gestopft mit jungen Leuten, entgegen, hinten dran ein Anhänger und sie wollten mich sofort aus meiner misslichen Situation befreien. Denn ich allein, in dem dunklen Wald, der Bundesstraße, wo uns doch damals, als ich 16 war und den elfjährigen Nachbarsjungen dabei hatte, jemand einpacken wollte… Und das aber am helllichten Tag!!!… Wie gefährlich würde es dann nachts für mich als hilfloser Krüppel, erst recht weiblichen Geschlechts sein??
Sie packten die ganzen Fahrräder und das Kinderauto auf den Anhänger und fuhren nun aber in die entgegengesetzte Richtung, zurück in die Ebene, zurück zum Bach und dann zum Fluss.
Wir bogen rechts ab, in den kleinen Güterweg den Fluss entlang. Aber da war kein Asphalt mehr! Stattdessen ringsum nichts als Mais!!! Mannshoher Mais!! Dort hinein geschlagen eine schmale Schneise. Ich war zu Fuß. Hatte ich einen Stock? Keine Straße, kein Asphalt, und dennoch rasten permanent Autos an mir vorbei. Ich musste unaufhörlich links oder rechts tiefer in den Acker hinein klettern, um nicht überfahren zu werden. Was sehr beängstigend war, und erst recht nicht darauf vorbereitet, auf was ich scheinbar in der Mitte vom Acker stieß: Da war ein Guru!! Eine Mischung aus Markus und einem Osteopathen, zugleich Esoteriker und Sektenführer einer Art Hare-Krishna-Vereinigung, die es sich zur Aufgabe gemacht hatte, Krankheiten auf den Grund zu gehen und diese zu heilen. Er war soeben dabei auf der anderen Seite von dem seltsamen Pfad einen Tempel zu errichten. Eine Aztekenstatue war bereits zu sehen. Es sollte ein Zentrum der Heilung werden. Und dann kam ich gerade um die Ecke, das perfekte „Opfer“ oder der perfekte „Nutznießer“? Kaum hatte er mich in seinen Fängen (das klingt so negativ, soll es aber gar nicht… alles war nur irgendwie seltsam), begann er mich zu analysieren. Erst schossen seine Assoziationen ins Leere. Aber dann hat er mich wohl berührt! „Du musst unbedingt nach Wien!! Da gibt es seit einiger Zeit eine Heilung für deine MS!!!“.
Völlig paradox, wie ich nun reagierte! Ich brach in seinen Armen förmlich in mich zusammen! Konnte mich nicht mehr auf meinen Beinen halten! Ich weinte! Dann schrie ich laut!! Lauter und lauter: „ICH DARF NICHT GESUND WERDEN!!! ES DARF MIR NICHT GUT GEHEN!!! DAS DARF ICH MEINEN ELTERN NICHT ANTUN!!!“; lauter und lauter, als könne ich mich damit selbst bereits vernichten. Ich riss mich los. Weg, nichts als weg!!! ICH MUSS STERBEN! ICH MUSS MICH UMBRINGEN! ANSTATT GESUND WERDEN ZU DÜRFEN MUSS ICH MICH UMBRINGEN!!!…
War es auf dem Weg zum Guru oder auf der Flucht von diesem? Während ich ständig den Fahrzeugen ausweichen musste? Zudem sei auch noch erwähnt, da patrouillierten lauter Soldaten. In meinem Schädel manifestierte sich die Angst, beobachtet zu werden, schon die ganze Zeit, zudem konnte ich mich kaum noch bewegen, kam kaum vom Fleck. Irgendwer könnte mich weiter in den Acker hineinschleifen. Damit er mich dort vergewaltigt. Die Angst nicht abschütteln könnend, redete ich sie mir schön, ganz pragmatisch: „Dann habe ich es wenigstens ENDLICH hinter mir! Niemand kann mehr sagen, ich wurde nicht missbraucht. Wenn er mich dann auch noch umbringt, umbringen sollte… Auch gut…“.
Szenenwechsel. Wieder stand ich am Beginn des Waldes. Bereits ein paar Schritte die Bundesstraße hoch in diesen hinein. Aber es war helllichter Tag. Das Licht wieder angeschaltet. Ich saß auf einem Fahrrad. War erwachsen, der Drahtesel normal. Aber hinter mir stand meine Mutter und hielt mich fest. „Lass mich los!“, und ich trat in die Pedale -ich schüttelte sie ein Stück weit ab. Dann stand mein Vater hinter mir. Sie hatte zu ihm gesagt, er solle dann eben die Aufgabe übernehmen. Die „Aufgabe“? Er hielt mich wie ein Vater, der seinem kleinen, ungeschickten und dummen Kind das Fahrradfahren gerade erst beibringt. Auch davon riss ich mich los, ich wollte nicht, dass er mich berührt, und Sebastian sagte nur (wie am Morgen nach der Geburtstagsfeier bei seiner Oma, als mir diese beim Schmieren einer Stulle helfen wollte): „Sie will das alleine machen! Lasst sie! Sie wird dann schon um Hilfe bitten!“.

Mittlerweile ist es 15:16 Uhr! Für zwei Träume in einer Nacht! Die abschließende Korrektur, das Überfliegen noch nicht einmal eingeschlossen! Ich bewege mich überhaupt nicht, alle möglichen Stellen an meinem Körper beginnen zu schmerzen. Mittlerweile mit einer dicken Schicht Weidensamen dekoriert, unfähig, auch nur die Maus zu betätigen. Und doch: Es bedurfte lediglich kleinster Stichpunkte, um die Träume wieder aufrollen zu können. Erstaunlich.

Heute Nacht im Traum ein Filmchen nach dem anderen. Unklar, ob ich meine nächtlich festgehaltenen Hieroglyphen überhaupt entziffern kann… Ganz abgesehen vom stumpfen Buntstift und bei Traum zwei der plötzlichen Komplettlähmung meiner Rechten.
Ein Zettel fehlt und ich kann nicht denken. Da helfen die restlichen Teile auch nicht, um den Anfang aus der Versenkung auftauchen zu lassen… Oder?

Ich machte Therapie mit Markus. Per Computer, per Tablett, per Haustelefon. Ich wohnte im Gasthaus und saß im alten Wohnzimmer. Aber ständig kam irgendein Gast herein oder von draußen hörte ich jemanden laut schimpfen. Da war keiner, der aufpasste, der bediente. So sah ich mich gezwungen immer wieder unter Flüchen meinerseits hinter die Theke zu gehen und Leute abzufertigen. Eine Störung folgte nach der anderen. Aus irgendeinem Grund (vermutlich wollte ich Sport machen) ging ich mit dem Telefon in der Hand durch die Hintertür, quer durch den Garten, während Markus immer wieder in Monologe verfiel, die nichts mehr mit mir zu tun hatten, einem falschen Pfad folgten, Tatsachen verdrehten. Ich wurde immer zorniger, wütender, verzweifelter. Mir war ohnehin längst alles zu viel!!! Mir wuchsen meine unzähligen Träume über den Kopf, von denen ich noch keinen einzigen diktiert hatte, sowie mein Video, das Bild, das Malen allgemein…!!!! Entweder wollte ich mich umbringen oder einen radikalen Bruch geschehen lassen!!! Ich schrie, in den Hörer hinein, während er redete und redete, wie eine Wand und nichts von all meinem Geschrei hörte. Er kam zu keinem Ende, keine Atempause!! Dementsprechend brüllte ich immer lauter! Zudem nebenher immer noch unterbrochen von anderen Leuten, die meinen Weg kreuzten. Ich kletterte unten über den Zaun, wie damals immer als Kind, runter zum Zebrastreifen, überquerte die Straße, die Bundesstraße entlang, wieder in Richtung Königsdorf. Zumindest bis zur Einfahrt von mehreren Häusern. Dort wohnte nun Petra, meine Freundin aus Kindertagen und Schulkollegin. Sie stand einfach an der Straße und machte mir Vorwürfe. Währenddessen immer noch Markus in der Leitung. „Was fällt dir ein? Du hast mein Leben ruiniert! Wie kannst du nur solche Sachen, solche Unwahrheiten über mich bei Facebook verbreiten?!! Du bist das Letzte! Ich werde das Gleiche auch mit dir machen! Mal sehen, wie sich das für dich anfühlt!“. Ich war irritiert, konsterniert und zugleich fiel mir etwas ein. Hatte mir Sebastian nicht in diesem Traumuniversum zuvor davon erzählt, seit Tagen würden Facebook-Profile gehackt, millionenfach, und hatte es nicht auch seines erwischt? Wie lange habe ich meine Seite schon nicht mehr angesehen? Wer weiß, was dort passiert! Und davon versuchte ich sie nun zu überzeugen, aber es dauerte, ehe sie zustimmte, mit mir nach Hause ins Gasthaus zu gehen. Wollte ihr dort meinen Verlauf zeigen, dass ich definitiv seit Monaten nichts mehr mit Facebook zu tun gehabt hätte. Wieder zurück im Wohnzimmer meinte Markus wohl zu mir, er sei so schwer krank, er hätte im wahrsten Sinne des Wortes einen Genickbruch und könne die Sitzungen nicht weiterführen. Ob ich dafür Interesse hätte, mit seinem Kollegen einen Versuch zu starten. Ich willigte ein und war erst recht erstaunt, als ich zu hören bekam, wer denn dieser ominöse Kollege sei: „Lamictal! Die nächste Zeit nimmst du jeden Tag 40 mg, schlimmstenfalls mehr!“.
Da war Schluss mit aller Freundschaft: „GANZ SICHER NICHT!! ICH FRESSE KEIN ZEUG, DAS MICH WIEDER FETT WERDEN LÄSST!!!“. Er versuchte mich noch zu überzeugen, aber ich wollte einfach nicht mehr. Vermutlich wollte ICH es sein, die die Therapie abbricht. Und nicht Diejenige, die vor die Tür gesetzt wird!
Wieder wird es absurd: Meine Mutter war nicht begeistert, dass ich nun keine Therapie mehr machen würde. Oder war es schlichtweg der beste Moment, um das Ruder an sich zu reißen? Sie redete auf mich ein, wollte mich beinahe zwingen, zu dem Therapeuten zu gehen, den sie selbst kennen würde. Irgendein Bekannter wäre bei diesem bereits in Behandlung. Natürlich nicht zu vergessen, dass sie das ALLES selbstverständlich bezahlen würde!!! Das Kleingedruckte ließ sie aus. Dass sie dann auch die Kontrolle über die Therapie, den Therapeuten und erst recht über mich hätte.
Vehement lehnte ich ihr Angebot ab! Das passte ihr gar nicht. Und so kam es, wie es kommen musste: Ablenkmanöver! Ich war soeben aus irgendeinem Grund am ekelhaften Kühlschrank in der Gasthausküche zugange. Vermutlich wollte ich mir etwas zu essen rausnehmen, kam aber nicht so weit. Lauter abgelaufene und erst recht unbeschriftete Lebensmittel „aus der Vergangenheit“. Ich sah mich gezwungen ihn auszuräumen. Mehr und mehr vergammelte Lebensmittel stapelten sich oben auf der Arbeitsplatte. Und an irgendeiner Stelle bemerkte ich dann, dass dort (egal wie unlogisch das war) eine Flüssigkeit auslief. War es Öl? Stinkendes, ranziges und erst recht total dreckiges Öl?! Ich kam an die Stelle nicht heran, aber es lief und lief unaufhörlich aus dem Elektrogerät, durch die Dichtung der Tür, auf den nicht minder ekelhaften Plastikboden, um schlussendlich unter den Kühlschrank zu laufen und dort weiß der Himmel was zu machen!!! Eine Verschwörung?! Ein besudeltes Geheimnis horten, komme was wolle??!!! Weil „man“ weiß, dass ich drunter NIEMALS nachsehen würde? Weil mir davor viel zu sehr ekelt???!!!
Sie war also nicht begeistert. Viel schlimmer noch: Jetzt wollte sie meine Aufmerksamkeit! Meine UNGETEILTE Aufmerksamkeit und erst recht mein schlechtes Gewissen!!
Draußen hinter der Theke stand nun die Brotmaschine. Ich hörte, wie das Gerät einmal betätigt wurde. Einen Schrei, der eher einem Lachen glich, und noch eine zweite Betätigung. Dann kam mir meine Mutter aus dem Gastzimmer in die Küche entgegen gelaufen. Sie hielt mir den rechten Zeigefinger hin. Davon fehlte die Hälfte! Oben ragte wie aus dünnem, weißem Gummi ein falscher Fingerknochen heraus, der bei jeder Bewegung wackelte. Als sei das ein Comic!! „Angeblich“ ein Unfall. Warum aber dann dieses Verhalten? Sie begann zu schreien und das Blut spritzte aus der Wunde. Spritzte mir direkt ins Gesicht. Sie hing plötzlich auf meinem Rücken wie ein kleines Äffchen, das Blut besudelte mich weiterhin von oben bis unten, erst recht meine Visage. Konnte kaum noch was sehen, nicht sprechen, ich würgte unentwegt. Meinen Vater sollte ich holen. Der war draußen irgendwo und mit Holzarbeiten (???) beschäftigt. Völlig abgedreht! Auch fällt mir jetzt ein, dass diese Holzarbeiten mitunter der erste Störfaktor meiner Sitzung mit Markus gewesen sein müssen! Ich fand ihn und rief ihm zu, dass er seine Frau ins Krankenhaus bringen müsse. Aber selbst er sah nur mein beschmiertes Gesicht und lachte laut…

So wird es 15:58 Uhr, ehe ich mich dem letzten und vielleicht auch wichtigsten Traum widmen kann! Zudem sind die nächsten Wortbrocken auf den winzigen Zetteln noch unleserlicher. Als ich nach dieser Traumsequenz erwachte, war ich völlig unfähig einen Stift überhaupt zu halten. Die Hand ließ sich nicht öffnen, noch etwas umklammern. Der Arm wie tot.

Wie alles begann, weiß ich nicht mehr. Lediglich dass aus dem Treffen meiner Eltern auf zuvor schon erwähnter Terrasse plötzlich eine Art Talkshow wurde, meine Mutter der Moderator. Ich zu diesem Zeitpunkt noch in dem Raum, in dem immer die Spielautomaten standen. Doch als ich ihn verließ, über die kleine Seitentür, stand ich dort auf der Terrasse und sah meine Mutter, meinen Vater und einen mir scheinbar noch unbekannten alten Freund von ihm sitzen. Im Traum wurde er Panzer genannt. Im Traum war er aber ein alter Stammgast vom Gasthaus, der meine Kindheit (nicht negativ) begleitet hat. Und Panzer in der Tat der Spitzname eines anderen Gastes. Aber eben im Traum machte alles Sinn. Mir fällt nur nicht mehr ein, wie er damals hieß. Und spätestens jetzt beim Diktieren bin ich mir auch nicht mehr sicher, ob ich ihn nicht mit dem Sänger der EAV verwechsle, es diesen Gast nie gegeben hat.
Die drei saßen da, mit Blick zu mir, als säße ich auf der Anklagebank. [….] Da ergriff sein alter Jugendfreund aus Zeiten vom Autocrash die Sprache: „Als du klein warst, Bianca, da war eine Feier. Ich hatte in meinem Penis vorne drin einen Eiswürfel stecken, den ich selbst nicht mehr raus bekam…“.
Als ob das das „NORMALSTE“ der Welt gewesen wäre! Ich sah ihn auch bei dieser Party, nackt (zumindest unten rum) dastehen, sah den Würfel aus der Öffnung seiner Harnröhre hervor glitzern.
„Dann kamst du, hast zu mir gesagt, dass du ein braves Mädchen bist und mir helfen möchtest. Dass du viel kleinere Finger hättest und das kein Problem sei.“.
Ich sah mich als kleines Kind. Ich hatte wohl ein Kleidchen an, ein sehr kurzes Kleidchen, vielleicht war ich auch gerade mal vier oder fünf, und ging auf ihn zu…
Er fuhr fort: „Da hast du den Eiswürfel aus mir raus geholt, ihn dir einmal genüsslich in den Mund gesteckt, einmal sauber geschleckt, mit deiner Zunge wohl die Kanten abgerundet und ihn zurück in meinen Penis geschoben.“.
Ich sah mich dort stehen, als Kind, mit einem zufriedenen Lächeln auf den Lippen, als hätte ich soeben von der köstlichsten Köstlichkeit der Welt gekostet!
Darauf er, mit strengem Blick: „Hast du gehört? DU warst das! DU GANZ ALLEIN! NIEMAND hat zu dir gesagt, du sollst das tun! Niemand!!“; und er schüttelte noch traurig den Kopf, zugleich entsetzt über meine Schlechtigkeit. [….]
So oder so ähnlich. Die Parteien erhoben sich und gingen weg. Ließen mich allein. Lediglich meine Mutter sagte irgendetwas von wegen „das nächste Missbrauchsopfer in meiner Sendung“. Was aber nicht darauf schließen ließ, ob sie jetzt auf meiner Seite war oder nicht.
Ich erwachte voller Grauen. Atemlos, mit Herzrasen, mir war schlecht, speiübel. Aber zugleich auf der Zunge der Geschmack vom Eiswürfel… Undefinierbar. Als hätte auch meine Zunge dissoziiert. Und ein leckeres Fruchteis daraus gemacht? Oder lediglich die Kälte abgespeichert?

Es ist 16:26 Uhr. Ich muss mich erst abschütteln, um ins Haus gehen zu können. Und wie ich mich kenne, haben all diese Träume morgen spätestens keine Bedeutung mehr…

19:11
Die Korrektur frisst etwa eine weitere Stunde. Kaum vor dem Notebook Platz genommen, begann für die Stechmücken das große Festmahl. Noch einmal zurück ins Haus, ein Räucherstäbchen angesteckt und mitgebracht. Dieses hat mich bis jetzt in einer Rauchwolke verhüllt; keine einzige Belästigung folgte. Ich bin weit weg von den Träumen. Alles, woran ich mich augenblicklich aufhänge, sind Unordnung und Dreck im und ums Haus. Der Ischias schmerzt, der Rücken schmerzt, Nacken und Schultern völlig verspannt und ich darf wohl froh sein, gestern bei der Heimfahrt den größten Teil mit dem Kopf auf dem Tisch verschlafen zu haben. Kein Wunder! Die Nacht davor -wenn überhaupt- wenige Minuten geschlafen und morgens eine dreifache Dosis Tramal konsumiert. Meine Fresse, was war ich zugedröhnt! Stand regelrecht neben mir. Was äußerst angenehm war, erst recht in Hinsicht auf die ganzen Pannen, Ausfälle, die jedes Mal neue Verspätungen nach sich gezogen haben. Die Zugfahrt begann ja bereits mit 70 Minuten Verzögerung. Unterwegs wurden es weniger. Viel weniger. Wieder ein bisschen mehr. Ein bisschen sehr viel mehr. Vorletzter Stand waren 80 Minuten… Um am Schluss eine ganz andere Linie zu nehmen und sogar 1 Stunde früher als geplant zu Hause zu sein. Sebastian ein wahres Nervenbündel. Ich wirkte im Gegensatz dazu regelrecht stoned.
Die ganzen Angstzustände, die überschäumende Panik, in Hinblick auf die Heimreise und erst recht Ankunft zu Hause, waren zum Glück (bis jetzt) Schall und Rauch. Aber wer weiß schon, was noch kommt? Der linke Unterarm oberflächlich verheilt. Zurückgeblieben dunkelrosa Striche, hundertfach, akkurat nebeneinander und zugleich sich -teilweise nach Anarchie rufend- kreuzend. Eine schöne Fläche für das nächste Schlachtfeld.

Meine Haare müssen gewaschen werden. Vielleicht gehe ich noch ein paar Schritte, bevor ich dem Abend den Rücken kehre. Als wir gestern irgendwann vor 22:00 Uhr nach Hause kamen, ums Haus herum alles voll mit Glühwürmchen… Es war so schön, so ein beinahe Freude auslösender Empfang… Bis Martha auftauchte und nun mit dem anderen Bein stark humpelte…

Vielleicht noch eine kurze Zusammenfassung: Meine Hände sind unbrauchbar. Meine Beine dick geschwollen. Ich werde nicht malen können. Und erst recht froh sein müssen, die Maus und vielleicht noch die Tastatur so weit betätigen zu können, um ein wenig mit dem Video voranzukommen. Die Kamera zu halten ohnehin nichts als Utopie, und die Frage, ob das nun alles der Hitze geschuldet ist, mitunter dem Durchfall, den Strapazen der Reise, ob ich einen Schub habe oder alles nur psychisch…

21. Mai 2018, Pfingstmontag

20:04
Kaum die Überschrift korrigiert, setzt Panik ein. Mein eigenes Tagebuch löst in mir Ängste aus. Schöne Grundvoraussetzungen.

Ich will nicht unerwähnt lassen, wie mein gestriges Gewicht die Tageslaune einigermaßen beeinflussen konnte. Nachts ein ganzes Furosemid… Morgens der Beutel am Bersten, vor der Explosion. 57,9 Kilo um 8 oder so. Aber die körperlichen Defizite holten auf, holten mich bereits vormittags ein, hatte nicht einmal 1 Stunde Malen geschafft, lediglich 45 lachhafte Minuten. Dieses so inflationär missbrauchte „NICHTS ging mehr“ kam zum Handkuss. Die Zahnbürste nicht im Mund halten können. Den rechten Arm immer weniger und weniger und noch weniger heben können.
Es kam zu mehreren Eskalationen, mit irgendwelchen Gegenständen, mir und meinem Täterintrojekt…

Du beschissener Krüppel!!! Stirb endlich!!!

Kann nicht zählen, wie oft er das wiederholt hat, und sei das Missgeschick noch so lächerlich und unscheinbar gewesen. Er zeichnet mir eine düstere Vorschau auf eine Zukunft, die ich eigentlich nicht habe.
Wieder brach ich zusammen, in Sebastians Gegenwart, sprach davon, so nicht leben zu wollen. Seine erste Reaktion: er rannte weg! Als er dann wieder neben mir stand, begann ich zu weinen und brüllte ihn vermutlich an, nachdem er geäußert hatte, eben nicht zu wissen, wie er da drauf noch reagieren soll: „Hör auf, davonzulaufen und halte mich zumindest ganz fest!…“

Heute über 2 Stunden Psychoanalyse. Die zwei Tage Pause war unbedingt notwendig. Erst recht, was die Träume betraf. Dabei den meisten Müll der zurückliegenden Nächte nicht einmal festgehalten. Es erscheint nur so wichtig, aber eben noch wichtiger, mein Überleben bis zum Abend hin garantieren zu können, UNBEDINGT aus dem Haus flüchten zu müssen, rein in die Natur, mich von dieser ablenken lassen… Und da geht die nächste Scheiße los: Die Kamera nicht mehr halten können. Aufnahmen misslingen, brauchen viel zu viel Zeit, das Objekt der Begierde währenddessen längst verschwunden, kurzfristige Clips, um spontan auf spontanes Auftauchen eines Tieres zu reagieren, kann ich mir in die Haare schmieren. Mich heute gar nicht erst an die Leinwand gesetzt.

Draußen sein… Das scheint DIE essenzielle Überlebensstrategie dieser Tage!!
Wie oft wanderte das Notebook mit nach draußen, und blieb verwaist?

Der Traum von vor einigen Tagen:
Am Schluss der Reise, der verzweifelten Suche auf all diesen unterschiedlichen Zugängen und Wegen, kam ich ja in der kleinen Wohnung meiner Oma in Graz an. Diese hatte zusammen mit ihren ganzen Ärztebekanntschaften beinahe einen Kinderpornoring betrieben. Als meine Mutter und deren Schwester die Wohnung nach Omas Tod ausgeräumt haben, fanden sie im Traum eindeutige Fotos von diesen perversen Treffen. Da hätte man einige Würdenträger locker ins Messer rennen lassen können. Und das Opfer? Das war wohl ich.

Aber was machten die beiden? Sie verbrannten die Fotos und schworen sich, nie wieder darüber zu sprechen. Erst recht mir gegenüber, NIEMALS ein Wort darüber zu verlieren!!

In dem Traum von Samstag auf Sonntag war das Gasthaus ein einziger Sündenpfuhl! Das war keine ländliche Gaststätte mehr, es glich eher einem verruchten Puff. Da trieb es jeder mit jedem.
Bei einer Rückblende sah ich meine Mutter, als sie noch ganz jung war. Sie sang vor dem Publikum und hatte eine grandiose Stimme. Ich wunderte mich nur, warum sich diese dann so stark verändert hätte. Und ganz abgesehen davon, den Rest vom Traum bereits vergessen zu haben, kann ich wenigstens noch die eine Frage retten, die ich mir ebenfalls gestellt habe, während ich schlief: „Da, aus diesem von Orgien zehrenden Hort, soll ICH allen ernstes heil rausgekommen sein?? Schwer vorstellbar!“. Da war noch mehr, vielmehr, aber…

Was ABER? Wie immer, keine Zeit? Oder vielleicht doch die innere Protestbewegung gegen das Aufdecken des Traumas? Warum zum Henker benutze ich nicht das neue Diktiergerät, unverzüglich nach Erwachen in so einem Traum?!

Hinter mir ruft der Kuckuck, oben am Waldrand, und zu meiner Rechten singt in der großen Esche die Singdrossel. Unterwegs hielt ich vor einem überfahrenen Rosenkäfer, dabei plumpste mir der Hut vom Schoß. Die Dame, die soeben vorbeifuhr, hielt unverwandt, stieg aus dem Auto an und fragte, ob sie ihn mir wieder aufheben soll.

Wie nett…

Kurz vor Ende meines Ausflugs traf ich unten bei der Nachbarin Spaziergänger. Einer der beiden mit Kamera und er auch an meiner interessiert, was ich damit machen würde. Ein Gespräch entfachte, ich zauberte eine meiner Visitenkarten aus der Bauchtaschen, unterhielt mich noch ein bisschen und fühlte mich unverzüglich BESCHISSEN. Die letzten 400 m nach Hause eine Dauerbeschallung in meinem Schädel…

Du narzisstische Sau!! Dass du dich immer noch nicht schämst!! Das gerade war nur peinlich! Weil DU peinlich bist!!!…

Nun singt hinter mir auch noch eine Amsel. Mein linkes Bein krampft, bereits seit mindestens einer Stunde. Zu der Therapie und Erläuterungen zum großen Traum zuletzt, erst recht die Entschlüsselung der kindlichen Zeichnung… Ich habe nicht die Zeit, zumal ich den größten Teil davon ohnehin nicht veröffentlichen dürfte.

Mein Körper schmerzt. Es auf dem Rollstuhl nicht mehr aushalten und hier draußen wird es kalt. Zuvor noch, vor 2 Stunden Sebastian um eine kleine Tablette aus meiner Dose gebeten, die ich selbst nie herausbekommen hätte, um sie mir nach den Worten „Na und? Andere betrinken sich!“ in den Mund stecken zu lassen und dann noch hinzuzufügen: „Ich will diesen Körper, DIESEN Zustand nicht spüren müssen!…“. Aber vom Temesta kaum etwas wahrgenommen…

Denn… HALLO?! Ich vermag nicht einmal mehr den Zeigefinger zu strecken, um in meiner Nase zu bohren!! Wie viel tiefer soll es denn noch gehen?…

16. Mai 2018, Mittwoch „Alles läuft schief…“

09:13
59 Kilo um 6:45 Uhr. Seit ich hier am Computer sitze, entgleitet mir alles. Nach dem Frühstück ein Räucherstäbchen angesteckt, wollte doch eigentlich nur nachsehen, wie diese bei den Ingredienzen angeführte „Champa-Blüte“ aussehen soll. Da waren noch unzählige Registerkarten offen von gestern, von der letzten Suche nach Benzos? Bleibe erst einmal wieder bei dem Artikel hängen, sehe die Auflistung von diversen Wirkstoffen, Untergruppen, Narkosemitteln. Von dort aus weiter gesucht, mit Hauptaugenmerk auf eben Narkotika. Ganz wichtig: Überdosierung. Von dort aus weiter zum Sänger von Linkin Park, zum Sänger von Soundgarden, während die Zeit weiter und weiter läuft. Erst ganz am Schluss sehe ich mir das Gewächs an.

Als ich dann endlich die nötigen Fotos und die Stoppuhr öffne, funktioniert letztere nicht mehr. Das war doch bereits gestern so… Die nächsten 10 Minuten verstreichen, ehe ich sie wieder vermeintlich hergestellt habe. Aber aus den Einstellungen ausgestiegen, übernimmt er diese nicht aufs Programm. Den Computer neu starten, Trommelwirbel… Pustekuchen. Zu allem Übel scheint auch noch die Sonne zum Vorschein zu kommen. Natürlich bin ich von gestern noch ordnungsgemäß bedient; musste nachts mit dem Rollstuhl ins Bett fahren, konnte keinen Fuß mehr vor den anderen setzen, und ebenso morgens mit meinem schwarzen Ferrari ins Bad und dann ins Wohnzimmer kullern. Die Vernunft gebietet, diesen Rausch nun mindestens zwei Tage lang verrauchen zu lassen. Im Beipackzettel vom Kortisonspray steht mitunter als häufige Nebenwirkung „Nesselausschlag“. Nicht mehr vor noch zurück wissen. Was ist richtig und was ist falsch, sehe ich doch gelinde gesagt ausreichend zum Kotzen aus! Ob nun Cortison oder Sonnencreme oder einfach nur Sonnenausschlag oder weil ich so eine fette Sau bin, deren Haut den Eindruck erweckt, als würde ich sie seit Tagen mit einer dicken Schicht ranzigem Frittierfett einschmieren!! Ich bin so ekelhaft, die Visage kaum gewaschen, glänzt sie erneut wie ein frischgebackener Krapfen.
Jetzt ist es eben soweit! War es ein Fehler, mich per Mail mit Mieke über einen möglichen Vormittagsbesuch zu unterhalten? Der an diesem Tag zumindest das Malen schon mal abhaken würde?

Und nun wahrscheinlich viel fataler, mit dem Tagebuch begonnen zu haben… Meine Gedanken, jeder meiner Gedanken will nun wieder „zu Papier“ gebracht werden, jeder Anteil von mir will seinen Senf dazu geben…

Es verstreichen sage und schreibe 5 Minuten, nur für das Foto der aktuellen Entwicklung am Gemälde. Der Buntspecht würde gerne ans kalte Buffet, aber direkt davor auf der Bank im Wohnzimmer sitzt Fine und putzt sich das Fell. Die Farbschalen öffnen, die Kleckse befeuchten, die Pinsel in die Hand nehmen, obwohl ich längst Schlimmeres im Sinn hatte. Angefangen bei irgendwelchen Medikamenten bis hin zur Rasierklinge. Selbst Rumpelstilzchen bläut mir ein, dass es viel zu spät ist. Er will, dass ich meinen speziellen Musikordner öffne und mich abschieße.

Dezente Kopfschmerzen, während draußen der Himmel allmählich blau wird. Alles an und in mir wehrt sich dagegen, jetzt zu arbeiten. Am besten einen Pullover anziehen und mit der Kamera raus, bevor ich alles verpasse! Oder den Comic fürs neue Projekt zeichnen…
Zugleich aber…

DU WIRST NIE FERTIG WERDEN!!! ES IST VORBEI, GIB AUF!!!

Markus wollte von mir wissen, welche Qualität die Blockade in mir hat. Wie sie sich anfühlt. Depressiv? Oder von Ängsten genährt, zu versagen, schlussendlich wieder mit der Lähmung konfrontiert zu sein?! Oder bin ich tatsächlich nur ein faules Stück Scheiße??? Was bedeutet dieses „Ich kann nicht!“?
Ich weiß es nicht? Ich würde mich auch jetzt lieber aufschlitzen, als Farbe auf die Leinwand zu bringen. Was ist das für eine seltsame Alternative? In mir sperrt sich alles gegen die Aufgabe! Noch klimpert die Rechte… Aber mir droht alsbald ein böses Ende…

VON WEGEN!! DAZU MÜSSTEST DU ES ERST EINMAL RICHTIG MACHEN!!! Da ist so viel Speck!… Es kann doch nicht so schwer sein, tiefer in diese wertlose Masse hinein zu schneiden!!!

Alsbald wird es 10:00 Uhr. Beide Hände klimpern. Die Schälchen wieder bedecken, wiederum auf die Schälchen ein weißes Tuch breiten, damit die Sonne die Farbe darunter nicht austrocknen kann, vom Weiß eher reflektiert wird. Mein Schicksal scheint somit besiegelt! Selber schuld! Mit dem ersten Abschuss vor zwei Tagen die Weichen für die nächste längerfristige Episode gestellt!

Den Kopf senken, mich beim Bild entschuldigen und dann eine neue Schale Tee kochen… Ich versage…

10:22
Mir Morphium besorgen, ehe ich wieder am Tisch Platz nehme.
Eine Hasstirade entlud sich mehrfach lautstark in der Wohnküche. Und obwohl ich „die Suppe“ zum Kochen gebracht habe, wird Sebastian zum ersten Opfer meiner Wut: „Warum zum Teufel räumst du das dreckige Geschirr nicht dorthin, wo es hingehört?! Warum stellst du es zu den Brotkörbchen?! Bist du so dumm oder einfach nur faul??!!“. Dann bin kurz ich dran, als ich vor dem Kühlschrank vergesse, was ich eigentlich wollte…

WIE SAUBLÖD BIST DU EIGENTLICH??!!!

Um nahtlos mit der Volkshilfe weiter zu machen, als ich vor dem Geschirrregal stehe und meine einstmalige Ordnung nur noch einer kleinen Postapokalypse genügt: „WAS SOLL DAS, VERDAMMT NOCH MAL!!! WAS IST DENN DA SO SCHWER ZU VERSTEHEN, WELCHE SCHÄLCHEN WO HINGEHÖREN??!! Wie blöd muss man sein, um die Glasschälchen zwischen die Keramikschälchen zu stellen, wenn daneben zwei Stapel NUR mit Glasschälchen stehen??!!“.

Ungerecht, es tut mir leid. Und wie gesagt, bin ich Ursprung allen Übels. All dem voraus, als ich aufstand, fiel aus irgendeinem Grund das Brotkörbchen vom Rollertor, die gebrauchte Teeschale zersprang in 100 Teile, der Holzboden voll mit Splitter und Teeresten. Zu diesem Zeitpunkt blieb ich noch ruhig, ganz ruhig, denn ich befand mich bereits auf dem Weg zum Schafott, das Urteil gesprochen! Weiter mit Schimpftiraden nun gen korrekte Adresse ging es dann im Badezimmer, beim Zähneputzen, vor dessen Erledigung ich noch zehn Hübe Tramal geschluckt habe. Währenddessen 100 total schwache Kniebeugen gemacht, und während das Wasser allmählich heiß wurde, noch meine dümmliche Visage gewaschen. Als würde die widerwärtige Akne davon weg gehen!! Kaum die richtige Temperatur erreicht, den linken Unterarm von Blutresten befreit, Hände und Arm heiß aufgewärmt. Schon denke ich, mir läuft die Zeit davon. Die Tablettendose öffnen; ist und bleibt eine von gleich zwei Büchsen der Pandora!

Mir ist beinahe zu lachen zu mute, während der Tag draußen von Regen auf Sonnenschein umstellt. Wie viel Morphin darf es sein? Besser mehr davon, als diese vermaledeite chemische Psychoscheiße! Das Risiko lässt sich zumindest einigermaßen einschränken: Bestenfalls bin ich nach einem Tag voller Spastik morgen wieder halbwegs hergestellt.

Hofft die blöde Kuh!!
Warum machst du es nicht gründlich? Bis er nach Hause kommt?… Hast du gut 2 Stunden!!

Um meine Augen herum bildet sich ein Ring aus Watte. Vor mir auf dem Tisch das alte Handtuch. Ich erinnere mich… Kinderzeiten… Da war es auch schon da. Aber hatte definitiv eine andere Funktion als jetzt! Das Rot vom Blut überwiegt, was die Farbe betrifft. Das Blut hat alles verklebt. Nur meine Hände sind erneut eiskalt.

Hör auf, die Tabletten nur anzuschauen!! Friss sie endlich!!

Tun, wie mir geheißen.

Wie müsste Bianca aussehen, dass Rumpelstilzchen mit ihr klar kommt?“.
Ich zeichnete das Bild eines magersüchtigen Kindes, einer magersüchtigen Jugendlichen. Kaum oder noch besser keine sekundären Geschlechtsmerkmale. Und innerlich so verhungert, dass sie eigentlich längst tot ist…

Damit sie gefälligst die Schnauze hält, nichts mehr sagt, die Nutte! Sie ist ja selber schuld, AN ALLEM!!! Damit Sie schweigt!! Früher und erst recht später und ganz besonders für immer!!!

Ein weiblicher Kernbeißer nähert sich dem Restaurant. Der Buntspecht macht aber dermaßen Tumult und verscheucht regelmäßig alles und jeden.
Die Arme verschränkt. Das Erdnusssäckchen ist der Renner schlechthin. Die neue Räucherstäbchenpackung morgens mit einem alten Skalpell geöffnet. Da meldete sich schon die Sehnsucht.
Aber es bringt doch nichts! Die Rasierklingen schärfer, wie auch immer das sein kann. Hätte ich andere bestellen sollen, vielleicht nicht so billig?

Sebastian zeigte sich gestern doch ein wenig entsetzt, dass ich mich erneut abgestellt hatte. Er würde das jedes Mal merken, hat der schon oft gesagt. Wirklich? Vermag er Depression von Dröhnung zu separieren?

Während ich mehrfach und mühevoll das letzte Hauptwort korrigieren muss, meldet sich die Panik. Ist sie nun eine Werkzeug Rumpelstilzchens oder tatsächlich ein eigener Anteil, also Symptom eines Anteils…

Nein! Was schwafelst du von Anteilen?? Das ist nichts als ein Symptom!! Und selbst das bildest du dir nur ein, um Aufmerksamkeit zu bekommen!“

Mir läuft die Zeit davon! Gleich ist es 11. Süßstoff in den Tee. Ich könnte die Heizdecke unter das besudelte Handtuch legen; vielleicht bringt es was.

Da fällt der Kopf plötzlich in den Nacken. Heroin auf Rezept, freundlichst gesponsert von IHRER burgenländischen Gebietskrankenkasse! Der Mund bleibt offen. Ich bin so schlecht und ich sollte tot sein. Angesichts dessen, was da auf mich zukommt, was es noch an Schritten zu tun oder zu bewältigen gilt, wäre es definitiv zum Wohle aller, die da von mir schäbigerweise noch mit reingezogen werden, wenn nicht sogar ein großer Segen, ich würde endlich den Mund halten und mich töten.

Endlich mit dem „kleinen Tod“ anfangen…
Dabei in den letzten Tagen so viel wie noch nie mit Sebastian über meinen ersten Suizidversuch gesprochen. Und erst recht über meine ständigen Ankündigungen, was diese mit ihm anrichten.

Es wird 11:04; versuchen, das Handtuch irgendwie behelfsmäßig zu falten. Jene Seite, mit den frischen und noch feuchten Flecken nach oben, um das weiße Kleid nicht in Mitleidenschaft zu ziehen und so mich selbst zu verraten. Ich hätte schon viel früher auf die Idee kommen sollen, mir schwarze Stulpen zu bestellen…
Von der blauen mit der Aufschrift „Salmix- Salmiakpastillen N“- zur goldenen „Fishermans’s Friend“-Büchse der Pandora wechseln. Ich hatte in der letzten Zeit einen hohen Verschleiß. Unzählige Klingen geöffnet und wieder in ihr Kuvert gesteckt, nicht sicher, ob sie schon komplett verbraucht seien. Erneut Zeit fressen und in der Dose aufräumen. Ich könnte ja auch mit den gut 20 blutbesudelten Stücken wieder eine Art „Kunstinstallation“ machen, sie auf die aktuelle Leinwand kleben. Da sind doch so viele weiße Leerstellen…

11:12
Nun wird es aber endgültig Zeit! Mit der rechten Hand auf den Unterarm klopfen. Gleicht eher einem Akt des Verprügelns. Hoffentlich klingelt es nicht an der Tür. Meinen speziellen Selbstmordordner in die Playlist ziehen. Verdammt! Es ist Mai! Da gehört das dazu!!! Der eine Typ, an dessen Geburtstag sich der Sänger von Linkin Park das Leben genommen hat, hatte seinerseits für den eigenen Selbstmord ebenfalls den Mai gewählt! Meine Oma starb am 23., ich versuchte es am 21. und die kleine Amsel, die damals, als ich selbst ein kleines Mädchen war und im Frühlingsregen unter dem Fliederbusch saß, in meiner Hand ganz langsam dahin siechte und dann ganz wie in Zeitlupe die Augen für immer schloss, eben DIE kleine Amsel, die zum Synonym für mich als kleines Kind, das ich gerade doch selbst noch war, wurde, DEM kleinen Kind, „das irgendjemand seelisch umgebracht hatte“… Das wird wohl auch Mai gewesen sein. Ich hatte das hübsche Kleidchen von der Erstkommunion an. Oder die Feierlichkeiten von jemand anderem, von einer Familie, deren Kind Erstkommunion feierte… Erstkommunion ist doch im Mai?
Es war definitiv Frühling, weit fortgeschrittener Frühling. Der Flieder blühte…

Die Musik läuft. Die nagelneue Rasierklinge zur Hand. Der Schädel voll mit Watte. Wie viel Kontrolle wäre ich unbewusst „unterworfen“, würde die Taubheit auch den Arm erfassen?
Wäre nur nicht alles so kalt, so eiskalt…

Mit derselben Kante beginnen wie gestern schon. Die Haut wie trockenes, rissiges, uraltes Papier. Oder Pergament.
Plötzlich huscht ein Lächeln über meine Lippen… Zögern. Das ist für dich, inneres Kind. Erinnerungen überschwemmen mich, Bilder aus besseren Zeiten. Wie der oft zitierte Film, der vor den Augen eines Sterbenden im letzten Moment vor dem Exitus abläuft…

Doch dann geht der Blick auf die Uhr, 11:31 Uhr, Herzrasen… Warum kann Sebastian nicht wegbleiben? Warum lässt man mich nicht allein?! Warum immer zeitlichen Grenzen unterworfen?

Die Kante ist zu sachte. Und das Blut läuft kalt über den scheinbar noch kälteren Arm… Das Werkzeug umdrehen. Beim achten Schnitt etwas fester, aber die Rasierklinge versinkt nicht. Aufgehalten von einem dichten Maschendrahtzaun aus Narben. Das Blut gerinnt zu schnell. Wieder, immer noch eine Anämie. Ich fantasiere von zumindest dem EINEN Schnitt, wie jedes Mal. Und wie jedes Mal zum Scheitern verdammt?…

Das Kernbeißerweibchen wagt sich endlich ins Restaurant.
Es riecht nach Blut. Ich müsste einmal richtig „ausholen“, nicht schneiden, stattdessen die Klinge ins Fleisch schlagen… Versuche es schnell. Versuche es langsam. Die Haut auseinanderziehen… Lächerlich! Unterm Arm eine kleine, aber dicke Pfütze. Ich denke, ich müsste draußen in der Sonne sitzen, müsste ganz viel getrunken haben, der Körper müsste aufgeheizt sein, und dass jeder weitere Versuch von vornherein zum Scheitern verdammt ist, unter diesen aktuellen Umständen. Die Zeit rennt nebenher. Kommt er früher, kommt er später? Mir nur noch einen letzten Versuch gewähren…

LOS!!!! DU BIST SO EINE ENTTÄUSCHUNG!!!

Aus einem werden vier weitere Schnitte. Aber sie bleiben nicht ernstzunehmende Linien.

Nach einer Überdosis würden sie das im Krankenhaus nicht einmal bemerken!!
HAST DU GEHÖRT, DU WIDERWÄRTIGE SCHLAMPE??!!
Das wäre NIEMANDEM auch nur eine Notiz wert!!

Dabei will ich doch nur, dass es jemand sieht, „die Zeichen erkennt“ und mich endlich erlöst…

WAS BIST DU?!!!! EIN BABY???!!!

Kleinlaut, geläutert, geduckt, beschämt die Rasierklinge in ihr gelbes Kuvert einschlagen. Einen Strumpf überstreifen. Dabei rutscht der halbe Ärmel wieder in die letzten Wunden. Ein Wunder, dass man von außen das Blut nicht durchsickern sieht. Und ich soll jetzt ernsthaft gleich wieder funktionieren? Aber was sonst? Wie solle ich meine Situation nachvollziehbar erklären?
Die linke Hand eine Faust. Die Finger der rechten lassen sich auch nicht mehr strecken. Wie immer hoffen und im guten Glauben, keine sichtbaren Spuren hinterlassen zu haben. Tuch und Klingen wandern zurück in meine ehemalige Lederschultasche. Wagte jemand einen Blick hinein, würde er entsetzt und angewidert zurückschrecken und sich wohl spätestens dann das korrekte Bild meiner Wenigkeit in seinem Kopf zeichnen. Was bin ich schon?

ABSCHAUM!…

Den rechten Zeigefinger in den Mund stecken. Wie auch den Daumen; alles voll mit Blut, um sodann mit dem nassen Finger auch die Flecken vom linken Oberarm auslöschen.
Und draußen schließt die Sonne die Augen, ist fertig mit mir.

https://www.youtube.com/watch?v=wVIXlo845zA

17:31
Ich hielt es neben Sebastian auf dem Sofa nicht aus. Meine Gedanken rutschten ab, ich dachte an die abendliche Sitzung und die Panik strangulierte mich. Wieder und wieder riss sie mich hoch, meine Füße baumelten in der Luft, sodass ich außerstande war etwas anderes zu denken, als DAS ALLES nicht überleben zu können! Ich fühlte mich schuldig, als ich aufstand. Zu allem Überfluss. Irgendwann würde ich sagen, die Zeit mit ihm nicht bewusst wahrgenommen zu haben. Käme zu der schmerzhaften Erkenntnis, dass es nun zu spät ist. Ich weinte; ganz kurz. Dann schluckte ich zwei Betablocker. Einfach nur ein Symptom oder das Kind? Wieder das Gefühl, mir in die Hose zu machen. Blasenskrämpfe.

Ihn mit einer Einkaufsliste losgeschickt. Ich selbst fuhr nach draußen, hinter mir versteckt einen kleinen Frotteefetzen, in meiner Bauchtasche die Rasierklingendose und ein Skalpell ebenfalls im Gepäck. Ich stand mit dem Rollstuhl bereits vor dem Wannenteich unterm Hollerbusch, hatte Stulpe und Verbandstrumpf abgestreift, als er plötzlich wieder zurück kam. Ich erkenne unser Auto am Motorengeräusch und erst recht an Sebastians Fahrstil. Was nicht heißen soll, dass er rast. Hastig stülpte ich zumindest den schwarzen Schlauch wieder über und tat so, als würde ich den Teich beobachten.

Er hatte ein Formular für den Hausarzt vergessen, das ich ausfüllen hatte müssen. Dann war er wieder weg, ich sah auf die Uhr, berechnete einen realistischen Zeitrahmen, zog das Skalpell aus seiner Plastikfolie und begann zu schneiden… Quer über die zuvor entstandenen Reihen.
Also das ist des Rätsels Lösung!! Diesen vermaledeite dreckigen Körper ausgetrickst!! Was hat er gemacht? Versucht, den von mir verursachten Schaden zu heilen. Hatte die Durchblutung im Unterarm verstärkt, angeheizt.

Und genau dieser Umstand kam mir zugute! Die Schnitte waren sicherlich nicht tief. Nicht tiefer als jene zuvor. Insgesamt zwölf lange Schnitte. Der 13. entstand aus Versehen, als ich das Blut mit einer doch noch scharfen Klinge vom Arm schabte und mir dabei ins Handgelenk geschnitten habe. Ich blutete in den Teich. Minute um Minute. Wie eine abgestochene Sau…

Was du ja eben auch BIST!! UND NICHTS ANDERES!!!

Und blutete und blutete und blutete…

Nach 20 Minuten den Stofffetzen auf den Boden geworfen, nun die Suppe darauf tropfen lassen. Und es blutete und blutete und blutete. Heiß lief mein Leben die weiße, kalte Haut hinab. Verklumpte zwischen meinen verkrampften Fingern. Ließ sich aber nicht aufhalten. Blutete und blutete und blutete.
Die Socken, die Hose, den Rollstuhl, den Asphalt, das helle Blech vom Teich mit meiner Schuld vollgespritzt.
So wurden es wohl 30 Minuten, eine halbe Stunde. Notdürftig drehte ich das nasse Laub auf dem Boden um, auf dem ich Spuren hinterlassen hatte. Fuhr zurück ins Haus, im Spiegel mein Gesicht vermeintlich blass. Gut 10 Minuten am Waschbecken meine Hände und den Lappen so gut es ging gewaschen, um letzteren dann in die Waschmaschine zu stecken. Zum krönenden Abschluss wieder alles vertuscht, die Armstulpe mein treuer Verbündeter.

Pünktlich. Er kam gerade zurück und ich gab mich völlig normal. Es donnerte und begann zu regnen; den ganzen Computerkrempel wieder ins Haus geschleppt, mit seiner tatkräftigen Hilfe. Und jetzt, da nur noch 3 Minuten bis zur Sitzung bleiben, erneut das Gefühl, jemand drücke mir die Kehle zu. Weg der Rausch von den Tabletten, erst recht die Betäubung vom Blutverlust. Wieder die blaue Dose holen. 2,3 mg Morphium.

Am Schluss: Morgens per Zufall gelesen, dass eine Überdosis mit Lioresal sehr häufig letal ausgeht. Gerade das Medikament, von dem die Ärzte nichts wussten und sich wunderten, warum die Antagonisten nicht anschlugen.
Dem Tod doch näher gewesen als gedacht? Stolz drauf?…

20:24
Im schwindenden Licht sitzt der Kuckuck oben am Waldrand und ruft. Die Sitzung war… so schmerzhaft.

Die Panik als Ritterrüstung inneren Kindes, in schwarz-weiß und voller Zorn auf mich. Weil ich unser beider Versprechen nicht eingehalten habe. Mich (uns) mit 18 nicht umgebracht. Nein, es sogar noch schlimmer gemacht! Sebastian kennengelernt und so getan, als könne ich ein sexuelles Wesen sein!! Und das Kind damit erst recht ein weiteres Mal verraten!!

Markus platzierte dieses in dem Bild, mit dem wir arbeiteten, an meinen Maltisch. Mir vis-a-vis. Er saß rechts am Kopfende, Rumpelstilzchen auf der anderen Seite. Hasstiraden wurden hin und her geschickt, mir wieder und wieder klargemacht, ich müsse mich zum Wohle aller umbringen… Weil ich doch so ein schlechter Mensch sei, eine Gefahr für das Kind, das Kind hätte vor mir…

Ehe sich einige Veränderungen auftaten.
Ganz ehrlich? Gleich zu Beginn ließ mich die Panik am kurzen Strick in der Luft baumeln, verzweifelt nach Luft ringend. Und ich teilte meinem Psychoanalytiker mit: „Mir ist gerade danach, unverzüglich aufzulegen!“. Mich zu drücken. Zu flüchten. Wegzulaufen… Weg vor der Angst, der Wahrheit, dem Ungemach, direkt hinein in den nächsten Rausch, die nächste Betäubung, unverzüglich hinein in den Tod.

Um mich kurz zu halten. Das innere Kind hasst mich, verabscheut mich. Aber ich keinen Deut besser. Und am Schluss der Therapie saß das Kind in seiner Erdhöhle mit den Spielzeugpferdchen. Geschrumpft, um darin Platz zu finden und sich verschanzen zu können, und die Pferde zum Leben erwacht. In der Höhle war es vermeintlich sicher… Wie ich es immer wieder zu Kinderzeiten gespielt habe. Um die Höhle herum nun ein Stacheldrahtzaun. Die Panik als Stacheldrahtzaun. Eine Art Prüfung. Das Kind, so schien es mir, erwartet, dass ich mich in den Zaun stürze und dort verharre, dem Schmerz zum Trotz, den schrecklichen Ängsten zum Trotz… Um ihm zu beweisen, stark genug zu sein, gemeinsam mit ihm die Erinnerungen aufzudecken, gemeinsam mit ihm diesen schwierigen Pfad zu beschreiten. Ohne es weiterhin eine Hure zu schimpfen. Es als Kind wahrzunehmen. Ein Kind, das nichts dafür kann, was ihm widerfahren ist.

Während der Sitzung zusätzlich mindestens 20 Tropfen Tramal eingeworfen. Vielleicht waren es auch mehr, ich weiß es nicht.
Die Fragestellung, wie soll ich mit der Angst umgehen… Ich wünschte, und das teilte ich ihm auch mit, mich dann jedes Mal an den Zeichenblock setzen zu können und ohne nachzudenken vor mich hin zu kritzeln. Intuitiv das Unterbewusstsein seine Sprache finden lassen… ABER…

Er wiederum meinte, ich könne die „Bilder“, die ich nicht zeichnen oder malen kann, weil die Hände gelähmt sind, auch im Tagebuch mit Worten entstehen lassen.

Hoffnung?
Meine Augen verdrehen sich, machen einen Knoten. Ich habe ganz seltsame Schmerzen, ein seltsames Gefühl. Nicht unbedingt im Gedärm, aber darüber, und unterhalb vom Magen. Es brennt, es drückt und breitet sich nach rechts aus, in Brust und schlussendlich Oberarm. Die Augen verdrehen sich, kein Licht an und ich könnte unverzüglich einschlafen. Die Reste vom Tee trinken.
Nahtlos an das Gespräch Sebastian zu mir ins Wohnzimmer zitiert, gebeten, ihn angefleht, mit lediglich einer Bitte: „Bitte!! Halte mich einfach für einen Moment ganz fest!!!“.

Da sehe ich mich als Kind in einer Erinnerung, es sieht aus wie eine Bildspur im Videoprogramm, aber die Untertitel verändern sich plötzlich…

Im Wachzustand zu träumen beginnen. Jedes Mal, wenn sich meine Augen beim Blinzeln länger schließen als gewollt, und selbst dann, wenn ich verzweifelt versuche sie aufzuhalten. Ich bin fertig. Fertig mit diesem Tag. Fertig mit der „Scheiße“? Morgen alles anders machen? Es zumindest versuchen? Und tatsächlich Urlaub vom Bild nehmen?

Mich verunsichert fühlen und irgendwie bekomme ich gerade einen Schweißausbruch. Doch darüber nachzudenken, tritt die nächste Angstlawine los…

Mir selbst einreden, in mich hinein sprechen: „Inneres Kind, ich nehme deine Ängste wahr. Ich habe dieselben Ängste. Aber gemeinsam ist man standhafter, dem Paniksturm ausgesetzt, als allein dagegen anzukämpfen oder schlimmstenfalls aufzugeben!! Ich möchte versuchen, dich zu verstehen! Ich möchte für dich die Erwachsene sein. Keine Schlampe, wie auch du keine Nutte sein kannst! Dich schützen…“.

Rumpelstilzchen sagt, das sei alles esoterische Kacke! Aber angestrengt versuchen, nicht darüber nachzudenken. Nicht jetzt, nicht mehr heute… Für heute war es eindeutig genug. Ich kann und ich will nicht mehr, und draußen beginnt es zu regnen…

Alles ist in Ordnung. Die Welt geht nicht unter. Alle leben. Keiner tut mir etwas an. Das Kind sicher in der Höhle. Am warmen Lagerfeuer, zusammen mit den Pferden. Während draußen der Regen stärker und stärker wird… Will nur noch aufs Sofa, etwas essen und Sebastians Hand halten.

2013-06-29-schnappschuss

15. Mai 2018, Dienstag

08:24
59,1kg um 6:45.
Regen. Regen und latent-dezent ein Harndrang. Kein Insektenflug; die feinen Herrschaften dinieren im Restaurant, auch wenn ab und an Tischmanieren zu wünschen übrig lassen.
Ich..? Bin immer noch „gut bedient“, angenehm berauscht, regelrecht voll oder sagen wir gleich: stoned. Was für die Arbeit aber schlechte Karten bedeutet. Also gut, dass es regnet. Den Tee leeren, Kissen besorgen und dann kann ich bestenfalls zumindest vom Endprodukt träumen.

Musste mit dem Rollstuhl vom Schlafzimmer abgeholt werden… Da drängt sich mir plötzlich ein falscher Gedanke auf!!!… Der erste Anflug von Panik.

[……]

Die Strafe folgt auf dem Fuß: Blasenkrampf! Wo ich doch GERADE heute eine kleine Einlage gewählt und die Matte in die Wäsche verbannt habe… WAS FÜR EIN ZUFALL!!!…

Versuchen, zu schlafen…

17:08
Ich möchte, ich will, ich werde und ich muss mich abschießen, mir schaden. 3 Stunden Sitzung. Am Ende das Gefühl, es wäre ohnehin nichts gewiss und das dringende Bedürfnis, mich während des Gesprächs aufzuschlitzen.
Das meinem Therapeuten mitgeteilt und betont, er solle es nicht als Druckmittel verstehen, geschweige denn als Machtdemonstration. Sondern einfach nur als Arbeitsmaterial, Information darüber, was das alles gerade mit mir anstellt. Die Tablettendose liegt jetzt neben mir, auch das Fläschchen mit dem Tramadol. In der Halswirbelsäule, rechts am Schädelansatz eine Blockade. Und beinahe wie ein Witz: Die Sonne kommt jetzt raus!. Als mache sie sich über mich lustig oder müsse nachsehen, in welchem Pensum ich heute wieder versagt habe. Denn nichts und wieder nichts geleistet. Den ganzen Vormittag geschlafen und den ganzen Nachmittag Psychoanalyse. Der Tag ist vergeudet, verschwendet, Müll. Ich lerne nichts daraus. Die nächsten zwei Temesta; weil eine längst zu wenig ist. Die Sonne wird immer kräftiger und ich fühle mich regelrecht verarscht. Wie schon so oft beschrieben in den zurückliegenden Jahren, löst dieses Wetter in mir schreckliche Unruhe aus. Tabletten und Tropfen eingeworfen. Warten und hoffen. Um mich zu verletzen, ist es zu spät. Bzw. muss ich Sebastian erst wieder sicher oben in seinem Zimmer wissen, aber jetzt im Augenblick kann ich nicht vorhersehen, wann er hinten zur Eingangstür hereinspaziert kommt. Meine Rechte klimpert. Die weibliche Kohlmeise mit ihrem blutigen Gespür am Auge gefilmt. Sieht immer unappetitlicher aus. Ich habe, ich bekomme Kopfschmerzen. Während des Gesprächs die restliche Schokolade gefressen. Mindestens zwei Rippen. Mich schuldig fühlen. Nicht gemalt. Mich noch schlechter fühlen. Und eigentlich will ich wieder nur schlafen, schlafen, schlafen. Den Rausch aus meinem Körper schlafen. Kann nicht stehen, mir ist zu schwindelig. Das Gehen nicht mehr als ein mühseliges Schlurfen. Und da die Hände so oder so nicht funktionieren, bleibt mir nicht mehr übrig als Glotze oder Videoschnitt…

20:07
Mich wieder finden in einer völligen Bewegungslosigkeit. Lediglich diverse Extremitäten krümmen sich unwillkürlich unter Schmerzen. Zubetoniert. Das Notebook ließ sich kaum aufklappen. Die Sicht trotz Brille völlig verschwommen. In mir dennoch ein entscheidender Satz: „Es ist nicht genug! Es reicht noch lange nicht!“.
Nach dem Abendessen noch Tramal obendrauf. Fertig ist der Zombie. Die Augen verdrehen sich. Das könnte doch so schön sein… Aber zu allem Überfluss griff ich noch zur nagelneuen Rasierklinge. Erst 26 Schnitte lange bluten lassen. Ich hörte ihn hinten im Flur und hoffte nur, er würde das Wohnzimmer nicht betreten. Auf meinem Schoß soeben das mit Blut getränkte alte Handtuch aus Gasthauszeiten. In der nächsten Reihe ritzte ich mir… „BITTE HELFT UNS!!“. Wieder an die 20 Schnitte. Um abschließend in der dritten Reihe und kreuz und quer über die anderen Wunden hinweg nochmals mindestens 20 Schnitte zu hinterlassen.

Mein rechtes Bein beginnt zu krampfen. Ich sehe so gut wie nichts mehr. Alles an und in mir schreit nach einem heftigen Schlag, etwas Gewaltiges, das mich, meinen Körper bis auf Mark und Bein erschüttern könnte… Den Schmerz nicht aushalten. Tablettendose, ehe ich eine andere Strategie in Betracht ziehe. 2,6 mg Morphium. Von der Statistik her ein sehr hochwirksames Präparat. Mir wird schlecht. Ich sehe nach draußen, aber nichts mehr ergibt Sinn!…