6. Juli 2018, Freitag „HEUTE ist Freitag!…“

8:30
59,3 Kilo um 6:45 Uhr. Wie gestern, wie vorgestern. Da geht man einmal nach über 20 Tagen aufs Klo und wiegt zwei Tage später einen Kilo mehr… Logik?
Es regnet. Dementsprechend hoch die „FluGtuation“ am Restaurant. Die Insekten bleiben zu Hause. Ich möchte eine riskante These aufstellen: Wetten, zu Mittag scheint wieder die Sonne?
Keine halbe Stunde mehr, dann habe ich Sitzung. Die vermutlich vorerst Letzte. Eine Pause ist angedacht. Nachts im Bett verlor sich mein Blick unentwegt im obersten Regalfach, dort, wo mindestens fünf Paar nagelneue Laufschuhe aufeinander gestapelt Staub ansetzen. Ein Fach weiter unten liegen weitere Modelle, kaum getragen. Den ganzen Ausflug über (bis auf das längere Stück mit den Schmerzen) musste ich ans Laufen denken. Aber wo sollte ich auch hinfahren, welche Strecken blieben mir denn, um nicht mit Erinnerungen konfrontiert zu werden?
Die Antwort ernüchternd: HIER definitiv keine Alternative! ALLES wurde abgelaufen!
Es ist Sommer! Zwangsläufig bin ich wieder mit diesem Verlust konfrontiert. Natürlich könnte ich aufhören, dabei auch noch mein altes Handy mitzunehmen, um damit die Musik von damals zu hören. Beim „Spaziergang“ brauchte ich sie aber. 45 Minuten waren möglich. Davon die letzten 15 nur noch Quälerei. Aber es war so heiß…
Trotz etwas mehr Bewegung, trotz neuer Stützstrümpfe, war es gerade Sebastian, der abends zu mir sagte: „Huch, du hast aber wieder ordentlich Wasser in den Füßen!“.
Der Witz nur: Mir wäre es erst gar nicht aufgefallen! Ist nicht er es, der die Situation permanent runterspielt, wenn ich mich darüber beklage, dass meine Gliedmaßen doppelt bis vierfach so dick geschwollen sind?
Der Körper setzt Funktionen aus, beginnt mit dem Abbau, stellenweise mit dem Sterbeprozess.
Stromkosten hin oder her: Nachts liege ich im Bett, die Matratze ist so weich, dass die Inkontinenzmatte unter mir permanent unbequeme Falten schlägt, kaum auszuhalten ist, aber fürs Wohlbefinden sorgen Ventilator und Heizstrahler -die kalte Luft für die krampfenden Beine und die warme für Oberkörper und eiskalte Hände. Wie in Kindertagen stelle ich mir vor, in einer eiskalten Nacht draußen irgendwo am Lagerfeuer zu liegen…

Aber das habe ich schon oft genug diktiert. Anstatt die Zeit so zu verschwenden, hätte ich die letzte Aufnahme schneiden können. Eine Katastrophe, teils vom Wind und größtenteils von Flugzeugen sabotiert. Ich könnte natürlich auch wieder damit anfangen, wie beschissen ich aussehe. Dass der Spiegel mitunter gnädiger zu mir ist.
Das erste Thema heute wird definitiv wieder diese Grunddebatte sein, warum er felsenfest davon überzeugt ist, es mit einer Multiplen zu tun zu haben. Wobei doch ich selbst immer den Eindruck gewinne, ich generiere Rumpelstilzchen regelrecht.
Vor über 1 Stunde noch hatte ich eine bessere Erklärung parat, traf den Nagel auf den Kopf als der Satz gerade eben. Aber er ist weg. Oder sagen wir so: Ich hatte mich in flagranti dabei erwischt, wie ich etwas dachte, das ich dann doch nicht denken durfte, es bedurfte einer Reaktion und rief mein vermeintliches Täterintrojekt auf den Plan. Gar nicht mal dahingehend, dass ich ihn eingeladen hätte, sondern wie ein Gerät eingeschaltet! Um dem Bild zu entsprechen! Den „Erwartungen“?!
Wie fühlt es sich an? Wie sollte es sich anfühlen? Laut Markus und dem viel zitierten DSM V, der wohl immer noch nicht offiziell beendet und veröffentlicht ist, genau so, wie ich es beschreibe. Dabei bleibt aber latent ein Vorwurf: Dass ich das alles nur fingiere, der Aufmerksamkeit wegen, um anders, besonders zu sein… Dabei ernte ich immer nur schräge Blicke, keiner nimmt mich ernst, wenn ich mich dahingehend oute. Also welche Form von „narzisstischer Zufuhr“ erhalte ich denn überhaupt, um diese Unterstellung zu rechtfertigen?
Keine?
Oder genügt es mir, in meiner Gedanken- und Fantasiewelt etwas Besonderes zu sein?…

18:15
„Der Körper soll dein Tempel sein“… Ich lach mich tot…
Mein Körper ist mein Erzfeind! Oder wie heute in der zweistündigen Sitzung von mir beschrieben: „Ich fühle mich wie ein Alien. Eine Art Energiewesen. Das Gehirn…? Ist ja auch etwas Physisches, also sagen wir, es ist das, was man landläufig als Seele bezeichnet. Und irgendjemand hat mich in diesen fremden Organismus gepflanzt. Ich kann mich damit nicht identifizieren! Es bleibt für mich ein „FREMD-Körper“.“.
Mittags 2 Stunden lang Krämpfe im linken Bein. Egal, wie oft ich aufstand und umherging. Egal, wie oft ich das Bein verprügelte. Egal, ob warme oder kalte Luft, und so war eben auch das Magnesium egal. Gezwungen, zum Morphium zu greifen…
So trat wenigstens nach einer halben Stunde endlich Frieden ein. Sebastian kam sehr spät nach Hause, es war bereits 15:00 Uhr. Während er schlief, war ich wach. Und als er noch kurz einkaufen fahren wollte, schlief ich ein. Dabei hielt es mein Ischias auf dem nagelneuen, schweineteuren Fernsehsessel nicht aus.

Ich lag da vielleicht 30 Minuten. Aber der Heizstrahler lief währenddessen. Als ich erwachte, traf mich regelrecht der Schlag! Mir war speiübel, als hätte ich wieder zu viel getrunken, mich mit Entwässerungstabletten voll gestopft und jegliche Elektrolyte ausgeschwemmt, und zugleich Mund, Zunge, Gaumen sowie Kehle dermaßen staubtrocken, als hätte ich die Namib durchquert…
Sein erster Kommentar: „Meine Güte! Ist das hier heiß! Als ich gerade die Tür geöffnet habe, war es so, als würde mich eine Wand erschlagen!“. Und so fühlte ich mich eben auch, als hätte ich mit meiner fortgeschrittenen MS in der prallen Sonne verschlafen; oder noch besser, 5 Stunden in einer Sauna gesessen… Völlig ausgeknockt, unbeweglich, instabil! Zu allem Überfluss hatte ich die Wasserflasche runtergeworfen und er kam genau im richtigen Augenblick zurück; ich hätte die riesengroße Pfütze nicht aufwischen können.

Ich hatte meiner Verdauung mit einem der beiden Einläufe vom Hausarzt gedroht. Das hat wohl „gefruchtet“. Bereits seit drei Tagen, ganz besonders heute fühlte sich mein dicker Bauch wie eine steinharte, schmerzende und erst recht druckempfindliche Kugel an! Als ich es endlich geschafft hatte, aufzustehen, drückte der Darm wohl auf die Blase…? Oder die Überdosis Wärme hat sich auf die jeweilige Stelle in meinem Hirn ausgewirkt, die für meine Inkontinenz verantwortlich ist?… Ein heftiger Blasenkrampf, ich pinkelt in die Hose… Bzw. und zum Glück in die große Einlage. Das, was dann auf dem Klo folgte, war wahrlich kein Spaß.
„Mit freundlichen Grüßen, Deine Opioide und Morphine!“. Und die fehlende Bewegung. Und die ungesunde Ernährung…? Jeden Tag, wenn es heißt: „Was möchtest du heute essen?“, da habe ich keinen Plan, vermag nicht darüber nachzudenken, habe auch eigentlich auf gar nichts Lust und wenn dann irgendetwas Essbares vor mir steht, dissoziiere ich eine kleine Ewigkeit über dem Menü, anstatt es mir in den Mund zu stecken. Oder esse einen Bissen und bin eigentlich schon satt…

WARUM NIMMST DU DANN NICHT AB, DU SAU??!!!

Die Sitzung heute hatte so viele wichtige Punkte angeschnitten, mein Analytiker so viele entscheidende Sätze von sich gegeben… Und ich mir nichts gemerkt!…
Natürlich habe ich wieder mit ihm darüber diskutiert, was es nun mit der Multiplen auf sich hat. Er nannte ein paar stichhaltige Argumente, die ich nicht abstreiten konnte. Aber vergessen! Alles, was mir in Erinnerung geblieben ist: „Das, was du da mit dir tust, ist eigentlich ein Verbrechen und du würdest dafür ins Gefängnis wandern, wenn du es mit jemand anderem tun würdest!“. Das saß. Und irgendwie und über Umwege, die erneut schlüssig waren, wollte er mir damit klarmachen, dass DAS ALLES schlicht und ergreifend für einen verdrängten sexuellen Missbrauch sprechen muss!

Was machte ich? Begann zu klimpern, das Hirn ging auf Stand-by.
Ebenso schlüssig die nächste Überlegung, gerade angesichts meines Zusammenbruchs vorletzte Nacht: „Vielleicht weiß deine Mutter wirklich nichts, aber da der Täter zu dir gesagt hat, das darfst du ihr nicht erzählen, das bringt sie um, hat er dir damit die Sterbefantasien in den Kopf gepflanzt, gerade angesichts ihres Verhaltens, was Krankheit und Tod betreffen, und dass du DANN irgendwann anfängst, auch sie abzulehnen, weil sie sterben zu sehen eigentlich dein gesamtes Leben verpfuscht hat, kein Wunder.“.

Und wieder sah ich diesen Satz im Nachwort des Buches „Ich war erst zwölf“ von einer Fachfrau, mit dem ich nicht gerechnet hatte, aber er stand da, wie eine Tatsache, wie etwas völlig Normales, Gängiges bei dieser Thematik, und ich habe mich mein gesamtes Leben gefragt, ob nur ich so gestört, bescheuert bin!!!
„Opfer von sexuellem Kindesmissbrauch glauben sehr häufig, ihre Mütter umzubringen, sehen sie sterben…“. In dem Kontext, würden sie der Mutter vom Missbrauch erzählen. Weil der Täter sie damit zum Schweigen gebracht hat. „Wenn die Mama das erfährt, bringe ich sie um!“. „Das darfst du der Mama nicht sagen, das bringt sie um!“.
Und wieder erläuterte Markus den gravierenden Unterschied zwischen zum Beispiel seinen Misshandlungen damals im Internat und meinen Reaktionen auf diverse Trigger: „Wenn ich den Film von der Kampusch sehe, fühle ich mit ihr. ABER in deinem Fall gehen gewisse Szenen wortwörtlich UNTER die Haut!!! Das ist bei mir nicht so, und das hat doch was zu bedeuten!! Und du wärst schon ein verdammt guter Schauspieler, wenn ich mich auf deine Videos beziehe, und du die DIS nur spielst! Und das kannst du dir auch nicht eingeredet haben, um dann bei diesem Thema so dermaßen körperlich zu reagieren!“…

Therapiepause. Bis zum 1. August. Sollte ich dekompensieren, etwas erinnern, bräuchte ich nur per Skype einen Notruf absetzen, man könne dann kurzfristig eine Notfallsitzung einberaumen. Aber der Sommer sei eine gute Zeit, mir etwas Gutes zu tun. Da hat er insofern recht, weil ich zu dieser Jahreszeit doch immer noch einen Restkrümel Selbstständigkeit allein durch den Umstand habe, niemanden zum An- und Ausziehen zu benötigen, wenn ich raus möchte. „Und die Natur ist für dich eine wichtige Ressource!“.

Ich würde gerne darüber nachdenken, wie es jetzt weitergehen soll. Denn es muss doch irgendwann etwas geschehen. Aber „ich darf nicht“. „Sobald du dich zu sehr mit dem Missbrauch, vermutlich mit dem Täter, also mit dem, was dir passiert sein könnte, auseinandersetzt, umso lauter wird Rumpelstilzchen. Auch wenn er behauptet, dir sei nichts passiert, müsse er sich dann ja nicht so ins Zeug legen… Oder nicht?“. Und: „Wenn du ein Problem damit hast, dann nenne es eben Egostate, oder noch besser: Ein abgespaltenes Gefühl! Aber ein Solches entsteht eben nur, wenn ein Missbrauch die kindliche Seele spaltet, widersprüchliche Gefühle sich nicht einsortieren lassen, um schlussendlich -zum Selbstschutz, um überleben zu können- abgespaltet zu werden!“.

Am Video weiter arbeiten. Aber ich weiß nicht wie. Es bedürfte noch einer Aufnahme, aber die Lichtbedingungen sind schlecht, ich fühle mich unansehnlich, nicht zumutbar und so dermaßen verwirrt oder vielleicht auch gelöscht im Schädel, dass ich davon überzeugt bin, nichts zu sagen zu haben…

19:14
Nächster Blasenkrampf…

19:42
Es hört nicht mehr auf zu krampfen. Harnwegsinfekt, Pilz, kalte Füße?
Mit dem Rollstuhl zum Sofa gefahren, um den Heizstrahler zu holen. Das Kabel verheddert, das Kabel zu kurz, beim Rangieren (und ich musste dazu noch das Kabel und die Fernbedienung der Heizdecke festhalten) kollidiert der rechte Fuß mit der Tür…
Eine überzeugendere Einladung für die nächsten Krämpfe gibt es wohl kaum!! Als ob das Krampfen im Unterleib nicht bereits ausschlaggebend genug sei…
Und ich bin wütend! Beschimpfe mich selbst! Lasse mich beschimpfen! Und bin stinksauer, wie ich so blöd sein konnte, das Haus so zu planen, wie ich es geplant hatte! Das soll ein großes Wohnzimmer sein? Geräumig und mit Platz für so einen klobigen Rollstuhl??
SO EIN SCHEISS!!!
Wenn die Beine nicht ohnehin von der warmen Luft erneut ihr perverses Treiben fortsetzen.

21:19
Mich anpissen…

Du fettes, dreckiges Ferkel!!!

Advertisements

4. Juli 2018, Mittwoch

17:02
Mittags eine winzige Tütensuppe und Wassermelone, abends Reis mit Gemüse… 59,2 Kilo um 6:45 Uhr. Dankeschön… Ein Kilo mehr…

Den neuen Fernsehsessel ausprobiert und mal eben mindestens 2 Stunden darauf geschlafen. Schön und gut; aber das passt alles nicht zusammen; das Sofa halbiert, bringt das neue Möbelstück nichts als Unruhe in den Raum. Sieht noch unordentlicher aus. Kaum auszuhalten.
Den Mittwoch mit Freitag verwechselt, sagte ich doch allen ernstes zu Sebastian, als er mittags nach Hause kam: „Hast du die nächste Woche überstanden…?“. Weil er abends für 1 Stunde weg gehen will. Die Nachwehen der gestrigen Tablettenexkursion? Es passte einfach alles zusammen, als sei Freitag, und ich sah mich bereits heute Abend ganz lange am Video arbeiten.

Völlig verpeilt. Total neben der Spur. Ausblicke in ein Paralleluniversum. Nicht mehr wissen, wo ist unten und oben, wo Hier und Jetzt…
Links an der weißen Kunststoffverkleidung vom Rollstuhlreifen, unter dem sich der Motor verbirgt, eine Blutspur. Der nächste Tropfen auf dem Boden gelandet. Unfähig, es wegzuwischen. Als spiele es keine Rolle. Als sei ich dermaßen depressiv, dass mir alles egal ist.
Wollte ich nicht hinaus? Eine Runde fahren? Der Wind hatte mich abgeschreckt, aber augenblicklich scheint er doch nachgelassen zu haben… Mich wieder schlecht fühlen? Rein in den nächsten Zwiespalt? Als drohte bereits der Winter in den nächsten zwei Tagen damit, mich wieder für Monate ins Haus zu sperren? Wie bescheuert!
Aber wie ich hier so sitze, immer noch müde, fühle ich mich bereits wie in Beton gegossen. Unbeweglich. Die Psyche erstarrt. Der Körper tot. Die Augen glotzen ausdruckslos nach draußen, Dissoziation als Standarddroge.

Durchs offene Wohnzimmerfenster draußen irgendwo in Hausnähe den Schwarzspecht rufen hören. Früher wäre ich schon los, wäre längst draußen gewesen, in der unbelehrbaren Erwartung, ihn irgendwo sehen zu können. Aber Bewegung scheint meiner Natur zu widersprechen. Als hätte diese nie in meinem Dasein stattgefunden.

17:35
Sebastian badet, ich mit beiden Händen an den Rand geklammert, die Knie abgewinkelt, stützen sich an der verfliesten Wand der Wanne ab. Kann mich nicht halten, nicht aufrecht halten, die Beine brechen unter meinem Gewicht zusammen, als würde ich 200 Kilo wiegen…
Aber meine Haare müssen gewaschen werden…
Mehrmals kam es zu kritischen Situationen. Nach hinten fallen, mit dem Kopf in die Glastür der Dusche…?

Daran bist du selber schuld, du faule Sau!!!

Andere geben sich mehr Mühe. Andere kämpfen mehr. Ich mache gar nichts mehr. 15 Jahre lang gekämpft und jetzt ist der Ofen aus? Oder auch das ein Symptom der Depression…

Umso besser! Dann bringst du dich hoffentlich bald um!!!

Kopfschmerzen. Während ich da noch instabil und wackelig vor der Wanne stand, drängte sich mir ein Gedanke auf: „Diese ganzen Medikamente, mich damit abzuschießen, hat zu viele Nebenwirkungen, Nachwirkungen. Aber was bleibt mir denn sonst??…“.
Und ich sah die Rasierklinge.

Aber wenn du nicht einmal DAS richtig hinbekommst!!!

Null Alternativen. Außer mich wieder dermaßen in meine Suizidfantasien hineinzusteigern…

17:55
Er fährt. Ich bin allein, für mindestens eine Stunde. Die Abenddosis fällt beinahe „standardmäßig“ aus. Die einzigen Abweichungen wären ein Hydal 2,6 mg und statt 15 eben 20 Tropfen Tramal. Mich auf meine Standardmittel verlassen, als ob diese in letzter Zeit nicht auch zu massiver Spastik geführt hätten. Aber irgendwie, irgendetwas brauche ich…
Beim Anblick des Lichteinfalls, der kleinen Sonnenblume auf der Terrasse drifte ich wieder ab… Mich jetzt aufschlitzen? Später aufschlitzen? Oder mir diese Option für schlimmere Zustände aufheben?

18:47
Eine leichte Betäubung setzt ein…
ABER… WIE KONNTE ICH ES WAGEN, DIES ANZUMERKEN!!!

PANIK…

19:57

Panik und Betäubung liefern sich einen rasanten Schlagabtausch. Beim Kopieren der letzten Aufnahme die beiden Fotos von der Geburtstagsfeier gesehen…
Wenn überhaupt einen winzigen Augenblick lang, und das nur ganz klein, kaum zu erkennen… Aber ich sehe sie sterben! Ich sehe meine Mutter schon wieder sterben!!! Die Augen werden geflutet…

Die beiden Fotos vom T-Shirt, welches sie vor 20 Jahren, im für den Rest meines Lebens entscheidenden Jahr 1998, zum 50. Geburtstag bekommen hat.

Ich sterbe…
Aber viel zu langsam, es ist kaum zu ertragen!
Sebastian ist zurück, ist oben, wird noch ein bisschen brauchen. Panik, Dämpfung, Verlustängste, noch mehr Panik, weniger Dämpfung, noch viel mehr Verlustängste… Usw. und so fort!!!

Den Rollator umdrehen. Himmel! Wenn da mal jemand aus Versehen einen Blick hineinwirft… Was wird diese Person von mir denken? Auf Verständnis darf ich wohl kaum hoffen. Unzählige Tücher und ein großes Handtuch, Strumpfverbände… Und allesamt blutgetränkt…

Ich brauche…
Ich muss…
Es geht nicht anders…

Dabei meine rechte Hand völlig verkrampft, eine Faust, schwach und gelähmt, die Finger lassen sich ohne äußere Gewalteinwirkung nicht strecken.
Eine Faust ist jedoch allemal besser als ein Streckspasmus in meiner Rechten. Perfekt, um die Rasierklinge doch noch irgendwie zu halten.
Sicherheitshalber zu Beginn gleich den Strumpf überstreifen; meine liebe Not mit diesem lächerlichen Handgriff.
Draußen geht die Sonne unter. Lebenslänglich.

Du wertloses Stück Dreck!!!

Bei dem Gedanken, dass er wieder runterkommt und somit symbolisch den Tag beendet, kommt mir die Kotze hoch vor lauter würgender Angst. Wie ein Strick um meinen Hals, und am anderen Ende hängt Rumpelstilzchen, schaukelt wild hin und her, dabei wird er immer schwerer und schwerer…

Auf jedes Geräusch von oben achten…
Nervös…
Singdrossel und Amsel singen ihr allabendliches Requiem. Einmal tief durchatmen…
Den Kopf schütteln, als würde es jemand beobachten, als würde ich dies für irgendwen tun…

Wieder zu feige! Es tut mir leid. Sie stirbt. Stattdessen sollte ich abkratzen.
Bei jedem lächerlichen Schnitt automatisch, unwillkürlich, reflexartig die Luft anhalten…

Und es wird 20:17 Uhr und auch wenn die ersten vier Kratzer auf der wahrlich verbrauchten Unterseite kaum Anstalten machten, für mich zu weinen, tun es die weiteren vier auf der Oberseite umso mehr.
Dicke, dicke Blutperlen werden aus den fragilen Strichen gequetscht. Wehmut kommt auf… Ich hätte den Arm auf einen der wenigen Flecken vom Frottee legen sollen, der mir zumindest verraten hätte, ob ich meine Schuldigkeit zumindest ansatzweise getilgt habe.

Der dreckige Strumpf, obwohl noch vor drei Tagen nagelneu, rettet die Welt! Kaschiert, was keiner sehen will, was nicht sein darf, denn: „… anderen Menschen geht es so viel schlechter, verhungern, sind Kriegen ausgesetzt, und ich dämliche Kuh tue gerade so, als wäre gerade MIR IRGENDETWAS zugestoßen!!“…

NICHTS UND WIEDER NICHTS!!
Du kannst dich ja nicht einmal erinnern!!!

Erneut die wenigen Spuren von den rechten Fingern lecken. Gleich werde ich tief Luft holen und es wird sich anfühlen, als hätte ich die letzten 20 Minuten nicht mehr geatmet. Im besten Fall, und das hoffe ich inständig, wird sich zumindest für einen Augenblick so etwas ähnliches wie Frieden in meinem Schädel, in meinem ganzen Körper einnisten.
Ich hasse mich. Und ich halte meine Stimme nicht mehr aus…

21:22
Es glich einer Erlösung, als er meinte, noch bis 10 oben zu tun zu haben.
Aber was habe ich davon?
NATÜRLICH ist es unvernünftig, den ganzen Tag bewegungslos auf einer Stelle zu verharren!
NATÜRLICH ist es ungesund!

Hasstiraden erfüllen den Raum. Die Tastatur fällt runter. Sie nicht mehr aufheben können. ALLES wird zur Belastung! Der Saustall links von mir! Die Unordnung vor mir auf dem Tisch! Das Durcheinander rechts in der Küche! Der penetrante Gestank nach Essig, Salatsauce!!!
Mir wird schlecht! Immer schlechter!
Schmerzen! Schmerzen erfüllen den ganzen Körper! Dagegen sind die armseligen Kratzer ein Flohhusten!!! Der Rücken, die Verspannungen, Kopfschmerzen und erst recht der Ischias!!!
NICHTS GEHT! NICHTS FUNKTIONIERT! UND SCHEINBAR IST ES ZU VIEL VERLANGT, WENIGSTENS HIER SITZEN ZU WOLLEN UND MIT VIEL MÜHE, DEN LÄHMUNGEN UND WIDERSTÄNDEN ZUM TROTZ, EINIGERMASSEN PRODUKTIV ZU ARBEITEN, WENN DAS OHNEHIN DURCH DIE BESCHISSENEN UMSTÄNDE STÄNDIG VERZÖGERT, DOPPELT UND DREIFACH IN DIE LÄNGE GEZOGEN WIRD!!!
NICHTS UND WIEDER NICHTS!!!

Mein Dasein kotzt mich an. Da bietet sich einmal die Chance auf Ablenkung, ABER NICHT FÜR MICH! WIE KONNTE ICH ES NUR WAGEN, DIES ÜBERHAUPT IN ERWÄGUNG ZU ZIEHEN, FÜR MICH, MICH STÜCK SCHEISSE!!!!

Die Zeit verrinnt, rieselt mir durch die Finger und ich unfähig, auch nur eine Sekunde festzuhalten. Wie kann ich mir bloß anmaßen, dergleichen in Anspruch zu nehmen, zu fordern, nur darum zu bitten!!…

Es wird heiß. ZU heiß. Ich beginne zu schwitzen. Aber (auch wenn Sebastian nun sagen würde, dass das NICHTS damit zu tun hat) ZU DÄMLICH, den Ventilator einzuschalten.

Du beschissener Krüppel! Du bist eine Lachnummer! Eine Belastung! Bring es endlich zu Ende!!

Unfähig, den Ventilator aufzustellen, nachdem ich ihn umgeschmissen habe. Unfähig, ihn an irgendeiner Stelle in die Hände zu nehmen, festzuhalten!! Mein Schädel droht zu bersten, wenn ich mich bücke. Alles in mir drückt. Kopf, der Magen, die Gedärme, der Ischias.

Überzeugungsarbeit wird sozusagen geleistet.
Aber ich…-allmählich gehen mir die Worte aus, die auch nur ansatzweise beschreiben könnten, WIE wertlos und dreckig und nutzlos und belastend und beschissen usw. und so fort ich bin- …bleibe ernsthaft am Leben!

22:06
Immer noch allein. Mir ist schwindelig. Aber ich sollte dennoch ein paar Schritte gehen…

3. Juli 2018, Dienstag „Und täglich grüßt das Murmeltier…“

8:31
Oder besser gesagt „…der Wiederholungszwang…“?
Unzählige Minuten verstreichen wertfrei, das Diktierprogramm zelebriert seine 5 Minuten.
58,4 Kilo um 6:45 Uhr, draußen vor dem Küchenfenster singt eine Goldammer, der Himmel unentschlossen und verhältnismäßig wenig Gäste am Restaurant. Ich bin so müde und habe es mir doch selbst zuzuschreiben. War der Rausch wenigstens schön? Oder hatte nicht mehr in petto als mich körperlich in einen Kaugummi zu verwandeln?
Mein sauteurer Sessel kommt heute. Dafür muss im Wohnzimmer manch anderes weichen. Ein Drittel der Couch zum Beispiel. Ob das alles so klug ist, oder ob es die Unruhe und gefühlte Unordnung erst recht verstärkt?

Als ich gestern mit der Animation einfach nicht vom Fleck kam und wahrlich schon überhaupt keine Lust mehr hatte (diesbezüglich muss auch noch erwähnt werden, dass ich vermutlich noch mehr Umstände bekomme, wenn die Samples nicht passen), drängte sich mir die Tatsache auf, auf den SD-Karten wieder zwei neue Sprachaufnahmen zu haben. Die Panik bedankte sich mit einem Knicks… Aber mir nun vorzugaukeln, mit dem restlichen Tee und einem gemütlichen Festhalten meiner Gedanken ruhig und entspannt in den Tag starten zu können, dürfen, wenn nicht sogar zu müssen, sollte als infantil bezeichnet werden. Wie lange macht mein Rücken mit? Der Ischias meldet sich. Die rechte Ferse schmerzte nachts bestialisch und der Nachhall lässt auch jetzt noch keine Langeweile aufkommen.

Bis dato hatten die Comicfiguren keine Augen. Keine Ahnung, was ich Vollpfosten mir dabei gedacht habe. Wollte ich sie ernsthaft nachträglich einbauen, über das Videoschnittprogramm???
Rumpelstilzchen lacht sich schlapp über mich und meine Blödheit. Nun über Umwege jedes einzelne Bildchen nachbearbeiten. Und sollte das total bekloppt aussehen, sicherheitshalber dieselben Dateien in einen externen Ordner verschoben, um sie dann wiederum im Arbeitsordner zu ersetzen… Aber das wird jetzt zu verkopft! Hauptsache ich mache keinen Fehler und lösche irgendwo aus Versehen irgendwas…

9:19
Lange habe ich nicht durchgehalten…
Aber es ist doch wie jeden Sommer, wie jeden Frühling, jeden Herbst… Als Opfer zermalmt zwischen den Prioritäten!! Ich müsste ein paar Schritte gehen. Ich müsste weiterkommen mit dem Video. Ich müsste malen, ehe ich nicht mehr malen kann. Ich müsste noch dieses eine Dokument fürs Büro fertig machen. Ich müsste draußen sein, ich verpasse alles. Erst recht deswegen, weil seit einer halben Stunde die Mäusebussarde mit ihren jungen Bruchpiloten unentwegt ums Haus kreisen und von lediglich diesem einen Blickwinkel durch die Terrassentür kann ich sie nicht filmen…
Ich bekomme ein Magengeschwür bei dem Gedanken, was für grandiose Chancen mir bereits entgangen sein könnten… Aber was heißt hier „könnten“, DAS IST FAKT!!!
Die Unruhe manifestiert sich erst in klimpernden Händen. Ständig die Kamera nehmen, kurz warten (die Lichtbedingungen gelinde gesagt beschissen), sie wieder weglegen, um wenige Minuten später den nächsten Raubvogel vorbei zischen zu sehen. Ich fange an vor und zurück zu wippen. Die Kopfschmerzen nehmen zu.

Eigentlich bedarf es nur einer kleinen Randnotiz: „Bedarf es auch heute wie jedes Jahr zur selben Zeit härterer Bandagen, um mich entscheiden zu können, bzw. mich erfolgreich zu irgendetwas zu zwingen, das ich dann konsequent durchziehe? Man muss ja fast schon sagen >NATÜRLICH< mit unlauteren Mitteln. Denn ohne mich wirklich >kräftig< in die Mangel zu nehmen, also die Unentschiedenheit, das Dilemma, wird das heute wohl nichts mehr!!! Also bleibt die Qual der Wahl, also das Mittel zum Zweck. Oder gleich alles auf einmal?“.

Habe ich morgens Hydal geschluckt? Die 2 mg Retard? Ich weiß es nicht mehr. Aber vielleicht, wenn ich es mir lange genug einrede, verspüre ich auch so eine „benutzerfreundliche Dämpfung“. Mir den Tag einzuteilen, jeder Streitpartei im Laufe des Tages Zeit anzuberaumen, wie bei einem Schulstundenplan, sieht nur von außen wie eine von „Gott gegebene Heilsbringung“ aus…

Scheiße. Ich bin Atheist!

Aber nun folgt erst einmal der Trommelwirbel: MAGIX erneut öffnen und mich gleich -bestenfalls- mit einer Katastrophe konfrontiert sehen. Weil ich doch etwas falsch gemacht habe, er die Dateien nicht einlesen kann, oder die Augen schlicht und ergreifend bekloppt aussehen…

Mäusebussarde…

14:17
Bloß zaghaft schielt die Sonne durch die von hinten beleuchtete und dadurch weiße Wolkendecke. Rasenmäher. Kopfschmerzen. Vor wenigen Minuten war ich nur noch einen Atemzug davon entfernt, einzuschlafen. Aber ich erlaubte es mir nicht. Das Bein krampfte zu Mittag. Die Konsequenz daraus 1,3 mg Hydal. Nun obendrauf eine Koffeintablette. Obwohl ich nicht glaube, dass sie wirkt. Ich bin immer noch zu unruhig. Dabei war ich zuvor nach meinen letzten Worten mit dem Rollator erst auf der Terrasse gewesen, um dort den Mäusebussard zu verpassen, wanderte nach hinten, weil ich dort einen jungen hören konnte, hielt eine Ewigkeit Ausschau, kam zum Schluss, dass ich ihn nur von der Straße aus sehen würde können, raste im Schneckentempo zurück ins Haus, holte den Rollstuhl, fuhr mit diesem die Straße runter, näherte mich leise und ganz langsam seinen Rufen… Ohne ihn entdeckt zu haben, flatterte er plötzlich los, und zwar direkt neben mir, und suchte das Weite.
Etwas verärgert fuhr ich zurück die Einfahrt hoch. Wieder konnte ich ihn hören, wieder direkt vor mir, aber ich sah ihn einfach nicht… Dieselbe Strategie, wenn man mit einem Rollstuhl überhaupt „schleichen“ kann. Und dasselbe Debakel wie zuvor: Direkt vor mir machte er sich aus dem Staub!

Dann wurde mein neuer Sofasessel geliefert. Die Lieferanten waren so freundlich, das neue Luxusstück ins Wohnzimmer zu bringen. Um dort auf dem Holzboden eine mindestens 1 m lange Schramme zu hinterlassen, die Sebastian auffiel. Mir natürlich nicht, als es geschah. Aber mal ehrlich: Hätte ICH irgendetwas gesagt?!

Mir läuft die Zeit davon, mir rast das Herz, ich will alles gleichzeitig und auf einmal schaffen. Aber diesem winzigen Fetzen aus meinem Traum heute Nacht sollte ich (so noch ein wenig Vernunft in mir wohnt) Aufmerksamkeit schenken:
An die Rahmenbedingungen erinnere ich mich nicht mehr. Zuerst war jemand zu Besuch, mit kleinen Kindern. Diese Kinder wurden aber uns geschenkt. Und dann war es wieder so, dass der kleine Junge (oder das kleine Mädchen -ich erinnere mich nicht und spielt wohl auch keine Rolle) Sebastians Kind aus erster Beziehung war. Und ich somit die Stiefmutter. Zuerst hatte ich keinerlei Bezug zu diesem kleinen Menschen. Das Kind eiferte mir nach, als ich den Vögeln zu fressen gab. Es nahm gleich einen ganzen Eimer voll mit Sonnenblumenkernen und verschüttete diese auf der Terrasse. Kochte Wut in mir hoch? Oder sogleich Verständnis für dieses arme, kleine Wesen? Es war ja nicht böse gemeint, lediglich tollpatschig. Ich konnte sehen, wie gleich mehrere Menschen (der Besuch, ganz sicher Sebastians Schwester, der Schwager und noch andere Gestalten) mich eingängig beobachteten.
Ich schimpfte nicht. Auch maßregelte ich das Kind nicht. Das Kind tat mir leid. Ich sah in ihm plötzlich eine verstoßene, verhasste, verteufelte kleine Kinderseele, die für etwas verantwortlich gemacht wurde, was sie ja gar nicht gemacht haben kann. Aus dem einfachen Grund: WEIL ES EIN KIND WAR!!!
Vermutlich sagte ich irgendetwas wie: „Das nächste Mal wird es schon besser gehen. Aber danke, dass du mir hilfst. Die Vögel werden sich freuen!“. Ich streichelte dem Kind über die Stirn. Ich nahm das Kind in den Arm. Vermutlich weinte es. So drückte ich es noch fester an mich, gab ihm einen Kuss auf die Wange, schaukelte es in meinen Armen: „Ich passe auf dich auf…“…
(Mich selbst diese Worte nun aussprechen zu hören, löst noch viel mehr in mir aus als der Traum an sich, oder meine rationalen Überlegungen heute Morgen dazu.)
Als wir ins Haus kamen, wurden allseits Maulaffen feilgehalten. Irgendjemand sagte zu Sebastian, und vielleicht war es auch Constanze: „Ich hätte NIE gedacht, dass sie in der Lage ist, das Kind zu küssen!! Wäre nicht einmal so weit gegangen, in Erwägung zu ziehen, dass sie es in den Arm nimmt, überhaupt berührt!!“.

Man kann nun denken was man will. Rumpelstilzchen, ich mir selbst vorwerfen, den Trauminhalt total zu verdrehen. Denn -wie erst gestern in irgendeiner Gerichtssendung gehört- Erinnerungen haben nicht sonderlich viel Wahrheitsgehalt, sind zu instabil, zu plastisch, wie warme Knetmasse…
Aber ich ahne, was Markus dazu sagen wird. Und es geht nur nicht darum, ihm auf Teufel komm raus zu gefallen und wiederzugeben, was er hören will. Denn aus meinem eigenen Munde käme dieses Thema wohl nicht. Noch nicht. Vielleicht auch nie. Also muss der Umweg über das Träumen genommen werden.
Das Kind, das bin ich, war ich, und verkörpert (immer noch vorhanden,… auch wenn Rumpelstilzchen wettert, ich hätte mir das einreden lassen, um Aufmerksamkeit zu bekommen) mein inneres Kind. Dieses Kind, das ICH SELBST als Nutte, Hure, Schlampe, Flittchen, DRECKIGE FOTZE tituliere. Von dem ich überzeugt bin, dass ihm gar nichts passiert ist! Trotz allem im Widerspruch dazu, dass sie ein notgeiles Miststück ist!!! Ist, damals war…
Eine narzisstische Missgeburt!! Der niemand etwas angetan hat!! Und erneut völlig ambivalent dazu die Überzeugung, dass sie selbst schuld ist!! Mit breit gespreizten Beinen die kindliche Möse jedem entgegen gestreckt hat!!! Wie ein räudiger Köder, der mit seinem Hintern vor lauter Geilheit unentwegt über dem Boden rutscht!!! Dieses Kind, das allein bereits ob seines weiblichen Geschlechts nur so vor Dreck trieft!!!

Mein Wortschatz würde durchaus noch Beschimpfungen für eine weitere halbe Stunde hergeben… Aber mit dieser kleinen Exkursion in meine ganz persönliche Anschauung, meine Kindheit betreffend, sollte ich eindrucksvoll und für Hinz und Kunz deutlich klargestellt haben, WAS FÜR EIN MONUMENTALER SCHRITT ES IST, DIESES KIND zumindest im Traum anzunehmen, in den Arm zu nehmen, in der Umarmung in Trauer und Schmerz und Angst zu verschmelzen…

Ich hatte meine Tante per Mail gefragt, ob ich denn in meiner Kindheit „sehr körperlich, anschmiegsam“ gewesen sei. Sie hatte doch bei der Geburtstagsfeier meiner Mutter samstags einerseits ihr Erstaunen und zugleich ihre Wahrnehmung als Beobachterin geäußert (die für sie bis dato Bestand hatte und alles erklären konnte): „Neeeiiiin…. Als Kind warst du völlig normal!! Du hast dich erst nach dem Tod von Oma verändert, mit 16 damals!“. Darauf wollte ich natürlich wissen, wie diese Veränderung ausgesehen hätte. „Ganz normal… Du bist in die Pubertät gekommen, warst nicht mehr Kind, aber auch noch nicht Frau.“.
Woraufhin ich ihre Sicht von meiner Realität „ein wenig zurechtrücken, wenn ich da erschüttern“ durfte: „Von wegen! Ich war bereits mit sechs Jahren auffällig…“.
Aber nun zurück zur eingangs erwähnten Fragestellung. Sie hat mich falsch verstanden. Und oder besser gesagt aber zugleich ist die Antwort in diesem Kontext noch interessanter: „Für uns warst und bist du unser drittes Kind, ein kleines Schmusekätzchen! Deine Vorliebe zur Nacktheit war im Kleinkindalter ganz normal, fand ich.“.

Irgendwie stockt mir da der Atem. Und muss nun zwangsläufig sagen, dass der Traum nach Lesen dieser Nachricht stattgefunden hat. Wäre es doch wahrscheinlicher gewesen, mich dann erst recht als kindliches Flittchen, Prostituierte zu sehen!!!

Der Rasenmäher treibt mich in den Wahnsinn! Ich bekomme Halsschmerzen, die Stimme versagt, die Kopfschmerzen werden zusehends heftiger. Der immer häufigere Blick auf die Uhrzeit verschärft mein Problem mit mir selbst. Bin ich doch ein Junkie???
Da geht noch mehr…
Da MUSS noch mehr möglich sein!!!…
Aber mit welchen Mitteln?…

15:34
Mein Schädel scheint zu glühen! 37,5°C. War die Heizdecke zu warm? Ich hatte meine liebe Not, ins Badezimmer zu torkeln. Mich am Waschbecken zu halten, während eiskaltes Wasser über meine „Glühbirne“ lief.
Den Ventilator zusätzlich anwerfen. Novalgin, Aspro oder noch mehr Tramal? Nur noch eineinhalb Stunden allein zu sein, den Nachmittag verschissen zu haben, macht mich im wahrsten Sinne des Wortes „KRANK“. Der Tag hat zu wenig Stunden! Und die Erschöpfung, die Müdigkeit wird schlimmer und schlimmer!
Das erinnert mich an so manch ein Video von mir, wenn ich gerade von derlei Situationen (sehr beliebt im Sommer) berichte und dem Kampf, der fast zwangsläufig jedes Mal damit einherging.
Der Gaumen schon wieder staubtrocken. VERDAMMT! Ich habe eine halbe Wassermelone zu Mittag gefressen?

Mein linker Unterarm liegt nun schutzlos vor mir, auf meinem Schoß. Die Blutreste von gestern abgewaschen. Kein Vergleich zum ersten Schlachtfest. Lächerlich die Spuren, die es hinterlassen hat.
Meine Augen verdrehen sich.
Würde ich schlafen, käme ich nicht mehr hoch. Und nachts keinen Schlaf zu finden, wäre damit vorprogrammiert. Mir wird schlecht.
Novalgin oder Tramal? An meiner wackeligen Gesamtkonstitution kann man ohnehin nicht mehr viel ruinieren…

40 Tropfen Opioide. Und dann ans Video. Während mein schlechtes Gewissen nach draußen schielt und mir vorzuwerfen weiß, dass es bald -und schneller als mir lieb ist- wieder kälter wird, ich mich nicht anziehen, nicht ausziehen kann und somit dazu verdonnert, verdammt bin, im Haus bleiben zu müssen!!!
Egal wie, egal was ich mache… Unterm Strich ist es schon vorweg die falsche Entscheidung!!!
Bitte stell mich ab!! Bitte…

16:05
Mein Blutzucker kollabiert. Oder der Mineralstoffwechsel, was weiß ich!! Zu viel getrunken…
„Trink weniger.“, der Pflegeschüler (Praktikant bei der Volkshilfe) montags.
Dann vertrocknet der Gaumen von den Antidepressiva und Spasmolytika!!!

Schon vergessen, welcher Satz folgen sollte.
Achja… Die Hände unbrauchbare spastische Fäuste. Kann nicht tippen; laute Musik angemacht, um die müden Geister wach zu rütteln.
Herzrasen; nun physischer Natur, zwecks Ausschwemmen…

JAMMERN!!JAMMERN!!! JAMMERN!!!!
BESCHISSENER, WERTLOSER KRÜPPELWASCHLAPPEN!!!!!

Alles an mir zittert, während tote „Vorbilder“ um ihr Leben singen, brüllen, schreien (Linkin Park)…

16:29
Selber schuld…? Weil medikamenteninduziert? Weil ich es nicht anders verdient habe? Weil ich schlecht bin? Bestraft gehöre?…

Kind, ich bitte dich, mach die Augen zu…

16:56
Gefühlt zum ersten Mal an diesem Tag tief durchatmen dürfen. Jeder Schnitt läuft an gleich mehreren Stellen aus. Kurzzeitig wird die Panik mehr. Ich scheine keinerlei Ausweg mehr zu haben. Ich denke, ich muss mich umbringen.

Das Lied donnert durch den Raum, direkt in mein wütendes Herz, meine gehetzte Seele…
Es kam genau zu dem Zeitpunkt raus, als unklar war, ob ich wieder laufen würde können oder nicht. Es wäre das perfekte Stück für einen Sprint gewesen. Dachte ich damals. Hoffend, es dafür noch einsetzen zu können. Aber der Kampf war vergebens und es gab keinen Sprint mehr, nicht einmal ein moderates Tempo…

Geschmacklos hin oder her; laut mitgesungen, als würde ich mir die Seele aus dem Leib schreien, während mein einziger Retter, die Rasierklinge, einen Schnitt nach dem anderen platzierte…

Was bist du nur für eine feige Sau!!!

Versagt? Mir keine Mühe gegeben? Es nicht einmal versucht?…
Es blutete und blutete, während mir die Zeit davon lief.
Er kommt bald nach Hause. Die Panik reitet auf diesem Gedanken einen wilden Ritt. Nicht wissend, welchen tieferen Sinn der Satz „Nicht mehr allein sein…“ eigentlich hat.
Ich weiß es nicht…
Weiß es einfach nicht…
WAS weiß ich schon?…

Das doch so unschuldig wirkende weiße Blümchenkleid mit meinem Dreck besudelt. Zwei dicke Blutstropfen, gierig absorbiert vom Stoff, als sei es sein einziges Ansinnen, mich zu verraten: „Schaut! Schaut alle! Seht her, was die Geisteskranke verbrochen hat!!!“.
Die Sätze kommen zähflüssig und schwinden, ohne jemals einen Schatten besessen zu haben!

Was wollte ich sagen…?

Funktionieren müssen. Lächeln müssen.
Dankbar dafür, diese Plattform zu haben. ES aussprechen zu dürfen.
Du machst es nur noch schlimmer, das weißt du. Warst nicht du es, die postulierte, dass die Mischung, oder die Benzos bereits ganz allein die Panik nur noch anheizen?

Ich hatte nachgedacht. Über die Geburtstagsfeier. Die darauf folgenden Sterbefantasien.
Darüber nachgedacht, dass mein Verhalten meiner Mutter gegenüber nicht fair sei. Wenn sie, falls sie nichts mit all dem zu tun hat. Ich war ihr gegenüber doch immer so ehrlich… Damals…
Wäre es nicht das mindeste, ihr eine Nachricht zu schicken, einen Brief, um mich zu erklären? Mich zu entschuldigen scheint bereits im Vorfeld vergebens. Ihr mitteilen, warum und weshalb die Kontaktsperre vonnöten sei. Zumindest den Versuch unternehmen, behelfsmäßige Erläuterungen aus mir raus zu quetschen.

Ich denke, ich bin es dir schuldig. Sollte dir endlich erklären, warum ich mich verhalte, wie ich mich verhalte. Aber wie sollte ich dieses Chaos in Worte fassen? Ohne Erinnerung? Was habe ich schon vorzuweisen? Aversionen (Abneigungen), Ängste, Gefühle, eigentlich nichts als Gefühle… Tue ich dir Unrecht? Die ganze Zeit schon? Mir wurden diese Gefühle und Ahnungen nicht eingeredet. Sie stammen von mir, mir ganz allein. Und wenn ich an meine Kindheit, an uns als Familie denke, sehe ich kaum einen Bruchteil, der heil wäre.
Ursache-Wirkung. Seit Jahren kämpfe ich mit mir selbst, fechte eine Schlacht aus, die ich nicht gewinnen kann… Nicht ohne Hilfe und erst recht nicht ohne Erinnerungen.

[….]

Betrügen mich meine Gefühle, bin ICH das Problem?
Keine Erinnerungen. Aber Flashbacks. Und Albträume, Albträume, Albträume. Diese werden mehr und mehr und immer intensiver und immer deutlicher. Seit 2013 zeichnet sich eine Konstante ab: Immer ein und derselbe Täter.
Warum sehe ich dich seit ich noch so klein war ständig sterben?
Warum fühle ich mich dir gegenüber so schuldig?
Was soll ich angestellt haben, um in mir selbst das Urteil mit mir herum zu schleppen, ich würde dich umbringen?

Fachliteratur, Fachleute sprechen davon, dass ein Kind unter der Drohung missbraucht wird, dass, sollte es darüber reden, die Mutter umgebracht oder sterben würde vor Gram.
Es ist die Rede davon, dass es eben NICHT normal ist, bis 11 ins Bett zu machen. In den späteren Jahren habe ich es selbst zu vertuschen gewusst.
Auch ist symptomatisch, dass missbrauchte Kinder nicht erwachsen werden wollen/können/dürfen. Und sich umbringen oder es zumindest versuchen, wenn sie an der Schwelle zum Erwachsenenalter stehen.
Und selbstverständlich darüber hinaus.

[….]
Es tut mir so leid…“

So oder so ähnlich?
Und wie viel Zeit habe ich jetzt damit vergeudet???
Die Panik übermannt mich, ringt mich nieder, drückt mich zu Boden, würgt mich, und ihr vergifteter Atem und ihre boshaften Augen sprechen nur eine Sprache: „ICH BRING DICH UM, WENN DU ES NICHT SELBST MACHST!!!“.

Die Sonne scheint. Der Himmel beinahe blau. NICHTS geschafft. Das Dokument von der Firma unangetastet. Das Video noch lange nicht fertig. Und der Rausch verraucht…
Warum sterbe ich nicht???
Und wo oder wann war der Punkt erreicht, als der Tag aus dem Ruder lief?
VERDAMMT, ICH WEISS ES EINFACH NICHT!!!!

19:25
Sebastian hat mich in den Arm genommen, ganz fest gehalten, eine Daseinsberechtigung für ein paar zaghafte Tränen geliefert.
Ihm den Text geschickt. Damit er sich mein Chaos durchlesen kann, um vielleicht etwas besser zu verstehen…
Warum ich eben glaube, eine Sollbruchstelle eingebaut bekommen zu haben, und dass die Garantiezeit nun abgelaufen ist.
Noch einmal eine zweifache Dosis Tramal. Aber danach? Eine Weitere? Ich weiß es nicht! Definitiv eine Temesta… Und als diese nach einer halben Stunde immer noch nicht anzuschlagen beliebte, ein Gewacalm obendrauf.

Die Bussarde riefen so laut, die Elterntiere konnte man immer wieder vorbeifliegen sehen. Demnach für vielleicht 5 Minuten mit dem Rollstuhl ums Haus gefahren. Aber alles dermaßen verwuchert, man vermag die Spitzen der alten Bäume oben im Wald nicht zu erkennen, alles verdeckt.
Mir selbst ein Versprechen geben: Morgen Vormittag werde ich draußen auf der Terrasse warten. Dann, wenn man es dort noch aushalten kann, die Sonne noch nicht alles verbrennt. Bestenfalls mit dem Notebook, um die Büroarbeiten abzuschließen.

Das klingt doch alles wunderbar, du hast ein Ziel, einen Plan!“

Ach, halt die Schnauze!!

19:57
Mein Schädel wird schwerer und schwerer. Habe ich ENDLICH eine sogenannte Wohlfühlzone erreicht? Der Körper will schlafen, die Augen verdrehen sich wie bereits mittags. Die Schultern schwer, werden schwerer, noch schwerer. Abendlicht liegt über dem Hügelland. Ich sehe zusammenhangslose Kindheitserinnerungen. Fußball spielen mit meinem Bruder, ich komme soeben mit Kolga von einem Halbtagesausritt zurück, ich sitze hinter der Garage auf dem Betonziegelstein und weine der Nacht entgegen, ich kann das leckere Abendessen, welches meine Mutter gerade zubereitet, bis nach draußen riechen, es sind Sommerferien und meine Schulfreundinnen unten bei der Volksschule spielen mit mir bis es dunkel wird. Meine Mutter kommt, um mich abzuholen. Aber sie verstrickt sich in ein Gespräch mit Marianne, der Schulwärtin, und wir Kinder sind mal froh, dass die beiden ausreichend Stoff auszutauschen haben. So müssen wir nicht ständig bitten, noch ein bisschen weiter toben zu dürfen.

Es ist schön, idyllisch… Friedlich. Aber tief in einer dunklen Ecke meines Magens rumort etwas, fordert immer lauter Aufmerksamkeit. Als wäre es ein Warnsignal, dass sich immer hysterischer schrillend in die Magenschleimhaut eingräbt…

Was will es von mir? Ist doch alles so wunderschön!
Aber die Nacht ist gnadenlos, schiebt sich über den Abend und frisst auch noch die letzten Reste Licht. Was bleibt, sind Glühwürmchen und bestenfalls ein klarer Sternenhimmel. Und wie aufeinander abgestimmt, perfekt trainiert und konditioniert, kommt die Panik im „starken Trab“ um die Ecke gebogen und hält zielsicher und dabei gnadenlos auf mich zu…

21:41
Mit offenem Mund, die Kinnlade hängt teilnahmslos, unkontrolliert runter. Alles doppelt sehen. Den Kopf zu schütteln hilft nur wenige Sekunden. Guter Dinge, zumindest schlafen zu dürfen.

Sebastian schläft längst auf dem Sofa und ich hatte noch kein Abendessen.

HUNGERN bekäme dir ohnehin besser!!

Beim Lesen vermischten sich in meinem Schädel Außenreize, Erinnerungsfetzen, bereits dagewesene Träume mit welchen, die eventuell noch kommen werden und beinahe psychotisch irgendwelchen Bildern, ich male mir die Realität unfreiwillig bunt und skurril und zugleich obskur… Surrealismus im Rauschzustand.
Nun ist genug, es reicht, kann kaum noch sprechen…

Es tut mir leid. Wirklich, auch wenn es manch einem schwer fällt zu glauben. Ich tue das nicht, um jemandem zu schaden, runter zu ziehen, die Laune zu ruinieren.
Aber diese ganzen Gedanken müssen raus, irgendwohin raus, ehe ich daran stillschweigend zugrunde gehe…

29. Juni 2018, Freitag „Henkersmahl…

8:26
58,2 Kilo um 6:45 Uhr; ohne Entwässerungstablette und ohne Stützstrümpfe. Die Verdauung liegt weiter im Koma. Habe ich es geschrieben? Dass sich in der Situation mit dem starken Durchfall in Deutschland, im Zusammenspiel mit diesem Missbrauchstraum, als die riesige Hand zwischen meinen Kinderbeinen lag, gefühlt einen prägenden Eindruck hinterlassen hat? Weil ich doch an mir runter sah und dem Kind passierte nichts! Ich durfte Teil daran haben, wie die Kleine ihren missbrauchten Unterleib abgespaltet hat! Wie sich im Weltall ein Raumschiff von seinem Raketenantrieb löst…

Habe ich oder habe ich nicht? Mieke fragte mich gestern, ob ich denn nichts spüren würde. Von wegen Völlegefühl, Druck auf dem Bauch, Blähbauch… Aber eigentlich nicht.

Die Krämpfe nehmen zu, machen mich krank. Die eine Temesta war kurzfristig eine kleine Hängematte für die Seele. Ich habe die Idee mit der Selbstverletzung so lange hinausgezögert, bis er nach Hause kam. Wir gingen ins Bett. Dieses empfand ich erneut als unerträglich, ekelhaft, widerlich, DRECKIG! Und die Beine krampften… 2 mg retard und 2,6 mg vom normalen Morphin. Zusätzlich eine volle Dosis Gewacalm, 5 mg. Also… Volle Dosis an dieser Stelle gleichzusetzen mit einer Tablette.
Ich war wach, ich schlief, ich wurde durch Epochen meiner Vergangenheit geschleudert, ich träumte von der Vergangenheit. Um nun nichts mehr auseinanderhalten zu können, im eigentlichen Sinne auch nichts festgehalten… Alles weg.
Der graue Himmel, die Vögel draußen, leisten ihren ganz eigenen Anteil an dem Prozess. Die meiste Zeit des Tages bin ich nur noch 4 und dann wieder 15, mal neun Jahre alt, dann 11 und zurück zum vermeintlich entscheidenden Alter von sechs Jahren. Ich bin nicht mehr im Jetzt. Ich bekomme nichts mehr mit. Merke mir nichts. Außer vielleicht dass ich der dummen Tabletten wegen mich heute noch unsicherer bewegen kann. Meine Augen verdrehen sich, wollen schlafen. Aber ich habe abends noch mit der Animation begonnen. Das soll ja schlussendlich auch nach etwas aussehen…
Um 10 Gespräch mit Markus. Wenn sie mal pünktlich kommt, um 11 Therapie mit Sonja. Meine Augen driften ab, bleiben noch häufiger und latenter ihm Nichts kleben. Wie Fliegen in einem Spinnennetz und es kostet dermaßen Überwindung, Kraft und Anstrengung, den starren Blick loszureißen. Da meine ich mich plötzlich erinnern zu können, das wäre bereits als Kind und Jugendlicher so gewesen…

17:22
Der Himmel weiß nicht so recht. Ich weiß nicht so recht. Hin und her gerissen zwischen dem Wunsch, auszuruhen, weiter am Video zu arbeiten und erst recht draußen zu verweilen, um nicht alles zu verpassen…
Mittags für Sekunden eingeschlafen. Dann kam er nach Hause, es gab etwas zu essen und das linke Bein trieb wieder seine Spielchen mit mir: es krampfte bestialisch!! Drauf klopfen, den Oberschenkel verprügeln, Ventilator… Alles sinnlos.
Was habe ich geschluckt? 1,3 mg Hydal? Ein Säckchen Magnesiumgranulat. Und dann, als die Unruhe auf dem Sofa angeheizt durch die neuropathischen Schmerzen immer schlimmer wurde, erneut 1 mg Temesta. Nebenbei erwähnt die verspätete Mittagsdosis vom Tramal bestand wieder aus 20 Tropfen. Nicht wie gewöhnlich 15.

Auf meiner Oberlippe herum kauen. Dabei kann und wird es nicht bleiben dürfen. Selbst wenn es dazu beiträgt, meinen Körper noch instabiler zu machen. Ich nicht aufstehen, nicht stehen und nur sehr schwer gehen kann.
Habe ich es erwähnt? Markus hat mir angeboten nach der Feier mit mir eine Sitzung abzuhalten. Schlimmstenfalls werde ich diese auch benötigen. Ich vermag den Gedanken nicht abzuschütteln, mich bestrafen zu müssen und dort NUR mit einem blutenden Unterarm antanzen zu dürfen.
Damit man mich nicht falsch versteht: Ich will und werde damit niemanden unter Druck setzen. Nicht drüber reden und erst recht nicht zur Schau stellen, was ich mit mir selbst angestellt habe. Aber ich brauche scheinbar die beruhigende und zugleich pochende Gewissheit, dass ich ein schlechter Mensch bin und erst recht an allem schuld!

10. Juni 2018, Sonntag „Die Heimkehr wie ein Bombeneinschlag!!“

13:53
Womit fange ich an, wie soll ich dieses Chaos einigermaßen in Zaum halten, wenn ich doch bei jedem dritten Wort bereits eine Denkpause benötige, mich ausschalte, dissoziiere? Hätte ich im Haus bleiben sollen, nicht raus ins grüne Überangebot an Leben?

Verspätet diesen Tag beginnen wie eigentlich jeden anderen auch, um irgendwo Struktur zu finden: Mit Magenschmerzen und zitternden Knien stand ich um 12:15 Uhr auf der Waage, stellte mich meinem eigenen Scharfrichter, und hatte… Glück?
56,8 Kilo.
Was habe ich mich verachtet, wie fett mich selbst empfunden, ganz zu schweigen von dem, was ich im Spiegel sah. Aber nun genug, für Selbstbeschimpfung Hasstiraden bleibt immer noch genug Zeit. Dafür, dass ich die ganze Reise über mich eigentlich an keinen einzigen Traum erinnern konnte, wurde ich mit nächtlichen Bildern seit vorgestern regelrecht überschwemmt!!! Heute Nacht, ich kann sie nicht mehr zählen! Erst recht kaum beschreiben, wie heftig die psychosomatischen Symptome hinterher!! Das Herzrasen, die Angst!!

Von 7. auf 8. Juni 2018
Mit dem Traum von Donnerstag auf Freitag beginnen. Keine Notizen, lediglich eine kurze Sprachaufnahme auf der Videokamera. Ob ich daraus das Puzzle wieder zusammensetzen kann, bleibt offen.

Die Tonspur starten… Sebastian und ich schliefen nackt unterhalb meines ersten „sicheren Ortes“, meinem Hügel, auf der dunklen Wiese in einer Mulde. Beide waren nackt, aber man konnte uns von der Straße aus nicht sehen, wie zwei schwarze Gestalten, die mit der schwarzen Wiese verschmolzen. Aber auch lagen wir sehr nahe am alten Bauernhaus von Herrn Hirtenfelder, und der alte Mann musste etwas gehört haben. Im Haus ging überall Licht an, es rumorte, man konnte ihn poltern hören, schimpfen, er suchte etwas. Wir schlichen ums dunkle Haus herum, bis er zumindest mich entdeckte, und er hatte eine geladene Schrotflinte in der Hand. Da tauchte plötzlich von hinten eine Dame auf, Typ Tina oder innere Helferinstanz, und korrigierte meinen soeben ausgesprochenen Satz, meine Entschuldigung, und tischte dem alten Männchen irgendeine Geschichte auf, die er prompt glaubte. Er packte die Waffe weg und ging zurück in sein Haus. Die Frau verschwand.
Sebastian und ich kletterten den Hügel hoch. Allmählich wurde es hell. Beim Scheinwerfer von jedem einzelnen Auto duckten wir uns, aber alsbald würde man uns beide nackt dort oben sehen können. Oben auf dem Hügel war plötzlich eine Hütte, ein kleines Gartenhäuschen, wie ich es als Kind hatte. Nur proportional viel größer. Ich meinte mich im Traum zu erinnern, mit meinen beiden letzten Freundinnen lauter Material von unserem Hausbau dorthin geschleppt zu haben, um den Schuppen aus lauter Einzelteilen zusammen zu basteln.
Geschah es an diesem Punkt? Ich sah, ich hörte einen riesengroßen, bösartigen Hund, der mehr einem Werwolf glich, auf mich zu rasen. Sein gieriges Hecheln, das hinab Tropfen seines Geifers. Ich stellte mich tot, in die noch dunkle, aber allmählich von der Morgendämmerung feuchte Wiese gepresst wie ein verängstigtes Kaninchen!! Er war mir ganz nah, direkt vor mir, zwischen uns lediglich ein dünner Schleier aus Nebel. Er war so riesig und ich ein schutzloses kleines, nacktes Kind… Doch dann ein Aufblitzen in seinen gefährlich funkelnden Augen!! Jetzt war mir klar: „In der nächsten Sekunde stürzt er sich auf mich und wird mich zerfleischen!!! Es/er wird mich töten!!!“…

Atemnot. Panik. Herzrasen. Ich verwehrte mir Luft zu holen. So angestrengt, dass ich in Trance fiel. Ich dissoziierte. Scheinbar hielt ich damit aber die Zeit an. Dieses Gefühl während einer Dissoziation, dass um mich herum die Zeit plötzlich viel langsamer ablaufen würde, setzte auch nun ein. Ich sah das Monster in Zeitlupe zum Sprung ansetzen, wie es sich auf mich stürzen würde, zugleich der Gedanke, würde ich nun so wach werden, auch am Tag sterben zu müssen. Der Wolf flog, flog mir entgegen, dabei immer langsamer werdend…
Und ich? Duckte mich weg, bewegte mich zur Seite…
Er sprang ins Nichts!!! Für einen Augenblick erwachte ich, heilfroh, die Gefahr gebannt zu haben. Und träumte weiter…

Nun das Absurde: Plötzlich war er zahm, ein ganz lieber, freundlicher Streuner. Da waren irgendwelche Wildtiere, waren es Igel oder Gänse? Sie alle verschanzten sich in meiner Hütte. Der Hütte auf dem Hügel, der für mich ein sicherer Ort war als Kind. Aber nun kam irgendjemand aus Richtung Gasthaus quer über die Wiese, teilte mir mit, man verlangte nach mir. Ich sollte die Hütte zurückgelassen.
Ein Sturm, ein heftiger Windstoß!! Die Hütte wurde fortgeblasen, zu diesem Zeitpunkt stand ich unter dieser am Hang. Sie stürzte über mich hinweg und so haarscharf an mir vorbei; beinahe hätte sie mich erschlagen. Wieder Herzrasen, wieder Panik. Aber ich half dabei diese -nun einmal umgestülpt- wieder aufzustellen, etwas weiter unterhalb vom Hügelgipfel neu zu befestigen, zu verankern. Nun konnte man die Hütte vom Gasthaus nicht mehr da oben thronen sehen, sie versteckte sich sozusagen hinter meinem sicheren Ort. Die Tiere zogen wieder ein und auch irgendwelche Flüchtlinge. Unten an der Straße um den Hügel herum ging die Polizistin, mit der ich damals 2012 bei meiner Ausstellung im Dorf Kontakt hatte. Weil sie in meinen Bildern etwas Eindeutiges zu erkennen glaubte. Ich wollte ihr Fragen stellen, rief immer wieder hinunter und sie zu mir zurück hinauf, während ich langsam den Hügel hinabstieg.
Als wir unten auf halbem Wege aufeinandertrafen, sah sie und erkannte auch ich selbst eine riesengroße Beule auf meiner Stirn, mein Gesicht blutverschmiert. Aber zu Hause, im Gasthaus wurde das beflissen ignoriert. Oder keiner konnte es sehen. Irgendeine Festivität, meine Mutter kochte hinten auf der neuen Terrasse, die erst nach meiner Kindheit gebaut worden war, für mal eben 100.000 Menschen. Wir gingen an ihr vorbei, ich wollte mit der Polizistin in mein Kinderzimmer, um dort bestimmte Fragen zu erörtern. Aber wir kamen nicht so weit. Sie meinte plötzlich, gehen zu müssen. Ich sah sie durch das Gasthausfenster vorne auf dem Parkplatz stehen, und die ganze Szene machte den Eindruck, als sei sie ein ungebetener Gast, der das Haus nicht betreten dürfe. Als hätte sie es nie betreten. Keine Antworten, keine Fragen besprochen. Aber stattdessen hat sich meine Mutter ebenfalls einen neuen Termin bei ihr geben lassen: „Ich muss ja wissen, worüber ihr geredet habt!“.

Jetzt folgt noch ein zweiter Traum, von dem ich bereits nichts mehr wusste. Ebenfalls gleiches Datum.
Mit irgendwem war ich unterwegs. War wohl noch Kind oder Teenie. Dann war ich allein, wohl oder übel erwachsen und fuhr mit zwei großen Fahrrädern, einem roten elektrischen Kinder-Cabrio und meinem Rollator. Die Bundesstraße runter in Richtung Königsdorf durch den Wald, unten in die pannonische Ebene hinein, drehte dort wohl eine Runde und fuhr denselben Weg die Bundesstraße zurück. Zuvor hatten ja noch Freunde oder irgendwelche Bekannte (allesamt erwachsen) die Fahrräder gefahren. Aber nicht nur dass ich nun mit diesen ganzen Gerätschaften alleine war, etwa 1 km bevor der Wald beginnt, bevor es den Hügel hoch geht in Richtung Gasthaus, begann es zu der man. Das Unternehmen sollte doch ein positiver Start sein, ein gutes Zeichen, wieder zu trainieren, mein Leben selbst in die Hand zu nehmen, der MS etwas entgegenzusetzen. Und dabei schien ich nun allem Anschein nach die Zeit aus den Augen verloren zu haben. Es konnte ja wohl kaum Absicht sein, dass jemand am Himmel das Licht ausgeschaltet hat, oder…?
Spätestens am Wald, an der Steigung angekommen, war zappenduster. Ich hatte keine Beleuchtung an meinem Rollator. Mein Handy funktionierte nicht. Ich musste mich, musste meine Ängste überwinden und irgendjemanden anhalten, um um Hilfe zu bitten. Da kam mir ein Wagen, voll gestopft mit jungen Leuten, entgegen, hinten dran ein Anhänger und sie wollten mich sofort aus meiner misslichen Situation befreien. Denn ich allein, in dem dunklen Wald, der Bundesstraße, wo uns doch damals, als ich 16 war und den elfjährigen Nachbarsjungen dabei hatte, jemand einpacken wollte… Und das aber am helllichten Tag!!!… Wie gefährlich würde es dann nachts für mich als hilfloser Krüppel, erst recht weiblichen Geschlechts sein??
Sie packten die ganzen Fahrräder und das Kinderauto auf den Anhänger und fuhren nun aber in die entgegengesetzte Richtung, zurück in die Ebene, zurück zum Bach und dann zum Fluss.
Wir bogen rechts ab, in den kleinen Güterweg den Fluss entlang. Aber da war kein Asphalt mehr! Stattdessen ringsum nichts als Mais!!! Mannshoher Mais!! Dort hinein geschlagen eine schmale Schneise. Ich war zu Fuß. Hatte ich einen Stock? Keine Straße, kein Asphalt, und dennoch rasten permanent Autos an mir vorbei. Ich musste unaufhörlich links oder rechts tiefer in den Acker hinein klettern, um nicht überfahren zu werden. Was sehr beängstigend war, und erst recht nicht darauf vorbereitet, auf was ich scheinbar in der Mitte vom Acker stieß: Da war ein Guru!! Eine Mischung aus Markus und einem Osteopathen, zugleich Esoteriker und Sektenführer einer Art Hare-Krishna-Vereinigung, die es sich zur Aufgabe gemacht hatte, Krankheiten auf den Grund zu gehen und diese zu heilen. Er war soeben dabei auf der anderen Seite von dem seltsamen Pfad einen Tempel zu errichten. Eine Aztekenstatue war bereits zu sehen. Es sollte ein Zentrum der Heilung werden. Und dann kam ich gerade um die Ecke, das perfekte „Opfer“ oder der perfekte „Nutznießer“? Kaum hatte er mich in seinen Fängen (das klingt so negativ, soll es aber gar nicht… alles war nur irgendwie seltsam), begann er mich zu analysieren. Erst schossen seine Assoziationen ins Leere. Aber dann hat er mich wohl berührt! „Du musst unbedingt nach Wien!! Da gibt es seit einiger Zeit eine Heilung für deine MS!!!“.
Völlig paradox, wie ich nun reagierte! Ich brach in seinen Armen förmlich in mich zusammen! Konnte mich nicht mehr auf meinen Beinen halten! Ich weinte! Dann schrie ich laut!! Lauter und lauter: „ICH DARF NICHT GESUND WERDEN!!! ES DARF MIR NICHT GUT GEHEN!!! DAS DARF ICH MEINEN ELTERN NICHT ANTUN!!!“; lauter und lauter, als könne ich mich damit selbst bereits vernichten. Ich riss mich los. Weg, nichts als weg!!! ICH MUSS STERBEN! ICH MUSS MICH UMBRINGEN! ANSTATT GESUND WERDEN ZU DÜRFEN MUSS ICH MICH UMBRINGEN!!!…
War es auf dem Weg zum Guru oder auf der Flucht von diesem? Während ich ständig den Fahrzeugen ausweichen musste? Zudem sei auch noch erwähnt, da patrouillierten lauter Soldaten. In meinem Schädel manifestierte sich die Angst, beobachtet zu werden, schon die ganze Zeit, zudem konnte ich mich kaum noch bewegen, kam kaum vom Fleck. Irgendwer könnte mich weiter in den Acker hineinschleifen. Damit er mich dort vergewaltigt. Die Angst nicht abschütteln könnend, redete ich sie mir schön, ganz pragmatisch: „Dann habe ich es wenigstens ENDLICH hinter mir! Niemand kann mehr sagen, ich wurde nicht missbraucht. Wenn er mich dann auch noch umbringt, umbringen sollte… Auch gut…“.
Szenenwechsel. Wieder stand ich am Beginn des Waldes. Bereits ein paar Schritte die Bundesstraße hoch in diesen hinein. Aber es war helllichter Tag. Das Licht wieder angeschaltet. Ich saß auf einem Fahrrad. War erwachsen, der Drahtesel normal. Aber hinter mir stand meine Mutter und hielt mich fest. „Lass mich los!“, und ich trat in die Pedale -ich schüttelte sie ein Stück weit ab. Dann stand mein Vater hinter mir. Sie hatte zu ihm gesagt, er solle dann eben die Aufgabe übernehmen. Die „Aufgabe“? Er hielt mich wie ein Vater, der seinem kleinen, ungeschickten und dummen Kind das Fahrradfahren gerade erst beibringt. Auch davon riss ich mich los, ich wollte nicht, dass er mich berührt, und Sebastian sagte nur (wie am Morgen nach der Geburtstagsfeier bei seiner Oma, als mir diese beim Schmieren einer Stulle helfen wollte): „Sie will das alleine machen! Lasst sie! Sie wird dann schon um Hilfe bitten!“.

Mittlerweile ist es 15:16 Uhr! Für zwei Träume in einer Nacht! Die abschließende Korrektur, das Überfliegen noch nicht einmal eingeschlossen! Ich bewege mich überhaupt nicht, alle möglichen Stellen an meinem Körper beginnen zu schmerzen. Mittlerweile mit einer dicken Schicht Weidensamen dekoriert, unfähig, auch nur die Maus zu betätigen. Und doch: Es bedurfte lediglich kleinster Stichpunkte, um die Träume wieder aufrollen zu können. Erstaunlich.

Heute Nacht im Traum ein Filmchen nach dem anderen. Unklar, ob ich meine nächtlich festgehaltenen Hieroglyphen überhaupt entziffern kann… Ganz abgesehen vom stumpfen Buntstift und bei Traum zwei der plötzlichen Komplettlähmung meiner Rechten.
Ein Zettel fehlt und ich kann nicht denken. Da helfen die restlichen Teile auch nicht, um den Anfang aus der Versenkung auftauchen zu lassen… Oder?

Ich machte Therapie mit Markus. Per Computer, per Tablett, per Haustelefon. Ich wohnte im Gasthaus und saß im alten Wohnzimmer. Aber ständig kam irgendein Gast herein oder von draußen hörte ich jemanden laut schimpfen. Da war keiner, der aufpasste, der bediente. So sah ich mich gezwungen immer wieder unter Flüchen meinerseits hinter die Theke zu gehen und Leute abzufertigen. Eine Störung folgte nach der anderen. Aus irgendeinem Grund (vermutlich wollte ich Sport machen) ging ich mit dem Telefon in der Hand durch die Hintertür, quer durch den Garten, während Markus immer wieder in Monologe verfiel, die nichts mehr mit mir zu tun hatten, einem falschen Pfad folgten, Tatsachen verdrehten. Ich wurde immer zorniger, wütender, verzweifelter. Mir war ohnehin längst alles zu viel!!! Mir wuchsen meine unzähligen Träume über den Kopf, von denen ich noch keinen einzigen diktiert hatte, sowie mein Video, das Bild, das Malen allgemein…!!!! Entweder wollte ich mich umbringen oder einen radikalen Bruch geschehen lassen!!! Ich schrie, in den Hörer hinein, während er redete und redete, wie eine Wand und nichts von all meinem Geschrei hörte. Er kam zu keinem Ende, keine Atempause!! Dementsprechend brüllte ich immer lauter! Zudem nebenher immer noch unterbrochen von anderen Leuten, die meinen Weg kreuzten. Ich kletterte unten über den Zaun, wie damals immer als Kind, runter zum Zebrastreifen, überquerte die Straße, die Bundesstraße entlang, wieder in Richtung Königsdorf. Zumindest bis zur Einfahrt von mehreren Häusern. Dort wohnte nun Petra, meine Freundin aus Kindertagen und Schulkollegin. Sie stand einfach an der Straße und machte mir Vorwürfe. Währenddessen immer noch Markus in der Leitung. „Was fällt dir ein? Du hast mein Leben ruiniert! Wie kannst du nur solche Sachen, solche Unwahrheiten über mich bei Facebook verbreiten?!! Du bist das Letzte! Ich werde das Gleiche auch mit dir machen! Mal sehen, wie sich das für dich anfühlt!“. Ich war irritiert, konsterniert und zugleich fiel mir etwas ein. Hatte mir Sebastian nicht in diesem Traumuniversum zuvor davon erzählt, seit Tagen würden Facebook-Profile gehackt, millionenfach, und hatte es nicht auch seines erwischt? Wie lange habe ich meine Seite schon nicht mehr angesehen? Wer weiß, was dort passiert! Und davon versuchte ich sie nun zu überzeugen, aber es dauerte, ehe sie zustimmte, mit mir nach Hause ins Gasthaus zu gehen. Wollte ihr dort meinen Verlauf zeigen, dass ich definitiv seit Monaten nichts mehr mit Facebook zu tun gehabt hätte. Wieder zurück im Wohnzimmer meinte Markus wohl zu mir, er sei so schwer krank, er hätte im wahrsten Sinne des Wortes einen Genickbruch und könne die Sitzungen nicht weiterführen. Ob ich dafür Interesse hätte, mit seinem Kollegen einen Versuch zu starten. Ich willigte ein und war erst recht erstaunt, als ich zu hören bekam, wer denn dieser ominöse Kollege sei: „Lamictal! Die nächste Zeit nimmst du jeden Tag 40 mg, schlimmstenfalls mehr!“.
Da war Schluss mit aller Freundschaft: „GANZ SICHER NICHT!! ICH FRESSE KEIN ZEUG, DAS MICH WIEDER FETT WERDEN LÄSST!!!“. Er versuchte mich noch zu überzeugen, aber ich wollte einfach nicht mehr. Vermutlich wollte ICH es sein, die die Therapie abbricht. Und nicht Diejenige, die vor die Tür gesetzt wird!
Wieder wird es absurd: Meine Mutter war nicht begeistert, dass ich nun keine Therapie mehr machen würde. Oder war es schlichtweg der beste Moment, um das Ruder an sich zu reißen? Sie redete auf mich ein, wollte mich beinahe zwingen, zu dem Therapeuten zu gehen, den sie selbst kennen würde. Irgendein Bekannter wäre bei diesem bereits in Behandlung. Natürlich nicht zu vergessen, dass sie das ALLES selbstverständlich bezahlen würde!!! Das Kleingedruckte ließ sie aus. Dass sie dann auch die Kontrolle über die Therapie, den Therapeuten und erst recht über mich hätte.
Vehement lehnte ich ihr Angebot ab! Das passte ihr gar nicht. Und so kam es, wie es kommen musste: Ablenkmanöver! Ich war soeben aus irgendeinem Grund am ekelhaften Kühlschrank in der Gasthausküche zugange. Vermutlich wollte ich mir etwas zu essen rausnehmen, kam aber nicht so weit. Lauter abgelaufene und erst recht unbeschriftete Lebensmittel „aus der Vergangenheit“. Ich sah mich gezwungen ihn auszuräumen. Mehr und mehr vergammelte Lebensmittel stapelten sich oben auf der Arbeitsplatte. Und an irgendeiner Stelle bemerkte ich dann, dass dort (egal wie unlogisch das war) eine Flüssigkeit auslief. War es Öl? Stinkendes, ranziges und erst recht total dreckiges Öl?! Ich kam an die Stelle nicht heran, aber es lief und lief unaufhörlich aus dem Elektrogerät, durch die Dichtung der Tür, auf den nicht minder ekelhaften Plastikboden, um schlussendlich unter den Kühlschrank zu laufen und dort weiß der Himmel was zu machen!!! Eine Verschwörung?! Ein besudeltes Geheimnis horten, komme was wolle??!!! Weil „man“ weiß, dass ich drunter NIEMALS nachsehen würde? Weil mir davor viel zu sehr ekelt???!!!
Sie war also nicht begeistert. Viel schlimmer noch: Jetzt wollte sie meine Aufmerksamkeit! Meine UNGETEILTE Aufmerksamkeit und erst recht mein schlechtes Gewissen!!
Draußen hinter der Theke stand nun die Brotmaschine. Ich hörte, wie das Gerät einmal betätigt wurde. Einen Schrei, der eher einem Lachen glich, und noch eine zweite Betätigung. Dann kam mir meine Mutter aus dem Gastzimmer in die Küche entgegen gelaufen. Sie hielt mir den rechten Zeigefinger hin. Davon fehlte die Hälfte! Oben ragte wie aus dünnem, weißem Gummi ein falscher Fingerknochen heraus, der bei jeder Bewegung wackelte. Als sei das ein Comic!! „Angeblich“ ein Unfall. Warum aber dann dieses Verhalten? Sie begann zu schreien und das Blut spritzte aus der Wunde. Spritzte mir direkt ins Gesicht. Sie hing plötzlich auf meinem Rücken wie ein kleines Äffchen, das Blut besudelte mich weiterhin von oben bis unten, erst recht meine Visage. Konnte kaum noch was sehen, nicht sprechen, ich würgte unentwegt. Meinen Vater sollte ich holen. Der war draußen irgendwo und mit Holzarbeiten (???) beschäftigt. Völlig abgedreht! Auch fällt mir jetzt ein, dass diese Holzarbeiten mitunter der erste Störfaktor meiner Sitzung mit Markus gewesen sein müssen! Ich fand ihn und rief ihm zu, dass er seine Frau ins Krankenhaus bringen müsse. Aber selbst er sah nur mein beschmiertes Gesicht und lachte laut…

So wird es 15:58 Uhr, ehe ich mich dem letzten und vielleicht auch wichtigsten Traum widmen kann! Zudem sind die nächsten Wortbrocken auf den winzigen Zetteln noch unleserlicher. Als ich nach dieser Traumsequenz erwachte, war ich völlig unfähig einen Stift überhaupt zu halten. Die Hand ließ sich nicht öffnen, noch etwas umklammern. Der Arm wie tot.

Wie alles begann, weiß ich nicht mehr. Lediglich dass aus dem Treffen meiner Eltern auf zuvor schon erwähnter Terrasse plötzlich eine Art Talkshow wurde, meine Mutter der Moderator. Ich zu diesem Zeitpunkt noch in dem Raum, in dem immer die Spielautomaten standen. Doch als ich ihn verließ, über die kleine Seitentür, stand ich dort auf der Terrasse und sah meine Mutter, meinen Vater und einen mir scheinbar noch unbekannten alten Freund von ihm sitzen. Im Traum wurde er Panzer genannt. Im Traum war er aber ein alter Stammgast vom Gasthaus, der meine Kindheit (nicht negativ) begleitet hat. Und Panzer in der Tat der Spitzname eines anderen Gastes. Aber eben im Traum machte alles Sinn. Mir fällt nur nicht mehr ein, wie er damals hieß. Und spätestens jetzt beim Diktieren bin ich mir auch nicht mehr sicher, ob ich ihn nicht mit dem Sänger der EAV verwechsle, es diesen Gast nie gegeben hat.
Die drei saßen da, mit Blick zu mir, als säße ich auf der Anklagebank. [….] Da ergriff sein alter Jugendfreund aus Zeiten vom Autocrash die Sprache: „Als du klein warst, Bianca, da war eine Feier. Ich hatte in meinem Penis vorne drin einen Eiswürfel stecken, den ich selbst nicht mehr raus bekam…“.
Als ob das das „NORMALSTE“ der Welt gewesen wäre! Ich sah ihn auch bei dieser Party, nackt (zumindest unten rum) dastehen, sah den Würfel aus der Öffnung seiner Harnröhre hervor glitzern.
„Dann kamst du, hast zu mir gesagt, dass du ein braves Mädchen bist und mir helfen möchtest. Dass du viel kleinere Finger hättest und das kein Problem sei.“.
Ich sah mich als kleines Kind. Ich hatte wohl ein Kleidchen an, ein sehr kurzes Kleidchen, vielleicht war ich auch gerade mal vier oder fünf, und ging auf ihn zu…
Er fuhr fort: „Da hast du den Eiswürfel aus mir raus geholt, ihn dir einmal genüsslich in den Mund gesteckt, einmal sauber geschleckt, mit deiner Zunge wohl die Kanten abgerundet und ihn zurück in meinen Penis geschoben.“.
Ich sah mich dort stehen, als Kind, mit einem zufriedenen Lächeln auf den Lippen, als hätte ich soeben von der köstlichsten Köstlichkeit der Welt gekostet!
Darauf er, mit strengem Blick: „Hast du gehört? DU warst das! DU GANZ ALLEIN! NIEMAND hat zu dir gesagt, du sollst das tun! Niemand!!“; und er schüttelte noch traurig den Kopf, zugleich entsetzt über meine Schlechtigkeit. [….]
So oder so ähnlich. Die Parteien erhoben sich und gingen weg. Ließen mich allein. Lediglich meine Mutter sagte irgendetwas von wegen „das nächste Missbrauchsopfer in meiner Sendung“. Was aber nicht darauf schließen ließ, ob sie jetzt auf meiner Seite war oder nicht.
Ich erwachte voller Grauen. Atemlos, mit Herzrasen, mir war schlecht, speiübel. Aber zugleich auf der Zunge der Geschmack vom Eiswürfel… Undefinierbar. Als hätte auch meine Zunge dissoziiert. Und ein leckeres Fruchteis daraus gemacht? Oder lediglich die Kälte abgespeichert?

Es ist 16:26 Uhr. Ich muss mich erst abschütteln, um ins Haus gehen zu können. Und wie ich mich kenne, haben all diese Träume morgen spätestens keine Bedeutung mehr…

19:11
Die Korrektur frisst etwa eine weitere Stunde. Kaum vor dem Notebook Platz genommen, begann für die Stechmücken das große Festmahl. Noch einmal zurück ins Haus, ein Räucherstäbchen angesteckt und mitgebracht. Dieses hat mich bis jetzt in einer Rauchwolke verhüllt; keine einzige Belästigung folgte. Ich bin weit weg von den Träumen. Alles, woran ich mich augenblicklich aufhänge, sind Unordnung und Dreck im und ums Haus. Der Ischias schmerzt, der Rücken schmerzt, Nacken und Schultern völlig verspannt und ich darf wohl froh sein, gestern bei der Heimfahrt den größten Teil mit dem Kopf auf dem Tisch verschlafen zu haben. Kein Wunder! Die Nacht davor -wenn überhaupt- wenige Minuten geschlafen und morgens eine dreifache Dosis Tramal konsumiert. Meine Fresse, was war ich zugedröhnt! Stand regelrecht neben mir. Was äußerst angenehm war, erst recht in Hinsicht auf die ganzen Pannen, Ausfälle, die jedes Mal neue Verspätungen nach sich gezogen haben. Die Zugfahrt begann ja bereits mit 70 Minuten Verzögerung. Unterwegs wurden es weniger. Viel weniger. Wieder ein bisschen mehr. Ein bisschen sehr viel mehr. Vorletzter Stand waren 80 Minuten… Um am Schluss eine ganz andere Linie zu nehmen und sogar 1 Stunde früher als geplant zu Hause zu sein. Sebastian ein wahres Nervenbündel. Ich wirkte im Gegensatz dazu regelrecht stoned.
Die ganzen Angstzustände, die überschäumende Panik, in Hinblick auf die Heimreise und erst recht Ankunft zu Hause, waren zum Glück (bis jetzt) Schall und Rauch. Aber wer weiß schon, was noch kommt? Der linke Unterarm oberflächlich verheilt. Zurückgeblieben dunkelrosa Striche, hundertfach, akkurat nebeneinander und zugleich sich -teilweise nach Anarchie rufend- kreuzend. Eine schöne Fläche für das nächste Schlachtfeld.

Meine Haare müssen gewaschen werden. Vielleicht gehe ich noch ein paar Schritte, bevor ich dem Abend den Rücken kehre. Als wir gestern irgendwann vor 22:00 Uhr nach Hause kamen, ums Haus herum alles voll mit Glühwürmchen… Es war so schön, so ein beinahe Freude auslösender Empfang… Bis Martha auftauchte und nun mit dem anderen Bein stark humpelte…

Vielleicht noch eine kurze Zusammenfassung: Meine Hände sind unbrauchbar. Meine Beine dick geschwollen. Ich werde nicht malen können. Und erst recht froh sein müssen, die Maus und vielleicht noch die Tastatur so weit betätigen zu können, um ein wenig mit dem Video voranzukommen. Die Kamera zu halten ohnehin nichts als Utopie, und die Frage, ob das nun alles der Hitze geschuldet ist, mitunter dem Durchfall, den Strapazen der Reise, ob ich einen Schub habe oder alles nur psychisch…

9. Mai 2018, Mittwoch

8:27
Die Pumpe kommt auf Hochtouren. Vor 90 Minuten 20 mg Inderal, Betablocker geschluckt. In meinem Brustkorb scheint die Nachricht, dass das Zeug beruhigen soll, noch nicht angekommen zu sein. Oder mein Herz überschlägt sich förmlich vor Freude, vor Vorfreude über den nahenden Wellnessurlaub.

Nebenher versuchen herauszufinden, wie das Spasmolyt zu dosieren ist. Aber keine näheren Informationen dazu finden. Hingegen ein spannendes Detail, das ich bis dato wohl übersehen habe: Tachykardie! Beschleunigter Herzschlag. Allmählich wird mir das alles zu viel… Vor allem: Was von dem ganzen SCHEISS wirkt denn jetzt?

Mich soeben kaum konzentrieren können. Malen oder diktieren? A oder B?
Die Stoppuhr noch einmal zurücksetzen. Sollte ich die Tabletten nicht gleichzeitig einnehmen? Die Unruhe zerlegt mich in meine Einzelteile…

Wo fange ich an? Gestern? Nachts?
Erst einmal versuchen, den neuesten Pinsel zu erwischen. Und ich fange mit der Nacht an. Ungewollt kam ich zum Handkuss; lag lange wach und las endlich wieder ein paar Seiten im Standardwerk zur multiplen Persönlichkeit. „Der innere Verfolger“… Diese zwei Seiten beschreiben exakt ALLES, was seit 2001 mit mir, in mir abläuft. Ich habe das Bedürfnis, die Seiten zu kopieren, oder gleich zu diktieren! Und Sebastian morgens schon einmal vorgewarnt, dass er das wird lesen müssen. Um mich besser zu verstehen…?
Aber nun zurück zu den „glücklichen“ Umständen, die mir diese Erleuchtung ermöglicht haben. Er war bereits eingeschlafen, ich vermutlich auch seit einigen Minuten. Dann war Schluss. Aufgewacht, Blasenkrampf, angepinkelt! Felsenfest der Überzeugung, die riesengroße Einlage hätte erneut nicht gehalten, was sie versprochen hat. Zu allem Überfluss begann das linke Bein zu krampfen. Licht an, weitere 1,3 mg Morphium. Und eben ein viertes Spasmolytikum, nicht wissend, ob das nun klug ist oder nicht. Eine gefühlte Ewigkeit beobachtete ich, wie der Urin vom Katheter aus meiner Blase befördert wurde. Wartete darauf, dass das linke Bein ohne Decke ausreichend kalt wurde. Ich war wach, putzmunter und voller Panik. Sah mich schon wieder mit der Rettung ins Krankenhaus fahren. Nahm das Buch zur Hand, beschäftigte mich damit etwa eine halbe Stunde und versuchte verzweifelt wieder einzuschlafen. Ich träumte davon, mit meiner Mutter erst Markus im Auto zu verfolgen, um herauszufinden, wo er wohnt, um schlussendlich wieder und wieder ein Pferd zu retten, das mitten in der Nacht von seiner Weide ausbrach.

Zu gestern: Ohne die Notizen, die ich mir abends hastig gemacht habe, wäre ich nun aufgeschmissen.
In der Nacht zuvor träumte ich von einer Sportveranstaltung. Die Pärchen wurden ausgelost und Arnd Peiffer hatte beim Biathlon die besten Chancen zu gewinnen. Wenn er nicht mich als Partnerin gezogen hätte. Mich, den wertlosen Krüppel. Und ich versemmelte natürlich ALLES. Man befand sich in einer riesengroßen seltsamen Halle und meine Eltern waren unter den Zusehern. Meine Mutter fing sofort an, mich zu beschimpfen: „Wenn du nur nicht so ein Weichei wärst! Immer nur am Jammern!! DU BIST DOCH GAR NICHT KRANK!! ALSO STELL DICH NICHT SO AN!! DU HAST ALLES KAPUTT GEMACHT UND MAN KANN SICH NUR FÜR DICH SCHÄMEN!!!“. [….]

Dann waren wir gerade beim Vereinbaren des nächsten Termins. Die Fenster waren offen und ganz sicher hat irgendwo irgendwer eingeheizt. Aber dieser Geruch fand in der Realität nicht statt! Ich sah in meinen Kalender, sah die Zahlen, hörte Markus sprechen, hörte mich plötzlich selbst nur noch wie aus weiter Ferne und mir stieg ein scharfer Rauchgeruch in die Nase, breitete sich sogleich penetrant in meinem Gaumen aus und zugleich sah ich ein Bild, eine Erinnerung: Irgendwann 1980, ich bin noch klein, ich sehe Häuser, schneebedeckt, dicht aneinandergedrängt, sehe viele Schornsteine (obwohl mir das Wort soeben total absurd erscheint), es ist früh am Morgen, bitter kalt.

Für wenige Sekunden stand ich kurz davor, wegzutreten. Da war wieder diese vermeintliche „Aura“, um im Epilepsiejargon zu verbleiben. Mir wurde schlecht. Aber eben nur 3 oder 4 Sekunden lang, Geruch und Geschmack so dermaßen heftig, zugleich vertraut, heimelig… Und wie sie gekommen waren, verschwanden sie auch wieder. Ich war wieder im Jetzt, konnte wahrnehmen, was für ein Geruch tatsächlich in der Luft lag. Ganz klassisch: eine „Sensation“!

Ich wartete darauf, tatsächlich entweder (das ist ja noch immer unklar) einen kleinen epileptischen Anfall oder eine dissoziative Absence zu erleiden. Aber da kam nichts. Auch im Traum nicht.

Kopfschmerzen. Das Herzflattern hat etwas nachgelassen. Aber ich sehe nicht richtig, irgendwie nur verschwommen. Ebenso verschwommen den Rehbock vorne an der Grundstücksgrenze. Mich seit beinahe 1 Stunde an (kurz nachzählen) exakt acht winzigen Federn abmühen. Nein! Sogar noch besser!! Lediglich an deren Konturen, am Versuch, sie richtig zu positionieren!!

Ich merke soeben… Ich kann und ich will nicht mehr. Meine Lippen sind dermaßen trocken, die Zunge nach jedem Schluck Wasser unverzüglich wieder ein Stück staubtrockenes Leder! Auf das Bild kann ich mich ohnehin nicht konzentrieren. Ich habe den „Einstieg“ verpasst, oder besser gesagt mit dem Festhalten meiner Gedanken „verpatzt“. Ich bin längst draußen, längst mit dem Rollstuhl unterwegs, auf der Jagd nach neuem Filmmaterial.

Mittlerweile ist es ja bereits 9:41 Uhr. Ich frage mich, was all diese Gefühle, Gedankenfetzen und erst recht Erinnerungsschnipsel zu bedeuten haben. Oder ob sie bedeutungslos sind, alles eine „Verschiebung“. Mir ist schlecht, mir war beim Frühstück schlecht. Die Nougatcreme war mir zu süß…

ZU SÜSS??? BIN ICH KRANK???
Erst da kommt mir in den Sinn, dass das Nasenspray mit Cortison des Rätsels Lösung sein könnte.

Markus stellte gestern eine berechtigte Frage: „Sebastian sagte zuletzt, er würde dich ja lange genug kennen, er würde DAS ALLES ja schon kennen. Aber bzw. und da fragt er sich nie, warum seine Freundin seit 20 Jahren kotzt, sich aufschlitzt und lieber sterben will als zu leben?“. Warum er, so wie gestern im Gespräch, bei anderen das Thema Missbrauch zulassen kann, nur bei mir hat er Probleme damit. Weil ihm das „zu nah ist“? Er erzählte ja völlig aufgebracht von diesem scheußlichen Missbrauchsfall, der soeben in Wien verhandelt wurde. Dass Vater UND Mutter die eigenen Kinder prostituiert hätten. Und SIE ernsthaft beteuerte, nie etwas mitbekommen zu haben. Markus abends hatte dem noch etwas Zündstoff hinzuzufügen: „Die Mutter sitzt im Rollstuhl!“. Ich konnte es mir nachmittags nicht verkneifen, sagte zu meinem Liebsten: „Jetzt sei bitte nicht beleidigt. Aber darf ich dich daran erinnern, dass du -nachdem ich dir Passagen von meinen Missbrauchsbüchern erzählt habe- mehr als nur einmal zu mir gesagt hast, ob das denn alles auch wirklich so stimmen, den Wahrheiten entsprechen würde? Und nun, wenn du es im Radio hörst, nicht von mir, bist du aufgebracht und völlig erschüttert und stellst nichts infrage?“.

Eine Stunde ist um, die zwei Pinsel, die zum Einsatz kamen, mit Spezialseife reinigen. Aus und vorbei. Der Gaumen vertrocknet. Nichts und wieder nichts… Ich bin ein Versager. Und es ist wie mit dem Laufen… Schrittweise weniger und weniger und weniger, um schlussendlich zu kapitulieren. Kurz entflammen Schuldgefühle, weil ich könnte nun auch Physioübungen machen. Aber ich ergebe mich kampflos diesem Zustand, werde noch meine Zähne putzen und dann aus dem goldenen Käfig flüchten…

17:52
Einen Becher Sauermilch mit Mango in mich hineinschaufeln…

KLAR!! FETTE SAU!!!

Was habe ich mich selbst beschimpft. Nach dem Zähneputzen wäre ich um Haaresbreite fast gestürzt. Ironie des Schicksals? Wenige Sekunden zuvor hatte ich mich gefragt, wann ich wieder mal den Boden knutschen würde.
Meine Hände griffen nach der ersten Stütze neben der Toilette und verfehlten diese. Die Zweite vermochte die rechte Hand zu packen… Mir standen die Haare zu Berge! Eigentlich wäre ich rücklings auf den harten Fliesenboden geknallt, mit dem Hinterkopf voraus.

Was stellst du dich so an?!

Ernsthaft. Was stelle ich mich an?

Ich kam mir so dermaßen blöd vor, kaum draußen, das Stativ mit der Kamera zwischen die Beine geklemmt, auf dem Rollstuhl… Und jetzt kommt noch der Kracher schlechthin! Was hatte ich mir gedacht? Dieses Mal mache ich mit dem neuen Video alles richtig! Was für ein Schwachsinn!! Und wieder… Weil ich gefühlt keine Zeit habe, mir die Zeit davon läuft… Die letzten fünf Aufnahmen allesamt für die Tonne!! Mal ganz zu schweigen davon, wie beschissen ich aussehe. Aber der Ton ist absolut nicht zu gebrauchen! Wie so oft eine falsche Einstellung gewählt, nicht drauf geachtet oder weiß der Teufel was!! Und ich dumme Kuh habe hinterher nicht kontrolliert, was ich da produziert habe!

Aber ich konnte mich selbst nicht ertragen, nicht ansehen, erst recht nicht, ohne Panik zu bekommen!
Jetzt mache ich Späßchen. Gebe mich lustig, aufgedreht und sprühe vor! Aber tief in mir drinnen? Völlig zerrissen. Den ganzen Tag schon. Müsste drinnen sein, um zu arbeiten, müsste zugleich draußen sein, um nichts zu verpassen, und hin und her und rauf und runter und alles gleichzeitig und sowieso und überhaupt!!

Die erste Stechmücke war der beste Grund, wieder in den Käfig zu fahren. Schultern und Nacken völlig verspannt. Ich habe Kopfschmerzen, musste das Haarband abstreifen. Will gar nicht wissen, wie ich jetzt aussehe… Und weil ich das alles nicht ertrage, ertragen wollte, eine doppelte Dosis Tramal, 40 Tropfen und obendrauf 2,6 mg Hydal. Ich habe Halsschmerzen. Und kann nicht denken. Permanent vergesse ich, mitten im Satz, was ich sagen will. Ich verblöde. Komme mir ein bisschen vor wie damals unter den Antiepileptika. Habe ich zu Mittag Spasmolytika geschluckt?

Mir die Aufnahmen von vorhin ansehen. Eine andere Toneinstellung gewählt. Und vermutlich damit die nächste Katastrophe angerichtet. Beim Gedanken ans Video bekomme ich Angst und Herzrasen. Keine Zeit! VERDAMMT, ICH HABE DOCH KEINE ZEIT, KEINE ZEIT MEHR, MIR LÄUFT DIE ZEIT DAVON!!!

Währenddessen draußen ein wunderschöner Abend. Kein Wind. Grandiose Aufnahmebedingungen. Von den ganzen Opioiden heftige Gesichtszuckungen ernten…

18:17
HIMMEL!!!! DER TON NOCH SCHLIMMER!!!
Um 19 Uhr Sitzung. Nichts geschafft!! Panik!!!!

18:31
Und die „vermeintlich guten Aufnahmen“???
Fette Plautze und der Ton vom Winde verweht!!!

21:59
Bis jetzt Sitzung. So vieles erscheint logisch, aber darf doch nicht sein. Und mein Täterintrojekt…

ALLES NUR EINBILDUNG!!!

geht auf die Barrikaden. „Unterhalte dich mit ihm.“, die wiederholte Aufforderung. „Aber das macht doch überhaupt keinen Sinn. Er ist ich, ich bin er, alles nur Einbildung, um Aufmerksamkeit zu bekommen. Was soll er mir schon groß erzählen? Er weiß nicht mehr als ich, denn es gibt ihn gar nicht!“.

Ich weiß nicht, was ich glauben soll. Und beim vorletzten Satz wurde mir noch schlechter…

20. April 2018, Freitag „Zerfallsprodukt…“

8:34
Das Mittagessen bestand aus ein paar Gabeln Thunfisch und einem halben Brötchen. Nachts ein halber Apfel und dazu ein kleiner Becher Joghurt. Im Traum sagte so ein arroganter, durchtrainierter Prinzentyp zu mir, als er mit mir vorlieb nehmen musste: „Naja, ist o. k.… Bist an der Grenze zu „normal“…“. Auf einer Skala von Übergewicht bis Normal. Ich versuchte ihm meinen Bauch zu erklären, warum ich wie eine Schwangere aussehe…

Um 5:58 Uhr sah ich in meinem Traum einen Baum (?) oder Zaunpfahl, irgendetwas, das normalerweise keine Geräusche von sich gibt, aber in diesem Fall einen penetranten Alarm absetzte. Wie jener von meinem Radiowecker. Ich verlor die Kontrolle, wachte auf und fand mich in einer Abscence wieder.
Das Temesta hinterließ seine Spuren, ich benötigte dreimal so lang auf der Toilette. 59,3 Kilo um 6:45 Uhr. Völlig fertig. Und die Sonne scheint und ruft nach mir…
An den Tisch gesetzt, der erste Bissen vom Frühstück wurde mit einem Blasenkrampf eingeleitet, welcher sich bereits zuvor auf dem Klo und dann beim Anziehen angekündigt hatte. Die Spasmolytika genommen. Für einen hoffnungsvollen Moment der Meinung, der Wirkstoff würde anschlagen. Ein Missgeschick jagt das andere, verzögert erst recht meinen Arbeitsantritt. Mit dem Frühstück fertig zwei weitere Krämpfe. Was soll das am Sonntag werden? Klamotten zum Wechseln mitnehmen? Oder jetzt in der Urologieambulanz anrufen und fragen, ob es andere Medikamente gibt, die ich ausprobieren könnte, um es so wenigstens bis Montag zu schaffen? Die Telefonnummer heraussuchen…

8:56
Ein Telefonmarathon beginnt. In der Urologie kann man mir nicht weiterhelfen, kein Arzt steht zur Verfügung. Der Hausarzt ist heute nicht da, hat Vertretung von seinem ungarischen Kollegen und Marianne meint: „… Naja, ich weiß nicht, ob er dir da weiterhelfen kann…“. Sie empfiehlt mir direkt ihren Konkurrenten, den neuen Arzt. Dort anrufen und der ist gleich so kulant, schickt mir seine Sprechstundenhilfe vorbei, um Urin abzuholen. Rein theoretisch hätte ich aber auch mit dem Rollstuhl nach Jennersdorf fahren können.

Sei auch erwähnt, mittlerweile krampft die Blase unablässig.

9:35
Der neue Arzt kam höchstpersönlich, mit einem alten Volvo die Einfahrt hoch „geschnurrt“. Hatte den Katheter vorsorglich gebloggt, der Schlauch, der Beutel schlussendlich noch kontaminiert von dem letzten Infekt. Er nahm mit der Spritze zwei Proben und meinte, der Urin sei so klar, dass man sich kaum vorstellen könne, darin etwas vorzufinden. „Dann hätten sie die Probe zuletzt in Graz sehen sollen. Das war klar wie Wasser, wenn man es gegen das Licht hielt. Da ist das in der Spritze dagegen schon dunkelgelb! Aber selbst dort hat das Urikult Bakterien ergeben.“. Ich zählte noch einmal auf, was ich einnehme, bat ihn, noch einmal nachzudenken… Da fiel ihm ein Medikament ein. Er nahm meine Karte mit und nun versuche ich noch Sebastian zu erreichen, dass er kurz zur Praxis rüber geht und das Rezept und meine Karte abholt. Der nächste Krampf. Zum ersten Mal geht es in die Hose…

So eine dumme Kuh! Den Schlauch immer noch geblockt! Aber nun, da ich draußen war, in dieser idyllischen Stille, dem berauschenden Duft… Ich will nicht zurück ins Haus, mich nicht schon wieder einsperren, ans Bild ketten lassen!

Unterstützung suchend meine Temperatur messen. 37,1°C. Der Morgen, der Vormittag scheint zerstört. Nichts Halbes, nichts Ganzes. Die Hand klimpert. Mich an Zeiten zurück erinnern, wenn ich den ganzen Vormittag draußen auf der Terrassentreppe saß, die Natur beobachten konnte, ebenso fotografieren oder filmen, Tagebuch schreibend und literweise Grüntee vernichtend. Dann war ich laufen. Nachmittags gemalt. Ich würde am liebsten das Wohnzimmer auf die Terrasse schieben. Warum haben wir keinen Wintergarten machen lassen?

Es schneit weiße Blütenblätter. Auf Sebastians Anruf warten, aber der kommt nicht, hat wohl meine Nachricht nicht erhalten.

9:59
Das Bild rückt in den Hintergrund, längst das Herz befüllt mit Schuldgefühlen. Hinausfahren. Notfalls die Klinge mitnehmen.

Da fällt mir ein, das Eis nachmittags vergessen zu haben in meiner Aufzählung. Sebastian extra gebeten, eine kleine Schale zu nehmen. Aber selbst diese Portion war viermal zu groß!

Was macht das Schweinchen? Frisst alles auf!!

Hätte mir den Finger in den Hals stecken müssen. Kein Wunder, nicht einmal im Traum als eine Person mit „normaler“ Figur empfunden zu werden. Dabei meinte Martina gestern, ich sei so schlank… Ich lach mich tot. Und monierte an ihrem typisch südburgenländischen Körperaufbau: kurze Beine, breite Hüfte, verhältnismäßig zu langer Oberkörper, größtenteils schlank (zumindest in jungen Jahren). Was diese Proportionen betrifft, habe ich noch mal Glück gehabt. Aber dieser aufgeblähte Bauch, der nur noch eine fette Leuchtreklame braucht: „Obstebation!!!“. Alles nur Verstopfung? Alles nur Morphium?

ALLES WIDERWÄRTIGER SPECK!!!

Rausfahren… 37,7°C…

10:58
Von wegen „raus“… Eine Schippe nach der anderen mehr auf dem Haufen an Gründen, durchzudrehen. RICHTIG durchzudrehen. In den hinter mir liegenden 45 Minuten verzweifelt versucht, mich umzuziehen! Kaum war der Entschluss gefasst, den Vormittag wegzuwerfen, kaum bückte ich mich nach meinem Schal, der auf den Boden gefallen war, lief ich aus. Nach allen Regeln der Kunst… Durch Einlage, durch die Unterhose, die Hose, um eine riesige Pfütze auf der Matte zu machen. Immer wieder versuche ich Rumpelstilzchen Paroli zu bieten: „Wie soll ich mit diesen Händen arbeiten, malen? Das kann man mir nicht vorwerfen!…“. Aber er dreht sich alles zurecht und hat schlussendlich immer recht! Neue Unterhose, große Einlage, darüber eine Windel, neue Hose, die Inkontinenzmatte zusammen gefaltet, sicherheitshalber darunter ein Streifen Antirutschmatte, obendrauf zusammen gefaltet ein Handtuch; des Badetuchs wurde ich nicht Herr. Meine Augen fühlen sich ganz heiß an, der Schleim läuft den Hals hinab und beim ewigen Bücken, während ich mit der Hose kämpfte, lief mir Wasser aus der Nase. In Graz anrufen… Dabei möchte ich jetzt am liebsten nur noch zur Überdosis greifen. Mich zu schwach für alles fühlen!

Und was habe ich für ein Glück! Da ist erst ab 13:30 wieder jemand zu erreichen. Vor die Tür fahren, bis Sonja kommt. Weg vom Bild und meiner Schuldigkeit, meinem Versagen, weg von den Tabletten und den Rasierklingen. Mittlerweile sind es 37,9 °C. Und es sei gesagt, wieder einmal, dass meine MS 36,8 bereits zum Kotzen findet…

ALLES Ausrede!!! DU FAULE SAU, STÜCK SCHEISSE!!!

17:30
Egal was, egal wie viel und womit ich versuche die Ängste runter zu schwämmen, sie behalten Oberwasser. Rumpelstilzchen hat einen putzigen Schwimmreifen, sicherheitshalber immer mit dabei. Die Panik attackiert mich als Person, in meinem Sein, mein Leben und will mich zerstören. Eine Bilanz unmöglich? Temesta, mittags erst regulär 15 Tropfen Tramal, gefolgt von einer doppelten Dosis mit 40, 2,6 mg Hydal, ein weiteres Buscopan und dann holte mir Sebastian das neue Medikament, Inkontan… Plötzlich beim Korrigieren des letzten Wortes im dafür vorgesehenen Fenster unfähig, zu buchstabieren. A wie… Was?! Anna? Alfred? Anton? Mein Schädel leergefegt. Und der Rausch könnte, wenn er denn nur dürfte, so heilsam sein. Selbst wenn es nur ein Trugbild ist, ich mir das wünsche… Ein bisschen Frieden eben.

Nicht mehr geradeaus sehen können. Die Krämpfe wurden immer bestialischer. Warum bekam ich davon Neuropathien in beiden Brustwarzen? Warum blieb die brennende Missempfindung in diesen hinterher noch eine halbe Stunde lang stecken? Als wären sie erfroren und würden nun im Warmen schmerzhaft wieder auftauen. Oder so betrachtet, als würde jemand auf jeder Seite ein Feuerzeug drunter halten. Unerträglich. Bei den späteren Krämpfen blieb die Neuropathie in den Händen stecken, den Unterarmen. Aber irgendwann setzte zum Glück ausreichend Betäubung ein. Bis ich mich anschickte, mich zu bewegen…

Panik beim Gedanken an die Sitzung. Er war noch einmal nach Jennersdorf, hatte ihn sogar darum gebeten Strumpfverbände vom Bandagisten mitzubringen. Also holte ich Tücher und Rasierklingendose. Diese fiel mir das erste Mal aus der Hand; es dauerte eine Ewigkeit, bis ich alles aufgehoben bekam. Ein Tropfen Blut landete auf der weißen Hose. Wieder entglitt mir eine der Klingen. Die ersten Schnitte waren völlig wertfrei. So wurden es 30 und er kam unverhofft hinten zur Tür herein. Hastig das Tuch zusammengerollt und auf den Rollstuhl gelegt. Dazu, den schwarzen Armwarmer überzustreifen, kam ich nicht mehr. Er setzte sich neben mir auf die Couch. Kein Kommentar. Notdürftig legte ich die rechte Hand auf den verbundenen Unterarm. Er muss doch gesehen haben, dass da frische, rote Flecken im Stoff waren, die nebenher auch noch immer größer wurden. Kein Kommentar. Er ging und die Dose entglitt mir das zweite Mal. Fünf, wenn nicht sogar 10 Minuten lang die Einzelteile nicht aufheben können. Jetzt sitze ich hier, der Kopf voll gestopft mit Watte, das Untergeschoss brennt, der Lichteinfall zaubert Erinnerungen zutage, vermutlich möchte ich schlafen, und diese in Traumform verarbeiten. Aber da wäre noch die Therapie und der Gedanke genügt, noch einmal das Schlachtfeld zu entblößen und für meine Zwecke zu missbrauchen. Denn zugleich habe ich das Gefühl, jeden Augenblick in eine Absenz abzudriften, mich für Sekunden, vielleicht 1 Minute verlieren. Die Rechte klimpert. Draußen rufen Schafe und im Wald der Kuckuck. Es ist so warm, ZU warm für April. Noch nicht abgehakt, ob ich später nicht doch noch mit der Rettung ins Krankenhaus fahre… Stress! Dazu die ablaufende Zeit! Dose auf; welche der beiden Klingen ist nun die bessere? Die Haut blutbesudelt, als wäre sie der Verletzungen wegen von oben bis unten stark gerötet. Die Finger nicht mehr strecken, das fragile Werkzeug kaum halten können. Die Augen sehen Nebel. Die zuvor erst entstandenen Ventile bluten schon nicht mehr. Schmerz, ein bisschen kontrollierbaren Schmerz… So muss ich mich wieder durch alle Kanten durchkämpfen. Zu wenig Flüssigkeit intus. Es kaum noch gewagt, etwas zu trinken. Interessiert beobachten, wie die Spitze an diversen Widerständen hängenbleibt, um an anderer Stelle weich in die Haut einzusinken. Aber mit Wehmut registriere ich, das Blut ist kalt. Sieben Schnitte, noch 6 Minuten und die andere Rasierklinge. In meinem Schädel dreht sich alles, Erinnerung, Vergangenheit, Traum und Fernsehen vermischen sich zu einem schwer verdaulichen Brei. Nummer elf geht tief. Immer fester andrücken. Die Letzten zeigen keine Angst mehr, keinen Respekt, in einen Zustand der Gleichgültigkeit übergegangen. Augenblicklich kann ich mir sehr gut vorstellen, mich während des Gesprächs weiterhin aufzuschlitzen. Stelle es mir regelrecht angenehm vor, jeder Panikattacke mit mindestens einem Schnitt zu begegnen… Alles voll mit Blut. Meine Sünden wegräumen…

21:29
Lange Sitzung. Anstrengende Sitzung. Unaufhörlich sabotiert von meinen aufkeimenden Ängsten. Und plötzlich, in der Dunkelheit, die nächste Erinnerung. Wir kommen von draußen, haben dort gespielt, ins doch ruhige Gastzimmer… Alles friedlich. Und doch dreht sich wieder alles in mir. Ich werde mich wohl ein weiteres Mal verletzen müssen. Ins Badezimmer fahren, den Arm abwaschen, vielleicht eine neue Rasierklinge. Jetzt ist es Nacht, dunkel und Gefühle, Ängste, banale Situationen erscheinen nunmehr erst recht zum Genickbruch zu werden, die mich allesamt tot sehen wollen.

21:48
Heißes Wasser, Seife und dann brachial mit dem Einwegrasierer über die Schnitte „rasiert“. Jetzt sieht der Arm geschwollen aus, bzw. die Oberfläche. Als ich im Badezimmer aufstand, um meine Visage im Spiegel zu betrachten, meinte meine Blase erneut, spucken zu müssen. Eine neue Rasierklinge. Warum?… „Lieber das, als mir die ganze Dose Tabletten und Fläschchen mit Tropfen auf einmal einzuwerfen.“. Über die Kopfhörer läuft „Tier“ von Rammstein. Nein, mir ist nichts passiert. Ich bin von Natur aus ein Masochist, zähle zur Gattung der Schuldübernahme-Persönlichkeiten. Oder dermaßen scheiße, dass eben ich an allem die Schuld trage. Wieder ist mir egal, ob Sebastian plötzlich hereingeschneit kommt. Die Ängste tanzten während der Sitzung einen wilden Reigen um meine Seele herum. Das muss Konsequenzen haben. Die Klinge markiert, die erste Kante bekommt eine 1. Markus meinte, es wäre nun dringlich an der Zeit, bzw. die Zeichen stünden gut, JETZT die Therapiefrequenz anzuheben… Panik! Die Haut eine einzige Schnittfläche und drüben auf dem Hocker schnarcht Fine. Meine Selbstmordmusik in Betrieb nehmen. Wo setze ich an… Mal in der Handbeuge? Mit einem Schnitt anfragen, ob ich sterben will?…

Feige Sau!!

Entweder taugt die Klinge nicht, oder meine Haut hat ihre Beschaffenheit verändert. Die beiden Kratzer auf der Unterseite brennen zumindest beruhigend. Erst recht der erste Schnitt über die Wundfläche danach. Scheinbar bedarf es nun doch nicht mehr viel, mühelos tut das Werkzeug seine Pflicht.

Ich bin schlecht. Ich habe Sebastian nicht verdient. Ich habe dieses Leben nicht verdient. Diesen ganzen Luxus, das Haus, zwei Therapien gratis. Die Kratzer sind blutunterlaufen. Aber die Neuen hören bereits auf, Dreck aus mir rausfließen zu lassen. Der nächste Schnitt tut richtig weh. Noch während des Schneidens quillt dick Blut daraus hervor, als hätte ich einen Schwelbrand entdeckt. Versuchen zu eruieren, wie tief sie gesunken ist. Eine klare, fragile Linie, doch darunter scheint ein Depot. Und wie wunderbar, mit der alten Klinge fest darüber zu streichen: die Rinnsale verschwinden und plötzlich quellen an drei oder vier Stellen dicke, dicke Bluttropfen hervor, die, kaum haben sie das Licht der Welt erblickt, auf die Reise gehen, zu einem dicken Rinnsal werden und sich unterm Arm der größer und größer werdenden Pfütze im Stoff anschließen… Ich bin verrückt, gestört, schlicht und ergreifend GEISTESKRANK!! Denn das ist einfach nur WUNDERSCHÖN…

Diese eine Wunde und der Fleck auf dem alten Handtuch wird größer und größer. Aber wie viele Wunden sind es? Sieben? Für einen Schnitt so ein riesiges Massaker. Aber ich werde es zu Ende bringen. Ich habe Lust, noch irgendetwas einzuwerfen, den Deckel erneut in meinem Schädel zufallen lassen. Alles ist voll mit meinem kontaminierten Lebenssaft.

Die Augenlider schwer. Der Becher Joghurt steht seit mindestens 1 Stunde vor mir, unangetastet. Die Klingendose verstecken.

Ein Inkontan und zusätzlich 1,3 mg Hydal. Diesen Satz beendet die nächste Panikattacke. Dabei könnte alles so schön sein, so friedlich in Watte gepackt…

17. April 2018, Dienstag „Und das Licht geht aus…“

8:32
59,3 Kilo um 6:45 Uhr. Wovon? Zwei Vollkorngrissini, mittags eine Semmel und abends fünf Gabeln von der Gemüselasgne, die er mitgebracht hatte…? Beim Frühstück beim ersten Bissen von der Knusperstange bereits satt. Sicherlich nicht auf zwei ganze Stück gekommen. Die erste Mahlzeit des Tages wird ohnehin beinahe schon klassisch mit einer Dissoziation eingeleitet. Ich sitze vor dem angerichteten Tisch und mein Blick verliert sich draußen wieder einmal in diesem Dschungel, das Hirn leergefegt. Jetzt zumindest der Versuch, mich auf der Leinwand zurechtzufinden… Einigermaßen zufrieden mit dem gestrigen Schaffen?

Die Panik überrollte mich abends, kettete mich an den Pranger, strangulierte mich, wollte mich umbringen. Jede einzelne Attacke 2 cm weniger vom Strick um meine Kehle. Das allein genügte, um nicht essen zu können.

Aber dich mit Süßigkeiten voll stopfen, das ging hinterher!! Süßer Speck für die fette Sau!!!

Als ich soeben über den Zuckerkonsum nachdenke, erst recht über den inflationären Gebrauch von Süßstoffen, ein Hauch von Angst, Diabetes zu bekommen. Um mir spätestens an DIESEM PUNKT eingestehen zu müssen, nichts anderes als ein Hypochonder zu sein…

WIE DEINE MUTTER!!!

In meinem Traum heute Nacht sprang sie in die Lafnitz. Sie sprang oder sie fiel hinein. Ließ sich nicht genau differenzieren. Aber der Fluss floss in die andere Richtung. Rückwärts, nicht wie in natura gen Ungarn. Oben auf der Brücke standen die Leute und streckten ihre Arme hinunter, was natürlich nicht sonderlich hilfreich war. Ich wiederum sprang ihr hinterher. Sie lag auf dem Rücken, ging immer wieder unter, drohte zu ertrinken. Aber ich blieb die einzige Person, die ihr wirklich helfen wollte. Ihr Gesicht war ganz blass, ich hielt den Anblick kaum aus. Ich rief ihr zu, sie solle mir entgegen schwimmen. Aber das tat sie nicht! Sie schwamm vor mir davon, und allmählich bekam ich den Eindruck, sie wollte nicht gerettet werden. Ich bekam sie zu fassen. Da schien sie enttäuscht. Aus dem Fluss wurde plötzlich der Bach nebenan und schlussendlich das Rinnsal unten im Bachergraben. Regelrecht enttäuscht kletterte sie die Böschung hinauf. Ich hinterher. Mich erinnernd, ihr bereits mehrmals in den Fluss hinterher gesprungen zu sein. Sie vermeintlich „gerettet“ zu haben. Sie stapfte von mir davon. Als hätte ich ihr etwas angetan. All die Leute, die dort standen, repräsentativ für die Gesellschaft, die Dorfgemeinschaft… Keiner nahm sie mehr ernst. Keiner wollte mehr etwas mit ihr zu tun haben. Sie war wie das kleine Kind, das wohl jeder kennt aus seiner eigenen Chronik, das ständig Lügengeschichten erfindet, welches man anfangs noch zur Geburtstagsfeier einladen wird, aber irgendwann hat man die Nase voll und wird es schneiden, ausgrenzen. Meine Mutter hatte keine Freunde mehr. So wie es aussah, wäre sie gar nicht ertrunken. Alles Theater. Theatralik. Ganz großes Kino.

UND DU BIST BESSER?!!!
DU BIST NOCH SCHLIMMER!!!!

Ich versuchte noch, sie irgendwie in Gruppen zu integrieren, die mit mir zu tun hatten. Aber das klappte nicht…

Mir war klar, was Sebastian zu diesem Traum sagen würde: „DU und DEINE Mutter!“. Eindeutig: Für den Ödipuskomplex habe ich das Geschlecht verfehlt.

Ich hätte nachts den Strumpf von den Wunden reißen sollen. Da hätte ich wenigstens noch was davon gehabt. Heute ist „meine eigene“ Vorstellung längst vorbei. Kindheitserinnerungen tauchen auf. Gestern Nacht, jetzt. Blitzlichter. Als würde ich für 1 Sekunde die Augen als Kind in der jeweiligen Situation öffnen und wäre dort, wie durch eine Zeitmaschine für einen winzigen Augenblick dorthin zurückgeworfen. Ich fühle, ich sehe mich stehend. Als sei ich eine Schachfigur. Obwohl ich in diesen Momenten mitunter ganz andere Sachen getan habe. Ich werde zum Betrachter meiner eigenen Erlebnisse. Ich als Kind zum Beobachter meiner selbst.

Schwer atmen. Mir wird schlecht.

WANN ist dir NICHT schlecht??!

Der Kuckuck sitzt oben am Waldrand und, wollte ich zuvor auch noch sagen, was für eine Idylle es hier sei, gilt es nun zu bemerken, dass Menschen ignorante Arschlöcher sind. Traktor; obwohl ich diesem noch eingestehe, hier zu arbeiten. Aber meine Intention war es ja, eine kurze Tonaufnahme zu machen, doch dann das erste Flugzeug, das ich bewusst wahrnahm…

Dienstag, mein heiliger Tag. Wer weiß, was ich heute wieder anstelle. Ob ich Sebastian mittags entgegen gehen kann oder werde, steht noch in den Sternen. Das nächste Flugzeug. Schon wieder, immer noch Kopfschmerzen. Wackelig, als hätte ich gestern das Fünffache eingeschmissen. Kohlmeise, Zilpalp, Amsel, Buchfink, Schwarzspecht, Traktor, Flugzeug. Musik…

11:01
Schimpfende Mönchsgrasmücke und (ganz selten) kein Flugzeug. 2 Stunden gemalt. Meine Physioübungen gemacht, mir selbst dabei weismachen, diese hätten letztes Jahr wirklich gegen die Rückenschmerzen gewirkt. Der Himmel ist grau, eine Frische zieht zur offenen Terrassentür herein. Die Gänsehaut an Armen und Oberschenkeln kam dennoch von der Musik, ein Lauflied nach dem anderen. Eigentlich müsste ich weinen… Der Tag ist lang… Noch. Meine Zähne putzen und mal so verrückt sein, mir einen Zeitrahmen von mindestens 50 Minuten einzuplanen. Die Kopfschmerzen dezent im Hintergrund. Mir hartnäckig versuchen einzureden, die paar Schritte die Straße runter, das sei Sport. Muss ich dumm sein, um das zu glauben, oder echt schon so verzweifelt?

13:51
Mich von der Glotze wegreißen, ehe mir die Müdigkeit wieder den Nachmittag entreißt! Aber das Wetter ist unentschlossen, dicke Wolken und dazwischen lächelt immer wieder die Sonne hervor. Regnet es, bleibt es trocken, Ausflug oder Zuhause bleiben und früher oder später durchdrehen?

Ich hatte mich angezogen, eine neue Weste, die beinahe ein halber Mantel ist. Ich fand, es sah gut aus. Ich fühlte mich gut, passabel, annehmbar. „Cool“…
Bis zum Haus von Emma und Rudi. Das linke Vorderrad macht ein seltsames Geräusch und…

DU und COOL???!!
Gleich wird das Vorderrad kaputtgehen und du mit deiner dämlichen, selbstgefälligen Visage auf die Straße knallen. Dort wirst du dich nicht einmal umdrehen können, und dann können wir ja mal sehen, wer hier COOL ist!!!

Beide Stöpsel in den Ohren, die Musik relativ laut. Er war lauter. Ich darf mich nicht gut fühlen. Als nächstes am Start waren meine Schuldgefühle. Meine armen Eltern, ich böses Kind, wie lange soll die Kontaktsperre noch weitergehen, das kann ich nicht machen, unverzeihlich, sollte mich mal in die Situation der beiden versetzen, sie leiden auch und nicht nur ich, und das alles NUR WEGEN MIR!!! Das sind doch die besten Grundvoraussetzungen um den gestrigen Nachmittag heute in die Verlängerung gehen zu lassen. Der Blick schweift ab nach draußen, gen Himmel: „Was willst du?“. Zu Beginn war ich tatsächlich relativ schnell unterwegs, etwa 500 m in 40 Minuten. Und nun wieder „potenziell“ Kopfschmerzen. Genauso verhält sich die Sachlage mit dem Rücken, den Verspannungen. Ausflug oder nicht? Nebenher wird es 14:00 Uhr und anstatt eine Entscheidung zu treffen, klimpert meine rechte Hand auf der Armlehne herum. Einfach mal rausfahren, probeweise, vielleicht läuft oder fliegt mir etwas über den Weg und lenkt mich ab? Zu Mittag einen Eiweißshake; den guten Ratschlag dazu gab’s ungefragt und GRATIS!…

Für was brauchst DU Eiweiß?! Willst du den SCHEISS ernsthaft Bewegung, eine LEISTUNG nennen??!!!

Meine Augen sind müde, während draußen die Sonne wieder alles beleuchtet. Zu Potte kommen… Plötzlich erst ein Flugzeug und dann mitten im Gedankengang der nächste Panikschub. Ich könnte schlafen, alles verschlafen… Doch ich will nicht! Mein Leben ist doch ohnehin schon vorbei! So viel verschwendet, nicht gelebt, gar nicht realisiert.

Ehe ich mich in meinen Gedanken verliere, das Headset absetzen und zumindest schon einmal hinters Haus fahren…

17:19
Allmählich will Panik einsetzen. Als müsse ich nach einem Ausflug trotz allem noch Zeit für mich alleine im Haus haben, ganz alleine, um mich in Ruhe um meinen Selbsthass kümmern zu können. Aber gerade eben erst nach Hause gekommen. Mich mit einer etwas entfernten Nachbarin unterhalten, die ich eigentlich seit Kindertagen nur vom Gasthaus kannte. Stand dort oben im Wind und ahne bereits, dass mir mein Schädel das übel nehmen könnte. Hatte mir eine neue Flasche Wasser geschnappt und war einfach hinaus. Erst wollte ich nur meine Gehstrecke vom Spazieren messen, fuhr dann aber bei der Gelegenheit den steilen Hügel hoch und hielt Ausschau nach Mäusebussard und Falke. Ganz langsam fuhr ich, um nicht einmal ein Insekt zu übersehen. Ich hatte Glück, traf auf den zweiten Maiwurm dieses Jahr. Da ich bereits eine andere Aufnahme von einem Verletzten habe (der ganz sicher mittlerweile tot ist), kamen mir obskure Ideen für ein neues Video, für die Intro, den Abspann, mit dem Titel „Maiwurm lauf!“. Als Analogie zu „Maikäfer flieg!“. Passend zu meiner Situation der schwer verletzte Käfer, wie er seine Eingeweide hinter sich her schleppt, um zu entkommen.

Ich weiß nicht, wo ich meine Wasserflasche stehen hab lassen. Im Badezimmer noch hastig das Blut von gestern abgewaschen. Die Haut etwas gerötet, wie die Oberfläche von einem sich seit vielen Jahren in Gebrauch befindlichen Schneidbrett. Schnitte überkreuzen sich, Schnitte zeichnen andere Schnitte nach… Und irgendwie bin ich erneut der Meinung, auch diesen Tag nicht ohne Verletzung ausklingen lassen zu können. Mein Schädel glüht. Die nächste Erinnerung bei diesem Lichteinfall. Herbst. Ich bin draußen, zurück vom Ballettunterricht, die Sonne geht unter und es wird kalt, Blätter treiben im Wind um mich her…

Auf Sebastian warten. Dass er kommt und nach oben geht. Erst dann fühle ich mich sicher genug das zu tun, was unausweichlich erscheint.

Aber es war doch ein guter Tag…

Schwer seufzen. Ein Klotz in meinem Bauch. Immer wieder blieb ich stehen auf meiner Tour, um lediglich ins Nichts zu schauen. Mich auszublenden. Etwas in mir sagt, ich hätte den Nachmittag auch ertragreicher gestalten können. Rumpelstilzchen die ganze Fahrt über am Toben.

Mein linker Unterarm markiert eine Sehnenscheidenentzündung. Bin sprachlos, ganz plötzlich, und keine Ahnung warum. Die Vorfreude auf die Klinge? Ich will flüchten. Vor mir selbst? Vor den Dämonen in mir? Mir eine Überdosis in den Kopf jagen. Das Gehirn in Tabletten absaufen lassen. Ich kann hier nicht sitzen. Der Körper gibt sich krank, erkältet, die Augenlider schalten auf Schlaf. Der nächste Blick nach draußen fördert auch die nächste Erinnerung zutage. Die Rechte klimpert. Da wären so viele Videos, die ich katalogisieren müsste. Und hatte ich nicht die wahnwitzige Idee, Musik zu machen? Alles verworfen und wertlos, weil längst in einer weiteren Lethargiephase zum Stillstand gekommen?

Sebastian kommt…

18:09
Er verschwindet nach oben; eine volle Ladung Tramal und erneut 2,6 mg Morphium. Eventuell bedarf es ebenfalls einer Erkältungsbrause obendrauf. Zumindest jetzt fühle ich mich krank. Wasser in mich hineinschütten, sonst blutet es ja nicht. Dabei die Hände eiskalt. So oder so vergebens…? Der mit Blutflecken übersäte Strumpf liegt auf dem Tisch vor mir und sieht mich schweigend an.

18:33
Die Sonne kommt raus. Tee trinken und riesengroße Datenpakete von A nach B schieben; Ordnung auf meinem Computer machen. Ein Neuer sei angeblich bereits unterwegs. Etwas seltsam, bei Universal monatelang auf die Ware zu warten. Denn angeblich sei die Tempuraauflage fürs Bett vor Wochen bestellt worden. Oder hat Sebastian wieder etwas falsch gemacht?

Das Verschieben dauert und die Wartezeit nutzen, um noch einmal das Schlachtfeld von gestern zu mustern, und mich dann abzumahnen. Was davon soll bitte schön tiefer gegangen sein? Nichts! Absolut nichts! Alles bedeutungslos, Kinderkacke, Katzenkratzer, nicht der Rede wert…

DU BIST UND BLEIBST EINE FEIGE, FETTE SAU!!!

18:57
Beim Warten den Text korrigiert. Nebenbei durfte ich feststellen, wie angenehm sich das Wölkchen in meinen zerfressen Gehirnwindungen anfühlt… Aber, ach! Wie konnte ich es wagen! Was fällt mir bloß ein!

Panik.

Mich deswegen aufschlitzen? Versuchen, mich „runter zu atmen“? Und da wäre noch die Blase, das Untergeschoss, das soeben noch heftiger von Urinieren fantasiert. Es ist doch egal, was ich sage oder nicht -wird so oder so ins Negative verkehrt! Also war ja zu erwarten, dass die Ruhe zumindest an dieser Front nicht lange währen würde… Ob ich es bis nächste Woche Dienstag schaffe? Da wäre der Termin für den Katheterwechsel.

19:25
Ein Blick auf die Uhr, die nächste Lawine prescht über mich hinweg! Es reicht! Hör auf! Hör auf!! HÖR ENDLICH AUF!!!!…

Keine Luft mehr bekommen. Dann eben anderweitig für Ventile sorgen!!

Wütend sinkt die Klinge zehnmal in die Haut. Dicke, dicke Blutperlen quellen aus den verhältnismäßig fragilen roten Linien. Die von oben betrachtet so harmlos aussehen, als hätten sie nicht das Potenzial, so eine Sauerei anzurichten. Wenn er mich jetzt erwischt, sollte er mich jetzt erwischen, dann sei es eben so. Wieder über die Wunden schaben; dabei fühle ich mit dem Gelenk vom kalten Zeigefinger, der nur wenige Zentimeter über die Haut wandert, dass das Blut heiß Wärme abstrahlt. Die Wunden auseinanderziehen… Das hätte ich direkt nach dem Schneiden machen sollen. Es sah doch tiefer aus, als es jetzt den Anschein macht…

Und schon will es um 19:33 aufhören zu bluten. Noch wütender werden. Die Ratio verteidigt den Körper…

Zu wenig Flüssigkeit im Körper!!

Den schmutzigen Verband überstreifen. Ich bin diese Spielchen leid. Schlussendlich auch noch die Wollstulpe und alles in Vergessenheit geraten lassen. Unten im Graben ruft ein Rehbock. Nun hat der Wind natürlich aufgehört. Ein Räucherstäbchen anstecken…

Sebastian kommt runter. Ich höre seine Schritte im Treppenhaus und meine Pumpe erwürgt mich! Mich bei ihm entschuldigen, wieder und wieder, weil er diese Reaktion in mir auslöst. Und er? Er sagt nur: „Aber ich liebe dich! Über alles!“. Er schmunzelt… Als sei ich ein kleines Kind, das soeben eine übertriebene Geschichte erzählt, in die es sich hinein gesteigert hat. Dann fährt er kurz weg. Sagt, er könne nach seiner Rückkehr ohne weiteres noch ein bisschen oben bleiben. Ich möchte, ich könnte…
Auf den Unterarm einschlagen. Mit den Nägeln über den Strumpf kratzen…

LOS, BLÖDE SAU, BLUTE!!!!

19:53
Einen winzigen Augenblick halte ich inne auf meinem Weg mit dem Rollstuhl zum Tischchen, neben dem Sofa. Die Lauftasche vom linken Oberarm abmontieren und die Nase ganz tief in den Gurt drücken…

Dieser Schweißgeruch, diese Erinnerung ans Laufen, zugleich an meine Kindheit, nachts im Sommer sicher im Arm meines Vaters… Für ein paar Sekunden drifte ich ab, bekomme wieder Luft und zugleich werden die Augen geflutet…

Zur Tablettendosis, und „lediglich“ 1,3 mg Morphium obendrauf. Draußen läutet diese elende Glocke oben am Hügel. Ich hasse sie!! Als ob die innere Uhr nicht schon Folter genug sei!!

Ebenso schlagartig verkrümmen sich die Finger, sie werden spastisch. Ich muss daran denken, dass der Tag vorbei ist. Dass ich den Tag nicht so nutzen kann, wie ich eigentlich wollte. Würde noch am PC bleiben, versuchen zu malen, bis in die Nacht hinein, morgens länger schlafen!! Aber…

Der dämliche Krüppel braucht ja Hilfe! Weil er gar nichts mehr kann!!!

Du kannst gerne weitermachen. Ich bringe dich später ins Bett, musst mich eben aufwecken.“, hat er mir schon mehrmals angeboten. Aber dann haben wir überhaupt keine Zeit mehr zusammen. Und ausschlafen kann ich auch nicht; wer soll mich aus dem Bett holen, wer mich anziehen???

Suizidgedanken drängen sich mir im schwindenden Licht auf. Wie so oft. Darin Routine haben, könnte man geschmacklos bemerken…

WIE LANGE NOCH???!!!

Vergessen, die Haare zu waschen… PANIK!!!
Er ist zurück, lässt Martha hinaus, sagt, Fine würde auf dem Hocker schlafen, und dass er noch eine halbe Stunde benötigt. Kaum hat er die Tür geschlossen, kaum ist er in seinem Zimmer oben verschwunden, beginnt die Katze hier im Raum unruhig hin und her zu wandern… PANIK!!!

Erwürgt mich endlich!! Bringt es endlich zu Ende!!!
Und DAS sei erst der Anfang, hat Markus gesagt… Was habe ich verbrochen?
Wie ein Mantra wieder und wieder und wieder und wieder diesen einen Satz herunter beten: „Ich bin schlecht. Ich bin schlecht. Ich bin schlecht. Ich bin schlecht. Ich bin schlecht…“.

Überdosis, mich verabschieden, entschuldigen und auf Wiedersehen!…

Ich will mir auf die Lippe beißen. Nichts mehr finden, woran ich mich klammern kann. Jetzt, spätestens jetzt nehmen die Kopfschmerzen zu.

RAFFST DU ES ENDLICH??!! DU BIST ÜBERFLÜSSIG, EINE BELASTUNG, DRECKIG, EIN GROSSES, STINKENDES STÜCK SCHEISSE, EINE WIDERWÄRTIGE FOTZE!!!!
WORAUF WARTEST DU NOCH, HA??!!
BRING DICH UM!!!!!

Auf den Kollaps warten. Er kommt nicht. Meinen Tee trinken, als sei doch alles in Butter. Mein Innenleben steht in Flammen. Wieder einmal. Würde ich hyperventilieren, hätte ich wenigstens die Chance, bewusstlos zu werden. Aber nein… Ich darf mir den ganzen Scheißdreck in mir ansehen, all das, was ich verbrochen habe, die Vergangenheit -die so harmlos daherkommt, abgesehen von meiner Existenz darin, wie ein Schandfleck- und dennoch keine Zukunft zulässt. Neurotische Entgleisungen meiner Mimik. Natürlich treibe ich mich augenblicklich immer weiter selbst hinein. Natürlich werde ich diesen Mist ins Internet stellen. Natürlich werde ich in einer halben Stunde mit Sebastian auf dem Sofa sitzen und ein Abendessen einnehmen. Als sei nichts gewesen. Genauso natürlich werde ich morgen wieder hier Platz nehmen und alles wird erneut offen sein; der neue Tag, die kastrierten Optionen, dahinter das restliche Leben… Bis zum Tod.

Es wird 20:30 Uhr, mein Schädel füllt sich immer mehr mit Schmerz, aber zugleich auch Watte. Die rechte Hand umschließt den linken Unterarm, die verstummten Wunden darunter, und sie klimpert. Irgendwann werde ich in der Psychiatrie enden, kein Wort mehr sagen, keine Reaktion mehr zeigen, eine Bettkartoffel sein und mein gesamtes Dasein beschränkt sich auf das Klimpern meiner Rechten. Bzw. dessen, was von ihr übrig bleibt.

Draußen wird es dunkel. Oben rührt sich etwas. Die Angst bläst zur Attacke. Ich ziehe den Kopf ein. Die Katze beginnt sich zu langweilen; ihr eine Leckerei in den dunklen Raum werfen. Emotionslos. Gefühlstot… BIS auf die Angst. Meine Augen schließen und versuchen, zu atmen. Mein Leben mag mich nicht. Beruht auf Gegenseitigkeit. Ich hasse es. Bin dessen nicht wert. Erst recht nicht in so einer bequemen Situation mit eigenem, schuldenfreiem Haus, keiner ist krank, alle leben, Eltern, die alles für mich tun würden, dann noch so einen liebevollen Partner zu haben usw. und so fort und sowieso und überhaupt, weil ANDEREN GEHT ES VIEL SCHLECHTER ALS MIR…

Der Kerze im Stövchen das Licht ausblasen. Was wären meine letzten Worte, würde mich morgen ein Auto mit dem Rollstuhl über den Haufen fahren… „Fuck!“ oder „SCHEISSE!“ oder doch vielleicht „Endlich…“?

Es tut mir leid. Ich möchte und muss mich für mich selbst entschuldigen. Nicht nur allein dafür, diesen wortgewordenen IRRSINN ins unendliche OFF des Internets zu rufen. Es tut mir unendlich leid.

Aber nicht einmal weinen kann ich; die Augen zu trocken, brennen, als bestünden meine Tränen aus Säure… Aber was soll schon Vernünftiges aus so einem besudelten, dreckigen Lebewesen herauskommen, außer noch mehr Gülle?

Da zerfließt sie wieder in Selbstmitleid!“

Damit man ihr das Gegenteil sagt!! Was für ein durchtriebenes, manipulatives Drecksstück!!

Kopfschmerzen. Der Katze noch ein Leckerli hin werfen. Er kommt von oben und die Betäubung ist wertlos…

16. April 2018, Montag „Lebenszeit = abzusitzende Haftzeit“…

8:32
59 Kilo um 6:45 Uhr. Erneut hat sich viel zu viel Krempel auf Leinwand und Tisch angesammelt, die Farben in den Schälchen nach zwei Tagen angetrocknet. Katzenhaare aus der schwarzen Tunke zupfen. Moderate Kopfschmerzen, schlaflose Nacht. Ich las bis kurz nach Mitternacht. Vermochte nicht einzuschlafen, irgendwie war es so warm, zu warm, Licht wieder an und das Buch abgeschlossen. Jetzt kann ich es Gerald wenigstens zurückschicken. Mit der ganzen Materie vermochte ich nicht sonderlich viel anzufangen. Lediglich am Schluss bei den Fallbeispielen erkannte ich diverse Überschneidungen. Zumindest „gefühlt“, wenn das überhaupt irgendetwas wert ist…
Dann entgleist mein Gedanke, ist flüchtig bei der Volkshilfe und die erste Panikattacke prescht über mich hinweg wie ein vom Teufel besessener Rasenmäher. Meine Hand klimpert, dabei sollte sie jetzt malen. Versuchen, an der Spitze zwischen den beiden Pinseln den neuen auszumachen. Vor allem die schwarze Farbe hat gelitten. Ich weiß gar nicht, wo, womit ich anfangen soll. Immer angesagt sind Korrekturen am Weiß der Leinwand. Obwohl dieses auch nur noch dreckig und abgenutzt aussieht.

In meinem Traum ging es um eine Art Weltuntergang, am Dreiländereck gab es ein Flüchtlingslager. Das Wort „Lager“ darf man dabei wortwörtlich nehmen! Chinesen, Japaner, syrische Flüchtlinge, Afrikaner… Und ich irgendwie die ganze Zeit auf der Flucht vor meinen Eltern. Es war Weihnachten und zugleich mein Geburtstag. Birgit war gekommen, ins Lager, um mit mir zu feiern. All die anderen Schulkollegen, Freunde hatte ich mittlerweile erfolgreich vergrätzt. Mich nie auf Glückwunschkarten, Geschenke erkenntlich gezeigt, geschweige denn geantwortet. Bravo! Meine Eltern ließen auch nicht locker, jagten mich regelrecht. Wo ich war, waren sie mir dicht auf den Fersen. Eine Art Zeltfest fand statt. Währenddessen rebellierten draußen die Flüchtlinge. Es kam zu Völkerwanderungen, die Chinesen versuchten sich mit den Japanern zu verständigen, anzufreunden. Sie hatten doch ähnliche Kampfsportarten. Hinterm Zaun gegenüber waren die Afrikaner eingesperrt. Beiderseits wurde versucht, die hohe Hürde zu überwinden. Es gab Tote, Verletzte und zugleich sah das Gelände aus wie jenes in Graz beim Krankenhaus. Meine Mutter wollte unbedingt ganz nah an mir dran sein. Ich war gerade aufgestanden, um etwas zu trinken zu holen. Da musste ich an ihr vorbeigehen.

[….]

Es folgte eine Verfolgungsjagd. Aber das Jugendamt holte mich aus dem Auffanglager, schnappte mich meiner Mutter vor der Nase weg. Als ich abgeholt wurde, steckte ich mir noch hastig ein kleines gelbes Kuvert in die Hosentasche. Eine Rasierklinge, für den Fall der Fälle.

Ein weiteres Produkt aus Fernsehprogramm, Lesestoff und sich ohnehin im Kreis drehenden Gedanken? Meine Kopfschmerzen werden immer stärker. Ich sollte mir unbedingt ein Fieberthermometer fürs Ohr besorgen. Nachts hat es geregnet, der Himmel ist grau, die Vögel zwitschern und der Blumensamen von Daniela schien bereits gestern zu sprießen, als ich einen intensiven Blick auf die Wiese warf und an diversen Maulwurfshaufen lauter kleine Keimlinge entdecken durfte.
Der Schleim läuft eifrig den Rachen hinab. Mir erneut einen Termin beim HNO-Arzt besorgen. Damit der mich nach Graz überweist. Die nächsten Termine, der nächste Stress, das nächste Gerenne… Panik. Und die Frage: Hört das denn nie auf? Obwohl anders gefragt: Würde ich eine Ruhepause überhaupt registrieren und zu goutieren wissen?!

Jetzt mit Musik versuchen, Konzentration zu finden…

Das erste Lied der Liste ein „Klassiker“ bei den Sprinteinheiten. Ambivalente Gefühle strömen durch meinen Körper. Die Augen wollen weinen, die Beine meinen, Endorphine zu verspüren, und beide Hände, Arme werden schlagartig taub, ein Teil in mir will sie aufschlitzen, um den Schmerz auszutreiben, zu tilgen, um mir die Endorphine anderweitig zu holen…

Beruhigen! Irgendwie beruhigen!… Ein Räucherstäbchen anstecken und dann doch wieder nur wie gebannt auf die Flamme starren, in mir der dringliche Wunsch, diese an meinem Unterarm auszudämpfen…

14:31
Mein Schädel platzt. Ich wollte, ich sollte den Arzt anrufen, neuer Termin, aber ich bin unfähig zu denken. Genauso wie ich unfähig war, auf dem Sofa einzuschlafen. Der Hintern dermaßen am Schmerzen. Die Füße schmerzen. Gefühlt presst der Druck im Schädel meinen rechten Augapfel mindestens einen halben Zentimeter aus seiner Höhle. Das Aspirin wirkungslos. Als nächstes Mexalen… Und dann „Open-House-Analgetika“?! Nur um den Körper nicht mehr spüren zu müssen!! Der Himmel bleibt grau. Mein Nacken steif. Wieder drücken sich die Sitzbeinhöcker durchs Fett meiner Arschbacken. Wohin mit mir?

[….]

Die Kirschbäume beginnen zu blühen. Neue Nuancen mischen sich ins frühlingshafte Duftbild. Und ich möchte mich gerade am liebsten nur abschießen. Richtig, mit allem drum und dran. Mir die Birne wegblasen!
Aber das darf ich nicht… Sonntag steht der große Ausflug an, nach Graz, zu einem internationalen Dartspiel, von dem er bereits seit einem halben Jahr redet. Was könnte ich einwerfen? Abends Sitzung. Kann ich einen Termin beim HNO vereinbaren und Sebastian fährt mit mir dorthin? Brauch ich die Rettung? Oder lass ich es sein? Tritt doch ohnehin wieder nur die nächste Lawine los: Arzt, CT, Arzt, dann vielleicht Klinik… Wenn es doch bereits letztes Jahr wirkungslos geblieben ist?

Meine Rechte klimpert unablässig. Die Spannung muss irgendwo raus. Bedingt durch das Technokonzert in meinem Gehirn scheint alles an mir zu glühen. Ebenso meine Arme. „Ein Thema für die Therapie basteln!“… Auch mein Untergeschoss pulsiert, seit gestern schon. Vermittelt mir den Eindruck, ich würde mich jede Sekunde anpinkeln.

Ich sehe mich selbst, wie mein Blick starr und gebannt am ersten Rinnsal haften bleibt. Wie sich der Kopf schlagartig leert, und es gibt nur noch die Gier nach noch mehr Blut und bestenfalls einen dicken Schuss Endorphine, körpereigenes Morphium… Bereits bei diesen Worten wird es in mir ganz still. Kurz. Eine kleine Vorschau. Aber das Hauptprogramm muss erst einmal gestartet werden, um tatsächlich in den Genuss kommen zu können… Es ist doch ohnehin alles egal, scheißegal. Ich sehe das Wetter draußen, sehe August 1998, ich krank im Bett mit perversen Neuropathien in den Beinen. Der Anfang vom Ende… Und meine Mutter macht mir Vorwürfe, warum ich mich nicht darüber gefreut habe, weil die beiden unerwartet nach bereits drei Tagen von ihrem angeblich einwöchigen Ausflug zurückgekommen sind. Wie sie mir eine Szene macht und ich in meiner Verzweiflung vermutlich geschrien habe: „Ich kann seit zwei Wochen keine Sekunde mehr schlafen!! Weil meine Beine ständig brennen!! Wie soll ich da gut drauf sein?!“…

Ich habe den Geschmack von Eistee im Gaumen. Wie damals. Mir wird schlecht…

Nachts vor dem Zubettgehen stand ich kurz im Flur vor dem großen Spiegel, nur in Unterhose, und betrachtete voller Entsetzen meinen Rücken. Die dicke Schwangerschaftswampe mal außen vor lassen… Aber von hinten sehe ich aus wie ein somalisches Hungerkind, wie Gollum!!! Meine Schulterblätter ragen weit hervor, die Rippen präsentieren sich in voller Pracht, wie ein abgenutztes Waschbrett. Zumindest die Ausschau auf meinen Rücken täuscht vor, ich wäre anorektisch! Was ist das? Muskelschwund „at it’s best“ oder eine weit fortgeschrittene Osteoporose??!! Wie eine hochgradig bedenkliche Skoliose!! Zwangsläufig musste ich an „Ötschi“, unsere nationale Gletschermumie, denken. Wunderschön…

DU BIST ZUM KOTZEN!!! ZOMBIE, FETTER!!!

Die Hand öffnet die Dose, besudelte Tücher werden ausgebreitet, der linke Armwarmer abgestreift. Der Himmel bleibt grau. Der Kopfschmerz zieht in die Ohren, in die Stirnhöhlen hinein, kriecht über die Nase in den Kiefer. Einhalt gebieten!! Es langt!! Den linken Unterarm gestern mit einem Einwegrasierer mehr oder minder vom Schorf befreit. Dieses Jahr, mit dem kleinen Weg zum neuen Teich, könnte ich mich tatsächlich mit dem Rollstuhl -wie vor drei Jahren eigentlich geplant- unter den Hollerbusch stellen und mich abschießen… Der Strauch wie die schützenden Arme von Mutter Natur, daran hängen die ersten Dolden, kurz vor dem Erblühen…

Die Rasierklinge markieren; heute keinen Nerv auf allzu lange Experimente! Die erste Wahl scheint die richtige zu sein!… Nach zwei Testschnitten in mich gehen, um nach dem Gefühl Ausschau zu halten, das den Antrieb hierfür leistet… Verzweiflung? Hass? Die Schnauze voll zu haben?

SCHLAPPSCHWANZ!!!

Mit dem Rollstuhl ins Bad und den Arm mit heißem Wasser verbrühen? So ein scharfes Werkzeug und dann versagen… Mich vor mir selbst schämen! Zehn Kratzer und die letzte Kante hätte es wahrlich in sich, wäre ich nur nicht so feige!!! Das Blut gerinnt. Die Heizdecke abmontieren und auf dem Weg ins Badezimmer irgendetwas konsumieren…

15:22
Strafregister: eine doppelte Dosis Tramal, 40 Tropfen, 2,6 mg Morphium, Hydal. Die Arme sehen aus wie gekocht. Die neue Rasierklinge im Wohnzimmer vergessen, mich am alten Stück versucht. Insgesamt komme ich jetzt auf 15 Schnitte; zumindest die letzten fünf brannten unter dem heißen Wasserstrahl. Von den ersten zehn Kratzern sieht man eigentlich gar nichts. Ich bin… Ich weiß es nicht, was ich bin. Verstört? Der Schädel hämmert weiter und fast lieblich das Aroma der Opiattropfen am Gaumen. Und wie leicht ging es mir von der Hand, die Pumpe achtmal zu betätigen. Als würde ich jeden Tag nichts anderes machen…
Die Vögel zwitschern. Amsel, Rotkehlchen, diverse Meisen… Auf ein Neues!… Der Counter läuft… Nummer 4 sinkt tiefer. Ich müsste eine Kerbe in den Arm schlagen, um Spuren zu hinterlassen, ein Stück herausschneiden… Aber ich kann so was nicht. Bei jedem einzelnen Schnitt lediglich darauf hoffen, ungestüm genug zu sein. Aber das Blut gerinnt schon wieder. Ich werde immer zärtlicher… Das ist doch absurd! 18 Stück. Zumindest das Muster über dem Handgelenk blutet ein wenig, die Haut noch nicht wie totes Leder. Die Klinge in der Hand wenden und ihr die Schuld geben.

FEIGE SAU!!!

30 oberflächliche Linien in Rot. Kann mir eigentlich den Verband sparen. Der falsche Moment? Es später noch einmal mit der anderen Klinge versuchen?

DU BIST EINFACH FÜR ALLES ZU DÄMLICH!!!

Kurz innehalten, zusehen, wie die zähe Pampe aus den letzten Ventilen läuft. Von „gepumpt wird“ kann gar nicht die Rede sein. Schlägt mein Herz überhaupt noch?

45 Versuche und kein einziger Treffer. Schlechte Quote. Die war schon mal besser…

Davon träumst du wohl!!

Den blutigen Krempel liegen lassen. Sebastian ist erst irgendwann nach 17:00 Uhr zu erwarten. In mich zusammensinken und um zumindest eine Mikrodosis Endorphine flehen… Bitte! Stell mich ab! Stell diesen Körper ab!

15:57
Im Internet nach Schlauchverbänden suchen. Ich müsste eine Ausfahrt allein nach Jennersdorf machen, zum Bandagisten, um dort neues Material zu bekommen.
Ein wenig Watte macht sich im Schädel breit. Aber die Schmerzen zeigen sich unbeeindruckt. Kortisonspray in die Nase. Verätzt unverzüglich den Hals, er beginnt zu kratzen.

16:26
Leichenhallenklänge… Endlich abdriften! Markus hat völlig recht, wenn er von „Heroin“ anstatt Opioiden spricht. Das war jetzt mein Schuss. Werde ich dadurch depressiver? Oder nur gleichgültiger?
Ich sehe das Licht, ich höre die Vögel, die Musik und wieder hänge ich im menschenleeren Gasthaus fest, das Raunen des Windes und ich der letzte Mensch auf Erden. Ein kleiner Mensch, ein Kind. Erinnerungen tun sich auf und ich sitze hier mit offenem Mund und starrem Blick nach draußen, irgendwo im Nichts endend, sich dort verlierend. Anstatt die mit Flecken übersäten Tücher wegzuräumen, ein weiteres Mal zur Klinge greifen… Ein Tropfen Blut klebt an der grünen Wasserflasche.

Meine Fresse! Geh arbeiten, dann langweilst du dich nicht und hörst auf mit dem Scheiß!!“

Was für ein wertloses Stück Dreck!!! VERRECKE!!!!

Die Augen wie kuschelig in Watte gepackt. Die andere Klinge. Zwei Wunden brechen auf, als ich den Verband abstreife.

…16 Schnitte. Der Körper hat versucht, sich zu heilen, den Arm gut durchblutet… Sein Pech. Es krachte ganz leise bei jedem Schnitt, wenn sich die scharfe Kante durch das verkrustete Blut seinen Weg bahnte, bis zur Haut, in die Haut, unter die Haut… Der Fleck auf dem alten Geschirrtuch wird größer und größer. Die Letzten erwecken nun wenigstens den Anschein, da müsse irgendwo ein Herz schlagen und verzweifelt versuchen, mich am Leben zu halten. Obwohl ich so gerne das Band abschneiden würde. Abschneiden, reißen lassen, loslassen, mich fallen lassen…

Na wenigstens das bekomme ich hin: Mit der alten Klinge brachial über die Wunden schaben, sodass das Stück Metall immer wieder einsinkt, die Ventile offen, am Laufen hält. Mittlerweile bilden sich blutige Erhebungen auf dem Tuch. Ich will, ich MUSS es hinunter tropfen sehen! Als sei das die Bestätigung, dass der Dreck auch wirklich meinen Körper verlassen hat…

Warum diktiere ich jedes Detail, muss alles haarklein festhalten? Was für eine Perversion steckt wohl dahinter? Als müsse ich beweisen: „Ich habe zumindest gekämpft…“. Worum? Um dieses Leben? Um dessen Ende, den Tod?

DRECKIGE SCHLAMPE!!!

Die Atmung steht still. Meine Schande verschwindet in der Lederschultasche, verkriecht sich unter einer langen, schwarzen Wollstulpe. Verräterisch lediglich Blutspuren rechts an den Fingern. Auch mein Herz scheint stillzustehen.

Alles wäre perfekt, doch dann kommt die Panik. Bald nicht mehr allein, bald Therapie und es wird mir zu viel. Markus wird wieder fragen: „Wie fühlt sich das an?“. Augenblicklich definitiv so, als müsse ich noch mehr konsumieren. Obwohl/weil das soeben immer noch verdammt wenig ist für meine „Störungsgruppe“… Die Kopfschmerzen fangen wieder an…

17:53
Ich musste mein Gesicht waschen. Mit dem Rollstuhl, gehen funktioniert wohl nicht mehr. In der Küche Tee für mich zubereitet, meine Medikamente geholt. Die Milch lässt sich aus der neuen Packung nicht ohne zu kleckern in die Teeschale gießen. Eigentlich geht der größte Teil der Milch auf Boden und Hosenbein. Die Tabletten aus der Dose landen ebenfalls auf dem Boden.

Dumme FOTZE!!
Du dumme FOTZE!!!
DÄMLICHE FOTZE!!!!

Gleich muss ich ihn anrufen. Mein Schädel dröhnt…

20:07
Ende der Sitzung. Heftige Sitzung. Mir für meine letzten Worte noch einmal Musik anmachen. Die Kopfschmerzen waren mal stärker, mal schwächer. In den letzten Minuten ging es um meine Sexualität in der Partnerschaft. Ich sollte mir diverse Dinge vorstellen. Aber es war mir schier unmöglich, ohne nicht gleichzeitig sehr heftig den Wunsch zu verspüren, die Version von mir in der Vorstellung zu zerstören. Auch erzählte ich ihm, dass ich allein beim Anblick von Füßen zerstörerische Derealisationen bekomme. Kaum erwähnenswert, was das erst recht für Füße bei der Sexualität bedeutet. Ich benutzte das Wort „grotesk“. Dass sich für mich die Körper in Einzelteile auflösen. Nichts gehört mehr zusammen, nichts ergibt Sinn, keine Einheit wiederherstellbar. Ich halte Sexualität am Tag, beleuchtet nicht aus. Die verzerrten Leiber, entstellten Gesichter… WIDERLICH, ABSTOSSEND, BEÄNGSTIGEND, ERSCHRECKEND und kann einfach nicht wahr sein!!! Ich habe noch nie einen „schönen“ Sexualakt gesehen. Menschen werden zu Tieren. Zu unheimlichen Gespenstern. Monstern. Sie grunzen, stöhnen, sabbern, schlabbern, schlecken… Ganz zu schweigen von den Geräuschen, die aufeinander treffende Massen und Körperflüssigkeiten verursachen…

Die Kopfschmerzen nehmen wieder zu. Ebenso die Halsschmerzen. Meine Rechte hält den linken Unterarm am Handgelenk fest und klimpert auf den Wunden herum, die sich da unter der schwarzen Wolle verbergen. Die Rotlichtlampe steht seit über 2 Stunden vor mir und gibt ihr Bestes. Ich hätte den verdammten Arzt anrufen sollen! Draußen beginnt es zu schütten.

Hinter mir knackt es, ich erschrecke und ein schmerzhaftes Brennen fährt durch den ganzen Körper. Ich kann nicht mehr…