10. Juni 2018, Sonntag „Die Heimkehr wie ein Bombeneinschlag!!“

13:53
Womit fange ich an, wie soll ich dieses Chaos einigermaßen in Zaum halten, wenn ich doch bei jedem dritten Wort bereits eine Denkpause benötige, mich ausschalte, dissoziiere? Hätte ich im Haus bleiben sollen, nicht raus ins grüne Überangebot an Leben?

Verspätet diesen Tag beginnen wie eigentlich jeden anderen auch, um irgendwo Struktur zu finden: Mit Magenschmerzen und zitternden Knien stand ich um 12:15 Uhr auf der Waage, stellte mich meinem eigenen Scharfrichter, und hatte… Glück?
56,8 Kilo.
Was habe ich mich verachtet, wie fett mich selbst empfunden, ganz zu schweigen von dem, was ich im Spiegel sah. Aber nun genug, für Selbstbeschimpfung Hasstiraden bleibt immer noch genug Zeit. Dafür, dass ich die ganze Reise über mich eigentlich an keinen einzigen Traum erinnern konnte, wurde ich mit nächtlichen Bildern seit vorgestern regelrecht überschwemmt!!! Heute Nacht, ich kann sie nicht mehr zählen! Erst recht kaum beschreiben, wie heftig die psychosomatischen Symptome hinterher!! Das Herzrasen, die Angst!!

Von 7. auf 8. Juni 2018
Mit dem Traum von Donnerstag auf Freitag beginnen. Keine Notizen, lediglich eine kurze Sprachaufnahme auf der Videokamera. Ob ich daraus das Puzzle wieder zusammensetzen kann, bleibt offen.

Die Tonspur starten… Sebastian und ich schliefen nackt unterhalb meines ersten „sicheren Ortes“, meinem Hügel, auf der dunklen Wiese in einer Mulde. Beide waren nackt, aber man konnte uns von der Straße aus nicht sehen, wie zwei schwarze Gestalten, die mit der schwarzen Wiese verschmolzen. Aber auch lagen wir sehr nahe am alten Bauernhaus von Herrn Hirtenfelder, und der alte Mann musste etwas gehört haben. Im Haus ging überall Licht an, es rumorte, man konnte ihn poltern hören, schimpfen, er suchte etwas. Wir schlichen ums dunkle Haus herum, bis er zumindest mich entdeckte, und er hatte eine geladene Schrotflinte in der Hand. Da tauchte plötzlich von hinten eine Dame auf, Typ Tina oder innere Helferinstanz, und korrigierte meinen soeben ausgesprochenen Satz, meine Entschuldigung, und tischte dem alten Männchen irgendeine Geschichte auf, die er prompt glaubte. Er packte die Waffe weg und ging zurück in sein Haus. Die Frau verschwand.
Sebastian und ich kletterten den Hügel hoch. Allmählich wurde es hell. Beim Scheinwerfer von jedem einzelnen Auto duckten wir uns, aber alsbald würde man uns beide nackt dort oben sehen können. Oben auf dem Hügel war plötzlich eine Hütte, ein kleines Gartenhäuschen, wie ich es als Kind hatte. Nur proportional viel größer. Ich meinte mich im Traum zu erinnern, mit meinen beiden letzten Freundinnen lauter Material von unserem Hausbau dorthin geschleppt zu haben, um den Schuppen aus lauter Einzelteilen zusammen zu basteln.
Geschah es an diesem Punkt? Ich sah, ich hörte einen riesengroßen, bösartigen Hund, der mehr einem Werwolf glich, auf mich zu rasen. Sein gieriges Hecheln, das hinab Tropfen seines Geifers. Ich stellte mich tot, in die noch dunkle, aber allmählich von der Morgendämmerung feuchte Wiese gepresst wie ein verängstigtes Kaninchen!! Er war mir ganz nah, direkt vor mir, zwischen uns lediglich ein dünner Schleier aus Nebel. Er war so riesig und ich ein schutzloses kleines, nacktes Kind… Doch dann ein Aufblitzen in seinen gefährlich funkelnden Augen!! Jetzt war mir klar: „In der nächsten Sekunde stürzt er sich auf mich und wird mich zerfleischen!!! Es/er wird mich töten!!!“…

Atemnot. Panik. Herzrasen. Ich verwehrte mir Luft zu holen. So angestrengt, dass ich in Trance fiel. Ich dissoziierte. Scheinbar hielt ich damit aber die Zeit an. Dieses Gefühl während einer Dissoziation, dass um mich herum die Zeit plötzlich viel langsamer ablaufen würde, setzte auch nun ein. Ich sah das Monster in Zeitlupe zum Sprung ansetzen, wie es sich auf mich stürzen würde, zugleich der Gedanke, würde ich nun so wach werden, auch am Tag sterben zu müssen. Der Wolf flog, flog mir entgegen, dabei immer langsamer werdend…
Und ich? Duckte mich weg, bewegte mich zur Seite…
Er sprang ins Nichts!!! Für einen Augenblick erwachte ich, heilfroh, die Gefahr gebannt zu haben. Und träumte weiter…

Nun das Absurde: Plötzlich war er zahm, ein ganz lieber, freundlicher Streuner. Da waren irgendwelche Wildtiere, waren es Igel oder Gänse? Sie alle verschanzten sich in meiner Hütte. Der Hütte auf dem Hügel, der für mich ein sicherer Ort war als Kind. Aber nun kam irgendjemand aus Richtung Gasthaus quer über die Wiese, teilte mir mit, man verlangte nach mir. Ich sollte die Hütte zurückgelassen.
Ein Sturm, ein heftiger Windstoß!! Die Hütte wurde fortgeblasen, zu diesem Zeitpunkt stand ich unter dieser am Hang. Sie stürzte über mich hinweg und so haarscharf an mir vorbei; beinahe hätte sie mich erschlagen. Wieder Herzrasen, wieder Panik. Aber ich half dabei diese -nun einmal umgestülpt- wieder aufzustellen, etwas weiter unterhalb vom Hügelgipfel neu zu befestigen, zu verankern. Nun konnte man die Hütte vom Gasthaus nicht mehr da oben thronen sehen, sie versteckte sich sozusagen hinter meinem sicheren Ort. Die Tiere zogen wieder ein und auch irgendwelche Flüchtlinge. Unten an der Straße um den Hügel herum ging die Polizistin, mit der ich damals 2012 bei meiner Ausstellung im Dorf Kontakt hatte. Weil sie in meinen Bildern etwas Eindeutiges zu erkennen glaubte. Ich wollte ihr Fragen stellen, rief immer wieder hinunter und sie zu mir zurück hinauf, während ich langsam den Hügel hinabstieg.
Als wir unten auf halbem Wege aufeinandertrafen, sah sie und erkannte auch ich selbst eine riesengroße Beule auf meiner Stirn, mein Gesicht blutverschmiert. Aber zu Hause, im Gasthaus wurde das beflissen ignoriert. Oder keiner konnte es sehen. Irgendeine Festivität, meine Mutter kochte hinten auf der neuen Terrasse, die erst nach meiner Kindheit gebaut worden war, für mal eben 100.000 Menschen. Wir gingen an ihr vorbei, ich wollte mit der Polizistin in mein Kinderzimmer, um dort bestimmte Fragen zu erörtern. Aber wir kamen nicht so weit. Sie meinte plötzlich, gehen zu müssen. Ich sah sie durch das Gasthausfenster vorne auf dem Parkplatz stehen, und die ganze Szene machte den Eindruck, als sei sie ein ungebetener Gast, der das Haus nicht betreten dürfe. Als hätte sie es nie betreten. Keine Antworten, keine Fragen besprochen. Aber stattdessen hat sich meine Mutter ebenfalls einen neuen Termin bei ihr geben lassen: „Ich muss ja wissen, worüber ihr geredet habt!“.

Jetzt folgt noch ein zweiter Traum, von dem ich bereits nichts mehr wusste. Ebenfalls gleiches Datum.
Mit irgendwem war ich unterwegs. War wohl noch Kind oder Teenie. Dann war ich allein, wohl oder übel erwachsen und fuhr mit zwei großen Fahrrädern, einem roten elektrischen Kinder-Cabrio und meinem Rollator. Die Bundesstraße runter in Richtung Königsdorf durch den Wald, unten in die pannonische Ebene hinein, drehte dort wohl eine Runde und fuhr denselben Weg die Bundesstraße zurück. Zuvor hatten ja noch Freunde oder irgendwelche Bekannte (allesamt erwachsen) die Fahrräder gefahren. Aber nicht nur dass ich nun mit diesen ganzen Gerätschaften alleine war, etwa 1 km bevor der Wald beginnt, bevor es den Hügel hoch geht in Richtung Gasthaus, begann es zu der man. Das Unternehmen sollte doch ein positiver Start sein, ein gutes Zeichen, wieder zu trainieren, mein Leben selbst in die Hand zu nehmen, der MS etwas entgegenzusetzen. Und dabei schien ich nun allem Anschein nach die Zeit aus den Augen verloren zu haben. Es konnte ja wohl kaum Absicht sein, dass jemand am Himmel das Licht ausgeschaltet hat, oder…?
Spätestens am Wald, an der Steigung angekommen, war zappenduster. Ich hatte keine Beleuchtung an meinem Rollator. Mein Handy funktionierte nicht. Ich musste mich, musste meine Ängste überwinden und irgendjemanden anhalten, um um Hilfe zu bitten. Da kam mir ein Wagen, voll gestopft mit jungen Leuten, entgegen, hinten dran ein Anhänger und sie wollten mich sofort aus meiner misslichen Situation befreien. Denn ich allein, in dem dunklen Wald, der Bundesstraße, wo uns doch damals, als ich 16 war und den elfjährigen Nachbarsjungen dabei hatte, jemand einpacken wollte… Und das aber am helllichten Tag!!!… Wie gefährlich würde es dann nachts für mich als hilfloser Krüppel, erst recht weiblichen Geschlechts sein??
Sie packten die ganzen Fahrräder und das Kinderauto auf den Anhänger und fuhren nun aber in die entgegengesetzte Richtung, zurück in die Ebene, zurück zum Bach und dann zum Fluss.
Wir bogen rechts ab, in den kleinen Güterweg den Fluss entlang. Aber da war kein Asphalt mehr! Stattdessen ringsum nichts als Mais!!! Mannshoher Mais!! Dort hinein geschlagen eine schmale Schneise. Ich war zu Fuß. Hatte ich einen Stock? Keine Straße, kein Asphalt, und dennoch rasten permanent Autos an mir vorbei. Ich musste unaufhörlich links oder rechts tiefer in den Acker hinein klettern, um nicht überfahren zu werden. Was sehr beängstigend war, und erst recht nicht darauf vorbereitet, auf was ich scheinbar in der Mitte vom Acker stieß: Da war ein Guru!! Eine Mischung aus Markus und einem Osteopathen, zugleich Esoteriker und Sektenführer einer Art Hare-Krishna-Vereinigung, die es sich zur Aufgabe gemacht hatte, Krankheiten auf den Grund zu gehen und diese zu heilen. Er war soeben dabei auf der anderen Seite von dem seltsamen Pfad einen Tempel zu errichten. Eine Aztekenstatue war bereits zu sehen. Es sollte ein Zentrum der Heilung werden. Und dann kam ich gerade um die Ecke, das perfekte „Opfer“ oder der perfekte „Nutznießer“? Kaum hatte er mich in seinen Fängen (das klingt so negativ, soll es aber gar nicht… alles war nur irgendwie seltsam), begann er mich zu analysieren. Erst schossen seine Assoziationen ins Leere. Aber dann hat er mich wohl berührt! „Du musst unbedingt nach Wien!! Da gibt es seit einiger Zeit eine Heilung für deine MS!!!“.
Völlig paradox, wie ich nun reagierte! Ich brach in seinen Armen förmlich in mich zusammen! Konnte mich nicht mehr auf meinen Beinen halten! Ich weinte! Dann schrie ich laut!! Lauter und lauter: „ICH DARF NICHT GESUND WERDEN!!! ES DARF MIR NICHT GUT GEHEN!!! DAS DARF ICH MEINEN ELTERN NICHT ANTUN!!!“; lauter und lauter, als könne ich mich damit selbst bereits vernichten. Ich riss mich los. Weg, nichts als weg!!! ICH MUSS STERBEN! ICH MUSS MICH UMBRINGEN! ANSTATT GESUND WERDEN ZU DÜRFEN MUSS ICH MICH UMBRINGEN!!!…
War es auf dem Weg zum Guru oder auf der Flucht von diesem? Während ich ständig den Fahrzeugen ausweichen musste? Zudem sei auch noch erwähnt, da patrouillierten lauter Soldaten. In meinem Schädel manifestierte sich die Angst, beobachtet zu werden, schon die ganze Zeit, zudem konnte ich mich kaum noch bewegen, kam kaum vom Fleck. Irgendwer könnte mich weiter in den Acker hineinschleifen. Damit er mich dort vergewaltigt. Die Angst nicht abschütteln könnend, redete ich sie mir schön, ganz pragmatisch: „Dann habe ich es wenigstens ENDLICH hinter mir! Niemand kann mehr sagen, ich wurde nicht missbraucht. Wenn er mich dann auch noch umbringt, umbringen sollte… Auch gut…“.
Szenenwechsel. Wieder stand ich am Beginn des Waldes. Bereits ein paar Schritte die Bundesstraße hoch in diesen hinein. Aber es war helllichter Tag. Das Licht wieder angeschaltet. Ich saß auf einem Fahrrad. War erwachsen, der Drahtesel normal. Aber hinter mir stand meine Mutter und hielt mich fest. „Lass mich los!“, und ich trat in die Pedale -ich schüttelte sie ein Stück weit ab. Dann stand mein Vater hinter mir. Sie hatte zu ihm gesagt, er solle dann eben die Aufgabe übernehmen. Die „Aufgabe“? Er hielt mich wie ein Vater, der seinem kleinen, ungeschickten und dummen Kind das Fahrradfahren gerade erst beibringt. Auch davon riss ich mich los, ich wollte nicht, dass er mich berührt, und Sebastian sagte nur (wie am Morgen nach der Geburtstagsfeier bei seiner Oma, als mir diese beim Schmieren einer Stulle helfen wollte): „Sie will das alleine machen! Lasst sie! Sie wird dann schon um Hilfe bitten!“.

Mittlerweile ist es 15:16 Uhr! Für zwei Träume in einer Nacht! Die abschließende Korrektur, das Überfliegen noch nicht einmal eingeschlossen! Ich bewege mich überhaupt nicht, alle möglichen Stellen an meinem Körper beginnen zu schmerzen. Mittlerweile mit einer dicken Schicht Weidensamen dekoriert, unfähig, auch nur die Maus zu betätigen. Und doch: Es bedurfte lediglich kleinster Stichpunkte, um die Träume wieder aufrollen zu können. Erstaunlich.

Heute Nacht im Traum ein Filmchen nach dem anderen. Unklar, ob ich meine nächtlich festgehaltenen Hieroglyphen überhaupt entziffern kann… Ganz abgesehen vom stumpfen Buntstift und bei Traum zwei der plötzlichen Komplettlähmung meiner Rechten.
Ein Zettel fehlt und ich kann nicht denken. Da helfen die restlichen Teile auch nicht, um den Anfang aus der Versenkung auftauchen zu lassen… Oder?

Ich machte Therapie mit Markus. Per Computer, per Tablett, per Haustelefon. Ich wohnte im Gasthaus und saß im alten Wohnzimmer. Aber ständig kam irgendein Gast herein oder von draußen hörte ich jemanden laut schimpfen. Da war keiner, der aufpasste, der bediente. So sah ich mich gezwungen immer wieder unter Flüchen meinerseits hinter die Theke zu gehen und Leute abzufertigen. Eine Störung folgte nach der anderen. Aus irgendeinem Grund (vermutlich wollte ich Sport machen) ging ich mit dem Telefon in der Hand durch die Hintertür, quer durch den Garten, während Markus immer wieder in Monologe verfiel, die nichts mehr mit mir zu tun hatten, einem falschen Pfad folgten, Tatsachen verdrehten. Ich wurde immer zorniger, wütender, verzweifelter. Mir war ohnehin längst alles zu viel!!! Mir wuchsen meine unzähligen Träume über den Kopf, von denen ich noch keinen einzigen diktiert hatte, sowie mein Video, das Bild, das Malen allgemein…!!!! Entweder wollte ich mich umbringen oder einen radikalen Bruch geschehen lassen!!! Ich schrie, in den Hörer hinein, während er redete und redete, wie eine Wand und nichts von all meinem Geschrei hörte. Er kam zu keinem Ende, keine Atempause!! Dementsprechend brüllte ich immer lauter! Zudem nebenher immer noch unterbrochen von anderen Leuten, die meinen Weg kreuzten. Ich kletterte unten über den Zaun, wie damals immer als Kind, runter zum Zebrastreifen, überquerte die Straße, die Bundesstraße entlang, wieder in Richtung Königsdorf. Zumindest bis zur Einfahrt von mehreren Häusern. Dort wohnte nun Petra, meine Freundin aus Kindertagen und Schulkollegin. Sie stand einfach an der Straße und machte mir Vorwürfe. Währenddessen immer noch Markus in der Leitung. „Was fällt dir ein? Du hast mein Leben ruiniert! Wie kannst du nur solche Sachen, solche Unwahrheiten über mich bei Facebook verbreiten?!! Du bist das Letzte! Ich werde das Gleiche auch mit dir machen! Mal sehen, wie sich das für dich anfühlt!“. Ich war irritiert, konsterniert und zugleich fiel mir etwas ein. Hatte mir Sebastian nicht in diesem Traumuniversum zuvor davon erzählt, seit Tagen würden Facebook-Profile gehackt, millionenfach, und hatte es nicht auch seines erwischt? Wie lange habe ich meine Seite schon nicht mehr angesehen? Wer weiß, was dort passiert! Und davon versuchte ich sie nun zu überzeugen, aber es dauerte, ehe sie zustimmte, mit mir nach Hause ins Gasthaus zu gehen. Wollte ihr dort meinen Verlauf zeigen, dass ich definitiv seit Monaten nichts mehr mit Facebook zu tun gehabt hätte. Wieder zurück im Wohnzimmer meinte Markus wohl zu mir, er sei so schwer krank, er hätte im wahrsten Sinne des Wortes einen Genickbruch und könne die Sitzungen nicht weiterführen. Ob ich dafür Interesse hätte, mit seinem Kollegen einen Versuch zu starten. Ich willigte ein und war erst recht erstaunt, als ich zu hören bekam, wer denn dieser ominöse Kollege sei: „Lamictal! Die nächste Zeit nimmst du jeden Tag 40 mg, schlimmstenfalls mehr!“.
Da war Schluss mit aller Freundschaft: „GANZ SICHER NICHT!! ICH FRESSE KEIN ZEUG, DAS MICH WIEDER FETT WERDEN LÄSST!!!“. Er versuchte mich noch zu überzeugen, aber ich wollte einfach nicht mehr. Vermutlich wollte ICH es sein, die die Therapie abbricht. Und nicht Diejenige, die vor die Tür gesetzt wird!
Wieder wird es absurd: Meine Mutter war nicht begeistert, dass ich nun keine Therapie mehr machen würde. Oder war es schlichtweg der beste Moment, um das Ruder an sich zu reißen? Sie redete auf mich ein, wollte mich beinahe zwingen, zu dem Therapeuten zu gehen, den sie selbst kennen würde. Irgendein Bekannter wäre bei diesem bereits in Behandlung. Natürlich nicht zu vergessen, dass sie das ALLES selbstverständlich bezahlen würde!!! Das Kleingedruckte ließ sie aus. Dass sie dann auch die Kontrolle über die Therapie, den Therapeuten und erst recht über mich hätte.
Vehement lehnte ich ihr Angebot ab! Das passte ihr gar nicht. Und so kam es, wie es kommen musste: Ablenkmanöver! Ich war soeben aus irgendeinem Grund am ekelhaften Kühlschrank in der Gasthausküche zugange. Vermutlich wollte ich mir etwas zu essen rausnehmen, kam aber nicht so weit. Lauter abgelaufene und erst recht unbeschriftete Lebensmittel „aus der Vergangenheit“. Ich sah mich gezwungen ihn auszuräumen. Mehr und mehr vergammelte Lebensmittel stapelten sich oben auf der Arbeitsplatte. Und an irgendeiner Stelle bemerkte ich dann, dass dort (egal wie unlogisch das war) eine Flüssigkeit auslief. War es Öl? Stinkendes, ranziges und erst recht total dreckiges Öl?! Ich kam an die Stelle nicht heran, aber es lief und lief unaufhörlich aus dem Elektrogerät, durch die Dichtung der Tür, auf den nicht minder ekelhaften Plastikboden, um schlussendlich unter den Kühlschrank zu laufen und dort weiß der Himmel was zu machen!!! Eine Verschwörung?! Ein besudeltes Geheimnis horten, komme was wolle??!!! Weil „man“ weiß, dass ich drunter NIEMALS nachsehen würde? Weil mir davor viel zu sehr ekelt???!!!
Sie war also nicht begeistert. Viel schlimmer noch: Jetzt wollte sie meine Aufmerksamkeit! Meine UNGETEILTE Aufmerksamkeit und erst recht mein schlechtes Gewissen!!
Draußen hinter der Theke stand nun die Brotmaschine. Ich hörte, wie das Gerät einmal betätigt wurde. Einen Schrei, der eher einem Lachen glich, und noch eine zweite Betätigung. Dann kam mir meine Mutter aus dem Gastzimmer in die Küche entgegen gelaufen. Sie hielt mir den rechten Zeigefinger hin. Davon fehlte die Hälfte! Oben ragte wie aus dünnem, weißem Gummi ein falscher Fingerknochen heraus, der bei jeder Bewegung wackelte. Als sei das ein Comic!! „Angeblich“ ein Unfall. Warum aber dann dieses Verhalten? Sie begann zu schreien und das Blut spritzte aus der Wunde. Spritzte mir direkt ins Gesicht. Sie hing plötzlich auf meinem Rücken wie ein kleines Äffchen, das Blut besudelte mich weiterhin von oben bis unten, erst recht meine Visage. Konnte kaum noch was sehen, nicht sprechen, ich würgte unentwegt. Meinen Vater sollte ich holen. Der war draußen irgendwo und mit Holzarbeiten (???) beschäftigt. Völlig abgedreht! Auch fällt mir jetzt ein, dass diese Holzarbeiten mitunter der erste Störfaktor meiner Sitzung mit Markus gewesen sein müssen! Ich fand ihn und rief ihm zu, dass er seine Frau ins Krankenhaus bringen müsse. Aber selbst er sah nur mein beschmiertes Gesicht und lachte laut…

So wird es 15:58 Uhr, ehe ich mich dem letzten und vielleicht auch wichtigsten Traum widmen kann! Zudem sind die nächsten Wortbrocken auf den winzigen Zetteln noch unleserlicher. Als ich nach dieser Traumsequenz erwachte, war ich völlig unfähig einen Stift überhaupt zu halten. Die Hand ließ sich nicht öffnen, noch etwas umklammern. Der Arm wie tot.

Wie alles begann, weiß ich nicht mehr. Lediglich dass aus dem Treffen meiner Eltern auf zuvor schon erwähnter Terrasse plötzlich eine Art Talkshow wurde, meine Mutter der Moderator. Ich zu diesem Zeitpunkt noch in dem Raum, in dem immer die Spielautomaten standen. Doch als ich ihn verließ, über die kleine Seitentür, stand ich dort auf der Terrasse und sah meine Mutter, meinen Vater und einen mir scheinbar noch unbekannten alten Freund von ihm sitzen. Im Traum wurde er Panzer genannt. Im Traum war er aber ein alter Stammgast vom Gasthaus, der meine Kindheit (nicht negativ) begleitet hat. Und Panzer in der Tat der Spitzname eines anderen Gastes. Aber eben im Traum machte alles Sinn. Mir fällt nur nicht mehr ein, wie er damals hieß. Und spätestens jetzt beim Diktieren bin ich mir auch nicht mehr sicher, ob ich ihn nicht mit dem Sänger der EAV verwechsle, es diesen Gast nie gegeben hat.
Die drei saßen da, mit Blick zu mir, als säße ich auf der Anklagebank. [….] Da ergriff sein alter Jugendfreund aus Zeiten vom Autocrash die Sprache: „Als du klein warst, Bianca, da war eine Feier. Ich hatte in meinem Penis vorne drin einen Eiswürfel stecken, den ich selbst nicht mehr raus bekam…“.
Als ob das das „NORMALSTE“ der Welt gewesen wäre! Ich sah ihn auch bei dieser Party, nackt (zumindest unten rum) dastehen, sah den Würfel aus der Öffnung seiner Harnröhre hervor glitzern.
„Dann kamst du, hast zu mir gesagt, dass du ein braves Mädchen bist und mir helfen möchtest. Dass du viel kleinere Finger hättest und das kein Problem sei.“.
Ich sah mich als kleines Kind. Ich hatte wohl ein Kleidchen an, ein sehr kurzes Kleidchen, vielleicht war ich auch gerade mal vier oder fünf, und ging auf ihn zu…
Er fuhr fort: „Da hast du den Eiswürfel aus mir raus geholt, ihn dir einmal genüsslich in den Mund gesteckt, einmal sauber geschleckt, mit deiner Zunge wohl die Kanten abgerundet und ihn zurück in meinen Penis geschoben.“.
Ich sah mich dort stehen, als Kind, mit einem zufriedenen Lächeln auf den Lippen, als hätte ich soeben von der köstlichsten Köstlichkeit der Welt gekostet!
Darauf er, mit strengem Blick: „Hast du gehört? DU warst das! DU GANZ ALLEIN! NIEMAND hat zu dir gesagt, du sollst das tun! Niemand!!“; und er schüttelte noch traurig den Kopf, zugleich entsetzt über meine Schlechtigkeit. [….]
So oder so ähnlich. Die Parteien erhoben sich und gingen weg. Ließen mich allein. Lediglich meine Mutter sagte irgendetwas von wegen „das nächste Missbrauchsopfer in meiner Sendung“. Was aber nicht darauf schließen ließ, ob sie jetzt auf meiner Seite war oder nicht.
Ich erwachte voller Grauen. Atemlos, mit Herzrasen, mir war schlecht, speiübel. Aber zugleich auf der Zunge der Geschmack vom Eiswürfel… Undefinierbar. Als hätte auch meine Zunge dissoziiert. Und ein leckeres Fruchteis daraus gemacht? Oder lediglich die Kälte abgespeichert?

Es ist 16:26 Uhr. Ich muss mich erst abschütteln, um ins Haus gehen zu können. Und wie ich mich kenne, haben all diese Träume morgen spätestens keine Bedeutung mehr…

19:11
Die Korrektur frisst etwa eine weitere Stunde. Kaum vor dem Notebook Platz genommen, begann für die Stechmücken das große Festmahl. Noch einmal zurück ins Haus, ein Räucherstäbchen angesteckt und mitgebracht. Dieses hat mich bis jetzt in einer Rauchwolke verhüllt; keine einzige Belästigung folgte. Ich bin weit weg von den Träumen. Alles, woran ich mich augenblicklich aufhänge, sind Unordnung und Dreck im und ums Haus. Der Ischias schmerzt, der Rücken schmerzt, Nacken und Schultern völlig verspannt und ich darf wohl froh sein, gestern bei der Heimfahrt den größten Teil mit dem Kopf auf dem Tisch verschlafen zu haben. Kein Wunder! Die Nacht davor -wenn überhaupt- wenige Minuten geschlafen und morgens eine dreifache Dosis Tramal konsumiert. Meine Fresse, was war ich zugedröhnt! Stand regelrecht neben mir. Was äußerst angenehm war, erst recht in Hinsicht auf die ganzen Pannen, Ausfälle, die jedes Mal neue Verspätungen nach sich gezogen haben. Die Zugfahrt begann ja bereits mit 70 Minuten Verzögerung. Unterwegs wurden es weniger. Viel weniger. Wieder ein bisschen mehr. Ein bisschen sehr viel mehr. Vorletzter Stand waren 80 Minuten… Um am Schluss eine ganz andere Linie zu nehmen und sogar 1 Stunde früher als geplant zu Hause zu sein. Sebastian ein wahres Nervenbündel. Ich wirkte im Gegensatz dazu regelrecht stoned.
Die ganzen Angstzustände, die überschäumende Panik, in Hinblick auf die Heimreise und erst recht Ankunft zu Hause, waren zum Glück (bis jetzt) Schall und Rauch. Aber wer weiß schon, was noch kommt? Der linke Unterarm oberflächlich verheilt. Zurückgeblieben dunkelrosa Striche, hundertfach, akkurat nebeneinander und zugleich sich -teilweise nach Anarchie rufend- kreuzend. Eine schöne Fläche für das nächste Schlachtfeld.

Meine Haare müssen gewaschen werden. Vielleicht gehe ich noch ein paar Schritte, bevor ich dem Abend den Rücken kehre. Als wir gestern irgendwann vor 22:00 Uhr nach Hause kamen, ums Haus herum alles voll mit Glühwürmchen… Es war so schön, so ein beinahe Freude auslösender Empfang… Bis Martha auftauchte und nun mit dem anderen Bein stark humpelte…

Vielleicht noch eine kurze Zusammenfassung: Meine Hände sind unbrauchbar. Meine Beine dick geschwollen. Ich werde nicht malen können. Und erst recht froh sein müssen, die Maus und vielleicht noch die Tastatur so weit betätigen zu können, um ein wenig mit dem Video voranzukommen. Die Kamera zu halten ohnehin nichts als Utopie, und die Frage, ob das nun alles der Hitze geschuldet ist, mitunter dem Durchfall, den Strapazen der Reise, ob ich einen Schub habe oder alles nur psychisch…

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31. März 2018, Samstag

17:25
Den nächsten Tag in die Tonne treten, verschlafen. Sebastian hat nachmittags sozusagen als zweite Mahlzeit des Tages, zumindest meine erste war ein kleines Aufbackbrötchen, eine viel zu große Portion Vanilleeis mit Erdbeeren serviert. Ich bekam Derealisationen, als ich im Supermarkt die Stapel von Erdbeerschachteln sehen musste, die soeben alle mit Preisnachlass-Stickern versehen wurden. Was für eine Verschwendung von Ressourcen. Aber zum Eis… Beim ersten Löffel sagte ich ganz erleichtert: „Na zum Glück habe ich die Zeiten hinter mir, in denen ich jetzt bereits über Kotzen nachdenken hätte müssen!“. Problematisch nur… Es war wirklich viel zu viel Eis! Ein Viertel davon hätte gereicht! Aber ich schob einen Löffel nach dem anderen in meinen Mund, obwohl mein Magen doch längst kundtat, seine liebe Not zu haben mit dieser Portion. Und jetzt, da er nach oben gegangen ist und ich hier unten allein, bin ich sehr verleitet, mit dem Rollstuhl ins Bad zu fahren, die Tür zu schließen und binnen weniger Minuten (zumindest war es mit Eis früher immer so) mich meiner Schuld zu entledigen. Um mich hinterher scheußlich zu fühlen. Im besten Fall noch mehr von der Sinusitis zu spüren bekommen. Als würde ich mich heute, wie bereits die letzten Tage, nicht schon kränklich genug fühlen. Heute wieder etwas stärker die leichten Halsschmerzen. Die ganzen „Drogeneskapaden“ sollten ausgeschwitzt worden sein. Aber mein Gangbild verbessert sich nicht. Noch ein seltsamer Zufall: Noch während meiner Reha bemängelte er, am ganzen Rücken mit kleinen Entzündungen übersät zu sein. Und wie ich letztens schon schrieb, meinte ich, mein „pubertäres Problemchen“ läge wohl an dem Eiskonfekt. Aber dieses längst vertilgt; doch es wird schlimmer und schlimmer. Ich sehe jetzt schon aus, als hätte ich seit zwei Wochen Cortison konsumiert. Eine fette Entzündung reiht sich an die nächste. Der ganze Hals, das ganze Gesicht, Schultern, Ausschnitt… Ich fühle mich zum Kotzen. Weil eben auch mein Aussehen zum Kotzen ist. Wie auch mein Allgemeinzustand. Ist es nun in Stein gemeißelt? Rufe ich gleich Dienstag morgens in der Ambulanz an und organisiere mir dann die Rettung?

Morgens im Badezimmer der Gedanke, dass ich, sollten sie mich doch da behalten, die besten Wochen noch ohne Laub in den Sträuchern für Vogelaufnahmen verpassen würde. Dass ich doch längst das Thema aus der Welt schaffen hätte müssen. Ging einher mit der ersten Panikattacke an diesem Tag. Es ist hässliches Wetter, es hat geregnet, gestürmt und jetzt ist einfach alles nur grau. Bei der Betrachtung der Bilanz seit 2016 fällt ein Detail auf: die Sinusitis und ihre gravierenden Auswirkungen auf meine MS-Symptome. Als es mir doch plötzlich so gut ging, nach Absetzen der Antiepileptika. Als ich noch groß tönte, mir die zurück gewonnene Fähigkeit nicht mehr so schnell wegnehmen zu lassen… Aber dann? Ein Fingerschnipsen! Winter und alles obsolet! Das soll mein Leben sein? Das soll ich jetzt „einfach so hinnehmen“? Wenn doch für jeden Blinden mit Krückstock ersichtlich sein müsste, dass die Sinusitis gravierende Auswirkungen zur haben scheint… Und ich diese auch seit zwei Jahren nicht loszuwerden scheine! Alles geht kaputt. Die Muskeln verenden ungenutzt. Weil ich „NICHT KANN“!

Jetzt fühle ich in mir unbändige Unruhe, die Hand klimpert. Vor mir steht eine frische Schale mich Tee, der Export lief über die ganze Nacht, dauerte zwischen 8 oder 9 Stunden. Natürlich waren da noch ein paar kleine Details, an denen ich feilen konnte. Aber warum dieser eine Schnipsel von etwa 1 Minute eine kaputte Tonspur hatte, hat sich mir einfach nicht erschlossen und ich habe immer noch Angst (und das ist jetzt eigentlich auch der Plan gewesen), bei der zweiten Sichtung über dasselbe Problem zu stolpern und mich nur fragen zu können, ob ich es ignoriere und mein Projekt hochlade oder noch weitere Nächte mit weiteren Exporten vergeude.

Die Hand klimpert, wie schon gestern fiel die Mittagsdosis aus, kein zweites Antidepressivum, dafür jetzt erst einmal Tramal und die Hoffnung, anschließend „vielleicht“, mit ein bisschen Glück noch malen zu dürfen. Meine Wampe ist dick aufgeblasen. Noch dicker als sonst. Die Sünde schreit danach, endlich entfernt zu werden. Die unruhige Seele danach, zur Rasierklinge zu greifen. Im Hinterkopf nonstop: „Ist das der Anfang vom Ende? Sieht so der Rest meines Lebens aus?“. Die hypothetische Antwort beschert mir die nächste Panikattacke…

18:59
NATÜRLICH!! Exakt dieselbe Stelle, dieselben 60 Sekunden sind im Arsch! Ein wenig herumbasteln und den Computer in die nächste Nachtschicht schicken… In mir kommt noch mehr Unruhe auf. Wollte ich nicht noch ein wenig malen? Wollte ich nicht draußen sein, und dem Abendkonzert lauschen? Alles rast an mir vorbei, geht vorbei, stirbt und ich sehe tatenlos zu…

20:35
Er hat mir eben flott die Haare gewaschen. Mit Widerwillen meine viel zu langen Fingernägel geschnitten. Er ist nochmals kurz weg. Es tut mir leid; er geht mir auf den Senkel. Wie eigentlich ALLES! Vorrangig -so viel Selbstverliebtheit muss sein- ICH MIR SELBST!!! Mit ALLEM, was mich ausmacht. Das Video hassen. Mich darin hassen. Nur 15 Minuten gemalt… Was für eine Lachnummer! Meine Hackfresse heute im Spiegel? Wie breit gelaufener, stellenweise eitriger Hefeteig. Unförmig. Zum Brechen. Akne wie unter Kortison. Fehlende Stresstoleranz wie unter und 1 Woche lang nach Kortison. Ich will mich verkriechen, verstecken. Aufschlitzen und/oder abschießen…

Und wenn das gerade bereits leichte Entzugserscheinungen sind?

Das riesengroße Badetuch gespickt mit meinen Haaren. Mein schwarzes Oberteil bedeckt mit meinen Haaren. „Die Ratten verlassen das sinkende Schiff…“.
Panik.

29. März 2018, Donnerstag

8:36
60,8 Kilo. Obwohl es mittags nur Salat gab und spätabends einen halben Apfel. Aber vor allem mein rechter Fuß war trotz Stützstrumpf wieder dick geschwollen…

So eine faule Ausrede!!

Ich habe kaum geschlafen. An meinem Körper schmerzte alles. Ich musste Sebastian mehrmals wecken, damit er mich umlagert, genauso wie ich ihn wecken musste, damit er sich umlagert. Seit wir meine Füße auf ein langes, weiches Kissen ablegen, sind die Schmerzen in den Versen weg. Aber er hat geschnarcht, die ganze Nacht, und ich konnte nicht schlafen. Um dann heute Morgen, als er wie immer eine halbe Stunde früher aufstand, in etwa 20 Minuten einen dermaßen heftigen Traum zu haben, innerlich bin ich immer noch am Zittern. Die gestern im Gespräch thematisierte Problematik perfekt eingebaut, angepasst an meine Belange? Oder hat es mehr zu bedeuten?

Ich lag also noch im Bett, als plötzlich die Tür aufging und Sebastian hereintrat.
[……..]

Ich muss mich hinlegen. Wieder einmal.

19:14
Das Video ist fertig. Das Video exportierte bereits seit 3 Stunden. Aber Sebastian stellte auf mein Geheiß das Notebook auf den Tisch, die Kabel vom anderen Headset betätigten die Leertaste vom Keyboard des Stand-PCs und der Export wurde abgebrochen!

Eine volle Dosis Tramal. Nebel, Regen und frühlingshaftes Vogelgezwitscher. Ich bin ein wenig ratlos. Mich mit Hängen und Würgen gerade eben durch die Sitzung gekämpft. Völlig verpeilt; hatte bis kurz davor auf dem Sofa geschlafen, irgendwann nach 15:00 Uhr ein Gewacalm geschluckt. Sehr intelligent. Ihn jetzt noch einmal um eine Tasse Tee gebeten. Mit dem hehren Ziel, doch noch ein paar Striche auf der Leinwand zu machen. Ich kann meine Füße nicht heben. Ich kann nicht gehen. Stehe ich ganz wackelig auf meinen Füßen, fühlt es sich an, als hätte ich unter dem rechten ein Gelkissen; so krass das Ödem. Ebenfalls mich mit der Frage auseinandersetzen, ob ich nicht morgen in die Neurologie-Ambulanz fahren sollte. Und dann was? Mir anhören, was ich an einem Tag ohne MS-Ambulanz hier mache? Doch warten bis nächste Woche und es tunlichst unterlassen, weiterhin Sachen in mich hinein zu stopfen? Darauf hoffen, mit Ende der Osterzeit zumindest diesen Stress hinter mir zu haben und eventuell eine Besserung feststellen zu dürfen?… Glaube ich das wirklich? Wenn dieser Zustand sich doch bereits seit Ende der Reha hält, sich seit Mitte Februar kontinuierlich nur verschlechtert hat? WAS SOLL ICH TUN??!!

21:05
1 Stunde an den winzigen Beinchen der Dohle gefeilt. Kein Ende in Sicht, der Perfektionismus treibt voran.
Dabei bleibt eine Frage offen: Was macht es mit mir, die Laufmusik von 2010 dabei zu hören? „Ist doch schon so lange her!“, „Wird auch vorbeigehen…“. Einen Scheiß wird es. Bei jedem einzelnen Musiktitel sehe ich mich irgendwo in Jennersdorf völlig in mir versunken, in mir, der Musik und vielleicht auch noch der Planung eines neuen Bildes. Ich weiß ganz genau, wie das Wetter war, den Geruch, welches Straßenstück… Es tut so weh. Gleichzeitig denke ich wieder an all die Laufschuhe im Schlafzimmer, die ganzen Laufklamotten, die seit der Reha halb aus der Kiste im Regal heraushängen. Als wollten sie mir extra wehtun. Aber ich liebe es ja, mir selbst Schmerzen zuzufügen.

Was ich mir denke, wegen morgen… Meine Neurologin hat sicherlich nicht Dienst. Als würde ich sie hintergehen, wenn ich wieder in der allgemeinen Ambulanz antanze, irgendeinen Arzt bemühe, sich meine Litanei anzuhören, jemanden, der keinerlei Übersicht über meine ganze Problematik hat. Oder steht im Computer mittlerweile riesengroß bei Öffnen meiner Datei „PSYCHO!!“? Eine Warnung an alle? Warum hatte ich eigentlich 2016 kein Cortison bekommen, wurde aber aufgenommen und ein MRT wurde abgewartet? Ich weiß es nicht mehr. Was für ein Brainfuck. Setzt mich Ostern tatsächlich so dermaßen unter Druck, dass meine Psyche dermaßen die somatische Keule schwingt? Kann ich den Tatsachen nicht ins Auge sehen, wie auch bei meinen Laufschuhen, die ich nicht verkaufen will, dass es sich EINFACH NUR um einen sekundären Verlauf handelt?

Oder der viel gerühmte Satz: „Was machen sie an einem Tag in der allgemeinen Ambulanz, wenn keine MS-Ambulanz ist?!“. Oder hatte ich das schon geschrieben, oder schon so viele Male zitiert? Linkin Park… Ich seh den Sänger sterben. Es tut mir leid. Weil ihm keiner helfen konnte. Weil er zerstört wurde und daran zugrunde gegangen ist. Ist es anmaßend, da ich doch gar nichts weiß, meine Situation als mitunter ebenso drastisch einzustufen? Weil „da ist ja noch die MS“…

Für ihn weinen… Und vermutlich auch für mich…

Ach! Das ist nur der Blutzucker!“

Sebastian wartet oben auf meinen Anruf, dass ich abgeschlossen habe. Dass er Abendessen macht. Ich möchte mich aber noch aufschlitzen. Einfach so. Der Aussichtslosigkeit wegen. Cortison wäre die Hölle, für zwei Wochen. Es würde wahrscheinlich ohnehin nicht helfen. Das MRT ohnehin nichts ergeben.

Was bin ich da froh, einen Schaden zu haben, hinter der so eine riesengroße Lobby steht, weil eben eine der häufigsten neurologischen Erkrankungen!! Und man trotzdem immer noch nichts weiß… (Die Ironie bleibt mir im Hals stecken.) Um den Krankenhaus vielleicht auch gleich die Gestörte zu markieren, wenn man auf der Suche nach Venen meine zerschnittenen Arme sieht…

27. März 2018, Dienstag

8:30
60,8 Kilo um 6:45 Uhr. Ich bin so müde… Unsagbar müde… Und ganz im Gegenteil zu früher, als Tramal Beweglichkeit bedeutete, machte es gestern eigentlich nur noch mehr Raum für Spastizität.
Der Himmel ist grau, nachts regnete es und ich hatte nicht sonderlich viel von meiner etwas höheren Dosis; beim Abendessen und dann im Bett die Angstzustände wie eh und je. Als hätte es die Betäubung nie gegeben!
Ich hoffe, die Auflage fürs Bett wird bald geliefert, und es handelt sich dabei nicht erneut um so einen dämlichen Fehlkauf, von denen schon zu viele getätigt wurden. Aber die Sache mit dem Wundliegen, dem Dekubitus lässt mich nicht mehr los und wie ich hören musste, ist die Ferse grundsätzlich eine der ersten Stellen, wo die Krätze ansetzt. Meine Fersen tun verdammt weh, aber vor allem die Rechte, wie auch heute Morgen wieder. Aber ich möchte auch nicht allein im Bett liegen, in einem Pflegebett oder ähnlichem. Dann sollte man wirklich über Einschläfern nachdenken! Sebastian hat mir bereits ein Kissen links neben mir auf meinen Rollschrank gelegt. Und das gerade dienstags… Dem einzigen Tag in der ganzen Woche, der wirklich von Anfang bis Ende mir allein gehört, hier keiner reingeschneit kommt, keine Termine… Die Augen fallen zu, die Stimme versagt…

Das hast du davon! VERSAGER!!

13:51
Das Wetter sieht ausladend aus. Schien doch zu Mittag kurz die Sonne; vermutlich hat sie nur nachgesehen, ob die faule Sau auch brav den ganzen Vormittag verpennt hat. Und ja, in der Tat! Das hat sie! Kurz nach 10:00 Uhr wachte ich auf, fühlte mich munter und war froh, dass mir eigentlich noch 2 Stunden fürs Arbeiten übrig geblieben waren. Aber dann machte ich den entscheidenden Fehler, zerrte die Wärmedecke von meinem Rücken, um diese aufs Kissen vor mir auf dem Tisch zu legen und gute Nacht.

Bin ich wach?
Bin ich wütend?
Mir selbst aufoktroyiert, UNVERZÜGLICH an die Arbeit zu gehen! Bevor mich meine Hände wieder verlassen! Bevor ich wieder schlafen will! Ein falscher Gedanke nur… Und dieses fragile System bricht in sich zusammen! Froh sein, dass es zu regnen scheint? Ich nicht auch noch dem Druck unterliege, draußen sein zu müssen? Als ich die Katze gerade ins Haus ließ, hätte ich den Vögeln noch frisches Futter geben können… Ich finde immer einen Grund, mich über mich selbst zu ärgern.

15:55
Genau in dem Moment, als ich zum Pinsel griff, kam die Sonne raus und lachte mich aus. Mehrfach musste ich die Lampe am Tisch aus- und wieder einschalten. Nach 1 Stunde Arbeit stand ich relativ zügig auf, ging ins Badezimmer, putzte mir endlich die Zähne, wusch mein Gesicht, wusch meinen linken Unterarm und rückte diesem mit einem Einwegrasierer zu Leibe… Den Schorf entfernt, die neuen Kratzer aufgerissen, die Haare abrasiert. Wenige Minuten nur, die ich da stand… Doch das der Anfang vom Ende. Ich kam zurück ins Wohnzimmer gekrochen, wollte mir Tee machen, und natürlich fiel mir die Milchpackung aus der Hand, und natürlich fing diese gleich an auszulaufen und selbstverständlich rutschte sie mir beim Wegräumen erst recht zweimal aus den Fingern, noch mehr Milch lief aus und ich vermochte sie überhaupt nicht mehr zu fassen.

Die Sonne kommt raus und verhöhnt mich. Jetzt bin ich der perfekte Pflegefall… Ab ins Heim!

Zwei Heckenbraunellen am Restaurant; die eine muss gehen, damit die andere kommt. Die Sonne scheint wie durch milchiges Glas. Fahre ich hinaus oder nicht? Nehme ich die Rasierklingen mit oder nicht? In diesem Zustand gefangen, ausgeliefert… Hilfsbedürftig… Ich halte das nicht aus. Was werfen wir uns heute Schönes rein? Das vorletzte Mal im Gespräch mit Markus, als wir uns über Betablocker unterhielten, hatte er sie bereits erwähnt, am Abend drauf hatte Sebastian eine Sendung kurzfristig am Laufen, „Take your pills!“, in der es um Studenten ging, die allesamt Ritalin schluckten, um besser, fokussierter arbeiten zu können. Was würde mit mir passieren, würde ich diesen Wirkstoff einwerfen? Mir ist mittlerweile ziemlich alles scheißegal. Nur nicht diese Panikattacken und erst recht nicht mich wie Gulasch zu fühlen!

Irgendjemand müsste mit dem Handbesen das ganze alte Vogelfutter vom Restaurant fegen. Bleibt die Sonne oder nicht? Ich bekomme keine Luft mehr. Hätte ich eine Maschine, die mich verletzt… Dafür wäre ich viel zu feige! Aber die Hände klimpern fleißig und versuchen Spannung und Stress abzubauen.

16:27
Eine halbe Runde ums Haus. Eine Horde Eichelhäher treibt sich im Wald herum und mimt den Bussard, der sich soeben wirklich in die Lüfte erhebt. Eine halbe Runde ums Haus und keinen sonnigen Platz gefunden, der windstill wäre. Zurück ins Haus, Hände und Arme im Waschbecken mit heißem Wasser abgeduscht. Das verklebte Tuch wird gefaltet, notdürftig.
Bevor ich das Haus verließ, acht Hübe Tramal direkt in den Mund. Beinahe zu schwach, die Pumpe zu betätigen und so biss ich bei jedem Hub immer stärker in das kleine Kunststoffventil, als würde es mehr Kraft aus mir rausholen.
Die Haut immer noch wie Leder. Die Rotkehlchen singen. Drei neue Kuverts in der sonnengelben Schachtel. Vielleicht genügt es schon, daran zu riechen, würden sie nur nach Schmieröl duften…
Eigentlich weiß ich gar nicht wohin mit den Schnitten, wem nun genau sie gewidmet sind. Den Schuldgefühlen, weil ich meine Eltern nicht sehen will, der aussichtslosen Lage, in der ich stecke und die eigentlich nach Notausstieg schreit, wegen den immer wiederkehrenden Panikattacken, den immer wiederkehrenden Depressionen, den immer wiederkehrenden Gefühlen, die ich nicht einzusortieren vermag und dabei, logisch betrachtet, ein Horrorszenario vor mir auftun, welches ich nur nicht zulassen will? Denn „mir ist doch nichts passiert“, „ich kann mich an nichts erinnern“, „das will ich mir selbst doch alles nur einreden lassen, um besonders zu sein“ usw. und so fort…

Fine legt sich auf der Terrasse auf die Lauer, was mir gar nicht behagt. Die Klinge aus dem Kuvert, viel Zeit bleibt mir nicht mehr. Der Gaumen extra ausgetrocknet von den Spasmolytika, einen kräftigen Schluck aus der Wasserflasche nehmen. Auf gut Glück das neue Werkzeug ansetzen… Mich werden doch nicht Zweifel überkommen? Schwer durchatmen…

Die Haut sehr überreizt, empfindlich.

Du elendes Weichei!!

Alles Einbildung! Das bin „nur ich“!
Hätte ich bloß irgendwie die Möglichkeit, die Haut zu spannen… Dann müssen die Wunden zwangsläufig tiefer werden!
Was für eine Wirkung dieser betörende Rotton hat. Sagt er eigentlich dem gesunden Verstand: „Achtung!“? Was läuft bei mir schief, warum schreit der Anblick von meinem Blut, kaum tritt es zutage: „Mehr!! VIEL MEHR!!! ES REICHT NICHT!!!“?

Sechs Schnitte; die Haut schlecht durchblutet, die Hände eiskalt. Schade um die Klinge? Einmal noch…

DAS nennst du FESTER ANDRÜCKEN??!!
DU behauptest ernsthaft, verzweifelt zu sein?!!
Schau dir doch die Kinderkacke an!!!

Zwei Blaumeisen, eine Kohlmeise und eine Heckenbraunelle am Restaurant. Fine hat sich in den Garten getrollt. Ein paar kleine Flecken auf dem Tuch. Mich aufrichten, dabei rutscht die Gummierung vom Griffreifen und darunter immer noch dieses stinkende Zeug. Na wunderbar… Alle Sachen verschwinden in der Tasche. Bei meiner Beichte gestern, etwas genommen zu haben, meinte Sebastian nur abgeklärt: „Denkst du, das wäre mir nicht aufgefallen?“. Mittlerweile sollte der Tee fertig sein… Das Video wird wieder nicht fertig.

17:41
Anruf von Sebastian zuvor, er bräuchte noch bis 18 Uhr.
Die Singdrossel singt ihr Klagelied um den sterbenden Tag. Undefinierbare Menge Psychopax…

18:56
In der beginnenden Dunkelheit singt das zarte Rotkehlchen. Ich fühle keinerlei Ruhe noch Betäubung. Der Körper funktioniert immer weniger…
20 Tropfen Tramadol, 2,6mg Hydal, 1 Temesta.

25. März 2018, Sonntag „… Bzw. dessen Ende“

17:00
61 Kilo um inoffiziell 8:00 Uhr (9:00 Uhr). Den ganzen Tag geschlafen. Es gab Frühstück und anschließend war ich unfähig, überhaupt noch aufzustehen. Der Spaziergang von gestern? Oder möglicherweise die psychische Belastung? Das Gespräch freitags hatte seine Auswirkungen. War verdammt nah am Wasser gebaut. Erst recht als ich gestern Otto in einer Fernsehshow sah, wie alt er geworden ist und ich sagte: „… Er ist so ruhig geworden… Und irgendwann, in baldiger Zeit wirst du mich wieder fragen, ob ich wisse, wer gestorben sei…“. Und es fühlte sich an, als hätte man meine Kindheit, die ich scheinbar nicht hatte, erneut abgeschlachtet. Oder eben noch ein Stückchen mehr. Wäre eine lustige Idee, zu sagen, deswegen eine Entwässerungstablette geschluckt zu haben. Um meine Tränendrüsen auszutrocknen. Wir gingen ins Bett, kurz vor Mitternacht und ich brach (so wie ich es auch jetzt gerade tue) plötzlich ohne Vorwarnung in Tränen aus, den Anblick der unzähligen nagelneuen Laufschuhe ganz oben in meinem Regal vis-a-vis vom Bett nicht verschmerzend.

Nun gut, zumindest weiß ich jetzt, warum ich gerade wieder wie eine frisch Pubertierende aussehe! Vor einer Woche im Supermarkt in Gedenken an Kinderzeiten Eiskonfekt gekauft. Sebastian nachts im Internet nach diversen Sachen suchen lassen, die diese großzügige Verzierung im Gesicht und am Hals mit sich bringt. Bei der Fragestellung, was mache ich seit einer oder zwei Wochen anders. Die ganzen Tabletten ergaben nichts, aber Kokosöl… Und Kokosfett ist zu genüge in der Schokolade vorhanden. Die letzten zwei Stück werde ich heute Nacht fressen. „Gefühlt entwickle ich mich soeben ohnehin zurück zu einem kleinen Kind, wenn ich mir mein Essverhalten ansehe! Ich könnte von Milchtee und Vollkorngrissini mit Frischkäse und hinterher Nutella aktuell leben. Ich krieg immer weniger runter, immer weniger schmeckt, immer häufiger nehme ich in diversen Speisen irgendwelche penetranten Nuancen wahr. Und vor allem mag ich Sachen nicht mehr, die ich als Kind schon nicht mochte, aber in der Zwischenzeit doch essen konnte…“.
Natürlich ganz abgesehen von all den Dingen, die ich zwecks Bulimie zu häufig zweimal durch meinen Kopf gehen hab lassen.

Es hat mich gestern Stunden gekostet, bis spät in den Abend hinein, ehe ich mich für ein Abschlusslied entscheiden konnte! Und dann entsetzt feststellen zu dürfen, dass bei all meinen Verschiebungen in den Spuren davor, die tagelange Arbeit in Anspruch genommen hatten, irgendwelche Fehler aufgetreten sind, Teile wurden zerrissen, übereinander geschoben und ich muss jetzt noch einmal das ganze Video auf den Kopf stellen. Das braucht Zeit, denn das Video dauert schon 75 Minuten und das Videoprogramm frisst so viel Leistung, es läuft einfach nicht ruckelfrei ab.

An die Arbeit gehen… Und auch ich wünsche mir, dass diese vermaledeite Zeitumstellung endlich abgeschafft wird! Zugunsten der eigentlich nicht echten Sommerzeit!

20:14
Keinen Deut weiter gekommen. Außer zum 30. Mal die Tonspuren anzupassen, damit sie gleichmäßig sind. Bekomme ich aktuell überhaupt irgendetwas fertig?! Beim Anblick vom Bild bereits mehrere Panikattacken geerntet. Dabei fehlt noch die Animation am Schluss, ich weiß nicht, ob die Fotos tatsächlich dafür taugen, was ich in der ersten Hälfte vom Musikstück einfüge usw. und so fort, dann muss ich noch die ganzen Urheber der Musikstücke erwähnen und irgendwie nimmt alles kein Ende.

Ist es die ewige Pest, immer perfekter zu werden, werden zu müssen, die mir schlussendlich alles vergrätzt?! Bis ich dran kaputt gehe?!

Oder einfach auch nur dem Umstand geschuldet, am Tag immer weniger und weniger und noch weniger leisten zu können… Ich schaffte zuvor kaum den Weg ins Badezimmer, um mir von Sebastian die Haare waschen zu lassen. Eine halbe Stunde später denselben Weg anzutreten, um aufs Klo zu gehen, unmöglich. Ich wählte den Rollstuhl. Schaffte den Transfer von diesem auf die Toilette kaum. Um gar nicht erst damit anzufangen, wie ich hinterher verzweifelt versuchte stehenzubleiben, um mir die Hose wieder hochzuziehen.

O. k., ich hab zuvor die Einnahme von Tramal und Co. vergessen. Aber auch das wird nicht ausschlaggebend für meinen aktuellen miesen Zustand sein. Meine Hände sind durch… Von dem bisschen Betätigen der Maus. Wann reicht es mir endlich?

Vielleicht sollte ich die Antidepressiva absetzen. Vielleicht fühle ich mich dann nicht mehr so an der Kandarre. Die vermeintliche „Normalität“, den scheinbaren „Unwillen“, den ich in mir fühle gegen den Wunsch, mich aufzuschneiden, damit wieder abstellen?…

Nein. Davor habe ich viel zu große Angst, die Tabletten aus meinem „neuen“ Leben zu streichen. Als ich vor der Toilette um die letzten Reste meiner Selbstbestimmung kämpfte, war ich in Gedanken aber sehr wohl bei irgendwelchen Konsequenzen. Wog ab, wie „intelligent“ es wäre, diese oder jene Substanz meinem desolaten Körper zuzumuten. Was bleibt am Ende übrig? Tramal, Morphium und die Klinge… Die ich augenblicklich nicht einmal festhalten könnte…

19. März 2018, Sonntag

9:01
Und die Panik kommt in die Gänge!!…
Das Frühstück hat sich verzögert, ständig die Kamera in der Hand, um die Buchfinken, sobald das Gerät eingeschaltet war, davon fliegen sehen zu müssen. Die Panik würgt mich. Die Aussicht auf die Volkshilfe ruiniert mir den ganzen Vormittag! Selbst zu wissen, mindestens 1 Stunde noch malen zu können in Ruhe und Stille, vermag die Unruhe nicht im Zaum zu halten. Insofern bei der Gelegenheit gleich einige Umgestaltungen vorgenommen. Mich nervt, dass der größte Teil vom Tisch rechts ungenutzt bleibt, außer als Standort für jede Menge Krempel, der sich permanent dort anzusammeln beliebt und ich hocke hier links in der Ecke und alles, was ich sehe, ist Wand und ein bisschen Terrassentür mit Vogelrestaurant dahinter! Ein Missstand!! Kurzerhand alles verschoben, auch den Korb unterm Tisch einfach um 90° gedreht, zusätzlich einen Gürtel angebracht, um diesen jederzeit wieder hervor ziehen zu können. Jetzt müsste noch der Kram nach links wandern. Am besten hübsch zusammengepfercht auf einem kleinen Tablett oder in einer kleinen Kiste. Die Kamera gerade nicht mehr aus der Hand geben. Insofern konnte ich das Buchfinkenmädchen nun mehrfach in einer besseren Position einfangen. An Malen ist überhaupt nicht mehr zu denken! Dieser Raum hier müsste mein Atelier sein! Die Küche woanders, damit ich die Volkshilfe wortwörtlich „rausschmeißen“ kann. Das ist nicht böse gemeint und schlussendlich unterhalte ich mich ja auch. Aber teilweise wirklich nur der Höflichkeit und Konversation wegen. So wie letztens als ich auf dem Tisch lag und schlafen wollte und man mich wieder einmal nicht ließ? Wohin soll ich flüchten? Zähneputzen… Hahaha! Mich im Badezimmer einsperren? Ebenso ungenutzte Zeit! Zu sagen, ich habe etwas Wichtiges zu tun, Kopfhörer aufsetzen, am Video arbeiten… Will auch nicht so recht funktionieren und ich komme mir wie so oft schäbig vor. Schwer seufzen. Mir wie ein dreckiger Kapitalist vorkommen, denn eigentlich müsste ich ja dankbar dafür sein, dass meine Isolation viermal die Woche aufgebrochen wird, sich jemand mit mir beschäftigt. Aber ich bezahle ja nicht fürs Tratschen… Oder?

Es schneit und wird 9:18 Uhr. Allmählich quetscht die Panik das Frühstück aus meinem Magen. Dabei dank Filterblase zuvor den Artikel angezeigt bekommen, in dem es eben um diese Frau ging, die beinahe wegen Psychopax und Temesta gestorben wäre…

http://www.krone.at/230219

So einfach wäre das? Markus wird nicht müde zu betonen, dass -wenn ich mich nur abschieße, um ernst genommen zu werden- ich draufgehen könnte. Dazu ich: „Na und?“. So oft wie Sebastian in den letzten Tagen von mir zu hören bekommen hat, dass ich nicht mehr leben will, stünde ihm eigentlich eine… (Das Wort ist wieder weg.)
Es dauert 2 Minuten… Ihm stünde eigentlich Schmerzensgeld zu, was ich ihm da zumute! Unterdes zückt die Panik ihren großen Kochlöffel und rührt einmal kräftig den Speisebrei im meinem Magen mehrmals um. Ich höre flüsternde, hämische Stimmen in meinem Kopf…

Gleich kommen sie!! Das wirst du nicht überleben!!!

Laute Musik anmachen? Dann höre ich sie nicht und höre auch die Volkshilfe nicht?!

Das schaffst du nicht ohne Drogen!! Nimm etwas!!

DU JUNKIE!!!

Das Atmen fällt schwer. Dabei einen gewaltigen Unterschied festgestellt, gleich nach dem Aufstehen: Gestern war ich unfähig mit der linken Hand meine rechte Achsel zu waschen, den Arm zu heben; heute funktionierte es wieder. Wegen all dem Scheiß, den ich konsumiert habe, und dessen Nachwirkungen? Die für gewöhnlich mindestens einen, wenn ich sogar zwei Tage spürbar sind?
Es schneit und schneit und ich warte vergebens auf das Auftauchen eines Männchens. Jetzt gerade erscheint es mir ein Ding der Unmöglichkeit, mich unterhalten zu müssen. Allein deswegen würde ich mir die Kugel geben! Oder eben den „Schuss“. In der Vorratskammer nun definitiv kein Alkohol mehr, den ich runterkriegen würde. Mir einreden, Tramal und Morphium würden eher die Produktivität und das konzentrierte, gelassene Arbeiten fördern… Um dabei ein neues Phänomen außer Acht zu lassen! Seit geraumer Zeit führen größere Mengen davon zu noch heftigerer Spastik! Außerdem drückt meine Blase schon wieder. Das hat sie gestern schon gemacht…

Aber ehe ich die Nerven wegwerfe, weil ich auch seit zwei Tagen keine Spasmolytika mehr habe, einen Blick unter mein langes Oberteil werfen und dort wahrlich erleichtert einen Knick im Katheter feststellen dürfen.

Nebenher wird es 9:44 Uhr. Wie ein Mantra mir selbst einreden: „Ich schaffe das! Ich schaffe das!…“…

Du schaffst das! Du schaffst das wirklich! Und wenn sie erst einmal da ist, ist alles halb so wild!

Aber schaffe und vor allem halte ich es aus, den ganzen Vormittag NICHTS, aber AUCH WIRKLICH GAR NICHTS GELEISTET ZU HABEN???!! Welche Ausrede habe ich dafür parat? Das Bild läuft nicht weg?

Aber deine Feinmotorik!…

Und er lacht mich aus. Ein unverkennbares Indiz/Symptom: die Hand zählt klimpernd bis vier, hoch und runter und hoch und runter. Ganz tief Luft holen.

2018-03-19

14:41
Sebastian küsst mich viermal: „Ich liebe dich!“, streichelt mir über den Kopf und sagt zuletzt noch: „Gib nicht auf, bitte…“.

Vor mir auf dem Tisch die Tablettendose, die Tramalpumpe, das blutige Geschirrtuch und die Dose mit den Rasierklingen. Heftige Kopfschmerzen setzen ein und der Computer stürzt erneut ab, der Text gelöscht.

Kurz nachdem die Volkshilfe das Haus verlassen hatte, fiel mir die Wasserflasche auf dem Boden um. Ich vermochte nicht sie vom Rollstuhl aus zu erreichen, so lief der ganze Liter auf dem Holzboden aus. Ich hatte nichts zur Hand, womit ich die Pfütze trocknen hätte können. Der Versuch, zum Sofa zu gelangen, wurde zu einem unmenschlichen Kraftakt. Die kleinen Räder von meinem fahrenden Untersatz blieben bei einem Kabel stecken und es schien unmöglich, dieses zu überfahren. Irgendwie war der gesamte Rollstuhl in Kabel verwickelt, es dauerte Minuten, unendliche Minuten, und selbst da kam ich nur bis auf über einen halben Meter an die Couch heran. Ich wollte aufstehen, das Tuch nehmen, das dort normalerweise liegt um Sebastians Krümel aufzufangen. Aber ich konnte nicht! Mehrfach stürzte ich zurück auf den Rollstuhl; jedes Mal so, um immer weiter vorne zu landen, mit spastisch von mir gestreckten Beinen und unfähig, mich aufzurichten, und immer näher Gefahr heran, stocksteif runterzurutschen. Ein Wunder, als ich dann endlich stand, nicht gestürzt zu sein. Erneut musste ich Pirouetten drehen, der Rollstuhl ließ sich nicht auswicheln. Die ganze Prozedur dauerte 15 Minuten?! Ehe ich das Tuch auf die riesengroße Pfütze werfen konnte?! Ehe ich mit dem Rollstuhl wieder zurück zur Couch fuhr, ehe ich wieder aufstehen konnte und ehe ich völlig entkräftet aufs Sofa plumpste. Unfähig, mich selbst gerade zu rücken. Mein einziger Gedanke: „Jetzt ist endgültig Schluss!“. Die rote Linie übertreten!! Ich hier im Haus ganz allein IN ALLEN BELANGEN TOTAL AUFGESCHMISSEN!!!

Und das alles sprudelte aus mir heraus, kaum hatte er den Raum betreten und die Katastrophen einigermaßen erfasst. Ihn erschlagen. Er sagte nichts drauf und ich fing an zu weinen. Es reicht. Nach Graz pendeln, um unverrichteter Dinge von meiner Neurologin wieder nach Hause geschickt zu werden? Mit Sätzen wie: „Das ist die Psyche!“, „Da kann man nichts machen!“, „Das ist das Wetter, es geht allen so!“???

Es wird 15:06 Uhr. Den Urinbeutel einfach auf die Terrasse geleert. Gerade eben erst nach dem Mittagessen UNFÄHIG, vom Sofa wieder aufzustehen. Auch das dauerte mindestens 5 Minuten. Ich bin es leid… Und alles, was ich wollte, war doch NICHT MEHR als ENDLICH erwachsen zu werden, selbstständig zu werden, vielleicht auch ein eigenständiges Leben zu führen…

Zu den Mittagsmedikamenten eine volle Dosis Tramal, 20 Tropfen. Nach dem Essen weitere 20 Tropfen. Ich werde noch mehr nehmen müssen. Ich werde mich verletzen müssen. Obwohl ich noch mindestens 2 Stunden hätte; wie im Zeitungsartikel beschrieben eine ganze Flasche Psychopax (und in meinem Fundus befindet sich noch eine neue Packung) und dazu jede Menge Temesta (ebenfalls erst eine neue Schachtel gekauft) einwerfen. Würde es reichen, also die 2 Stunden, bis er nach Hause kommt? Es tut mir so leid…

Zerfließt die feige Sau wieder in Selbstmitleid?!
HÖR AUF DAVON ZU SCHWAFELN, TU ES ENDLICH UND ERLÖSE DIE WELT VON DIR STÜCK SCHEISSE!!!!

Der Blick hängt draußen fest, irgendwo dort zwischen den Himbeerstauden und dem ganzen Schnee. Den linken Ärmel nach oben schieben…

Dafür ist die Lusche doch sowieso zu wehleidig!

Das Geschirrtuch aus Frottee, ein altes noch vom Gasthaus und meiner Mutter, versuchen, glatt zu streichen; das Blut vom letzten Mal hat alles verklebt. Mehrfach zusammenfalten und das schwarze Oberteil über die braune Stoffhose ziehen. Die neue Klinge kann doch nicht ernsthaft kaputt sein…

Gestern beim zufälligen Wühlen in einer der Schubladen meines Nachtkästchens entdeckte ich doch tatsächlich eine meiner ersten Klingen! Die hatte ich noch aus dem Einwegrasierer ausgebaut und sah aus wie ein dünner Streifen Folie. Wehmut machte sich breit. Ich sehnte mich nach dieser Zeit!!

Nicht wissen, wo ich ansetze. Die Rechte klimpert, trotz Klinge zwischen Daumen, Zeige- und Mittelfinger. Einmal ins Fleisch hauen!! Ist es der Schmerz, der seelische Druck nicht wert? Der Selbsthass, die abgrundtiefe Verachtung dieser Hülle?!

Quer über das bestehende Schnittmuster. Das bisschen Brennen… Warum, wieso, weshalb und vor allem woher diese Hemmschwelle, Selbstkontrolle?! Es blutet nicht einmal richtig… Eine Amsel auf dem Restaurant 2 m entfernt beobachtet mich nervös. Liegt es an meiner Haut, wenn es doch letztes Mal auch funktioniert hat? Doch keine der Kanten macht etwas her. Vor zwei Tagen schon abends keinen Strumpf mehr getragen. Er hat nichts gesagt. Was soll er auch noch dazu von sich geben? Alles sinnlos. 15. Kein einziger Schnitt wird tiefer. Was fühle ich? Trauer? Verzweiflung? Unbändige Wut? Oder gar nichts mehr? Was bin ich?

15 ist keine gute Zahl für einen Abschluss. Tief durchatmen. Es müsste in den Schnee tropfen… Die 19 geht vorbei an der dicken Narbe von 2001. Die muss sich kaputt lachen! Ebenso wie die Erste von 1997 auch nicht unweit davon, mit dem Cuttermesser, ohne nachzudenken, ohne eine Vorstellung, was ich da mache…

Meine Stimme bricht in sich zusammen. Die Klinge ist es gar nicht wert, wieder ins Kuvert gepackt zu werden. Die andere Alte schabt und kratzt das Geronnene zusammen. Der gewählte Strumpfverband wird zu kurz sein. Bin ich überhaupt fähig, diesen überzustreifen? Die Linke spielt wie erwartet nicht mit. Die Rechte ahmt es ihr nach. UND?! Hat das nun irgendetwas gebracht?!! Außer noch mehr Schimpftiraden in meinem Schädel. Das Headset rutscht zum zweiten Mal von meinem dummen Schädel. Die Armlehne vom Rollstuhl wird besudelt. Es kostet wieder einmal letzte Kräfte, ehe alles verpackt ist. Den schwarzen Ärmel lang gezogen. Das morbide Equipment versteckt. Mittlerweile müsste der Tee fertig gezogen haben. Es wird 15:45. Blutreste bleiben an den Händen kleben und es ist mir egal. Und da meinem Körper, meinem Gewicht auch alles scheißegal zu sein scheint, in die Tüte mit dem Eiskonfekt greifen und versuchen, mich mit Schokolade „glücklich“ zu machen und meine Welt für einen süßen Augenblick heil erscheinen zu lassen. Dazu die nächsten 20 Tropfen Tramadol. Es beginnt wieder zu schneien. Die Packung Vollmilch steht noch draußen. Mir den Tee direkt am Tisch zubereitet; ich hätte die volle Teeschale ohnehin nie ohne Katastrophe von der Küche bis hierhin bringen können. 15 Süßstofftabletten landen in dem mindestens zu 35 % aus Milch bestehenden Gesöff.

Und dafür habe ich mich vom Sofa gequält? Der Nachmittag vertan. Außer wieder einen jämmerlichen und schäbigen Eindruck von mir selbst zu hinterlassen. Gratulation, Frau Samer.

Irgendwie ist immer noch alles im Weg. Die Leinwand weiter über die Tischkante schieben, das Keyboard vor mir platzieren, das Sprachprogramm per Taskmanager beenden und dann ans Videoprogramm. Für die letzten 2 Stunden. Bis zur Therapie.

Plötzlich kommen Zweifel auf. Versuchen, in meinem Mund, an meinen Lippen einen Geschmack auszumachen. Habe ich die Tropfen schon genommen oder nicht? Abwarten?

Liebe Kinder, seid brav und artig und macht so was NIEMALS nach!… Lehrauftrag erfüllt.

20:40
Während der Sitzung nochmals Tramal. Und als mir das Gespräch zu viel wurde 20 Tropfen Psychopax. Watte pur…

25. Dezember 2017, Montag

10:49
Eine Dreiviertelstunde vergeht, ehe ich hier sitze und, wenn ich denn möchte, die Arbeit aufnehmen könnte. So viel unnützes Zeug hat sich auf dem Tisch angesammelt, versuchen, ansatzweise Ordnung zu schaffen. Und je länger es nun dauert, bis ich zum Pinsel greife, desto wahrscheinlicher ist es, wieder nur auf dem Sofa zu landen und den ganzen Tag lethargisch auf den Tod zu warten. Irgendwann, das ist gewiss, wird er kommen. 37,1 °C. In drei Tagen mein Gewicht zerschossen. Aus 59,0 wurden 59,5 und schlussendlich heute 59,8. Wegen einer Suppe! Was hat die Entwässerungstablette gemacht? Bevor ich mir von Sebastian aufhelfen ließ, ein weiteres Furosemid geschluckt; soll mal nachsehen, wo sein Vorgänger abgeblieben ist. Dazu meine Medikamentendose aufgefüllt mit diversen Benzos. Es ist ein wunderschöner Tag, aber ich fühle mich nach nicht mehr als Agonie, so würde dieser Tag vorüberziehen und mich mit schlechtem Gewissen im Stich lassen. Denn „wie kann man so einen prachtvollen Tag nur vergeuden“?! Vom Tramal zur Morgendosis mindestens 15 Tropfen. Kann ich behaupten, gestern einen positiven Effekt von Psychopax und Co. wahrgenommen zu haben? Man lernt nie aus, man lernt nichts draus, also immer rein mit der nächsten Giftmischung. Temesta oder Gewacalm? Beides? Ach, ich bin heute experimentierfreudig! Die Hand klimpert bereits voller Vorfreude. Und direkt nach dem Diuretikum einen Schluck Abführmittel genossen, Glukose pur. Wäre ich ein Koch und der Körper das Gericht, vermutlich würde es am Herd anbrennen, sauer werden, kippen und Scheiße schmecken. Die Rezeptur einem Wahnsinn entsprungen. Der Kopf sinkt müde auf die Brust, mit Blick in die offene Blechdose. Irgendwie bin ich bereits gedämpft, aber ich will arbeiten können, arbeiten dürfen… Die Hand klimpert hektischer, überschlägt sich, die Finger verknoten sich. Die Dose schließen, in Griffweite neben die Leinwand legen, einen großen Schluck aus der eiskalten Mineralwasserflasche und dann ans Werk!!

11:15
Noch nichts gemacht, noch nichts geschafft, außer schon wieder bei Amazon nach schwarzen Stulpen zu suchen. Die Kopfschmerzen werden immer stärker, die Sonne wird alsbald zur Terrassentür hereinknallen. Die Hand klimpert, in mir alles in Aufruhr! Wer oder was sabotiert meine Hand, anstatt an der Seitenlehne klimpernd kleben zu bleiben und endlich den weißen Buntstift zu ergreifen, um auf den schwarzen Schwanzfedern eine Struktur, Richtlinien entstehen zu lassen?
17:25
Eine Sitzung in die Tonne getreten. Markus redete und ich verstand ihn nicht. Ab und an am Frieren, benötigte den Heizstrahler, und verstand ihn nun auch akustisch nicht mehr. Ich konnte nicht denken. Zeitweilig fand ich mich bereits in einem Übergang von normalen Gedanken zu Tagträumen. Ich sollte, müsste mich nun dringend hinlegen. Mich mehrfach dafür entschuldigt, heute in so einer Verfassung zu sein. Was habe ich alles geschluckt? Insgesamt drei Temesta und ein Gewacalm, dazu mehr oder minder normale Dosen Opioid? Ich fühle mich schlecht. Wie ein Versager. Habe die Therapie nicht verdient. Sollte, müsste mich bestrafen! Wie lange noch alleine? Aufschlitzen, kaschieren, einschlafen?

Die Unruhe zerstört mich. Eine der alten Klingen fällt auf den Boden, lässt sich nicht mehr hochheben. Minuten vergehen, ein verzweifelter Kampf. Gestern mit dem alten Rasierer ja den größten Teil vom Schorf entfernt. Muss sich dennoch eingangs darüber nachdenken, welchen Erfolg ich mir hiervon erwarte. Erhoffen darf. Völlig ratlos was und viel davon ich einwerfen müsste, um Ruhe zu bekommen. Markus und seine Fragen waren gerade eben so unendlich weit weg von mir, wie eine andere Welt, aber was ist dann der Inbegriff MEINER Welt? Alles scheint ausgelöscht. Nichts als diese verdammten MS-Symptome, Kopfschmerzen, die Agonie. Als gäbe es den riesengroßen Krieg darum herum gar nicht. Ob ich wieder scheitere?

Während diesem seltsamen Gespräch gerade eben und dem Sonnenuntergang vor mir wollte ich nur noch sterben, die ganze Tablettendose schlucken. Kein Teil in mir, der propagiert, dass mir etwas passiert sein muss. Kein Teil, der dies abstreitet. Gar keine Teile mehr, alles wie ausgestorben. Bei dem Gedanken, jetzt zu schlafen, wird mir speiübel. Ich kann und ich will nicht analysieren, warum dem so ist.

Vermag die Klinge nicht zu halten. Sieben und der übrig gebliebene Schorf sabotiert ordentlich. Selbst dafür zu schwach? Sebastian, bleib bitte nach oben…

30 Schnitte. Oben rumort es. Frohe Weihnachten. Beide Hände gelähmt, werde nicht mit dem Stützverband fertig. Wonach mir jetzt gerade ist? Eventuell ein kleines Resümee: Am liebsten würde ich fressen und wieder kotzen. Aber dafür bin ich zu schwach. Am liebsten würde ich mich ausbluten lassen, aber auch dafür bin ich zu schwach. Ich fühle mich im Stich gelassen in meiner Pattsituation, die niemanden zu interessieren scheint. Weder den HNO-Arzt, noch meinen Hausarzt. Alles egal. Ob dieser Dauerzustand eventuell einen Schub auslösen könnte, völlig egal. Da ist nur Sebastian, er will leben, dass ich lebe und wir beide zusammen Spaß am Leben haben. Aber… Es tut mir so leid… Mich in Tränen auflösen… ICH KANN NICHT MEHR!! ICH WEISS NICHT MEHR, WORAN ICH MICH FESTHALTEN SOLL!! JETZT EINE ÜBERDOSIS!…
Um wieder in der Notaufnahme und anschließend Psychiatrie zu landen.

Leider sickert das Blut nicht ordentlich durch den weißen Stoff. Mülltermine eintragen, die neuen Hosen umnähen, Vorbereitungen für die Reha, Zettel ausfüllen… Alles Optionen, alles Sachen, die erledigt werden müssten. Ich kann nicht! STIRB ENDLICH!! Panik…

21:43
Ich hielt es nicht aus. Ich war mit mir noch längst nicht fertig. Er hatte angekündigt,…

22:36
Er hatte angekündigt, alsbald runter zu kommen und wir würden noch ein paar Kekse essen. Um acht war er da und ich konnte nicht aufhören einen Keks nach dem anderen in meinen verfressenen Schlund zu schieben. Doch eben kurz bevor er durch die Tür marschierte, hatte ich erneut zur Rasierklinge gegriffen, die nun nicht mehr als „neu“ bezeichnet werden darf. Kreuz und quer, hoch und runter, immer „tiefer“, dem Schmerz auf der Spur…

Dabei meine weiße, neue Hose und eines der großen weißen Kissen erwischt… Noch einmal 30 Schnitte. Es macht keinen Sinn mehr, ich nicke während dem Diktieren ein. Den Tag aufgeben, ausreichend intus, um schlafen zu können…

5. Juli 2017, Mittwoch 8:35

59 Kilo um 7:00 Uhr. Ich kann nicht. Ich kann einfach nicht. Plattiert wie ein Schnitzel. Unbrauchbar. Dabei fühle ich mich regelrecht machtlos. Sebastian hatte versprochen, morgens die Küche aufzuräumen, und als ich noch im Bad war, hörte ich ihn hier drin rumoren. Aber nun alles beim Alten. Der Herd ist dreckig, die Arbeitsplatte ist dreckig und das Geschirr hat er vielleicht zusammengestellt, aber nicht in die Maschine geräumt. Dreck soweit das Auge reicht. Mir ist schlecht. So kann ich nicht arbeiten. Ich denke, ich müsste selbst zur Tat schreiten, um anschließend wieder zu der Erkenntnis kommen zu dürfen, mir damit selbst den Genickschuss verpasst zu haben. Die Heizdecke einmal angelegt, schon wanderte sie zurück in den Karton. Es ist in der Tat dieselbe, die mir Sebastian zu Weihnachten schenken wollte. Auch diese hatten wir zurückgeschickt. So viele Dinge sind offen, unerledigt, dazu der Saustall… Es bedürfte wohl gleich 2 Beruhigungstabletten! Zudem entsetzt dabei zusehen, wie aus Halb in Windeseile Dreiviertel wird. Auch mein Tisch völlig überladen mit Sachen, die da nicht hingehören. Dabei müsste ich die Leinwand umdrehen. Aber wie, kein Platz! Mir ist schlecht, hätte mir das Frühstück sparen sollen…

ERNSTHAFT, DU FETTE SAU!!

Alles zur Seite schieben, am liebsten mit dem großen Mülleimer durch den ganzen Raum gehen und alles, was schmutzig ist und dort steht, wo es nicht hingehört, wegschmeißen! Warum nicht gleich mit einem Hochdruckreiniger! Sebastian kriegt es nicht hin. Völlig unsortiert, orientierungslos. Und da geht es nicht darum, „dass ICH es anders machen würde“. Es geht auch gar nicht darum, dass ich dasselbe Endergebnis erwarte. Ich erwarte mir irgendein Endergebnis, aber dazu kommt es fast nie. Was bin ich für ein Stück Scheiße an ihm rum zu mäkeln, wo er doch alles für mich tut. Oder wie ich immer zu hören bekomme: Er ja noch nicht weggelaufen sei! Heute Psychotherapie und ich schäme mich zudem in Grund und Boden dafür, wie es aussieht. Tja, selber schuld. Ich hab die Volkshilfe reduziert!

Mein rechtes Bein beginnt zu krampfen und da wird es tatsächlich 8:45. Ich hasse mich. Aber diesbezüglich noch eine kurze Randnotiz: Meine Ärztin hat mir wohl aus dem Beipackzettel die Gegenanzeigen vom Sativex geschickt. „Persönlichkeitsstörung“. Was soll der Scheiß? Wie oft, wie lange denn noch diese Debatte? ICH HABE KEINE PERSÖNLICHKEITSSTÖRUNG!! SIE WAR ES, DIE MICH ZU IHREM KOLLEGEN GESCHICKT HAT UND DER HAT AUS BORDERLINE EINE DISSOZIATIVE BEWEGUNGSSTÖRUNG GEMACHT!! VERDAMMT, WAS SOLL DER SCHWACHSINN?!!

9:20
Etwa 20 Minuten durch die Küche gewirbelt. VERFLUCHT! Ich hab meine Tage, da halte ich Unordnung noch weniger aus! Er hat das Geschirr nicht eingeräumt, weil die Maschine voll ist. Dazu hätte man sie erst entleeren müssen. Nun habe ich wenigstens alles noch ordentlicher zusammengestellt und den Dreck weggewischt. Aber es wird nicht besser. Bin ich bereits ein Junky und rede mir nur ein, es eben nicht zu sein? Die nächste Temesta, ehe ich mich setzen darf. In mir zittert alles. Erinnerungen überfluten mein Gehirn. Musste die Musik ausmachen. Wie unter Cortison, oder besser gesagt in der Entzugsphase hinterher. 10 Minuten hatte ich den Pinsel in der Hand, um einen einzigen Unfall zu produzieren. Keinerlei Feinmotorik. Der Rücken schmerzt, aber noch viel mehr der Ischias, beidseits. „Du musst deine Übungen machen!“. Mir läuft die Zeit davon! Die Panik steigt in mir auf wie tausende Hände, die alle nach meinem Hals grabschen, mich erwürgen wollen! Ein äußerst fragwürdiges Räucherstäbchen („Rose“) stinkt gegen die Geschirrspülmaschine an. In mir rotiert alles. Ich will mein Leben zurück, ich will gar nicht mehr leben, ich weiß nicht, was ich will! Stress, Stress und nochmals Stress! Vor und zurück schaukeln. 9:27, mir läuft die Zeit davon, der Tod rückt näher, gefühlt stehe ich in einer Sackgasse, ganz plötzlich, die Augen werden geflutet, aus heiterem Himmel…

Also doch emotional instabil, wie?!!

Tief Luft holen… Gleicht eher einem nach Luft Schnappen! Mir wächst alles über den Kopf und ich wünsche nur, die Tablette würde anfangen zu wirken. Was ist denn heute los mit mir?

Was ist IMMER mit dir los??!!

Vorgestern, als ich nicht schlafen konnte, meine ich mich daran erinnern zu können, dass ich in dieser Zwischenphase von Traum und wach ein Geschenk gesehen habe, dass mir als Kind gemacht wurde. Ab diesem Zeitpunkt hatte ich Angst. Todesängste. Und wie damals erwähnt blieb der Schlaf aus, die folgenden Stunden. Es war doch nur Traum, hatte nichts als symbolischen Charakter… Oder? Den Zustand gerade kennen wir doch allzu gut, ist doch nichts Neues! „Mach deine Übungen!“. Alles zu viel, viel zu viel, der Tag zu kurz, meine Kräfte zu spärlich. Es wird nie besser werden, nur noch schlechter und ich bin selber schuld!!

Halbherzig erst eine und dann die 2. Übung. Die Hand klimpert. Die Waschmaschine schleudert und hält die Unruhemaschine tief in mir erst recht in Betrieb. Aus mir kommt nur noch Kauderwelsch raus! 9:38!! Die Wärmeflasche wieder kalt. 4 unterschiedliche Meisen auf dem einzigen Knödel. Ich möchte sie beobachten, ich möchte draußen sein, aber ich muss was leisten, um mein Dasein zu rechtfertigen…

SCHLITZ DICH AUF!!

9:46
Gedankengänge: Mein letzter feiner Pinsel hat Spliss, diese Pinsel gibt es nur beim Libro, der in Jennersdorf abgebrannt und wird auch nicht mehr aufgebaut, alles geht kaputt, man lebt nur noch fürs Wochenende, es ist schon wieder Mittwoch, wie kann man sich bloß darüber freuen, dass Zeit vergangen ist, und plötzlich stirbt einer, irgendetwas passiert, früher oder später… Nervenzusammenbruch! In Tränen absaufen! Zum zitternden Kind mutieren!

Was willst du von mir??!!

Und abends in der Therapie wieder grinsen und Witze machen!! Und Brigitte wird sagen, du bist viel besser drauf als früher, nicht so depressiv eingeengt. Die Hand klimpert immer schneller. Das ist keine gedankliche Sackgasse mehr, ich sitze in einem schwarzen Loch voll mit Treibsand.

10:12
Die Brille längst abgenommen, Tränen tropfen auf die Leinwand neben das Schwarz. Eine lebenslange Beerdigungsfeier! Eine volle Dosis Tramal obendrauf.

UND DU WILLST NICHT ABHÄNGIG SEIN??!!

An die Videos der zurückliegenden Jahre denken. Es gibt keinen Monat ohne Tief. Es fehlt nicht mehr viel und wenn der ganze Mist mich nicht abstellt, muss es die Klinge tun. In 10 Jahren wird man zurückblicken und sagen: „Wenn man das damals gewusst hätte!“. Tod, Tod, TOD!!!!!! Rationale Gedanken funktionieren nicht mehr. Ein Kind ist nicht rational. Und scheinbar bin ich gerade das Kind.

Minutenlang ins Nichts schauen. Ich kann nicht mehr…

15:48
Eine Tasse Guarana-Mate-Tee. Davor eine Dose Energydrink. Konnte mich selbst nicht wach halten. Der Strohhalm fällt zum 2. Mal, die Maus hüpft ebenfalls hinterher. Ein Rollstuhl taugt nicht, um sich mit Kabeln zu umgeben. Bin ich wach geworden, als ich gerade eben erst meine Visage im Spiegel ansehen musste? Was bist du für ein Stück Scheiße?! Dermaßen abartig!! Ich verabscheue mich selbst! Mit Rumpelstilzchen, ohne Rumpelstilzchen. Eigentlich wollte ich längst eine Entwässerungstablette einwerfen, wenigstens irgendetwas tun! Draußen ist es erneut viel zu warm geworden, der linke Arm krampft. Mit oder ohne Schnitte. Es wurden derer mindestens 50! Die letzten 20 bluteten stark, eine nagelneue Rasierklinge und ich mit dem Rollstuhl in der offenen Terrassentür, die Sonne auf dem Schoß. Mir ist schlecht, erneut völlig blockiert. Als wäre ich vorher gestorben und warte nur noch auf die Verwesung. Brigitte kommt in einer halben Stunde. Bis dahin kann man noch viel anstellen. Zuvor, und man darf es als Kommentar darauf sehen, meine hässliche Hackfresse ertragen zu müssen, beim Abwaschen vom Blut den Wunden mit meinen Fingernägeln zu Leibe gerückt. Sie brachen auf, bluteten erneut. Fühle ich mich gerade näher bei mir als sonst? Wenn die Tabletten aus mir ein funktionierendes, lächelndes Etwas gezaubert haben?

UND DAS BRAVE MÄDCHEN HAT DIE MITTAGSDOSIS AUSGELASSEN!!

Ich fühle mich immer noch zubetoniert. Beim Wühlen in der kleinen Holzschatulle unter meinem Tisch, in der unterschiedliche Blisterpackungen zu Hause sind, erst einmal gesehen, WIE VIEL Temesta ich in den zurückliegenden Wochen bereits konsumiert habe. Ich hätte gedacht, es wären weniger…

Da siehst du es!! Du kannst überhaupt nicht objektiv einschätzen, ob du abhängig bist oder nicht!!

Das, was ich in einer Stunde an der Leinwand verbrochen habe, gleicht einem Kinderpfusch. Wie passend, wenn ich doch dabei das emotionale Verhalten des Kindes an den Tag gelegt habe.

Das sieht immer so stümperhaft aus, weil du es nicht kannst!! Weil du GAR NICHTS KANNST!!

Die Klinge sitzt locker. Die Haut einigermaßen weich vom letzten Wasserkontakt. Sebastian gerade beim Chirurgen, WEGEN MIR, um sich seine beiden Warzen im Gesicht entfernen zu lassen. Erinnern mich zu sehr an Willi, und dessen Rolle in meiner Kindheit erscheint mir immer noch zu diffus, um ihn von irgendetwas freisprechen zu können. Das Gesicht eines Pädophilen. Schwer atmen. 25 Minuten auf dem Laufband. Anschließend das Gemetzel. Zum Finale wieder funktioniert. Obwohl ich es ausgesprochen habe, dass ich mich abstellen musste; auch womit und wie viel. Selbst von den Tränen, den Sterbefantasien. Er hat mich geküsst und ich mich zwischen den Zeilen entschuldigt: „Seit Jahrzehnten immer und immer wieder derselbe Scheißdreck…“. Kein Ende, bis ich daran zugrunde gehe.

Zuvor drehte ein junger Sperling interessiert eine große Runde in unserem Wohnzimmer. Er war von Fine unentdeckt geblieben, sie hat ihn verschlafen, insofern blieb sein Ausflug seinerseits sehr entspannt und fand unaufgeregt nach Abschluss seiner Runde wieder den Ausgang. Bin ich nur müde? Oder total stoned? Der Körper sehnt sich nach dem Ventilator, der Himmel zieht zu im Süden, obwohl die Sonne unbeirrbar auf uns herab grinst. Die Rechte spielt ohne Pause Klavier. Meine neue Bekanntschaft schickt mir eine Unterschriftenliste zum Thema Pflanzenschutzgifte. Ich vermag nicht einmal es mir durchzulesen… Unterdes fällt der Strohhalm ein 3. Mal. Eine Viertelstunde noch. Mich samt Notebook in Richtung Sofa begeben. Es hatte Sebastian nervös gemacht, dass ich noch mit dem Rollator unterwegs war, als er fahren musste. Es scheint ja unmöglich, mir den Schädel einzuschlagen… Und ich will sterben und habe doch Angst vor dem Tod…

18:13
Erst Brigitte den E-Mail-Verlauf vorgelesen und dann vom heutigen Tag berichtet, um erneut zum Kind zu mutieren. Sie setzte sich neben mich, streichelte mein Bein, tröstete mich. Zu meiner Ärztin sagte sie: „Die kann sich überhaupt nicht auf dich einlassen! Die denkt, du bist ein Borderliner und fühlt sich durch diesen Schreibverkehr darin erst recht bestätigt!“. Abschließend dann noch: „Das geht überhaupt nicht! Dir erst die Zusage erteilen, dass du es machen kannst, und dann, sobald sie die Verantwortung dafür hätte, einen Rückzieher machen! Das kann man nicht machen!“. Es fielen noch mehr Worte… Allesamt zu meinen Gunsten, aber ich fühle mich nicht besser. „Jedes Mal wenn du dort Termin hattest und mir dann davon erzählt hast, habe ich mich gefragt, warum du den Arzt nicht wechselst!“. Ob es denn keinen anderen Fachmann gäbe, fragte sie, und ich entsann mich meiner 1. MS-Ärztin aus Oberwart, die dann das Krankenhaus verlassen hat, um Wahlärztin zu werden. Sie hatte damals kurz bevor sie gegangen ist mit ihrer Nachfolgerin häufiger in meinem Fall darüber diskutiert, ob es nur Psyche sei oder man handeln müsse. „Psyche hin oder her, das interessiert hier nicht!“, hat sie damals gesagt und die andere Ärztin in ihre Schranken verwiesen. Damals 2008, als sich meine MS sechsmal verschlechtert hatte und ich ihretwegen sechsmal die Chance erhalten hatte, Cortison zu bekommen. Versuchen, einen Termin bei ihr zu erhalten?

Mir läuft die Zeit davon…

18. Mai 2017, Donnerstag 18:54

59,6 um 6. Vermag ich ernsthaft alles noch einmal zu wiederholen? Habe ich den Nerv? Man darf diesen Tag nicht unter „erfolgreich“ verbuchen. Ich kam mir vor, als hätte ich zu einem polarisierenden Thema Termin bei Angela Merkel gehabt! Ohne Scheiß: Satz mit X…?!

Abends hatte noch Markus angerufen und mich gebeten, nach einem weiteren Therapieansatz zu fragen. Es sei schon mal so viel gesagt, dass der Zahn heute immer noch nicht in dem Zustand war, um meine Zahnärztin zufriedenzustellen. „Nein! Ich will es ordentlich machen, der Zahn braucht noch Zeit! Kommen Sie übernächste Woche noch einmal, wenn es geht.“. So clever, den Termin mit jenem bei der Psychiaterin an denselben Tag zu legen, um nur einmal nach Fürstenfeld fahren zu müssen. Ein Medikament wurde in die Zahnwurzel gefüllt und das Loch mit einem Provisorium verschlossen. Das Abszess sitzt immer noch dort im Zahnfleisch. Ich hatte tatsächlich noch Zeit für ein ordentliches Frühstück mit Tee und Hummus. Und dann… Ja dann kam Helmut wie gewohnt zu früh. Aber nicht nur das: Mit einem Leihwagen, Format Jeep, ich kam kaum auf den Sitz, so hoch war der. Es sei erwähnt, dass ich ein kurzes Kleid mit Overknees trug, als er mich halb ins Auto heben musste… Bereits an diesem Punkt hätte ich kotzen können! Aber zu allem Überfluss hatte er das Bedürfnis die gesamte Hinfahrt zu „politisieren“… Nicht anders zu erwarten kam wieder der alles entscheidende Satz: „Wie kann es da sein, dass unsere Leute kaum überleben und ein Flüchtling kommt einfach daher, mit zwei Kindern, und bekommt € 2000!!“. Und nein… „die FPÖ, das sind keine Nazis“!! Und „NUR“ Flüchtlinge vergewaltigen unsere Frauen! Das Argument, dass dies zu 99,9 % von der eigenen Familie und dem engsten Umfeld bereits erledigt würde, machte er sich lustig darüber, in was für einem komischen Blatt ich das gelesen hätte. Und klassisch mein Lieblingssatz zu meiner Aussage: „Wenn du meinst…“. Abschließend er noch: „Ich akzeptiere deine Meinung, dann musst du aber auch meine akzeptieren!“. Darauf habe ich nichts mehr gesagt und geschwiegen. Ich bekam den Bluttest, den Markus unbedingt haben wollte. Ob ich ihn am Ende bezahlen muss, ist noch unklar. Ich wartete über 2 Stunden, mein Rücken verkrampfte sich, teilweise lag ich auf meinem eigenen Schoß und wurde mehrmals gefragt, ob es mir nicht gut ginge. Für Sekunden schlief ich sogar ein. Es folgt das Gespräch mit meiner Ärztin… Ich hatte mir einen kleinen Katalog bereit gelegt und fragte nun alles ab… Um auf NICHTS wirklich eine Antwort zu bekommen! Deshalb nun kurz gerafft eine Zusammenfassung:

Nein, das unauffällige EEG hat keine Aussagekraft darüber, dass ich nun keine Epilepsie hätte, käme in der Tat auch immer wieder bei Epileptikern vor, die eindeutig ein Krampfleiden haben!

Das Video, das ich ihr geschickt habe, sagt auch nichts darüber aus; man hätte in der Tat eine körperliche Fehlfunktion nicht ausgeschlossen! Also ist das Thema Dissoziation immer noch nicht ausdiskutiert!

Auch kann ich nicht behaupten, das letzte MRT hätte gut ausgesehen. Darf es nicht. Denn schlussendlich könne man von einem MRT nicht auf den Verlauf schließen, so ihre Worte. Lediglich der Verlauf selbst über die Zeit würde dafür sprechen!

Ich sollte von Markus zwecks Therapie mit Vitamin B fragen; diesbezüglich gäbe es in der Tat neue Studien, dass sie eventuell bei einem sekundären Verlauf helfen, vielleicht -ich könnte es ja versuchen, mir schaden würde ich damit nicht.

Davon, dass Patienten für sich Hanf anbauen dürften, würde sie nichts halten. Es gäbe schlussendlich ja Cannabinoide von der Kasse, sprich Dronabinol, Sativex -da müssten sich die Patienten ja nicht einen Joint drehen!

Auch sei sie keine Freundin von Kontroll-MRTs. „Das würde ja auch nichts bringen!“. Dabei entstand irgendwie der Eindruck, in meinem Fall sei ohnehin Hopfen und Malz verloren und ich kämpfte regelrecht dafür, dass das MRT 2015 nach der Überdosis sehr wohl seine Berechtigung bekommen und auch das Cortison angesichts all dieser frischen Läsionen wunderbar angeschlagen hat, ich mich wieder bewegen konnte.

Um abschließend dem ganzen Gespräch noch die Krone aufzusetzen: Ich bat sie, zukünftig die Diagnose Borderline nicht mehr in ihre Befunde zu schreiben. Nun folgte ein Gemisch aus „Ich hätte nicht einmal das Wissen, eine solche zu diagnostizieren, darum schreibe ich es auch nicht in meinen Befund, weil es nicht mein Fachgebiet ist.“ und „Aber irgendjemand hat es mal diagnostiziert, also ist es niedergeschrieben und hat somit eine Bewandtnis.“. Meine Argumente, dass diese Psychiater mich immer nur für Minuten gesehen hätten und dann eigentlich NUR die Selbstverletzung, wertlos. Bzw. versuchte sie zu bagatellisieren, dass das doch nicht so tragisch sei. Mein Anliegen, dass ich es durchaus als eine Art Stigmatisierung empfinde, kam überhaupt nicht an. Und auch keine Reaktion darauf, dass es sehr wohl ihre Befunde gewesen seien, in denen dies immer wieder der Fall gewesen wäre. Und SIE es war, die mich damals zu ihrem Kollegen geschickt hat, der Borderline in meinem Fall offiziell immerhin als Psychosomatiker und Chef von Neurologie und Psychiatrie zugunsten einer dissoziativen Bewegungsstörung ENDLICH 2013 at acta gelegt hatte.

Also verließ ich das Untersuchungszimmer mit NICHTS in der Hand. Kein Ja, kein Nein, lediglich ein „Wir haben uns ja schon so oft darüber unterhalten, wie schwierig das in Ihrem Fall ist…“.

Vor der Heimfahrt bat ich die Schwester, die immer die Blutabnahme macht, mir den Rücken mit der mitgebrachten Diana einzureiben, der Schmerz raubte mir mittlerweile wieder den Atem. Im Taxi schlief ich; keinen Bock auf auch nur einen einzigen Satz von ihm. Zu Hause Mittagessen mit Klangkulisse…

DU FETTE SAU! HÖR AUF ZU ESSEN, ES IST GENUG!!

Erst krampfte das rechte Bein, dann krampfte das linke Bein. Erst Magnesium, dann Morphium und dann fuhr ich mit dem Rollstuhl runter in unseren Wald. Machte eine Aufnahme von mir zu diesem Tag fürs Video, beschimpfte mich weiter…

HAST DU NICHT GEHÖRT?! ES IST EPILEPSIE! DIR IST NICHTS PASSIERT!!
ALLES NUR EINBILDUNG, DER AUFMERKSAMKEIT WEGEN!!

Und ich verpasse hier alles wegen diesem Scheiß!! Pirol, Kuckuck und Schwarzspecht!! Ich hätte draußen sein müssen… Mich allein dafür jetzt aufschlitzen, obwohl Sebastian oben Besuch hat… Zu allem Überfluss setzt plötzlich Kopfschmerz ein. Darauf habe ich noch gewartet… Die Klinge ansetzen und der erste Schnitt sieht im ersten Moment schön aus, für meine Verhältnisse zumindest…

Zehn Stück, hastig alles beseitigen. Fine kommt mit Beute und für einen Moment glaube ich, jemand geht die Treppe runter. Eine Hausmaus musste dran glauben. Was mich nun schlussendlich zum Ausrasten gebracht hat? Meine eigene Gebrechlichkeit, erneut? Hatte den Schwarzspecht gesehen, wollte aufstehen, konnte aber nicht! Der Katheterbeutel im Rucksack hinten am Rollstuhl befestigt, zum Bersten gefüllt, ich selbst eingewickelt in gleich mehrere Kabel. Mein Schädel droht zu platzen. Und die Katze zerlegt die Maus vor der offenen Terrassentür… Schon merke ich, es reicht nicht. Mich zuvor draußen im Abendrot mit Sebastian zu unterhalten, mich auszukotzen, hat zwar gut getan, aber nun unterm Strich sehe ich, erkenne ich, dass alles beim Alten geblieben ist. Nimmt man mich nicht ernst? Und der Körper zahlt mir alles heim. Der Griff geht erneut zur Tramalflasche. Dabei ihr heute versucht zu verklickern, dass ich das Medikament mit Bedacht einsetze. Ob sie es mir überhaupt geglaubt hat?

Randnotiz: Mein Immunsystem ist klinisch tot. Leukozyten, Lymphozyten, alles im Arsch. „Aber das Gilenya abzusetzen, das hatten wir doch schon mal, damit würde ich vorsichtig umgehen.“. Zumindest damit konnte ich was anfangen.

Und da wird es 20:31, der Besuch verabschiedet sich, Sebastian fährt noch einmal ins Dorf, sich was vom Chinesen holen, und ich greife erneut zum Opiate, um erneut 20 Tropfen einzuwerfen. Draußen das Abendkonzert… Buchfink, Kuckuck, Amsel, Singdrossel, Mönchsgrasmücke und sogar der Waldkauz meldet sich. Ich kann nicht mehr und denke dabei, an allem selbst schuld zu sein. Meine Ärztin Unrecht zu tun. Alles zu dramatisieren. Umzudrehen. Falsch zu verstehen.

Goldammer und Fasan. Die rechte Hand klimpert. Pirol und auf dem Stück Wiese, dem ehemaligen Hühnergehege, steht Raps in voller Blüte. Das Schmerzmittel holt zum Schlag aus, die Stimme wird ruhiger, langsamer. Nur das Pochen in der Birne wird nicht weniger. Heute Nacht werde ich sicherlich „gut schlafen“. Und muss gerade noch daran denken, dass gerade meine Ärztin sich doch zu Beginn so sehr gegen die Idee der Epilepsie gewährt hatte. Man könnte es auch Demontage nennen, zwischen den Zeilen, ohne wirklich etwas ausgesagt zu haben. Das gesamte Gerüst, das Glaubenskonstrukt bricht zusammen. Aber was stelle ich mich so an? Dieser Prozess ist eben doch mehr als vertraut, kein Einzelfall… Um kurz über mich selbst zu schmunzeln, was für ein Wortwitz: „Einzel-FALL“…

6. Dezember 2016, Dienstag 19:35

58 um 7. Die Katastrophe weitet sich aus. Morgens gemeinsam mit Sebastian geduscht und anschließend nackt auf dem Sofa zu sitzen und den Anblick meiner Speckschwarte ertragen zu müssen, nicht auszuhalten. Am liebsten würde ich ein Profiskalpell mit Schmackes über dieses weiße Ungetüm ziehen…

Ein vergeudeter Tag. Wie befürchtet. Die Krämpfe ließen sich nicht eindämmen, trotz 5,2 mg Morphium nachts. Eine unruhige, lange Nacht und gefühlt wollte die 1 vor dem Doppelpunkt und der Minutenanzeige dahinter einfach nicht verschwinden. Die 2. Stunde des Tages zog sich in die Unendlichkeit. Ich vermochte mich nicht umzudrehen, musste ihn mindestens einmal aufwecken und um Hilfe bitten. Aber die einschießenden Spasmen zerstörten die neue Liegeposition ohnehin binnen Minuten. Also was blieb mir übrig? Morgens 4 mg Hydal retard. 1,5 h gemalt und dann bis zum Mittagessen auf dem Sofa geschlafen. Kaum hatte ich die Augen geschlossen, konnte ich nahtlos in die Traumwelt übertreten. Selbiges nach dem Mittagessen und 1:15 weiteren Stunden am Bild. Wenn der letzten halben Stunde mehrmals während dem Malprozess für Sekunden eingenickt. Mit dem Pinsel auf der Leinwand. Erneut 1 h hingelegt, ehe er nachhause kam. Was mache ich morgen? Ich wollte den Tag allein „genießen“ und ganz besonders wollte ich ihn für meine Aktivitäten „ausnutzen“. Etwas später nach dem Frühstück lediglich eine Tablette und abends dann 2? Obwohl ich seit 2 Tagen erneut auf 3 ganze Novalgin umgestiegen bin, sind Herr und Frau Ischias noch mehr angepisst.

Während ich mir selbst dabei zu hören, wie aus meinem Munde ein weiterer Schmerzbericht entsteht, brodelt in mir eine weitere Panikattacke deswegen. Ich hasse mich.

ABER gestern Abend beim Feilen an einem Fotobuch für meine Mutter eine kleine Dokumentation über Borderline laufen lassen. Schwarz-Weiß-Denken, Menschen in Gut und Böse einteilen… Das mache ich nicht. Hinter jedem Monstrum das Kind und dessen Traumata erahnen

20:10

Mir beinahe in die Hose machen. Beide Hände spastisch verkrampft und unbrauchbar, der Schwindel omnipräsent. Und nicht mehr schaffen… Sebastian möchte nachher mit mir einen Film kucken. 669:00 insgesamt. Das Bild wird nie fertig…