6. Juli 2018, Freitag „HEUTE ist Freitag!…“

8:30
59,3 Kilo um 6:45 Uhr. Wie gestern, wie vorgestern. Da geht man einmal nach über 20 Tagen aufs Klo und wiegt zwei Tage später einen Kilo mehr… Logik?
Es regnet. Dementsprechend hoch die „FluGtuation“ am Restaurant. Die Insekten bleiben zu Hause. Ich möchte eine riskante These aufstellen: Wetten, zu Mittag scheint wieder die Sonne?
Keine halbe Stunde mehr, dann habe ich Sitzung. Die vermutlich vorerst Letzte. Eine Pause ist angedacht. Nachts im Bett verlor sich mein Blick unentwegt im obersten Regalfach, dort, wo mindestens fünf Paar nagelneue Laufschuhe aufeinander gestapelt Staub ansetzen. Ein Fach weiter unten liegen weitere Modelle, kaum getragen. Den ganzen Ausflug über (bis auf das längere Stück mit den Schmerzen) musste ich ans Laufen denken. Aber wo sollte ich auch hinfahren, welche Strecken blieben mir denn, um nicht mit Erinnerungen konfrontiert zu werden?
Die Antwort ernüchternd: HIER definitiv keine Alternative! ALLES wurde abgelaufen!
Es ist Sommer! Zwangsläufig bin ich wieder mit diesem Verlust konfrontiert. Natürlich könnte ich aufhören, dabei auch noch mein altes Handy mitzunehmen, um damit die Musik von damals zu hören. Beim „Spaziergang“ brauchte ich sie aber. 45 Minuten waren möglich. Davon die letzten 15 nur noch Quälerei. Aber es war so heiß…
Trotz etwas mehr Bewegung, trotz neuer Stützstrümpfe, war es gerade Sebastian, der abends zu mir sagte: „Huch, du hast aber wieder ordentlich Wasser in den Füßen!“.
Der Witz nur: Mir wäre es erst gar nicht aufgefallen! Ist nicht er es, der die Situation permanent runterspielt, wenn ich mich darüber beklage, dass meine Gliedmaßen doppelt bis vierfach so dick geschwollen sind?
Der Körper setzt Funktionen aus, beginnt mit dem Abbau, stellenweise mit dem Sterbeprozess.
Stromkosten hin oder her: Nachts liege ich im Bett, die Matratze ist so weich, dass die Inkontinenzmatte unter mir permanent unbequeme Falten schlägt, kaum auszuhalten ist, aber fürs Wohlbefinden sorgen Ventilator und Heizstrahler -die kalte Luft für die krampfenden Beine und die warme für Oberkörper und eiskalte Hände. Wie in Kindertagen stelle ich mir vor, in einer eiskalten Nacht draußen irgendwo am Lagerfeuer zu liegen…

Aber das habe ich schon oft genug diktiert. Anstatt die Zeit so zu verschwenden, hätte ich die letzte Aufnahme schneiden können. Eine Katastrophe, teils vom Wind und größtenteils von Flugzeugen sabotiert. Ich könnte natürlich auch wieder damit anfangen, wie beschissen ich aussehe. Dass der Spiegel mitunter gnädiger zu mir ist.
Das erste Thema heute wird definitiv wieder diese Grunddebatte sein, warum er felsenfest davon überzeugt ist, es mit einer Multiplen zu tun zu haben. Wobei doch ich selbst immer den Eindruck gewinne, ich generiere Rumpelstilzchen regelrecht.
Vor über 1 Stunde noch hatte ich eine bessere Erklärung parat, traf den Nagel auf den Kopf als der Satz gerade eben. Aber er ist weg. Oder sagen wir so: Ich hatte mich in flagranti dabei erwischt, wie ich etwas dachte, das ich dann doch nicht denken durfte, es bedurfte einer Reaktion und rief mein vermeintliches Täterintrojekt auf den Plan. Gar nicht mal dahingehend, dass ich ihn eingeladen hätte, sondern wie ein Gerät eingeschaltet! Um dem Bild zu entsprechen! Den „Erwartungen“?!
Wie fühlt es sich an? Wie sollte es sich anfühlen? Laut Markus und dem viel zitierten DSM V, der wohl immer noch nicht offiziell beendet und veröffentlicht ist, genau so, wie ich es beschreibe. Dabei bleibt aber latent ein Vorwurf: Dass ich das alles nur fingiere, der Aufmerksamkeit wegen, um anders, besonders zu sein… Dabei ernte ich immer nur schräge Blicke, keiner nimmt mich ernst, wenn ich mich dahingehend oute. Also welche Form von „narzisstischer Zufuhr“ erhalte ich denn überhaupt, um diese Unterstellung zu rechtfertigen?
Keine?
Oder genügt es mir, in meiner Gedanken- und Fantasiewelt etwas Besonderes zu sein?…

18:15
„Der Körper soll dein Tempel sein“… Ich lach mich tot…
Mein Körper ist mein Erzfeind! Oder wie heute in der zweistündigen Sitzung von mir beschrieben: „Ich fühle mich wie ein Alien. Eine Art Energiewesen. Das Gehirn…? Ist ja auch etwas Physisches, also sagen wir, es ist das, was man landläufig als Seele bezeichnet. Und irgendjemand hat mich in diesen fremden Organismus gepflanzt. Ich kann mich damit nicht identifizieren! Es bleibt für mich ein „FREMD-Körper“.“.
Mittags 2 Stunden lang Krämpfe im linken Bein. Egal, wie oft ich aufstand und umherging. Egal, wie oft ich das Bein verprügelte. Egal, ob warme oder kalte Luft, und so war eben auch das Magnesium egal. Gezwungen, zum Morphium zu greifen…
So trat wenigstens nach einer halben Stunde endlich Frieden ein. Sebastian kam sehr spät nach Hause, es war bereits 15:00 Uhr. Während er schlief, war ich wach. Und als er noch kurz einkaufen fahren wollte, schlief ich ein. Dabei hielt es mein Ischias auf dem nagelneuen, schweineteuren Fernsehsessel nicht aus.

Ich lag da vielleicht 30 Minuten. Aber der Heizstrahler lief währenddessen. Als ich erwachte, traf mich regelrecht der Schlag! Mir war speiübel, als hätte ich wieder zu viel getrunken, mich mit Entwässerungstabletten voll gestopft und jegliche Elektrolyte ausgeschwemmt, und zugleich Mund, Zunge, Gaumen sowie Kehle dermaßen staubtrocken, als hätte ich die Namib durchquert…
Sein erster Kommentar: „Meine Güte! Ist das hier heiß! Als ich gerade die Tür geöffnet habe, war es so, als würde mich eine Wand erschlagen!“. Und so fühlte ich mich eben auch, als hätte ich mit meiner fortgeschrittenen MS in der prallen Sonne verschlafen; oder noch besser, 5 Stunden in einer Sauna gesessen… Völlig ausgeknockt, unbeweglich, instabil! Zu allem Überfluss hatte ich die Wasserflasche runtergeworfen und er kam genau im richtigen Augenblick zurück; ich hätte die riesengroße Pfütze nicht aufwischen können.

Ich hatte meiner Verdauung mit einem der beiden Einläufe vom Hausarzt gedroht. Das hat wohl „gefruchtet“. Bereits seit drei Tagen, ganz besonders heute fühlte sich mein dicker Bauch wie eine steinharte, schmerzende und erst recht druckempfindliche Kugel an! Als ich es endlich geschafft hatte, aufzustehen, drückte der Darm wohl auf die Blase…? Oder die Überdosis Wärme hat sich auf die jeweilige Stelle in meinem Hirn ausgewirkt, die für meine Inkontinenz verantwortlich ist?… Ein heftiger Blasenkrampf, ich pinkelt in die Hose… Bzw. und zum Glück in die große Einlage. Das, was dann auf dem Klo folgte, war wahrlich kein Spaß.
„Mit freundlichen Grüßen, Deine Opioide und Morphine!“. Und die fehlende Bewegung. Und die ungesunde Ernährung…? Jeden Tag, wenn es heißt: „Was möchtest du heute essen?“, da habe ich keinen Plan, vermag nicht darüber nachzudenken, habe auch eigentlich auf gar nichts Lust und wenn dann irgendetwas Essbares vor mir steht, dissoziiere ich eine kleine Ewigkeit über dem Menü, anstatt es mir in den Mund zu stecken. Oder esse einen Bissen und bin eigentlich schon satt…

WARUM NIMMST DU DANN NICHT AB, DU SAU??!!!

Die Sitzung heute hatte so viele wichtige Punkte angeschnitten, mein Analytiker so viele entscheidende Sätze von sich gegeben… Und ich mir nichts gemerkt!…
Natürlich habe ich wieder mit ihm darüber diskutiert, was es nun mit der Multiplen auf sich hat. Er nannte ein paar stichhaltige Argumente, die ich nicht abstreiten konnte. Aber vergessen! Alles, was mir in Erinnerung geblieben ist: „Das, was du da mit dir tust, ist eigentlich ein Verbrechen und du würdest dafür ins Gefängnis wandern, wenn du es mit jemand anderem tun würdest!“. Das saß. Und irgendwie und über Umwege, die erneut schlüssig waren, wollte er mir damit klarmachen, dass DAS ALLES schlicht und ergreifend für einen verdrängten sexuellen Missbrauch sprechen muss!

Was machte ich? Begann zu klimpern, das Hirn ging auf Stand-by.
Ebenso schlüssig die nächste Überlegung, gerade angesichts meines Zusammenbruchs vorletzte Nacht: „Vielleicht weiß deine Mutter wirklich nichts, aber da der Täter zu dir gesagt hat, das darfst du ihr nicht erzählen, das bringt sie um, hat er dir damit die Sterbefantasien in den Kopf gepflanzt, gerade angesichts ihres Verhaltens, was Krankheit und Tod betreffen, und dass du DANN irgendwann anfängst, auch sie abzulehnen, weil sie sterben zu sehen eigentlich dein gesamtes Leben verpfuscht hat, kein Wunder.“.

Und wieder sah ich diesen Satz im Nachwort des Buches „Ich war erst zwölf“ von einer Fachfrau, mit dem ich nicht gerechnet hatte, aber er stand da, wie eine Tatsache, wie etwas völlig Normales, Gängiges bei dieser Thematik, und ich habe mich mein gesamtes Leben gefragt, ob nur ich so gestört, bescheuert bin!!!
„Opfer von sexuellem Kindesmissbrauch glauben sehr häufig, ihre Mütter umzubringen, sehen sie sterben…“. In dem Kontext, würden sie der Mutter vom Missbrauch erzählen. Weil der Täter sie damit zum Schweigen gebracht hat. „Wenn die Mama das erfährt, bringe ich sie um!“. „Das darfst du der Mama nicht sagen, das bringt sie um!“.
Und wieder erläuterte Markus den gravierenden Unterschied zwischen zum Beispiel seinen Misshandlungen damals im Internat und meinen Reaktionen auf diverse Trigger: „Wenn ich den Film von der Kampusch sehe, fühle ich mit ihr. ABER in deinem Fall gehen gewisse Szenen wortwörtlich UNTER die Haut!!! Das ist bei mir nicht so, und das hat doch was zu bedeuten!! Und du wärst schon ein verdammt guter Schauspieler, wenn ich mich auf deine Videos beziehe, und du die DIS nur spielst! Und das kannst du dir auch nicht eingeredet haben, um dann bei diesem Thema so dermaßen körperlich zu reagieren!“…

Therapiepause. Bis zum 1. August. Sollte ich dekompensieren, etwas erinnern, bräuchte ich nur per Skype einen Notruf absetzen, man könne dann kurzfristig eine Notfallsitzung einberaumen. Aber der Sommer sei eine gute Zeit, mir etwas Gutes zu tun. Da hat er insofern recht, weil ich zu dieser Jahreszeit doch immer noch einen Restkrümel Selbstständigkeit allein durch den Umstand habe, niemanden zum An- und Ausziehen zu benötigen, wenn ich raus möchte. „Und die Natur ist für dich eine wichtige Ressource!“.

Ich würde gerne darüber nachdenken, wie es jetzt weitergehen soll. Denn es muss doch irgendwann etwas geschehen. Aber „ich darf nicht“. „Sobald du dich zu sehr mit dem Missbrauch, vermutlich mit dem Täter, also mit dem, was dir passiert sein könnte, auseinandersetzt, umso lauter wird Rumpelstilzchen. Auch wenn er behauptet, dir sei nichts passiert, müsse er sich dann ja nicht so ins Zeug legen… Oder nicht?“. Und: „Wenn du ein Problem damit hast, dann nenne es eben Egostate, oder noch besser: Ein abgespaltenes Gefühl! Aber ein Solches entsteht eben nur, wenn ein Missbrauch die kindliche Seele spaltet, widersprüchliche Gefühle sich nicht einsortieren lassen, um schlussendlich -zum Selbstschutz, um überleben zu können- abgespaltet zu werden!“.

Am Video weiter arbeiten. Aber ich weiß nicht wie. Es bedürfte noch einer Aufnahme, aber die Lichtbedingungen sind schlecht, ich fühle mich unansehnlich, nicht zumutbar und so dermaßen verwirrt oder vielleicht auch gelöscht im Schädel, dass ich davon überzeugt bin, nichts zu sagen zu haben…

19:14
Nächster Blasenkrampf…

19:42
Es hört nicht mehr auf zu krampfen. Harnwegsinfekt, Pilz, kalte Füße?
Mit dem Rollstuhl zum Sofa gefahren, um den Heizstrahler zu holen. Das Kabel verheddert, das Kabel zu kurz, beim Rangieren (und ich musste dazu noch das Kabel und die Fernbedienung der Heizdecke festhalten) kollidiert der rechte Fuß mit der Tür…
Eine überzeugendere Einladung für die nächsten Krämpfe gibt es wohl kaum!! Als ob das Krampfen im Unterleib nicht bereits ausschlaggebend genug sei…
Und ich bin wütend! Beschimpfe mich selbst! Lasse mich beschimpfen! Und bin stinksauer, wie ich so blöd sein konnte, das Haus so zu planen, wie ich es geplant hatte! Das soll ein großes Wohnzimmer sein? Geräumig und mit Platz für so einen klobigen Rollstuhl??
SO EIN SCHEISS!!!
Wenn die Beine nicht ohnehin von der warmen Luft erneut ihr perverses Treiben fortsetzen.

21:19
Mich anpissen…

Du fettes, dreckiges Ferkel!!!

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4. Juli 2018, Mittwoch

17:02
Mittags eine winzige Tütensuppe und Wassermelone, abends Reis mit Gemüse… 59,2 Kilo um 6:45 Uhr. Dankeschön… Ein Kilo mehr…

Den neuen Fernsehsessel ausprobiert und mal eben mindestens 2 Stunden darauf geschlafen. Schön und gut; aber das passt alles nicht zusammen; das Sofa halbiert, bringt das neue Möbelstück nichts als Unruhe in den Raum. Sieht noch unordentlicher aus. Kaum auszuhalten.
Den Mittwoch mit Freitag verwechselt, sagte ich doch allen ernstes zu Sebastian, als er mittags nach Hause kam: „Hast du die nächste Woche überstanden…?“. Weil er abends für 1 Stunde weg gehen will. Die Nachwehen der gestrigen Tablettenexkursion? Es passte einfach alles zusammen, als sei Freitag, und ich sah mich bereits heute Abend ganz lange am Video arbeiten.

Völlig verpeilt. Total neben der Spur. Ausblicke in ein Paralleluniversum. Nicht mehr wissen, wo ist unten und oben, wo Hier und Jetzt…
Links an der weißen Kunststoffverkleidung vom Rollstuhlreifen, unter dem sich der Motor verbirgt, eine Blutspur. Der nächste Tropfen auf dem Boden gelandet. Unfähig, es wegzuwischen. Als spiele es keine Rolle. Als sei ich dermaßen depressiv, dass mir alles egal ist.
Wollte ich nicht hinaus? Eine Runde fahren? Der Wind hatte mich abgeschreckt, aber augenblicklich scheint er doch nachgelassen zu haben… Mich wieder schlecht fühlen? Rein in den nächsten Zwiespalt? Als drohte bereits der Winter in den nächsten zwei Tagen damit, mich wieder für Monate ins Haus zu sperren? Wie bescheuert!
Aber wie ich hier so sitze, immer noch müde, fühle ich mich bereits wie in Beton gegossen. Unbeweglich. Die Psyche erstarrt. Der Körper tot. Die Augen glotzen ausdruckslos nach draußen, Dissoziation als Standarddroge.

Durchs offene Wohnzimmerfenster draußen irgendwo in Hausnähe den Schwarzspecht rufen hören. Früher wäre ich schon los, wäre längst draußen gewesen, in der unbelehrbaren Erwartung, ihn irgendwo sehen zu können. Aber Bewegung scheint meiner Natur zu widersprechen. Als hätte diese nie in meinem Dasein stattgefunden.

17:35
Sebastian badet, ich mit beiden Händen an den Rand geklammert, die Knie abgewinkelt, stützen sich an der verfliesten Wand der Wanne ab. Kann mich nicht halten, nicht aufrecht halten, die Beine brechen unter meinem Gewicht zusammen, als würde ich 200 Kilo wiegen…
Aber meine Haare müssen gewaschen werden…
Mehrmals kam es zu kritischen Situationen. Nach hinten fallen, mit dem Kopf in die Glastür der Dusche…?

Daran bist du selber schuld, du faule Sau!!!

Andere geben sich mehr Mühe. Andere kämpfen mehr. Ich mache gar nichts mehr. 15 Jahre lang gekämpft und jetzt ist der Ofen aus? Oder auch das ein Symptom der Depression…

Umso besser! Dann bringst du dich hoffentlich bald um!!!

Kopfschmerzen. Während ich da noch instabil und wackelig vor der Wanne stand, drängte sich mir ein Gedanke auf: „Diese ganzen Medikamente, mich damit abzuschießen, hat zu viele Nebenwirkungen, Nachwirkungen. Aber was bleibt mir denn sonst??…“.
Und ich sah die Rasierklinge.

Aber wenn du nicht einmal DAS richtig hinbekommst!!!

Null Alternativen. Außer mich wieder dermaßen in meine Suizidfantasien hineinzusteigern…

17:55
Er fährt. Ich bin allein, für mindestens eine Stunde. Die Abenddosis fällt beinahe „standardmäßig“ aus. Die einzigen Abweichungen wären ein Hydal 2,6 mg und statt 15 eben 20 Tropfen Tramal. Mich auf meine Standardmittel verlassen, als ob diese in letzter Zeit nicht auch zu massiver Spastik geführt hätten. Aber irgendwie, irgendetwas brauche ich…
Beim Anblick des Lichteinfalls, der kleinen Sonnenblume auf der Terrasse drifte ich wieder ab… Mich jetzt aufschlitzen? Später aufschlitzen? Oder mir diese Option für schlimmere Zustände aufheben?

18:47
Eine leichte Betäubung setzt ein…
ABER… WIE KONNTE ICH ES WAGEN, DIES ANZUMERKEN!!!

PANIK…

19:57

Panik und Betäubung liefern sich einen rasanten Schlagabtausch. Beim Kopieren der letzten Aufnahme die beiden Fotos von der Geburtstagsfeier gesehen…
Wenn überhaupt einen winzigen Augenblick lang, und das nur ganz klein, kaum zu erkennen… Aber ich sehe sie sterben! Ich sehe meine Mutter schon wieder sterben!!! Die Augen werden geflutet…

Die beiden Fotos vom T-Shirt, welches sie vor 20 Jahren, im für den Rest meines Lebens entscheidenden Jahr 1998, zum 50. Geburtstag bekommen hat.

Ich sterbe…
Aber viel zu langsam, es ist kaum zu ertragen!
Sebastian ist zurück, ist oben, wird noch ein bisschen brauchen. Panik, Dämpfung, Verlustängste, noch mehr Panik, weniger Dämpfung, noch viel mehr Verlustängste… Usw. und so fort!!!

Den Rollator umdrehen. Himmel! Wenn da mal jemand aus Versehen einen Blick hineinwirft… Was wird diese Person von mir denken? Auf Verständnis darf ich wohl kaum hoffen. Unzählige Tücher und ein großes Handtuch, Strumpfverbände… Und allesamt blutgetränkt…

Ich brauche…
Ich muss…
Es geht nicht anders…

Dabei meine rechte Hand völlig verkrampft, eine Faust, schwach und gelähmt, die Finger lassen sich ohne äußere Gewalteinwirkung nicht strecken.
Eine Faust ist jedoch allemal besser als ein Streckspasmus in meiner Rechten. Perfekt, um die Rasierklinge doch noch irgendwie zu halten.
Sicherheitshalber zu Beginn gleich den Strumpf überstreifen; meine liebe Not mit diesem lächerlichen Handgriff.
Draußen geht die Sonne unter. Lebenslänglich.

Du wertloses Stück Dreck!!!

Bei dem Gedanken, dass er wieder runterkommt und somit symbolisch den Tag beendet, kommt mir die Kotze hoch vor lauter würgender Angst. Wie ein Strick um meinen Hals, und am anderen Ende hängt Rumpelstilzchen, schaukelt wild hin und her, dabei wird er immer schwerer und schwerer…

Auf jedes Geräusch von oben achten…
Nervös…
Singdrossel und Amsel singen ihr allabendliches Requiem. Einmal tief durchatmen…
Den Kopf schütteln, als würde es jemand beobachten, als würde ich dies für irgendwen tun…

Wieder zu feige! Es tut mir leid. Sie stirbt. Stattdessen sollte ich abkratzen.
Bei jedem lächerlichen Schnitt automatisch, unwillkürlich, reflexartig die Luft anhalten…

Und es wird 20:17 Uhr und auch wenn die ersten vier Kratzer auf der wahrlich verbrauchten Unterseite kaum Anstalten machten, für mich zu weinen, tun es die weiteren vier auf der Oberseite umso mehr.
Dicke, dicke Blutperlen werden aus den fragilen Strichen gequetscht. Wehmut kommt auf… Ich hätte den Arm auf einen der wenigen Flecken vom Frottee legen sollen, der mir zumindest verraten hätte, ob ich meine Schuldigkeit zumindest ansatzweise getilgt habe.

Der dreckige Strumpf, obwohl noch vor drei Tagen nagelneu, rettet die Welt! Kaschiert, was keiner sehen will, was nicht sein darf, denn: „… anderen Menschen geht es so viel schlechter, verhungern, sind Kriegen ausgesetzt, und ich dämliche Kuh tue gerade so, als wäre gerade MIR IRGENDETWAS zugestoßen!!“…

NICHTS UND WIEDER NICHTS!!
Du kannst dich ja nicht einmal erinnern!!!

Erneut die wenigen Spuren von den rechten Fingern lecken. Gleich werde ich tief Luft holen und es wird sich anfühlen, als hätte ich die letzten 20 Minuten nicht mehr geatmet. Im besten Fall, und das hoffe ich inständig, wird sich zumindest für einen Augenblick so etwas ähnliches wie Frieden in meinem Schädel, in meinem ganzen Körper einnisten.
Ich hasse mich. Und ich halte meine Stimme nicht mehr aus…

21:22
Es glich einer Erlösung, als er meinte, noch bis 10 oben zu tun zu haben.
Aber was habe ich davon?
NATÜRLICH ist es unvernünftig, den ganzen Tag bewegungslos auf einer Stelle zu verharren!
NATÜRLICH ist es ungesund!

Hasstiraden erfüllen den Raum. Die Tastatur fällt runter. Sie nicht mehr aufheben können. ALLES wird zur Belastung! Der Saustall links von mir! Die Unordnung vor mir auf dem Tisch! Das Durcheinander rechts in der Küche! Der penetrante Gestank nach Essig, Salatsauce!!!
Mir wird schlecht! Immer schlechter!
Schmerzen! Schmerzen erfüllen den ganzen Körper! Dagegen sind die armseligen Kratzer ein Flohhusten!!! Der Rücken, die Verspannungen, Kopfschmerzen und erst recht der Ischias!!!
NICHTS GEHT! NICHTS FUNKTIONIERT! UND SCHEINBAR IST ES ZU VIEL VERLANGT, WENIGSTENS HIER SITZEN ZU WOLLEN UND MIT VIEL MÜHE, DEN LÄHMUNGEN UND WIDERSTÄNDEN ZUM TROTZ, EINIGERMASSEN PRODUKTIV ZU ARBEITEN, WENN DAS OHNEHIN DURCH DIE BESCHISSENEN UMSTÄNDE STÄNDIG VERZÖGERT, DOPPELT UND DREIFACH IN DIE LÄNGE GEZOGEN WIRD!!!
NICHTS UND WIEDER NICHTS!!!

Mein Dasein kotzt mich an. Da bietet sich einmal die Chance auf Ablenkung, ABER NICHT FÜR MICH! WIE KONNTE ICH ES NUR WAGEN, DIES ÜBERHAUPT IN ERWÄGUNG ZU ZIEHEN, FÜR MICH, MICH STÜCK SCHEISSE!!!!

Die Zeit verrinnt, rieselt mir durch die Finger und ich unfähig, auch nur eine Sekunde festzuhalten. Wie kann ich mir bloß anmaßen, dergleichen in Anspruch zu nehmen, zu fordern, nur darum zu bitten!!…

Es wird heiß. ZU heiß. Ich beginne zu schwitzen. Aber (auch wenn Sebastian nun sagen würde, dass das NICHTS damit zu tun hat) ZU DÄMLICH, den Ventilator einzuschalten.

Du beschissener Krüppel! Du bist eine Lachnummer! Eine Belastung! Bring es endlich zu Ende!!

Unfähig, den Ventilator aufzustellen, nachdem ich ihn umgeschmissen habe. Unfähig, ihn an irgendeiner Stelle in die Hände zu nehmen, festzuhalten!! Mein Schädel droht zu bersten, wenn ich mich bücke. Alles in mir drückt. Kopf, der Magen, die Gedärme, der Ischias.

Überzeugungsarbeit wird sozusagen geleistet.
Aber ich…-allmählich gehen mir die Worte aus, die auch nur ansatzweise beschreiben könnten, WIE wertlos und dreckig und nutzlos und belastend und beschissen usw. und so fort ich bin- …bleibe ernsthaft am Leben!

22:06
Immer noch allein. Mir ist schwindelig. Aber ich sollte dennoch ein paar Schritte gehen…

18. Juni 2018, Montag „Ein neuer Kreislauf…“

8:40
57,5 Kilo ohne Entwässerungstablette um 6:45 Uhr. Was sagte ich gestern beim Frühstück? „Oh je, siehst du das da am Schlauch?“; es doch tatsächlich wieder einmal gewagt, etwas Positives anzuerkennen: „Gestern noch war der Urin glasklar. Und nun sind da die ersten Trübstoffe… Das ist kein gutes Zeichen.“. Dann krampfte es zum ersten Mal. Und jetzt gerade hört es nicht mehr damit auf. Wegen dieser Botoxspritze anfragen? Oder macht diese überhaupt keinen Sinn, weil es die Krampflöser schon nicht schaffen?
Preiselbeersaft in mich hineinschütten. Spätestens morgen sehe ich mich wieder nach Oberwart pilgern. Mir wird jetzt schon schlecht.
Während ich diktiere weitere Musik runterladen. Dabei sollte ich mir bewusst machen, damit den ganzen Entstehungsprozess nur noch mehr zu verkomplizieren. Die Auswahl wird so noch umständlicher…

Der Traum heute Nacht war ganz versöhnlich. Ich war auf der Bundesstraße nach Königsdorf mit einem Lehrer und einer weiteren Schulkollegin mit einem Segelschiff unterwegs. Und jeder Ackerweg links oder rechts führte zu einer Insel. Definitiv waren wir auf Hawaii.
Und als ich mir soeben beim Sprechen auf die Zunge beiße, fällt mir ein, in einer Psychiatrie/einem Schulheim gelegen zu haben. Weil ich Anfälle hatte. Der derben Sorte. Aber da waren auch Millionen andere Anwärter für einen Therapieplatz; warum sollte also gerade ich vorgereiht werden? Ich versuchte zu erklären, was da mit mir passiert… Träumte ich mitten am Tag? Immer wieder sah ich Dinge auf mich zukommen, Ungeheuer, dunkle Gestalten, die mich vor Schreck erstarren ließen. Und ich war davon überzeugt: Das ist jetzt echt!! Oder noch viel schlimmer die Sache mit der Schlange… Aus heiterem Himmel spürte ich eine monströse Würgeschlange um meinen Hals, die ihren muskulösen Leib immer enger und enger um meine Kehle zog. Ich drohte zu ersticken, obwohl sie reine Einbildung war! Aber man nahm mich nicht ernst…

Mich dem Video widmen. Da sind 35 Minuten Material, die auseinandergenommen und wieder zusammengefügt werden müssen…

16:23
Wie kurz davor bin ich, den linken Unterarm wieder zu zerschneiden?

Manchmal gibt es Zufälle, die gibt es eigentlich nicht. Das Krampfen wurde immer heftiger…
Es klingelt an der Tür. Ich hatte doch den Termin für heute abgesagt. Ich hatte doch dem Taxiunternehmer gesagt, dass die Fahrt heute ausfällt, weil ich doch vor über zwei Wochen früher dort war als geplant.
Es war Josef, der Fahrer, um mich abzuholen. Und in der Tat hatte ich mit dem Gedanken gespielt, irgendwie nach Oberwart zu fahren, wenn das so weiter ginge. Umso besser. Erst recht, weil ich mir die Erwartungshaltung samt Panikzuständen so erspart habe.
Sogar im Krankenhaus stand mein Termin noch… War ich wirklich so blöd? Oder hat ein anderer geschlampt?
Mühselig und nicht zielführend.
Der Katheter wurde gewechselt, ein neues Urikult angelegt, zu dem noch ein pflanzliches Präparat verschrieben bekommen. Doch bei der Heimfahrt war Josef irgendwie mies gelaunt. Oder wieder nur Einbildung meinerseits, weil ich tatsächlich immer noch glaube, Einbildung sei auch eine Art Bildung??

Vor dem Mercedes entbrannte eine kurze Diskussion, als er mir unter die rechte Achsel griff und ich wohl „zu schroff (?)“ protestiert habe? Er für meinen Geschmack entnervt: „WO darf man dich ÜBERHAUPT noch ANFASSEN??“.
Dieselbe Debatte hatte ich wenige Minuten zuvor im Untersuchungsraum mit einer netten Schwester geführt. „An den Händen.“. Darauf begrabschte er mit seinen Händen hastig meine Oberarme, Unterarme und monierte seinerseits: „WIESO?! Das ist doch alles HAND!“.
Spätestens jetzt kippte die Situation, definitiv für mich, und aus Harmlos wurde Bedrohlich. „Nein?“, als würde ich mich mit einem einfältigen kleinen Kind unterhalten: „Das da oben sind meine OBERARME!! DAS meine Unterarme!! Da unten…“, und schüttelte meine Hände: „… DAS sind meine Hände!“.
Diese BESCHISSENE Unsitte in der österreichischen Dialektik, Arme als Hände und Beine als Füße zu bezeichnen!! Ich war definitiv bedient! Und saß im Taxi die ganze Heimfahrt über zusammengekauert an die Beifahrertür gepresst, meinen linken Arm so weit wie möglich von ihm weg haltend!
NATÜRLICH ist das wieder ganz allein MEIN Kopfkino!! Ich kann mir sonst wie viel Schuld an der Situation geben!! Mich ermahnen, Vernunft walten zu lassen!! Aber die Gefühlswelt hält nichts von Ratio, und ich fühlte mich dermaßen unwohl mit ihm im Auto… Kaum zu Hause der erste Weg ins Bad, Händewaschen. Und dann, als ich mich für die Ausfahrt mit Sonnencreme einschmieren wollte, als mir diese hinunter fiel und ich mehrfach versuchte, sie aufzuheben, sie mir aber ständig zwischen den Fingern entglitt, gaben auch noch die Knie nach und ich stürzte zum ersten Mal seit einer Ewigkeit auf den Rücken…

Wie konnte ich es auch nur wagen, in den letzten drei Tagen (genau wie im Fall der Blase) einmal den Gedanken zuzulassen, dass ich schon lange nicht mehr umgefallen sei. Noch besser: die Überheblichkeit! Ich dachte ernsthaft, jetzt nicht mehr so dumm zu sein und besser aufzupassen…

Du bist so dämlich!

Ich war kurz weg, es viel zu heiß, meine Füße brannten und mir war draußen auch irgendwie ganz anders. Mit jedem Stückchen näher zurück ans Haus nahm die Beschimpfungsfrequenz frappierend zu. Ein „nettes Wort“ nach dem anderen aus meinem eigenen Mund zu mir zurück oder direkt an mein Spiegelbild gerichtet!
Ich hätte mir das sparen sollen. Mein Rücken schmerzt. Vom Sitzen oder meinem UMfall? Meine Hände klimpern, ich fühle mich wieder im Sumpf der Lethargie gefangen. Das Bild wird nie fertig werden. Und ebenso wird es auch dem Video ergehen…

Offiziell verbleiben mir noch etwa 20 Minuten, bis mit Sebastian zu rechnen ist. Ich will, ich kann nichts…

Mich zum Sofa schleppen und dort dahin schmelzen…

Was für eine träge, fette Sau!!!

Man frage bloß nicht, wie ich mich fühlte, als die zierliche Daniela mich wieder auf die Beine stellte… Zum Glück war sie noch da…


20:06
Heilige Scheiße!!
WAS WAR DAS GERADE?????

Ich bin immer noch 9, bin immer noch im Gasthaus, RIECHE das Gasthaus. Exakt dasselbe Licht, aber es ist nicht abends, es ist morgens, vormittags an einem Mittwoch, Ruhetag und ich in der riesen Burg ganz allein…

Ich fragte Markus: „Weißt du in etwa WANN ich gesagt habe, jetzt geht’s los??“.
„Vor etwa einer halben Stunde…“.
MEINE FRESSE!!!
Die Blase verkrampft sich schmerzhaft, aber ich vermag partout nicht die kleine gelbe Tablette aus der Blechdose zu fischen. Meine linke Hand völlig verkrampft, die rechte nicht minder gelähmt.
„Leider muss ich dir sagen, dass diese Somatisierungen in nächster Zeit wohl zunehmen werden.“, mein Analytiker trocken.
Das heißt, um etwa 19:30 Uhr bin ich plötzlich weggetreten und vermochte genau wie gestern diese Tatsache ins Off hinein kundzutun. Darauf folgten, wie von mir gestern gewünscht, konkrete Fragen. Eine Reise zurück in meine Kindheit. Eine Reise durch die große Burg, durch das kleine Häuschen meiner Oma. Gerüche, Geschmack, Geräusche. Tatsachen tauchten auf, die ich so nicht mehr auf dem Schirm hatte.

[…]

Mir ist schlecht. Mein Schädel dröhnt. Irgendwie immer noch weggetreten.
Was ich als Erstes gesehen hätte, hat er gefragt…
Als würde man auf meinen Kopf schauen. Die Schädelplatte entfernt. Aber der freigelegte Schädel ergibt keine Kontur, hat Löcher. Ich sehe darin die Neun liegen. Ich verschiebe die Konturen, die Neun hat eine Kurve und lässt sich perfekt einfügen. Zugleich hat sie aber auch ein Auge, und dieses ist blind. Die Acht hingegen erscheint friedlicher…
Er meinte, die Acht wäre ja 2 × 4, also meine vermeintliche „Glückszahl“. „Die Acht hat gleich zwei blinde Augen. Aber man kann sie zumindest durchmalen, sie ergibt einen geschlossenen Kreislauf, den man nachzeichnen kann, bis man sich in Trance versetzt, sich selbst beruhigt. Aber die Neun wie kastriert, wie abgeschnitten…“. Und was sich mir noch aufdrängte, war folgender Gedanke, den ich auch aussprach: „Sie sieht aber auch aus wie ein Spermium…“.

Das Programm vermag das Wort nicht zu schreiben. Kann es „nur“ ein Zufall sein, dass bei Öffnen der Korrektur das richtige Wort auf Platz 4 steht????

Die Neun sei beängstigend. Mein Alter?
Ich bin regelrecht verstört. Neben der Spur. Und ich will nur noch die Glotze anschmeißen und aufhören zu denken…

16. Juni 2018, Samstag „Mein Gefühl sagt mir…“

18:12
Morgens waren es 57,5 Kilo. Ich fühle Panik. Weil sich Besuch sporadisch angekündigt, aber das Telefon bis jetzt noch nicht geklingelt hat.
Vormittags waren wir wieder bei einer Shoppingtour, Feldbach. Im Möbelladen so einen elektrischen Sofasessel angeguckt. Beschlossene Sache: So ein Ding wird bestellt! Verfügt sogar über eine Aufstehhilfe!
Hilft aber nicht über die Panik hinweg. Wird dadurch vermutlich eher noch mehr geschürt. Wieder Geld ausgeben? Keine Ahnung, wie es auf meinem Konto aussieht?

[…..]

Dieser kleine Ausflug in die Verwandtschaft, dank Sebastians Erzählung, genügte wieder. So viel zur Fragestellung gestern in der Sitzung, was ich mir eher vorstellen kann: Wie von Rumpelstilzchen gefordert „einfach normal sein“ oder Kontaktsperre? Und dann halte ICH mich für verrückt? Wer besitzt hier mehr Selbstreflektion?
Soviel ist sicher: Ich brauche jetzt etwas, von irgendetwas etwas mehr… Abenddosis…

Es wird 18:34. Kein Gilenya mehr in der Dose. Acht Schuss vom Tramal. Im zweiten Möbelmarkt sprach mich unverwandt eine ältere Dame von hinten an, nachdem wir gerade den Lift verlassen hatten: „Entschuldigung, darf ich Sie etwas fragen? Sie haben keine MS, oder? Nein, ganz sicher nicht…“. Ich musste mit dem Rollstuhl erst eine Chicagowende vornehmen, um sie sehen zu können: „Doch…“. Daraufhin begann sie gleich zu erzählen, von ihrem Sohn, der sei 50, und ihm ginge es gar nicht gut, dass sie unablässig am „Studieren“ (wie man hier in Österreich zum Grübeln sagt) sei, wieso und weshalb und warum, und erst recht warum es noch nicht längst eine Heilung gibt. Dann überraschte sie mich. Ich meinte nur, in meinem Fall gäbe es wohl eine große psychosomatische Überschneidung, worauf sie sagte: „Ob Kind oder Jugendlicher, egal. Alles, was dir da passiert, schleppst du den Rest deines Lebens mit dir mit…“.
Und wieder sitze ich für meinen Teil hier und frage mich, warum ich mich seit frühesten Kindertagen so schuldig fühle. Was muss ich getan haben, dass in mir das Gefühl entstand, nicht leben zu dürfen?
Erneut hatte ich mich an Markus aufgerieben; schlussendlich geweint. Der Witz ist: Ich weiß jetzt nicht mehr an welcher Stelle ich zusammengebrochen bin. Lediglich das weiß ich noch, abends allein (Sebastian war mit seinen Freunden weg) „Tote Mädchen lügen nicht“, die neue Staffel, geguckt zu haben. Und als die erste Folge zu Ende war, brach ich ohne Vorwarnung in Tränen aus. Wegen dem Satz im Abspann, dass man sich Hilfe suchen soll, wenn man mit Mobbing, sexuellem Missbrauch, Selbstmordgedanken zu tun hat, mit Adresse anbei?
Nach der zweiten Folge dasselbe Bild.

WARUM DARF ICH ES NICHT ZULASSEN??? WARUM WIRFT MIR DIE STIMME IN MEINEM KOPF VOR, ICH WÜRDE MIR ALLES NUR EINBILDEN, UM AUFMERKSAMKEIT ZU ERHEISCHEN, DA SEI NICHTS GESCHEHEN??!!! ZUGLEICH ABER AUCH, DASS ES AM BESTEN WÄRE, ICH BRÄCHTE MICH UM!! ZUM WOHLE ALLER!!!…

Mein Gefühl sagt mir, wegen den letzten Tagen am Video bereits den ganzen Juni verpasst zu haben. Bald wäre Sommersonnenwende, und dann ohnehin die Hälfte des Jahres vorbei und somit ALLES hinfällig, verpasst, tot.
Augenblicklich wie hier drinnen im Haus gefangen. Warum fahre ich nicht hinaus? Heute scheint die Sonne wieder, ist es draußen doch so schön. Als wir von unserem Einkauf zurückkamen, kaum war ich dem Auto entstiegen, präsentierten sich mir wie bestellt gleich zwei wunderschöne Insekten, wie auf dem Präsentierteller, direkt vor mir. Letzteres war ein Trauerfalter, der sich nun wunderschön den Brombeerenblättern niederließ und filmen ließ.
Bereits da packte mich die Wehmut. Aber ich ziehe keine Konsequenzen draus (schon wieder nicht), denn ich hatte ihn ja gebeten, mir Tee zu machen.
Morgen soll es schön werden. Sommerliche Temperaturen. Ich freue mich jetzt schon auf die geschwollenen Beine. Und einen weiteren Tag mit der Auseinandersetzung, wann ich mich wieder verletzen muss…

19. Mai 2018, Samstag „Träume sind Schäume…?“

12:08
58,9 Kilo. Viel zu spät, erst um 10 aus dem Bett. Die Feldsperlinge samt erster Brut haben gestern den Futtersilo binnen weniger Minuten komplett entleert. Auf der einen Seite gibt es Hirse, Wellensittichfutter, was sie fressen können, und auf der anderen Seite ungeschälte Sonnenblumenkerne. Aber was machen die kleinen Monster, wie gewohnt? Wie kleine Bagger schaufeln sie unten die Kerne aus dem Schälchen, auf der Suche nach etwas Fressbarem, finden nichts, graben weiter und nun liegt der gesamte Inhalt der einen Hälfte vom Silo auf der Holzplatte, im Regen. Um dort wunderbar zu schimmeln.

Sebastian hatte es mit der Sonnencreme etwas zu gut gemeint. Geplant war, ich fahre hinters Haus, halte rasch meinen Traum fest, ehe er völlig auseinanderfällt (genau deswegen bin ich auch so lange im Bett geblieben, um ihn mir wieder und wieder mit geschlossenen Augen durch den Kopf gehen zu lassen). Anschließend mit dem Rollstuhl nach Jennersdorf, vorbei am Mehrparteienhaus, Ausschau halten, ob ich dieses Mal Eltern oder Jungtiere vor die Linse bekomme. Er schleppte mir gerade alles nach draußen, Wasserflasche, Notebook und sogar einen Zeichenblock…

Alles scheint sich gegen mich zu stellen! Alles!

Da bist du ganz alleine schuld dran!!

ZU verkrüppelt für alles!!! Und natürlich!! Jetzt grinst die Sonne wieder blöd vom Himmel!!

Kaum war er draußen, kaum fuhr ich los, begann es zu regnen! Zu schütten! Alles zurück ins Haus, um jetzt wieder den inneren Kampf auszufechten, was ich nicht alles draußen verpasse, dass ich draußen sein müsse… Und die Unruhe kommt auf Temperatur!
Die fette Schicht Sonnencreme auf meiner Visage kaum ertragen. Wenn ich mich nun nur lange genug hineinsteigere, bin ich der Überzeugung, keine Luft mehr zu bekommen, unter dem Fett zu ersticken!
Gestern zusammen mit Sonja wurde auch ein Rätsel gelöst. Ich wunderte mich, warum der Vogel mit dem explodierten Auge nun plötzlich ein Männchen war. Machte Scherze über eine verunglückte Geschlechtsumwandlung, von wegen Augapfel als Testikel oder so. Da tauchte die Meise vermeintlich wieder auf, das explodierte Auge nun aber auf der anderen Seite! Und wieder weiblich! Also gibt es zwei Kohlmeisen, ein Männchen und ein Weibchen. Waren die beiden Zwillinge in einem Ei, am Kopf zusammengewachsen? Gestern beim Katalogisieren der neuen Aufnahmen einen genauen Blick auf die Verunstaltung werfen dürfen… Ganz schön ekelhaft!

Aber tut dem nun nichts zur Sache! Dabei geht nur wieder der Traum verloren! Womit fing die Geschichte an?
Ich wohnte im Gasthaus. Wer hätte DAS für möglich gehalten?! Der Dachboden war ausgebaut, der Dachboden verfügte über ganz neue Dimensionen, ein riesiger Komplex, beinahe wie bei der Reha. Aus irgendeinem Grund wurden Hunderte von Kindern im Haus einquartiert, Notunterkunft (vermutlich wegen den Nachrichten kurz vor Mitternacht, dass es in den USA erneut zu einer Schulschießerei gekommen sei). Ich schämte mich. Das waren alles Schulkollegen von mir. Alle Altersstufen. Und ein Mädchen, sie heißt Michaela, musste bei mir im Zimmer schlafen. Ich hatte in den Jahren, Hauptschule und Gymnasium, so gut wie nichts mit ihr zu tun. Mir fällt nicht einmal ihr Nachname ein. Sie schlief auf meinem Bett und ich auf dem Fußboden. Mein Bett war so dermaßen hart, sie bekam Rückenschmerzen und ich schämte mich. Es dauerte auch eine Ewigkeit, ehe wir zum ersten Mal ins Gespräch kamen. Sie fand auch den Gedanken ekelhaft, mit mir eine Zahnbürste zu teilen. Ein anderer Schulkollege hingegen hatte da weniger Probleme, wollte sogar einen Aufsatz benutzen, den ich bereits mehrmals in Gebrauch gehabt hatte. Sie ekelte sich vor vielen Dingen in unserem Haus, in meinem Leben. Erst da musste ich bemerken, dass mein Dasein nicht so normal war, wie ich bis dato dachte.
Wir sollten uns umziehen. Aus dem Fenster konnte ich aber sehen, dass im Hühnergehege der Nachbarn gegenüber ein alter Bauer aus dem Dorf saß. Graue Haare, grauer Schnauzbart, eine riesengroße Knollennase. Und er beobachtete mich, eindeutig. Ich zog den Vorhang vor, zumindest zur Hälfte. Und sagte wohl ziemlich laut, dass der Typ ein Perverser sein müsse. Wie und warum er es hörte, weiß ich nicht. Er brüllte irgendwelche Beschimpfungen zurück. Ich konterte, lautstark, in meiner Mundart. Darauf titulierte er mich als Hure, eben genau so eine Hure wie meine Mutter!!
Er stampfte wutentbrannt von dannen und erzählte im ganzen Dorf herum, ich würde wie ein Flittchen am Fenster meines Kinderzimmers die Hüllen fallen lassen, und ich dachte, ich könne nie wieder mit dem Rollstuhl normal durchs Dorf fahren. MIR würde ja niemand glauben! Ich suchte in meinem Schrank, aber da waren keine Klamotten mehr (an diesem Punkt stellt sich Panik bei mir ein). Scheinbar hatte sich meine Mutter meine ganzen Sachen gekrallt. Ich ging auf den Dachboden, der nun zwei Stockwerke umfasste. Dort waren die andern Schulkinder untergebracht. Ich fand einen Raum, der dem Dachboden hier im Haus gleicht, aber zugleich vom Lichteinfall her dieselbe Stimmung hat wie jener im Gasthaus. Dort stand ein Schrank. Darin meine ganzen Sachen, meine ganzen Klamotten!! Meine Mutter sagte, nach meinem Selbstmordversuch hätte sie die alle aufgehoben. Alles fein säuberlich zusammengelegt, und ich wühlte darin herum wie eine Wildsau. Ich fand auch noch andere Utensilien, mein Notebook und derlei Krimskrams; am besten alles auf einmal mitnehmen, schlussendlich war es ja MEIN EIGENTUM! Sie stand immer noch hinter mir, beobachtete genau, was ich machte. Der Raum war plötzlich leer, nur sie und ich. Und die Erinnerung, dass da zuvor kleine Kinder gewesen sein müssen. Wie eine Einblendung, eine Rückblende. Kleine Mädchen, fünf oder sechs Jahre alt, saßen da auf dem Estrichboden. Und eine schwarze Gestalt hatte ihnen Überraschungseier geschenkt. Nachdem sie das getan hatten, was der Schatten von ihnen wollte. Zurückgeblieben lediglich die gelben Plastikkapseln mit dem Spielzeug darin. Die erste Figur in einer der Kapseln, und ich weiß nicht mehr genau, wie diese aussah, sprach bereits Bände! Erst recht die in der zweiten Kapsel, und noch viel mehr die Zeichnung, die selbstgemalte Grußkarte, die neben dieser lag…
Dazu muss erwähnt werden, gestern eine Dokumentation über jugendliche Mörderinnen gesehen zu haben, und die jüngste, damals gerade mal 11, hatte grausige Zeichnungen angefertigt, ehe sie damit anfing, erst nur Tiere zu töten und dann eben auch Menschen.
Also von diesen Zeichnungen inspiriert, auf dem Fetzen Papier ein kryptisch-kindliches Bild von einem Menschen, wohl einer Frau mit Rock, und noch wahrscheinlicher vom Mädchen selbst…
Und tatsächlich! Da setzt der Lochfraß ein!! Ganz zu schweigen davon, dass ich vermutlich unfähig bin, auch nur einen Strich zu zeichnen, dabei hatte sich mir das Bild doch so dermaßen eingebrannt und jetzt, augenblicklich löst es sich vor meinem inneren Auge auf!!! Ich hätte morgens, gleich nach dem Erwachen eine Skizze anfertigen sollen!
Aber ich will es versuchen: Also das Mädchen steht rechts, von der Seite. Das Mädchen hat unten am Rock scheinbar einen Penis. Und von links kommt eine Schlange angekrochen, bäumt sich vor dem Mädchen auf, gibt ihm einen Kuss. Ich „glaube zumindest“, aus dem Penis tropft etwas. Und oben drüber geschrieben in kindlicher Krakelschrift: „Danke. Es schmeckte wie Sahne“.

Ich sah dieses Bild und mir wurde speiübel. Waren da bereits andere Opfer? Oder war ich das als Kind?
Die Kinder hatte man längst, vor Jahren schon, weggebracht. Die Kinder waren zu klein, um zu wissen, was da mit ihnen geschieht. Sie haben es schlicht und ergreifend VERGESSEN…
Ich versuchte zu fliehen, wegzulaufen, die Straße runter… [….]

Um seltsamerweise in Jennersdorf anzukommen. Dort, wo zumindest in meinem Traum lauter Arztpraxen waren. Da waren auch Bonzen und Ärzte, vor allem mein Hausarzt aus Kindertagen, den ich später gehasst habe, ob seiner anzügliche Bemerkungen im Gymnasium mir gegenüber, die allesamt Teil eines Kinderpornorings waren! Und alle hatten sie sich bedient auf dem Dachboden im Gasthaus!! Kinder wurden in Kofferräume gestopft von riesengroßen Edelkarren. Wie Waren. Und der kriminelle Sauhaufen machte sich soeben aus dem Staub…
Die nächste Szene, die ich sehe, spielt sich vor der Reha-Klinik ab. Die Konkurrenzklinik davor steht lichterloh in Flammen. Aber die unzähligen Menschen auf der Straße, auf dem Gehsteig schert das nicht. Scheinbar ist Silvester, im Sommer, da läuft Techno, alle tanzen und ich kann mich ebenfalls dem Rhythmus nicht entziehen. Außerdem entstehen so geniale Aufnahmen mit der Kamera, beinahe postapokalyptisch, mit der brennenden Anstalt im Hintergrund…
Als ich mich in der Klinik anmelden will, ich flüchte regelrecht in diese, habe ich alles vergessen. Ich weiß nicht mehr, bei welchem Pult ich mich anstellen muss, ob ich zahlen muss oder nicht, und scheinbar habe ich einen Erlagschein nicht unterschrieben. Ich entschuldige mich damit, seit Jahren keinen mehr ausgefüllt zu haben und deswegen nicht mehr zu wissen, wie das geht…

Was nicht unerwähnt bleiben soll: Nachts konnte ich vernünftig gehen. Für meine Verhältnisse. Ich räumte sogar in der Küche ein wenig auf.
Um dann heute, ohne die Hände noch irgendwie in Anspruch genommen zu haben, nicht einmal das Notebook aufklappen zu können. Mein Rücken schmerzt. Der Hintern schmerzt. Und ich will diese Zeichnung machen… Aber besteht die Blockade lediglich der Angst wegen, zu versagen, nicht zu können, oder eben vielleicht auch, „weil ich nicht darf“? Und es sei definitiv ebenfalls erwähnt, dass die Zeichnungen dieser schizophrenen Mörderin nichts mit dem Bild zu tun hatten, welches ich in meinem Traum sah. Lediglich bis auf die kindliche Abbildung einer Frau im Rock. Aber ich hocke hier, völlig erstarrt, die Hände wie auf den Schoß gepflastert, den Zeichenblock vor mir und ich komme nicht zu Potte!…

16:22
Rasenmäher, Flugzeug, Rasenmäher. Im Supermarkt damit gekämpft, nicht in Tränen auszubrechen. Im Auto spätestens die Kontrolle verloren, als ich mich für mein Verhalten im ersten Supermarkt entschuldige.
Aber nicht einmal weinen kann! Unverzüglich brannten die Augen, als seien meine Tränen ätzende Säure!

WIE DEINE MUTTER!!!

Meine Mutter hatte sich immer die Augen gerieben, „zu wenig Tränenflüssigkeit“ lautete die Diagnose.

Der Reihe nach. Ich wollte also nach Jennersdorf, und scheiterte bereits am Schuhregal. 10 Minuten um den linken Schuh zu verschließen!! Ein Donnerwetter ging auf mich hernieder. Und draußen? Eiskalter Wind. Sonne, keine Sonne, Sonne, schwarze Wolken.
Also dachte ich: „O.k.! Ich bleibe hier und filme, was mir vor die Nase kommt!“. In der Weide neben dem quadratischen Wannenteich lauter Schwanzmeisen, fütterten ihre Jungschar. Und ich zu dumm, die Kamera zu halten!!! Alles ging schief!!! ALLES!!!!…

Bring dich um.

Ich bring mich um.

Ins Haus gefahren, 2 mg Hydal, „nur“ die Retardfassung. Sebastian mitgeteilt, dass ich noch da sei, ob er nicht jetzt fahren möchte. 10 Minuten später war er unten. In diesen 10 Minuten war noch mehr schief gegangen. Und warum?! Weil ich ein beschissener Krüppel geworden bin, der eigentlich gar nicht mehr allein zu Hause bleiben kann, weil er nichts hinbekommt! Doch, ich könnte den ganzen Tag auf dem Sofa sitzen bleiben. Aber von wegen Selbstständigkeit, kümmerliche Reste eines eigenständigen Lebens… VERGISS ES!!! WARUM NICHT GLEICH IN EIN HEIM?!!!

Im ersten Supermarkt war er mehr mit seinem Handy beschäftigt. Und der erste Artikel, den ich in die Hand nahm, die Strauchtomaten, landeten SELBSTVERSTÄNDLICH auf dem Boden! Er wollte den morgigen Tag planen, ein Kinobesuch steht an. Er hörte mir überhaupt nicht zu, was wir benötigen, was uns fehlt, was wir kaufen müssen… Und ich dämliches Stück Scheiße allein nicht in der Lage auch nur irgendetwas anzufassen! Da war ich kurz davor, ihn anzuschreien!

Und alles nur, weil ich dermaßen am ENDE bin!
Im nächsten Supermarkt kam von hinten plötzlich eine Dame, berührte mich vorsichtig an der Schulter, begrüßte mich, und ich sah sie an wie eine Kaulquappe! Ich entschuldigte mich, ich könne mich nicht erinnern…
„Wir haben uns damals an der Raab getroffen. Da warst du dem Rollator spazieren…“. Ich dachte angestrengt nach, aber erst beim zweiten Satz klingelte es leise: „Ich kenne dich noch vom Laufen. Ich wohne in Rax und du bist jeden Tag vorbeigerannt…“.
Hastig verabschiedete sie sich, sie hatte ja Sachen auf dem Laufband an der Kasse liegen. Ich sank in mich zusammen. Ich meine mich nun zumindest an die Depression nach diesem Ausflug und Kennenlernen erinnern zu können.

Wieder im Auto wollte ich mich erklären, mein Verhalten, dass ich dermaßen am Verzweifeln sei. Aber er hat es wohl nicht verstanden, dass es der Versuch einer Entschuldigung war und zugleich ihn über den Schweregrad meiner Krise in Kenntnis zu setzen. Er stattdessen sagte, warum er so viel ins Handy gekuckt hätte. Und bemerkte vermutlich nicht einmal, dass ich in Tränen ausbrach. Spätestens als ich mir vor Schmerz die Augen rieb, musste dieser Kommentar sein: „Selbst zum Weinen zu dämlich!!“.

Es ist ihm zu viel. Erst recht meine permanenten Zerstörungsankündigungen. Mit meinem Eis in der Hand: „Es wäre besser, es gäbe einen Menschen weniger, der in Form von Palmöl Orang Utan-Blut konsumiert und die Welt zugrunde richtet.“.

Als wir vor all dem im Dorf angekommen waren, auf dem Parkplatz vom ersten Markt, die Autos, die Leute mit den Einkaufswägen… Ereilte mich eine FETTE Derealisation. Nichts ergab mehr Sinn! Und der Wunsch, zu sterben, nur noch lauter.
Ein Wort hat sich mir eingebrannt, passend zum ganzen Tag: WERTLOS. ICH bin WERTLOS!! Zu nichts mehr zu gebrauchen!!

Man solle mich nun bitte nicht falsch verstehen. Diese Ansichten gelten nicht für andere Menschen. Es geht hier lediglich NUR UM MICH, MICH, DAS WERTLOSE STÜCK SCHEISSE!! Ich schämte mich für mich selbst, in Grund und Boden, wie ich aussehe, mit dieser Akne überzogen… Ein einziges Minenfeld! Und alles mache ich falsch! Auch jetzt sitze ich tatenlos vor dem Zeichenblock…
Kaum zu Hause, 2,6 mg Hydal. Ich warte auf dessen Wirkung. Kann ich sitzen, der Körper überzogen mit Schmerzen. Die Schnauze voll.

21:04
Schlussendlich gezeichnet, was ich gesehen habe. In mir löste es einiges aus. Sebastian hingegen: „Aha…“.

2018-05-19

16. Mai 2018, Mittwoch „Alles läuft schief…“

09:13
59 Kilo um 6:45 Uhr. Seit ich hier am Computer sitze, entgleitet mir alles. Nach dem Frühstück ein Räucherstäbchen angesteckt, wollte doch eigentlich nur nachsehen, wie diese bei den Ingredienzen angeführte „Champa-Blüte“ aussehen soll. Da waren noch unzählige Registerkarten offen von gestern, von der letzten Suche nach Benzos? Bleibe erst einmal wieder bei dem Artikel hängen, sehe die Auflistung von diversen Wirkstoffen, Untergruppen, Narkosemitteln. Von dort aus weiter gesucht, mit Hauptaugenmerk auf eben Narkotika. Ganz wichtig: Überdosierung. Von dort aus weiter zum Sänger von Linkin Park, zum Sänger von Soundgarden, während die Zeit weiter und weiter läuft. Erst ganz am Schluss sehe ich mir das Gewächs an.

Als ich dann endlich die nötigen Fotos und die Stoppuhr öffne, funktioniert letztere nicht mehr. Das war doch bereits gestern so… Die nächsten 10 Minuten verstreichen, ehe ich sie wieder vermeintlich hergestellt habe. Aber aus den Einstellungen ausgestiegen, übernimmt er diese nicht aufs Programm. Den Computer neu starten, Trommelwirbel… Pustekuchen. Zu allem Übel scheint auch noch die Sonne zum Vorschein zu kommen. Natürlich bin ich von gestern noch ordnungsgemäß bedient; musste nachts mit dem Rollstuhl ins Bett fahren, konnte keinen Fuß mehr vor den anderen setzen, und ebenso morgens mit meinem schwarzen Ferrari ins Bad und dann ins Wohnzimmer kullern. Die Vernunft gebietet, diesen Rausch nun mindestens zwei Tage lang verrauchen zu lassen. Im Beipackzettel vom Kortisonspray steht mitunter als häufige Nebenwirkung „Nesselausschlag“. Nicht mehr vor noch zurück wissen. Was ist richtig und was ist falsch, sehe ich doch gelinde gesagt ausreichend zum Kotzen aus! Ob nun Cortison oder Sonnencreme oder einfach nur Sonnenausschlag oder weil ich so eine fette Sau bin, deren Haut den Eindruck erweckt, als würde ich sie seit Tagen mit einer dicken Schicht ranzigem Frittierfett einschmieren!! Ich bin so ekelhaft, die Visage kaum gewaschen, glänzt sie erneut wie ein frischgebackener Krapfen.
Jetzt ist es eben soweit! War es ein Fehler, mich per Mail mit Mieke über einen möglichen Vormittagsbesuch zu unterhalten? Der an diesem Tag zumindest das Malen schon mal abhaken würde?

Und nun wahrscheinlich viel fataler, mit dem Tagebuch begonnen zu haben… Meine Gedanken, jeder meiner Gedanken will nun wieder „zu Papier“ gebracht werden, jeder Anteil von mir will seinen Senf dazu geben…

Es verstreichen sage und schreibe 5 Minuten, nur für das Foto der aktuellen Entwicklung am Gemälde. Der Buntspecht würde gerne ans kalte Buffet, aber direkt davor auf der Bank im Wohnzimmer sitzt Fine und putzt sich das Fell. Die Farbschalen öffnen, die Kleckse befeuchten, die Pinsel in die Hand nehmen, obwohl ich längst Schlimmeres im Sinn hatte. Angefangen bei irgendwelchen Medikamenten bis hin zur Rasierklinge. Selbst Rumpelstilzchen bläut mir ein, dass es viel zu spät ist. Er will, dass ich meinen speziellen Musikordner öffne und mich abschieße.

Dezente Kopfschmerzen, während draußen der Himmel allmählich blau wird. Alles an und in mir wehrt sich dagegen, jetzt zu arbeiten. Am besten einen Pullover anziehen und mit der Kamera raus, bevor ich alles verpasse! Oder den Comic fürs neue Projekt zeichnen…
Zugleich aber…

DU WIRST NIE FERTIG WERDEN!!! ES IST VORBEI, GIB AUF!!!

Markus wollte von mir wissen, welche Qualität die Blockade in mir hat. Wie sie sich anfühlt. Depressiv? Oder von Ängsten genährt, zu versagen, schlussendlich wieder mit der Lähmung konfrontiert zu sein?! Oder bin ich tatsächlich nur ein faules Stück Scheiße??? Was bedeutet dieses „Ich kann nicht!“?
Ich weiß es nicht? Ich würde mich auch jetzt lieber aufschlitzen, als Farbe auf die Leinwand zu bringen. Was ist das für eine seltsame Alternative? In mir sperrt sich alles gegen die Aufgabe! Noch klimpert die Rechte… Aber mir droht alsbald ein böses Ende…

VON WEGEN!! DAZU MÜSSTEST DU ES ERST EINMAL RICHTIG MACHEN!!! Da ist so viel Speck!… Es kann doch nicht so schwer sein, tiefer in diese wertlose Masse hinein zu schneiden!!!

Alsbald wird es 10:00 Uhr. Beide Hände klimpern. Die Schälchen wieder bedecken, wiederum auf die Schälchen ein weißes Tuch breiten, damit die Sonne die Farbe darunter nicht austrocknen kann, vom Weiß eher reflektiert wird. Mein Schicksal scheint somit besiegelt! Selber schuld! Mit dem ersten Abschuss vor zwei Tagen die Weichen für die nächste längerfristige Episode gestellt!

Den Kopf senken, mich beim Bild entschuldigen und dann eine neue Schale Tee kochen… Ich versage…

10:22
Mir Morphium besorgen, ehe ich wieder am Tisch Platz nehme.
Eine Hasstirade entlud sich mehrfach lautstark in der Wohnküche. Und obwohl ich „die Suppe“ zum Kochen gebracht habe, wird Sebastian zum ersten Opfer meiner Wut: „Warum zum Teufel räumst du das dreckige Geschirr nicht dorthin, wo es hingehört?! Warum stellst du es zu den Brotkörbchen?! Bist du so dumm oder einfach nur faul??!!“. Dann bin kurz ich dran, als ich vor dem Kühlschrank vergesse, was ich eigentlich wollte…

WIE SAUBLÖD BIST DU EIGENTLICH??!!!

Um nahtlos mit der Volkshilfe weiter zu machen, als ich vor dem Geschirrregal stehe und meine einstmalige Ordnung nur noch einer kleinen Postapokalypse genügt: „WAS SOLL DAS, VERDAMMT NOCH MAL!!! WAS IST DENN DA SO SCHWER ZU VERSTEHEN, WELCHE SCHÄLCHEN WO HINGEHÖREN??!! Wie blöd muss man sein, um die Glasschälchen zwischen die Keramikschälchen zu stellen, wenn daneben zwei Stapel NUR mit Glasschälchen stehen??!!“.

Ungerecht, es tut mir leid. Und wie gesagt, bin ich Ursprung allen Übels. All dem voraus, als ich aufstand, fiel aus irgendeinem Grund das Brotkörbchen vom Rollertor, die gebrauchte Teeschale zersprang in 100 Teile, der Holzboden voll mit Splitter und Teeresten. Zu diesem Zeitpunkt blieb ich noch ruhig, ganz ruhig, denn ich befand mich bereits auf dem Weg zum Schafott, das Urteil gesprochen! Weiter mit Schimpftiraden nun gen korrekte Adresse ging es dann im Badezimmer, beim Zähneputzen, vor dessen Erledigung ich noch zehn Hübe Tramal geschluckt habe. Währenddessen 100 total schwache Kniebeugen gemacht, und während das Wasser allmählich heiß wurde, noch meine dümmliche Visage gewaschen. Als würde die widerwärtige Akne davon weg gehen!! Kaum die richtige Temperatur erreicht, den linken Unterarm von Blutresten befreit, Hände und Arm heiß aufgewärmt. Schon denke ich, mir läuft die Zeit davon. Die Tablettendose öffnen; ist und bleibt eine von gleich zwei Büchsen der Pandora!

Mir ist beinahe zu lachen zu mute, während der Tag draußen von Regen auf Sonnenschein umstellt. Wie viel Morphin darf es sein? Besser mehr davon, als diese vermaledeite chemische Psychoscheiße! Das Risiko lässt sich zumindest einigermaßen einschränken: Bestenfalls bin ich nach einem Tag voller Spastik morgen wieder halbwegs hergestellt.

Hofft die blöde Kuh!!
Warum machst du es nicht gründlich? Bis er nach Hause kommt?… Hast du gut 2 Stunden!!

Um meine Augen herum bildet sich ein Ring aus Watte. Vor mir auf dem Tisch das alte Handtuch. Ich erinnere mich… Kinderzeiten… Da war es auch schon da. Aber hatte definitiv eine andere Funktion als jetzt! Das Rot vom Blut überwiegt, was die Farbe betrifft. Das Blut hat alles verklebt. Nur meine Hände sind erneut eiskalt.

Hör auf, die Tabletten nur anzuschauen!! Friss sie endlich!!

Tun, wie mir geheißen.

Wie müsste Bianca aussehen, dass Rumpelstilzchen mit ihr klar kommt?“.
Ich zeichnete das Bild eines magersüchtigen Kindes, einer magersüchtigen Jugendlichen. Kaum oder noch besser keine sekundären Geschlechtsmerkmale. Und innerlich so verhungert, dass sie eigentlich längst tot ist…

Damit sie gefälligst die Schnauze hält, nichts mehr sagt, die Nutte! Sie ist ja selber schuld, AN ALLEM!!! Damit Sie schweigt!! Früher und erst recht später und ganz besonders für immer!!!

Ein weiblicher Kernbeißer nähert sich dem Restaurant. Der Buntspecht macht aber dermaßen Tumult und verscheucht regelmäßig alles und jeden.
Die Arme verschränkt. Das Erdnusssäckchen ist der Renner schlechthin. Die neue Räucherstäbchenpackung morgens mit einem alten Skalpell geöffnet. Da meldete sich schon die Sehnsucht.
Aber es bringt doch nichts! Die Rasierklingen schärfer, wie auch immer das sein kann. Hätte ich andere bestellen sollen, vielleicht nicht so billig?

Sebastian zeigte sich gestern doch ein wenig entsetzt, dass ich mich erneut abgestellt hatte. Er würde das jedes Mal merken, hat der schon oft gesagt. Wirklich? Vermag er Depression von Dröhnung zu separieren?

Während ich mehrfach und mühevoll das letzte Hauptwort korrigieren muss, meldet sich die Panik. Ist sie nun eine Werkzeug Rumpelstilzchens oder tatsächlich ein eigener Anteil, also Symptom eines Anteils…

Nein! Was schwafelst du von Anteilen?? Das ist nichts als ein Symptom!! Und selbst das bildest du dir nur ein, um Aufmerksamkeit zu bekommen!“

Mir läuft die Zeit davon! Gleich ist es 11. Süßstoff in den Tee. Ich könnte die Heizdecke unter das besudelte Handtuch legen; vielleicht bringt es was.

Da fällt der Kopf plötzlich in den Nacken. Heroin auf Rezept, freundlichst gesponsert von IHRER burgenländischen Gebietskrankenkasse! Der Mund bleibt offen. Ich bin so schlecht und ich sollte tot sein. Angesichts dessen, was da auf mich zukommt, was es noch an Schritten zu tun oder zu bewältigen gilt, wäre es definitiv zum Wohle aller, die da von mir schäbigerweise noch mit reingezogen werden, wenn nicht sogar ein großer Segen, ich würde endlich den Mund halten und mich töten.

Endlich mit dem „kleinen Tod“ anfangen…
Dabei in den letzten Tagen so viel wie noch nie mit Sebastian über meinen ersten Suizidversuch gesprochen. Und erst recht über meine ständigen Ankündigungen, was diese mit ihm anrichten.

Es wird 11:04; versuchen, das Handtuch irgendwie behelfsmäßig zu falten. Jene Seite, mit den frischen und noch feuchten Flecken nach oben, um das weiße Kleid nicht in Mitleidenschaft zu ziehen und so mich selbst zu verraten. Ich hätte schon viel früher auf die Idee kommen sollen, mir schwarze Stulpen zu bestellen…
Von der blauen mit der Aufschrift „Salmix- Salmiakpastillen N“- zur goldenen „Fishermans’s Friend“-Büchse der Pandora wechseln. Ich hatte in der letzten Zeit einen hohen Verschleiß. Unzählige Klingen geöffnet und wieder in ihr Kuvert gesteckt, nicht sicher, ob sie schon komplett verbraucht seien. Erneut Zeit fressen und in der Dose aufräumen. Ich könnte ja auch mit den gut 20 blutbesudelten Stücken wieder eine Art „Kunstinstallation“ machen, sie auf die aktuelle Leinwand kleben. Da sind doch so viele weiße Leerstellen…

11:12
Nun wird es aber endgültig Zeit! Mit der rechten Hand auf den Unterarm klopfen. Gleicht eher einem Akt des Verprügelns. Hoffentlich klingelt es nicht an der Tür. Meinen speziellen Selbstmordordner in die Playlist ziehen. Verdammt! Es ist Mai! Da gehört das dazu!!! Der eine Typ, an dessen Geburtstag sich der Sänger von Linkin Park das Leben genommen hat, hatte seinerseits für den eigenen Selbstmord ebenfalls den Mai gewählt! Meine Oma starb am 23., ich versuchte es am 21. und die kleine Amsel, die damals, als ich selbst ein kleines Mädchen war und im Frühlingsregen unter dem Fliederbusch saß, in meiner Hand ganz langsam dahin siechte und dann ganz wie in Zeitlupe die Augen für immer schloss, eben DIE kleine Amsel, die zum Synonym für mich als kleines Kind, das ich gerade doch selbst noch war, wurde, DEM kleinen Kind, „das irgendjemand seelisch umgebracht hatte“… Das wird wohl auch Mai gewesen sein. Ich hatte das hübsche Kleidchen von der Erstkommunion an. Oder die Feierlichkeiten von jemand anderem, von einer Familie, deren Kind Erstkommunion feierte… Erstkommunion ist doch im Mai?
Es war definitiv Frühling, weit fortgeschrittener Frühling. Der Flieder blühte…

Die Musik läuft. Die nagelneue Rasierklinge zur Hand. Der Schädel voll mit Watte. Wie viel Kontrolle wäre ich unbewusst „unterworfen“, würde die Taubheit auch den Arm erfassen?
Wäre nur nicht alles so kalt, so eiskalt…

Mit derselben Kante beginnen wie gestern schon. Die Haut wie trockenes, rissiges, uraltes Papier. Oder Pergament.
Plötzlich huscht ein Lächeln über meine Lippen… Zögern. Das ist für dich, inneres Kind. Erinnerungen überschwemmen mich, Bilder aus besseren Zeiten. Wie der oft zitierte Film, der vor den Augen eines Sterbenden im letzten Moment vor dem Exitus abläuft…

Doch dann geht der Blick auf die Uhr, 11:31 Uhr, Herzrasen… Warum kann Sebastian nicht wegbleiben? Warum lässt man mich nicht allein?! Warum immer zeitlichen Grenzen unterworfen?

Die Kante ist zu sachte. Und das Blut läuft kalt über den scheinbar noch kälteren Arm… Das Werkzeug umdrehen. Beim achten Schnitt etwas fester, aber die Rasierklinge versinkt nicht. Aufgehalten von einem dichten Maschendrahtzaun aus Narben. Das Blut gerinnt zu schnell. Wieder, immer noch eine Anämie. Ich fantasiere von zumindest dem EINEN Schnitt, wie jedes Mal. Und wie jedes Mal zum Scheitern verdammt?…

Das Kernbeißerweibchen wagt sich endlich ins Restaurant.
Es riecht nach Blut. Ich müsste einmal richtig „ausholen“, nicht schneiden, stattdessen die Klinge ins Fleisch schlagen… Versuche es schnell. Versuche es langsam. Die Haut auseinanderziehen… Lächerlich! Unterm Arm eine kleine, aber dicke Pfütze. Ich denke, ich müsste draußen in der Sonne sitzen, müsste ganz viel getrunken haben, der Körper müsste aufgeheizt sein, und dass jeder weitere Versuch von vornherein zum Scheitern verdammt ist, unter diesen aktuellen Umständen. Die Zeit rennt nebenher. Kommt er früher, kommt er später? Mir nur noch einen letzten Versuch gewähren…

LOS!!!! DU BIST SO EINE ENTTÄUSCHUNG!!!

Aus einem werden vier weitere Schnitte. Aber sie bleiben nicht ernstzunehmende Linien.

Nach einer Überdosis würden sie das im Krankenhaus nicht einmal bemerken!!
HAST DU GEHÖRT, DU WIDERWÄRTIGE SCHLAMPE??!!
Das wäre NIEMANDEM auch nur eine Notiz wert!!

Dabei will ich doch nur, dass es jemand sieht, „die Zeichen erkennt“ und mich endlich erlöst…

WAS BIST DU?!!!! EIN BABY???!!!

Kleinlaut, geläutert, geduckt, beschämt die Rasierklinge in ihr gelbes Kuvert einschlagen. Einen Strumpf überstreifen. Dabei rutscht der halbe Ärmel wieder in die letzten Wunden. Ein Wunder, dass man von außen das Blut nicht durchsickern sieht. Und ich soll jetzt ernsthaft gleich wieder funktionieren? Aber was sonst? Wie solle ich meine Situation nachvollziehbar erklären?
Die linke Hand eine Faust. Die Finger der rechten lassen sich auch nicht mehr strecken. Wie immer hoffen und im guten Glauben, keine sichtbaren Spuren hinterlassen zu haben. Tuch und Klingen wandern zurück in meine ehemalige Lederschultasche. Wagte jemand einen Blick hinein, würde er entsetzt und angewidert zurückschrecken und sich wohl spätestens dann das korrekte Bild meiner Wenigkeit in seinem Kopf zeichnen. Was bin ich schon?

ABSCHAUM!…

Den rechten Zeigefinger in den Mund stecken. Wie auch den Daumen; alles voll mit Blut, um sodann mit dem nassen Finger auch die Flecken vom linken Oberarm auslöschen.
Und draußen schließt die Sonne die Augen, ist fertig mit mir.

https://www.youtube.com/watch?v=wVIXlo845zA

17:31
Ich hielt es neben Sebastian auf dem Sofa nicht aus. Meine Gedanken rutschten ab, ich dachte an die abendliche Sitzung und die Panik strangulierte mich. Wieder und wieder riss sie mich hoch, meine Füße baumelten in der Luft, sodass ich außerstande war etwas anderes zu denken, als DAS ALLES nicht überleben zu können! Ich fühlte mich schuldig, als ich aufstand. Zu allem Überfluss. Irgendwann würde ich sagen, die Zeit mit ihm nicht bewusst wahrgenommen zu haben. Käme zu der schmerzhaften Erkenntnis, dass es nun zu spät ist. Ich weinte; ganz kurz. Dann schluckte ich zwei Betablocker. Einfach nur ein Symptom oder das Kind? Wieder das Gefühl, mir in die Hose zu machen. Blasenskrämpfe.

Ihn mit einer Einkaufsliste losgeschickt. Ich selbst fuhr nach draußen, hinter mir versteckt einen kleinen Frotteefetzen, in meiner Bauchtasche die Rasierklingendose und ein Skalpell ebenfalls im Gepäck. Ich stand mit dem Rollstuhl bereits vor dem Wannenteich unterm Hollerbusch, hatte Stulpe und Verbandstrumpf abgestreift, als er plötzlich wieder zurück kam. Ich erkenne unser Auto am Motorengeräusch und erst recht an Sebastians Fahrstil. Was nicht heißen soll, dass er rast. Hastig stülpte ich zumindest den schwarzen Schlauch wieder über und tat so, als würde ich den Teich beobachten.

Er hatte ein Formular für den Hausarzt vergessen, das ich ausfüllen hatte müssen. Dann war er wieder weg, ich sah auf die Uhr, berechnete einen realistischen Zeitrahmen, zog das Skalpell aus seiner Plastikfolie und begann zu schneiden… Quer über die zuvor entstandenen Reihen.
Also das ist des Rätsels Lösung!! Diesen vermaledeite dreckigen Körper ausgetrickst!! Was hat er gemacht? Versucht, den von mir verursachten Schaden zu heilen. Hatte die Durchblutung im Unterarm verstärkt, angeheizt.

Und genau dieser Umstand kam mir zugute! Die Schnitte waren sicherlich nicht tief. Nicht tiefer als jene zuvor. Insgesamt zwölf lange Schnitte. Der 13. entstand aus Versehen, als ich das Blut mit einer doch noch scharfen Klinge vom Arm schabte und mir dabei ins Handgelenk geschnitten habe. Ich blutete in den Teich. Minute um Minute. Wie eine abgestochene Sau…

Was du ja eben auch BIST!! UND NICHTS ANDERES!!!

Und blutete und blutete und blutete…

Nach 20 Minuten den Stofffetzen auf den Boden geworfen, nun die Suppe darauf tropfen lassen. Und es blutete und blutete und blutete. Heiß lief mein Leben die weiße, kalte Haut hinab. Verklumpte zwischen meinen verkrampften Fingern. Ließ sich aber nicht aufhalten. Blutete und blutete und blutete.
Die Socken, die Hose, den Rollstuhl, den Asphalt, das helle Blech vom Teich mit meiner Schuld vollgespritzt.
So wurden es wohl 30 Minuten, eine halbe Stunde. Notdürftig drehte ich das nasse Laub auf dem Boden um, auf dem ich Spuren hinterlassen hatte. Fuhr zurück ins Haus, im Spiegel mein Gesicht vermeintlich blass. Gut 10 Minuten am Waschbecken meine Hände und den Lappen so gut es ging gewaschen, um letzteren dann in die Waschmaschine zu stecken. Zum krönenden Abschluss wieder alles vertuscht, die Armstulpe mein treuer Verbündeter.

Pünktlich. Er kam gerade zurück und ich gab mich völlig normal. Es donnerte und begann zu regnen; den ganzen Computerkrempel wieder ins Haus geschleppt, mit seiner tatkräftigen Hilfe. Und jetzt, da nur noch 3 Minuten bis zur Sitzung bleiben, erneut das Gefühl, jemand drücke mir die Kehle zu. Weg der Rausch von den Tabletten, erst recht die Betäubung vom Blutverlust. Wieder die blaue Dose holen. 2,3 mg Morphium.

Am Schluss: Morgens per Zufall gelesen, dass eine Überdosis mit Lioresal sehr häufig letal ausgeht. Gerade das Medikament, von dem die Ärzte nichts wussten und sich wunderten, warum die Antagonisten nicht anschlugen.
Dem Tod doch näher gewesen als gedacht? Stolz drauf?…

20:24
Im schwindenden Licht sitzt der Kuckuck oben am Waldrand und ruft. Die Sitzung war… so schmerzhaft.

Die Panik als Ritterrüstung inneren Kindes, in schwarz-weiß und voller Zorn auf mich. Weil ich unser beider Versprechen nicht eingehalten habe. Mich (uns) mit 18 nicht umgebracht. Nein, es sogar noch schlimmer gemacht! Sebastian kennengelernt und so getan, als könne ich ein sexuelles Wesen sein!! Und das Kind damit erst recht ein weiteres Mal verraten!!

Markus platzierte dieses in dem Bild, mit dem wir arbeiteten, an meinen Maltisch. Mir vis-a-vis. Er saß rechts am Kopfende, Rumpelstilzchen auf der anderen Seite. Hasstiraden wurden hin und her geschickt, mir wieder und wieder klargemacht, ich müsse mich zum Wohle aller umbringen… Weil ich doch so ein schlechter Mensch sei, eine Gefahr für das Kind, das Kind hätte vor mir…

Ehe sich einige Veränderungen auftaten.
Ganz ehrlich? Gleich zu Beginn ließ mich die Panik am kurzen Strick in der Luft baumeln, verzweifelt nach Luft ringend. Und ich teilte meinem Psychoanalytiker mit: „Mir ist gerade danach, unverzüglich aufzulegen!“. Mich zu drücken. Zu flüchten. Wegzulaufen… Weg vor der Angst, der Wahrheit, dem Ungemach, direkt hinein in den nächsten Rausch, die nächste Betäubung, unverzüglich hinein in den Tod.

Um mich kurz zu halten. Das innere Kind hasst mich, verabscheut mich. Aber ich keinen Deut besser. Und am Schluss der Therapie saß das Kind in seiner Erdhöhle mit den Spielzeugpferdchen. Geschrumpft, um darin Platz zu finden und sich verschanzen zu können, und die Pferde zum Leben erwacht. In der Höhle war es vermeintlich sicher… Wie ich es immer wieder zu Kinderzeiten gespielt habe. Um die Höhle herum nun ein Stacheldrahtzaun. Die Panik als Stacheldrahtzaun. Eine Art Prüfung. Das Kind, so schien es mir, erwartet, dass ich mich in den Zaun stürze und dort verharre, dem Schmerz zum Trotz, den schrecklichen Ängsten zum Trotz… Um ihm zu beweisen, stark genug zu sein, gemeinsam mit ihm die Erinnerungen aufzudecken, gemeinsam mit ihm diesen schwierigen Pfad zu beschreiten. Ohne es weiterhin eine Hure zu schimpfen. Es als Kind wahrzunehmen. Ein Kind, das nichts dafür kann, was ihm widerfahren ist.

Während der Sitzung zusätzlich mindestens 20 Tropfen Tramal eingeworfen. Vielleicht waren es auch mehr, ich weiß es nicht.
Die Fragestellung, wie soll ich mit der Angst umgehen… Ich wünschte, und das teilte ich ihm auch mit, mich dann jedes Mal an den Zeichenblock setzen zu können und ohne nachzudenken vor mich hin zu kritzeln. Intuitiv das Unterbewusstsein seine Sprache finden lassen… ABER…

Er wiederum meinte, ich könne die „Bilder“, die ich nicht zeichnen oder malen kann, weil die Hände gelähmt sind, auch im Tagebuch mit Worten entstehen lassen.

Hoffnung?
Meine Augen verdrehen sich, machen einen Knoten. Ich habe ganz seltsame Schmerzen, ein seltsames Gefühl. Nicht unbedingt im Gedärm, aber darüber, und unterhalb vom Magen. Es brennt, es drückt und breitet sich nach rechts aus, in Brust und schlussendlich Oberarm. Die Augen verdrehen sich, kein Licht an und ich könnte unverzüglich einschlafen. Die Reste vom Tee trinken.
Nahtlos an das Gespräch Sebastian zu mir ins Wohnzimmer zitiert, gebeten, ihn angefleht, mit lediglich einer Bitte: „Bitte!! Halte mich einfach für einen Moment ganz fest!!!“.

Da sehe ich mich als Kind in einer Erinnerung, es sieht aus wie eine Bildspur im Videoprogramm, aber die Untertitel verändern sich plötzlich…

Im Wachzustand zu träumen beginnen. Jedes Mal, wenn sich meine Augen beim Blinzeln länger schließen als gewollt, und selbst dann, wenn ich verzweifelt versuche sie aufzuhalten. Ich bin fertig. Fertig mit diesem Tag. Fertig mit der „Scheiße“? Morgen alles anders machen? Es zumindest versuchen? Und tatsächlich Urlaub vom Bild nehmen?

Mich verunsichert fühlen und irgendwie bekomme ich gerade einen Schweißausbruch. Doch darüber nachzudenken, tritt die nächste Angstlawine los…

Mir selbst einreden, in mich hinein sprechen: „Inneres Kind, ich nehme deine Ängste wahr. Ich habe dieselben Ängste. Aber gemeinsam ist man standhafter, dem Paniksturm ausgesetzt, als allein dagegen anzukämpfen oder schlimmstenfalls aufzugeben!! Ich möchte versuchen, dich zu verstehen! Ich möchte für dich die Erwachsene sein. Keine Schlampe, wie auch du keine Nutte sein kannst! Dich schützen…“.

Rumpelstilzchen sagt, das sei alles esoterische Kacke! Aber angestrengt versuchen, nicht darüber nachzudenken. Nicht jetzt, nicht mehr heute… Für heute war es eindeutig genug. Ich kann und ich will nicht mehr, und draußen beginnt es zu regnen…

Alles ist in Ordnung. Die Welt geht nicht unter. Alle leben. Keiner tut mir etwas an. Das Kind sicher in der Höhle. Am warmen Lagerfeuer, zusammen mit den Pferden. Während draußen der Regen stärker und stärker wird… Will nur noch aufs Sofa, etwas essen und Sebastians Hand halten.

2013-06-29-schnappschuss

14. Mai 2018, Montag „Die Ratten verlassen das sinkende Schiff!“

10:17
59,2 um 6:45. Regenprasseln, im Graben hört man Holz bersten. Die Volkshilfe kommt um 13:00 und meine Hand nach 90 Minuten, 1281 Stunden durch, der Inbegriff einer Parese, gelähmt, nicht mehr als ein kalter, nasser Waschlappen. Kann nicht tippen…

Mit Aussicht auf den Tag… Was stelle ich an?

17:54
Atemlos… 26 Schnitte in der Lederhaut hinterlassen. Die Rechte voll mit Blut. Auch der Ärmel, der weiße Ärmel vom Kleid hat etwas abbekommen.

Unverzüglich während dem Mittagessen in etwa 30 Tropfen Psychopax in den Mund träufeln lassen. Die Wirkung kam schnell, fühlte sich kurz gut an, aber hinterließ nicht mehr als Schwindel und erschwerte die Koordination meiner Beine.
Ich hing vor der Glotze, viel zu lange. Thema: ein pädophiler Patient bei seinem Psychiater, der dann mit Tablettenüberdosis zusammenbricht, seine letzten Worte stammelnd: „Ich wollte nicht alleine sterben…“, Und im zweiten Handlungsstrang eine Frau, die ihren Mann verloren hat.

Während der Rest davon noch lief, den Rollstuhl in Sichtweite der Mattscheibe gefahren, das besudelte Handtuch auf den Schoß und erst alle Rasierklingen durchprobiert, die da so lose in der Dose herum fliegen. Erst dann entschloss ich mich für ein nagelneues Werkzeug. Aber die Hand zuvor mit heißem Wasser verbrüht zu haben, hatte keinerlei Effekt mehr.

[……]

Markus sprach gestern davon, dass früher oder später eine Konfrontation stattfinden müsse.
Ich sprach hingegen davon, die nächste Überdosis zu schlucken und mir zuvor mit der Rasierklinge entweder auf den Unterarm oder gleich über die Brüste verteilt eine Botschaft einzuritzen: „SEHT IHR ES NICHT??!!“. Als würde dann von außen der glorreiche Retter in Erscheinung treten, der endlich für mich das ausspricht, was ich nicht sagen darf!…
Wie pubertär von mir…

Und was schlucke ich jetzt noch? Geht es darum, dass es mir nicht gut gehen darf? Um Markus beweisen zu können, wie bekloppt ich bin? Eine Art Bestrafung für was? In realistischer Vorschau auf das, was nicht mehr allzu lange wird auf sich warten lassen?… Die 90 Minuten Malen -heute was für ein SCHEISS!! Es geht nicht mehr lange gut! Das geht schon ZU lange so schlecht! Permanent, möchte man beinahe meinen. Macht mir das Angst? Oder mehr triftige Gründe, das wertlose Dasein über die Klinge springen zu lassen? Egal, was ich Sebastian damit antue…?

Der Griff geht zur blauen Tablettendose, es wird 18:24, ich bin immer noch allein. In dem bunten Wirrwarr nach den kleinen weißen Tabletten Ausschau. Jene mit dem Aufdruck „1,0“. Ich schlucke gleich zwei. Dabei weiß ich nicht einmal, ob ich die regulären Abendtabletten bereits eingenommen habe. Wenn nicht, wird das eben der nächste Abend ohne Gilenya. So viele schöne glänzende Kapseln… Und dahinter verheißungsvoll ein mögliches Ende.
Bin ich depressiv?

Was ich definitiv nicht unterschlagen sollte, ist folgende Tatsache. Die Dame von der Volkshilfe war schon lange nicht mehr hier. Auch ist sie schon verdammt lange in diesem Beruf unterwegs. Also kam ich nicht umhin, sie zu fragen, wie oft es schon vorgekommen sei, dass sie bei ihren Klienten die Rettung rufen mussten. Häufig, hat sie gesagt. Ich trieb es an die Spitze: „Auch zu solchen Situationen, dass einer von ihnen verstarb oder bereits tot war, als ihr kamt?“.
„Auch das ist schon vorgekommen. Mir aber zum Glück noch nicht passiert!“. Wären die Damen die richtige „Adresse“ für den nächsten Suizidversuch? Und nicht Sebastian, der nach Hause kommt und mich da auch noch liegen sieht…

Tut mir leid, wirklich… Selbst wenn mir das jetzt kaum einer mehr glauben wird.

Und VERDAMMT!! Beim Ritzen hielt ich doch tatsächlich bei jedem einzelnen Schnitt die Luft an und biss mit den Zähnen zusammen…

DU FEIGE SAU!!!

21:12
Eine körperliche Sensation nach der andren, abschließend bestialische Spasmen… 20 Topfen Tramadol, 2,6mg Morphin, 2mg Morphin retard… und noch was?
Zugekleistert, hat wieder begonnen zu regnen. Nur hartgesottene Grillen gründen das Streichorchester auf der absaufenden Titanic….

In den Rollstuhl plumpsen. Ich bin breit…

9. Mai 2018, Mittwoch

8:27
Die Pumpe kommt auf Hochtouren. Vor 90 Minuten 20 mg Inderal, Betablocker geschluckt. In meinem Brustkorb scheint die Nachricht, dass das Zeug beruhigen soll, noch nicht angekommen zu sein. Oder mein Herz überschlägt sich förmlich vor Freude, vor Vorfreude über den nahenden Wellnessurlaub.

Nebenher versuchen herauszufinden, wie das Spasmolyt zu dosieren ist. Aber keine näheren Informationen dazu finden. Hingegen ein spannendes Detail, das ich bis dato wohl übersehen habe: Tachykardie! Beschleunigter Herzschlag. Allmählich wird mir das alles zu viel… Vor allem: Was von dem ganzen SCHEISS wirkt denn jetzt?

Mich soeben kaum konzentrieren können. Malen oder diktieren? A oder B?
Die Stoppuhr noch einmal zurücksetzen. Sollte ich die Tabletten nicht gleichzeitig einnehmen? Die Unruhe zerlegt mich in meine Einzelteile…

Wo fange ich an? Gestern? Nachts?
Erst einmal versuchen, den neuesten Pinsel zu erwischen. Und ich fange mit der Nacht an. Ungewollt kam ich zum Handkuss; lag lange wach und las endlich wieder ein paar Seiten im Standardwerk zur multiplen Persönlichkeit. „Der innere Verfolger“… Diese zwei Seiten beschreiben exakt ALLES, was seit 2001 mit mir, in mir abläuft. Ich habe das Bedürfnis, die Seiten zu kopieren, oder gleich zu diktieren! Und Sebastian morgens schon einmal vorgewarnt, dass er das wird lesen müssen. Um mich besser zu verstehen…?
Aber nun zurück zu den „glücklichen“ Umständen, die mir diese Erleuchtung ermöglicht haben. Er war bereits eingeschlafen, ich vermutlich auch seit einigen Minuten. Dann war Schluss. Aufgewacht, Blasenkrampf, angepinkelt! Felsenfest der Überzeugung, die riesengroße Einlage hätte erneut nicht gehalten, was sie versprochen hat. Zu allem Überfluss begann das linke Bein zu krampfen. Licht an, weitere 1,3 mg Morphium. Und eben ein viertes Spasmolytikum, nicht wissend, ob das nun klug ist oder nicht. Eine gefühlte Ewigkeit beobachtete ich, wie der Urin vom Katheter aus meiner Blase befördert wurde. Wartete darauf, dass das linke Bein ohne Decke ausreichend kalt wurde. Ich war wach, putzmunter und voller Panik. Sah mich schon wieder mit der Rettung ins Krankenhaus fahren. Nahm das Buch zur Hand, beschäftigte mich damit etwa eine halbe Stunde und versuchte verzweifelt wieder einzuschlafen. Ich träumte davon, mit meiner Mutter erst Markus im Auto zu verfolgen, um herauszufinden, wo er wohnt, um schlussendlich wieder und wieder ein Pferd zu retten, das mitten in der Nacht von seiner Weide ausbrach.

Zu gestern: Ohne die Notizen, die ich mir abends hastig gemacht habe, wäre ich nun aufgeschmissen.
In der Nacht zuvor träumte ich von einer Sportveranstaltung. Die Pärchen wurden ausgelost und Arnd Peiffer hatte beim Biathlon die besten Chancen zu gewinnen. Wenn er nicht mich als Partnerin gezogen hätte. Mich, den wertlosen Krüppel. Und ich versemmelte natürlich ALLES. Man befand sich in einer riesengroßen seltsamen Halle und meine Eltern waren unter den Zusehern. Meine Mutter fing sofort an, mich zu beschimpfen: „Wenn du nur nicht so ein Weichei wärst! Immer nur am Jammern!! DU BIST DOCH GAR NICHT KRANK!! ALSO STELL DICH NICHT SO AN!! DU HAST ALLES KAPUTT GEMACHT UND MAN KANN SICH NUR FÜR DICH SCHÄMEN!!!“. [….]

Dann waren wir gerade beim Vereinbaren des nächsten Termins. Die Fenster waren offen und ganz sicher hat irgendwo irgendwer eingeheizt. Aber dieser Geruch fand in der Realität nicht statt! Ich sah in meinen Kalender, sah die Zahlen, hörte Markus sprechen, hörte mich plötzlich selbst nur noch wie aus weiter Ferne und mir stieg ein scharfer Rauchgeruch in die Nase, breitete sich sogleich penetrant in meinem Gaumen aus und zugleich sah ich ein Bild, eine Erinnerung: Irgendwann 1980, ich bin noch klein, ich sehe Häuser, schneebedeckt, dicht aneinandergedrängt, sehe viele Schornsteine (obwohl mir das Wort soeben total absurd erscheint), es ist früh am Morgen, bitter kalt.

Für wenige Sekunden stand ich kurz davor, wegzutreten. Da war wieder diese vermeintliche „Aura“, um im Epilepsiejargon zu verbleiben. Mir wurde schlecht. Aber eben nur 3 oder 4 Sekunden lang, Geruch und Geschmack so dermaßen heftig, zugleich vertraut, heimelig… Und wie sie gekommen waren, verschwanden sie auch wieder. Ich war wieder im Jetzt, konnte wahrnehmen, was für ein Geruch tatsächlich in der Luft lag. Ganz klassisch: eine „Sensation“!

Ich wartete darauf, tatsächlich entweder (das ist ja noch immer unklar) einen kleinen epileptischen Anfall oder eine dissoziative Absence zu erleiden. Aber da kam nichts. Auch im Traum nicht.

Kopfschmerzen. Das Herzflattern hat etwas nachgelassen. Aber ich sehe nicht richtig, irgendwie nur verschwommen. Ebenso verschwommen den Rehbock vorne an der Grundstücksgrenze. Mich seit beinahe 1 Stunde an (kurz nachzählen) exakt acht winzigen Federn abmühen. Nein! Sogar noch besser!! Lediglich an deren Konturen, am Versuch, sie richtig zu positionieren!!

Ich merke soeben… Ich kann und ich will nicht mehr. Meine Lippen sind dermaßen trocken, die Zunge nach jedem Schluck Wasser unverzüglich wieder ein Stück staubtrockenes Leder! Auf das Bild kann ich mich ohnehin nicht konzentrieren. Ich habe den „Einstieg“ verpasst, oder besser gesagt mit dem Festhalten meiner Gedanken „verpatzt“. Ich bin längst draußen, längst mit dem Rollstuhl unterwegs, auf der Jagd nach neuem Filmmaterial.

Mittlerweile ist es ja bereits 9:41 Uhr. Ich frage mich, was all diese Gefühle, Gedankenfetzen und erst recht Erinnerungsschnipsel zu bedeuten haben. Oder ob sie bedeutungslos sind, alles eine „Verschiebung“. Mir ist schlecht, mir war beim Frühstück schlecht. Die Nougatcreme war mir zu süß…

ZU SÜSS??? BIN ICH KRANK???
Erst da kommt mir in den Sinn, dass das Nasenspray mit Cortison des Rätsels Lösung sein könnte.

Markus stellte gestern eine berechtigte Frage: „Sebastian sagte zuletzt, er würde dich ja lange genug kennen, er würde DAS ALLES ja schon kennen. Aber bzw. und da fragt er sich nie, warum seine Freundin seit 20 Jahren kotzt, sich aufschlitzt und lieber sterben will als zu leben?“. Warum er, so wie gestern im Gespräch, bei anderen das Thema Missbrauch zulassen kann, nur bei mir hat er Probleme damit. Weil ihm das „zu nah ist“? Er erzählte ja völlig aufgebracht von diesem scheußlichen Missbrauchsfall, der soeben in Wien verhandelt wurde. Dass Vater UND Mutter die eigenen Kinder prostituiert hätten. Und SIE ernsthaft beteuerte, nie etwas mitbekommen zu haben. Markus abends hatte dem noch etwas Zündstoff hinzuzufügen: „Die Mutter sitzt im Rollstuhl!“. Ich konnte es mir nachmittags nicht verkneifen, sagte zu meinem Liebsten: „Jetzt sei bitte nicht beleidigt. Aber darf ich dich daran erinnern, dass du -nachdem ich dir Passagen von meinen Missbrauchsbüchern erzählt habe- mehr als nur einmal zu mir gesagt hast, ob das denn alles auch wirklich so stimmen, den Wahrheiten entsprechen würde? Und nun, wenn du es im Radio hörst, nicht von mir, bist du aufgebracht und völlig erschüttert und stellst nichts infrage?“.

Eine Stunde ist um, die zwei Pinsel, die zum Einsatz kamen, mit Spezialseife reinigen. Aus und vorbei. Der Gaumen vertrocknet. Nichts und wieder nichts… Ich bin ein Versager. Und es ist wie mit dem Laufen… Schrittweise weniger und weniger und weniger, um schlussendlich zu kapitulieren. Kurz entflammen Schuldgefühle, weil ich könnte nun auch Physioübungen machen. Aber ich ergebe mich kampflos diesem Zustand, werde noch meine Zähne putzen und dann aus dem goldenen Käfig flüchten…

17:52
Einen Becher Sauermilch mit Mango in mich hineinschaufeln…

KLAR!! FETTE SAU!!!

Was habe ich mich selbst beschimpft. Nach dem Zähneputzen wäre ich um Haaresbreite fast gestürzt. Ironie des Schicksals? Wenige Sekunden zuvor hatte ich mich gefragt, wann ich wieder mal den Boden knutschen würde.
Meine Hände griffen nach der ersten Stütze neben der Toilette und verfehlten diese. Die Zweite vermochte die rechte Hand zu packen… Mir standen die Haare zu Berge! Eigentlich wäre ich rücklings auf den harten Fliesenboden geknallt, mit dem Hinterkopf voraus.

Was stellst du dich so an?!

Ernsthaft. Was stelle ich mich an?

Ich kam mir so dermaßen blöd vor, kaum draußen, das Stativ mit der Kamera zwischen die Beine geklemmt, auf dem Rollstuhl… Und jetzt kommt noch der Kracher schlechthin! Was hatte ich mir gedacht? Dieses Mal mache ich mit dem neuen Video alles richtig! Was für ein Schwachsinn!! Und wieder… Weil ich gefühlt keine Zeit habe, mir die Zeit davon läuft… Die letzten fünf Aufnahmen allesamt für die Tonne!! Mal ganz zu schweigen davon, wie beschissen ich aussehe. Aber der Ton ist absolut nicht zu gebrauchen! Wie so oft eine falsche Einstellung gewählt, nicht drauf geachtet oder weiß der Teufel was!! Und ich dumme Kuh habe hinterher nicht kontrolliert, was ich da produziert habe!

Aber ich konnte mich selbst nicht ertragen, nicht ansehen, erst recht nicht, ohne Panik zu bekommen!
Jetzt mache ich Späßchen. Gebe mich lustig, aufgedreht und sprühe vor! Aber tief in mir drinnen? Völlig zerrissen. Den ganzen Tag schon. Müsste drinnen sein, um zu arbeiten, müsste zugleich draußen sein, um nichts zu verpassen, und hin und her und rauf und runter und alles gleichzeitig und sowieso und überhaupt!!

Die erste Stechmücke war der beste Grund, wieder in den Käfig zu fahren. Schultern und Nacken völlig verspannt. Ich habe Kopfschmerzen, musste das Haarband abstreifen. Will gar nicht wissen, wie ich jetzt aussehe… Und weil ich das alles nicht ertrage, ertragen wollte, eine doppelte Dosis Tramal, 40 Tropfen und obendrauf 2,6 mg Hydal. Ich habe Halsschmerzen. Und kann nicht denken. Permanent vergesse ich, mitten im Satz, was ich sagen will. Ich verblöde. Komme mir ein bisschen vor wie damals unter den Antiepileptika. Habe ich zu Mittag Spasmolytika geschluckt?

Mir die Aufnahmen von vorhin ansehen. Eine andere Toneinstellung gewählt. Und vermutlich damit die nächste Katastrophe angerichtet. Beim Gedanken ans Video bekomme ich Angst und Herzrasen. Keine Zeit! VERDAMMT, ICH HABE DOCH KEINE ZEIT, KEINE ZEIT MEHR, MIR LÄUFT DIE ZEIT DAVON!!!

Währenddessen draußen ein wunderschöner Abend. Kein Wind. Grandiose Aufnahmebedingungen. Von den ganzen Opioiden heftige Gesichtszuckungen ernten…

18:17
HIMMEL!!!! DER TON NOCH SCHLIMMER!!!
Um 19 Uhr Sitzung. Nichts geschafft!! Panik!!!!

18:31
Und die „vermeintlich guten Aufnahmen“???
Fette Plautze und der Ton vom Winde verweht!!!

21:59
Bis jetzt Sitzung. So vieles erscheint logisch, aber darf doch nicht sein. Und mein Täterintrojekt…

ALLES NUR EINBILDUNG!!!

geht auf die Barrikaden. „Unterhalte dich mit ihm.“, die wiederholte Aufforderung. „Aber das macht doch überhaupt keinen Sinn. Er ist ich, ich bin er, alles nur Einbildung, um Aufmerksamkeit zu bekommen. Was soll er mir schon groß erzählen? Er weiß nicht mehr als ich, denn es gibt ihn gar nicht!“.

Ich weiß nicht, was ich glauben soll. Und beim vorletzten Satz wurde mir noch schlechter…

6. Mai 2018, Sonntag

11:49
Alles in mir sperrt sich dagegen, mich hier an den Tisch zu ketten. Ein einziges Widerstreben, ich will jetzt nicht malen, ich will nicht im Haus gefangen sein, nicht die Büroarbeit machen und nicht meine Gedanken festhalten. Ich muss raus! Ein wunderbarer Tag, kein Wind, Sonnenschein und immer noch auf der Jagd nach den Einzelteilen meiner Träume. 59 Kilo um 10:00 Uhr. Nach dem Aufstehen ein einziges Wrack. Erhebe mich von der Toilette und falle insgesamt dreimal auf diese zurück. In mir ein unbändiger Drang. Beim Blick aufs Bild will mir die Kotze hoch kommen! Was den Bürokram betrifft geht es mir nicht viel anders. Obwohl diesen könnte ich immer noch mit nach draußen nehmen. Werde ich wahrscheinlich auch. Die täglichen Sitzungen engen mich dermaßen ein, ich will sonst keinen Besuch, will keine Vereinbarungen, keine Termine, keine Treffen… Lasst mich alle allein! Irgendwelche Arrangements mit mir selbst treffen…

12:20
In mir selbst alle Überlegungen mit einem Schlag verworfen!
Der Stoffwechsel kündigte Wünsche an, dementsprechend den Aufenthalt im Badezimmer gleich mit dem Zähneputzen kombiniert, was so viel hieß wie: „Malen kann ich mir jetzt in die Haare schmieren!“. Das Gewicht lautet nun 58,6 Kilo. Ich will raus! Ich will raus!! ICH MUSS RAUS!!!

Mir fehlt augenblicklich sogar der Atem, um zu sprechen. Ich will nur noch raus und weg und wie im Traum am besten draußen draufgehen, überfahren werden…

Das schlechte Gewissen, nichts geleistet zu haben, wird mich früher oder später in den Boden rammen… So oder so. Und für leidige Diskussionen mit dem Diktierprogramm zwecks Korrekturen diverser Wörter fehlt mir erst recht die Luft. Nicht reden müssen, raus und Fokus auf all das um mich herum. Zumindest für einen Augenblick weg von meiner eigenen stinkenden Scheiße, die sich mein Leben schimpft.

18:20
Von außen betrachtet, nichts und wieder nichts geleistet. Aber ich will, ich wollte, ich musste raus, raus aus diesem Haus, bevor es mich erdrückt, zwischen seinen Wänden voller Schuldgefühle zermalmt!!

4 Stunden war ich unterwegs. Meine alten Laufstrecken entlang. Was für eine Folter! Und zugleich war es so schön, der Duft zu betörend, versetzte mich zurück in meine Kindheit, in eine scheinbar heile Kindheit. Wie ein Rauschmittel das Aroma der falschen Akazien… Aber dann kam die Zeit, die Zeit, die mir im Nacken hing. Ich war zornig. Ich bin immer noch zornig. Auf Markus, weil er den Termin mit mir machen will. Auf Brigitte, die morgen Abend Termin machen möchte, obwohl ich sie eigentlich längst absägen möchte. Aber auch auf Sebastian und seine Tagesroutine, von der ich völlig abhängig bin. Nicht wie früher, bis spät in die Nacht hinein arbeiten kann… Wer zieht mich dann um? Legt mich ins Bett? Wer holt mich dort wieder raus, wenn ich länger schlafen muss?

Sebastian betont, dass er der letzte ist, der von mir irgendetwas fordert: „Dann bleib doch draußen! Wegen MIR musst du deinen Alltag nicht umstellen!“.

Sicherlich gäbe es für alles eine Lösung. Aber ich will nicht mehr. Mir undankbar vorkommen und irgendwie Meilen davon entfernt, irgendetwas in mir zutage zu fördern, das als Antwort taugen könnte.

So ein wunderschöner Tag, und alles was ich sagen, was ich schreien will: „LASST MICH ALLESAMT IN RUHE!!! BEACHTET MICH NICHT, IGNORIERT MICH, EIN HALLO REICHT, ABER DANN BITTE STILL SEIN, MICH NICHT AUFHALTEN, NICHT FESTHALTEN, ERST RECHT NICHT FESTHALTEN, LASST MICH GEHEN, LASST MICH EINFACH ENDLICH GEHEN!!!“…

Zu viel verlangt? Ich kann euch doch ohnehin nichts geben, nichts zurückgeben, ich bin ein Versager.

Selbsthass. Eine der wenigen Konstanten in meinem Dasein.

Noch eine halbe Stunde bis zur Sitzung. Mir ohne Indikation, außer der, mich zuzudröhnen, 2,6 mg Morphium und 1 mg Temesta. Nebenbei fällt mir ein, die Abenddosis vom Tramal vergessen zu haben. Die Frühstücksdosis wurde mehr oder minder zu Mittagsdosis, so hatte ich mir während meiner Fahrt unterwegs eine etwas großzügigere Menge meiner Tropfen einverleibt, zusätzlich. In der blauäugigen Hoffnung, die Fahrt genießen zu dürfen. Und weil ich so schön blöd bin, jetzt gleich eine doppelte Menge konsumieren. Ich würde ja so gerne aktiv daran mitarbeiten, das Rätsel tief in mir zu lösen. Aber ich wüsste nicht wie…

20:42
Abendkonzert. Die Schafe stehen jetzt unten auf unserer Wiese und blöken. Grillen, Rotkehlchen, Singdrossel.
Völlig breit. Und das ist gut so. Gleich nach den ersten Worten, gleich nach dem Geständnis, wütend auf ihn zu sein, mir diesen Termin aufzubürden, flossen die ersten Tränen. Solche Sachen teile ich ihm grundsätzlich mit. Nicht, um ihn zu beleidigen oder vor den Kopf zu stoßen. Sondern ihn über die aktuelle Dynamik auf dem Laufenden zu halten. Wir sprachen vom Sterben. Vom Abbau. Von der großen Variablen, wer oder was der Täter ist. Was er getan hat. Worin meine Ressourcen lägen. Er meinte, es wäre gut, meine Ausfahrten zu machen. Das Malen, wenn es dies dieser Tage belastend ist, eben zu lassen, zu pausieren. Und ich unter Tränen wieder, dass ich mir solche Auszeiten in Phasen wie diesen überhaupt nicht leisten dürfte, zu schnell geht etwas verloren, auf immer und ewig- wie damals eindrücklich und schmerzlich beim Laufen zu beobachten war.

Und eigentlich… Eigentlich vermag ich überhaupt nicht zusammenzufassen, worüber wir gesprochen haben. Mein Schädel ist so leer und meine Stimme kracht mittlerweile nur noch unmotiviert und krank.

Sebastian liegt hinten in der Badewanne. Mir Mühe geben, aus der Erwartungshaltung nicht Spannung und Panik erwachsen zu lassen! Den Rausch genießen… Dabei lag bereits die ganze Sitzung hindurch der Zeichenblock vor mir, darauf wartend, mit einem Bleistift anzusetzen und die Seele sprechen zu lassen. Aber ich konnte nicht. Psychisch. Physisch es nicht einmal probiert. Wäre nun Wochenende, würde er nach oben gehen, ausgehen, dann hätte ich längst die Bleistifte gespitzt. Diesen gestreckten Zeigefinger, der so gierig ist, so neugierig und dabei brutal… Die Spitze des Zeigefingers, die mein Leben zerstört. Mit einer Geste.

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Ich könnte so viele Dinge tun, so unendlich viele Ideen… Aber alles bleibt liegen. Weil ich faul bin. Weil ich ein Krüppel bin. Weil die Depression lähmt. So bleibt es bei Listen. Unendlich viele, unsägliche Listen. Dem Vergessen zuwider.

Dabei hat mir unterwegs heute eine ältere Dame etwas zu trinken angeboten. Stand schon eine Weile mit dem Rollstuhl vor ihrem alten Bauernhaus, was sie sicherlich beunruhigte. Aber ich filmte nicht ihr Zuhause, der Fokus war aufs das Telefonkabel gerichtet, darauf Rauchschwalben. Da kam sie nachsehen, was der komische Krüppel da draußen im Rollstuhl treibt, und bat mir ein Glas Wasser an. Das ich mit recht herzlichem Dank ablehnte, meine Wasserflasche in ihre Richtung schwenkend.

So viel gesehen, soviel erlebt, gerochen, geschmeckt, gespürt… Und nun einfach nur dankbar und froh, nichts von alledem mehr zu müssen. Zumindest augenblicklich nicht.