6. Juli 2018, Freitag „HEUTE ist Freitag!…“

8:30
59,3 Kilo um 6:45 Uhr. Wie gestern, wie vorgestern. Da geht man einmal nach über 20 Tagen aufs Klo und wiegt zwei Tage später einen Kilo mehr… Logik?
Es regnet. Dementsprechend hoch die „FluGtuation“ am Restaurant. Die Insekten bleiben zu Hause. Ich möchte eine riskante These aufstellen: Wetten, zu Mittag scheint wieder die Sonne?
Keine halbe Stunde mehr, dann habe ich Sitzung. Die vermutlich vorerst Letzte. Eine Pause ist angedacht. Nachts im Bett verlor sich mein Blick unentwegt im obersten Regalfach, dort, wo mindestens fünf Paar nagelneue Laufschuhe aufeinander gestapelt Staub ansetzen. Ein Fach weiter unten liegen weitere Modelle, kaum getragen. Den ganzen Ausflug über (bis auf das längere Stück mit den Schmerzen) musste ich ans Laufen denken. Aber wo sollte ich auch hinfahren, welche Strecken blieben mir denn, um nicht mit Erinnerungen konfrontiert zu werden?
Die Antwort ernüchternd: HIER definitiv keine Alternative! ALLES wurde abgelaufen!
Es ist Sommer! Zwangsläufig bin ich wieder mit diesem Verlust konfrontiert. Natürlich könnte ich aufhören, dabei auch noch mein altes Handy mitzunehmen, um damit die Musik von damals zu hören. Beim „Spaziergang“ brauchte ich sie aber. 45 Minuten waren möglich. Davon die letzten 15 nur noch Quälerei. Aber es war so heiß…
Trotz etwas mehr Bewegung, trotz neuer Stützstrümpfe, war es gerade Sebastian, der abends zu mir sagte: „Huch, du hast aber wieder ordentlich Wasser in den Füßen!“.
Der Witz nur: Mir wäre es erst gar nicht aufgefallen! Ist nicht er es, der die Situation permanent runterspielt, wenn ich mich darüber beklage, dass meine Gliedmaßen doppelt bis vierfach so dick geschwollen sind?
Der Körper setzt Funktionen aus, beginnt mit dem Abbau, stellenweise mit dem Sterbeprozess.
Stromkosten hin oder her: Nachts liege ich im Bett, die Matratze ist so weich, dass die Inkontinenzmatte unter mir permanent unbequeme Falten schlägt, kaum auszuhalten ist, aber fürs Wohlbefinden sorgen Ventilator und Heizstrahler -die kalte Luft für die krampfenden Beine und die warme für Oberkörper und eiskalte Hände. Wie in Kindertagen stelle ich mir vor, in einer eiskalten Nacht draußen irgendwo am Lagerfeuer zu liegen…

Aber das habe ich schon oft genug diktiert. Anstatt die Zeit so zu verschwenden, hätte ich die letzte Aufnahme schneiden können. Eine Katastrophe, teils vom Wind und größtenteils von Flugzeugen sabotiert. Ich könnte natürlich auch wieder damit anfangen, wie beschissen ich aussehe. Dass der Spiegel mitunter gnädiger zu mir ist.
Das erste Thema heute wird definitiv wieder diese Grunddebatte sein, warum er felsenfest davon überzeugt ist, es mit einer Multiplen zu tun zu haben. Wobei doch ich selbst immer den Eindruck gewinne, ich generiere Rumpelstilzchen regelrecht.
Vor über 1 Stunde noch hatte ich eine bessere Erklärung parat, traf den Nagel auf den Kopf als der Satz gerade eben. Aber er ist weg. Oder sagen wir so: Ich hatte mich in flagranti dabei erwischt, wie ich etwas dachte, das ich dann doch nicht denken durfte, es bedurfte einer Reaktion und rief mein vermeintliches Täterintrojekt auf den Plan. Gar nicht mal dahingehend, dass ich ihn eingeladen hätte, sondern wie ein Gerät eingeschaltet! Um dem Bild zu entsprechen! Den „Erwartungen“?!
Wie fühlt es sich an? Wie sollte es sich anfühlen? Laut Markus und dem viel zitierten DSM V, der wohl immer noch nicht offiziell beendet und veröffentlicht ist, genau so, wie ich es beschreibe. Dabei bleibt aber latent ein Vorwurf: Dass ich das alles nur fingiere, der Aufmerksamkeit wegen, um anders, besonders zu sein… Dabei ernte ich immer nur schräge Blicke, keiner nimmt mich ernst, wenn ich mich dahingehend oute. Also welche Form von „narzisstischer Zufuhr“ erhalte ich denn überhaupt, um diese Unterstellung zu rechtfertigen?
Keine?
Oder genügt es mir, in meiner Gedanken- und Fantasiewelt etwas Besonderes zu sein?…

18:15
„Der Körper soll dein Tempel sein“… Ich lach mich tot…
Mein Körper ist mein Erzfeind! Oder wie heute in der zweistündigen Sitzung von mir beschrieben: „Ich fühle mich wie ein Alien. Eine Art Energiewesen. Das Gehirn…? Ist ja auch etwas Physisches, also sagen wir, es ist das, was man landläufig als Seele bezeichnet. Und irgendjemand hat mich in diesen fremden Organismus gepflanzt. Ich kann mich damit nicht identifizieren! Es bleibt für mich ein „FREMD-Körper“.“.
Mittags 2 Stunden lang Krämpfe im linken Bein. Egal, wie oft ich aufstand und umherging. Egal, wie oft ich das Bein verprügelte. Egal, ob warme oder kalte Luft, und so war eben auch das Magnesium egal. Gezwungen, zum Morphium zu greifen…
So trat wenigstens nach einer halben Stunde endlich Frieden ein. Sebastian kam sehr spät nach Hause, es war bereits 15:00 Uhr. Während er schlief, war ich wach. Und als er noch kurz einkaufen fahren wollte, schlief ich ein. Dabei hielt es mein Ischias auf dem nagelneuen, schweineteuren Fernsehsessel nicht aus.

Ich lag da vielleicht 30 Minuten. Aber der Heizstrahler lief währenddessen. Als ich erwachte, traf mich regelrecht der Schlag! Mir war speiübel, als hätte ich wieder zu viel getrunken, mich mit Entwässerungstabletten voll gestopft und jegliche Elektrolyte ausgeschwemmt, und zugleich Mund, Zunge, Gaumen sowie Kehle dermaßen staubtrocken, als hätte ich die Namib durchquert…
Sein erster Kommentar: „Meine Güte! Ist das hier heiß! Als ich gerade die Tür geöffnet habe, war es so, als würde mich eine Wand erschlagen!“. Und so fühlte ich mich eben auch, als hätte ich mit meiner fortgeschrittenen MS in der prallen Sonne verschlafen; oder noch besser, 5 Stunden in einer Sauna gesessen… Völlig ausgeknockt, unbeweglich, instabil! Zu allem Überfluss hatte ich die Wasserflasche runtergeworfen und er kam genau im richtigen Augenblick zurück; ich hätte die riesengroße Pfütze nicht aufwischen können.

Ich hatte meiner Verdauung mit einem der beiden Einläufe vom Hausarzt gedroht. Das hat wohl „gefruchtet“. Bereits seit drei Tagen, ganz besonders heute fühlte sich mein dicker Bauch wie eine steinharte, schmerzende und erst recht druckempfindliche Kugel an! Als ich es endlich geschafft hatte, aufzustehen, drückte der Darm wohl auf die Blase…? Oder die Überdosis Wärme hat sich auf die jeweilige Stelle in meinem Hirn ausgewirkt, die für meine Inkontinenz verantwortlich ist?… Ein heftiger Blasenkrampf, ich pinkelt in die Hose… Bzw. und zum Glück in die große Einlage. Das, was dann auf dem Klo folgte, war wahrlich kein Spaß.
„Mit freundlichen Grüßen, Deine Opioide und Morphine!“. Und die fehlende Bewegung. Und die ungesunde Ernährung…? Jeden Tag, wenn es heißt: „Was möchtest du heute essen?“, da habe ich keinen Plan, vermag nicht darüber nachzudenken, habe auch eigentlich auf gar nichts Lust und wenn dann irgendetwas Essbares vor mir steht, dissoziiere ich eine kleine Ewigkeit über dem Menü, anstatt es mir in den Mund zu stecken. Oder esse einen Bissen und bin eigentlich schon satt…

WARUM NIMMST DU DANN NICHT AB, DU SAU??!!!

Die Sitzung heute hatte so viele wichtige Punkte angeschnitten, mein Analytiker so viele entscheidende Sätze von sich gegeben… Und ich mir nichts gemerkt!…
Natürlich habe ich wieder mit ihm darüber diskutiert, was es nun mit der Multiplen auf sich hat. Er nannte ein paar stichhaltige Argumente, die ich nicht abstreiten konnte. Aber vergessen! Alles, was mir in Erinnerung geblieben ist: „Das, was du da mit dir tust, ist eigentlich ein Verbrechen und du würdest dafür ins Gefängnis wandern, wenn du es mit jemand anderem tun würdest!“. Das saß. Und irgendwie und über Umwege, die erneut schlüssig waren, wollte er mir damit klarmachen, dass DAS ALLES schlicht und ergreifend für einen verdrängten sexuellen Missbrauch sprechen muss!

Was machte ich? Begann zu klimpern, das Hirn ging auf Stand-by.
Ebenso schlüssig die nächste Überlegung, gerade angesichts meines Zusammenbruchs vorletzte Nacht: „Vielleicht weiß deine Mutter wirklich nichts, aber da der Täter zu dir gesagt hat, das darfst du ihr nicht erzählen, das bringt sie um, hat er dir damit die Sterbefantasien in den Kopf gepflanzt, gerade angesichts ihres Verhaltens, was Krankheit und Tod betreffen, und dass du DANN irgendwann anfängst, auch sie abzulehnen, weil sie sterben zu sehen eigentlich dein gesamtes Leben verpfuscht hat, kein Wunder.“.

Und wieder sah ich diesen Satz im Nachwort des Buches „Ich war erst zwölf“ von einer Fachfrau, mit dem ich nicht gerechnet hatte, aber er stand da, wie eine Tatsache, wie etwas völlig Normales, Gängiges bei dieser Thematik, und ich habe mich mein gesamtes Leben gefragt, ob nur ich so gestört, bescheuert bin!!!
„Opfer von sexuellem Kindesmissbrauch glauben sehr häufig, ihre Mütter umzubringen, sehen sie sterben…“. In dem Kontext, würden sie der Mutter vom Missbrauch erzählen. Weil der Täter sie damit zum Schweigen gebracht hat. „Wenn die Mama das erfährt, bringe ich sie um!“. „Das darfst du der Mama nicht sagen, das bringt sie um!“.
Und wieder erläuterte Markus den gravierenden Unterschied zwischen zum Beispiel seinen Misshandlungen damals im Internat und meinen Reaktionen auf diverse Trigger: „Wenn ich den Film von der Kampusch sehe, fühle ich mit ihr. ABER in deinem Fall gehen gewisse Szenen wortwörtlich UNTER die Haut!!! Das ist bei mir nicht so, und das hat doch was zu bedeuten!! Und du wärst schon ein verdammt guter Schauspieler, wenn ich mich auf deine Videos beziehe, und du die DIS nur spielst! Und das kannst du dir auch nicht eingeredet haben, um dann bei diesem Thema so dermaßen körperlich zu reagieren!“…

Therapiepause. Bis zum 1. August. Sollte ich dekompensieren, etwas erinnern, bräuchte ich nur per Skype einen Notruf absetzen, man könne dann kurzfristig eine Notfallsitzung einberaumen. Aber der Sommer sei eine gute Zeit, mir etwas Gutes zu tun. Da hat er insofern recht, weil ich zu dieser Jahreszeit doch immer noch einen Restkrümel Selbstständigkeit allein durch den Umstand habe, niemanden zum An- und Ausziehen zu benötigen, wenn ich raus möchte. „Und die Natur ist für dich eine wichtige Ressource!“.

Ich würde gerne darüber nachdenken, wie es jetzt weitergehen soll. Denn es muss doch irgendwann etwas geschehen. Aber „ich darf nicht“. „Sobald du dich zu sehr mit dem Missbrauch, vermutlich mit dem Täter, also mit dem, was dir passiert sein könnte, auseinandersetzt, umso lauter wird Rumpelstilzchen. Auch wenn er behauptet, dir sei nichts passiert, müsse er sich dann ja nicht so ins Zeug legen… Oder nicht?“. Und: „Wenn du ein Problem damit hast, dann nenne es eben Egostate, oder noch besser: Ein abgespaltenes Gefühl! Aber ein Solches entsteht eben nur, wenn ein Missbrauch die kindliche Seele spaltet, widersprüchliche Gefühle sich nicht einsortieren lassen, um schlussendlich -zum Selbstschutz, um überleben zu können- abgespaltet zu werden!“.

Am Video weiter arbeiten. Aber ich weiß nicht wie. Es bedürfte noch einer Aufnahme, aber die Lichtbedingungen sind schlecht, ich fühle mich unansehnlich, nicht zumutbar und so dermaßen verwirrt oder vielleicht auch gelöscht im Schädel, dass ich davon überzeugt bin, nichts zu sagen zu haben…

19:14
Nächster Blasenkrampf…

19:42
Es hört nicht mehr auf zu krampfen. Harnwegsinfekt, Pilz, kalte Füße?
Mit dem Rollstuhl zum Sofa gefahren, um den Heizstrahler zu holen. Das Kabel verheddert, das Kabel zu kurz, beim Rangieren (und ich musste dazu noch das Kabel und die Fernbedienung der Heizdecke festhalten) kollidiert der rechte Fuß mit der Tür…
Eine überzeugendere Einladung für die nächsten Krämpfe gibt es wohl kaum!! Als ob das Krampfen im Unterleib nicht bereits ausschlaggebend genug sei…
Und ich bin wütend! Beschimpfe mich selbst! Lasse mich beschimpfen! Und bin stinksauer, wie ich so blöd sein konnte, das Haus so zu planen, wie ich es geplant hatte! Das soll ein großes Wohnzimmer sein? Geräumig und mit Platz für so einen klobigen Rollstuhl??
SO EIN SCHEISS!!!
Wenn die Beine nicht ohnehin von der warmen Luft erneut ihr perverses Treiben fortsetzen.

21:19
Mich anpissen…

Du fettes, dreckiges Ferkel!!!

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6. Januar 2018, Samstag „Ich hasse Wochenenden!“

10:36
Bereits kurz vor 10 saß ich hier am Tisch und nichts ist geschehen! Nur der beschissenen Uhr dabei zusehen, wie sie meine Lebenszeit frisst! Bring mich doch gleich um!!
Sonnenschein und wieder die absurde Hoffnung, eventuell einen kleinen Rollstuhlausflug machen zu können. Wie gestern oder vorgestern, als es vormittags wunderschön war und nachmittags der Himmel mir nur noch seinen Arsch präsentierte und meine ganzen Pläne ins Wasser fielen?!
Sebastian war noch nicht zurück, ich ging irgendwann nach 22:00 Uhr allein ins Bett, ohne mich auszuziehen. 5 Minuten, bevor die Krämpfe einsetzten, hatte ich 2,6 mg Hydal eingenommen. Sehr witzig. Und als er später nach Hause kam und noch für eine Stunde nach oben wollte, bat ich ihn, mir meine Tablettendose zu holen. Zuerst stolperte ich über ein halbes Furosemid… Der Katheterbeutel war heute bis aufs Maximum von 2 l gefüllt. 59,2 Kilo um 8:45 Uhr. Des weiteren schluckte ich eine Temesta, weil ich so unruhig war und nicht einschlafen konnte.

Meine Worte sind wertlos, hohle Phrasen. Ich muss an die Arbeit gehen, muss etwas leisten und am besten irgendwann auch noch mit dem Rollator spazieren gehen. Wie sich das alles noch ausgehen soll? Ich weiß es nicht… Ich kann nicht sagen: Jetzt gehe ich spazieren, dann einen Ausflug mit dem Rollstuhl und anschließend malen! Mein Leben funktioniert nicht länger nach spontanen und flexiblen Änderungen. Mich zwingen müssen, zum Pinsel zu greifen… Ich wäre lieber draußen.

18:34
Alles wäre bereit, alles vorbereitet, nichts würde mich abhalten, sich zwischen mich und mein Vorhaben zwängen…

Nach dem Abendessen ging er nach oben und ich nach hinten auf die Toilette. Anschließend erst nur Hände und Gesicht gewaschen. Ich kann nicht arbeiten, wenn ich das Gefühl habe, mein Kopf sei soeben der Fritteuse entstiegen. Dann fiel der Blick auf die Unterarme… Nachts im Bett hatte ich am Linken besessen herum gekratzt. Die Bettdecke war weiß, voll mit Hautschuppen und Schorf. Da gerade warmes Wasser in der Leitung war, beide Unterarme shampooniert, ließ kurz die Haut aufweichen und dann mit dem alten Einwegrasierer, der sicherlich schon seit Monaten, wenn nicht bereits seit einem Jahr im Einsatz ist, diese lästigen hässlichen Haare und die Trümmer meiner letzten Selbstverachtung etwas ungestüm entfernt. Dabei immer wieder abgerutscht; unabsichtlich entstanden so oberflächliche Schnitte. Beide Arme brennen benutzerfreundlich.

Mein Plan? Der Sturm fegt ums Haus… Noch einmal ans Bild.

60 Minuten bis Mittag, dann 22 Minuten mit dem Rollator draußen die Einfahrt einmal runter zur Straße und dann wieder zurück. Irgendein Stück aus meinem Selbstmordordner lief, als ich mich die letzten Schritte nach oben ins Sonnenlicht kämpfte… Sonnenlicht, das weiße Licht, aber ich lebe immer noch, obwohl mein physisches Dasein längst auf der Strecke geblieben ist!!! Nahtlos daran mich von Sebastian- wie ein kleines Kind für eine Schlittenfahrt mit kleinen Freunden- dick einpacken lassen. Angeblich hatte es über 18°C und wäre der Wind nicht gewesen, der ebenfalls aus Süden kam, hätte man es durchaus mit weniger Schichten aushalten können. War es ein schöner Ausflug? Oder hat er mich nur wieder traurig gemacht?

Ich schwimme soeben in einem lieblich gewürzten Gefühl von Gleichgültigkeit, von „Peace and Happiness“, als treibe mein Körper im Toten Meer, als könne ich nicht ertrinken… Zu einer vollen Dosis Tramal (die es eigentlich zu Mittag hätte geben sollen, aber mit meinem Ausflug verzögerte sich alles um Stunden und so gab es die Medikamenteneinnahme erst um 16:30 Uhr) bedurfte es noch mehr. Mein linkes Bein hörte nicht auf zu krampfen. Sebastian entfernte den Stützstrumpf. Ich schlug unentwegt darauf ein, verprügelte den Oberschenkel. Es hörte nicht auf. Er massierte den Unterschenkel. Zwecklos. Um dann eine Entscheidung zu treffen: 1,3 mg Hydal. Fühlt sich nett an. Noch nicht wie „Nett ist die kleine Schwester von Scheiße!“. Würde ich nun noch ein paar Schnitte hinzufügen, so wie gestern…

Dass es so einfach geht, der Körper wie ein konditioniertes Hündchen… Zuwider dem eingebauten Selbstschutz die Hand gegen sich selbst zu erheben, sich selbst Schmerzen, Verletzungen, Wunden zufügen… Wieder drängt sich mir eine Metapher auf: Als würde man unentwegt gegen einen Kaugummiautomaten treten, und irgendwann gibt dieser auf und spuckt gleich mehrere Süßigkeiten aus! So springt auch, nachdem man der Ratio zuwider gehandelt hat, im Kopf die kleine Schublade auf und es regnet Endorphine… DAS gerade fühlt sich so ähnlich an. Wäre Heroin etwas für mich?

Es wird immer später. Dieser Satz lässt die ersten Panikpflänzchen sprießen. Die Rechte klimpert. Musik, ich glaube, ich brauche jetzt laute Musik. Vermutlich wieder eingangs die sieben oder acht Musikstücke meiner speziellen Playlist, um mit mir selbst währenddessen ein weiteres Mal scharf ins Gericht zu gehen: „Warum lebe ich noch?“… Ich weiß es nicht.

19:07


Lisa Gerrard… Vor zwei Jahren und sieben Monaten betritt Sebastian abends im Sonnenuntergang das Haus, das Lied donnert aus den Boxen, seine Welt bricht zusammen, ohne Vorwarnung, ohne Vorhersage, und er findet mich neben einem Abschiedsbrief vor, leblos…
Ich singe zu dem Lied, voller Inbrunst. Ich sehe meine Familie, meine Kindheit, meine Mutter. Es tut alles ganz plötzlich so schrecklich weh. Tief in mir drinnen nur noch der eine Wunsch, dass alles wieder in Ordnung kommt, dass alles gut wird, alles wunderschön, man einen Tag miteinander verbringt, den man nie vergessen wird, mit gemeinsamem Lachen, Erinnern, vielleicht auch Weinen… Keine Fragen, keine Zweifel mehr. Alles ist in Ordnung, alles in Balance. Hand in Hand, umarmt, in tiefer Liebe verbunden, im Abendrot gehen wir 4 durch die hohe Wiese, meinen Hügel, den Hügel der Kindheit, meinen „inneren sicheren Ort“ hinunter, nach Hause…

und am Ende darf ich endlich gehen, die Augen schließen und sterben.

Tränen in den Augen. Vor meinen Augen eine Illusion, ein Trugbild, ein wunderschöner Sonnenuntergang ohne Schmerzen, ohne Tode, ohne Schuldgefühle, …und ich höre den Zug nicht, der auf mich zurast, vernehme nicht sein Warnsignal. Ich sehe nur den Sonnenuntergang und die Gesichter meiner Familie, ich sehe mich als Kind, geborgen in deren Mitte, bin in dieser Situation, von der ich nicht einmal weiß, ob ich sie mir nicht bereits als Kind NUR erträumt habe,… aber es tut so gut und höre nur noch die letzten Takte von diesem Lied… Denn alles wird gut, die Schmerzen enden hier, für immer und ewig!!

19:36
Sebastian oben anrufen: „Lass dir ruhig Zeit, ich will sicher noch bis mindestens 9 malen.“. Darauf sagt er, ich solle mich melden, wenn ich fertig sei. Die Panik, die soeben am Anschwellen war, atmet im Schneckentempo Volumen aus. In die Tasche greifen, blutbesudeltes Tuch, blutgetränkter Strumpf, Klingendose. Man möchte meinen, diese Erinnerung mit der „ganzen, heilen Familie“ auf der sommerlichen Abendwiese ist ein kitschiger Abklatsch von der Timotei-Shampoowerbung aus den Achtzigern, ein kindliches Puppenhauskonstrukt, Wunschdenken, wie es hätte sein sollen… Dieser Zweifel, bzw. diese Erkenntnis, dass ich da anstatt einer Erinnerung lediglich der blühenden Fantasie eines kleinen Kindes auf den Leim gegangen sein könnte… Grund genug?

Würde er nur nicht oben Lärm machen und dabei den Eindruck erwecken, jederzeit plötzlich hinter mir stehen zu können… Ich kann nicht sagen, was ich jetzt fühle. Nichts? Keine Wut, keinen Hass, da sind nicht einmal mehr Vorwürfe, weder gegen einen Außenstehenden noch gegen mich selbst. Wäre das eine profunde Grundlage für einen friedlichen Tod?

Die Rasierklinge lediglich zweimal wenden müssen, ehe ich den ersten Schmerz erzeugen kann. Die Rechte ist nicht mehr so taub wie gewohnt. Oder sie hat ihre sichere Wohlfühlzone verlassen, weil sie sich nun nicht mehr länger in Sicherheit wiegen kann und wie früher jederzeit als Ventil missbraucht werden könnte, die Lähmung der Linken sie nicht länger davor bewahrt. Dieses Mal ist das Blut heiß, nicht kalt. Die kalte Hand vielleicht 1 cm über den unzähligen blutigen Rinnsalen, und sie spürt die pulsierende Wärme, die von meinem Lebenssaft ausgeht. Von meinem Schmerz, Seelenschmerz oder einfach meiner Schuld, die nicht abgetragen werden kann. Genügen zehn Schnitte? Die Angst fährt die Ellbogen aus, will sich Platz verschaffen. Der wunderschöne Rausch scheint in Gefahr!

20, die Linke zu einer Faust verkrampft, will nicht länger mitspielen. Das Blut gerinnt ohnehin längst und die letzten Schnitte weinen auch nur noch wenig überzeugend für mich.

Alles verschwindet in meinem Lederranzen, der blutige Strumpf unter einer schwarzen Armstulpe. Eine Alte wählen, deren Kontakt mit Farbe nicht gleich den Weltuntergang bedeutet. Aber es reicht nicht. Ich will in den Rausch zurück. Vielleicht auch, dass Sebastian gar nicht mehr runter kommt, mich alleine lässt, bis mir die Müdigkeit das Genick bricht. Bin ich schlecht? Ob ich schwach bin oder nicht, spielt keine Rolle. Es geht immer nur darum, was ich anderen antue. Ein paar Tabletten oder Tropfen hiervon oder davon mehr… Wen kümmert’s?

Der schöne Schein, der berauschende Zauber scheint kaputt. Die unzähligen Kabel verwickeln sich mit den Rädern vom Rollstuhl, als ich hinter mir zum Tischchen fahre und noch einmal eine volle Dosis Tramadol in den Mund appliziere. Ein Räucherstäbchen, die Musik wieder auf volle Lautstärke und den Pinsel in die Hand… Wenn nun nicht doch tatsächlich alles längst vorbei und ruiniert ist. Die Rechte hält sich an der Maus fest, während sie vom Zeigefinger hoch bis zum kleinen Finger wieder und wieder bis 4 zählt. Mit der Sprühflasche den Farben neues Leben ein Hauch, Musik an und bitte Kopf sowie Panikattacken aus…

21:30
Ihn anrufen. Bescheid geben. 2 Stunden und 15 Minuten. Der Rausch ließ sich nicht vertiefen. Ich habe Angst vor „ihm“, seiner Lebendigkeit, dass er die Stille zerreißt… Und doch sehe ich ihn tot auf dem Boden liegen, da ist sie, MEINE elende Stille!!! IST ES DAS,WAS ICH WILL????!!!

Mich schuldig fühlen. Hätte nie eine Beziehung eingehen dürfen, hätte längst tot sein müssen… Muss ich mir nochmals weh tun?

2. Januar 2018, Dienstag „Wie schnell ein Jahr vergeht…“

8:28
Vor 10 Minuten noch dachte ich, mich unverzüglich wieder hinlegen zu müssen, aber… RECHT HERZLICHEN DANK AN MEINEN DACHSCHADEN!! Das rechte Bein krampft, seit ich aufgestanden bin. Dazu eine heftige Kopfschmerzattacke, die ich mit Drehen des Kopfes einzudämmen suchte. Der Himmel scheint aufzureißen, Wassertropfen hängen schwer an den sterblichen Überresten der Himbeerstauden, kaum Gäste am Restaurant. Im Traum war es bereits wie Frühling, ich ging spazieren und bemerkte erst nach 700 m, keinen Rollator vor mir zu haben, ihn zu Hause vergessen zu haben. Und wie viel besser und schöner ich gehen konnte, aufrecht, ohne dieses dumme Ding. Auf dem Heimweg wurde ich noch schneller. Sollte ich es wagen, versuchen, zu laufen? Es ging noch ziemlich turbulent und abstrus weiter, ist das Aufschreiben aber nicht wert. Meine Zeit besser investieren. Eine Zeit, die ich ohnehin nicht habe. Erneut werde ich nachmittags absaufen, verschlafen, vom Sofa nicht hoch- und von der Glotze nicht wegkommen. Träume wie diesen heute Nacht erzähle ich Markus gar nicht mehr, er interpretiert für meinen Geschmack viel zu viel hinein, würde wieder sagen: „Das sagt uns, dass bei dir noch einiges rauszuholen ist! Dass du wieder laufen wirst können!“. Ich würde es ja verstehen, wenn es beinahe ein Gesetz wäre, dass jeder Gelähmte sich im Traum nur gelähmt sieht. Aber dem ist ja nicht so! Das ist mir dann immer ein bisschen zu viel Fantasterei, und wie enttäuscht wäre ich erst, wenn sich dann doch nichts ändert, ich aber fest daran geglaubt habe? Ersatzreligion. Ich lehne Religionen aller Arten ab!

Mein Schädel scheint gut befüllt, der Druck steigt kontinuierlich. Das Vorlagenfoto verwirrt mich zusehends. Wo ist da Vorne und Hinten? Klar, der Eichelhäher kämpft gerade um sein Leben und in seine Brust gekrallt ein Bein eines Sperbers. Das kann dann mitunter schon etwas Unordnung ins Gefieder bringen. Ob es der Eichelhäher überlebt hat? Das Plüschschweinchen liegt immer noch da. Was wird das für ein Meilenstein, wenn ich es endlich schaffe, ohne mich hinterher selbst schädigen zu müssen das unnütze Ding in den Müll zu befördern…

Panik! Sackgasse! Schlechte Gedankenrichtung!! WARNUNG!! STOPP!!!

Das Neujahrsgeschenk hinter dem Kartonstreifen, der als Lichtschutz für die Leinwand dient, damit die Sonne sich nicht auf den Farben spiegelt, verschwinden lassen. Es tut mir leid. Ich bin schlecht. Zur Ablenkung eine Fernsehsendung anschmeißen…

19:48
Der Tag lief doch gut… Warum bricht er mit Beginn der Dunkelheit, mit Sebastians Heimkehr völlig zusammen? Den Zustand nicht einmal beschreiben können! ICH WILL PLÖTZLICH NICHT MEHR LEBEN, WERDE VON EINER NAMENLOSEN UNZUFRIEDENHEIT ZERFRESSEN!!!!!!!!!!!

Mit den Hosen gekämpft. Zumindest eine davon gekürzt, nur noch nicht umgenäht. Die Nähmaschine begann zu rauchen. Macht mich krank, bei dieser Tätigkeit im Rücken TOTAL zu verspannen, hat mir DAS DAS GENICK GEBROCHEN???!!! Unterm Strich den ganzen Nachmittag NICHTS im Sinne von einem Endprodukt GELEISTET???!!! Hätte ich weiter malen sollen? Ist es das?

Aber ich ahne, es wäre aufs Selbe hinausgelaufen… Zu schnell atmen. Auf dem Sofa, die Heizdecke auf Schultern und Rücken. Die Glotze läuft, zu laut, Sebastian kocht Suppe, es stinkt nach Zwiebeln und ich kann nicht tippen. ICH KANN GAR NICHTS!!!
Mich wieder krank fühlen.

ZU DÄMLICH FÜR ALLES!!!
STIRB!!!

7. Dezember 2017, Donnerstag

8:28
Alltag simulieren, Routine basteln. Aufstehen, ins Bad schlurfen, Beutel entleeren, Einlage wechseln, Deo, ein ernüchternder Blick in den Spiegel, ein schockierter Blick aufs Wagendisplay, 59,8 Kilo 6:45 Uhr, der Selbsthass kommt soeben vom Morgenlauf, fühlt sich frisch und aufgeladen für den Tag, ich schleppe mich ihm hinterher ins Wohnzimmer, dort wartet Sebastian bereits, ein Liedchen für mich trällernd, ab aufs Sofa, Haare frisieren, BH, Oberteil, auf dem Sofa umsetzen, erst das linke Bein auf seinen Schoß, der Nagel wird mit einer Salbe behandelt, der Fuß als Ganzes eingeschmiert, Stützstrumpf Nummer eins, Socke, Hosenbein Nummer eins, dann Wechsel und dasselbe Procedere auf der anderen Seite noch einmal, dann zum Dankeschön einen Kuss geben, es mir für die letzten 30 Minuten noch einmal bequem machen auf dem Sofa, meine Medikamente einwerfen, Heizstrahler läuft und dösen, bis 7:30 Uhr, dann wird aufgestanden, zwangsweise, ich würde lieber liegen bleiben, ich setze mich auf den Rollstuhl, während Sebastian sich einerseits anzieht und andererseits durch die Küche wuselt, um mein Frühstück fertig zu machen, die Schale Tee muss noch einmal in die Mikrowelle, Brotkörbchen mit Vollkorngrissini, Nutella und aus dem Kühlschrank eine Packung Hummus, dann füttert er noch schnell die Vögel, fragt, ob ich noch irgendetwas brauche, es gibt Abschiedsküsschen und er geht. Das war der erste Teil. Nun folgt der Meinige: Den Computer anwerfen und während bereits die Titelmelodie der Küchenschlacht läuft, hastig meinen Posteingang überprüfen und diverse Besucherzahlen anschauen, viel zu viel Süßstoff in den Tee, viel zu viel Nutella und mich wie so oft selbst austricksen müssen, in dem ich einmal eintauche, abbeiße und noch während ich kaue, damit beschäftigt bin, die Stange zurück in die Packung stecken und dessen offene Seite mit einer Plastiktüte bedecken, jetzt komme ich kurz in die Gänge, bringe das Körbchen mit den Frühstücksutensilien in die Küche, die Kichererbsenpaste wandert in den Kühlschrank, im Tausch gegen eine neue Wasserflasche, die Wasserflasche wird in diesem nagelneuen Termoschlauch versenkt, mit dem restlichen Tee die letzten Minuten der Kochsendung gucken, während bereits die Stoppuhr läuft, die Farben mit Wasser benetzt werden und ich behelfsmäßig gedankenlos Striche an den Federn vornehme, dabei immer noch so unendlich müde, dass ich schlafen will, und daran wird auch das Rauchzeichen gebende Räucherstäbchen nichts ändern und, um zum Schluss zu kommen, wird diese Prozedur jetzt 2 Stunden dauern -dann habe ich wenigstens ein kleines Soll des Tages erreicht.

Und WEHE diese fixe Struktur wird irgendwie durcheinandergebracht! Fine sitzt vor der Tür und weint; Sebastian hatte die Schnauze voll und alle beide samt Futter hinaus komplementiert. Martha hatte schon wieder das gesamte Treppenhaus mit ihrer Kotze dekoriert und das fällt ja nun mal leider in seinen Zuständigkeitsbereich. Gestern drohte er den Katzen damit, dass wir uns bald einen Hund anschaffen würden und dann könnten sie sehen, wo sie bleiben. Ich denke dabei gerade: „Wie praktisch! Der würde die Kotze auffressen!“.

9 Minuten später, Fine wieder ins Haus gelassen, die kotzt und scheißt wenigstens draußen; das ganze Haus stinkt nach Katzenklo. Da kommt es wieder zu diesem Phänomen, bei dem ich mir am liebsten selbst die Fresse einschlagen möchte! Und das alles nur wegen der bekloppten Katze, weil ich sie reinlassen wollte, musste, damit die Vögel wieder fressen können! Natürlich musste ich die nagelneue Heizdecke abnehmen, ehe ich zur Terrassentür gehen konnte. Doch wieder zurück UNFÄHIG, mir diese wieder anzulegen, und während ich mich so bezaubernd vor mich hin ärgere, geht das mit dem Gähnen wieder los. Darauf wartend, mir auch ohne selbst zugefügte Gewalteinwirkung alsbald den Kiefer auszurenken!! Je mehr ich gähne, desto müder werde ich und natürlich desto schneller schwinden die Kräfte. Und da sage mir jetzt einer bitte schön, ich SOLL IN SO EINER SITUATION RUHIG BLEIBEN??!! EINEN SCHEISS WERDE ICH, WEIL ICH ES NICHT KANN!!!

Ganz vorsichtig die Hypothese in den Raum flüstern, heute noch müder zu sein als gestern. Wessen bedarf es jetzt? Eines Energydrinks, Matetees, Kissens, des Sofas oder was?! Selber schuld, wenn ich so einen Schwachsinn schlucke. Aber für den Moment war diese Mischung abends ganz friedlich. Musik oder Tiersendung? Noch 45 Minuten, ehe hinten die Tür wieder aufgeht und ich würde gut daran tun, genau DARÜBER nicht weiter nachzudenken!

15:33
Die Sonne bereits hinter der Hügelkette im Westen verschwunden. Der Beutel war kurz vorm Platzen. Ich wollte doch nur eine halbe Stunde schlafen, aber so wurden zwei draus, mein Herz rast und ich bin alles andere als wach. Noch 90 Minuten bis zur Sitzung mit Brigitte, ich müsste mir das Dokument durchlesen, ich wollte noch malen, noch etwas schaffen… Stattdessen instabil, mir ist unglaublich schwindlig, sobald ich stehe, droht das Körpersystem Opfer der Erdanziehung zu werden. Kaum hatte ich auf dem Sofa die Augen geöffnet, unverzüglich weitere 20 Tropfen Tramal zur Mittagsdosis eingeworfen. Also Temesta ist auch nicht das Gelbe vom Ei, wie mir scheint. Einfach noch mehr Opiate und dazu Morphine? Das beeinträchtigt wenigstens meine Funktionalität nicht. Am liebsten würde ich mich jetzt aufschlitzen. Warum?

WARUM muss es immer ein WARUM geben? Kann ich nicht sagen: Einfach so?! Ich sitze gerade hier in dieser Stille und werde mir der trügerischen Ruhe, dieser falschen Harmonie bewusst. Na?! Wann knallt es?!

Hinten in den Jungbirken landet eine Elster. Ganz kurz, dann ist sie schon wieder Geschichte, kann mir den Drang in Richtung Kamera ersparen. Ganz laut Musik anmachen! Vielleicht spuckt der Player ja doch noch das richtige Stück aus, um mir dabei die Kante geben zu können. Das sollte mich aufwecken, dieses bisschen Schmerz, dieser benutzerfreundliche Rausch.

Die Abendstimmung, das Abendlicht, ich sehe mich in Jennersdorf ankommen, laufend, um dort bei der Beleuchtung bis zu Sebastians Feierabend hin und her zu rotieren. Die kleine, braune Pumpflasche holen, dazu auch noch die blaue Blechdose Tabletten, bunt gemischt. Die Vögel auf dem Restaurant haben etwas Melancholisches in diesem schwindenden Licht. Ich sehe den Tod, vermag ihn zu erahnen.

Auf diesem Wege kommt mir das Glas mit dem Psychopax unter. Aber auch nur, weil ich die Illusion, mich in irgendeiner Art in einen Zustand ohne Angst befördern zu können, nicht aufgeben will und erst die Blisterpackungen Gewacalm und Temesta auf dem Tischchen sehe. Warum selbst verletzen? Um mich selbst zu vergewissern, dass es rechtens ist, eine Therapeutin ins Haus kommen zu lassen? Eine Therapie zu brauchen, verdient zu haben? Wer kommt mir da mit Ratio? Im Land der zerstörten Gefühle gibt es weder Vernunft noch Logik!

Den gesamten Chemiemüll vor mir aufbauen, die Petrischalen öffnen. Da sehe ich meine Mutter, ihre Angst vor Tod und Verlust. Und ich bekomme die Worte kaum noch über die Lippen: Ich sehe sie sterben… Und es tut mir so leid, zugleich erkenne ich mich selbst, keinen Deut besser, aber im Vergleich zu ihr will ich lieber sterben, als das noch einmal 37 Jahre aushalten zu müssen. Und die Tränen laufen und laufen, und die Stimme versagt und bleibt stecken, wie auch der Atem auf der Strecke bleibt und das Gefühl der einzelnen Wassertropfen, die über die Wange laufen, bringt mich den Rasierklingen noch näher.
Ganz kurz, eine Stunde noch allein. Die Klingendose suchen, dabei über die Skalpelle stolpern.

Dafür bist du doch viel zu dämlich!!

Die Selbstmord-Playlist vom 21. Mai 2015 erfüllt den Raum.

Bring dich um! Es war doch so schön, so wunderschön, als du endlich die Augen schließen konntest, oder nicht?

Das Skalpell, die Packung noch nicht einmal offen. Mir darauf die technische Zeichnung der Klinge ansehen, an der Skizze kleben bleiben. Firma Braun. Gillette wäre mir lieber. Gillette und dieser betörende Schmierölgeruch. Dabei sähen meine Arme gerade wieder salonfähig aus. Scheiß drauf! Nur bloß keine Flecken auf die Hose machen! Diese ist hellgrau und ich glaube nicht, die Kraft zu haben, mich noch selbst umziehen zu können…

Mit der Spitze zaghaft über die vernarbte Haut kratzen. Nach sieben Schnitten anfangen frustriert zu werden. Wo bleibt die Überzeugung?! Wo bleibt der „Nachdruck“? Es ist und bleibt wie es ist: Eine Rasierklinge bleibt eine Rasierklinge und eine neue Rasierklinge der beste Weg, die unglückliche Seele zu befrieden…

22 und dabei die letzten auf der Unterseite, fester, wütender. Dieselbe Handhabe mit einer nagelneuen Rasierklinge- das ganze Ergebnis würde sich gewaltiger darstellen. Es bleibt die Frage danach, ob das jetzt reicht. Irgendeinen der neuen, sauberen Schlauchverbände überstreifen, der Aufruhr tief in mir noch nicht zur Gänze gestillt. Das blutige Handtuch verschwindet wie auch das Skalpell in meiner Schultasche am Rollator, die schwarze Armstulpe mimt den letzten Vorhang bei einem geschmacklosen Theaterstück, ohne Zugabe. Sieben nach 16 Uhr. Vor allem die Wunden auf der Unterseite des Arms brennen dezent. Spätestens gegenüber Brigitte sitzend werde ich mir lächerlich vorkommen. Ihre Welt wird auf die meinige prallen und es wird sein wie Tag und Nacht. Zum Psychopax greifen… Dosismenge? Unbekannt.

Mit nach innen gerichteten Augen auf die Explosion des Himmels warten.

17:55
Ich kann nicht gerade behaupten, mich betäubt, gleichgültig oder in irgendeiner Form berauscht zu fühlen. Bedurfte es meiner eigenen Worte, meine eigene Stimme DAS sagen zu hören, was ich gerade von mir gegeben habe? Oder zuvor, noch vor Brigittes Ankunft, ich hatte das Diktierprogramm das neunseitige Dokument, welches ich in den zwei Wochen seit der letzten Therapie für diese angelegt habe, das Gespräch mit meinem Bruder, Träume, Auffälligkeiten, vorlesen lassen. Meine eigenen Worte aus dem „Mund“ einer anderen Frau zu hören. Und dann eben noch einmal gleich im Anschluss bei der Therapie… Ich bin aufgewühlt, innerlich, wie ein Acker, den man umgepflügt hat. So vieles ergibt Sinn, erst recht in der Zusammenschau mit Brigittes Reaktionen, ihrem Gesichtsausdruck… Und zugleich mischt sich die vermeintliche Ratio ein, will alles zerklären. Kommt mit ganz alten Kamellen um die Ecke gebogen, Erklärungsansätzen, denen ich schon seit Kindertagen die Treue halte. Schwer seufzen. Was schlucke ich noch? Mittlerweile keine Übersicht mehr darüber, was bereits konsumiert wurde. Ich werde noch weiter malen, denke ich.

Ein paar kurze Sätze mit Sebastian wechseln, die Panik hört interessiert zu. Er hat mir eine Schale Tee gemacht, ist nach oben gegangen; sicher für 90 Minuten oder so. Malen und währenddessen die Geschichte des Kindes weiter spinnen? Mich zurücklehnen und mein neues Video noch einmal auf mich wirken lassen?

DU FAULE SAU!!

Eventuell noch ein paar Striche, die Zeit voll machen auf 3 Stunden Tagesleistung…

18:43
Plötzlich eine Erinnerung, meine Mutter und ich vor der Ballettschule, traute Zweisamkeit… Ich sehe sie sterben… Ein unbegreiflicher Schmerz breitet sich in mir aus, wie eine überdimensionale Hand, eine Klaue, die plötzlich zupackt, ihre langen Nägel in mein Fleisch schlägt und den Griff enger und enger und fester und noch fester werden lässt… Da frage ich in mich hinein: „Mama, was habt ihr bloß mit uns gemacht? Was hast du mit mir gemacht? Warum sagst du, ich sei das Wichtigste für dich, aber ich habe das Gefühl, wegen dir nicht leben zu dürfen?!“.

Tränen. Das innere Kind weint…
„Warum bekomme ich keine Antworten? Warum bin ich so schlecht? Was habe ich verbrochen? Was habe ich dir angetan? Weswegen muss ich leiden? Warum spielt es keine Rolle, wie oft du sagst, dass du mir das Beste wünscht, dass du alles für mich tun würdest? Denn umso mehr wachsen Schuldgefühle, schlechtes Gewissen, umso mehr wird meine Daseinsberechtigung ad absurdum geführt? Je häufiger du mir unter Tränen sagst, wie sehr du mich liebst, je fester du mich dabei drückst, um so mehr Kraft bekommen die Suizidgedanken. WARUM?! Sag mir doch endlich WARUM???!“.

1146 Stunden. Sebastian oben. Ich allein. Und so greife ich ein weiteres Mal zum einzigen Heilmittel, das ich in der Hand zu haben scheine…

Der Atem wird langsamer, während ich mit einem Edding die erste Kante des neuen Werkzeugs markiere.

Das ist doch alles nur SCHEISSE! Das kommt von deinen Tabletten, du hast eine Psychose!!

Ja? Habe ich das? Bin ich ein ewig nachtragender Mensch? Der jede Kleinigkeit überbewertet? Zwischen den Zeilen fehlinterpretiert? Immer alles auf mich selbst bezieht? Eine Dramaqueen?!

Die kleine Tischlampe auf den blutigen Unterarm gerichtet. Viel zu zaghaft, dem wunderschönen Metallstück nicht gerecht. Ehe in mir etwas sagt: „Denk an den Schmerz!…“. Nummer 7 schlägt ein. Unzählige Rinnsale. Beim Gedanken an meine Videos bekomme ich Panik. Das Blut tropft aufs Tuch, eine Seelenträne nach der anderen. Meine Seele spricht nicht, das innere Kind spricht nicht, aber über diesen Umweg ermögliche ich ihnen wenigstens ein bisschen Trauer zu leben und abzulassen. Die Schnitte, die folgen, sind zumindest dezent überzeugter. Die Hand auf dem Tisch ablegen, um daran teilhaben zu dürfen, wie sich das Schauspiel verselbstständigt. Was hat mein Bruder gedacht, als er am 21. Mai 2015 vor meinem leblosen Wrack kniete, auf der Suche nach Venen für einen Zugang die Ärmel nach oben schob und über 300 Schnitte zu sehen bekam? War er da ganz Profi, funktionierte im Rahmen seiner Arbeit oder hat er sich doch gefragt, wie & nach rechts markieren um Himmelswillen es dazu gekommen sein muss?

Als ich das alte Handtuch zusammenfalte und hochhebe, um es in der Tasche verschwinden zu lassen, ist es dreimal so schwer und warm. Wie viele Schnitte waren es? 12? 15? Kein Fleck auf der Hose, nur dezente Spuren an der rechten Hand. Heftige Kopfschmerzen setzen ein. Süßstoff in den Tee, trotz Panik das Video einschalten und noch irgendetwas anderes einwerfen. Von mir aus noch mehr Psychopax…

19:47
Das Video ansehen, „Das innere System“.

Ich sehe die Uhrzeit, ich denke, Sebastian kommt bald runter, und wie ein T-Zug erfasst mich die nächste Panik, ich beginne ohne darüber nachzudenken erst auf meinen linken Unterarm einzuschlagen, mit der Faust darauf herum zu hämmern, ehe ich den Verband darunter einmal abrupt ein Stückchen nach oben ziehe und ihn von den daran festgeklebten Wunden reiße. Plötzlich ein Dejavuegefühl. Der Arm tut weh. Angenehm weh. Aber es reicht nicht. Ich sollte Sebastian oben anrufen und ihm sagen, er kann sich ruhig Zeit lassen. Statt Psychopax hatte ich mir ein weiteres Mal 20 Tropfen Tramal verordnet. Wie viele es davon mittlerweile sind? Ich will die Ruhe, die gedämpfte Stimmung genießen… Aber ich schlechter, böser und vor allem dreckiger Mensch darf nicht!

Ruft nicht tatsächlich Sebastian von oben runter: „Macht es was aus, wenn ich noch bis 9 mache?“. „Nein!! Überhaupt nicht! Ich wollte dich schon anrufen; beim Gedanken, dass du runterkommst, krieg ich Panikattacken…“, um noch hastig hinzuzufügen: „BITTE nicht persönlich nehmen!!“. Schön und gut, aber die Angst führt bereits einen Veitstanz auf meinem Gemüt aus. Ich könnte anfangen, zu weinen. Sollen diese ganzen beschissenen Tabletten und Tropfen nicht genau DAS eindämmen, verhindern oder lindern?! Ich kann nicht mehr…

Am Unterarm herum kratzen…

Während das Video läuft, erst eine weitere Schnapspraline auspacken und dann, weil die mir zugefügten Schmerzen zu schwach sind, die schwarze Stulpe abstreifen und mit dem Daumen, dem Daumennagel ganz fest über die Schnitte kratzen. Meine Ohren unter den Kopfhörern werden ganz warm, neue Blutflecken zeichnen sich auf dem Stoff ab. Es tut mir so leid, dass ich das alles hier niederschreibe und – unverantwortlich- auch noch veröffentlichen werde. Die Augen werden erneut geflutet. Liegt das alles nur an Benzos und Opiaten? Oder hat die Sitzung etwas aufgebrochen, das nun eitert, ungesehen, ganz heimlich und leise im Verborgenen? Ich will sterben!!

20.58
Sebastian kommt runter, macht für mich Kartoffeln in den Ofen und fragt: „Willst, brauchst du sonst noch was?“.
„Ja…“, ich breche zusammen: „Bitte, halt mich ganz, ganz fest!“.
Schon sprudelt es aus mir raus. Nicht fertig werden, Versuche zu unternehmen, mich, mein Verhalten zu erklären. Mich zu entschuldigen, „ihm nicht gerecht zu werden“, „wegen ihm Panik zu bekommen“, „an ihm Gesten und Ähnlichkeiten mit dem vermeintlichen Täter zu sehen, in ihn hinein zu interpretieren“. Ein endlose Liste.

Ist das der Grund, das Glück, noch nicht mehr Selbstmordversuche unternommen, mich nicht schon längst umgebracht zu haben?

24. Juni 2017, Samstag 14:30

Noch mal Schwein gehabt… 59 um 8. Ich habe gefressen, und wie ich gefressen habe. Was für eine Mastsau… Auch hat mir Sebastian zusätzlich von der Tankstelle noch einen riesengroßen Schokoriegel mitgebracht, den ich auf einmal verputzt habe. Das THC? Heute ist es nicht anders, zum Frühstück ein ganzes Brötchen, dann fuhren wir nach Fürstenfeld zum Einkaufen und aßen in einem Café jeweils einen großen Eisbecher. Eigentlich hätte ich ihn, kaum zu Hause, wieder hoch würgen müssen.
Nun am Tisch Platz genommen, gehen die Krämpfe wieder los. Bei dieser schwülen Hitze Sitze ich ernsthaft mit der Heizdecke auf den Schultern. Darüber sinnieren, Morphium zu schlucken. Zusätzlich habe ich ihn gebeten, die Leinwand einmal komplett abzuräumen, und da hat sich erneut einiges an Krempel angesammelt darauf, und vor mir richtig herum hin zu stellen… Der Trommelwirbel lief, ich war aufs Schlimmste gefasst, bat sogar ihn, sich das Ergebnis zuerst anzusehen, und gab wie gewohnt nichts auf seine Meinung: „Grandios!“. Dann drehte er sie in meine Richtung… Ich stutzte, anschließend zähneknirschend: „Nun ja, nicht so katastrophal, wie erwartet…“. Sodann die nächste Drehung, wieder in die Ursprungsposition; der Haaransatz ist noch nicht komplett. Aber was treibe ich da eigentlich? Um den heißen Brei herumrühren, um eine Phrase zu dreschen! Ich weiß doch gar nicht, wie es weitergeht. In meinem Traum waren die Nebensächlichkeiten auf den Gemälden völlig deplatziert, verunglückt, sah gelinde gesagt scheiße aus. Und nun meinte ich, glaubte ich zumindest, die fehlenden Passagen beenden zu können. Die Hand wird dabei vielleicht gar nicht so das Problem sein, aber definitiv die Krämpfe eine Etage tiefer und der Rücken. Und ich will schon wieder fressen, hab mir extra 2 Tafeln Schokolade mitgenommen. Vielleicht das als neues Hobby, gegen die Panikattacken? Adipositas? Dann hätte ich alle 3 auf meinem Konto!

16:58
Seit Stunden krampfte das linke Bein, ohne Unterlass. Die Einnahme vom Morphium hinausgeschoben, Stunde um Stunde. Die Nerven lagen blank!… Nun doch ins Haus gefahren, 1,3 mg und mit einem Mal herrscht Stille. Ich wollte spazieren gehen, die Schrottkiste ein wenig bewegen, aber Pustekuchen. Gemalt auch nicht mehr als jämmerliche 15 Minuten. Das M

eiste davon ging ohnehin für das Mischen der Farben drauf.

Der Grünspecht landete für einen Augenblick im großen Kirschbaum in der Einfahrt. Aber ich zu blöd, die Kamera zu halten. Von Bedienen kann gar nicht erst die Rede sein. Ebenso der Kardinal auf den Katzenaugen meines Rollstuhls.

18:35
Seit mindestens 1 Stunde krampft nun also das andere Bein. Aus dem Sodbrennen werden Magenschmerzen. Fertig. Dabei immer noch draußen uns darin versucht, mich mit den Vögeln abzulenken. Aber unterm Strich ist der Schmerz stärker, dominanter, raumfordernder. Muss ich für jedes Bein extra Morphium einnehmen?

Der Himmel hatte zugezogen, aber es wurde nicht erträglicher. Dabei so sehr in mir drinnen gefangen, ich kann nicht… Kann gar nichts… Nichts in Angriff nehmen. Die Aufnahmen hätte ich sortieren und umbenennen können. Den einen Fehler im Video am Schluss ausmerzen können. Oder vielleicht Musik machen. Aber nichts. Nur hier sitzen, während die krankhaften Nervenentgleisungen wie Peitschenhiebe den ganzen Körper in Mitleidenschaft ziehen. Gefühlt brodelt der Magen mit jeder einzelnen Kontraktion noch mehr.

Da kommt Sebastian raus und teilt mir mit, Mieke käme. Ich kann nicht. Schaffe es nicht einmal ein paar Schritte zu gehen, um vor dem Schmerz zu fliehen. Dabei der Rücken von A bis Z verspannt, obendrauf eben auch noch Kopfschmerzen. Die rechte Hand fängt an zu klimpern.

In Gedanken bei meinem Tod…

…wie damals als Kind, um nicht ständig alle anderen sterben sehen zu müssen.

19. Mai 2015, Dienstag 9:15

59,1 um 7.

Völlig am Ende! Dieses Schläfchen hat Folgen oder vielleicht wäre es noch nicht vorbei… auch möglich. Erneut lauter Kauderwelsch geträumt. Von einer Firmenfeier und meine Tante und mein Onkel kamen zu Besuch und wir alle hatten Angst, dass sie sich wieder streiten würden. Am Ende vom Bankett sage ich ihnen, wie belastend ihr Verhalten bis jetzt gewesen sei.

Genauer rekonstruieren kann ich aber nicht, was ich gerade eben auf dem Sofa für Bilder gesehen habe. Es ist nur eines klar: Auch im Traum war ich behindert und auf Hilfe angewiesen. Der Schlaf wurde unterbrochen. Insgesamt zweimal. Zumindest bin ich davon überzeugt, dass es bereits um 7:45 Uhr oder ein paar Minuten später zu einem dissoziativen Zustand gekommen sein muss. Definitiv aber um 8:22 Uhr bis 23. Das, was ich jetzt sage, beruht lediglich auf einem Gefühl: Ich musste schwimmen und drohte zu ertrinken.

Beide Ärmel hoch gekrempelt. Eine Hitzewallung, die über mich hinweg prescht. Dennoch muss ich meine Arme verschränkt halten, es kribbelt und brennt unangenehm in beiden Händen, sobald ich sie freilasse. Zum Frühstück gab es bereits zehn Tropfen, jetzt soeben nochmals zehn nachdosiert. Konnte bis gerade eben die rechte Hand nicht einmal öffnen. Vielleicht hätte ich mich nicht hinlegen sollen, ich war ziemlich wach. Aber allein die Aussicht, mich dann sogleich meinem Bild stellen zu müssen, abschreckend genug. Ich erkenne doch auf dem Foto nicht, wo vorne und hinten. Und ich male einfach nicht mehr einfach nur „irgendwas“. Oder reproduziere gar diese diffuse Aussicht. Ich muss jede Falte, jede Vertiefung, jeden noch so winzigen Fleck und auch jede Pore genau erkennen können. Diesen Anspruch habe ich mittlerweile und irgendwie muss ich doch 140 Stunden für NICHTS rechtfertigen können?!

Draußen vor dem Vogelrestaurant ein heiteres Auf und Ab, was mich durchaus wieder nervös macht. Alles weggefressen und gestern schon kollidierte einer der Kleinen mit der Terrassentür. Zu seinem Glück nur halbherzig.

Ich weiß nicht, was ich erwartet habe: Dass sich Sebastian Sorgen um mich macht?

Aber er tat meine Erzählung mehr oder minder genauso ab wie Regina und es machte mich irgendwie wütend. Irgendwann nach 20 Uhr hörte ich hinten am Eingang etwas, und dachte, das wäre bereits er-nein! Aber erneut dieser bekloppte Köter, der mal eben vier Portionen Katzenfutter auf einen Sitz verputzte. Die Katzen machen nicht so einen Krach beim Fressen und bei dieser Menge an Futter wären die Schalen heute Morgen nicht blitzblank entleert gewesen. Er kam irgendwann nach 20:30 Uhr. Zuerst hatte ich noch auf dem Sofa gelegen, im dämmrigen Licht mit offenem Fenster, den Vögeln lauschend. Als ich im Badezimmer erst meinen Pinkeleimer säuberte und dann auch noch meinen Unterarm von den Blutspuren befreite, kam er zur Tür herein. Wir umarmten uns lange und innig. Schnell war klar, dass er mehr wollte. Er stürzte sich förmlich auf mich, fing an mich zu entkleiden. Als das Hemd an der Lauftasche hängen blieb, fragte er, was das da sein sollte. „Meine Überlebensstrategie? Die mit der Nummer von Regina und dann dem Notruf…“. Er zerrte weiter an meiner Bluse. „Das willst du nicht…“. Der Laufgurt vertuschte weiter mein dreckiges Geheimnis. Er missverstand meine Worte: „Ich will ja nicht das Rote Kreuz anrufen…“, sagte er. Der linke Arm blieb unter dem schwarzen Ärmel verborgen. Nach einer kurzen Weile sagte ich zu ihm, dass er sich keine Mühe zu geben brauche, ich würde seit seiner Abreise da unten nichts mehr fühlen. Aber auch, dass das seinen Plänen ja keinen Abbruch täte.

Ich war für das alles überhaupt nicht bereit. Ich kann es nicht leiden, wenn das Licht brennt. Er wiederum präferiert genau das. Ich fühle mich dann wie auf dem Präsentierteller. Und noch nackter, als ich ohnehin bin. So ausgeliefert… Da ist es wieder, dieses Wort.

Vermutlich wäre mir auch lieber gewesen, er hätte vorher geduscht. Er roch im Gesicht irgendwie nach Essen… es war so abstoßend. Das über meine einzige Liebe zu sagen, tut ganz schön weh. Tut mir unendlich leid. Das gestern hatte wieder die Qualität (zumindest für mich gefühlt), als würde ich missbraucht werden. Seine Unnachgiebigkeit versetzte mich regelrecht in Panik. Mein Körper machte eindrücklich klar, was er davon halten würde. Von oben bis unten zu einer Säule erstarrt. Und danach Tränen, die ohne seine Anwesenheit durchaus zum nächsten Nervenzusammenbruch führen hätten können. Ich schluckte sie runter. Lediglich nur noch am linken Unterarm bekleidet. Der Gurt war bis zum Ellbogen runtergerutscht und hielt tapfer den Ärmel fest, damit man ja nicht die 304 Schnitte zu sehen bekam. Wenn er die Zeichen zu lesen wüsste, hätte er an den kleinen Kratzern am Handgelenk ablesen müssen, was sich eine Etage höher verbergen könnte. Die unwillkürlichen Verletzungen brennen immer am meisten und längsten.

Also ich fand ihn abstoßend, beängstigend und irgendwie so vertraut… Das innere Kind an den Hebeln meiner Schaltzentrale. Wie sollte eine überdominante Mutter zu so einem spezifischen Gefühlschaos führen? Ich gebe Markus recht. Reicht emotionaler Missbrauch aus? Kann soweit gehen, dass sogar mein Unterleib taub wird?

Ich komme mir jetzt einmal mehr wie ein Monster vor. Ich bin einer Beziehung wohl nicht würdig.

Der Bussard erhebt sich in den mittlerweile geklärten Himmel. Das Grün wuchert und wuchert. Der Kernbeißer zögert noch.

Ich zähle neurotisch bis 4. Habe ich ihm vielleicht gestern genauso wenig zugehört wie er mir? Keinen Deut besser?

Bevor er kam, ackerte ich die 66 Benachrichtigungen bei Facebook ab. Unter meiner letzten Statusmeldung wurde sich fröhlich gestritten. Hatte geschrieben, dass ich gerade Doppelbilder hätte und nicht richtig malen könnte und wahnsinnig werden würde. Da hat die Kleine, die bereits mehrmals mit diversen Aussagen geglänzt hatte, geschrieben, dass ich jammern würde. Daraufhin fühlten sich gleich zwei Damen bemüßigt, mich zu verteidigen. Ich war gerührt und andererseits war es mir unangenehm, als wäre es jetzt meine Schuld, würde die Kleine dies nun zum Anlass nehmen, sich nun böse zu verletzen.

Was sagt das allgemein? Ich bin nicht nur gestört, ich bin auch von nicht minder gestörten Menschen umgeben! Ein heiterer Austausch von Triggern.

Mein Hintern schmerzt und es ist bereits nach 10:00 Uhr. Sollte mit der Arbeit beginnen. Unklar, ob der Daumen jetzt abgeschlossen ist, widme ich mich trotzdem dem Zeigefinger. Zu groß oder nicht zu groß: Auch dieses Bild wird kein Abschlussbild. Obwohl ich bereits Titeländerungen in Aussicht gestellt bekommen habe (anstatt Schachmatt Friedhof-passend zu den ganzen Laufschuhen)…

10:51

Ein Entschluss mit weitreichenden Folgen!

Die linke Hand nun endgültig für zu groß befunden! Erst Pi mal Daumen mit schwarzer Farbe an den Konturen etwas weggefeilt und jetzt mit Photoshop noch einmal das Foto neu bearbeiten. Ich bin so ein Dilettant, Versager!!

..

Oder doch korrekt???!!! ARG!!!

Blockade!

11:56

Eine Stunde. Mehr konnte es auch gar nicht werden. Der Rücken durch, die Hand durch und meine Nerven liegen blank. Der Katze endlich die Tür geöffnet. Seit er wieder zuhause ist, hat Martha gar nicht erst aufgehört zu schreien wie am Spieß. Die Terrassentür geöffnet und sie stürmte ins Haus, rannte wieder aus, wieder rein, um dann zu mir auf die Bank zu hüpfen, mein Hemd mit ihren Haaren zu dekorieren und sofort auch welche auf der Farbpalette zu hinterlassen. Wenn sie dabei nicht so stinken würde. Vor lauter Begeisterung quetscht sie leidenschaftlich ihre Analdrüsen aus. Widerlich.

Jetzt gerade marschiert sie erneut herein und schreit und schreit und schreit. Allein deswegen gehe ich schon fast an die Decke. Zuvor nicht umsonst die Kopfhörer aufgesetzt.

In kleineren Abständen zusammenbrechen und weinen.

Du hast eine Depression…“. Und DU kannst dir deine Antidepressiva in den Arsch stecken!

War es früher wirklich einfacher? Bevor mir ständig gesagt wurde, was ich nicht doch für eine Künstlerin sei? Als die Aufmerksamkeit noch im kleinen Rahmen stattfand? War mein Ehrgeiz nicht davor schon von der „ungesunden“ Sorte? Habe ich mich nicht schon früher so dermaßen aufgerieben, dass ich mich in meine Einzelteile zerlegte?

Eigentlich alles wieder rückgängig gemacht. Stattdessen an der rechten Hand an den Fingernägeln Verbreiterungsarbeiten durchgeführt. Die Linke jetzt lediglich geringfügig schmäler.

Das Programm versteht mich nicht und ich kurz davor, ins Mikrofon zu brüllen… was wäre ich für eine fürchterliche Mutter geworden?!

13:42

Kleiner Kaffee und 15 Tropfen. Ein Buchfink zwischen lauter Feldsperlingen. Sebastian hat das Buffet aufgestockt. Meine Beine zittern, mein Arm zittert und die Augenlider unendlich schwer.

Ich verabscheue die Katzen!

Aber du musstest sie ja unbedingt haben!“.

Die Terrassentür geöffnet, kam Fine mit einer kleinen Kohlmeise einmarschiert und ich beschimpfte sie im ersten Affekt als „blöde Fotze“. Ich hätte noch irgendetwas hinterher werfen können und am liebsten hätte ich sie damit getroffen.

Das ist halt die Natur!“.

So ein Schwachsinn! Ich muss aber auch keine Katzen besitzen, die dann den armen Singvögeln das Leben schwer machen. Unverantwortlich, sie da draußen frei herumlaufen zu lassen!

Die lag hinten tot vor dem Carport.“. Sebastian versuchte das Monster zu verteidigen.

Und warum lag sie da tot? Weil die Katze sie mit ziemlicher Wahrscheinlichkeit vorher schon umgenietet hat!“. Und der Bauch vermutlich noch so voll mit lauter kleinen dicken Spatzenkindern-kein Platz mehr für eine junge Kohlmeise!

Der Kaffee schmeckt nach Blumenerde und mein Rücken zeigt mir die rote Karte.

Abends zusätzlich noch ein Aspro einverleibt.

Jetzt in diesem Augenblick in einem Zustand, der entweder mit Schlafen oder Selbstverletzung enden wird. Anstatt wie ein kleines Kind zu weinen, weil es müde ist, die Klinge im Arm versinken lassen.

Sebastian hat drei Fotos von meiner linken Hand gemacht. Ohne diese gesehen zu haben, bezweifle ich sehr, dass sie mir bei meinem Problem weiterhelfen werden.

Er kam bereits zu Mittag nach Hause, deswegen nicht zur Arbeit gefahren. Ich sehe ja soeben, dass ich in dieser Situation ohnehin nicht dazu in der Lage wäre. Auch werde ich den Eindruck nicht los, dass er einen Teil von sich in Deutschland zurückgelassen hat. Er ist so fremd und distanziert wie bei den Telefonaten. Auch wenn er erneut mit Komplimenten um sich wirft und mich ständig küsst.

Oder ich bin das Problem…?

Vor und zurück schaukeln. Die Stimme gedämpft. Ich muss unbedingt raus, mich wenigstens ein paar Schritte bewegen, bevor ich hier komplett verroste. Noch vor einem Jahr saß ich jetzt auf der Terrasse. Aber bei einem Bild von 80 Stunden Dauer war das auch durchaus drinnen.

Ich kann mir wohl denken, dass mir die Luft draußen nicht bekommen wird. Zu warm, zu schwächend. Und die Vögel sind mich gar nicht mehr gewöhnt, würden wohl das Weite suchen. Ich will sie nicht beängstigen.

Den Arm abgestützt, fällt der Kopf schwer in die Hand. Fix und fertig. Hätte heute Morgen nicht schlafen sollen.

Und dann? Mich zwei Stunden früher ärgern? Ich kann es einfach nicht. Das ist kein Gejammere, ich bin felsenfest davon überzeugt. Bin mit mir nicht zufrieden. Mit mir und meiner fragwürdigen Leistung. Immer vor Augen, dass dies das letzte Bild sein könnte und es angesichts… die Worte sind weg… angesichts dieser hohen Erwartungshaltung, bin ich zum Scheitern verdammt. Wie kann jemand mit einem expressionistischen Werk zufrieden sein? Ich könnte das NIE!

Zirpende Grillen und Wiesenschaumzikaden. Da sitzt eine kleine Kohlmeise auf dem rechten Restaurant, dick aufgeplustert, und breitet ihre kleinen Flügel aus. Ein Foto machen. Den Schnabel weit aufgerissen, wie man darauf sehen kann. „Die sah vorher schon nicht gut aus.“, kommentierte er zuvor den Zustand der angeschleppten Leiche. Vielleicht war sie krank, fügte er hinzu. Der kleine Freund da draußen hat einfach nur mit den Temperaturen zu tun. Ich würde ihnen täglich ein frisches Wasserbad hinstellen…

Ich kann die Tasche riechen. War in den Jahren und erst recht 2010 von mir selbst erstaunt, wie ich bei größter Hitze Kilometer um Kilometer fressen konnte. So eine wunderbare Ausdauer antrainiert über die Jahre. Da hatte mein Dachschaden nicht viel zu melden.

Die Nase tief in den Gurt drücken… Mönchsgrasmücke, Rotkehlchen, Singdrossel, Feldsperling und warme Luft, die zum gekippten Terrassentürflügel ins Wohnzimmer wabert. Resignation? Oder die Ruhe vor dem Sturm? Was könnte im schlimmsten Fall passieren? Dass ich mich selbst ankotze? Wenn ich es draußen mache, sind Flecken nicht so schlimm.

Weiterleben… was für eine Bürde.

Die Singdrossel wiederholt jede Zeile drei- bis fünfmal. Auf dem neuen Video kann man sie schön singen hören. Die über zwölf Minuten dauernde Morgenaufnahme war komplett störungsfrei. Einfach nur dieser gigantische Himmelschor und sonst nichts! Kein Mensch, keine Maschine… eben so, wie ich diesen Graben als Kind kennen gelernt habe. Und als hätte ich es verschrien-ein Flugzeug.

Der Kaffee für meine Verhältnisse hochdosiert, doch ich werde nicht wacher. Ins Badezimmer und den Kopf ins kalte Wasser? Oder gleich in der Küche? Oder in meine Schuhe springen („springen“… ha ha ha) und vor die Tür? Bewegung gegen Verwesung? Das nächste Flugzeug. Es kommt der Tag, da werde ich endlich draußen sitzen und mit Uhr und Notizblock eine Statistik anfertigen, wie oft diese verkackten Luftverschmutzer dieses Paradies hier mit ihrem Krach beschmutzen. Vermutlich hat Budapest einen Flughafen und die Slowenen ganz sicher auch einen. Und da wäre ja auch noch Graz.

Wie sagte der Verschwörungstheoretiker gestern in der Aufnahme der „Wochenshow“? „Nein, es gibt keinen Klimawandel!“. Dass denen einer ins Hirn geschissen haben muss, war mir von vornherein klar. Aber dass es gleich so schlimm bestellt ist?! Liebe Conny, lieber Erich, es tut mir wirklich leid! Aber ihr und euresgleichen habt einen gehörigen Knall!

Wie lange sitze ich hier? Wie lange soll das noch so weitergehen? Ernsthaft?! Bis ich wach bin?!

Der Kaffee leer. Jetzt aber…

16:39

Die Hände gelähmt, die Beine kribbeln und mein Geist erwartet den nächsten Flashback. Fine miaut laut und mir graut.

Aufgestanden, doch sie erscheint nicht auf der Terrasse.

Ich habe zwölf Minuten gebraucht und laut Uhr angeblich 400 Meter. Etwas übertrieben für drei-oder viermal Haus-und Carportlänge hin und zurück. Ein würziger Duft lag in der Luft, vornehmlich die Holunderblüten. Sollte sich mein Rücken erholt haben, ist er jetzt bereits nach zwei Minuten genau so weit wie vor dem Spaziergang. Wehmut, ob all dieser Reize um mich rum. Noch mehr Wehmut, meine Laufuhr zu betätigen. Aber eine Sache weiß ich jetzt gewiss: Sollte es einen Selbstmordversuch geben, dann muss dieser draußen stattfinden. Führt kein Weg daran vorbei.

Die Singdrossel von hoher Wahrte schmettert ihre Melodie aufs Haus herab. Der Wald-und Wiesenprediger operiert da direkt aus dem Gestrüpp heraus und sitzt im Dickicht von Erlen, Birken, Holunder direkt vor dem Wohnzimmerfenster. Der Wunsch, zu sterben, noch lauter.

Außer Atem, die Arme verschränkt, da die Missempfindung sonst nicht auszuhalten wäre. Sebastian ließ wieder seinen Standardspruch vom Stapel: „Bist du deppert!!!“, und tat so, als müsse er vor Überraschung und Erstaunen nach Luft schnappen, als er die Hände auf der Leinwand sieht. Ich nehme ihn nicht ernst und teile ihm das auch mit, worauf er kontert, was er denn sonst dazu sagen solle. Gespielt oder echt?

Unzufrieden und immer noch nicht klüger. Trotz allem werde ich die linke Hand etwas schmäler anlegen.

Draußen sieht alles nach Wetterumschwung aus und ich denke wieder an mein Laufen. Betäubt abtreten und ein Paar Laufschuhe in der Hand… während die Singdrossel für mich allein singt…

Das Glas mit Wasser befüllen. Draußen noch überkam mich plötzlich wieder dieses zerrissene Gefühl… wie sollte da meine Abenddosis ausfallen? Zumal sich die Schwäche meiner Hände gerade gewaschen hat.

Es werden nur drei Hübe. Mein Blutzucker zelebriert einen Aufstand. Auf einmal zu viel Wasser getrunken? Für mich gab es zu Mittag Rohkost. Mein Abendessen wird Joghurt sein. Er ganz besorgt, als er zuvor mehrmals von oben hinunter gerufen hat, ob noch alles in Ordnung sei. Wie müsste ich draußen stürzen, um mir den Schädel einzuschlagen?

Traurigkeit, Übelkeit und zwei Hände, die sich um meinen Hals legen und mich zu würgen beginnen.

Draußen den Star verpasst-wo ist er vorher mit meiner Speicherkarte hin?

Draußen 18 Sperlinge. Der Wind frischt auf. Zuvor hat er endlich bei seinem zweiten Versuch ein Foto gemacht, mit dem ich arbeiten kann. Aber in der Frage, ob die nachträglich eingebaute Hand zu groß ist oder nicht, hatte auch er keine Antwort. Gut, insofern schon: „Das passt so.“.

Draußen miaut jetzt die andere Katze. 24 Spatzen oder mehr. Der Meisenknödel hat sich bereits halbiert. Die Beine wollen krampfen… meine Tabletten schlucken.

Es fängt an zu donnern und Fine jagt einem Sperling nach… Noch einmal nach draußen fahren und dieses Monster töten! Hass! Hass!! HASS!!! „Auch wenn du mir das jetzt übel nimmst: Würden die Katzen überfahren werden, wäre ich froh.“. Trotz acht Jahren haben meine Vögel einen höheren Stellenwert!

Wieder an die Arbeit, Nüsse kauend und die Katze immer im Blick…

18:45

Das Unwetter tatenlos abgezogen. Auf ein Seractil, ein Sirdalud folgt jetzt noch ein Deflamat. Mein Rücken bringt mich um und jetzt gerade auch noch meine Beine, die zu krampfen beginnen. Mein Abendmahl auf 600 Milligramm Neurontin aufstocken. Das habe ich von meiner Bewegung.

Auch meine Hand legte keinen großen Wert auf Kooperation. Nach 30 Minuten die ersten Defizite bemerkbar. Ich war wohl wieder zu voreilig mit meiner Aussage, geblendet von den acht Stunden, die mich mein Körper malen hat lassen.

Die Kreißsäge draußen ließ Kindheitserinnerungen ganz real erscheinen und als würde ich gerade eben erst in der Situation stecken. Wann kommt endlich der Flashback?!

Ich will jetzt gar nicht erst den Tabletten die Schuld geben-mein Schwindel ist heute nicht von schlechten Eltern. Bereits vor all den konsumierten „Sünden“.

Er hinten in der Badewanne und ich drehe mich in alle möglichen Richtungen, um dem Verspannungsschmerz irgendwie auszuweichen. Die Kapsel Deflamat scheint sich in meinem Hals aufzulösen. Auch früher oder später gastrale Beschwerden zu erwarten.

20:30

Vor meinem Körper kapitulieren…

143:30 Stunden…

20. Mai 2015, Mittwoch 7:56

59,4 um 7. Subjektiv lässt sich selbst so etwas als herber Rückschlag verbuchen.

Ich weiß nicht, was los ist, ob es an ihm oder doch wieder nur an mir liegt. Er ist so unendlich weit weg oder nach der Woche mit Regina fällt mir jetzt erst auf, wie auch er das, was ich sage, abtut, mich mit Pauschalaussagen abspeist. Dies gipfelte gestern in einem von ihm wahrscheinlich nicht einmal wahrgenommenen Eklat: Ich bat ihn nachts darum, mir den Kübel aus dem Leibstuhl zu geben. Er verdrehte die Augen, verzog das Gesicht leicht angewidert und sagte dann: „Na zu meinen Lieblingsaufgaben wird das nie zählen!“, und zog den Eimer aus dem Gestell und stellte ihn mir auf den Rollator.

Das soll nun bitte nicht heißen, dass ich ihm keine Wehmut oder Traurigkeit zugestehe. Aber sollte dem so sein (so erkläre ich mir gerade sein Verhalten), will ich wenigstens wissen, warum er so ist. Wenn ich depressiv bin, ist es wenigstens klar. Ich sagte etwas, was ich sonst wohl nicht sagen würde, weil das Schema dahinter wohl doch eher meiner Mutter eigen ist. „Nur damit du es weißt: Ich würde das für dich tun…“, in ganz leisem Tonfall. Dann schwieg ich und sagte erst einmal fast eine Stunde so gut wie nichts mehr. In diesem Augenblick war ich zutiefst gekränkt. Sehr wohl nachdenkend, ob auch ich seine Grenzen zu tolerieren hätte, es sein gutes Recht ist, das zu sagen und nicht zu mögen. Wieder dieses Wort: ausgeliefert. Und erst recht abhängig. Und ganz allein. Ich fühle mich gerade nicht minder einsam als vor seiner Heimkehr. Aber vielleicht liegt es wirklich an mir? In meiner Wahrnehmung läuft vielleicht wieder etwas schief?

Ich sei so reflektiert, hätte die Problematik genau auf den Punkt gebracht-noch so ein Kommentar von Brigitte zum Radiointerview.

Dann soll er einfach ehrlich sein und gleich sagen, dass ihm alles zu viel wird. Meine Suizidgedanken bekamen neuen Nährboden. Mein Gefühl hat recht, Rumpelstilzchen hat recht… ich bin unzumutbar. Jetzt schon. Und ich kann mir gerade nicht vorstellen, mit ihm sachlich darüber zu sprechen, weil ich ohnehin wieder zusammen krachen würde.

Ich fand mich selbst fürchterlich belastend, als er mir morgens mein Frühstück ans Sofa brachte und mir dann die Haare frisierte. Es muss Schluss sein, alsbald Schluss sein.

Ich träumte davon, dass ich im Traum nur noch behindert war und nicht mehr wusste, wie es ist, wenn man sich wie ein Gesunder bewegen kann. So wie es die Dame damals im Taxi bei der Fahrt nach Graz beschrieben hatte. Ich wachte schweißgebadet auf: Ich will nicht vergessen, wie das ist!

Just in diesem Moment fällt mir noch eine Sequenz ein: Ein Arzt konnte zeigen, wie meine psychische Verfassung meine körperliche verschlechtert hatte. Dass ALLES nur Psychosomatik sei, das gesamte Symptombild!

In dieser hitzigen Diskussion zu meinem Facebookbeitrag hatte dann eine Jennersdorferin geschrieben, sie würde mich ja persönlich kennen. Ach ja? Ich kenne sie nicht. Sebastian meinte lediglich, wir würden sie ständig im Dorf sehen. Wie kommen die Leute darauf, dass sie mich kennen würden? NIEMAND kennt mich! Es gibt tatsächlich diese verquere Vorstellung, dass meine Mutter zu kennen gleichzeitig auch bedeuten würde, mich zu kennen. Verdammt! Ich bin nicht meine Mutter!! Am ehesten kennen mich wohl noch jene, die tagtäglich diesen Kauderwelsch hier lesen.

Wäre es unfair, solche Gedanken hier festzuhalten, die dann zurückblieben, wenn ich mich umbringe?

Draußen das nasse Grün, der beginnende Tag… die nächsten Erinnerungen. An Wandertag. Und jedes meiner Worte tut so, als würde es mich in die Dissoziation katapultieren. Dieser Dauerzustand, dieses nicht enden wollende Vorbeben ist qualitativ genauso eine Folterbank wie drei Flashbacks hintereinander .

Kurz in den kleinen Spiegel gesehen… So etwas kann man auch nur verachten.

Den Kaffee getrunken folgt die alles entscheidende Frage: Wach?

Wenn ich jetzt nicht male, komme ich den ganzen Tag nicht mehr dazu. Und wenn ich jetzt hier sitzen bleibe, ruiniere ich mir den Rücken bereits jetzt, anstatt ihn dann bei der Arbeit im Büro auf die Palme zu bringen… was relativ zügig geht, weil ich mich da so gut wie gar nicht bewege.

Oder ist es gar so, dass er zurück kommt, und ich bin immer noch so missmutig, sogar aggressiv?

Nach der Sache mit dem Leibstuhl machte ich die Buchhaltung. Mir fielen ständig Sachen runter, doch er kam kein einziges Mal auf die Idee, mir zu helfen, egal wie sehr ich wankte und umzufallen drohte. Was mich innerlich noch wütender machte. Die ewige Debatte! „Warum sagst du nichts?“- „Warum siehst du es nicht?“. Darauf läuft es nämlich immer hinaus! Ich traue ihm zu, dass er meine Verstimmung nicht einmal wahrgenommen hat.

Ist es tatsächlich so, dass ich die ganze Zeit devot und dankbar zu sein habe? Weil ich ja die Bittstellerin bin?

Die verheilenden Wunden betrachten… alles wertlos.

Bald 9:00 Uhr… mich doch noch einmal hinlegen…

11:01

Mir selbst erlaubt, bis jetzt liegen zu lassen. „Die Oma schläft nur noch, die Oma steht nicht mehr auf… vermutlich geht es bald zu Ende.“.

Was habe ich mir erhofft? Einen klaren Traum, der tiefer blicken lassen könnte? Einen Flashback, der in Zusammenarbeit mit dem Träumen Spuren hinterlassen könnte? Oder einfach nicht mehr aufstehen? Vielleicht kommt der Tod auch so?

Mir bleibt noch eine Stunde. Das Hemd, das ich heute trage, könnte Einblick gewähren. Einen Strumpf überziehen, verstecken, was keiner sehen will. In spätestens 20 Minuten mein Mittagessen in mich hinein schaufeln. Knäckebrot. Zähneputzen, eine längere Hose, bei der im Sitzen meine geschwollenen Beine nicht provokant hervor blitzen. Es reicht meine aufgedunsene, widerwärtige Visage, die heute wieder aussieht, als würde sie nur darauf warten, dass ich die Faust balle und…

Das ganze verunglückte Gesamtkunstwerk zittert vor Schwäche. Wir müssen den Rollstuhl mitnehmen und ich erwarte bereits die nächste missmutige Äußerung seinerseits.

Verdammt! Dann soll er seinen Mund aufmachen und mir sagen, was los ist!

Du spinnst! DU bist psychisch krank! Nicht er!

Der Befund, den ich ihm heute mitgegeben habe, den er wiederum bei der Stelle für den Führerschein abgeben soll (dieses Jahr denke ich rechtzeitig dran), könnte mich allein schon den Führerschein kosten. Ach was, dann ist er eben weg! Ich lebe nicht mehr lange!

Auf dem kleinen Merkzettel, der im Kalender klebte und mich darauf hinweisen sollte, eben den Termin für die Abgabe nicht erneut zu verschlafen, stand, dass ich Anfang 2016 mir einen Termin bei meiner Frauenärztin besorgen solle. Ich konnte erst nicht einschlafen, dachte unaufhörlich darüber nach. Sterilisation oder eine ganz schön teure Spirale? Für eine Lebenszeit, die nicht mit Sicherheit gegeben ist? Am liebsten nichts von alledem!! Mir das Ding, das jetzt noch in mir steckt, entfernen lassen und dann nie wieder bei der Ärztin erscheinen…

Angesichts dieser Tage, an denen nichts mehr sicher ist, erscheinen Überlegungen solch weitreichender Natur mehr als utopisch.

Jetzt Zähne putzen und Hose wechseln gehen.

17:11

Kaffee machen…

Ein Gläschen Verdauungsschmeichler.

Dazu eine volle Dosis Tramal, um mich ruhigzustellen und so vermutlich auch noch am Leben zu halten.

Während er soeben unsere Einkäufe in den Kühlschränken verstaute, saß ich tatenlos auf dem Sofa vorm Heizstrahler und fing bereits da an zu weinen.

Um jetzt erneut allein beim Gedanken dessen, was ich diktieren will, zusammenzubrechen…

Ich stand im Rollstuhl im Supermarkt hinter ihm und beobachtete ihn dabei, wie er sich etwas Schönes fürs Wochenende aussuchte…

Er kommt von oben runter und hastig die Tränen weggewischt.

Er steht da also und ich sehe ihn sterben…

Das Tramal scheint seine Wirkung aufzunehmen.

Und in diesem Augenblick wurde ich bestätigt in dem, was ich zu Mittag wohl bereits beschlossen hatte. Es muss ein Ende haben.

Das Zähneputzen allein genügte nicht, ich musste mich oben rum ausziehen und komplett abschrubben… ich stank erneut zum Himmel. Anschließend fuhr ich mit dem Rollator vor die Tür, parkte ihn dort, setzte mich darauf und zählte die Flugzeuge. Sechs Stück in 15 Minuten. Dann sah ich diese eine kleine Stelle vor der Eingangstür, das frische Gras unter dem kleinen Hollerbusch. Dort sollte ich liegen. Endlich. Und ich konnte mich selbst sehen, wie ich das Bewusstsein verliere… und mir liefen Tränen über die Wangen…

Dann kam er nachhause, ging noch kurz aufs Klo und ich konnte zusehen, dass ich mich einigermaßen gesammelt bekomme. Auf dem Weg zur Arbeit meine Laufstrecken…

Es ging mir so mies, mein Körper machte einfach nicht mit. Die Hände unbrauchbar und der Rest von Schwindel fast komplett lahmgelegt. Es folgte noch eine hitzige Diskussion mit einem Klienten über die anstehenden Wahlen. Er meinte, er würde die FPÖ wählen, weil nur DIE dafür sorgen würden, dass keine weiteren Flüchtlinge nach Österreich kommen. Ein Kampf gegen Windmühlen. Meine abschließenden Worte: „Denk mal drüber nach, was dir in deiner Vergangenheit passiert ist. Und jetzt denk dran, was die armen Leute in den letzten Monaten erlebt haben. Glaubst du, die kommen aus Spaß hier her?!“. Vermutlich wurde ich dann schon laut, habe ihn angebrüllt. Ich bezeichnete die FPÖ als Nazis. Er war ganz entsetzt. Ich ziemlich laut: „Ja was denkst DU denn, was die sind?“. Und später zitierte er eine Zeile einer Punkband… Kopfschütteln.

Dann kam meine Chefin und fragte mich, wie meine Woche gelaufen sei. Ist es geschmacklos? Ich erzählte von meinen Nervenzusammenbrüchen. Sie wollte wissen, was ich da machen würde: „Aber du machst das schon mit dir allein aus oder?“. „Ja, ganz allein mit mir…“, ich hätte die Fresse halten sollen, aber hatte irgendwie das Gefühl, dass sie das verkraften könnte: „300 Schnitte in sechs Tagen glaube ich sprechen Bände. Ich wäre nicht verwundert, wenn ich jetzt wieder eine Anämie hätte.“. Ich machte es noch schlimmer. Sie fragte nämlich nach, was mir denn jetzt guttun würde: „Eine Überdosis.“, meine trockene Antwort darauf. Sie sah mich einfach nur an… und als sei dies eine Einladung gewesen: „Ganz ehrlich? Ich weiß nicht, wie lange ich das noch mitmache. Also man braucht sich nicht zu wundern, wenn in den nächsten Tagen etwas passieren sollte…“. Dies ließ sie unkommentiert. Und ich fragte sogleich, als hätten wir uns soeben über eine Nebensächlichkeit unterhalten: „Und hier? Hab ich irgendetwas verpasst?“, vermutlich war sie froh, dass ich diesen Schwenk gemacht hatte.

Konnte vor dem Kopierer nicht stehen. Wäre mehrfach fast umgefallen. Und machte weiterhin meine Scherze… nur zwischen den Zeilen, wenn man denn bereit gewesen wäre, diese zu lesen… als wir uns verabschiedeten und Sebastian erzählte, wie ich zu Mittag bei der Fahrt die Rampe runter bedrohlich nach vorne gekippt auf dem Rollstuhl gehangen hatte, sagte ich zu meinen Kolleginnen noch: „Es geht dem Ende zu…“. Diese lachten, nur Sebastian mit übertrieben gespielter Empörung in der Stimme: „Na geh… du schon wieder…“. Im Supermarkt dann wollte ich erst, dass er mir Vollkornflakes holt. Doch ich korrigierte mich: „Das lohnt sich gar nicht mehr…“. „Was soll DAS denn jetzt schon wieder heißen?!“. Ich zuckte mit den Schultern.

Auf dem Heimweg wieder meine Laufstrecken… und die Robienien stehen in voller Blüte! Ich würde sie so gerne riechen… doch es fand sich auf dem Weg kein kleinerer Strauch, dem er eine Dolde entnehmen hätte können…

Warum heule ich jetzt? Weil ich nicht sterben will? Aber denke, dass der Schmerz nie aufhören wird?

Zuhause leuchtete die Station vom Telefon – Erich: Ich hätte da letzte Woche etwas falsch verstanden, ICH hätte vorbeikommen sollen.

Im Posteingang eine Nachricht einer der Künstlerinnen von der Ausstellung: Ein Herr wäre an sie herangetreten, hätte Interesse an ihren Werken gezeigt und gefragt, ob sie mit mir Kontakt aufnehmen könnte. Er würde meine Bilder gerne sehen. „Du kannst mir vertrauen, das wirkt alles sehr seriös.“, hat sie geschrieben.

Würde Regina morgen nicht kommen. Oder vielleicht das sogar ganz gut? Dann ist nicht er es, der mich findet?

Draußen wird aus dem bedrohlichen Himmel endlich Regen. Die Temperaturen so unglaublich erdrückend, mir fehlte komplett die Kraft, alleine durch den Supermarkt zu fahren.

Wann er nachhause kommt, wäre ungewiss.

Also spiele ich mit dem Gedanken, dass das alles nur ein „perfider Test“ werden sollte?

Irgendwann muss ich über meinen Schatten springen und den Anfang machen.

Vielleicht beschließe ich dann ja, dass das nichts für mich ist?

Noch ein paar Tränen. Ich bin bereits im Land der Gleichgültigkeit angekommen.

So friedlich, so verheißungsvoll… in meiner geliebten Natur die Augen schließen. Keine Toten mehr, die noch nicht tot sind, und mich heimsuchen. Kein Schmerz mehr.

Warum sollte das ein Verbrechen sein? Ist es denn zu viel verlangt? Ein bisschen Frieden?

In Gedanken hatte ich heute Mittag bereits den Inhalt der ganzen blauen Dose auf einmal geschluckt. Und auch noch das ganze Fläschchen Restex. Wäre dann mit dem Rollator die paar Schritte in die Wiese gefahren, hätte mich unter die duftenden, weißen Dolden auf dieses Omagefährt gesetzt und hätte einfach nur auf den grünen Baldachin geschaut und gewartet… bis vermutlich nach 20 Minuten oder vielleicht auch 30 eine Wirkung eingesetzt hätte.

Jeder Mensch sollte selbst bestimmen können, wann sein Leben zu Ende ist. Eltern sollten das ihren Kindern aber nie antun.

Diese Woche keine Therapie, sollte ich in die Psychiatrie verfrachtet werden, müsste ich den Termin nicht absagen.

Mir wie ein Verbrecher vorkommen. Es geht nicht darum, irgendjemandem wehzutun. Es geht nur um mich, ob ich es kann oder nicht.

Als sei nichts gewesen ans Bild. Ich muss das X noch umgehen. Zumindest für heute. Aber mein Rücken spielt längst nicht mehr mit…

20:05

Zehn Schnitte.

Auf dem Sofa liegen, die Kopfhörer auf den Ohren und mit voller Lautstärke donnert mir „Aases Tod“ in den Schädel.

Ich sehe ihn sterben, sehe meine Mutter sterben…

Einen Zettel schreiben, auf dem ich mich auch bei Regina entschuldige?

Wenn ich jetzt diesen Beitrag veröffentliche, wäre das vermutlich ziemlich geschmacklos. Aber ich bin allein.

21:07

145:02 Stunden.

21. Mai 2015, Donnerstag 9:31

59,4kg um 7.

Das kannst du nicht machen…

Er ist für meine Ohren von jeder meiner Bitten entnervt.

Dabei hatte sich das Ganze gegen Abend sogar wieder etwas relativiert.

Um dann in der Psychiatrie zu landen? Für wie lange und ohne mein Tramal kann ich mich nicht bewegen. Und dann erst Regina… ich würde es niemals wagen, sie nach dieser Sache wieder anzurufen.

Elender Feigling!!

Meine Frühstücksflocken blieben mir im Halse stecken. Als sei dies meine Henkersmahlzeit.

Mein Rücken geht gerade wieder auf die Barrikaden, als hätte es zwischen Gestern und Heute keine Pause gegeben, macht er gleich dort weiter, wo er nachts aufgehört hatte.

Du siehst es ja!! Kannst nicht einmal mehr sitzen!!

Ich wollte mich erst gar nicht wieder hinlegen, blieb total unbequem auf dem Sofa hocken… und doch schlief ich ein. Wie viele Beweise brauche ich noch? Als ich gerade aufstand, hätte ich mich genauso gut gleich freiwillig umfallen lassen können. Aber auch nicht den Funken von Kontrolle über diesen schrottreifen Körper. Und dann? Und dann was?! Mich in den Rollstuhl setzen und selbst mit diesem nicht vom Fleck kommen?!

Ich fing an, alles genauer zu überdenken. Ich müsste Regina einen Zettel hinterlassen, mit Sebastians Telefonnummer im Büro, damit keiner auf die blöde Idee kommt, meine Eltern zu kontaktieren. Habe mein Testament noch einmal gelesen… ob auch wirklich ALLES an ihn geht. Ganz besonders meine Bilder.

Bist du nicht neugierig, was da jetzt noch hinterher kommt? Mit dieser E-Mail an diesen Unbekannten? Und noch kannst du ja malen.

Wieder eines meiner Haare auf dem Keyboard… die Ratten verlassen das sinkende Schiff.

Sebastian meinte gestern, er würde heute Abend die Hühner holen. Ich fragte ihn, ob er direkt nach der Arbeit dorthin fahren würde oder noch nachhause käme. Immer einkalkulierend, dass ich das auch ohne Regina abziehen könnte. Und der Gedanke, erst abends zur Tat zu schreiten, noch nicht vom Tisch. Und ich fragte ihn auch, wie lange er heute wohl bei der Arbeit bleiben würde.

Oder nachdem Regina fertig ist?

Es zwingt dich doch keiner dazu…

DOCH! Dieses Leben! Dieses von vornherein verunglückte Leben!! Einfach nicht noch ein Frühling…

Draußen zanken sich die Vögel um die letzten Reste. Ich machte abends ein riesiges Fass auf wegen den Katzen. Fine hatte erneut Zecken ins Haus geschleppt und sich dann klatschnass auf mein Sitzkissen, das ich kurzzeitig unter die Bank gepfeffert hatte, gelegt und dieses eingesaut. Ich scheuchte sie lautstark aus dem Wohnzimmer und machte ihm dann Vorwürfe. Er nur: „Warum regst du dich jetzt so auf? Es sind eben Haustiere und die wohnen auch hier.“. Als ich dann irgendwann meine Aggression in den Griff bekam und auf dem Sofa neben ihm saß: „Ich rege mich deshalb so auf, weil ich mit MIR unzufrieden bin. Ich bin ja nicht doof, ich weiß, dass die Katzen das nicht wissen können, dass sie mich überfordern.“. Er meinte, er wüsste das und hätte nicht das Recht, mir deswegen Vorwürfe zu machen.

Als ich dann kurz vor 2:00 Uhr nachts aufwachte, lief gerade „Aktenzeichen XY ungelöst“. Das kleine Mädchen ist immer noch verschollen. Auf dem Weg ins Schlafzimmer sagte ich: „Die brauchen sich keine Sorgen machen… da ist sicher ein ganz lieber Herr dahergekommen, hat die Kleine gefragt, ob er sie nachhause bringen soll zu ihrer Mama. Und dass er einen ganz tollen Lolli hätte, einen ganz großen…“. Und Sebastian fügte hinzu: „… Einen Fleischfarbenen…“.

Die Welt wird immer schlecht bleiben. Da kann man sich noch so dagegen auflehnen.

Den Kaffee noch einmal heiß gemacht. Heute ist es ein Großer geworden. Aus Versehen oder wohldurchdacht? Zuvor im Klo beim Griff nach der Klobürste mit dem Kopf in Konflikt mit dem Klorollenhalter geraten. Die spitze Ecke in die Kopfhaut gerammt. Geflucht und zweimal auf den Türrahmen eingeprügelt. Rechte Hand und Unterarm sehen aus, als hätte ich einen gewalttätigen Lebensgefährten. Irgendwie stimmt das sogar… nur lebt dieser nicht an meiner Seite, sondern in mir drinnen.

Das Thema ist nicht vom Tisch. Mir gingen 1000 Sachen durch den Kopf: Sebastian will die Hühner holen, Sebastian gibt morgen Nachhilfe, Regina scheint traumatisiert genug, ich werde nächste Woche in der Firma erwartet, Mieke braucht mich zum Übersetzen, ich muss das Bild zu Ende bringen, ich habe diesem Mann gestern geschrieben, dass er mich gerne hier besuchen kann…

Mir bleibt die Luft weg. Wie inbrünstig ich gestern die offene Blechdose mit diesem Berg von Tabletten eine Ewigkeit betrachtet habe… diese Sehnsucht, die in mir lauter und lauter pocht.

Wenigstens einmal versuchen…

Das sollte keine Rache an ihm sein, für sein vermeintliches Verhalten, von dem immer noch nicht klar ist, ob ich es mir nicht nur einbilde, weil ich eben gestört bin.

Ich wollte in der Wiese liegen… es regnet, alles ist nass und kalt.

Vor und zurück schaukeln.

Es war wirklich geschmacklos, deswegen hier ein Lebenszeichen und jetzt schon online. Ich sehe schon die Überschrift im Regionalblatt: „34-jährige Jennersdorferin kündigt Selbstmord im Internet an!“.

Habe ich einen Bildungsauftrag zu erfüllen? Nicht wissend, wer es liest? „Liebe Kinder!! Auf gar keinen Fall nachmachen!“.

Die Augen schwer, des Weinens müde.

Regina kommt irgendwann nach 1. Bis dahin noch fast drei Stunden. Sie hat ja den Haustürschlüssel und wird ihn mit ziemlicher Wahrscheinlichkeit auch benutzen. Ich könnte einen Zettel auf die Haustür kleben, eine Vorwarnung.

Die anderen, immer die anderen! Und ich muss mir ständig gefallen lassen, in Selbstmitleid zu zerfließen, was gleichbedeutend ist mit einer komplett egozentrischen Weltanschauung?!

Dann lernen die anderen mich eben mal kennen. Damit dieses Gebrabbel, als würde man mit einem kleinen Kind sprechen, dass ja alles gar nicht so schlimm sei, ein Ende nimmt.

Tu oder lass ich es?

Die Welt sieht heute doch gleich wieder ganz anders aus!“. Was zum Teufel hast DU denn geraucht?!

Meinem Störungsbild gerecht werden. Aufhören zu reden. Handeln. Es wäre kein großer Verlust.

Du hast dieses Leben gar nicht verdient! Andere sind sterbenskrank und wären froh, wenn es ihnen so gehen würde wie dir!“. Schon mal aufgefallen? Solche Sätze kommen immer nur von gesunden Moralaposteln. Die haben’s nötig!

Als er mir zum Abschied einen Kuss gab und schon entschwinden wollte, weil er es eilig hatte, sagte ich ihm noch, dass ich ihn liebe. Meine „Strichliste“ abgearbeitet. Testament, Abschiedsbrief, Zettel hinterlassen mit seiner Nummer… nur die Vögel kann ich nicht hören. Das Gras und die blühenden Sträucher und Bäume nicht riechen.

Vor und zurück schaukeln. Ich brauche meinen Heizstrahler. Und sollte mein Rücken mich jetzt nicht malen lassen… oder noch schlimmer: Meine Hand, die in den letzten Tagen immer mehr gelähmt wurde, bedarf es vermutlich auch noch der neuen Klinge. Wenn es nicht zum großen Eklat kommt. Oder mich den ganzen Tag mit Opioiden ausstopfen und so am Leben halten?

11:03

Statt Malen Tabletten zählen. 46 halbe machen 23 ganze Neurontin. 13800mg Gabapentin.

48 Lioresal zu 25mg machen 1200mg Baclofen.

48 Gewacalm zu 5mg. 240mg Diazepam.

Wäre das schon eine passable Vergiftung?

Mein Herz schlägt mir bis zum Hals, die Hände zittern…

Ich müsste das draußen tun, um keinen Dreck zu hinterlassen.

…11:18… Um 11:48 würde ich wohl flachliegen…

Die Zeit verstreicht.

11:44…. die ganze Packung Benzos…

11:45… Inhalt der Dose…

5. November 2016, Samstag 14:42

Bitte! BITTE, BITTE, BITTE TU DAS NICHT!!!“. Den Körper auf Knien anflehen, den Dachschaden oder Rumpelstilzchen oder wer auch immer dafür zuständig ist. „Nein, nein, nein, NEIN!! Nicht schon wieder!!“. Schwer atmen. Die Ereignisse schreien eigentlich förmlich nach einer Aktion meinerseits. Es darf nicht bei Tatenlosigkeit bleiben. Irgendetwas muss geschehen. Eine Stunde gemalt, danach wie so oft Abbruch. Ebenfalls wie so oft in den letzten Tagen dabei zusehen müssen, wie mein neues Lebenskonstrukt Stück für Stück demontiert wird. Die rechte Hand gelähmt, schwach und ohne Gefühl. Die Beine noch spastischer. Der Schwindel noch stärker. Henne oder Ei… Wildgänse flogen zuvor übers Haus in Richtung Süden. Saisonal zur rechten Zeit kommt die Depression angekrochen und will mir das Genick brechen. Zumindest hat sie schon einmal die Säge angesetzt. Woher sie nun genau kommt, bleibt unklar. Aus dem Norden? Oder nicht doch eher aus den Untiefen meiner dunklen Seele? Oder ganz klassisch dem Lichtmangel in den vor uns liegenden Monaten anzurechnen? Wie eigentlich bei jeder Depression? Ich habe Angst. Angst vor dem Abend, vor der Nacht, wenn es wie in den zurückliegenden Tagen mit der Panik am schlimmsten wird. Allein bei dem Gedanken daran bleibt mir jetzt schon die Luft weg. Dabei würde die Mittagsdosis gerade eben ihre Hängematte ausbreiten, um mich einzuladen, darin Platz zu nehmen. Die Sonne versteckt hinter Wolken, es ist kalt und windig. Nachts waren es -1,3 °C. Hatte ich morgens nicht groß getönt, ich wolle heute spazieren gehen? Gut eine weitere Stunde damit verplempert, im Internet weitere Sachen zu bestellen, Geld auszugeben, für Dinge, deren Nutzen bis dato noch unklar ist. Und warum gräme ich mich wegen der E-Mail im Posteingang? Diesem Herren in Oberösterreich geschrieben, dass wir spätestens am Montag erfahren, wie das mit der Spedition und dem Laufband funktionieren wird. Und seine Antwort? „Ich habe das Laufband bereits am Donnerstag verkauft.“. Unverzüglich…

DU BRAUCHST ES JA OHNEHIN NICHT!! SCHAU DICH MAL AN!!

Scheiße, wir waren zu langsam… Aber wozu hätte ich es kaufen sollen? Ich kann noch gar nicht mehr gehen…“, und die Laune sackte weiter ab. Davor mit dem Staubsauger im Wohnzimmer unterwegs und elend gescheitert. Keinen Schritt, keinen Fuß gehoben bekommen, die Hand viel zu schwach, das Rohr festzuhalten, ganz zu schweigen davon, mich selbst am Rollator aufrecht zu halten. So sank ich eben völlig erschöpft auf die Couch und holte mir die Ohrfeige mit dem Trainingsgerät ab.

Dass der Traum heute Nacht harmlos geblieben ist, grenzt an ein Wunder…

WIESO?!! DIR IST NICHTS PASSIERT!!

Das Telefonat mit Markus gestern… Es ging unter die Haut, wortwörtlich an die Unterwäsche und dafür, dass ich ihm immer noch nicht traue, habe ich gestern aber alle Hüllen fallen lassen. Eigentlich wollten wir schon Schluss machen, uns verabschieden, doch da fragte er: „Ist der Rumpelstilzchen auch da?“. Den männlichen Artikel erhielt er seines Naturells wegen und weil ich immer wieder gesagt habe, er bestünde hauptsächlich aus männlichen Anteilen. „Ja?“. „Kann ich ihm ein paar Fragen stellen?“. „Natürlich… er wartete förmlich darauf.“. Auch nach dieser halben Stunde fragte ich meinen Analytiker: „Was war das jetzt? Ein Schauspiel? Bin ich der geborene Schauspieler? Lasse ich mich so sehr auf die Thematik ein, ganz allein aus dem Antrieb heraus, dass ich so zu etwas Besonderem werde? Bin ich so scheiße und so schlecht?“. Ich kann das alles nicht wiederholen, das geht zu sehr unter die Gürtellinie, im Genre würde man von einem „Snuff-Video“ sprechen. Die Frage lautete nämlich: „Wie würde sich Rumpelstilzchen Biancas perfekte Bestrafung vorstellen?“. Bezugnehmend auf diese eine Folge Domian, die ich ihm geschickt hatte. Mein Körper sank tiefer zurück in die Kissen auf dem Sofa, die Augenlider senkten sich ebenfalls ab, bis zur Hälfte, Stimmfarbe und Vokabular veränderten sich drastisch. Scheinbar (oder lediglich eingebildet) zog sich meine „Alltags-Persönlichkeit“ in meine rechte Hand zurück und versuchte klimpernd zu überleben. In einem fort und unaufhörlich bis 4, während eine Etage höher mein Urteil gesprochen wurde. Und Markus reizte es immer weiter aus, diese Vorstellung, dieses Bild, welches immer drastischere Ausmaße annahm. Nun fragte er doch tatsächlich wie es wäre, würde die kleine Bianca daneben stehen und müsste zusehen. Noch vernichtender DIESES Urteil…

DIE KLEINE FOTZE?! Die ist ja keinen Deut besser!! Kann gleich mitmachen, herhalten!!

Die Hand klimperte schneller und schneller, Tränen quetschten sich aus meinen Augenhöhlen, aber der Blick blieb gleichsam starr, voller Zorn, vor Boshaftigkeit lodernd und die Worte peitschten weiter, beschimpften weiter, würgten weiter, vergewaltigten weiter, holten den ganzen Dreck aus mir raus, um ihn mir sodann wieder einzuflößen, hinein zu stopfen, mich damit einzuschmieren, zu kontaminieren… Wie viele Pädophile hätten da ihre helle Freude daran?! „Belassen wir es dabei und steigen wir nun aus diesem Bild wieder aus. Wo ist die kleine Bianca? Wie geht es ihr?“. Sie saß immer noch in der Ecke, zitternd und sich doch bewusst, dass die Strafe gerecht war. Berechtigt war. Dass sie schuldig ist.

2012 wäre ein derartiges Gespräch nicht möglich gewesen. Aber mein Vokabular hat sich seit dem noch mehr explizite Schubladen zugelegt.

Dies sei nun eine leichte Trance gewesen, meinte er. Ich war fertig. Und hätte… Aber habe nicht. Hatte doch mein eingebauter Terrorist bemängelt, dass ich es nie richtig mache, zu feige bin, zu wehleidig und es besser wäre, ich würde es ihm überlassen. Damit dabei wenigstens mal „ein Ergebnis“ resultieren kann.

Der Schädel dröhnt. 56,4 Kilo und heute das letzte Essen von meiner Mutter. Das Püree war versalzen und die Entwässerungstablette hatte mir 1 h zuvor schon den Boden unter den Füßen weggerissen. Ich dementsprechend bedient und ließ es links liegen. Mir genügte schon der Gedanke an die Gasthausküchenspüle, mir wurde schlecht und bewusst, dass wenn ich diese Vorstellung im Kopf weiter forciere, werde ich keinen einzigen Bissen mehr von ihren Sachen runter kriegen!!

Mario rief an und erzählte von einem ehemaligen Zivildiener, der nun seine Krankenpflegerausbildung beenden würde, dass es in dessen Diplom um MS ginge und er nicht gewagt hätte, an mich heran zu treten. Ob er mir ein paar Fragen stellen dürfe. Natürlich?

NATÜRLICH??! Egozentrisches Miststück!!

Den Faden verloren… Was wollte ich noch sagen? Das Video! Konvertierte heute Nacht erneut über 6 h. Endergebnis heute Morgen? Die Tonspur ist verrutscht. Irgendetwas sabotiert mich, will nicht, dass dieses Filmchen in die Welt hinausgeschickt wird. Heute Nacht ein weiterer Exportvorgang, obwohl mir allmählich wirklich die Strategien ausgehen. Warum wird aus dem wunderschönen, scharfen Material eine unscharfe Plürre? Warum klingt der Klang so verzerrt?

Wieder und wieder wandert der Blick hinaus zum Himmel. Ich fühle mich krank und müde. Es wird bei der 1 h am Bild bleiben. Meine ganzen Pläne hinfällig. Beim Putzen meiner Zähne artig am Stand gegangen und dabei mehrmals wie so oft um Haaresbreite die Möglichkeit für einen spektakulären Sturz verpasst. Wie krank muss man sein? In meinem Schädel nichts Gutes. Das destruktive Sortiment erfährt Förderung. Ich möchte mich wie auch mein interner fragwürdiger Freund zerschmettert auf dem Boden liegen sehen. Zersprungen in 1000 Scherben, irreparabel, vernichtet. Hoffnung war gestern.

Du bist müde…

Keine Ausrede.

Meine alte Schultasche gestern beim Schuhmacher abgeholt. Die eigentliche Rollatortasche ausgeräumt. Im Relikt der Gymasiumzeit verschwinden ein Pinsel, 2 Handtücher, mehrere Verbände, ein Skalpell, die Dose mit verbrauchten und jungfräulichen Rasierklingen… Bin ich durchtrieben oder schlichtweg scheißegal?

16:41

Dekompensieren!!

Der hilflose, verzweifelte Versuch, dieses Chaos in mir irgendwie abzuführen. Ich halte meinen Gestank nicht aus. Ich kann nichts! Auf volles Risiko gehen, es scheinen keine Gewissensbisse, keine Grenzen, keine Vorbehalte mehr für mich zu existieren. Er ist oben und ich setze mich aufs Sofa, als sei ich ganz allein. Nun wirkt der Blick fast liebevoll, als von gebrauchter zu neuer Kante gewechselt wird, als sich die Blutperlen zu feinen Rinnsalen sammeln, der Blick beinahe so unschuldig und interessiert wie der eines kleinen Kindes, wenn es Benzin über einen Ameisenhaufen gießt und diesen dann abfackelt… Mir ist schlecht und es reicht nicht. 22 Kratzer und sie reichen nicht. Alle Register ziehen… Pro forma zum Hydal greifen? Es ist die stärkste und effektivste Waffe, die ich noch zur Hand habe. Alles andere würde mir das Licht ausknipsen. Während ich noch am Schneiden war, die Überlegung, ich müsse endlich duschen. Aber ich halte erneut die Unordnung um mich herum nicht aus und die Panik wie ein pflichtbewusster Beamter pünktlich zur Stelle. Ich bin allein, der Kühlschrank voll mit Sünden, ich könnte irgendetwas fressen und dann den Pinsel… Hauptsächlich leicht zu Erbrechendes, wie Pudding, Mousse au Chocolat… Warum nicht?

Weil es keine Lösung ist…

Ich könnte mich hinsetzen, ans Bild, und darauf hoffen, dass mich die Beschäftigung ablenkt. Ich könnte hier ausharren und weiter durchdrehen.

Na?! WONACH ist dir?!

Eine gefährliche Schwelle erreicht? An der Erinnerung geschnuppert und einen Riegel vorgeschoben bekommen? Warum nicht Glotze an und Augen zu? Ich stecke vermeintlich in einer Sackgasse, die Sonne kam nicht mehr raus und jetzt kurz vor 5 wird es ohnehin dunkel. Die rechte Hand klimpert, die linke tut so, als sei sie klinisch tot. Eine Entscheidung müsste gefällt werden. Schwer seufzen. Der Schmerzreiz im Untergeschoss nimmt zu. Der Katheter zerreißt vermeintlich wieder alles. Wie könnte ich mir nun etwas Gutes tun? Genauso gut könnte man mich fragen, wie die Lottozahlen morgen ausfallen werden… Ich weiß es nicht!!

Nach einer Alternative für das Laufband suchen…

Noch mehr Geld ausgeben, du Schlampe!!

18:29

Immer weiter abdriften. 15 min gemalt. 15 min, in denen ich den Pinsel nicht halten konnte. 15 min, in denen ich Domians infantiles Geschwafel nicht aushalten konnte. Zurück am Ausgangspunkt. Meinen Gestank nicht aushalten, das laute Klappern vom Ventilator im Heizstrahler nicht aushalten. Anstatt blindlings in eine Fressattacke zu steuern mir das restliche Apfelkompott von vorgestern geholt. Immer noch keinen Einblick auf mein Konto genommen. Nun fehlt der entscheidende Zettel mit dem entscheidenden Datum. Zuvor das Hydal 2 mg zu früh eingenommen. Keinerlei Auswirkung. Wonach mir ist? Wie eine Geisteskranke vor und zurück schaukeln, ohne Ende. Das Novalgin geht erneut zur Neige, ganz zu schweigen davon, dass man es nicht als Dauermedikament einnehmen sollte. Da fällt mir ein, wonach ich noch suchen wollte… Beim Ausdrücken der fehlenden Tabletten vor wenigen Minuten die Beipackzettel in der Hand. Wollte meinem Lieblingshobby frönen, die Überdosierung abchecken, aber ich vermochte die vermaledeiten Zettel nicht auseinander zu falten!! Ja, jetzt ist es wieder soweit! Und jetzt kommen die Tränen…

Weil sich das Stück Scheiße ja so leid tut!!

Ich will nicht mehr, ich schaffe das nicht mehr, ich kann nicht mehr… Mit was für rationalen Ansätzen sollte ich mir jetzt in dieser Situation noch kommen? Exakt dieselbe Scheiße wie letztes Jahr! Die Hand klimpert. Ein Notausgang, jetzt einen Notausgang… Mich entkleiden, Überdosis Mirtazapin… Wie geplant! Mein Bruder stellte fatalerweise die Frage nach meiner Befindlichkeit. Ich antwortete ehrlich: „Seit ein paar Tagen leider nicht mehr so gut…“. Darauf seufzte er. Er hat das Wochenende frei, hat er gesagt, das wären doch die besten Bedingungen… Sebastian erneut ein Briefchen schreiben, ihn beruhigen, dass meine „Abwesenheit“ keinem Suizid gleichkäme, lediglich dem Abschalten meines Systems und dass er -wenn er der Meinung ist- auch die Rettung rufen kann, um mich einweisen zu lassen.

Ja, genau! Ihn mit der ganzen Scheiße wieder allein lassen!! Ihm die ganze Verantwortung mit einem Mal vor die Füße spucken!! Wie schäbig wäre das?!!

Die Schmerzen im Gesäß setzen wieder ein, erinnern mich daran, dass ich ohne die Schmerztabletten aufgeschmissen wäre. War das gestern unklug? Dieses Aufschlagen eines weiteren Kapitels? Zu früh? Wollte ich es denn nicht so?! Die Hand klimpert immer schneller. Mir bleibt die Luft weg. Benzos? War das vorgestern riskant, als sie mich sitzen hat lassen? Oder wie immer nur ganz allein mein Fehler? Weil ich etwas missverstanden habe? Zu blöd war? Eben nur Bittsteller? In Gedanken setze ich die Rasierklinge an der Handbeuge an…

Er kommt wieder nach Hause…

18:55

Er nimmt am anderen Ende vom Sofa Platz, ahnungslos, und ich schweige. Beim Überfliegen meiner Zeilen reißen mich immer wieder kleine Wellen von Panik mit sich und wollen mich absaufen lassen. Die Idee mit dem Psychopax noch nicht vom Tisch. Dabei setzt im Augenblick der Rest der Abenddosis ein. Aber es genügt der beiläufige Blick nach rechts zur Schüssel mit den Resten vom Kompott und das Herz schaltet gleich 2 Gänge höher. So lange auszuhalten versuchen, wie noch möglich? In meinen Ohren pocht es, die Nase zugekleistert, die Stimme nasal. Am besten wäre dem eigentlichen Trieb nachzugehen: einschlafen.

20:27

Mich wieder einkriegen… Es tut mir leid, ich bin scheiße…

20. Oktober 2016, Donnerstag 11:59

Ich kann nicht mehr. Jeglicher Kraft beraubt zum patenlosen Dasein verdammt… Den Bildschirm da drüben auf dem Hocker nicht erkennen, das Programm schreibt nur Scheiße und ich vermag nicht mir die Brille aufzusetzen. Nicht „patenlos“ sondern tatenlos dieses Dasein, Vegetieren… Aber reicht noch nicht! Das rechte Bein beginnt zu krampfen. Der Schädel wie ein Druckkessel kurz vor der Explosion, überhitzt immer weiter und weiter und weiter. Ich kann nicht mehr. Abschließend nach Ramidas getaner Arbeit mir noch die Socken abgesaugt, und das hat mir den endgültigen Genickschuss verpasst. Ich kann nicht, ich will nicht mehr. Zu Ende zermürbt. Suizidgedanken. Mir ist schlecht.

Abends beim Aufräumen der Küche ihm noch einmal meine zunehmenden Phobien erläutert. Dass es per se nichts mit ihm persönlich zu tun hätte, ich aber fast zwanghaft von seiner Unordnung auf seine Person Rückschlüsse ziehe und mich dann sogar vor ihm ekle. Darauf meinte er nur: „Siehst du? Und das ist das Gute an dir: Du kannst das alles reflektieren! Aber ich bin in meiner Problematik dazu unfähig.“.

Den ganzen Vormittag schon darüber nachgedacht, wie ich mir schaden oder mich zumindest abstellen könnte. Von Alkohol bis Überdosis alles dabei. Mich abschießen und wieder einweisen lassen. Oder mich vor dem Abschuss einweisen lassen. Oder gleich Nägel mit Köpfen, keinerlei Kompromisse mehr. Der Himmel grau, es regnet und ich unfähig. Um nun ebenso unfähig den Schmerzen ausgeliefert zu sein. Gerade mal vor 10 Minuten erneut um Haaresbreite an einem Sturz vorbei geschlittert. Ich muss aufstehen, ich kann nicht mehr, mir bleibt vor Schmerzen und Übelkeit die Luft weg. Und als hätte ich aus der Vergangenheit noch nie etwas gelernt verspätet noch ein Furosemid konsumiert. Denn jenes Hemd, welches ich soeben trage, ist auf einem meiner Bilder verewigt. Da wog ich beinahe 70 Kilo und der Witz daran: Das Ungetüm im Spiegel zuvor sah keinen Deut anders aus als die fette Sau von damals. Nicht nach 55,1. Aufhören zu essen, zu trinken, zu atmen… Und dann zu allem Überfluss vormittags zum inneren Kind mutiert und mich unaufhörlich mit der Fantasie bestraft, dass meine Mutter sterben wird. „Wie geht’s dir?“… Blendend…

19:29

Ein gekonnter Griff in den Nacken, meine Beschreibung der Symptome und die Diagnose so gut wie eindeutig: „Das ist eine Blockade des 2. Halswirbels! Sie sind heute mindestens schon der 10. Patient damit. Und auch ich habe ausreichend Erfahrung damit machen dürfen. Also keine Antibiotika.“. Alles würde dazu passen: die verstopfte Nase, das Gefühl, einen festen Gurt übers Gesicht geschnallt bekommen zu haben, die heißen Ohren, vermeintliches Fieber, die Kopfschmerzen, der Schwindel und ganz besonders der Eindruck, völlig neben der Spur zu sein. „Das geht allen so…“. Dies wollte wiederum ich nicht so einfach stehen lassen: „Es mag ja sein, dass sich alle krank fühlen. Aber ich konnte vor 2 Wochen noch gehen und jetzt sitze ich wieder im Rollstuhl und habe mir erst vor einer Woche den Schädel blutig geschlagen. Doch ein bisschen mehr Brisanz als bei Otto Normalbürger…“. Morgen erneut zum Radiologen in Jennersdorf, CT der HWS. Neue Hoffnung schöpfen? Ich solle die nächsten 3 Tage Seractil schlucken. Immer her mit den Analgetika. Eine Stunde und 15 Minuten gemalt. Wir waren einkaufen, wollten eigentlich nur nach Hausschuhen für uns beide kucken. Doch ich beschissenes Stück Scheiße entdeckte in einem der Läden nebenan noch mehr Blümchenoberteile und da mir so eiskalt war hatte ich Sehnsucht nach etwas Warmem. Die nächsten 40 Euro auf den Kopf gehauen und dabei weiß ich immer noch nicht, wo die 6000 vom Bilderverkauf geblieben sein sollen. Ich bin so schlecht, ich bin SO schlecht…

Genau wie deine Mutter! Kaufrausch!

Aber sie konnte es sich leisten!!

Mir gestern Abend die beiden Dokumentationen über Anorexie aufgenommen. Ganz sicher auch deswegen, um mich erneut ein wenig „inspirieren“ zu lassen. In einer davon ging es um dieses französische Magersuchtmodell, die eine durch und durch pathologische Beziehung zu ihrer Mutter hatte. Und ich bekam Lust, meiner Mutter den Link zu schicken, dass sie es sich selbst ansieht. Vielleicht versteht sie dann, oder erinnert sich endlich daran, was in unserer Konstellation schief gelaufen sein muss. Aber nein, ich hatte ja alle Freiheiten der Welt! Immer geliebt und behütet, wie kann ich das vergleichen. Ich bin so scheiße…

http://www.arte.tv/guide/de/049413-000-A/seht-mich-verschwinden?country=AT

Kaum saßen wir mit den Einkaufstüten im Auto versank ich in einem Selbstbeschimpfungsmonolog. Bzw. Dialog mit Rumpelstilzchen. Oder war es dessen Monolog? Haarspalterei. Der eiskalte Regen, der Wind auf meine Birne… die Nase zubetoniert, der Kopf schmerzt. Den halben Salat mit Mozzarella von McDonald’s und die paar Pommes werde ich morgen bitter bereuen müssen. Ich hasse mich. Und Sebastian bat mich mittags eindringlich, mich rechtzeitig bei der neuen psychiatrischen Klinik zu melden, ehe erneut etwas geschieht. Oder ich geschehen lasse.

17. Oktober 2016, Montag 11:47

Mieke eine emotional aufgeladene Mail geschickt. „Mal unter uns: Das sind genau diese Momente, in denen ich stante pede alles hinschmeißen will!“. Mir hängen die Tränen im Hals. Ich kann nicht… Ich kann NICHTS mehr! Nicht vernünftig gehen, mich nicht bücken, nicht an- oder ausziehen, mich nicht waschen, nicht einmal den rechten Arm so weit heben, um mir die Zähne zu putzen. Alles liegt in Scherben vor mir. Wieder einmal. Beim Frühstück die meiste Zeit mit Runden im Flur verplempert. Kein Mittel in der Hand, mit dem ich gegen die Krämpfe vorgehen könnte.

Nachts im Bett wollte ich unbedingt vom Laufen träumen und erinnerte mich daran, wie ich immer hinterm Haus stand, gedehnt habe, die Musik anwarf, die Stöpsel in die Ohren stopfte, um dann den Hohlweg runter auf die Straße zu laufen. Ich wollte das Traumgeschehen aktiv gestalten. Aber wie in einer Dauerschleife gefangen kam ich gedanklich nicht vom Haus weg. Um in den frühen Morgenstunden im Traum meiner Mutter an die Gurgel zu gehen. Ich war nachhause gekommen -natürlich ins Gasthaus- und sie hatte begonnen zu quasseln, ohne Punkt und Komma. Keine Frage: „Wie geht es dir?“, oder gar: „Hast du kurz Zeit?“. Nein, sie redete und redete und redete und ich wurde zusehends wütender. Doch dann der Overkill: Sie wollte mir soeben davon berichten, welche die letzten Worte ihres Vaters vor dessen Tod gewesen seien. Und genau an dem Punkt bin ich ausgerastet.

Das Ergebnis wie folgt: Was muss ich nur für ein schlechter Mensch sein? Was für ein egozentrisches, narzisstisches Stück Scheiße?!! Diese arme, arme Frau!! Was hatte sie nur für ein tragisches Los mit mir gezogen!

BÖSE! BÖSE!! MISSRATEN!!

Ständig klingelte das Telefon. Was ist denn so schwer daran zu verstehen, dass das Geburtstagskind wie jeder „normale Mensch“ vormittags ganz sicher nicht zuhause ist, stattdessen auf der Arbeit?! Ein Herzinfarkt jagt den nächsten, lediglich der Anruf von der Zahnärztin hat noch nicht stattgefunden. Behelfsmäßig das Wohnzimmer gesaugt und dabei mehrmals brenzlige Augenblicke, in denen man vor Schreck heiß eins über den Pelz gebraten bekommt. Gleichgewicht… Ich habe kein Gleichgewicht mehr. Und auch wenn es zu früh war, ich musste gestern unter die Dusche. Ich stank zum Himmel. Und konnte eigentlich GAR NICHTS dazu beitragen!! Saß einfach nur in der Dusche auf dem Klappsitz und er musste mich abschrubben. Unfähig. Aber Hauptsache inflationär Süßigkeiten in den fetten, abartigen Körper gestopft!! Ich hasse mich, ich hasse mich, ich hasse mich!

Und als hätte ich das alles gerade nicht diktiert, werde ich mir nun auch noch Mittagessen holen. Vollkornbrot mit Mozzarella und Tomate…

Das fette Schwein kann es sich auch leisten!!

16:42

Ich kann nicht mehr. Mit einer neuen Klinge 30 halbherzige Kratzer. 2 verdächtige Blutflecken auf der vanillecremefarbenen Leinenhose. Keinerlei Kontrolle. Alles kostet viel zu viel Kraft, die ich längst nicht mehr vorweisen kann. Der ganzen Ressourcen beraubt, mit einem Schlag. Gnadenlos. Mit dem Klapptisch auf dem halben Wege in den nächsten Nervenzusammenbruch. Das Notebook knallt auf den Boden, als eines der Beine nachgibt. Draußen der Himmel grau und davor die Jungbirken geschmückt in Grün und Gelb. Kindheitserinnerungen, Jugenderinnerungen, Schmerzen tief in der Brust und der Schädel dröhnt und dröhnt. Der Schwindel zu stark für mein klappriges System. Ich will nicht mehr. Resignieren. Hoch und runter und hoch und wieder runter. Wie oft denn noch?! Mir die nächste Überdosis bereitstellen? Depressiv, hoffnungslos, alles kaputt. Das Bild wird nie fertig, das Video wird nie fertig und augenblicklich möchte noch kann ich eines von beiden in Angriff nehmen. Unfähig und tatenlos und erstarrt und gelähmt und zu schwach und am Keuchen. Ich will mein Leben zurück oder einfach nur hier liegen bleiben und sterben. Wäre das so ein Verbrechen?