18. April 2019, Donnerstag „Tatenlos zusehen…“

8:39
Gewicht? Gibt es heute nicht.
Er holte mich aus dem Bett. Ich völlig durcheinander, orientierungslos. Nachts mit dem Rollstuhl ins Schlafzimmer, morgens holte er mir den Rollator. Aber mehr als vier Schritte waren wohl nicht eingeplant: „Das GEHT nicht… Bitte… Ich brauche den Rollstuhl…“. Vermochte nicht, mich in diesem aufzurichten. Also wie hätte ich mich da auf die Waage stellen sollen? Außerdem gab es gestern Mittag wie gewohnt Salat von der Salatbar im Supermarkt. Dieses Mittagessen führt grundsätzlich tags drauf zu einer Gewichtskatastrophe, als hätte ich zehn Burger mit Pommes verdrückt!
Mich irgendwie aus meinem Gefährt gehangelt, um kurz, von „aufrecht“ kann dabei keinesfalls die Rede sein, zu stehen, an meiner Unterhose zu zerren, meinen Plan nicht umsetzen zu können und mit der halb runtergezogenen Unterwäsche nach hinten auf die Toilette zu plumpsen. Bewegungsunfähig.
Da ist es wieder, dieses vermaledeite Wort: „Unfähig“. Es bedurfte seiner Hilfe. Hose runter, Einlage austauschen, Hose wieder hoch, zurück in den Rollstuhl… PLUMPS!
Er fasste mir an die Stirn, an die Wangen: „Meine Güte! Du glühst ja!“…

Gestern. Auch in der Sitzung geweint. Mehrmals bohrte er nach, warum ich mich umbringen wollte. Aber ich UNFÄHIG es zu benennen. Um dann wieder in dieser trüben Suppe, diesem undefinierbaren Eintopf aus unterschiedlichsten Gründen blind herumzufischen, herumzustochern.
Tja, wer oder was ist schuld, wenn nicht ich selbst?
Das Gespräch war gut, dauerte über 2 Stunden, es tat mir gut und anschließend war mein Kopf ganz leer.
Sebastian wollte lieber nach Fürstenfeld, als wieder nach Jennersdorf zu fahren. Dementsprechend traf ich die Entscheidung, ihm mit dem Rollstuhl vorauszufahren. Ich musste raus, ich musste doch raus, unbedingt!!!
Verdammt, es war doch so warm… Aber dieser beschissene Wind! Zu wenig Schichten am Leib. Mit dem (gerade erst nachgesehen, wie dieses Ding heißt) „Buff“ (also einem Multifunktionstuch) auf dem Kopf (welches ich alleine nie, nie und nimmer, und da kann es mir noch so gut gehen, selbst anziehen könnte) sah ich aus, als hätte ich konvertiert. Und hätte mich jemand gefragt, hatte ich mir schon die passende, pseudolustige Antwort parat gelegt: „Ja, ich habe die Religion gewechselt. Von Atheismus zum streng orthodoxen Sinusitus!“.
Die Kopfhörer in den Ohren. Meine Laufmusik. Und gleich beim ersten Song war mir wieder nach Flennen. Insgesamt gesehen mehrmals. Dieser Tage sehr nah am Wasser gebaut.
Dann verpasste ich doch tatsächlich die einmalige (genau genommen zweimalige), einzigartige Chance, diesen bekloppten Kuckuck vor die Kamera zu bekommen! Lediglich 100 m die Straße hoch, er saß im Obstgarten, noch dazu auf einem Ast, der mit keinerlei Blättern die Sicht auf ihn erschwert hätte. Aber… Die dumme Kuh ist zu langsam, er flog davon. Ich passte nicht richtig auf, denn er war lediglich einige Meter den Berg runter geflüchtet, um noch repräsentativer auf dem Telefonkabel zu sitzen.
ZU LANGSAM!!! DER BESCHISSENE KRÜPPEL IST FÜR ALLES ZU LANGSAM!!! UND WAS REDE ICH MIR DA GROSSARTIG EIN, WENN ICH DIE FERNBEDIENUNG FÜR DEN ROLLSTUHL ENDLICH LINKS HÄTTE, DIE KAMERA PERMANENT IN DER RECHTEN HAND HALTEN ZU KÖNNEN!! ICH KANN DAS DING DOCH NICHT EINMAL HOCHHALTEN!! GESCHWEIGE DENN RUHIG HALTEN!! NOCH FÜHREN!! NOCH BEDIENEN!!!
Scheiße! Scheiße!! Scheiße!!!
Ich fuhr weiter. Ich filmte eigentlich gar nichts. Komplett abgeschottet mit der Musik. Hastig an Bekannten und Nachbarn vorbei. „Bitte nicht ansprechen!“.
Auf dem einen Stück, durch den Wald in Richtung Dietersdorf, diese kurvenreiche Strecke, die schmale Straße, unübersichtlich, mit all seinen Rasern, die denken, das sei eine Autobahn… Warum hat mich keiner über den Haufen gefahren?!

Was hatte ich als Kind immer Angst hinten im Auto, nicht einmal angegurtet, obwohl wir das doch in der Volksschule wieder und wieder eingetrichtert bekommen haben, wie wichtig das sei. Ob mit Mutter oder Vater, beide ohnehin konsequent „gurtlos“, denn: „Wäre der Papa damals angegurtet gewesen bei seinem Unfall, wäre er gestorben, hätte ihm das Genick gebrochen! Wegen seiner Narbe hält er den Gurt nicht aus!“, was dann zwangsläufig auch gleich für sie galt! Obwohl er, der „designierte Autocrash-Held“ von anno dazumal, sich noch waghalsiger in die Kurven legte, bei einem Tempo, dass mir jedes Mal speiübel wurde…

Einziges Highlight, aber auch das leider aus sehr großer Entfernung: Ein Kiebitz. Und das war es schon. Und der Wind blies und blies und ich hätte wahrlich noch mindestens drei Schichten mehr gebraucht.
Abrechnung…
Dabei meinte das Thermometer ernsthaft, nach meiner Rückkehr, und später abends auch noch, meine Temperatur läge bei maximal 37,2 °C, wenn nicht sogar darunter.
Sebastian hatte mich ja abgeholt. Und kaum hatte ich im Auto gesessen, legte sich wieder diese Decke aus Schwere und Dunkelheit auf mein Gemüt. Depressiv. Wieder nach Weinen.
Den Abend verpennt. Nichts ging mehr…

Und nun zurück zu heute Morgen. „Wetten, das Thermometer sagt jetzt, dass alles in Ordnung ist? Und ich darf mir einmal mehr den Schädel zerbrechen, warum ich mich NOCH WENIGER rühren kann?!“.
Dem vorausgeschickt sei vielleicht die zweite Messung, mit dem Alten. Und dann denke ich an die Reha, ich denke ans Krankenhaus zuletzt, wie oft ich sagte, es geht mir scheiße, aber man diesen Wert für bare Münze nahm! Egal, ob meine Birne glühte oder nicht! Verdammt noch mal! Der MS ist es scheißegal, ob der Körper warm ist, wenn der Kopf einigermaßen Kühlung erfährt!!
Axial: 36,2 °C.
Dankeschön! Und das entscheidet und KEINE SAU NIMMT DICH MEHR ERNST!!! ABER VERDAMMT NOCH MAL, DAS KAPUTTE GEHIRN WOHNT NUN EINMAL OBEN IM SCHÄDEL!!!
So, und nun noch einmal: War beinahe unfähig, das Thermometer hochzuhalten, ans Ohr zu führen… Nichts erwartend, außer vielleicht eine weitere „Maulschelle“, weil „ich ja die ganze Zeit somatisiere“, natürlich „mir das alles nur einbilde“, und nicht zu vergessen „Aufmerksamkeit brauche“!!!

Das neue Ohrthermometer piepste.
Ein gleichmäßiger Ton bedeutet: unter 37,5°C.
Ein langsames, dreimaliges Signal: über 37,5°C.

Und ich hatte noch zu ihm gesagt: „Bei aller Liebe! So dermaßen unbeweglich war ich auch noch nie, nicht einmal bei meiner Influenza A oder B zuletzt… Das erinnert ja beinahe an die Überdosis!…“.

Das neue Gerät präsentierte nun tatsächlich ein weiteres Feature!
Es piepste dreimal, mehrmals hintereinander, aber das doppelt oder dreifach so schnell. Ich traute meinen Augen nicht. Wie war das, axial – 36,2???…
Auf dem Display: 38,8°C!

Zombie…
Aber definitiv von der Sorte, dem man bereits den Kopf abgeschlagen hat. Den Rollator kann ich mir heute sparen. Und das Beste? IMMER noch KEINE DEFINITIVEN GRIPPESYMPTOME!! KEIN SCHNUPFEN, KEIN HUSTEN… NADA!!!

DU WIRST DEN GANZEN FRÜHLING VERPASSEN!!!
GEFANGEN IN DEINEM BESCHISSENEN KÄFIG!!!
LEBEN?!!! NICHTS FÜR DICH!!!

Depressiv. Müde. Erschlagen. Und draußen lacht mich der Frühling aus.
Nachdem ich vorgestern vom Bild geträumt hatte, bat ich ihn gestern, mir unbedingt die Leinwand wieder auf den Tisch zu legen. Denn man könne ja nicht wissen… Hoffnung?

JETZT WIRST DU ABER GANZ SCHÖN GRÖSSENWAHNSINNIG!!!

Versuche, dich mit ihm zu unterhalten.“, Markus gestern eindringlich. Auch sprachen wir über eine Klinik, scheinbar die einzige, die alle mich betreffenden Belange abdecken würde, Nähe Dortmund. „Denk mal drüber nach. Ich habe kein Problem, für dich da mal pro forma nachzufragen, anzurufen!“. Dann wäre ich weg. Weg aus diesem krankmachenden Umfeld. Diesem retraumatisierenden System. Raus aus dem direkten Einflussbereich diverser Personen, die einfach „zu nah ihr Unwesen treiben“, um es mal etwas despektierlich zum Ausdruck zu bringen. Und die mich wieder und wieder und wieder beeinflussen, jeglichen Fortschritt torpedieren, mich wieder zum Anfang katapultieren… „Aber es ist doch ALLES nur lieb und gut gemeint! Und es geht doch ALLES nur und ganz allein und ausschließlich UM MICH, damit es MIR besser geht!!“…
Ich könnte kotzen!

Die Butter schmilzt auf meinem Tisch dahin, müsste in den Kühlschrank. Gestern nicht einmal meine Zähne geputzt.
Ein Reh sprintet soeben über unsere „Erdwärmekollektoren-Wiese“. Meine Hände klimpern. Mein Tisch ist ein ein einziger Moloch! „Messietum“ im Kleinformat! Aber schlussendlich sieht auch der Rest des Raumes nicht besser aus.
Bereits mehrfach die holde Maid vom Wald- und Wiesenprediger verpasst. Das Atmen fällt schwer. Die Amsel scheint das Nest auf der Kopfweide aufgegeben zu haben. Haben wir sie zu oft zu eingängig beobachtet?

Rollstuhl oder Rollator? Wie wagemutig bin ich? Um nebenbei zu entdecken, dass es bald 10:00 Uhr wird… Großartig!…

10:15
Aufstehen, um die Heizdecke wieder auf der Rückenlehne des Rollstuhls zu drapieren. Dabei fast umkippen. Die Hose hängt mir halb unterm Arsch.
Weise gewählt, den Rollstuhl zu nutzen. Die Zahnbürste im Waschbecken abgestützt/aufgestellt, irgendwie festgehalten, und der Kopf musste sich selbst putzen. Mein Darm faselte irgendetwas von wegen Verdauung, ich quälte mich hoch, quälte mich beim Ausziehen, saß dann minutenlang, nichts passierte, fühlte mich wortwörtlich verarscht, quälte mich wieder hoch und benötigte Minuten, um die beiden Hosen wieder einigermaßen in Stellung zu bringen. Mangelhaft, wie man soeben sehen konnte.
Der Tag wird immer schöner. Ich kann mir ausmalen, wie wunderbar es draußen sein muss. 38,3°C. Tropisches Klima im Hirn. Ich halte den Saustall nicht aus! Wie kann es sein, dass es nach wenigen Stunden, nach einem Tag wieder so aussieht? Wie kann es sein, dass die Damen zweimal pro Woche sauber machen, und in Windeseile ist wieder alles dreckig? Oder es bleiben unschöne, unentdeckte Stellen, die ICH leider immer sofort finde? Wie nur, wie???
Mir ekelt dermaßen! Vor jedem einzelnen Krümel, vor jedem einzelnen Klecks von etwas, das mal ein Lebensmittel war! Was verdammt noch mal hat es mit Sachen, die man in den Mund nimmt, zu sich nimmt, schlucken muss, zu tun? Warum sind diese derart negativ behaftet? Mit so viel Ekel, Abschaum, Würgereiz??? Wollte mich wer vergiften?? Einfachste Assoziation: „Zum Oralverkehr gezwungen worden?!!“? Hat mich das Essen meiner Mutter vergiftet, weil sie im übertragenen Sinne mein Denken vergiftet hat? Mit ihren abstrusen Erklärungen? Ihren ZERKLÄRUNGEN? Ihren permanenten UMDEUTUNGEN? Und im Kontrast dazu das „bittersüße“ Umsorgen, man hat nie Hunger gelitten, liebevoll wurde gekocht, man wurde genährt, gefüttert, mit Essen und Intrusionen??!!! Eine groß angelegte ambivalente Scheiße!!!

Du undankbares Drecksblag!!!
DEINE ARME MUTTER!!!

Ich soll IHM sagen, dass es IHN ja nicht ohne Grund gibt. Dass allein die Tatsache, dass ER existiert, schon Beweis genug sei, dass etwas Schlimmes passiert sein muss…
Aber wieder hocke ich hier mit offenem Mund. Man sollte viel trinken… Ich schaffe es nicht, nicht mich nach vornezubeugen, um an den Strohhalm heranzureichen. Ich würde so gerne aufräumen, ein bisschen zumindest, klitzeklein aktiv werden, nicht dermaßen ausgeliefert sein, bewegungslos…

Schon drängen sich mir die nächsten Selbstmordgedanken auf.

Bestenfalls schaffe ich es, bis zur Terrassentür. Um diese zu öffnen, und dann ohne Einschränkung durch die dämlichen Sprossen meine Chancen, auf eine adäquate Aufnahme, zumindest marginal zu erhöhen…

15:00
Ramida geht soeben. So viel gequatscht. Jetzt erst recht atemlos. Und am Schluss auch noch übers Laufen. Ich, wohl gemerkt, ICH blöder Krüppel gebe Tipps und Ratschläge zum Thema Laufsport…
Ist das nicht zum Totlachen?!
Und draußen? Der Tag verhöhnt mich immer noch! Kurzfristig ein paar Wölkchen, aber nun alles perfekt und wunderbar und super und traumhaft schön… Ich klimpere. Es wurde noch nicht alles gesagt. Noch nicht standesgemäß kommentiert. Selbstverständlich meine Rasierklingen im Sinn. Ich könnte, ich möchte…
Es riskieren, hinausfahren und die nächste Abfuhr erteilt bekommen…
An und für sich kann man augenblicklich ja nicht einmal davon sprechen, starke Beschwerden zu haben. Die Kopfschmerzen sind moderat. Die seltsame Neuropathie rechts im Bein wurde nur nachts im Traum zu einem definitiv ausgewachsenen Schub. Nichtsdestotrotz 38,2 °C. Ich hasse mich. Ich verachte mich. Allein wie ich hier auf dem Rollstuhl hänge, das viel zu enge T-Shirt, vorne rum gespannt, gewölbt von einer dick aufgeblasenen Wampe…
Augenblicklich ist mir nicht nach Weinen. Die Wut überwiegt. Doktor Ratio sagt, damit mache ich es schlimmer. Selbst Ramida sagte, damit mache ich es schlimmer. Aber da ist einfach kein Ende in Sicht, weil man ja schlussendlich nicht weiß, womit man es zu tun hat!

Ich will hinaus! Alles zieht mich dorthin! Und nebst Kamera zugleich nur mein „Profi-Equipment“ zum Zwecke der Selbstbestrafung eingeplant.
Es soll warm sein. Aber die Birken flattern silbern im Wind.
Die Zeit verstreicht ungenutzt. Hätte ich bei irgendeinem Arzt anrufen sollen? Oder eben in der HNO-Ambulanz? Oder weiß der Teufel wohin ich mich wenden könnte?! Vielleicht war ich zuvor noch müde, hätte in Erwägung ziehen können, mich hinzulegen. Aber nun halte ich den Anblick, diesen betörenden Anblick dieser zum Leben erwachenden Natur da draußen nicht aus! Und ich klimpere immer schneller, immer neurotischer und werfe in der Tat die Frage auf, ob das fair ist.

BESCHISSENER KÖRPER!!!

Ein frostiger Schauer läuft mir über beide nackten Oberarme. Dezent kratzt es im Hals. Aber das kommt sicher nur vom vielen Reden. Ich mag mich nicht hinlegen, nicht fernsehen. Alles, was ich mir vorstellen kann, wäre mich vollzustopfen. Wahllos irgendetwas in mich reinzufuttern. Und dann zu kotzen. Aber zu meinem Glück ist nichts da?!…
Das linke Bein beginnt zu krampfen. Seit gestern schon keine Stützstrümpfe mehr getragen, die Wassereinlagerungen werden sich sehen lassen können. Ich denke an jeden noch so winzigen Käfer, den ich beobachten hätte können, nun aber -Pech gehabt- verpasse! Und im nächsten Jahr ist dann das Bedienen der Kamera gar nicht mehr möglich! Und mich würde mal interessieren, wer mich wohl angesteckt hat. Alles nur vom Ausflug vorletzten Sonntag, dem kalten Wind entgegen? Oder doch spätestens freitags im Krankenhaus mir irgendetwas eingefangen? Wen interessiert es?!
Jetzt kommt die Depression.
Verachtung… Schüttelfrost…

Werbeanzeigen

6. März 2019, Mittwoch „Der Test…“

Zu nichts kommen! Rein gar nichts! Jetzt gab es da gleich zwei Träume hintereinander, und keinen davon bis dato festgehalten; obwohl beide den Einzug in mein Spezialdokument verdient hätten!
Ich weiß gar nicht, was ich sagen soll. Wie ich es sagen soll. Ich brauche die dumme Waage draußen vor der Schwesternstation nicht! Ich bin doch nicht blöd, habe doch keine Tomaten auf den Augen!!

Du fettes Walross!!!
DU UNFÖRMIGES STÜCK SPECKSCHWARTE!!!

Noch nie, Betonung auf „NOCH NIE“, hatte ich so eine Wampe!!! Aber es ist ja nicht nur das allein!!! Was ist mit den fetten Armen?? Mit dem Speckgesicht??

WAS an DIR ist nicht FETT???!!!
Und NICHT MINDERWERTIG und SCHLECHT???!!!

Ich muss die Träume festhalten…

Ablenkung!!!

Hatte ich doch beobachtet, wie die Tochter meiner Tischnachbarin gegenüber ihrer Mutter zur Begrüßung einen Kuss auf den Mund gab. Das war für mich völlig… Irritierend? Und musste daran denken, nicht einmal den Gedanken der bloßen Gegenwart auszuhalten! So träumte ich, inspiriert von meiner Beobachtung, vor zwei oder drei Nächten genau davon. Ich war schon wieder im Gasthaus gefangen. Und scheinbar ein hilfloser Pflegefall. Ständig und unentwegt und immer und immer wieder wollten meine Eltern mich herzen, mich drücken, streicheln, umarmen, küssen… Da half es nicht zu sagen, dass ihre Berührungen Schmerzen auslösen. Da half es nicht zu sagen, dass ich das nicht will, nicht länger will, es nicht ertragen kann! Es half auch nicht, ihnen zu drohen!!
Also machte ich meine Drohung wahr! Irgendwie hatte ich mich wohl bis zur Eingangstür vom Gasthaus geschleppt, gerade noch über die Schwelle nach draußen, um mir dort mit einem gekonnten Messerhieb die Pulsadern aufzuschneiden. Kaum spritzte das Blut aus der Wunde, begann ich zu zählen. Im Sekundentakt. Es gab Erfahrungswerte, wie lange es dauern würde, bis man verblutet. Sie hatten mir ja nicht zugehört! Ich hatte sie gewarnt! Dass sich ihre Puppe zerstören würde, wenn sie nicht aufhören!!!
Meine Eltern hinter mir im Gastzimmer völlig aus dem Häuschen, aufgebracht, wie aufgescheuchte Hühner rannten sie hin und her. Währenddessen ich mit gleichgültigen Blick: „Jetzt sind es bereits 2 Minuten. Wenn ihr die Rettung ruft, braucht diese mindestens 6 Minuten. Bis dahin ist es vorbei.“.

Ich habe vergessen, wie es weiter ging. War ich nicht sogar aufgestanden und davon gegangen? Ständig am Überlegen, ob ich Sebastian davon erzähle? In irgendeiner Form gab es Stress und die Wunde an der Handbeuge riss wieder auf und blutete. Wie hat er reagiert?

Ich muss Zähne putzen. Dann mit dem Rollator zur Psychologie und anschließend zur Physiotherapie, um dort meinen Abschlusstest zu machen…

13:08
Was ist mit mir los?

Was ist mit dir los?

NA WAS?!!! SIE IST UND BLEIBT EIN FETTES SCHWEIN!!!

In der heute mal 45-minütigen Psychologiesitzung ging es erst lustig los. Aber dennoch, die Anspannung war da, krallte sich meine Schultern, meinen Nacken. Und als ich abschließend noch anfing von den beiden Träumen zu erzählen, kam auch noch die Dissoziation zum Zug. Wieder einmal. Ich meinte dann schon spaßhalber, es müsse an ihrem Gesicht liegen, dass ich mich ausblende. Der zweite Traum war gelöscht. War weg. Insofern spannend meine brandneue Lektüre; ich habe gerade den Titel nicht auf dem Schirm. Aber eigentlich wollte ich ja noch etwas dazu sagen, was nun mit mir los sei, mit mir nicht stimme…

Beim Test meiner Gehstrecke abgekackt. Und ich wollte gerade noch zu ihm sagen: „Und? War ich 2 m besser??“, ein ironisch eingefärbtes und dementsprechend völlig übertriebenes Erwartungsgrinsen aufgesetzt. Ich sagte es nicht, aber er. In der Tat! 2 m weiter… Und wieder fange ich an, den Blick für die Realität zu verlieren, alles zerlegt sich, alles hat schon mindestens einmal stattgefunden.

Nur nicht für meine fette Wampe! Für meine fette Gestalt! Die ist und bleibt unverändert FETT!!!
Mein Vater hat nie zu mir gesagt, ich sei fett. Diese Beschimpfungen hat er sich für meinen Bruder aufgehoben, schon sehr früh. Aber, was soll ich da, vier Jahre jünger, daneben denken???
Und immer noch nicht ausgesprochen, worauf ich eingangs hinaus wollte! Was ist mit mir los? Die Waage klatscht mir ein 62,9 um die Ohren! Davon darf ich vielleicht maximal 600 g abziehen für meine Klamotten. Unterm Strich ein Desaster, wortwörtlich!!!

Aber SIE??? Sie frisst und frisst und frisst!!!

Vier Stück Melone, zwei Scheiben Vollkornbrot und Kakao und Butter. Nach der ersten Scheibe war ich satt. Während der Zweiten papsatt, am Ende deren schlicht und ergreifend VOLL. Aber das frische Brot, das knusprige, duftende Brot, und noch Butter auf dem Teller, ein wenig Kakao in der Tasse… Ich besorgte mir eine weitere Scheibe, um mir diese in den viel zu vollen Bauch zu stopfen!
Ich verzichtete mittags auf das Hauptgericht, aß nur eine Suppe, und natürlich den Nachtisch, einen Bratapfel in Vanillesauce. Und nun futtere ich einen kleinen Schokoriegel. Warum? Weil er da ist!! Weil ich ihn mir gestern gekauft habe!!!!

Traum Nummer 2:
Wieder im Gasthaus. Mittlerweile vergessen, warum und wieso genau… Julia war da, meine Schulkollegin. Ich hatte mit ihr eigentlich nie was zu tun, also erst einmal unklar, warum sie im Traum vorkam. Weil sie damals als kleines Mädchen den Inbegriff von Zartheit darstellte? Eines fragilen Porzellanpüppchens, derart zerbrechlich?
Sie war noch Kind, ich war noch Kind und zugleich erwachsen. Ich lebte noch im Gasthaus, teils in meinem Kinderzimmer, teils in jenem Zimmer, das kurzfristig Sebastians und mein Wohnzimmer darstellte. Ständig verletzten wir uns. Und mir war bewusst, dass sie mein inneres Kind darstellte. War es erneut so, dass mein Vater unbedingt Kontakt haben wollte? Ich diesen aber tunlichst zu umgehen suchte? Weil Kontakt mit ihm bedeutete, dass er mich wieder etwas fragen und ihm der Tonfall meiner Antwort nicht passen würde; worauf hin er wieder einen riesigen Aufstand macht, erst mich beschimpft, dann alle anderen, sich als Opfer sieht und schlussendlich davon rennt (wie es früher eben war, als er mit dem Trinken aufhörte). Dass er uns vom Ritzen aufhalten wollte? Dabei traf ich im Haus ständig auf andere Mädchen, Schulkolleginnen; wie man eben hier auf andere MS-Patienten trifft. Und sie alle verletzten sich und für sie alle war das völlig normal.
Scheinbar saß ich gerade mit meiner kleinen Version in besagtem Wohnzimmer auf meinem Kajütenbett (diente uns dort als Sofa), jeder hat eine Rasierklinge in der Hand, die unbeteiligten Arme zerschnitten. Da platzt mein Vater ins Zimmer rein, ohne zu klopfen (glaube ich zumindest). Was er genau wollte, weiß ich nicht mehr. Definitiv mich erpressen, indem er der Kleinen ein Messer an den Hals hielt. Er würde sie umbringen, ihr die Kehle durchschneiden, wenn ich nicht unverzüglich mit der Selbstverletzung aufhöre! Ich hatte Angst um das Kind. Ließ mich aber erneut nicht unter Druck setzen. Machte einen unvorhersehbaren Sprung und versetzte ihm mit meiner Rasierklinge einen langen Schnitt quer über den ganzen Hals. Man sah es nicht bluten, nur eine feine, rote Linie. Aber nun wusste er, dass ich nicht tatenlos aufgeben würde.

Und dann habe ich den ganzen Rest vergessen… Was mich spätestens nun fürchterlich ärgert! Woher sonst soll ich denn meine Erinnerungen bekommen?

Die Psychologin bemerkte nur positiv, dass ich nicht mehr passiv sei, und alles über mich ergehen ließe. Dass ich AKTIV das Gasthaus verlasse, davon gehe, oder mich zur Wehr setze. Macht das etwas mit mir? Oder unterm Strich bleibt die Realität nun einmal die Realität und ich vermeintlich durch mich selbst unterjocht von Schuldgefühlen, Schuldgefühlen, Schuldgefühlen… Diese Wiederholung führt beinahe zum Wegtreten, mir wird flau im Magen…

19:40
Die Heizdecke umgeschnallt; was für Rückenschmerzen, was für Kopfschmerzen, es zieht regelrecht links hinter dem Nasenflügel durchs Nasenbein hoch und direkt hinein in den Schädel. Irgendwer hat irgendwo ein Fenster offen, man kann den Wind heulen hören und es klingt beinahe so wie damals im Gasthaus. In dieser Burg, diesem Geisterhaus.
Was ist mit mir los… Heute gab es süßen Hirseauflauf mit Äpfeln und Erdbeersauce. Und ich?? Bestelle mir doch tatsächlich noch Nachschlag, eine kleine, zweite Portion. Tatsächlich wurde daraus aber eine Große. Und ich??!! Aß artig alles auf!! Um danach beinahe auch noch den Nachtisch zu essen, Joghurt mit Sauerkirschen. Weil es etwas Exorbitantes war, sonst gibt es diesen abends immer nur mit Aprikosenmus. Ich bin kein großer Fan von Marillen. Die gesamte Kindheit war voll mit dieser Frucht. In Österreich scheint es nichts anderes zu geben als diese Konfitüre.

Während ich fleißig in mich hineinstopfte, überlegte ich angestrengt, nein, eher beiläufig, ob ich mir anschließend den Finger in den Hals stecken sollte. Oder einen meiner Bleistifte, oder einen der Strohhalme; Hauptsache etwas langes. Um dann wieder tagelang mit meiner Sinusitis beschäftigt zu sein?

Mein Physiotherapeut schrieb heute also seinen Abschlussbericht. Er fragte mich, was nun besser geworden sei, fragte explizit nach meiner Schulter, nach den Verspannungen. Und ich Trottel? Ganz euphorisch: „Das ist in der Tat sehr viel besser geworden, danke!“.
Lerne ich nichts aus der Vergangenheit? Selbst nicht aus der NAHEN Vergangenheit? NICHTS aus unendlichen Wiederholungen??? Keine halbe Stunde später? Und eben WIE AUS DEM NICHTS wieder total verspannt und Schmerzen, Schmerzen, Schmerzen. Ich bettelte um ein weiteres Mexalen. Hatte ich doch mittags bereits 1,3 Morphium konsumiert. Zum Abendessen gab es weitere 1,3 mg. Und 15 Tropfen vom Tramal. Watte im Hirn. Oder unterm Arsch. Nichtsdestotrotz fängt es gerade zu krampfen an.

Ich dachte beim Fressen darüber nach, wie viel ich in einer Woche an Gewicht verlieren würde, so ich denn endlich die Kurve kratzen könnte. Eine Kehrtwende, eine radikale. Kaum noch etwas essen oder alles wieder ausspucken. Ist es die Vernunft, die die Zügel in Händen hält?
Mir fallen die Augen zu. Wovon habe ich heute Nacht geträumt? Morgen gibt es die nächste Süßspeise zu Mittag. Das linke Bein ist angepisst. Als mich bei der letzten Einheit die Dame bei den Moorpackung so freundlich anlächelte, hatte mich erneut eine Panikattacke eiskalt erwischt. Ihre Intention? Mich töten! Und ich analysierte und drehte und wendete dieses schreckliche Gefühl, kam aber zu keinem Ergebnis, keiner Erklärung. Und vermag immer noch nicht zu sagen, wie das neue Buch heißt…

1. März 2019, Freitag „Irreversible Irritationen…“

10:12
Fakt ist: Ich bin ein fettes, aufgedunsenes Schwein!!!
Des weiteren: Mein Bauch ragt spätestens bereits vor dem Mittagessen so weit über den Hosenbund, ich könne locker kurz vor der Entbindung stehen!!!
Ich komme zu nichts! Und irgendwie ist das auch gut so! Die Anflüge von Panik, die mich über den Tag hinweg immer wieder straucheln lassen wollen, suche ich aktuell mit Ignoranz zu bekämpfen. Was mehr oder minder gut klappt, diese auf vielleicht 5 Minuten reduziert. Zu irgendjemandem sagte ich (wenn es nicht Sebastian war): „Die Angst kommt, auf meiner inneren Bühne, wie ein Schreckgespenst, macht einmal Buh!!!; ich registriere sie zwar kurz, drehe mich dann aber demonstrativ um, ihr den Rücken zu, und unterhalte mich weiter. Oder suche mir jemanden zu diesem Zwecke.“.

Da ist dieser kleine Junge, ich nehme an, aus Slowenien. Gestern verriet er mir, dass er acht Jahre alt ist. Ich habe ihm schon mehrmals die Uhrzeit auf seinem elektrischen Rollstuhl eingestellt. Und gestern nach der Therapie klammerte er sich sozusagen an meine Fersen; seine Mutter hätte auf ihn warten sollen, aber da war niemand. Also gingen wir, da ich noch Zeit hatte, mit unseren Rollstühlen auf Muttersuche. Wir hatten schon einmal fast alle Stockwerke durch, mussten vor einem Lift warten, und da sagte der kleine Knirps doch tatsächlich zu mir: „Entschuldige bitte, dass du mir helfen musst… Du bist wirklich eine schöne Frau!“. Dachte schon, ich hör nicht richtig. Ich sah ihn schief an, aber er: „Du bist wirklich eine wunderschöne Frau!“. Perplex. „Aus dir wird mal ein kleiner Charmeur, wie? Dankeschön…“. Und er wiederholte es noch ein weiteres Mal: „Nein, wirklich! Du bist wirklich eine wunderschöne Frau!“. Also wenn ich da nicht rot wurde, wann dann?

Man wartet auf die Visite. Man hat sich unterhalten. Mit Pflegekräften, mit den Reinigungsdamen, vor allem Simona, die mich nur noch mit „Mäuschen“ auf Slowenisch anspricht.
Ich sehe in den Spiegel. Ich sah in den Spiegel. Meine Menstruation hat insgesamt für drei blutige Überschwemmungen gesorgt… Hoffentlich hat er die Hosen gleich in die Wäsche geworfen…
Nun scheint das Schlimmste überstanden; und ich nehme mich anders war. Wegen der ganzen Komplimente? Weil es die ganze Zeit so geht?
Aber sicherlich nur, weil ich mich dermaßen beschimpfe!!! Da würde ich mit meinem Gegenüber genauso verfahren; ob es nun tatsächlich stimmt oder nicht…

Nachrichten beantwortet. Zumindest zwei Stück. Die anderen bereiten mir Magenschmerzen. Eine an Mieke und die andere an diesen Menschen aus Regensburg, der ja der Meinung war, meine Bilder gehören in die Öffentlichkeit. Aber sonst eigentlich nichts geschafft. Jetzt in der Visite wird es auch um meine Heizdecke gehen. Zwei Wochen lang sagt keiner was, und dann gleich an zwei Tagen hintereinander summieren sich die Herrschaften, die Einwände vorzubringen haben. Aber ich habe solche Rückenschmerzen… Was bringt es da, dass der Physiotherapeut meine Nackenwirbel mobilisiert, ich eine Moorpackung bekomme, aber im Anschluss wieder unmögliche Verrenkungen bei der wahrlich lustigen Mobilitätsgruppe machen darf, ganz zu schweigen von der Muckibude, dem Armtrainer direkt hinterher, dem Fahrradfahren für die Arme?

Und dann hätte ich doch fast meinen Traum vergessen. Weil das morgens einfach zu viel ist, zu viel Gerede…
Apropos… Mir ist aufgefallen, dass ich auch deswegen so viel gequirrlte Scheiße von mir gebe, um Rumpelstilzchen nicht zu Wort kommen zu lassen. So kann ich seine Meinung „lediglich spüren“. Er hat nicht DIE Macht über mich… Aber eigentlich hätte er recht… Ich FRESSE viel zu viel!!! Gestern in der Gruppentherapie natürlich so positioniert, um mich im kleinen Turnsaal an meiner Schrottkiste in ihrer ganzen BREITE in diesem großen Spiegel vis-a-vis ergötzen zu können! Was habe ich für fette Arme bekommen???

Draußen rollt die Visite an. Der Traum. Den ich fast vergessen hatte. Hätte ich morgens in der durchaus amüsanten Konversation mit Pfleger Kal nicht einmal kurz innegehalten und das gerade bearbeitete Thema mit den nächtlichen Bildern verglichen, Assoziationen gezogen… „Ich hab Tee gekauft… Tee bestellt…“, und senkte kurz mein Haupt, auf dem Bett sitzend. Dann waren die Bilder wieder da, die mich soeben noch im Schlaf in den Wahnsinn getrieben haben. Zumindest meine Schuldgefühle, das Verständnis dessen, was richtig oder falsch ist.
Nebenbei: Ich habe überhaupt keine Lust auf die Psychologiesitzung heute! Ich habe keinen Bock, Zuhause weiter Therapie zu machen! Ich lese augenblicklich nicht einmal mehr Missbrauchsbücher!

Also ich hatte Tee bestellt. Den man nicht zurückschicken durfte. Und dabei wusste ich nicht einmal, ob mir die Sorten schmecken werden. Aber noch viel schlimmer: Dazu irgendwelche Fläschchen mit Aromen geordert. Und einerseits bekam ich Schelte, warum ich so viel Geld für etwas ausgebe, das ich vermutlich gar nicht brauchen werde, oder von den Motten gefressen wird. Seitens meiner Mutter. Aber gerade SIE war es, die jede einzelne Tüte einmal öffnete und da Sirup hinein kippte!! So hätte ich erst recht keine Chance auf Rückgabe!!!

Vor dieser Situation war ich in Jennersdorf. War laufen. Niggis zwangsläufig viel jüngere Schulkollegen waren zu Zuhältern geworden, patrouillierten vor dem Puff am Ortsende. Machten einen auf dicke Hose. Sie drohten mir gar mit ihren Waffen, aber ich ignorierte sie, nahm sie nicht ernst. Nein, ich beschimpfte sie unverblümt, um sie dann hinter mir zu lassen. Und rannte weiter. Teilweise in Zeitlupe oder im Rollstuhl. Aber ich lief…

Wie diese junge Dame gestern im Park, der ich sehnsüchtig noch lange hinterher gesehen habe. Um dann an mir runter zu sehen, an meinen Beinen meine letzte „Lieblingslaufhose“. Knielang. Die großen Knieschützer haben gehalten, was sie versprachen. Zumindest sie hat keine Löcher bekommen.

Visite kommt…

Weiter im Text…
Sebastian hatte scheinbar einen Job bei der Stadt ergattert, und ich durfte einmal mitfahren. Das war eine Maschine, ein Blechkasten, wie bei einem Kran. In diesem steckte eine riesengroße Giraffe, mindestens so groß wie ein Dinosaurier. Mit dieser wurde Müll abtransportiert aus irgendwelchen Hinterhöfen. Seine Aufgabe war es dafür zu sorgen, dass sie auf der Straße geradeaus ging. Es war unheimlich, denn in der Fahrgastzelle sah man lediglich die Schultern des Tieres, die dann durch ein Loch nach draußen verschwanden. Und spürte die behäbigen, ausladenden Schritte.

Ich lief nach Hause. Versuchte es zumindest. Mal war ich auf der Hügelkette und auf dem richtigen Weg. Dann aber wieder auf der Bundesstraße direkt zum Gasthaus; wo die ganze Geschichte auch wieder endet. War bereits daran vorbei. Bei den Nachbarn, den Wi., Lebte nur noch die Frau und war in einen kleinen Bauwagen vor ihrem Bauernhaus gezogen, sich völlig der Ziegenzüchterei widmend.
(Hatte nachts „Shan das Schaf“ geguckt…)
Ständig starben irgendwelche Tiere und ein Drama wurde draus gemacht. Außerdem hatten alle Trikots an. Und grasten im Garten vom Gasthaus.
Meine Mutter schimpfte mit mir, ob der horrenden Kosten für die Bestellung (dabei war dies gar nicht die einzige, noch weitere sollten folgen, nicht minder kostspielig). Was ich nicht ganz verstand; die 240 € (so hoch war der Selbstbehalt hier) hätte ich doch sowieso selbst getragen (hatte gestern kurz überlegt, wie viel Geld ich hier schon ausgegeben habe)! Mir ständig ihre Bedenken anhörend, bewegte man sich langsam zurück zur grauen Burg. „Was wird wohl der Papa dazu sagen?“, jammerte sie ständig.
Nun vermischen sich die Schauplätze. Der viel zitierte Flur zu den Gästetoiletten ging eine Liaison ein mit dem Bauwagen. Gerade eben noch sah man die alte Nachbarin, die irgendwie verwirrt wirkte, und die suchte etwas, jemanden… Die sogenannte Leiche im Keller… Mein Vater tat erst so, als sei er entsetzt über den teuren „Luxusartikel“, den ich mir da geleistet hatte. Aber dann war es ihm völlig egal.
Zu diesem Zeitpunkt standen wir im besagten dunklen Flur… War der Bauwagen der Wohnwagen vom viel verhassten Freund meiner Oma, mütterlicherseits? Von Willi? Dieses weiß-blaue Gestell?…

[…]

19:38
Ich versuche verzweifelt, mich zurechtzufinden. Wie „praktisch“, dass YouTube nun mit Google verknüpft ist und jeder meine E-Mail-Adresse zu sehen scheint…
Außerdem: Das habe ich nun davon, überall meinen Senf dazu geben zu müssen. Bei irgendeinem meiner Kommentare ist eine Diskussion entflammt, dabei weiß ich nicht einmal, worum es ging, was ich von mir gegeben habe…

Mein Posteingang ist vollgestopft! Es ist zu viel! Viel zu viel! Ich möchte gerne noch arbeiten, zugleich aber bereits ins Bett und der Nachtdienst rückt draußen immer näher, scheint Zeit zu haben.
In der Psychologiesitzung, in der meine Fassade leichter in sich zusammenbricht, kam es auch heute wie die letzten Male zu zumindest einem Aussetzer meiner Denkmaschine. Wollte ihr gerade genauer erläutern, wie sich das mit dem Kind in mir zuletzt in dieser einen speziellen Nacht verhalten hat, als ich plötzlich kindliche Ängste in mir wahrnahm, die dann völlig die Kontrolle über mich übernommen hatten… Aber von einem Gedanken zum nächsten war mein Kopf leer. Eben schon wieder. Und ich konnte nicht denken.

23. Februar 2019, Samstag

19:47
Es gleicht einem Wunder, hier die Toiletten noch nicht verstopft zu haben! Oder sind diese für spezielle Ansprüche prädestiniert, speziell angefertigt worden? Zu Hause gelingt mir das doch auch jedes Mal…
Wenn ich nicht gerade wieder prähistorische Pferdeäpfel lege…

Ist das geschmacklos?
Das Diktierprogramm versteht mich nicht. Oder nur eingeschränkt. Hat mich volle Kanne erwischt! Irgendwer hat mich angesteckt! Meine Nase ist dicht und ich schlürfe nebenbei „Cremeschoko“ für 1,80 aus dem Automaten. Sebastian war nicht gekommen; draußen war es schon wieder windig und angeblich schweinekalt. Dafür soll es morgen bereits die nächsten 13 °C geben. Aber ich fühle mich scheiße.
Morgens irgendwann zwischen 7:35 und 7:45 eine weitere Absenz. Diese Tatsache zu erwähnen reicht bereits, um ein Dejavuegefühl auszulösen. Man hat mich ausschlafen lassen, ehe ich unter die Dusche gejagt wurde, um dort einen „fahrbaren Duschsessel“ auszutesten, damit bei Gefallen mir exakt dasselbe Modell verordnet werden kann. Der Klappsitz in unserer Dusche mit Handgriff auf der linken Seite ist derart eine Fehlinvestition gewesen. So geht das nicht.
Aber wie dann? Und vor allem: Wie weiter?
Im Posteingang immer noch eine Mail unserer Nachbarin, die darin vorschlägt, man könne ja telefonieren und ein wenig tratschen… No way??!!!
Die Nachricht meiner Mutter; ich hätte nicht schlecht Laune, ihr meinen letzten Traum zu schicken.
Und DANN wäre da noch ein weiterer elektronischer Brief… Von jemandem aus Bayern, Regensburg. Man sei zufällig über meinen YouTube-Kanal gestolpert. Meine Kunst sei „großartig“ (mir nicht sicher, ob dieses Wort benutzt wurde). Dass die Welt noch nicht wisse, was sie da verpasst (so in der Art) und dieser Mann sei zwar kein Galerist, aber er hätte Kontakte und wolle mir unbedingt dabei helfen, meine Kunst der Öffentlichkeit zu zeigen. Diese eine Einstellung im Essl-Museum würde dieser nicht gerecht werden…

Wow… Was soll ich dazu sagen?

Die Nachtschicht rückte soeben an, hat sich mit ihrem Wagen draußen vor meiner Tür postiert. Ich bin fertig, sollte ins Bett. Ob ich morgen überhaupt fähig bin, mit Sebastian einen Ausflug in die Stadt zu machen, sei dahingestellt. Meine Augen brennen. Aber, vermutlich, werde ich ohne Fieber nicht ganz für voll genommen. Obwohl man bei einer Erkältung grundsätzlich nicht mit Fieber zu rechnen hat.

Gestern, die Nachtschicht. Die Pflegerin. Dieselbe vom letzten Jahr, mit der berühmten „FIFFI- Diskussion“. Möchte noch einmal kurz daran erinnern: „Aber deine Fiffi musst du schon waschen!“, nach einer Diskussion darüber, weil ich nicht duschen wollte, und dann noch: „Ich muss meine Fiffi jeden Tag waschen!“…
Dieses Mal fragte sie mich ganz unverblümt, warum ich mich verletze. Das aber nicht mit gebührendem Respekt oder Abstand, sondern beinahe wie in einem flapsigen Gespräch über eine absolute Banalität, die die Welt nicht braucht, um sich nicht gleich im nächsten Moment darüber lustig zu machen. „Weil es mir Spaß macht?“, schon ein wenig angesäuert. Sie nicht zufrieden. Ich meinte, unglücklich und deprimiert gewesen zu sein. Sie, dass man so etwas trotzdem nicht macht, dass sie es nicht versteht und wieso und warum und weshalb. Und dann wird’s richtig steil: „Schaut dein Freund dir dabei zu??“, um mir dabei sehr wohl den Eindruck zu vermitteln, dass sie das total ernst meint. Hatte Lust, zu sagen: „Na klar! Er ist sozusagen meine OP-Schwester, reicht mir das Skalpell und hält das Geometriedreieck an, damit ich im richtigen Winkel schneide!!“.
Abschließend brillierte sie noch damit, vor meinem Rollstuhl auf dem Boden herum zu rutschen, und den Akku nicht anstecken zu können. Minutenlang. Ich erläuterte mehrfach, sogar bildlich, wo sie denn suchen soll… Aber sie raffte es einfach nicht.

21. Februar 2019, Donnerstag „Zeile markieren, diktieren, und beinahe weggetreten…“

20:28
Meine Gefühle fahren Achterbahn. Wie soll ich mit all dem umgehen?
Zwei Einheiten Physiotherapie vormittags, mit einer halben Stunde Pause dazwischen. Wieder hatte man mich zu spät aus dem Bett geholt. Das Frühstück wurde wieder in zwei Teile zerlegt…

Du frisst ohnehin zu viel, du fettes, ekelhaftes Schwein!!!

Hatte ich bereits darüber berichtet, dass mein Therapeut, ein noch junger Kerl mit noch nicht so guten Sprachkenntnissen, „Videoschnitt oder Filmbearbeitung“ nicht als „Hobby“ gelten lassen wollte, beim Ausfüllen des Fragebogens für die Aufnahme? Dass es heute zur selben Debatte kam? Und er ernsthaft zu mir sagte: „Hast du denn keine aktiven Hobbys?… Fernsehen?…“. Ich dachte, ich höre nicht richtig! Und betonte erneut: „Ich bin stundenlang mit Rollstuhl und Kamera draußen unterwegs, täglich, auf der Jagd nach Aufnahmen von Tieren, um diese dann in ein Filmprojekt einzubauen… Was soll daran kein Hobby sein??“. Ich zumindest meine, freundlich geblieben zu sein.

In der ersten Einheit war er unfreundlich. Kam mir beinahe „unterschwellig aggressiv“ vor.
Erneut siezte er mich. Auf meine Vorschläge, was ich anstatt der Kälteweste noch ausprobieren möchte, ging er nicht ein. War schroff: „Das dürfen MS-Patienten nicht!“. Was für ein Nonsens!

Also schwieg ich. Befolgte seine Anweisungen, was die Übungen betraf, machte ohnehin nichts richtig, aber auch deswegen, weil ich heftige Kopfschmerzen dank der krassen Verspannung im Rücken hatte.

Dann die zweite Einheit. Ich durfte mich hinlegen und er mobilisierte erneut meine linke Schulter. Aber jetzt!!! Aus heiterem Himmel war er die Freundlichkeit in Person, plauderte mit mir über sein Leben, über mein Leben, duzte mich plötzlich wieder!!!
Bipolar? Borderliner?

Mal im Ernst… In der ersten halben Stunde kam ich mir vor wie in einer Wiederholung vom letzten Jahr! Sozusagen dasselbe in Grün… Oder eben Männlich!

Mein ehemaliger Tischkollege von der ersten Reha… Er ist mir nicht geheuer! Wie er mich ständig ansieht, mich „seine Freundin“ nennt, sich morgens nach meinem Beziehungsstatus erkundigte…

Nachmittags kam Sebastian, es war schön. Zum ersten Mal habe ich die Innenstadt von Bad Radkersburg gesehen. So schön altertümlich. Und er hat mir Vogelfutter mitgebracht, welches wir gleich auf dem Rückweg zur Reha ausprobierten. Die Krähen waren begeistert.

Als Sebastian im beginnenden Dunkel des Abends ging, sah ich ihm hinterher. Sah seine mittlerweile lang gewordenen Haare, seinen Lockenkopf… Und sah ihn sterben.

Die Schwester vom letzten Mal, die mich frühmorgens bei Beendigung ihres Nachdienstes dermaßen angepflaumt hatte (von wegen „In der Eiseskälte hier liegen, aber dann Fieber haben wollen!!“), zeigte sich gerade eben ganz emotional und vor allem zugänglich: „Ich hatte mich einfach nur so erschrocken über die Eiseskälte…“.

Ich moniere etwas, wenn ich mich ungerecht behandelt fühle, bekomme in kürzester Zeit die kritisierte Person in einem ganz anderen Licht serviert, um mich dermaßen schlecht fühlen zu müssen, weil ich sie sterben sehe… WAS FÜR EIN KRANKER SCHEISS!!!

Und nun, zum krönenden Abschluss, weil ich Sebastian gegenüber die Parallelen im Buch „Das Inzesttagebuch“ kurz erläutert hatte, dass es eben bei mir genauso sei, was die Probleme mit der eigenen Mutter beträfen…

Da schreibt mir meine Eigene doch tatsächlich eine Mail! Warum tut sie das? Warum???
Warum kann ich sie nicht ertragen??? Liegt es TATSÄCHLICH daran, dass ALLES lediglich eine Verschiebung ist??? Ich ALLES auf sie projeziere, und sie KANN SCHLICHT UND ERGREIFEND REIN GAR NICHTS DAFÜR UND WIRD VON MIR UNSCHULDIG ZUM TÄTER GEMACHT???? ODER ZUM MITTÄTER???? DER DIE AUGEN ZUGEMACHT HAT????

14. Februar 2019, Donnerstag „Jetzt geht’s los…“

9:04
Morgens recht früh aus dem Bett gerissen worden; Blutabnahme stand auf dem Programm. Ich fragte mich bereits, wieso dies nötig sei; die Befunde vom Krankenhaus sind doch noch „warm“.
Mir bleibt vielleicht noch eine Dreiviertelstunde, dann müsste ich mich auf den Weg machen, der erste „Kurs“ steht an…

Mein Rücken bringt mich um. Die Kopfschmerzen bringen mich um. Und irgendwann heute Nacht hatte ich wieder einen Dissoziativen. Da war keine Uhr, um mich nun fragen zu müssen, ob ich das alles nur geträumt habe. Ich träumte davon, dass mein Zimmer hier im Gasthaus war, in meinem Kinderzimmer, und permanent rüttelte jemand an der Türklinke (die Schwestern kamen häufiger rein um mir beim Umlagern zu helfen), mitten in der Nacht, ich erschrak jedes Mal fürchterlich und konnte im Traum nicht wieder einschlafen. Soweit ich mich erinnere, habe ich meiner Mutter dafür Vorwürfe gemacht, und Missbrauch kam auch in irgendeiner Form vor…

Eigentlich macht das Diktieren hier überhaupt keinen Sinn! Sebastian wird ja nicht fertig mir von den Vorzügen dieses Notebooks vorzuschwärmen, weil dieses doch ACH so teuer war, nicht zu vergessen ACH so leistungsstark! Davon bemerke ich gerade nichts…

Gestern… Die ersten Worte meines Taxifahrers, als er den Rollstuhl suchte, und ich ihm mitteilen durfte, dieser würde erst nachmittags von Sebastian hinterher gebracht werden, und ihm sichtlich ein Stein vom Herzen fiel (wie ich vorausgesagt hatte): „Gott sei Dank! Ich hatte heute Nacht schon Albträume!“.
Es ist schön irgendwo hinzukommen und man kennt sich bereits, wird freundlich begrüßt. Nichtsdestotrotz fühlte ich mich spätestens abends wie der einzige Mensch auf diesem Planeten. Abgeschnitten dank diverser Derealisationen. Aber so ist es oft, je mehr Menschen mich umgeben.

Was es vielleicht noch festzuhalten gilt… Wie viele Deutsche hier arbeiten! Arbeitsflüchtlinge? Vor allem Ossis.
Highlight war definitiv die pflegerische Aufnahme durch eine Schwester: Sie saß mir in meinem Zimmer gegenüber, sah in ihre Akte, hatte bereits einige Fragen abgeklärt, sah mich an, wieder aufs Papier, und dann ziemlich unbeholfen: „Und… Und wie geht es Ihnen… Ihnen eigentlich mit ihrer… Mit der Schizophrenie?“.
„Bitte… Was?“, und riss die Augen ganz weit auf. DAS ist ja mal was ganz Neues! Aber, man muss fast sagen, schon beinah etwas Erfrischendes nach all den Jahren „Borderline-Stempel“…

Genau! Davon hatte ich auch geträumt! Dass ich im Traum anfing mich selbst auseinanderzunehmen, jeden meiner Gedanken, jeden meiner Sätze, Bewegungen, immer unter der Fragestellung: Bin ich nicht DOCH Einer???!! Mit dem Endergebnis, manipulative Züge an mir wahrgenommen zu haben, und mir des Gegenteils nicht mehr sicher zu sein!!!

Das steht da aber nicht ernsthaft, oder?“.
„Doch…?“, zaghaft, sie las noch einmal genau den Satz: „Entschuldigung! Da steht, dass SCHIZOPHRENIE nicht vorhanden ist…“.
Das nenne ich mal eine Steilvorlage: „Und ich dachte schon, dass sie ernsthaft glauben, Siegmund Freud…“, und ich zeigte auf den Sessel rechts neben mir: „… würde nicht wirklich neben mir sitzen!“.

Warum dies in meiner Akte vermerkt war? Ob der erwähnten Stimmen in meinem Kopf. So erläuterte ich auch ihr gegenüber noch einmal den Unterschied zwischen einer Halluzination, die man von außen wahrnimmt, und verinnerlichten Stimmen und Personen.

Zweites Highlight die Aufnahme durch eine junge Ärztin. Sie hörte nicht wirklich zu, das konnte ich recht schnell nach nur wenigen Sätzen feststellen. Aber was sie mir dann sagte, überforderte mein Verständnis vollends! Welche der drei Sorten Hydal ich denn nun schlucken würde. „Je nach Bedarf? Wenn Sie auf die Retardtabletten anspielen, die habe ich natürlich, wie es empfohlen wird, bereits eingenommen, morgens und abends, und ich war ein Zombie, ein unbrauchbarer!“.
„Wenn Sie abends 1,3 nehmen, und die reichen nicht, dann sind sie falsch eingestellt und müssen 6 Stunden warten, bis sie die nächste Tablette nehmen dürfen.“.
Ich runzelte die Stirn und sah sie mit schiefgelegtem Kopf an: „Wieso das bitteschön? Das habe ich ja noch nie gehört.“.
„Das ist so! Steht genauso im Beipackzettel nachzulesen! Man kann nicht einfach die unterschiedlichen Tabletten mischen und durcheinander nehmen! Also wenn 1,3 nicht reicht, müssen sie nach 6 Stunden noch einmal 1,3 nehmen und beim nächsten Mal 2,6! Bis Sie eben richtig eingestellt sind, die Menge reicht, die Schmerzen damit zu ertragen sind, und genau DIE Menge nehmen Sie dann jeden Tag!“.

Ich fiel vom Glauben ab! Wie kann ich ein Präparat, das ohnehin so viel diskutiert ist wie Morphium, permanent in einer hohen Dosis einnehmen, weil ich eben an einem Abend von unzähligen stärkere Krämpfe hatte??? Wenn ich doch an den anderen 80 % Abenden weniger oder gar keine Krämpfe bekomme??? Dafür dieses Präparat abnutzen, zumal gerade von Morphinen bekannt ist, wie schnell sich der Körper daran gewöhnt??? Und mir dann jedes Mal gefallen lassen, ich sei ein Schmerzmitteljunkie??? Welchen Sinn hat das??? Dann hätte ich jetzt bereits eine Standarddosis erreicht von… Weiß der Teufel was??? Bei DEN Beugespasmen im Sommer???
Sebastian meinte, die ist vermutlich frisch von der Uni, Lehrmeinung. Da dachte ich doch, es ginge ihr wie gewohnt um die Kombination von Tramal und Hydal. Und, da sie mir wie schon erwähnt nicht richtig zuhörte, machte es überhaupt keinen Sinn, all die Ärzte aufzuzählen (darunter Universitätsprofessoren), die mir das so verschrieben, abgesegnet haben, damit mehr oder minder konform gehen, weil es mir hilft? Warum sollte man aus 1,3 mg nicht 2,6 machen können??? Zu 2,6 noch 1,3 dazu zu nehmen, wenn die Situation es erfordert???

Abends, als Sebastian fuhr, hatte ich ihn noch begleitet, Kamera und Stativ im Anschlag. Und tatsächlich, im Park Krähen in flagranti erwischt. Dann noch wunderschöne Sonnenuntergangsaufnahmen. Wenn ich also bei besserem Licht einfach im Park warte, kommen meine Seelenvögel, und ich bekomme bestes Material!

Da wird es bereits 9:40 Uhr. Die Blutabnahme ist ausgefallen. Der deutsche Arzt war ja noch selbstsicher, doch nach einem einzigen Stich und dem vorausgegangenen Suchen hatte ich ihn gebrochen… Dann genügte ihm, davon zu berichten, eine Notärztin eine halbe Stunde lang beschäftigt zu haben, ehe sie mir zwei intraossäre Zugänge hatte legen müssen (also mein Schienbein zweimal angebohrt hat), und erst recht meine Ansage, warum die Befunde von zuletzt nicht genügen. Es wurde herum gerannt, gesucht… Hatte sie mir am Vortag nicht zugehört? Nicht genau geschaut? War der Meinung, die Ergebnisse seien trotzdem zu alt? Als sie dann endlich gefunden waren, bei mir auf dem Tisch in dem Stapel Befunde, und er noch sah, dass sie vom 22. Januar stammten: „Das genügt doch total!! Was hier quälen!!!“…

(Mit einem verschmitzten Schmunzeln meinerseits) vorrangig sich selbst… 🙂

Angeblich habe ich 36,9 °C. Meine Hände sind völlig durch. Und so viel gegangen wie gestern bin ich schon lange nicht. Das muss ich lediglich aufrechterhalten, wenn die Zeiten es zulassen.

8. Februar 2019, Freitag „Keine Luft…“

10:30
Mir wie ein Verbrecher vorkommen, weil zum Zeitpunkt des Schreibens die Uhr noch auf 10:29 Uhr stand. Und selbst wenn spätestens beim Wort „Verbrecher“ diese auf 30 sprang, fühlt es sich falsch an. Scheiß Neurosen! Scheiß Zwänge! Scheiß Ticks!

59,9 Kilo um 8:30 Uhr. Warum esse ich zwei Scheiben Roggenbrot, wenn ich nach einer längst satt bin? Zeitgleich trudelt Arbeit vom Büro ein. Der Computer schnarrt laut. Penetrant, wie ein Zahnarztbohrer, der sich langsam in den Schädel frisst! So viele Dinge sind zu bedenken, umzudisponieren, zu organisieren. Abends teilte er mir mit, einen Termin vergessen zu haben, und mich am Mittwoch doch nicht zur Reha fahren zu können. Nun in der Kürze noch das Taxi zu bekommen scheint unmöglich. Warum ich mir an einem Montag den Termin in der Urologie geben hab lassen, bleibt ebenfalls ein Mysterium, und lässt sich höchstens damit erklären, in der Hoffnung gewesen zu sein, die Volkshilfe zu verpassen. Aber daran, dass er ja montags aktuell arbeitet, hat die dumme Kuh nicht gedacht! Als er mich aus dem Bett holte, und auch das ganze Frühstück über ging es mir noch einigermaßen gut. Im Bett, im eiskalten Schlafzimmer, habe ich diese „Atemprobleme“ scheinbar nicht. Aber kaum aufrecht, blockiert irgendetwas… Insofern der Verdacht, dass es mit Verspannungen und Abnutzungen im Bewegungsapparat zusammenhängt, nicht von der Hand zu weisen. Nur… DAS vermögen diese „Nebenschauplätze“ nicht: Gestern Mittag bis zum Abend bis zu 38,2 °C; aber nur am rechten Ohr, das nebenbei erwähnt auch ein wenig schmerzte!
Wieder war das Thermometer unfähig, meine Temperatur zu messen. Schlussendlich kam es vor dem Frühstück auf 36,4. Vertrage ich das warme Getränk nicht? Die Milch nicht? Peu à peu nahm das Hitzegefühl im Gesicht zu. Dann komme ich noch mit meinem Unverständnis daher, warum es heute SCHON WIEDER so dreckig ist, und schwinge den Staubsauger… Teilweise sogar ohne Rollator, was eigentlich ein sehr gutes Zeichen wäre. Aber jetzt bin ich im Arsch. Und gleich werde ich das Thermometer wieder zurate ziehen!

Die Flecken auf der Brille machen mich wahnsinnig. Die Neue ist schon wieder kaputt; dieses Gummiteil für den Nasenrücken ist verschollen. Rief gestern beim HNO-Arzt an, und mir wurde gesagt, er würde sich zurückmelden. Es wurde 19:45 Uhr? War sehr dankbar, dass er nach scheinbar so einem anstrengenden Tag (er hätte bis jetzt gearbeitet) noch die Muse hat, zum Telefon zu greifen. Berichtete ihm vom Ergebnis des Labors und dass ich das Gefühl nicht los werde, die Antibiotika umsonst einzuwerfen. Ließ aber auch nicht meine Rückenprobleme aus, noch die erneut erhöhte Temperatur aus heiterem Himmel. Dass es in meinem speziellen Fall wie so oft ein Rätsel mit gleich mehreren Lösungsansätzen wäre. Er gab mir einen guten Tipp: Ich solle unbedingt ein MRT meines Schädels machen lassen, um den Erfolg der Operation überprüfen und auch den Status meiner MS festhalten zu können, und dann solle ich mich an die Infektiologie in Graz wenden (die kümmern sich auch um Tropenkrankheiten, sah ich gestern auf der Seite, und bekam justament ein Dejavue: Wollte nicht Markus damals schon, dass ich mich dort melde?), anstatt wahllos irgendwelche, und ganz besonders die falschen Antibiotika einzunehmen. Jetzt bräuchte ich noch einen Arzt, der das alles mitmacht. Meine Neurologin? Da erwarte ich mir ehrlich gesagt gar nichts mehr… Tue ich ihr Unrecht? Doch die letzten Male wollte sie von einem Verlaufs-MRT nichts wissen: „Das sagt nichts aus… Wir wissen doch, wie es aussieht…“.

Meine Finger klimpern. Ich fühle Stress. Leichtes Herzrasen. Den Termin in der Urologie musste ich nun absagen; in der blauäugigen Hoffnung, dass das reibungslos bei der Reha erledigt werden wird. Auf meinem Tisch stapeln sich unzählige Zettel, der riesengroße Berg an Krankenakten und Buchhaltung immer noch nicht aufgearbeitet. Zwei Jahre schon nicht!!! „Also bei MIR gab es das nie!“.
Klimpern. Gerade wusste ich noch, was ich sagen will, doch dann habe ich die letzten Zeilen noch einmal zu Korrekturzwecken überflogen. Und nun ist es weg… Kann also auch nicht wichtig gewesen sein…

Ach ja! Der Schmerz erinnert mich an das Thema! Die Nacht ohne Heizdecke versucht; es lief gut. Dafür wieder „Frühlingsgefühle“… Oder schimpfe ich sie „Frühlingsallüren“? Krämpfe. Zumindest dezent, als müsse man sich erst wieder einstimmen, warm werden…!!! 3,3 mg Morphium. Und meinem Rücken ging es sogar noch sehr gut beim Frühstück. Beim Staubsaugen meckerte eine andere Stelle, aber auch nur muskulär. Doch kaum auf den beschissenen Rollstuhl gesetzt, geht es schon wieder los mit dieser Schmerzzange!!! Einerseits fühle ich mich schlecht. Ich muss doch noch Zähneputzen. Warum habe ich das noch nicht erledigt??!!! STRESS!!! Warum nicht versucht, gleich nach dem Frühstück spazieren zu gehen???!!! PANIK!!!! WARUM hocke ich wieder hier wie ein vor sich hin faulender Kartoffelsack????? Wir kennen das doch alle, oder nicht? SO FAUL, DASS ER ZUM HIMMEL STINKT!!!
Denn so sei eben auch nicht verschwiegen, auf irgendeine verwegene Art und Weise auch froh zu sein, dass es mir schlecht geht; denn dann habe ich ja die Legitimation mich auf meinen faulen Arsch zu pflanzen… Und ich spüre unsagbare Müdigkeit… Und ich bin froh, dass ich nun nicht laufen müsste, nicht spazieren, NICHT MALEN!!! Zugleich setzt mich wiederum die Arbeit im Posteingang unter Druck, obwohl ich ganz genau weiß, dass es scheißegal ist, wann ich diese erledige!!! Es fühlt sich an wie eine offene Wunde, die ich auf Teufel komm raus so schnell als möglich schließen muss!!! Unterdes interne Diskussionen darüber, ob ich mich zurückhalte; dann könnte ich während der Reha kurze Ärmel tragen… Oder, ob ich es nicht kann, nicht WILL…

Wie gestört muss ein einziges, bedeutungsloses Individuum sein???
Eigentlich wollte ich gestern abhauen. Aber das Warten auf den Rückruf des Arztes zwang mich dazu, zu Hause zu bleiben. Und jetzt sage ich einen Satz, für den ich mich selbst übers Knie legen müsste: „Um dann die Volkshilfe auszuhalten…“!!!

WAS BIST DU FÜR EIN UNDANKBARES MISTSTÜCK???!!!

Was bin ich für ein undankbares Miststück… Leichte Dissonanzen gleich eingangs, gewisse „Glaubenssätze“ betreffend… Von wegen „Impfgegner/-verweigerer“ oder „die Pharmaindustrie ist an allem schuld“… Und ich mahnte: „Ich hoffe, du bemerkst dabei schon, wie schmal da der Grad ist hin zu Verschwörungstheorien?“. Genauso gut hätte man mir mitteilen können, sich ebenfalls ein mit „heiligen Einhornschwingungen beseeltes Spray“ besorgt zu haben, das nun, „auch wissenschaftlich im Internet getestet und bewiesen“ Krebs heilt, amputierte Gliedmaßen wieder nachwachsen lässt, aus einer Oma einen Teenager macht!!! Eigentlich hatte ich überhaupt keinen Bock mehr auf Unterhaltung. Es wurde zu viel geredet, viel zu viel… Ich stopfte mir dann schon die Stöpsel in die Ohren, weil ich doch für mein Video Musik raussuchen musste… Aber in dieser Causa irgendjemandem den schwarzen Peter zuzuschieben, wäre wahrlich ungerecht. Ich habe doch mitgemacht! Ich habe nicht gesagt, ich will nicht reden! Mit keiner Silbe! Lediglich versteckten Signalen (siehe Kopfhörer)… Oder so Anmerkungen wie: „O. k., jetzt zum dritten Mal… Hatte ich das Lied schon oder nicht?…“, zu mir selbst, aber laut hörbar. […]

Robert ruft an; Taxi für Mittwoch organisiert. Da die Herrschaften alle „Rücken“ haben, will Sebastian mir meinen Rollstuhl nachmittags nachbringen…

Draußen kommt Sonne zum Vorschein, ich diktiere also diesen Satz von oben und plötzlich geht die Schlinge um meinen Hals schlagartig zu, erdrosselt mich… PANIK!!!

17:05
Davon überzeugt, nicht mehr atmen zu können…
Um die Mittagszeit herum ging es mir wieder schlechter; durch die Sonneneinstrahlung wurde es hier am Tisch aber auch sowas von unangenehm warm, also kein Wunder. Mit einem Apfel im Gepäck fuhr ich kurz nach draußen und stellte mich in die Sonne… Frühling…
Etwas abgekühlt sofort den Entschluss gefasst: JETZT muss ich spazieren gehen!!

Ein Zirkuspony lässt sich schneller herrichten als deine Alte…“. Was für ein Theater, bis ich startklar bin. Und nebst dem Umstand, nonstop gequatscht zu haben, hielt ich plötzlich meine Stimme wieder nicht aus, monierte an ihm herum, dass er dies oder jenes falsch oder nicht richtig oder gar nicht gemacht hätte, um dann zu dem Schluss zu kommen: „Im eigentlichen Sinne soll das nur heißen, dass ich mit MIR ein Problem habe…“. Außerdem hatte mich in den Minuten bis ich endlich vor der Tür stand schon wieder diese beschissene Mittagsschwäche gepackt. Ich marschierte los, kam bis zum Carport, da fielen mir mal einige Sachen runter, wie zum Beispiel mein Handy, war unfähig, es aufzuheben, und die Stoppuhr ließ sich nicht bedienen, ICH konnte sie nicht bedienen… Als mir die Kopfhörer ständig aus den Ohren rutschten, fing ich bereits an zu flennen. Doch das mit der Stoppuhr war das absolute Highlight! Hatte nicht er zuvor nach mehrmaligen Versuchen meinerseits nur einmal den Knopf betätigt und das Ding ging an?! Ich murmelte Flüche in meinen imaginären Bart und nun musste dieses beschissene Chinateil dran glauben… Hatte es in der einen Hand und hämmerte es mehrfach auf den Tisch, voller Zorn…

Um am Ende wimmernd in mich zusammenzubrechen… Meine Gedanken? Ich gehe jetzt noch ein paar Schritte ums Carport, damit man mich vom Eingang aus nicht sehen kann, ebenso nicht von der Straße unten, hole eine der Rasierklingen aus meiner neuen Bauchtasche und verpasse meinem Unterarm ein paar kräftige Seelenventile… Die dann von mir aus vor sich hin bluten sollen, in den schwarzen Ärmel hinein, ist mir doch alles scheißegal!!!…

Aber nein. Ich ging weiter. Die Einfahrt runter, die Straße hoch und anschließend den ganzen Weg wieder zurück. 55 Minuten. Vom Gehen ist nun die Schulter wieder dermaßen verspannt, als hätte man meinen Körper in eine Schraubzwinge gesteckt! Bei dem Gedanken daran, mich noch auf die Sitzung um 19:00 Uhr vorzubereiten, vorbereiten zu müssen oder zu wollen, bekomme ich Panik. Dazu draußen Abendhimmel; zum Glück nicht so farbintensiv wie sonst. Eine volle Dosis Tramal, gegen die Schmerzen. Und im Hinterkopf mit den Rasierklingen noch nicht fertig. Oder mit der Überlegung, zum Temesta zu greifen…

5. Februar 2019, Dienstag

11:25
Verunglückt. Mehr oder minder verunglückte gestern so einiges. Oder alles.
Da erst fällt mein Blick auf den Befund vom Krankenhaus zuletzt, der vor mir auf dem Tisch liegt… Steht da doch tatsächlich IMMER noch Borderline??? Na bitte, da wird mir doch gleich „ganz warm ums Herz“ und ich könnte mir den Strom für die Heizdecke sparen!!! WANN KOMMT DAS IN DEN KÖPFEN ALLER ÄRZTE ENDLICH AN??!!! SVV IST EBEN NICHT GLEICH BORDERLINE!!! VERDAMMTE SCHEISSE!…
Nebst erneut diesem Unfug von „multiplen Suizidversuche“…

Zu gestern. Ich wollte ihm mittags entgegengehen. Aber als ich mich endlich um 11:00 Uhr erhob, schien ich bereits zu lange gesessen zu haben. War steif. Spastik vom feinsten. Im Badezimmer angekommen, wurde es noch mit massiver Schwäche versüßt. Ich nannte es dann „Schlag-Lähmung“. Der sogenannte „Mittagsklassiker“. Das Zähneputzen eine Kunst. Erst recht dabei zu stehen. Und anschließend nach dem Toilettengang meine Hose wieder hochzuziehen…

Du fettes Stück Scheiße!!! Du bist eine Fettkugel!!!

Ich fuhr mit dem Rollstuhl nach draußen und stand dort im Sonnenschein mindestens 20 Minuten. Das Hitzegefühl in meinem Schädel nahm ab; messbar war es doch ohnehin wieder nicht. Vielleicht war auch die Sonne zu stark, ZU warm, als ich noch am Tisch saß. Es gab Tassensuppe aus der Tüte, und als er wieder zur Arbeit fuhr, streifte ich mir meine dicken Wollstulpen über die langen Ärmel meines Hemdes, die Kopfhörer in den Ohren, meine Laufmusik auf Anschlag, ein letzter Blick in den Spiegel: „Na bitte? JETZT scheine ich ja meinen Stil gefunden zu haben! Ich bin MINDESTENS die coolste Rollatorfahrerin des ganzen Südburgenlandes!“. Um mich auf den Weg zu machen. Im Sonnenschein war es frühlingshaft, schlichtweg traumhaft. Man vermisste keine Jacke. Und meine mir so wohl vertrauten Klänge donnerten in meinen Schädel hinein, und ich fühlte mich wie damals, vor nun neun Jahren; am liebsten hätte ich laut mitgesungen, beließ es aber wie schon damals beim Laufen bei tonlosem Mitsprechen. Ich war arschlangsam, aber hatte Spaß, war guter Dinge, gut gelaunt. Erste Frühlingsgefühle eben, wie jedes Jahr. Je näher ich der Straße kam, desto stacksiger mein Gangbild. Steifer, noch steifer, bewegter Stillstand. Am Haus der Nachbarin vorbei machte ich eine Pause. Hatte mir eine Karamellwaffe zur Belohnung mitgenommen. Dann Kehrtwende, zurück. Mich allein von der Präsenz des Hauses beobachtet gefühlt; langsamer und noch langsamer. Aber dann, oh Wunder, kaum die Hälfte unserer Einfahrt geschafft, konnte ich „wieder gehen“. Also ohne Unterbrechung nach jedem einzelnen Schritt. Dann eben nur noch nach jedem Dritten oder Vierten.
52 Minuten hatte ich geschafft. Aber nun war ich platt und wollte nur noch in den Rollstuhl und wieder raus, fliehen, ehe die Volkshilfe kommt. Insofern gut, dass genau dann Daniela kam und mir in meinen neuen Rollstuhlsack helfen konnte. Genauso wie in die Jacke. Sie packte mich sozusagen warm ein, füllte mir noch die Wärmeflasche voll, diese auf den Schoß gelegt und ich fuhr los. Immer noch guter Dinge. Obwohl der beschissene Rollstuhl bereits am unteren Ende unserer Ausfahrt stehend wegrutschte. Die Jacke blieb nicht zugeknöpft; Sebastian hatte mir seine hingelegt, weil sie schön groß und kuschelig warm ist. Hatte den Nachteil, die Ärmel viel zu lang; kämpfte ich doch schon permanent mit den Stulpen, um meine Hände zu befreien. Oben am Hügelkamm war der Wind bissig, und die Sonne hatte sich natürlich wieder hinter Wolken versteckt. So richtig problematisch wurde es dann beim „Abgang“. Im Wald, bergab. Sehr vertrauensvoll: Ging ich sozusagen vom Gas, also wenn die Motorbremswirkung einsetzte, rutschte mir mein fahrbarer Untersatz regelrecht unterm Hintern weg, mehrere Meter unkontrolliert über den Asphalt. Da gab es sowieso nur zwei Optionen: Entweder links in den Straßengraben oder rechts steil den Hang hinunter. Mein Körper versteifte sich immer mehr vor Anspannung. Endergebnis? Im bekloppten Sack, dazu in den riesigen Stiefeln, angetrieben von der durch Kälte und erwähnter Anspannung ausgelösten Spastik, Streckspastik wohl gemerkt, rutschten meine Füße von den Fußstützen, die auch immer wunderbar eine riesengroße Lücke zwischen sich gewähren, in die man „abgleiten“ kann. Diesen neuen Sack also zum zweiten Mal für eine Ausfahrt genutzt und zum zweiten Mal kam es zum selben Fiasko! Meine Fußsohlen, der nagelneue Sack, schliff auf dem Asphalt. Noch dazu der steilste Teil der Straße noch vor mir. Unfähig, meine Beine abzubiegen. Anzuwinkeln. Wieder auf die Stützen zu zerren. Unter Rollstuhl ließ sich überhaupt nicht mehr kontrollieren, rutschte nur noch ab. Versuchte sogar noch, ihn einmal zu wenden; in der Hoffnung, wenn die Beine oben sind, also höher als der Körper, würde es mir vielleicht leichter gelingen, ihrer Herr zu werden. Pustekuchen! Und nach minutenlangem Kampf musste ich Sebastian anrufen. Ihn von der Arbeit wegholen, schon wieder. Was für ein Theater, mich erst mal aus dem Sack auszubauen…

Und ich war sauer! Sauer auf den Orthopädiefachmann, auf die ganze Firma! Weil sie den Rollstuhl eben nicht vor einem Jahr während der Reha in Ordnung gebracht haben! Weil er nicht wie abgemacht sich im März gemeldet hat! Weil kein Schwein auf meine unzähligen Mails reagiert hat! Weil der Rollstuhl eigentlich schon vor eineinhalb Jahren einmal generalüberholt werden hätte sollen!!!

Aber nein! Ich trage ganz allein die Schuld! Denn WARUM habe ich nicht mit mehr Vehemenz auf mein Recht gepocht? Warum habe ich nicht ein einziges Mal zum Telefonhörer gegriffen und immer nur dezent und vorsichtig per E-Mail mein Problem kundgetan? Da muss man doch telefonisch hinter sein… Blablabla!

Meine Schulter brachte mich bis zum Abend hin um. Auch brach ich die Sitzung nach 1 Stunde ab. Empfand Markus als… Wortkarg? Nicht bei der Sache? Und ich wusste doch auch nicht mehr, was ich sagen sollte. Dazu die Kopfschmerzen…
Es gab gleich im Anschluss Abendessen, und danach war ich fix und fertig. Na zumindest 37,6 °C… Damit man nicht wieder sagen kann, ich würde mir das Hitzegefühl in meinem Schädel und die damit einhergehende MS-Schwäche nur einbilden! Musste mich hinlegen, um mir alte Videos von mir selbst anzusehen
. Mir TATSÄCHLICH die Frage erlaubend, „dass ich doch gar nicht so schlimm bin“… ODER?

Als ich nämlich vom Spazieren zurück gekommen war, keinerlei Körperaufrichtung mehr, zusammengefallen zu einen unförmigen Kartoffelsack (womit ich es gerne Vergleiche), wieder konfrontiert mit meinem Spiegelbild, meinem „Seitenprofil“, und es war Rumpelstilzchen, der mir da entgegen brüllte…

SCHAU DICH DOCH AN, DU FETTE MASTSAU!!!
DU und COOL??!!!
DU BIST EINE EINZIGE LACHNUMMER, WENN MAN NICHT GLEICH BRECHEN MUSS BEI DEINEM ANBLICK!!!

Hatte ich mich nicht gerade eben erst noch freundschaftlich mit meinem Körper, mit meinen Beinen unterhalten? Mich erkundet, warum sie jetzt steif werden, was ihnen über die Leber gelaufen sei, ihnen sogar noch gut zugeredet…?!
Ab dann ging irgendwie schon wieder alles schief… „Selffullfing Prophecy“… Hausfrauenpsychologie…

Augenblicklich befinde ich mich nämlich wieder in besagter Pattsituation. Zu diesem Zweck lasse ich Sebastian immer seinen Handrücken auf Stirn und Wangen legen: „Hab ich recht? Das fühlt sich doch heiß an, oder?“, worin er mich auch bestätigen kann, während die Temperatur, gemessen vom neuen Thermometer, grundsätzlich auf etwa 37,2 °C beharrt.
Sebastian selbst fühlt sich heute miserabel. Oder, wie er es gerade noch einmal nannte, „moll“. Tee wird gekocht und ausgeteilt.
Die Verspannung im Kreuz fühlt sich beinahe so an wie etwas „Organisches“. Es kann ja alles von allem Möglichen kommen… Das Gefühl, dass die Nase zu ist, von den Verspannungen. Die Schwäche von der vermeintlichen Hitze. Oder doch alles von diesem Bakterium? Der Spaziergang zu anstrengend? Der Wind zu kalt? Oder jedes einzeln für sich von Bewandtnis? Mein Schädel raucht…

15:05
Soeben in meinen „Hausapotheken-Annalen“ gewühlt. Bei den meisten Sachen weiß ich nicht mehr, wogegen ich sie verschrieben bekommen habe. Seractil finde ich definitiv keines. Also wird es Deflamat. Die ganzen Psychopharmaka, die an mir ausgetestet wurden… Unglaublich, was ich schon alles mit mir machen habe lassen. Andererseits… Die nächste Überdosis kann kommen, ich bin gewappnet!

Der Himmel bricht auf, längs entstehen helle Lichtstreifen in Weiß. Schöner Himmel. Jetzt müsste ich oben am Hügel sein. Oder unten in der Ebene, da sieht der Himmel noch bombastischer aus, man kann noch weiter kucken.

Vielleicht sollte ich mir Musik anmachen, dann höre ich mit der idiotisch anmutenden Bewegung meines linken Armes nicht jedes Mal nach wenigen Wiederholungen auf. Meine rechte Hand ist gelähmt. In der Tat fühle ich mich nun wacher und nicht mehr so „ans Kreuz genagelt“ wie zuvor, ABER… Immer noch sehr schlecht auf den Beinen. Beim Zähneputzen war es unmöglich, frei zu stehen. Eigentlich musste ich mich regelrecht wieder einmal ans Waschbecken klammern; einer meiner Lieblingssätze.
Alles, was ich geschafft habe, war, noch eine Inkontinenzunterlage für den Rollstuhl bei Amazon rauszusuchen. Da er mir ja nicht gewünscht zwei bestellt hatte, sondern lediglich eine Schwarze. Und ein Tischstativ. Was ist das jedes Mal für eine unendliche Suche… Und davor ein Foto, das bereits ins Video eingebaut wurde, dank Photoshop bearbeitet. Es kommt noch mehr Bewegung in die Animation. Also ein bisschen mehr…
Meine Stimme kracht erneut in sich zusammen. Wenn ich erst einmal anfange, werde ich mit Räuspern nicht fertig! Also wie kann es sein, dass der Facharzt NICHTS gesehen haben will? Und nun schmerzt auch noch eine andere Stelle am Rücken, der Schmerzpunkt weitet sich aus. Wie eine Krake, mit ihren unzähligen Tentakeln, grabscht sich der Schmerz alles, was in Reichweite ist.

16:55
Ja! Ich habe Schiss davor, ein Druckgeschwür zu bekommen! Weil mir auch noch niemand sagen konnte, dass es sich um was anderes handelt!
Die Fersen (eine scheinbar prädestinierte Stelle für einen Dekubitus) schmerzen dann auch noch den ganzen Tag über, und es sei ja auch nur nebenbei erwähnt, bereits ohne zu langen Druck in der Nacht auf ein und dieselbe Stelle so oder so massivste Durchblutungsstörungen zu haben, erst recht in Händen und Füßen! Und das am Hintern, das ist auch jenseits von Ischias und Co.! Mit diesem Schmerzfiasko wieder mal mehr oder minder alleingelassen werden… So kommt es mir zumindest vor. Oder selber schuld, wie immer… Müsste ich wieder zu 1000 Ärzten rennen? Am besten privat, um auch noch ordentlich Geld zu verplempern???

Vom Deflamat nichts gespürt. Auch meine „Hampelmannaktion“ vergebene Liebesmüh‘. Draußen bricht der Himmel wieder auf und ein paar Abendfarben zeichnen sich dezent an den zerrissenen Wolkenrändern ab. Worüber ich nachgedacht habe, ehe ich wieder auf den Rollstuhl ging? Durchaus inspiriert von den vorher erst entdeckten Psychopharmaka? Erst recht den unzähligen Packungen Gewacalm? Mir jetzt Temesta reinzuschmeißen… Ich belasse es bei 2 mg Morphium… „Belassen“…
Ich lach mich tot!!

Aber „es funktioniert nicht“!

2 mg deswegen, weil die Retardfassung immer noch die bessere Wahl wäre, anstatt gleich 2,6 vom „Turbomorphium“ zu schlucken! Und 1,3 waren keine mehr da, also keine mehr in meiner blauen Blechdose…

51356424_10218184357059951_3514687406081048576_n

19:12
Mein Tee steht jetzt schon seit 16:00 Uhr. War es zuvor der Satz über den Abendhimmel? Oder doch das flüchtige Öffnen von Facebook, und die Nachricht unserer Nachbarin zu sehen? Was mich gleich wieder in meinen Schuldgefühlen absaufen hat lassen? Weil ich eben nicht fähig bin, mich „zu binden“, „verbindlich“ in Kontakt zu treten? Weil ich mir jetzt schon Kopfzerbrechen leiste, darüber, in zwei Monaten wieder am Haus vorbei zu fahren und mit ihr ein Gespräch anzufangen, oder sie fängt es mit mir an, da ich ja grundsätzlich den Kopf einziehe und zusehe, so schnell es möglich davon zu kommen, weil ich eben NICHTS und NIEMANDEN sehen will? Außer vielleicht Ute und Achim; da ist es nicht so schlimm. Oder völlig Fremde…
Und das Gespräch dauert und dauert und ich unfähig, noch nicht einmal freundlich zu sagen, dass ich weiter will? Weiter muss? Dass die Panik mich schon wieder auffrisst? Geschweige denn von einer UNFREUNDLICHEN Absage??!!!

Entweder das oder weil es Abend wurde… Plötzlich die nächste heftige Panikattacke; gefühlt kurz davor, sich dahingehend auszuwaschen wie zuletzt. Ich musste während meiner viel zu akribischen und perfektionistischen Schrauberei an erneut einer nur Sekunden dauernden Animation, in die ich aber dann so viel Physik und Detailliebe hineinlege, dass man es fast UNGESUND nennen muss, eine BELANGLOSE Dokumentation im Hintergrund anmachen! Irgendetwas, das ablenkt!
Aber es kam noch besser! Da meine Standardfloskeln in mich hinein keinen Effekt hatten, auch nicht mir jetzt bewusst vorzunehmen, noch geschäftiger und noch beschäftigter am Video zu arbeiten, kam ich unverhofft zum Handkuss: In der Doku ging es um eine Frau, die als Pflegemutter in einem Pflegeheim zu arbeiten beginnt. Mir fällt das Wort gerade nicht ein, wie so oft. Und da war ein kleines blondes Mädchen. Es war trotzig und weinte bitterlich. Ich sah mir die Kleine an, ganz genau, und sagte zu mir selbst, zu allem in mir, was dagegen Protest anmeldete: „Schau dir dieses Kind an!!! DIE soll dreckig sein??! DU warst genau so!!!…“; das Kinn begann zu zittern, die Augen wurden ganz heiß. Obwohl sich in mir Widerstand regte…

Das kleine Miststück?? Schau doch, wie aufsässig sie ist!!! Wenn sie erwachsen ist und diese Aufnahmen sieht, wird sie sich dafür in Grund und Boden schämen!!!
Und DU warst noch viel schlimmer!!! Deine armen Eltern, was die sich von dir gefallen lassen mussten, du dreckige Schlampe!!!

Aber ich hielt am Bild fest… Wieder eine Affirmation: „Das ist nur ein Kind! NUR ein Kind! DU warst NUR ein Kind!!!“…

Jetzt aber…

DU FÄLLST NUR AUF DAS SCHEISS KINDCHENSCHEMA REIN!!!

Halt die Klappe!!!

Meine Hand wurde immer gelähmter; kein Wunder, wenn sie seit Stunden auf der Maus liegt, der Zeigefinger nonstop gestreckt und in Aktion…

Was für eine dumme Ausrede!!!
Alles ist vorbei!!! Das Bild kannst du dir in die Haare schmieren, und zeichnen wirst du auch bald nicht mehr können, du wirst NICHTS mehr können, du VERFLUCHTER KRÜPPEL!!!

Ich war im Badezimmer, zuvor erst. Um wieder alle meine Brillen zu waschen. Ich hielt die Alte nicht mehr aus, drückte am rechten Ohr. Die ist doch noch aus Kindertagen, Hauptschule. Obwohl ich von damals bis jetzt nicht sonderlich an Größe zugelegt habe…

Deine Hackfresse ist fetter geworden!!!

Die neue Fassung aber erst recht beschmutzt. Auch machte ich eine Nasendusche und bekam eine Vorschau auf das, was nun beinahe zwangsläufig folgen muss (früher oder später): Ich werde mich irgendwo festhalten, die Hand wird ausrutschen, oder loslassen, weil sie zu Faust wird, ich werde umkippen und mir den Arm brechen…
Mit eiskaltem Wasser konfrontierte ich meine glühende Visage… Meine Lippen knallrot, auch die Hände ins kalte Nass gehalten. Alles vergebens, mein Kopf blüht schon wieder, die Haut wird dementsprechend in Windeseile ebenfalls wieder total fettig sein.
Ich dachte an die Videos von gestern. Ja, da war schon Wehmut, ob der verlorenen Jahre. Aber nun ging ich noch weiter, ging (schleppte mich) nach draußen vor den hellen Fichtenholzrahmen im Flur, um hineinzuschauen und mit meinem Spiegelbild zu sprechen. Oder sprach das Spiegelbild mit mir? „SO schlimm bist du doch gar nicht, ODER?“.
Also kein Wunder, ob Rumpelstilzchens Präsenz augenblicklich…

3. Februar 2019, Sonntag „Frühlingsgefühle…“

14:21
59,8 Kilo irgendwann um 10:00 Uhr. Oder 9:45 Uhr. Oder weiß der Teufel was. Ja, böse, böse… Es gab Salat zum Abendessen. Und den ganzen Naschkram sollte ich auch nicht verschweigen. Und die scharfen Asianudeln zu Mittag. Und den Milchreis, kurz vor dem Abendessen. Und, und, und…

Du fette Sau!!!

Es war so warm, so verdammt warm. Morgens schien die Sonne freundlich auf unser Hügelland herab. Jetzt sieht es nach Regen aus, nur regnet es nicht.

Ich bin so dumm, so saudumm. In meinem Übereifer habe ich wohl die ganzen Aufnahmen von der Speicherkarte gelöscht…

Aber ich war ja gerade noch beim Wetter. Abends verschlechterte sich mein „Zustand“. Auf die Idee, dass mir von den Antibiotika schlecht werden könnte, kam ich auch erst mit Verzögerung. Um „beinah aus Schaden“ klug zu werden. Konnte nicht weiter arbeiten, musste mich auf meinen Angebersessel legen. Massive Schmerzen in der Schulter, ganz zu schweigen von der plötzlich über mich kommenden Panik. Das Leben ergab wie so oft keinen Sinn mehr, es war nicht mehr als ein Warten auf den Tod, vorrangig auf jenen der anderen. Da half kein Beschwichtigen, kein „Inneres Kind, dir passiert nichts! Du bist nicht mehr in der Situation von damals! Ich passe auf dich auf!“. WIE soll dieses imaginäre Kind auch Vertrauen zu mir aufbauen? Wenn ich es doch hasse, ablehne, verachte?! Außerdem war ich unfähig, die Panik von mir zu schieben, zu separieren. Ich sah nur meine Situation, in der ich völlig ausgeliefert und hilflos bin, in der ich nicht mehr als ein kleines schutzloses Kind darstelle, und mit seinem SEIN alles steht und fällt. Aber ich darf ja nicht sagen, Angst um mich selbst gehabt zu haben. Und so fühlte es sich an, als ginge es nur um ihn. Um alle anderen.

Als er dann von oben runter kam, um mich zu fragen, was er denn nun noch einkaufen solle, bat ich ihn: „Bitte, halt mich kurz fest, GANZ FEST!!!“, um unverwandt in Tränen auszubrechen, und ich entschuldigte mich für alles, entschuldigte mich für mein Dasein. Usw. und so fort… In der Überzeugung gefangen, das würde NIE WIEDER AUFHÖREN, ich müsse mich UNVERZÜGLICH UMBRINGEN; und so dachte ich schon, wenn er nun einen Unfall hätte, wenn die Polizei mich anruft, würde ich sofort alle Tabletten schlucken, irgendwie in die Badewanne kriechen, Wasser einlassen und hoffentlich noch rechtzeitig absaufen, ehe der Rest der Familie angetrabt käme, aus Sorge um mich.

Stunden, qualvolle Stunden. War ich doch zuvor noch so müde, als ich den Rollstuhl verlassen hatte. Aber mit diesem Kopfkino war Dösen unmöglich!
Zum Glück kam die Müdigkeit dann nach dem Essen, ich ging früher ins Bett, um 22:00 Uhr, um wieder bis 23:00 Uhr zu lesen. Und um mir natürlich noch eine Karamellwaffe in den gierigen Mund mit den faulenden Zähnen zu stopfen…

Weiß nicht mehr genau, wann ich wach wurde. Der Schmerz in der Schulter pulsierte, heftiger und noch heftiger. Und, nun komme ich zu den „fragwürdigen Frühlingsgefühlen“, Krämpfe in den Beinen. Erst das Linke, gefolgt vom Rechten. Niemand hat behauptet, dass „Gefühle“ nicht auch Schmerzen sein können! Vermochte nicht, mich umzudrehen, meine Position zu ändern. „Den Schmerz wegatmen!“… Bei Geburtsvorgängen ist doch ständig die Rede davon, oder nicht? Aber die Missempfindung im Rücken vollzog denselben Wellengang wie die Spasmen. Nur zeitversetzt. Damit sich bloß keine Atempause ausgeht! Stunde um Stunde. Ich sah bereits den Rest des Jahres deutlich vor mir, die Nächte bis zum nächsten Winter, die Tortur, die mir nun allein schon bei der Reha in den viel zu überheizten Zimmern bevorsteht…

Es war wohl irgendwann zwischen 6 und 7:00 Uhr. Erst da kam ich auf die Idee, ein Schmerzmittel zu schlucken. Klar, die 2,6 mg Hydal waren griffbereit. Aber JETZT schon wieder mit der höheren Dosis anfangen? Ich hatte doch 1,3 mg intus…
Ich nahm die Novalgin-Tropfen. Und wie gewohnt wollte auch diese Vorrichtung nicht tropfen. Solange kann ich das dumme Ding nicht hochhalten! Also saugte ich wie gewohnt mehrmals daran, um mir sicherlich mindestens 40 Tropfen angedeihen zu lassen. Ohnehin längst vergessen, was im Beipackzettel stand, zwecks Dosierung. Minuten dauerte es, ehe ich mich erst auf den Rücken und dann dezent auf die rechte Seite gedreht bekam, um meinen Arm unter seine Decke zu schieben: „Kannst du mal anziehen?“. Mein „Gestrampel“ hatte ihn ohnehin immer wieder aufgeweckt.

Am liebsten wäre ich ja aufgestanden, um 6:30 Uhr. Aber so war mir wenigstens noch ein bisschen Schlaf vergönnt.

Nach dem Frühstück, den Polen-Porsche hinten in den Kofferraum, beide Kameras im Gepäck, ab nach Dietersdorf. Der Graureiher war viel zu weit weg. Die Mäusebussarde hoben unverzüglich ab, sobald man mit dem Auto hielt. Und dann ein Spaziergang, 40 Minuten. Gut oder nicht gut?
Vielleicht hätte ich irgendwas von dem ganzen Material verwerten können. Aber… Die dumme Nuss hat es ja gelöscht.

Wohl alsbald wieder zum Novalgin greifen. Dieses Mal kam ich wenigstens in den seltenen Genuss, eine Wirkung davon zu verspüren. Wenn ich nicht ständig darüber grübeln müsste, dass Schmerzmittel die Ursache nicht beheben. Ohnehin wieder Kopfschmerzen; alles verspannt, eingerostet… Reif für die Holzkiste!

Und was ist mit heute Abend? Wird mich die Panik wieder überrumpeln? Meine Überzeugungen unter sich begraben?

2. Februar 2019, Samstag „Achterbahn…“

10:33
„Voll in die Fresse!“. 59,7 Kilo um 9:15 Uhr. Und das, obwohl ich…
Faule Ausrede, von „reduzierter Nahrungsaufnahme“ zu sprechen. Was ist mit dem ganzen Süßkram? Dem süßen Gebäck?! Dem ganzen Zucker, den ich noch extra auf den Milchreis abends gekippt habe??!!
Aber das sollte nicht Thema sein, mir läuft die Zeit davon…
Gestern Nacht, Sebastian hatte Besuch und war lange oben, mir diese Dokureihe auf Netflix gegönnt, über den Missbrauch der katholischen Kirche in Spanien. Und einer der Opfer sagte einen entscheidenden Satz, der sich mir regelrecht in die Seele brannte: „Man wird eines großen Teils seines Lebens, der schön hätte sein können, beraubt!“. Kontaminiert von Ängsten, Selbstzweifeln, Selbsthass, Selbstzerstörung usw. und so fort. Es tat weh, einen Blick zurück zu werfen, auf die letzten 20 Jahre, und was vermeintlich ICH daraus gemacht habe.

Da gilt es gleich einen Schwenk zur Therapie zu machen. Ich schluckte keine Beruhigungstablette, aber äußerte beinahe wie ein verschrecktes Kind abschließend doch noch, dass ich Panik vor der Sitzung gehabt hätte. Sie wollte wissen, wieso. Ob es mir immer noch darum ginge, dass jemand „ins Haus kommt und sozusagen in mich eindringt“. Ich druckste immer noch herum, aber sie konnte zwischen den Zeilen lesen: „Glaubst du etwa, du müsstest mir etwas liefern? Überhaupt nicht! Und wenn ich schweige, dann nur, weil ich aufmerksam zuhöre und auch fasziniert bin, wie sich das alles bei dir entwickelt, wie du große Schritte machst!“. (Wie immer), so oder so ähnlich. Äußerte auch, dass ich immer wieder das Gefühl hätte, SIE überzeugen zu müssen, damit SIE mir glaubt usw. und so fort.
Also hatte die Sitzung ein sehr gutes Ende. Zumal ich sie nach eigenen Erfahrungen mit anderen Klienten fragte und sie mir bestätigen konnte, dass „ich ganz klassisch in diese Gruppe passe“. Dementsprechend die nächste Sitzung gleich für nächste Woche anberaumt…

Unglücklich ausgedrückt; aber ich habe dermaßen Kopfschmerzen, das Headset zerquetscht die letzten Reste Hirn, und zugleich ist alles ganz wattig. Bin wach und schlafe doch noch. Die Lippe aufgerissen, nachts dann im Bett wieder Nasenbluten. Die Schulter wieder ordentlich verspannt, konnte nicht einschlafen, Licht an, Licht aus, Buch zur Hand, Buch weglegen. Überschneidung jagt Überschneidung. Und ich hielt den Heizstrahler nicht aus, hatte Krämpfe… Es müsste also dementsprechend wärmer geworden sein, um von Sebastian morgens gesagt zu bekommen, es hätte bereits 8 °C.

Nun gut, ich habe meine Tage. Gereicht als Erklärung? Alles um mich rum ist Saustall! Heilloses Chaos! Messiehaushalt! Es macht mich KRANK! Wie die verschmierte Brille! Die das Gefühl verstärkt, ICH sei mit FETT überzogen, meine Haut, mein Gesicht, und die Finger sowieso noch voll mit Butter vom Frühstück, weil ich ja mit ganzem Körpereinsatz „fresse“! Dazu der Kabelsalat vor mir, neben mir, unter meinem Tisch. Und immer noch die Leinwand, mit den zerfledderten „Schutzmaßnahmen“, die da aus dem Keilrahmenkreuz heraushängen wie rausgerissene Eingeweide, teilweise liegen sie daneben, auf dem Boden… Kartonstreifen, Streifen von einer Antirutschmatte, Klebestreifen… Mist! Mist!! MIST!!!

Ist es nicht jedes Jahr so? Ich hänge in Erinnerungen fest, Anfang 1990… Da passt ja super, vor wenigen Tagen dieses Fotoalbum gesehen zu haben. Wie damals berichtet, meine Geburtstagsparty, ich ein Moppel, die rosaroten Gymnastikschuhe, der neonfarbene Trainingsanzug, frisst mit einge-xten Füßen einen Pudding… EIN EINZIGES BRECHMITTEL!!! UND DIESES KIND SOLL ICH RETTEN?!! SOLL ICH LIEB HABEN??!!!

Abends dann ein kurzes Telefonat mit dem Hausarzt. Er sah erst keinen Handlungsbedarf angesichts meines Befundes. Ich wiederum erörterte kurz meine schon viel zu lang andauernde und mich belastende Symptomatik, und er ging diverse Antibiotika durch, die ich nehmen könnte.
Schlicht und ergreifend: ICH BIN SAUBLÖD!!! Hatte ich nicht noch zu ihm gesagt, dass das Augmentin für die Blasenentzündung damals auf die Sinusitis keinen Einfluss gehabt hätte? Und lasse mir dann WAS verschreiben? ZINNAT!!
Zur Erinnerung: Das war der gealterte Meister Propper, den ich exakt vor einem Jahr bei der Reha verschrieben bekommen hatte! Und? Hat er die Sinusitis beseitigt? Nein!

Und da kommt die Sonne wieder raus; Wolken, Sonne, alles braun, alles „dreckig“, draußen wie drinnen… Und erst recht in mir selbst! Ich muss aufstehen! Ich muss ZWINGEND UNVERZÜGLICH meine Hackfresse waschen!!! Ich hasse mich… Und das Foto von gestern war ja wieder einmal unter aller Sau, weil ICH unter aller Sau bin…

11:43
Meine saudumme Visage ist überzogen mit roten Flecken. Es tut weh, die Haut zu trocken, die Haut wund, offen. Und der Rest drumrum eine Fritteuse! Mir die Zähne geputzt, wieder „freistehend“, lauter Sachen runtergeworfen, laut fluchend… Sodass er oben wahrscheinlich schon wieder die Augen verdrehen musste. Und dann, zu allem Überfluss, als ich mit meiner „Schönheitskur“ endlich fertig bin… Mit meiner zum Scheitern verdammten „Schadensbegrenzung“, eine riesengroße Pfütze auf dem Fliesenboden. „Zum fragwürdigen Glück“ schien das Ventil vom Beutel leicht geöffnet zu sein. Denn ich habe keine Beutel mehr. Hätte wohl einen zu großen Verschleiß und die Bandagistin müsse dabei der Kasse einen „erhöhten Bedarf“ anmelden, ehe ich mir mehr holen darf. Also ich könnte mir schon welche holen und sie selber bezahlen, so ist es nicht. Ich bin nun mal nicht der Standard Patient, der brav nur noch im Bett liegend seinem Tod entgegen starrt und die Beutel keiner Beanspruchung aussetzt.

Nun ist es wieder dunkel, der Wind noch stärker und der geplante Ausflug fällt ins Wasser. Bzw. wird er hauptsächlich im Auto absolviert. Vögel stalken. Mein Schädel platzt. Er fühlt sich so heiß an, dass ich glaube, die Haut müsse reißen.
Diese Person da, im Spiegel… Ich verabscheue sie! Wie auch bei den Aufnahmen, mit denen ich gestern arbeiten „musste“… Wie unglaublich DÄMLICH sieht das aus?
Nun gut, soll ich mich nun darüber freuen, dass meine Beine im Vergleich zum Rest „schlank“ (oder zu Neudeutsch: „verkümmert“) aussehen? Was hat meine Mutter immer gesagt? Sie wurde nicht müde, mir diesen Satz reinzudrücken, als fragwürdiges Kompliment! Und darum ist es gut, dass ich keine Kinder habe! Denn was für eine Katastrophe ist es, wenn die eigene Mutter sich selbst beschimpft?!! „ZUM GLÜCK HAST DU NICHT SO EIN LANGES GESICHT WIE ICH!!!“ oder „ICH HABE SO EIN LANGES GESICHT!!!“.

Jetzt darf man dreimal raten, was mich bei diesen Aufnahmen am meisten gestört hat… Na? Schon einen heißen Tipp? Ja! Korrekt! MEIN LANGES GESICHT!!! DAS PROPORTIONAL ÜBERHAUPT NICHT ZUM REST VON MEINEM WINZIGEN KÖRPER, MEINEM ZU KURZEN KÖRPER PASST!!! TOTAL ÜBERPROPORTIONIERT!!!

Die beiden dünnen Beine, vier Schichten Pullover von Sebastian in Größe XXXL, noch mehr Schal und obendrauf dieses laaaaaaaaaaaaange Gesicht!!! Wie eine hässliche, widerwärtige Maske!!! Da muss ich doch gleich an den Film „Die Maske“ mit Jim Carey denken! GENAU SO!!!

Und warum bedarf es nun all dieser harschen Worte? Dieses Selbsthasses???

WEIL DU SCHEISSE BIST!!!

15:26
… Dann wollte Sebastian los, ich kam nicht mehr dazu, zu sagen, was ich noch dazu sagen wollte.

Gestern abschließend meinte ich dann noch, dass das alles so frustrierend sei, weil ich davon ausgehen darf, dass gewisse Personen sehr wohl wissen, was geschehen ist, aber gnadenlos schweigen. Und Brigitte gab mir ebenfalls recht, dass meine MS nicht ohne Grund zu diesem Zeitpunkt damals ausgebrochen ist, und erst recht nicht, dass sie sich so zeigt, wie sie es eben mittlerweile tut. Ich muss bestraft werden. Mundtot gemacht werden.

Und so hat nun auch dieser seltsame Lichteinfall zur Folge, erneut mit Kindheitserinnerungen konfrontiert zu sein, die leere Hülsen darzustellen scheinen, aber bis zum Überschwappen voll gestopft sind mit Todesängsten und Panik.
[…]

Wir hatten eine Ausfahrt gemacht, die dann doch großzügiger ausfiel als geplant. Lediglich ein Mäusebussard in Dietersdorf, aber bereits als wir auf ihn zufuhren, trollte er sich. Eine halbe Weltreise durch den Bezirk, die Beine krampften pervers, bis mir schlecht war vor Schmerzen. Von der Schulter ganz zu schweigen, die heute wieder zu Höchstleistungen aufläuft… Schmerztechnisch. Es roch schon nach Frühling. Dann regnete es ab und an. Und jetzt reißt der Himmel auf am Horizont. Was für Kopfschmerzen. Ein Mexalen intus. Was will mein Körper von mir?! Dass ich mich hinlege?! Bin ich wetterfühlig?!

DU BIST WIE DEINE MUTTER!!!