7. Juli 2018, Samstag

20:16
Wir wollten ohnehin irgendwo einkaufen gehen…
Dementsprechend überzeugte ich Sebastian davon, dass wir auch ins große Einkaufszentrum nach Oberwart fahren könnten. Unser erstes Ziel die allgemeine Ambulanz im Krankenhaus. Mein Katheter wurde gewechselt, neues Urikult gemacht und der freundliche Urologe machte keinen Hehl daraus, dass bei mir dank meiner MS ohnehin alles im Arsch sei. Ich meinte, schon lange kein Blasentraining betrieben zu haben, und er ganz fatalistisch: „Das bringt ohnehin nichts mehr! Ihre Blase ist kaputt!“.
Als er den Befund schrieb, gab ich ihm den Tipp, bei der Diagnose „Zombie“ zu vermerken…
Hahaha… Alles ja so lustig, ich habe Witze gemacht, über meine Situation, meine Schrottkiste von Körper usw. und so fort. Aber spätestens dann im Sportladen, als Sebastian sich nach neuen Dartpfeilen umsah, ging in mir beim Anblick der Laufabteilung wieder irgendetwas zu Bruch. Bin ich denn wirklich irgendwo ganz tief versteckt in mir der Meinung, dass ich jemals wieder laufen werde können? Wie dumm muss man sein??
Der Lächerlichkeit preisgegeben habe ich mich zu allem Überfluss auch noch, als ich meine Tablettendose stolz präsentierte und meinte, kein Problem zu haben, die einzelnen Präparate auseinanderhalten zu können. Den nächsten Scheiß gedreht… Das, was ich für die Retardtabletten gehalten und auch gestern sowie in den letzten Tagen, in denen es mir mit der Blase schlecht ging, eingeworfen hatte, waren in der Tat die Medikamente fürs Herzrasen!!
Hatte ich nicht zuletzt genau andersrum denselben Fehler begangen? Und die Tabletten gegen das Herzrasen mit denen für die Blase verwechselt und sogar geglaubt, sie würden die ersten Tage die Panikattacken eindämmen???
Wieder war die Rede von der Botoxspritze und auch da konnte ich mir die Klappe nicht halten: „Wow! Dann habe ich eine faltenfreie Blase… Wenigstens etwas!!“.
Die Schwester, die sich erst um mich kümmerte, erzählte sogleich, ihre „Schwester“ hätte ebenfalls MS. Wer hat denn nicht MS oder ist nicht mit jemandem verwandt oder kennt immerhin ein oder zwei Leute, die es haben?! Was für eine Volksseuche!

In der Wartezeit las ich wieder im Buch „Ich war erst 12“. Es ging darum, wie der Vater das erste Mal nachts ins Schlafzimmer der Tochter kommt und sie ausquetscht, wie sich das mit ihrem Freund verhalten würde. Ganz unschuldig, die beiden hielten Händchen und das war schon das größte der Gefühle. Nachdem sie ihn diese eine Nacht vertreiben konnte, wusste sie ganz genau, er würde wiederkommen. Und so geschah es auch. Dieser seltsame, gefährliche Blick. Bereits in der ersten Nacht hatte er ihr übers Haar gestreichelt… Und sie fühlte intuitiv, dass das nicht normal war! Denn er berührte sie nie! Er war auch sehr streng und mitunter aufbrausend. Sie respektierte ihn. Aber das, DAS war nicht mehr normal… Und sie fühlte sich schlecht!

Der Täter ist austauschbar. Wer auch immer, aber ich las diese Zeilen und bereits bei der kurzen Beschreibung der ersten Nacht konnte ich fühlen, wie sie sich gefühlt haben muss… Mir wurde schlecht, klamm, ich fühlte mich ekelhaft, dreckig und zugleich im Körper gefangen.
Dem voraus ging eine plötzliche Panikattacke, als ich mich bei der freundlichen Schwester angemeldet habe…

Das soll „Hineinsteigern“ sein? Nicht mehr als das?!!
Ich bin davon überzeugt, dass jeder Mensch, der sich selbst verletzt, sexuelle Gewalt erfahren hat!
Warum kann ich dann diese Überzeugung nicht auf mich selbst anwenden? Wenn ich doch weiß und keine Sekunde daran zweifle, dass andere Verdrängen, Abspalten??! Warum dann nicht ich ebenfalls???

Sebastian ist mit Jan und dem anderen Sebastian weggegangen. Ich bin allein und spüre in mir das Verlangen, mich zu verletzen…
Was waren das auch für Höllenschmerzen, als wir nach Hause kamen? Mein linkes Bein krampfte bereits die ganze Heimfahrt über. Mein Bauch eine steinharte, druckempfindliche Murmel. Erst recht angepisst vom Wechsel des Katheters. Alles tat weh. Wir haben zu Mittag gegessen und anschließend gab es sogar noch Eis… Für meine Verhältnisse viel zu viel und dreimal über den Hunger!! Dafür aber meldete sich dann mein Darm. Wunderbar… Kaum hatte ich mich vor der Toilette aus dem Rollstuhl erhoben, führte der Druck hinten zu einem bestialischen Krampf vorne im Unterleib, ich fiel um, auf die Kloschüssel und pinkelte mich wieder an. Ich biss vor Schmerzen in die Aufstehhilfe links von mir, ich bekam keine Luft mehr und es fühlte sich an, als würde der Krampf meine Harnröhre aus mir rausquetschen, oder besser noch, gleich noch die ganze Blase dazu!!

Der Arzt klärte mich darüber auf, dass die Krampflöser für die Blase nebst der Mundtrockenheit eben auch den Darm lähmen würden. Genauso wie das Lioresal, ganz zu schweigen von den Opioiden und erst recht den Morphinen, die fehlende Bewegung mal ausgeklammert. Er empfahl mir auch, stattdessen das Lioresal hoch zu dosieren. Ob das hilft? „Die Harnwegsinfekte werden immer wieder kommen und die Krämpfe… Die Blase ist auch nur ein Muskel, die MS schädigt alles.“.
Schwer seufzen.
Es war ein warmer Tag, wir waren von 10 bis nach 17:00 Uhr unterwegs. Aber ich wollte nicht verstehen, warum ich mir nach der grauenvollen Klositzung weder die Hände noch das Gesicht waschen konnte… Ich war unfähig, meine Hand zu heben, um damit den Schlauch am Wasserhahn festzuhalten und den eiskalten Strahl auf meine Visage zu richten, damit die Seife abläuft!!!

Um anschließend wieder unaufhörlich gähnen zu müssen. Es war zu viel… Auch jetzt kann ich auf dem Rollstuhl nicht mehr sitzen. Mein Ischias ist zu Tode beleidigt. Der Rücken gekränkt. Dabei will ich noch am Video arbeiten…

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6. Juli 2018, Freitag „HEUTE ist Freitag!…“

8:30
59,3 Kilo um 6:45 Uhr. Wie gestern, wie vorgestern. Da geht man einmal nach über 20 Tagen aufs Klo und wiegt zwei Tage später einen Kilo mehr… Logik?
Es regnet. Dementsprechend hoch die „FluGtuation“ am Restaurant. Die Insekten bleiben zu Hause. Ich möchte eine riskante These aufstellen: Wetten, zu Mittag scheint wieder die Sonne?
Keine halbe Stunde mehr, dann habe ich Sitzung. Die vermutlich vorerst Letzte. Eine Pause ist angedacht. Nachts im Bett verlor sich mein Blick unentwegt im obersten Regalfach, dort, wo mindestens fünf Paar nagelneue Laufschuhe aufeinander gestapelt Staub ansetzen. Ein Fach weiter unten liegen weitere Modelle, kaum getragen. Den ganzen Ausflug über (bis auf das längere Stück mit den Schmerzen) musste ich ans Laufen denken. Aber wo sollte ich auch hinfahren, welche Strecken blieben mir denn, um nicht mit Erinnerungen konfrontiert zu werden?
Die Antwort ernüchternd: HIER definitiv keine Alternative! ALLES wurde abgelaufen!
Es ist Sommer! Zwangsläufig bin ich wieder mit diesem Verlust konfrontiert. Natürlich könnte ich aufhören, dabei auch noch mein altes Handy mitzunehmen, um damit die Musik von damals zu hören. Beim „Spaziergang“ brauchte ich sie aber. 45 Minuten waren möglich. Davon die letzten 15 nur noch Quälerei. Aber es war so heiß…
Trotz etwas mehr Bewegung, trotz neuer Stützstrümpfe, war es gerade Sebastian, der abends zu mir sagte: „Huch, du hast aber wieder ordentlich Wasser in den Füßen!“.
Der Witz nur: Mir wäre es erst gar nicht aufgefallen! Ist nicht er es, der die Situation permanent runterspielt, wenn ich mich darüber beklage, dass meine Gliedmaßen doppelt bis vierfach so dick geschwollen sind?
Der Körper setzt Funktionen aus, beginnt mit dem Abbau, stellenweise mit dem Sterbeprozess.
Stromkosten hin oder her: Nachts liege ich im Bett, die Matratze ist so weich, dass die Inkontinenzmatte unter mir permanent unbequeme Falten schlägt, kaum auszuhalten ist, aber fürs Wohlbefinden sorgen Ventilator und Heizstrahler -die kalte Luft für die krampfenden Beine und die warme für Oberkörper und eiskalte Hände. Wie in Kindertagen stelle ich mir vor, in einer eiskalten Nacht draußen irgendwo am Lagerfeuer zu liegen…

Aber das habe ich schon oft genug diktiert. Anstatt die Zeit so zu verschwenden, hätte ich die letzte Aufnahme schneiden können. Eine Katastrophe, teils vom Wind und größtenteils von Flugzeugen sabotiert. Ich könnte natürlich auch wieder damit anfangen, wie beschissen ich aussehe. Dass der Spiegel mitunter gnädiger zu mir ist.
Das erste Thema heute wird definitiv wieder diese Grunddebatte sein, warum er felsenfest davon überzeugt ist, es mit einer Multiplen zu tun zu haben. Wobei doch ich selbst immer den Eindruck gewinne, ich generiere Rumpelstilzchen regelrecht.
Vor über 1 Stunde noch hatte ich eine bessere Erklärung parat, traf den Nagel auf den Kopf als der Satz gerade eben. Aber er ist weg. Oder sagen wir so: Ich hatte mich in flagranti dabei erwischt, wie ich etwas dachte, das ich dann doch nicht denken durfte, es bedurfte einer Reaktion und rief mein vermeintliches Täterintrojekt auf den Plan. Gar nicht mal dahingehend, dass ich ihn eingeladen hätte, sondern wie ein Gerät eingeschaltet! Um dem Bild zu entsprechen! Den „Erwartungen“?!
Wie fühlt es sich an? Wie sollte es sich anfühlen? Laut Markus und dem viel zitierten DSM V, der wohl immer noch nicht offiziell beendet und veröffentlicht ist, genau so, wie ich es beschreibe. Dabei bleibt aber latent ein Vorwurf: Dass ich das alles nur fingiere, der Aufmerksamkeit wegen, um anders, besonders zu sein… Dabei ernte ich immer nur schräge Blicke, keiner nimmt mich ernst, wenn ich mich dahingehend oute. Also welche Form von „narzisstischer Zufuhr“ erhalte ich denn überhaupt, um diese Unterstellung zu rechtfertigen?
Keine?
Oder genügt es mir, in meiner Gedanken- und Fantasiewelt etwas Besonderes zu sein?…

18:15
„Der Körper soll dein Tempel sein“… Ich lach mich tot…
Mein Körper ist mein Erzfeind! Oder wie heute in der zweistündigen Sitzung von mir beschrieben: „Ich fühle mich wie ein Alien. Eine Art Energiewesen. Das Gehirn…? Ist ja auch etwas Physisches, also sagen wir, es ist das, was man landläufig als Seele bezeichnet. Und irgendjemand hat mich in diesen fremden Organismus gepflanzt. Ich kann mich damit nicht identifizieren! Es bleibt für mich ein „FREMD-Körper“.“.
Mittags 2 Stunden lang Krämpfe im linken Bein. Egal, wie oft ich aufstand und umherging. Egal, wie oft ich das Bein verprügelte. Egal, ob warme oder kalte Luft, und so war eben auch das Magnesium egal. Gezwungen, zum Morphium zu greifen…
So trat wenigstens nach einer halben Stunde endlich Frieden ein. Sebastian kam sehr spät nach Hause, es war bereits 15:00 Uhr. Während er schlief, war ich wach. Und als er noch kurz einkaufen fahren wollte, schlief ich ein. Dabei hielt es mein Ischias auf dem nagelneuen, schweineteuren Fernsehsessel nicht aus.

Ich lag da vielleicht 30 Minuten. Aber der Heizstrahler lief währenddessen. Als ich erwachte, traf mich regelrecht der Schlag! Mir war speiübel, als hätte ich wieder zu viel getrunken, mich mit Entwässerungstabletten voll gestopft und jegliche Elektrolyte ausgeschwemmt, und zugleich Mund, Zunge, Gaumen sowie Kehle dermaßen staubtrocken, als hätte ich die Namib durchquert…
Sein erster Kommentar: „Meine Güte! Ist das hier heiß! Als ich gerade die Tür geöffnet habe, war es so, als würde mich eine Wand erschlagen!“. Und so fühlte ich mich eben auch, als hätte ich mit meiner fortgeschrittenen MS in der prallen Sonne verschlafen; oder noch besser, 5 Stunden in einer Sauna gesessen… Völlig ausgeknockt, unbeweglich, instabil! Zu allem Überfluss hatte ich die Wasserflasche runtergeworfen und er kam genau im richtigen Augenblick zurück; ich hätte die riesengroße Pfütze nicht aufwischen können.

Ich hatte meiner Verdauung mit einem der beiden Einläufe vom Hausarzt gedroht. Das hat wohl „gefruchtet“. Bereits seit drei Tagen, ganz besonders heute fühlte sich mein dicker Bauch wie eine steinharte, schmerzende und erst recht druckempfindliche Kugel an! Als ich es endlich geschafft hatte, aufzustehen, drückte der Darm wohl auf die Blase…? Oder die Überdosis Wärme hat sich auf die jeweilige Stelle in meinem Hirn ausgewirkt, die für meine Inkontinenz verantwortlich ist?… Ein heftiger Blasenkrampf, ich pinkelt in die Hose… Bzw. und zum Glück in die große Einlage. Das, was dann auf dem Klo folgte, war wahrlich kein Spaß.
„Mit freundlichen Grüßen, Deine Opioide und Morphine!“. Und die fehlende Bewegung. Und die ungesunde Ernährung…? Jeden Tag, wenn es heißt: „Was möchtest du heute essen?“, da habe ich keinen Plan, vermag nicht darüber nachzudenken, habe auch eigentlich auf gar nichts Lust und wenn dann irgendetwas Essbares vor mir steht, dissoziiere ich eine kleine Ewigkeit über dem Menü, anstatt es mir in den Mund zu stecken. Oder esse einen Bissen und bin eigentlich schon satt…

WARUM NIMMST DU DANN NICHT AB, DU SAU??!!!

Die Sitzung heute hatte so viele wichtige Punkte angeschnitten, mein Analytiker so viele entscheidende Sätze von sich gegeben… Und ich mir nichts gemerkt!…
Natürlich habe ich wieder mit ihm darüber diskutiert, was es nun mit der Multiplen auf sich hat. Er nannte ein paar stichhaltige Argumente, die ich nicht abstreiten konnte. Aber vergessen! Alles, was mir in Erinnerung geblieben ist: „Das, was du da mit dir tust, ist eigentlich ein Verbrechen und du würdest dafür ins Gefängnis wandern, wenn du es mit jemand anderem tun würdest!“. Das saß. Und irgendwie und über Umwege, die erneut schlüssig waren, wollte er mir damit klarmachen, dass DAS ALLES schlicht und ergreifend für einen verdrängten sexuellen Missbrauch sprechen muss!

Was machte ich? Begann zu klimpern, das Hirn ging auf Stand-by.
Ebenso schlüssig die nächste Überlegung, gerade angesichts meines Zusammenbruchs vorletzte Nacht: „Vielleicht weiß deine Mutter wirklich nichts, aber da der Täter zu dir gesagt hat, das darfst du ihr nicht erzählen, das bringt sie um, hat er dir damit die Sterbefantasien in den Kopf gepflanzt, gerade angesichts ihres Verhaltens, was Krankheit und Tod betreffen, und dass du DANN irgendwann anfängst, auch sie abzulehnen, weil sie sterben zu sehen eigentlich dein gesamtes Leben verpfuscht hat, kein Wunder.“.

Und wieder sah ich diesen Satz im Nachwort des Buches „Ich war erst zwölf“ von einer Fachfrau, mit dem ich nicht gerechnet hatte, aber er stand da, wie eine Tatsache, wie etwas völlig Normales, Gängiges bei dieser Thematik, und ich habe mich mein gesamtes Leben gefragt, ob nur ich so gestört, bescheuert bin!!!
„Opfer von sexuellem Kindesmissbrauch glauben sehr häufig, ihre Mütter umzubringen, sehen sie sterben…“. In dem Kontext, würden sie der Mutter vom Missbrauch erzählen. Weil der Täter sie damit zum Schweigen gebracht hat. „Wenn die Mama das erfährt, bringe ich sie um!“. „Das darfst du der Mama nicht sagen, das bringt sie um!“.
Und wieder erläuterte Markus den gravierenden Unterschied zwischen zum Beispiel seinen Misshandlungen damals im Internat und meinen Reaktionen auf diverse Trigger: „Wenn ich den Film von der Kampusch sehe, fühle ich mit ihr. ABER in deinem Fall gehen gewisse Szenen wortwörtlich UNTER die Haut!!! Das ist bei mir nicht so, und das hat doch was zu bedeuten!! Und du wärst schon ein verdammt guter Schauspieler, wenn ich mich auf deine Videos beziehe, und du die DIS nur spielst! Und das kannst du dir auch nicht eingeredet haben, um dann bei diesem Thema so dermaßen körperlich zu reagieren!“…

Therapiepause. Bis zum 1. August. Sollte ich dekompensieren, etwas erinnern, bräuchte ich nur per Skype einen Notruf absetzen, man könne dann kurzfristig eine Notfallsitzung einberaumen. Aber der Sommer sei eine gute Zeit, mir etwas Gutes zu tun. Da hat er insofern recht, weil ich zu dieser Jahreszeit doch immer noch einen Restkrümel Selbstständigkeit allein durch den Umstand habe, niemanden zum An- und Ausziehen zu benötigen, wenn ich raus möchte. „Und die Natur ist für dich eine wichtige Ressource!“.

Ich würde gerne darüber nachdenken, wie es jetzt weitergehen soll. Denn es muss doch irgendwann etwas geschehen. Aber „ich darf nicht“. „Sobald du dich zu sehr mit dem Missbrauch, vermutlich mit dem Täter, also mit dem, was dir passiert sein könnte, auseinandersetzt, umso lauter wird Rumpelstilzchen. Auch wenn er behauptet, dir sei nichts passiert, müsse er sich dann ja nicht so ins Zeug legen… Oder nicht?“. Und: „Wenn du ein Problem damit hast, dann nenne es eben Egostate, oder noch besser: Ein abgespaltenes Gefühl! Aber ein Solches entsteht eben nur, wenn ein Missbrauch die kindliche Seele spaltet, widersprüchliche Gefühle sich nicht einsortieren lassen, um schlussendlich -zum Selbstschutz, um überleben zu können- abgespaltet zu werden!“.

Am Video weiter arbeiten. Aber ich weiß nicht wie. Es bedürfte noch einer Aufnahme, aber die Lichtbedingungen sind schlecht, ich fühle mich unansehnlich, nicht zumutbar und so dermaßen verwirrt oder vielleicht auch gelöscht im Schädel, dass ich davon überzeugt bin, nichts zu sagen zu haben…

19:14
Nächster Blasenkrampf…

19:42
Es hört nicht mehr auf zu krampfen. Harnwegsinfekt, Pilz, kalte Füße?
Mit dem Rollstuhl zum Sofa gefahren, um den Heizstrahler zu holen. Das Kabel verheddert, das Kabel zu kurz, beim Rangieren (und ich musste dazu noch das Kabel und die Fernbedienung der Heizdecke festhalten) kollidiert der rechte Fuß mit der Tür…
Eine überzeugendere Einladung für die nächsten Krämpfe gibt es wohl kaum!! Als ob das Krampfen im Unterleib nicht bereits ausschlaggebend genug sei…
Und ich bin wütend! Beschimpfe mich selbst! Lasse mich beschimpfen! Und bin stinksauer, wie ich so blöd sein konnte, das Haus so zu planen, wie ich es geplant hatte! Das soll ein großes Wohnzimmer sein? Geräumig und mit Platz für so einen klobigen Rollstuhl??
SO EIN SCHEISS!!!
Wenn die Beine nicht ohnehin von der warmen Luft erneut ihr perverses Treiben fortsetzen.

21:19
Mich anpissen…

Du fettes, dreckiges Ferkel!!!

4. Juli 2018, Mittwoch

17:02
Mittags eine winzige Tütensuppe und Wassermelone, abends Reis mit Gemüse… 59,2 Kilo um 6:45 Uhr. Dankeschön… Ein Kilo mehr…

Den neuen Fernsehsessel ausprobiert und mal eben mindestens 2 Stunden darauf geschlafen. Schön und gut; aber das passt alles nicht zusammen; das Sofa halbiert, bringt das neue Möbelstück nichts als Unruhe in den Raum. Sieht noch unordentlicher aus. Kaum auszuhalten.
Den Mittwoch mit Freitag verwechselt, sagte ich doch allen ernstes zu Sebastian, als er mittags nach Hause kam: „Hast du die nächste Woche überstanden…?“. Weil er abends für 1 Stunde weg gehen will. Die Nachwehen der gestrigen Tablettenexkursion? Es passte einfach alles zusammen, als sei Freitag, und ich sah mich bereits heute Abend ganz lange am Video arbeiten.

Völlig verpeilt. Total neben der Spur. Ausblicke in ein Paralleluniversum. Nicht mehr wissen, wo ist unten und oben, wo Hier und Jetzt…
Links an der weißen Kunststoffverkleidung vom Rollstuhlreifen, unter dem sich der Motor verbirgt, eine Blutspur. Der nächste Tropfen auf dem Boden gelandet. Unfähig, es wegzuwischen. Als spiele es keine Rolle. Als sei ich dermaßen depressiv, dass mir alles egal ist.
Wollte ich nicht hinaus? Eine Runde fahren? Der Wind hatte mich abgeschreckt, aber augenblicklich scheint er doch nachgelassen zu haben… Mich wieder schlecht fühlen? Rein in den nächsten Zwiespalt? Als drohte bereits der Winter in den nächsten zwei Tagen damit, mich wieder für Monate ins Haus zu sperren? Wie bescheuert!
Aber wie ich hier so sitze, immer noch müde, fühle ich mich bereits wie in Beton gegossen. Unbeweglich. Die Psyche erstarrt. Der Körper tot. Die Augen glotzen ausdruckslos nach draußen, Dissoziation als Standarddroge.

Durchs offene Wohnzimmerfenster draußen irgendwo in Hausnähe den Schwarzspecht rufen hören. Früher wäre ich schon los, wäre längst draußen gewesen, in der unbelehrbaren Erwartung, ihn irgendwo sehen zu können. Aber Bewegung scheint meiner Natur zu widersprechen. Als hätte diese nie in meinem Dasein stattgefunden.

17:35
Sebastian badet, ich mit beiden Händen an den Rand geklammert, die Knie abgewinkelt, stützen sich an der verfliesten Wand der Wanne ab. Kann mich nicht halten, nicht aufrecht halten, die Beine brechen unter meinem Gewicht zusammen, als würde ich 200 Kilo wiegen…
Aber meine Haare müssen gewaschen werden…
Mehrmals kam es zu kritischen Situationen. Nach hinten fallen, mit dem Kopf in die Glastür der Dusche…?

Daran bist du selber schuld, du faule Sau!!!

Andere geben sich mehr Mühe. Andere kämpfen mehr. Ich mache gar nichts mehr. 15 Jahre lang gekämpft und jetzt ist der Ofen aus? Oder auch das ein Symptom der Depression…

Umso besser! Dann bringst du dich hoffentlich bald um!!!

Kopfschmerzen. Während ich da noch instabil und wackelig vor der Wanne stand, drängte sich mir ein Gedanke auf: „Diese ganzen Medikamente, mich damit abzuschießen, hat zu viele Nebenwirkungen, Nachwirkungen. Aber was bleibt mir denn sonst??…“.
Und ich sah die Rasierklinge.

Aber wenn du nicht einmal DAS richtig hinbekommst!!!

Null Alternativen. Außer mich wieder dermaßen in meine Suizidfantasien hineinzusteigern…

17:55
Er fährt. Ich bin allein, für mindestens eine Stunde. Die Abenddosis fällt beinahe „standardmäßig“ aus. Die einzigen Abweichungen wären ein Hydal 2,6 mg und statt 15 eben 20 Tropfen Tramal. Mich auf meine Standardmittel verlassen, als ob diese in letzter Zeit nicht auch zu massiver Spastik geführt hätten. Aber irgendwie, irgendetwas brauche ich…
Beim Anblick des Lichteinfalls, der kleinen Sonnenblume auf der Terrasse drifte ich wieder ab… Mich jetzt aufschlitzen? Später aufschlitzen? Oder mir diese Option für schlimmere Zustände aufheben?

18:47
Eine leichte Betäubung setzt ein…
ABER… WIE KONNTE ICH ES WAGEN, DIES ANZUMERKEN!!!

PANIK…

19:57

Panik und Betäubung liefern sich einen rasanten Schlagabtausch. Beim Kopieren der letzten Aufnahme die beiden Fotos von der Geburtstagsfeier gesehen…
Wenn überhaupt einen winzigen Augenblick lang, und das nur ganz klein, kaum zu erkennen… Aber ich sehe sie sterben! Ich sehe meine Mutter schon wieder sterben!!! Die Augen werden geflutet…

Die beiden Fotos vom T-Shirt, welches sie vor 20 Jahren, im für den Rest meines Lebens entscheidenden Jahr 1998, zum 50. Geburtstag bekommen hat.

Ich sterbe…
Aber viel zu langsam, es ist kaum zu ertragen!
Sebastian ist zurück, ist oben, wird noch ein bisschen brauchen. Panik, Dämpfung, Verlustängste, noch mehr Panik, weniger Dämpfung, noch viel mehr Verlustängste… Usw. und so fort!!!

Den Rollator umdrehen. Himmel! Wenn da mal jemand aus Versehen einen Blick hineinwirft… Was wird diese Person von mir denken? Auf Verständnis darf ich wohl kaum hoffen. Unzählige Tücher und ein großes Handtuch, Strumpfverbände… Und allesamt blutgetränkt…

Ich brauche…
Ich muss…
Es geht nicht anders…

Dabei meine rechte Hand völlig verkrampft, eine Faust, schwach und gelähmt, die Finger lassen sich ohne äußere Gewalteinwirkung nicht strecken.
Eine Faust ist jedoch allemal besser als ein Streckspasmus in meiner Rechten. Perfekt, um die Rasierklinge doch noch irgendwie zu halten.
Sicherheitshalber zu Beginn gleich den Strumpf überstreifen; meine liebe Not mit diesem lächerlichen Handgriff.
Draußen geht die Sonne unter. Lebenslänglich.

Du wertloses Stück Dreck!!!

Bei dem Gedanken, dass er wieder runterkommt und somit symbolisch den Tag beendet, kommt mir die Kotze hoch vor lauter würgender Angst. Wie ein Strick um meinen Hals, und am anderen Ende hängt Rumpelstilzchen, schaukelt wild hin und her, dabei wird er immer schwerer und schwerer…

Auf jedes Geräusch von oben achten…
Nervös…
Singdrossel und Amsel singen ihr allabendliches Requiem. Einmal tief durchatmen…
Den Kopf schütteln, als würde es jemand beobachten, als würde ich dies für irgendwen tun…

Wieder zu feige! Es tut mir leid. Sie stirbt. Stattdessen sollte ich abkratzen.
Bei jedem lächerlichen Schnitt automatisch, unwillkürlich, reflexartig die Luft anhalten…

Und es wird 20:17 Uhr und auch wenn die ersten vier Kratzer auf der wahrlich verbrauchten Unterseite kaum Anstalten machten, für mich zu weinen, tun es die weiteren vier auf der Oberseite umso mehr.
Dicke, dicke Blutperlen werden aus den fragilen Strichen gequetscht. Wehmut kommt auf… Ich hätte den Arm auf einen der wenigen Flecken vom Frottee legen sollen, der mir zumindest verraten hätte, ob ich meine Schuldigkeit zumindest ansatzweise getilgt habe.

Der dreckige Strumpf, obwohl noch vor drei Tagen nagelneu, rettet die Welt! Kaschiert, was keiner sehen will, was nicht sein darf, denn: „… anderen Menschen geht es so viel schlechter, verhungern, sind Kriegen ausgesetzt, und ich dämliche Kuh tue gerade so, als wäre gerade MIR IRGENDETWAS zugestoßen!!“…

NICHTS UND WIEDER NICHTS!!
Du kannst dich ja nicht einmal erinnern!!!

Erneut die wenigen Spuren von den rechten Fingern lecken. Gleich werde ich tief Luft holen und es wird sich anfühlen, als hätte ich die letzten 20 Minuten nicht mehr geatmet. Im besten Fall, und das hoffe ich inständig, wird sich zumindest für einen Augenblick so etwas ähnliches wie Frieden in meinem Schädel, in meinem ganzen Körper einnisten.
Ich hasse mich. Und ich halte meine Stimme nicht mehr aus…

21:22
Es glich einer Erlösung, als er meinte, noch bis 10 oben zu tun zu haben.
Aber was habe ich davon?
NATÜRLICH ist es unvernünftig, den ganzen Tag bewegungslos auf einer Stelle zu verharren!
NATÜRLICH ist es ungesund!

Hasstiraden erfüllen den Raum. Die Tastatur fällt runter. Sie nicht mehr aufheben können. ALLES wird zur Belastung! Der Saustall links von mir! Die Unordnung vor mir auf dem Tisch! Das Durcheinander rechts in der Küche! Der penetrante Gestank nach Essig, Salatsauce!!!
Mir wird schlecht! Immer schlechter!
Schmerzen! Schmerzen erfüllen den ganzen Körper! Dagegen sind die armseligen Kratzer ein Flohhusten!!! Der Rücken, die Verspannungen, Kopfschmerzen und erst recht der Ischias!!!
NICHTS GEHT! NICHTS FUNKTIONIERT! UND SCHEINBAR IST ES ZU VIEL VERLANGT, WENIGSTENS HIER SITZEN ZU WOLLEN UND MIT VIEL MÜHE, DEN LÄHMUNGEN UND WIDERSTÄNDEN ZUM TROTZ, EINIGERMASSEN PRODUKTIV ZU ARBEITEN, WENN DAS OHNEHIN DURCH DIE BESCHISSENEN UMSTÄNDE STÄNDIG VERZÖGERT, DOPPELT UND DREIFACH IN DIE LÄNGE GEZOGEN WIRD!!!
NICHTS UND WIEDER NICHTS!!!

Mein Dasein kotzt mich an. Da bietet sich einmal die Chance auf Ablenkung, ABER NICHT FÜR MICH! WIE KONNTE ICH ES NUR WAGEN, DIES ÜBERHAUPT IN ERWÄGUNG ZU ZIEHEN, FÜR MICH, MICH STÜCK SCHEISSE!!!!

Die Zeit verrinnt, rieselt mir durch die Finger und ich unfähig, auch nur eine Sekunde festzuhalten. Wie kann ich mir bloß anmaßen, dergleichen in Anspruch zu nehmen, zu fordern, nur darum zu bitten!!…

Es wird heiß. ZU heiß. Ich beginne zu schwitzen. Aber (auch wenn Sebastian nun sagen würde, dass das NICHTS damit zu tun hat) ZU DÄMLICH, den Ventilator einzuschalten.

Du beschissener Krüppel! Du bist eine Lachnummer! Eine Belastung! Bring es endlich zu Ende!!

Unfähig, den Ventilator aufzustellen, nachdem ich ihn umgeschmissen habe. Unfähig, ihn an irgendeiner Stelle in die Hände zu nehmen, festzuhalten!! Mein Schädel droht zu bersten, wenn ich mich bücke. Alles in mir drückt. Kopf, der Magen, die Gedärme, der Ischias.

Überzeugungsarbeit wird sozusagen geleistet.
Aber ich…-allmählich gehen mir die Worte aus, die auch nur ansatzweise beschreiben könnten, WIE wertlos und dreckig und nutzlos und belastend und beschissen usw. und so fort ich bin- …bleibe ernsthaft am Leben!

22:06
Immer noch allein. Mir ist schwindelig. Aber ich sollte dennoch ein paar Schritte gehen…

3. Juli 2018, Dienstag „Und täglich grüßt das Murmeltier…“

8:31
Oder besser gesagt „…der Wiederholungszwang…“?
Unzählige Minuten verstreichen wertfrei, das Diktierprogramm zelebriert seine 5 Minuten.
58,4 Kilo um 6:45 Uhr, draußen vor dem Küchenfenster singt eine Goldammer, der Himmel unentschlossen und verhältnismäßig wenig Gäste am Restaurant. Ich bin so müde und habe es mir doch selbst zuzuschreiben. War der Rausch wenigstens schön? Oder hatte nicht mehr in petto als mich körperlich in einen Kaugummi zu verwandeln?
Mein sauteurer Sessel kommt heute. Dafür muss im Wohnzimmer manch anderes weichen. Ein Drittel der Couch zum Beispiel. Ob das alles so klug ist, oder ob es die Unruhe und gefühlte Unordnung erst recht verstärkt?

Als ich gestern mit der Animation einfach nicht vom Fleck kam und wahrlich schon überhaupt keine Lust mehr hatte (diesbezüglich muss auch noch erwähnt werden, dass ich vermutlich noch mehr Umstände bekomme, wenn die Samples nicht passen), drängte sich mir die Tatsache auf, auf den SD-Karten wieder zwei neue Sprachaufnahmen zu haben. Die Panik bedankte sich mit einem Knicks… Aber mir nun vorzugaukeln, mit dem restlichen Tee und einem gemütlichen Festhalten meiner Gedanken ruhig und entspannt in den Tag starten zu können, dürfen, wenn nicht sogar zu müssen, sollte als infantil bezeichnet werden. Wie lange macht mein Rücken mit? Der Ischias meldet sich. Die rechte Ferse schmerzte nachts bestialisch und der Nachhall lässt auch jetzt noch keine Langeweile aufkommen.

Bis dato hatten die Comicfiguren keine Augen. Keine Ahnung, was ich Vollpfosten mir dabei gedacht habe. Wollte ich sie ernsthaft nachträglich einbauen, über das Videoschnittprogramm???
Rumpelstilzchen lacht sich schlapp über mich und meine Blödheit. Nun über Umwege jedes einzelne Bildchen nachbearbeiten. Und sollte das total bekloppt aussehen, sicherheitshalber dieselben Dateien in einen externen Ordner verschoben, um sie dann wiederum im Arbeitsordner zu ersetzen… Aber das wird jetzt zu verkopft! Hauptsache ich mache keinen Fehler und lösche irgendwo aus Versehen irgendwas…

9:19
Lange habe ich nicht durchgehalten…
Aber es ist doch wie jeden Sommer, wie jeden Frühling, jeden Herbst… Als Opfer zermalmt zwischen den Prioritäten!! Ich müsste ein paar Schritte gehen. Ich müsste weiterkommen mit dem Video. Ich müsste malen, ehe ich nicht mehr malen kann. Ich müsste noch dieses eine Dokument fürs Büro fertig machen. Ich müsste draußen sein, ich verpasse alles. Erst recht deswegen, weil seit einer halben Stunde die Mäusebussarde mit ihren jungen Bruchpiloten unentwegt ums Haus kreisen und von lediglich diesem einen Blickwinkel durch die Terrassentür kann ich sie nicht filmen…
Ich bekomme ein Magengeschwür bei dem Gedanken, was für grandiose Chancen mir bereits entgangen sein könnten… Aber was heißt hier „könnten“, DAS IST FAKT!!!
Die Unruhe manifestiert sich erst in klimpernden Händen. Ständig die Kamera nehmen, kurz warten (die Lichtbedingungen gelinde gesagt beschissen), sie wieder weglegen, um wenige Minuten später den nächsten Raubvogel vorbei zischen zu sehen. Ich fange an vor und zurück zu wippen. Die Kopfschmerzen nehmen zu.

Eigentlich bedarf es nur einer kleinen Randnotiz: „Bedarf es auch heute wie jedes Jahr zur selben Zeit härterer Bandagen, um mich entscheiden zu können, bzw. mich erfolgreich zu irgendetwas zu zwingen, das ich dann konsequent durchziehe? Man muss ja fast schon sagen >NATÜRLICH< mit unlauteren Mitteln. Denn ohne mich wirklich >kräftig< in die Mangel zu nehmen, also die Unentschiedenheit, das Dilemma, wird das heute wohl nichts mehr!!! Also bleibt die Qual der Wahl, also das Mittel zum Zweck. Oder gleich alles auf einmal?“.

Habe ich morgens Hydal geschluckt? Die 2 mg Retard? Ich weiß es nicht mehr. Aber vielleicht, wenn ich es mir lange genug einrede, verspüre ich auch so eine „benutzerfreundliche Dämpfung“. Mir den Tag einzuteilen, jeder Streitpartei im Laufe des Tages Zeit anzuberaumen, wie bei einem Schulstundenplan, sieht nur von außen wie eine von „Gott gegebene Heilsbringung“ aus…

Scheiße. Ich bin Atheist!

Aber nun folgt erst einmal der Trommelwirbel: MAGIX erneut öffnen und mich gleich -bestenfalls- mit einer Katastrophe konfrontiert sehen. Weil ich doch etwas falsch gemacht habe, er die Dateien nicht einlesen kann, oder die Augen schlicht und ergreifend bekloppt aussehen…

Mäusebussarde…

14:17
Bloß zaghaft schielt die Sonne durch die von hinten beleuchtete und dadurch weiße Wolkendecke. Rasenmäher. Kopfschmerzen. Vor wenigen Minuten war ich nur noch einen Atemzug davon entfernt, einzuschlafen. Aber ich erlaubte es mir nicht. Das Bein krampfte zu Mittag. Die Konsequenz daraus 1,3 mg Hydal. Nun obendrauf eine Koffeintablette. Obwohl ich nicht glaube, dass sie wirkt. Ich bin immer noch zu unruhig. Dabei war ich zuvor nach meinen letzten Worten mit dem Rollator erst auf der Terrasse gewesen, um dort den Mäusebussard zu verpassen, wanderte nach hinten, weil ich dort einen jungen hören konnte, hielt eine Ewigkeit Ausschau, kam zum Schluss, dass ich ihn nur von der Straße aus sehen würde können, raste im Schneckentempo zurück ins Haus, holte den Rollstuhl, fuhr mit diesem die Straße runter, näherte mich leise und ganz langsam seinen Rufen… Ohne ihn entdeckt zu haben, flatterte er plötzlich los, und zwar direkt neben mir, und suchte das Weite.
Etwas verärgert fuhr ich zurück die Einfahrt hoch. Wieder konnte ich ihn hören, wieder direkt vor mir, aber ich sah ihn einfach nicht… Dieselbe Strategie, wenn man mit einem Rollstuhl überhaupt „schleichen“ kann. Und dasselbe Debakel wie zuvor: Direkt vor mir machte er sich aus dem Staub!

Dann wurde mein neuer Sofasessel geliefert. Die Lieferanten waren so freundlich, das neue Luxusstück ins Wohnzimmer zu bringen. Um dort auf dem Holzboden eine mindestens 1 m lange Schramme zu hinterlassen, die Sebastian auffiel. Mir natürlich nicht, als es geschah. Aber mal ehrlich: Hätte ICH irgendetwas gesagt?!

Mir läuft die Zeit davon, mir rast das Herz, ich will alles gleichzeitig und auf einmal schaffen. Aber diesem winzigen Fetzen aus meinem Traum heute Nacht sollte ich (so noch ein wenig Vernunft in mir wohnt) Aufmerksamkeit schenken:
An die Rahmenbedingungen erinnere ich mich nicht mehr. Zuerst war jemand zu Besuch, mit kleinen Kindern. Diese Kinder wurden aber uns geschenkt. Und dann war es wieder so, dass der kleine Junge (oder das kleine Mädchen -ich erinnere mich nicht und spielt wohl auch keine Rolle) Sebastians Kind aus erster Beziehung war. Und ich somit die Stiefmutter. Zuerst hatte ich keinerlei Bezug zu diesem kleinen Menschen. Das Kind eiferte mir nach, als ich den Vögeln zu fressen gab. Es nahm gleich einen ganzen Eimer voll mit Sonnenblumenkernen und verschüttete diese auf der Terrasse. Kochte Wut in mir hoch? Oder sogleich Verständnis für dieses arme, kleine Wesen? Es war ja nicht böse gemeint, lediglich tollpatschig. Ich konnte sehen, wie gleich mehrere Menschen (der Besuch, ganz sicher Sebastians Schwester, der Schwager und noch andere Gestalten) mich eingängig beobachteten.
Ich schimpfte nicht. Auch maßregelte ich das Kind nicht. Das Kind tat mir leid. Ich sah in ihm plötzlich eine verstoßene, verhasste, verteufelte kleine Kinderseele, die für etwas verantwortlich gemacht wurde, was sie ja gar nicht gemacht haben kann. Aus dem einfachen Grund: WEIL ES EIN KIND WAR!!!
Vermutlich sagte ich irgendetwas wie: „Das nächste Mal wird es schon besser gehen. Aber danke, dass du mir hilfst. Die Vögel werden sich freuen!“. Ich streichelte dem Kind über die Stirn. Ich nahm das Kind in den Arm. Vermutlich weinte es. So drückte ich es noch fester an mich, gab ihm einen Kuss auf die Wange, schaukelte es in meinen Armen: „Ich passe auf dich auf…“…
(Mich selbst diese Worte nun aussprechen zu hören, löst noch viel mehr in mir aus als der Traum an sich, oder meine rationalen Überlegungen heute Morgen dazu.)
Als wir ins Haus kamen, wurden allseits Maulaffen feilgehalten. Irgendjemand sagte zu Sebastian, und vielleicht war es auch Constanze: „Ich hätte NIE gedacht, dass sie in der Lage ist, das Kind zu küssen!! Wäre nicht einmal so weit gegangen, in Erwägung zu ziehen, dass sie es in den Arm nimmt, überhaupt berührt!!“.

Man kann nun denken was man will. Rumpelstilzchen, ich mir selbst vorwerfen, den Trauminhalt total zu verdrehen. Denn -wie erst gestern in irgendeiner Gerichtssendung gehört- Erinnerungen haben nicht sonderlich viel Wahrheitsgehalt, sind zu instabil, zu plastisch, wie warme Knetmasse…
Aber ich ahne, was Markus dazu sagen wird. Und es geht nur nicht darum, ihm auf Teufel komm raus zu gefallen und wiederzugeben, was er hören will. Denn aus meinem eigenen Munde käme dieses Thema wohl nicht. Noch nicht. Vielleicht auch nie. Also muss der Umweg über das Träumen genommen werden.
Das Kind, das bin ich, war ich, und verkörpert (immer noch vorhanden,… auch wenn Rumpelstilzchen wettert, ich hätte mir das einreden lassen, um Aufmerksamkeit zu bekommen) mein inneres Kind. Dieses Kind, das ICH SELBST als Nutte, Hure, Schlampe, Flittchen, DRECKIGE FOTZE tituliere. Von dem ich überzeugt bin, dass ihm gar nichts passiert ist! Trotz allem im Widerspruch dazu, dass sie ein notgeiles Miststück ist!!! Ist, damals war…
Eine narzisstische Missgeburt!! Der niemand etwas angetan hat!! Und erneut völlig ambivalent dazu die Überzeugung, dass sie selbst schuld ist!! Mit breit gespreizten Beinen die kindliche Möse jedem entgegen gestreckt hat!!! Wie ein räudiger Köder, der mit seinem Hintern vor lauter Geilheit unentwegt über dem Boden rutscht!!! Dieses Kind, das allein bereits ob seines weiblichen Geschlechts nur so vor Dreck trieft!!!

Mein Wortschatz würde durchaus noch Beschimpfungen für eine weitere halbe Stunde hergeben… Aber mit dieser kleinen Exkursion in meine ganz persönliche Anschauung, meine Kindheit betreffend, sollte ich eindrucksvoll und für Hinz und Kunz deutlich klargestellt haben, WAS FÜR EIN MONUMENTALER SCHRITT ES IST, DIESES KIND zumindest im Traum anzunehmen, in den Arm zu nehmen, in der Umarmung in Trauer und Schmerz und Angst zu verschmelzen…

Ich hatte meine Tante per Mail gefragt, ob ich denn in meiner Kindheit „sehr körperlich, anschmiegsam“ gewesen sei. Sie hatte doch bei der Geburtstagsfeier meiner Mutter samstags einerseits ihr Erstaunen und zugleich ihre Wahrnehmung als Beobachterin geäußert (die für sie bis dato Bestand hatte und alles erklären konnte): „Neeeiiiin…. Als Kind warst du völlig normal!! Du hast dich erst nach dem Tod von Oma verändert, mit 16 damals!“. Darauf wollte ich natürlich wissen, wie diese Veränderung ausgesehen hätte. „Ganz normal… Du bist in die Pubertät gekommen, warst nicht mehr Kind, aber auch noch nicht Frau.“.
Woraufhin ich ihre Sicht von meiner Realität „ein wenig zurechtrücken, wenn ich da erschüttern“ durfte: „Von wegen! Ich war bereits mit sechs Jahren auffällig…“.
Aber nun zurück zur eingangs erwähnten Fragestellung. Sie hat mich falsch verstanden. Und oder besser gesagt aber zugleich ist die Antwort in diesem Kontext noch interessanter: „Für uns warst und bist du unser drittes Kind, ein kleines Schmusekätzchen! Deine Vorliebe zur Nacktheit war im Kleinkindalter ganz normal, fand ich.“.

Irgendwie stockt mir da der Atem. Und muss nun zwangsläufig sagen, dass der Traum nach Lesen dieser Nachricht stattgefunden hat. Wäre es doch wahrscheinlicher gewesen, mich dann erst recht als kindliches Flittchen, Prostituierte zu sehen!!!

Der Rasenmäher treibt mich in den Wahnsinn! Ich bekomme Halsschmerzen, die Stimme versagt, die Kopfschmerzen werden zusehends heftiger. Der immer häufigere Blick auf die Uhrzeit verschärft mein Problem mit mir selbst. Bin ich doch ein Junkie???
Da geht noch mehr…
Da MUSS noch mehr möglich sein!!!…
Aber mit welchen Mitteln?…

15:34
Mein Schädel scheint zu glühen! 37,5°C. War die Heizdecke zu warm? Ich hatte meine liebe Not, ins Badezimmer zu torkeln. Mich am Waschbecken zu halten, während eiskaltes Wasser über meine „Glühbirne“ lief.
Den Ventilator zusätzlich anwerfen. Novalgin, Aspro oder noch mehr Tramal? Nur noch eineinhalb Stunden allein zu sein, den Nachmittag verschissen zu haben, macht mich im wahrsten Sinne des Wortes „KRANK“. Der Tag hat zu wenig Stunden! Und die Erschöpfung, die Müdigkeit wird schlimmer und schlimmer!
Das erinnert mich an so manch ein Video von mir, wenn ich gerade von derlei Situationen (sehr beliebt im Sommer) berichte und dem Kampf, der fast zwangsläufig jedes Mal damit einherging.
Der Gaumen schon wieder staubtrocken. VERDAMMT! Ich habe eine halbe Wassermelone zu Mittag gefressen?

Mein linker Unterarm liegt nun schutzlos vor mir, auf meinem Schoß. Die Blutreste von gestern abgewaschen. Kein Vergleich zum ersten Schlachtfest. Lächerlich die Spuren, die es hinterlassen hat.
Meine Augen verdrehen sich.
Würde ich schlafen, käme ich nicht mehr hoch. Und nachts keinen Schlaf zu finden, wäre damit vorprogrammiert. Mir wird schlecht.
Novalgin oder Tramal? An meiner wackeligen Gesamtkonstitution kann man ohnehin nicht mehr viel ruinieren…

40 Tropfen Opioide. Und dann ans Video. Während mein schlechtes Gewissen nach draußen schielt und mir vorzuwerfen weiß, dass es bald -und schneller als mir lieb ist- wieder kälter wird, ich mich nicht anziehen, nicht ausziehen kann und somit dazu verdonnert, verdammt bin, im Haus bleiben zu müssen!!!
Egal wie, egal was ich mache… Unterm Strich ist es schon vorweg die falsche Entscheidung!!!
Bitte stell mich ab!! Bitte…

16:05
Mein Blutzucker kollabiert. Oder der Mineralstoffwechsel, was weiß ich!! Zu viel getrunken…
„Trink weniger.“, der Pflegeschüler (Praktikant bei der Volkshilfe) montags.
Dann vertrocknet der Gaumen von den Antidepressiva und Spasmolytika!!!

Schon vergessen, welcher Satz folgen sollte.
Achja… Die Hände unbrauchbare spastische Fäuste. Kann nicht tippen; laute Musik angemacht, um die müden Geister wach zu rütteln.
Herzrasen; nun physischer Natur, zwecks Ausschwemmen…

JAMMERN!!JAMMERN!!! JAMMERN!!!!
BESCHISSENER, WERTLOSER KRÜPPELWASCHLAPPEN!!!!!

Alles an mir zittert, während tote „Vorbilder“ um ihr Leben singen, brüllen, schreien (Linkin Park)…

16:29
Selber schuld…? Weil medikamenteninduziert? Weil ich es nicht anders verdient habe? Weil ich schlecht bin? Bestraft gehöre?…

Kind, ich bitte dich, mach die Augen zu…

16:56
Gefühlt zum ersten Mal an diesem Tag tief durchatmen dürfen. Jeder Schnitt läuft an gleich mehreren Stellen aus. Kurzzeitig wird die Panik mehr. Ich scheine keinerlei Ausweg mehr zu haben. Ich denke, ich muss mich umbringen.

Das Lied donnert durch den Raum, direkt in mein wütendes Herz, meine gehetzte Seele…
Es kam genau zu dem Zeitpunkt raus, als unklar war, ob ich wieder laufen würde können oder nicht. Es wäre das perfekte Stück für einen Sprint gewesen. Dachte ich damals. Hoffend, es dafür noch einsetzen zu können. Aber der Kampf war vergebens und es gab keinen Sprint mehr, nicht einmal ein moderates Tempo…

Geschmacklos hin oder her; laut mitgesungen, als würde ich mir die Seele aus dem Leib schreien, während mein einziger Retter, die Rasierklinge, einen Schnitt nach dem anderen platzierte…

Was bist du nur für eine feige Sau!!!

Versagt? Mir keine Mühe gegeben? Es nicht einmal versucht?…
Es blutete und blutete, während mir die Zeit davon lief.
Er kommt bald nach Hause. Die Panik reitet auf diesem Gedanken einen wilden Ritt. Nicht wissend, welchen tieferen Sinn der Satz „Nicht mehr allein sein…“ eigentlich hat.
Ich weiß es nicht…
Weiß es einfach nicht…
WAS weiß ich schon?…

Das doch so unschuldig wirkende weiße Blümchenkleid mit meinem Dreck besudelt. Zwei dicke Blutstropfen, gierig absorbiert vom Stoff, als sei es sein einziges Ansinnen, mich zu verraten: „Schaut! Schaut alle! Seht her, was die Geisteskranke verbrochen hat!!!“.
Die Sätze kommen zähflüssig und schwinden, ohne jemals einen Schatten besessen zu haben!

Was wollte ich sagen…?

Funktionieren müssen. Lächeln müssen.
Dankbar dafür, diese Plattform zu haben. ES aussprechen zu dürfen.
Du machst es nur noch schlimmer, das weißt du. Warst nicht du es, die postulierte, dass die Mischung, oder die Benzos bereits ganz allein die Panik nur noch anheizen?

Ich hatte nachgedacht. Über die Geburtstagsfeier. Die darauf folgenden Sterbefantasien.
Darüber nachgedacht, dass mein Verhalten meiner Mutter gegenüber nicht fair sei. Wenn sie, falls sie nichts mit all dem zu tun hat. Ich war ihr gegenüber doch immer so ehrlich… Damals…
Wäre es nicht das mindeste, ihr eine Nachricht zu schicken, einen Brief, um mich zu erklären? Mich zu entschuldigen scheint bereits im Vorfeld vergebens. Ihr mitteilen, warum und weshalb die Kontaktsperre vonnöten sei. Zumindest den Versuch unternehmen, behelfsmäßige Erläuterungen aus mir raus zu quetschen.

Ich denke, ich bin es dir schuldig. Sollte dir endlich erklären, warum ich mich verhalte, wie ich mich verhalte. Aber wie sollte ich dieses Chaos in Worte fassen? Ohne Erinnerung? Was habe ich schon vorzuweisen? Aversionen (Abneigungen), Ängste, Gefühle, eigentlich nichts als Gefühle… Tue ich dir Unrecht? Die ganze Zeit schon? Mir wurden diese Gefühle und Ahnungen nicht eingeredet. Sie stammen von mir, mir ganz allein. Und wenn ich an meine Kindheit, an uns als Familie denke, sehe ich kaum einen Bruchteil, der heil wäre.
Ursache-Wirkung. Seit Jahren kämpfe ich mit mir selbst, fechte eine Schlacht aus, die ich nicht gewinnen kann… Nicht ohne Hilfe und erst recht nicht ohne Erinnerungen.

[….]

Betrügen mich meine Gefühle, bin ICH das Problem?
Keine Erinnerungen. Aber Flashbacks. Und Albträume, Albträume, Albträume. Diese werden mehr und mehr und immer intensiver und immer deutlicher. Seit 2013 zeichnet sich eine Konstante ab: Immer ein und derselbe Täter.
Warum sehe ich dich seit ich noch so klein war ständig sterben?
Warum fühle ich mich dir gegenüber so schuldig?
Was soll ich angestellt haben, um in mir selbst das Urteil mit mir herum zu schleppen, ich würde dich umbringen?

Fachliteratur, Fachleute sprechen davon, dass ein Kind unter der Drohung missbraucht wird, dass, sollte es darüber reden, die Mutter umgebracht oder sterben würde vor Gram.
Es ist die Rede davon, dass es eben NICHT normal ist, bis 11 ins Bett zu machen. In den späteren Jahren habe ich es selbst zu vertuschen gewusst.
Auch ist symptomatisch, dass missbrauchte Kinder nicht erwachsen werden wollen/können/dürfen. Und sich umbringen oder es zumindest versuchen, wenn sie an der Schwelle zum Erwachsenenalter stehen.
Und selbstverständlich darüber hinaus.

[….]
Es tut mir so leid…“

So oder so ähnlich?
Und wie viel Zeit habe ich jetzt damit vergeudet???
Die Panik übermannt mich, ringt mich nieder, drückt mich zu Boden, würgt mich, und ihr vergifteter Atem und ihre boshaften Augen sprechen nur eine Sprache: „ICH BRING DICH UM, WENN DU ES NICHT SELBST MACHST!!!“.

Die Sonne scheint. Der Himmel beinahe blau. NICHTS geschafft. Das Dokument von der Firma unangetastet. Das Video noch lange nicht fertig. Und der Rausch verraucht…
Warum sterbe ich nicht???
Und wo oder wann war der Punkt erreicht, als der Tag aus dem Ruder lief?
VERDAMMT, ICH WEISS ES EINFACH NICHT!!!!

19:25
Sebastian hat mich in den Arm genommen, ganz fest gehalten, eine Daseinsberechtigung für ein paar zaghafte Tränen geliefert.
Ihm den Text geschickt. Damit er sich mein Chaos durchlesen kann, um vielleicht etwas besser zu verstehen…
Warum ich eben glaube, eine Sollbruchstelle eingebaut bekommen zu haben, und dass die Garantiezeit nun abgelaufen ist.
Noch einmal eine zweifache Dosis Tramal. Aber danach? Eine Weitere? Ich weiß es nicht! Definitiv eine Temesta… Und als diese nach einer halben Stunde immer noch nicht anzuschlagen beliebte, ein Gewacalm obendrauf.

Die Bussarde riefen so laut, die Elterntiere konnte man immer wieder vorbeifliegen sehen. Demnach für vielleicht 5 Minuten mit dem Rollstuhl ums Haus gefahren. Aber alles dermaßen verwuchert, man vermag die Spitzen der alten Bäume oben im Wald nicht zu erkennen, alles verdeckt.
Mir selbst ein Versprechen geben: Morgen Vormittag werde ich draußen auf der Terrasse warten. Dann, wenn man es dort noch aushalten kann, die Sonne noch nicht alles verbrennt. Bestenfalls mit dem Notebook, um die Büroarbeiten abzuschließen.

Das klingt doch alles wunderbar, du hast ein Ziel, einen Plan!“

Ach, halt die Schnauze!!

19:57
Mein Schädel wird schwerer und schwerer. Habe ich ENDLICH eine sogenannte Wohlfühlzone erreicht? Der Körper will schlafen, die Augen verdrehen sich wie bereits mittags. Die Schultern schwer, werden schwerer, noch schwerer. Abendlicht liegt über dem Hügelland. Ich sehe zusammenhangslose Kindheitserinnerungen. Fußball spielen mit meinem Bruder, ich komme soeben mit Kolga von einem Halbtagesausritt zurück, ich sitze hinter der Garage auf dem Betonziegelstein und weine der Nacht entgegen, ich kann das leckere Abendessen, welches meine Mutter gerade zubereitet, bis nach draußen riechen, es sind Sommerferien und meine Schulfreundinnen unten bei der Volksschule spielen mit mir bis es dunkel wird. Meine Mutter kommt, um mich abzuholen. Aber sie verstrickt sich in ein Gespräch mit Marianne, der Schulwärtin, und wir Kinder sind mal froh, dass die beiden ausreichend Stoff auszutauschen haben. So müssen wir nicht ständig bitten, noch ein bisschen weiter toben zu dürfen.

Es ist schön, idyllisch… Friedlich. Aber tief in einer dunklen Ecke meines Magens rumort etwas, fordert immer lauter Aufmerksamkeit. Als wäre es ein Warnsignal, dass sich immer hysterischer schrillend in die Magenschleimhaut eingräbt…

Was will es von mir? Ist doch alles so wunderschön!
Aber die Nacht ist gnadenlos, schiebt sich über den Abend und frisst auch noch die letzten Reste Licht. Was bleibt, sind Glühwürmchen und bestenfalls ein klarer Sternenhimmel. Und wie aufeinander abgestimmt, perfekt trainiert und konditioniert, kommt die Panik im „starken Trab“ um die Ecke gebogen und hält zielsicher und dabei gnadenlos auf mich zu…

21:41
Mit offenem Mund, die Kinnlade hängt teilnahmslos, unkontrolliert runter. Alles doppelt sehen. Den Kopf zu schütteln hilft nur wenige Sekunden. Guter Dinge, zumindest schlafen zu dürfen.

Sebastian schläft längst auf dem Sofa und ich hatte noch kein Abendessen.

HUNGERN bekäme dir ohnehin besser!!

Beim Lesen vermischten sich in meinem Schädel Außenreize, Erinnerungsfetzen, bereits dagewesene Träume mit welchen, die eventuell noch kommen werden und beinahe psychotisch irgendwelchen Bildern, ich male mir die Realität unfreiwillig bunt und skurril und zugleich obskur… Surrealismus im Rauschzustand.
Nun ist genug, es reicht, kann kaum noch sprechen…

Es tut mir leid. Wirklich, auch wenn es manch einem schwer fällt zu glauben. Ich tue das nicht, um jemandem zu schaden, runter zu ziehen, die Laune zu ruinieren.
Aber diese ganzen Gedanken müssen raus, irgendwohin raus, ehe ich daran stillschweigend zugrunde gehe…

29. Juni 2018, Freitag „Henkersmahl…

8:26
58,2 Kilo um 6:45 Uhr; ohne Entwässerungstablette und ohne Stützstrümpfe. Die Verdauung liegt weiter im Koma. Habe ich es geschrieben? Dass sich in der Situation mit dem starken Durchfall in Deutschland, im Zusammenspiel mit diesem Missbrauchstraum, als die riesige Hand zwischen meinen Kinderbeinen lag, gefühlt einen prägenden Eindruck hinterlassen hat? Weil ich doch an mir runter sah und dem Kind passierte nichts! Ich durfte Teil daran haben, wie die Kleine ihren missbrauchten Unterleib abgespaltet hat! Wie sich im Weltall ein Raumschiff von seinem Raketenantrieb löst…

Habe ich oder habe ich nicht? Mieke fragte mich gestern, ob ich denn nichts spüren würde. Von wegen Völlegefühl, Druck auf dem Bauch, Blähbauch… Aber eigentlich nicht.

Die Krämpfe nehmen zu, machen mich krank. Die eine Temesta war kurzfristig eine kleine Hängematte für die Seele. Ich habe die Idee mit der Selbstverletzung so lange hinausgezögert, bis er nach Hause kam. Wir gingen ins Bett. Dieses empfand ich erneut als unerträglich, ekelhaft, widerlich, DRECKIG! Und die Beine krampften… 2 mg retard und 2,6 mg vom normalen Morphin. Zusätzlich eine volle Dosis Gewacalm, 5 mg. Also… Volle Dosis an dieser Stelle gleichzusetzen mit einer Tablette.
Ich war wach, ich schlief, ich wurde durch Epochen meiner Vergangenheit geschleudert, ich träumte von der Vergangenheit. Um nun nichts mehr auseinanderhalten zu können, im eigentlichen Sinne auch nichts festgehalten… Alles weg.
Der graue Himmel, die Vögel draußen, leisten ihren ganz eigenen Anteil an dem Prozess. Die meiste Zeit des Tages bin ich nur noch 4 und dann wieder 15, mal neun Jahre alt, dann 11 und zurück zum vermeintlich entscheidenden Alter von sechs Jahren. Ich bin nicht mehr im Jetzt. Ich bekomme nichts mehr mit. Merke mir nichts. Außer vielleicht dass ich der dummen Tabletten wegen mich heute noch unsicherer bewegen kann. Meine Augen verdrehen sich, wollen schlafen. Aber ich habe abends noch mit der Animation begonnen. Das soll ja schlussendlich auch nach etwas aussehen…
Um 10 Gespräch mit Markus. Wenn sie mal pünktlich kommt, um 11 Therapie mit Sonja. Meine Augen driften ab, bleiben noch häufiger und latenter ihm Nichts kleben. Wie Fliegen in einem Spinnennetz und es kostet dermaßen Überwindung, Kraft und Anstrengung, den starren Blick loszureißen. Da meine ich mich plötzlich erinnern zu können, das wäre bereits als Kind und Jugendlicher so gewesen…

17:22
Der Himmel weiß nicht so recht. Ich weiß nicht so recht. Hin und her gerissen zwischen dem Wunsch, auszuruhen, weiter am Video zu arbeiten und erst recht draußen zu verweilen, um nicht alles zu verpassen…
Mittags für Sekunden eingeschlafen. Dann kam er nach Hause, es gab etwas zu essen und das linke Bein trieb wieder seine Spielchen mit mir: es krampfte bestialisch!! Drauf klopfen, den Oberschenkel verprügeln, Ventilator… Alles sinnlos.
Was habe ich geschluckt? 1,3 mg Hydal? Ein Säckchen Magnesiumgranulat. Und dann, als die Unruhe auf dem Sofa angeheizt durch die neuropathischen Schmerzen immer schlimmer wurde, erneut 1 mg Temesta. Nebenbei erwähnt die verspätete Mittagsdosis vom Tramal bestand wieder aus 20 Tropfen. Nicht wie gewöhnlich 15.

Auf meiner Oberlippe herum kauen. Dabei kann und wird es nicht bleiben dürfen. Selbst wenn es dazu beiträgt, meinen Körper noch instabiler zu machen. Ich nicht aufstehen, nicht stehen und nur sehr schwer gehen kann.
Habe ich es erwähnt? Markus hat mir angeboten nach der Feier mit mir eine Sitzung abzuhalten. Schlimmstenfalls werde ich diese auch benötigen. Ich vermag den Gedanken nicht abzuschütteln, mich bestrafen zu müssen und dort NUR mit einem blutenden Unterarm antanzen zu dürfen.
Damit man mich nicht falsch versteht: Ich will und werde damit niemanden unter Druck setzen. Nicht drüber reden und erst recht nicht zur Schau stellen, was ich mit mir selbst angestellt habe. Aber ich brauche scheinbar die beruhigende und zugleich pochende Gewissheit, dass ich ein schlechter Mensch bin und erst recht an allem schuld!

16. Juni 2018, Samstag „Mein Gefühl sagt mir…“

18:12
Morgens waren es 57,5 Kilo. Ich fühle Panik. Weil sich Besuch sporadisch angekündigt, aber das Telefon bis jetzt noch nicht geklingelt hat.
Vormittags waren wir wieder bei einer Shoppingtour, Feldbach. Im Möbelladen so einen elektrischen Sofasessel angeguckt. Beschlossene Sache: So ein Ding wird bestellt! Verfügt sogar über eine Aufstehhilfe!
Hilft aber nicht über die Panik hinweg. Wird dadurch vermutlich eher noch mehr geschürt. Wieder Geld ausgeben? Keine Ahnung, wie es auf meinem Konto aussieht?

[…..]

Dieser kleine Ausflug in die Verwandtschaft, dank Sebastians Erzählung, genügte wieder. So viel zur Fragestellung gestern in der Sitzung, was ich mir eher vorstellen kann: Wie von Rumpelstilzchen gefordert „einfach normal sein“ oder Kontaktsperre? Und dann halte ICH mich für verrückt? Wer besitzt hier mehr Selbstreflektion?
Soviel ist sicher: Ich brauche jetzt etwas, von irgendetwas etwas mehr… Abenddosis…

Es wird 18:34. Kein Gilenya mehr in der Dose. Acht Schuss vom Tramal. Im zweiten Möbelmarkt sprach mich unverwandt eine ältere Dame von hinten an, nachdem wir gerade den Lift verlassen hatten: „Entschuldigung, darf ich Sie etwas fragen? Sie haben keine MS, oder? Nein, ganz sicher nicht…“. Ich musste mit dem Rollstuhl erst eine Chicagowende vornehmen, um sie sehen zu können: „Doch…“. Daraufhin begann sie gleich zu erzählen, von ihrem Sohn, der sei 50, und ihm ginge es gar nicht gut, dass sie unablässig am „Studieren“ (wie man hier in Österreich zum Grübeln sagt) sei, wieso und weshalb und warum, und erst recht warum es noch nicht längst eine Heilung gibt. Dann überraschte sie mich. Ich meinte nur, in meinem Fall gäbe es wohl eine große psychosomatische Überschneidung, worauf sie sagte: „Ob Kind oder Jugendlicher, egal. Alles, was dir da passiert, schleppst du den Rest deines Lebens mit dir mit…“.
Und wieder sitze ich für meinen Teil hier und frage mich, warum ich mich seit frühesten Kindertagen so schuldig fühle. Was muss ich getan haben, dass in mir das Gefühl entstand, nicht leben zu dürfen?
Erneut hatte ich mich an Markus aufgerieben; schlussendlich geweint. Der Witz ist: Ich weiß jetzt nicht mehr an welcher Stelle ich zusammengebrochen bin. Lediglich das weiß ich noch, abends allein (Sebastian war mit seinen Freunden weg) „Tote Mädchen lügen nicht“, die neue Staffel, geguckt zu haben. Und als die erste Folge zu Ende war, brach ich ohne Vorwarnung in Tränen aus. Wegen dem Satz im Abspann, dass man sich Hilfe suchen soll, wenn man mit Mobbing, sexuellem Missbrauch, Selbstmordgedanken zu tun hat, mit Adresse anbei?
Nach der zweiten Folge dasselbe Bild.

WARUM DARF ICH ES NICHT ZULASSEN??? WARUM WIRFT MIR DIE STIMME IN MEINEM KOPF VOR, ICH WÜRDE MIR ALLES NUR EINBILDEN, UM AUFMERKSAMKEIT ZU ERHEISCHEN, DA SEI NICHTS GESCHEHEN??!!! ZUGLEICH ABER AUCH, DASS ES AM BESTEN WÄRE, ICH BRÄCHTE MICH UM!! ZUM WOHLE ALLER!!!…

Mein Gefühl sagt mir, wegen den letzten Tagen am Video bereits den ganzen Juni verpasst zu haben. Bald wäre Sommersonnenwende, und dann ohnehin die Hälfte des Jahres vorbei und somit ALLES hinfällig, verpasst, tot.
Augenblicklich wie hier drinnen im Haus gefangen. Warum fahre ich nicht hinaus? Heute scheint die Sonne wieder, ist es draußen doch so schön. Als wir von unserem Einkauf zurückkamen, kaum war ich dem Auto entstiegen, präsentierten sich mir wie bestellt gleich zwei wunderschöne Insekten, wie auf dem Präsentierteller, direkt vor mir. Letzteres war ein Trauerfalter, der sich nun wunderschön den Brombeerenblättern niederließ und filmen ließ.
Bereits da packte mich die Wehmut. Aber ich ziehe keine Konsequenzen draus (schon wieder nicht), denn ich hatte ihn ja gebeten, mir Tee zu machen.
Morgen soll es schön werden. Sommerliche Temperaturen. Ich freue mich jetzt schon auf die geschwollenen Beine. Und einen weiteren Tag mit der Auseinandersetzung, wann ich mich wieder verletzen muss…

12. Juni 2018, Dienstag „Neue Route?…“

9:45
Mal etwas anderes ausprobieren…

Wer hat DIR denn ins Hirn geschissen??!!

Vermutlich ist es nicht mehr als eine Seifenblase. Wird spätestens morgen platzen. Aber dennoch sei erwähnt, dass selbst die Ängste vor meiner vermutlich katastrophalen Zukunft mich nicht aus der Lethargie, eigentlich schon der Agonie zu befreien wussten. Wer würde in diesem Kontext auf die Idee kommen, dass eine Essstörung zum Helfer in der Not wird?
58,1 Kilo um 6:45 Uhr! Horror! Mit dem kleinen Unterschied zu sonst: Es zeichnete sich bereits abends ab!
Warum ich es voraussagen konnte?
Beide Füße dermaßen dick geschwollen, meine Sprunggelenke dem Ödem zum Opfer gefallen, von diesem verschlungen worden! Sebastian amüsierte sich: „Die Füße von einem kleinen Baby! Kleine Stampfer!“. Und ich dazu verdammt, mich wieder einmal zu verachten.
Jetzt kommt aber das große ABER! Dass ich nicht malen würde, war ohnehin klar. Das Frühstück verzögerte sich, viel zu sehr damit beschäftigt, Daten vom einen zum anderen Computer zu transferieren. Erst recht die ganzen Videoclips, um nun mit dem neuen Rechner weiter arbeiten zu können… Eher „zu müssen“. Aus irgendeinem Grund darf ich nun das Schnittprogramm nur noch auf dem Neuen benutzen, nicht mehr auf dem Notebook. Was sehr ärgerlich ist. Erst recht, dass ich auf dem neuen Kasten die Videodaten nicht auf C: in den allgemeinen Videoordner schieben konnte. Weil dieser ja „zu klein“ ist. Alles VERschiebt sich, und so ich das Notebook irgendwann doch wieder benutzen kann, wird das ein einziges Chaos, weil die Ausgangsorder nicht mehr ident sind!
Aber nun zurück zum kurzen Lichtblick. Ich konnte heute Morgen gut gehen. Bis zuvor war auch der Himmel grau, nichts setzte mich unter Druck. Leider hat mein Geschwafel gerade eben vom Bild eine weitere Plattform für Anspannung geliefert…
Während die Daten 100 Jahre brauchen, während ich sie kopiere, machte ich erst am Ende der zweiten Folge Küchenschlacht an diesem Morgen erst zwei Physioübungen für meinen Nacken und, nach meinem Ausflug gestern, so eine Gier auf meine Musik: Aufs Laufband, unerwartet 0,9 km/h geschafft. Nur 10 Minuten! Damit ich das heute im Laufe des Tages wiederholen kann!

Ist es infantil von mir zu glauben, damit den Ödemen einen Strich durch die Rechnung zu machen? Das soll wirklich reichen?

Das kriegst du sowieso nicht hin!!
Du bist und bleibst eine faule Sau!!!

Anschließend stand ich im Badezimmer, um mein Gesicht zu waschen. Ich konnte es aushalten… Empfand es sogar als annehmbar… Die blasse Haut, die dunklen Schattierungen unter den Augen…

Da wäre ja noch mein Traum von heute Nacht: Ich wohnte im Gasthaus. Ich war erwachsen und zugleich am Anfang meiner Pubertät. Wir waren in der Küche, vermutlich aß ich etwas. Da sagte mein Vater zu mir: „JETZT siehst du uralt aus! Älter als du bist! Früher hast du besser ausgesehen… Aber jetzt?!“, wandte sich angewidert von mir ab und verließ den Raum.
Aus irgendeinem Grund wusste ich genau, warum er das so sah: Weil ich zugenommen hatte! Weil ich schlicht und ergreifend FETT geworden war! Und er mag keine FETTEN Menschen! Zu mir hat er das zwar niemals gesagt (in der Realität), meinem Bruder und meiner Schwägerin gegenüber sich aber nie ein Blatt vor den Mund genommen. [….]

15:59
Sebastian sprach beim wahrlich unnötigen und erst recht ungesunden Mittagessen davon, dass ein Unwetter im Anmarsch sei. Das hat mich dann gleich dermaßen inspiriert…
Ich hätte mir nicht erlauben dürfen, vor der Glotze einzuschlafen! Es schmerzte doch alles, Rücken, erst recht Hintern! Wie kann man da nur friedlich einpennen?! Und wie immer keine Selbstkontrolle! Aus der gesetzten Deadline um 15:00 Uhr wurde mal eben 4!

Mein Gesicht schwitzt. Meine Füße? Geschwollen. Das Bild von mir selbst in meinem Kopf ähnelt dem eines zerlaufenden Spiegeleis in altem Bratfett!!…
Perfekte Grundlagen für die nächste kleine Selbstzerstörung. Aber der Katheterbeutel drohte zu platzen, und nachdem ich kurz vor Mittag ein zweites Mal für 12 Minuten auf dem Laufband war, gestalteten sich die wenigen Schritte nach dem Schläfchen ins Badezimmer ziemlich instabil. Meine nagelneue Brille gewaschen. Auch wenn die Sonne nun eigentlich ins Badezimmer scheinen würde, sorgen die ganzen Bäume und Sträucher für Dunkelheit. So wagte ich einen scheuen Blick in den Spiegel…

Das Gesicht dort… Kann es tatsächlich das Meinige sein? Ist das wirklich möglich? Nachdem ich vormittags doch Videoclips benannt und sortiert hatte, mitunter auch jenen, auf dem ich Sebastian mit dem Rollator entgegen gehe und URALT und dazu NOCH FETTER aussehe!! Keinerlei Körperspannung, und die Wampe… Als hätte ich einen kapitalen Bierbauch! Das kann man in diesem Fall nicht mal mehr als Schwangerschaftsbauch durchgehen lassen!!
Aber das Bild, welches sich dort im Spiegel abzeichnete, war hager. Kränklich. Fertig. Jedoch alles in einem positiven Zusammenhang. Dieses Gesicht würde auch gut in die Psychiatrie passen. Heruntergewirtschaftet. Essstörung.
Ich war positiv überrascht. Zumal ich vor dem Einschlafen und erst recht nach dem Aufwachen bis jetzt nur das Wasser in meinen Extremitäten gesehen habe. Wie unnatürlich, aufgeschwemmt nicht nur diese Stellen sein müssen.

Es hatte ja auch wirklich begonnen zu nieseln. Aber jetzt scheint die Sonne und ich sehe mich wieder mit dem Konflikt konfrontiert: Drinnen bleiben oder rausfahren? Aber wenn ich schon nicht male, es nicht einmal versuche, sollte ich die Zeit wenigstens (das Wort ist weg…) lukrativer zu nutzen wissen.
Den neuen Computer anschmeißen. Und morgen bekomme ich ein eigenes Tablet, um damit immer und überall Tagebuch diktieren zu können. Was das alles wieder kostet! Brauche ich das wirklich?

10. Juni 2018, Sonntag „Die Heimkehr wie ein Bombeneinschlag!!“

13:53
Womit fange ich an, wie soll ich dieses Chaos einigermaßen in Zaum halten, wenn ich doch bei jedem dritten Wort bereits eine Denkpause benötige, mich ausschalte, dissoziiere? Hätte ich im Haus bleiben sollen, nicht raus ins grüne Überangebot an Leben?

Verspätet diesen Tag beginnen wie eigentlich jeden anderen auch, um irgendwo Struktur zu finden: Mit Magenschmerzen und zitternden Knien stand ich um 12:15 Uhr auf der Waage, stellte mich meinem eigenen Scharfrichter, und hatte… Glück?
56,8 Kilo.
Was habe ich mich verachtet, wie fett mich selbst empfunden, ganz zu schweigen von dem, was ich im Spiegel sah. Aber nun genug, für Selbstbeschimpfung Hasstiraden bleibt immer noch genug Zeit. Dafür, dass ich die ganze Reise über mich eigentlich an keinen einzigen Traum erinnern konnte, wurde ich mit nächtlichen Bildern seit vorgestern regelrecht überschwemmt!!! Heute Nacht, ich kann sie nicht mehr zählen! Erst recht kaum beschreiben, wie heftig die psychosomatischen Symptome hinterher!! Das Herzrasen, die Angst!!

Von 7. auf 8. Juni 2018
Mit dem Traum von Donnerstag auf Freitag beginnen. Keine Notizen, lediglich eine kurze Sprachaufnahme auf der Videokamera. Ob ich daraus das Puzzle wieder zusammensetzen kann, bleibt offen.

Die Tonspur starten… Sebastian und ich schliefen nackt unterhalb meines ersten „sicheren Ortes“, meinem Hügel, auf der dunklen Wiese in einer Mulde. Beide waren nackt, aber man konnte uns von der Straße aus nicht sehen, wie zwei schwarze Gestalten, die mit der schwarzen Wiese verschmolzen. Aber auch lagen wir sehr nahe am alten Bauernhaus von Herrn Hirtenfelder, und der alte Mann musste etwas gehört haben. Im Haus ging überall Licht an, es rumorte, man konnte ihn poltern hören, schimpfen, er suchte etwas. Wir schlichen ums dunkle Haus herum, bis er zumindest mich entdeckte, und er hatte eine geladene Schrotflinte in der Hand. Da tauchte plötzlich von hinten eine Dame auf, Typ Tina oder innere Helferinstanz, und korrigierte meinen soeben ausgesprochenen Satz, meine Entschuldigung, und tischte dem alten Männchen irgendeine Geschichte auf, die er prompt glaubte. Er packte die Waffe weg und ging zurück in sein Haus. Die Frau verschwand.
Sebastian und ich kletterten den Hügel hoch. Allmählich wurde es hell. Beim Scheinwerfer von jedem einzelnen Auto duckten wir uns, aber alsbald würde man uns beide nackt dort oben sehen können. Oben auf dem Hügel war plötzlich eine Hütte, ein kleines Gartenhäuschen, wie ich es als Kind hatte. Nur proportional viel größer. Ich meinte mich im Traum zu erinnern, mit meinen beiden letzten Freundinnen lauter Material von unserem Hausbau dorthin geschleppt zu haben, um den Schuppen aus lauter Einzelteilen zusammen zu basteln.
Geschah es an diesem Punkt? Ich sah, ich hörte einen riesengroßen, bösartigen Hund, der mehr einem Werwolf glich, auf mich zu rasen. Sein gieriges Hecheln, das hinab Tropfen seines Geifers. Ich stellte mich tot, in die noch dunkle, aber allmählich von der Morgendämmerung feuchte Wiese gepresst wie ein verängstigtes Kaninchen!! Er war mir ganz nah, direkt vor mir, zwischen uns lediglich ein dünner Schleier aus Nebel. Er war so riesig und ich ein schutzloses kleines, nacktes Kind… Doch dann ein Aufblitzen in seinen gefährlich funkelnden Augen!! Jetzt war mir klar: „In der nächsten Sekunde stürzt er sich auf mich und wird mich zerfleischen!!! Es/er wird mich töten!!!“…

Atemnot. Panik. Herzrasen. Ich verwehrte mir Luft zu holen. So angestrengt, dass ich in Trance fiel. Ich dissoziierte. Scheinbar hielt ich damit aber die Zeit an. Dieses Gefühl während einer Dissoziation, dass um mich herum die Zeit plötzlich viel langsamer ablaufen würde, setzte auch nun ein. Ich sah das Monster in Zeitlupe zum Sprung ansetzen, wie es sich auf mich stürzen würde, zugleich der Gedanke, würde ich nun so wach werden, auch am Tag sterben zu müssen. Der Wolf flog, flog mir entgegen, dabei immer langsamer werdend…
Und ich? Duckte mich weg, bewegte mich zur Seite…
Er sprang ins Nichts!!! Für einen Augenblick erwachte ich, heilfroh, die Gefahr gebannt zu haben. Und träumte weiter…

Nun das Absurde: Plötzlich war er zahm, ein ganz lieber, freundlicher Streuner. Da waren irgendwelche Wildtiere, waren es Igel oder Gänse? Sie alle verschanzten sich in meiner Hütte. Der Hütte auf dem Hügel, der für mich ein sicherer Ort war als Kind. Aber nun kam irgendjemand aus Richtung Gasthaus quer über die Wiese, teilte mir mit, man verlangte nach mir. Ich sollte die Hütte zurückgelassen.
Ein Sturm, ein heftiger Windstoß!! Die Hütte wurde fortgeblasen, zu diesem Zeitpunkt stand ich unter dieser am Hang. Sie stürzte über mich hinweg und so haarscharf an mir vorbei; beinahe hätte sie mich erschlagen. Wieder Herzrasen, wieder Panik. Aber ich half dabei diese -nun einmal umgestülpt- wieder aufzustellen, etwas weiter unterhalb vom Hügelgipfel neu zu befestigen, zu verankern. Nun konnte man die Hütte vom Gasthaus nicht mehr da oben thronen sehen, sie versteckte sich sozusagen hinter meinem sicheren Ort. Die Tiere zogen wieder ein und auch irgendwelche Flüchtlinge. Unten an der Straße um den Hügel herum ging die Polizistin, mit der ich damals 2012 bei meiner Ausstellung im Dorf Kontakt hatte. Weil sie in meinen Bildern etwas Eindeutiges zu erkennen glaubte. Ich wollte ihr Fragen stellen, rief immer wieder hinunter und sie zu mir zurück hinauf, während ich langsam den Hügel hinabstieg.
Als wir unten auf halbem Wege aufeinandertrafen, sah sie und erkannte auch ich selbst eine riesengroße Beule auf meiner Stirn, mein Gesicht blutverschmiert. Aber zu Hause, im Gasthaus wurde das beflissen ignoriert. Oder keiner konnte es sehen. Irgendeine Festivität, meine Mutter kochte hinten auf der neuen Terrasse, die erst nach meiner Kindheit gebaut worden war, für mal eben 100.000 Menschen. Wir gingen an ihr vorbei, ich wollte mit der Polizistin in mein Kinderzimmer, um dort bestimmte Fragen zu erörtern. Aber wir kamen nicht so weit. Sie meinte plötzlich, gehen zu müssen. Ich sah sie durch das Gasthausfenster vorne auf dem Parkplatz stehen, und die ganze Szene machte den Eindruck, als sei sie ein ungebetener Gast, der das Haus nicht betreten dürfe. Als hätte sie es nie betreten. Keine Antworten, keine Fragen besprochen. Aber stattdessen hat sich meine Mutter ebenfalls einen neuen Termin bei ihr geben lassen: „Ich muss ja wissen, worüber ihr geredet habt!“.

Jetzt folgt noch ein zweiter Traum, von dem ich bereits nichts mehr wusste. Ebenfalls gleiches Datum.
Mit irgendwem war ich unterwegs. War wohl noch Kind oder Teenie. Dann war ich allein, wohl oder übel erwachsen und fuhr mit zwei großen Fahrrädern, einem roten elektrischen Kinder-Cabrio und meinem Rollator. Die Bundesstraße runter in Richtung Königsdorf durch den Wald, unten in die pannonische Ebene hinein, drehte dort wohl eine Runde und fuhr denselben Weg die Bundesstraße zurück. Zuvor hatten ja noch Freunde oder irgendwelche Bekannte (allesamt erwachsen) die Fahrräder gefahren. Aber nicht nur dass ich nun mit diesen ganzen Gerätschaften alleine war, etwa 1 km bevor der Wald beginnt, bevor es den Hügel hoch geht in Richtung Gasthaus, begann es zu der man. Das Unternehmen sollte doch ein positiver Start sein, ein gutes Zeichen, wieder zu trainieren, mein Leben selbst in die Hand zu nehmen, der MS etwas entgegenzusetzen. Und dabei schien ich nun allem Anschein nach die Zeit aus den Augen verloren zu haben. Es konnte ja wohl kaum Absicht sein, dass jemand am Himmel das Licht ausgeschaltet hat, oder…?
Spätestens am Wald, an der Steigung angekommen, war zappenduster. Ich hatte keine Beleuchtung an meinem Rollator. Mein Handy funktionierte nicht. Ich musste mich, musste meine Ängste überwinden und irgendjemanden anhalten, um um Hilfe zu bitten. Da kam mir ein Wagen, voll gestopft mit jungen Leuten, entgegen, hinten dran ein Anhänger und sie wollten mich sofort aus meiner misslichen Situation befreien. Denn ich allein, in dem dunklen Wald, der Bundesstraße, wo uns doch damals, als ich 16 war und den elfjährigen Nachbarsjungen dabei hatte, jemand einpacken wollte… Und das aber am helllichten Tag!!!… Wie gefährlich würde es dann nachts für mich als hilfloser Krüppel, erst recht weiblichen Geschlechts sein??
Sie packten die ganzen Fahrräder und das Kinderauto auf den Anhänger und fuhren nun aber in die entgegengesetzte Richtung, zurück in die Ebene, zurück zum Bach und dann zum Fluss.
Wir bogen rechts ab, in den kleinen Güterweg den Fluss entlang. Aber da war kein Asphalt mehr! Stattdessen ringsum nichts als Mais!!! Mannshoher Mais!! Dort hinein geschlagen eine schmale Schneise. Ich war zu Fuß. Hatte ich einen Stock? Keine Straße, kein Asphalt, und dennoch rasten permanent Autos an mir vorbei. Ich musste unaufhörlich links oder rechts tiefer in den Acker hinein klettern, um nicht überfahren zu werden. Was sehr beängstigend war, und erst recht nicht darauf vorbereitet, auf was ich scheinbar in der Mitte vom Acker stieß: Da war ein Guru!! Eine Mischung aus Markus und einem Osteopathen, zugleich Esoteriker und Sektenführer einer Art Hare-Krishna-Vereinigung, die es sich zur Aufgabe gemacht hatte, Krankheiten auf den Grund zu gehen und diese zu heilen. Er war soeben dabei auf der anderen Seite von dem seltsamen Pfad einen Tempel zu errichten. Eine Aztekenstatue war bereits zu sehen. Es sollte ein Zentrum der Heilung werden. Und dann kam ich gerade um die Ecke, das perfekte „Opfer“ oder der perfekte „Nutznießer“? Kaum hatte er mich in seinen Fängen (das klingt so negativ, soll es aber gar nicht… alles war nur irgendwie seltsam), begann er mich zu analysieren. Erst schossen seine Assoziationen ins Leere. Aber dann hat er mich wohl berührt! „Du musst unbedingt nach Wien!! Da gibt es seit einiger Zeit eine Heilung für deine MS!!!“.
Völlig paradox, wie ich nun reagierte! Ich brach in seinen Armen förmlich in mich zusammen! Konnte mich nicht mehr auf meinen Beinen halten! Ich weinte! Dann schrie ich laut!! Lauter und lauter: „ICH DARF NICHT GESUND WERDEN!!! ES DARF MIR NICHT GUT GEHEN!!! DAS DARF ICH MEINEN ELTERN NICHT ANTUN!!!“; lauter und lauter, als könne ich mich damit selbst bereits vernichten. Ich riss mich los. Weg, nichts als weg!!! ICH MUSS STERBEN! ICH MUSS MICH UMBRINGEN! ANSTATT GESUND WERDEN ZU DÜRFEN MUSS ICH MICH UMBRINGEN!!!…
War es auf dem Weg zum Guru oder auf der Flucht von diesem? Während ich ständig den Fahrzeugen ausweichen musste? Zudem sei auch noch erwähnt, da patrouillierten lauter Soldaten. In meinem Schädel manifestierte sich die Angst, beobachtet zu werden, schon die ganze Zeit, zudem konnte ich mich kaum noch bewegen, kam kaum vom Fleck. Irgendwer könnte mich weiter in den Acker hineinschleifen. Damit er mich dort vergewaltigt. Die Angst nicht abschütteln könnend, redete ich sie mir schön, ganz pragmatisch: „Dann habe ich es wenigstens ENDLICH hinter mir! Niemand kann mehr sagen, ich wurde nicht missbraucht. Wenn er mich dann auch noch umbringt, umbringen sollte… Auch gut…“.
Szenenwechsel. Wieder stand ich am Beginn des Waldes. Bereits ein paar Schritte die Bundesstraße hoch in diesen hinein. Aber es war helllichter Tag. Das Licht wieder angeschaltet. Ich saß auf einem Fahrrad. War erwachsen, der Drahtesel normal. Aber hinter mir stand meine Mutter und hielt mich fest. „Lass mich los!“, und ich trat in die Pedale -ich schüttelte sie ein Stück weit ab. Dann stand mein Vater hinter mir. Sie hatte zu ihm gesagt, er solle dann eben die Aufgabe übernehmen. Die „Aufgabe“? Er hielt mich wie ein Vater, der seinem kleinen, ungeschickten und dummen Kind das Fahrradfahren gerade erst beibringt. Auch davon riss ich mich los, ich wollte nicht, dass er mich berührt, und Sebastian sagte nur (wie am Morgen nach der Geburtstagsfeier bei seiner Oma, als mir diese beim Schmieren einer Stulle helfen wollte): „Sie will das alleine machen! Lasst sie! Sie wird dann schon um Hilfe bitten!“.

Mittlerweile ist es 15:16 Uhr! Für zwei Träume in einer Nacht! Die abschließende Korrektur, das Überfliegen noch nicht einmal eingeschlossen! Ich bewege mich überhaupt nicht, alle möglichen Stellen an meinem Körper beginnen zu schmerzen. Mittlerweile mit einer dicken Schicht Weidensamen dekoriert, unfähig, auch nur die Maus zu betätigen. Und doch: Es bedurfte lediglich kleinster Stichpunkte, um die Träume wieder aufrollen zu können. Erstaunlich.

Heute Nacht im Traum ein Filmchen nach dem anderen. Unklar, ob ich meine nächtlich festgehaltenen Hieroglyphen überhaupt entziffern kann… Ganz abgesehen vom stumpfen Buntstift und bei Traum zwei der plötzlichen Komplettlähmung meiner Rechten.
Ein Zettel fehlt und ich kann nicht denken. Da helfen die restlichen Teile auch nicht, um den Anfang aus der Versenkung auftauchen zu lassen… Oder?

Ich machte Therapie mit Markus. Per Computer, per Tablett, per Haustelefon. Ich wohnte im Gasthaus und saß im alten Wohnzimmer. Aber ständig kam irgendein Gast herein oder von draußen hörte ich jemanden laut schimpfen. Da war keiner, der aufpasste, der bediente. So sah ich mich gezwungen immer wieder unter Flüchen meinerseits hinter die Theke zu gehen und Leute abzufertigen. Eine Störung folgte nach der anderen. Aus irgendeinem Grund (vermutlich wollte ich Sport machen) ging ich mit dem Telefon in der Hand durch die Hintertür, quer durch den Garten, während Markus immer wieder in Monologe verfiel, die nichts mehr mit mir zu tun hatten, einem falschen Pfad folgten, Tatsachen verdrehten. Ich wurde immer zorniger, wütender, verzweifelter. Mir war ohnehin längst alles zu viel!!! Mir wuchsen meine unzähligen Träume über den Kopf, von denen ich noch keinen einzigen diktiert hatte, sowie mein Video, das Bild, das Malen allgemein…!!!! Entweder wollte ich mich umbringen oder einen radikalen Bruch geschehen lassen!!! Ich schrie, in den Hörer hinein, während er redete und redete, wie eine Wand und nichts von all meinem Geschrei hörte. Er kam zu keinem Ende, keine Atempause!! Dementsprechend brüllte ich immer lauter! Zudem nebenher immer noch unterbrochen von anderen Leuten, die meinen Weg kreuzten. Ich kletterte unten über den Zaun, wie damals immer als Kind, runter zum Zebrastreifen, überquerte die Straße, die Bundesstraße entlang, wieder in Richtung Königsdorf. Zumindest bis zur Einfahrt von mehreren Häusern. Dort wohnte nun Petra, meine Freundin aus Kindertagen und Schulkollegin. Sie stand einfach an der Straße und machte mir Vorwürfe. Währenddessen immer noch Markus in der Leitung. „Was fällt dir ein? Du hast mein Leben ruiniert! Wie kannst du nur solche Sachen, solche Unwahrheiten über mich bei Facebook verbreiten?!! Du bist das Letzte! Ich werde das Gleiche auch mit dir machen! Mal sehen, wie sich das für dich anfühlt!“. Ich war irritiert, konsterniert und zugleich fiel mir etwas ein. Hatte mir Sebastian nicht in diesem Traumuniversum zuvor davon erzählt, seit Tagen würden Facebook-Profile gehackt, millionenfach, und hatte es nicht auch seines erwischt? Wie lange habe ich meine Seite schon nicht mehr angesehen? Wer weiß, was dort passiert! Und davon versuchte ich sie nun zu überzeugen, aber es dauerte, ehe sie zustimmte, mit mir nach Hause ins Gasthaus zu gehen. Wollte ihr dort meinen Verlauf zeigen, dass ich definitiv seit Monaten nichts mehr mit Facebook zu tun gehabt hätte. Wieder zurück im Wohnzimmer meinte Markus wohl zu mir, er sei so schwer krank, er hätte im wahrsten Sinne des Wortes einen Genickbruch und könne die Sitzungen nicht weiterführen. Ob ich dafür Interesse hätte, mit seinem Kollegen einen Versuch zu starten. Ich willigte ein und war erst recht erstaunt, als ich zu hören bekam, wer denn dieser ominöse Kollege sei: „Lamictal! Die nächste Zeit nimmst du jeden Tag 40 mg, schlimmstenfalls mehr!“.
Da war Schluss mit aller Freundschaft: „GANZ SICHER NICHT!! ICH FRESSE KEIN ZEUG, DAS MICH WIEDER FETT WERDEN LÄSST!!!“. Er versuchte mich noch zu überzeugen, aber ich wollte einfach nicht mehr. Vermutlich wollte ICH es sein, die die Therapie abbricht. Und nicht Diejenige, die vor die Tür gesetzt wird!
Wieder wird es absurd: Meine Mutter war nicht begeistert, dass ich nun keine Therapie mehr machen würde. Oder war es schlichtweg der beste Moment, um das Ruder an sich zu reißen? Sie redete auf mich ein, wollte mich beinahe zwingen, zu dem Therapeuten zu gehen, den sie selbst kennen würde. Irgendein Bekannter wäre bei diesem bereits in Behandlung. Natürlich nicht zu vergessen, dass sie das ALLES selbstverständlich bezahlen würde!!! Das Kleingedruckte ließ sie aus. Dass sie dann auch die Kontrolle über die Therapie, den Therapeuten und erst recht über mich hätte.
Vehement lehnte ich ihr Angebot ab! Das passte ihr gar nicht. Und so kam es, wie es kommen musste: Ablenkmanöver! Ich war soeben aus irgendeinem Grund am ekelhaften Kühlschrank in der Gasthausküche zugange. Vermutlich wollte ich mir etwas zu essen rausnehmen, kam aber nicht so weit. Lauter abgelaufene und erst recht unbeschriftete Lebensmittel „aus der Vergangenheit“. Ich sah mich gezwungen ihn auszuräumen. Mehr und mehr vergammelte Lebensmittel stapelten sich oben auf der Arbeitsplatte. Und an irgendeiner Stelle bemerkte ich dann, dass dort (egal wie unlogisch das war) eine Flüssigkeit auslief. War es Öl? Stinkendes, ranziges und erst recht total dreckiges Öl?! Ich kam an die Stelle nicht heran, aber es lief und lief unaufhörlich aus dem Elektrogerät, durch die Dichtung der Tür, auf den nicht minder ekelhaften Plastikboden, um schlussendlich unter den Kühlschrank zu laufen und dort weiß der Himmel was zu machen!!! Eine Verschwörung?! Ein besudeltes Geheimnis horten, komme was wolle??!!! Weil „man“ weiß, dass ich drunter NIEMALS nachsehen würde? Weil mir davor viel zu sehr ekelt???!!!
Sie war also nicht begeistert. Viel schlimmer noch: Jetzt wollte sie meine Aufmerksamkeit! Meine UNGETEILTE Aufmerksamkeit und erst recht mein schlechtes Gewissen!!
Draußen hinter der Theke stand nun die Brotmaschine. Ich hörte, wie das Gerät einmal betätigt wurde. Einen Schrei, der eher einem Lachen glich, und noch eine zweite Betätigung. Dann kam mir meine Mutter aus dem Gastzimmer in die Küche entgegen gelaufen. Sie hielt mir den rechten Zeigefinger hin. Davon fehlte die Hälfte! Oben ragte wie aus dünnem, weißem Gummi ein falscher Fingerknochen heraus, der bei jeder Bewegung wackelte. Als sei das ein Comic!! „Angeblich“ ein Unfall. Warum aber dann dieses Verhalten? Sie begann zu schreien und das Blut spritzte aus der Wunde. Spritzte mir direkt ins Gesicht. Sie hing plötzlich auf meinem Rücken wie ein kleines Äffchen, das Blut besudelte mich weiterhin von oben bis unten, erst recht meine Visage. Konnte kaum noch was sehen, nicht sprechen, ich würgte unentwegt. Meinen Vater sollte ich holen. Der war draußen irgendwo und mit Holzarbeiten (???) beschäftigt. Völlig abgedreht! Auch fällt mir jetzt ein, dass diese Holzarbeiten mitunter der erste Störfaktor meiner Sitzung mit Markus gewesen sein müssen! Ich fand ihn und rief ihm zu, dass er seine Frau ins Krankenhaus bringen müsse. Aber selbst er sah nur mein beschmiertes Gesicht und lachte laut…

So wird es 15:58 Uhr, ehe ich mich dem letzten und vielleicht auch wichtigsten Traum widmen kann! Zudem sind die nächsten Wortbrocken auf den winzigen Zetteln noch unleserlicher. Als ich nach dieser Traumsequenz erwachte, war ich völlig unfähig einen Stift überhaupt zu halten. Die Hand ließ sich nicht öffnen, noch etwas umklammern. Der Arm wie tot.

Wie alles begann, weiß ich nicht mehr. Lediglich dass aus dem Treffen meiner Eltern auf zuvor schon erwähnter Terrasse plötzlich eine Art Talkshow wurde, meine Mutter der Moderator. Ich zu diesem Zeitpunkt noch in dem Raum, in dem immer die Spielautomaten standen. Doch als ich ihn verließ, über die kleine Seitentür, stand ich dort auf der Terrasse und sah meine Mutter, meinen Vater und einen mir scheinbar noch unbekannten alten Freund von ihm sitzen. Im Traum wurde er Panzer genannt. Im Traum war er aber ein alter Stammgast vom Gasthaus, der meine Kindheit (nicht negativ) begleitet hat. Und Panzer in der Tat der Spitzname eines anderen Gastes. Aber eben im Traum machte alles Sinn. Mir fällt nur nicht mehr ein, wie er damals hieß. Und spätestens jetzt beim Diktieren bin ich mir auch nicht mehr sicher, ob ich ihn nicht mit dem Sänger der EAV verwechsle, es diesen Gast nie gegeben hat.
Die drei saßen da, mit Blick zu mir, als säße ich auf der Anklagebank. [….] Da ergriff sein alter Jugendfreund aus Zeiten vom Autocrash die Sprache: „Als du klein warst, Bianca, da war eine Feier. Ich hatte in meinem Penis vorne drin einen Eiswürfel stecken, den ich selbst nicht mehr raus bekam…“.
Als ob das das „NORMALSTE“ der Welt gewesen wäre! Ich sah ihn auch bei dieser Party, nackt (zumindest unten rum) dastehen, sah den Würfel aus der Öffnung seiner Harnröhre hervor glitzern.
„Dann kamst du, hast zu mir gesagt, dass du ein braves Mädchen bist und mir helfen möchtest. Dass du viel kleinere Finger hättest und das kein Problem sei.“.
Ich sah mich als kleines Kind. Ich hatte wohl ein Kleidchen an, ein sehr kurzes Kleidchen, vielleicht war ich auch gerade mal vier oder fünf, und ging auf ihn zu…
Er fuhr fort: „Da hast du den Eiswürfel aus mir raus geholt, ihn dir einmal genüsslich in den Mund gesteckt, einmal sauber geschleckt, mit deiner Zunge wohl die Kanten abgerundet und ihn zurück in meinen Penis geschoben.“.
Ich sah mich dort stehen, als Kind, mit einem zufriedenen Lächeln auf den Lippen, als hätte ich soeben von der köstlichsten Köstlichkeit der Welt gekostet!
Darauf er, mit strengem Blick: „Hast du gehört? DU warst das! DU GANZ ALLEIN! NIEMAND hat zu dir gesagt, du sollst das tun! Niemand!!“; und er schüttelte noch traurig den Kopf, zugleich entsetzt über meine Schlechtigkeit. [….]
So oder so ähnlich. Die Parteien erhoben sich und gingen weg. Ließen mich allein. Lediglich meine Mutter sagte irgendetwas von wegen „das nächste Missbrauchsopfer in meiner Sendung“. Was aber nicht darauf schließen ließ, ob sie jetzt auf meiner Seite war oder nicht.
Ich erwachte voller Grauen. Atemlos, mit Herzrasen, mir war schlecht, speiübel. Aber zugleich auf der Zunge der Geschmack vom Eiswürfel… Undefinierbar. Als hätte auch meine Zunge dissoziiert. Und ein leckeres Fruchteis daraus gemacht? Oder lediglich die Kälte abgespeichert?

Es ist 16:26 Uhr. Ich muss mich erst abschütteln, um ins Haus gehen zu können. Und wie ich mich kenne, haben all diese Träume morgen spätestens keine Bedeutung mehr…

19:11
Die Korrektur frisst etwa eine weitere Stunde. Kaum vor dem Notebook Platz genommen, begann für die Stechmücken das große Festmahl. Noch einmal zurück ins Haus, ein Räucherstäbchen angesteckt und mitgebracht. Dieses hat mich bis jetzt in einer Rauchwolke verhüllt; keine einzige Belästigung folgte. Ich bin weit weg von den Träumen. Alles, woran ich mich augenblicklich aufhänge, sind Unordnung und Dreck im und ums Haus. Der Ischias schmerzt, der Rücken schmerzt, Nacken und Schultern völlig verspannt und ich darf wohl froh sein, gestern bei der Heimfahrt den größten Teil mit dem Kopf auf dem Tisch verschlafen zu haben. Kein Wunder! Die Nacht davor -wenn überhaupt- wenige Minuten geschlafen und morgens eine dreifache Dosis Tramal konsumiert. Meine Fresse, was war ich zugedröhnt! Stand regelrecht neben mir. Was äußerst angenehm war, erst recht in Hinsicht auf die ganzen Pannen, Ausfälle, die jedes Mal neue Verspätungen nach sich gezogen haben. Die Zugfahrt begann ja bereits mit 70 Minuten Verzögerung. Unterwegs wurden es weniger. Viel weniger. Wieder ein bisschen mehr. Ein bisschen sehr viel mehr. Vorletzter Stand waren 80 Minuten… Um am Schluss eine ganz andere Linie zu nehmen und sogar 1 Stunde früher als geplant zu Hause zu sein. Sebastian ein wahres Nervenbündel. Ich wirkte im Gegensatz dazu regelrecht stoned.
Die ganzen Angstzustände, die überschäumende Panik, in Hinblick auf die Heimreise und erst recht Ankunft zu Hause, waren zum Glück (bis jetzt) Schall und Rauch. Aber wer weiß schon, was noch kommt? Der linke Unterarm oberflächlich verheilt. Zurückgeblieben dunkelrosa Striche, hundertfach, akkurat nebeneinander und zugleich sich -teilweise nach Anarchie rufend- kreuzend. Eine schöne Fläche für das nächste Schlachtfeld.

Meine Haare müssen gewaschen werden. Vielleicht gehe ich noch ein paar Schritte, bevor ich dem Abend den Rücken kehre. Als wir gestern irgendwann vor 22:00 Uhr nach Hause kamen, ums Haus herum alles voll mit Glühwürmchen… Es war so schön, so ein beinahe Freude auslösender Empfang… Bis Martha auftauchte und nun mit dem anderen Bein stark humpelte…

Vielleicht noch eine kurze Zusammenfassung: Meine Hände sind unbrauchbar. Meine Beine dick geschwollen. Ich werde nicht malen können. Und erst recht froh sein müssen, die Maus und vielleicht noch die Tastatur so weit betätigen zu können, um ein wenig mit dem Video voranzukommen. Die Kamera zu halten ohnehin nichts als Utopie, und die Frage, ob das nun alles der Hitze geschuldet ist, mitunter dem Durchfall, den Strapazen der Reise, ob ich einen Schub habe oder alles nur psychisch…

30. Mai 2018, Mittwoch „Wenn die Zeit davon läuft…“

8:34
… und man tatenlos im Rollstuhl zum Zuschauen verdammt ist…

Ich muss mich sortieren! Organisieren! Irgendwie einen Weg finden! Noch ist es früh, noch ergibt vieles Sinn, noch sehe ich Licht am Ende des Tunnels…
Mein Rücken verspannt, noch mehr Nacken und Schultern. Morgens schon mit Kopfschmerzen aufgewacht; von diesen, die mich nachts ins Bett begleiteten, ganz zu schweigen.
Die Sitzung auf dem Sofa abgehalten.
ICH KANN AUF DER COUCH NICHT MEHR SITZEN!!!

DU KANNST ÜBERHAUPT NICHT MEHR SITZEN, WEIL DU ÜBERHAUPT NICHTS MEHR KANNST!!!

Den ganzen Tag einigermaßen heil ohne allzu schlimme Missempfindungen überstanden. Aber dann im Gespräch unverzüglich noch mehr Verspannungen und richtig fette Kopfschmerzen. 37,9 °C. Mein Kopf ein Suppentopf… Und die Suppe wollte raus!

Sitze vor dem Zeichenblock und muss mich entscheiden: Mit welchem Bild fange ich an? Ist nicht alles ohnehin aus Einzelteilen zusammen gestöpselt? WARUM ZUM HENKER FANGE ICH JETZT NICHT EINFACH AN??? Bevor meine Hände zu unbrauchbaren Fäusten verkommen? In mir das Gefühl, nun nach dem Frühstück (eine Scheibe Vollkorntoast mit Frischkäse), dass die Tabletten reinhauen… Als hätte ich noch sonst was dazu serviert.
Blick auf die Skizze, ratlos und plötzlich Panik. Erinnerungen an die Sommersportwoche, erste Klasse Oberstufenrealgymnasium, mein erster familiärer Tod kurz hinter mir, die Mutter meiner Mutter am 23. Mai 1996…

Die Suppe wollte raus! Ich stand noch nackt eine Ewigkeit vor der Kloschüssel. Hatte damit zu tun, mich selbst zu überwinden… Bis ich kapitulierte und Sebastian bat, mich aus der misslichen Situation abzuholen. Keinen Schritt hätte ich mehr gehen können, ohne mich nicht spätestens nach dem dritten zu übergeben. Mit Rollstuhltaxi ab ins Bett… Und zumindest heute Nacht ein bisschen besser geschlafen. Im Traum war ich wieder in der Volksschule. Unklar, zum wievielten Male. Ich musste wieder so schreiben wie damals. Musste ab und an Fehler einbauen. Auch beim Werken, beim Kunstunterricht musste ich mich zurückhalten. Damit ich nicht auffalle zwischen all den kleinen Kindern. Meine Schulkollegen waren alle so alt wie damals. Eine unheimliche, postapokalyptische Stimmung. Hubschrauber patrouillierten über dem alten Schulgebäude. Nazis, überall waren Nazis. Es herrschte Krieg, auch wenn es auf den ersten Blick nicht zu erkennen war. Die Lehrerschaft war infiltriert, ausreichend Kollaborateure unter den Eltern. Und dann gab es da noch diese ärztlichen Untersuchungen… Einmal im Jahr. Was im Traum so viel hieß wie einmal die Woche. Dieser ekelhafte Arzt, unser ehemaliger Hausarzt, den ich nicht mochte, der damals im Gymnasium so eine anzügliche Bemerkung mir gegenüber in der Aula gemacht hatte… Und da waren noch mehr solcher eindeutig kritisch zu betrachtenden Gestalten. Noch mehr Ärzte. Allesamt pädophil? Warum machten sie bei uns Mädchen einmal die Woche eine gynäkologische Untersuchung?!! Ich meine mich zu erinnern, mich geweigert zu haben. Ich war auf der Flucht.

Draußen fährt ein Auto vorbei und die Panik geht in die nächste Runde. Bis jetzt lediglich ein Rechteck gezeichnet, für das Rednerpult. Mir überlegen, wie ich in den Comic mehr Bewegung bekomme. Den Körper in diese Zeichnung integrieren und lediglich die Hände und der Kopf werden animiert. So der Plan…

Während dem Abendessen hatte ich einen Blick auf die Uhr geworfen: 18:38 Uhr! In mir schrillten alle Alarmglocken! In mir ging alles auf die Barrikaden! In mir machte sich alles drauf und dran zu flüchten!!!
Mich abschießen, schneiden, umbringen oder einfach nicht online zu gehen… Wiederum während der Sitzung eine Steilvorlage nach der anderen (zumindest war mein Gehirn der Meinung, diese serviert zu bekommen), mehrfach wieder und wieder und wieder um Haaresbreite dissoziative Zustände verpasst. Aber die Schleifspuren oft genug ausreichend, um Gesagtes und Fragestellungen völlig auszulöschen: „Was hast du mich gerade gefragt? Was habe ich gerade gesagt?“. Täter wurden ins Visier genommen. Erläutert, warum der oder die eher nicht infrage käme, und wenn ich wieder mal mit Ratio alles zu zerklären suchte, wurden die Personen in Bilder gepackt, um sie so gefühlstechnisch vergleichen zu können

Vielleicht war mir auch deswegen nach Kotzen. Ich suchte anschließend noch hastig nach einem Video von mir, welches Markus aufgrund seiner Erkrankung sicherlich noch nicht gesehen hat, in dem ich aber etwas thematisiere, was für mich damals sehr wichtig war. Die entscheidende Passage fand ich nicht, aber eine andere Erkenntnis wurde mir wie ein Baseballschläger mit voller Wucht in die Visage gebügelt…

DA hast du VIEL BESSER ausgesehen!!! DA WARST DU DÜNNER!!!

Mit drei Mahlzeiten am Tag und mindestens 4 Stunden keine Kohlenhydrate dazwischen. Mir meine Ernährung jetzt ansehen. Ich bewege mich auch kaum, also warum soll ich etwas essen?

Mit der Zeichnung nicht vorankommen. Bereits 9:10 Uhr. Also zeichnen, vielleicht kurz aufs Laufband, Zähne putzen, Büroarbeit.

Und den Rest vom Tag schmeißt du wieder in die Tonne!!! Glanzleistung!!!

Mich jetzt auf die kleinen Bildchen konzentrieren… Viel zu oft drifte ich ab, schalte mich aus, geht mein Hirn auf Stand-by… Zudem ertrage ich das Geschrei der jungen Kohlmeisen nicht. Das geht schon seit Jahren so. Warum genau? Weil es „einfach diese Zeit des Jahres markiert“?
Musik anschmeißen…

18:13
Hinterm Haus, die Singdrossel schmettert ihr Lied seit mindestens einer halben Stunde in meine Richtung. Mit der Kamera ließ sie sich nicht erwischen. Ich halte es auf dem Rollstuhl eigentlich längst nicht mehr aus. Genauso wenig wie ich es nach dem Mittagessen auf der Couch ausgehalten habe. NICHTS habe ich gemacht, GAR NICHTS!!
Meine Hände klimpern unaufhörlich. Dabei will ich der Rechten doch längst die Rasierklinge anvertrauen. „Lediglich“ aus dieser Unruhe heraus. Hatte ich mir doch was vorgenommen, hatte Pläne…
„Satz mit X…“…
Der Ischias schmerzt. Der Rücken verspannt. Die Kopfschmerzen können kommen. Großes Geschwafel von wegen Laufband… Keinen Schritt konnte ich gehen! Mir war, mir ist so schwindelig. Aufrichtung ein Luxusprodukt, das ich mir scheinbar nicht mehr leisten kann. Rückenmuskulatur inklusive.

Sebastian wusch mir die Haare, ehe er ins Dorf fuhr. Ich rollte raus, gefühlt zum ersten Mal seit Jahren!! Um was zu ernten? Unruhe! Unruhe, Unruhe, UNRUHE!!! Was spielt es für eine Rolle, ob am linken Arm nun kein oder doch ein schwarzer Strumpf alles verbirgt? Gefühlt zerreißen mich all die Sachen, die ich machen möchte. Wie jedes Jahr zu dieser Jahreszeit. Wenn ich denke, ich verpasse draußen alles, und zugleich drinnen überhaupt nicht vorankomme…

Was für ein elender Versager!!!

Den warmen Laptop auf meinen nackten Oberschenkeln parken und die Einfahrt hinunter; irgendwo ist noch Sonne. Die Stare zanken sich. Ein Kohlweißling setzt sich vor mir auf eine Skabiose, die ihren violetten Kopf der allmählich untergehenden Sonne entgegenstreckt. Die Grillen zirpen, hie und da ein Rasenmäher, ein Traktor, Landleben pur…

Da beginnt Fine hinter mir sich zu übergeben. Mahlzeit. Auf dem Telegrafenmast sitzt ein Hausrotschwanz und schimpft mit uns. Ich bin längst bei der Sitzung und mir wird schlecht.
Der Blick bleibt kurz bei jungen, bettelnden Staren hängen. Mich mit meinem Krempel unten an den Straßenrand stellen. Ich komme mir so wertlos vor…
Selbst bei diesem Satz klinke ich mich schon aus, kurzfristig. Doktor Ratio sagt: „Alles wiederholt sich!“. Natürlich. Aber vielleicht tut es das auch deswegen, weil ich bis jetzt noch nicht konsequent den Ausschalter betätigt habe!!!

Die Sehnsucht nach dem Tod ist so groß. Schon wieder. Alles ist sinnlos. Der Himmel zumindest zerschnitten von Kondensstreifen. Alles ist wertlos. Da werden fünf oder 500 Schnitte auf meinem Arm auch nichts dran ändern. In den Graben hinab glotzen wie ein Schaf… Alles verzerrt sich, mit dem Dröhnen vom nächsten beschissenen Jumbojet und dem Lärm des Traktors im Hintergrund, eine Derealisation, den Halt verlieren, nicht mehr wissen, warum die Welt aussieht wie sie aussieht.

Eine provokante Frage stellen: Hat zu dieser Jahreszeit der erste Missbrauch stattgefunden?

Was du dir immer einbildest!!!

So viel Leben und ich gefühlt zum Erliegen gekommen, emotional tot. Gerade wenn das Leben erblüht will ich abkratzen. Oder ist es eine Angst vor dem „letzten Sommer“, auf den dann ein Missbrauch gefolgt ist?

Das ist jedem egal! In meinem Umfeld ist man wohl glücklich, sich meine Auffälligkeiten mit meiner schweren Krankheit zu erklären. Alles andere wäre wohl „zu verkopft“. Und ich darf bzw. muss davon ausgehen, dass mein erster Versuch vor drei Jahren für die Mehrheit der Menschen hier „einfach“ eine Reaktion auf meine MS war. Nicht mehr und nicht weniger.

Dabei könnte ich das Leben von so manch einem hier ziemlich unbequem gestalten. Fehlte mir nur nicht der Mut und an anderer Stelle die Erinnerung. Ins Haus fahren…