7. Juli 2018, Samstag

20:16
Wir wollten ohnehin irgendwo einkaufen gehen…
Dementsprechend überzeugte ich Sebastian davon, dass wir auch ins große Einkaufszentrum nach Oberwart fahren könnten. Unser erstes Ziel die allgemeine Ambulanz im Krankenhaus. Mein Katheter wurde gewechselt, neues Urikult gemacht und der freundliche Urologe machte keinen Hehl daraus, dass bei mir dank meiner MS ohnehin alles im Arsch sei. Ich meinte, schon lange kein Blasentraining betrieben zu haben, und er ganz fatalistisch: „Das bringt ohnehin nichts mehr! Ihre Blase ist kaputt!“.
Als er den Befund schrieb, gab ich ihm den Tipp, bei der Diagnose „Zombie“ zu vermerken…
Hahaha… Alles ja so lustig, ich habe Witze gemacht, über meine Situation, meine Schrottkiste von Körper usw. und so fort. Aber spätestens dann im Sportladen, als Sebastian sich nach neuen Dartpfeilen umsah, ging in mir beim Anblick der Laufabteilung wieder irgendetwas zu Bruch. Bin ich denn wirklich irgendwo ganz tief versteckt in mir der Meinung, dass ich jemals wieder laufen werde können? Wie dumm muss man sein??
Der Lächerlichkeit preisgegeben habe ich mich zu allem Überfluss auch noch, als ich meine Tablettendose stolz präsentierte und meinte, kein Problem zu haben, die einzelnen Präparate auseinanderhalten zu können. Den nächsten Scheiß gedreht… Das, was ich für die Retardtabletten gehalten und auch gestern sowie in den letzten Tagen, in denen es mir mit der Blase schlecht ging, eingeworfen hatte, waren in der Tat die Medikamente fürs Herzrasen!!
Hatte ich nicht zuletzt genau andersrum denselben Fehler begangen? Und die Tabletten gegen das Herzrasen mit denen für die Blase verwechselt und sogar geglaubt, sie würden die ersten Tage die Panikattacken eindämmen???
Wieder war die Rede von der Botoxspritze und auch da konnte ich mir die Klappe nicht halten: „Wow! Dann habe ich eine faltenfreie Blase… Wenigstens etwas!!“.
Die Schwester, die sich erst um mich kümmerte, erzählte sogleich, ihre „Schwester“ hätte ebenfalls MS. Wer hat denn nicht MS oder ist nicht mit jemandem verwandt oder kennt immerhin ein oder zwei Leute, die es haben?! Was für eine Volksseuche!

In der Wartezeit las ich wieder im Buch „Ich war erst 12“. Es ging darum, wie der Vater das erste Mal nachts ins Schlafzimmer der Tochter kommt und sie ausquetscht, wie sich das mit ihrem Freund verhalten würde. Ganz unschuldig, die beiden hielten Händchen und das war schon das größte der Gefühle. Nachdem sie ihn diese eine Nacht vertreiben konnte, wusste sie ganz genau, er würde wiederkommen. Und so geschah es auch. Dieser seltsame, gefährliche Blick. Bereits in der ersten Nacht hatte er ihr übers Haar gestreichelt… Und sie fühlte intuitiv, dass das nicht normal war! Denn er berührte sie nie! Er war auch sehr streng und mitunter aufbrausend. Sie respektierte ihn. Aber das, DAS war nicht mehr normal… Und sie fühlte sich schlecht!

Der Täter ist austauschbar. Wer auch immer, aber ich las diese Zeilen und bereits bei der kurzen Beschreibung der ersten Nacht konnte ich fühlen, wie sie sich gefühlt haben muss… Mir wurde schlecht, klamm, ich fühlte mich ekelhaft, dreckig und zugleich im Körper gefangen.
Dem voraus ging eine plötzliche Panikattacke, als ich mich bei der freundlichen Schwester angemeldet habe…

Das soll „Hineinsteigern“ sein? Nicht mehr als das?!!
Ich bin davon überzeugt, dass jeder Mensch, der sich selbst verletzt, sexuelle Gewalt erfahren hat!
Warum kann ich dann diese Überzeugung nicht auf mich selbst anwenden? Wenn ich doch weiß und keine Sekunde daran zweifle, dass andere Verdrängen, Abspalten??! Warum dann nicht ich ebenfalls???

Sebastian ist mit Jan und dem anderen Sebastian weggegangen. Ich bin allein und spüre in mir das Verlangen, mich zu verletzen…
Was waren das auch für Höllenschmerzen, als wir nach Hause kamen? Mein linkes Bein krampfte bereits die ganze Heimfahrt über. Mein Bauch eine steinharte, druckempfindliche Murmel. Erst recht angepisst vom Wechsel des Katheters. Alles tat weh. Wir haben zu Mittag gegessen und anschließend gab es sogar noch Eis… Für meine Verhältnisse viel zu viel und dreimal über den Hunger!! Dafür aber meldete sich dann mein Darm. Wunderbar… Kaum hatte ich mich vor der Toilette aus dem Rollstuhl erhoben, führte der Druck hinten zu einem bestialischen Krampf vorne im Unterleib, ich fiel um, auf die Kloschüssel und pinkelte mich wieder an. Ich biss vor Schmerzen in die Aufstehhilfe links von mir, ich bekam keine Luft mehr und es fühlte sich an, als würde der Krampf meine Harnröhre aus mir rausquetschen, oder besser noch, gleich noch die ganze Blase dazu!!

Der Arzt klärte mich darüber auf, dass die Krampflöser für die Blase nebst der Mundtrockenheit eben auch den Darm lähmen würden. Genauso wie das Lioresal, ganz zu schweigen von den Opioiden und erst recht den Morphinen, die fehlende Bewegung mal ausgeklammert. Er empfahl mir auch, stattdessen das Lioresal hoch zu dosieren. Ob das hilft? „Die Harnwegsinfekte werden immer wieder kommen und die Krämpfe… Die Blase ist auch nur ein Muskel, die MS schädigt alles.“.
Schwer seufzen.
Es war ein warmer Tag, wir waren von 10 bis nach 17:00 Uhr unterwegs. Aber ich wollte nicht verstehen, warum ich mir nach der grauenvollen Klositzung weder die Hände noch das Gesicht waschen konnte… Ich war unfähig, meine Hand zu heben, um damit den Schlauch am Wasserhahn festzuhalten und den eiskalten Strahl auf meine Visage zu richten, damit die Seife abläuft!!!

Um anschließend wieder unaufhörlich gähnen zu müssen. Es war zu viel… Auch jetzt kann ich auf dem Rollstuhl nicht mehr sitzen. Mein Ischias ist zu Tode beleidigt. Der Rücken gekränkt. Dabei will ich noch am Video arbeiten…

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4. Januar 2018, Donnerstag „Reizüberflutung…“

9:51
Ich konnte nicht schlafen. Ich durfte nicht schlafen. Wieder wurde es 3:00 Uhr, oder noch später, obwohl wir bereits um 10 ins Bett gegangen waren. Das Lesen löste unverzüglich Panikattacken aus. Auf die Panikattacken folgte die „Initialerinnerung“, und schon breitete sich ein großflächiges Netz von Verknüpfungen mit anderen Augenblicken in meiner Chronik vor meinem inneren Auge aus. Los ging es damit, mit meiner Mutter von Güssing nach Hause zu fahren. Scheinbar hatten wir dort meine Oma besucht, oder ich wurde nach meiner Blinddarmoperation dort abgeholt, und meine Oma war zeitgleich wegen ihrer Krebserkrankung ebenfalls dort stationär, ich durfte mit ihr im selben Zimmer liegen, unsere Betten wurden sogar zusammengeschoben. Aber das war es gar nicht, was ich sah. Sondern diese Heimfahrt und in meinen Händen dieser rote Doktorkoffer, darauf ein weißer Kreis, in dem sich wiederum im selben Rotton ein rotes Kreuz befindet. Alles aus Plastik. Ich sah diese Situation ich war in dieser Situation, vermochte den Kunststoff zu riechen. Aber nur für einen winzigen Augenblick, bevor die Erinnerungen weiterjagten, zu einer ganz anderen Momentaufnahme mit diesem Koffer, auf dem Fußboden im Wohnzimmer, dann sah ich mich in der Damentoilette mit irgendwelchen Kindern während einer Großveranstaltung im Gasthaus… Usw. und so fort. Es hörte nicht mehr auf, ich konnte mich nicht auf den Text konzentrieren, unentwegt dieses Gaumenschnalzen, unwillkürlich beim Lesen von bestimmten Wörtern, die in mir irgendetwas auslösten. Nennen wir das Kind doch gleich beim Namen: Angst! Nichts als Angst! Ein seltsames Unwohlsein, als sei ich noch im Hier verankert, würde aber mit meinem Kopf in der Vergangenheit hängen und die Jahre dazwischen zerreißen meinen Körper! Jede dieser banalen Erinnerungen war mit einer Erwartungsangst belegt. Wieder hörte ich das bedrohlich dumpfe Klimpern vom Hauptthema aus „Der weiße Hai“. Wann würde der erste Einschlag, der erste Flashback wie aus dem Nichts auftauchen?!

NIEMALS!! WEIL NICHTS PASSIERT IST!!!
Wann kapierst du das endlich; erst, wenn du alle umgebracht hast??!!
DU, DU ALLEIN BIST DAS PROBLEM!!!

Gestern noch in der Sitzung erschien alles so logisch. Jetzt wird erneut der Verunsicherung Platz geschaffen. Wäre es besser, gäbe es da noch mehr Selbstanteile? Zumindest irgendetwas, das auf meiner Seite wäre, oder wenigstens neutral? … Das Kind?…

Gestern im Fernsehen diese Sendung mit den Fünflingen gesehen. Das eine Kind, welches dezent „behindert“ zu sein scheint… Es machte mich so unglaublich aggressiv und ich dachte nur, ich wünschte mir nur… Irgendjemand würde es umbringen!! Mit Tränen in den Augen fragte ich Markus gestern, ob ich ein Nazi wäre. Ob DAS mein eigentliches Naturell sei! Er versuchte mich zu beruhigen und ich überlegte weiter, was es sonst bedeuten könnte. Hasste ich dieses kleine Kind, weil es so wehrlos war? Weil behinderte Kinder wehrlos und völlig schutzlos ausgeliefert sind? Weil dieses Kind in der Glotze Bedürfnisse anmeldete, was ja, das sagt mir meine Ratio, ganz natürlich sei? Und mein inneres Kind ebenso wehrlos war, sich nicht gewehrt hat und deswegen zur Nutte wurde? Also Schuld daran, mein ganzes Leben ruiniert zu haben!!!…

Nicht zu verachten ein entscheidendes Detail! Speziell dieses kleine Baby, mit seinem zerknautschten Gesicht, den feuerroten Haaren, den operierten Schlitzaugen, den speckigen Bäckchen… Um Himmels Willen! Das kleine Mädchen sieht aus wie Schani!! Und ich hasse es, mehr und mehr und mehr, mit jeder Folge von der Sendung, die ich zufällig an mache!! Diese Drecksau, die sich an meinem Hintern seinen Schwanz geil gerubbelt hatte!! Und zu dessen Erwähnung, inklusive zweimaligem Ansprechen dieser Vorfälle an meinem Geburtstag lediglich zu Schweigen meiner Eltern geführt hatte!! Ich bin im falschen Film! Aber dennoch so eine Angst vor mir selbst, vor meinem Hasspotenzial, das sich leider nicht nur gegen mich selbst richtet!

Markus sagte, das sei normal. Ganz normal für meine Patientengruppe. Heute 59,3 Kilo um 6:45 Uhr. Mit mir einen Kampf ausfechten, ob ich mich abschießen muss oder nicht. Dabei ist die Volkshilfe bereits da, hab sie auf den Flur verbannt; vorerst. Ein Aspirin gegen die starken Kopfschmerzen. Mein Körper will schlafen. Die Sonne scheint. Und ich denke, heute wäre wieder ein wunderbarer Tag, um Schaden an mir anzurichten. Versuchte ich abends doch noch ernsthaft über eine Stunde lang den bekloppten Befund vom Hausarzt zu entziffern! Da werden doch tatsächlich Werte benutzt, die längst nicht mehr gängig sind. Was heißt das, 7 % Lymphozyten? Wenn 20-40 % normal wären? Wäre das höher als die letzten 0,3 oder weniger und entspräche 0,2, bei denen das Gilenya eigentlich runter reduziert oder abgesetzt werden müsste?

Aber ein Detail konnte ich recht zügig entschlüsseln (so viel Erfahrung habe ich schon): Meine Anämie ist noch fetter als beim letzten Blutbefund!! Wunderbar! Wie sie wohl jetzt im Augenblick mit der Periode aussehen würde? Das schreit ja förmlich danach, „selbst Hand anzulegen“ und meinen Beitrag dazu zu leisten… Eventuell draußen, nachmittags, wenn nichts mehr geht…

18:52
Eine falsche Bewegung, der rechte Fußrücken berührt den Holzkorpus vom Hocker vor mir und die Krämpfe nehmen ihren Lauf. Nicht das erste Mal an diesem Tag. Auch nachts zeigte sich das Potenzial dazu, obwohl ich gleich 2,6 mg Hydal zusätzlich zu den 2 mg retard geschluckt hatte. Zum Glück blieb es beim Potenzial, den Druckschmerzen dank dieser beschissenen Matratze. Aber jetzt… Wieder ausgeliefert. Mieke hatte zuvor sogar angerufen und gefragt, ob es nun ihrer Hilfe inklusive eigener Nähmaschine bedarf, was meine Hosen betrifft. Sie hat mich aus dem Schlaf gerissen. Ich habe den größten Teil vom Nachmittag verpennt, und kaum wieder wach, wuchsen Unzufriedenheit, Selbsthass, Unruhe!

Ich habe ernsthaft keine Lust verspürt, mich trotz allem zu verletzen. Ich dachte schon: „Was ist denn mit mir los?!“. Ob die Sitzungen, die ständige Konfrontation mit dem Thema und eine unbestreitbar vorhandene Erkenntnis anfangen mich zu verändern?

Zwar 16:00 Uhr, als das Telefon klingelte. Ich, ekelhafte, fette Sau blieb sitzen! Die Motivation wie paralysiert. Stand ich doch morgens nach 135 Minuten an der Leinwand kurz auf dem Laufband, gar nicht mal schlecht, Maximalgeschwindigkeit von 0,7 km/h. Wäre Martina von der Volkshilfe bloß vorher gegangen oder hätte noch ein bisschen weiter gearbeitet… Ich hatte gerade mal 16 Minuten geschafft, da sollte ich den Arbeitsauftrag unterschreiben. Sie hatte kein Netz, es dauerte, ich stand zu lange und konnte mir anschließend weiteres Training in die Haare schmieren. Und seitdem sitze ich hier auf dem Sofa…

Immer noch kein Bedürfnis, zur Rasierklinge zu greifen? Gefühlt sind meine Lymphknoten angeschwollen, leichte Halsschmerzen, wieder. Was ich definitiv getan habe, vor 2 Stunden bereits eine volle Dosis Tramal zu schlucken und gerade eben noch einmal. Als sei es Wasser.
Sebastian kam nach Hause, irgendwann um 17:30 Uhr, half mir aus meiner Hose und wiederum in eine der beiden neuen, die noch nicht umgenäht wurden. Was für ein Glück! Chinesisches Produkt! Ich musste lediglich den Saum unten einmal umlegen und so fest nähen. Die Nähmaschine rauchte bedrohlich, mir stand das Wasser auf der Stirn. Und selbst wenn es nur ein kleiner Akt war, versuchte gar nicht erst, noch einmal den Einstieg ins Malen zu finden. Den Computer ausgemacht, zurück aufs Sofa, vor das Notebook. Sebastian findet angeblich kein Akku für das Gerät. Den Dazugehörigen hat er damit ruiniert, ihn sofort auszubauen und jahrelang ohne Gebrauch irgendwo rumliegen zu lassen. Das ist schade. Dafür klingelte heute zweimal die Türglocke. Das erste Mal nahm Martina das Paket entgegen; mein neuer Rollcontainer aus Holz. Das zweite Mal der Postbote; ich kam kaum vom Sofa hoch und zum Glück rannte er wie schon so oft ums Haus und ich musste nur zur Terrasse gehen, um ein Paket mit dem sauteuren Buch „Tagkind, Nachtkind“ und meinem winzigen Diktiergerät entgegenzunehmen. Es ist so winzig wie ein kleiner USB-Stick. Perfekt! Kann ich mir direkt um den Hals hängen, um es immer dabei zu haben! Was ich heute Nacht geträumt habe, längst vergessen.

Dieser Satz und die Panik zerrt an mir, ganz plötzlich, wie ein bösartiger Hund, der von hinten angreift und einem ohne Vorwarnung in die Wade beißt.

19:25
Das Diktierprogramm zum dritten Mal neu starten. Das rechte Bein über das linke geschlagen, den Oberschenkel verprügeln. So viel Opiat intus, aber die Kopfschmerzen nehmen nicht ab. Hilfe suchend wandert mein Blick nach rechts auf das kleine Tischchen neben dem Sofa, die kleine Holzschatulle, voll gestopft mit diversen Blisterpackungen. Die Augen bleiben am Fläschchen Psychopax hängen. Habe ich nichts draus gelernt? Aus dieser paradoxen Wirkung, die immer wieder eingetreten war? Scheinbar nicht. Jetzt gerade jeden einzelnen Gedanken festzuhalten, dient wohl auch nur dem einen Zweck, mich irgendwie über Wasser zu halten. Sonst saufe ich ab. Ist Selbstverletzung auch deswegen kein Thema, weil das Hemd sich nicht so einfach zum Verstecken anbietet?

FAULE AUSREDE!!

Als ich Sebastian abends eine Zeile aus dem Buch vorlas, und die aktuellen Seiten handeln ja von der DIS-Therapie, meinte er zuerst: „Da steht aber nicht ernsthaft DIS?“. „Natürlich! Er kann ja nicht jedes Mal dissoziative Identitätsstörung schreiben, da wäre das Buch doppelt so dick geworden und das nur, wegen diesem einen Wort!“; in der Passage stand eben, dass Therapeuten den Fehler machen, sich nicht mit den Alter-Persönlichkeiten zu unterhalten und ich fügte hinzu, dass Brigitte das auch tunlichst unterlässt. Darauf kam von Sebastian lediglich ein „Aha…“. Also glaubt er selbst nicht an die Diagnose? Sieht auch darin wieder ein Thema, in das ich mich heillos verrannt habe? Wie damals mit der Borderline-Diagnose? Oder war er nur müde und maulfaul?

19:53
Sebastian kommt, Tür geht auf, Herzrasen! Es tut mir leid, ich entschuldige mich, er sagt wie ein kleiner Junge: „Aber ich kann doch nichts dafür…“. Die Glotze läuft, es krampft weiter und zu 2mg retard Morphium und nem Schluck Wasser, damit mir das Zeug nicht wie Cognac oder Korn die Zunge verbrennt, mindestens 18 Tropfen Psychopax.

2. Dezember 2017, Samstag „Scheitern in der Königsklasse…“

10:33
Ich hätte längst aufstehen sollen, nicht noch über 1 Stunde auf dem Sofa vergammeln dürfen, vermaledeite Glotze! Vermaledeite Gasthausküche!! 59,9 Kilo um 7:45 Uhr!! Bis dato noch nichts daraus gelernt, nach dem Frühstück eine Entwässerungstablette geschluckt. Ich bleibe dabei, gerade der linke Oberarm sieht unnatürlich breit aus. Die linke Hand vergleichsweise verkümmert, schmächtig. Also warum sollte der Oberarm breiter sein als der rechte, wovon? Und einfach wieder einmal davon ausgehen, das Essen meiner Mutter war viel zu salzig. Vom Fett ganz zu schweigen.
Es war eine scheiß Nacht. Zuerst hat Sebastian geschnarcht, so laut, wie schon lange nicht mehr. Heute niest er in einem fort. Den Abschiedskuss habe ich ihm verwehrt; er ist ins Dorf gefahren, anfragen, ob er einen Termin beim Friseur haben kann und noch Kleinigkeiten besorgen. Ich habe weiter im Buch gelesen, bis 0:45 Uhr. Ich bin fast neidisch, ja, ich werde zerfressen vor Neid, wenn sie von ihrer Anorexie berichtet. Als hätte mein Körper nicht schon gravierendere Probleme genug! Aber was soll man sagen? Selbst in den Videos, aus Zeiten, in denen ich 50 Kilo wog, sehe ich mal dünner aus und dann wieder völlig aufgeschwemmt und mindestens zehn Kilo schwerer! Was habe ich die zurückliegenden Monate versucht? Weniger zu essen? Mehr zu essen mit 4 Stunden Pause dazwischen? Und das Gewicht stagniert und stagniert, um heute auf der Waage mit der 60 konfrontiert zu werden und nur für Unterwäsche und ein bisschen Katheterschlauch 100 g abziehen zu dürfen. Auch ist das wieder so ein Morgen, an dem alles normal erscheint. Alle leben, niemand ist tot, niemand todkrank. Alles schwelgt in Harmonie… Wäre dann wohl nicht ICH mit meinen kruden Ideen, Vorwürfen, Interpretationen, die, wenn ich sie demjenigen an den Kopf werfe, wieder völlig umgedeutet werden. Markus erinnerte mich gestern an ein Streitgespräch mit meiner Mutter, welches ich ernsthaft 2012 oder 2013 aufgezeichnet hatte. Ich versuchte ihr ansatzweise klarzumachen, was bei mir alles aus dem Ruder läuft und welchen Anteil sie dazu beiträgt, beigetragen hat. Sie hat alles widerlegt. Nichts von dem, was ich mir dachte, was ich fühlte, oder um es gleich klar und deutlich zu sagen, „was ich ihr anhängen wollte“, stimmte. Laut ihrer Aussage. ALLES, selbst die Kommas zwischen den Zeilen wurden bagatellisiert und umgedeutet. Und weil wir uns gestern wieder darüber unterhielten, kam ich wie schon damals zu dem Schluss: Ich muss das Problem sein, ich ganz allein, weil ich ja so ein gefühlsgestörter Psycho bin. Wie sonst kann es sein, dass aber auch wirklich JEDE meiner Empfindungen, was meine Umwelt betrifft, falsch sein sollen?! Ich meinte, ich würde es mir noch mal anhören. Aber ehrlich gesagt weiß ich nicht, ob das so klug wäre. Um noch einmal zum Ausgangspunkt zurückzukehren. Jetzt scheint alles heile Welt zu sein. Für diesen Tag, diese Stunde, diese Sekunde… Und die einzige, die Aufhebens um NICHTS macht, das bin ich. Ich ganz allein. Und so steigere ich mich bereits während dem Frühstück wieder rein, bekomme Panik, sehe die Zeit davon laufen, als ich um 9, um 10 noch da hocke, anstatt die Arbeit aufzunehmen. Ich habe kein Fieber, keine Ausrede! Dass mein Schädel beinahe platzt, zählt nicht. Und ganz plötzlich tut sich da ein überdimensionales Schuldenbuch auf, was ich nicht alles verabsäumt habe. Nicht trainiert, kein Laufband, kein Spazieren, keine Physioübungen, alles schleifen lassen und gefühlt keine einzige Frist mehr bekommen. Bereits alles verloren. Zu viel gefressen, zu viel genascht, zu wenig Kontrolle über mich selbst, zu fett, zu viel von mir und damit ausreichend Projektionsfläche für meinen Hass. Kaum saß ich dann hier am Tisch, er drüben noch auf dem Sofa, die Glotze am Laufen, wurde der eingebaute Mixer in Betrieb genommen und die Unruhe kam auf eine ansehnliche Spitzenrotation. Bin ich bereits stofflich abhängig? Sollten die Tabletten nicht direkt nun in der kleinen Holzschatulle neben dem Sofa stehen und mich regelrecht einladen, sie zu schlucken? Seit 37 Minuten setze ich Pinselstriche ohne Charakter, ohne Schatten und ohne Spuren zu hinterlassen. Leeres, unkonzentriertes Pseudomalen, mir selbst weismachend, die Menge und Masse ergibt am Ende die Struktur…

Du bist SO GUT DARIN, dich selbst zu belügen!

Sagt Markus, wir seien auf einem guten Weg, gut vorangekommen, um selbst den Glauben nicht zu verlieren? Wie soll, wie wird der Tag weitergehen? Die Sonne scheint. Den ganzen Nachmittag wieder auf dem Sofa absaufen? Alles scheint in Ordnung… Aber wehe ich denke daran, mich mit meinen Eltern treffen zu müssen. Nach einer Aussage wie: „Wir hatten ja schon so lange nichts mehr von dir!“; aufgebaut auf schlechtem Gewissen meinerseits und eventuell Verlustängsten mütterlicherseits?

13:41
Gleißendes Licht, die Sonne blinzelt müde durch eine der vielen Einzelscheiben der Terrassentüren. Ich war draußen. Sebastian hat mich angezogen, warm und dick eingepackt und für einen Moment stand ich hinter dem Haus, mit dem Rücken zum Nordwind, im einzigen hellen Streifen auf dem nagelneuen Asphalt, mit Blick in den verwilderten und noch spärlich mit Schnee bedeckten Garten. Keine Vögel. Stille. Frostige Stille. Bis auf die unzähligen Flugzeuge und hie und da der verächtliche Ruf eines Eichelhähers, der gewollt stümperhaft nach Mäusebussard klingt. Tief Luft geholt. Auch Markus meinte gestern, mein Video würde bestimmt so manch einen Zuschauer triggern. Nicht wie ein Vorwurf. Aber nun ein Kommentar, der dies bestätigt; obwohl Sebastian meint, ich würde ja eingängig darauf hinweisen, was nun folgt, und jeder ist immer noch für sich selbst verantwortlich. Die Liebe schrieb, sie konnte es sich nur in Happen ansehen. Ist es wirklich so schlimm? Habe ich eine Verantwortung zu tragen, muss wieder verbergen, was so schon nicht gesehen werden will?

Draußen und auch jetzt beim Blick in die tiefstehende Sonne… Ich bin unterwegs, ich laufe und laufe und laufe, bis mir die Beine abfaulen. Viel zu wenig Klamotten an, weder wind- noch wettergeschützt, kurze Hosen, viel zu dünne Handschuhe und blaue Finger. Die Ohrstöpsel sind das einzige, das irgendetwas am Kopf bedeckt und behelfsmäßig schützt. Aber ich laufe und laufe und laufe. Die Lungen werden nicht müde, das Herz wird nicht müde, die Beine werden nicht müde und der unruhige Geist sowieso nicht. Ich will mein Leben zurück. Meine so hart aufrecht am Leben erkämpfte Ausdauer, meine Muskeln, meine Robustheit, mein von kaum etwas beeindrucktes Immunsystem, meine Abhärtung…

Stattdessen werde ich jetzt mit dem Rollator aufs Sofa kriechen, weil sich das Mittagessen bis in den späten Nachmittag hinein verschieben wird, einen Proteinshake mitnehmen und mich bei jedem einzelnen Schluck schlecht, überflüssig und fett fühlen. Die Glotze wird die Aufgabe der Natur vor der Terrassentür übernehmen. Die Vögel werden abgelöst von krachmachenden Menschen. Ich spüre eine leichte Depression. Ich könnte auch versuchen weiter zu malen. Aber ich brauche jetzt den Heizstrahler, denn ich habe keine Abhärtung mehr. Ich habe NICHTS mehr von dem, wofür ich Jahrzehnte gekämpft habe. Ich bin ein Waschlappen geworden, der selbst im Hochsommer einen Heizstrahler benötigt. Und das, man möge sich diesen Satz auf der Zunge zergehen lassen, OHNE Anorexie, ohne ein Hungerhaken zu sein, der keinerlei Fettschicht am Körper mehr besitzt, die ihn wärmen könnte. Nein. Ich bin fett. Hast du gehört?! FETT!!! UND UNBRAUCHBAR BIST DU, KÖRPER!!

Die Rechte klimpert…

19:16
Ein Räucherstäbchen, fünf Bonbons zum Nachtisch und die Lampe auf den Eichelhäher ausgerichtet. Zum Abendessen, dem eigentlichen Mittagessen, gab es Salat aus Rotkohl. Mehr nicht. Sebastian ist nach oben gegangen, sicher noch für 1 Stunde, und ich könnte, ich sollte, ich müsste… Aber stattdessen versuchen zu malen. Wie auch gestern mit verkrüppelt verkrampften Fingern den dünnen Pinsel halten? Zu lauter Musik, um mich jedes Mal zu erschrecken, wenn die Tür hinter mir plötzlich aufgeht? Mein Rücken ist angepisst. Mir ist schwindelig. Aber kein Fieber. Gibt es noch etwas zu sagen? Irgendetwas von Bedeutung?

DU?!! Und BEDEUTUNG??!!!

Die Panik packte mich vor, während und nach dem Essen. Die Angst wollte mich auffressen, erwürgen, strangulieren. Und ich wusste nicht warum. Nachmittags das Fernsehprogramm bescheiden, mir deshalb das Kindle geschnappt und weiter im Buch über Traumata und deren Entstehung so manch einen hilfreichen Satz gelesen. Der mich in dem bestätigen sollte, was ich mittlerweile weiß, was auch mein Gefühl mir sagt, dass das alles nicht einfach von NICHTS kommen kann!!

Aber wenn es so einfach wäre, wenn ich nicht scheinbar von Geburt an bereits an allem die Schuld tragen würde… Obwohl auch das zu lesen war, und beinahe alle Opfer/Überlebenden eint: die Schuldübernahme. Was sehr erstaunlich war, waren die Erinnerungen, die während dem Lesen plötzlich wieder auftauchten und das Gefühl, das Kind würde jetzt tatsächlich mit mir sprechen. Es wurden immer mehr Erinnerungen, als ich plötzlich die wahnwitzige Idee hatte, für dieses Kind eine fiktive Missbrauchsgeschichte schreiben zu können. Mit den vermeintlichen Tätern, mit dem ganzen Schweigen, dem Bestreiten. In meinem Kopf erschien es plötzlich der logische, nächste Schritt zu sein. Das zu schreiben, immer wieder zu lesen und darauf zu warten, was in mir drinnen passiert. Bleibt es bei der Idee oder setze ich sie in die Tat um?

Der Flügel ist gut ausgeleuchtet, aber dafür erkenne ich die einzelnen Farbklecks in den Schälchen nicht. Ich brauche unbedingt eine ordentliche Lampe… Und Katzenhaare in der Farbe. Der Mond scheint hell, die Waldkäuze beginnen zu singen und wie früher müsste ich jetzt draußen sein, ihnen lauschen, ihnen antworten…

Musik an, ganz weit nach vorne gebeugt, mit der Nasenspitze dicht über der Leinwand…

20:51
3 Stunden und 30 Minuten gemalt, machen insgesamt 1133:30h. Das Musikprogramm spuckte einen „Laufklassiker“ nach dem anderen aus, allesamt von 2010. Mir die Seele aus dem Leib schreien! Um den Schmerz nicht zu spüren. Und irgendwo mittendrin läuft das erste Lied meiner „Suizid-Playlist“. Ich fühle so eine schwere Sehnsucht, ich möchte… Und dann denke ich an Sebastian, wie dieser dauerfröhliche, alberne Kerl nichts ahnend von der Arbeit nach Hause kam… Und seine kleine Welt brach bereits mit dem ersten Zettel an der Eingangstür teilweise in sich zusammen, um spätestens bei Ankunft im Wohnzimmer klirrend komplett zu Bruch zu gehen. Es tut mir leid. Aber würde mich das wieder abhalten?

https://www.youtube.com/watch?v=uywIddkYRv4

13. September 2017, Mittwoch

9:39
Es muss gesagt werden, sonst vergesse ich es wieder und ich werde nie auf meiner Suche nach Antworten vorankommen!

Gewicht 59,5 nach eben Entwässerungstablette und dem Tragen von Stützstrümpfen den ganzen Tag. Die Träume waren vielfältig und 1 Minute bevor Sebastian das Schlafzimmer betrat, auch noch präsent. Dann wie ausgelöscht… Oder besser gesagt wie hinter einer Nebelwand. Zum Greifen nah die Personen, das Geschehen dahinter, aber ich sehe nur Silhouetten, höre nur dumpfes Brummen, und egal welche Wörter ich mir selbst angeboten habe, keines taugte als Schlüssel zu dieser anderen Welt…

Vor der Terrassentür sitzt eine grau-weiße Katze. Am rechten Ohr fehlt ein Stück und sie ist sehr an meinem Restaurant interessiert, was mir natürlich gar nicht passt…

Aber nun saß ich da, gefühlt total haltlos. Weil mir die letzten Stunden fehlen, mit einer Amnesie behaftet sind. Waren es schöne Dinge, die ich gesehen habe, durchleben durfte? Oder ein Albtraum? Das Gefühl in mir, dass sich zu diesem Zeitpunkt in meinem Denken breitmachte: „Alles geht seinen Weg, alles ganz normal, keine Auffälligkeiten, wenn man nur möchte, kann man so weitermachen, weiterleben, die Ängste ad acta legen, aufhören, sich solche Gedanken zu machen, ist doch Blödsinn, ich wache nicht schreiend auf, also demnach die Träume ebenfalls unbelastet, wofür das ganze Theater, all die Therapien, es ist doch nichts passiert!“… Ich weiß, Sebastian kommt zu Mittag nach Hause. Ich weiß, er wird Essen von meiner Mutter mitbringen. Wir werden dieses gemeinsam verspeisen. Vielleicht ein Mittagsschläfchen machen. Die Sonne scheint wieder, keine Schatten, kein Nebel, keine bösen Gedanken… ALLES IST IN ORDNUNG!!
Ich fange an, diesem Gefühl zu glauben. Warum auch nicht? Keine Indizien, keine Sirene, die Alarm schlägt, keine Fratzen, die hinter mir auftauchen, nur die Vorahnung von Herbst und liebliche Erinnerungen an die Kindheit, wenn man bunte Blätter gesammelt hat, Kastanien, Nüsse, lange Spaziergänge gemacht wurden und es wieder schön war, sich nachts ins Bett zu kuscheln… Alles andere, ist von außen aufoktroyiert, Hirngespinste, Markus hat doch selbst offensichtlich psychische Probleme. Brigitte sagt doch selbst immer wieder, „es muss nicht passiert sein“. Alles ist gut, alles ist gut, alles ist gut…

Domian läuft im Hintergrund. Ich male keine kleinen Kinder, die Blut weinen. Ich male Schmetterlinge. Sind doch alle so lieb zu mir, wollen doch alle nur das Beste für mich… Da taucht dieser Anrufer auf, der von seiner Zeit im Gefängnis und den Gewalttaten erzählt; ganz geläutert und alles wäre wieder gut geworden… „Mein Vater hat mich sehr oft geschlagen…“, und nach Verzögerung: „… und als ich klein war, hat er mich missbraucht.“… Die heile Welt um mich rum bekommt ganz unscheinbar einen hauchdünnen Riss. Der nächste Anrufer: „Meine Ex-Frau wurde als kleines Mädchen von ihrem Vater vergewaltigt…“.
Immer noch scheint die Sonne, es wird ein wunderschöner Herbsttag. Die Sonne geht nicht unter. Die Flugzeuge stürzen nicht ab. Es bleibt um mich so still wie vor diesen Aussagen. Was gehen sie mich an? NICHTS! Die Ratio behält die Contenance. Die Ratio verhindert sogar, an die Panikattacken gestern Abend zu denken. Und doch…

Nach 45 Minuten an der Leinwand war ich aufgestanden, ins Badezimmer gegangen, holte die Wäsche, die heute noch gewaschen werden soll, aus der Maschine und stopfte stattdessen meine blutigen Tücher und blutigen Strumpfverbände in die Maschine und wählte ein Programm, das rechtzeitig vor seiner Heimkehr fertig sein muss.

Die Sonne scheint immer noch und ich erinnere mich an die Ausritte mit Kolga, wenn sie unter alten Birnenbäumen stehen blieb und sich das leicht alkoholische Obst genüsslich zu Kopf steigen ließ. Und doch…

Auf dem Weg zurück vom Badezimmer fiel mein Blick auf die Blisterpackung vor der Bank im Flur. Sie muss aus einer meiner unzähligen Taschen rausgefallen sein. Temesta, 1 mg, Lorazepam, Benzodiazepine. Und in mir eine Sehnsucht, eine davon zu schlucken. Die Ratio klammert sich an das Jetzt, aber der Körper reagiert. Im Magen zieht sich irgendetwas zusammen. Den rechten Ärmel für die Arbeit behelfsmäßig nach oben geschoben. Der Blick bleibt am Narbengeflecht hängen…

Hast du jemals jemanden kennengelernt, der das auch macht und NICHT missbraucht worden war?

Dem kleinen Schmetterling mit unendlicher Geduld eine Form geben und an den Maulkorb denken, den ich mir gestern Abend verpassen musste, als ich den Tagebucheintrag veröffentlichte. Bloß niemandem zu nahe treten. Bloß niemanden dafür zur Rechenschaft ziehen für etwas, das doch längst Vergangenheit ist. Erst recht bei so einer läppischen Geschichte, bei der niemand wirklich verletzt wurde und ich schlussendlich selber schuld bin, weil ich trotz dieser Grenzverletzungen wieder und wieder mich der Situation freiwillig ausgesetzt habe. „Die Tiere waren wichtiger“. Wegen ihnen ist man dort erschienen und nicht, um sexuell belästigt zu werden. Nun, als gestörte Erwachsene, denke ich: „Du Drecksau, warum hast du’s nicht gleich richtig gemacht?“. Weil ich dann zumindest eine Geschichte hätte, die ich abrufen kann? Aber so bleibt es bei einer lächerlichen Grenzverletzung und ich muss dieser Person gegenüber sogar in aller Öffentlichkeit freundlich sein, muss ertragen, dass sie mein Haus betritt! Wäre ich meine Mutter… Aber ich bin es nicht! Ich habe die beste Mutter der Welt! Sie tut alles für mich, opfert sich auf, wenn ich nur einmal niese, fährt sie um die ganze Welt, um mir 5 Minuten später das beste Taschentuch zu überreichen. Bin ich gerade anmaßend?

Bis vor wenigen Minuten schien die Welt doch völlig in Ordnung, und schon grabe ich wieder irgendwelche Leichen aus.

DIE PRINZESSIN BRAUCHT WIEDER MITLEID!!!!

Was für ein schlechter Mensch bin ich. Wenn ich es bei dieser Scheinwelt wie zuvor nicht belassen kann? Wenn ich weiter und weiter graben muss?! Wenn ich die Sachen, die doch nie passiert sind, nicht ruhen lassen kann?!

STÜCK SCHEISSE, DU STINKST ZUM HIMMEL!!!!

Was läuft da in meinem Körper ab, wenn ich so etwas höre? Nur Entsetzen oder zu meinem Entsetzen eben auch Lust? Wie in diesem einen Buch, die anonyme Schriftstellerin wird darin auch nicht fertig, sich selbst deswegen zu beschimpfen, die Schuld zu geben, sich zu verachten. Obwohl in einem Punkt zitiert sie wohl aus einem Buch oder eine Therapeutin: „Je häufiger ein Mensch vergewaltigt wird, desto wahrscheinlicher wird er irgendwann auch eine gewisse Lust dabei empfinden. Die Lust wird dabei zu einem Werkzeug des Überlebens.“. Oder wie ich selbst von Therapeuten bereits unzählige Male gehört und noch häufiger in einschlägiger Lektüre gelesen habe: „Wenn der Körper in so einer Situation mit Lust reagiert, wird dieser meistens hinterher als Verräter und Feind betrachtet. Den das Opfer zu zerstören versucht.“.

Wo bleibt die Ratio jetzt? Oder vertausche ich meine Vernunft mit dem Säuseln meines Täterintrojekts? Dessen Hauptaufgabe darin zu bestehen scheint, dass ich die Schnauze halte und leide…

Alles in Ordnung!
Alles wird gut!
Alles nur eingebildet!

Von der dezenten Entzündung links im Unterkiefer zieht ein Schmerz hoch in den Schädel. Ich werde müde. In mir wird wieder bis vier gezählt. Was habe ich bis jetzt bereits angerichtet? Und was „werde“ ich noch anrichten? Der Tod ist eine treue Seele. Er bleibt immer noch als letzter Ausweg…

11:18
Die Zähne geputzt, das Gesicht gewaschen, meine blutigen Utensilien aus der Waschmaschine und die andere Wäsche hinein. Wegen dem Schleudern schreit sich Fine die Seele aus dem Hals und ich brülle wiederum sie an. Zuerst kommt die Schwäche, die körperliche Schwäche, dann schwächelt die Seele und…

DUMME FOTZE!! ZUM SCHEISSEN ZU BLÖD!!!

Als ich aus Versehen die Maschine wieder ausschalte, anstatt sie in Betrieb zu nehmen. Aus der Schwäche resultiert Aggression. Im Geiste bringe ich die Katze um. Im Geiste schlage ich mir meinen eigenen Schädel am Spiegel blutig.
Das Laufband kann ich knicken. Versager. Es geht mir nicht gut. Von wenigen Schritten atemlos. Keine Kontrolle über den Körper. So wie ich das Headset kaum aufsetzen konnte, vermochte ich auch nicht aus der großen Schachtel mit einem kleinen Becher Waschmittel zu schaufeln. Jede Menge vom Granulat landete auf dem Boden. Die Rechte klimpert nervös. Jetzt ist nichts mehr gut, nichts wird gut…
Sebastian meinte morgens zum dritten Mal, wir müssten uns unbedingt darüber informieren, wie sich die finanzielle Lage verändern würde, würden wir heiraten: „Davon ausgehend, dass es dir irgendwann noch schlechter gehen wird und du mich den halben oder den ganzen Tag brauchst, dass das für die Rente irgendwie angerechnet wird, ich als pflegender Angehöriger gewertet werde!“. Mir genügte schon der erste Satz.
Ich dissoziiere… Die Mimik erschlafft, die Augen nur halb geöffnet, der Blick verliert sich draußen im Grün… Nichts denken, nichts fühlen… Aber die Hand klimpert weiter bis vier… JETZT kommt die Panik!

17:19
Ende der Sitzung. Ich will zurück aufs Sofa, will die Augen schließen, schlafen… Als ich kurz vor Mittag genau dort etwa 1 Minute davor stand, einzuschlafen, erinnerte ich mich plötzlich an die Praxis unseres Hausarztes. Ich wusste wieder ganz genau, wie diese aussah, wo die Kinderbücher lagen, wo ich immer in den Pippi-Becher machen musste, das Klo, die Glasscheibe vor dem Pult der Sprechstundenhilfe, der Untersuchungsraum am Ende vom Flur… Und ich „spürte“ mich zumindest als kleines Kind auf der Untersuchungsliege, mit gespreizten Beinen und er fasst mir mit seinen dicken, unappetitlichen Fingern ans Geschlechtsteil… Er war es auch, den ich, dann endlich erwachsen, als total widerlich, ekelhaft empfand. Er war es, der auch Schularzt im Gymnasium war und im Vorbeigehen zu mir, allein in der Aula, sagte: „Da hinten, in der dunklen Ecke, wäre es doch perfekt eine Nummer zu schieben.“. Oder hat er sich anders ausgedrückt und der Ekel in mir den Satz im Laufe der Jahre verstärkt? Spielt auch keine Rolle. Warum ich das sage, es schreiben kann? Er ist tot, lange schon! Soll ich nun warten, bis alle vermeintlichen Täter abkratzen, um mich erinnern zu dürfen?

Markus bestand darauf, dass ich allmählich in den Dialog mit meinen Innenpersonen gehen sollte. Vorneweg natürlich mit Rumpelstilzchen, da er die Hauptpräsenz darstellt. Ich soll ihm sagen, ich will mit dem Kind, will mit Solveig sprechen. „Und wenn sie nicht antworten, weil es sie gar nicht gibt?“, fragte ich provokant. Darauf Markus: „Die sind da. Du kannst sie verleugnen und in zwei Jahren sitzen wir wieder hier, und sie sind erneut Thema.“.

Ich will aufs Sofa, die Glotze anwerfen, noch mehr fressen. Wie schon nach dem Mittagessen. Ich wünschte, Sebastian hätte mir vom Einkauf eine ganz große Tafel Schokolade mitgebracht. Die würde ich mir jetzt einverleiben und dann die Scheiße erneut hochwürgen. Ich kann nicht mehr. Ich bin fertig. Ist es die Entzündung, das Deflamat auf meine Standardmedikation obendrauf… Wer weiß das schon. Oder hat mein Dachschaden heute Party, wird von Rumpelstilzchen gesteuert ODER bin ich nichts anderes als eine faule, fette Sau!

4. September 2017, Montag

8:53
58,8 um 7; die wurden hart erarbeitet! Mir war so schlecht, so speiübel nachts, gleich auf der Heimfahrt vom Familientreffen. Morgens eine halbe Semmel, mittags ein paar Weintrauben, abends während alle korpulent speisten aß ich eine Süßspeise, um meinen Erzfeind, das Salz, zu umgehen. Von den drei Knödeln aß ich nicht einmal zwei. Ich saß neben meinem Vater und er ständig bemüht, mir zu helfen. Gleich zu Beginn nahm er mir meine Tasche aus der Hand, um sie auf den Boden zu legen. Dafür konnte er nichts, es wäre mir auch passiert… Ein Stich in der Blase, der Sicherheitsbeutel kollidierte irgendwo in meinem Organ mit einer empfindlichen Stelle, ich zuckte zusammen und ward mit Krämpfen versorgt, für sicherlich 1 Stunde. So schluckte ich allerhand Sachen und als ich endlich essen durfte (es war bereits kalt), eben noch eine Entwässerungstablette. Es war ein lustiger Abend. Unsere Nichten werden erwachsen, man kann sich äußerst kontrovers mit ihnen unterhalten. Was sagt das über uns, über mich aus? Mit kleinen Kindern kann ich nichts anfangen? WAS sagt es über mich aus, dass die schwarze Farbe bereits auf der Leinwand, der Palette liegt, den dazugehörigen Brief aber noch nicht einmal angesehen zu haben?

CHARAKTERSCHWEIN!!

Eine Dose Energydrink. Verzweifelt versuchen, mich am „Leben“ zu halten. Wieder nicht, bzw. äußerst schlecht geschlafen. Zwar ohne Schmerzen, aber ich sah unentwegt die Füße meiner Mutter mir gegenüber unter dem Tisch, in diesen Schühchen, sah sie auch noch einen Nachtisch essen, obwohl sie doch gleich zu Beginn uns alle wissen ließ, sie hätte die ganze Nacht nicht geschlafen vor Übelkeit und sie könnte „überhaupt nichts essen“. Dies bestärkte sie erst recht dann, als ich auf ihre Frage, was sie uns demnächst kochen soll, antwortete: „Bitte, bitte nicht so große Portionen! Ich esse gerade wieder nur die Hälfte und bestenfalls noch weniger. Wenn ich satt bin, höre ich auf und es ist so schade um die Lebensmittel.“. Dafür hat sie dann aber mit Appetit gespeist. Wie nicht anders zu erwarten folgten diesen Bildern im Kopf Angstzustände und Sterbefantasien. Irgendwann um 1:00 Uhr hatte ich das Licht angemacht und gelesen. Dabei sprangen die Zeilen vor meinen Augen durcheinander, ich vermochte nicht sie zu fixieren. Um schlussendlich das einsame Gewacalm auf meinem Nachtkästchen ebenfalls einzunehmen. Nichtsdestotrotz, gefühlt habe ich den größten Teil der Nacht damit verbracht, noch mit geschlossenen Augen die Uhrzeit zu tippen und meistens beim Kontrollblick auf den Radiowecker recht zu behalten.
Nachdem mich Sebastian zuvor „fertig gemacht hat“ für den Tag, schlief ich auf dem Sofa noch einmal ein. Bin fertig und spielte mit dem Gedanken, Brigitte abzusagen. Noch 45 Minuten bis zur Sitzung. Staubsaugen werde ich nicht mehr schaffen. Im besten Fall noch Morgenhygiene, den Kopf ganz lange im Waschbecken unter den eiskalten Wasserstrahl halten. Auch wollte ich nach der Therapie Sebastian entgegengehen. Wie riskant ist dieser Plan einzustufen? Ich muss mich noch mit den zurückliegenden Träumen auseinandersetzen. Ich muss, ich muss, ich kann nicht… Schnarch! Malen erscheint aussichtslos. Hauptsache dieses süße Kaugummigesöff runterwürgen und auf bessere Zeiten hoffen. Der Himmel ist wieder blau, kann kein Wässerchen trüben, dabei war es gestern arschkalt und ich darf mir überlegen, wie ich meine Venen spendabel nach Graz transportiert bekomme. Als ich gestern am Tisch erzählte, dass es da in anderen Klinik eine spezielle Abteilung für meine „Bedürfnisse“ gäbe, meinte meine Mutter: „Dort war ich auch damals, als bei mir die MS diagnostiziert wurde. Und der Arzt hat zu mir gesagt, für so einen alten Patienten wie mich zahlt die Krankenkasse kein Interferon. Das zahlt sich nicht mehr aus!“. Ich will ihr nun nicht unterstellen, um es mir zu vergrätzen. Das ist immerhin auch bald 17 Jahre her. Und sie fügte ja auch noch hinzu: „Da wird sich sicherlich bereits einiges geändert haben…“. Sicherlich beachtlich auch noch die Situation, als sie, kaum hatte ich mit dem Rollstuhl am Tisch Platz genommen, sofort loslegte mit ihren Geschichten und mein Vater ihr in die Parade fuhr: „Na nun lass doch das Mädchen erst mal die Speisekarte in Ruhe lesen, bevor du sie mit deinem Krempel erschlägst!“. Und das ganze im Mundart.
Es wird Halb, ins Badezimmer schlurfen…

14:45
Der Körper lechzt nach Schlaf. Spätestens jetzt. Das Zuckergebräu hatte seine Wirkung, die Sitzung war gut und hinterher mich ernsthaft noch auf den Weg gemacht. Mir war schwindelig, ich fühlte mich schwach, und hätte es nicht für möglich gehalten, in 65 Minuten über 700 m zu bewältigen. Ich war doch so langsam, schien dabei aber ein gewisses Tempo kontinuierlich zu halten. Dafür jetzt im Arsch. Ich wollte malen, aber genauso gut könnte ich 2 Stunden bis zur nächsten Therapie schlafen. Der Himmel mit Wolken verziert, die Kleiber geben sich zänkisch und Flugzeuge verschmutzen die Stille. Hatte den Vögeln etwas zu fressen gegeben und vermochte dann nicht mehr den linken Fuß über die winzige Schwelle zu schleifen. Von Heben ist dabei gar nicht erst die Rede. Ich malte mir aus wie es wäre, umzufallen und mit Kopf oder Gesicht zwei Stufen tiefer auf der Klinkerterrasse zu landen. Einmal habe ich das ja bereits ausprobiert, nur stellte sich mir damals der Wäscheständer in den Weg.
Ich bin irritiert, durcheinander und während ich Brigitte von den letzten Wochen berichtete und sie dann ihren Eindruck zu all den Geschehnissen äußerte, wurde mir schlecht. Panik. In einem Moment der Langeweile im Heurigen hatte ich gestern den Beipackzettel von der neuen Packung Tramal gelesen. Oder kommt das Herzrasen, rührt die Unruhe etwa von den Opioiden? Deren Kombination, Wechselwirkungen oder dergleichen? Kommt die geschrumpfte Niere von meinem übermäßigen Süßstoffkonsum? Lauter solche Gedanken mache ich mir, und wie immer dreht sich alles nur mich…

DU, DU, IMMER NUR DU!! NARZISST!!

Je länger ich hier sitze und angestrengt versuche, meine Augen offen zu halten, desto schwerer werden die Lider. Mir ekelt so sehr vor der Küche. Gestern passend zu meinem flauen Magen passte die Neurose natürlich umso besser. Als ich die Weintrauben aus dem Kühlschrank holte, roch ich irgendetwas, das vor schon langer Zeit sein Leben ausgehaucht haben musste. Mir genügte schon, dass mir die dumme Packung mit dem Obst auf den Boden gefallen war, der Boden ohnehin wieder total schmutzig. Mir ekelt vor den Kühlschränken. Mir ekelt vor dem Backofen. Alles so dreckig. Später entdeckte Sebastian in der Gemüseschublade zu kohlschwarzem Saft zerflossene Paprika in einer Tüte. Er sieht einfach nicht nach. Ich kann es nicht. Und wie die Spüle wieder aussieht! Als würde er mit mir eine brachiale Konfrontationstherapie durchziehen! Oder hätte es darauf angelegt, meine Neurosen zu gewaltigen Zwangsstörungen ausweiten zu wollen. Mehr brauchte ich eigentlich nicht, um aus dieser Küche nie wieder etwas essen zu wollen. Er spült Teller ab, Salatschüsseln. Die Sauce spritzt den Nirosta von oben bis unten voll. Und wischt es nicht weg. Wenn er wenigstens mit dem Wasserstrahl noch einmal hinterher spülen würde. Nein! Die Spüle ist mein Armageddon!! Scheint der wunde Punkt zu sein, an dem alle Fäden zusammenlaufen!! Und der Abfluss das widerwärtige, ekelhafte, abartige, kontaminierte, beschmutzte Geschlechtsteil. Warum und wieso auch immer. Ebenfalls nicht sonderlich appetitsteigernd nach dem Konsum von meinem Eiweißshake in der Küche den Becher mit Himbeerjoghurt draußen stehen zu sehen, innen drinnen versehen mit einem beinah schwarzen Schimmelfleck. Hat er diesen in meinen Shake gerührt und es mir nur nicht gesagt? Meine Rechte klimpert. Mehr und mehr. Es ist ihm einfach unmöglich, die Küche zu betreten und so zu hinterlassen, wie sie vor seinem „Einfall“ ausgesehen hat. Er stöhnt bei jeder Kritik von mir und ich ächze, weil er seit Jahren nichts ändert. Pattsituation? Wer ist schuld und wer hat recht? Allein dass er den Joghurt dort stehen lässt, anstatt ihn unverzüglich in den Biomüll zu verfrachten…

Aber warum diktiere ich das? Weil ich alleine bin soeben niemandem mein Leid klagen kann?

Leid??! Du spinnst einfach nur!!

Und ich merke, wie es immer mehr Raum in meinem Alltag an sich reißt. Ich halte es nicht aus, von meinem Tisch zu essen, während unterm Teller eine Tischdecke liegt, die an irgendeiner Stelle von einer vorherigen Mahlzeit etwas Undefinierbares kleben hat. Ich muss das Tuch umdrehen. Ich muss etwas auf den Fleck legen. Und so ich das Tuch ganz entferne, halte ich die Krümel und den Staub in den Ecken zwischen Platte und Seitenleisten nicht aus. Ich könnte auf mein Essen kotzen. Oder gibt man mir eine Gabel, oder sonst irgendein Besteck und da klebt etwas dran… Es bringt nichts, mir eine saubere Gabel zu geben. Der Anblick des befleckten Vorgängers beschmutzt auch mich mit, auf irgendeine abstruse Art und Weise. Drum scheint die Nahrungsaufnahme dann auch gestört, denn dreckig genug bin ich ja schon. Dann kann ich ja nicht noch mehr Schmutz in mich aufnehmen… Oder?

Unfähig. Eins der Kissen vom Sofa holen und Schlaf nachholen… Und unterdes wartet rechts vor mir die schmutzige Spüle darauf, mich zu besudeln. Und da genügt es, dass Sebastian sich dort die Hände wäscht und dann mich berührt. Oder meine Wasserflaschen am dortigen Wasserhahn auffüllt. Und wehe, irgendetwas treibt dann im Wasser herum… Dieser Tage wäre eine vom Wohnzimmer getrennte Küche wohl das beste für mein Seelenheil. Was ich nicht weiß, macht mich nicht heiß!

18:36
Eigentlich möchte ich jetzt draußen sein, im Abendrot. Keine ganze Stunde geschlafen und es hinterher nicht für möglich gehalten, während der Therapie wach zu bleiben. Aber es war spannend, aufschlussreich… Auch wenn Rumpelstilzchen immer wieder lautstark betont, dass mir nur lauter böse Flöhe ins Ohr gesetzt werden sollen. Es ist schlüssig, es ergibt Sinn und abschließend auch noch das Thema mit der Küche beackert. Dass sich da ein Kreis schließt, zum Missbrauch. Sogar zum Bild. Der Abfluss in der Küchenspüle mein besudeltes, dreckiges Geschlechtsteil, widerwärtige Untiefen wie der zerfetzte Mund des Kindes in der Zeichnung. Ich halte es nicht aus, den schwarzen Punkt in der Mitte länger zu betrachten. Bekomme dieselben neuropathischen Schmerzen in den Händen wie bei dem Gedanken, meinen Finger in den Küchenabfluss stecken zu müssen.

kindermund2

5. Juni 2017, Montag 10:03

In meinem Schädel schallendes Gelächter…

DU BIST SO DOOF! SO SAUDUMM!!

59 um 8:15. Dabei abends einen Teil vom Mittagessen wieder hochgewürgt. Unfreiwillig. Der Weg zur Toilette und zurück aufs Sofa war zu lang, mein Magen ging über Bord. Hastig den Katheterbeutel aus dem Kübel gehievt, der eigentlich dafür sorgen soll, keine bösen Überraschungen mehr erleben zu müssen, mich noch auf die Couch plumpsen lassen, zwei mal tief Luft geholt und Mais sowie Käse und Grillgemüse landeten im nun zweckentfremdeten Eimer.

Ich beruhigte mich nicht, die Suizidgedanken hatten mich bereits bis an den Rand des Wahnsinns gedrängt. Sie hatten mich fast so weit… Sebastian kam nach Hause, ich ließ erst ihn erzählen, um ihn dann ohne Vorwarnung in meiner Scheiße ertrinken zu lassen. Tränen flossen, erneut weinte der eine Teil von mir, der den Körper gerade okkupiert hatte, und der andere stand tatenlos daneben und konnte so viele rationale Phrasen schwingen, wie er wollte! Es gab Eis zum Abendessen. Das versöhnte ein wenig, denn Zucker geht immer. Gleichzeitig liefen in der Mattscheibe Menschen mit 300 Kilo Kampfgewicht. Einerseits erschreckend und voller Empathie, und zugleich nichts anderes als ein elender Voyeur, der sich an den surrealen Kanten solch einer „Figur“ ungläubig die Augen satt sieht!

Heute die Antwort von Markus. Bezog sich hauptsächlich auf die Befunde, die Sebastian fotografiert und ihm zugesendet hat. Ordentlich losgeledert hat er, über beide Neurologinnen und sich wahrlich kein Blatt vor den Mund genommen. Er zetert, dass es unverantwortlich sei, in meinem Fall keine Differenzialdiagnostik anzustreben. Dass es sich wahrscheinlich gar nicht um MS handelt und ich mit großer Wahrscheinlichkeit meine motorischen Fähigkeiten bei richtiger Behandlung zu 100 % zurückgewinnen könnte…

Davor, im Traum heute Nacht, lief ich wieder und sagte mir selbst in einem fort, dass es gut war, es noch einmal versucht zu haben…

Ich las seine Zeilen, und das erste Gefühl, das mich überkam, war durchaus nicht Hoffnung. Ganz im Gegenteil: dessen Gegenspieler, Kontrahent. Ich wollte sterben. Nun, Minuten später, will ich immer noch sterben. Ich sehe nach draußen, vermag Traum und Realität nicht mehr auseinanderzuhalten, über mir schwebt diese gigantische Stoppuhr und mit jedem Ticken des Sekundenzeigers bebt mein kümmerlicher Mikrokosmos. Ich höre den Pirol und will sterben. Ich sehe die grüne Pracht und will sterben. Ich fühle in meinen Körper hinein und will sterben. Dabei senkt sich augenblicklich die von den Opiaten induzierte Dunstglocke auf mein Haupt. Ich denke an all die Menschen, die es gut mit mir meinen, die auch dieser Tage mir mit Ratschlägen daherkommen, ob ich dieses oder jenes Wunderheilmittel schon versucht hätte. Ich bin es leid, ich bin müde, ich mag überhaupt nicht mehr darauf antworten: „Das ist ganz lieb von dir, wirklich danke, ABER…“.

Angst vor dem Tod und zugleich, oder gerade deswegen sterben wollen. Als ich das Mieke zuletzt erzählte, machte sie ein großes Gesicht, sie verstand es nicht. Woraufhin ich versuchte, es vermutlich mit Markus‘ Worten zu erklären: „Der Tod steht in diesem Kontext für ein Symbol. Irgendetwas, irgendjemand hat den Seelentod über mich gebracht. Ich konnte mich nicht wehren. Dementsprechend würde ich mich lieber selber aus dem Weg räumen, als dass mich noch einmal jemand umbringt. So oder so ähnlich, zumindest die Theorie. Es ist ja nicht so, dass ich Angst vor dem Sensenmann habe. Aber eben davor, dass etwas mit mir gemacht wird, über das ich keine Kontrolle habe. Verstehst du?“. Dabei verstehe ich es selbst nicht, kann mich mit der Hypothese nicht identifizieren…? Nein, ich darf nicht.

Fragen können so sehr einengen. Lieber würde ich mich auflösen, als mir den Atem rauben zu lassen.

Plötzlich Erinnerungen an frühe Urlaubsfahrten, wieder nach Jugoslawien. Die Arbeit, die zeitgleich stattfindet, völlig wertfrei. Ich sehe irgendeine Steinmauer, es ist heiß. Songs von ABBA, Sonnenuntergang, das Pensionszimmer.

Meine Gedanken sind flüchtig und längst vergessen, was gerade eben noch in der Warteschlange stand. Ich sehe nur die heile Welt, all das, was gut gemeint ist, sehe meine Schuldigkeit, die Zeit die abläuft, denke, ich müsste die verbleibenden Atemzüge effizienter nutzen. Mehr Zeit mit meinen Eltern verbringen. Dankbarer sein.

Erst gestern Abend und dann auch noch im Traum stand ich vor einer Statistik, die mir mit eiskalten Zahlen in die Magengrube prügelte, den größten Teil meines Daseins mit Sebastian bereits verschwendet zu haben. Die Sanduhr würde ablaufen…

Die Augen werden geflutet. Selber schuld, wenn ich die Antidepressiva reduziere? Eigentlich ein so schöner, ruhiger Tag. In der dritten oder vierten Traumsequenz hatte ich Therapie mit Brigitte. Sie nahm mich nicht ernst. Wird genau das mein erstes Anliegen sein, wenn wir morgen beide auf dem Sofa Platz genommen haben? Im Traum erzählte ich einer älteren Dame von meiner Vergangenheit, ich zählte auf, woran ich mich erinnern kann, und was zumindest meiner Meinung nach zu WAS geführt hat. Wenn ich versuche mich an das Geträumte zu erinnern, Nebel. Es bedarf der entscheidenden Kleinigkeit, die dann wie ein Schlüssel fungiert und mir wie immer plötzlich ein neues Zimmer in den Traum eröffnet. Ich mich erinnern kann. Mein Problem? Sie beharrt so sehr auf ihrem emotionalen Missbrauch, dass bei mir sogar der Eindruck entsteht, sie will mir meine Gefühle, meine körperlichen Erinnerungen umdeuten. Aber ich – keinen Deut besser, beharre genauso sehr auf dem großen Geheimnis, das da irgendwo in mir schlummern muss. Der Vergleich mit einem Krebsgeschwür, das sich abgekapselt hat, würde es besser treffen.

Ich staune sehr, 1 Stunde gemalt. Erneut darf man sich mit Quantität und Qualität auseinandersetzen. In mich hineinhorchen: „Todessehnsucht, bist du noch da?“. Ich bemerke die ersten Defizite meiner Rechten. Gerade scheint in mir alles still, alles ausgekotzt. Den Dämon an die Wand genagelt.

Ich erkenne nichts auf dem Bildschirm und wieder nichts auf der Leinwand. Alles spiegelt oder glänzt. Ich müsste den Raum verdunkeln. Einem Verbrechen gleich!

14:13
Zu Mittag gegessen, dennoch hängt mir jetzt die Kotze zum Halse raus. War barfuß spazieren, unsere Einfahrt runter und wieder hoch. Hat relativ gut funktioniert. Auf dem neuen Asphalt Spuren von einem Fuchs; hab gestern noch eines der beim Frühstück mit Gudrun übrig gebliebenen (weil zu wenig gekocht) Eier, welches seit Ewigkeiten auf dem Vogelrestaurant lag, hinten links neben die Einfahrt befördert. Dort, wo zuletzt auch die längst abgelaufenen Exemplare von Marder und Krähe geholt worden waren.

Mein linkes Bein krampft, seit ich mich viel zu voll gefressen habe. Markus will um 4 anrufen. Hätte mich gerne ein weiteres Mal an der Leinwand versucht, aber mit dem Zappelphilipp unterm Tisch? Mich wie gestern mit Morphium voll pflastern? Das seit 19 Jahren wohlbekannte Sommerdilemma? Magnesium, Bewegung… Vielleicht noch eiskaltes Wasser?

20:05
Insgesamt 866, 3 Stunden für heute. Markus zieht in Erwägung, mich wieder zu therapieren. Heimlich zweigleisig fahren?

22. Dezember 2016, Donnerstag 11:38

Mit einem Schlag in die großen Kissen auf dem Sofa befördert werden, der Unterkiefer wird beim Gähnen beinahe ausgerenkt. Die Pumpe schlägt dennoch gefühlt dreimal so schnell. Kommt Sonja noch? Was hatten wir genau vereinbart?

Vor all den Fenstern eine vereiste Zauberwelt. Dabei katapultiert mich das Wort „vereist“ unverzüglich in das nächste Dejavue. Kurzfristig mache ich einen Millisekunden-Halt 1998, im Winter des Verliebens und zeitgleich Verzweifelns. Doch noch schneller lande ich in meiner frühen Kindheit, meine Mutter steht im Wohnzimmer am Bügelbrett, eine Schmonzette läuft in der Glotze und ich sitze auf dem Boden, spiele mit Duplo-Bausteinen.

Dieses unscheinbare Wörtchen „vereist“ wird vermeintlich zu einer Art Schlüssel und zumindest gefühlt scheint es ein Tor in mich hinein zu öffnen. Als könne ich mich selbst damit aktiv in Trance versetzen. Mir wird schlecht.

Morgens ebenfalls nicht sonderlich erbauend das Gewicht: 56,3. Beim Durchforsten der ganzen Zettel, die Sebastian gestern von der Apotheke mitbrachte, die wiederum mein Hausarzt zuvor jemandem dorthin mitgegeben hat, durchgelesen. Der Blutbefund… Ich hasse es, wenn irgendein Wert aus der Norm schlägt! In diesem Fall mein Cholesterinwert schon wieder 3 Punkte zu hoch. Wovon denn bitte? Was hingegen Befriedigung in mir fördert sind lediglich 2 Werte, die jeweils zu tief sind -und das schon oft: einerseits Glukose und noch viel wichtiger Leukozyten! Eine klassische Unterzuckerung ist etwas Feines. Aber um Längen schlägt dies eine handfeste Anämie, Blutarmut!! In einer psychiatrischen Anstalt könnten die Insassen mit ihren Blutwerten „Quardett spielen“! Wie oft schon Eisenpräparate verschrieben bekommen?…

Aber in diesem Fall alles in Ordnung,… BIS aufs Cholesterin! Wie das auf mich wirkt?

PASST DOCH ZUR FETTEN SAU!!!

Vorher vor dem Spiegel im Flur, beim Anziehen meiner Schuhe, ein einziges Wechselbad der Gefühle! Darf ich in den Spiegel sehen, darf ich nicht? Es ist eine ausgewachsene Katastrophe, was ich da erblicken muss, oder doch nicht so schlimm? Hin und her und hin und her… Mich fassen, mich verlieren, mich hassen,… Aufbauen, um zu zerstören. Kaum dachte ich, einen Weg zu meinem Körper entdeckt zu haben, zu meiner Person als solche, eine winzige Drehung, Bewegung, Perspektivenwechsel und aus Tag wird schlagartig stockdunkle Nacht!

Sebastian küsste mich morgens zum Abschied und meinte anschließend freundlicherweise: „Ich glaube, ich werde krank.“. Prompt bekomme ich soeben Halsschmerzen. Nein, eigentlich habe ich diese latent seit Tagen, nur augenblicklich erscheinen sie mir stärker zu werden. Jetzt, da ich völlig verbraucht bin. Die zwei Stunden an der Leinwand verliefen fließend, ohne großartige Störfaktoren.

Kurz in mich gehen: Nun aber mal wirklich im Ernst! Was hat da 120 min gefressen? Die Strümpfe noch einmal zu grundieren und sodann mit einer feinen Struktur und zumindest einem von ihnen zu beginnen?!!

Danach aufs Laufband und die ersten 15 min fühlten sich gut an. Daraus wurden insgesamt 30 und der Rest ist Schweigen. Ständig in Erwartung meiner Therapeutin angespannt aus dem Fenster gestarrt, bei jedem noch so winzigen Geräusch einen Herzinfarkt vortäuschend.

Weitere Kindheitserinnerungen tauchen auf. In meinem Schädel läuft die Musik von damals.

Abends unter dem Sofa eine Überschwemmung. Also doch keine Fehleinschätzung als ich nachmittags der Meinung war, versehentlich mit dem Rollstuhl über das Katheterventil gefahren zu sein. Genialerweise kein Ersatzbeutel im Haus! Nun schleppe ich schon den ganzen Tag diesen kleinen Eimer mit mir herum, darin in meinem Urin schwimmend der Plastikbeutel. Und noch am Rande: Mir graut vor morgen, diesem ganzen Stress, angefangen um 8 mit der Rettung, die mich zum Chirurgen fährt, um 13:00 Uhr Psychotherapie und nahtlos fahren wir schon nach Graz. Warum ich das alles aufschreibe? Weil ich eine elende Kalkleiste bin?! Was hat Sebastian morgens zu mir auch noch gesagt? „Habt ihr heute überhaupt Therapie? Du hast doch letzte Woche schöne Weihnachten gewünscht.“. Soeben rief Sonja zurück und klärte mich alte Oma auf. Dafür der ganze Stress, das zweckfreie Herzrasen… Blöd! BLÖD!! Reif fürs Einschläfern… Und nun eigentlich wieder nur noch Angst vor dem, was meine Mutter heute gekocht hat…

13:36

Sebastian immer noch nicht zuhause und ich -wie ein Schwein- fiel über Miekes gestern mitgebrachten Kekse her. Noch ein Stück und noch ein Stück und noch ein Stück und noch ein Stück…

Du kannst es ja später auskotzen!

Was oder wer ist das? Die Sucht? Die dunkle Zwillingsschwester?

Was ich nun am liebsten täte? Mich abschießen, nach allen Regeln der Kunst. Zu wissen, plus/minus 14:00 Uhr trudelt jemand von der Volkshilfe ein, erhöht meinen Pulsschlag immens.

28. November 2016, Montag 16:09

57,6 um 6:45. In und an mir geht soeben alles auf die Barrikaden. Der Blutzucker kommt zum Erliegen. Sebastian war gerade eben ein 2. Mal zum Arzt gefahren: „Mir reicht es! Ich lasse mir unverzüglich eine Spritze geben!“. Bereits vormittags war er früher nachhause gekommen, bereits da war er bei unserem Hausarzt: „Der Peter meint, das wäre wohl der Ischias. Aber ganz ausschließen könne er es nicht, dass es nicht auch an den Bandscheiben liegt…“. Mein Liebster und Schmerzen… Diese Kombination kennt man nicht. Diese Kombination passt nicht! Erneut hoffen, dass dies nun endlich der benötigte Schuss vor den Bug für ihn bedeutet und er ENDLICH etwas an seinem Lebenswandel ändert!

Draußen zelebriert die Natur einem Sonnenuntergang. Beim Mittagessen sagte ich bereits voraus, dass dieser Tag das Potenzial hätte, in einer Katastrophe zu enden. Wenn ich nicht zum Spazieren käme. Etwa eine halbe Stunde nach dem Essen wach, dösen, wach, dösen. Aber der Termin mit der Volkshilfe so bekloppt angelegt… War aufgestanden und hatte mich einmal kurz in die offene Terrassentür gestellt. „Ich müsste mich wohl komplett umziehen, es ist doch zu kalt, auch wenn die Sonne scheint…“. Die ganze Sache damit ohne Konsequenzen vom Tisch? Fühlt sich nicht so an. Als Ramida kam und erst keiner wusste, wo sie nun genau anfangen sollte, gab ich ihr den Auftrag, die Couch zu reanimieren und das Wohnzimmer zu saugen. Ehe ich erneut eine Stunde nur für den Abwasch bezahlen würde, machte ich mich selbst daran. Das dreckige Geschirr in der Spüle kotzte mich dermaßen an!! Und überall diese Geflügelreste!! Gestern hatte es Brathähnchen gegeben und da meine Mutter zu viele „Vogelleichen“ aufgetaut hatte und krank geworden war, hatte sie gestern schon für heute noch ein Paprikahuhn zubereitet und mitgegeben. Der Geschmack von diesem kommt mir ständig hoch und mir wird permanent schlecht. Ich bin müde, habe Kopfschmerzen…

Jammern, Jammern, JAMMERN!!!

Eine anstrengende Nacht liegt hinter mir, wohl oder übel hinter uns. Wenn es nicht seine Schmerzen waren, habe zumindest ich dafür gesorgt, dass er wohl auch nicht zur Ruhe gekommen ist. Wie schon gestern und vorgestern abends eine Tanzveranstaltung auf dem Sofa. Hydal folgte Hydal. Im Bett etwas später aufgewacht und mit zweierlei, oder besser gesagt dreierlei Problemen konfrontiert: so wie ich lag, schmerzten diverse Stellen an meinem Körper –diese Missempfindungen gefundenes Fressen für die Krämpfe in den Beinen -aber ich vermochte nicht meine Position zu verändern, die Spastik viel zu stark. Ganz abgesehen davon, dass ich gefühlt stundenlang mit der Faust auf dem Oberschenkel herum getrommelt haben musste, schnappte ich mir irgendwann das rechte Bein am Gurt über meinem Knie und ich hielt das Stück Holz so lange in die Luft, bis die Erdanziehung die beschissene Verkrampfung aufzuweichen begann und ich mich umdrehen durfte.

Hundemüde und draußen ein Abendrot wie damals im Gasthaus das Morgenrot. Weitere Erinnerungen, Seelenschmerzen tun sich auf. Da war noch dieser Traum, den ich festhalten wollte…

Erneut war ich meiner Mutter an die Gurgel gegangen. Und wie ich sie beschimpft habe, ihr an allem die Schuld gegeben habe! Ich hatte da eine vermeintliche Erinnerung in meinem Schädel. Mir aber dessen bewusst, dass solche durchaus verformbar sein konnten. Das meiste von dem Traum leider längst vergessen. Aber für mich standen definitiv die Täter fest! Wurde mir doch ein Film, eine Dokumentation gezeigt. Es ging um Missbrauch und als ich darin die Fahrten durch lange Alleen sah, sagte ich wohl: „Würde ich da mitfahren, könnte ich durchaus in eine Trance verfallen…“. Was geschah dann genau? War es meine Mutter, die das Schlüsselwort benutzte? Im Film wurde bereits etwas gesagt und die Protagonistin bekam plötzlich einen Flashback und erinnerte sich an alles!! Ich war total bewegt, starrte gebannt auf den Bildschirm, auf die Fahrt durch eine Pappelallee, stand neben mir, bekam nicht mehr mit, was um mich herum gesprochen wurde. Nichts außer dieses eine Wort von meiner Mutter: „Großmutter…“. Es war wie ein Blitzeinschlag!! Die vermeintliche Erinnerung von einem Haus, in dem viele Kinder missbraucht worden waren, veränderte sich schlagartig. Es fiel mir wie Schuppen von den Augen: Nicht meine Mutter, deren Mutter war das Monster!! So wurde das alte Bauernhaus aus der Erinnerung, welches eigentlich nur noch eine Bruchbude war, mit der Polizei gestürmt und ich konnte all die Kinder retten…

Was sich abends noch am PC konsumiert hatte? „Der Fall Kampusch“. Diese beklemmende Stimmung in der Dokumentation… Während ich es geschaut habe, hörte die rechte Hand gar nicht mehr auf zu klimpern. Ich musste mich regelrecht an mir selbst festhalten.

Gleich ist es 5, der Hals kratzt, standesgemäß von der gestrigen Aktion beleidigt. Ich schlafe gleich ein, ich kann nicht mehr. Meine Augen verdrehen sich vor Müdigkeit. Mir irgendetwas in den gierigen Schlund stopfen… Am Ende dann doch mit Konsequenzen oder nicht!

18:09

ICH BIN DER LETZTE DRECK!!!!!!

Na endlich!!!

Ich verachte mich und meinen Körper. Allein geduscht. Der Anblick von diesem fetten, FETTEN Stück Scheiße einfach nur unerträglich. Aus allen Nähten platzen. Sogar die Füße nach einem Tag ohne Stützstrümpfe fett geschwollen, fett aufgedunsen.

4. November 2016, Freitag 17:46

Ich kann nicht mehr. Das Herz schlägt mir bis zum Hals, als würde es dort gleich stecken bleiben und mich ersticken. Nichts geschafft. Aber auch wirklich gar nichts. Außer eine Erkenntnis zu gewinnen, heute in der Therapie, was mich wiederum gezwungen hat, die Textpassagen im Video zu entschärfen, zu erklären und gezwungen zu sein, das Projekt heute Nacht erneut zu exportieren. Dauert schlussendlich ja auch nur 5 h oder mehr. Der Reihe nach? Erst der Traum, den ich erneut zensieren muss und nicht posten darf?

Ich träumte davon, dass…

[….]

Schweißgebadet aufgewacht, Herzrasen und atemlos.

Morgens schon bemerkt, dass die Depression erneut zur Stelle ist. Die 4 Runden am Haus auf und ab desillusionierend. Bereits mittags überlegt, zur Standarddosis Hydal einzunehmen, mindestens 2,6. Ich habe mich nicht ausgehalten. Jeder noch so zaghafte Blick in den Spiegel wurde kommentiert und läutete ohnehin zu 100 % Selbstbeschimpfung ein. Von „DU BLÖDE FOTZE!“, „DU VERFICKTE SCHLAMPE!“ bis hin zu „DU VERFLUCHTER KRÜPPEL!“ und nicht zu vergessen „DU FETTE MASTSAU!!“ war alles dabei! Bevor ich es vergesse: Kurz vor Mittag im Schlafzimmer umgefallen. Und ich dämliche Kuh? Vermag nicht einmal mich auf die Seite zu drehen, die Beine einer Statue würdig!

Und der fetten Sau tut es weh, wenn sich der Beckenknochen in ihr widerliches Fett gräbt!!

Also erneut den Knopf betätigt. Im Wohnzimmer konnte ich den Mann am anderen Ende der Leitung rufen hören, aber es hätte ja nichts gebracht. Zuerst klingelte hier das Telefon. Dann lag ich da im eiskalten Zimmer auf dem Holzboden, draußen schwatzte ein Eichelhäher in der Saalweide, und ich kam nicht umhin mir vorzustellen, ich würde gerade sterben. Schon hörte ich ein Auto mit hohem Tempo die Straße hoch rasen. Hinterm Haus fiel eine Autotür ins Schloss und wenige Sekunden später rief Sebastian zur Eingangstür herein: „Was ist passiert?! Wo bist du?!“. Während der Therapie suchte Brigitte erneut in ihrem Nachschlagewerk nach der Diagnose „Dissoziative Identitätsstörung“. Diese ist mit lediglich einer kleinen Klausel im ICD 10 angeführt und die Kriterien passen natürlich nicht zu mir. Dabei ist doch schon längst bekannt, dass für eine Multiple nicht mehr von einem vollständigen Switch ausgegangen werden muss, dass die Innenstimmen völlig ausreichen… Und nun erklärte sie mir das Problem bei der ganzen Sache: „Die Krankenkasse erkennt eben nur den ICD an. Und deswegen hat mich ja interessiert, wie die Ärztin es in ihre Diagnose schreiben würde.“. Habe ich dieser in meinem Video Unrecht getan? Meine eigenen Aussagen gleich relativiert und mit noch mehr Texteinblendungen versehen. Im Gespräch konnte man schon bemerken, wie meine Stimmung immer weiter bergab rutschte. Ich machte keinen Hehl aus meinen wieder aufkeimenden Gedanken. Zuvor im Supermarkt konnte ich keinen einzigen Schritt mehr gehen. Zudem kollabierte mein Blutzucker: „Bin ich blass?“. „Wie eine Leiche!“. Was ich mir gewünscht habe? Dass ich zusammenbreche, entweder im Supermarkt oder auf dem Parkplatz.

Du kriegst von Aufmerksamkeit wohl nie genug?!! Du bist so schäbig!!

Ich habe mir ein Ende gewünscht. Hilfe gewünscht. Was weiß ich… und während er den Einkaufswagen zurück brachte, raste gerade ein Rettungswagen mit Sirene und Blaulicht vorne über die Bundesstraße und dahinter der bunt gemalte Abendhimmel. Es tat so weh und ich wünschte nur, sie hätten wegen mir fahren müssen. „Kamen sie damals auch mit Sirene?“. „UND Blaulicht! Vor allem wie schnell die da waren, wow!“. Ich versank in Schweigen und ganz abgesehen von meinem Blutzucker fing ich Minuten später allein im Auto zu weinen an. Es geht mir nicht gut. Vermutlich begünstigt der psychische Abbau den physischen. Damit ich mir schön selbst die Schuld geben kann.

Was ich mir noch gewünscht hätte… Dasselbe wie gestern? Dass Markus anruft? Ich muss gegen Depression uind Panik anreden… Obwohl Brigitte es nicht sonderlich professionell fand, dass er mit mir über den Fall einer anderen Patientin spricht. Ich weiß nicht mehr, was ich davon halten soll. Ich weiß gar nichts mehr…

Und es wird 19:00 und das Telefon klingelt… Danke!

31. Oktober 2016, Montag 14:01

Mir schlägt das Herz bis zum Hals. Vor mir auf dem Schoß das Holzbrett und darauf das offene Glas mit dem restlichen Kirschkompott von gestern. Muss den Deckel umdrehen! Auf der Innenseite klebt etwas… Ganz sicher ein Stückchen Kirsche, aber ich halte den Anblick nicht aus (weil ich eben auch nicht zu 100 % sagen kann, was das ist) während ich esse. Mein Dessert.

Und was war der kleine Becher Joghurt davor?!

Ich stand vor einer Stunde vor dem Spiegel, füllte Wasserflaschen auf und sah in mein blasses Gesicht. Nicht so aufgedunsen, aufgeschwemmt wie gestern Morgen noch, als ich mir selbst den Eindruck vermittelte, Cortison bekommen zu haben. Und dann wagte ich es ganz leise und zaghaft und ganz besonders lebensmüde anzumerken: „So schlimm sehe ich doch gar nicht aus…“…

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Bei meinem eingebauten Diktator schrillten alle Alarmglocken und wir konnten nahtlos dort anschließen, wo wir gestern Nacht aufgehört haben…

Du?! Gerade DU?!!!
Mit deinen 56 Kilo!! Deinem Schwangerschaftsbauch aus purem Speck!!
Du ekelhaftes Stück Scheiße!! Was für ein Narzisst!!
Das Einzige, wofür du gut bist?! DICH ZU HASSEN!!

Ich werde ganz schweigsam und mir wird schlecht. Er hat recht. Oder wie gestern Nacht? Als hätte dieser Befund ihn erst richtig schön angefeuert. Nach jedem Satz, den ich sagte, wurde ich zu seinem Sprachrohr…

Warum sagst du das? Das interessiert niemanden! So viele Worte für überflüssige Scheiße!!“.

Sebastian irritiert: „Was meinst du?“. Egal, was auch immer ich von mir gab, es wurde kommentiert. Die Stimmfarbe veränderte sich. Apropos…

Hör dir mal zu! Was hast du eigentlich für eine ekelhafte Stimme?!!!“.

Mein Liebster: „Hör auf damit, solche Sachen zu sagen. Das ist doch Schwachsinn!“. Aber ich war weiteren Hasstiraden ausgesetzt, erst recht verwundbar, weil meine rechte Hand nur noch unbrauchbar an mir hing, und so folgte, was nicht mehr aufzuhalten war… Ein weiterer Wechsel meines Gemütszustandes: Ich wurde zum Kind…

Was für eine aufmerksamkeitsgeile Schlampe!!
Du machst doch schon wieder nur mehr aus dir, als du bist!!
DU bist keine Multiple!! Hast doch gelesen: Borderliner! Selber schuld!
Und was die anderen nicht merken: Eine verdammte Schauspielerin!! Heuchlerin!!
DU sabberst ja regelrecht nach Mitleid!! Schämen solltest du dich!!

Das Kind hielt wie aufgefordert seine verdammte Klappe! Gefühlt so unsagbar klein. Und die Tränen kamen. Die ganze Freude wegen dem Spaziergang null und nichtig. Eigentlich hätte ich zusammenbrechen können, aber ich wahrte meine Fassung. Und heute Morgen geht das fröhliche Spielchen weiter. Gemäß dem Fall ich fahre in eine andere Reha-Anstalt, erkläre den Ärzten dort, dass der Chef der Psychiatrie und Neurologie 2013 Markus‘ Befund mehr oder minder übernommen und zum 1. Mal die emotional instabile Persönlichkeitsstörung von meiner Diagnosenliste gestrichen hatte, und nur weil im Laufe der Jahre irgendein Arzt aus Schlampigkeit, Unachtsamkeit oder weiß der Teufel was bei seiner Diagnose aus der ganzen großen Liste im Computer für sich erneut die Borderline-Diagnose angeklickt hat und auf einem meiner Befunde anführen musste, und NUR DESWEGEN würde da seit erneut Jahren WIEDER diese elende F 60.3-Diagnose von einem Befund zum nächsten mitgeschleift werden… Die würden mir zuhören, nicken, so tun, als würden sie mich verstehen und dann, TROMMELWIRBEL, erneut dieselbe Scheiße hinschreiben!!! Ohne jemals den Psycho getestet zu haben!!!…

Zum Verzweifeln… Und draußen ein wunderbarer Tag, grandioses Wetter, aber Sebastian muss arbeiten bis heute Abend, in einer halben Stunde kommt die Volkshilfe. Muss mich zwingen, sitzen zu bleiben, eine Pause zu machen. Der Zustand meiner Hände sollte mir zu denken geben. Keinerlei Kraft mehr. Und Rumpelstilzchen tobt und tobt und tobt. Die Panikattacken vor und während Mahlzeiten begründen sich sicherlich in der Angst, zuzunehmen. Und das Herzrasen im Augenblick im „drohenden Besuch“. Im Zeitverlust (wie kann man auch so einen fantastischen Tag verplempern). Es schnürte mir die Kehle zu…

19:56

Reicht es nun nicht endlich mit deiner scheußlichen Stimme?!

Eineinhalb Stunden telefoniert. Natürlich mit Markus. Wieder war es interessant, seinen Ausführungen zu lauschen…

Und wie ekelhaft du zwischen jedem einzelnen Wort schmatzt!!

Zu viel, alles zu viel, mein Schädel wie leer gefegt, ganz heiß und hämmert. Bei jeder noch so kleine Bewegung vom Kopf knirscht es in meinem Nacken, wie Sand im Getriebe…

Ganz genau wie deine Mutter!!

Jede Menge Input bekommen. Dabei die Hälfte schon wieder vergessen, zu spät notiert oder in irgendeine Notiz getippt. Die Volkshilfe kam nicht und ich rief deren Chefin an, um vorsichtig anzufragen, ob man mich vergessen hätte. In der Tat war dem auch so und zu später Stunde wurde mir noch Sophie geschickt, wie eigentlich Pflegehelferin ist. Im gleichen Moment ihrer Ankunft klingelte das Telefon. Die Polizistin, die sich damals mit Markus unterhalten hat. Ich hatte sie bei Facebook gefragt, ob sie mal Zeit für ein Gespräch hätte. Donnerstag kommt sie vorbei. Soll ich mich freuen? Soll ich Angst haben? Was weiß sie zu berichten, sie als Profi, wovon ich noch nichts weiß? „Man muss vorsichtig an die Sache herangehen und sie darf dich auf gar keinen Fall unter Druck setzen! Sonst kommt es im schlimmsten Fall zu einer Redetraumatisierung!“.

Willst du dich noch lächerlicher machen?!

Ihm dieses riesige Dokument mit meinen Träumen geschickt. Mal sehen…

Es war lieb gemeint, es sollte mich aufbauen, mir Mut machen, mir Bestätigung liefern, aber es ging leider genau in die andere Richtung…

DIE hat es dir jetzt aber gezeigt!! Sieh es ein!!

Du siehst richtig gut aus, viel besser als letztes Jahr! Nicht DICK und auch nicht SCHLANK, aber eben genau richtig!“. Mir gleich vor dem Abendessen den Finger prophylaktisch in den Hals stecken?! Zu meinen Kopfschmerzen dröhnt seit dieser Aussage ein schallendes Gelächter durch meinen Schädel. Er fühlt sich bestätigt. Ich bin nichts wert, bin eine fette Sau und sollte endlich geschlachtet werden…