4. Juli 2018, Mittwoch

17:02
Mittags eine winzige Tütensuppe und Wassermelone, abends Reis mit Gemüse… 59,2 Kilo um 6:45 Uhr. Dankeschön… Ein Kilo mehr…

Den neuen Fernsehsessel ausprobiert und mal eben mindestens 2 Stunden darauf geschlafen. Schön und gut; aber das passt alles nicht zusammen; das Sofa halbiert, bringt das neue Möbelstück nichts als Unruhe in den Raum. Sieht noch unordentlicher aus. Kaum auszuhalten.
Den Mittwoch mit Freitag verwechselt, sagte ich doch allen ernstes zu Sebastian, als er mittags nach Hause kam: „Hast du die nächste Woche überstanden…?“. Weil er abends für 1 Stunde weg gehen will. Die Nachwehen der gestrigen Tablettenexkursion? Es passte einfach alles zusammen, als sei Freitag, und ich sah mich bereits heute Abend ganz lange am Video arbeiten.

Völlig verpeilt. Total neben der Spur. Ausblicke in ein Paralleluniversum. Nicht mehr wissen, wo ist unten und oben, wo Hier und Jetzt…
Links an der weißen Kunststoffverkleidung vom Rollstuhlreifen, unter dem sich der Motor verbirgt, eine Blutspur. Der nächste Tropfen auf dem Boden gelandet. Unfähig, es wegzuwischen. Als spiele es keine Rolle. Als sei ich dermaßen depressiv, dass mir alles egal ist.
Wollte ich nicht hinaus? Eine Runde fahren? Der Wind hatte mich abgeschreckt, aber augenblicklich scheint er doch nachgelassen zu haben… Mich wieder schlecht fühlen? Rein in den nächsten Zwiespalt? Als drohte bereits der Winter in den nächsten zwei Tagen damit, mich wieder für Monate ins Haus zu sperren? Wie bescheuert!
Aber wie ich hier so sitze, immer noch müde, fühle ich mich bereits wie in Beton gegossen. Unbeweglich. Die Psyche erstarrt. Der Körper tot. Die Augen glotzen ausdruckslos nach draußen, Dissoziation als Standarddroge.

Durchs offene Wohnzimmerfenster draußen irgendwo in Hausnähe den Schwarzspecht rufen hören. Früher wäre ich schon los, wäre längst draußen gewesen, in der unbelehrbaren Erwartung, ihn irgendwo sehen zu können. Aber Bewegung scheint meiner Natur zu widersprechen. Als hätte diese nie in meinem Dasein stattgefunden.

17:35
Sebastian badet, ich mit beiden Händen an den Rand geklammert, die Knie abgewinkelt, stützen sich an der verfliesten Wand der Wanne ab. Kann mich nicht halten, nicht aufrecht halten, die Beine brechen unter meinem Gewicht zusammen, als würde ich 200 Kilo wiegen…
Aber meine Haare müssen gewaschen werden…
Mehrmals kam es zu kritischen Situationen. Nach hinten fallen, mit dem Kopf in die Glastür der Dusche…?

Daran bist du selber schuld, du faule Sau!!!

Andere geben sich mehr Mühe. Andere kämpfen mehr. Ich mache gar nichts mehr. 15 Jahre lang gekämpft und jetzt ist der Ofen aus? Oder auch das ein Symptom der Depression…

Umso besser! Dann bringst du dich hoffentlich bald um!!!

Kopfschmerzen. Während ich da noch instabil und wackelig vor der Wanne stand, drängte sich mir ein Gedanke auf: „Diese ganzen Medikamente, mich damit abzuschießen, hat zu viele Nebenwirkungen, Nachwirkungen. Aber was bleibt mir denn sonst??…“.
Und ich sah die Rasierklinge.

Aber wenn du nicht einmal DAS richtig hinbekommst!!!

Null Alternativen. Außer mich wieder dermaßen in meine Suizidfantasien hineinzusteigern…

17:55
Er fährt. Ich bin allein, für mindestens eine Stunde. Die Abenddosis fällt beinahe „standardmäßig“ aus. Die einzigen Abweichungen wären ein Hydal 2,6 mg und statt 15 eben 20 Tropfen Tramal. Mich auf meine Standardmittel verlassen, als ob diese in letzter Zeit nicht auch zu massiver Spastik geführt hätten. Aber irgendwie, irgendetwas brauche ich…
Beim Anblick des Lichteinfalls, der kleinen Sonnenblume auf der Terrasse drifte ich wieder ab… Mich jetzt aufschlitzen? Später aufschlitzen? Oder mir diese Option für schlimmere Zustände aufheben?

18:47
Eine leichte Betäubung setzt ein…
ABER… WIE KONNTE ICH ES WAGEN, DIES ANZUMERKEN!!!

PANIK…

19:57

Panik und Betäubung liefern sich einen rasanten Schlagabtausch. Beim Kopieren der letzten Aufnahme die beiden Fotos von der Geburtstagsfeier gesehen…
Wenn überhaupt einen winzigen Augenblick lang, und das nur ganz klein, kaum zu erkennen… Aber ich sehe sie sterben! Ich sehe meine Mutter schon wieder sterben!!! Die Augen werden geflutet…

Die beiden Fotos vom T-Shirt, welches sie vor 20 Jahren, im für den Rest meines Lebens entscheidenden Jahr 1998, zum 50. Geburtstag bekommen hat.

Ich sterbe…
Aber viel zu langsam, es ist kaum zu ertragen!
Sebastian ist zurück, ist oben, wird noch ein bisschen brauchen. Panik, Dämpfung, Verlustängste, noch mehr Panik, weniger Dämpfung, noch viel mehr Verlustängste… Usw. und so fort!!!

Den Rollator umdrehen. Himmel! Wenn da mal jemand aus Versehen einen Blick hineinwirft… Was wird diese Person von mir denken? Auf Verständnis darf ich wohl kaum hoffen. Unzählige Tücher und ein großes Handtuch, Strumpfverbände… Und allesamt blutgetränkt…

Ich brauche…
Ich muss…
Es geht nicht anders…

Dabei meine rechte Hand völlig verkrampft, eine Faust, schwach und gelähmt, die Finger lassen sich ohne äußere Gewalteinwirkung nicht strecken.
Eine Faust ist jedoch allemal besser als ein Streckspasmus in meiner Rechten. Perfekt, um die Rasierklinge doch noch irgendwie zu halten.
Sicherheitshalber zu Beginn gleich den Strumpf überstreifen; meine liebe Not mit diesem lächerlichen Handgriff.
Draußen geht die Sonne unter. Lebenslänglich.

Du wertloses Stück Dreck!!!

Bei dem Gedanken, dass er wieder runterkommt und somit symbolisch den Tag beendet, kommt mir die Kotze hoch vor lauter würgender Angst. Wie ein Strick um meinen Hals, und am anderen Ende hängt Rumpelstilzchen, schaukelt wild hin und her, dabei wird er immer schwerer und schwerer…

Auf jedes Geräusch von oben achten…
Nervös…
Singdrossel und Amsel singen ihr allabendliches Requiem. Einmal tief durchatmen…
Den Kopf schütteln, als würde es jemand beobachten, als würde ich dies für irgendwen tun…

Wieder zu feige! Es tut mir leid. Sie stirbt. Stattdessen sollte ich abkratzen.
Bei jedem lächerlichen Schnitt automatisch, unwillkürlich, reflexartig die Luft anhalten…

Und es wird 20:17 Uhr und auch wenn die ersten vier Kratzer auf der wahrlich verbrauchten Unterseite kaum Anstalten machten, für mich zu weinen, tun es die weiteren vier auf der Oberseite umso mehr.
Dicke, dicke Blutperlen werden aus den fragilen Strichen gequetscht. Wehmut kommt auf… Ich hätte den Arm auf einen der wenigen Flecken vom Frottee legen sollen, der mir zumindest verraten hätte, ob ich meine Schuldigkeit zumindest ansatzweise getilgt habe.

Der dreckige Strumpf, obwohl noch vor drei Tagen nagelneu, rettet die Welt! Kaschiert, was keiner sehen will, was nicht sein darf, denn: „… anderen Menschen geht es so viel schlechter, verhungern, sind Kriegen ausgesetzt, und ich dämliche Kuh tue gerade so, als wäre gerade MIR IRGENDETWAS zugestoßen!!“…

NICHTS UND WIEDER NICHTS!!
Du kannst dich ja nicht einmal erinnern!!!

Erneut die wenigen Spuren von den rechten Fingern lecken. Gleich werde ich tief Luft holen und es wird sich anfühlen, als hätte ich die letzten 20 Minuten nicht mehr geatmet. Im besten Fall, und das hoffe ich inständig, wird sich zumindest für einen Augenblick so etwas ähnliches wie Frieden in meinem Schädel, in meinem ganzen Körper einnisten.
Ich hasse mich. Und ich halte meine Stimme nicht mehr aus…

21:22
Es glich einer Erlösung, als er meinte, noch bis 10 oben zu tun zu haben.
Aber was habe ich davon?
NATÜRLICH ist es unvernünftig, den ganzen Tag bewegungslos auf einer Stelle zu verharren!
NATÜRLICH ist es ungesund!

Hasstiraden erfüllen den Raum. Die Tastatur fällt runter. Sie nicht mehr aufheben können. ALLES wird zur Belastung! Der Saustall links von mir! Die Unordnung vor mir auf dem Tisch! Das Durcheinander rechts in der Küche! Der penetrante Gestank nach Essig, Salatsauce!!!
Mir wird schlecht! Immer schlechter!
Schmerzen! Schmerzen erfüllen den ganzen Körper! Dagegen sind die armseligen Kratzer ein Flohhusten!!! Der Rücken, die Verspannungen, Kopfschmerzen und erst recht der Ischias!!!
NICHTS GEHT! NICHTS FUNKTIONIERT! UND SCHEINBAR IST ES ZU VIEL VERLANGT, WENIGSTENS HIER SITZEN ZU WOLLEN UND MIT VIEL MÜHE, DEN LÄHMUNGEN UND WIDERSTÄNDEN ZUM TROTZ, EINIGERMASSEN PRODUKTIV ZU ARBEITEN, WENN DAS OHNEHIN DURCH DIE BESCHISSENEN UMSTÄNDE STÄNDIG VERZÖGERT, DOPPELT UND DREIFACH IN DIE LÄNGE GEZOGEN WIRD!!!
NICHTS UND WIEDER NICHTS!!!

Mein Dasein kotzt mich an. Da bietet sich einmal die Chance auf Ablenkung, ABER NICHT FÜR MICH! WIE KONNTE ICH ES NUR WAGEN, DIES ÜBERHAUPT IN ERWÄGUNG ZU ZIEHEN, FÜR MICH, MICH STÜCK SCHEISSE!!!!

Die Zeit verrinnt, rieselt mir durch die Finger und ich unfähig, auch nur eine Sekunde festzuhalten. Wie kann ich mir bloß anmaßen, dergleichen in Anspruch zu nehmen, zu fordern, nur darum zu bitten!!…

Es wird heiß. ZU heiß. Ich beginne zu schwitzen. Aber (auch wenn Sebastian nun sagen würde, dass das NICHTS damit zu tun hat) ZU DÄMLICH, den Ventilator einzuschalten.

Du beschissener Krüppel! Du bist eine Lachnummer! Eine Belastung! Bring es endlich zu Ende!!

Unfähig, den Ventilator aufzustellen, nachdem ich ihn umgeschmissen habe. Unfähig, ihn an irgendeiner Stelle in die Hände zu nehmen, festzuhalten!! Mein Schädel droht zu bersten, wenn ich mich bücke. Alles in mir drückt. Kopf, der Magen, die Gedärme, der Ischias.

Überzeugungsarbeit wird sozusagen geleistet.
Aber ich…-allmählich gehen mir die Worte aus, die auch nur ansatzweise beschreiben könnten, WIE wertlos und dreckig und nutzlos und belastend und beschissen usw. und so fort ich bin- …bleibe ernsthaft am Leben!

22:06
Immer noch allein. Mir ist schwindelig. Aber ich sollte dennoch ein paar Schritte gehen…

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3. Juli 2018, Dienstag „Und täglich grüßt das Murmeltier…“

8:31
Oder besser gesagt „…der Wiederholungszwang…“?
Unzählige Minuten verstreichen wertfrei, das Diktierprogramm zelebriert seine 5 Minuten.
58,4 Kilo um 6:45 Uhr, draußen vor dem Küchenfenster singt eine Goldammer, der Himmel unentschlossen und verhältnismäßig wenig Gäste am Restaurant. Ich bin so müde und habe es mir doch selbst zuzuschreiben. War der Rausch wenigstens schön? Oder hatte nicht mehr in petto als mich körperlich in einen Kaugummi zu verwandeln?
Mein sauteurer Sessel kommt heute. Dafür muss im Wohnzimmer manch anderes weichen. Ein Drittel der Couch zum Beispiel. Ob das alles so klug ist, oder ob es die Unruhe und gefühlte Unordnung erst recht verstärkt?

Als ich gestern mit der Animation einfach nicht vom Fleck kam und wahrlich schon überhaupt keine Lust mehr hatte (diesbezüglich muss auch noch erwähnt werden, dass ich vermutlich noch mehr Umstände bekomme, wenn die Samples nicht passen), drängte sich mir die Tatsache auf, auf den SD-Karten wieder zwei neue Sprachaufnahmen zu haben. Die Panik bedankte sich mit einem Knicks… Aber mir nun vorzugaukeln, mit dem restlichen Tee und einem gemütlichen Festhalten meiner Gedanken ruhig und entspannt in den Tag starten zu können, dürfen, wenn nicht sogar zu müssen, sollte als infantil bezeichnet werden. Wie lange macht mein Rücken mit? Der Ischias meldet sich. Die rechte Ferse schmerzte nachts bestialisch und der Nachhall lässt auch jetzt noch keine Langeweile aufkommen.

Bis dato hatten die Comicfiguren keine Augen. Keine Ahnung, was ich Vollpfosten mir dabei gedacht habe. Wollte ich sie ernsthaft nachträglich einbauen, über das Videoschnittprogramm???
Rumpelstilzchen lacht sich schlapp über mich und meine Blödheit. Nun über Umwege jedes einzelne Bildchen nachbearbeiten. Und sollte das total bekloppt aussehen, sicherheitshalber dieselben Dateien in einen externen Ordner verschoben, um sie dann wiederum im Arbeitsordner zu ersetzen… Aber das wird jetzt zu verkopft! Hauptsache ich mache keinen Fehler und lösche irgendwo aus Versehen irgendwas…

9:19
Lange habe ich nicht durchgehalten…
Aber es ist doch wie jeden Sommer, wie jeden Frühling, jeden Herbst… Als Opfer zermalmt zwischen den Prioritäten!! Ich müsste ein paar Schritte gehen. Ich müsste weiterkommen mit dem Video. Ich müsste malen, ehe ich nicht mehr malen kann. Ich müsste noch dieses eine Dokument fürs Büro fertig machen. Ich müsste draußen sein, ich verpasse alles. Erst recht deswegen, weil seit einer halben Stunde die Mäusebussarde mit ihren jungen Bruchpiloten unentwegt ums Haus kreisen und von lediglich diesem einen Blickwinkel durch die Terrassentür kann ich sie nicht filmen…
Ich bekomme ein Magengeschwür bei dem Gedanken, was für grandiose Chancen mir bereits entgangen sein könnten… Aber was heißt hier „könnten“, DAS IST FAKT!!!
Die Unruhe manifestiert sich erst in klimpernden Händen. Ständig die Kamera nehmen, kurz warten (die Lichtbedingungen gelinde gesagt beschissen), sie wieder weglegen, um wenige Minuten später den nächsten Raubvogel vorbei zischen zu sehen. Ich fange an vor und zurück zu wippen. Die Kopfschmerzen nehmen zu.

Eigentlich bedarf es nur einer kleinen Randnotiz: „Bedarf es auch heute wie jedes Jahr zur selben Zeit härterer Bandagen, um mich entscheiden zu können, bzw. mich erfolgreich zu irgendetwas zu zwingen, das ich dann konsequent durchziehe? Man muss ja fast schon sagen >NATÜRLICH< mit unlauteren Mitteln. Denn ohne mich wirklich >kräftig< in die Mangel zu nehmen, also die Unentschiedenheit, das Dilemma, wird das heute wohl nichts mehr!!! Also bleibt die Qual der Wahl, also das Mittel zum Zweck. Oder gleich alles auf einmal?“.

Habe ich morgens Hydal geschluckt? Die 2 mg Retard? Ich weiß es nicht mehr. Aber vielleicht, wenn ich es mir lange genug einrede, verspüre ich auch so eine „benutzerfreundliche Dämpfung“. Mir den Tag einzuteilen, jeder Streitpartei im Laufe des Tages Zeit anzuberaumen, wie bei einem Schulstundenplan, sieht nur von außen wie eine von „Gott gegebene Heilsbringung“ aus…

Scheiße. Ich bin Atheist!

Aber nun folgt erst einmal der Trommelwirbel: MAGIX erneut öffnen und mich gleich -bestenfalls- mit einer Katastrophe konfrontiert sehen. Weil ich doch etwas falsch gemacht habe, er die Dateien nicht einlesen kann, oder die Augen schlicht und ergreifend bekloppt aussehen…

Mäusebussarde…

14:17
Bloß zaghaft schielt die Sonne durch die von hinten beleuchtete und dadurch weiße Wolkendecke. Rasenmäher. Kopfschmerzen. Vor wenigen Minuten war ich nur noch einen Atemzug davon entfernt, einzuschlafen. Aber ich erlaubte es mir nicht. Das Bein krampfte zu Mittag. Die Konsequenz daraus 1,3 mg Hydal. Nun obendrauf eine Koffeintablette. Obwohl ich nicht glaube, dass sie wirkt. Ich bin immer noch zu unruhig. Dabei war ich zuvor nach meinen letzten Worten mit dem Rollator erst auf der Terrasse gewesen, um dort den Mäusebussard zu verpassen, wanderte nach hinten, weil ich dort einen jungen hören konnte, hielt eine Ewigkeit Ausschau, kam zum Schluss, dass ich ihn nur von der Straße aus sehen würde können, raste im Schneckentempo zurück ins Haus, holte den Rollstuhl, fuhr mit diesem die Straße runter, näherte mich leise und ganz langsam seinen Rufen… Ohne ihn entdeckt zu haben, flatterte er plötzlich los, und zwar direkt neben mir, und suchte das Weite.
Etwas verärgert fuhr ich zurück die Einfahrt hoch. Wieder konnte ich ihn hören, wieder direkt vor mir, aber ich sah ihn einfach nicht… Dieselbe Strategie, wenn man mit einem Rollstuhl überhaupt „schleichen“ kann. Und dasselbe Debakel wie zuvor: Direkt vor mir machte er sich aus dem Staub!

Dann wurde mein neuer Sofasessel geliefert. Die Lieferanten waren so freundlich, das neue Luxusstück ins Wohnzimmer zu bringen. Um dort auf dem Holzboden eine mindestens 1 m lange Schramme zu hinterlassen, die Sebastian auffiel. Mir natürlich nicht, als es geschah. Aber mal ehrlich: Hätte ICH irgendetwas gesagt?!

Mir läuft die Zeit davon, mir rast das Herz, ich will alles gleichzeitig und auf einmal schaffen. Aber diesem winzigen Fetzen aus meinem Traum heute Nacht sollte ich (so noch ein wenig Vernunft in mir wohnt) Aufmerksamkeit schenken:
An die Rahmenbedingungen erinnere ich mich nicht mehr. Zuerst war jemand zu Besuch, mit kleinen Kindern. Diese Kinder wurden aber uns geschenkt. Und dann war es wieder so, dass der kleine Junge (oder das kleine Mädchen -ich erinnere mich nicht und spielt wohl auch keine Rolle) Sebastians Kind aus erster Beziehung war. Und ich somit die Stiefmutter. Zuerst hatte ich keinerlei Bezug zu diesem kleinen Menschen. Das Kind eiferte mir nach, als ich den Vögeln zu fressen gab. Es nahm gleich einen ganzen Eimer voll mit Sonnenblumenkernen und verschüttete diese auf der Terrasse. Kochte Wut in mir hoch? Oder sogleich Verständnis für dieses arme, kleine Wesen? Es war ja nicht böse gemeint, lediglich tollpatschig. Ich konnte sehen, wie gleich mehrere Menschen (der Besuch, ganz sicher Sebastians Schwester, der Schwager und noch andere Gestalten) mich eingängig beobachteten.
Ich schimpfte nicht. Auch maßregelte ich das Kind nicht. Das Kind tat mir leid. Ich sah in ihm plötzlich eine verstoßene, verhasste, verteufelte kleine Kinderseele, die für etwas verantwortlich gemacht wurde, was sie ja gar nicht gemacht haben kann. Aus dem einfachen Grund: WEIL ES EIN KIND WAR!!!
Vermutlich sagte ich irgendetwas wie: „Das nächste Mal wird es schon besser gehen. Aber danke, dass du mir hilfst. Die Vögel werden sich freuen!“. Ich streichelte dem Kind über die Stirn. Ich nahm das Kind in den Arm. Vermutlich weinte es. So drückte ich es noch fester an mich, gab ihm einen Kuss auf die Wange, schaukelte es in meinen Armen: „Ich passe auf dich auf…“…
(Mich selbst diese Worte nun aussprechen zu hören, löst noch viel mehr in mir aus als der Traum an sich, oder meine rationalen Überlegungen heute Morgen dazu.)
Als wir ins Haus kamen, wurden allseits Maulaffen feilgehalten. Irgendjemand sagte zu Sebastian, und vielleicht war es auch Constanze: „Ich hätte NIE gedacht, dass sie in der Lage ist, das Kind zu küssen!! Wäre nicht einmal so weit gegangen, in Erwägung zu ziehen, dass sie es in den Arm nimmt, überhaupt berührt!!“.

Man kann nun denken was man will. Rumpelstilzchen, ich mir selbst vorwerfen, den Trauminhalt total zu verdrehen. Denn -wie erst gestern in irgendeiner Gerichtssendung gehört- Erinnerungen haben nicht sonderlich viel Wahrheitsgehalt, sind zu instabil, zu plastisch, wie warme Knetmasse…
Aber ich ahne, was Markus dazu sagen wird. Und es geht nur nicht darum, ihm auf Teufel komm raus zu gefallen und wiederzugeben, was er hören will. Denn aus meinem eigenen Munde käme dieses Thema wohl nicht. Noch nicht. Vielleicht auch nie. Also muss der Umweg über das Träumen genommen werden.
Das Kind, das bin ich, war ich, und verkörpert (immer noch vorhanden,… auch wenn Rumpelstilzchen wettert, ich hätte mir das einreden lassen, um Aufmerksamkeit zu bekommen) mein inneres Kind. Dieses Kind, das ICH SELBST als Nutte, Hure, Schlampe, Flittchen, DRECKIGE FOTZE tituliere. Von dem ich überzeugt bin, dass ihm gar nichts passiert ist! Trotz allem im Widerspruch dazu, dass sie ein notgeiles Miststück ist!!! Ist, damals war…
Eine narzisstische Missgeburt!! Der niemand etwas angetan hat!! Und erneut völlig ambivalent dazu die Überzeugung, dass sie selbst schuld ist!! Mit breit gespreizten Beinen die kindliche Möse jedem entgegen gestreckt hat!!! Wie ein räudiger Köder, der mit seinem Hintern vor lauter Geilheit unentwegt über dem Boden rutscht!!! Dieses Kind, das allein bereits ob seines weiblichen Geschlechts nur so vor Dreck trieft!!!

Mein Wortschatz würde durchaus noch Beschimpfungen für eine weitere halbe Stunde hergeben… Aber mit dieser kleinen Exkursion in meine ganz persönliche Anschauung, meine Kindheit betreffend, sollte ich eindrucksvoll und für Hinz und Kunz deutlich klargestellt haben, WAS FÜR EIN MONUMENTALER SCHRITT ES IST, DIESES KIND zumindest im Traum anzunehmen, in den Arm zu nehmen, in der Umarmung in Trauer und Schmerz und Angst zu verschmelzen…

Ich hatte meine Tante per Mail gefragt, ob ich denn in meiner Kindheit „sehr körperlich, anschmiegsam“ gewesen sei. Sie hatte doch bei der Geburtstagsfeier meiner Mutter samstags einerseits ihr Erstaunen und zugleich ihre Wahrnehmung als Beobachterin geäußert (die für sie bis dato Bestand hatte und alles erklären konnte): „Neeeiiiin…. Als Kind warst du völlig normal!! Du hast dich erst nach dem Tod von Oma verändert, mit 16 damals!“. Darauf wollte ich natürlich wissen, wie diese Veränderung ausgesehen hätte. „Ganz normal… Du bist in die Pubertät gekommen, warst nicht mehr Kind, aber auch noch nicht Frau.“.
Woraufhin ich ihre Sicht von meiner Realität „ein wenig zurechtrücken, wenn ich da erschüttern“ durfte: „Von wegen! Ich war bereits mit sechs Jahren auffällig…“.
Aber nun zurück zur eingangs erwähnten Fragestellung. Sie hat mich falsch verstanden. Und oder besser gesagt aber zugleich ist die Antwort in diesem Kontext noch interessanter: „Für uns warst und bist du unser drittes Kind, ein kleines Schmusekätzchen! Deine Vorliebe zur Nacktheit war im Kleinkindalter ganz normal, fand ich.“.

Irgendwie stockt mir da der Atem. Und muss nun zwangsläufig sagen, dass der Traum nach Lesen dieser Nachricht stattgefunden hat. Wäre es doch wahrscheinlicher gewesen, mich dann erst recht als kindliches Flittchen, Prostituierte zu sehen!!!

Der Rasenmäher treibt mich in den Wahnsinn! Ich bekomme Halsschmerzen, die Stimme versagt, die Kopfschmerzen werden zusehends heftiger. Der immer häufigere Blick auf die Uhrzeit verschärft mein Problem mit mir selbst. Bin ich doch ein Junkie???
Da geht noch mehr…
Da MUSS noch mehr möglich sein!!!…
Aber mit welchen Mitteln?…

15:34
Mein Schädel scheint zu glühen! 37,5°C. War die Heizdecke zu warm? Ich hatte meine liebe Not, ins Badezimmer zu torkeln. Mich am Waschbecken zu halten, während eiskaltes Wasser über meine „Glühbirne“ lief.
Den Ventilator zusätzlich anwerfen. Novalgin, Aspro oder noch mehr Tramal? Nur noch eineinhalb Stunden allein zu sein, den Nachmittag verschissen zu haben, macht mich im wahrsten Sinne des Wortes „KRANK“. Der Tag hat zu wenig Stunden! Und die Erschöpfung, die Müdigkeit wird schlimmer und schlimmer!
Das erinnert mich an so manch ein Video von mir, wenn ich gerade von derlei Situationen (sehr beliebt im Sommer) berichte und dem Kampf, der fast zwangsläufig jedes Mal damit einherging.
Der Gaumen schon wieder staubtrocken. VERDAMMT! Ich habe eine halbe Wassermelone zu Mittag gefressen?

Mein linker Unterarm liegt nun schutzlos vor mir, auf meinem Schoß. Die Blutreste von gestern abgewaschen. Kein Vergleich zum ersten Schlachtfest. Lächerlich die Spuren, die es hinterlassen hat.
Meine Augen verdrehen sich.
Würde ich schlafen, käme ich nicht mehr hoch. Und nachts keinen Schlaf zu finden, wäre damit vorprogrammiert. Mir wird schlecht.
Novalgin oder Tramal? An meiner wackeligen Gesamtkonstitution kann man ohnehin nicht mehr viel ruinieren…

40 Tropfen Opioide. Und dann ans Video. Während mein schlechtes Gewissen nach draußen schielt und mir vorzuwerfen weiß, dass es bald -und schneller als mir lieb ist- wieder kälter wird, ich mich nicht anziehen, nicht ausziehen kann und somit dazu verdonnert, verdammt bin, im Haus bleiben zu müssen!!!
Egal wie, egal was ich mache… Unterm Strich ist es schon vorweg die falsche Entscheidung!!!
Bitte stell mich ab!! Bitte…

16:05
Mein Blutzucker kollabiert. Oder der Mineralstoffwechsel, was weiß ich!! Zu viel getrunken…
„Trink weniger.“, der Pflegeschüler (Praktikant bei der Volkshilfe) montags.
Dann vertrocknet der Gaumen von den Antidepressiva und Spasmolytika!!!

Schon vergessen, welcher Satz folgen sollte.
Achja… Die Hände unbrauchbare spastische Fäuste. Kann nicht tippen; laute Musik angemacht, um die müden Geister wach zu rütteln.
Herzrasen; nun physischer Natur, zwecks Ausschwemmen…

JAMMERN!!JAMMERN!!! JAMMERN!!!!
BESCHISSENER, WERTLOSER KRÜPPELWASCHLAPPEN!!!!!

Alles an mir zittert, während tote „Vorbilder“ um ihr Leben singen, brüllen, schreien (Linkin Park)…

16:29
Selber schuld…? Weil medikamenteninduziert? Weil ich es nicht anders verdient habe? Weil ich schlecht bin? Bestraft gehöre?…

Kind, ich bitte dich, mach die Augen zu…

16:56
Gefühlt zum ersten Mal an diesem Tag tief durchatmen dürfen. Jeder Schnitt läuft an gleich mehreren Stellen aus. Kurzzeitig wird die Panik mehr. Ich scheine keinerlei Ausweg mehr zu haben. Ich denke, ich muss mich umbringen.

Das Lied donnert durch den Raum, direkt in mein wütendes Herz, meine gehetzte Seele…
Es kam genau zu dem Zeitpunkt raus, als unklar war, ob ich wieder laufen würde können oder nicht. Es wäre das perfekte Stück für einen Sprint gewesen. Dachte ich damals. Hoffend, es dafür noch einsetzen zu können. Aber der Kampf war vergebens und es gab keinen Sprint mehr, nicht einmal ein moderates Tempo…

Geschmacklos hin oder her; laut mitgesungen, als würde ich mir die Seele aus dem Leib schreien, während mein einziger Retter, die Rasierklinge, einen Schnitt nach dem anderen platzierte…

Was bist du nur für eine feige Sau!!!

Versagt? Mir keine Mühe gegeben? Es nicht einmal versucht?…
Es blutete und blutete, während mir die Zeit davon lief.
Er kommt bald nach Hause. Die Panik reitet auf diesem Gedanken einen wilden Ritt. Nicht wissend, welchen tieferen Sinn der Satz „Nicht mehr allein sein…“ eigentlich hat.
Ich weiß es nicht…
Weiß es einfach nicht…
WAS weiß ich schon?…

Das doch so unschuldig wirkende weiße Blümchenkleid mit meinem Dreck besudelt. Zwei dicke Blutstropfen, gierig absorbiert vom Stoff, als sei es sein einziges Ansinnen, mich zu verraten: „Schaut! Schaut alle! Seht her, was die Geisteskranke verbrochen hat!!!“.
Die Sätze kommen zähflüssig und schwinden, ohne jemals einen Schatten besessen zu haben!

Was wollte ich sagen…?

Funktionieren müssen. Lächeln müssen.
Dankbar dafür, diese Plattform zu haben. ES aussprechen zu dürfen.
Du machst es nur noch schlimmer, das weißt du. Warst nicht du es, die postulierte, dass die Mischung, oder die Benzos bereits ganz allein die Panik nur noch anheizen?

Ich hatte nachgedacht. Über die Geburtstagsfeier. Die darauf folgenden Sterbefantasien.
Darüber nachgedacht, dass mein Verhalten meiner Mutter gegenüber nicht fair sei. Wenn sie, falls sie nichts mit all dem zu tun hat. Ich war ihr gegenüber doch immer so ehrlich… Damals…
Wäre es nicht das mindeste, ihr eine Nachricht zu schicken, einen Brief, um mich zu erklären? Mich zu entschuldigen scheint bereits im Vorfeld vergebens. Ihr mitteilen, warum und weshalb die Kontaktsperre vonnöten sei. Zumindest den Versuch unternehmen, behelfsmäßige Erläuterungen aus mir raus zu quetschen.

Ich denke, ich bin es dir schuldig. Sollte dir endlich erklären, warum ich mich verhalte, wie ich mich verhalte. Aber wie sollte ich dieses Chaos in Worte fassen? Ohne Erinnerung? Was habe ich schon vorzuweisen? Aversionen (Abneigungen), Ängste, Gefühle, eigentlich nichts als Gefühle… Tue ich dir Unrecht? Die ganze Zeit schon? Mir wurden diese Gefühle und Ahnungen nicht eingeredet. Sie stammen von mir, mir ganz allein. Und wenn ich an meine Kindheit, an uns als Familie denke, sehe ich kaum einen Bruchteil, der heil wäre.
Ursache-Wirkung. Seit Jahren kämpfe ich mit mir selbst, fechte eine Schlacht aus, die ich nicht gewinnen kann… Nicht ohne Hilfe und erst recht nicht ohne Erinnerungen.

[….]

Betrügen mich meine Gefühle, bin ICH das Problem?
Keine Erinnerungen. Aber Flashbacks. Und Albträume, Albträume, Albträume. Diese werden mehr und mehr und immer intensiver und immer deutlicher. Seit 2013 zeichnet sich eine Konstante ab: Immer ein und derselbe Täter.
Warum sehe ich dich seit ich noch so klein war ständig sterben?
Warum fühle ich mich dir gegenüber so schuldig?
Was soll ich angestellt haben, um in mir selbst das Urteil mit mir herum zu schleppen, ich würde dich umbringen?

Fachliteratur, Fachleute sprechen davon, dass ein Kind unter der Drohung missbraucht wird, dass, sollte es darüber reden, die Mutter umgebracht oder sterben würde vor Gram.
Es ist die Rede davon, dass es eben NICHT normal ist, bis 11 ins Bett zu machen. In den späteren Jahren habe ich es selbst zu vertuschen gewusst.
Auch ist symptomatisch, dass missbrauchte Kinder nicht erwachsen werden wollen/können/dürfen. Und sich umbringen oder es zumindest versuchen, wenn sie an der Schwelle zum Erwachsenenalter stehen.
Und selbstverständlich darüber hinaus.

[….]
Es tut mir so leid…“

So oder so ähnlich?
Und wie viel Zeit habe ich jetzt damit vergeudet???
Die Panik übermannt mich, ringt mich nieder, drückt mich zu Boden, würgt mich, und ihr vergifteter Atem und ihre boshaften Augen sprechen nur eine Sprache: „ICH BRING DICH UM, WENN DU ES NICHT SELBST MACHST!!!“.

Die Sonne scheint. Der Himmel beinahe blau. NICHTS geschafft. Das Dokument von der Firma unangetastet. Das Video noch lange nicht fertig. Und der Rausch verraucht…
Warum sterbe ich nicht???
Und wo oder wann war der Punkt erreicht, als der Tag aus dem Ruder lief?
VERDAMMT, ICH WEISS ES EINFACH NICHT!!!!

19:25
Sebastian hat mich in den Arm genommen, ganz fest gehalten, eine Daseinsberechtigung für ein paar zaghafte Tränen geliefert.
Ihm den Text geschickt. Damit er sich mein Chaos durchlesen kann, um vielleicht etwas besser zu verstehen…
Warum ich eben glaube, eine Sollbruchstelle eingebaut bekommen zu haben, und dass die Garantiezeit nun abgelaufen ist.
Noch einmal eine zweifache Dosis Tramal. Aber danach? Eine Weitere? Ich weiß es nicht! Definitiv eine Temesta… Und als diese nach einer halben Stunde immer noch nicht anzuschlagen beliebte, ein Gewacalm obendrauf.

Die Bussarde riefen so laut, die Elterntiere konnte man immer wieder vorbeifliegen sehen. Demnach für vielleicht 5 Minuten mit dem Rollstuhl ums Haus gefahren. Aber alles dermaßen verwuchert, man vermag die Spitzen der alten Bäume oben im Wald nicht zu erkennen, alles verdeckt.
Mir selbst ein Versprechen geben: Morgen Vormittag werde ich draußen auf der Terrasse warten. Dann, wenn man es dort noch aushalten kann, die Sonne noch nicht alles verbrennt. Bestenfalls mit dem Notebook, um die Büroarbeiten abzuschließen.

Das klingt doch alles wunderbar, du hast ein Ziel, einen Plan!“

Ach, halt die Schnauze!!

19:57
Mein Schädel wird schwerer und schwerer. Habe ich ENDLICH eine sogenannte Wohlfühlzone erreicht? Der Körper will schlafen, die Augen verdrehen sich wie bereits mittags. Die Schultern schwer, werden schwerer, noch schwerer. Abendlicht liegt über dem Hügelland. Ich sehe zusammenhangslose Kindheitserinnerungen. Fußball spielen mit meinem Bruder, ich komme soeben mit Kolga von einem Halbtagesausritt zurück, ich sitze hinter der Garage auf dem Betonziegelstein und weine der Nacht entgegen, ich kann das leckere Abendessen, welches meine Mutter gerade zubereitet, bis nach draußen riechen, es sind Sommerferien und meine Schulfreundinnen unten bei der Volksschule spielen mit mir bis es dunkel wird. Meine Mutter kommt, um mich abzuholen. Aber sie verstrickt sich in ein Gespräch mit Marianne, der Schulwärtin, und wir Kinder sind mal froh, dass die beiden ausreichend Stoff auszutauschen haben. So müssen wir nicht ständig bitten, noch ein bisschen weiter toben zu dürfen.

Es ist schön, idyllisch… Friedlich. Aber tief in einer dunklen Ecke meines Magens rumort etwas, fordert immer lauter Aufmerksamkeit. Als wäre es ein Warnsignal, dass sich immer hysterischer schrillend in die Magenschleimhaut eingräbt…

Was will es von mir? Ist doch alles so wunderschön!
Aber die Nacht ist gnadenlos, schiebt sich über den Abend und frisst auch noch die letzten Reste Licht. Was bleibt, sind Glühwürmchen und bestenfalls ein klarer Sternenhimmel. Und wie aufeinander abgestimmt, perfekt trainiert und konditioniert, kommt die Panik im „starken Trab“ um die Ecke gebogen und hält zielsicher und dabei gnadenlos auf mich zu…

21:41
Mit offenem Mund, die Kinnlade hängt teilnahmslos, unkontrolliert runter. Alles doppelt sehen. Den Kopf zu schütteln hilft nur wenige Sekunden. Guter Dinge, zumindest schlafen zu dürfen.

Sebastian schläft längst auf dem Sofa und ich hatte noch kein Abendessen.

HUNGERN bekäme dir ohnehin besser!!

Beim Lesen vermischten sich in meinem Schädel Außenreize, Erinnerungsfetzen, bereits dagewesene Träume mit welchen, die eventuell noch kommen werden und beinahe psychotisch irgendwelchen Bildern, ich male mir die Realität unfreiwillig bunt und skurril und zugleich obskur… Surrealismus im Rauschzustand.
Nun ist genug, es reicht, kann kaum noch sprechen…

Es tut mir leid. Wirklich, auch wenn es manch einem schwer fällt zu glauben. Ich tue das nicht, um jemandem zu schaden, runter zu ziehen, die Laune zu ruinieren.
Aber diese ganzen Gedanken müssen raus, irgendwohin raus, ehe ich daran stillschweigend zugrunde gehe…

17. Juni 2018, Sonntag „Immer wieder sonntags…“

11:33
Bis 10:00 Uhr im Bett geblieben. Kurz nach 5:00 Uhr schweißgebadet aus einem Traum erwacht, das Diktiergerät im Wohnzimmer vergessen, nichts zu schreiben in meinem Nachtkästchen. Also fünf weitere Stunden verzweifelt versucht, den Traum festzuhalten, er wollte mir unaufhörlich entgleiten, als müsse ich flüssigen Teig mit meinen bloßen Händen in den Tag, ins Bewusstsein hinüber tragen. Mehrmals entglitt er mir. Mehrmals stellte ich in meinen Kopf hinein die Frage, wie eigentlich immer, wenn ich mich an einen Traum erinnern will: „Wo war ich?…“.

Wie eigentlich jeden Sonntag dauert es nicht lange, bis sich der erste Gartennazi bemüht fühlt, gesetzeswidrig am Ruhetag der Woche seinen Rasenmäher anzuschmeißen. Und so wird es eben auch nicht lange dauern, bis sich auch der nächste Vollidiot inspiriert fühlt, dem „kriminellen Pionier“ nachzueifern.

Kaum mit Sack und Pack nach draußen gewandert, vermag man bereits akustisch diverse Arschlöcher auseinanderzuhalten. Es macht wütend. Und ich denke an das aktuelle Videoprojekt, in dem man nicht einmal bei den Aufnahmen im Haus von Lärm verschont bleibt. Da war es in Hamburg ruhiger!

Nun aber zum Traum, ehe alles verloren geht…
Womit fing alles an? Es gab einen Wettbewerb, auf einer Bobbahn. Da waren Behinderte, Klienten von meinem Verein. Jeder durfte oben einmal eine Puckscheibe in die Bahn werfen. Es war ein hochangesehener Wettbewerb, wie mir schien. Der Rundfunk war da, ein Fernsehteam, und für gewöhnlich hatte jedes Jahr irgendein Künstler den Wurf jedes einzelnen Teilnehmers zeichnerisch festgehalten. Und dieses Jahr sollte ernsthaft ich die Rolle übernehmen. Ich machte ihnen klar, dass ich eigentlich nicht stehen kann, vom Zeichnen, erst recht schnellem Zeichnen keine Rede sein konnte. Aber man hörte mir nicht zu, ich stellte mich mit meinem Zeichenblock unter der Bahn auf und ohne zu wissen, wie ich an dieses Thema herangehen solle, kritzelte ich hastig irgendetwas. Für Realismus war keine Zeit. Also wurden Comics daraus. Aber ich darf wohl annehmen, dieser Teil hat für den restlichen Traum keinerlei Bewandtnis. Oder wenn, dann vielleicht zumindest diese, dass ich Anerkennung erhielt und irgendwie selbstbewusster aus der Aufgabe heraus ging. [….]

Wir haben uns gestern angezickt. Gleich zu Beginn unserer Fahrt. Oder war es so, „dass er sich endlich einmal gegen meine Dauerkritik wehrte“?
Nachdem er mir die Anekdote von meiner Mutter erzählt hatte, fügte ich dem noch eine bissige Bemerkung hinzu. Was wiederum ihn zu folgender Aussage bewegte: „Darüber möchte ich mir kein Urteil erlauben!“. Und in anderem Kontext, dass ich mich ja ständig an irgendwelchen Kleinigkeiten aufreiben kann, bis sie monströs erscheinen. Das „wäre in meinem Fall ja schon pathologisch“ (überspitzt interpretiert).
Der Gipfel war die Situation abends, bevor wir ins Bett gingen. Ich monierte, dass er mir beim Ausziehen weh getan hätte. „Er sei so grob, bereits morgens, weil er nicht bei der Sache sei, schnell und noch schneller fertig werden will“. Und was sagte er darauf? „Mach nicht so ein Blatt daraus!“.
Beim Verlassen vom Wohnzimmer wiederholte ich knurrend seine Worte, und fügte hinzu: „DU musst es ja wissen…“. Dann schwieg ich. Was er natürlich nicht lange aushielt. Zuckersüß warb er um meine Aufmerksamkeit. Mit ganz besänftigter Stimme. Wiederum meine blieb ablehnend.

Und warum? NATÜRLICH gestehe ich ihm ein, dass das alles irgendwann mal zu viel wird. Aber sich erneut für meinen Eindruck so patriotisch auf die andere Seite zu schlagen, mir bei jeder einzelnen Erzählung von Gefühlen und erst recht Träumen das Gefühl zu geben, es handele sich um eine obskure Parallelwelt, die nichts zu bedeuten hat, außer vielleicht eine tendenziell „leichte“ Aversion/Ablehnung“… Das tut weh. Mich regelrecht zurückgestoßen fühlen. Und ganz allein.
Ist es mein geisteskrankes Hirnkino, das mir verdrehte Tatsachen vorgaukelt? Oder ist es nicht in der Tat so, dass aus seinem Harmoniebedürfnis heraus diese Überforderung mitunter Energie bezieht? Und wieder vollführt er einen Spagat, um „niemanden ungerechtfertigt vorzuverurteilen“? Dabei wünschte ich nur, zumindest mein Partner stünde hinter mir…
Andererseits: Wie soll er, wenn ich ihn ständig zurückstoße? Henne oder Ei? Allein morgens diese Prozedur, wenn er mich aus dem Bett schält, seine schmachtenden „Liebesbekundungen“, die allesamt auch ein Pädophiler zu einem Kleinkind sagen könnte: „Du bist so NIEDLICH! Mit deinen Wuschelhaaren in der Früh! Und den süßen Stummelbeinchen!! Meine Güte!! Ich möchte dich auffressen!!!“. Das alles verziert mit Lauten der Verzückung…

Das ist er, wir leibt und lebt. Es tut mir leid. Wie schon so oft und erst recht nach so einem Traum löst sein Gehabe Ekel bei mir aus. Und ganz sicher nicht das Gefühl, wie eine erwachsene Frau behandelt zu werden. Wenn es wenigstens einen Flashback in mir auslöste. Aber so funktioniert es leider nicht. In diesen Momenten wird er für mich zu einem anderen. Schlimmer noch: zu einem Täter.

Du und deine Fantasie!!!
Du bist so gemein… Bestraf dich!!!

Im Kühlschrank liegt weiterhin Essen von meiner Mutter. Ich halte es nicht aus. Von Essen ganz zu schweigen. Oder hat er recht? Haben all jene recht, die ständig meinen, die Multiple Sklerose hätte mich verändert und psychisch krank gemacht? Hat er recht, dass ich mich übertrieben in eine Fliege hineinsteigere, bis sie ein Elefant geworden ist?

Die Ratio sagt…
Ich weiß nicht mehr, wo ich sie im Text angeordnet hatte. Links oder mittig? Bei der Helferinstanz oder dem Kind?
Spricht nicht gerade DAS dafür, dass die Diagnose der Multiplen falsch sein muss? Wenn ich selbst so eklatante Fakten in den Shredder der Vergesslichkeit befördere?!

Genauso gut könnte dieses Verhalten aber auch ein Indiz oder Symptom der posttraumatischen Belastungsstörung sein. Der verzweifelte Versuch, Ankerpunkte zu finden, zu sortieren, sich zu orientieren in diesem Chaos aus Gefühlen und fehlenden Erinnerungen dazu. Puzzleteile probeweise zusammenfügen, umso herauszufinden, welche tatsächlich zueinander passen.“

Der Himmel wechselt ständig von Sonne zu Wolken. Weidensamen, alles voll mit Weidensamen. Dass sie tatsächlich monatelang fliegen war mir bis jetzt auch noch nicht bewusst. Ständig juckt die Nase und dabei Angst, eine Allergie zu bekommen.
Der Urin im Schlauch sieht heute katastrophal aus. Wagte ich nicht erst gestern zu denken, dass er sich verdammt lange gut hält, schön klar ist? DAS der Grund?
Neben dem Urteil, dass der Tag zwecks spätem Aufstehen bereits im Arsch ist, streiten in mir noch weitere Vorwürfe um ihre Wichtigkeit.
„Es ist schön, ich muss draußen sein.“.
„Ich muss mit dem Video weiterkommen.“.
„Ich möchte eine Ausfahrt machen.“.
„Das Bild bleibt schon wieder liegen.“.
„Meine Muskulatur baut immer weiter ab, ich müsste mich bewegen.“…
Um derer nur die Schlagzeilen zu nennen. Und der Besuch? Kommt er heute?
Meine fettige Visage nicht aushalten, daran bleiben gefühlt erst recht Weidensamen hängen, oder besser gesagt kleben. Mir ekelt vor allem! Erst recht von mir selbst. Wie kann man da erwarten, dass ich die Berührungen anderer aushalten muss?

20:14
Erst nur irritiert. Wo ist da vorne und hinten, sehe ich etwas nicht, das kann doch nicht sein…
Dann gelinde gesagt etwas schockiert. Vor dem Bildschirm verharren und gar nicht erst in der Lage, das alles zu erfassen, noch die Zeit, es mir zu Gemüte zu führen…

Ich wollte fürs Video die nächste Aufnahme machen. Die erste Fassung gefiel mir nicht. ICH gefiel mir nicht. Ein zweites Mal denselben Text runter gespult. Es war eher verhältnismäßig wenig, was ich da erzähle. Vom Traum vor der Heimfahrt mit dem Typen, der einen Eiswürfel im Penis stecken hatte. Dann warf jemand im Hintergrund einen Rasenmäher an und vom Bildmaterial an sich vermag man die Veränderung erst gar nicht zu erkennen…
Absence! Lediglich an meiner Atmung kann man eine Veränderung feststellen. Bis ich in die Kamera sage, was gerade mit mir passiert. Und bedingt dadurch, alles festzuhalten, was gerade durch meinen Schädel läuft, wird der Zustand aufrechterhalten… Aber SO lange??

Anschließend, immer noch neben der Spur, Übelkeit, Neuropathie in den Armen, musste ich mich aufs Sofa setzen. Dermaßen fertig, regelrecht erschöpft. Und hätte man mich gefragt, hätte ich felsenfest behauptet, den Text nicht zu Ende gesprochen zu haben und tatsächlich anschließend nur wenige Minuten „abwesend“ gewesen zu sein…

Doch die Fakten, die Aufnahmen, strafen mich Lügen. Und ich Vollpfosten wundere mich noch, warum diese auf drei Einzelteile zerlegt wurde. Ich hatte doch nur zwei Aufnahmen gemacht. Jene, die ich nicht mochte, und dann eben noch die Zweite. Dabei aber nicht realisieren, dass die Kamera das Material ab einer gewissen Länge in Stücke schneidet, die abgespeichert werden. Es waren sage und schreibe 35 Minuten!!!
Ich hockte da in diesem seltsamen Licht 35 Minuten und assoziierte. Mein Bruder und ich auf dem Sofa, im alten Wohnzimmer im Gasthaus. Klavierunterricht. Fernsehprogramm. Käsetoast mit Ketschup.

Natürlich, es wird Abend und der Himmel sieht nach Regen aus. Aber auch diese Lichtqualität bringt mich angesichts des Festhaltens der Geschehnisse dezent zurück in diesen Ausnahmezustand. Eine Panikattacke war das nicht. Denke ich. Aber all das Gesehene und jetzt Diktierte löst in mir ungemein Unwohlsein aus. Mir wird wieder schlecht. Wäre die Kamera nicht mehr angewesen, dann hätte es ja auch keinen Sinn gemacht, die Situation zu beschreiben. Und so wäre sie vermutlich auch viel schneller vorbeigegangen. Also kein „Die nächste Phase erreicht!“. Alles zerklären.

Die große Hand zwischen meinen Beinen im Traum heute Nacht… Hat wohl einen „bleibenden Eindruck“ hinterlassen. Nun diese Worte auszusprechen, in einem Atemzug mit dem wahrlich unappetitlichen Traum, vermag die Übelkeit dann doch ein wenig zu vertiefen…

NUR ein Traum oder doch bereits mehr?

19. Mai 2018, Samstag „Träume sind Schäume…?“

12:08
58,9 Kilo. Viel zu spät, erst um 10 aus dem Bett. Die Feldsperlinge samt erster Brut haben gestern den Futtersilo binnen weniger Minuten komplett entleert. Auf der einen Seite gibt es Hirse, Wellensittichfutter, was sie fressen können, und auf der anderen Seite ungeschälte Sonnenblumenkerne. Aber was machen die kleinen Monster, wie gewohnt? Wie kleine Bagger schaufeln sie unten die Kerne aus dem Schälchen, auf der Suche nach etwas Fressbarem, finden nichts, graben weiter und nun liegt der gesamte Inhalt der einen Hälfte vom Silo auf der Holzplatte, im Regen. Um dort wunderbar zu schimmeln.

Sebastian hatte es mit der Sonnencreme etwas zu gut gemeint. Geplant war, ich fahre hinters Haus, halte rasch meinen Traum fest, ehe er völlig auseinanderfällt (genau deswegen bin ich auch so lange im Bett geblieben, um ihn mir wieder und wieder mit geschlossenen Augen durch den Kopf gehen zu lassen). Anschließend mit dem Rollstuhl nach Jennersdorf, vorbei am Mehrparteienhaus, Ausschau halten, ob ich dieses Mal Eltern oder Jungtiere vor die Linse bekomme. Er schleppte mir gerade alles nach draußen, Wasserflasche, Notebook und sogar einen Zeichenblock…

Alles scheint sich gegen mich zu stellen! Alles!

Da bist du ganz alleine schuld dran!!

ZU verkrüppelt für alles!!! Und natürlich!! Jetzt grinst die Sonne wieder blöd vom Himmel!!

Kaum war er draußen, kaum fuhr ich los, begann es zu regnen! Zu schütten! Alles zurück ins Haus, um jetzt wieder den inneren Kampf auszufechten, was ich nicht alles draußen verpasse, dass ich draußen sein müsse… Und die Unruhe kommt auf Temperatur!
Die fette Schicht Sonnencreme auf meiner Visage kaum ertragen. Wenn ich mich nun nur lange genug hineinsteigere, bin ich der Überzeugung, keine Luft mehr zu bekommen, unter dem Fett zu ersticken!
Gestern zusammen mit Sonja wurde auch ein Rätsel gelöst. Ich wunderte mich, warum der Vogel mit dem explodierten Auge nun plötzlich ein Männchen war. Machte Scherze über eine verunglückte Geschlechtsumwandlung, von wegen Augapfel als Testikel oder so. Da tauchte die Meise vermeintlich wieder auf, das explodierte Auge nun aber auf der anderen Seite! Und wieder weiblich! Also gibt es zwei Kohlmeisen, ein Männchen und ein Weibchen. Waren die beiden Zwillinge in einem Ei, am Kopf zusammengewachsen? Gestern beim Katalogisieren der neuen Aufnahmen einen genauen Blick auf die Verunstaltung werfen dürfen… Ganz schön ekelhaft!

Aber tut dem nun nichts zur Sache! Dabei geht nur wieder der Traum verloren! Womit fing die Geschichte an?
Ich wohnte im Gasthaus. Wer hätte DAS für möglich gehalten?! Der Dachboden war ausgebaut, der Dachboden verfügte über ganz neue Dimensionen, ein riesiger Komplex, beinahe wie bei der Reha. Aus irgendeinem Grund wurden Hunderte von Kindern im Haus einquartiert, Notunterkunft (vermutlich wegen den Nachrichten kurz vor Mitternacht, dass es in den USA erneut zu einer Schulschießerei gekommen sei). Ich schämte mich. Das waren alles Schulkollegen von mir. Alle Altersstufen. Und ein Mädchen, sie heißt Michaela, musste bei mir im Zimmer schlafen. Ich hatte in den Jahren, Hauptschule und Gymnasium, so gut wie nichts mit ihr zu tun. Mir fällt nicht einmal ihr Nachname ein. Sie schlief auf meinem Bett und ich auf dem Fußboden. Mein Bett war so dermaßen hart, sie bekam Rückenschmerzen und ich schämte mich. Es dauerte auch eine Ewigkeit, ehe wir zum ersten Mal ins Gespräch kamen. Sie fand auch den Gedanken ekelhaft, mit mir eine Zahnbürste zu teilen. Ein anderer Schulkollege hingegen hatte da weniger Probleme, wollte sogar einen Aufsatz benutzen, den ich bereits mehrmals in Gebrauch gehabt hatte. Sie ekelte sich vor vielen Dingen in unserem Haus, in meinem Leben. Erst da musste ich bemerken, dass mein Dasein nicht so normal war, wie ich bis dato dachte.
Wir sollten uns umziehen. Aus dem Fenster konnte ich aber sehen, dass im Hühnergehege der Nachbarn gegenüber ein alter Bauer aus dem Dorf saß. Graue Haare, grauer Schnauzbart, eine riesengroße Knollennase. Und er beobachtete mich, eindeutig. Ich zog den Vorhang vor, zumindest zur Hälfte. Und sagte wohl ziemlich laut, dass der Typ ein Perverser sein müsse. Wie und warum er es hörte, weiß ich nicht. Er brüllte irgendwelche Beschimpfungen zurück. Ich konterte, lautstark, in meiner Mundart. Darauf titulierte er mich als Hure, eben genau so eine Hure wie meine Mutter!!
Er stampfte wutentbrannt von dannen und erzählte im ganzen Dorf herum, ich würde wie ein Flittchen am Fenster meines Kinderzimmers die Hüllen fallen lassen, und ich dachte, ich könne nie wieder mit dem Rollstuhl normal durchs Dorf fahren. MIR würde ja niemand glauben! Ich suchte in meinem Schrank, aber da waren keine Klamotten mehr (an diesem Punkt stellt sich Panik bei mir ein). Scheinbar hatte sich meine Mutter meine ganzen Sachen gekrallt. Ich ging auf den Dachboden, der nun zwei Stockwerke umfasste. Dort waren die andern Schulkinder untergebracht. Ich fand einen Raum, der dem Dachboden hier im Haus gleicht, aber zugleich vom Lichteinfall her dieselbe Stimmung hat wie jener im Gasthaus. Dort stand ein Schrank. Darin meine ganzen Sachen, meine ganzen Klamotten!! Meine Mutter sagte, nach meinem Selbstmordversuch hätte sie die alle aufgehoben. Alles fein säuberlich zusammengelegt, und ich wühlte darin herum wie eine Wildsau. Ich fand auch noch andere Utensilien, mein Notebook und derlei Krimskrams; am besten alles auf einmal mitnehmen, schlussendlich war es ja MEIN EIGENTUM! Sie stand immer noch hinter mir, beobachtete genau, was ich machte. Der Raum war plötzlich leer, nur sie und ich. Und die Erinnerung, dass da zuvor kleine Kinder gewesen sein müssen. Wie eine Einblendung, eine Rückblende. Kleine Mädchen, fünf oder sechs Jahre alt, saßen da auf dem Estrichboden. Und eine schwarze Gestalt hatte ihnen Überraschungseier geschenkt. Nachdem sie das getan hatten, was der Schatten von ihnen wollte. Zurückgeblieben lediglich die gelben Plastikkapseln mit dem Spielzeug darin. Die erste Figur in einer der Kapseln, und ich weiß nicht mehr genau, wie diese aussah, sprach bereits Bände! Erst recht die in der zweiten Kapsel, und noch viel mehr die Zeichnung, die selbstgemalte Grußkarte, die neben dieser lag…
Dazu muss erwähnt werden, gestern eine Dokumentation über jugendliche Mörderinnen gesehen zu haben, und die jüngste, damals gerade mal 11, hatte grausige Zeichnungen angefertigt, ehe sie damit anfing, erst nur Tiere zu töten und dann eben auch Menschen.
Also von diesen Zeichnungen inspiriert, auf dem Fetzen Papier ein kryptisch-kindliches Bild von einem Menschen, wohl einer Frau mit Rock, und noch wahrscheinlicher vom Mädchen selbst…
Und tatsächlich! Da setzt der Lochfraß ein!! Ganz zu schweigen davon, dass ich vermutlich unfähig bin, auch nur einen Strich zu zeichnen, dabei hatte sich mir das Bild doch so dermaßen eingebrannt und jetzt, augenblicklich löst es sich vor meinem inneren Auge auf!!! Ich hätte morgens, gleich nach dem Erwachen eine Skizze anfertigen sollen!
Aber ich will es versuchen: Also das Mädchen steht rechts, von der Seite. Das Mädchen hat unten am Rock scheinbar einen Penis. Und von links kommt eine Schlange angekrochen, bäumt sich vor dem Mädchen auf, gibt ihm einen Kuss. Ich „glaube zumindest“, aus dem Penis tropft etwas. Und oben drüber geschrieben in kindlicher Krakelschrift: „Danke. Es schmeckte wie Sahne“.

Ich sah dieses Bild und mir wurde speiübel. Waren da bereits andere Opfer? Oder war ich das als Kind?
Die Kinder hatte man längst, vor Jahren schon, weggebracht. Die Kinder waren zu klein, um zu wissen, was da mit ihnen geschieht. Sie haben es schlicht und ergreifend VERGESSEN…
Ich versuchte zu fliehen, wegzulaufen, die Straße runter… [….]

Um seltsamerweise in Jennersdorf anzukommen. Dort, wo zumindest in meinem Traum lauter Arztpraxen waren. Da waren auch Bonzen und Ärzte, vor allem mein Hausarzt aus Kindertagen, den ich später gehasst habe, ob seiner anzügliche Bemerkungen im Gymnasium mir gegenüber, die allesamt Teil eines Kinderpornorings waren! Und alle hatten sie sich bedient auf dem Dachboden im Gasthaus!! Kinder wurden in Kofferräume gestopft von riesengroßen Edelkarren. Wie Waren. Und der kriminelle Sauhaufen machte sich soeben aus dem Staub…
Die nächste Szene, die ich sehe, spielt sich vor der Reha-Klinik ab. Die Konkurrenzklinik davor steht lichterloh in Flammen. Aber die unzähligen Menschen auf der Straße, auf dem Gehsteig schert das nicht. Scheinbar ist Silvester, im Sommer, da läuft Techno, alle tanzen und ich kann mich ebenfalls dem Rhythmus nicht entziehen. Außerdem entstehen so geniale Aufnahmen mit der Kamera, beinahe postapokalyptisch, mit der brennenden Anstalt im Hintergrund…
Als ich mich in der Klinik anmelden will, ich flüchte regelrecht in diese, habe ich alles vergessen. Ich weiß nicht mehr, bei welchem Pult ich mich anstellen muss, ob ich zahlen muss oder nicht, und scheinbar habe ich einen Erlagschein nicht unterschrieben. Ich entschuldige mich damit, seit Jahren keinen mehr ausgefüllt zu haben und deswegen nicht mehr zu wissen, wie das geht…

Was nicht unerwähnt bleiben soll: Nachts konnte ich vernünftig gehen. Für meine Verhältnisse. Ich räumte sogar in der Küche ein wenig auf.
Um dann heute, ohne die Hände noch irgendwie in Anspruch genommen zu haben, nicht einmal das Notebook aufklappen zu können. Mein Rücken schmerzt. Der Hintern schmerzt. Und ich will diese Zeichnung machen… Aber besteht die Blockade lediglich der Angst wegen, zu versagen, nicht zu können, oder eben vielleicht auch, „weil ich nicht darf“? Und es sei definitiv ebenfalls erwähnt, dass die Zeichnungen dieser schizophrenen Mörderin nichts mit dem Bild zu tun hatten, welches ich in meinem Traum sah. Lediglich bis auf die kindliche Abbildung einer Frau im Rock. Aber ich hocke hier, völlig erstarrt, die Hände wie auf den Schoß gepflastert, den Zeichenblock vor mir und ich komme nicht zu Potte!…

16:22
Rasenmäher, Flugzeug, Rasenmäher. Im Supermarkt damit gekämpft, nicht in Tränen auszubrechen. Im Auto spätestens die Kontrolle verloren, als ich mich für mein Verhalten im ersten Supermarkt entschuldige.
Aber nicht einmal weinen kann! Unverzüglich brannten die Augen, als seien meine Tränen ätzende Säure!

WIE DEINE MUTTER!!!

Meine Mutter hatte sich immer die Augen gerieben, „zu wenig Tränenflüssigkeit“ lautete die Diagnose.

Der Reihe nach. Ich wollte also nach Jennersdorf, und scheiterte bereits am Schuhregal. 10 Minuten um den linken Schuh zu verschließen!! Ein Donnerwetter ging auf mich hernieder. Und draußen? Eiskalter Wind. Sonne, keine Sonne, Sonne, schwarze Wolken.
Also dachte ich: „O.k.! Ich bleibe hier und filme, was mir vor die Nase kommt!“. In der Weide neben dem quadratischen Wannenteich lauter Schwanzmeisen, fütterten ihre Jungschar. Und ich zu dumm, die Kamera zu halten!!! Alles ging schief!!! ALLES!!!!…

Bring dich um.

Ich bring mich um.

Ins Haus gefahren, 2 mg Hydal, „nur“ die Retardfassung. Sebastian mitgeteilt, dass ich noch da sei, ob er nicht jetzt fahren möchte. 10 Minuten später war er unten. In diesen 10 Minuten war noch mehr schief gegangen. Und warum?! Weil ich ein beschissener Krüppel geworden bin, der eigentlich gar nicht mehr allein zu Hause bleiben kann, weil er nichts hinbekommt! Doch, ich könnte den ganzen Tag auf dem Sofa sitzen bleiben. Aber von wegen Selbstständigkeit, kümmerliche Reste eines eigenständigen Lebens… VERGISS ES!!! WARUM NICHT GLEICH IN EIN HEIM?!!!

Im ersten Supermarkt war er mehr mit seinem Handy beschäftigt. Und der erste Artikel, den ich in die Hand nahm, die Strauchtomaten, landeten SELBSTVERSTÄNDLICH auf dem Boden! Er wollte den morgigen Tag planen, ein Kinobesuch steht an. Er hörte mir überhaupt nicht zu, was wir benötigen, was uns fehlt, was wir kaufen müssen… Und ich dämliches Stück Scheiße allein nicht in der Lage auch nur irgendetwas anzufassen! Da war ich kurz davor, ihn anzuschreien!

Und alles nur, weil ich dermaßen am ENDE bin!
Im nächsten Supermarkt kam von hinten plötzlich eine Dame, berührte mich vorsichtig an der Schulter, begrüßte mich, und ich sah sie an wie eine Kaulquappe! Ich entschuldigte mich, ich könne mich nicht erinnern…
„Wir haben uns damals an der Raab getroffen. Da warst du dem Rollator spazieren…“. Ich dachte angestrengt nach, aber erst beim zweiten Satz klingelte es leise: „Ich kenne dich noch vom Laufen. Ich wohne in Rax und du bist jeden Tag vorbeigerannt…“.
Hastig verabschiedete sie sich, sie hatte ja Sachen auf dem Laufband an der Kasse liegen. Ich sank in mich zusammen. Ich meine mich nun zumindest an die Depression nach diesem Ausflug und Kennenlernen erinnern zu können.

Wieder im Auto wollte ich mich erklären, mein Verhalten, dass ich dermaßen am Verzweifeln sei. Aber er hat es wohl nicht verstanden, dass es der Versuch einer Entschuldigung war und zugleich ihn über den Schweregrad meiner Krise in Kenntnis zu setzen. Er stattdessen sagte, warum er so viel ins Handy gekuckt hätte. Und bemerkte vermutlich nicht einmal, dass ich in Tränen ausbrach. Spätestens als ich mir vor Schmerz die Augen rieb, musste dieser Kommentar sein: „Selbst zum Weinen zu dämlich!!“.

Es ist ihm zu viel. Erst recht meine permanenten Zerstörungsankündigungen. Mit meinem Eis in der Hand: „Es wäre besser, es gäbe einen Menschen weniger, der in Form von Palmöl Orang Utan-Blut konsumiert und die Welt zugrunde richtet.“.

Als wir vor all dem im Dorf angekommen waren, auf dem Parkplatz vom ersten Markt, die Autos, die Leute mit den Einkaufswägen… Ereilte mich eine FETTE Derealisation. Nichts ergab mehr Sinn! Und der Wunsch, zu sterben, nur noch lauter.
Ein Wort hat sich mir eingebrannt, passend zum ganzen Tag: WERTLOS. ICH bin WERTLOS!! Zu nichts mehr zu gebrauchen!!

Man solle mich nun bitte nicht falsch verstehen. Diese Ansichten gelten nicht für andere Menschen. Es geht hier lediglich NUR UM MICH, MICH, DAS WERTLOSE STÜCK SCHEISSE!! Ich schämte mich für mich selbst, in Grund und Boden, wie ich aussehe, mit dieser Akne überzogen… Ein einziges Minenfeld! Und alles mache ich falsch! Auch jetzt sitze ich tatenlos vor dem Zeichenblock…
Kaum zu Hause, 2,6 mg Hydal. Ich warte auf dessen Wirkung. Kann ich sitzen, der Körper überzogen mit Schmerzen. Die Schnauze voll.

21:04
Schlussendlich gezeichnet, was ich gesehen habe. In mir löste es einiges aus. Sebastian hingegen: „Aha…“.

2018-05-19

11. April 2018, Mittwoch

8:39
„Wie ruiniert man einen Vormittag mit einem einzigen Wimpernschlag?“…

Darf man noch als gnädig bezeichnen, Frühstück und Morgensendung beenden zu dürfen? Ich wollte soeben die Arbeit aufnehmen. Stattdessen darf ich mir das Gemeckere der Notrufstation anhören. Etwa alle 5 Minuten informiert mich der Kasten darüber, nicht verbunden zu sein. Lautstark. Was ebenfalls toll ist: Nun werde ich mir erst recht der Unordnung alleine auf der Sofalandschaft bewusst und erst recht, WIE abhängig man mittlerweile vom Strom ist! Ein beinahe choreografiertes Klacken geht durch den ganzen Raum und sicherlich 30 unterschiedliche Gerätschaften werden ausgeschaltet. Kein Strom. Wir haben kein Unwetter und auch die Uhrzeit ist doch immer dieselbe, der Weg zum Sicherungskasten wäre überflüssig; also darf ich davon ausgehen, dass der Stromanbieter wieder irgendwelche Arbeiten am Netz durchführt. Das kann schnell gehen. Schlimmstenfalls bis kurz vor Mittag dauern.

Ich hatte recht! Dieses Mal auf die Uhrzeit geachtet und es sind tatsächlich exakt 5-Minutenabstände. Jetzt darf ich dem Wind zuhören, wie er durch die wertlose Dunstabzugshaube pfeift. Jedem einzelnen, beschissenen Flugzeug darf ich meine Flüche hinterher schicken. 59,5 Kilo um 6:45 Uhr. Abstruse Träume. Von Leichen, Leichenbergen auf dem Zebrastreifen unterhalb vom Gasthaus. Das Überqueren der Straße war tödlich. Aber ich weiß nicht, ob diese Menschen überfahren wurden oder eher im übertragenen Sinne „Leichen im Keller“ entsprächen. Waren es Zombies? Halbtote? Ich musste an diverse Dokumentationen über Konzentrationslager nachdenken. Da das eine riesengroße Sauerei bedeutete, hatte irgendjemand die Leichen erst auf die Bushaltetasche geschoben. Etwas später waren die Kadaver 3 m weiter oben auf dem Hügel hinter der Thujahecke verschwunden. Irgendjemand hatte sie verschwinden lassen. Interessant… Aufs Grundstück vom Gasthaus? Lediglich ein halber Kopf und ein Arm waren von der Straße aus zu sehen. Auf dem Asphalt selbst waren nur noch Flecken zu erkennen und kurz lag da vielleicht auch noch eine Hand. Die Raben würden sich darum kümmern und „kein Hahn danach krähen“! Ich war mit Birgit und meinem Hund spazieren. Im Feuerwehrhaus gab es ein Dorfmuseum, voll gestopft mit Reliquien aus dem Gasthaus. Eigentlich war es das Museum meiner Mutter, wenn man so möchte. Ich wollte laufen. Ich lief, ganz langsam, sodass Birgit ruhig neben mir her gehen konnte. Kreuz und quer durchs Dorf. Dreh- und Angelpunkt, wer hätte es gedacht, das Gasthaus. Ich bekam Erinnerungen, gemischt mit einem mulmigen Gefühl. Auch jetzt gerade ist es nicht anders. Der seltsame Lichteinfall. Semesterferien oder unter der Woche krank und zu Hause von der Schule? Ich sah Stücke, die früher im Kurzwarenladen meiner Großeltern verkauft wurden. Eine Mappe, einen Stift, um den Papier gewickelt war wie bei einer Zigarre. Ich erzählte Birgit, als Kind bereits einmal druntergekuckt zu haben. Nun rollte ich das Papier erneut auf. Es war unheimlich. Ich hörte das Raunen des Windes im leeren Gasthaus. Ich hörte dieses eine Musikstück von Lisa Gerrard, bei dem ich mich immer als Kind genau in dieser Situation im Gastzimmer allein und verloren stehen sehe. Mir wurde schlecht, mir wird schlecht. Irgendwo unter dem Papier befand sich ein Zeitungsschnipsel von 1980, exakt zwei Wochen nach meiner Geburt. Aber darauf stand nichts Wichtiges. Werbung? Aktien? Definitiv etwas, womit ich nichts anfangen konnte. Weil ich noch nicht so weit bin, die Zeilen zu lesen? Oder weil ich enttäuscht war, dass meine Eltern für mich keine Zeitkapsel angelegt hatten?

Es dreht sich doch alles um diese paar Erinnerungsfetzen: das leere Gasthaus, irgendwelche Vorbereitungen für den Ballettunterricht, das „Spielzimmer“, welches meine Mutter uns unten in der alten Bar eingerichtet hat. Das „Spielzimmer“, welches sie später auf dem Dachboden zurecht gemacht hat. Den markanten Geruch von Bar und Dachboden in der Nase. Dahinter, drumrum IMMER dieses Pfeifen des Windes und das Gefühl, völlig allein gelassen zu sein am Tag. Alle sterben. Vielleicht rührt daher die Angst. Oder geht eben noch tiefer… Das Licht draußen, wie vormittags in der Gasthausküche vor der großen Glasfront, auf dem Hocker an der Arbeitsplatte sitzend. Einfach nur froh, dass Stille herrscht, keine Gäste, kein Trubel. Aber zugleich ein bedrohliches Gefühl, als ob diese Stille selbst etwas Bedrohliches in sich birgt.

Wenn alles still ist, du selbst still bist, hört dich niemand schreien. Stille kann ohrenbetäubend sein. Stille kann wie Watte sein und alles verschlucken. Dunkelheit und Stille werden zu einer zähen, schwarzen Flüssigkeit; erst bleibst du nur stecken, dann versinkst du langsam, manchmal über Jahre hinweg, ehe du einen letzten Atemzug tust und endlich untergehst. Du bist tot. Und lebst doch noch, irgendwie. Aber du erinnerst dich nicht mehr daran, wie die Sonne schmeckt. Auch weißt du nicht mehr, an welcher Stelle sich Dunkelheit und Stille gegen dich verschworen haben. Wann wurde dieser Pakt geschlossen? Wann wurden Dunkelheit und Stille zu einer Flüssigkeit, die in jede deiner Poren eindringt, dich kontaminiert, vom Scheitel bis zur Sohle, keinen noch so winzigen Fleck an dir „unberührt und rein“ lässt?

Du bist besudelt. Du bist Schmutz. Bist der Inbegriff von Dreck. Du kannst nicht mehr denken. Leichen denken nicht…

Das könnte ich nun ewig so fortspinnen, erneut würde so ein Monolog das Produkt sein, welches ich bereits vor 20 Jahren von mir gab, mehr oder minder in der gleichen Form.
Draußen ruft der Kuckuck und die Sonne scheint sich gegen die Wolken zu bewähren. Nach draußen fahren und hoffen, den Kindermörder zu erwischen? Ich fühle mich schlecht. Schuldig. Warum arbeite ich nicht? Ich könnte es zumindest ohne Vorlage versuchen. Pro forma ein paar Grundierungen anbringen. Aber ich tue es nicht. Bin wie gefesselt, versteinert, gelähmt und völlig unbeweglich. Dafür hasse ich mich. Muss mich jetzt hassen; hatte ich doch gestern Nachmittag genug Schlaf! Wie paralysiert den ganzen Hass auf mich ein prasseln lassen. Als würde man stillhalten, würde man verprügelt. Weil man weiß, dass man es nicht anders verdient hat. Der Schrei nach Konsequenzen trägt erste Blüten; Tramal, Hydal oder Benzos? Für die Klinge zu wenig Flüssigkeit intus. Der Kasten schreit auch nicht mehr, als hätte er mich die letzten 40 Minuten belauscht. Der Ischias schmerzt, der Rücken schmerzt, ich ertappe mich selbst dabei, immer wieder die Luft anzuhalten. Ein gesunder Mensch könnte mir so viele Alternativen aufzählen… „Warum nimmst du nicht dein Handy, da ist Musik drauf und für die Zeitmessung die Stoppuhr um deinen Hals? Oder warum fährst du nicht nach draußen? Warum putzt du dir nicht jetzt die Zähne? Wieso absolvierest du dein Gehtraining nicht gleich? Für was all diese Lethargie?! Könntest auch versuchen, das Sofa aufzuräumen. So vieles könntest du… Aber eben du versuchst es ja nicht einmal!!“.
Will fressen. Dann kotzen. Der nächste ruinierte Vormittag. Was den ganzen Tag aus den Angeln heben wird; wie montags und all die Tage, die eben nach diesem Schema abgelaufen sind bis jetzt!

ARMES, ARMES OPFER!!!

Zuvor hätte ich noch schlafen können. Aber nun? Alles kaputt, alles verraucht und alternativlos…

Sei doch nicht immer so negativ!“

Selber schuld. Aber zu dem Schluss bin ich ja bereits gekommen. Worauf warten… Dass der Strom doch noch angeht und ich doch noch arbeiten kann, und nur deswegen darf ich jetzt nichts anderes machen, um meine Hand, bzw. deren Ressourcen nicht vorzeitig zu verschwenden? Alles eine Sache der Einteilung? Alles minutiös geplant? Und deshalb so fehleranfällig und erst recht zerbrechlich?

Die nächste Erinnerung. Meine Familie mit uns Kindern in einer Gaststätte in Loipersdorf. Wir sind wohl mit dem orangen Cabrio unterwegs. Ich rieche das Leder, den festen Stoff der Sitze, schwarz und weiß. Sommer. Wo ist da die Bedrohung? Sehen wir nur das UFO über unseren Köpfen nicht?…

Da wird es 9:40 Uhr, ich muss endlich eine Entscheidung treffen. Der Akku macht ohnehin nicht mehr lange mit. Außerdem trocknet mir der Gaumen aus. Ich muss mir irgendeine Form von Absolution erteilen!! Dringend! Sonst vermag ich diese Pattsituation nicht zu verlassen!! Diese blöden Arschlöcher! Ist es heutzutage zu viel verlangt, per E-Mail darüber verständigt zu werden, dass der Strom abgestellt wird? Vielleicht einen Tag oder zwei davor? Ich hätte mich besser vorbereitet!

Klar! Jetzt sind wieder alle anderen Schuld, wenn du zu faul bist, du fette Sau!!

In mir vibriert alles, wenn ich nach außen hin auch völlig ruhig hier in den Rollstuhl zusammengesunken hocke wie eine alte Frau, die auf den Tod wartet! Die Rechte klimpert immer schneller. Was habe ich gestern dank Internet gelernt? Die Zahl 4 bedeutet in vielen ostasiatischen Ländern Unglück. Wie treffend!

Das wertlose Stück Scheiße labert weiter Scheiße… HALT ENDLICH DIE FRESSE!!!

12:09
Die Reihenfolge spielt keine Rolle. Also gehe ich davon aus, erst ins Badezimmer gefahren zu sein, die dicke Fettschicht von meiner aufgedunsenen Fettvisage gewaschen zu haben. Mir war so kalt, ich hatte versucht zu schlafen. Nun endlich heißes Wasser und auf dem Rückweg einen Pullover im Gepäck. Dann schluckte ich erst etwa 20 Tropfen vom Tramal; die Pumpe war leer. Aus dem neuen Fläschchen sicherlich 30-40 Tropfen. Die Ausschau auf das Wetter draußen, mal ein bisschen Sonne mit ganz viel Wind, dann wieder nur grauer Himmel und Wind, vergrätzte mir auch noch das letzte bisschen Willen, dann eben raus zu fahren. Ich blieb am Tisch und konnte doch längst nicht mehr auf dem Rollstuhl sitzen. Ischias, Rücken… Ich nahm das Buch zur Hand, las weiter über die Multiple Persönlichkeit, stopfte mir ab und an in das Blut von kleinen Orang Utans getauchte Waffelröllchen in den Mund (Palmölprodukte) und wartete auf die Betäubung. Um 11:45 Uhr gingen alle Starkstromgeräte wieder in Betrieb. Der Rest blieb stumm. Ich drohte ohnehin schon wieder auszulaufen; schlurfte ins Badezimmer, wechselte die riesengroße Einlage und sah im Stromkasten, dass die Sicherung für die Wohnküche außer Betrieb war. Jetzt leuchtet wieder alles und ich darf mich sicher fühlen… (Ironie aus!)

Es wäre Idiotie gewesen, spazieren zu gehen. Das Handy funktioniert hier nicht und der Notrufkasten außer Betrieb. Bei meinem fragwürdigen Glück?…

Ich bin nicht betäubt. Lediglich müde. Gerade eben beim Anstecken der Kamera wäre ich beinahe umgefallen. Starker Schwindel. Spaziergänge damit für den heutigen Tag von der Liste gestrichen. Ich dachte auch darüber nach, warum ich nicht zum Zeichenblock greife, anstatt tatenlos zu sein und mich hinterher noch mehr hassen zu dürfen. Was weiß ich… Wie in mir gefangen! Während des Lesens fielen mir noch Details meines Traumes ein… Hatte ich nicht immer wieder in den Spiegel geguckt und eine ganz andere Frau darin gesehen? Und nur noch gehofft, dass der Albtraum endlich aufhört? Die Frau war älter und nicht unbedingt mit wohlproportionierten Gesichtszügen gesegnet (gestern bei der Trödelsendung eine Dame, die meiner verstorbenen Arbeitskollegen gewissermaßen ähnelte und ein total plattgedrücktes Gesicht hatte, gesehen und angestrengt darüber nachgedacht, ob sie sich hübsch findet, ob ihr Mann sie hübsch findet) und vermutlich von der Sendung inspiriert.
Des weiteren sah ich Schwarzspechte im Kampf mit Raubvögeln, doch ich vermochte die Kamera nicht zu halten, kein einziges scharfes Bild hinbekommen, alles verwackelt und verschwommen und dabei die Bewegungen der Tiere wie in Zeitlupe, nebulös und geheimnisvoll, als wollten sie mir etwas sagen… Als tanzten sie in einem Theater! Die Baumgruppe war jene hinter dem Haus. Und doch befand sie sich neben dem Feuerwehrhaus, also dem Museum meiner Mutter, und die beiden Welten passten überhaupt nicht zueinander. Als hätte man eine klare Trennlinie gezogen aus Asphalt, über die hinaus keine Geheimnisse und Erinnerungen an das Wirrwarr in dem Wäldchen dringen konnten. Sie verendeten, verwesten, verblüten, vertrockneten, wurden zu Staub auf dem heißen Asphalt, gleich nachdem sie die grüne Schwelle überschritten haben, und früher oder später vom Regen weggeschwemmt oder von braven Bürgern mit dem Besen weggefegt… Hier, wo das halbe Dorf von der Hügelkette auf der einen Seite und jener auf der anderen Seite hinab ins Tal zum Sportplatz mit dem Feuerwehrhaus daneben, darüber thronend das Gasthaus auf dem Hügel davor, gucken kann, zusehen kann… Und keiner tut was, keiner reagiert… Diese Welt von Biedermännern, links und rechts, die akkurat gepflegten Gärten um die ebenso akkurat hingestellten Häuschen, jedes mit einem Zaun umringt, alles sauber, alles fein, kein Schmutz, alles entspricht der „Norm“. Da passt dieses wilde Wäldchen aus dem Graben hier unten bei uns nicht dazu. Dort sieht man nur, was man sehen WILL! Was sozusagen in den eigenen quadratischen „Mikrokosmos“ passt. Sonst werden die Vorhänge vorgezogen. Sonst ist man nicht zu Hause. Als ob es in diesen Häusern nicht auch unzählige Erinnerungswälder gäbe, in den Köpfen der Kinder, der Eltern, die mal Kinder waren, usw. und so fort. Alles „heile Welt“!… Und dann komme ich daher mit diesem anarchistischen Chaos, dem Aufruhr, dem Durcheinander, in dem NICHTS schön und ordentlich ist, und die Welt vermag aus den Angeln zu heben… Wie kann ich es wagen! Kurzum: ICH bin der Störenfried! Also warum daraus keine Konsequenzen ziehen und das Übel entfernen?…

17:34
Eigentlich wollte ich malen, es zumindest versucht haben. Aber dann war es bereits nach 5, als ich nach Hause kam, die Verspannung in meinem Rücken dermaßen heftig, ich bekomme kaum noch Luft. Tramal, Novalgin und jetzt noch Morphium. Sebastian ist kurz weggefahren. Statt Pinsel die Rasierklinge in der Hand. Ich fühle mich so gehetzt. Die ganze Ausfahrt über Stress, Stress, Stress!!!

Die Haut wie Gummi, wie nicht durchblutet, die Hände trotz Waschen mit heißem Wasser vor wenigen Minuten erneut eiskalt. Keinen Spaß haben werden… Aber darum ging es ja eigentlich auch nicht! Den langen Armwarmer nach oben geschoben, er schiebt seinerseits die Haut zusammen. Ein Bündel aus unzählbaren Narben…

Da kommt Sebastian plötzlich herein geplatzt! Hastig alles vertuschen, ist ohnehin noch nicht viel passiert. Ein Kratzer, zwei Kratzer? Jetzt kann ich die Rasierklingen nicht mehr auseinanderhalten!
Ein Test und schnell ist klar, welche der beiden verbraucht ist. Warum ich das jetzt mache? Um Markus eins auszuwischen? Um die Betäubung zu vertiefen? Weil ich mich in einer Pattsituation wähne, aus der es kein Entkommen zu geben scheint. Außer alles zu zerstören!

Das ist doch mal ein Argument! Aber alles an mir ist wie erfroren und ich sowieso wie immer zu feige…

Es wird 17:45, 20 Kratzer, nicht der Rede wert. Die Klingendose verschwindet in der Ledertasche und da ich kein Taschentuch habe, werde ich mir das Blatt von der Küchenrolle, welches ich bereits seit Monaten zum Abtupfen meiner Pinsel benutzt habe, auf die blutige Wundfläche kleben. Die Verspannung wie ein viel zu enges Korsett. 2,6 mg Hydal. Nun versuchen, irgendwie die schwarze Stulpe darüber zu streifen. Aber es missglückt. Sollte Sebastian noch einmal hereinschneien, kann ich den Arm ja unterm Tisch verschwinden lassen.

Meine Augen wandern immer wieder nervös zur Uhrzeit. Wird immer schlechter, die Panik kreist in meinem Schädel, wirbelt wild herum, will mich aus der Fassung bringen. Dabei setzen die ersten Anzeichen der Betäubung ein. Die Angst in mir will, dass ich die Therapie abbreche. Will, dass ich endlich so tue, als sei alles in Ordnung! Es ist Frühling! Alles lebt! Ich will mich nicht über Dinge unterhalten, die nicht mehr als Hypothesen sind, Kopfkino, Fantastereien und infame Assoziationen!!! Ich bin keine Multiple! Mir ist nie etwas zugestoßen! Alles, was ich will, ist Aufmerksamkeit!!!

Mir selbst einen weiteren Grund genannt, wem oder was die 20 Schnitte dienen. Mir bleibt die Luft weg, allein beim Gedanken, erst das penetrante Rauschen der schlechten Leitung und dann seine Stimme hören zu müssen. Wieder nicht auseinanderhalten können, was meint er ernst, was ist Provokation, womit will er mich jetzt aus der Reserve locken oder ist er wirklich so verrückt… Keine Minute mehr…

20:14
Als ich gerade ins Badezimmer fahre, Sebastian liegt in der Badewanne, tut er so, als sei für mich in den zurückliegenden 120 Minuten nichts vorgefallen. Als würde man die verheulten Augen nicht sehen können. Als würde man die gedämpfte Stimme nicht hören können. Bin ich enttäuscht? Fühle mich allein? Ich weiß es nicht…

Seine erste Reaktion auf Markus‘ Wunsch, ich solle unbedingt erneut meine Invalidität feststellen lassen, um sodann ebenfalls erneut um eine Invaliditätsrente anzusuchen und bei zu erwartender Ablehnung auf einen „Härtefall“ plädieren, fällt leider für mich katastrophal aus. Er gibt eigentlich nur ein Geräusch von sich, einen Ton, der mir sagt: „Ach, ernsthaft?! Das macht doch gar keinen Sinn?!“. Abschließend versucht er sich scheinbar zu retten, sagt: „Ich kenne mich da überhaupt nicht aus,… Aber ich stehe voll hinter dir!“.

Scheiße nur: Der erste Eindruck zählt… Ich fahre wieder. Meine Haare wäscht er mir morgen früh. Ich glaube, jetzt muss ich mich erst recht verletzen. Die lange Stulpe abstreifen. Alles verschmiert, aber die Spuren glänzen auf der Haut. Würde ich den Rauschzustand noch weiter vertiefen, würden die Panikattacken nicht weniger. Ich aber vermutlich zügig einschlafen. Er sagte, er würde nicht lange baden. Reicht das aus, um behände dem verunglückten Kunstwerk noch ein paar letzte Veränderungen hinzuzufügen? Die Ohren fühlen sich ganz heiß an, pulsieren unter dem Headset. Gefühlt ist er gerade Lichtjahre von mir entfernt. Aber „ich muss ja verstehen, er ist müde, ich komme schon wieder mit der gleichen SCHEISSE wie immer um die Ecke“ usw. Ihm gegenüber nicht fair? Wieso? Ich tue ja nur mir weh.

Kaum war ich wieder vorne, höre ich wiederum ihn hinten einmal laut seufzen, ächzen oder stöhnen. Ihn gefragt, ob er mein Video heute sehen möchte. Natürlich beziehe ich die Lautäußerung wie gewohnt auf mich. Und wenn er noch so oft sagt, ich solle das bleiben lassen.

Da sind zwei offene Kuverts; welches davon enthält die nagelneue Klinge? Ist er schon aus der Badewanne raus?

Das gewählte Stück sieht zwar abgenutzt und dreckig aus, ist aber das richtige! Wieder wie ein heißes Messer in Butter… Ich hätte in der Erwartung, dass es eine Stumpfe ist, ohne nachzudenken anfangen sollen zu schneiden… Jetzt bin ich wieder befangen, zu sehr…

Beschissenes Weichei!!

Wie wahr, wie wahr… Auch die nächsten, gut gemeinten Versuche gehen ins Leere. Obwohl… Jetzt blutet es wenigstens. Wenigstens ein einziges Mal… So werden es 20. Kein Einziger von Erfolg gekrönt. EIN MAL!!…

Nummer 25 stellt mich ansatzweise zufrieden. Zudem hängt mir die Zeit im Nacken. Ich vermag die Finger nicht mehr zu strecken, um so zu kontrollieren, wie tief das Finalwerk geworden ist. Da es sich aber um die Unterseite handelt, wird es nicht lange bluten und wohl oder übel keine Narbe hinterlassen. Ehe er kommt und mich in flagranti erwischt… Vielleicht ahnt er auch, was ich treibe, und bleibt deswegen dem Wohnzimmer länger fern…?

Ich bin so eine Belastung… Es tut mir leid!

23. März 2018, Freitag „Schon wieder und schon wieder droht das nächste Monatsende…“

8:29
DIESEN Rausch… GENAU DIE SORTE von Rausch hätte ich mir gestern gewünscht. Aber vermutlich fühlt er sich soeben nur deswegen dermaßen gut an, weil er mit einer dicken Portion Müdigkeit geschwängert ist. Mehr gibt es dazu wohl nicht zu sagen. Ich weiß nicht, wer ich bin. Aber immerhin kann ich die Gäste draußen noch beim Namen nennen. Sebastian gegenüber die Vorzüge der Heckenbraunelle erläutert: „Vom Gefieder her sieht sie ja eher unscheinbar aus… Aber dann diese orangen Füße, Füßchen! Als hätte sie kleine, putzige Gummistiefelchen an! Mit denen sie ganz tapfer herum spaziert…“.

Mein Schädel ist zugedröhnt. Der Versuch, nachts im Bett noch zu lesen, dauerte eine Dreiviertelstunde und ich hatte immer dieselbe Seite aufgeschlagen. Völlig weggetreten. Könnte ich jetzt die Müdigkeit aus meiner Rausch-Hochrechnung subtrahieren… Das wäre ein feines Arbeiten! Um dabei völlig außer Acht zu lassen, in was für einem katastrophalen physischen Zustand ich mich heute erst recht befinde; selbst gebaut. Das im Badezimmer morgens dauerte doppelt so lang. Ich kam von der Toilette nicht mehr hoch. Beschwor mich selbst, bloß keinen Tipp zu meinem Gewicht abzugeben. Aber der Gedanke ließ sich ja doch nicht wegdrücken: „61…“. Und wie gewünscht wurden es exakt 61 Kilo um 6:45 Uhr, von denen man aber mindestens 100 g abziehen darf, für Unterhose und Inkontinenzeinlage. 1 L. Wasser!

Ganz kurz schließe ich die Augen und sehe wiederum in meinem Kopf, wie eine Tür geschlossen wird. Ich träume schon wieder. Der eigentliche Traum war eine obskure Reise nach Graz; erst mit einem Bus voll mit der Familie meiner Schulkollegin Silvia, deren Oma für die gesamte Gesellschaft, Busfahrer inklusive, Spaghetti gekocht hatte. Ich hatte mich wohl vor einem Jahr dazu verpflichtet, sie zu einem Konzert zu begleiten. Aber der eigentliche Star hatte abgesagt und ich sollte nun ernsthaft mit zu einem Schlagerkonzert kommen. Die Straßen in Graz bestanden nur noch aus einem unlogischen Gewirr aus Straßenbahngleisen, die teilweise Umwege überbrückten, Straßenlampen, Verkehrszeichen oder Wände hinauf und hinab nahmen. Brav im Gänsemarsch trippelten wir auf den schmalen Gleisen entlang. Diese waren beschriftet und wir versuchten, unser Gleis nicht zu verlassen, die Nr. 7. Es war lebensgefährlich, ständig kamen von allen Seiten Straßenbahnen wie aus dem Nichts um die Ecke gebogen. Ständig musste man ausweichen oder die querende Bahn musste anhalten, weil eines der Gleise Vorrang hatte und durch eines der Abteile quer hindurch führte. Eigentlich schoben wir die schweren Maschinen vor uns nur an, so überhaupt eine vor uns fuhr, und ich dachte schon darüber nach, dass man durch unseren körperlichen Einsatz doch Energie sparen könne, den Strom, den wir erzeugten, in die Zugmaschine einspeisen. Wir verfuhren uns mehrmals, verloren uns mehrmals und genauso mehrmals meckerte ich über meine Physiotherapeutin bei der Reha, ehe mich Silvia darauf hinwies, dass diese mit ihren Cousinen irgendwie verwandt sei. Dass das nicht gut ankäme. Wir schafften es noch auf irgendein Dach, ein Parkdeck. Von dort aus sollten wir Decken bekommen, mit denen wir eine Eisenstange hinaufrutschen sollten… Oben würde dann das eigentliche Spektakel stattfinden. So weit kam ich nicht.

Warum diktiere ich das? Ist doch völlig wertlos! Nur ein weiterer obskurer Nachtfilm. Aber zugleich wohl eine Antwort auf Markus Frage vom Mittwoch, ob ich in diesen zugedröhnten Momenten auch seltsame Sachen in meinen Träumen sehen würde.
Aber die Müdigkeit wird nicht besser und wie schon gestern liegt da mein Kissen und wartet auf meinen Kopf. Sonja kommt irgendwann nach 11:00 Uhr. Ich hatte überlegt, mit ihr heute konsequent irgendwelche Übungen zu machen… Aber meine Verfassung lässt es nicht zu. Ich bin ein Zombie, der sehr, sehr, sehr und noch mehr sehr langsamen Sorte. Bin ich doch gestern im Gespräch mit Brigitte auch zu keinem Konsens gekommen, was nun zu tun sei. Abwarten? Im Krankenhaus anrufen? Die von mir längst formulierten dämlichen Sätze an den Kopf geknallt bekommen? Dafür hätte ich dann auch zu Hause bleiben können. Aber meine heutige Verfassung stammt zu 70 % aus meinem Selbstbaukasten. Das Kissen auf den Tisch, weil der Müdigkeit nicht beizukommen ist, und ich dann nachmittags, abends weiter an meinem Video und dessen Ende feilen möchte. Das Bild bleibt liegen. Aber augenblicklich ist mir das egal…

16:13
Passend zu meiner Verfassung… Der Himmel den ganzen Tag grau. Mich hassen. Ich sollte, ich wollte doch nicht einschlafen. Ich sagte doch zu Sebastian, wehe, er würde mich nun wieder anstecken, miteinschläfern! Eine Stunde später der entsetzte Blick auf die Uhr. In mir zittert alles, die Beine in den breiten Aladin-Hosen klatschnass geschwitzt. Jede Stelle am Körper tut weh, weil ich mich im Schlaf wieder keinen Zentimeter bewegen konnte! Darüber auch mit Sonja gesprochen, dass es doch nicht so abwegig ist, irgendwo die ersten Anzeichen von Dekubitus zu bekommen: „Gerade die Fersen sind die ersten Stellen!“, teilte sie mir mit, zu meinen Schmerzen nachts im Bett. Ich wollte nicht schlafen, nicht auch noch den Nachmittag verschlafen… Sollte es zu einer erneuten Überdosis -aus welchem Grund auch immer- kommen, werden es wohl Benzos sein, Diazepam. Wenn so wenig ausreicht, mich dermaßen auszuknocken! Eine Flasche Wasser, eine Schale Schwarztee und ein Energydrink und mittlerweile keine 2 Stunden mehr bis zur Sitzung!

Vermutlich gut daran, absolut zu schwach zu sein, mir weiter zu schaden. Unverzüglich ans Video, den Freitag wieder mal so elegant in die Tonne getreten; vormittags bis zu Sonjas Ankunft geschlafen wie eine Leiche!

17:47
Angepinkelt…

21:49
Die Sitzung war heftig. Tränenreich. Fährt Sebastian noch weg… Muss ich noch Konsequenzen daraus ziehen?

Morgen mehr… Ich muss ans Video…

16. März 2018, Freitag „und die nächste Hälfte überschritten…“

8:30
61,1 Kilo um 6:45 Uhr. Es regnet, es ist grau, ich bin müde und der warme Tee trägt seinen Teil dazu bei. Dabei wollte ich nun unverzüglich ohne Umschweife an die Arbeit. Während der Sitzung 1 Stunde lang gemalt. Ohne Ergebnis. Nicht mehr als ein sich vorsichtiges Herantasten. Vor der Terrassentür eine schreiende Katze, in meinem Schädel jede Menge Watte. Bis zur Nacht hin kam es zu einer großzügigen Ansammlung von kleinen Panikzuständen. Ich soll sie personifizieren und anfangen, mich mit ihr zu unterhalten. Ich denke, dem voraus muss eine Zeichnung gehen. Um mir das alles besser vorstellen zu können.

Aber wenn ich nicht nun nahtlos den Pinsel in die Hand nehme, habe ich wieder verloren…

10:41
Die Speisepläne geschickt bekommen. Setzt mich erneut unter Druck, obwohl mir sonst niemand Druck macht. Der eigentliche Plan war es, mich nun aufs Sofa zu legen und zu schlafen. Erst die Speisepläne?

Ich weiß nicht, was ich denken soll. In meinem Schädel kreist ohnehin nur eine einzige Idee, und die hat mit Analgetika und Psychopharmaka zu tun. Um diesen Zustand auszuhalten.

15:21
Der Mäusebussard schraubt sich in die Lüfte, über ihm eine mit blassen Sonnenflecken marmorierte Wolkendecke. Ich bin todmüde. Dabei denselben Scheiß soeben ein zweites Mal diktieren; der Computer war erneut abgestürzt. Bis Sebastian nach Hause kam, waren es beinahe 2 Stunden, die ich auf dem Sofa geschlafen habe. Unverzüglich war ich eingepennt. Mich wie auf Droge fühlen. Keinerlei Kontrolle über den Körper, und so bedurfte es erneut mindestens 6 Minuten oder länger, ehe ich mich aufs Sofa montieren konnte. Gerade eben hinten im Badezimmer gleich mehrfach mit meinem nicht vorhandenen Gleichgewichtssinn in einen Clinch geraten; ich konnte schon die Beule an meinem Hinterkopf fühlen.

Träge, unbrauchbar und innerlich aufgerieben, unruhig. Die Situation schreit nach einer Aktion. Zwar sitze ich jetzt hier, die Wärmedecke im Rücken macht es wohlig angenehm, aber das grundsätzliche Debakel lässt sich damit nicht vertuschen. Wie damit umgehen?

Zurück an die Videoarbeit und dann weiter sehen. Brigitte kommt um 18:00 Uhr… Auch nicht mehr weithin.

Es wird 15:38 und mich ereilt eine Derealisation, als ich Sebastian hinten im Badezimmer mit sich selbst reden höre. Dann verschwindet er nach oben und ich kann sagen, was ich sagen muss. Er kam sehr spät nach Hause, zeigte auf den dunklen Weidenkorb und entschuldigte sich… Meine Mutter hatte ihn angeschrieben und gefragt, ob er Brathähnchen haben möchte. Ich kann nicht beschreiben, was da binnen Sekunden in und mit mir ablief. Dass ich nichts davon essen würde, war klar. Also blieb ich vermeintlich ruhig und fragte ihn: „Fragt sie denn nie nach, warum ich sie nicht sehen will?“. Er druckste herum, doch dann: „Ja, schon, natürlich. Aber dann sagt sie immer, wie sehr sie Sehnsucht nach dir hat, dass sie es nicht verstehen würde, aber dich nicht bedrängen wird.“,… […..]

Als Sebastian gerade hinter mir stand und redete und redete, schwieg ich. Ich starrte hinaus ins Nichts. Wieder der Gedanke, was könnte ich ihr schreiben… […..]

Die Sonne kommt raus, das Blau zerreißt die Wolken. Wäre ich jetzt allein. Wäre es jetzt 13:00 Uhr. Ich würde hinausfahren, eine Überdosis schlucken, meine Arme massakrieren und dann wegtreten. Vielleicht noch mit einem kleinen Zettel in der Hand: „Lieber Sebastian, es tut mir leid…“.

Fakt ist: Der physische Zustand ist nicht mehr zu ertragen. Dieses Zerren um mich, das ja angeblich nicht stattfindet, nicht mehr erdulden können. Diese scheinbar so heile Familie… Von Außen sowie von Innen… Und ich bin die Einzige, die da nicht reinpasst, nicht funktionieren will. […..] Wann fährt Sebastian endlich weg?… Den lächerlichen Auftakt, den halbherzigen Initiationsritus nach einer langen Zeit der „Abstinenz“ vorgestern… Mit einer neuen Klinge sollte sich das doch retten lassen, oder?

[…..]

Noch 2 Stunden bis zur Sitzung. Panik. Und am Abwägen, was ich schlucken könnte. In mir sind alle Lebensfäden bis zum Zerreißen angespannt und darunter mischen sich wie aus heiterem Himmel plötzlich auftauchende Kindheitserinnerungen. Die Rechte klimpert nervös. Ich hasse mich. Und ich kann mir noch so oft sagen, dass meine Symptome eine klare Sprache dafür sprechen, was passiert sein muss. Aber ich will lieber sterben, als die Theorie in meinem Kopf zu Bildmaterial werden zu lassen. Ganz zu schweigen davon diese an den Mann zu bringen. Was las ich da gestern? Eine Frau hätte sich beinahe umgebracht, hatte einen Atemstillstand von einem ganzen Fläschchen Psychopax und 15 Lorazepam. Verheißungsvoll… Aber am schlimmsten ist ja wohl, dass mir das Holen vom Essen meiner Mutter seitens Sebastians beinahe wie ein Verrat vorkommt. Dass der vermaledeite Korb jetzt da drüben steht und ich meine Mutter wieder sterben sehen muss, weil ich so böse und garstig bin. Und bald geht die Sonne unter… Zur Rasierklinge greifen und egal, ob er mich in flagranti erwischt?

Damit er sich wegen dir Psycho noch schlecht fühlt??!

Bei einem Selbstmordversuch nach dieser Situation wäre es nichts anderes. Ich sehe nach draußen und blicke in das Antlitz meines Endes. Lasst mich alle allein! Entbindet mich all der Verantwortung für euer Wohlbefinden!

Wieder schraubt sich der Bussard in die Lüfte.
Hätte eine schöne Aufnahme abgegeben. Aber spielt keine Rolle mehr. Was werde ich schlucken? Ich stehe in einer Sackgasse, die Visage so dicht in die Ecke gedrängt, ich kann nicht mehr denken, nur noch hoffen, alsbald zu ersticken…

2,6 mg Hydal. 5 mg Gewacalm. Zehn Hübe, 50 Tropfen Tramal. Über 30 Tropfen Psychopax. Mit einem Tuch und der Rasierklingendose vors Haus fahren. Mir fehlen die Worte, meiner Mutter zu erklären, was sie mit mir macht. […..] Und es mir zugleich so unendlich leid tut. Weiß ich doch selber nicht einmal, wer ich bin.

16:44
Ich war kurz draußen, bis Sebastian fuhr und mich alleine ließ. Kann er mein Verhalten, mein Schweigen nicht lesen? Es ist ein wunderschöner Abend, der Gesang der Vögel, der Duft in der frischen Luft… Wären die Räder nicht so dreckig, hätte ich ins Bad fahren können, den linken Unterarm mit heißem Wasser baden, damit die Haut etwas weicher, geschmeidiger wird. So wie ich da draußen gerade ein Teil meiner Natur war, gab es nur noch eine Antwort auf all meine Fragen. Der letzte Weg, der letzte Schritt, das Leben dauert doch ohnehin schon viel zu lange.

Aus der gelben Schachtel ein neues Kuvert ziehen. Es tut mir jetzt schon leid darum, weil ich ihr nicht gerecht werden kann und man sich zwangsläufig in jüngere Jahre zurücksehnt, als Selbsterhaltung und Kontrolle zumindest diese Sparte betreffend noch nicht von Bedeutung waren.

Einmal tief Luft holen und seufzen. Die Hände eiskalt. Noch 1 Stunde bis zur Therapie. Sebastian meinte zuvor abschließend, er würde sich Mühe geben, bis 20:00 Uhr zurück zu sein. Es ist mir egal. Je größer das Zeitfenster, desto besser. Und es tut mir leid zugleich. Warum tue ich so, fühle mich so schlecht, als wäre ich jemals Bestandteil einer heilen Familie gewesen? Das ist doch nicht mehr als eine Lüge!

Den entblößten Arm auf das Tuch, welches ich über den Schoß gebreitet habe, legen und mit Blick nach draußen abwarten. Meldet sich schon die Mischung im Kopf? Ich will mein Leben zurück… und die Klinge setzt zum ersten Schnitt an… Nicht tief genug. Vier Tropfen Blut. Der Schwerste davon macht sich auf den Weg. Ins Badezimmer fahren…

Nach wenigen Minuten mit krebsroten Händen wiederkehren. Ansetzen… Den Schmerz gewähren lassen… Fünf… Draußen ruft der Schwarzspecht… Die Haut ist verbraucht, Leder oder Gummi. Wo bleibt der „Ausrutscher“?… Die Aufnahmen im neuen Video dienen vermutlich auch nur dem einen Zweck, unter Beweis zu stellen, was für ein Blutbad sich mit oberflächlichen Kratzern anstellen lässt. Fine streift um mich herum wie eine Verbrecherin. Mit einer alten Klinge über die Haut schaben, die einzelnen Rinnsale zu einem großen zusammen kratzen. Das Licht auf der Landschaft wird abendlich und ich weiß nicht, ob 15 Schnitte schon genügen.

Nein. Es reicht nicht. Wie eben auch der Rausch nicht reicht. Im Hinterkopf immer noch den Orangenlikör in der Vorratskammer. So schade um die neue Rasierklinge. Warum kann ich mir vorstellen, mich umzubringen, aber schaffe es nicht, tiefer zu schneiden? Weil ich mit dem Suizid keine Schmerzen verbinde, weil ich in meinem Leben genug Schmerzen erdulden musste?

Auf dem Sofa schnarcht Martha. Mir bleibt noch eine Dreiviertelstunde. Die Pfütze auf dem alten Geschirrtuch wird größer und größer. Nichtsdestotrotz beginnt das Blut zu gerinnen. Ein letzter schöner Schnitt… Aber ich denke viel zu lange darüber nach. Watte kriecht in meinen Schädel. 16 und 17 mit mehr Nachdruck, näher an den Schmerz heran. Zwecklos. Der linke Unterarm hat seinen Dienst getan, verbraucht. Dann sind es 20 und keine einzige der Wunden klafft auch nur dezent auseinander. Ich müsste die breite Seite nehmen. 24. Als sei die Klinge stumpf, mehrmals in Gebrauch gewesen. Die Kante wechseln.

Bei 32 ist Schluss. Der Arm überreizt. Er sähe hässlich aus, wurde mir gesagt. Ich sehe das anders.

17:29
All das, was mich verraten könnte, verschwindet in seinen Verstecken. Fine ist ganz unruhig, ums Haus alles voll mit diversen Katern. Darunter sogar eine Angorakatze. Ich sollte Brigitte tunlichst nicht die rechte Hand geben. So ich es nicht mehr ins Badezimmer zum Händewaschen schaffe. Keine halbe Stunde mehr. Was werfe ich noch ein, was stellt mich ab, besänftigt die Teile in mir, die nach Suizid schreien?…

Weitere 40 Tropfen, also eine doppelte Dosis Tramal.

18:56
Sie hat mir die Hand ohnehin nicht gegeben, weil sie sich krank fühlt. Es dauerte nicht allzu lange, eigentlich direkt nach Beichten meiner pharmazeutischen Sünden in Tränen ausgebrochen und mich nicht mehr unter Kontrolle gebracht. Unterdes einen Apfel gegessen, weil mir von den letzten Tramaltropfen ganz schlecht geworden war. Ich fühle mich leer. Es würde wieder besser werden, hat sie gesagt. Beim Abschied meine Schulter gestreichelt. Ich bin ratlos und der Korb steht immer noch da, evoziert Bilder in mir…

Meine Mutter und ich beim Spazieren und sie wickelt mich in die eine Hälfte ihrer weiten Strickweste, Arm in Arm und sie erzählt Geschichten von früher, ich lausche gespannt und auch etwas bewegt.
Meine Mutter fährt mit mir und einer meiner Freundinnen mit dem Auto durch die Landschaft, in irgendwelche Waldstraßen hinein, oder an der überschwemmten Lafnitz entlang, durch riesengroße Pfützen, das Wasser spritzt, man wird im Auto hin und her geworfen und es ist ein Heidenspaß!
Ich sehe meine Mutter, wie sie abstreitet, ihr jemals von den drei Übergriffen erzählt zu haben.
Wie sie dementiert gesagt zu haben, diese Männer könne man nicht anzeigen.
Wie sie dann die Schuld in der zeitlichen Epoche gesucht hat, „dass es damals so war“ und abschließend der Vergleich, ich sei ja viel sensibler (hypersensibler) als sie, also selber schuld.
Wie sie anfing, einen Konkurrenzkampf aus meiner MS mit ihrer zu machen.
Wie sie nach Auszug ins neue Haus 1000 mal am Tag angerufen hat, bis ich Nervenzusammenbrüche davon bekommen habe.
Wie sie mir das Gefühl vermittelt hat, alles haben zu müssen, was ich habe. Ob im Guten oder Schlechten.
Und die ganzen Sterbefantasien, seit 33 Jahren, beinahe mein ganzes Dasein hindurch…

Um mir abschließend die Frage zu stellen: Tür und Tor stehen weit offen, die Arme breit geöffnet, also warum höre ich nicht auf damit, ein Psycho zu sein? Das Leben aller wäre doch gleich so viel einfacher! Gefühle sind doch keine Erinnerungen und erst recht keine Fakten… Was muss ich mich dermaßen wie ein Spalter, ein Monster, wie Rumpelstilzchen selbst aufführen?

Meine Antwort darauf? Ich bring mich um und alles ist gut.

Wir sehen uns nächste Woche…?“, Brigitte mit ernstem Blick und gerunzelter Stirn. „Mal sehen…“, lautet darauf meine regelrecht nach Aufmerksamkeit schreiende Antwort…

DU BIST SO SCHEISSE!!! KAPIER DAS ENDLICH UND ZIEHE KONSEQUENZEN DARAUS!!!

20:09
Sebastian ruft an; er kommt wohl erst in ner Stunde.
Zum Skalpell greifen… Unterdes Musik für’s Video runterladen…

Die Packung ist offen; keine Ahnung, wie lange schon.

Und was wird das jetzt?!! Willst du dich noch mehr der Lächerlichkeit preisgeben??!!

Wahrscheinlich. Mich fühlen wie ein ausgestopftes Exponat in einem Museum für makabere Absonderlichkeiten. Ob die Betäubung vom Hirn hinunter reicht bis in den Unterarm? In der Dunkelheit bellt ein Hund. Der Probeschnitt am Verbandsstrumpf hinterlässt keine Spuren. Meine Augen fallen ständig zu und das dulde ich erst recht nicht. Also setze ich erneut an… Wie viele waren es vorher? 34? Ich kann mir nichts merken, aber es waren scheinbar 32. Ich spüre meinen Rücken nicht, ebenso ist der Ischias verstummt und die Verspannungen im Nacken vermeintlich nicht mehr existent.

Dieses Werkzeug liegt besser in der Hand, zwecks langem Griff. Dennoch im Vergleich zur Rasierklinge „schneidet es signifikant schlechter ab“. Da klafft nichts. Obwohl ich langsam und mit Druck zu Werke gehe.

Das wird wieder ein Tagebucheintrag, den die Welt nicht braucht.

Nach drei Stück landet das Werkzeug wieder in seiner Plastikfolie. Darauf warten, aus Versehen alles mit meinem Blut zu besudeln. Auf der Suche nach einer offenen Folie von der anderen Sorte. Was wäre, käme Sebastian herein…? Die Kerze im Stövchen erlischt; der Tee steht ja auch nur bereits 3 Stunden darauf und noch nicht einmal zur Hälfte getrunken. Nächster und vermutlich letzte Anlauf… Mir meine Schlechtigkeit unter die Haut meißeln!…

Meine Güte! Das Ding ist noch stumpfer! Zehn. So ich überhaupt noch fähig bin korrekt mitzuzählen.
Zu schwach, den Verband überzustreifen. Sebastian wird wohl wieder sagen: „Ich hätte dir gar nichts erzählen sollen! Das wäre besser gewesen! Warum fragst du mich dann auch immer, wenn es dir danach so schlecht geht?!“. Und wahrscheinlich wird er sich auch noch entschuldigen.

Der geborene Masochist…

Also es tut mir leid! Mit tut alles leid! Ein großes Entschuldigung die ganze Welt! In China ist der Reissack umgefallen? Sorry, das war wohl auch ich…

29. Dezember 2017, Freitag

15:32
59,7 Kilo um 10:30 Uhr. Fressen wie ein Mastschwein, als sei ich nur für diesen Zweck gezüchtet worden und in meinem mickrigen Grips ist nicht mehr verankert als Schlafen und Futtern!
Die Arme verschränkt, als könne ich mich nun entspannt zurücklehnen und auf einen Berg von Arbeit stolz herabblicken, was ich nicht alles geleistet habe… Die fette Wampe macht sich super, um darauf die faulen, gelähmten Arme abzulegen. Sie sind ohnehin unbrauchbar. Seit dem späten Aufstehen in mir eine hitzige Diskussionsrunde am Laufen. Ob ich krank bin oder nicht, ob ich auf dem Sofa herum lümmeln darf oder nicht, ob ich etwas leisten müsste oder nicht, ob ich mit meiner Lethargie den körperlichen Abbau nicht prächtig forciere, usw. und so fort… Selber schuld, an allem selber schuld. Dabei noch im Bett, während Sebastian bereits draußen herumrannte, ein starrer Blick gen Decke: „Das alles hier haben meine Eltern möglich gemacht! Dieses riesengroße Haus! Ich musste nichts dafür leisten! Und benehme mich so fürchterlich! Könnte man mich bewerten, würde ich als Tochter eine 5 bekommen (in Österreich geht das Benotungssystem nur bis 5). Ich bin undankbar. Ich bin schlecht. Warum mache ich so ein Theater?…“.

Ein gesunder Start in den Tag!“… (Ironie Ende). Das Frühstück fiel aus, er fuhr nach Jennersdorf und dann das Mittagessen holen. Wahrlich, ich hatte hehre Ziele… Die aber schneller baden gingen, als ich gucken konnte. Ich blieb auf dem Sofa und schlief ein. Jede Stunde (mindestens) meine Temperatur gemessen, nach einer Berechtigung für meine Schwäche gesucht. Erst war sie noch normal. Ich konnte die Mahlzeit von meiner Mutter nicht essen. Ich brachte diesen Eintopf nicht runter, hielt allein den Geruch nicht aus. Eingekochtes aus altem Kartoffelsalat mit Essiggurken, hierzulande berühmt und berüchtigt unter dem verruchten Namen „Saurer Hund“. Dieser Essiggestank, und irgendein Gewürz, und davon zu viel… Majoran?

Ich konnte nicht, 3 Bissen und dann war Schluss. Als Sebastian aufgegessen hatte, machte er mir Tee und dazu einen Kornspitz. Einen Halber.

Temperatur gemessen, Temperatur gemessen, Temperatur gemessen… Spielt es eine Rolle, ob die Erhöhung von starker Sonneneinstrahlung und dem Konsumieren von heißem Tee kommt? Wenn doch das Endergebnis dasselbe bleibt: Die MS streckt alle Viere?!

Mir Auflagen verordnet, bis zu der Sendung darf ich auf dem Sofa bleiben, dann muss ich an den Tisch, dann findet bald die Sitzung statt, dann ist keine Zeit mehr… Mit zitternden, schwachen und zu einem deutlichen X positionierten Beinen versucht aufzustehen. Das Gefühl am Katheter, in der Blase fühlt sich nicht besser an und immer wieder noch so, als würde der Urin nicht ablaufen, als müsse ich mich anpinkeln.

Sebastian hatte vom Abholen des Essens eine Anekdote mitgebracht: „Ich habe deiner Mutter von deinem nächtlichen Ausflug mit der Rettung erzählt, was das für ein kleines Drama war… Und was macht sie? Holt einmal tief Luft, greift sich plötzlich ins Kreuz, verdreht die Augen und keucht theatralisch, dass AUCH SIE gestern plötzlich so einen fürchterlichen Stich im Rücken gespürt hätte, dass sie dachte, sie müsse ins Krankenhaus. Dann bin ich sie angefahren. Ich steige auf ihre Spielchen ja nicht ein, und ja, sie nerven mich! Ich hab zu ihr gesagt, ohne sie weiter jammern zu lassen, warum sie nun von der Geschichte SCHON WIEDER auf sich selbst schließt, warum sie das immer macht. Sie gab sich unschuldig und dementierte. Darauf meinte ich, dass ihr das einfach nur nicht auffallen würde. Und das Witzige: Dein Vater dahinter, klatscht plötzlich in die Hände und sagte: ‚ENDLICH sagt ihr das jemand!! Wenn ich es ihr sage, glaubt sie es mir ja nicht mehr!!‘. Da hat sie dann wieder, wie sie es immer tut, den Kopf geschüttelt, das Haar…“. Bei dieser Geste ihrerseits muss ich an einen selbstverliebten Gockel denken, der gerade eine Abfuhr bekommen hat, und sich das Gefieder zurecht schüttelt. Der 2. Gedanke, dass ich ihr das nie so direkt sagen könnte. Ich mache mitunter Andeutungen, und die sind schon schlimm genug und das Freiticket für die Höllenfahrt sei mir gesichert!

Die Sonne geht unter, gleich wird es 4. Noch nichts geleistet. Dieses beschissene Wort „Leistung“. Habe ich das Bild so dermaßen über? Bin ich körperlich und seelisch zu schwach, mich nonstop unter den Scheffel von diesem Leistungsdruck zu stellen? Als ich noch auf dem Sofa saß und zu Sebastian sagte, keine Lust zu haben, aufzustehen, keinen Bock, mich zu waschen oder meine Zähne zu putzen… Da kam mir sehr wohl der Gedanke, dass ich entweder in irgendeiner Art und Weise depressiv sein muss, vollends aufgegeben habe, vielleicht auch nur eine faule Sau bin und in dieser passiven Lebenshaltung nur noch darauf warte, dass der Tod endlich kommt. Alte Leute sterben doch auch, wenn sie traurig sind. Oder wenn sie meinen, es mache keinen Sinn mehr, und 2 Tage später haben sie es geschafft. „Warum geht das bei mir nicht?! Ich mache die Augen zu, sage mir selbst, dass ich nicht mehr will, aber nächsten Tag wache ich auf und bin immer noch da! Warum? Das ist nicht fair!“; das Gesagte natürlich mit einem Hauch von Ironie gewürzt.
Im abendlichen Licht die Silhouette der Elster vorbei flattern sehen. In 3 Minuten ist es 4. Diese Kopfschmerzen… Mache ich etwas falsch oder warum vertrage ich die Nasendusche nicht mehr? Warum geht es jedes Mal dermaßen bis ins Hirn, dass ich, wie ein wehleidiges Baby, zu schreien anfange? Wie erst gestern? Oder ist das ein Symptom, dass sich etwas verschlechtert hat?

Und da spinnt sich die blöde Kuh wieder irgendwelche Geschichten zusammen!!

16:00 Uhr. Mal sehen, ob meine Hände auch etwas anderes können außer Klimpern…

16:12
Ich stand auf, beugte mich über den Tisch, um den Lichtschalter zu erreichen. Da läuft etwas aus meinem rechten Nasenloch. Immer noch Wasser? Von der Spülung gestern? Taschentuch… Blut!

Ja!! Nasenbluten ist für mich etwas exotisches! Gleich gefilmt, und Sebastians Spott ausgesetzt. Dazu sage ich nur: „Wenn du in deinem Leben nichts anderes hast als deinen beschissenen Körper, diese verhasste Schrottkiste, dann musst du eben DARAUS Kapital schlagen! Darum habe ich gestern Nacht zu dem jungen Sanitäter auch gesagt, dass er sich nicht wundern sollte, gemäß dem Fall, man trifft noch einmal aufeinander, wenn ich zum Beispiel den Notruf betätigt habe, und ihm erst die Kamera in die Hand drücke, ehe er mir helfen darf.“. Ich bin gestört. Oder wie Daniela gestern sagte, nachdem ich den Befund der Urologie scharf kritisiert hatte (da stand wieder Borderline drin bei der Auflistung der Diagnosen, falls nicht schon erwähnt): „Ist der Ruf erst ruiniert, lebt es sich recht ungeniert!“. Mein Credo: Aus Scheiße Gold machen.

Schon ist es 16:18 Uhr und ich habe immer noch nichts gemacht, es lohnt sich eigentlich gar nicht mehr. Ich könnte jetzt endlich meine Zähne putzen, mein Gesicht waschen, meiner hässlichen Hackfresse im Spiegel guten Tag sagen…

18:59
Das Gespräch mit Markus soeben beendet. Meine Ratio verglichen mit einem selbstunsicheren, eingeschüchterten Lehrer, der vor einer Horde aufmüpfiger, gewalttätiger Schuldgefühle, die als Schüler repräsentiert werden, steht und regelmäßig eins übergebraten bekommt.

Habe ich Tramal geschluckt oder nicht? Ich weiß es nicht, aber meine Periode kommt endlich in die Gänge und ich halte die Schmerzen nicht aus. Weil ich -wie schon zu oft thematisiert- diesen Bereich meines Körpers nicht spüren möchte. Da ist noch jede Menge Tee übrig. Die Füße brennen auf den Fußstützen. Vielleicht kann ich jetzt noch malen?

Natürlich auch heute nicht ohne Tränen davongekommen. Spätestens an dem Punkt, als es um meine Sterbefantasien ging. Kleine Zusammenfassung meiner Gedanken: Wenn meine Mutter stirbt, habe ich das Gefühl, ich würde sie umbringen, ich würde sie bereits jetzt mit meinen Gedanken umbringen, es wäre nicht fair, wenn sie stirbt, wo sie ihr Leben doch so liebt, so sehr daran hängt, und ich meines am liebsten wegwerfen würde, es nicht fair wäre, wenn sie gehen muss und ICH existiere weiter, dass mein Leben ohnehin ihr gehört und automatisch am Scheideweg ein Tausch stattzufinden hat.

Schön krank, nicht wahr?

Gerade mal eben bei Amazon an die 120 € aus dem Fenster gepfeffert. Während draußen die ersten Idioten (vermutlich sind es ohnehin nur Kinder) die ersten Raketen ausprobieren. Für einen kleinen Rollcontainer, von dem ich mir einrede, wenn der links von mir steht eine Erleichterung und neuen Platz zu gewinnen. Wieder einmal Armstulpen in Schwarz für den Winter, schön dick und warm, und natürlich vor allem blickdicht, um meine kleinen, dreckigen Geheimnisse für mich zu behalten. Das so oft in der Analyse angesprochene Buch „Tagkind-Nachtkind“, um endlich mal von jemandem zu lesen, der seinerseits Jahre gebraucht hat, um sich wirklich erinnern zu können. Und in Form eines USB-Sticks ein Diktiergerät.

Da wird es 19:11 und mein Rücken schmerzt. Ich musste zuvor die Heizdecke ausmachen, ich drohte zu kochen. So malen?…

Es wird 19:26 Uhr, ehe ich eine Entscheidung getroffen hab. Mich aufs Sofa zurückziehen, die unterschiedlichen Speicherkarten von den Kameras mitnehmen, aufs Notebook die Daten speichern und mir vielleicht die Aufnahme von gestern antun. Mit den Verspannungen jetzt noch Feinarbeiten am Bild vollführen zu wollen, Utopie. Zwecks Schuldgefühlen, Gedanken, all jenem, was in der Analyse aufgewirbelt wurde, herrscht in mir gerade einfach nur dumpfe Leere. Vermutlich gut so, sonst könnte ich noch die Rasierklinge auspacken!…

7. Dezember 2017, Donnerstag

8:28
Alltag simulieren, Routine basteln. Aufstehen, ins Bad schlurfen, Beutel entleeren, Einlage wechseln, Deo, ein ernüchternder Blick in den Spiegel, ein schockierter Blick aufs Wagendisplay, 59,8 Kilo 6:45 Uhr, der Selbsthass kommt soeben vom Morgenlauf, fühlt sich frisch und aufgeladen für den Tag, ich schleppe mich ihm hinterher ins Wohnzimmer, dort wartet Sebastian bereits, ein Liedchen für mich trällernd, ab aufs Sofa, Haare frisieren, BH, Oberteil, auf dem Sofa umsetzen, erst das linke Bein auf seinen Schoß, der Nagel wird mit einer Salbe behandelt, der Fuß als Ganzes eingeschmiert, Stützstrumpf Nummer eins, Socke, Hosenbein Nummer eins, dann Wechsel und dasselbe Procedere auf der anderen Seite noch einmal, dann zum Dankeschön einen Kuss geben, es mir für die letzten 30 Minuten noch einmal bequem machen auf dem Sofa, meine Medikamente einwerfen, Heizstrahler läuft und dösen, bis 7:30 Uhr, dann wird aufgestanden, zwangsweise, ich würde lieber liegen bleiben, ich setze mich auf den Rollstuhl, während Sebastian sich einerseits anzieht und andererseits durch die Küche wuselt, um mein Frühstück fertig zu machen, die Schale Tee muss noch einmal in die Mikrowelle, Brotkörbchen mit Vollkorngrissini, Nutella und aus dem Kühlschrank eine Packung Hummus, dann füttert er noch schnell die Vögel, fragt, ob ich noch irgendetwas brauche, es gibt Abschiedsküsschen und er geht. Das war der erste Teil. Nun folgt der Meinige: Den Computer anwerfen und während bereits die Titelmelodie der Küchenschlacht läuft, hastig meinen Posteingang überprüfen und diverse Besucherzahlen anschauen, viel zu viel Süßstoff in den Tee, viel zu viel Nutella und mich wie so oft selbst austricksen müssen, in dem ich einmal eintauche, abbeiße und noch während ich kaue, damit beschäftigt bin, die Stange zurück in die Packung stecken und dessen offene Seite mit einer Plastiktüte bedecken, jetzt komme ich kurz in die Gänge, bringe das Körbchen mit den Frühstücksutensilien in die Küche, die Kichererbsenpaste wandert in den Kühlschrank, im Tausch gegen eine neue Wasserflasche, die Wasserflasche wird in diesem nagelneuen Termoschlauch versenkt, mit dem restlichen Tee die letzten Minuten der Kochsendung gucken, während bereits die Stoppuhr läuft, die Farben mit Wasser benetzt werden und ich behelfsmäßig gedankenlos Striche an den Federn vornehme, dabei immer noch so unendlich müde, dass ich schlafen will, und daran wird auch das Rauchzeichen gebende Räucherstäbchen nichts ändern und, um zum Schluss zu kommen, wird diese Prozedur jetzt 2 Stunden dauern -dann habe ich wenigstens ein kleines Soll des Tages erreicht.

Und WEHE diese fixe Struktur wird irgendwie durcheinandergebracht! Fine sitzt vor der Tür und weint; Sebastian hatte die Schnauze voll und alle beide samt Futter hinaus komplementiert. Martha hatte schon wieder das gesamte Treppenhaus mit ihrer Kotze dekoriert und das fällt ja nun mal leider in seinen Zuständigkeitsbereich. Gestern drohte er den Katzen damit, dass wir uns bald einen Hund anschaffen würden und dann könnten sie sehen, wo sie bleiben. Ich denke dabei gerade: „Wie praktisch! Der würde die Kotze auffressen!“.

9 Minuten später, Fine wieder ins Haus gelassen, die kotzt und scheißt wenigstens draußen; das ganze Haus stinkt nach Katzenklo. Da kommt es wieder zu diesem Phänomen, bei dem ich mir am liebsten selbst die Fresse einschlagen möchte! Und das alles nur wegen der bekloppten Katze, weil ich sie reinlassen wollte, musste, damit die Vögel wieder fressen können! Natürlich musste ich die nagelneue Heizdecke abnehmen, ehe ich zur Terrassentür gehen konnte. Doch wieder zurück UNFÄHIG, mir diese wieder anzulegen, und während ich mich so bezaubernd vor mich hin ärgere, geht das mit dem Gähnen wieder los. Darauf wartend, mir auch ohne selbst zugefügte Gewalteinwirkung alsbald den Kiefer auszurenken!! Je mehr ich gähne, desto müder werde ich und natürlich desto schneller schwinden die Kräfte. Und da sage mir jetzt einer bitte schön, ich SOLL IN SO EINER SITUATION RUHIG BLEIBEN??!! EINEN SCHEISS WERDE ICH, WEIL ICH ES NICHT KANN!!!

Ganz vorsichtig die Hypothese in den Raum flüstern, heute noch müder zu sein als gestern. Wessen bedarf es jetzt? Eines Energydrinks, Matetees, Kissens, des Sofas oder was?! Selber schuld, wenn ich so einen Schwachsinn schlucke. Aber für den Moment war diese Mischung abends ganz friedlich. Musik oder Tiersendung? Noch 45 Minuten, ehe hinten die Tür wieder aufgeht und ich würde gut daran tun, genau DARÜBER nicht weiter nachzudenken!

15:33
Die Sonne bereits hinter der Hügelkette im Westen verschwunden. Der Beutel war kurz vorm Platzen. Ich wollte doch nur eine halbe Stunde schlafen, aber so wurden zwei draus, mein Herz rast und ich bin alles andere als wach. Noch 90 Minuten bis zur Sitzung mit Brigitte, ich müsste mir das Dokument durchlesen, ich wollte noch malen, noch etwas schaffen… Stattdessen instabil, mir ist unglaublich schwindlig, sobald ich stehe, droht das Körpersystem Opfer der Erdanziehung zu werden. Kaum hatte ich auf dem Sofa die Augen geöffnet, unverzüglich weitere 20 Tropfen Tramal zur Mittagsdosis eingeworfen. Also Temesta ist auch nicht das Gelbe vom Ei, wie mir scheint. Einfach noch mehr Opiate und dazu Morphine? Das beeinträchtigt wenigstens meine Funktionalität nicht. Am liebsten würde ich mich jetzt aufschlitzen. Warum?

WARUM muss es immer ein WARUM geben? Kann ich nicht sagen: Einfach so?! Ich sitze gerade hier in dieser Stille und werde mir der trügerischen Ruhe, dieser falschen Harmonie bewusst. Na?! Wann knallt es?!

Hinten in den Jungbirken landet eine Elster. Ganz kurz, dann ist sie schon wieder Geschichte, kann mir den Drang in Richtung Kamera ersparen. Ganz laut Musik anmachen! Vielleicht spuckt der Player ja doch noch das richtige Stück aus, um mir dabei die Kante geben zu können. Das sollte mich aufwecken, dieses bisschen Schmerz, dieser benutzerfreundliche Rausch.

Die Abendstimmung, das Abendlicht, ich sehe mich in Jennersdorf ankommen, laufend, um dort bei der Beleuchtung bis zu Sebastians Feierabend hin und her zu rotieren. Die kleine, braune Pumpflasche holen, dazu auch noch die blaue Blechdose Tabletten, bunt gemischt. Die Vögel auf dem Restaurant haben etwas Melancholisches in diesem schwindenden Licht. Ich sehe den Tod, vermag ihn zu erahnen.

Auf diesem Wege kommt mir das Glas mit dem Psychopax unter. Aber auch nur, weil ich die Illusion, mich in irgendeiner Art in einen Zustand ohne Angst befördern zu können, nicht aufgeben will und erst die Blisterpackungen Gewacalm und Temesta auf dem Tischchen sehe. Warum selbst verletzen? Um mich selbst zu vergewissern, dass es rechtens ist, eine Therapeutin ins Haus kommen zu lassen? Eine Therapie zu brauchen, verdient zu haben? Wer kommt mir da mit Ratio? Im Land der zerstörten Gefühle gibt es weder Vernunft noch Logik!

Den gesamten Chemiemüll vor mir aufbauen, die Petrischalen öffnen. Da sehe ich meine Mutter, ihre Angst vor Tod und Verlust. Und ich bekomme die Worte kaum noch über die Lippen: Ich sehe sie sterben… Und es tut mir so leid, zugleich erkenne ich mich selbst, keinen Deut besser, aber im Vergleich zu ihr will ich lieber sterben, als das noch einmal 37 Jahre aushalten zu müssen. Und die Tränen laufen und laufen, und die Stimme versagt und bleibt stecken, wie auch der Atem auf der Strecke bleibt und das Gefühl der einzelnen Wassertropfen, die über die Wange laufen, bringt mich den Rasierklingen noch näher.
Ganz kurz, eine Stunde noch allein. Die Klingendose suchen, dabei über die Skalpelle stolpern.

Dafür bist du doch viel zu dämlich!!

Die Selbstmord-Playlist vom 21. Mai 2015 erfüllt den Raum.

Bring dich um! Es war doch so schön, so wunderschön, als du endlich die Augen schließen konntest, oder nicht?

Das Skalpell, die Packung noch nicht einmal offen. Mir darauf die technische Zeichnung der Klinge ansehen, an der Skizze kleben bleiben. Firma Braun. Gillette wäre mir lieber. Gillette und dieser betörende Schmierölgeruch. Dabei sähen meine Arme gerade wieder salonfähig aus. Scheiß drauf! Nur bloß keine Flecken auf die Hose machen! Diese ist hellgrau und ich glaube nicht, die Kraft zu haben, mich noch selbst umziehen zu können…

Mit der Spitze zaghaft über die vernarbte Haut kratzen. Nach sieben Schnitten anfangen frustriert zu werden. Wo bleibt die Überzeugung?! Wo bleibt der „Nachdruck“? Es ist und bleibt wie es ist: Eine Rasierklinge bleibt eine Rasierklinge und eine neue Rasierklinge der beste Weg, die unglückliche Seele zu befrieden…

22 und dabei die letzten auf der Unterseite, fester, wütender. Dieselbe Handhabe mit einer nagelneuen Rasierklinge- das ganze Ergebnis würde sich gewaltiger darstellen. Es bleibt die Frage danach, ob das jetzt reicht. Irgendeinen der neuen, sauberen Schlauchverbände überstreifen, der Aufruhr tief in mir noch nicht zur Gänze gestillt. Das blutige Handtuch verschwindet wie auch das Skalpell in meiner Schultasche am Rollator, die schwarze Armstulpe mimt den letzten Vorhang bei einem geschmacklosen Theaterstück, ohne Zugabe. Sieben nach 16 Uhr. Vor allem die Wunden auf der Unterseite des Arms brennen dezent. Spätestens gegenüber Brigitte sitzend werde ich mir lächerlich vorkommen. Ihre Welt wird auf die meinige prallen und es wird sein wie Tag und Nacht. Zum Psychopax greifen… Dosismenge? Unbekannt.

Mit nach innen gerichteten Augen auf die Explosion des Himmels warten.

17:55
Ich kann nicht gerade behaupten, mich betäubt, gleichgültig oder in irgendeiner Form berauscht zu fühlen. Bedurfte es meiner eigenen Worte, meine eigene Stimme DAS sagen zu hören, was ich gerade von mir gegeben habe? Oder zuvor, noch vor Brigittes Ankunft, ich hatte das Diktierprogramm das neunseitige Dokument, welches ich in den zwei Wochen seit der letzten Therapie für diese angelegt habe, das Gespräch mit meinem Bruder, Träume, Auffälligkeiten, vorlesen lassen. Meine eigenen Worte aus dem „Mund“ einer anderen Frau zu hören. Und dann eben noch einmal gleich im Anschluss bei der Therapie… Ich bin aufgewühlt, innerlich, wie ein Acker, den man umgepflügt hat. So vieles ergibt Sinn, erst recht in der Zusammenschau mit Brigittes Reaktionen, ihrem Gesichtsausdruck… Und zugleich mischt sich die vermeintliche Ratio ein, will alles zerklären. Kommt mit ganz alten Kamellen um die Ecke gebogen, Erklärungsansätzen, denen ich schon seit Kindertagen die Treue halte. Schwer seufzen. Was schlucke ich noch? Mittlerweile keine Übersicht mehr darüber, was bereits konsumiert wurde. Ich werde noch weiter malen, denke ich.

Ein paar kurze Sätze mit Sebastian wechseln, die Panik hört interessiert zu. Er hat mir eine Schale Tee gemacht, ist nach oben gegangen; sicher für 90 Minuten oder so. Malen und währenddessen die Geschichte des Kindes weiter spinnen? Mich zurücklehnen und mein neues Video noch einmal auf mich wirken lassen?

DU FAULE SAU!!

Eventuell noch ein paar Striche, die Zeit voll machen auf 3 Stunden Tagesleistung…

18:43
Plötzlich eine Erinnerung, meine Mutter und ich vor der Ballettschule, traute Zweisamkeit… Ich sehe sie sterben… Ein unbegreiflicher Schmerz breitet sich in mir aus, wie eine überdimensionale Hand, eine Klaue, die plötzlich zupackt, ihre langen Nägel in mein Fleisch schlägt und den Griff enger und enger und fester und noch fester werden lässt… Da frage ich in mich hinein: „Mama, was habt ihr bloß mit uns gemacht? Was hast du mit mir gemacht? Warum sagst du, ich sei das Wichtigste für dich, aber ich habe das Gefühl, wegen dir nicht leben zu dürfen?!“.

Tränen. Das innere Kind weint…
„Warum bekomme ich keine Antworten? Warum bin ich so schlecht? Was habe ich verbrochen? Was habe ich dir angetan? Weswegen muss ich leiden? Warum spielt es keine Rolle, wie oft du sagst, dass du mir das Beste wünscht, dass du alles für mich tun würdest? Denn umso mehr wachsen Schuldgefühle, schlechtes Gewissen, umso mehr wird meine Daseinsberechtigung ad absurdum geführt? Je häufiger du mir unter Tränen sagst, wie sehr du mich liebst, je fester du mich dabei drückst, um so mehr Kraft bekommen die Suizidgedanken. WARUM?! Sag mir doch endlich WARUM???!“.

1146 Stunden. Sebastian oben. Ich allein. Und so greife ich ein weiteres Mal zum einzigen Heilmittel, das ich in der Hand zu haben scheine…

Der Atem wird langsamer, während ich mit einem Edding die erste Kante des neuen Werkzeugs markiere.

Das ist doch alles nur SCHEISSE! Das kommt von deinen Tabletten, du hast eine Psychose!!

Ja? Habe ich das? Bin ich ein ewig nachtragender Mensch? Der jede Kleinigkeit überbewertet? Zwischen den Zeilen fehlinterpretiert? Immer alles auf mich selbst bezieht? Eine Dramaqueen?!

Die kleine Tischlampe auf den blutigen Unterarm gerichtet. Viel zu zaghaft, dem wunderschönen Metallstück nicht gerecht. Ehe in mir etwas sagt: „Denk an den Schmerz!…“. Nummer 7 schlägt ein. Unzählige Rinnsale. Beim Gedanken an meine Videos bekomme ich Panik. Das Blut tropft aufs Tuch, eine Seelenträne nach der anderen. Meine Seele spricht nicht, das innere Kind spricht nicht, aber über diesen Umweg ermögliche ich ihnen wenigstens ein bisschen Trauer zu leben und abzulassen. Die Schnitte, die folgen, sind zumindest dezent überzeugter. Die Hand auf dem Tisch ablegen, um daran teilhaben zu dürfen, wie sich das Schauspiel verselbstständigt. Was hat mein Bruder gedacht, als er am 21. Mai 2015 vor meinem leblosen Wrack kniete, auf der Suche nach Venen für einen Zugang die Ärmel nach oben schob und über 300 Schnitte zu sehen bekam? War er da ganz Profi, funktionierte im Rahmen seiner Arbeit oder hat er sich doch gefragt, wie & nach rechts markieren um Himmelswillen es dazu gekommen sein muss?

Als ich das alte Handtuch zusammenfalte und hochhebe, um es in der Tasche verschwinden zu lassen, ist es dreimal so schwer und warm. Wie viele Schnitte waren es? 12? 15? Kein Fleck auf der Hose, nur dezente Spuren an der rechten Hand. Heftige Kopfschmerzen setzen ein. Süßstoff in den Tee, trotz Panik das Video einschalten und noch irgendetwas anderes einwerfen. Von mir aus noch mehr Psychopax…

19:47
Das Video ansehen, „Das innere System“.

Ich sehe die Uhrzeit, ich denke, Sebastian kommt bald runter, und wie ein T-Zug erfasst mich die nächste Panik, ich beginne ohne darüber nachzudenken erst auf meinen linken Unterarm einzuschlagen, mit der Faust darauf herum zu hämmern, ehe ich den Verband darunter einmal abrupt ein Stückchen nach oben ziehe und ihn von den daran festgeklebten Wunden reiße. Plötzlich ein Dejavuegefühl. Der Arm tut weh. Angenehm weh. Aber es reicht nicht. Ich sollte Sebastian oben anrufen und ihm sagen, er kann sich ruhig Zeit lassen. Statt Psychopax hatte ich mir ein weiteres Mal 20 Tropfen Tramal verordnet. Wie viele es davon mittlerweile sind? Ich will die Ruhe, die gedämpfte Stimmung genießen… Aber ich schlechter, böser und vor allem dreckiger Mensch darf nicht!

Ruft nicht tatsächlich Sebastian von oben runter: „Macht es was aus, wenn ich noch bis 9 mache?“. „Nein!! Überhaupt nicht! Ich wollte dich schon anrufen; beim Gedanken, dass du runterkommst, krieg ich Panikattacken…“, um noch hastig hinzuzufügen: „BITTE nicht persönlich nehmen!!“. Schön und gut, aber die Angst führt bereits einen Veitstanz auf meinem Gemüt aus. Ich könnte anfangen, zu weinen. Sollen diese ganzen beschissenen Tabletten und Tropfen nicht genau DAS eindämmen, verhindern oder lindern?! Ich kann nicht mehr…

Am Unterarm herum kratzen…

Während das Video läuft, erst eine weitere Schnapspraline auspacken und dann, weil die mir zugefügten Schmerzen zu schwach sind, die schwarze Stulpe abstreifen und mit dem Daumen, dem Daumennagel ganz fest über die Schnitte kratzen. Meine Ohren unter den Kopfhörern werden ganz warm, neue Blutflecken zeichnen sich auf dem Stoff ab. Es tut mir so leid, dass ich das alles hier niederschreibe und – unverantwortlich- auch noch veröffentlichen werde. Die Augen werden erneut geflutet. Liegt das alles nur an Benzos und Opiaten? Oder hat die Sitzung etwas aufgebrochen, das nun eitert, ungesehen, ganz heimlich und leise im Verborgenen? Ich will sterben!!

20.58
Sebastian kommt runter, macht für mich Kartoffeln in den Ofen und fragt: „Willst, brauchst du sonst noch was?“.
„Ja…“, ich breche zusammen: „Bitte, halt mich ganz, ganz fest!“.
Schon sprudelt es aus mir raus. Nicht fertig werden, Versuche zu unternehmen, mich, mein Verhalten zu erklären. Mich zu entschuldigen, „ihm nicht gerecht zu werden“, „wegen ihm Panik zu bekommen“, „an ihm Gesten und Ähnlichkeiten mit dem vermeintlichen Täter zu sehen, in ihn hinein zu interpretieren“. Ein endlose Liste.

Ist das der Grund, das Glück, noch nicht mehr Selbstmordversuche unternommen, mich nicht schon längst umgebracht zu haben?

13. Oktober 2017, Freitag der 13. …

8:37
Nur ganz kurz, sporadisch, beim letzten Rest von meinem Milchtee. 59,3 (in etwa) um 6:45 Uhr. Meine Träume waren bunt und verwirrend. Kindheit vermischte sich mit dem Jetzt, mit der erwachsenen Version von mir. Ich hatte neue Freunde gefunden, Deutsche, die in der Nähe vom Gasthaus ein Haus renovierten. Sie waren schräg, total anders, hatten auch eine Band, wir waren alle erwachsen, aber benahmen uns wie Kinder, spielten, fuhren mit den Fahrrädern im Dorf auf und ab. Als ich ihnen dann in einem alten Obstgarten die Rehe zeigte, gingen die drei runter auf die Wiese, wo nun irgendwelche Steinböcke oder Gämsen standen, und die einzige Frau darunter schnappte sich ein Messer und schnitt einem der Tiere die Kehle durch. Eine alte Bäuerin tauchte auf und schrie entsetzt: Das waren doch ihre eigenen Tiere! Zwei kleine Kinder, wohl ihre Enkelkinder, verfolgten uns, Blut beschmiert. Am Gasthaus erwischten sie uns und ich entschuldigte mich, dass ich ja nicht gewusst hätte, dass meine Freunde so etwas tun könnten. Ich nahm den kleinen Mädchen ihre weißen Hemdchen ab und wusch sie im Waschbecken im Gasthaus, unten im Badezimmer. Ich wusch das Blut aus dem Stoff, damit wieder alles in Ordnung sei. Meine Mutter wollte mir mit Bleiche helfen, aber ich schaffte es so. Dann wurden die Hemdchen auf eine Wäscheleine gehängt, wie bei einer Waschmittelwerbung, hingen da in Wind und strahlendem Sonnenschein, damit jeder sehen konnte: Jetzt sind sie wieder Rein! Auch träumte ich später in einer anderen Szene von einem seltsamen Fest am anderen Ende vom Dorf, wo meine Freunde obskure Spiele an einem runden Tisch spielten. Ebenso auch Musik machten. Dazwischen saß eines dieser Mädchen.

Der Computer schmiert ab, dank Diktierprogramm, aber zum Glück geht nur eine Zeile vom Text verloren. Zum ständigen Speichern fehlt mir augenblicklich die Aufmerksamkeit…

Dieses Mädchen, es mag vielleicht gerade mal sieben oder acht gewesen sein, hatte Narben auf den Oberarmen. Gerade Striche. Das Muster verdächtig. Deswegen sprach ich sie an. Im selben Moment tauchte eine Psychologin auf, die die Kleine mitnahm. Wieder zurück am Tisch hatte mich das noch nicht losgelassen und ich musste ihr sagen, in was für eine Sackgasse sie sich mit der Selbstverletzung manövriert. Kindgerecht, ich benutzte die Stöpsel, die Kronkorken von den Flaschen, die auf dem Tisch lagen, und demonstrierte ihr anhand dieser, dass sie zwei Wege hätte. Entweder nach dem Auftauchen einer Hürde, einer Eskalation sich selbst zu verletzen und gegen eine Wand zu prallen, die sie zum Anfang zurückwirft, wieder und wieder. Oder den Weg nach rechts zu wählen, ohne die Verletzung, sich Alternativen suchend, dieser Weg sei offen, kein Todesurteil: „Das Leben geht trotzdem weiter! Egal, wie beängstigend die Hürde erscheint!“. War das wieder ich? Wieder das innere Kind, mit dem ich mich auseinandersetzte. Ich hatte auch so ein Bedürfnis, ihr meine Narben zu zeigen; mein rechter Arm sah im Traum aus wie ein Acker, die Narben dick und wulstig, was das kleine Mädchen durchaus erschreckt hat. Darauf fragte ich sie noch, ob sie später so aussehen möchte. Ich wollte sie beschützen, in den Arm nehmen und bemerkte auch, dass sie weder über die Wunden noch den Grund, der sie dazu brachte, reden wollte. Völlig verstört das Kind!

So, jetzt ist die meiste Zeit fürs Diktieren drauf gegangen, der Tee noch immer nicht geleert. Neben mir auf dem Rollator wartet bereits das Kissen, um die Nachfolge von Keyboard und Stövchen anzutreten. Ich bin müde, so unsagbar müde. Fieber habe ich zwar keines, auch wenn ich heute noch gar nicht gemessen habe. Aber Kopfschmerzen, meine Stimme rau. Sebastian hatte abends noch Besuch bekommen, war nach oben verschwunden und ich hatte mich aufs Sofa gesetzt/gelegt, das Notebook vor mir auf dem Hocker. Erst den gesamten Monsterordner vom Video von der externen Festplatte rüber auf jene vom Notebook kopiert, um dessen winzige richtig schön vollzustopfen, und mich dann im selben Dilemma vorzufinden wie am alten Stand-PC hier am Tisch. Das Programm stürzte mir unentwegt ab!! Sicherlich dauerte es eine halbe Stunde, ehe ich es zum Laufen brachte. Und dann ließ es mich auch in Ruhe arbeiten. Aber ich kam nicht mehr hoch, kam zu nichts anderem mehr, und so wird auch dieser Tag völlig ungenutzt verplempert. Kein Training, keine Physiotherapie, nichts… Obwohl das jedes Mal als Training zu bezeichnen, beinah eine Übertreibung sondergleichen ist! Was mache ich denn schon groß? Die paar Schritte auf dem Laufband? Das bisschen Schlurfen draußen die Straße runter, um dann den Rest des Tages eben NICHTS zu leisten, in den Zustand einer Leiche überzugehen? Da wird es 9:00 Uhr. Die Farben in den Schälchen bekommen da vorne am anderen Ende der Leinwand, selbst wenn sie mit einem weißen Frotteetuch abgedeckt sind, ausreichend Sonne und Wärme ab, um auszutrocknen. Ich kann nicht mehr… Polster auf den Tisch und wieder einmal zu solch früher Stunde den Tag in die Tonne treten… Nicht gesund, aber auch nicht wirklich krank. Müsste mich wohl nur zusammenreißen… Rede ich mir ein.

20:30
Die Sitzung dauerte zwei Stunden und seine Interpretation vom Traum äußerst interessant. Nur… Darf ich sie zulassen? Das linke Bein krampft seit zwei Stunden… Antwort genug?