2. Mai 2019, Donnerstag „TRAUMSPEKTAKEL…“

10:41
61,7 Kilo. Volkshilfe… Mir wird schlecht! Aber zumindest das Wetter scheint mir heute wohlgesonnen!
Morgens die Temperatur bereits auf 37,7 °C. Kann kaum gehen. Konnte kaum gehen. Der Plan ist aber, ihm in spätestens einer Dreiviertelstunde entgegen zu gehen. Und man höre und staune… Seit 23. Dezember zum ersten Mal wieder gemalt. Nicht, weil meine Eintragungen in den Kalender so „wunderschön ausgesehen hätten“. Ich hatte Sorge, dass mir die Farben wieder kaputt gehen.
Unzählige Stunden Material wieder und wieder beschleunigt, weil das Programm nicht mehr als eine vierfache Geschwindigkeit hergibt, geschnitten, zusammengestellt, wieder beschleunigt. Und nun scheinbar tatsächlich zu dämlich, das Stativ wieder SO auszurichten, dass es zum Vorgängermaterial passt! Allein dieser Akt kostete mich 45 Minuten!!
Als stünde der ganze Tag unter dem Bann dieser Zahl!! So habe ich dann eben auch noch 45 Minuten versucht zu malen. Ehe meine Hand vollends den Geist aufgab. Wie ich immer zu sagen pflege: „Farbe ist so geduldig, Leinwand ist so geduldig!“. Nicht wissend, worauf ich nun hinaus will. Aber definitiv mir selbst versucht die Beschränkung zu erlassen, dass die Farben exakt identisch mit dem Schmetterling auf dem Foto sein müssen. Da diese Art ohnehin farblich sehr starken Variationen unterworfen ist, warum dann mich selbst unterwerfen und so nie ein Ziel zu erreichen?!

Wenn ich das mal hinbekomme…
Gefühlt glühen meine Augen schon wieder. Wenigstens das Thermometer nimmt mich ernst und piepst erregt, warnend. Mir wieder und wieder ins Gedächtnis rufen, dass heute NICHT Montag ist. Das gestern NICHT Sonntag war. Vor mir liegt die Blisterpackung mit dem Paracetamol. Damit entweder allmählich ein Magengeschwür forcieren oder mir zumindest für ein paar Stunden aus der Patsche helfen. Wie ein sich querlegender Ziegelstein rutscht die Filmtablette mit viel zu wenig Restwasser aus meiner Flasche die Speiseröhre hinab. Gefühlt steckt sie jetzt irgendwo in der Mitte.

In meinem Traum wohnten wir schon wieder im Gasthaus. Mein Kinderzimmer und Jugendzimmer war unser Schlafzimmer. Sebastian und ich gingen noch zur Schule, waren zugleich erwachsen und mündig. Da es unplanmäßig eine Generalprobe gab, der Unterricht länger dauerte, kamen wir spät noch kurz nach Hause, packten unsere Sachen und fuhren wieder los, um uns die schulische „Oper“ in Graz anzusehen. Spätnachts kamen wir nach Hause. Und meine Mutter hatte doch tatsächlich für uns EXTRA eine ganze Pfanne voll „Scheiterhaufen“ mit Vanillesauce drauf gemacht, für jeden ein Schälchen Pudding und zusätzlich noch ein aufwändiges Dessert. Das Hauptgericht im Ofen, der ganze Rest auf dem Küchentisch. Keinen Hunger; wir hatten doch in der Schule und dann unterwegs etwas gegessen. Ihre Mühen, ihr Aufwand wurde von uns verschmäht. Sollte ich mich schlecht fühlen? Dass ich „Nein“ zu ihr sagte?
Dabei kam es nicht einmal zu Kontakt. Das spielte sich alles in meinem Kopf ab. Wir betraten mein Zimmer… Warum stand draußen im Flur mein neues Laufband? Wer hatte es raus geräumt?
Warum zum Henker stand daneben auch noch das Alte, welches ich doch an Ramida verkauft hatte?!
Der Schreck wurde noch größer! Natürlich, unser Schlafzimmer war durcheinander. Aber mir war sofort klar, das konnte nur sie gewesen sein! Meine Mutter hatte doch tatsächlich den gesamten Raum auf den Kopf gestellt, alle Schränke ausgeräumt, alles neu einsortiert, sogar das Bett stand anders, nun mit dem Kopfende unter dem Fenster, was ich als sehr bedrohlich empfand!! Aber mit liebevollen, geblümten Decken, und Kissen!! Ich tobte!! Und zerstörte ihr wieder einmal „gut gemeintes Kunstwerk“! Ich habe sie angeschrien, angebrüllt!! Dass ich erwachsen sei, sie sich endlich aus meinem Leben raushalten soll!! Und erst recht ungefragt immer irgendwelche Entscheidungen für MICH zu treffen!!!
Zugleich, Traumlogik eben, trafen wir nicht einmal aufeinander. Unruhig lag ich im Bett. Wir mussten früh raus, aber ich konnte nicht schlafen. Denn unten in der Küche konnte ich sie das für uns zubereitete Essen wegwerfen hören. Sie weinte. Sie schluchzte. Und in der Tat entstand dabei der Eindruck, sie wollte, dass wir sie hören. Dass ICH sie höre und mich schlecht fühle. Sebastian, von mir ständig geweckt, fuhr mich entnervt an: „DEINE MUTTER WIRD AUCH RECHT HABEN, NICHT IMMER DU!! DU ÜBERTREIBST TOTAL!!“… (Zumindest den ersten Teil dieses Satzes, den er mir vor unzähligen Jahren einmal an den Kopf geworfen hat, nehme ich ihm immer noch übel. Das war wie ein Messer hinten rein, direkt zwischen die Schulterblätter. Symbolisch betrachtet, und dann noch mit einem Lächeln: „Aber ich liebe dich doch!“.)
Ich war also ganz allein mit dem Problem. Ihr „Theater“ erreichte soeben den Höhepunkt. Sie warf Geschirr zu Boden und fing nun richtig laut an zu schluchzen. Was hatte ICH böser Mensch dieser armen, bedauernswerten Frau angetan???!!! Erst ihr liebevoll für MICH gekochtes Essen abzulehnen, tatsächlich für MICH zu entscheiden, woanders zu essen, OHNE sie zu fragen!!! Aber nun auch noch das!!! Und in meinem Kopf konnte ich sehen, wie sie GENAU so liebevoll das Zimmer umdekorierte, alles in Ordnung brachte, mit dem liebevollen Gedanken, MIR eine Freude zu bereiten!!! Und ich sah die leere Packung Schokobananen wieder, die mir zuvor im Zimmer auf dem Mülleimer aufgefallen war!!! Sah sie voll Vorfreude Schokobananen naschend von einer Ecke zur anderen huschen… UND natürlich sterben!!!
Außerdem hatte mir Sebastian im Traum noch vorgeworfen, dass ich ein Problem haben müsse und er es einfach nicht verstehen könne, warum ich mit meiner Mutter keinen einzigen vernünftigen Satz wechseln könne, warum ich IMMER anfangen müsse sie anzugreifen, anzukeifen, anzuschnauzen, zu kritisieren!!! Und sie wehrte sich nicht einmal, war das perfekte Opfer und ich der perfekte Täter!!!

Das war zu viel. Das Fass war übergelaufen. Aus dieser Sache kam ich nicht mehr raus. Definitiv nicht heil. Meine viel zitierten Konsequenzen mussten gezogen werden. Schlich mich aus dem Schlafzimmer, suchte nach meinen Rasierklingen. Und dann fielen mir doch alle auf den Boden, und es waren plötzlich Hunderte!! Ich stand im Badezimmer, oben, und scheinbar hatte meine Mutter für sich Badewasser eingelassen. Dieses lief noch. Rote Rosen schwammen an der Oberfläche, und am Badewannenrand lagen drei Klingen. Also hatte sie vor, sich etwas anzutun, UM MICH ZU BESTRAFEN!!! Ganz theatralisch, sogar Musik hatte sie sich zurecht gemacht!!! Und wir würden sie finden, in ihrem Blut schwimmend!!!

WIE HATTE ICH AUCH NUR NEIN SAGEN KÖNNEN???!!!

Aber NOCH war sie unten in der Küche. Auch am Waschbecken lief Wasser, lief über. Nun waren meine ganzen Rasierklingen auf dem Boden, in der größer werdenden Pfütze nicht mehr auseinanderzuhalten! Welche waren neu, welche bereits stumpf??? Wo hatte ich meine Tabletten versteckt??? Und dann waren da auch noch Gäste! Junge Gäste! Ich hatte doch die Badezimmertür abgeschlossen! So ganz nach dem Prinzip: „Nein! Das tust DU mir nicht an! Ich komme dir zuvor! Denn DIR geht es nicht so schlecht!“; als handele es sich hierbei um einen perfiden Konkurrenzkampf!
Doch wie so oft in meinen Träumen, die Tür ließ sich nicht abschließen! Eine junge, korpulente Dame öffnete diese einfach und trat ein: „Aber ich habe mich für jetzt fürs Bad eintragen lassen!“, und hinter ihr stand gleich der nächste Gast, und verwies seinerseits auf diesen Anspruch. „Gleich! Ich habe es gleich!“, drängte sie hinaus, schloss die Tür wieder. Aber der Riegel verriegelte sie eben nicht! Mir lief die Zeit davon! Ich konnte meine Mutter bereits die Treppe hoch gehen hören!

Ende vom Lied? Ich stieg aus dem Fenster, schlich über das Dach, barfuß durch den Schnee. Dann würde man mich eben im Rollstuhl irgendwo auffinden. Und bestenfalls wäre ich bis dahin in meinem blutigen Delirium erfroren… Und rannte und rannte und rannte durch die eiskalte Nacht, weg, nur weg von diesem schrecklichen Haus, den darin befindlichen Personen, dieser Familie… Und kam doch keinen Millimeter vom Fleck!

Fazit? „Du hast eindeutig ein Mutterproblem!“.

11:59
Strahlend blauer Himmel. Alles ist gut…

Am Waschbecken verreckt. Wieder muss die Waschmaschine zum Abstützen herhalten. Wieder müssen beide Hände die Zahnbürste festhalten. Wieder beide Ellenbogen irgendwie auf die Keramik gestützt.

Zurück am Ausgangspunkt. Zurück bei Punkt Null. Das Bild betrachten. Beinahe dreieinhalb Jahre. Für eine einzige Leinwand. Davon zusammengerechnet mindestens zwölf Monate in Abständen zwangspausiert. Der wunderschöne Nachtfalter, der Nagelfleck… Die eine Seite noch nicht einmal zur Hälfte fertig. Und darunter fehlt doch noch so vieles, das Bild doch noch so leer…

Blauer Himmel. Alles ist gut… Man muss nur daran glauben.
Ich bin Atheist!

KLATSCH!! Ohrfeige!! Depressiv…
Blauer Himmel. Alles ist kaputt…
Der Fokus verschiebt sich… Zurück ins Badezimmer, zum Spiegelbild. Da hat man wenigstens IRGENDETWAS HANDFESTES, woran man sich festhalten kann!!

Du bist so unerträglich hässlich!!!
So unerträglich FETT!!!

Mir bleibt die Luft weg. Ein Verenden in kleinen Monatsraten. Mit langer Laufzeit. BESTE Konditionen. Würde es sich dabei bloß um einen Kredit handeln!

STIRB ENDLICH!!!

19:07
Es deprimierte, aus meinem eigenen Haus flüchten zu müssen.
Es deprimierte, die Kamera nicht halten zu können.
Es deprimierte, auf Dauer den Joystick des Rollstuhls nicht durchdrücken zu können, damit er fährt.
Am Ende. Kaum war ich draußen, in trügerischer Sicherheit, weit weg vom Haus, schluckte ich ein Praxiten.
Ja, ja, auch das schränkt sicherlich die Beweglichkeit ein. Aber…

Ich sah, dass es immer später wurde. Und ich sah gezwungenermaßen eine Maßnahme als dringlich an: Noch rechtzeitig nach Hause zu kommen, um mich abzuschlachten.
Auf der Heimfahrt sah ich mir sehr viele Dinge an, als wäre es das letzte Mal. Als würde ich mich verabschieden. Aber ich kam zu spät…

Nun ist er oben. Und ich mit mir allein… Wie praktisch! Vor mir ein Teller voll mit dem restlichen Geburtstagskuchen seines Chefs. Alles fressen und wieder auskotzen?
Gerade eben mit den Abendtabletten 1 mg Temesta zusätzlich geschluckt. Ich will nicht spüren müssen, nicht fühlen müssen, nicht darüber nachdenken müssen, was von mir übrig geblieben ist. Und wie die Zukunft aussieht, die nahe Zukunft schlimmstenfalls. Wenn ich hier alleine völlig aufgeschmissen bin… Was bleibt denn da? Tagsüber in ein Heim? Das mache ich nicht mit! Irgendjemanden Etappen des Tages hier aushalten müssen?! Das mache ich ganz bestimmt nicht mit!!!

Der Kuchen ist lecker. Leider. Aber praktischerweise ist der Rollstuhl noch an, kann noch einmal zurücksetzen, die schmutzigen Tücher, gerade eben noch auf meinem Computer unterm Tisch verstaut, versteckt, hervorzaubern. Und wie nicht anders zu erwarten fallen sie wieder runter.
Als ich nach Hause gekommen war, ich aus dem Kühlschrank noch eine Wasserflasche holen wollte, rutschte mir alles mehrmals vom Schoß! Auch die Rasierklingendose, am Schluss öffnete sie sich und alles lag verstreut in der Küche. Vornehmlich das eine Tuch ist blutgetränkt, es stinkt, und ist tatsächlich immer noch feucht. Dabei sehen die Wunden an meinem Arm völlig dilettantisch aus.

Sebastian gegenüber wieder einmal zur Sprache bringen, dass ich SO nicht weiterleben werde, es nicht kann, und ganz besonders nicht will??? Ihm das wieder einmal antun, zumuten???

Hoffentlich kommt er nicht. Die Wohnzimmertür ist offen. Es grenzt an ein Wunder, in den zurückliegenden 23 Jahren aus meinem „Fehlverhalten“ noch niemals eine Blutvergiftung geerntet zu haben.

Werde die Klinge nicht halten können. Aber die Hände sind warm, der Arm ist warm. Da kann ich ja loslegen, um zum 100.000. Mal grandios zu scheitern…

Der Unterarm zuckt weg, will sich dem entziehen, aus dem Staub machen. Aber ich habe ihn abgespalten. Er gehört nicht zu mir. Ist augenblicklich nicht MEHR als ein Kontrahent. Mir genügt das Bild von gerade eben, als ich mit der linken Hand die Dose vom Rollstuhl aufheben wollte. Das war keine Hand. Höchstens eine Faust.

Die markierte Kante scheint bereits abgenutzt. Fester andrücken und mich jedes Mal dabei ertappen, dass ich die Luft anhalte. Was für ein Kindertheater. Zugleich die Haut einfach nur noch verbraucht, scheinbar geschützt von den Millionen Narben die da kreuz und quer übereinander geschichtet liegen. Leder. Denn eigentlich… So ich es jemals konnte, kann ich jetzt nicht einmal mehr DAS! Und da bleiben eben nur noch Tabletten über! Oder Alkohol!

Kein Konzept, keine klare Linie erkennbar und das Blut beginnt zu gerinnen. Vermag nicht aufrecht zu sitzen und die Tücher sind runtergerutscht. Ich schäme mich für mich selbst. Für DAS hier. Für mein widerwärtiges Gesicht! Zog in Erwägung unterwegs eine Aufnahme zu machen. Aber ein kurzer Blick ins Display genügte… Danke, aus!!

Wie viele waren es? 20? Ich kann mir aber sowas von überhaupt nichts mehr merken!! Komm schon, einen tiefen Schnitt!!
Die flache Seite. Ich bin ein feiges Stück Dreck!! Vielleicht sollte ich nicht so geizig sein, die Klinge drehen… Um entsetzt zu sein! Die ist ja komplett stumpf! Ich fühle nicht mehr die Wut von vorhin, die hätte ich gebraucht…
Die dritte Kante, dem Schmerz zum Trotz ganz langsam. Der Arm verkrampft sich. Mach das doch mal während ich ungestüm darüber schneide, und hilf mir so zu einem kapitalen Missgeschick, wenn ich es von selbst schon nicht leisten kann!!! Aber diese Kante ist scharf. 32? Das scheiß Blut gerinnt!!! 35?

Mich heute Morgen dafür geschämt, die Erklärung zu meiner Zeichnung bei Facebook in die Welt hinausposaunt zu haben.

Bei 40 angekommen. Die Unterseite brennt zwar schön, will aber partout nicht bluten.
Es tut mir leid. Leid, wieder so einen Beitrag wohlgesonnenen Gemütern zumuten zu müssen.
Wäre ich jetzt am Waschbecken, würde heißes Wasser über den Arm laufen lassen, und dabei brachial und mit viel Druck mit der alten Klinge über die Wundfläche schaben… Könnte sich was ändern?

Welchen Zweck hat das alles hier? „Suizid“ im Kleinformat hinter verschlossenen Türen. Ich würde ins Bad fahren, aber die Heizdecke erneut abzumontieren erscheint ein zu hoher Anspruch an mich Zombie. Dabei die mit rosarotem Filter kaschierte Idee, eine überstilisierte Vorstellung davon, dass das heiße Wasser mindestens dazu führen würde, dass die Wunden blau unterlaufen und so wenigstens nach „irgendetwas“ aussehen. Zumindest für maximal zwei Tage…

Die blutige Chinarolle aus Frotteetüchern landet triefend und stinkend wieder in meiner alten Lederschultasche am Rollator. Klappe zu, Affe tot! So unterwegs lassen sich die Selbstmordgedanken wunderbar spinnen, perfekt sortieren, weil ich nicht nur mit der nahen Vergangenheit und dem nahen Verlust konfrontiert werde, nein, so viele Kindheitserinnerungen, schöne dazu. Erst kam mir ein Mann ohne Schuhe entgegen, und dann kurz vor Eintreffen zu Hause Anni, unsere Nachbarin. Und ich konnte mir nicht verkneifen, ihr mitzuteilen, wie sehr ich sie allein dafür beneiden würde. Barfuß gehen… „Ich kann dich total verstehen und mir das sehr gut vorstellen!“, ihre Antwort mit einem emphatischen Gesichtsausdruck. Um nun nicht von Bemitleiden, Mitleid zu reden.

Naja, ZUM GLÜCK bin ich meine gesamte Kindheit und Jugend ganz viel barfuß gegangen, so habe ich nichts versäumt!!!
Ja, genau so…
Und alles tut weh, tut noch viel mehr weh, und dann sind solche Überlegungen wie mit einer Waldschneise, einer Überdosis usw. gleich viel präsenter in meinem verkorksten Schädel.
Wäre da nur nicht Sebastian…

Alles wieder schön „verpackt“; die Blutflecken auf der Rechten sieht bei dem Licht ohnehin keiner. Da fällt die dumme Gabel vom Teller, wo ich doch gerade damit fortfahren wollte, mich völlig hirnlos vollzustopfen!

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1. Mai 2019, Mittwoch „Depression auf leisen Sohlen…“

20:18
Aussichten. Schöne Aussichten. Für das fette Schwein gab es Futter von McDonald’s… Aber gleich beim ersten Bissen unfähig, mir etwas zum Mund zu führen. Und mit jeder Pommes wurde es schlimmer und schlimmer. „In spätestens zwei Jahren, wenn alles gut läuft, kannst du mich füttern!“. Gefolgt von der Aussage, als er mir vom Sofa hoch hilft, die wenigen Schritte rüber zum Rollstuhl, und ich keinen Fuß vor den anderen zu setzen vermag: „Das ist ja keinen Deut besser als nach meiner Überdosis!! Als hätte ich eine große Menge irgendwelcher Benzos konsumiert!! Mir reicht es!! Mir reicht es wirklich, endgültig!!“.
Die Temperatur wieder leicht erhöht. Kaum ein Arzt würde mich damit ernst nehmen. 37,7 °C, der Schädel ein Hochdruckkochtopf!!!
Nun in meinem Gefährt hängen, der Bauch ragt weit hervor, als sei ich kurz vor einer Niederkunft. Das muss eine fette Geburt werden!! Der Rest von mir hängt teilnahmslos, bewegungslos, tot an mir runter. Wie soll ich da noch die Nerven behalten??? Mir kommen die Tränen…

Nach der Sitzung, die ich nebenbei erwähnt wieder vergessen hatte, wollte ich ein paar Schritte gehen. Und schaffte dabei kaum den Weg ins Badezimmer, um wieder mit beiden Händen die Zahnbürste zu umklammern, keine Chance, mich irgendwie aufrecht zu halten, musste meinen Hintern an der Waschmaschine abstützen, beide Beine weit nach vorne gestreckt. Um mich anschließend zurück zum Rollstuhl zu schleppen.

Der Frühling, wie jedes Jahr der Frühling? Oder doch die von meinem Körper vorgezeichnete Deadline erreicht?

Dezent Zahnschmerzen. Dort, wo sie doch zuletzt erst alles wieder in Ordnung gebracht hatte. Kann nur die Sinusitis ein. Oder die Psyche…?

Ich hasse mich! Ich kotze mich selbst an!! Wie ich Tag für Tag wieder und wieder immer den gleichen SCHEISS wiederkäue, als sei ich eine Kuh!! Obwohl… Ob dumme Kuh oder fette Sau, spielt auch keine große Rolle mehr, oder?

Er ist oben. Und ich brauche wieder einmal Konsequenzen. Noch ein wenig Zeit, für mich und meine fragwürdige Seelenpflege…

Einen Ausflug gemacht, mit dem Rollstuhl nach Jennersdorf. War es die ehemalige Laufstrecke? Schlussendlich gen Ende der Fahrt die Laufmusik? Oder der schöne Tag, der einem Abend entgegeneilte?

IST DAS NICHT SCHEISSEGAL??!!!

Depressiver und immer depressiver. Wir trafen uns im „Stammlokal“, ich bekam einen heißen Kakao mit Schlag… Doch eigentlich war mir nur noch danach, die Lippen zu versiegeln und den Kopf hängen zu lassen. Gedrückt, regelrecht runtergedrückt. Und als wir dann nach einem kleinen Umweg zu Hause ankamen war die Verstimmung perfekt. Erst recht jetzt während, nach dieser Mahlzeit.

Ich kann so, ich WILL so nicht leben müssen!!
Der Blick schweift über die Leinwand, bzw. darüber, was davon nicht mit allerhand Plunder abgedeckt wäre. Alles aus! AUSGEMALT HAT ES SICH!!

In Tränen ausbrechen… Aber unverzüglich beginnen die Augen zu brennen! Der Schädel platzt gleich!

Wir sprachen heute über die wiederkehrenden Selbstmordankündigungen, die Suizidversuche bei anderen Traumaopfer. Dass dies eigentlich eine verschobene Art des Überlebens sei. Man gaukelt sich vor, Kontrolle in der Hand zu haben, nie wieder Opfer sein zu müssen, nie wieder von jemandem umgebracht zu werden, nie wieder ausgeliefert zu sein, weil man doch Selbstmord begehen kann. Es selbst beenden kann. Man vermittelt sich damit eine fragwürdige „Pseudosicherheit“! Und eigentlich dient all das nur dem Zwecke des nackten Überlebens!!

Ich kann es nicht besser beschreiben, wiedergeben. Weil ich augenblicklich nicht denken kann und erst recht nicht erinnern, wie sein Wortlaut nun genau zu rezitieren sei. Sprich: Was er exakt gesagt hat!
Es ergab mehr Sinn als der Nonsens, den ich von mir gebe!

Ich will sterben. Ich will dass „es“ aufhört, dass „es“ endlich ein Ende nimmt. Dieser Krankheit ausgeliefert zu sein erscheint in diesen Dimensionen, in diesen Ausmaßen einem gewissen Übergriff gleichwertig! Handlungsunfähig!
Dabei deprimiert mich erst recht im Vorbeifahren der Anblick des Friedhofes in Jennersdorf. Um dann zu Sebastian zu sagen: „Natürlich, ist mir das dann scheißegal, aber ich will NIE dort landen!!“.

Die nächsten Tränen werden aus meinen Augen gequetscht…

WARUM???
Weil ich, was ich nicht laut sagen darf, doch leben will? Aber eben NICHT SO?!! Nicht SCHON WIEDER ZUM OPFER GEMACHT?!!! Und tut so unglaublich weh, dass der Tod dann doch als kleineres Übel erscheint???…

Das Kind wird zerrissen. Das Geschlechtsteil eine riesengroße Fleischwunde. Von unten herauf auseinandergerissen. Das Untergeschoss der Anfang vom Ende. Die rechte Seite ist unschuldig, gehört zum Kind. Die linke Seite ist dreckig, kontaminiert, gehört dem Täter, wird zum Täter. Wird zu Rumpelstilzchen, wird zum Teufel selbst.

Weil man den Täter dermaßen verinnerlicht hat!

Aber von außen sieht man nur, dass das Kind selbst Drahtzieher ist, das Bein selbst spreizt, immer weiter, die Wunde immer weiter auseinanderreißt, sich selbst zerreißt. Da ist kein anderer, da ist kein Täter, nur das Kind selbst… Also muss das Kind selbst schuld sein!

Der rechte Arm hinter dem Rücken gefesselt. Von der Gesellschaft. Die Rasierklinge fällt zu Boden. Aber keiner kann, keiner darf oder WILL sehen, was sich das Kind selbst antut in seiner Verzweiflung, in seiner Sprachlosigkeit.
Blut und Dreck triefen aus der Fleischwunde. Der Mund, der Oberkörper, die Oberschenkel, alles voll gespritzt mit Sperma? Dreck? Aber wenn es keinen Täter gibt, wer hat dem Kind dann noch den Mund weit aufgerissen, zu einem unnatürlichen, toten Grinsen ins Gesicht getackert? Wer hat denn dann dem Kind die Augen verbunden? Und unter der Augenbinde und dem verschlossenen Mund, der zum Schweigen verdammt ist, trieft Dreck, Sperma, Blut…
Der Tag, der wunderschöne Tag, das Leben an sich, alles ist vergiftet. Nichts darf schön sein.
Die Nacht, der Mond, selbst er hat die Augen geschlossen, kann nicht sehen, will nicht sehen, hat nichts gesehen. Und dazwischen hängt das Kind wie eine tote Marionette am Galgenstrick. Das Kind ist längst tot. Aber keiner schaut hin…

12. Januar 2019, Samstag „Nacht ohne Ende…“

9:35
58,6 Kilo um 9:00 Uhr. Für eine ganze Entwässerungstablette und so wenig gegessen zu haben?

Mein Notizbuch aufschlagen und hoffen, den Hieroglyphen irgendetwas Inhalt entnehmen zu können…

2:48 Uhr
Ich las mein Buch („Phoenix Tochter -die Hoffnung war mein Weg“); wir waren ja wieder früher ins Bett gegangen, bereits um 11. Und ich begann bereits daran zu zweifeln, ob es sich dabei um ein Missbrauchsbuch handelte, oder „nur“ um eine Autobiografie mit „ein bisschen Rassismus hier“ und „ein wenig schlagenden, despotischen Vater da“. Muss ich tatsächlich 140 Seiten lesen, ehe ich „auf meine Kosten komme“. Fast eine Randnotiz, ganz kurz angerissen, wo doch alles andere bis ins kleinste Detail beschrieben worden war. „Der seltsame Blick des Vaters“ oder das Wort „Reißverschluss“, an dem ich mich bereits wieder aufzuhängen schien. Doch gerade diese „Beiläufigkeit“ schlug ein wie eine hinterfotzige Splittergranate. Jetzt MUSSTE ich weiter lesen, und weiter und weiter, und in mir wuchs eine Anspannung, ich erschrak vor Geräuschen, die es gar nicht gab, die in meinem Kopf entstanden und nur durch die dummen Ohrstöpsel so laut klangen, dann roch es noch plötzlich nach verbrannten Lebensmitteln…
Mich packte wieder diese Aura und ich schloss die Augen. Was ich sah? Die beiden Silos auf dem Nachbarsbauernhof, ich sah mich vor diesen, sah mich aus dem großen Fenster des Schlafzimmers meiner Eltern auf diese runtergucken, alles gehüllt in dieses seltsame Licht, von dem ich entweder geträumt habe, damals als Kind, oder es war früher Morgen, früher Sommerabend… Als gäbe es eine Sonnenfinsternis?
In Gedanken rettete ich jetzt auch noch das Kind aus dem Ehebett. Meine Eltern konnten mich nicht beschützen. Ich erdachte einen ausgeklügelten Fluchtplan, die drei Kinder sollten sich der Reihe nach unter dem Fliederbusch verstecken, dann würden wir durch die Thujahecke hastig über die Bundesstraße, den Hügel hoch und bei Barbara den Feldweg wieder runter in den Graben, um dort am Rinnsal entlang bis zum Haus zu laufen.

Hier ist es nicht sicher…
Was ist, wenn von hinten jemand kommt?…

Hörte ich es in mir wimmern… Also musste auch noch unser Haus sicher gemacht werden. Wie in diesem Bild, das ich damals für die Psychoanalyse gezeichnet hatte. Vorne offen, keine Mauer, die Natur, ein großer Teich, alles geht direkt in den Wohnraum über. Und hinter der Hütte eine hohe Mauer, Stacheldrahtzaun, Selbstschussanlage…

2012-07-17

Mittlerweile ist es 12:41, so manch eine Idee wurde verworfen, in die Tonne getreten. Warum muss die Sonne auch scheinen? Und das gleich so DERMASSEN?? Ich befand mich im Zwiespalt: Laufband oder Spazieren…
Letztendlich wurde es nichts davon, es lediglich bis ins Bad geschafft, beim Zähneputzen versucht frei zu stehen und das Gewicht von links nach rechts zu verlagern.
War ich doch ohnehin nur wenige Minuten davor, nachdem ich eine Ewigkeit völlig planlos vor meinem Tisch gestanden hatte, der Versuchung erlegen, IRGENDWIE darauf Ordnung zu schaffen, umgefallen… Und zu unser beider Glück noch irgendwie auf dem Rollstuhl gelandet. Knapp. Er musste hastig aufstehen und mich zu fassen kriegen, bevor ich vom Sitz wieder abgerutscht und auf dem Boden gelandet wäre.

Nachdem Ausflug ins Bad war Schluss mit lustig. Meine Hände sind im Arsch. Meine Beine sind im Arsch. Aber angeblich heute zum ersten Mal Normaltemperatur. Obwohl meine Nase ganz rot ist und der Schleim zäh am Gaumen hinab tropft…

Draußen ein kleiner Vogelschwarm. Ich meine, Gimpel zu hören…
Aber nun weiter im Text…

Ich machte das Licht aus und es war still, aber da kam kein Schlaf um die Ecke, um mich zu erlösen. Meine Anspannung, von meinen subtilen Ängsten. In Gedanken nur noch am „Kinderretten“. Um mir währenddessen Gesicht und Hals blutig zu kratzen, die Reste meiner Fingernägel abzukauen.
Ich musste angestrengt über dieses seltsame Licht nachdenken. War es damals ein Traum? War es echt?

So wurde es 5:21 Uhr.
Mehrere Schlafversuche später. Ich weckte Sebastian zum sicherlich fünften Mal und bat ihn, sich umzudrehen. Er schnappte sich kurzerhand seine Decke und trollte sich ins Wohnzimmer: „Das geht ja nicht so weiter…“, meinte er schuldbewusst. Nun konnte ich die Ohrstöpsel aus meinen Gehörgängen kratzen… Es war wie eine Erlösung!!! Allein diese beiden kleinen Wachsdinger, die versuchten, etwas abzuschirmen, hatten unterschwellig noch zusätzlich für Ängste gesorgt. Denn „was ist, wenn ich etwas nicht höre, eine Gefahr, die ich unbedingt vorher hören müsste“?
Licht aus. Anspannung, dezent Panik, blutig kratzen -das Gesicht ohnehin dank Zyklus mit Akne übersät, Nagelhaut abkauen, dabei der ganze Körper wie in einem schrecklichen Moment für die Ewigkeit festgefroren, erstarrt, konnte die Beine nicht anziehen, die linke Hand war eine knochenfeste Klaue, nichts ließ sich gerade biegen…
Also las ich weiter. Und ich hätte das Buch auch zu Ende lesen können, in mir wieder dieser ungesunde Ehrgeiz, keine Sekunde Schlaf zulassen zu dürfen. Als sei es ein Sport, ein Wettbewerb… Einzelne Wörter triggerten mich… Aber erst recht taten das die Seitenzahlen beim Umblättern… Vor allem die 193 schien es mir angetan zu haben. Dazu muss aber leider erwähnt sein, zu meiner Schande und um die Aufklärung der Causa, ob es Epilepsie ist oder Dissoziation, noch extra zu verkomplizieren, hatte ich nicht nur zwei volle Dosen Tramal abends intus, sondern, da ich nachts Schmerzen bekam und an die 1,3 mg im Gläschen nicht ran kam, auch noch 2,6 mg Morphium obendrauf geschmissen…

Beide Hände klimpern. Bereits mehrfach „gestrauchelt“. Aber eben immer nur „halb“. Als Sebastian zuvor die Terrassentür kippte und den Vorhang über das Stahlseil drapierte, damit die Sonne nicht so dermaßen ins Gesicht knallt, da erinnerte ich mich plötzlich nach so einem geistigen Stolpern plötzlich an den Geschmack von Eis. Eskimo, wie es bei uns heißt (Langnese). Dass meine Mutter Januar oder Februar die große Gefriertruhe sauber gemacht hat, einmal abtauen ließ. Da tauchten in den Untiefen immer noch vereinzelt Twinnis auf (zum Beispiel), mit einem Hauch Gefrierbrand. Ich war noch sehr klein, noch recht jung. Im Winter aß man kein Eis, wir verkauften auch keines zu dieser Jahreszeit. Also war es ein Highlight!…
Der etwas veränderte Geschmack, nach altem Kühlschrank eben…

* So wie ich jetzt mich daran zurück erinnert fühle, genau bei diesem Wetter, dieser Jahreszeit vorne auf der brachen Wiese, diesem Steilhang vor dem Gasthaus, gesessen zu haben*. Durch die Mitte führte ein schmaler Trampelpfad aus Lehm. Dort konnte man die Höhlen der Grillen am besten sehen. Und ich saß dort und wartete. Die ersten Primeln…

Ich hatte die Bezeichnung meiner Kindheit vergessen und beim Lesen dieses Wortes „Schlüsselblumen“ trete ich wieder dezent weg, ganz kurz nur, für eine Hundertstelsekunde… Als hätte mich jemand bei Überschneidung zweier Zeitschleifen, von denen eine definitiv viel schneller läuft als unsere, geohrfeigt haben muss… Was für ein SCHEISS!!!

Alles nur Einbildung? Oder war ich den Antworten heute Nacht so nah wie noch nie?? Hatte ich einfach nicht die Geduld, zu warten, weiter in mich hineinzuschauen, geduldig und offen der Dinge harrend, die da aus dem Nirwana irgendwo und irgendwie und irgendwann in Erscheinung treten würden???
Ich hatte diese Situation vor meinem inneren Auge, wie ein Panoptikum, ein Zeitfenster, wie ein Foto in 3-D, eine makabere Ausstellung… Ich hätte dort bleiben müssen, weiter aus dem Schlafzimmerfenster schauen, oder hinter den beiden Silos hervor, neben denen auch noch eine Holzhütte gestanden haben muss, zum Gasthaus schielen. Auf die Straße. Irgendetwas, so sagte mir mein Gefühl, würde da passieren. Denn das Licht könne nicht ewig so hängen bleiben!…
Aber ich stehe es nicht! Ich stand es nicht durch! Ich gab auf… Und las weiter…

*Jetzt (13:30) beim Überfliegen und Korrigieren blieb ich an diesem Satz hängen, spürte, dass mich die Worte triggern, musste den Satz dennoch ein zweites Mal lesen. Weil ich ihn kognitiv nicht erfassen konnte. Und beim zweiten Mal verstärkte sich lediglich der Eindruck, gleich das Bewusstsein zu verlieren… Doch dann war der Satz, waren die Worte vorbei… Auch jetzt gerade, als ich sie noch einmal las, hatten sie ihren „fragwürdigen Zauber“ verloren…

Es wird Zeit für die Mittagsdosis. Kettensägen singen im Graben. Meine Hände klimpern angestrengt gegen die innere Unruhe an. Durchsichtige Insekten schweben hypnotisch in der Luft, auf und ab und auf und ab, um dabei wie winzige Lichtpunkte zu wirken, die wiederum eine fragile Lichtsäule bilden… Schaffe ich es wenigstens, meine Schuhe anzuziehen, die grüne Jacke und ein paar Schritte auf unseren Parkplatz zu machen??
Ich sehe frühere Kindheitserinnerungen, spätere Erinnerungen, ich sehe mich irgendwo unterwegs auf der Laufstrecke, sehe mich abschließend hier vor fünf Jahren meine letzten kurzen, jämmerlichen Läufe bestreiten…

Zuvor als ich den ganzen Krempel aus der alten Bauchtasche in die neue „China-Ware“ stopfte, war darunter auch eine Packung Rasierklingen, und eine lose Klinge, noch im gelben Kuvert. Jetzt mit diesen Fetzen meiner Chronik im Fokus möchte ich die neue Tasche einweihen, mit rausnehmen, mich aufschneiden…

15:14
War kurz draußen, ein paar Schritte. Ging nicht einmal so schlecht. In der Tat hatte mein linker Oberarm die meisten Probleme, kräftetechnisch zwecks Handbremse.
Seit ich nun wieder hier sitze, ein „Fast“ nach dem anderen. Der Himmel wunderschön zerrissen, marmoriert, die Sonne sagt allmählich „Adieu…“. Sollte ich nun doch wieder draußen sein? Das Farbspektakel festhalten?
Kaum wird eine Frage in den Raum gestellt, in den „Innenraum“, beginnen beide Hände unaufhörlich zu klimpern. 1-4, hoch und runter und hoch und runter… Die Daumen sehen zu. Wollte er nicht noch einmal einkaufen fahren? Sollte ich mitkommen, ihn fragen, ob er jetzt möchte, um den Himmel „einrahmen“ zu können?
Noch mehr Fragen… So komme ich definitiv nicht vom Fleck… Jetzt stört der Vorhang, er nervt, er ist im Weg!!

Jetzt denke ich erst recht ans Laufen… Schwer schlucken müssen, während die Vögel draußen eine „Körner-Party“ schmeißen.

18:47
Crashdown! Das organische System stürzt ab!
Irgendetwas an meinem Video, an den Bildern, die ich dafür verwende, hat mich vor wenigen Minuten getriggert. Und für den Bruchteil einer Sekunde befinde ich mich bei viel zitierter Weihnachtsfeier…
Irgendein Muster auf dem Bildschirm, im Videobearbeitungsprogramm, irgendwelche Kacheln, lösten den Aussetzer wohl aus. Ich verknüpfte den visuellen Eindruck mit einem Spiel, irgendwelchen Spielsteinen, vielleicht auch Holzklötzchen, oder Lego, Playmobil… Ich hatte einen weihnachtlichen Duft in der Nase, Festtagsessen, Tanne, Kerzenwachs, Streichhölzer, und/aber sehe mich neben dem Esstisch im Wohnzimmer auf dem Boden sitzen. Viel zu flüchtig! Viel zu diffus! Scheine etwas im Mund zu haben, möglicherweise esse ich gerade etwas. Entweder Abendlicht oder bereits Dunkelheit. Ganz, ganz kurz… Von außen betrachtet eine völlig harmlose Situation, aber ich spüre, ich spürte in diesem fragilen Splitter meiner Vergangenheit TODESÄNGSTE!! PANIK!! Das, was ich im Mund haben, scheint mich zu ersticken!!! Obwohl ich da doch so friedvoll auf dem Fußboden spiele!! Die ganze Familie ist da… Kerzenlicht, Kekse, Frieden auf der ganzen Welt…
Als würde etwas an einer Zeitachse, einer Konstante brutal auseinandergerissen, verschoben werden, verrutschen…

Ja, ja… Habe wohl wieder Fieber, meine Birne glüht und ich vermag nicht zu denken, der Schleim scheint, obwohl ich noch frei atmen kann, die Nasennebenhöhlen zugekleistert zu haben. Mein Hirn steht! Computerabsturz! Ich kann nicht denken! Völlig unfähig!

Zu behaupten, es hätte mit dem hauchzarten Wegtreten nichts zu tun… Illusorisch? Denn nebst dieser Erinnerung tauchten und tauchen immer noch neue Personen aus meiner Vergangenheit auf, die ich ganz genau erleben darf… Situationen werden reinszeniert, alles scheint haarklein durchdacht und realistisch. Mir wird schlecht, immer schlechter und ich fühle mich scheußlich krank… Fetzen aus den Achtzigerjahren… Spielkassetten… Das Stockbett… Mein Bruder oben und ich unten…
Beide Hände klimpern bedächtig. Aber ich vergeude Zeit!! Komme mit dem Video nicht weiter!! Doch augenblicklich ist mein Hirn unfähig, produktiv geschweige denn kreativ zu sein… Alles steht still und harrt der Dinge, der Erinnerungen, die da scheinbar selbstständig aus den Särgen gestiegen kommen, mit weit aufgerissenen Augen, weit aufgerissenem Maul einfach nur GLOTZEN und NICHTS, aber auch wirklich GAR NICHTS DAVON KAPIEREN!!!

4. Juli 2018, Mittwoch

17:02
Mittags eine winzige Tütensuppe und Wassermelone, abends Reis mit Gemüse… 59,2 Kilo um 6:45 Uhr. Dankeschön… Ein Kilo mehr…

Den neuen Fernsehsessel ausprobiert und mal eben mindestens 2 Stunden darauf geschlafen. Schön und gut; aber das passt alles nicht zusammen; das Sofa halbiert, bringt das neue Möbelstück nichts als Unruhe in den Raum. Sieht noch unordentlicher aus. Kaum auszuhalten.
Den Mittwoch mit Freitag verwechselt, sagte ich doch allen ernstes zu Sebastian, als er mittags nach Hause kam: „Hast du die nächste Woche überstanden…?“. Weil er abends für 1 Stunde weg gehen will. Die Nachwehen der gestrigen Tablettenexkursion? Es passte einfach alles zusammen, als sei Freitag, und ich sah mich bereits heute Abend ganz lange am Video arbeiten.

Völlig verpeilt. Total neben der Spur. Ausblicke in ein Paralleluniversum. Nicht mehr wissen, wo ist unten und oben, wo Hier und Jetzt…
Links an der weißen Kunststoffverkleidung vom Rollstuhlreifen, unter dem sich der Motor verbirgt, eine Blutspur. Der nächste Tropfen auf dem Boden gelandet. Unfähig, es wegzuwischen. Als spiele es keine Rolle. Als sei ich dermaßen depressiv, dass mir alles egal ist.
Wollte ich nicht hinaus? Eine Runde fahren? Der Wind hatte mich abgeschreckt, aber augenblicklich scheint er doch nachgelassen zu haben… Mich wieder schlecht fühlen? Rein in den nächsten Zwiespalt? Als drohte bereits der Winter in den nächsten zwei Tagen damit, mich wieder für Monate ins Haus zu sperren? Wie bescheuert!
Aber wie ich hier so sitze, immer noch müde, fühle ich mich bereits wie in Beton gegossen. Unbeweglich. Die Psyche erstarrt. Der Körper tot. Die Augen glotzen ausdruckslos nach draußen, Dissoziation als Standarddroge.

Durchs offene Wohnzimmerfenster draußen irgendwo in Hausnähe den Schwarzspecht rufen hören. Früher wäre ich schon los, wäre längst draußen gewesen, in der unbelehrbaren Erwartung, ihn irgendwo sehen zu können. Aber Bewegung scheint meiner Natur zu widersprechen. Als hätte diese nie in meinem Dasein stattgefunden.

17:35
Sebastian badet, ich mit beiden Händen an den Rand geklammert, die Knie abgewinkelt, stützen sich an der verfliesten Wand der Wanne ab. Kann mich nicht halten, nicht aufrecht halten, die Beine brechen unter meinem Gewicht zusammen, als würde ich 200 Kilo wiegen…
Aber meine Haare müssen gewaschen werden…
Mehrmals kam es zu kritischen Situationen. Nach hinten fallen, mit dem Kopf in die Glastür der Dusche…?

Daran bist du selber schuld, du faule Sau!!!

Andere geben sich mehr Mühe. Andere kämpfen mehr. Ich mache gar nichts mehr. 15 Jahre lang gekämpft und jetzt ist der Ofen aus? Oder auch das ein Symptom der Depression…

Umso besser! Dann bringst du dich hoffentlich bald um!!!

Kopfschmerzen. Während ich da noch instabil und wackelig vor der Wanne stand, drängte sich mir ein Gedanke auf: „Diese ganzen Medikamente, mich damit abzuschießen, hat zu viele Nebenwirkungen, Nachwirkungen. Aber was bleibt mir denn sonst??…“.
Und ich sah die Rasierklinge.

Aber wenn du nicht einmal DAS richtig hinbekommst!!!

Null Alternativen. Außer mich wieder dermaßen in meine Suizidfantasien hineinzusteigern…

17:55
Er fährt. Ich bin allein, für mindestens eine Stunde. Die Abenddosis fällt beinahe „standardmäßig“ aus. Die einzigen Abweichungen wären ein Hydal 2,6 mg und statt 15 eben 20 Tropfen Tramal. Mich auf meine Standardmittel verlassen, als ob diese in letzter Zeit nicht auch zu massiver Spastik geführt hätten. Aber irgendwie, irgendetwas brauche ich…
Beim Anblick des Lichteinfalls, der kleinen Sonnenblume auf der Terrasse drifte ich wieder ab… Mich jetzt aufschlitzen? Später aufschlitzen? Oder mir diese Option für schlimmere Zustände aufheben?

18:47
Eine leichte Betäubung setzt ein…
ABER… WIE KONNTE ICH ES WAGEN, DIES ANZUMERKEN!!!

PANIK…

19:57

Panik und Betäubung liefern sich einen rasanten Schlagabtausch. Beim Kopieren der letzten Aufnahme die beiden Fotos von der Geburtstagsfeier gesehen…
Wenn überhaupt einen winzigen Augenblick lang, und das nur ganz klein, kaum zu erkennen… Aber ich sehe sie sterben! Ich sehe meine Mutter schon wieder sterben!!! Die Augen werden geflutet…

Die beiden Fotos vom T-Shirt, welches sie vor 20 Jahren, im für den Rest meines Lebens entscheidenden Jahr 1998, zum 50. Geburtstag bekommen hat.

Ich sterbe…
Aber viel zu langsam, es ist kaum zu ertragen!
Sebastian ist zurück, ist oben, wird noch ein bisschen brauchen. Panik, Dämpfung, Verlustängste, noch mehr Panik, weniger Dämpfung, noch viel mehr Verlustängste… Usw. und so fort!!!

Den Rollator umdrehen. Himmel! Wenn da mal jemand aus Versehen einen Blick hineinwirft… Was wird diese Person von mir denken? Auf Verständnis darf ich wohl kaum hoffen. Unzählige Tücher und ein großes Handtuch, Strumpfverbände… Und allesamt blutgetränkt…

Ich brauche…
Ich muss…
Es geht nicht anders…

Dabei meine rechte Hand völlig verkrampft, eine Faust, schwach und gelähmt, die Finger lassen sich ohne äußere Gewalteinwirkung nicht strecken.
Eine Faust ist jedoch allemal besser als ein Streckspasmus in meiner Rechten. Perfekt, um die Rasierklinge doch noch irgendwie zu halten.
Sicherheitshalber zu Beginn gleich den Strumpf überstreifen; meine liebe Not mit diesem lächerlichen Handgriff.
Draußen geht die Sonne unter. Lebenslänglich.

Du wertloses Stück Dreck!!!

Bei dem Gedanken, dass er wieder runterkommt und somit symbolisch den Tag beendet, kommt mir die Kotze hoch vor lauter würgender Angst. Wie ein Strick um meinen Hals, und am anderen Ende hängt Rumpelstilzchen, schaukelt wild hin und her, dabei wird er immer schwerer und schwerer…

Auf jedes Geräusch von oben achten…
Nervös…
Singdrossel und Amsel singen ihr allabendliches Requiem. Einmal tief durchatmen…
Den Kopf schütteln, als würde es jemand beobachten, als würde ich dies für irgendwen tun…

Wieder zu feige! Es tut mir leid. Sie stirbt. Stattdessen sollte ich abkratzen.
Bei jedem lächerlichen Schnitt automatisch, unwillkürlich, reflexartig die Luft anhalten…

Und es wird 20:17 Uhr und auch wenn die ersten vier Kratzer auf der wahrlich verbrauchten Unterseite kaum Anstalten machten, für mich zu weinen, tun es die weiteren vier auf der Oberseite umso mehr.
Dicke, dicke Blutperlen werden aus den fragilen Strichen gequetscht. Wehmut kommt auf… Ich hätte den Arm auf einen der wenigen Flecken vom Frottee legen sollen, der mir zumindest verraten hätte, ob ich meine Schuldigkeit zumindest ansatzweise getilgt habe.

Der dreckige Strumpf, obwohl noch vor drei Tagen nagelneu, rettet die Welt! Kaschiert, was keiner sehen will, was nicht sein darf, denn: „… anderen Menschen geht es so viel schlechter, verhungern, sind Kriegen ausgesetzt, und ich dämliche Kuh tue gerade so, als wäre gerade MIR IRGENDETWAS zugestoßen!!“…

NICHTS UND WIEDER NICHTS!!
Du kannst dich ja nicht einmal erinnern!!!

Erneut die wenigen Spuren von den rechten Fingern lecken. Gleich werde ich tief Luft holen und es wird sich anfühlen, als hätte ich die letzten 20 Minuten nicht mehr geatmet. Im besten Fall, und das hoffe ich inständig, wird sich zumindest für einen Augenblick so etwas ähnliches wie Frieden in meinem Schädel, in meinem ganzen Körper einnisten.
Ich hasse mich. Und ich halte meine Stimme nicht mehr aus…

21:22
Es glich einer Erlösung, als er meinte, noch bis 10 oben zu tun zu haben.
Aber was habe ich davon?
NATÜRLICH ist es unvernünftig, den ganzen Tag bewegungslos auf einer Stelle zu verharren!
NATÜRLICH ist es ungesund!

Hasstiraden erfüllen den Raum. Die Tastatur fällt runter. Sie nicht mehr aufheben können. ALLES wird zur Belastung! Der Saustall links von mir! Die Unordnung vor mir auf dem Tisch! Das Durcheinander rechts in der Küche! Der penetrante Gestank nach Essig, Salatsauce!!!
Mir wird schlecht! Immer schlechter!
Schmerzen! Schmerzen erfüllen den ganzen Körper! Dagegen sind die armseligen Kratzer ein Flohhusten!!! Der Rücken, die Verspannungen, Kopfschmerzen und erst recht der Ischias!!!
NICHTS GEHT! NICHTS FUNKTIONIERT! UND SCHEINBAR IST ES ZU VIEL VERLANGT, WENIGSTENS HIER SITZEN ZU WOLLEN UND MIT VIEL MÜHE, DEN LÄHMUNGEN UND WIDERSTÄNDEN ZUM TROTZ, EINIGERMASSEN PRODUKTIV ZU ARBEITEN, WENN DAS OHNEHIN DURCH DIE BESCHISSENEN UMSTÄNDE STÄNDIG VERZÖGERT, DOPPELT UND DREIFACH IN DIE LÄNGE GEZOGEN WIRD!!!
NICHTS UND WIEDER NICHTS!!!

Mein Dasein kotzt mich an. Da bietet sich einmal die Chance auf Ablenkung, ABER NICHT FÜR MICH! WIE KONNTE ICH ES NUR WAGEN, DIES ÜBERHAUPT IN ERWÄGUNG ZU ZIEHEN, FÜR MICH, MICH STÜCK SCHEISSE!!!!

Die Zeit verrinnt, rieselt mir durch die Finger und ich unfähig, auch nur eine Sekunde festzuhalten. Wie kann ich mir bloß anmaßen, dergleichen in Anspruch zu nehmen, zu fordern, nur darum zu bitten!!…

Es wird heiß. ZU heiß. Ich beginne zu schwitzen. Aber (auch wenn Sebastian nun sagen würde, dass das NICHTS damit zu tun hat) ZU DÄMLICH, den Ventilator einzuschalten.

Du beschissener Krüppel! Du bist eine Lachnummer! Eine Belastung! Bring es endlich zu Ende!!

Unfähig, den Ventilator aufzustellen, nachdem ich ihn umgeschmissen habe. Unfähig, ihn an irgendeiner Stelle in die Hände zu nehmen, festzuhalten!! Mein Schädel droht zu bersten, wenn ich mich bücke. Alles in mir drückt. Kopf, der Magen, die Gedärme, der Ischias.

Überzeugungsarbeit wird sozusagen geleistet.
Aber ich…-allmählich gehen mir die Worte aus, die auch nur ansatzweise beschreiben könnten, WIE wertlos und dreckig und nutzlos und belastend und beschissen usw. und so fort ich bin- …bleibe ernsthaft am Leben!

22:06
Immer noch allein. Mir ist schwindelig. Aber ich sollte dennoch ein paar Schritte gehen…

3. Juli 2018, Dienstag „Und täglich grüßt das Murmeltier…“

8:31
Oder besser gesagt „…der Wiederholungszwang…“?
Unzählige Minuten verstreichen wertfrei, das Diktierprogramm zelebriert seine 5 Minuten.
58,4 Kilo um 6:45 Uhr, draußen vor dem Küchenfenster singt eine Goldammer, der Himmel unentschlossen und verhältnismäßig wenig Gäste am Restaurant. Ich bin so müde und habe es mir doch selbst zuzuschreiben. War der Rausch wenigstens schön? Oder hatte nicht mehr in petto als mich körperlich in einen Kaugummi zu verwandeln?
Mein sauteurer Sessel kommt heute. Dafür muss im Wohnzimmer manch anderes weichen. Ein Drittel der Couch zum Beispiel. Ob das alles so klug ist, oder ob es die Unruhe und gefühlte Unordnung erst recht verstärkt?

Als ich gestern mit der Animation einfach nicht vom Fleck kam und wahrlich schon überhaupt keine Lust mehr hatte (diesbezüglich muss auch noch erwähnt werden, dass ich vermutlich noch mehr Umstände bekomme, wenn die Samples nicht passen), drängte sich mir die Tatsache auf, auf den SD-Karten wieder zwei neue Sprachaufnahmen zu haben. Die Panik bedankte sich mit einem Knicks… Aber mir nun vorzugaukeln, mit dem restlichen Tee und einem gemütlichen Festhalten meiner Gedanken ruhig und entspannt in den Tag starten zu können, dürfen, wenn nicht sogar zu müssen, sollte als infantil bezeichnet werden. Wie lange macht mein Rücken mit? Der Ischias meldet sich. Die rechte Ferse schmerzte nachts bestialisch und der Nachhall lässt auch jetzt noch keine Langeweile aufkommen.

Bis dato hatten die Comicfiguren keine Augen. Keine Ahnung, was ich Vollpfosten mir dabei gedacht habe. Wollte ich sie ernsthaft nachträglich einbauen, über das Videoschnittprogramm???
Rumpelstilzchen lacht sich schlapp über mich und meine Blödheit. Nun über Umwege jedes einzelne Bildchen nachbearbeiten. Und sollte das total bekloppt aussehen, sicherheitshalber dieselben Dateien in einen externen Ordner verschoben, um sie dann wiederum im Arbeitsordner zu ersetzen… Aber das wird jetzt zu verkopft! Hauptsache ich mache keinen Fehler und lösche irgendwo aus Versehen irgendwas…

9:19
Lange habe ich nicht durchgehalten…
Aber es ist doch wie jeden Sommer, wie jeden Frühling, jeden Herbst… Als Opfer zermalmt zwischen den Prioritäten!! Ich müsste ein paar Schritte gehen. Ich müsste weiterkommen mit dem Video. Ich müsste malen, ehe ich nicht mehr malen kann. Ich müsste noch dieses eine Dokument fürs Büro fertig machen. Ich müsste draußen sein, ich verpasse alles. Erst recht deswegen, weil seit einer halben Stunde die Mäusebussarde mit ihren jungen Bruchpiloten unentwegt ums Haus kreisen und von lediglich diesem einen Blickwinkel durch die Terrassentür kann ich sie nicht filmen…
Ich bekomme ein Magengeschwür bei dem Gedanken, was für grandiose Chancen mir bereits entgangen sein könnten… Aber was heißt hier „könnten“, DAS IST FAKT!!!
Die Unruhe manifestiert sich erst in klimpernden Händen. Ständig die Kamera nehmen, kurz warten (die Lichtbedingungen gelinde gesagt beschissen), sie wieder weglegen, um wenige Minuten später den nächsten Raubvogel vorbei zischen zu sehen. Ich fange an vor und zurück zu wippen. Die Kopfschmerzen nehmen zu.

Eigentlich bedarf es nur einer kleinen Randnotiz: „Bedarf es auch heute wie jedes Jahr zur selben Zeit härterer Bandagen, um mich entscheiden zu können, bzw. mich erfolgreich zu irgendetwas zu zwingen, das ich dann konsequent durchziehe? Man muss ja fast schon sagen >NATÜRLICH< mit unlauteren Mitteln. Denn ohne mich wirklich >kräftig< in die Mangel zu nehmen, also die Unentschiedenheit, das Dilemma, wird das heute wohl nichts mehr!!! Also bleibt die Qual der Wahl, also das Mittel zum Zweck. Oder gleich alles auf einmal?“.

Habe ich morgens Hydal geschluckt? Die 2 mg Retard? Ich weiß es nicht mehr. Aber vielleicht, wenn ich es mir lange genug einrede, verspüre ich auch so eine „benutzerfreundliche Dämpfung“. Mir den Tag einzuteilen, jeder Streitpartei im Laufe des Tages Zeit anzuberaumen, wie bei einem Schulstundenplan, sieht nur von außen wie eine von „Gott gegebene Heilsbringung“ aus…

Scheiße. Ich bin Atheist!

Aber nun folgt erst einmal der Trommelwirbel: MAGIX erneut öffnen und mich gleich -bestenfalls- mit einer Katastrophe konfrontiert sehen. Weil ich doch etwas falsch gemacht habe, er die Dateien nicht einlesen kann, oder die Augen schlicht und ergreifend bekloppt aussehen…

Mäusebussarde…

14:17
Bloß zaghaft schielt die Sonne durch die von hinten beleuchtete und dadurch weiße Wolkendecke. Rasenmäher. Kopfschmerzen. Vor wenigen Minuten war ich nur noch einen Atemzug davon entfernt, einzuschlafen. Aber ich erlaubte es mir nicht. Das Bein krampfte zu Mittag. Die Konsequenz daraus 1,3 mg Hydal. Nun obendrauf eine Koffeintablette. Obwohl ich nicht glaube, dass sie wirkt. Ich bin immer noch zu unruhig. Dabei war ich zuvor nach meinen letzten Worten mit dem Rollator erst auf der Terrasse gewesen, um dort den Mäusebussard zu verpassen, wanderte nach hinten, weil ich dort einen jungen hören konnte, hielt eine Ewigkeit Ausschau, kam zum Schluss, dass ich ihn nur von der Straße aus sehen würde können, raste im Schneckentempo zurück ins Haus, holte den Rollstuhl, fuhr mit diesem die Straße runter, näherte mich leise und ganz langsam seinen Rufen… Ohne ihn entdeckt zu haben, flatterte er plötzlich los, und zwar direkt neben mir, und suchte das Weite.
Etwas verärgert fuhr ich zurück die Einfahrt hoch. Wieder konnte ich ihn hören, wieder direkt vor mir, aber ich sah ihn einfach nicht… Dieselbe Strategie, wenn man mit einem Rollstuhl überhaupt „schleichen“ kann. Und dasselbe Debakel wie zuvor: Direkt vor mir machte er sich aus dem Staub!

Dann wurde mein neuer Sofasessel geliefert. Die Lieferanten waren so freundlich, das neue Luxusstück ins Wohnzimmer zu bringen. Um dort auf dem Holzboden eine mindestens 1 m lange Schramme zu hinterlassen, die Sebastian auffiel. Mir natürlich nicht, als es geschah. Aber mal ehrlich: Hätte ICH irgendetwas gesagt?!

Mir läuft die Zeit davon, mir rast das Herz, ich will alles gleichzeitig und auf einmal schaffen. Aber diesem winzigen Fetzen aus meinem Traum heute Nacht sollte ich (so noch ein wenig Vernunft in mir wohnt) Aufmerksamkeit schenken:
An die Rahmenbedingungen erinnere ich mich nicht mehr. Zuerst war jemand zu Besuch, mit kleinen Kindern. Diese Kinder wurden aber uns geschenkt. Und dann war es wieder so, dass der kleine Junge (oder das kleine Mädchen -ich erinnere mich nicht und spielt wohl auch keine Rolle) Sebastians Kind aus erster Beziehung war. Und ich somit die Stiefmutter. Zuerst hatte ich keinerlei Bezug zu diesem kleinen Menschen. Das Kind eiferte mir nach, als ich den Vögeln zu fressen gab. Es nahm gleich einen ganzen Eimer voll mit Sonnenblumenkernen und verschüttete diese auf der Terrasse. Kochte Wut in mir hoch? Oder sogleich Verständnis für dieses arme, kleine Wesen? Es war ja nicht böse gemeint, lediglich tollpatschig. Ich konnte sehen, wie gleich mehrere Menschen (der Besuch, ganz sicher Sebastians Schwester, der Schwager und noch andere Gestalten) mich eingängig beobachteten.
Ich schimpfte nicht. Auch maßregelte ich das Kind nicht. Das Kind tat mir leid. Ich sah in ihm plötzlich eine verstoßene, verhasste, verteufelte kleine Kinderseele, die für etwas verantwortlich gemacht wurde, was sie ja gar nicht gemacht haben kann. Aus dem einfachen Grund: WEIL ES EIN KIND WAR!!!
Vermutlich sagte ich irgendetwas wie: „Das nächste Mal wird es schon besser gehen. Aber danke, dass du mir hilfst. Die Vögel werden sich freuen!“. Ich streichelte dem Kind über die Stirn. Ich nahm das Kind in den Arm. Vermutlich weinte es. So drückte ich es noch fester an mich, gab ihm einen Kuss auf die Wange, schaukelte es in meinen Armen: „Ich passe auf dich auf…“…
(Mich selbst diese Worte nun aussprechen zu hören, löst noch viel mehr in mir aus als der Traum an sich, oder meine rationalen Überlegungen heute Morgen dazu.)
Als wir ins Haus kamen, wurden allseits Maulaffen feilgehalten. Irgendjemand sagte zu Sebastian, und vielleicht war es auch Constanze: „Ich hätte NIE gedacht, dass sie in der Lage ist, das Kind zu küssen!! Wäre nicht einmal so weit gegangen, in Erwägung zu ziehen, dass sie es in den Arm nimmt, überhaupt berührt!!“.

Man kann nun denken was man will. Rumpelstilzchen, ich mir selbst vorwerfen, den Trauminhalt total zu verdrehen. Denn -wie erst gestern in irgendeiner Gerichtssendung gehört- Erinnerungen haben nicht sonderlich viel Wahrheitsgehalt, sind zu instabil, zu plastisch, wie warme Knetmasse…
Aber ich ahne, was Markus dazu sagen wird. Und es geht nur nicht darum, ihm auf Teufel komm raus zu gefallen und wiederzugeben, was er hören will. Denn aus meinem eigenen Munde käme dieses Thema wohl nicht. Noch nicht. Vielleicht auch nie. Also muss der Umweg über das Träumen genommen werden.
Das Kind, das bin ich, war ich, und verkörpert (immer noch vorhanden,… auch wenn Rumpelstilzchen wettert, ich hätte mir das einreden lassen, um Aufmerksamkeit zu bekommen) mein inneres Kind. Dieses Kind, das ICH SELBST als Nutte, Hure, Schlampe, Flittchen, DRECKIGE FOTZE tituliere. Von dem ich überzeugt bin, dass ihm gar nichts passiert ist! Trotz allem im Widerspruch dazu, dass sie ein notgeiles Miststück ist!!! Ist, damals war…
Eine narzisstische Missgeburt!! Der niemand etwas angetan hat!! Und erneut völlig ambivalent dazu die Überzeugung, dass sie selbst schuld ist!! Mit breit gespreizten Beinen die kindliche Möse jedem entgegen gestreckt hat!!! Wie ein räudiger Köder, der mit seinem Hintern vor lauter Geilheit unentwegt über dem Boden rutscht!!! Dieses Kind, das allein bereits ob seines weiblichen Geschlechts nur so vor Dreck trieft!!!

Mein Wortschatz würde durchaus noch Beschimpfungen für eine weitere halbe Stunde hergeben… Aber mit dieser kleinen Exkursion in meine ganz persönliche Anschauung, meine Kindheit betreffend, sollte ich eindrucksvoll und für Hinz und Kunz deutlich klargestellt haben, WAS FÜR EIN MONUMENTALER SCHRITT ES IST, DIESES KIND zumindest im Traum anzunehmen, in den Arm zu nehmen, in der Umarmung in Trauer und Schmerz und Angst zu verschmelzen…

Ich hatte meine Tante per Mail gefragt, ob ich denn in meiner Kindheit „sehr körperlich, anschmiegsam“ gewesen sei. Sie hatte doch bei der Geburtstagsfeier meiner Mutter samstags einerseits ihr Erstaunen und zugleich ihre Wahrnehmung als Beobachterin geäußert (die für sie bis dato Bestand hatte und alles erklären konnte): „Neeeiiiin…. Als Kind warst du völlig normal!! Du hast dich erst nach dem Tod von Oma verändert, mit 16 damals!“. Darauf wollte ich natürlich wissen, wie diese Veränderung ausgesehen hätte. „Ganz normal… Du bist in die Pubertät gekommen, warst nicht mehr Kind, aber auch noch nicht Frau.“.
Woraufhin ich ihre Sicht von meiner Realität „ein wenig zurechtrücken, wenn ich da erschüttern“ durfte: „Von wegen! Ich war bereits mit sechs Jahren auffällig…“.
Aber nun zurück zur eingangs erwähnten Fragestellung. Sie hat mich falsch verstanden. Und oder besser gesagt aber zugleich ist die Antwort in diesem Kontext noch interessanter: „Für uns warst und bist du unser drittes Kind, ein kleines Schmusekätzchen! Deine Vorliebe zur Nacktheit war im Kleinkindalter ganz normal, fand ich.“.

Irgendwie stockt mir da der Atem. Und muss nun zwangsläufig sagen, dass der Traum nach Lesen dieser Nachricht stattgefunden hat. Wäre es doch wahrscheinlicher gewesen, mich dann erst recht als kindliches Flittchen, Prostituierte zu sehen!!!

Der Rasenmäher treibt mich in den Wahnsinn! Ich bekomme Halsschmerzen, die Stimme versagt, die Kopfschmerzen werden zusehends heftiger. Der immer häufigere Blick auf die Uhrzeit verschärft mein Problem mit mir selbst. Bin ich doch ein Junkie???
Da geht noch mehr…
Da MUSS noch mehr möglich sein!!!…
Aber mit welchen Mitteln?…

15:34
Mein Schädel scheint zu glühen! 37,5°C. War die Heizdecke zu warm? Ich hatte meine liebe Not, ins Badezimmer zu torkeln. Mich am Waschbecken zu halten, während eiskaltes Wasser über meine „Glühbirne“ lief.
Den Ventilator zusätzlich anwerfen. Novalgin, Aspro oder noch mehr Tramal? Nur noch eineinhalb Stunden allein zu sein, den Nachmittag verschissen zu haben, macht mich im wahrsten Sinne des Wortes „KRANK“. Der Tag hat zu wenig Stunden! Und die Erschöpfung, die Müdigkeit wird schlimmer und schlimmer!
Das erinnert mich an so manch ein Video von mir, wenn ich gerade von derlei Situationen (sehr beliebt im Sommer) berichte und dem Kampf, der fast zwangsläufig jedes Mal damit einherging.
Der Gaumen schon wieder staubtrocken. VERDAMMT! Ich habe eine halbe Wassermelone zu Mittag gefressen?

Mein linker Unterarm liegt nun schutzlos vor mir, auf meinem Schoß. Die Blutreste von gestern abgewaschen. Kein Vergleich zum ersten Schlachtfest. Lächerlich die Spuren, die es hinterlassen hat.
Meine Augen verdrehen sich.
Würde ich schlafen, käme ich nicht mehr hoch. Und nachts keinen Schlaf zu finden, wäre damit vorprogrammiert. Mir wird schlecht.
Novalgin oder Tramal? An meiner wackeligen Gesamtkonstitution kann man ohnehin nicht mehr viel ruinieren…

40 Tropfen Opioide. Und dann ans Video. Während mein schlechtes Gewissen nach draußen schielt und mir vorzuwerfen weiß, dass es bald -und schneller als mir lieb ist- wieder kälter wird, ich mich nicht anziehen, nicht ausziehen kann und somit dazu verdonnert, verdammt bin, im Haus bleiben zu müssen!!!
Egal wie, egal was ich mache… Unterm Strich ist es schon vorweg die falsche Entscheidung!!!
Bitte stell mich ab!! Bitte…

16:05
Mein Blutzucker kollabiert. Oder der Mineralstoffwechsel, was weiß ich!! Zu viel getrunken…
„Trink weniger.“, der Pflegeschüler (Praktikant bei der Volkshilfe) montags.
Dann vertrocknet der Gaumen von den Antidepressiva und Spasmolytika!!!

Schon vergessen, welcher Satz folgen sollte.
Achja… Die Hände unbrauchbare spastische Fäuste. Kann nicht tippen; laute Musik angemacht, um die müden Geister wach zu rütteln.
Herzrasen; nun physischer Natur, zwecks Ausschwemmen…

JAMMERN!!JAMMERN!!! JAMMERN!!!!
BESCHISSENER, WERTLOSER KRÜPPELWASCHLAPPEN!!!!!

Alles an mir zittert, während tote „Vorbilder“ um ihr Leben singen, brüllen, schreien (Linkin Park)…

16:29
Selber schuld…? Weil medikamenteninduziert? Weil ich es nicht anders verdient habe? Weil ich schlecht bin? Bestraft gehöre?…

Kind, ich bitte dich, mach die Augen zu…

16:56
Gefühlt zum ersten Mal an diesem Tag tief durchatmen dürfen. Jeder Schnitt läuft an gleich mehreren Stellen aus. Kurzzeitig wird die Panik mehr. Ich scheine keinerlei Ausweg mehr zu haben. Ich denke, ich muss mich umbringen.

Das Lied donnert durch den Raum, direkt in mein wütendes Herz, meine gehetzte Seele…
Es kam genau zu dem Zeitpunkt raus, als unklar war, ob ich wieder laufen würde können oder nicht. Es wäre das perfekte Stück für einen Sprint gewesen. Dachte ich damals. Hoffend, es dafür noch einsetzen zu können. Aber der Kampf war vergebens und es gab keinen Sprint mehr, nicht einmal ein moderates Tempo…

Geschmacklos hin oder her; laut mitgesungen, als würde ich mir die Seele aus dem Leib schreien, während mein einziger Retter, die Rasierklinge, einen Schnitt nach dem anderen platzierte…

Was bist du nur für eine feige Sau!!!

Versagt? Mir keine Mühe gegeben? Es nicht einmal versucht?…
Es blutete und blutete, während mir die Zeit davon lief.
Er kommt bald nach Hause. Die Panik reitet auf diesem Gedanken einen wilden Ritt. Nicht wissend, welchen tieferen Sinn der Satz „Nicht mehr allein sein…“ eigentlich hat.
Ich weiß es nicht…
Weiß es einfach nicht…
WAS weiß ich schon?…

Das doch so unschuldig wirkende weiße Blümchenkleid mit meinem Dreck besudelt. Zwei dicke Blutstropfen, gierig absorbiert vom Stoff, als sei es sein einziges Ansinnen, mich zu verraten: „Schaut! Schaut alle! Seht her, was die Geisteskranke verbrochen hat!!!“.
Die Sätze kommen zähflüssig und schwinden, ohne jemals einen Schatten besessen zu haben!

Was wollte ich sagen…?

Funktionieren müssen. Lächeln müssen.
Dankbar dafür, diese Plattform zu haben. ES aussprechen zu dürfen.
Du machst es nur noch schlimmer, das weißt du. Warst nicht du es, die postulierte, dass die Mischung, oder die Benzos bereits ganz allein die Panik nur noch anheizen?

Ich hatte nachgedacht. Über die Geburtstagsfeier. Die darauf folgenden Sterbefantasien.
Darüber nachgedacht, dass mein Verhalten meiner Mutter gegenüber nicht fair sei. Wenn sie, falls sie nichts mit all dem zu tun hat. Ich war ihr gegenüber doch immer so ehrlich… Damals…
Wäre es nicht das mindeste, ihr eine Nachricht zu schicken, einen Brief, um mich zu erklären? Mich zu entschuldigen scheint bereits im Vorfeld vergebens. Ihr mitteilen, warum und weshalb die Kontaktsperre vonnöten sei. Zumindest den Versuch unternehmen, behelfsmäßige Erläuterungen aus mir raus zu quetschen.

Ich denke, ich bin es dir schuldig. Sollte dir endlich erklären, warum ich mich verhalte, wie ich mich verhalte. Aber wie sollte ich dieses Chaos in Worte fassen? Ohne Erinnerung? Was habe ich schon vorzuweisen? Aversionen (Abneigungen), Ängste, Gefühle, eigentlich nichts als Gefühle… Tue ich dir Unrecht? Die ganze Zeit schon? Mir wurden diese Gefühle und Ahnungen nicht eingeredet. Sie stammen von mir, mir ganz allein. Und wenn ich an meine Kindheit, an uns als Familie denke, sehe ich kaum einen Bruchteil, der heil wäre.
Ursache-Wirkung. Seit Jahren kämpfe ich mit mir selbst, fechte eine Schlacht aus, die ich nicht gewinnen kann… Nicht ohne Hilfe und erst recht nicht ohne Erinnerungen.

[….]

Betrügen mich meine Gefühle, bin ICH das Problem?
Keine Erinnerungen. Aber Flashbacks. Und Albträume, Albträume, Albträume. Diese werden mehr und mehr und immer intensiver und immer deutlicher. Seit 2013 zeichnet sich eine Konstante ab: Immer ein und derselbe Täter.
Warum sehe ich dich seit ich noch so klein war ständig sterben?
Warum fühle ich mich dir gegenüber so schuldig?
Was soll ich angestellt haben, um in mir selbst das Urteil mit mir herum zu schleppen, ich würde dich umbringen?

Fachliteratur, Fachleute sprechen davon, dass ein Kind unter der Drohung missbraucht wird, dass, sollte es darüber reden, die Mutter umgebracht oder sterben würde vor Gram.
Es ist die Rede davon, dass es eben NICHT normal ist, bis 11 ins Bett zu machen. In den späteren Jahren habe ich es selbst zu vertuschen gewusst.
Auch ist symptomatisch, dass missbrauchte Kinder nicht erwachsen werden wollen/können/dürfen. Und sich umbringen oder es zumindest versuchen, wenn sie an der Schwelle zum Erwachsenenalter stehen.
Und selbstverständlich darüber hinaus.

[….]
Es tut mir so leid…“

So oder so ähnlich?
Und wie viel Zeit habe ich jetzt damit vergeudet???
Die Panik übermannt mich, ringt mich nieder, drückt mich zu Boden, würgt mich, und ihr vergifteter Atem und ihre boshaften Augen sprechen nur eine Sprache: „ICH BRING DICH UM, WENN DU ES NICHT SELBST MACHST!!!“.

Die Sonne scheint. Der Himmel beinahe blau. NICHTS geschafft. Das Dokument von der Firma unangetastet. Das Video noch lange nicht fertig. Und der Rausch verraucht…
Warum sterbe ich nicht???
Und wo oder wann war der Punkt erreicht, als der Tag aus dem Ruder lief?
VERDAMMT, ICH WEISS ES EINFACH NICHT!!!!

19:25
Sebastian hat mich in den Arm genommen, ganz fest gehalten, eine Daseinsberechtigung für ein paar zaghafte Tränen geliefert.
Ihm den Text geschickt. Damit er sich mein Chaos durchlesen kann, um vielleicht etwas besser zu verstehen…
Warum ich eben glaube, eine Sollbruchstelle eingebaut bekommen zu haben, und dass die Garantiezeit nun abgelaufen ist.
Noch einmal eine zweifache Dosis Tramal. Aber danach? Eine Weitere? Ich weiß es nicht! Definitiv eine Temesta… Und als diese nach einer halben Stunde immer noch nicht anzuschlagen beliebte, ein Gewacalm obendrauf.

Die Bussarde riefen so laut, die Elterntiere konnte man immer wieder vorbeifliegen sehen. Demnach für vielleicht 5 Minuten mit dem Rollstuhl ums Haus gefahren. Aber alles dermaßen verwuchert, man vermag die Spitzen der alten Bäume oben im Wald nicht zu erkennen, alles verdeckt.
Mir selbst ein Versprechen geben: Morgen Vormittag werde ich draußen auf der Terrasse warten. Dann, wenn man es dort noch aushalten kann, die Sonne noch nicht alles verbrennt. Bestenfalls mit dem Notebook, um die Büroarbeiten abzuschließen.

Das klingt doch alles wunderbar, du hast ein Ziel, einen Plan!“

Ach, halt die Schnauze!!

19:57
Mein Schädel wird schwerer und schwerer. Habe ich ENDLICH eine sogenannte Wohlfühlzone erreicht? Der Körper will schlafen, die Augen verdrehen sich wie bereits mittags. Die Schultern schwer, werden schwerer, noch schwerer. Abendlicht liegt über dem Hügelland. Ich sehe zusammenhangslose Kindheitserinnerungen. Fußball spielen mit meinem Bruder, ich komme soeben mit Kolga von einem Halbtagesausritt zurück, ich sitze hinter der Garage auf dem Betonziegelstein und weine der Nacht entgegen, ich kann das leckere Abendessen, welches meine Mutter gerade zubereitet, bis nach draußen riechen, es sind Sommerferien und meine Schulfreundinnen unten bei der Volksschule spielen mit mir bis es dunkel wird. Meine Mutter kommt, um mich abzuholen. Aber sie verstrickt sich in ein Gespräch mit Marianne, der Schulwärtin, und wir Kinder sind mal froh, dass die beiden ausreichend Stoff auszutauschen haben. So müssen wir nicht ständig bitten, noch ein bisschen weiter toben zu dürfen.

Es ist schön, idyllisch… Friedlich. Aber tief in einer dunklen Ecke meines Magens rumort etwas, fordert immer lauter Aufmerksamkeit. Als wäre es ein Warnsignal, dass sich immer hysterischer schrillend in die Magenschleimhaut eingräbt…

Was will es von mir? Ist doch alles so wunderschön!
Aber die Nacht ist gnadenlos, schiebt sich über den Abend und frisst auch noch die letzten Reste Licht. Was bleibt, sind Glühwürmchen und bestenfalls ein klarer Sternenhimmel. Und wie aufeinander abgestimmt, perfekt trainiert und konditioniert, kommt die Panik im „starken Trab“ um die Ecke gebogen und hält zielsicher und dabei gnadenlos auf mich zu…

21:41
Mit offenem Mund, die Kinnlade hängt teilnahmslos, unkontrolliert runter. Alles doppelt sehen. Den Kopf zu schütteln hilft nur wenige Sekunden. Guter Dinge, zumindest schlafen zu dürfen.

Sebastian schläft längst auf dem Sofa und ich hatte noch kein Abendessen.

HUNGERN bekäme dir ohnehin besser!!

Beim Lesen vermischten sich in meinem Schädel Außenreize, Erinnerungsfetzen, bereits dagewesene Träume mit welchen, die eventuell noch kommen werden und beinahe psychotisch irgendwelchen Bildern, ich male mir die Realität unfreiwillig bunt und skurril und zugleich obskur… Surrealismus im Rauschzustand.
Nun ist genug, es reicht, kann kaum noch sprechen…

Es tut mir leid. Wirklich, auch wenn es manch einem schwer fällt zu glauben. Ich tue das nicht, um jemandem zu schaden, runter zu ziehen, die Laune zu ruinieren.
Aber diese ganzen Gedanken müssen raus, irgendwohin raus, ehe ich daran stillschweigend zugrunde gehe…

17. Juni 2018, Sonntag „Immer wieder sonntags…“

11:33
Bis 10:00 Uhr im Bett geblieben. Kurz nach 5:00 Uhr schweißgebadet aus einem Traum erwacht, das Diktiergerät im Wohnzimmer vergessen, nichts zu schreiben in meinem Nachtkästchen. Also fünf weitere Stunden verzweifelt versucht, den Traum festzuhalten, er wollte mir unaufhörlich entgleiten, als müsse ich flüssigen Teig mit meinen bloßen Händen in den Tag, ins Bewusstsein hinüber tragen. Mehrmals entglitt er mir. Mehrmals stellte ich in meinen Kopf hinein die Frage, wie eigentlich immer, wenn ich mich an einen Traum erinnern will: „Wo war ich?…“.

Wie eigentlich jeden Sonntag dauert es nicht lange, bis sich der erste Gartennazi bemüht fühlt, gesetzeswidrig am Ruhetag der Woche seinen Rasenmäher anzuschmeißen. Und so wird es eben auch nicht lange dauern, bis sich auch der nächste Vollidiot inspiriert fühlt, dem „kriminellen Pionier“ nachzueifern.

Kaum mit Sack und Pack nach draußen gewandert, vermag man bereits akustisch diverse Arschlöcher auseinanderzuhalten. Es macht wütend. Und ich denke an das aktuelle Videoprojekt, in dem man nicht einmal bei den Aufnahmen im Haus von Lärm verschont bleibt. Da war es in Hamburg ruhiger!

Nun aber zum Traum, ehe alles verloren geht…
Womit fing alles an? Es gab einen Wettbewerb, auf einer Bobbahn. Da waren Behinderte, Klienten von meinem Verein. Jeder durfte oben einmal eine Puckscheibe in die Bahn werfen. Es war ein hochangesehener Wettbewerb, wie mir schien. Der Rundfunk war da, ein Fernsehteam, und für gewöhnlich hatte jedes Jahr irgendein Künstler den Wurf jedes einzelnen Teilnehmers zeichnerisch festgehalten. Und dieses Jahr sollte ernsthaft ich die Rolle übernehmen. Ich machte ihnen klar, dass ich eigentlich nicht stehen kann, vom Zeichnen, erst recht schnellem Zeichnen keine Rede sein konnte. Aber man hörte mir nicht zu, ich stellte mich mit meinem Zeichenblock unter der Bahn auf und ohne zu wissen, wie ich an dieses Thema herangehen solle, kritzelte ich hastig irgendetwas. Für Realismus war keine Zeit. Also wurden Comics daraus. Aber ich darf wohl annehmen, dieser Teil hat für den restlichen Traum keinerlei Bewandtnis. Oder wenn, dann vielleicht zumindest diese, dass ich Anerkennung erhielt und irgendwie selbstbewusster aus der Aufgabe heraus ging. [….]

Wir haben uns gestern angezickt. Gleich zu Beginn unserer Fahrt. Oder war es so, „dass er sich endlich einmal gegen meine Dauerkritik wehrte“?
Nachdem er mir die Anekdote von meiner Mutter erzählt hatte, fügte ich dem noch eine bissige Bemerkung hinzu. Was wiederum ihn zu folgender Aussage bewegte: „Darüber möchte ich mir kein Urteil erlauben!“. Und in anderem Kontext, dass ich mich ja ständig an irgendwelchen Kleinigkeiten aufreiben kann, bis sie monströs erscheinen. Das „wäre in meinem Fall ja schon pathologisch“ (überspitzt interpretiert).
Der Gipfel war die Situation abends, bevor wir ins Bett gingen. Ich monierte, dass er mir beim Ausziehen weh getan hätte. „Er sei so grob, bereits morgens, weil er nicht bei der Sache sei, schnell und noch schneller fertig werden will“. Und was sagte er darauf? „Mach nicht so ein Blatt daraus!“.
Beim Verlassen vom Wohnzimmer wiederholte ich knurrend seine Worte, und fügte hinzu: „DU musst es ja wissen…“. Dann schwieg ich. Was er natürlich nicht lange aushielt. Zuckersüß warb er um meine Aufmerksamkeit. Mit ganz besänftigter Stimme. Wiederum meine blieb ablehnend.

Und warum? NATÜRLICH gestehe ich ihm ein, dass das alles irgendwann mal zu viel wird. Aber sich erneut für meinen Eindruck so patriotisch auf die andere Seite zu schlagen, mir bei jeder einzelnen Erzählung von Gefühlen und erst recht Träumen das Gefühl zu geben, es handele sich um eine obskure Parallelwelt, die nichts zu bedeuten hat, außer vielleicht eine tendenziell „leichte“ Aversion/Ablehnung“… Das tut weh. Mich regelrecht zurückgestoßen fühlen. Und ganz allein.
Ist es mein geisteskrankes Hirnkino, das mir verdrehte Tatsachen vorgaukelt? Oder ist es nicht in der Tat so, dass aus seinem Harmoniebedürfnis heraus diese Überforderung mitunter Energie bezieht? Und wieder vollführt er einen Spagat, um „niemanden ungerechtfertigt vorzuverurteilen“? Dabei wünschte ich nur, zumindest mein Partner stünde hinter mir…
Andererseits: Wie soll er, wenn ich ihn ständig zurückstoße? Henne oder Ei? Allein morgens diese Prozedur, wenn er mich aus dem Bett schält, seine schmachtenden „Liebesbekundungen“, die allesamt auch ein Pädophiler zu einem Kleinkind sagen könnte: „Du bist so NIEDLICH! Mit deinen Wuschelhaaren in der Früh! Und den süßen Stummelbeinchen!! Meine Güte!! Ich möchte dich auffressen!!!“. Das alles verziert mit Lauten der Verzückung…

Das ist er, wir leibt und lebt. Es tut mir leid. Wie schon so oft und erst recht nach so einem Traum löst sein Gehabe Ekel bei mir aus. Und ganz sicher nicht das Gefühl, wie eine erwachsene Frau behandelt zu werden. Wenn es wenigstens einen Flashback in mir auslöste. Aber so funktioniert es leider nicht. In diesen Momenten wird er für mich zu einem anderen. Schlimmer noch: zu einem Täter.

Du und deine Fantasie!!!
Du bist so gemein… Bestraf dich!!!

Im Kühlschrank liegt weiterhin Essen von meiner Mutter. Ich halte es nicht aus. Von Essen ganz zu schweigen. Oder hat er recht? Haben all jene recht, die ständig meinen, die Multiple Sklerose hätte mich verändert und psychisch krank gemacht? Hat er recht, dass ich mich übertrieben in eine Fliege hineinsteigere, bis sie ein Elefant geworden ist?

Die Ratio sagt…
Ich weiß nicht mehr, wo ich sie im Text angeordnet hatte. Links oder mittig? Bei der Helferinstanz oder dem Kind?
Spricht nicht gerade DAS dafür, dass die Diagnose der Multiplen falsch sein muss? Wenn ich selbst so eklatante Fakten in den Shredder der Vergesslichkeit befördere?!

Genauso gut könnte dieses Verhalten aber auch ein Indiz oder Symptom der posttraumatischen Belastungsstörung sein. Der verzweifelte Versuch, Ankerpunkte zu finden, zu sortieren, sich zu orientieren in diesem Chaos aus Gefühlen und fehlenden Erinnerungen dazu. Puzzleteile probeweise zusammenfügen, umso herauszufinden, welche tatsächlich zueinander passen.“

Der Himmel wechselt ständig von Sonne zu Wolken. Weidensamen, alles voll mit Weidensamen. Dass sie tatsächlich monatelang fliegen war mir bis jetzt auch noch nicht bewusst. Ständig juckt die Nase und dabei Angst, eine Allergie zu bekommen.
Der Urin im Schlauch sieht heute katastrophal aus. Wagte ich nicht erst gestern zu denken, dass er sich verdammt lange gut hält, schön klar ist? DAS der Grund?
Neben dem Urteil, dass der Tag zwecks spätem Aufstehen bereits im Arsch ist, streiten in mir noch weitere Vorwürfe um ihre Wichtigkeit.
„Es ist schön, ich muss draußen sein.“.
„Ich muss mit dem Video weiterkommen.“.
„Ich möchte eine Ausfahrt machen.“.
„Das Bild bleibt schon wieder liegen.“.
„Meine Muskulatur baut immer weiter ab, ich müsste mich bewegen.“…
Um derer nur die Schlagzeilen zu nennen. Und der Besuch? Kommt er heute?
Meine fettige Visage nicht aushalten, daran bleiben gefühlt erst recht Weidensamen hängen, oder besser gesagt kleben. Mir ekelt vor allem! Erst recht von mir selbst. Wie kann man da erwarten, dass ich die Berührungen anderer aushalten muss?

20:14
Erst nur irritiert. Wo ist da vorne und hinten, sehe ich etwas nicht, das kann doch nicht sein…
Dann gelinde gesagt etwas schockiert. Vor dem Bildschirm verharren und gar nicht erst in der Lage, das alles zu erfassen, noch die Zeit, es mir zu Gemüte zu führen…

Ich wollte fürs Video die nächste Aufnahme machen. Die erste Fassung gefiel mir nicht. ICH gefiel mir nicht. Ein zweites Mal denselben Text runter gespult. Es war eher verhältnismäßig wenig, was ich da erzähle. Vom Traum vor der Heimfahrt mit dem Typen, der einen Eiswürfel im Penis stecken hatte. Dann warf jemand im Hintergrund einen Rasenmäher an und vom Bildmaterial an sich vermag man die Veränderung erst gar nicht zu erkennen…
Absence! Lediglich an meiner Atmung kann man eine Veränderung feststellen. Bis ich in die Kamera sage, was gerade mit mir passiert. Und bedingt dadurch, alles festzuhalten, was gerade durch meinen Schädel läuft, wird der Zustand aufrechterhalten… Aber SO lange??

Anschließend, immer noch neben der Spur, Übelkeit, Neuropathie in den Armen, musste ich mich aufs Sofa setzen. Dermaßen fertig, regelrecht erschöpft. Und hätte man mich gefragt, hätte ich felsenfest behauptet, den Text nicht zu Ende gesprochen zu haben und tatsächlich anschließend nur wenige Minuten „abwesend“ gewesen zu sein…

Doch die Fakten, die Aufnahmen, strafen mich Lügen. Und ich Vollpfosten wundere mich noch, warum diese auf drei Einzelteile zerlegt wurde. Ich hatte doch nur zwei Aufnahmen gemacht. Jene, die ich nicht mochte, und dann eben noch die Zweite. Dabei aber nicht realisieren, dass die Kamera das Material ab einer gewissen Länge in Stücke schneidet, die abgespeichert werden. Es waren sage und schreibe 35 Minuten!!!
Ich hockte da in diesem seltsamen Licht 35 Minuten und assoziierte. Mein Bruder und ich auf dem Sofa, im alten Wohnzimmer im Gasthaus. Klavierunterricht. Fernsehprogramm. Käsetoast mit Ketschup.

Natürlich, es wird Abend und der Himmel sieht nach Regen aus. Aber auch diese Lichtqualität bringt mich angesichts des Festhaltens der Geschehnisse dezent zurück in diesen Ausnahmezustand. Eine Panikattacke war das nicht. Denke ich. Aber all das Gesehene und jetzt Diktierte löst in mir ungemein Unwohlsein aus. Mir wird wieder schlecht. Wäre die Kamera nicht mehr angewesen, dann hätte es ja auch keinen Sinn gemacht, die Situation zu beschreiben. Und so wäre sie vermutlich auch viel schneller vorbeigegangen. Also kein „Die nächste Phase erreicht!“. Alles zerklären.

Die große Hand zwischen meinen Beinen im Traum heute Nacht… Hat wohl einen „bleibenden Eindruck“ hinterlassen. Nun diese Worte auszusprechen, in einem Atemzug mit dem wahrlich unappetitlichen Traum, vermag die Übelkeit dann doch ein wenig zu vertiefen…

NUR ein Traum oder doch bereits mehr?

19. Mai 2018, Samstag „Träume sind Schäume…?“

12:08
58,9 Kilo. Viel zu spät, erst um 10 aus dem Bett. Die Feldsperlinge samt erster Brut haben gestern den Futtersilo binnen weniger Minuten komplett entleert. Auf der einen Seite gibt es Hirse, Wellensittichfutter, was sie fressen können, und auf der anderen Seite ungeschälte Sonnenblumenkerne. Aber was machen die kleinen Monster, wie gewohnt? Wie kleine Bagger schaufeln sie unten die Kerne aus dem Schälchen, auf der Suche nach etwas Fressbarem, finden nichts, graben weiter und nun liegt der gesamte Inhalt der einen Hälfte vom Silo auf der Holzplatte, im Regen. Um dort wunderbar zu schimmeln.

Sebastian hatte es mit der Sonnencreme etwas zu gut gemeint. Geplant war, ich fahre hinters Haus, halte rasch meinen Traum fest, ehe er völlig auseinanderfällt (genau deswegen bin ich auch so lange im Bett geblieben, um ihn mir wieder und wieder mit geschlossenen Augen durch den Kopf gehen zu lassen). Anschließend mit dem Rollstuhl nach Jennersdorf, vorbei am Mehrparteienhaus, Ausschau halten, ob ich dieses Mal Eltern oder Jungtiere vor die Linse bekomme. Er schleppte mir gerade alles nach draußen, Wasserflasche, Notebook und sogar einen Zeichenblock…

Alles scheint sich gegen mich zu stellen! Alles!

Da bist du ganz alleine schuld dran!!

ZU verkrüppelt für alles!!! Und natürlich!! Jetzt grinst die Sonne wieder blöd vom Himmel!!

Kaum war er draußen, kaum fuhr ich los, begann es zu regnen! Zu schütten! Alles zurück ins Haus, um jetzt wieder den inneren Kampf auszufechten, was ich nicht alles draußen verpasse, dass ich draußen sein müsse… Und die Unruhe kommt auf Temperatur!
Die fette Schicht Sonnencreme auf meiner Visage kaum ertragen. Wenn ich mich nun nur lange genug hineinsteigere, bin ich der Überzeugung, keine Luft mehr zu bekommen, unter dem Fett zu ersticken!
Gestern zusammen mit Sonja wurde auch ein Rätsel gelöst. Ich wunderte mich, warum der Vogel mit dem explodierten Auge nun plötzlich ein Männchen war. Machte Scherze über eine verunglückte Geschlechtsumwandlung, von wegen Augapfel als Testikel oder so. Da tauchte die Meise vermeintlich wieder auf, das explodierte Auge nun aber auf der anderen Seite! Und wieder weiblich! Also gibt es zwei Kohlmeisen, ein Männchen und ein Weibchen. Waren die beiden Zwillinge in einem Ei, am Kopf zusammengewachsen? Gestern beim Katalogisieren der neuen Aufnahmen einen genauen Blick auf die Verunstaltung werfen dürfen… Ganz schön ekelhaft!

Aber tut dem nun nichts zur Sache! Dabei geht nur wieder der Traum verloren! Womit fing die Geschichte an?
Ich wohnte im Gasthaus. Wer hätte DAS für möglich gehalten?! Der Dachboden war ausgebaut, der Dachboden verfügte über ganz neue Dimensionen, ein riesiger Komplex, beinahe wie bei der Reha. Aus irgendeinem Grund wurden Hunderte von Kindern im Haus einquartiert, Notunterkunft (vermutlich wegen den Nachrichten kurz vor Mitternacht, dass es in den USA erneut zu einer Schulschießerei gekommen sei). Ich schämte mich. Das waren alles Schulkollegen von mir. Alle Altersstufen. Und ein Mädchen, sie heißt Michaela, musste bei mir im Zimmer schlafen. Ich hatte in den Jahren, Hauptschule und Gymnasium, so gut wie nichts mit ihr zu tun. Mir fällt nicht einmal ihr Nachname ein. Sie schlief auf meinem Bett und ich auf dem Fußboden. Mein Bett war so dermaßen hart, sie bekam Rückenschmerzen und ich schämte mich. Es dauerte auch eine Ewigkeit, ehe wir zum ersten Mal ins Gespräch kamen. Sie fand auch den Gedanken ekelhaft, mit mir eine Zahnbürste zu teilen. Ein anderer Schulkollege hingegen hatte da weniger Probleme, wollte sogar einen Aufsatz benutzen, den ich bereits mehrmals in Gebrauch gehabt hatte. Sie ekelte sich vor vielen Dingen in unserem Haus, in meinem Leben. Erst da musste ich bemerken, dass mein Dasein nicht so normal war, wie ich bis dato dachte.
Wir sollten uns umziehen. Aus dem Fenster konnte ich aber sehen, dass im Hühnergehege der Nachbarn gegenüber ein alter Bauer aus dem Dorf saß. Graue Haare, grauer Schnauzbart, eine riesengroße Knollennase. Und er beobachtete mich, eindeutig. Ich zog den Vorhang vor, zumindest zur Hälfte. Und sagte wohl ziemlich laut, dass der Typ ein Perverser sein müsse. Wie und warum er es hörte, weiß ich nicht. Er brüllte irgendwelche Beschimpfungen zurück. Ich konterte, lautstark, in meiner Mundart. Darauf titulierte er mich als Hure, eben genau so eine Hure wie meine Mutter!!
Er stampfte wutentbrannt von dannen und erzählte im ganzen Dorf herum, ich würde wie ein Flittchen am Fenster meines Kinderzimmers die Hüllen fallen lassen, und ich dachte, ich könne nie wieder mit dem Rollstuhl normal durchs Dorf fahren. MIR würde ja niemand glauben! Ich suchte in meinem Schrank, aber da waren keine Klamotten mehr (an diesem Punkt stellt sich Panik bei mir ein). Scheinbar hatte sich meine Mutter meine ganzen Sachen gekrallt. Ich ging auf den Dachboden, der nun zwei Stockwerke umfasste. Dort waren die andern Schulkinder untergebracht. Ich fand einen Raum, der dem Dachboden hier im Haus gleicht, aber zugleich vom Lichteinfall her dieselbe Stimmung hat wie jener im Gasthaus. Dort stand ein Schrank. Darin meine ganzen Sachen, meine ganzen Klamotten!! Meine Mutter sagte, nach meinem Selbstmordversuch hätte sie die alle aufgehoben. Alles fein säuberlich zusammengelegt, und ich wühlte darin herum wie eine Wildsau. Ich fand auch noch andere Utensilien, mein Notebook und derlei Krimskrams; am besten alles auf einmal mitnehmen, schlussendlich war es ja MEIN EIGENTUM! Sie stand immer noch hinter mir, beobachtete genau, was ich machte. Der Raum war plötzlich leer, nur sie und ich. Und die Erinnerung, dass da zuvor kleine Kinder gewesen sein müssen. Wie eine Einblendung, eine Rückblende. Kleine Mädchen, fünf oder sechs Jahre alt, saßen da auf dem Estrichboden. Und eine schwarze Gestalt hatte ihnen Überraschungseier geschenkt. Nachdem sie das getan hatten, was der Schatten von ihnen wollte. Zurückgeblieben lediglich die gelben Plastikkapseln mit dem Spielzeug darin. Die erste Figur in einer der Kapseln, und ich weiß nicht mehr genau, wie diese aussah, sprach bereits Bände! Erst recht die in der zweiten Kapsel, und noch viel mehr die Zeichnung, die selbstgemalte Grußkarte, die neben dieser lag…
Dazu muss erwähnt werden, gestern eine Dokumentation über jugendliche Mörderinnen gesehen zu haben, und die jüngste, damals gerade mal 11, hatte grausige Zeichnungen angefertigt, ehe sie damit anfing, erst nur Tiere zu töten und dann eben auch Menschen.
Also von diesen Zeichnungen inspiriert, auf dem Fetzen Papier ein kryptisch-kindliches Bild von einem Menschen, wohl einer Frau mit Rock, und noch wahrscheinlicher vom Mädchen selbst…
Und tatsächlich! Da setzt der Lochfraß ein!! Ganz zu schweigen davon, dass ich vermutlich unfähig bin, auch nur einen Strich zu zeichnen, dabei hatte sich mir das Bild doch so dermaßen eingebrannt und jetzt, augenblicklich löst es sich vor meinem inneren Auge auf!!! Ich hätte morgens, gleich nach dem Erwachen eine Skizze anfertigen sollen!
Aber ich will es versuchen: Also das Mädchen steht rechts, von der Seite. Das Mädchen hat unten am Rock scheinbar einen Penis. Und von links kommt eine Schlange angekrochen, bäumt sich vor dem Mädchen auf, gibt ihm einen Kuss. Ich „glaube zumindest“, aus dem Penis tropft etwas. Und oben drüber geschrieben in kindlicher Krakelschrift: „Danke. Es schmeckte wie Sahne“.

Ich sah dieses Bild und mir wurde speiübel. Waren da bereits andere Opfer? Oder war ich das als Kind?
Die Kinder hatte man längst, vor Jahren schon, weggebracht. Die Kinder waren zu klein, um zu wissen, was da mit ihnen geschieht. Sie haben es schlicht und ergreifend VERGESSEN…
Ich versuchte zu fliehen, wegzulaufen, die Straße runter… [….]

Um seltsamerweise in Jennersdorf anzukommen. Dort, wo zumindest in meinem Traum lauter Arztpraxen waren. Da waren auch Bonzen und Ärzte, vor allem mein Hausarzt aus Kindertagen, den ich später gehasst habe, ob seiner anzügliche Bemerkungen im Gymnasium mir gegenüber, die allesamt Teil eines Kinderpornorings waren! Und alle hatten sie sich bedient auf dem Dachboden im Gasthaus!! Kinder wurden in Kofferräume gestopft von riesengroßen Edelkarren. Wie Waren. Und der kriminelle Sauhaufen machte sich soeben aus dem Staub…
Die nächste Szene, die ich sehe, spielt sich vor der Reha-Klinik ab. Die Konkurrenzklinik davor steht lichterloh in Flammen. Aber die unzähligen Menschen auf der Straße, auf dem Gehsteig schert das nicht. Scheinbar ist Silvester, im Sommer, da läuft Techno, alle tanzen und ich kann mich ebenfalls dem Rhythmus nicht entziehen. Außerdem entstehen so geniale Aufnahmen mit der Kamera, beinahe postapokalyptisch, mit der brennenden Anstalt im Hintergrund…
Als ich mich in der Klinik anmelden will, ich flüchte regelrecht in diese, habe ich alles vergessen. Ich weiß nicht mehr, bei welchem Pult ich mich anstellen muss, ob ich zahlen muss oder nicht, und scheinbar habe ich einen Erlagschein nicht unterschrieben. Ich entschuldige mich damit, seit Jahren keinen mehr ausgefüllt zu haben und deswegen nicht mehr zu wissen, wie das geht…

Was nicht unerwähnt bleiben soll: Nachts konnte ich vernünftig gehen. Für meine Verhältnisse. Ich räumte sogar in der Küche ein wenig auf.
Um dann heute, ohne die Hände noch irgendwie in Anspruch genommen zu haben, nicht einmal das Notebook aufklappen zu können. Mein Rücken schmerzt. Der Hintern schmerzt. Und ich will diese Zeichnung machen… Aber besteht die Blockade lediglich der Angst wegen, zu versagen, nicht zu können, oder eben vielleicht auch, „weil ich nicht darf“? Und es sei definitiv ebenfalls erwähnt, dass die Zeichnungen dieser schizophrenen Mörderin nichts mit dem Bild zu tun hatten, welches ich in meinem Traum sah. Lediglich bis auf die kindliche Abbildung einer Frau im Rock. Aber ich hocke hier, völlig erstarrt, die Hände wie auf den Schoß gepflastert, den Zeichenblock vor mir und ich komme nicht zu Potte!…

16:22
Rasenmäher, Flugzeug, Rasenmäher. Im Supermarkt damit gekämpft, nicht in Tränen auszubrechen. Im Auto spätestens die Kontrolle verloren, als ich mich für mein Verhalten im ersten Supermarkt entschuldige.
Aber nicht einmal weinen kann! Unverzüglich brannten die Augen, als seien meine Tränen ätzende Säure!

WIE DEINE MUTTER!!!

Meine Mutter hatte sich immer die Augen gerieben, „zu wenig Tränenflüssigkeit“ lautete die Diagnose.

Der Reihe nach. Ich wollte also nach Jennersdorf, und scheiterte bereits am Schuhregal. 10 Minuten um den linken Schuh zu verschließen!! Ein Donnerwetter ging auf mich hernieder. Und draußen? Eiskalter Wind. Sonne, keine Sonne, Sonne, schwarze Wolken.
Also dachte ich: „O.k.! Ich bleibe hier und filme, was mir vor die Nase kommt!“. In der Weide neben dem quadratischen Wannenteich lauter Schwanzmeisen, fütterten ihre Jungschar. Und ich zu dumm, die Kamera zu halten!!! Alles ging schief!!! ALLES!!!!…

Bring dich um.

Ich bring mich um.

Ins Haus gefahren, 2 mg Hydal, „nur“ die Retardfassung. Sebastian mitgeteilt, dass ich noch da sei, ob er nicht jetzt fahren möchte. 10 Minuten später war er unten. In diesen 10 Minuten war noch mehr schief gegangen. Und warum?! Weil ich ein beschissener Krüppel geworden bin, der eigentlich gar nicht mehr allein zu Hause bleiben kann, weil er nichts hinbekommt! Doch, ich könnte den ganzen Tag auf dem Sofa sitzen bleiben. Aber von wegen Selbstständigkeit, kümmerliche Reste eines eigenständigen Lebens… VERGISS ES!!! WARUM NICHT GLEICH IN EIN HEIM?!!!

Im ersten Supermarkt war er mehr mit seinem Handy beschäftigt. Und der erste Artikel, den ich in die Hand nahm, die Strauchtomaten, landeten SELBSTVERSTÄNDLICH auf dem Boden! Er wollte den morgigen Tag planen, ein Kinobesuch steht an. Er hörte mir überhaupt nicht zu, was wir benötigen, was uns fehlt, was wir kaufen müssen… Und ich dämliches Stück Scheiße allein nicht in der Lage auch nur irgendetwas anzufassen! Da war ich kurz davor, ihn anzuschreien!

Und alles nur, weil ich dermaßen am ENDE bin!
Im nächsten Supermarkt kam von hinten plötzlich eine Dame, berührte mich vorsichtig an der Schulter, begrüßte mich, und ich sah sie an wie eine Kaulquappe! Ich entschuldigte mich, ich könne mich nicht erinnern…
„Wir haben uns damals an der Raab getroffen. Da warst du dem Rollator spazieren…“. Ich dachte angestrengt nach, aber erst beim zweiten Satz klingelte es leise: „Ich kenne dich noch vom Laufen. Ich wohne in Rax und du bist jeden Tag vorbeigerannt…“.
Hastig verabschiedete sie sich, sie hatte ja Sachen auf dem Laufband an der Kasse liegen. Ich sank in mich zusammen. Ich meine mich nun zumindest an die Depression nach diesem Ausflug und Kennenlernen erinnern zu können.

Wieder im Auto wollte ich mich erklären, mein Verhalten, dass ich dermaßen am Verzweifeln sei. Aber er hat es wohl nicht verstanden, dass es der Versuch einer Entschuldigung war und zugleich ihn über den Schweregrad meiner Krise in Kenntnis zu setzen. Er stattdessen sagte, warum er so viel ins Handy gekuckt hätte. Und bemerkte vermutlich nicht einmal, dass ich in Tränen ausbrach. Spätestens als ich mir vor Schmerz die Augen rieb, musste dieser Kommentar sein: „Selbst zum Weinen zu dämlich!!“.

Es ist ihm zu viel. Erst recht meine permanenten Zerstörungsankündigungen. Mit meinem Eis in der Hand: „Es wäre besser, es gäbe einen Menschen weniger, der in Form von Palmöl Orang Utan-Blut konsumiert und die Welt zugrunde richtet.“.

Als wir vor all dem im Dorf angekommen waren, auf dem Parkplatz vom ersten Markt, die Autos, die Leute mit den Einkaufswägen… Ereilte mich eine FETTE Derealisation. Nichts ergab mehr Sinn! Und der Wunsch, zu sterben, nur noch lauter.
Ein Wort hat sich mir eingebrannt, passend zum ganzen Tag: WERTLOS. ICH bin WERTLOS!! Zu nichts mehr zu gebrauchen!!

Man solle mich nun bitte nicht falsch verstehen. Diese Ansichten gelten nicht für andere Menschen. Es geht hier lediglich NUR UM MICH, MICH, DAS WERTLOSE STÜCK SCHEISSE!! Ich schämte mich für mich selbst, in Grund und Boden, wie ich aussehe, mit dieser Akne überzogen… Ein einziges Minenfeld! Und alles mache ich falsch! Auch jetzt sitze ich tatenlos vor dem Zeichenblock…
Kaum zu Hause, 2,6 mg Hydal. Ich warte auf dessen Wirkung. Kann ich sitzen, der Körper überzogen mit Schmerzen. Die Schnauze voll.

21:04
Schlussendlich gezeichnet, was ich gesehen habe. In mir löste es einiges aus. Sebastian hingegen: „Aha…“.

2018-05-19

11. April 2018, Mittwoch

8:39
„Wie ruiniert man einen Vormittag mit einem einzigen Wimpernschlag?“…

Darf man noch als gnädig bezeichnen, Frühstück und Morgensendung beenden zu dürfen? Ich wollte soeben die Arbeit aufnehmen. Stattdessen darf ich mir das Gemeckere der Notrufstation anhören. Etwa alle 5 Minuten informiert mich der Kasten darüber, nicht verbunden zu sein. Lautstark. Was ebenfalls toll ist: Nun werde ich mir erst recht der Unordnung alleine auf der Sofalandschaft bewusst und erst recht, WIE abhängig man mittlerweile vom Strom ist! Ein beinahe choreografiertes Klacken geht durch den ganzen Raum und sicherlich 30 unterschiedliche Gerätschaften werden ausgeschaltet. Kein Strom. Wir haben kein Unwetter und auch die Uhrzeit ist doch immer dieselbe, der Weg zum Sicherungskasten wäre überflüssig; also darf ich davon ausgehen, dass der Stromanbieter wieder irgendwelche Arbeiten am Netz durchführt. Das kann schnell gehen. Schlimmstenfalls bis kurz vor Mittag dauern.

Ich hatte recht! Dieses Mal auf die Uhrzeit geachtet und es sind tatsächlich exakt 5-Minutenabstände. Jetzt darf ich dem Wind zuhören, wie er durch die wertlose Dunstabzugshaube pfeift. Jedem einzelnen, beschissenen Flugzeug darf ich meine Flüche hinterher schicken. 59,5 Kilo um 6:45 Uhr. Abstruse Träume. Von Leichen, Leichenbergen auf dem Zebrastreifen unterhalb vom Gasthaus. Das Überqueren der Straße war tödlich. Aber ich weiß nicht, ob diese Menschen überfahren wurden oder eher im übertragenen Sinne „Leichen im Keller“ entsprächen. Waren es Zombies? Halbtote? Ich musste an diverse Dokumentationen über Konzentrationslager nachdenken. Da das eine riesengroße Sauerei bedeutete, hatte irgendjemand die Leichen erst auf die Bushaltetasche geschoben. Etwas später waren die Kadaver 3 m weiter oben auf dem Hügel hinter der Thujahecke verschwunden. Irgendjemand hatte sie verschwinden lassen. Interessant… Aufs Grundstück vom Gasthaus? Lediglich ein halber Kopf und ein Arm waren von der Straße aus zu sehen. Auf dem Asphalt selbst waren nur noch Flecken zu erkennen und kurz lag da vielleicht auch noch eine Hand. Die Raben würden sich darum kümmern und „kein Hahn danach krähen“! Ich war mit Birgit und meinem Hund spazieren. Im Feuerwehrhaus gab es ein Dorfmuseum, voll gestopft mit Reliquien aus dem Gasthaus. Eigentlich war es das Museum meiner Mutter, wenn man so möchte. Ich wollte laufen. Ich lief, ganz langsam, sodass Birgit ruhig neben mir her gehen konnte. Kreuz und quer durchs Dorf. Dreh- und Angelpunkt, wer hätte es gedacht, das Gasthaus. Ich bekam Erinnerungen, gemischt mit einem mulmigen Gefühl. Auch jetzt gerade ist es nicht anders. Der seltsame Lichteinfall. Semesterferien oder unter der Woche krank und zu Hause von der Schule? Ich sah Stücke, die früher im Kurzwarenladen meiner Großeltern verkauft wurden. Eine Mappe, einen Stift, um den Papier gewickelt war wie bei einer Zigarre. Ich erzählte Birgit, als Kind bereits einmal druntergekuckt zu haben. Nun rollte ich das Papier erneut auf. Es war unheimlich. Ich hörte das Raunen des Windes im leeren Gasthaus. Ich hörte dieses eine Musikstück von Lisa Gerrard, bei dem ich mich immer als Kind genau in dieser Situation im Gastzimmer allein und verloren stehen sehe. Mir wurde schlecht, mir wird schlecht. Irgendwo unter dem Papier befand sich ein Zeitungsschnipsel von 1980, exakt zwei Wochen nach meiner Geburt. Aber darauf stand nichts Wichtiges. Werbung? Aktien? Definitiv etwas, womit ich nichts anfangen konnte. Weil ich noch nicht so weit bin, die Zeilen zu lesen? Oder weil ich enttäuscht war, dass meine Eltern für mich keine Zeitkapsel angelegt hatten?

Es dreht sich doch alles um diese paar Erinnerungsfetzen: das leere Gasthaus, irgendwelche Vorbereitungen für den Ballettunterricht, das „Spielzimmer“, welches meine Mutter uns unten in der alten Bar eingerichtet hat. Das „Spielzimmer“, welches sie später auf dem Dachboden zurecht gemacht hat. Den markanten Geruch von Bar und Dachboden in der Nase. Dahinter, drumrum IMMER dieses Pfeifen des Windes und das Gefühl, völlig allein gelassen zu sein am Tag. Alle sterben. Vielleicht rührt daher die Angst. Oder geht eben noch tiefer… Das Licht draußen, wie vormittags in der Gasthausküche vor der großen Glasfront, auf dem Hocker an der Arbeitsplatte sitzend. Einfach nur froh, dass Stille herrscht, keine Gäste, kein Trubel. Aber zugleich ein bedrohliches Gefühl, als ob diese Stille selbst etwas Bedrohliches in sich birgt.

Wenn alles still ist, du selbst still bist, hört dich niemand schreien. Stille kann ohrenbetäubend sein. Stille kann wie Watte sein und alles verschlucken. Dunkelheit und Stille werden zu einer zähen, schwarzen Flüssigkeit; erst bleibst du nur stecken, dann versinkst du langsam, manchmal über Jahre hinweg, ehe du einen letzten Atemzug tust und endlich untergehst. Du bist tot. Und lebst doch noch, irgendwie. Aber du erinnerst dich nicht mehr daran, wie die Sonne schmeckt. Auch weißt du nicht mehr, an welcher Stelle sich Dunkelheit und Stille gegen dich verschworen haben. Wann wurde dieser Pakt geschlossen? Wann wurden Dunkelheit und Stille zu einer Flüssigkeit, die in jede deiner Poren eindringt, dich kontaminiert, vom Scheitel bis zur Sohle, keinen noch so winzigen Fleck an dir „unberührt und rein“ lässt?

Du bist besudelt. Du bist Schmutz. Bist der Inbegriff von Dreck. Du kannst nicht mehr denken. Leichen denken nicht…

Das könnte ich nun ewig so fortspinnen, erneut würde so ein Monolog das Produkt sein, welches ich bereits vor 20 Jahren von mir gab, mehr oder minder in der gleichen Form.
Draußen ruft der Kuckuck und die Sonne scheint sich gegen die Wolken zu bewähren. Nach draußen fahren und hoffen, den Kindermörder zu erwischen? Ich fühle mich schlecht. Schuldig. Warum arbeite ich nicht? Ich könnte es zumindest ohne Vorlage versuchen. Pro forma ein paar Grundierungen anbringen. Aber ich tue es nicht. Bin wie gefesselt, versteinert, gelähmt und völlig unbeweglich. Dafür hasse ich mich. Muss mich jetzt hassen; hatte ich doch gestern Nachmittag genug Schlaf! Wie paralysiert den ganzen Hass auf mich ein prasseln lassen. Als würde man stillhalten, würde man verprügelt. Weil man weiß, dass man es nicht anders verdient hat. Der Schrei nach Konsequenzen trägt erste Blüten; Tramal, Hydal oder Benzos? Für die Klinge zu wenig Flüssigkeit intus. Der Kasten schreit auch nicht mehr, als hätte er mich die letzten 40 Minuten belauscht. Der Ischias schmerzt, der Rücken schmerzt, ich ertappe mich selbst dabei, immer wieder die Luft anzuhalten. Ein gesunder Mensch könnte mir so viele Alternativen aufzählen… „Warum nimmst du nicht dein Handy, da ist Musik drauf und für die Zeitmessung die Stoppuhr um deinen Hals? Oder warum fährst du nicht nach draußen? Warum putzt du dir nicht jetzt die Zähne? Wieso absolvierest du dein Gehtraining nicht gleich? Für was all diese Lethargie?! Könntest auch versuchen, das Sofa aufzuräumen. So vieles könntest du… Aber eben du versuchst es ja nicht einmal!!“.
Will fressen. Dann kotzen. Der nächste ruinierte Vormittag. Was den ganzen Tag aus den Angeln heben wird; wie montags und all die Tage, die eben nach diesem Schema abgelaufen sind bis jetzt!

ARMES, ARMES OPFER!!!

Zuvor hätte ich noch schlafen können. Aber nun? Alles kaputt, alles verraucht und alternativlos…

Sei doch nicht immer so negativ!“

Selber schuld. Aber zu dem Schluss bin ich ja bereits gekommen. Worauf warten… Dass der Strom doch noch angeht und ich doch noch arbeiten kann, und nur deswegen darf ich jetzt nichts anderes machen, um meine Hand, bzw. deren Ressourcen nicht vorzeitig zu verschwenden? Alles eine Sache der Einteilung? Alles minutiös geplant? Und deshalb so fehleranfällig und erst recht zerbrechlich?

Die nächste Erinnerung. Meine Familie mit uns Kindern in einer Gaststätte in Loipersdorf. Wir sind wohl mit dem orangen Cabrio unterwegs. Ich rieche das Leder, den festen Stoff der Sitze, schwarz und weiß. Sommer. Wo ist da die Bedrohung? Sehen wir nur das UFO über unseren Köpfen nicht?…

Da wird es 9:40 Uhr, ich muss endlich eine Entscheidung treffen. Der Akku macht ohnehin nicht mehr lange mit. Außerdem trocknet mir der Gaumen aus. Ich muss mir irgendeine Form von Absolution erteilen!! Dringend! Sonst vermag ich diese Pattsituation nicht zu verlassen!! Diese blöden Arschlöcher! Ist es heutzutage zu viel verlangt, per E-Mail darüber verständigt zu werden, dass der Strom abgestellt wird? Vielleicht einen Tag oder zwei davor? Ich hätte mich besser vorbereitet!

Klar! Jetzt sind wieder alle anderen Schuld, wenn du zu faul bist, du fette Sau!!

In mir vibriert alles, wenn ich nach außen hin auch völlig ruhig hier in den Rollstuhl zusammengesunken hocke wie eine alte Frau, die auf den Tod wartet! Die Rechte klimpert immer schneller. Was habe ich gestern dank Internet gelernt? Die Zahl 4 bedeutet in vielen ostasiatischen Ländern Unglück. Wie treffend!

Das wertlose Stück Scheiße labert weiter Scheiße… HALT ENDLICH DIE FRESSE!!!

12:09
Die Reihenfolge spielt keine Rolle. Also gehe ich davon aus, erst ins Badezimmer gefahren zu sein, die dicke Fettschicht von meiner aufgedunsenen Fettvisage gewaschen zu haben. Mir war so kalt, ich hatte versucht zu schlafen. Nun endlich heißes Wasser und auf dem Rückweg einen Pullover im Gepäck. Dann schluckte ich erst etwa 20 Tropfen vom Tramal; die Pumpe war leer. Aus dem neuen Fläschchen sicherlich 30-40 Tropfen. Die Ausschau auf das Wetter draußen, mal ein bisschen Sonne mit ganz viel Wind, dann wieder nur grauer Himmel und Wind, vergrätzte mir auch noch das letzte bisschen Willen, dann eben raus zu fahren. Ich blieb am Tisch und konnte doch längst nicht mehr auf dem Rollstuhl sitzen. Ischias, Rücken… Ich nahm das Buch zur Hand, las weiter über die Multiple Persönlichkeit, stopfte mir ab und an in das Blut von kleinen Orang Utans getauchte Waffelröllchen in den Mund (Palmölprodukte) und wartete auf die Betäubung. Um 11:45 Uhr gingen alle Starkstromgeräte wieder in Betrieb. Der Rest blieb stumm. Ich drohte ohnehin schon wieder auszulaufen; schlurfte ins Badezimmer, wechselte die riesengroße Einlage und sah im Stromkasten, dass die Sicherung für die Wohnküche außer Betrieb war. Jetzt leuchtet wieder alles und ich darf mich sicher fühlen… (Ironie aus!)

Es wäre Idiotie gewesen, spazieren zu gehen. Das Handy funktioniert hier nicht und der Notrufkasten außer Betrieb. Bei meinem fragwürdigen Glück?…

Ich bin nicht betäubt. Lediglich müde. Gerade eben beim Anstecken der Kamera wäre ich beinahe umgefallen. Starker Schwindel. Spaziergänge damit für den heutigen Tag von der Liste gestrichen. Ich dachte auch darüber nach, warum ich nicht zum Zeichenblock greife, anstatt tatenlos zu sein und mich hinterher noch mehr hassen zu dürfen. Was weiß ich… Wie in mir gefangen! Während des Lesens fielen mir noch Details meines Traumes ein… Hatte ich nicht immer wieder in den Spiegel geguckt und eine ganz andere Frau darin gesehen? Und nur noch gehofft, dass der Albtraum endlich aufhört? Die Frau war älter und nicht unbedingt mit wohlproportionierten Gesichtszügen gesegnet (gestern bei der Trödelsendung eine Dame, die meiner verstorbenen Arbeitskollegen gewissermaßen ähnelte und ein total plattgedrücktes Gesicht hatte, gesehen und angestrengt darüber nachgedacht, ob sie sich hübsch findet, ob ihr Mann sie hübsch findet) und vermutlich von der Sendung inspiriert.
Des weiteren sah ich Schwarzspechte im Kampf mit Raubvögeln, doch ich vermochte die Kamera nicht zu halten, kein einziges scharfes Bild hinbekommen, alles verwackelt und verschwommen und dabei die Bewegungen der Tiere wie in Zeitlupe, nebulös und geheimnisvoll, als wollten sie mir etwas sagen… Als tanzten sie in einem Theater! Die Baumgruppe war jene hinter dem Haus. Und doch befand sie sich neben dem Feuerwehrhaus, also dem Museum meiner Mutter, und die beiden Welten passten überhaupt nicht zueinander. Als hätte man eine klare Trennlinie gezogen aus Asphalt, über die hinaus keine Geheimnisse und Erinnerungen an das Wirrwarr in dem Wäldchen dringen konnten. Sie verendeten, verwesten, verblüten, vertrockneten, wurden zu Staub auf dem heißen Asphalt, gleich nachdem sie die grüne Schwelle überschritten haben, und früher oder später vom Regen weggeschwemmt oder von braven Bürgern mit dem Besen weggefegt… Hier, wo das halbe Dorf von der Hügelkette auf der einen Seite und jener auf der anderen Seite hinab ins Tal zum Sportplatz mit dem Feuerwehrhaus daneben, darüber thronend das Gasthaus auf dem Hügel davor, gucken kann, zusehen kann… Und keiner tut was, keiner reagiert… Diese Welt von Biedermännern, links und rechts, die akkurat gepflegten Gärten um die ebenso akkurat hingestellten Häuschen, jedes mit einem Zaun umringt, alles sauber, alles fein, kein Schmutz, alles entspricht der „Norm“. Da passt dieses wilde Wäldchen aus dem Graben hier unten bei uns nicht dazu. Dort sieht man nur, was man sehen WILL! Was sozusagen in den eigenen quadratischen „Mikrokosmos“ passt. Sonst werden die Vorhänge vorgezogen. Sonst ist man nicht zu Hause. Als ob es in diesen Häusern nicht auch unzählige Erinnerungswälder gäbe, in den Köpfen der Kinder, der Eltern, die mal Kinder waren, usw. und so fort. Alles „heile Welt“!… Und dann komme ich daher mit diesem anarchistischen Chaos, dem Aufruhr, dem Durcheinander, in dem NICHTS schön und ordentlich ist, und die Welt vermag aus den Angeln zu heben… Wie kann ich es wagen! Kurzum: ICH bin der Störenfried! Also warum daraus keine Konsequenzen ziehen und das Übel entfernen?…

17:34
Eigentlich wollte ich malen, es zumindest versucht haben. Aber dann war es bereits nach 5, als ich nach Hause kam, die Verspannung in meinem Rücken dermaßen heftig, ich bekomme kaum noch Luft. Tramal, Novalgin und jetzt noch Morphium. Sebastian ist kurz weggefahren. Statt Pinsel die Rasierklinge in der Hand. Ich fühle mich so gehetzt. Die ganze Ausfahrt über Stress, Stress, Stress!!!

Die Haut wie Gummi, wie nicht durchblutet, die Hände trotz Waschen mit heißem Wasser vor wenigen Minuten erneut eiskalt. Keinen Spaß haben werden… Aber darum ging es ja eigentlich auch nicht! Den langen Armwarmer nach oben geschoben, er schiebt seinerseits die Haut zusammen. Ein Bündel aus unzählbaren Narben…

Da kommt Sebastian plötzlich herein geplatzt! Hastig alles vertuschen, ist ohnehin noch nicht viel passiert. Ein Kratzer, zwei Kratzer? Jetzt kann ich die Rasierklingen nicht mehr auseinanderhalten!
Ein Test und schnell ist klar, welche der beiden verbraucht ist. Warum ich das jetzt mache? Um Markus eins auszuwischen? Um die Betäubung zu vertiefen? Weil ich mich in einer Pattsituation wähne, aus der es kein Entkommen zu geben scheint. Außer alles zu zerstören!

Das ist doch mal ein Argument! Aber alles an mir ist wie erfroren und ich sowieso wie immer zu feige…

Es wird 17:45, 20 Kratzer, nicht der Rede wert. Die Klingendose verschwindet in der Ledertasche und da ich kein Taschentuch habe, werde ich mir das Blatt von der Küchenrolle, welches ich bereits seit Monaten zum Abtupfen meiner Pinsel benutzt habe, auf die blutige Wundfläche kleben. Die Verspannung wie ein viel zu enges Korsett. 2,6 mg Hydal. Nun versuchen, irgendwie die schwarze Stulpe darüber zu streifen. Aber es missglückt. Sollte Sebastian noch einmal hereinschneien, kann ich den Arm ja unterm Tisch verschwinden lassen.

Meine Augen wandern immer wieder nervös zur Uhrzeit. Wird immer schlechter, die Panik kreist in meinem Schädel, wirbelt wild herum, will mich aus der Fassung bringen. Dabei setzen die ersten Anzeichen der Betäubung ein. Die Angst in mir will, dass ich die Therapie abbreche. Will, dass ich endlich so tue, als sei alles in Ordnung! Es ist Frühling! Alles lebt! Ich will mich nicht über Dinge unterhalten, die nicht mehr als Hypothesen sind, Kopfkino, Fantastereien und infame Assoziationen!!! Ich bin keine Multiple! Mir ist nie etwas zugestoßen! Alles, was ich will, ist Aufmerksamkeit!!!

Mir selbst einen weiteren Grund genannt, wem oder was die 20 Schnitte dienen. Mir bleibt die Luft weg, allein beim Gedanken, erst das penetrante Rauschen der schlechten Leitung und dann seine Stimme hören zu müssen. Wieder nicht auseinanderhalten können, was meint er ernst, was ist Provokation, womit will er mich jetzt aus der Reserve locken oder ist er wirklich so verrückt… Keine Minute mehr…

20:14
Als ich gerade ins Badezimmer fahre, Sebastian liegt in der Badewanne, tut er so, als sei für mich in den zurückliegenden 120 Minuten nichts vorgefallen. Als würde man die verheulten Augen nicht sehen können. Als würde man die gedämpfte Stimme nicht hören können. Bin ich enttäuscht? Fühle mich allein? Ich weiß es nicht…

Seine erste Reaktion auf Markus‘ Wunsch, ich solle unbedingt erneut meine Invalidität feststellen lassen, um sodann ebenfalls erneut um eine Invaliditätsrente anzusuchen und bei zu erwartender Ablehnung auf einen „Härtefall“ plädieren, fällt leider für mich katastrophal aus. Er gibt eigentlich nur ein Geräusch von sich, einen Ton, der mir sagt: „Ach, ernsthaft?! Das macht doch gar keinen Sinn?!“. Abschließend versucht er sich scheinbar zu retten, sagt: „Ich kenne mich da überhaupt nicht aus,… Aber ich stehe voll hinter dir!“.

Scheiße nur: Der erste Eindruck zählt… Ich fahre wieder. Meine Haare wäscht er mir morgen früh. Ich glaube, jetzt muss ich mich erst recht verletzen. Die lange Stulpe abstreifen. Alles verschmiert, aber die Spuren glänzen auf der Haut. Würde ich den Rauschzustand noch weiter vertiefen, würden die Panikattacken nicht weniger. Ich aber vermutlich zügig einschlafen. Er sagte, er würde nicht lange baden. Reicht das aus, um behände dem verunglückten Kunstwerk noch ein paar letzte Veränderungen hinzuzufügen? Die Ohren fühlen sich ganz heiß an, pulsieren unter dem Headset. Gefühlt ist er gerade Lichtjahre von mir entfernt. Aber „ich muss ja verstehen, er ist müde, ich komme schon wieder mit der gleichen SCHEISSE wie immer um die Ecke“ usw. Ihm gegenüber nicht fair? Wieso? Ich tue ja nur mir weh.

Kaum war ich wieder vorne, höre ich wiederum ihn hinten einmal laut seufzen, ächzen oder stöhnen. Ihn gefragt, ob er mein Video heute sehen möchte. Natürlich beziehe ich die Lautäußerung wie gewohnt auf mich. Und wenn er noch so oft sagt, ich solle das bleiben lassen.

Da sind zwei offene Kuverts; welches davon enthält die nagelneue Klinge? Ist er schon aus der Badewanne raus?

Das gewählte Stück sieht zwar abgenutzt und dreckig aus, ist aber das richtige! Wieder wie ein heißes Messer in Butter… Ich hätte in der Erwartung, dass es eine Stumpfe ist, ohne nachzudenken anfangen sollen zu schneiden… Jetzt bin ich wieder befangen, zu sehr…

Beschissenes Weichei!!

Wie wahr, wie wahr… Auch die nächsten, gut gemeinten Versuche gehen ins Leere. Obwohl… Jetzt blutet es wenigstens. Wenigstens ein einziges Mal… So werden es 20. Kein Einziger von Erfolg gekrönt. EIN MAL!!…

Nummer 25 stellt mich ansatzweise zufrieden. Zudem hängt mir die Zeit im Nacken. Ich vermag die Finger nicht mehr zu strecken, um so zu kontrollieren, wie tief das Finalwerk geworden ist. Da es sich aber um die Unterseite handelt, wird es nicht lange bluten und wohl oder übel keine Narbe hinterlassen. Ehe er kommt und mich in flagranti erwischt… Vielleicht ahnt er auch, was ich treibe, und bleibt deswegen dem Wohnzimmer länger fern…?

Ich bin so eine Belastung… Es tut mir leid!

23. März 2018, Freitag „Schon wieder und schon wieder droht das nächste Monatsende…“

8:29
DIESEN Rausch… GENAU DIE SORTE von Rausch hätte ich mir gestern gewünscht. Aber vermutlich fühlt er sich soeben nur deswegen dermaßen gut an, weil er mit einer dicken Portion Müdigkeit geschwängert ist. Mehr gibt es dazu wohl nicht zu sagen. Ich weiß nicht, wer ich bin. Aber immerhin kann ich die Gäste draußen noch beim Namen nennen. Sebastian gegenüber die Vorzüge der Heckenbraunelle erläutert: „Vom Gefieder her sieht sie ja eher unscheinbar aus… Aber dann diese orangen Füße, Füßchen! Als hätte sie kleine, putzige Gummistiefelchen an! Mit denen sie ganz tapfer herum spaziert…“.

Mein Schädel ist zugedröhnt. Der Versuch, nachts im Bett noch zu lesen, dauerte eine Dreiviertelstunde und ich hatte immer dieselbe Seite aufgeschlagen. Völlig weggetreten. Könnte ich jetzt die Müdigkeit aus meiner Rausch-Hochrechnung subtrahieren… Das wäre ein feines Arbeiten! Um dabei völlig außer Acht zu lassen, in was für einem katastrophalen physischen Zustand ich mich heute erst recht befinde; selbst gebaut. Das im Badezimmer morgens dauerte doppelt so lang. Ich kam von der Toilette nicht mehr hoch. Beschwor mich selbst, bloß keinen Tipp zu meinem Gewicht abzugeben. Aber der Gedanke ließ sich ja doch nicht wegdrücken: „61…“. Und wie gewünscht wurden es exakt 61 Kilo um 6:45 Uhr, von denen man aber mindestens 100 g abziehen darf, für Unterhose und Inkontinenzeinlage. 1 L. Wasser!

Ganz kurz schließe ich die Augen und sehe wiederum in meinem Kopf, wie eine Tür geschlossen wird. Ich träume schon wieder. Der eigentliche Traum war eine obskure Reise nach Graz; erst mit einem Bus voll mit der Familie meiner Schulkollegin Silvia, deren Oma für die gesamte Gesellschaft, Busfahrer inklusive, Spaghetti gekocht hatte. Ich hatte mich wohl vor einem Jahr dazu verpflichtet, sie zu einem Konzert zu begleiten. Aber der eigentliche Star hatte abgesagt und ich sollte nun ernsthaft mit zu einem Schlagerkonzert kommen. Die Straßen in Graz bestanden nur noch aus einem unlogischen Gewirr aus Straßenbahngleisen, die teilweise Umwege überbrückten, Straßenlampen, Verkehrszeichen oder Wände hinauf und hinab nahmen. Brav im Gänsemarsch trippelten wir auf den schmalen Gleisen entlang. Diese waren beschriftet und wir versuchten, unser Gleis nicht zu verlassen, die Nr. 7. Es war lebensgefährlich, ständig kamen von allen Seiten Straßenbahnen wie aus dem Nichts um die Ecke gebogen. Ständig musste man ausweichen oder die querende Bahn musste anhalten, weil eines der Gleise Vorrang hatte und durch eines der Abteile quer hindurch führte. Eigentlich schoben wir die schweren Maschinen vor uns nur an, so überhaupt eine vor uns fuhr, und ich dachte schon darüber nach, dass man durch unseren körperlichen Einsatz doch Energie sparen könne, den Strom, den wir erzeugten, in die Zugmaschine einspeisen. Wir verfuhren uns mehrmals, verloren uns mehrmals und genauso mehrmals meckerte ich über meine Physiotherapeutin bei der Reha, ehe mich Silvia darauf hinwies, dass diese mit ihren Cousinen irgendwie verwandt sei. Dass das nicht gut ankäme. Wir schafften es noch auf irgendein Dach, ein Parkdeck. Von dort aus sollten wir Decken bekommen, mit denen wir eine Eisenstange hinaufrutschen sollten… Oben würde dann das eigentliche Spektakel stattfinden. So weit kam ich nicht.

Warum diktiere ich das? Ist doch völlig wertlos! Nur ein weiterer obskurer Nachtfilm. Aber zugleich wohl eine Antwort auf Markus Frage vom Mittwoch, ob ich in diesen zugedröhnten Momenten auch seltsame Sachen in meinen Träumen sehen würde.
Aber die Müdigkeit wird nicht besser und wie schon gestern liegt da mein Kissen und wartet auf meinen Kopf. Sonja kommt irgendwann nach 11:00 Uhr. Ich hatte überlegt, mit ihr heute konsequent irgendwelche Übungen zu machen… Aber meine Verfassung lässt es nicht zu. Ich bin ein Zombie, der sehr, sehr, sehr und noch mehr sehr langsamen Sorte. Bin ich doch gestern im Gespräch mit Brigitte auch zu keinem Konsens gekommen, was nun zu tun sei. Abwarten? Im Krankenhaus anrufen? Die von mir längst formulierten dämlichen Sätze an den Kopf geknallt bekommen? Dafür hätte ich dann auch zu Hause bleiben können. Aber meine heutige Verfassung stammt zu 70 % aus meinem Selbstbaukasten. Das Kissen auf den Tisch, weil der Müdigkeit nicht beizukommen ist, und ich dann nachmittags, abends weiter an meinem Video und dessen Ende feilen möchte. Das Bild bleibt liegen. Aber augenblicklich ist mir das egal…

16:13
Passend zu meiner Verfassung… Der Himmel den ganzen Tag grau. Mich hassen. Ich sollte, ich wollte doch nicht einschlafen. Ich sagte doch zu Sebastian, wehe, er würde mich nun wieder anstecken, miteinschläfern! Eine Stunde später der entsetzte Blick auf die Uhr. In mir zittert alles, die Beine in den breiten Aladin-Hosen klatschnass geschwitzt. Jede Stelle am Körper tut weh, weil ich mich im Schlaf wieder keinen Zentimeter bewegen konnte! Darüber auch mit Sonja gesprochen, dass es doch nicht so abwegig ist, irgendwo die ersten Anzeichen von Dekubitus zu bekommen: „Gerade die Fersen sind die ersten Stellen!“, teilte sie mir mit, zu meinen Schmerzen nachts im Bett. Ich wollte nicht schlafen, nicht auch noch den Nachmittag verschlafen… Sollte es zu einer erneuten Überdosis -aus welchem Grund auch immer- kommen, werden es wohl Benzos sein, Diazepam. Wenn so wenig ausreicht, mich dermaßen auszuknocken! Eine Flasche Wasser, eine Schale Schwarztee und ein Energydrink und mittlerweile keine 2 Stunden mehr bis zur Sitzung!

Vermutlich gut daran, absolut zu schwach zu sein, mir weiter zu schaden. Unverzüglich ans Video, den Freitag wieder mal so elegant in die Tonne getreten; vormittags bis zu Sonjas Ankunft geschlafen wie eine Leiche!

17:47
Angepinkelt…

21:49
Die Sitzung war heftig. Tränenreich. Fährt Sebastian noch weg… Muss ich noch Konsequenzen daraus ziehen?

Morgen mehr… Ich muss ans Video…

16. März 2018, Freitag „und die nächste Hälfte überschritten…“

8:30
61,1 Kilo um 6:45 Uhr. Es regnet, es ist grau, ich bin müde und der warme Tee trägt seinen Teil dazu bei. Dabei wollte ich nun unverzüglich ohne Umschweife an die Arbeit. Während der Sitzung 1 Stunde lang gemalt. Ohne Ergebnis. Nicht mehr als ein sich vorsichtiges Herantasten. Vor der Terrassentür eine schreiende Katze, in meinem Schädel jede Menge Watte. Bis zur Nacht hin kam es zu einer großzügigen Ansammlung von kleinen Panikzuständen. Ich soll sie personifizieren und anfangen, mich mit ihr zu unterhalten. Ich denke, dem voraus muss eine Zeichnung gehen. Um mir das alles besser vorstellen zu können.

Aber wenn ich nicht nun nahtlos den Pinsel in die Hand nehme, habe ich wieder verloren…

10:41
Die Speisepläne geschickt bekommen. Setzt mich erneut unter Druck, obwohl mir sonst niemand Druck macht. Der eigentliche Plan war es, mich nun aufs Sofa zu legen und zu schlafen. Erst die Speisepläne?

Ich weiß nicht, was ich denken soll. In meinem Schädel kreist ohnehin nur eine einzige Idee, und die hat mit Analgetika und Psychopharmaka zu tun. Um diesen Zustand auszuhalten.

15:21
Der Mäusebussard schraubt sich in die Lüfte, über ihm eine mit blassen Sonnenflecken marmorierte Wolkendecke. Ich bin todmüde. Dabei denselben Scheiß soeben ein zweites Mal diktieren; der Computer war erneut abgestürzt. Bis Sebastian nach Hause kam, waren es beinahe 2 Stunden, die ich auf dem Sofa geschlafen habe. Unverzüglich war ich eingepennt. Mich wie auf Droge fühlen. Keinerlei Kontrolle über den Körper, und so bedurfte es erneut mindestens 6 Minuten oder länger, ehe ich mich aufs Sofa montieren konnte. Gerade eben hinten im Badezimmer gleich mehrfach mit meinem nicht vorhandenen Gleichgewichtssinn in einen Clinch geraten; ich konnte schon die Beule an meinem Hinterkopf fühlen.

Träge, unbrauchbar und innerlich aufgerieben, unruhig. Die Situation schreit nach einer Aktion. Zwar sitze ich jetzt hier, die Wärmedecke im Rücken macht es wohlig angenehm, aber das grundsätzliche Debakel lässt sich damit nicht vertuschen. Wie damit umgehen?

Zurück an die Videoarbeit und dann weiter sehen. Brigitte kommt um 18:00 Uhr… Auch nicht mehr weithin.

Es wird 15:38 und mich ereilt eine Derealisation, als ich Sebastian hinten im Badezimmer mit sich selbst reden höre. Dann verschwindet er nach oben und ich kann sagen, was ich sagen muss. Er kam sehr spät nach Hause, zeigte auf den dunklen Weidenkorb und entschuldigte sich… Meine Mutter hatte ihn angeschrieben und gefragt, ob er Brathähnchen haben möchte. Ich kann nicht beschreiben, was da binnen Sekunden in und mit mir ablief. Dass ich nichts davon essen würde, war klar. Also blieb ich vermeintlich ruhig und fragte ihn: „Fragt sie denn nie nach, warum ich sie nicht sehen will?“. Er druckste herum, doch dann: „Ja, schon, natürlich. Aber dann sagt sie immer, wie sehr sie Sehnsucht nach dir hat, dass sie es nicht verstehen würde, aber dich nicht bedrängen wird.“,… […..]

Als Sebastian gerade hinter mir stand und redete und redete, schwieg ich. Ich starrte hinaus ins Nichts. Wieder der Gedanke, was könnte ich ihr schreiben… […..]

Die Sonne kommt raus, das Blau zerreißt die Wolken. Wäre ich jetzt allein. Wäre es jetzt 13:00 Uhr. Ich würde hinausfahren, eine Überdosis schlucken, meine Arme massakrieren und dann wegtreten. Vielleicht noch mit einem kleinen Zettel in der Hand: „Lieber Sebastian, es tut mir leid…“.

Fakt ist: Der physische Zustand ist nicht mehr zu ertragen. Dieses Zerren um mich, das ja angeblich nicht stattfindet, nicht mehr erdulden können. Diese scheinbar so heile Familie… Von Außen sowie von Innen… Und ich bin die Einzige, die da nicht reinpasst, nicht funktionieren will. […..] Wann fährt Sebastian endlich weg?… Den lächerlichen Auftakt, den halbherzigen Initiationsritus nach einer langen Zeit der „Abstinenz“ vorgestern… Mit einer neuen Klinge sollte sich das doch retten lassen, oder?

[…..]

Noch 2 Stunden bis zur Sitzung. Panik. Und am Abwägen, was ich schlucken könnte. In mir sind alle Lebensfäden bis zum Zerreißen angespannt und darunter mischen sich wie aus heiterem Himmel plötzlich auftauchende Kindheitserinnerungen. Die Rechte klimpert nervös. Ich hasse mich. Und ich kann mir noch so oft sagen, dass meine Symptome eine klare Sprache dafür sprechen, was passiert sein muss. Aber ich will lieber sterben, als die Theorie in meinem Kopf zu Bildmaterial werden zu lassen. Ganz zu schweigen davon diese an den Mann zu bringen. Was las ich da gestern? Eine Frau hätte sich beinahe umgebracht, hatte einen Atemstillstand von einem ganzen Fläschchen Psychopax und 15 Lorazepam. Verheißungsvoll… Aber am schlimmsten ist ja wohl, dass mir das Holen vom Essen meiner Mutter seitens Sebastians beinahe wie ein Verrat vorkommt. Dass der vermaledeite Korb jetzt da drüben steht und ich meine Mutter wieder sterben sehen muss, weil ich so böse und garstig bin. Und bald geht die Sonne unter… Zur Rasierklinge greifen und egal, ob er mich in flagranti erwischt?

Damit er sich wegen dir Psycho noch schlecht fühlt??!

Bei einem Selbstmordversuch nach dieser Situation wäre es nichts anderes. Ich sehe nach draußen und blicke in das Antlitz meines Endes. Lasst mich alle allein! Entbindet mich all der Verantwortung für euer Wohlbefinden!

Wieder schraubt sich der Bussard in die Lüfte.
Hätte eine schöne Aufnahme abgegeben. Aber spielt keine Rolle mehr. Was werde ich schlucken? Ich stehe in einer Sackgasse, die Visage so dicht in die Ecke gedrängt, ich kann nicht mehr denken, nur noch hoffen, alsbald zu ersticken…

2,6 mg Hydal. 5 mg Gewacalm. Zehn Hübe, 50 Tropfen Tramal. Über 30 Tropfen Psychopax. Mit einem Tuch und der Rasierklingendose vors Haus fahren. Mir fehlen die Worte, meiner Mutter zu erklären, was sie mit mir macht. […..] Und es mir zugleich so unendlich leid tut. Weiß ich doch selber nicht einmal, wer ich bin.

16:44
Ich war kurz draußen, bis Sebastian fuhr und mich alleine ließ. Kann er mein Verhalten, mein Schweigen nicht lesen? Es ist ein wunderschöner Abend, der Gesang der Vögel, der Duft in der frischen Luft… Wären die Räder nicht so dreckig, hätte ich ins Bad fahren können, den linken Unterarm mit heißem Wasser baden, damit die Haut etwas weicher, geschmeidiger wird. So wie ich da draußen gerade ein Teil meiner Natur war, gab es nur noch eine Antwort auf all meine Fragen. Der letzte Weg, der letzte Schritt, das Leben dauert doch ohnehin schon viel zu lange.

Aus der gelben Schachtel ein neues Kuvert ziehen. Es tut mir jetzt schon leid darum, weil ich ihr nicht gerecht werden kann und man sich zwangsläufig in jüngere Jahre zurücksehnt, als Selbsterhaltung und Kontrolle zumindest diese Sparte betreffend noch nicht von Bedeutung waren.

Einmal tief Luft holen und seufzen. Die Hände eiskalt. Noch 1 Stunde bis zur Therapie. Sebastian meinte zuvor abschließend, er würde sich Mühe geben, bis 20:00 Uhr zurück zu sein. Es ist mir egal. Je größer das Zeitfenster, desto besser. Und es tut mir leid zugleich. Warum tue ich so, fühle mich so schlecht, als wäre ich jemals Bestandteil einer heilen Familie gewesen? Das ist doch nicht mehr als eine Lüge!

Den entblößten Arm auf das Tuch, welches ich über den Schoß gebreitet habe, legen und mit Blick nach draußen abwarten. Meldet sich schon die Mischung im Kopf? Ich will mein Leben zurück… und die Klinge setzt zum ersten Schnitt an… Nicht tief genug. Vier Tropfen Blut. Der Schwerste davon macht sich auf den Weg. Ins Badezimmer fahren…

Nach wenigen Minuten mit krebsroten Händen wiederkehren. Ansetzen… Den Schmerz gewähren lassen… Fünf… Draußen ruft der Schwarzspecht… Die Haut ist verbraucht, Leder oder Gummi. Wo bleibt der „Ausrutscher“?… Die Aufnahmen im neuen Video dienen vermutlich auch nur dem einen Zweck, unter Beweis zu stellen, was für ein Blutbad sich mit oberflächlichen Kratzern anstellen lässt. Fine streift um mich herum wie eine Verbrecherin. Mit einer alten Klinge über die Haut schaben, die einzelnen Rinnsale zu einem großen zusammen kratzen. Das Licht auf der Landschaft wird abendlich und ich weiß nicht, ob 15 Schnitte schon genügen.

Nein. Es reicht nicht. Wie eben auch der Rausch nicht reicht. Im Hinterkopf immer noch den Orangenlikör in der Vorratskammer. So schade um die neue Rasierklinge. Warum kann ich mir vorstellen, mich umzubringen, aber schaffe es nicht, tiefer zu schneiden? Weil ich mit dem Suizid keine Schmerzen verbinde, weil ich in meinem Leben genug Schmerzen erdulden musste?

Auf dem Sofa schnarcht Martha. Mir bleibt noch eine Dreiviertelstunde. Die Pfütze auf dem alten Geschirrtuch wird größer und größer. Nichtsdestotrotz beginnt das Blut zu gerinnen. Ein letzter schöner Schnitt… Aber ich denke viel zu lange darüber nach. Watte kriecht in meinen Schädel. 16 und 17 mit mehr Nachdruck, näher an den Schmerz heran. Zwecklos. Der linke Unterarm hat seinen Dienst getan, verbraucht. Dann sind es 20 und keine einzige der Wunden klafft auch nur dezent auseinander. Ich müsste die breite Seite nehmen. 24. Als sei die Klinge stumpf, mehrmals in Gebrauch gewesen. Die Kante wechseln.

Bei 32 ist Schluss. Der Arm überreizt. Er sähe hässlich aus, wurde mir gesagt. Ich sehe das anders.

17:29
All das, was mich verraten könnte, verschwindet in seinen Verstecken. Fine ist ganz unruhig, ums Haus alles voll mit diversen Katern. Darunter sogar eine Angorakatze. Ich sollte Brigitte tunlichst nicht die rechte Hand geben. So ich es nicht mehr ins Badezimmer zum Händewaschen schaffe. Keine halbe Stunde mehr. Was werfe ich noch ein, was stellt mich ab, besänftigt die Teile in mir, die nach Suizid schreien?…

Weitere 40 Tropfen, also eine doppelte Dosis Tramal.

18:56
Sie hat mir die Hand ohnehin nicht gegeben, weil sie sich krank fühlt. Es dauerte nicht allzu lange, eigentlich direkt nach Beichten meiner pharmazeutischen Sünden in Tränen ausgebrochen und mich nicht mehr unter Kontrolle gebracht. Unterdes einen Apfel gegessen, weil mir von den letzten Tramaltropfen ganz schlecht geworden war. Ich fühle mich leer. Es würde wieder besser werden, hat sie gesagt. Beim Abschied meine Schulter gestreichelt. Ich bin ratlos und der Korb steht immer noch da, evoziert Bilder in mir…

Meine Mutter und ich beim Spazieren und sie wickelt mich in die eine Hälfte ihrer weiten Strickweste, Arm in Arm und sie erzählt Geschichten von früher, ich lausche gespannt und auch etwas bewegt.
Meine Mutter fährt mit mir und einer meiner Freundinnen mit dem Auto durch die Landschaft, in irgendwelche Waldstraßen hinein, oder an der überschwemmten Lafnitz entlang, durch riesengroße Pfützen, das Wasser spritzt, man wird im Auto hin und her geworfen und es ist ein Heidenspaß!
Ich sehe meine Mutter, wie sie abstreitet, ihr jemals von den drei Übergriffen erzählt zu haben.
Wie sie dementiert gesagt zu haben, diese Männer könne man nicht anzeigen.
Wie sie dann die Schuld in der zeitlichen Epoche gesucht hat, „dass es damals so war“ und abschließend der Vergleich, ich sei ja viel sensibler (hypersensibler) als sie, also selber schuld.
Wie sie anfing, einen Konkurrenzkampf aus meiner MS mit ihrer zu machen.
Wie sie nach Auszug ins neue Haus 1000 mal am Tag angerufen hat, bis ich Nervenzusammenbrüche davon bekommen habe.
Wie sie mir das Gefühl vermittelt hat, alles haben zu müssen, was ich habe. Ob im Guten oder Schlechten.
Und die ganzen Sterbefantasien, seit 33 Jahren, beinahe mein ganzes Dasein hindurch…

Um mir abschließend die Frage zu stellen: Tür und Tor stehen weit offen, die Arme breit geöffnet, also warum höre ich nicht auf damit, ein Psycho zu sein? Das Leben aller wäre doch gleich so viel einfacher! Gefühle sind doch keine Erinnerungen und erst recht keine Fakten… Was muss ich mich dermaßen wie ein Spalter, ein Monster, wie Rumpelstilzchen selbst aufführen?

Meine Antwort darauf? Ich bring mich um und alles ist gut.

Wir sehen uns nächste Woche…?“, Brigitte mit ernstem Blick und gerunzelter Stirn. „Mal sehen…“, lautet darauf meine regelrecht nach Aufmerksamkeit schreiende Antwort…

DU BIST SO SCHEISSE!!! KAPIER DAS ENDLICH UND ZIEHE KONSEQUENZEN DARAUS!!!

20:09
Sebastian ruft an; er kommt wohl erst in ner Stunde.
Zum Skalpell greifen… Unterdes Musik für’s Video runterladen…

Die Packung ist offen; keine Ahnung, wie lange schon.

Und was wird das jetzt?!! Willst du dich noch mehr der Lächerlichkeit preisgeben??!!

Wahrscheinlich. Mich fühlen wie ein ausgestopftes Exponat in einem Museum für makabere Absonderlichkeiten. Ob die Betäubung vom Hirn hinunter reicht bis in den Unterarm? In der Dunkelheit bellt ein Hund. Der Probeschnitt am Verbandsstrumpf hinterlässt keine Spuren. Meine Augen fallen ständig zu und das dulde ich erst recht nicht. Also setze ich erneut an… Wie viele waren es vorher? 34? Ich kann mir nichts merken, aber es waren scheinbar 32. Ich spüre meinen Rücken nicht, ebenso ist der Ischias verstummt und die Verspannungen im Nacken vermeintlich nicht mehr existent.

Dieses Werkzeug liegt besser in der Hand, zwecks langem Griff. Dennoch im Vergleich zur Rasierklinge „schneidet es signifikant schlechter ab“. Da klafft nichts. Obwohl ich langsam und mit Druck zu Werke gehe.

Das wird wieder ein Tagebucheintrag, den die Welt nicht braucht.

Nach drei Stück landet das Werkzeug wieder in seiner Plastikfolie. Darauf warten, aus Versehen alles mit meinem Blut zu besudeln. Auf der Suche nach einer offenen Folie von der anderen Sorte. Was wäre, käme Sebastian herein…? Die Kerze im Stövchen erlischt; der Tee steht ja auch nur bereits 3 Stunden darauf und noch nicht einmal zur Hälfte getrunken. Nächster und vermutlich letzte Anlauf… Mir meine Schlechtigkeit unter die Haut meißeln!…

Meine Güte! Das Ding ist noch stumpfer! Zehn. So ich überhaupt noch fähig bin korrekt mitzuzählen.
Zu schwach, den Verband überzustreifen. Sebastian wird wohl wieder sagen: „Ich hätte dir gar nichts erzählen sollen! Das wäre besser gewesen! Warum fragst du mich dann auch immer, wenn es dir danach so schlecht geht?!“. Und wahrscheinlich wird er sich auch noch entschuldigen.

Der geborene Masochist…

Also es tut mir leid! Mit tut alles leid! Ein großes Entschuldigung die ganze Welt! In China ist der Reissack umgefallen? Sorry, das war wohl auch ich…