7. Juli 2018, Samstag

20:16
Wir wollten ohnehin irgendwo einkaufen gehen…
Dementsprechend überzeugte ich Sebastian davon, dass wir auch ins große Einkaufszentrum nach Oberwart fahren könnten. Unser erstes Ziel die allgemeine Ambulanz im Krankenhaus. Mein Katheter wurde gewechselt, neues Urikult gemacht und der freundliche Urologe machte keinen Hehl daraus, dass bei mir dank meiner MS ohnehin alles im Arsch sei. Ich meinte, schon lange kein Blasentraining betrieben zu haben, und er ganz fatalistisch: „Das bringt ohnehin nichts mehr! Ihre Blase ist kaputt!“.
Als er den Befund schrieb, gab ich ihm den Tipp, bei der Diagnose „Zombie“ zu vermerken…
Hahaha… Alles ja so lustig, ich habe Witze gemacht, über meine Situation, meine Schrottkiste von Körper usw. und so fort. Aber spätestens dann im Sportladen, als Sebastian sich nach neuen Dartpfeilen umsah, ging in mir beim Anblick der Laufabteilung wieder irgendetwas zu Bruch. Bin ich denn wirklich irgendwo ganz tief versteckt in mir der Meinung, dass ich jemals wieder laufen werde können? Wie dumm muss man sein??
Der Lächerlichkeit preisgegeben habe ich mich zu allem Überfluss auch noch, als ich meine Tablettendose stolz präsentierte und meinte, kein Problem zu haben, die einzelnen Präparate auseinanderhalten zu können. Den nächsten Scheiß gedreht… Das, was ich für die Retardtabletten gehalten und auch gestern sowie in den letzten Tagen, in denen es mir mit der Blase schlecht ging, eingeworfen hatte, waren in der Tat die Medikamente fürs Herzrasen!!
Hatte ich nicht zuletzt genau andersrum denselben Fehler begangen? Und die Tabletten gegen das Herzrasen mit denen für die Blase verwechselt und sogar geglaubt, sie würden die ersten Tage die Panikattacken eindämmen???
Wieder war die Rede von der Botoxspritze und auch da konnte ich mir die Klappe nicht halten: „Wow! Dann habe ich eine faltenfreie Blase… Wenigstens etwas!!“.
Die Schwester, die sich erst um mich kümmerte, erzählte sogleich, ihre „Schwester“ hätte ebenfalls MS. Wer hat denn nicht MS oder ist nicht mit jemandem verwandt oder kennt immerhin ein oder zwei Leute, die es haben?! Was für eine Volksseuche!

In der Wartezeit las ich wieder im Buch „Ich war erst 12“. Es ging darum, wie der Vater das erste Mal nachts ins Schlafzimmer der Tochter kommt und sie ausquetscht, wie sich das mit ihrem Freund verhalten würde. Ganz unschuldig, die beiden hielten Händchen und das war schon das größte der Gefühle. Nachdem sie ihn diese eine Nacht vertreiben konnte, wusste sie ganz genau, er würde wiederkommen. Und so geschah es auch. Dieser seltsame, gefährliche Blick. Bereits in der ersten Nacht hatte er ihr übers Haar gestreichelt… Und sie fühlte intuitiv, dass das nicht normal war! Denn er berührte sie nie! Er war auch sehr streng und mitunter aufbrausend. Sie respektierte ihn. Aber das, DAS war nicht mehr normal… Und sie fühlte sich schlecht!

Der Täter ist austauschbar. Wer auch immer, aber ich las diese Zeilen und bereits bei der kurzen Beschreibung der ersten Nacht konnte ich fühlen, wie sie sich gefühlt haben muss… Mir wurde schlecht, klamm, ich fühlte mich ekelhaft, dreckig und zugleich im Körper gefangen.
Dem voraus ging eine plötzliche Panikattacke, als ich mich bei der freundlichen Schwester angemeldet habe…

Das soll „Hineinsteigern“ sein? Nicht mehr als das?!!
Ich bin davon überzeugt, dass jeder Mensch, der sich selbst verletzt, sexuelle Gewalt erfahren hat!
Warum kann ich dann diese Überzeugung nicht auf mich selbst anwenden? Wenn ich doch weiß und keine Sekunde daran zweifle, dass andere Verdrängen, Abspalten??! Warum dann nicht ich ebenfalls???

Sebastian ist mit Jan und dem anderen Sebastian weggegangen. Ich bin allein und spüre in mir das Verlangen, mich zu verletzen…
Was waren das auch für Höllenschmerzen, als wir nach Hause kamen? Mein linkes Bein krampfte bereits die ganze Heimfahrt über. Mein Bauch eine steinharte, druckempfindliche Murmel. Erst recht angepisst vom Wechsel des Katheters. Alles tat weh. Wir haben zu Mittag gegessen und anschließend gab es sogar noch Eis… Für meine Verhältnisse viel zu viel und dreimal über den Hunger!! Dafür aber meldete sich dann mein Darm. Wunderbar… Kaum hatte ich mich vor der Toilette aus dem Rollstuhl erhoben, führte der Druck hinten zu einem bestialischen Krampf vorne im Unterleib, ich fiel um, auf die Kloschüssel und pinkelte mich wieder an. Ich biss vor Schmerzen in die Aufstehhilfe links von mir, ich bekam keine Luft mehr und es fühlte sich an, als würde der Krampf meine Harnröhre aus mir rausquetschen, oder besser noch, gleich noch die ganze Blase dazu!!

Der Arzt klärte mich darüber auf, dass die Krampflöser für die Blase nebst der Mundtrockenheit eben auch den Darm lähmen würden. Genauso wie das Lioresal, ganz zu schweigen von den Opioiden und erst recht den Morphinen, die fehlende Bewegung mal ausgeklammert. Er empfahl mir auch, stattdessen das Lioresal hoch zu dosieren. Ob das hilft? „Die Harnwegsinfekte werden immer wieder kommen und die Krämpfe… Die Blase ist auch nur ein Muskel, die MS schädigt alles.“.
Schwer seufzen.
Es war ein warmer Tag, wir waren von 10 bis nach 17:00 Uhr unterwegs. Aber ich wollte nicht verstehen, warum ich mir nach der grauenvollen Klositzung weder die Hände noch das Gesicht waschen konnte… Ich war unfähig, meine Hand zu heben, um damit den Schlauch am Wasserhahn festzuhalten und den eiskalten Strahl auf meine Visage zu richten, damit die Seife abläuft!!!

Um anschließend wieder unaufhörlich gähnen zu müssen. Es war zu viel… Auch jetzt kann ich auf dem Rollstuhl nicht mehr sitzen. Mein Ischias ist zu Tode beleidigt. Der Rücken gekränkt. Dabei will ich noch am Video arbeiten…

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27. April 2018, Freitag „Es war doch NUR ein Traum…?“

8:40
Es wird später und später, erst funktioniert das Mikrofon nicht, dann das Sprachprogramm, unnötig verstreichen wichtige Minuten und ich muss befürchten, dass der schöne Schein von gestern jetzt ein Ende nimmt, die nächste Panikattacke nicht auf sich warten lässt!
Der Morgen beginnt mit Spannungen. Sebastian ist beleidigt, ob meines Vorwurfes mich nicht ernst zu nehmen. Ich bin gekränkt, weil er mich nicht ernst nimmt. Ihm von meinem Traum berichtet. Für mich war dieser wie eine Erleuchtung!

Die Sitzung mit Brigitte gestern zeigte für mich ganz klar, dass ich mit ihrer Herangehensweise nichts anfangen kann. Auch wenn sie betonte, ich müsse ihr nichts liefern, halte ich es dennoch nicht aus, dass sie einfach nur da sitzt und zuhört und sich selbst komplett herausnimmt aus dem Prozess. Sie meinte gestern auch: „Es ist nicht gut, wenn der Therapeut zu viel sagt oder fragt, damit beeinflusst er ja den Klienten, gibt die Richtung vor…“. Was soviel heißen soll wie…? Dass Markus mich permanent manipuliert? Ich komme nicht damit klar, wenn sie, wie eben auch Sebastian heute Morgen, über gewisse Sachen lacht, sich amüsiert, die ich wahrlich nicht zum Lachen finde.

Natürlich klang die Beschreibung meines Traumes ganz schön obskur, aber für mich bedeuteten die kleinen Töne dazwischen die Erkenntnis. Der Zirkus drumrum war nicht das Entscheidende! Aber Sebastian hörte scheinbar nur das und rechtfertigte sich hinterher mit: „Aber es ist und bleibt NUR ein Traum!“.
Nein… Eben nicht. „Ich erwarte mir ja gerade IN meinen Träumen Antworten von meinem Unterbewusstsein zu erhalten!!“. So schmollten wir eben beide ein paar Minuten vor uns hin.

Wir übernachteten im Gasthaus, in unserem Wohnzimmer von 2000-2003. Warum genau, weiß ich nicht mehr. Erst war Sebastian meine beste Freundin, oder ein Teil von mir… Ich weiß es nicht mehr genau. Draußen laute Musik. Im Haus der alten Nachbarn der jüngste Sprössling, sorgte für musikalische Untermalung des Spektakels vor dem Gasthaus. Eine Jungschar, lauter junge Männer aus dem Dorf, Jäger und Nazis, oder wie man sich hierzulande ganz modern schimpft „die Identitären“. Einige kamen mit Motorrädern und Waffen in der Hand. Sie würden sich gleich auf den Weg machen und alles abknallen, was ihnen vor die Flinte käme. Meine Mutter sorgte für das leibliche Wohl dieser Höllenbande.
Ich bin mir nicht mehr sicher, ob das vorher oder später passierte. Tatsache ist, ich hatte das Fenster geöffnet und auf einen von ihnen hinunter gespuckt. Da kam meine Mutter von unten wie eine Furie angerauscht, machte mir eine Szene, ob ich sie, das Geschäft kaputtmachen will. Dass ich genau DEN Typen erwischt hätte, der in der Verwandtschaft irgendwelche hohen Politiker hatte. Dort hätte er sich beschwert, dieser Kanzler oder was auch immer darauf meiner Mutter per Telefon mitgeteilt, dass sie wegen dieser Frechheit keinen einzigen Groschen bezahlen würden. […..]

Oben angekommen gegenüber vom Bauernhof von Barbara und Rudi (er ruhe in Frieden) wurde ich wie fremdgesteuert verlangsamt. Denn auf der Seite gegenüber, die Betonmauer um das Haus von diesem Mediamarkt-Futzi, wurde plötzlich zur Leinwand. Da standen Worte, ich hörte Geräusche, sah Dinge, roch irgendetwas und las währenddessen auch noch laut vor: „… Das kenne ich schon, das kenne ich schon, das kenne ich schon…“.
Zügig wurde mir klar: Das war die Zusammenfassung all meiner Absenzen!! Jeder einzelne Trigger war dort aufgelistet, zusammengefasst!! So einfach!!
Spätestens an diesem Punkt wurde mir bewusst, dass das alles zuvor nur ein Traum im Traum war. Oder gar nur eine Absenz, die vielleicht wenige Sekunden gedauert hatte!!
Ich marschierte zurück zum Gasthaus. Nun eben erwacht aus dem Traum im Traum.  […..] Alles spielte sich jetzt nicht so übertrieben und fantastisch ab wie in der ersten Version. […..]

Und wieder floh ich, rannte weg, wollte den Berg hoch laufen, aber die Straße hatte sich verändert, da waren lauter schmale Bahnen, teilweise zu schmal, um darin zu laufen. […..]

Und all das ist wahrlich NICHTS, worüber man lachen sollte. Oder wie Sebastian es häufig tut, regelrecht „abtut“, mit einem „Ach ja… Du träumst aber auch ein Zeug!“. Und/ABER eben am schlimmsten, am Schluss seine Reaktion damit zu rechtfertigen, dass es NUR ein Traum war und nichts zu bedeuten hat. Genauso wie Brigitte über meine Träume immer lacht. Sollte ich so ehrlich sein, und die Therapie mit ihr beenden? Weil sie mich in den zurückliegenden dreieinhalb Jahren überhaupt nicht weitergebracht hat? Ist DAS zu sagen nicht undankbar, wenn ich doch alles gratis, sozusagen in den Arsch geblasen bekomme und andere FROH wären, wenn ihnen mal jemand zuhört?!

Mittlerweile ist es 9:26 Uhr. Ich muss in Graz anrufen. Während ich den Traum festhielt, vermochte ich keinen einzigen Strich zu malen. Nachher kommt auch noch Sonja und ich spüre zumindest das Grundsubstrat einer Panik. Noch schlimmer: Aus Angst vor der Angst will ich mich jetzt abschießen! Dafür, dass ich noch nichts geleistet habe, sowieso bestrafen! Mir plötzlich der Unordnung um mich rum gewahr werden. Die Rechte klimpert schon wieder.

9:36
Na? Ist das was?
HEUREKA!!!
Hört man den Stein plumpsen? „KEIN Wachstum im Uricult!!“! Dabei hatte der Hausarzt Sebastian gestern bereits ein Rezept für Antibiotika mitgegeben!!
Muss ich mich jetzt immer noch abstellen?
Meine Stimme klingt, und klang erst recht gestern Abend, als wäre ich ein zwölfjähriger Junge im Stimmbruch. Dann eben noch DIESE Baustelle!

Du hast dich nicht bewegt! Keine einzige Übung gemacht!! Und dann dein Gewicht, du fette Sau!!

59,6 Kilo um 6:45 Uhr. Obwohl meine Verdauung gestern nach Tagen mal wieder etwas sagen wollte. Obwohl es zu Mittag nur Eiweißshake und Wassermelone, abends nur Suppe und ein Mehrkornbrötchen gab. Die Hand klimpert weiter…

11:11
Wofür den Katheter erweitert?
Wofür die ganzen Tabletten?
Gerade einmal 30 Minuten gemalt, um mir dann nach einem Blasenkrampf in den darauffolgenden 5 Minuten schrittweise in die Hose zu machen, durch die Einlage, durch Unterhose und Hose, und schlussendlich durch das Handtuch hindurch. Immer und immer und immer wieder der gleiche Text. Mich umzuziehen, neue Unterhose mit ganz großer Einlage, darüber auch noch eine Windel- das allein kostete eine halbe Stunde. Anschließend konnte ich mir die Zähne nicht mehr putzen… Musste mit beiden Unterarmen aufs Waschbecken gelehnt versuchen, die Bürste hauptsächlich mit dem Mund von links nach rechts zu schieben und erst recht festzuhalten. Die Arme nicht mehr heben können. Nicht mehr gehen können. Nicht mehr stehen können. Unfähig, den Lichtschalter unter meinem Tisch zu betätigen. Kopfschmerzen setzen ein, 37,8 °C. Ist es ein technisches, physikalisches Problem? Gebührt der ganze Ruhm der Psychosomatik?
Und als hätte es keinen besseren Moment dafür gegeben, wird jetzt gerade draußen aus Regenwetterwolken Sonnenschein! Ich bin fertig. Hab meine liebe Not, das Headset auf den Kopf zu bekommen. Die hässliche Visage im Spiegel… Rein schlagen will ich!!! Mich bedingt durch die Extraschichten unten rum NOCH fetter fühlen! Dabei ragt meine Wampe, mein Schwangerschaftsbauch selbstbewusst über den gespannten Hosenbund hinaus. Keine Luft mehr bekommen. Als hätte ich ein halbes Spanferkel ganz allein in mich hinein gestopft!

In mich hinein sprechen: „Bist du das, Kind? Setzt dich über alles, was allgemeingültig als unmöglich erscheint, hinweg? Willst du mir was sagen, etwas zeigen?“.

Ich komme mir dabei selten dämlich vor. Die Hand klimpert und ich will mich nur noch wie ein verprügelter Hund irgendwo verkriechen. Aufs Sofa, die Tür absperren, keiner kommt mehr rein. Aber ich erwarte noch Sonja. Glaube ich zumindest, im Kalender steht nichts, aber das hat nichts zu bedeuten. Schlagartig wieder bei 0. Oder weit darüber hinaus im Minusbereich. Verdammt, bei dieser Katheterweite dürfte das doch gar nicht mehr möglich sein! Aber… Ist es nicht bereits gestern vorgefallen, im Kleinformat?
Ich hätte jetzt eine Aufnahme gemacht, ein kurzes Statement von mir gegeben. Aber so wie ich aussehe? Ich bin ein Brechmittel! Erkenne mich schon wieder nicht!

Ein Fass ohne Boden… Es darf mir nicht gut gehen!
Plötzlich wieder Kindheitserinnerungen, ich sehe Signor Rossi, Sonntagvormittag. Wie soll mir das weiterhelfen?

Versuchen mit letzter Kraft Wasser ins Glas zu kippen. Preiselbeersaft als letzte Hoffnung. Neben den Spasmolytika vom Hausarzt, die scheinbar noch besser gewirkt haben als die ganz neuen. Außerdem nimmt man diese dreimal täglich. Draußen verfärbt sich der Himmel blau und meine Stimme ist als solche kaum noch auszumachen.

18:02
Mich in der Uhrzeit geirrt. Erst in einer Stunde Sitzung. Automatisch geht das Klimpern wieder los. Durchs offene Wohnzimmerfenster dringt der Gesang der Vögel in den Raum. Wie gerne wäre ich draußen. Aber der Wind… Der Anblick der schaukelnden Sträucher und Bäume bereitet bereits Kopfschmerzen.

Auch weiß ich jetzt nicht mehr, was ich von den Ergebnissen vom Fieberthermometer halten soll. Sebastian messen lassen. Selbst da zeigte es über 37°C an; er fühlt sich überhaupt nicht krank, ist nicht krank. Also bedeuten meine 37,4°C oder mehr zuvor ebenfalls nichts? Mich wieder schön wie ein Hypochonder hinein gesteigert?! Mich zum Deppen gemacht?! Weil ich schlicht und ergreifend eine faule Sau bin und lediglich einen festen Tritt in den Arsch benötige??!!
Mich warm einpacken und mit dem Rollator draußen auf dem Parkplatz ein paar Runden drehen…

ABER NEIN!! DAS FETTE STÜCK SCHEISSE BLEIBT SITZEN!!!

Bewegungslos, wie eingefroren. Zur Farbe greifen, weiter arbeiten… Stattdessen verliert sich mein Blick wieder einmal draußen im Nichts und die einzig erbrachte Leistung heißt Klimpern. Ich verachte mich. Ich verachte mich für das Eis, welches mir Sebastian mitgebracht hat und von dem ich mindestens zwei Drittel gefressen habe, ehe ich den Rest an ihn abtrat.

Das gute Headset funktioniert auch nicht mehr, hat wie das andere einen Wackelkontakt. Ich sehe plötzlich nur noch Dinge, die kaputt sind, während ich mich hier in meinem goldenen Käfig selbst einsperre. Mir wird schlecht… Und scheine überhaupt nicht mehr zu schätzen zu wissen, dass die Panik nachgelassen hat. Als hätte es die zurückliegenden Tage gar nicht gegeben.

Eine volle Dosis vom Tramal. Der ungestüme Trampel schmeißt beinahe die volle Tablettendose runter… Ich bin so dumm!
Beim Blick nach draußen sehe ich meine beste Freundin und mich mit den Inlineskates. Ich sehe uns vom langen Ausritt zurückkommen. Ich sehe mich laufen… Spätestens jetzt hat die Depression was zu kauen bekommen.

18:54
Mich überwunden, die Leinwand zu mir gezogen… Meldet sich die Verdauung. Verflucht! Ich saß doch erst vor einer halben Stunde auf dem Klo, mit Sebastians Hilfe Hose erst runter und dann wieder rauf!
Das dauert wieder Minuten, kostete wieder Kraft und ich bin wieder unbrauchbar. Während draußen der Abend vorbereitet wird, die Erkenntnis gewinnen, dass von mir nichts mehr übrig ist. All das, worüber ich mich selbst noch so einigermaßen definieren konnte, ist Geschichte.

Die Anstrengung löste plötzlich heftige Kopfschmerzen aus. Schöne Grüße an die Pharmaindustrie… Ein Mexalen geschluckt. Jetzt sind es wenigstens 37,9°C. Mir wird schlecht. Die Hand klimpert noch schneller. Mich dabei kaum auf dem Rollstuhl aufrecht halten können.
Warum lebe ich noch?

SELBSTMITLEID!! Zieh endlich Konsequenzen draus!!

Die Sitzung beginnt jetzt…

23. April 2018, Montag

17:55
59,3 um 8:00 Uhr? Ich weiß es nicht mehr. 59,2 Kilo? Tabula rasa in meiner Birne. Lediglich eine Funktion am Überreagieren: die Dissoziation! Den ganzen Tag schon und erst recht gerade eben während der zweistündigen Psychoanalyse.

Da marschiert Martha mit einem Zilpalp im Schnabel über die Terrasse! Sebastian oben anrufen, er kommt runter gestürmt, erschreckt laut seiner Aussage die Katze draußen, die den Vogel fliegen lässt. Oder er sagt es zumindest, um mich zu beruhigen. Aber ich trotz allem bitterernst: „Ich sag’s dir! Das waren die letzten Katzen, die wir in diesem Haus haben! Mir reicht es und es geht einfach nicht mit dem Paradies hier ums Haus! Es tut mir jedes Mal in der Seele weh, wenn die beiden Biester irgendetwas anschleppen!!“. Wortlos verlässt er das Wohnzimmer und geht wieder nach oben.

In der Analyse immer wieder eine Vollbremsung vorm Abgrund, mindestens 20 mal kurz vor einer Absenz! Teilweise das Gefühl, sie mehr oder minder selbst auslösen zu können!
Auch jetzt, wenn ich der Korrektur wegen Passagen wiederholen muss, dieses elende Dejavuegefühl. Das mit der Situation hier und jetzt überhaupt nichts zu tun hat! Markus darauf, das sei ein sehr gutes Zeichen, wir würden wohl ab nächster Woche die Frequenz erhöhen, wieder jeden Tag Sitzung machen. Dafür spräche erst recht das, was ich ihm vom Wochenende berichte…

Wieder kann ich mich nicht an meine Träume erinnern. Auf der Terrasse treibt sich nun der Angorakater herum, pisst ungeniert gegen den weißen Gartenstuhl. Es war so heiß im Taxi, es war gerade eben während der Therapie so heiß, mein Oberteil stinkt zum Himmel. Die Herrschaften in der Urologie haben wie von mir gewünscht den Katheter aufgeweitet, von 12 auf 14. Bei der Gelegenheit aus dem neuen Stück ebenfalls eine Urinprobe entnommen, freitags bekomme ich Bescheid, was sich erneut in meiner Blase herumtreibt. Gemeinschaftliches Kopfnicken zu meiner Aussage, ich könne ja nicht zweimal im Monat Antibiotika fressen. Um auf diesem Wege alsbald Resistenzen zu riskieren! Man vereinbart, die Frequenz der Wechsel zu verkürzen, nächster Termin in vier Wochen. Dazu wurde mir das dritte Spasmolytikum verschrieben. Die nächste Option wäre dann wohl die Botoxspritze direkt in die Blase.
Markus äußerte den Verdacht, dass das mit der Inkontinenz die nächsten Tage -egal welche Wege und Mittel nun auch noch ausprobiert würden- zunehmen könnte. Urinieren als Versuch der Selbstreinigung. Eine Regression zum bettnässenden Kind. „Ganz leise hatte auch ich bereits diesen Verdacht…“, teilte ich ihm noch mit.

Ein Unwetter fegte nachmittags übers Land, dicke Hagelkörner, Donner und Blitze. Ein Trigger nach dem anderen. Aber jetzt gerade, da das Land wieder ganz friedlich allmählich dem Abend entgegen strebt, noch mehr Erinnerungen an meine Kindheit, noch häufiger das Gefühl, das Bewusstsein zu verlieren.

Ich sehe Spaziergänge mit meiner Mutter.
Ich sehe Spaziergänge mit meiner Oma, bin noch ganz klein, gehe an ihrer Hand.
Ich sehe große Feste im Gasthaus, die ganze Verwandtschaft ist da, um zu helfen.
Ich sehe Tante und Onkel aus Pinkafeld.
Ich sehe die Tage vor meiner Einweisung ins Krankenhaus.
Sehe mich draußen ums Gasthaus herum treiben, mit anderen Kindern. Nach so einem großen Fest. Während so einem großen Fest.
Wieder die Einäscherung meiner Oma.
Als ganz kleines Kind ins Bett gehen, obwohl es draußen noch hell ist.
Usw. und so fort. Alles harmlos, aber ich bekomme keine Luft mehr. Das Dejavuegefühl raubte mir die ganze Sitzung hindurch den Atem, als sei es eine Würgeschlange, die mich zumindest bereits bis zum Torso verschlungen hat.
Ich sehe ganz bestimmte Spaziergänge. Ich bin wieder bei diesem Spaziergang. Frühling. Sommeranfang. Unterdes geht mein Blick ins Leere.

Zur Abenddosis wieder zum Lorazepam (Temesta) gegriffen. Wieder in Kombination mit 2,6 mg Morphium. Oder waren es nur 1,3? Ich weiß es nicht, obwohl es wenige Minuten her ist. Ich wollte rausfahren, aber die Wege allesamt so dreckig, ich würde nur die Arbeit von der Volkshilfe heute Vormittag zunichte machen, käme ich danach zurück ins Haus mit dem Rollstuhl. Also bleibe ich hier hocken, gefangen in meiner Unbeweglichkeit. Wie gerne würde ich an der Animation fürs neue Video arbeiten. Dabei unfähig, auch nur eine winzige Notiz in meinem Kalender zu machen.
Zur Beruhigung ein Räucherstäbchen angesteckt. Der Geruch vom Streichholz wurde zum nächsten Trigger. Ich bin in Graz bei meiner Oma, in ihrer kleinen Wohnung.
Ich sitze zusammen mit ihr und ihrem Besuch im Gastzimmer rechts hinten am Tisch. Und die beiden alten Leute (ich denke, einer davon ist Arzt) sagen, ich sei so süß, man könne mich auffressen, sie wollen mich einpacken. War es Traum oder Tatsache, dass sie mich unter dem Gelächter meiner Oma dann schlussendlich tatsächlich noch gepackt und in der Dunkelheit hinaus zu ihrem Auto geschleppt haben, zu ihrem Kofferraum und so taten, als wollten sie mich da hinein sperren und mit sich mitnehmen? War es Traum oder Tatsache, dass ich mich losreißen konnte und alle drei nur begeistert über sich selbst in lautes Gelächter verfielen?
Ich sehe die kleine Amsel in meiner kleinen Kinderhand sterben.
So wie ich gestern ein Deodorant oder Parfüm wahrgenommen habe, welches ich seit Kindertagen nicht mehr in der Nase hatte.
Mir bleibt die Luft weg.
Es ist dasselbe Licht wie in diesem Traum aus Kindertagen, in dem ich oben am Hang gegenüber vom Gasthaus beim verfallenen Haus in eines der Silos gestürzt bin, mein Vater und mein Bruder sehen auf mich herab, tatenlos, und gehen dann weg, nach Hause und lassen mich im Loch sitzen, verrecken.
Ich sehe mich bei diversen kirchlichen Veranstaltungen. Erstkommunion.
Bin mit meinem Vater bei dessen besten Kumpel, draußen in den Wäldern hinter Fürstenfeld, wo es so stark nach Baumharz riecht, von den ganzen Fichten und Tannen und Föhren. Wie schon in der Sitzung steigt mir vermeintlich ein scharfer Geruch in die Nase. Oder der Geist von einem Geruch, denn ich rieche nichts, nur die Nase reagiert so, als befände sie sich in dieser Situation, die Nasenflügel geweitet, ein scharfer Schmerz in den Stirnhöhlen, alles zieht sich zusammen, nach oben.

Geburtstagsfeier bei einer Freundin in Jennersdorf.
Meine Mutter spaziert mit meinem Bruder, mit mir und meiner Oma zu den Ruinen ihres Heimatshauses, 1 km hier die Straße runter rechts oben am Hang. Ich glaube, Adi und Tanja, die Nachbarskinder sind auch dabei. Aber da war es Herbst.
Ich sehe irgendwelche Vorbereitungen für ein Fest in der Hauptschule.
Ich sehe uns im Hauptschulalter nachts vom Ausflug mit dem Musiklehrer zu einer Oper nach Hause kommen.
Wir sind in Jennersdorf an der Raab, Willi, der Lebensgefährte meiner Oma angelt dort abends und wir sind mit dabei.
Sehe den Frühling und zugleich den Tod…

Es wird 18:50 und ich warte sehnsüchtig auf das Einsetzen der Wirkung. In mich hinein: „Kind, Kinder, sprecht bitte mit mir!“. Will etwas zeichnen, eine Brücke schlagen zur Kommunikation, aber ich bin von oben bis unten gelähmt. Leichenstarre. Rumpelstilzchen längst bei den Rasierklingen. Vor 1 Stunde das Blut von gestern von den Armen gewaschen. Eine braune Suppe ergoss sich über die weiße Keramik, der Unterarm, die Haut blau unterlaufen. Die Rechte klimpert unbeholfen. In mir gefangen.
Träumte ich nur davon oder war es eine Erkenntnis? Ein Blick auf meine Kindheit, eine schwarze Episode auf meiner Lebenslinie, und zu denken begann ich erst mit 11…

Kein Wunder bei dem SCHEISS, den du da ständig liest!!!

Fordert er dich aktuell häufiger auf, dich umzubringen?“, Markus Frage. Häufiger… Ist nicht auch das einem gewissen Wellengang unterworfen?

Ich sehe uns Kinder abends nach Hause kommen, wir spielen noch Karten. Aber ein Detail fehlt… Was ist mit dem Zubettgehen? Ich weiß, ins Zimmer meiner Eltern geflohen zu sein. Aber keine einzige Erinnerung daran, in meinem Kinderzimmer ins Bett gekrabbelt zu sein. (Beim zweiten Mal Lesen, der Korrektur wegen, wieder haarscharf an der Absenz vorbei schlittern, mir wird schlecht…)

Das machst du absichtlich! Redest dir das absichtlich ein!!!

Stücke fehlen, ganze Zeitspannen fehlen…

ALLES EINBILDUNG!!! UND WARUM AUCH NICHT? WIE SOLLST DU WISSEN, WAS DU VOR 30 JAHREN GEMACHT HAST, WENN DU DIR NICHT MAL MERKEN KANNST, WAS VOR 5 MINUTEN WAR?!!!

Ich spüre in mir die Angst. Angst davor nicht zu wissen, wie es weitergehen soll. Unfähig, die Maus zu bedienen.

Ich sehe mich im Nachthemd, es gibt Abendessen, heiße Kartoffeln aus dem Backrohr, dazu Butter, Salz und ein Glas Milch. Im Fernsehen läuft „Puschel -das Eichhorn“.

Ich möchte sagen: „Hach, war das damals schön!“, aber lediglich beim Formulieren der Worte für den Eintrag bleibt mir jedes einzelne im Hals stecken. Alles falsch. Ich war schlecht. Ich bin schlecht.

Die Unordnung auf meinem Tisch scheint dies zu bestätigen.
Ich sehe mich mit meiner Mutter unten an der Volksschule, wir pflücken Herzkirschen von diesem riesengroßen Baum und sie sagt, ich soll abends nicht so viel davon essen, sonst bekomme ich Bauchschmerzen…

Sterbefantasien. Schuldgefühle. Leichenhallenstimmung.

Und das Bild bleibt liegen, wie schon seit Tagen. Tot…?

Dann kommt die Panik angekrochen, Sebastian könne bald runter kommen und der Tag, der Abend würde damit seinen Abschluss finden. Die Wasserflasche ist leer. Unfähig, zum Kühlschrank zu gehen?

Ich sehe Beerdigungen, sehe Spaziergänge auf diversen Friedhöfen… Die Kehle wie zugeschnürt.
Sehe mich in Krankenhäusern liegen. Sehe mich in Krankenhäusern Patienten besuchen, mit meiner Mutter.

Es wird 19:24 Uhr. Mich aufraffen, zum Kühlschrank gehen. Am Waldrand steht eine trächtige Ricke und genießt den Frieden im Graben. Ich weiß nicht, ob ich Betäubung spüre oder nicht. In kleinen Schüben erdrosseln mich die Panikzustände. Mich dem Videomaterial widmen, irgendwie den Schädel ausschalten, ich kann nicht mehr…

8. April 2018, Sonntag

18:05
Schwer seufzen…

Wie ein beschissenes kleines Baby!!!

Blauer Himmel und unangenehmer Wind. Hat mich schlussendlich vertrieben. Und wieder geht alles Mögliche schief. Jedes einzelne Mal wie ein Tritt direkt in die Fresse! Mein interner Freund am Toben. Oder ich produziere ihn nur, um meinen Zorn zu kanalisieren.

59,2 Kilo um 9:30 Uhr. Wie kam ich mir vor, als mich Sebastian für meinen Ausflug anzog? Wie ein Kindergartenkind! Wird von Mutti in dicke, warme Sachen gepackt, damit es sich nicht verkühlt. Doch das Gesicht, das da im Spiegel zu sehen ist, ist alt. Lang und uralt. Ich möchte mit der Faust genau zwischen die beiden dämlichen Augen schlagen. Nicht nur einmal heute bekundet, die Schnauze gestrichen voll zu haben. Darauf bauen, langsam zu verrecken… Erste Amtshandlung des Tages?! Die Kamera runterschmeißen!!! Was habe ich nur für einen Verschleiß!!! Ich bin für alles zu blöd, zu dämlich, zu dumm!!!

Eine Horde Stieglitze landet draußen kurzfristig im Sanddorn. Er hat neues Futter angerichtet. Wie ich aber bei meinem Ausflug sehen durfte, ist die gastronomische Konkurrenz mannigfaltig. Ich habe Kopfschmerzen und das Abendlicht erinnert mich an irgendeinen Tag in meiner Kindheit, an dem ich immer wieder hängen bleibe. Der rechte Lymphknoten pulsiert, der Hals wie zugeschnürt.

Weichei! Stirb endlich!!

Ein Buchfink ersetzt den Stieglitz und zieht kurz die Aufmerksamkeit auf sich. Die Kunde, dass es neues Buffet gibt, hat sich in Windeseile verbreitet. Die Kamera wieder von der Hand streifen, genau wissend, dass dann sicherlich gleich der nächste Vogel auftaucht. Man den Eindruck gewinnen könnte: „Du wirst verarscht!“. Der Ausflug heute war nur kurz und erbrachte keinerlei Aufnahmen. Zurück, zu hause ein paar Schritte mit dem Rollator gemacht. Weit kam ich nicht. Dann brach ich vor Schwäche zusammen und die Hasstiraden gingen zur Dauerbeschallung über. Ich sei ja selber schuld, ich bräuchte nicht in Selbstmitleid zerfließen, kein Wunder, wenn man nichts mehr macht, baut man eben Muskeln ab, da man ja nur noch die faule Sau markiert usw. und so fort. Die Träume der letzten Nächte harmlos; soweit ich es bewerten kann.

Weil dir nichts passiert ist, kapier es endlich!!!

Am späten Nachmittag gab es statt Mittag ein paar Kekse mit Kaffee und Milch. Meine Temperatur gemessen, um das Ergebnis sodann auf den dicken Pullover zu schieben: 36,9 °C. Dennoch ein Paracetamol eingenommen. Auch jetzt wäre es wieder an der Zeit für die Abenddosis…

Nachts im Bett ohne große Vorwarnung angepinkelt, ausgelaufen! Ich schlief die ganze Nacht in der nassen Einlage und der nassen Inkontinenzmatte.

Im Traum kam Brigitte zu mir nach Hause ins Gasthaus. Ich wusste nicht, was ich ihr erzählen soll. Die Glotze lief, weil es sonst zu dunkel im Raum war, und ich bemerkte alsbald, dass sie mir gar nicht richtig zuhörte. Darauf meinte ich, nur noch einen Satz zu sagen, und da sie ja so gut wie kaum in die Glotze schaut, könne sie sodann ruhig weiter kucken. Es könnte nur passieren, dass ich nebenbei einschlafe. Am Ende schliefen wir beide und sie kam viel zu spät zum nächsten Termin mit einem anderen Klienten. 2 Stunden zu spät.

Draußen wird es abendlich. In meinem Kopf steht alles. Keinen Strich gemalt, nichts geleistet. Und wieder Lust, mich wie bereits gestern in Watte zu packen. Ganz zu schweigen davon, mir nach meinem Ausflug vor lauter Hoffnungslosigkeit und zugleich Zorn über diese ausweglose Situation die Rasierklinge angedeihen zu lassen… Die Abendtabletten, und dabei leert sich ein weiteres Fläschchen Tramal. Es gibt nichts besseres als Heroin! Als ich zuvor noch draußen war, stand ich die meiste Zeit einfach nur so auf der Straße herum und glotzte ausdruckslos ins bunte Nichts. Ich fühle, wie meine Visage wieder aussieht. Mit einer Fettschicht überzogen, rotgefleckt, mit Pickeln übersät und so richtig schön zum Würgen. Und heiß fühlt es sich an, da der Schädel, die Stirnhöhlen den Wind ganz und gar nicht prickelnd finden.

Schlicht und einfach ZU NICHTS MEHR ZU GEBRAUCHEN!

Meine Rechte klimpert unentwegt. Immer und immer und immer wieder bis 4. Mein Verstand sagt mir, was die Summe meiner Symptome bedeuten muss. Mein Gefühl aber widerspricht, übertönt die Ratio. Und dann erzählt er noch so Geschichten von meinen Eltern, eine Anekdote, wie mein Vater sich gestern, als er kurz dort war, verhalten hätte. Ganz witzig. Und so wird er menschlicher und menschlicher und für mich immer unerreichbarer als Täter.

Ist es denn so wichtig, den NAMEN des Täters benennen zu können? Ich weiß es nicht… Das neue Buch liegt rechts neben mir. Anstatt eines meiner Videos zum 1000. mal zu kucken, anstatt meine Büroarbeit zu leisten, dazu die Schale Tee trinken. Mal etwas anderes…

DU FAULE SAU!!!

Nur noch eine kleine Randnotiz: Nachmittags den ersten Aurorafalter gesehen. Ob das etwas zu bedeuten hat?

Wirst du jetzt etwa noch abergläubisch?!!

Ausnahmslos ALLE nun folgenden Handgriffe gehen daneben! Das Buch landet erst einmal auf dem Boden, gefolgt von anderen Gegenständen. In mir brodelt es. Dennoch ist mir kalt, die Finger klamm. Warum überfährt mich kein Auto? Oder warum schlitze ich mich jetzt nicht auf, während er hinten in der Wanne liegt?

20:19
Schweres Seufzen folgt noch schwererem Seufzen. Im Buch eine Passage zum Mittäter gefunden, die passte. Einfach passte.

So simpel lässt sich das feststellen. Und bleibt ohne Folgen, ohne Erkenntnisse für mich… Es bleibt bei der Übereinstimmung und drum rum alles in tatenloser Schwebe…

12. März 2018, Montag

8:38
60,8 Kilo um 6:45 Uhr. Trotz halber Entwässerungstablette. Und es wird schlimmer und schlimmer…

und die fette Sau braucht sich überhaupt nicht wundern!!

Die ganzen Bonbons nachts im Bett, wenn wir dort noch etwas auf Sebastians Tablet gucken. Ich weiß nicht, wie ich den Vormittag organisieren soll. Um 10 steht die Rettung vor der Tür. Der zuvor noch blaue Himmel ist nun mit Wolken marmoriert. Der Wind fegt übers Land, der Schnee ist Geschichte.
Gestern nach dem Frühstück sofort aus dem Haus geflüchtet. Wäre es nur nicht so ein monströser Aufwand gewesen, mich hierfür fertig zu machen. Fertig machen zu lassen. Das anziehen, dieses noch überstreifen, und vielleicht das auf den Kopf, nicht zu vergessen die Tasche, dieses und jenes muss noch in die Tasche usw. und so fort. Und für was das alles? Ängste, noch stärkere Halsschmerzen und dass mir die Freude daran genommen wurde. Etwas über 1 km schaffte ich weg vom Haus. Ein wahrlich leichtes Gefälle, eigentlich lächerlich für unsere Landschaft, kaum zu bemerken, die Aufladefunktion sprang gerade mal spartanisch an. Und da musste ich kurz halten, wahrlich kein hohes Tempo drauf, der Rollstuhl kam zum Stehen und rutschte mir im Stand auf dem glatten Asphalt (und nicht etwa wie zu vermuten im Rollsplitt) zur Seite ins grüne Bankett, wieder nur wenige Zentimeter bis zum Straßengraben. Von wegen schönes Wetter! Der Himmel so wie jetzt, die Sonne ließ sich kaum blicken, stattdessen gefühlt von allen Seiten eiskalter Wind. Der Rollstuhl kam aus eigenen Kräften nicht mehr auf die Straße zurück. Das mittlerweile altbewährte Mittel: Einen Fuß auf den Boden gestellt und mich langsam im Rückwärtsgang damit abstoßend. So viel zu meiner ersten Expedition dieses Jahr. Ich wollte mindestens 3 Stunden ausbleiben! Kehrtwende, zurück, um dann den steilen Hang abwärts runter zum Haus erst recht wieder in der Wiese zu landen. Der Asphalt von all dem Streusalz so seifig? Dazu die Aussicht, keine anderen Räder bekommen zu können, da meine aktuellen scheinbar schon das größte Profil haben sollen. Na Mahlzeit. Das mag ja in der Stadt funktionieren, aber was mache ich hier draußen im „vulkanischen Hügelland“?

Und so endete der Tag, wie er enden musste: Auf dem Sofa, schlafend. Bis ich spätnachmittags von Mieke Besuch bekam und anschließend zumindest kurzzeitig an meinem Video sitzen konnte. Ohne Ergebnis, versteht sich.

Der Krüppelspatz ganz allein auf dem Restaurant. Sein Stummel zittert. Was ich mit der Kamera ergattern konnte war eine Zeitrafferaufnahme des Himmels, eine Nebelkrähe und einen Eichelhäher in der Ferne (die Aufnahme ist vermutlich für die Tonne). Und heute Nachmittag einen Ausflug zu wagen? Warum werde ich denn verdammt noch mal nicht richtig krank? Weil es dazu auch einer gewissen Aktion meines Immunsystems bedürfte, welches aber bekanntlicherweise im Winterschlaf liegt?

In 5 Minuten wird es 9:00 Uhr. Jetzt noch malen? Wegen einer halben Stunde? Muss noch Zähneputzen, meine Visage waschen, Schuhe anziehen, Wasserflasche und Apfel in die Tasche…

Eine Erkältungsbrause, während draußen aus Wind Sturm wird. Ich hoffe, das Räucherstäbchen imprägniert meine Klamotten. Sebastian hat nachmittags gekocht; Bratkartoffeln mit Zwiebeln und Tomaten und Rührei. Es ist wahrlich an der Zeit, eine „richtige“ Dunstabzugshaube zu besorgen. Jene von vor… MEINE GÜTE!! Ich weiß gerade nicht mehr, wann wir eingezogen sind! 2004 oder 2003? Was ist denn mit meinem Hirn los?! Aber in DER Causa tut die Jahreszahl nichts zur Sache! Die damals gekaufte Dunstabzugshaube war natürlich schön billig und hat nie funktioniert! Und gerade dieser Tage, an denen meine Geruchs- und Geschmacksnerven dermaßen empfindlich, ja beinahe hysterisch reagieren, ertrage ich es kaum, dass der ganze Raum noch drei Tage lang nach dem Essen stinkt. Am schlimmsten ist ohnehin Zwiebelgeruch!

Steilvorlage für das, worauf ich eigentlich gleich zu Beginn eingehen wollte… PANIK!! Seit ich hier alleine sitze, Sebastian gegangen ist, schlägt mir das Herz bis zum Kinn!! Meine Vernunft sagt mir, ich kann mich doch nicht schon wieder abschießen!
Draußen trudelt ein Mäusebussard durch die Lüfte, versucht der Thermik Herr zu werden, was ihm aber eindeutig misslingt. Links oben im Wald hat er seinen Horst; seit Jahren schon. Eine kurze Ablenkung und wieder Panik. Ich täte gut daran, nun gleich alles vorzubereiten. Tief durchatmen… Aber die Erleichterung hält nur ein Ausatmen lang.

9:39
Und ich wollte noch malen? Sehr witzig, selten so gelacht!
Verzweifelt versuchen, Daumen und Zeigefinger der linken Hand in die Nagelschere einzufädeln. Bei jedem Schnitt die Zähne ganz fest aufeinander beißen, damit knirschen, als würde es der linken Hand Kraft geben. Gestern musste ich beinahe lachen, als ich Mieke davon erzählte, kaum gehen zu können, und sie darauf meinte: „Aber du bist doch gerade vom Bad ins Wohnzimmer gegangen.“. ABER WIE!!

Jetzt schlägt mir die Pumpe bis zum Hirn. Vorher ist unten ein Auto vorbeigefahren und ich warte darauf, dass mich die Türklingel mit einem Herzinfarkt vom Rollstuhl katapultiert! Ich kann nicht mehr! Fühle mich, als wäre ich gerade um mein Leben gerannt!!

15:37
Sonne und vorüberziehende Wolken. Keine 2 Minuten draußen gewesen, der Wind macht alles kaputt. Und ehrlich gesagt wäre ich lieber auf dem Sofa geblieben, hätte mir erlaubt, einzuschlafen. Doch da ging schon wieder das Rechnen los: noch 4 Stunden bis zur Sitzung, noch 3 Stunden bis zur Sitzung usw. und so fort. Beim Wechsel wurde die Katheterspitze wieder so tief in die Blase geschoben, dass sie den Boden eben dieser berührt hat. Die gesamte Heimfahrt über das Gefühl, mich wieder anpinkeln zu müssen. Und obwohl die Tabletten 12 Stunden wirken auch mittags Spasmolytika eingeworfen. Zu Hause noch Buscopan. Jetzt noch 20 Tropfen Novalgin. Leichte Kopfschmerzen und beim Schlucken dezent Halsschmerzen. Ich war unfähig, das Fläschchen mit dem Analgetikum so lange über den Kopf, den geöffneten Mund zu halten, ehe 20 Tropfen in diesem gelandet sind. Die Augenlider werden schwer. Das Gehen fällt so schwer. Sebastian war vorher im Stress, es vielleicht nicht unbedingt der richtige Moment für solch eine Frage: „Siehst du denn nicht auch den gewaltigen Unterschied, wie ich mich vor der Reha und jetzt fortbewege?!“. Er darauf nur: „Nun ja… Was soll ich jetzt sagen?“. Sehr hilfreich. Auf dem Sofa einmal in die Hose gepinkelt; das musste wohl sein. Im Badezimmer unfähig, nach Wechseln der Einlage stehenzubleiben, während ich mir die Hose hochziehen wollte. Was für ein Kampf. Und die Augenlider werden schwer und schwerer. Der Sturm fegt ums Haus. Ich möchte mich abschießen. Ich möchte mich aufschlitzen. Dieses Gesicht im Spiegel… Es gehörte morgens nicht mir und selbst jetzt als ich am Großen im Flur zweimal vorbeigefahren bin, vermochte ich nicht mich zu erkennen. Meine innere Uhr setzt mich unter Druck. Noch etwas mehr als 2 Stunden bis zur Sitzung und noch etwas mehr als 1 Stunde bis Sebastian nach Hause kommt. Als müsse ich schnell meine gesamten Autoaggressionen ausagieren, ehe es zu spät ist! Dazu im Posteingang drei Nachrichten; noch nicht nachgesehen und total Angst, meine Neurologin könnte geantwortet haben, um wieder etwas in den falschen Hals zu kriegen… Außerdem ist da noch Arbeit fürs Büro, die ich seit Tagen liegen gelassen habe. Mieke hätte mir nicht schreiben sollen, dass ich dafür so viel Zeit wie ich brauche zur Verfügung habe.

Kurz geöffnet… Oh je. Eine Antwort oder wieder der automatisierte Hinweis, dass sie nicht da ist? Mir wird schlecht. Erst recht nach dem letzten Mal E-Mail Verkehr, als sie irgendetwas wohl als Angriff aufgefasst hatte und und mir antwortete, sich nicht weiter mit mir auf diesem Niveau unterhalten zu wollen. Oder was kommt jetzt? Eine Maßregelung? Dass meine Frage total idiotisch ist und sie keine Ferndiagnose stellen kann? Ich mich benehme wie ein Kind, wieder fühlen werde wie ein Kind? Das ganze geht so weit, ich könnte mich jetzt, noch bevor ich gelesen habe, was in der Nachricht steht, massakrieren! Außerdem ist mir sehr danach, von der übrig gebliebenen Schokolade den Rest in mich hinein zu stopfen, um sie anschließend wieder hochzuwürgen! Soviel zu meiner psychischen Stabilität…

Oh! Wie freundlich! „Das sei absolut ein urologisches Problem“. Schade nur, dass sie nicht auf meine Beschreibung der aktuellen Motorikprobleme eingegangen ist. Aber besser das, als all DAS, was ich wieder befürchtet habe, in meinem kleinen, verkorksten, kranken Hirn! Sie wünscht mir alles Liebe.

Da wird es nebenbei gleich 16:00 Uhr. Wieder werde ich nicht malen. Absolut NULL Antrieb! Ich will nur noch schlafen. Ich will überhaupt nichts mehr machen. Auf dem Sofa vor der Glotze verrotten.

Wie wäre es denn mit Fressen und anschließend Kotzen? Vielleicht verschlechtert sich die Sinusitis, ich fahre wieder zum Arzt und es wird endlich etwas getan, das die Scheiße irgendwie in den Griff bekommt!

Gebärmuttermonologe. Halt endlich die Schnauze! Als wir vormittags im Krankenhaus ankamen, plötzlich das Gefühl, Fieber zu bekommen. Mein Schädel glühte! Insofern wieder einmal zum Thermometer greifen… Dass man sogar danach süchtig werden kann! Wer hätte das für möglich gehalten… Na gut. Im Rahmen eines Hypochonders? Das Thermometer tief in meine Achsel rammen. 36,7 °C. Wenn ich jetzt gerade daran denke, kopfüber im Klo zu hängen, werden meine Kopfschmerzen noch sadistischer. Was soll ich machen? Esse ich nichts, haut mich der Blutzuckerspiegel aus den Latschen. Esse ich zu wenig, stagniert mein Gewicht. Esse ich mehr, um meinen Körper wieder umzutrainieren, dass er keine Hungersnöte befürchten muss und den Stoffwechsel wieder in die Gänge bringt… Dessen Ergebnis hat man ja die letzten Wochen gesehen! Und schon ist es 5 Minuten nach 4. Mir die Schokolade holen. Die ist zügig verputzt und sollte bestenfalls ebenso schnell wieder aus meinem unförmigen, fetten Körper entfernt sein. Allein den Wind draußen zu sehen, kurbelt das penetrante Pochen in meiner Birne an…

Per Zufall über einen YouTube-Kanal von nem jungen Kerl gestolpert, der erst sagt, alle schlimmen Phasen wie Depression, Selbstaufgabe hinter sich zu haben, aber nun „der glücklichste Mensch der Welt zu sein“, mit positivem Denken!… Und dann ernsthaft, ERST seit 4 Jahren MS zu haben und einem erzählen will, wie man positiv denkt… Bin ich ungerecht? Selbstgerecht?

Warte noch einmal 16 Jahre und dann reden wir weiter über diese von mir so „heiß geliebte“ Happy-Hippo-Kacke!!!

Mir geht der Stil auf den Keks, diese grauenvollen „Jumpcuts“, oder wie man den Mist noch schimpft, das dumme Gelaber von wegen „Schreibt es in die Kommis!“, BLA, BLA, BLA… Ich werde regelrecht aggro…

Friss deine Schokolade, dumme Mastsau!!!

16:37
Und da geht es weiter mit dem ANPISSEN!!!

10. März 2018, Samstag „Verschwendungssucht…“

17:00
59,5 Kilo um 9:00 Uhr. Ich bin so unsagbar wütend. Wütend auf mich selbst. Ich möchte mir selbst die Fresse polieren. Mich selbst zusammenschlagen. Aber ich bin ja unfähig. Was für ein Tag, was für ein strahlender erster Frühlingstag! Und ich Stück Scheiße verschwende jegliche Chance! Nun ist alles zu spät. In 2 Stunden habe ich Sitzung. Da ist keine Sonne mehr, der Himmel bewölkt. Ich rotiere innerlich. Nichts geschafft! Ganz und gar nichts geleistet! Nichts als aufzustehen, beim Frühstück anstatt einer Hälfte vom Aufbackbrötchen noch die Hälfte von der anderen Hälfte fressen zu müssen. Ich war doch längst satt! Wir fuhren nach Fürstenfeld. Auf dem Weg dorthin die Kiebitze auf dem Acker direkt nach Gillersdorf entdeckt. Aber Sebastian fuhr dran vorbei.

Die vermaledeite Schrottkiste stürzt ab! Noch einmal: Wir drehten keine richtige Runde an diesem Einkaufszentrum, dieser Einkaufsmeile. All die Menschen, die von ihnen geschaffenen Dinge, der Lärm… Mein Blick blieb unentwegt an irgendwelchen Gegenständen oder im Nichts hängen, das Gehirn ging auf Standby. Ein dezenter Anflug von Derealisation. Und zugleich so einen Neid, auf all diese Fahrradfahrer, diese Profisportler in ihrer funktionellen Montur. In einem Café tranken wir Kaffee und ich Kakao; NATÜRLICH mit Sahneklecks obendrauf. Überquerten die Straße, er ging zu McDonald’s und ich blieb draußen, um eine Krähe dabei zu filmen, wie sie irgendetwas verspeiste.
Nachts hatte ich ihn noch gebeten, den Rollstuhl anzustecken… Ich kann ihm daraus keinen Vorwurf machen, dass er das vergessen hat. Im Café knallte die Sonne dermaßen warm vom Himmel, ich hätte meinen Poncho nicht gebraucht. Und alles was ich fühlte war: ICH MUSS UNBEDINGT DA RAUS, RAUS AUS MEINEM VERDAMMTEN KÄFIG!!! Hatten wir nicht gleich zu Beginn unserer Fahrt nach etwa 1 km ein Eichhörnchen im Wald gesehen? Ich wollte nur noch raus, wollte dorthin fahren, das kleine Nagertier beobachten, mit der Kamera erwischen! In mir wurde regelrecht alles zerrissen!!!…

Aber dann? Zuhause, bereits 14:00 Uhr, ein paar Bissen von Sebastians Pommes. Im Auto auf der Heimfahrt hat es bereits einen kleinen Milchshake gegeben, um auch nichts auf meinem Strafkonto auszulassen! Er guckte Fußball, ich wartete auf das Aufladen vom Akku, der nur noch 40 % hatte und mich nirgendwohin gebracht hätte, öffnete eine der Tüten, die ich mir bei „Müller“ kaufen musste: Dragees mit Geschmacksrichtung Tropic. Und ich stopfte das Zeug unaufhörlich in mich hinein. Obwohl da riesengroß stand, die Süßigkeit würde Rindergelatine enthalten. Währenddessen zog bereits eine Wolkenfront am Himmel auf; keine warme Sonne mehr.

Was macht die dämliche Kuh?!

Eingeschlafen!! Wie immer nach dem Mittagessen!! Verloren!! Gegen meinen inneren Schweinehund?! Gegen das verfluchte Fatigue-Syndrom?! Unfähig mich zu bewegen. In mir rumort es… Und den schönen Tag verschissen!! Nur noch 90 Minuten bis zur Sitzung. Panikattacken. Schon den ganzen Morgen über. Weil es schon wieder so spät war, so spät aufgestanden, der halbe Tag bereits vertan!! Was ist so schwer daran zu verstehen, dass „mir die Zeit davon läuft“?! Körperlich?! Aktuell in einer Verfassung wie nach meiner Überdosis!
„Tja Frau Samer, gehen Sie mal in sich!“… Ist der Zustand anders, die Qualität anders als exakt vor einem Jahr oder exakt vor zwei Jahren, oder all die verschwendeten Jahre, die hinter mir liegen, in denen ich jedes Mal dachte, im Winter einen Schub haben zu müssen?!
„Tja Frau Samer, was würden Sie sagen?!“… ICH WEISS ES NICHT!!! Ist es, weil ich bereits während der Reha nur noch mit dem Rollstuhl unterwegs war und vier Wochen lang meine Beine lediglich auf dem Laufband trainiert habe? Wegen der Erkältung, die letzten drei Tage dort? Hat diese die Sinusitis angeheizt? Hat diese einen Schub angestoßen? ODER BIN ICH AN ALLEM SELBER SCHULD, WEIL ICH DER MEINUNG BIN, ZU SCHWACH ZUM TRAINIEREN ZU SEIN??!!!

Der Tag landet im Mülleimer. Ich fresse weiter. Vor mir auf dem Tisch eine Tüte M&M’s mit Erdnüssen. So schön bunt… Dabei schmecken sie mir überhaupt nicht! Längst überlege ich, was ich mir einschieße! Bereits als wir nach Hause kamen und sich längst abzeichnete, wie auch dieser Tag verlaufen würde, in Gedanken eine Rasierklinge in der Hand und unterm schwarzen Ärmel ein paar Schnitte platziert. Um mich zu bestrafen. Weil ich der Müdigkeit wieder nachgegeben habe. Den Kampf verloren habe. Den Tag, auch wenn ich ihn mit Sebastian verbringen durfte, nicht wertschätzen kann und als vergeudet erachten muss. Die Wut in mir treibt mir Tränen in die Augen… Ach ja! Ein blasses Abendrot zeichnet sich soeben am Himmel ab… Also wobei bleibt es? Tramal und Psychopax? Sebastian geht abends aus. Noch genug Zeit, über die Rasierklinge eingängiger nachzudenken. Bei „Müller“ stand ich wohl eine gefühlte Ewigkeit vor dem Regal mit den Rasierern, den zwei Sorten Rasierklingen. Wie gebannt starrte ich die Schachtel von „Wilkinson“ an. Als die Läden ringsum plötzlich kein „Gillette“ mehr verkauften, musste ich kurzzeitig auf diese umsteigen. Die waren vergleichsweise Schrott! Da sind jene von „Bic“ noch besser…

Was wird das hier? Ein Verkaufsgespräch? Die rechte Hand… Umschließt den linken Unterarm und klimpert und klimpert, hoch und runter, immer bis vier. In der Küche herrscht ein heilloses Chaos. Als ich meine Flasche Wasser holte, kurz darüber nachgedacht, aufzuräumen. Aber der Gedanke kam bis zum Gefühl in meinem Körper, zur Unsicherheit am Rollator und wurde begraben.

Sebastian will/soll noch Abendessen kochen. Meine Güte, ich hätte mir vorher schon den Finger in den Hals stecken sollen!! Oder eben noch besser diesen langen Eislöffel, der seit sicherlich zwei Jahren in der Schultasche am Rollator verborgen auf seinen Einsatz wartet. Was ich an mir gerade so hasse? Abgesehen von der omnipräsenten „Unfähigkeit“?! Nebst dieser Kugel, die sich mein Bauch schimpft, meine mittlerweile acht Mastferkel beherbergt, die die Mastsau erwartet (und ich mir einrede, dass es hauptsächlich Luft sein muss, zwecks Verdauungsproblem wegen dem Morphium und dass die Urologen immer wieder Schwierigkeiten haben, meine Nieren mit dem Ultraschall zu entdecken, weil der Torso dermaßen aufgebläht ist, wie einer davon letztens auch sagte)?! Meine Oberarme!! Null Muskulatur, aber dermaßen fett!! Sie sehen aus, wie zuletzt während der Anorexie unter Antiepileptika, als da aber tatsächlich Ödeme waren!! Und ich hasse meine Beine, meine Füße!! Von außen trotz Stützstrumpf kann man super erkennen, wie dermaßen aufgedunsen das rechte Sprunggelenk schon wieder ist!!! HASS!!! DIESER KÖRPER IST ÜBERZOGEN MIT EINER DICKEN, FETTEN SCHICHT VON KLEBRIGEM, SCHWARZEM HASS!!!

Wenn das mal nicht nach der Klinge schreit!

Aber die wird daran auch nichts ändern… Ich muss mich abschießen! Meine Tablettendose zurate ziehen…

17:59
Mindestens 20 Tropfen Psychopax, Diazepam, in einen Mund voll mit Wasser, 2,6 mg Morphium und einer doppelten Dosis vom Tramal. Ich bin doch ein Junkie, wie? Die Zunge wie verbrannt von diesem elenden Zeug, das vermutlich hauptsächlich wieder dafür sorgen wird, noch weniger Kontrolle über meinen beschissenen Körper zu haben!
Gestern Abend das gesamte Medikamentenressort aussortiert, umgeräumt, weggeworfen. Es tat mir in der Seele weh, mindestens ein Drittel in den Müll zu schmeißen. Was waren da für schöne Substanzen dabei… Das Mirtel… Vor Jahren bereits abgelaufen. So viele schöne Psychopharmaka. Aber die eine große Schachtel mit der übriggebliebenen Menge meiner geplanten, Monate zuvor bereits vorbereiteten Überdosis behalten. Die Hand klimpert schneller. Im Süden zwischen den Hügelketten wie Wäscheleinen bunte Farbstreifen gespannt, die schneller ihre Farbe eingebüßt haben, als ihrer wirklich gewahr worden zu sein. Ich sehe mich, das Kind hinter der Garage, mit Tränen in den Augen und der Angst vor dem Tod der Mutter, der automatisch auch meinen bedeuten würde.

2017-05-27-abendkind

Vielleicht ist so eine kleine Dämpfung gar nicht so verkehrt, um in der Therapie -ohne mich wieder in hitzige Diskussionen zu verlieren- irgendwie vorankommen zu können. Mit tut gerade alles leid. Sebastian war gestern mit meiner Mutter einkaufen und anschließend noch in der Kneipe, in der sie in von ihrer Kindheit und diversen Besonderheiten im Dorf zu berichten wusste. Sie ist eine wandelnde Dorfchronik und sollte das alles ernsthaft aufschreiben, am besten in Buchform. Aber vom sterbenden Licht verkomme ich zum Kind und öffne meinen Sterbefantasien Tür und Tor. Vielleicht, mein Erklärungsansatz, habe ich diese Kinder gestern im Traum selbst missbraucht, weil ich mein inneres Kind so sehr verachte und ablehne und es noch zusätzlich bestrafen musste. Oder ich tue ihm etwas an, um am Tag mit besserem Gewissen behaupten zu können: „Da muss etwas passiert sein…“. Als müsse ich dieses durch und durch falsche Konstrukt beinahe mit krimineller Energie am Leben erhalten… Alles für die Aufmerksamkeit!

Das sage ich dir doch schon immer! Du Dramaqueen!
Aufmerksamkeitsgeile, fette Narzisstin!!
MICH GIBT ES DOCH GAR NICHT, DU PRODUZIERST MICH NUR, UM BESONDERS ZU SEIN!!!

Noch mehr Schoko-Erdnussdragees in meinen gierigen Schlund stopfen. Mir läuft die Zeit davon. Und wieder ein formidabeler Grund für einen frühlingshaften Anflug von Panik, wegen der Sitzung. Wegen einem Termin. Wieder einmal… Ach, Routine ist doch was feines! Da weiß man wenigstens, was man hat, erlebt keine unerwarteten Überraschungen! (Ironie aus.)

2 Minuten noch. Jetzt würgt mich die Panik. Die Substanzen scheinen aber meine Beweglichkeit verbessert zu haben, wie gerade eben beim Weg zur Toilette, um den Katheterbeutel zu entleeren. Aber die Panik? Lacht sich über die ganzen Psychopharmaka, die ihr mit einem Maulkorb drohen, richtig schön kaputt… Skype anwerfen…

22:15
Drüben auf dem Sofa liegt Martha und schnarcht. Beinahe 3 Stunden Sitzung. Und plötzlich ohne Vorwarnung fällt hinter dem Tisch ein Messbecher aus Emaille vom Hocker auf den Boden. Mit einem lauten Knall. Die bereits seit den letzten Minuten der Sitzung wieder vorhandenen Panikzustände spritzen über wir eine kochende Suppe, in die man noch eine riesengroße Zutat fallen hat lassen!
Die Therapie war gut. Der Traum hatte nichts mit Perversion zu tun, er spiegelte mein Unterbewusstsein wider. Ich bin in den ersten drei Zimmern, habe erst in diese Einblick erhalten. Die Spaltung sichtbar, die Multiplizität meiner Persönlichkeit offenkundig. Denn ich habe den Täter ja in mir, als Introjekt.

Panik. Sebastians eigentliches Vorhaben ist ausgefallen, er ist nun mit dem anderen Sebastian nur nach Jennersdorf in die Kneipe. Wann kommt er nach Hause? Wie viel Zeit bleibt mir noch? Hatte ich erwähnt, direkt vor der Sitzung weitere 20 Tropfen meiner Opioide konsumiert zu haben? Der Kopf schön dick mit Watte ausgefüllt. Aber die Panik lacht sich erneut schlapp. Ich muss noch etwas leisten, am Video weitermachen…

6. März 2018, Dienstag „Neben der Spur…“

8:35
Gestern gab es eigentlich nichts Salziges zu essen, bis auf die winzige Portion Frischkäse morgens… 60 Kilo um 6:45 Uhr. Ich bin so… Dämlich! Stur! Ich wollte die Vögel füttern, nur noch spärliche Reste Sonnenblumenkerne im Eimer. Diese mit ein paar Semmelwürfeln zusammengekratzt und in Kauf genommen, die Treppe hinunterzustürzen, um im Schnee liegen zu bleiben. Was bilde ich mir eigentlich ein?! Unverbesserlich?! Verdammt! Ich bin gerade sogar zu schwach, die Leinwand anzuheben, um sie so zu mir nach vorne zu ziehen! Wegen ein paar Kleinigkeiten, die auf dieser liegen! Definitiv durfte ich meine Entscheidung, das Futter nicht in einem kleinen Becher sondern im großen Eimer zu lassen schnellstmöglich bereuen. Zum Glück sind die Vögel nicht so scheu… Kübel und Futter landeten nicht auf dem Restaurant, stattdessen stürzte er auf die Treppe. Dabei mehrmals so haarsträubend das Gleichgewicht verloren, offiziell müsste ich wieder den Bodenbelag testen.
Der Tag ging ja bereits blendend los. Sebastian der Meinung, heute nicht so einen Stress zu haben, ein paar Minuten mehr, was den morgendlichen Ablauf völlig durcheinander brachte. „Ich liebe dich!“, Brotkörbchen vor mir auf den Tisch und tschüss! Ich sortiere mich, sehe mich um… Kein Tee! Dieser stand noch in der Mikrowelle. Soll ich mich als Zwangsoptimist versuchen? Es geschafft, diesen zum Tisch zu bringen, ohne etwas zu verschütten oder zu Bruch gehen zu lassen…?!

Die Stoppuhr läuft. Ich kann mich nicht entscheiden, ob ich die Tischlampe einschalte oder ohne sie besser dran bin. Die Lichtbedingungen einfach nur kontraproduktiv. Und es schneit und schneit in dicken Flocken. So viel zum Frühling, den warmen Temperaturen? Und immer noch nicht klar, welcher Farbton noch ins Schwarz gemischt werden müsste, um ein Optimum an Realismus zu erzielen. Ganz abgesehen davon, dass sich die Dohle vom schwarzen Oberteil abgrenzen soll. Und dann wäre da ja noch der Traum von heute Nacht, man muss ja fast sagen „endlich“ ging es wieder um Missbrauch. Das waren mir schon zu viele belanglose Träume die letzte Zeit.

Sebastian und ich lagen im Garten unterhalb vom Gasthaus. Da waren meine beiden Teiche und ich hatte allerhand seltsames Getier darin ausgesetzt. Vor einer Ewigkeit. Und nun wollte ich nachsehen, ob sich diese Tiere zu Hause fühlten in ihrem neuen Domizil. Da waren „Teichmäuse“, die aber sofort abtauchten, als sie mich erblickten. Lediglich einen Gelbrandkäfer konnte ich beobachten. Ich holte meine Kamera, aber die Sonne ging bereits unter und absurderweise, auch wenn sie mir ins Gesicht schien, warf wiederum meine Gestalt einen Schatten auf den räuberischen Käfer und das Foto war Mist. […..]

Dann kommt alles auf einmal! Der Computer stürzt ab, wie eigentlich schon erwartet, und zeitgleich entdeckt meine Blase ihrer Harnröhre wieder. Zum Glück habe ich endlich die Speicherfunktion, den Sprachbefehl fürs Speichern entdeckt und sichere nach jedem Satz.

[……]

Ich wachte nachts auf und sah mir den Traum einigermaßen klar bei Verstand an, mir wieder einredend, mir diesen merken zu können. Als Sebastian um 6:15 Uhr aufstand die nächsten 30 Minuten noch allein im Bett ebenfalls dafür genutzt, mir den Traum, bzw. markante Triggerwörter unaufhörlich abzuspulen. Als Sebastian dann das Zimmer betrat und mir wieder ein Liedchen trällerte, hatte ich Angst, dass diese plötzliche Überflutung mit Reizen die Verbindung zum Traum abreißen lassen könnte, wie so oft. Ich musste unverzüglich zumindest einen Teil erzählen, um diesen im Tag zu verankern.
9:55
Erst jetzt fällt mir auf, schon seit einer Ewigkeit in absoluter Stille hier vor mich hin zu murgsen. Ich war zuvor aufgestanden, Martha ins Haus lassen und die Vögel in Ruhe fressen zu lassen. Dabei entleerte sich wieder meine Blase. Das Telefon klingelt -Brigitte; sie hat Sorge wegen dem Wetter und der Termin wird auf morgen Abend verschoben. Ich muss unentwegt an diese eine Weihnachtsfeier denken, die mir im Zuge unzähliger Panikattacken in den Sinn gekommen war. Und es bleibt die Frage: Ist da etwas passiert? Ist das der Tag X?!
Von Fortschritt kann nicht wirklich die Rede sein. Ich mache hin und ich mache wieder weg… In der Hoffnung, dass die Masse dann Sinn ergibt. Ein dicker Schleimpfropfen hängt in meiner Kehle; ein Glas Erkältungsbrause. Die Gastritis habe ich so oder so schon. Über 1 Stunde gemalt und ich würde gerne Ausschau halten nach weiteren Farbtönen, aber das könnte mein künstlerischer Tod für diesen Vormittag sein. Die Videoaufnahme noch machen wollen. Dabei einen Moment abpassen, wenn die Kühlschränke gerade verstummt sind. Bestenfalls auch die Wärmepumpe. Was mich an der Arbeit am Bild so fertig macht? Aktuell? Die Ausschau, dass bereits abgeschlossene Passagen überarbeitet werden müssen! Die Schuhe… Wie hatte ich bloß diese Partie in solch einem Zustand belassen können? Und fühle ich mich überhaupt so weit bei mir, um meine Visage in die Kamera zu halten?

Da hört es plötzlich auf zu schneien, der Himmel wird erleuchtet. Warum ich nicht weiterkomme? Mitunter ist das, was ich da auftrage, und scheinbar dunkel wie Schwarz auf der Leinwand aussieht, nicht mehr als Wasser im Pinsel. Bestenfalls noch eine sehr seichte Lasur. Und was die Übungen betrifft, ist das höchste der Gefühle, für vielleicht 2 oder 3 Minuten zu versuchen, aufrecht im Rollstuhl vor dem Tisch zu sitzen.

10:23
Seit Minuten aufrecht sitzen. Vermutlich das der Grund, warum ich wieder unkontrolliert anfange zu gähnen. Nach 90 Minuten ist nun Schluss; ich muss mir ja auch irgendwie noch die Zähne putzen.

16:30
ZU lange geschlafen. Die Sonne begrüßt mich mit einem milden Lächeln. Die Nachrichten im Posteingang erschlagen mich mit Aufgaben. Ich hätte gerne Tee; bis jetzt gerade einmal einen halben Katheterbeutel voll gemacht. Der Schnee, der zuvor noch runter kam, ist bereits geschmolzen. Eine Bürosache bereits erledigt. Es fehlen die Speisepläne. Hätte heute ehrlich gesagt auch nicht damit gerechnet. Und um die Fertigstellung des Projekts noch extra in die Länge zu ziehen, gleich drei oder vier Aufnahmen gemacht. Diese zu sichten, auszusieben, zu schneiden… Was habe ich mir angetan?

Meinen faulen Hintern erheben und in die Küche schlurfen… Sebastian hat gestern den nächsten Saustall verursacht. Es bleibt mir ein Rätsel, wie man aus Ordnung so schnell Unordnung machen kann.

17 Minuten später; wegen dieser einen Schale Tee so viel hin und her laufen müssen… Natürlich! Die Milch ist dann alle, wenn ich sie brauche. Bei der Gelegenheit, während das Wasser kochte, ein paar Sachen umgesiedelt, nennen wir es so. Aber wer hat nun Priorität? Das Video oder die Pläne? Mein Magen rumort. Dieses unersättliche Monster in mir jammert mir die Ohren voll, leiert seinen Standardtext runter von wegen „der Blutzucker, mir ist schlecht, ich verhungere, schau mal, wie dünn ich mich zusammengezogen habe…“ usw. und so fort. Das neue Videomaterial speichern. Ich fand mich selbst wieder so dermaßen scheiße und insofern graut mir jetzt ein bisschen vor den Aufnahmen.

19:14
Sebastian kam nach Hause und ich machte in die Hose. Er half mir, die Hose zu wechseln.
Und seitdem UNAUFHÖRLICH anpissen! Die neuen Shorts wohl längst nass. In Abständen von 10 Minuten landet ein Portiönchen in der Einlage. Zu viel getrunken?? Für was hab ich den Katheter????

25. Februar 2018, Sonntag

10:04
60 Kilo um 8:00 Uhr, die ich damit entschuldige, gestern keine Stützstrümpfe getragen zu haben…

Faule Ausrede, Fettsack!!

Abends Späße gemacht. Der Rollator wurde zum heißen Motorrad; zumindest den Geräuschen nach. Während ich in mich hinein kicherte, fand zügig ein Bruch statt. Aus Lachen wurden runtergewürgte Tränen…

Das Lachen wird dir schon noch vergehen!!…

Und dann später im Gespräch permanent..

HALT DIE SCHNAUZE!!!

Die Blase hält. Kein Antibiotikum mehr geschluckt. Ohnehin das Gefühl, mein Magen sei leicht verstimmt. Zu allem Überfluss noch so risikofreudig, heute ohne Matte auf dem Rollstuhl Platz genommen zu haben. Von wegen -20 °C… Es wurden lediglich 9,7 °C, Minus natürlich. Jetzt scheint wieder die Sonne, kein Schneefall. Vielleicht bekomme ich heute noch Besuch. Ich wollte den Tag ruhig angehen lassen, doch die Uhr wirft erneut mit Zeigern nach mir. 10:15 Uhr. Das Video muss wirklich fertig gemacht werden. Dabei mit dem aktuellen Material noch überhaupt keinen Überblick, ob da noch was rein passt oder nicht. Die Dohle grundieren? Dazu den Kräutertee für die Blase; wird dem Magen ebenfalls gefallen. Die Nacht war scheiße. Mindestens 1 Stunde, wenn nicht gar zwei, quälte ich mich mit Krämpfen herum, mich über mich selbst ärgernd. Vor dem Zubettgehen mich von der Ruhe in den Beinen einlullen lassen und lediglich 1,3 mg Hydal zu den 2 mg retard. 2 Stunden später musste ich es bitter bereuen. Nachts weitere 3,9 mg, das Bein hing die halbe Nacht in der kalten Luft, in Intervallen von maximal 10 Sekunden am Gurt gezogen oder gezappelt oder den Oberschenkel verprügelt. Insofern kann ich froh sein, bereits jetzt hier zu sitzen. Aber die Zeit läuft davon, man hätte das Frühstück noch schneller einnehmen können, bereits um 9:00 Uhr die Arbeit aufnehmen… Hätte Hätte Fahrradkette… Musik an, Stoppuhr an…

11:12
Die Stoppuhr zurücksetzen. In den ersten, wenigen Minuten die Spiegelreflexkamera runterfallen lassen. Der Motor vom Objektiv oder der Kamera selbst im Arsch.

Fass besser gar nichts mehr an!!

Die wenigen Handgriffe, das Wühlen in der Holzkiste mit den Farbtuben, das Applizieren dieser, und schon geben Hände und Körper den Geist auf. Die Beine stocksteif. Im Bett ließen sie sich schon nicht abbiegen. Dann stand ich gerade eben mit der Kamera vor der Terrassentür, draußen im Sanddorn ein Eichelhäher beim Sonnenbaden. Die Sonne knallte durch die Scheiben, mir wurde immer heißer, aber ich vermochte ja nicht einmal die Terrassentür zu kippen! Zurück am Tisch scheint ohnehin alles sinnlos, hat sich alles gegessen, meine ganzen Pläne hinfällig. Ich hasse mich…

Verreck doch endlich!!

11:43
Ins Badezimmer geschlurft. Am Waschbecken kurz nach vorne gekippt, die ausladende Bauchdecke hat für einen Moment Kontakt mit dem Waschbecken und ich mache mir in die Hose. Zum Glück, scheinbar, hatte der Katheter einen Knick. Dem Frieden nicht trauen. Ich konnte die Zahnbürste nicht halten. Ich konnte mich nicht aufrecht halten. Mein Gesicht leichenblass. Die Haut mit roten, schuppigen Flecken übersät. Mich hundeelend fühlen, aber eben auch nicht krank. Mir heiter selbst die Schuld daran geben, weil ich alles schleifen lasse. Es ist genau wie letztes Jahr. Aber scheinbar noch ein bisschen schlimmer… Das ist ja geradezu das Grandiose an der Sache: Man gewöhnt sich an Zustände, vergisst, wie es mal war, und denkt dann, so wie ich gerade, die Ausfälle hätten dieselbe Qualität wie im letzten Winter. Wie gut, dass es da meine Videos gibt. Panik kriecht in mein Herz; gleich ist es Mittag. Der Computer macht Lärm. Die Kompressoren der Kühlschränke machen Lärm. Der große Kompressor der Wärmepumpe im Flur macht erst recht Lärm. Eine Dauerbeschallung… Macht mich krank! Wieder ist mir schlecht.

Ich will mich verletzen. Ich will mich abstellen. Aber unterm Strich weiß ich, dass diese Strategien lediglich einen hauchzarten Vorhang vor der eiternden Fleischwunde abgeben. Ein winziger Windstoß und der Sichtschutz ist dahin… Plötzlich drängt sich mir wieder der Wunsch auf, mein altes Leben zurückhaben zu wollen. Buchfinken trippeln über die Schneekruste, aufs Restaurant wagt sich keiner von ihnen. Die ganzen Grünfinkenleichen vor einigen Jahren sind wohl langfristig abschreckend gewesen. Eine Amseldame und ein Feldsperling spielen auf der Terrasse Schnabelball mit einem abgestürzten Meisenknödel. Es ist der Krüppelspatz, er lebt immer noch. Bald ist er ein Jahr alt. Aber er wird genauso sang- und klanglos verschwinden wie der Weißkopfspatz. Wie alle auffallenden Gestalten um mich rum. Am Ende gewinnt der Tod immer. Mir wie ein Versager vorkommen.

Was heißt hier „vorkommen“, DU BIST EINER!!

Es wird 12:16. Ich bin völlig antriebslos. Erstarrt. Die Panik würgt mich. Heute Nacht im Traum hatten wir Kinder. Diese waren bei meinen Eltern und meine Mutter hat unser dickes, schwarzes Kind gemästet. Ich habe mich mit ihr gestritten, ihr Vorwürfe gemacht, dass sie mich (im Traum) als Kind, als kleines Kind ständig verprügelt hätte. Sie stritt es ab, meinte, sich nicht darin erinnern zu können. In einem riesigen Haufen von alten Kleidern wühlte ich nach dem Stück, welches sie damals getragen hat. Damit sie sich besser erinnern kann. In der Tat fand ich einen blauen Fetzen, den sie damals an hatte. Sie wollte sich nicht erinnern, aber mein Bruder und ich fühlten wieder den Schmerz, dieses hinterher langanhaltende Brennen an der Stelle, wo der Klaps eben gelandet war. Ich sah den Schmerz in Form von einem grellen Blitzlicht. Unsere Körper waren damit übersät und ich unterstellte unserer Mutter, dass sie mit uns als kleine Babys völlig überfordert war.

Nur ein Traum. Keine Erinnerung. Aber so fängt man eben an sich zu wünschen, man sei verprügelt worden, die ganze Kindheit hindurch, um wenigstens ansatzweise eine Art Rechtfertigung für das eigene gestörte Verhalten zu haben.

Nachts jagten wieder Erinnerungsfetzen durch mein Gehirn. Wie schon vorgestern Nacht; da war ich wieder im Haus meiner Oma. Und gestern? In der Wohnung in Graz der anderen Oma. Ich konnte riechen, wie es dort immer gerochen hat. Muffig, nach alten Menschen, alten Möbeln und nach „wenig bewohnt“. Mir graute davor. Ich stand im Krankenzimmer an ihrem Bett, vor ihrem Leichnam, der linke Fuß unter der Decke frei gestrampelt im Todeskampf. Oder von den Ärzten.

Erneut landet Urin in der Hose. So viel zu meinem flüchtigen Seelenfrieden was zumindest meine Ausscheidungsorgane betrifft. Dieses dämliche, arrogante Arschloch. Was hat er gesagt? Ich hätte eine „Überlaufblase“… Was für ein Trottel! Wenn dann habe ich eine Harndranginkontinenz! Aber das zu bemerken, hätte sein Ego erst recht angekratzt.

15:19
Mich aufs Sofa zurückgezogen. Nachdem ich erneut in die Hose gepinkelt hatte. Jetzt läuft es wieder ab… Aber vermeintlich ist das schon der Fehler, es überhaupt zu bemerken, irgendetwas positiv zu finden. Ich weiß nicht, ob ich heute Besuch bekomme oder nicht. Diese Ungewissheit wühlt mich auf. Aber sie ist nicht das Problem… Diese gelähmte Starre in Kombination mit meiner Frustration… Dazu noch die perfekte musikalische Untermalung und fertig sind die Grundvoraussetzungen für die nächste Überdosis. Sebastian kuckt mitleidend. Aber zugleich auch ratlos. Was soll er auch sagen, was tun? Die Mittagsdosis vom Tramal ist größer ausgefallen. Sechs Hübe, 30 Tropfen. Jetzt mit zum Tisch genommen dessen Glaspumpe und dazu das Fläschchen mit dem Psychopax. Ich gebe nicht auf. Wer weiß, wie oft ich noch gegen die Wand rennen muss. Aber diese Lethargie gerade ist nicht auszuhalten. Mitunter und bestenfalls genügt es, das blutige Material im Video zu sehen. Aber je nachdem, was noch kommt, kann es genauso gut zum Sprungbrett gereichen. Der Tag ist noch nicht zu Ende…

Die Katzen wieder ins Haus, Knödelbrot für die Vögel. Es ist schön kalt. Vornehmlich mein rechtes Bein stocksteif. 15 Tropfen Diazepam. Einige gehen daneben, brennen auf der Haut. Dem Junkie entsprechen, den ich im neuen Filmprojekt abgebe. Malen? PFF!!! Das Fläschchen mit den Beruhigungsmitteln aufzuschrauben bereits der Genickschuss. Den Abend über mich hereinbrechen lassen; mit Kollateralschäden oder nicht. Erinnerungen drängen sich auf. Bunt gemischt…

17:28
Zu zittern beginnen. Kotztüte holen und nen Becher Joghurt… Der nächste Blutzuckercrash. Aber NEIN, die Oberschwester wusste es bei der Reha besser! „Elektrolyte und Blutzucker KANN MAN NICHT ausschwemmen!“.

19:11
Eine winzige Zeichnung; der Rücken streikt.

24. Februar 2018, Samstag „Wetterprognosen und andere Lügen…“

13:14
59,7 Kilo um 10:45. Ich konnte, ich wollte nicht aus dem Bett. Und ich war enttäuscht, als Sebastian, der erst irgendwann kurz vor 4 schlafen ging, morgens aufstand. „Willst du noch liegen bleiben?“. Die Frage wurde dreimal gestellt, zweimal wurde sie bejaht und ich drehte mich um. Sein Schnarchen eingebaut in meinem Traum. Reha auf dem Marktplatz in Fürstenfeld. Eine unfreundliche, strenge Physiotherapeutin, die mir nicht zuhörte, mich nicht erklären ließ.

Von Kältefront war die Rede, von Schneefall das ganze Wochenende. Dementsprechend hat Sebastian gestern eingekauft. Und nun? Nachts nicht mehr als -2,3 °C, jetzt knallt die Sonne vom Himmel und der Schnee schmilzt dahin. Wohingegen morgens reger Betrieb am Restaurant herrschte, nun Flaute. Direkt nach dem Aufstehen noch im Badezimmer konnte ich draußen die typischen Rufe der Gimpel hören; er meinte gar, sie am Restaurant gesehen zu haben. Jetzt nur die altbekannten Gesichter. Kohlmeise, Blaumeise und Kleiber. Selbst die unzähligen Amseln haben sich verzogen. Fine hatte in den letzten Tagen bereits zwei Zecken; man fragt sich ernsthaft, wo sie diese eingesammelt haben soll.

Ich bin fahrig, mein Magen fühlt sich an, als kündige sich da eine Gastritis an. Nachts ein Antibiotikum mit Magenschutz. Ungewollte Zuckungen die kümmerlichen Zeugen meines abendlichen Rauschzustandes. Und die Erkenntnis, für den Schnitt einer etwa sechsminütigen Aufnahme mitunter einen Tag zu benötigen. Und das noch ohne musikalische Einbauten. Bin gestern nicht fertig geworden, vielleicht gerade zwei Drittel. Sebastian hat für mich diese teure Nasendusche gekauft. Erhoffe ich mir ernsthaft denselben Erfolg wie zuletzt? Nachts zweimal ins Bett gepinkelt. „Noch“ fühlt sich alles friedlich an. ZU friedlich?

Na, wenn Sie es vorher schon wissen, dass es Ihnen schlecht gehen wird?!…“.

Ich bleib dabei. Arrogantes Arschloch! Eine Glas Darmschmeichler, die Reste vom Blasentee und überlegen, wer oder was nun Priorität hat. Das Bild, das Video. Nachdem wir gestern die einzelnen Symbole auseinandergenommen haben, wundert mich nicht, warum ich, seit ich zu Hause bin, so eine Blockade habe, die Arbeit fortzuführen. Aber die Dohle, der Täter, muss seinen Platz in meiner Geschichte einnehmen. Erinnerung und Assoziation sind formbar. Mal sehen, wie sehr das Unbewusste die Feder führt und was daraus resultieren könnte, wenn „der Täter“ in der Komposition Stellung bezieht. Mir Träume erhoffen? Erinnerungen? Oder zu viel verlangt?…
Der letzte Gedanke nachts galt der Panik, dem Missbrauch (im Buch „Tagkind Nachtkind“ weiter gelesen). Der Weg lag vor mir, ganz klar.
Aber es ist wie eh und je! Morgens sind da keine Schreckgespenster mehr, die die taghelle Straße säumen. Meine Ängste, meine Gefühle und jede meiner und Markus‘ Überlegungen hinfällig, Humbug, Übertreibung! Aber nachts… Nachts kommen sie wieder, seit nunmehr mindestens 30 Jahren, die bösen Geister der Vergangenheit, um mir ein Szenario des Untergangs zu zeichnen. Mit lediglich einem einzigen Ausgang: Suizid.

Als ich gerade halbnackt im Badezimmer stand, Bilanz gezogen: Alle leben, keiner ist schwer krank, keiner will, keiner fordert was von mir, alles ist gut, warum stelle ich mich so an?

Ein Rotkehlchen kommt zum Mittagessen. Ringsum tropft es von Bäumen und Stauden. Bemerken müssen, der Lethargie anheim zu fallen. Ich muss in Aktion treten, irgendwie. Die Terrassentür gekippt. Sonst wäre es hier am Tisch nicht auszuhalten. Nur ganz leise hört man vereinzelte Rufe. Laute Musik, ehe ich mich wieder in Wehmut und Erinnerungen an Läufe bei diesen Wetterbedingungen verliere…

2018-02-24

14:08
Los geht das dödliche Drama: Anpinkeln.

17:38
2 Stunden und 15 Minuten. Für eine lächerliche, kleine Skizze?
Der Tag verglüht. Blass. Doch als wüsste der Computer um diesen speziellen Moment… Lisa Gerrard. Ich gaukle mir selbst vor, zu sterben.

Seit kurz nach 2 nicht mehr in die Hose gemacht. Gut 7cm Schlauch aus der Blase gezogen. So einfach soll es gelöst sein? Bis auf den Bildschirm dunkel. Seichte Farbstreifen am Horizont. Die Dohle, der Täter, eine schwere Geburt. In den tiefer werdenden Schatten Ausschau halten nach den bösen Geistern der Kindheit.

DIE GIBT ES NICHT!!!

Der Wille befiehlt.
Das Gehirn führt aus.
Aufstehen…

Und daran teilhaben dürfen, wie die Befehlskette grandios zum Scheitern verdammt ist. Der Körper schmerzt. Die Alternativen zum Rollstuhl rar.

Die Heizdecke umdrehen. Ein paar Bewegungen. Minimal. Doch der Körper beginnt zu gähnen. Unablässig.

23. Februar 2018, Freitag „Die Schlacht am kalten Buffet-Teil XY“

8:34
59,9 Kilo um 6:45. Die gesamte Meisenfamilie trifft sich im „Chez Paridae“. Die langschwänzige Verwandtschaft, die Schwanzmeisen, die Stargäste des Tages. Es schneit und ich habe Kopfschmerzen. Diverse Sachen von A nach B räumen, die Hälfte davon landet ohnehin auf dem Boden und wird dort liegen bleiben, bis ich Sebastian vermutlich explizit darum bitte, sie aufzuheben. „Nein… Da ist nichts!“… Nachts ausgelaufen. Wieder sitze ich auf einem Turm aus Tüchern und Pippimatte (über dieses Wort haben sich die Zivildiener gestern sehr amüsiert). Das Gefühl nicht los werden, auf dem Rollstuhl nicht aufrecht sitzen zu können. Die Herrschaften bei der Rollstuhlanpassung waren aber anderer Meinung. Die Ergotherapeutin sagte, der Rückenteil würde kippen. So oder so, ich habe Rückenschmerzen, alles verspannt. Und bei der Hinfahrt vermutlich ob dieser plötzlichen Überflutung mit Stress (Volkshilfe und drei nasse Jungs im Flur, die Dreck machten) mit den Zähnen geknirscht; in Bröseln verabschiedete sich ein weiterer Teil eines Zahns.

Aber schwer seufzen und währenddessen versuchen, wieder einmal zumindest auf der Leinwand Ordnung herzustellen. Ich muss mich jetzt endlich entscheiden! Krähe eins oder zwei? Um 11:00 Uhr wieder Sitzung; die Verbindung war immer noch am besten vergleichsweise mit anderen Terminen. Da fällt mir wieder ein, geplant zu haben, die durchsichtige Schutzfolie aus Plastik, die auf dem Keilrahmen liegt, an der Stelle einzuschneiden, wo ich die Krähe platzieren möchte. Aber welche… Das ist die Frage!!

Genau genommen befinde ich mich wieder am Anfang. Vier Bilder. Krähe oder Dohle? Das Licht spiegelt sich äußerst ungünstig auf dem Leinen. Unterdes hocken gleich mehrere Amseln verteilt in den Ruinen der Himbeerstauden wie Verbrecher und beobachten sich missgünstig gegenseitig. Das Licht einschalten. Mich morgens oben rum ausgiebig gewaschen, nichtsdestotrotz stinke ich erneut zum Himmel. Das ist doch einer dieser Sätze, den ich inflationär benutze. Man könnte Werbung einbauen, für irgendein Deo, und so Geld verdienen… Oder simpel: Nur noch copy + paste! Ich muss das Headset abnehmen und mich endlich auf die beschissene Aufgabe konzentrieren! Sonst wird das nie was!! Das ganze Projekt mittlerweile (nach 1200 Stunden von „mittlerweile“ zu sprechen klingt beinahe wie ein Witz) viel zu verkopft!! Keine intuitiven Entscheidungen möglich. Saatkrähe oder Dohle? Die Augen der Dohle sind toll. Dafür sieht ihr großer Verwandter auf dem Foto eher aus wie ein Verbrecher und würde dem Täter mehr gerecht werden. Was mache ich?…

16:55
Den Tag den Bach runter gehen lassen. Im erneut zweieinhalb Stunden dauernden Gespräch mit Markus wurde klar, warum ich mich kurz davor doch für die Dohle entschieden habe. Diese graue Kapuze… Eigentlich weiß, soll das schwarze Gesicht verdecken, ist aber beschmutzt und deswegen grau. Die Augen… Sie sind anders als die von meinem Seelenvogel. Auch haben wir herausgearbeitet, bzw. habe ich mich hinein gefühlt, warum gerade die Nebelkrähe für mich das Symbol der Seele ist. Die schwarzen Beine, Flügel, der schwarze Kopf… Das allein genügt, um einen Umriss erkennen zu können. Eine Fassade der Seele. Aber der Torso grau. Grau wie Nebel. Ebenfalls beschmutzt und zugleich nicht fassbar, weil irgendwie gar nicht da, nicht zu mir gehörend. Die Augen der Seele sind braun, tiefgründig. Jene der Dohle stechend, gefährlich.

Da war noch viel mehr, aber ich habe nicht die Zeit noch die Energie, all dies festzuhalten. Mit wenigen Worten brachte mich mein Therapeut zurück an den Punkt, an dem ich entweder meiner Ratio oder Rumpelstilzchen Gehör schenken muss. Die Ratio gibt ihm recht. Es ist alles so dermaßen „eindeutig“. Auch fragte er heute, was Rumpelstilzchen eigentlich zu meiner MS sagt. „Das ist wie im Film vom letzten Einhorn. Der rote Stier, auf dem er reitet, und mit dem er mich zerstören will…“. Er sprach von der Theorie einer „Pseudo-MS“, davon, wie sehr die Psyche den Körper beeinflussen und mitunter eben auch zerstören kann. Die Tatsache, dass meine Lumbalpunktion negativ war, dass meine MS kurz vor meinem 18. Lebensjahr ausgebrochen ist, dem Alter also, das für mich als „Deadline“ für mein Dasein stand. Mit zu vielen Ängsten verbunden war, die ich nicht zu überleben glaubte… Außer, ich würde ein Kind bleiben. Würde nicht gezwungen sein, erwachsen zu werden. Ich wollte nicht erwachsen werden. Ich konnte es nicht. Und plötzlich ist man krank und von all den mit Horrorvorstellungen verbundenen Herausforderungen befreit. Hätte nicht besser kommen können. Passte doch zu der scheinbar bewusst getroffenen Entscheidung, es dürfe mir nicht gut gehen.

Markus hatte mit allem Recht. Würde es jemand anders genauso berichten, sofort würde ich die Zusammenhänge erkennen, ich wüsste Bescheid. Aber so sagte ich: „Doktor Ratio gibt dir recht, nickt, schreibt einen Befund, schickt ihn ab… Aber dieser wird nicht bei mir ankommen.“. Viele Zusammenhänge, viele Dinge, die ich fühlte… In mir wurde gemauert. Ich durfte es nicht fühlen, ich konnte es nicht fühlen und kaum ausgesprochen, mir selbst vorwerfen, es nur konstruiert zu haben, damit es ins Bild passt.

Mir geht es scheiße. Etwa um 15:30 Uhr saß ich auf dem Rollstuhl, nachdem ich auf dem Sofa wieder kurz eingeschlafen war. Sebastian fuhr einkaufen, das Wetter, die Straßenbedingungen sollen die nächsten Tage beschissen werden. Ich stand auf, um den Beutel zu entleeren. Kaum zurück meldete sich mein Darm, erneut schlurfte ich ins Bad… Ich konnte die neue Einlage nicht in die Unterhose montieren. Ich konnte die Hose nicht wieder hochziehen. Um während dieser zeitfressenden Prozedur unentwegt zu gähnen, immer schwächer zu werden und aus meiner Nase lief unaufhörlich Wasser. Zurück im Wohnzimmer zog es mich wieder zur Couch. Unfähig. Tief in mir drinnen pulsierende Unruhe. Als hätte mich ein Schreck aus dem Schlaf gerissen. Als wäre ich zehn Stockwerke hinauf gesprintet. Die Blase krampfte, wieder Urin in der Einlage, bestialische Schmerzen in Form von brennenden Neuropathien in beiden Händen, als würde ich diese in ätzende Säure tunken.

Zu schwach. Zu kaputt. Alles bleibt liegen. Meine ganzen Ideen.

18:29
Nervenzusammenbruch. Sebastian wollte gerade hoch, ein Fußballspiel hören und ich hatte ihn gebeten, mir noch die Hose hochzuziehen. Stand auf und lief aus… Während ich in Richtung Badezimmer schlurfte brach ich in Tränen aus: „Nein!! Ich bilde mir alles nur ein!!!… ICH bin die Gestörte!! Da ist nichts passiert!!… Und dennoch war mir beim Anblick von meinem Bild während der Sitzung zum Heulen zumute, obwohl ich davor gut drauf war… Und nicht umsonst schrieb ich in mein Tagebuch, dass die beste Methode seitens des inneren Kindes, mich zu quälen, das ist, was es am besten kann und kennt!… Aber nein! Ich bin nur hysterisch! Ohne triftigen Grund!…“, usw. und so fort. Ich weiß weder ein noch aus. Sebastian tat alles, damit ich mich wohl fühle. Rücken eingecremt, Blasentee gekocht, eine Decke über die Beine, eine Banane für den Blutzuckersturz, zudem noch ein kleiner Schokoriegel… Im Badezimmer einen Teststreifen gemacht. Nicht schlau aus dem Ergebnis werden. Warum ist so viel Glukose im Urin und zeitgleich habe ich einen hypoglykämischen Ausfall? Leukozyten waren da keine, aber alles andere war zu hoch.

Ich sehe mich am Wochenende erneut ins Krankenhaus pilgern. Bevor er ging, bat ich ihn noch um meine Medikamente: „Ich brauche jetzt eine höhere Dosis, ich will diesen Körper nicht mehr spüren!“. Sebastian meinte, er hätte volles Verständnis dafür. „Also hältst du mich nicht für einen Junkie?“. Darauf er: „Nein. Weil du es nicht leiden kannst, total die Kontrolle zu verlieren. Dafür bist du viel zu kontrolliert!“. Doppelte Dosis Tramal, 2,6 mg Morphium, ein Novalgin. Es krampft und krampft. Tröpfchenweise kontaminiere ich die fünfte Einlage an diesem Tag. Seit gestern kratzt es im Hals. Bin ich noch krank oder nicht? Das Bild vor mir im Licht der Lampe, das Lächeln, es macht mich traurig. Entweder weil ich zu diesem Zeitpunkt abzüglich des Wassers in den Beinen und Armen sicher an die 49 Kilo hatte? Oder weil es nicht ECHT ist? Eine Fassade? Nichts als eine Kulisse mit bunten Schmetterlingen… Eine lächelnde Leiche… Der nächste Blasenkrampf. Die Hände brennen. Vergebens die Versuche, am Katheter herum zu manipulieren, ihn tiefer in die Blase zu schieben. Dieses arrogante Arschloch!!! WARUM hat er keinen Urintest gemacht??? Scheiß Narzisst!!! Hab ich sein Ego verletzt??

Es wird 18:59 und ich laufe vollständig aus. Nun doch eigenmächtig die Antibiotika vom Hausarzt einnehmen? Ich werde jetzt nicht aufstehen und erneut ins Badezimmer pilgern. Ich kann, ich will nicht mehr. Ich habe meine gesamte Jugendzeit und auch in den zurückliegenden 20 Jahren, bis das mit dem Katheter losging, keine Antibiotika gebraucht. Sie werden mich schon nicht umbringen. Und wenn doch, auch in Ordnung. In meiner Pisse hocken. Ich hasse mich…

Aber warum lösen die letzten drei Worte die nächste Tränenflut aus?

Selbstverliebtes STÜCK SCHEISSE!!

Noch mehr Tramal. Erneut 40 Tropfen, doppelte Dosis. Musste dieser Absturz kommen? Ginge es mir besser, würde ich den Rauschzustand mit ein paar selbstgeernteten Endorphinen aufhübschen? Meine Rasierklingen befragen, was sie von all dem halten?

Panik.

19:19
Am Video arbeiten. Am depressiven Teil. Es krampft. Ich mach mich nass. Die Extremitäten brennen. Der Atem stockt. Aber es geht mich nichts mehr an…
Blutige Bilder von Anfang 2000 raus suchen. Passend zu der Aufnahme eines Gemetzels, kurz vor der Reha. Ja. Ich werde es einbauen. Um Aufmerksamkeit zu erheischen, auf Teufel komm raus? Oder mein verkorkstes Leben, das schon immer in der „Öffentlichkeit“ stattgefunden hat, ob ich will oder nicht, zu einem „Kunstprojekt“ zu erklären? Kunst kennt keine Grenzen. Der Öffentlichkeit ins Gesicht kotzen, was sie mit mir macht. Während (gefühlt) zugesehen wird, wie ich vor die Hunde gehe… Sebastian tut mir jetzt schon leid, das ansehen zu müsen.

19:36
Einen blutenden Himmel als Tagesintro auserkoren. Die Betäubung auskosten. Besser als mich in den induzierten Schlaf zu flüchten; die Kreativität atmet erleichtert auf, kurzfristig befreit von den Ketten der Angst…