7. Juli 2018, Samstag

20:16
Wir wollten ohnehin irgendwo einkaufen gehen…
Dementsprechend überzeugte ich Sebastian davon, dass wir auch ins große Einkaufszentrum nach Oberwart fahren könnten. Unser erstes Ziel die allgemeine Ambulanz im Krankenhaus. Mein Katheter wurde gewechselt, neues Urikult gemacht und der freundliche Urologe machte keinen Hehl daraus, dass bei mir dank meiner MS ohnehin alles im Arsch sei. Ich meinte, schon lange kein Blasentraining betrieben zu haben, und er ganz fatalistisch: „Das bringt ohnehin nichts mehr! Ihre Blase ist kaputt!“.
Als er den Befund schrieb, gab ich ihm den Tipp, bei der Diagnose „Zombie“ zu vermerken…
Hahaha… Alles ja so lustig, ich habe Witze gemacht, über meine Situation, meine Schrottkiste von Körper usw. und so fort. Aber spätestens dann im Sportladen, als Sebastian sich nach neuen Dartpfeilen umsah, ging in mir beim Anblick der Laufabteilung wieder irgendetwas zu Bruch. Bin ich denn wirklich irgendwo ganz tief versteckt in mir der Meinung, dass ich jemals wieder laufen werde können? Wie dumm muss man sein??
Der Lächerlichkeit preisgegeben habe ich mich zu allem Überfluss auch noch, als ich meine Tablettendose stolz präsentierte und meinte, kein Problem zu haben, die einzelnen Präparate auseinanderhalten zu können. Den nächsten Scheiß gedreht… Das, was ich für die Retardtabletten gehalten und auch gestern sowie in den letzten Tagen, in denen es mir mit der Blase schlecht ging, eingeworfen hatte, waren in der Tat die Medikamente fürs Herzrasen!!
Hatte ich nicht zuletzt genau andersrum denselben Fehler begangen? Und die Tabletten gegen das Herzrasen mit denen für die Blase verwechselt und sogar geglaubt, sie würden die ersten Tage die Panikattacken eindämmen???
Wieder war die Rede von der Botoxspritze und auch da konnte ich mir die Klappe nicht halten: „Wow! Dann habe ich eine faltenfreie Blase… Wenigstens etwas!!“.
Die Schwester, die sich erst um mich kümmerte, erzählte sogleich, ihre „Schwester“ hätte ebenfalls MS. Wer hat denn nicht MS oder ist nicht mit jemandem verwandt oder kennt immerhin ein oder zwei Leute, die es haben?! Was für eine Volksseuche!

In der Wartezeit las ich wieder im Buch „Ich war erst 12“. Es ging darum, wie der Vater das erste Mal nachts ins Schlafzimmer der Tochter kommt und sie ausquetscht, wie sich das mit ihrem Freund verhalten würde. Ganz unschuldig, die beiden hielten Händchen und das war schon das größte der Gefühle. Nachdem sie ihn diese eine Nacht vertreiben konnte, wusste sie ganz genau, er würde wiederkommen. Und so geschah es auch. Dieser seltsame, gefährliche Blick. Bereits in der ersten Nacht hatte er ihr übers Haar gestreichelt… Und sie fühlte intuitiv, dass das nicht normal war! Denn er berührte sie nie! Er war auch sehr streng und mitunter aufbrausend. Sie respektierte ihn. Aber das, DAS war nicht mehr normal… Und sie fühlte sich schlecht!

Der Täter ist austauschbar. Wer auch immer, aber ich las diese Zeilen und bereits bei der kurzen Beschreibung der ersten Nacht konnte ich fühlen, wie sie sich gefühlt haben muss… Mir wurde schlecht, klamm, ich fühlte mich ekelhaft, dreckig und zugleich im Körper gefangen.
Dem voraus ging eine plötzliche Panikattacke, als ich mich bei der freundlichen Schwester angemeldet habe…

Das soll „Hineinsteigern“ sein? Nicht mehr als das?!!
Ich bin davon überzeugt, dass jeder Mensch, der sich selbst verletzt, sexuelle Gewalt erfahren hat!
Warum kann ich dann diese Überzeugung nicht auf mich selbst anwenden? Wenn ich doch weiß und keine Sekunde daran zweifle, dass andere Verdrängen, Abspalten??! Warum dann nicht ich ebenfalls???

Sebastian ist mit Jan und dem anderen Sebastian weggegangen. Ich bin allein und spüre in mir das Verlangen, mich zu verletzen…
Was waren das auch für Höllenschmerzen, als wir nach Hause kamen? Mein linkes Bein krampfte bereits die ganze Heimfahrt über. Mein Bauch eine steinharte, druckempfindliche Murmel. Erst recht angepisst vom Wechsel des Katheters. Alles tat weh. Wir haben zu Mittag gegessen und anschließend gab es sogar noch Eis… Für meine Verhältnisse viel zu viel und dreimal über den Hunger!! Dafür aber meldete sich dann mein Darm. Wunderbar… Kaum hatte ich mich vor der Toilette aus dem Rollstuhl erhoben, führte der Druck hinten zu einem bestialischen Krampf vorne im Unterleib, ich fiel um, auf die Kloschüssel und pinkelte mich wieder an. Ich biss vor Schmerzen in die Aufstehhilfe links von mir, ich bekam keine Luft mehr und es fühlte sich an, als würde der Krampf meine Harnröhre aus mir rausquetschen, oder besser noch, gleich noch die ganze Blase dazu!!

Der Arzt klärte mich darüber auf, dass die Krampflöser für die Blase nebst der Mundtrockenheit eben auch den Darm lähmen würden. Genauso wie das Lioresal, ganz zu schweigen von den Opioiden und erst recht den Morphinen, die fehlende Bewegung mal ausgeklammert. Er empfahl mir auch, stattdessen das Lioresal hoch zu dosieren. Ob das hilft? „Die Harnwegsinfekte werden immer wieder kommen und die Krämpfe… Die Blase ist auch nur ein Muskel, die MS schädigt alles.“.
Schwer seufzen.
Es war ein warmer Tag, wir waren von 10 bis nach 17:00 Uhr unterwegs. Aber ich wollte nicht verstehen, warum ich mir nach der grauenvollen Klositzung weder die Hände noch das Gesicht waschen konnte… Ich war unfähig, meine Hand zu heben, um damit den Schlauch am Wasserhahn festzuhalten und den eiskalten Strahl auf meine Visage zu richten, damit die Seife abläuft!!!

Um anschließend wieder unaufhörlich gähnen zu müssen. Es war zu viel… Auch jetzt kann ich auf dem Rollstuhl nicht mehr sitzen. Mein Ischias ist zu Tode beleidigt. Der Rücken gekränkt. Dabei will ich noch am Video arbeiten…

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6. Juli 2018, Freitag „HEUTE ist Freitag!…“

8:30
59,3 Kilo um 6:45 Uhr. Wie gestern, wie vorgestern. Da geht man einmal nach über 20 Tagen aufs Klo und wiegt zwei Tage später einen Kilo mehr… Logik?
Es regnet. Dementsprechend hoch die „FluGtuation“ am Restaurant. Die Insekten bleiben zu Hause. Ich möchte eine riskante These aufstellen: Wetten, zu Mittag scheint wieder die Sonne?
Keine halbe Stunde mehr, dann habe ich Sitzung. Die vermutlich vorerst Letzte. Eine Pause ist angedacht. Nachts im Bett verlor sich mein Blick unentwegt im obersten Regalfach, dort, wo mindestens fünf Paar nagelneue Laufschuhe aufeinander gestapelt Staub ansetzen. Ein Fach weiter unten liegen weitere Modelle, kaum getragen. Den ganzen Ausflug über (bis auf das längere Stück mit den Schmerzen) musste ich ans Laufen denken. Aber wo sollte ich auch hinfahren, welche Strecken blieben mir denn, um nicht mit Erinnerungen konfrontiert zu werden?
Die Antwort ernüchternd: HIER definitiv keine Alternative! ALLES wurde abgelaufen!
Es ist Sommer! Zwangsläufig bin ich wieder mit diesem Verlust konfrontiert. Natürlich könnte ich aufhören, dabei auch noch mein altes Handy mitzunehmen, um damit die Musik von damals zu hören. Beim „Spaziergang“ brauchte ich sie aber. 45 Minuten waren möglich. Davon die letzten 15 nur noch Quälerei. Aber es war so heiß…
Trotz etwas mehr Bewegung, trotz neuer Stützstrümpfe, war es gerade Sebastian, der abends zu mir sagte: „Huch, du hast aber wieder ordentlich Wasser in den Füßen!“.
Der Witz nur: Mir wäre es erst gar nicht aufgefallen! Ist nicht er es, der die Situation permanent runterspielt, wenn ich mich darüber beklage, dass meine Gliedmaßen doppelt bis vierfach so dick geschwollen sind?
Der Körper setzt Funktionen aus, beginnt mit dem Abbau, stellenweise mit dem Sterbeprozess.
Stromkosten hin oder her: Nachts liege ich im Bett, die Matratze ist so weich, dass die Inkontinenzmatte unter mir permanent unbequeme Falten schlägt, kaum auszuhalten ist, aber fürs Wohlbefinden sorgen Ventilator und Heizstrahler -die kalte Luft für die krampfenden Beine und die warme für Oberkörper und eiskalte Hände. Wie in Kindertagen stelle ich mir vor, in einer eiskalten Nacht draußen irgendwo am Lagerfeuer zu liegen…

Aber das habe ich schon oft genug diktiert. Anstatt die Zeit so zu verschwenden, hätte ich die letzte Aufnahme schneiden können. Eine Katastrophe, teils vom Wind und größtenteils von Flugzeugen sabotiert. Ich könnte natürlich auch wieder damit anfangen, wie beschissen ich aussehe. Dass der Spiegel mitunter gnädiger zu mir ist.
Das erste Thema heute wird definitiv wieder diese Grunddebatte sein, warum er felsenfest davon überzeugt ist, es mit einer Multiplen zu tun zu haben. Wobei doch ich selbst immer den Eindruck gewinne, ich generiere Rumpelstilzchen regelrecht.
Vor über 1 Stunde noch hatte ich eine bessere Erklärung parat, traf den Nagel auf den Kopf als der Satz gerade eben. Aber er ist weg. Oder sagen wir so: Ich hatte mich in flagranti dabei erwischt, wie ich etwas dachte, das ich dann doch nicht denken durfte, es bedurfte einer Reaktion und rief mein vermeintliches Täterintrojekt auf den Plan. Gar nicht mal dahingehend, dass ich ihn eingeladen hätte, sondern wie ein Gerät eingeschaltet! Um dem Bild zu entsprechen! Den „Erwartungen“?!
Wie fühlt es sich an? Wie sollte es sich anfühlen? Laut Markus und dem viel zitierten DSM V, der wohl immer noch nicht offiziell beendet und veröffentlicht ist, genau so, wie ich es beschreibe. Dabei bleibt aber latent ein Vorwurf: Dass ich das alles nur fingiere, der Aufmerksamkeit wegen, um anders, besonders zu sein… Dabei ernte ich immer nur schräge Blicke, keiner nimmt mich ernst, wenn ich mich dahingehend oute. Also welche Form von „narzisstischer Zufuhr“ erhalte ich denn überhaupt, um diese Unterstellung zu rechtfertigen?
Keine?
Oder genügt es mir, in meiner Gedanken- und Fantasiewelt etwas Besonderes zu sein?…

18:15
„Der Körper soll dein Tempel sein“… Ich lach mich tot…
Mein Körper ist mein Erzfeind! Oder wie heute in der zweistündigen Sitzung von mir beschrieben: „Ich fühle mich wie ein Alien. Eine Art Energiewesen. Das Gehirn…? Ist ja auch etwas Physisches, also sagen wir, es ist das, was man landläufig als Seele bezeichnet. Und irgendjemand hat mich in diesen fremden Organismus gepflanzt. Ich kann mich damit nicht identifizieren! Es bleibt für mich ein „FREMD-Körper“.“.
Mittags 2 Stunden lang Krämpfe im linken Bein. Egal, wie oft ich aufstand und umherging. Egal, wie oft ich das Bein verprügelte. Egal, ob warme oder kalte Luft, und so war eben auch das Magnesium egal. Gezwungen, zum Morphium zu greifen…
So trat wenigstens nach einer halben Stunde endlich Frieden ein. Sebastian kam sehr spät nach Hause, es war bereits 15:00 Uhr. Während er schlief, war ich wach. Und als er noch kurz einkaufen fahren wollte, schlief ich ein. Dabei hielt es mein Ischias auf dem nagelneuen, schweineteuren Fernsehsessel nicht aus.

Ich lag da vielleicht 30 Minuten. Aber der Heizstrahler lief währenddessen. Als ich erwachte, traf mich regelrecht der Schlag! Mir war speiübel, als hätte ich wieder zu viel getrunken, mich mit Entwässerungstabletten voll gestopft und jegliche Elektrolyte ausgeschwemmt, und zugleich Mund, Zunge, Gaumen sowie Kehle dermaßen staubtrocken, als hätte ich die Namib durchquert…
Sein erster Kommentar: „Meine Güte! Ist das hier heiß! Als ich gerade die Tür geöffnet habe, war es so, als würde mich eine Wand erschlagen!“. Und so fühlte ich mich eben auch, als hätte ich mit meiner fortgeschrittenen MS in der prallen Sonne verschlafen; oder noch besser, 5 Stunden in einer Sauna gesessen… Völlig ausgeknockt, unbeweglich, instabil! Zu allem Überfluss hatte ich die Wasserflasche runtergeworfen und er kam genau im richtigen Augenblick zurück; ich hätte die riesengroße Pfütze nicht aufwischen können.

Ich hatte meiner Verdauung mit einem der beiden Einläufe vom Hausarzt gedroht. Das hat wohl „gefruchtet“. Bereits seit drei Tagen, ganz besonders heute fühlte sich mein dicker Bauch wie eine steinharte, schmerzende und erst recht druckempfindliche Kugel an! Als ich es endlich geschafft hatte, aufzustehen, drückte der Darm wohl auf die Blase…? Oder die Überdosis Wärme hat sich auf die jeweilige Stelle in meinem Hirn ausgewirkt, die für meine Inkontinenz verantwortlich ist?… Ein heftiger Blasenkrampf, ich pinkelt in die Hose… Bzw. und zum Glück in die große Einlage. Das, was dann auf dem Klo folgte, war wahrlich kein Spaß.
„Mit freundlichen Grüßen, Deine Opioide und Morphine!“. Und die fehlende Bewegung. Und die ungesunde Ernährung…? Jeden Tag, wenn es heißt: „Was möchtest du heute essen?“, da habe ich keinen Plan, vermag nicht darüber nachzudenken, habe auch eigentlich auf gar nichts Lust und wenn dann irgendetwas Essbares vor mir steht, dissoziiere ich eine kleine Ewigkeit über dem Menü, anstatt es mir in den Mund zu stecken. Oder esse einen Bissen und bin eigentlich schon satt…

WARUM NIMMST DU DANN NICHT AB, DU SAU??!!!

Die Sitzung heute hatte so viele wichtige Punkte angeschnitten, mein Analytiker so viele entscheidende Sätze von sich gegeben… Und ich mir nichts gemerkt!…
Natürlich habe ich wieder mit ihm darüber diskutiert, was es nun mit der Multiplen auf sich hat. Er nannte ein paar stichhaltige Argumente, die ich nicht abstreiten konnte. Aber vergessen! Alles, was mir in Erinnerung geblieben ist: „Das, was du da mit dir tust, ist eigentlich ein Verbrechen und du würdest dafür ins Gefängnis wandern, wenn du es mit jemand anderem tun würdest!“. Das saß. Und irgendwie und über Umwege, die erneut schlüssig waren, wollte er mir damit klarmachen, dass DAS ALLES schlicht und ergreifend für einen verdrängten sexuellen Missbrauch sprechen muss!

Was machte ich? Begann zu klimpern, das Hirn ging auf Stand-by.
Ebenso schlüssig die nächste Überlegung, gerade angesichts meines Zusammenbruchs vorletzte Nacht: „Vielleicht weiß deine Mutter wirklich nichts, aber da der Täter zu dir gesagt hat, das darfst du ihr nicht erzählen, das bringt sie um, hat er dir damit die Sterbefantasien in den Kopf gepflanzt, gerade angesichts ihres Verhaltens, was Krankheit und Tod betreffen, und dass du DANN irgendwann anfängst, auch sie abzulehnen, weil sie sterben zu sehen eigentlich dein gesamtes Leben verpfuscht hat, kein Wunder.“.

Und wieder sah ich diesen Satz im Nachwort des Buches „Ich war erst zwölf“ von einer Fachfrau, mit dem ich nicht gerechnet hatte, aber er stand da, wie eine Tatsache, wie etwas völlig Normales, Gängiges bei dieser Thematik, und ich habe mich mein gesamtes Leben gefragt, ob nur ich so gestört, bescheuert bin!!!
„Opfer von sexuellem Kindesmissbrauch glauben sehr häufig, ihre Mütter umzubringen, sehen sie sterben…“. In dem Kontext, würden sie der Mutter vom Missbrauch erzählen. Weil der Täter sie damit zum Schweigen gebracht hat. „Wenn die Mama das erfährt, bringe ich sie um!“. „Das darfst du der Mama nicht sagen, das bringt sie um!“.
Und wieder erläuterte Markus den gravierenden Unterschied zwischen zum Beispiel seinen Misshandlungen damals im Internat und meinen Reaktionen auf diverse Trigger: „Wenn ich den Film von der Kampusch sehe, fühle ich mit ihr. ABER in deinem Fall gehen gewisse Szenen wortwörtlich UNTER die Haut!!! Das ist bei mir nicht so, und das hat doch was zu bedeuten!! Und du wärst schon ein verdammt guter Schauspieler, wenn ich mich auf deine Videos beziehe, und du die DIS nur spielst! Und das kannst du dir auch nicht eingeredet haben, um dann bei diesem Thema so dermaßen körperlich zu reagieren!“…

Therapiepause. Bis zum 1. August. Sollte ich dekompensieren, etwas erinnern, bräuchte ich nur per Skype einen Notruf absetzen, man könne dann kurzfristig eine Notfallsitzung einberaumen. Aber der Sommer sei eine gute Zeit, mir etwas Gutes zu tun. Da hat er insofern recht, weil ich zu dieser Jahreszeit doch immer noch einen Restkrümel Selbstständigkeit allein durch den Umstand habe, niemanden zum An- und Ausziehen zu benötigen, wenn ich raus möchte. „Und die Natur ist für dich eine wichtige Ressource!“.

Ich würde gerne darüber nachdenken, wie es jetzt weitergehen soll. Denn es muss doch irgendwann etwas geschehen. Aber „ich darf nicht“. „Sobald du dich zu sehr mit dem Missbrauch, vermutlich mit dem Täter, also mit dem, was dir passiert sein könnte, auseinandersetzt, umso lauter wird Rumpelstilzchen. Auch wenn er behauptet, dir sei nichts passiert, müsse er sich dann ja nicht so ins Zeug legen… Oder nicht?“. Und: „Wenn du ein Problem damit hast, dann nenne es eben Egostate, oder noch besser: Ein abgespaltenes Gefühl! Aber ein Solches entsteht eben nur, wenn ein Missbrauch die kindliche Seele spaltet, widersprüchliche Gefühle sich nicht einsortieren lassen, um schlussendlich -zum Selbstschutz, um überleben zu können- abgespaltet zu werden!“.

Am Video weiter arbeiten. Aber ich weiß nicht wie. Es bedürfte noch einer Aufnahme, aber die Lichtbedingungen sind schlecht, ich fühle mich unansehnlich, nicht zumutbar und so dermaßen verwirrt oder vielleicht auch gelöscht im Schädel, dass ich davon überzeugt bin, nichts zu sagen zu haben…

19:14
Nächster Blasenkrampf…

19:42
Es hört nicht mehr auf zu krampfen. Harnwegsinfekt, Pilz, kalte Füße?
Mit dem Rollstuhl zum Sofa gefahren, um den Heizstrahler zu holen. Das Kabel verheddert, das Kabel zu kurz, beim Rangieren (und ich musste dazu noch das Kabel und die Fernbedienung der Heizdecke festhalten) kollidiert der rechte Fuß mit der Tür…
Eine überzeugendere Einladung für die nächsten Krämpfe gibt es wohl kaum!! Als ob das Krampfen im Unterleib nicht bereits ausschlaggebend genug sei…
Und ich bin wütend! Beschimpfe mich selbst! Lasse mich beschimpfen! Und bin stinksauer, wie ich so blöd sein konnte, das Haus so zu planen, wie ich es geplant hatte! Das soll ein großes Wohnzimmer sein? Geräumig und mit Platz für so einen klobigen Rollstuhl??
SO EIN SCHEISS!!!
Wenn die Beine nicht ohnehin von der warmen Luft erneut ihr perverses Treiben fortsetzen.

21:19
Mich anpissen…

Du fettes, dreckiges Ferkel!!!

27. April 2018, Freitag „Es war doch NUR ein Traum…?“

8:40
Es wird später und später, erst funktioniert das Mikrofon nicht, dann das Sprachprogramm, unnötig verstreichen wichtige Minuten und ich muss befürchten, dass der schöne Schein von gestern jetzt ein Ende nimmt, die nächste Panikattacke nicht auf sich warten lässt!
Der Morgen beginnt mit Spannungen. Sebastian ist beleidigt, ob meines Vorwurfes mich nicht ernst zu nehmen. Ich bin gekränkt, weil er mich nicht ernst nimmt. Ihm von meinem Traum berichtet. Für mich war dieser wie eine Erleuchtung!

Die Sitzung mit Brigitte gestern zeigte für mich ganz klar, dass ich mit ihrer Herangehensweise nichts anfangen kann. Auch wenn sie betonte, ich müsse ihr nichts liefern, halte ich es dennoch nicht aus, dass sie einfach nur da sitzt und zuhört und sich selbst komplett herausnimmt aus dem Prozess. Sie meinte gestern auch: „Es ist nicht gut, wenn der Therapeut zu viel sagt oder fragt, damit beeinflusst er ja den Klienten, gibt die Richtung vor…“. Was soviel heißen soll wie…? Dass Markus mich permanent manipuliert? Ich komme nicht damit klar, wenn sie, wie eben auch Sebastian heute Morgen, über gewisse Sachen lacht, sich amüsiert, die ich wahrlich nicht zum Lachen finde.

Natürlich klang die Beschreibung meines Traumes ganz schön obskur, aber für mich bedeuteten die kleinen Töne dazwischen die Erkenntnis. Der Zirkus drumrum war nicht das Entscheidende! Aber Sebastian hörte scheinbar nur das und rechtfertigte sich hinterher mit: „Aber es ist und bleibt NUR ein Traum!“.
Nein… Eben nicht. „Ich erwarte mir ja gerade IN meinen Träumen Antworten von meinem Unterbewusstsein zu erhalten!!“. So schmollten wir eben beide ein paar Minuten vor uns hin.

Wir übernachteten im Gasthaus, in unserem Wohnzimmer von 2000-2003. Warum genau, weiß ich nicht mehr. Erst war Sebastian meine beste Freundin, oder ein Teil von mir… Ich weiß es nicht mehr genau. Draußen laute Musik. Im Haus der alten Nachbarn der jüngste Sprössling, sorgte für musikalische Untermalung des Spektakels vor dem Gasthaus. Eine Jungschar, lauter junge Männer aus dem Dorf, Jäger und Nazis, oder wie man sich hierzulande ganz modern schimpft „die Identitären“. Einige kamen mit Motorrädern und Waffen in der Hand. Sie würden sich gleich auf den Weg machen und alles abknallen, was ihnen vor die Flinte käme. Meine Mutter sorgte für das leibliche Wohl dieser Höllenbande.
Ich bin mir nicht mehr sicher, ob das vorher oder später passierte. Tatsache ist, ich hatte das Fenster geöffnet und auf einen von ihnen hinunter gespuckt. Da kam meine Mutter von unten wie eine Furie angerauscht, machte mir eine Szene, ob ich sie, das Geschäft kaputtmachen will. Dass ich genau DEN Typen erwischt hätte, der in der Verwandtschaft irgendwelche hohen Politiker hatte. Dort hätte er sich beschwert, dieser Kanzler oder was auch immer darauf meiner Mutter per Telefon mitgeteilt, dass sie wegen dieser Frechheit keinen einzigen Groschen bezahlen würden. […..]

Oben angekommen gegenüber vom Bauernhof von Barbara und Rudi (er ruhe in Frieden) wurde ich wie fremdgesteuert verlangsamt. Denn auf der Seite gegenüber, die Betonmauer um das Haus von diesem Mediamarkt-Futzi, wurde plötzlich zur Leinwand. Da standen Worte, ich hörte Geräusche, sah Dinge, roch irgendetwas und las währenddessen auch noch laut vor: „… Das kenne ich schon, das kenne ich schon, das kenne ich schon…“.
Zügig wurde mir klar: Das war die Zusammenfassung all meiner Absenzen!! Jeder einzelne Trigger war dort aufgelistet, zusammengefasst!! So einfach!!
Spätestens an diesem Punkt wurde mir bewusst, dass das alles zuvor nur ein Traum im Traum war. Oder gar nur eine Absenz, die vielleicht wenige Sekunden gedauert hatte!!
Ich marschierte zurück zum Gasthaus. Nun eben erwacht aus dem Traum im Traum.  […..] Alles spielte sich jetzt nicht so übertrieben und fantastisch ab wie in der ersten Version. […..]

Und wieder floh ich, rannte weg, wollte den Berg hoch laufen, aber die Straße hatte sich verändert, da waren lauter schmale Bahnen, teilweise zu schmal, um darin zu laufen. […..]

Und all das ist wahrlich NICHTS, worüber man lachen sollte. Oder wie Sebastian es häufig tut, regelrecht „abtut“, mit einem „Ach ja… Du träumst aber auch ein Zeug!“. Und/ABER eben am schlimmsten, am Schluss seine Reaktion damit zu rechtfertigen, dass es NUR ein Traum war und nichts zu bedeuten hat. Genauso wie Brigitte über meine Träume immer lacht. Sollte ich so ehrlich sein, und die Therapie mit ihr beenden? Weil sie mich in den zurückliegenden dreieinhalb Jahren überhaupt nicht weitergebracht hat? Ist DAS zu sagen nicht undankbar, wenn ich doch alles gratis, sozusagen in den Arsch geblasen bekomme und andere FROH wären, wenn ihnen mal jemand zuhört?!

Mittlerweile ist es 9:26 Uhr. Ich muss in Graz anrufen. Während ich den Traum festhielt, vermochte ich keinen einzigen Strich zu malen. Nachher kommt auch noch Sonja und ich spüre zumindest das Grundsubstrat einer Panik. Noch schlimmer: Aus Angst vor der Angst will ich mich jetzt abschießen! Dafür, dass ich noch nichts geleistet habe, sowieso bestrafen! Mir plötzlich der Unordnung um mich rum gewahr werden. Die Rechte klimpert schon wieder.

9:36
Na? Ist das was?
HEUREKA!!!
Hört man den Stein plumpsen? „KEIN Wachstum im Uricult!!“! Dabei hatte der Hausarzt Sebastian gestern bereits ein Rezept für Antibiotika mitgegeben!!
Muss ich mich jetzt immer noch abstellen?
Meine Stimme klingt, und klang erst recht gestern Abend, als wäre ich ein zwölfjähriger Junge im Stimmbruch. Dann eben noch DIESE Baustelle!

Du hast dich nicht bewegt! Keine einzige Übung gemacht!! Und dann dein Gewicht, du fette Sau!!

59,6 Kilo um 6:45 Uhr. Obwohl meine Verdauung gestern nach Tagen mal wieder etwas sagen wollte. Obwohl es zu Mittag nur Eiweißshake und Wassermelone, abends nur Suppe und ein Mehrkornbrötchen gab. Die Hand klimpert weiter…

11:11
Wofür den Katheter erweitert?
Wofür die ganzen Tabletten?
Gerade einmal 30 Minuten gemalt, um mir dann nach einem Blasenkrampf in den darauffolgenden 5 Minuten schrittweise in die Hose zu machen, durch die Einlage, durch Unterhose und Hose, und schlussendlich durch das Handtuch hindurch. Immer und immer und immer wieder der gleiche Text. Mich umzuziehen, neue Unterhose mit ganz großer Einlage, darüber auch noch eine Windel- das allein kostete eine halbe Stunde. Anschließend konnte ich mir die Zähne nicht mehr putzen… Musste mit beiden Unterarmen aufs Waschbecken gelehnt versuchen, die Bürste hauptsächlich mit dem Mund von links nach rechts zu schieben und erst recht festzuhalten. Die Arme nicht mehr heben können. Nicht mehr gehen können. Nicht mehr stehen können. Unfähig, den Lichtschalter unter meinem Tisch zu betätigen. Kopfschmerzen setzen ein, 37,8 °C. Ist es ein technisches, physikalisches Problem? Gebührt der ganze Ruhm der Psychosomatik?
Und als hätte es keinen besseren Moment dafür gegeben, wird jetzt gerade draußen aus Regenwetterwolken Sonnenschein! Ich bin fertig. Hab meine liebe Not, das Headset auf den Kopf zu bekommen. Die hässliche Visage im Spiegel… Rein schlagen will ich!!! Mich bedingt durch die Extraschichten unten rum NOCH fetter fühlen! Dabei ragt meine Wampe, mein Schwangerschaftsbauch selbstbewusst über den gespannten Hosenbund hinaus. Keine Luft mehr bekommen. Als hätte ich ein halbes Spanferkel ganz allein in mich hinein gestopft!

In mich hinein sprechen: „Bist du das, Kind? Setzt dich über alles, was allgemeingültig als unmöglich erscheint, hinweg? Willst du mir was sagen, etwas zeigen?“.

Ich komme mir dabei selten dämlich vor. Die Hand klimpert und ich will mich nur noch wie ein verprügelter Hund irgendwo verkriechen. Aufs Sofa, die Tür absperren, keiner kommt mehr rein. Aber ich erwarte noch Sonja. Glaube ich zumindest, im Kalender steht nichts, aber das hat nichts zu bedeuten. Schlagartig wieder bei 0. Oder weit darüber hinaus im Minusbereich. Verdammt, bei dieser Katheterweite dürfte das doch gar nicht mehr möglich sein! Aber… Ist es nicht bereits gestern vorgefallen, im Kleinformat?
Ich hätte jetzt eine Aufnahme gemacht, ein kurzes Statement von mir gegeben. Aber so wie ich aussehe? Ich bin ein Brechmittel! Erkenne mich schon wieder nicht!

Ein Fass ohne Boden… Es darf mir nicht gut gehen!
Plötzlich wieder Kindheitserinnerungen, ich sehe Signor Rossi, Sonntagvormittag. Wie soll mir das weiterhelfen?

Versuchen mit letzter Kraft Wasser ins Glas zu kippen. Preiselbeersaft als letzte Hoffnung. Neben den Spasmolytika vom Hausarzt, die scheinbar noch besser gewirkt haben als die ganz neuen. Außerdem nimmt man diese dreimal täglich. Draußen verfärbt sich der Himmel blau und meine Stimme ist als solche kaum noch auszumachen.

18:02
Mich in der Uhrzeit geirrt. Erst in einer Stunde Sitzung. Automatisch geht das Klimpern wieder los. Durchs offene Wohnzimmerfenster dringt der Gesang der Vögel in den Raum. Wie gerne wäre ich draußen. Aber der Wind… Der Anblick der schaukelnden Sträucher und Bäume bereitet bereits Kopfschmerzen.

Auch weiß ich jetzt nicht mehr, was ich von den Ergebnissen vom Fieberthermometer halten soll. Sebastian messen lassen. Selbst da zeigte es über 37°C an; er fühlt sich überhaupt nicht krank, ist nicht krank. Also bedeuten meine 37,4°C oder mehr zuvor ebenfalls nichts? Mich wieder schön wie ein Hypochonder hinein gesteigert?! Mich zum Deppen gemacht?! Weil ich schlicht und ergreifend eine faule Sau bin und lediglich einen festen Tritt in den Arsch benötige??!!
Mich warm einpacken und mit dem Rollator draußen auf dem Parkplatz ein paar Runden drehen…

ABER NEIN!! DAS FETTE STÜCK SCHEISSE BLEIBT SITZEN!!!

Bewegungslos, wie eingefroren. Zur Farbe greifen, weiter arbeiten… Stattdessen verliert sich mein Blick wieder einmal draußen im Nichts und die einzig erbrachte Leistung heißt Klimpern. Ich verachte mich. Ich verachte mich für das Eis, welches mir Sebastian mitgebracht hat und von dem ich mindestens zwei Drittel gefressen habe, ehe ich den Rest an ihn abtrat.

Das gute Headset funktioniert auch nicht mehr, hat wie das andere einen Wackelkontakt. Ich sehe plötzlich nur noch Dinge, die kaputt sind, während ich mich hier in meinem goldenen Käfig selbst einsperre. Mir wird schlecht… Und scheine überhaupt nicht mehr zu schätzen zu wissen, dass die Panik nachgelassen hat. Als hätte es die zurückliegenden Tage gar nicht gegeben.

Eine volle Dosis vom Tramal. Der ungestüme Trampel schmeißt beinahe die volle Tablettendose runter… Ich bin so dumm!
Beim Blick nach draußen sehe ich meine beste Freundin und mich mit den Inlineskates. Ich sehe uns vom langen Ausritt zurückkommen. Ich sehe mich laufen… Spätestens jetzt hat die Depression was zu kauen bekommen.

18:54
Mich überwunden, die Leinwand zu mir gezogen… Meldet sich die Verdauung. Verflucht! Ich saß doch erst vor einer halben Stunde auf dem Klo, mit Sebastians Hilfe Hose erst runter und dann wieder rauf!
Das dauert wieder Minuten, kostete wieder Kraft und ich bin wieder unbrauchbar. Während draußen der Abend vorbereitet wird, die Erkenntnis gewinnen, dass von mir nichts mehr übrig ist. All das, worüber ich mich selbst noch so einigermaßen definieren konnte, ist Geschichte.

Die Anstrengung löste plötzlich heftige Kopfschmerzen aus. Schöne Grüße an die Pharmaindustrie… Ein Mexalen geschluckt. Jetzt sind es wenigstens 37,9°C. Mir wird schlecht. Die Hand klimpert noch schneller. Mich dabei kaum auf dem Rollstuhl aufrecht halten können.
Warum lebe ich noch?

SELBSTMITLEID!! Zieh endlich Konsequenzen draus!!

Die Sitzung beginnt jetzt…

23. April 2018, Montag

17:55
59,3 um 8:00 Uhr? Ich weiß es nicht mehr. 59,2 Kilo? Tabula rasa in meiner Birne. Lediglich eine Funktion am Überreagieren: die Dissoziation! Den ganzen Tag schon und erst recht gerade eben während der zweistündigen Psychoanalyse.

Da marschiert Martha mit einem Zilpalp im Schnabel über die Terrasse! Sebastian oben anrufen, er kommt runter gestürmt, erschreckt laut seiner Aussage die Katze draußen, die den Vogel fliegen lässt. Oder er sagt es zumindest, um mich zu beruhigen. Aber ich trotz allem bitterernst: „Ich sag’s dir! Das waren die letzten Katzen, die wir in diesem Haus haben! Mir reicht es und es geht einfach nicht mit dem Paradies hier ums Haus! Es tut mir jedes Mal in der Seele weh, wenn die beiden Biester irgendetwas anschleppen!!“. Wortlos verlässt er das Wohnzimmer und geht wieder nach oben.

In der Analyse immer wieder eine Vollbremsung vorm Abgrund, mindestens 20 mal kurz vor einer Absenz! Teilweise das Gefühl, sie mehr oder minder selbst auslösen zu können!
Auch jetzt, wenn ich der Korrektur wegen Passagen wiederholen muss, dieses elende Dejavuegefühl. Das mit der Situation hier und jetzt überhaupt nichts zu tun hat! Markus darauf, das sei ein sehr gutes Zeichen, wir würden wohl ab nächster Woche die Frequenz erhöhen, wieder jeden Tag Sitzung machen. Dafür spräche erst recht das, was ich ihm vom Wochenende berichte…

Wieder kann ich mich nicht an meine Träume erinnern. Auf der Terrasse treibt sich nun der Angorakater herum, pisst ungeniert gegen den weißen Gartenstuhl. Es war so heiß im Taxi, es war gerade eben während der Therapie so heiß, mein Oberteil stinkt zum Himmel. Die Herrschaften in der Urologie haben wie von mir gewünscht den Katheter aufgeweitet, von 12 auf 14. Bei der Gelegenheit aus dem neuen Stück ebenfalls eine Urinprobe entnommen, freitags bekomme ich Bescheid, was sich erneut in meiner Blase herumtreibt. Gemeinschaftliches Kopfnicken zu meiner Aussage, ich könne ja nicht zweimal im Monat Antibiotika fressen. Um auf diesem Wege alsbald Resistenzen zu riskieren! Man vereinbart, die Frequenz der Wechsel zu verkürzen, nächster Termin in vier Wochen. Dazu wurde mir das dritte Spasmolytikum verschrieben. Die nächste Option wäre dann wohl die Botoxspritze direkt in die Blase.
Markus äußerte den Verdacht, dass das mit der Inkontinenz die nächsten Tage -egal welche Wege und Mittel nun auch noch ausprobiert würden- zunehmen könnte. Urinieren als Versuch der Selbstreinigung. Eine Regression zum bettnässenden Kind. „Ganz leise hatte auch ich bereits diesen Verdacht…“, teilte ich ihm noch mit.

Ein Unwetter fegte nachmittags übers Land, dicke Hagelkörner, Donner und Blitze. Ein Trigger nach dem anderen. Aber jetzt gerade, da das Land wieder ganz friedlich allmählich dem Abend entgegen strebt, noch mehr Erinnerungen an meine Kindheit, noch häufiger das Gefühl, das Bewusstsein zu verlieren.

Ich sehe Spaziergänge mit meiner Mutter.
Ich sehe Spaziergänge mit meiner Oma, bin noch ganz klein, gehe an ihrer Hand.
Ich sehe große Feste im Gasthaus, die ganze Verwandtschaft ist da, um zu helfen.
Ich sehe Tante und Onkel aus Pinkafeld.
Ich sehe die Tage vor meiner Einweisung ins Krankenhaus.
Sehe mich draußen ums Gasthaus herum treiben, mit anderen Kindern. Nach so einem großen Fest. Während so einem großen Fest.
Wieder die Einäscherung meiner Oma.
Als ganz kleines Kind ins Bett gehen, obwohl es draußen noch hell ist.
Usw. und so fort. Alles harmlos, aber ich bekomme keine Luft mehr. Das Dejavuegefühl raubte mir die ganze Sitzung hindurch den Atem, als sei es eine Würgeschlange, die mich zumindest bereits bis zum Torso verschlungen hat.
Ich sehe ganz bestimmte Spaziergänge. Ich bin wieder bei diesem Spaziergang. Frühling. Sommeranfang. Unterdes geht mein Blick ins Leere.

Zur Abenddosis wieder zum Lorazepam (Temesta) gegriffen. Wieder in Kombination mit 2,6 mg Morphium. Oder waren es nur 1,3? Ich weiß es nicht, obwohl es wenige Minuten her ist. Ich wollte rausfahren, aber die Wege allesamt so dreckig, ich würde nur die Arbeit von der Volkshilfe heute Vormittag zunichte machen, käme ich danach zurück ins Haus mit dem Rollstuhl. Also bleibe ich hier hocken, gefangen in meiner Unbeweglichkeit. Wie gerne würde ich an der Animation fürs neue Video arbeiten. Dabei unfähig, auch nur eine winzige Notiz in meinem Kalender zu machen.
Zur Beruhigung ein Räucherstäbchen angesteckt. Der Geruch vom Streichholz wurde zum nächsten Trigger. Ich bin in Graz bei meiner Oma, in ihrer kleinen Wohnung.
Ich sitze zusammen mit ihr und ihrem Besuch im Gastzimmer rechts hinten am Tisch. Und die beiden alten Leute (ich denke, einer davon ist Arzt) sagen, ich sei so süß, man könne mich auffressen, sie wollen mich einpacken. War es Traum oder Tatsache, dass sie mich unter dem Gelächter meiner Oma dann schlussendlich tatsächlich noch gepackt und in der Dunkelheit hinaus zu ihrem Auto geschleppt haben, zu ihrem Kofferraum und so taten, als wollten sie mich da hinein sperren und mit sich mitnehmen? War es Traum oder Tatsache, dass ich mich losreißen konnte und alle drei nur begeistert über sich selbst in lautes Gelächter verfielen?
Ich sehe die kleine Amsel in meiner kleinen Kinderhand sterben.
So wie ich gestern ein Deodorant oder Parfüm wahrgenommen habe, welches ich seit Kindertagen nicht mehr in der Nase hatte.
Mir bleibt die Luft weg.
Es ist dasselbe Licht wie in diesem Traum aus Kindertagen, in dem ich oben am Hang gegenüber vom Gasthaus beim verfallenen Haus in eines der Silos gestürzt bin, mein Vater und mein Bruder sehen auf mich herab, tatenlos, und gehen dann weg, nach Hause und lassen mich im Loch sitzen, verrecken.
Ich sehe mich bei diversen kirchlichen Veranstaltungen. Erstkommunion.
Bin mit meinem Vater bei dessen besten Kumpel, draußen in den Wäldern hinter Fürstenfeld, wo es so stark nach Baumharz riecht, von den ganzen Fichten und Tannen und Föhren. Wie schon in der Sitzung steigt mir vermeintlich ein scharfer Geruch in die Nase. Oder der Geist von einem Geruch, denn ich rieche nichts, nur die Nase reagiert so, als befände sie sich in dieser Situation, die Nasenflügel geweitet, ein scharfer Schmerz in den Stirnhöhlen, alles zieht sich zusammen, nach oben.

Geburtstagsfeier bei einer Freundin in Jennersdorf.
Meine Mutter spaziert mit meinem Bruder, mit mir und meiner Oma zu den Ruinen ihres Heimatshauses, 1 km hier die Straße runter rechts oben am Hang. Ich glaube, Adi und Tanja, die Nachbarskinder sind auch dabei. Aber da war es Herbst.
Ich sehe irgendwelche Vorbereitungen für ein Fest in der Hauptschule.
Ich sehe uns im Hauptschulalter nachts vom Ausflug mit dem Musiklehrer zu einer Oper nach Hause kommen.
Wir sind in Jennersdorf an der Raab, Willi, der Lebensgefährte meiner Oma angelt dort abends und wir sind mit dabei.
Sehe den Frühling und zugleich den Tod…

Es wird 18:50 und ich warte sehnsüchtig auf das Einsetzen der Wirkung. In mich hinein: „Kind, Kinder, sprecht bitte mit mir!“. Will etwas zeichnen, eine Brücke schlagen zur Kommunikation, aber ich bin von oben bis unten gelähmt. Leichenstarre. Rumpelstilzchen längst bei den Rasierklingen. Vor 1 Stunde das Blut von gestern von den Armen gewaschen. Eine braune Suppe ergoss sich über die weiße Keramik, der Unterarm, die Haut blau unterlaufen. Die Rechte klimpert unbeholfen. In mir gefangen.
Träumte ich nur davon oder war es eine Erkenntnis? Ein Blick auf meine Kindheit, eine schwarze Episode auf meiner Lebenslinie, und zu denken begann ich erst mit 11…

Kein Wunder bei dem SCHEISS, den du da ständig liest!!!

Fordert er dich aktuell häufiger auf, dich umzubringen?“, Markus Frage. Häufiger… Ist nicht auch das einem gewissen Wellengang unterworfen?

Ich sehe uns Kinder abends nach Hause kommen, wir spielen noch Karten. Aber ein Detail fehlt… Was ist mit dem Zubettgehen? Ich weiß, ins Zimmer meiner Eltern geflohen zu sein. Aber keine einzige Erinnerung daran, in meinem Kinderzimmer ins Bett gekrabbelt zu sein. (Beim zweiten Mal Lesen, der Korrektur wegen, wieder haarscharf an der Absenz vorbei schlittern, mir wird schlecht…)

Das machst du absichtlich! Redest dir das absichtlich ein!!!

Stücke fehlen, ganze Zeitspannen fehlen…

ALLES EINBILDUNG!!! UND WARUM AUCH NICHT? WIE SOLLST DU WISSEN, WAS DU VOR 30 JAHREN GEMACHT HAST, WENN DU DIR NICHT MAL MERKEN KANNST, WAS VOR 5 MINUTEN WAR?!!!

Ich spüre in mir die Angst. Angst davor nicht zu wissen, wie es weitergehen soll. Unfähig, die Maus zu bedienen.

Ich sehe mich im Nachthemd, es gibt Abendessen, heiße Kartoffeln aus dem Backrohr, dazu Butter, Salz und ein Glas Milch. Im Fernsehen läuft „Puschel -das Eichhorn“.

Ich möchte sagen: „Hach, war das damals schön!“, aber lediglich beim Formulieren der Worte für den Eintrag bleibt mir jedes einzelne im Hals stecken. Alles falsch. Ich war schlecht. Ich bin schlecht.

Die Unordnung auf meinem Tisch scheint dies zu bestätigen.
Ich sehe mich mit meiner Mutter unten an der Volksschule, wir pflücken Herzkirschen von diesem riesengroßen Baum und sie sagt, ich soll abends nicht so viel davon essen, sonst bekomme ich Bauchschmerzen…

Sterbefantasien. Schuldgefühle. Leichenhallenstimmung.

Und das Bild bleibt liegen, wie schon seit Tagen. Tot…?

Dann kommt die Panik angekrochen, Sebastian könne bald runter kommen und der Tag, der Abend würde damit seinen Abschluss finden. Die Wasserflasche ist leer. Unfähig, zum Kühlschrank zu gehen?

Ich sehe Beerdigungen, sehe Spaziergänge auf diversen Friedhöfen… Die Kehle wie zugeschnürt.
Sehe mich in Krankenhäusern liegen. Sehe mich in Krankenhäusern Patienten besuchen, mit meiner Mutter.

Es wird 19:24 Uhr. Mich aufraffen, zum Kühlschrank gehen. Am Waldrand steht eine trächtige Ricke und genießt den Frieden im Graben. Ich weiß nicht, ob ich Betäubung spüre oder nicht. In kleinen Schüben erdrosseln mich die Panikzustände. Mich dem Videomaterial widmen, irgendwie den Schädel ausschalten, ich kann nicht mehr…

21. April 2018, Samstag „Haltlos…“

19:11
59,3 Kilo um 9:45 Uhr. Abends eine und frühmorgens mindestens zwei Absenzen. In Dauerschleife ein und derselbe Satz „Das kenne ich schon, das kenne ich schon, das kenne ich schon, das kenne ich schon…“.

NATÜRLICH könnte es noch schlimmer sein, NATÜRLICH hätte ich mich den ganzen Tag zusätzlich auch noch anpissen können, NATÜRLICH, NATÜRLICH, NATÜRLICH!!!!
Wohin mit mir? Als ich auf dem Sofa schlief, als ich um 15:02 Uhr die dritte Absenz hatte, begann es in mir zu brodeln…

Du hast schon wieder nicht gemalt!
Dir läuft die Zeit davon!
Draußen warst du auch nicht, der Frühling geht vorbei!!
Bewegt hast du dich auch schon lange nicht mehr, du wirst alles verlieren!!! Alles wird den Bach runter gehen und dann wirst du auf mein Angebot zurückkommen!!!…

Mir ist schlecht. Kopfschmerzen. Dezent Halsschmerzen. Der Schleim hängt im Gaumen fest. Meine Befindlichkeit vom neuen Spielzeug abhängig machen: 37,8°C. Die 37°C gar nicht mehr verlassen. Nichts hinbekommen. Nichts leisten können. Völlig wertlos in den Tag hinein. Mit der blauen Blechdose in der Hand meine psychische Schräglage in Augenschein genommen: Welcher Schritte bedarf es? Vorerst 2,6 mg Hydal und eine volle Dosis Tramal. Dazu ein Erkältungsmittel. Meine Hand klimpert. Was war das für ein grandioser Tag?! Was für ein Wetter?!!
Nach dem Frühstück wollte er mit mir nach Fürstenfeld fahren. Endlich schafften wir den Weg zu einem Optiker, aber die Brillenfassung, die ich präferiere, gibt es schon seit Jahren nicht mehr. Da kam mir ein Gedanke, warum ich so renitent bei gewissen Dingen an einem Stil festhalte: Weil meine Mutter, als sie mich noch wie eine Puppe permanent angezogen hat, mich von einem Trend in den nächsten gejagt hat? Immer mit der Aussage: „Das ist gerade so modern!“. Bedeutet Gleichschritt. Alle rennen so rum. Und ich will doch verdammt noch mal nichts anderes sein als ICH SELBST!! MICH SELBST FINDEN, ENDLICH!!! Und was waren das für Modesünden mitunter, Karottenhosen… Abgesehen davon, den aktuellen Modetrend als „fürchterlich“ zu empfinden. Nichts Halbes und nichts Ganzes. Wie ein Sprung in drei Rotkreuz-Säcke.

Wir fuhren zur Eisdiele, ich wählte eine Kugel Eis mit Joghurt und es war viel zu viel und noch mehr zu viel. Eigentlich hätte ich hinterher kotzen müssen. Mein Magen meinte doch bereits nach fünf Löffeln es sei genug. Dabei unfähig, die Finger zu strecken. Es war heiß. Für die Jahreszeit viel zu heiß. Auf der Heimfahrt traf mich halb der Schlag, schreckliche Ohrenschmerzen, Kopfschmerzen und völlig unbeweglich. Als wir zu Hause in unserer Idylle ankamen, auf dem Weg zurück ins Haus, blutete mein Herz. Ich müsste draußen sein, NICHT SCHON WIEDER IN DIESEM KÄFIG GEFANGEN, IN DIESEM KÖRPER GEFANGEN, IN DIESEM ZUSTAND!!!…

Der Ausflug morgen ist für mich gegessen, bleib allein zu Hause; Sebastian wird nicht fertig mir gegenüber zu äußern, dass ihm das gar nicht gefällt, er sich Sorgen macht, ein mulmiges Gefühl hat. Dagegen ich male mir aus, was ich alles mit mir anstellen könnte!
Die Sonne ist untergegangen, der Abend legt sich übers Land. Ich müsste draußen sein… Allein dieser Satz, und ich löse mich in Tränen auf. Will mein Leben zurück. Alles kaputt. Blutzucker? Depression?…

SELBSTMITLEID???!!

Der Mund durch gleich zwei Sorten Spasmolytika staubtrocken, die Lippen aufgerissen. Die Singdrossel schmettert ihr wehmütiges Lied in den Abend hinein. Die Mönchsgrasmücke wird nicht müde, Predigten zu halten. Abends Lärm vor dem Fenster, da war wohl der Igel an den Katzennäpfen… Panik. Bald ist Sommer, dann Herbst und schon wieder Winter. Der Tod rückt immer näher, aber eben nicht meiner. Der Geburtstag meiner Mutter… Mein beschissener Geburtstag…
Eine Sache ist mir aufgefallen: Traumaopfer scheinen mit ihrem Geburtstag auf dem Kriegsfuß zu stehen. Ich möchte mich aus der Verantwortung stehlen. Weil jetzt Abend ist und es dann beinahe schon ganz klassisch keinen anderen Ausweg zu geben scheint?
Montag mit dem Taxi in die Urologie. Montag in Erfahrung bringen, ob es erneut Antibiotika bedarf. Am 6. Mai Termin in der Universitätsklinik, HNO und wieder Antibiotika? In mir dreht sich alles. Scheißegal, wie viel Wasser ich in mich hineinschütte, die Lippen tun weh, die Zunge eine Ledersohle. Ich habe eine hässliche Zunge, widerwärtig! Total aufgerissen, seit Kindertagen schon. Die Hand klimpert schneller.

19:57
Ihn nach unten bitten, um mir Tee zu machen, das Fenster zu öffnen, damit ich die Vögel hören kann, um mir neues Wasser zu geben, die Abläufe von morgen zu erläutern, ebenfalls den Montag zu besprechen, und ihn abschließend noch um eine Blisterpackung Temesta bitten. In der Dose nur noch Gewacalm. Er erzählt mir, ihm morgens direkt nach einer Absenz eben von dieser erzählt zu haben. Ich weiß es nicht mehr. Bin wieder eingeschlafen und alles hat sich mit den Träumen vermischt, um mit Aufwachen schlussendlich in der Versenkung zu verschwinden. Wieder habe ich mich entschuldigt: „Es tut mir leid, aber würdest du bitte kurz runterkommen?…“. Er sparte sich dieses Mal seine Brüskierung, dass ich damit aufhören soll… Wie ein Bittsteller vor ihm zu kriechen, mich für alles zu entschuldigen, als sei ich NICHTS ANDERES ALS EINE ÜBERDIMENSIONALE BELASTUNG. Aber davon bin ich überzeugt. Für mich selbst scheinbar noch nicht ausreichend; warum sonst wäre ich noch am Leben? Habe noch keinen Schlussstrich gezogen?

Mich ganz kurz zusammen gerissen für die Minuten seiner Anwesenheit, den Rest verbarg das Zwielicht im Raum. Nicht aufhören können zu weinen.

BESCHISSENE DRAMAQUEEN!!!

Mein Schädel platzt. Die Wunden von gestern, das Werk der neuen Klinge, nicht der Rede wert…

Selbstmitleid und noch mehr Selbstmitleid und nichts anderes als SELBSTMITLEID!!!

Markus meinte freitags, dass in meinem Fall eine Portion Selbstmitleid durchaus angebracht sei. Um Empathie für mich selbst zulassen zu können. Die Hand zählt bis 4, verzweifelt und unaufhörlich damit beschäftigt, Spannungsabbau zu betreiben. Es zumindest zu versuchen. Beim Gedanken, was ich nun tun sollte, wie es weitergeht, der schüchterne und vorsichtige Blick 1 mm voraus in die Zukunft löst unverzüglich Panik aus.

BESCHISSENER KRÜPPEL!!!

Hatte ich heute Nacht im Traum nicht gedacht, dass es im Traum besser sei, ich gleich dortbleiben sollte, anstatt wieder aufzuwachen, zurückgeworfen ins Fiasko? Dabei nicht mitbekommen, Sebastian an meiner Seite zu haben. Um mich selbst irgendwann mit der Frage konfrontiert sehen zu müssen, warum ich so ignorant war, dass jetzt alles zu spät ist, viel zu spät…

Zusammenbruch, keine Stimme mehr. Ich sehe ihn sterben. Erst recht als er sein Eis aß. Er mit seiner Gesundheit so einen liederlichen Umgang pflegt. Das kleine Kind in ihm. Das Kind, das umgebracht wird. Und in meinem Kopf stirbt er und stirbt und stirbt!! Wie zu Beginn unserer Beziehung! Wie damals mit sechs Jahren, als es aber meine Mutter war, die im Sonnenuntergang ihr Leben lassen musste. Zurückgeworfen… So erscheint mir das alles gerade. Regression! Wie geistesgestört mit dem Kopf rhythmisch immer wieder nicken. Der personifizierte Tod scheint soeben hinter mir zu stehen und sein Fingerzeig zeichnet mir all die zu erwartenden Tode um mich herum. Dass man nur hoffen kann, von ihm vorher gerichtet zu werden.

Wer weint jetzt? Die Hülle, die sich erwachsen schimpft? Das innere Kind?
Das Stofftaschentuch von Sebastians Opa voll rotzen.

20:58
Zugedröhnt. Ein bisschen, einen klitzekleinen Frieden verspüren. Mir die Augen aus dem Kopf geweint. Lauter Erinnerungen meiner Kindheit tanzen in meinem Schädel ums unerträgliche JETZT herum und ich vermag nicht mehr zu erfassen, was oder wer ich bin. Andererseits gespannt jedes Geräusch von oben registrieren. Wann kommt er, wie lange noch allein, muss ich mir wenigstens einmal vor seiner Rückkehr in den Arm schneiden? Alles ist leer, ausgefressen, ausgehöhlt. Mein Dasein ohne Form. Ein Skelett. Was richte ich an, wenn ich weiterhin diesen Pfad beschreite, um auf Teufel komm raus ans Tageslicht zu zerren, was des nachts zur Zerstörung meiner Integrität geführt hat?

Mit offenem Mund, Maulaffen feilhalten, die Mimik eingefroren, ausdruckslos und zugleich wie vom Teufel höchstpersönlich versteinert.

21:29
Er kommt runter. Mein Herz beginnt zu rasen. Dann teilt er mir mit, noch in die Badewanne zu steigen. Jede seiner Fragen, jeder Satz ist augenblicklich zu viel für meine zerstreute Aufmerksamkeit. Im Internet nach weiteren Beruhigungsmitteln Ausschau halten. Zugleich im Hinterkopf, ob ich irgendjemanden davon überzeugen könnte, mir die Wirkstoffgruppe zu verschreiben. Um abschließend den Teil mit der Überdosierung beinahe gierig zu lesen. Niedriger Blutdruck, Bewusstlosigkeit, Koma… Wunderbar.

Ich wollte etwas sagen, aber es ist vergessen, verloren gegangen. Mir ein Räucherstäbchen angesteckt. Wozu? Um ehrlich zu mir selbst zu sein: Ich wollte zum ersten Mal das glimmende Stöckchen, wie wohl bereits vor zwei oder drei Tagen in Betracht gezogen, auf meiner Haut ausdämpfen. Ganz vorsichtig, wie ein Anfänger… Zweimal berührt die glühende Spitze den linken Arm. Eine kleine Brandwunde entsteht. Meine Füße kollidieren mit den Fußstützen, Krämpfe sind die Folge.
Ist nun wieder alles in Butter? Alles wieder gut? Ist obsolet? Ich weiß es nicht. Aber mich in Sicherheit wähnend aus dem Rollator das letzte Highlight des Tages zaubern. Ich vermag nicht mehr geradeaus zu denken. Zugleich stößt mir bitter auf, wie viele Sätze selbstverliebt, egozentrisch mit ICH eingeleitet werden. Sebastian, ich bin deiner nicht wert!

Die Hände zu Klauen deformiert, habe ich Mühe, das neue Stück aus der Dose zu fischen, ganz zu schweigen vom Auszuwickeln aus dem kleinen, orangefarbenen Kuvert. Seine Geräusche hinten machen mich nervös.

In mir nach Antworten suchen und zugleich die musikalische Untermalung des Computerspiels, dass er sich gerade gönnt, nicht aushalten. Noch surrealer kann eine Situation nicht wirken! „Mach es mir nicht kaputt!“. Die Augen wollen schlafen. Quer, gerade, diagonal oder horizontal…? Keine Kraft. Das Blut kalt. Ich prüfe mich, teste mich selbst am Schmerz. Das neue Stück könnte so wundervolle Dinge vollbringen. In die Tiefe eintauchen und den Schmerz, der sich vor mir zu verbergen beliebt, herauskratzen.

21:44
Und spätestens die Nummer Sieben entgleisen lassen. Im Rahmen meiner Möglichkeiten. Das gleiche Spektakel wie beim letzten Schnitt gestern. Das Tuch unter mir immer mehr getränkt. Schlimmstenfalls sickert es durch bis zur Hose. Es tut mir leid, eigentlich nicht meine Intention, damit irgend jemandem zu schaden. Meine Augen brennen, kratzen und die Zeit, gnadenlos wie immer, läuft mir davon…
Aus irgendeinem Grund alles besudelt, Hosenbeine, Armlehne, Tischdecke. Meine Stimme wird tiefer, schnarrt verbraucht, wie die eines abgenutzten, kaputten Opfers. Dabei bin ich gerade Täter.

Bitte verzeiht mir, aber ich wüsste nicht wohin sonst mit meinen Gedanken…

20. April 2018, Freitag „Zerfallsprodukt…“

8:34
Das Mittagessen bestand aus ein paar Gabeln Thunfisch und einem halben Brötchen. Nachts ein halber Apfel und dazu ein kleiner Becher Joghurt. Im Traum sagte so ein arroganter, durchtrainierter Prinzentyp zu mir, als er mit mir vorlieb nehmen musste: „Naja, ist o. k.… Bist an der Grenze zu „normal“…“. Auf einer Skala von Übergewicht bis Normal. Ich versuchte ihm meinen Bauch zu erklären, warum ich wie eine Schwangere aussehe…

Um 5:58 Uhr sah ich in meinem Traum einen Baum (?) oder Zaunpfahl, irgendetwas, das normalerweise keine Geräusche von sich gibt, aber in diesem Fall einen penetranten Alarm absetzte. Wie jener von meinem Radiowecker. Ich verlor die Kontrolle, wachte auf und fand mich in einer Abscence wieder.
Das Temesta hinterließ seine Spuren, ich benötigte dreimal so lang auf der Toilette. 59,3 Kilo um 6:45 Uhr. Völlig fertig. Und die Sonne scheint und ruft nach mir…
An den Tisch gesetzt, der erste Bissen vom Frühstück wurde mit einem Blasenkrampf eingeleitet, welcher sich bereits zuvor auf dem Klo und dann beim Anziehen angekündigt hatte. Die Spasmolytika genommen. Für einen hoffnungsvollen Moment der Meinung, der Wirkstoff würde anschlagen. Ein Missgeschick jagt das andere, verzögert erst recht meinen Arbeitsantritt. Mit dem Frühstück fertig zwei weitere Krämpfe. Was soll das am Sonntag werden? Klamotten zum Wechseln mitnehmen? Oder jetzt in der Urologieambulanz anrufen und fragen, ob es andere Medikamente gibt, die ich ausprobieren könnte, um es so wenigstens bis Montag zu schaffen? Die Telefonnummer heraussuchen…

8:56
Ein Telefonmarathon beginnt. In der Urologie kann man mir nicht weiterhelfen, kein Arzt steht zur Verfügung. Der Hausarzt ist heute nicht da, hat Vertretung von seinem ungarischen Kollegen und Marianne meint: „… Naja, ich weiß nicht, ob er dir da weiterhelfen kann…“. Sie empfiehlt mir direkt ihren Konkurrenten, den neuen Arzt. Dort anrufen und der ist gleich so kulant, schickt mir seine Sprechstundenhilfe vorbei, um Urin abzuholen. Rein theoretisch hätte ich aber auch mit dem Rollstuhl nach Jennersdorf fahren können.

Sei auch erwähnt, mittlerweile krampft die Blase unablässig.

9:35
Der neue Arzt kam höchstpersönlich, mit einem alten Volvo die Einfahrt hoch „geschnurrt“. Hatte den Katheter vorsorglich gebloggt, der Schlauch, der Beutel schlussendlich noch kontaminiert von dem letzten Infekt. Er nahm mit der Spritze zwei Proben und meinte, der Urin sei so klar, dass man sich kaum vorstellen könne, darin etwas vorzufinden. „Dann hätten sie die Probe zuletzt in Graz sehen sollen. Das war klar wie Wasser, wenn man es gegen das Licht hielt. Da ist das in der Spritze dagegen schon dunkelgelb! Aber selbst dort hat das Urikult Bakterien ergeben.“. Ich zählte noch einmal auf, was ich einnehme, bat ihn, noch einmal nachzudenken… Da fiel ihm ein Medikament ein. Er nahm meine Karte mit und nun versuche ich noch Sebastian zu erreichen, dass er kurz zur Praxis rüber geht und das Rezept und meine Karte abholt. Der nächste Krampf. Zum ersten Mal geht es in die Hose…

So eine dumme Kuh! Den Schlauch immer noch geblockt! Aber nun, da ich draußen war, in dieser idyllischen Stille, dem berauschenden Duft… Ich will nicht zurück ins Haus, mich nicht schon wieder einsperren, ans Bild ketten lassen!

Unterstützung suchend meine Temperatur messen. 37,1°C. Der Morgen, der Vormittag scheint zerstört. Nichts Halbes, nichts Ganzes. Die Hand klimpert. Mich an Zeiten zurück erinnern, wenn ich den ganzen Vormittag draußen auf der Terrassentreppe saß, die Natur beobachten konnte, ebenso fotografieren oder filmen, Tagebuch schreibend und literweise Grüntee vernichtend. Dann war ich laufen. Nachmittags gemalt. Ich würde am liebsten das Wohnzimmer auf die Terrasse schieben. Warum haben wir keinen Wintergarten machen lassen?

Es schneit weiße Blütenblätter. Auf Sebastians Anruf warten, aber der kommt nicht, hat wohl meine Nachricht nicht erhalten.

9:59
Das Bild rückt in den Hintergrund, längst das Herz befüllt mit Schuldgefühlen. Hinausfahren. Notfalls die Klinge mitnehmen.

Da fällt mir ein, das Eis nachmittags vergessen zu haben in meiner Aufzählung. Sebastian extra gebeten, eine kleine Schale zu nehmen. Aber selbst diese Portion war viermal zu groß!

Was macht das Schweinchen? Frisst alles auf!!

Hätte mir den Finger in den Hals stecken müssen. Kein Wunder, nicht einmal im Traum als eine Person mit „normaler“ Figur empfunden zu werden. Dabei meinte Martina gestern, ich sei so schlank… Ich lach mich tot. Und monierte an ihrem typisch südburgenländischen Körperaufbau: kurze Beine, breite Hüfte, verhältnismäßig zu langer Oberkörper, größtenteils schlank (zumindest in jungen Jahren). Was diese Proportionen betrifft, habe ich noch mal Glück gehabt. Aber dieser aufgeblähte Bauch, der nur noch eine fette Leuchtreklame braucht: „Obstebation!!!“. Alles nur Verstopfung? Alles nur Morphium?

ALLES WIDERWÄRTIGER SPECK!!!

Rausfahren… 37,7°C…

10:58
Von wegen „raus“… Eine Schippe nach der anderen mehr auf dem Haufen an Gründen, durchzudrehen. RICHTIG durchzudrehen. In den hinter mir liegenden 45 Minuten verzweifelt versucht, mich umzuziehen! Kaum war der Entschluss gefasst, den Vormittag wegzuwerfen, kaum bückte ich mich nach meinem Schal, der auf den Boden gefallen war, lief ich aus. Nach allen Regeln der Kunst… Durch Einlage, durch die Unterhose, die Hose, um eine riesige Pfütze auf der Matte zu machen. Immer wieder versuche ich Rumpelstilzchen Paroli zu bieten: „Wie soll ich mit diesen Händen arbeiten, malen? Das kann man mir nicht vorwerfen!…“. Aber er dreht sich alles zurecht und hat schlussendlich immer recht! Neue Unterhose, große Einlage, darüber eine Windel, neue Hose, die Inkontinenzmatte zusammen gefaltet, sicherheitshalber darunter ein Streifen Antirutschmatte, obendrauf zusammen gefaltet ein Handtuch; des Badetuchs wurde ich nicht Herr. Meine Augen fühlen sich ganz heiß an, der Schleim läuft den Hals hinab und beim ewigen Bücken, während ich mit der Hose kämpfte, lief mir Wasser aus der Nase. In Graz anrufen… Dabei möchte ich jetzt am liebsten nur noch zur Überdosis greifen. Mich zu schwach für alles fühlen!

Und was habe ich für ein Glück! Da ist erst ab 13:30 wieder jemand zu erreichen. Vor die Tür fahren, bis Sonja kommt. Weg vom Bild und meiner Schuldigkeit, meinem Versagen, weg von den Tabletten und den Rasierklingen. Mittlerweile sind es 37,9 °C. Und es sei gesagt, wieder einmal, dass meine MS 36,8 bereits zum Kotzen findet…

ALLES Ausrede!!! DU FAULE SAU, STÜCK SCHEISSE!!!

17:30
Egal was, egal wie viel und womit ich versuche die Ängste runter zu schwämmen, sie behalten Oberwasser. Rumpelstilzchen hat einen putzigen Schwimmreifen, sicherheitshalber immer mit dabei. Die Panik attackiert mich als Person, in meinem Sein, mein Leben und will mich zerstören. Eine Bilanz unmöglich? Temesta, mittags erst regulär 15 Tropfen Tramal, gefolgt von einer doppelten Dosis mit 40, 2,6 mg Hydal, ein weiteres Buscopan und dann holte mir Sebastian das neue Medikament, Inkontan… Plötzlich beim Korrigieren des letzten Wortes im dafür vorgesehenen Fenster unfähig, zu buchstabieren. A wie… Was?! Anna? Alfred? Anton? Mein Schädel leergefegt. Und der Rausch könnte, wenn er denn nur dürfte, so heilsam sein. Selbst wenn es nur ein Trugbild ist, ich mir das wünsche… Ein bisschen Frieden eben.

Nicht mehr geradeaus sehen können. Die Krämpfe wurden immer bestialischer. Warum bekam ich davon Neuropathien in beiden Brustwarzen? Warum blieb die brennende Missempfindung in diesen hinterher noch eine halbe Stunde lang stecken? Als wären sie erfroren und würden nun im Warmen schmerzhaft wieder auftauen. Oder so betrachtet, als würde jemand auf jeder Seite ein Feuerzeug drunter halten. Unerträglich. Bei den späteren Krämpfen blieb die Neuropathie in den Händen stecken, den Unterarmen. Aber irgendwann setzte zum Glück ausreichend Betäubung ein. Bis ich mich anschickte, mich zu bewegen…

Panik beim Gedanken an die Sitzung. Er war noch einmal nach Jennersdorf, hatte ihn sogar darum gebeten Strumpfverbände vom Bandagisten mitzubringen. Also holte ich Tücher und Rasierklingendose. Diese fiel mir das erste Mal aus der Hand; es dauerte eine Ewigkeit, bis ich alles aufgehoben bekam. Ein Tropfen Blut landete auf der weißen Hose. Wieder entglitt mir eine der Klingen. Die ersten Schnitte waren völlig wertfrei. So wurden es 30 und er kam unverhofft hinten zur Tür herein. Hastig das Tuch zusammengerollt und auf den Rollstuhl gelegt. Dazu, den schwarzen Armwarmer überzustreifen, kam ich nicht mehr. Er setzte sich neben mir auf die Couch. Kein Kommentar. Notdürftig legte ich die rechte Hand auf den verbundenen Unterarm. Er muss doch gesehen haben, dass da frische, rote Flecken im Stoff waren, die nebenher auch noch immer größer wurden. Kein Kommentar. Er ging und die Dose entglitt mir das zweite Mal. Fünf, wenn nicht sogar 10 Minuten lang die Einzelteile nicht aufheben können. Jetzt sitze ich hier, der Kopf voll gestopft mit Watte, das Untergeschoss brennt, der Lichteinfall zaubert Erinnerungen zutage, vermutlich möchte ich schlafen, und diese in Traumform verarbeiten. Aber da wäre noch die Therapie und der Gedanke genügt, noch einmal das Schlachtfeld zu entblößen und für meine Zwecke zu missbrauchen. Denn zugleich habe ich das Gefühl, jeden Augenblick in eine Absenz abzudriften, mich für Sekunden, vielleicht 1 Minute verlieren. Die Rechte klimpert. Draußen rufen Schafe und im Wald der Kuckuck. Es ist so warm, ZU warm für April. Noch nicht abgehakt, ob ich später nicht doch noch mit der Rettung ins Krankenhaus fahre… Stress! Dazu die ablaufende Zeit! Dose auf; welche der beiden Klingen ist nun die bessere? Die Haut blutbesudelt, als wäre sie der Verletzungen wegen von oben bis unten stark gerötet. Die Finger nicht mehr strecken, das fragile Werkzeug kaum halten können. Die Augen sehen Nebel. Die zuvor erst entstandenen Ventile bluten schon nicht mehr. Schmerz, ein bisschen kontrollierbaren Schmerz… So muss ich mich wieder durch alle Kanten durchkämpfen. Zu wenig Flüssigkeit intus. Es kaum noch gewagt, etwas zu trinken. Interessiert beobachten, wie die Spitze an diversen Widerständen hängenbleibt, um an anderer Stelle weich in die Haut einzusinken. Aber mit Wehmut registriere ich, das Blut ist kalt. Sieben Schnitte, noch 6 Minuten und die andere Rasierklinge. In meinem Schädel dreht sich alles, Erinnerung, Vergangenheit, Traum und Fernsehen vermischen sich zu einem schwer verdaulichen Brei. Nummer elf geht tief. Immer fester andrücken. Die Letzten zeigen keine Angst mehr, keinen Respekt, in einen Zustand der Gleichgültigkeit übergegangen. Augenblicklich kann ich mir sehr gut vorstellen, mich während des Gesprächs weiterhin aufzuschlitzen. Stelle es mir regelrecht angenehm vor, jeder Panikattacke mit mindestens einem Schnitt zu begegnen… Alles voll mit Blut. Meine Sünden wegräumen…

21:29
Lange Sitzung. Anstrengende Sitzung. Unaufhörlich sabotiert von meinen aufkeimenden Ängsten. Und plötzlich, in der Dunkelheit, die nächste Erinnerung. Wir kommen von draußen, haben dort gespielt, ins doch ruhige Gastzimmer… Alles friedlich. Und doch dreht sich wieder alles in mir. Ich werde mich wohl ein weiteres Mal verletzen müssen. Ins Badezimmer fahren, den Arm abwaschen, vielleicht eine neue Rasierklinge. Jetzt ist es Nacht, dunkel und Gefühle, Ängste, banale Situationen erscheinen nunmehr erst recht zum Genickbruch zu werden, die mich allesamt tot sehen wollen.

21:48
Heißes Wasser, Seife und dann brachial mit dem Einwegrasierer über die Schnitte „rasiert“. Jetzt sieht der Arm geschwollen aus, bzw. die Oberfläche. Als ich im Badezimmer aufstand, um meine Visage im Spiegel zu betrachten, meinte meine Blase erneut, spucken zu müssen. Eine neue Rasierklinge. Warum?… „Lieber das, als mir die ganze Dose Tabletten und Fläschchen mit Tropfen auf einmal einzuwerfen.“. Über die Kopfhörer läuft „Tier“ von Rammstein. Nein, mir ist nichts passiert. Ich bin von Natur aus ein Masochist, zähle zur Gattung der Schuldübernahme-Persönlichkeiten. Oder dermaßen scheiße, dass eben ich an allem die Schuld trage. Wieder ist mir egal, ob Sebastian plötzlich hereingeschneit kommt. Die Ängste tanzten während der Sitzung einen wilden Reigen um meine Seele herum. Das muss Konsequenzen haben. Die Klinge markiert, die erste Kante bekommt eine 1. Markus meinte, es wäre nun dringlich an der Zeit, bzw. die Zeichen stünden gut, JETZT die Therapiefrequenz anzuheben… Panik! Die Haut eine einzige Schnittfläche und drüben auf dem Hocker schnarcht Fine. Meine Selbstmordmusik in Betrieb nehmen. Wo setze ich an… Mal in der Handbeuge? Mit einem Schnitt anfragen, ob ich sterben will?…

Feige Sau!!

Entweder taugt die Klinge nicht, oder meine Haut hat ihre Beschaffenheit verändert. Die beiden Kratzer auf der Unterseite brennen zumindest beruhigend. Erst recht der erste Schnitt über die Wundfläche danach. Scheinbar bedarf es nun doch nicht mehr viel, mühelos tut das Werkzeug seine Pflicht.

Ich bin schlecht. Ich habe Sebastian nicht verdient. Ich habe dieses Leben nicht verdient. Diesen ganzen Luxus, das Haus, zwei Therapien gratis. Die Kratzer sind blutunterlaufen. Aber die Neuen hören bereits auf, Dreck aus mir rausfließen zu lassen. Der nächste Schnitt tut richtig weh. Noch während des Schneidens quillt dick Blut daraus hervor, als hätte ich einen Schwelbrand entdeckt. Versuchen zu eruieren, wie tief sie gesunken ist. Eine klare, fragile Linie, doch darunter scheint ein Depot. Und wie wunderbar, mit der alten Klinge fest darüber zu streichen: die Rinnsale verschwinden und plötzlich quellen an drei oder vier Stellen dicke, dicke Bluttropfen hervor, die, kaum haben sie das Licht der Welt erblickt, auf die Reise gehen, zu einem dicken Rinnsal werden und sich unterm Arm der größer und größer werdenden Pfütze im Stoff anschließen… Ich bin verrückt, gestört, schlicht und ergreifend GEISTESKRANK!! Denn das ist einfach nur WUNDERSCHÖN…

Diese eine Wunde und der Fleck auf dem alten Handtuch wird größer und größer. Aber wie viele Wunden sind es? Sieben? Für einen Schnitt so ein riesiges Massaker. Aber ich werde es zu Ende bringen. Ich habe Lust, noch irgendetwas einzuwerfen, den Deckel erneut in meinem Schädel zufallen lassen. Alles ist voll mit meinem kontaminierten Lebenssaft.

Die Augenlider schwer. Der Becher Joghurt steht seit mindestens 1 Stunde vor mir, unangetastet. Die Klingendose verstecken.

Ein Inkontan und zusätzlich 1,3 mg Hydal. Diesen Satz beendet die nächste Panikattacke. Dabei könnte alles so schön sein, so friedlich in Watte gepackt…

18. April 2018, Mittwoch „Bremsspuren…“

8:28
Zu Beginn der Küchenschlacht kommt auch der Rehbock zum Dinner. Am Ende der Wiese genoss er ein paar zarte Triebe und Blattspitzen, um sich dann für etwa 10 Minuten hinzulegen, sein Dasein zu genießen, sich sicher zu fühlen. Bei den Schlusstakten der Kochsendung steht er wieder auf und stiefelt durch die Wiese, auf mich zu, um sich nun noch einen Nachtisch zu gönnen, ein paar Happen von den faulen Äpfeln. Man kann seinem Geweih regelrecht beim Wachsen zusehen. Er hat auch Durchfall, seine Hinterläufe sind mit Kot beschmiert. Aber nicht so frappierend und besorgniserregend wie vor ein paar Jahren bei Rosalinde, die dazu noch trächtig war, mit Zwillingen, wie jedes Jahr, wie alle Rehe hier im Graben. Und sie mehr dem Tod glich als einem sprühenden Leben. Deswegen die Wurmkur für Ziegen gekauft und, in Wasser aufgelöst, die Semmel die Flüssigkeit aufsaugen lassen und auf die Wiese gelegt. Sie hat sie erwartungsgemäß und pünktlich abgeholt und wenige Tage später war sie nicht mehr wiederzuerkennen, so gesund sah sie aus. Eingriff in die Natur? Wenn einem schon nur dieser kleine Lichtblick bleibt… Wenn man schon unfähig ist, Freundschaften zu halten oder sich an Haustiere zu binden…

Um 10 heute Sitzung. Panik. ABER für die wenigen Stunden an diesem Tag nicht der erste Anflug. In meinem Schädel das Echo von Kopfschmerzen. Links oben der Wald hat sich bereits verhüllt, die Vorhänge geschlossen; es kommt nicht mehr so viel Licht in den frühen Stunden in meinen goldenen Käfig.
Nachts im Bett waren wir zu dritt. Sebastian, ich und auf mir drauf die Panik. Ich war müde, aber durfte nicht schlafen. Um mich, um meinen Körper von der Angst abzulenken ein Bonbon nach dem anderen gelutscht, unterdes wurde es später und später und dann war es schon nach Mitternacht… 59,4 Kilo um 6:45 Uhr. Also mit stark eingeschränkter Nahrungszufuhr kann man also auch sein Gewicht „halten“…? Die Verdauung zum Stillstand gekommen. Beim Morgenmagazin zuvor hieß es, wir hätten dieses Jahr einen exorbitant starken Pollenflug. Prompt springt der Hypochonder in mir auf den nächsten Zug auf…

Und wenn du jetzt von den ganzen Immunsuppressiva auch noch eine Allergie bekommst?“

Mir die nächsten Theorien spinnen, da ich ja sonst kein Hobby zu haben scheine?
Was ich jetzt definitiv noch brauche, das ist laute Musik…

17:19
Bin extra rasch wieder nach Hause gekommen, um auf jeden Fall vor ihm dort zu sein, um noch allein sein zu können. Bis auf den Wind war es beinahe sommerlich. Gleich zweimal traf ich auf einen Maiwurm, diese mussten dann vor der Kamera posieren und letzterer hat mir auf die schwarze Armstulpe geschissen. Darf man wohl oder übel auch als Statement werten.
Ich wollte unbedingt früher zu Hause sein, um mich aufschlitzen zu können. Das muss ich zugeben. Und ich wollte noch malen; morgens doch lediglich 75 Minuten geschafft. Aber meine Hände sind gelähmt. Mein Schädel dröhnt. Die Rechte klimpert heimlich in ihrer Faust. „Etwa um 18:00 Uhr bin ich zu Hause!“, lautete seine Prognose. Mir bleiben noch 36 Minuten. Markus gab mir den Ratschlag, ich solle abends mit Zunahme der Panikattacken mir selbst einen Brief schreiben, indem ich mir Mut zuspreche, mir selbst sage, was ich alles kann und geleistet habe… Ich musste einmal schlucken, mein interner Freund am Toben. Auch jetzt. Den ganzen Tag über. Ein neues Bild zeichnen, für besseres Verständnis: Es fühlt sich an, als gäbe es in meinem Kopf ein Mikrofon. Da hinein spreche ich meine Gedanken, wie geschriebene Sätze. Und wenn dem Täterintrojekt irgendetwas nicht passt, schubst er mich vom Podest, reißt das Mikrofon an sich und brüllt hinein. Ich liege auf dem Boden und kann weder sprechen noch denken. Bis er den Platz wieder frei macht.

Der Schleim läuft zäh meinen Gaumen hinab. Alles blüht, auch die Traubenkirschen lassen ihre duftenden Dolden hängen. Immer wieder musste ich ganz tief einatmen, durch die Nase, es war einfach zu betörend. Mir zugleich aber immer der Vergänglichkeit bewusst. Erst recht als Rosi mit Anni auf dem Beifahrersitz kurz anhielt, sie waren auf dem Weg zur Beerdigung einer etwas entfernten Nachbarin, die ich zum Glück nicht persönlich kannte. So dachte ich eben nach dieser Begegnung erst recht darüber nach, wie es wäre, würde ich ein ganzes Jahr versuchen, es bewusst zu erleben, jeden Monat, jeden Duft, jeden Sonneneinfall, um mich dann im Winter umzubringen.

Sogleich wurden wieder Reize gesetzt…

Warum so lange warten? Mach es doch jetzt, sofort!!

Das Leben ist zu flüchtig. In meinem Kopf sah ich mich einen wunderschönen Ausflug machen, ohne Bescheid zu sagen, wohin die Reise geht, mir dann unterwegs einen stillen Ort suchen, den man nicht so schnell entdeckt, für den die Welt vielleicht blind ist, um dort eine Überdosis zu nehmen…

Zeitgleich aber wieder dahinter verborgen der Wunsch, gerettet zu werden. Mir so perfide, so schlecht und schäbig vorkommen.

Meine Medikamente einnehmen. Bedarf es eines Rauschzustandes? Oder wäre die Panik gestern ohne diesen vielleicht nicht so dermaßen Amok gelaufen?
Die Tablettendose im neuen, grünen Stoffbeutel -darauf ein Pfadfinderabzeichen, ein Peacezeichen und zu guter letzt ein Totenschädel- beim Katheter.

Eine volle Dosis vom Tramal und dazu 2,6 mg Hydal. Die Hand klimpert weiter; Sebastian wird oder könnte oder sollte bald kommen. Die Wunden am Arm eine Trauerveranstaltung. Aber vielleicht… Vielleicht darf ich später noch arbeiten.

19:07
Vor 20 Minuten klingelte das Telefon; Sebastian, sei erst jetzt aus der Firma rausgegangen. Ich ließ ihn wissen, mir wäre lieber gewesen, er hätte nicht angerufen. Gewartet hätte ich so oder so… Heizt doch lediglich die Ängste an.
In meiner Untätigkeit, meiner zwangsverordneten Lethargie ein paar Physioübungen gemacht, für den Nacken, die Schulterpartie, um währenddessen mein letztes Video noch einmal anzusehen. Es sind fast all die Fehler enthalten, die ich eigentlich abschließend ausgemerzt hatte. Nun ist es zu spät, zu dem den Ordner vom Computer gelöscht. Als ob Markus‘ Worte in mir irgendetwas angestoßen hätten… Ich betrachtete mich selbst mit anderen Augen. Gnädiger, wohlwollend…

Du siehst doch gar nicht so schlimm aus.
Hast ein freundliches Gesicht.

Die Betäubung stellte sich alsbald ein, ich wollte sie genießen, sehnte mich so sehr nach ein bisschen Frieden, aber ich durfte nicht. In regelmäßigen Wellen überschwemmte mich die Panik während des ganzen Videos. Anfangs ging es noch besser, aber dann schien sie wieder zu gewinnen. Der Ischias, beidseits, begann zu meckern, kritisierte das Sitzkissen, erst recht das viele Sitzen. Ich griff obendrauf zum Novalgin. Panik um Panik, jede Welle versuchte mich unterzutauchen, runter zu drücken, mir den Atem zu rauben…

Aber nun das Erstaunliche: Ich konnte mir ja keinen Brief schreiben, während ich mir meinen Film ansah. Aber da schien es, als würde meine Helferinstanz auf den Plan treten! Passend dazu soeben erneut hoher Wellengang… Mir Optionen aufgezählt, sie wieder und wieder runter gebetet. So ich jetzt nicht arbeiten kann, könnte ich die neuen Aufnahmen sichten und aussortieren, ich könnte nach neuer Musik Ausschau halten, ich könnte vielleicht fürs neue Projekt einen kleinen Comic zeichnen, um daraus eine kurze Animation zu basteln, ich könnte mit der Arbeit für eine kleine Tierdokumentation, mit all meinen gesammelten Pflanzen und Tieren, machen, oder diesen inneren Monolog mit all den Zeichnungen zu einem Video verarbeiten, eventuell aus meiner Geschichte für Kinder mit der Waldmaus ebenfalls ein Filmchen entstehen lassen, und ich könnte und könnte und könnte…

Die Panik ließ nach. Als hätte ich ihr einen Schranken vor den Latz geknallt. Rumpelstilzchen tobte, ständig fand er etwas Anstößiges in meinem Film…

Das ist doch Blödsinn! Du brauchst keine Angst zu haben, alles ist gut, jetzt gerade passiert nichts mit dir! Schau doch, deine Bilder, was du da nicht alles bereits geschaffen hast. Dabei hättest du nicht einmal im Traum gedacht, jemals so malen zu können!

Ob es auch jetzt noch fruchtet?

Gleich kommt Sebastian, du bist nicht mehr allein und hast dich noch nicht verletzt!!!
Also tu es endlich!!!

Sebastian liebt dich und er braucht dich. Und du liebst ihn auch. Nichts wird passieren, wenn er zurück ist.

Mir konsequent meine Betäubung nicht wegnehmen lassen.

Den Text überflogen, korrigiert und zugleich mit weiteren Angstzuständen konfrontiert. Mein Nacken ist steif, die Schultern sind steif und der Hals kratzt. Sinusitis, Erkältung, Allergie?

Nur nicht in die nächste Denkschleife verrennen. Meine rechte Hand spastisch, zumal mir auch die Zeit davon läuft. Vielleicht der Versuch, eine Skizze anzulegen. Sonst ab zu den Videos.

Panik.

RASIERKLINGE!!!

19:57
Die elende Glocke läutet 5 Minuten zu früh. Mich auf die Heizdecke setzen. Meine Haare müssten auch noch gewaschen werden… Warum habe ich es selbst noch nicht probiert?
Beide Hände zu Fäusten verkrampft. Je mehr ich mich dagegen wehre, versuche, sie wieder gerade zu biegen, desto mehr gehen die Finger in die Beugung. Die Panik scheint zu gewinnen.

GEH INS BADEZIMMER UND BRING ES HINTER DICH!!!

20:33
Er ist immer noch nicht zurück und es war sicherlich klug, mich selbst um die Haare zu kümmern. Dabei natürlich riskieren, mehrfach beinahe umzufallen. Die Maus nicht mehr betätigen können. Draußen rumpelt ein Traktor schon seit Stunden über einen Acker und macht mich zusätzlich nervös. Gegen die spaßig ein weiteres Lioresal geschluckt, aber es bewirkt nicht, was es eigentlich soll. Meinen linken Unterarm von Blutresten befreit. Alles wäre jetzt schön warm, ich hätte eine Schale Tee intus, ich könnte jetzt…

Hör auf davon zu schwafeln!! Schneide dir ein Loch in den Arm!!! Mach endlich IRGENDETWAS richtig!!!

Während ich mich irgendwie ans Waschbecken klammerte, „heiteres Wellenreiten“. Jedes Mal irgendein dämliches Lied gesungen. Mit mir selbst reden, als sei ich ein kleines Kind.
Die Hand klimpert unverdrossen weiter. So kurz davor, noch irgendetwas zu konsumieren. Auch sei erwähnt zu Mittag lediglich einen Eiweißshake, zum Frühstück eineinhalb Vollkorngrissini, ein paar Gummibärchen und nachmittags vier kleine Lakritzdrops gegessen zu haben…

Sebastian kommt nach Hause, mit froher Botschaft. Um mich zugleich mit seiner Lebendigkeit aus der Bahn zu werfen. Die neue Bekanntschaft, die Stieftochter eines Internisten, hat bei ihrem Stiefvater wegen diesen Werten nachgefragt, auf die Markus so wild ist. Das sei überhaupt kein Problem, hätte sie gesagt, er würde nur gern ein neues Blutbild von mir haben, sich das ganze von A bis Z angucken. Eigentlich sei er ein Privatarzt, würde das aber für mich gratis machen.
Wow…? Vitamin B?

Sebastian ist noch nach oben: „Ich brauche noch etwa eine halbe Stunde, ist das o. k.?“. Nachher muss ich unbedingt kurz mit ihm reden, über die Sitzung heute. Dass ich ihn unbedingt brauche, was die Panik betrifft, und ich diesbezüglich auch nicht viel verlange. Nur eben mich auf gar keinen Fall wie ein Kind behandeln, irgendetwas herunterzuspielen, mich bestenfalls 2 Minuten lang einfach nur festhalten, wenn ich mich schon verliere. Und dass alsbald wohl wieder eine Sitzung zu dritt ansteht: „Die Rahmenbedingungen sind sehr wichtig! Das Setting muss geklärt werden, denn da kommt noch einiges auf dich zu! Und du wirst ihn brauchen, als Stütze! Darauf muss ich ihn noch einmal dringlich einstimmen, das ist zwingend notwendig!“, Markus vormittags.

Die Panik will mich immer noch verschlingen. Keine Ahnung, was es zu essen geben wird. Vermutlich gar nichts.

Brauchst du etwa noch eine Aufforderung??!!
LOS!!!

Klimpern. Und die Blase vermittelt erneut den Eindruck, als wäre es bald wieder an der Zeit, mich anzupinkeln. Im Katheterschlauch heute die ersten Eiweißpartikel…

Da geht im Flur plötzlich sein Handy an, anstatt zu klingeln laute Musik… Und während ich gefühlt mit der Aufmerksamkeit bei diesem elenden Ding bin, bekommt mich die Angst zu fassen!
Verzweifelt Luft holen. An die gerade diktierten Zeilen denken, um die Einsicht zu haben, dass es mir nicht gut gehen darf! Die Hand klimpert schneller.
Dann hört sie damit auf, abrupt, wandert in Richtung Schultasche…

STÜCK SCHEISSE!!

Das gelbe Kuvert landet auf dem Boden. Die Hand lässt auch noch die Klinge fallen, aber diese kommt wenigstens nur bis zum weiten Hosenbein. Das Herz schlägt schneller, die Atmung beschleunigt…

Fest andrücken. Vier Schnitte. „Nett“, nichts zu spüren. Aber die Unterseite vom Arm ist wertlos. Mir wird schlecht. Die Klinge wenden und drehen. Verbraucht. Das Blut ist vermeintlich eiskalt. Ziehe ich die Haut auseinander, schlägt die Oberfläche Wellen, glänzt wie Plastik. Bei Nummer 19 kurz innehalten. Die 20 muss besser werden…

MACH EINMAL ETWAS RICHTIG!!!!

Ein dicker Tropfen landet auf der Hose. Aber genau im roten Streifen, da fällt es nicht auf, sieht aus wie Wasser. Nummer 19 schickt sich an zu gefallen… Pumpt und pumpt.
Warum kriegen das Kinder hin? Warum ich als Erwachsene mit so heftigen Schmerzmitteln intus nicht?! Einmal genäht zu werden; scheint auf meiner Wunschliste zu stehen. Wie einst der Suizidversuch eben auch. Es tut mir leid, diesen Mist erneut in die Welt hinaus zu flüstern.

Die 20 geht komplett daneben, so werden es zwangsläufig 24. Das Blut eiskalt. Schmutzigen Verband, noch mehr Flecken auf der Hose. Warum bin ich nicht nach Jennersdorf gefahren, um mir neue Verbände zu besorgen…

So wird es 21:18, einmal tief ausatmen. Der Brustkorb wie zugeschnürt.

Im Flur meldet sein BESCHISSENES Telefon, eine Nachricht bekommen zu haben und das dazugehörige Piepsen fährt mir durch Mark und Bein! Als hätte man mir, meinem Herz mit einem Flammenwerfer WORTWÖRTLICH „eins übergebraten“!!! JETZT hat mich die Panik endgültig voll und ganz im Griff!!

Strafe genug?

8. April 2018, Sonntag

18:05
Schwer seufzen…

Wie ein beschissenes kleines Baby!!!

Blauer Himmel und unangenehmer Wind. Hat mich schlussendlich vertrieben. Und wieder geht alles Mögliche schief. Jedes einzelne Mal wie ein Tritt direkt in die Fresse! Mein interner Freund am Toben. Oder ich produziere ihn nur, um meinen Zorn zu kanalisieren.

59,2 Kilo um 9:30 Uhr. Wie kam ich mir vor, als mich Sebastian für meinen Ausflug anzog? Wie ein Kindergartenkind! Wird von Mutti in dicke, warme Sachen gepackt, damit es sich nicht verkühlt. Doch das Gesicht, das da im Spiegel zu sehen ist, ist alt. Lang und uralt. Ich möchte mit der Faust genau zwischen die beiden dämlichen Augen schlagen. Nicht nur einmal heute bekundet, die Schnauze gestrichen voll zu haben. Darauf bauen, langsam zu verrecken… Erste Amtshandlung des Tages?! Die Kamera runterschmeißen!!! Was habe ich nur für einen Verschleiß!!! Ich bin für alles zu blöd, zu dämlich, zu dumm!!!

Eine Horde Stieglitze landet draußen kurzfristig im Sanddorn. Er hat neues Futter angerichtet. Wie ich aber bei meinem Ausflug sehen durfte, ist die gastronomische Konkurrenz mannigfaltig. Ich habe Kopfschmerzen und das Abendlicht erinnert mich an irgendeinen Tag in meiner Kindheit, an dem ich immer wieder hängen bleibe. Der rechte Lymphknoten pulsiert, der Hals wie zugeschnürt.

Weichei! Stirb endlich!!

Ein Buchfink ersetzt den Stieglitz und zieht kurz die Aufmerksamkeit auf sich. Die Kunde, dass es neues Buffet gibt, hat sich in Windeseile verbreitet. Die Kamera wieder von der Hand streifen, genau wissend, dass dann sicherlich gleich der nächste Vogel auftaucht. Man den Eindruck gewinnen könnte: „Du wirst verarscht!“. Der Ausflug heute war nur kurz und erbrachte keinerlei Aufnahmen. Zurück, zu hause ein paar Schritte mit dem Rollator gemacht. Weit kam ich nicht. Dann brach ich vor Schwäche zusammen und die Hasstiraden gingen zur Dauerbeschallung über. Ich sei ja selber schuld, ich bräuchte nicht in Selbstmitleid zerfließen, kein Wunder, wenn man nichts mehr macht, baut man eben Muskeln ab, da man ja nur noch die faule Sau markiert usw. und so fort. Die Träume der letzten Nächte harmlos; soweit ich es bewerten kann.

Weil dir nichts passiert ist, kapier es endlich!!!

Am späten Nachmittag gab es statt Mittag ein paar Kekse mit Kaffee und Milch. Meine Temperatur gemessen, um das Ergebnis sodann auf den dicken Pullover zu schieben: 36,9 °C. Dennoch ein Paracetamol eingenommen. Auch jetzt wäre es wieder an der Zeit für die Abenddosis…

Nachts im Bett ohne große Vorwarnung angepinkelt, ausgelaufen! Ich schlief die ganze Nacht in der nassen Einlage und der nassen Inkontinenzmatte.

Im Traum kam Brigitte zu mir nach Hause ins Gasthaus. Ich wusste nicht, was ich ihr erzählen soll. Die Glotze lief, weil es sonst zu dunkel im Raum war, und ich bemerkte alsbald, dass sie mir gar nicht richtig zuhörte. Darauf meinte ich, nur noch einen Satz zu sagen, und da sie ja so gut wie kaum in die Glotze schaut, könne sie sodann ruhig weiter kucken. Es könnte nur passieren, dass ich nebenbei einschlafe. Am Ende schliefen wir beide und sie kam viel zu spät zum nächsten Termin mit einem anderen Klienten. 2 Stunden zu spät.

Draußen wird es abendlich. In meinem Kopf steht alles. Keinen Strich gemalt, nichts geleistet. Und wieder Lust, mich wie bereits gestern in Watte zu packen. Ganz zu schweigen davon, mir nach meinem Ausflug vor lauter Hoffnungslosigkeit und zugleich Zorn über diese ausweglose Situation die Rasierklinge angedeihen zu lassen… Die Abendtabletten, und dabei leert sich ein weiteres Fläschchen Tramal. Es gibt nichts besseres als Heroin! Als ich zuvor noch draußen war, stand ich die meiste Zeit einfach nur so auf der Straße herum und glotzte ausdruckslos ins bunte Nichts. Ich fühle, wie meine Visage wieder aussieht. Mit einer Fettschicht überzogen, rotgefleckt, mit Pickeln übersät und so richtig schön zum Würgen. Und heiß fühlt es sich an, da der Schädel, die Stirnhöhlen den Wind ganz und gar nicht prickelnd finden.

Schlicht und einfach ZU NICHTS MEHR ZU GEBRAUCHEN!

Meine Rechte klimpert unentwegt. Immer und immer und immer wieder bis 4. Mein Verstand sagt mir, was die Summe meiner Symptome bedeuten muss. Mein Gefühl aber widerspricht, übertönt die Ratio. Und dann erzählt er noch so Geschichten von meinen Eltern, eine Anekdote, wie mein Vater sich gestern, als er kurz dort war, verhalten hätte. Ganz witzig. Und so wird er menschlicher und menschlicher und für mich immer unerreichbarer als Täter.

Ist es denn so wichtig, den NAMEN des Täters benennen zu können? Ich weiß es nicht… Das neue Buch liegt rechts neben mir. Anstatt eines meiner Videos zum 1000. mal zu kucken, anstatt meine Büroarbeit zu leisten, dazu die Schale Tee trinken. Mal etwas anderes…

DU FAULE SAU!!!

Nur noch eine kleine Randnotiz: Nachmittags den ersten Aurorafalter gesehen. Ob das etwas zu bedeuten hat?

Wirst du jetzt etwa noch abergläubisch?!!

Ausnahmslos ALLE nun folgenden Handgriffe gehen daneben! Das Buch landet erst einmal auf dem Boden, gefolgt von anderen Gegenständen. In mir brodelt es. Dennoch ist mir kalt, die Finger klamm. Warum überfährt mich kein Auto? Oder warum schlitze ich mich jetzt nicht auf, während er hinten in der Wanne liegt?

20:19
Schweres Seufzen folgt noch schwererem Seufzen. Im Buch eine Passage zum Mittäter gefunden, die passte. Einfach passte.

So simpel lässt sich das feststellen. Und bleibt ohne Folgen, ohne Erkenntnisse für mich… Es bleibt bei der Übereinstimmung und drum rum alles in tatenloser Schwebe…

12. März 2018, Montag

8:38
60,8 Kilo um 6:45 Uhr. Trotz halber Entwässerungstablette. Und es wird schlimmer und schlimmer…

und die fette Sau braucht sich überhaupt nicht wundern!!

Die ganzen Bonbons nachts im Bett, wenn wir dort noch etwas auf Sebastians Tablet gucken. Ich weiß nicht, wie ich den Vormittag organisieren soll. Um 10 steht die Rettung vor der Tür. Der zuvor noch blaue Himmel ist nun mit Wolken marmoriert. Der Wind fegt übers Land, der Schnee ist Geschichte.
Gestern nach dem Frühstück sofort aus dem Haus geflüchtet. Wäre es nur nicht so ein monströser Aufwand gewesen, mich hierfür fertig zu machen. Fertig machen zu lassen. Das anziehen, dieses noch überstreifen, und vielleicht das auf den Kopf, nicht zu vergessen die Tasche, dieses und jenes muss noch in die Tasche usw. und so fort. Und für was das alles? Ängste, noch stärkere Halsschmerzen und dass mir die Freude daran genommen wurde. Etwas über 1 km schaffte ich weg vom Haus. Ein wahrlich leichtes Gefälle, eigentlich lächerlich für unsere Landschaft, kaum zu bemerken, die Aufladefunktion sprang gerade mal spartanisch an. Und da musste ich kurz halten, wahrlich kein hohes Tempo drauf, der Rollstuhl kam zum Stehen und rutschte mir im Stand auf dem glatten Asphalt (und nicht etwa wie zu vermuten im Rollsplitt) zur Seite ins grüne Bankett, wieder nur wenige Zentimeter bis zum Straßengraben. Von wegen schönes Wetter! Der Himmel so wie jetzt, die Sonne ließ sich kaum blicken, stattdessen gefühlt von allen Seiten eiskalter Wind. Der Rollstuhl kam aus eigenen Kräften nicht mehr auf die Straße zurück. Das mittlerweile altbewährte Mittel: Einen Fuß auf den Boden gestellt und mich langsam im Rückwärtsgang damit abstoßend. So viel zu meiner ersten Expedition dieses Jahr. Ich wollte mindestens 3 Stunden ausbleiben! Kehrtwende, zurück, um dann den steilen Hang abwärts runter zum Haus erst recht wieder in der Wiese zu landen. Der Asphalt von all dem Streusalz so seifig? Dazu die Aussicht, keine anderen Räder bekommen zu können, da meine aktuellen scheinbar schon das größte Profil haben sollen. Na Mahlzeit. Das mag ja in der Stadt funktionieren, aber was mache ich hier draußen im „vulkanischen Hügelland“?

Und so endete der Tag, wie er enden musste: Auf dem Sofa, schlafend. Bis ich spätnachmittags von Mieke Besuch bekam und anschließend zumindest kurzzeitig an meinem Video sitzen konnte. Ohne Ergebnis, versteht sich.

Der Krüppelspatz ganz allein auf dem Restaurant. Sein Stummel zittert. Was ich mit der Kamera ergattern konnte war eine Zeitrafferaufnahme des Himmels, eine Nebelkrähe und einen Eichelhäher in der Ferne (die Aufnahme ist vermutlich für die Tonne). Und heute Nachmittag einen Ausflug zu wagen? Warum werde ich denn verdammt noch mal nicht richtig krank? Weil es dazu auch einer gewissen Aktion meines Immunsystems bedürfte, welches aber bekanntlicherweise im Winterschlaf liegt?

In 5 Minuten wird es 9:00 Uhr. Jetzt noch malen? Wegen einer halben Stunde? Muss noch Zähneputzen, meine Visage waschen, Schuhe anziehen, Wasserflasche und Apfel in die Tasche…

Eine Erkältungsbrause, während draußen aus Wind Sturm wird. Ich hoffe, das Räucherstäbchen imprägniert meine Klamotten. Sebastian hat nachmittags gekocht; Bratkartoffeln mit Zwiebeln und Tomaten und Rührei. Es ist wahrlich an der Zeit, eine „richtige“ Dunstabzugshaube zu besorgen. Jene von vor… MEINE GÜTE!! Ich weiß gerade nicht mehr, wann wir eingezogen sind! 2004 oder 2003? Was ist denn mit meinem Hirn los?! Aber in DER Causa tut die Jahreszahl nichts zur Sache! Die damals gekaufte Dunstabzugshaube war natürlich schön billig und hat nie funktioniert! Und gerade dieser Tage, an denen meine Geruchs- und Geschmacksnerven dermaßen empfindlich, ja beinahe hysterisch reagieren, ertrage ich es kaum, dass der ganze Raum noch drei Tage lang nach dem Essen stinkt. Am schlimmsten ist ohnehin Zwiebelgeruch!

Steilvorlage für das, worauf ich eigentlich gleich zu Beginn eingehen wollte… PANIK!! Seit ich hier alleine sitze, Sebastian gegangen ist, schlägt mir das Herz bis zum Kinn!! Meine Vernunft sagt mir, ich kann mich doch nicht schon wieder abschießen!
Draußen trudelt ein Mäusebussard durch die Lüfte, versucht der Thermik Herr zu werden, was ihm aber eindeutig misslingt. Links oben im Wald hat er seinen Horst; seit Jahren schon. Eine kurze Ablenkung und wieder Panik. Ich täte gut daran, nun gleich alles vorzubereiten. Tief durchatmen… Aber die Erleichterung hält nur ein Ausatmen lang.

9:39
Und ich wollte noch malen? Sehr witzig, selten so gelacht!
Verzweifelt versuchen, Daumen und Zeigefinger der linken Hand in die Nagelschere einzufädeln. Bei jedem Schnitt die Zähne ganz fest aufeinander beißen, damit knirschen, als würde es der linken Hand Kraft geben. Gestern musste ich beinahe lachen, als ich Mieke davon erzählte, kaum gehen zu können, und sie darauf meinte: „Aber du bist doch gerade vom Bad ins Wohnzimmer gegangen.“. ABER WIE!!

Jetzt schlägt mir die Pumpe bis zum Hirn. Vorher ist unten ein Auto vorbeigefahren und ich warte darauf, dass mich die Türklingel mit einem Herzinfarkt vom Rollstuhl katapultiert! Ich kann nicht mehr! Fühle mich, als wäre ich gerade um mein Leben gerannt!!

15:37
Sonne und vorüberziehende Wolken. Keine 2 Minuten draußen gewesen, der Wind macht alles kaputt. Und ehrlich gesagt wäre ich lieber auf dem Sofa geblieben, hätte mir erlaubt, einzuschlafen. Doch da ging schon wieder das Rechnen los: noch 4 Stunden bis zur Sitzung, noch 3 Stunden bis zur Sitzung usw. und so fort. Beim Wechsel wurde die Katheterspitze wieder so tief in die Blase geschoben, dass sie den Boden eben dieser berührt hat. Die gesamte Heimfahrt über das Gefühl, mich wieder anpinkeln zu müssen. Und obwohl die Tabletten 12 Stunden wirken auch mittags Spasmolytika eingeworfen. Zu Hause noch Buscopan. Jetzt noch 20 Tropfen Novalgin. Leichte Kopfschmerzen und beim Schlucken dezent Halsschmerzen. Ich war unfähig, das Fläschchen mit dem Analgetikum so lange über den Kopf, den geöffneten Mund zu halten, ehe 20 Tropfen in diesem gelandet sind. Die Augenlider werden schwer. Das Gehen fällt so schwer. Sebastian war vorher im Stress, es vielleicht nicht unbedingt der richtige Moment für solch eine Frage: „Siehst du denn nicht auch den gewaltigen Unterschied, wie ich mich vor der Reha und jetzt fortbewege?!“. Er darauf nur: „Nun ja… Was soll ich jetzt sagen?“. Sehr hilfreich. Auf dem Sofa einmal in die Hose gepinkelt; das musste wohl sein. Im Badezimmer unfähig, nach Wechseln der Einlage stehenzubleiben, während ich mir die Hose hochziehen wollte. Was für ein Kampf. Und die Augenlider werden schwer und schwerer. Der Sturm fegt ums Haus. Ich möchte mich abschießen. Ich möchte mich aufschlitzen. Dieses Gesicht im Spiegel… Es gehörte morgens nicht mir und selbst jetzt als ich am Großen im Flur zweimal vorbeigefahren bin, vermochte ich nicht mich zu erkennen. Meine innere Uhr setzt mich unter Druck. Noch etwas mehr als 2 Stunden bis zur Sitzung und noch etwas mehr als 1 Stunde bis Sebastian nach Hause kommt. Als müsse ich schnell meine gesamten Autoaggressionen ausagieren, ehe es zu spät ist! Dazu im Posteingang drei Nachrichten; noch nicht nachgesehen und total Angst, meine Neurologin könnte geantwortet haben, um wieder etwas in den falschen Hals zu kriegen… Außerdem ist da noch Arbeit fürs Büro, die ich seit Tagen liegen gelassen habe. Mieke hätte mir nicht schreiben sollen, dass ich dafür so viel Zeit wie ich brauche zur Verfügung habe.

Kurz geöffnet… Oh je. Eine Antwort oder wieder der automatisierte Hinweis, dass sie nicht da ist? Mir wird schlecht. Erst recht nach dem letzten Mal E-Mail Verkehr, als sie irgendetwas wohl als Angriff aufgefasst hatte und und mir antwortete, sich nicht weiter mit mir auf diesem Niveau unterhalten zu wollen. Oder was kommt jetzt? Eine Maßregelung? Dass meine Frage total idiotisch ist und sie keine Ferndiagnose stellen kann? Ich mich benehme wie ein Kind, wieder fühlen werde wie ein Kind? Das ganze geht so weit, ich könnte mich jetzt, noch bevor ich gelesen habe, was in der Nachricht steht, massakrieren! Außerdem ist mir sehr danach, von der übrig gebliebenen Schokolade den Rest in mich hinein zu stopfen, um sie anschließend wieder hochzuwürgen! Soviel zu meiner psychischen Stabilität…

Oh! Wie freundlich! „Das sei absolut ein urologisches Problem“. Schade nur, dass sie nicht auf meine Beschreibung der aktuellen Motorikprobleme eingegangen ist. Aber besser das, als all DAS, was ich wieder befürchtet habe, in meinem kleinen, verkorksten, kranken Hirn! Sie wünscht mir alles Liebe.

Da wird es nebenbei gleich 16:00 Uhr. Wieder werde ich nicht malen. Absolut NULL Antrieb! Ich will nur noch schlafen. Ich will überhaupt nichts mehr machen. Auf dem Sofa vor der Glotze verrotten.

Wie wäre es denn mit Fressen und anschließend Kotzen? Vielleicht verschlechtert sich die Sinusitis, ich fahre wieder zum Arzt und es wird endlich etwas getan, das die Scheiße irgendwie in den Griff bekommt!

Gebärmuttermonologe. Halt endlich die Schnauze! Als wir vormittags im Krankenhaus ankamen, plötzlich das Gefühl, Fieber zu bekommen. Mein Schädel glühte! Insofern wieder einmal zum Thermometer greifen… Dass man sogar danach süchtig werden kann! Wer hätte das für möglich gehalten… Na gut. Im Rahmen eines Hypochonders? Das Thermometer tief in meine Achsel rammen. 36,7 °C. Wenn ich jetzt gerade daran denke, kopfüber im Klo zu hängen, werden meine Kopfschmerzen noch sadistischer. Was soll ich machen? Esse ich nichts, haut mich der Blutzuckerspiegel aus den Latschen. Esse ich zu wenig, stagniert mein Gewicht. Esse ich mehr, um meinen Körper wieder umzutrainieren, dass er keine Hungersnöte befürchten muss und den Stoffwechsel wieder in die Gänge bringt… Dessen Ergebnis hat man ja die letzten Wochen gesehen! Und schon ist es 5 Minuten nach 4. Mir die Schokolade holen. Die ist zügig verputzt und sollte bestenfalls ebenso schnell wieder aus meinem unförmigen, fetten Körper entfernt sein. Allein den Wind draußen zu sehen, kurbelt das penetrante Pochen in meiner Birne an…

Per Zufall über einen YouTube-Kanal von nem jungen Kerl gestolpert, der erst sagt, alle schlimmen Phasen wie Depression, Selbstaufgabe hinter sich zu haben, aber nun „der glücklichste Mensch der Welt zu sein“, mit positivem Denken!… Und dann ernsthaft, ERST seit 4 Jahren MS zu haben und einem erzählen will, wie man positiv denkt… Bin ich ungerecht? Selbstgerecht?

Warte noch einmal 16 Jahre und dann reden wir weiter über diese von mir so „heiß geliebte“ Happy-Hippo-Kacke!!!

Mir geht der Stil auf den Keks, diese grauenvollen „Jumpcuts“, oder wie man den Mist noch schimpft, das dumme Gelaber von wegen „Schreibt es in die Kommis!“, BLA, BLA, BLA… Ich werde regelrecht aggro…

Friss deine Schokolade, dumme Mastsau!!!

16:37
Und da geht es weiter mit dem ANPISSEN!!!

10. März 2018, Samstag „Verschwendungssucht…“

17:00
59,5 Kilo um 9:00 Uhr. Ich bin so unsagbar wütend. Wütend auf mich selbst. Ich möchte mir selbst die Fresse polieren. Mich selbst zusammenschlagen. Aber ich bin ja unfähig. Was für ein Tag, was für ein strahlender erster Frühlingstag! Und ich Stück Scheiße verschwende jegliche Chance! Nun ist alles zu spät. In 2 Stunden habe ich Sitzung. Da ist keine Sonne mehr, der Himmel bewölkt. Ich rotiere innerlich. Nichts geschafft! Ganz und gar nichts geleistet! Nichts als aufzustehen, beim Frühstück anstatt einer Hälfte vom Aufbackbrötchen noch die Hälfte von der anderen Hälfte fressen zu müssen. Ich war doch längst satt! Wir fuhren nach Fürstenfeld. Auf dem Weg dorthin die Kiebitze auf dem Acker direkt nach Gillersdorf entdeckt. Aber Sebastian fuhr dran vorbei.

Die vermaledeite Schrottkiste stürzt ab! Noch einmal: Wir drehten keine richtige Runde an diesem Einkaufszentrum, dieser Einkaufsmeile. All die Menschen, die von ihnen geschaffenen Dinge, der Lärm… Mein Blick blieb unentwegt an irgendwelchen Gegenständen oder im Nichts hängen, das Gehirn ging auf Standby. Ein dezenter Anflug von Derealisation. Und zugleich so einen Neid, auf all diese Fahrradfahrer, diese Profisportler in ihrer funktionellen Montur. In einem Café tranken wir Kaffee und ich Kakao; NATÜRLICH mit Sahneklecks obendrauf. Überquerten die Straße, er ging zu McDonald’s und ich blieb draußen, um eine Krähe dabei zu filmen, wie sie irgendetwas verspeiste.
Nachts hatte ich ihn noch gebeten, den Rollstuhl anzustecken… Ich kann ihm daraus keinen Vorwurf machen, dass er das vergessen hat. Im Café knallte die Sonne dermaßen warm vom Himmel, ich hätte meinen Poncho nicht gebraucht. Und alles was ich fühlte war: ICH MUSS UNBEDINGT DA RAUS, RAUS AUS MEINEM VERDAMMTEN KÄFIG!!! Hatten wir nicht gleich zu Beginn unserer Fahrt nach etwa 1 km ein Eichhörnchen im Wald gesehen? Ich wollte nur noch raus, wollte dorthin fahren, das kleine Nagertier beobachten, mit der Kamera erwischen! In mir wurde regelrecht alles zerrissen!!!…

Aber dann? Zuhause, bereits 14:00 Uhr, ein paar Bissen von Sebastians Pommes. Im Auto auf der Heimfahrt hat es bereits einen kleinen Milchshake gegeben, um auch nichts auf meinem Strafkonto auszulassen! Er guckte Fußball, ich wartete auf das Aufladen vom Akku, der nur noch 40 % hatte und mich nirgendwohin gebracht hätte, öffnete eine der Tüten, die ich mir bei „Müller“ kaufen musste: Dragees mit Geschmacksrichtung Tropic. Und ich stopfte das Zeug unaufhörlich in mich hinein. Obwohl da riesengroß stand, die Süßigkeit würde Rindergelatine enthalten. Währenddessen zog bereits eine Wolkenfront am Himmel auf; keine warme Sonne mehr.

Was macht die dämliche Kuh?!

Eingeschlafen!! Wie immer nach dem Mittagessen!! Verloren!! Gegen meinen inneren Schweinehund?! Gegen das verfluchte Fatigue-Syndrom?! Unfähig mich zu bewegen. In mir rumort es… Und den schönen Tag verschissen!! Nur noch 90 Minuten bis zur Sitzung. Panikattacken. Schon den ganzen Morgen über. Weil es schon wieder so spät war, so spät aufgestanden, der halbe Tag bereits vertan!! Was ist so schwer daran zu verstehen, dass „mir die Zeit davon läuft“?! Körperlich?! Aktuell in einer Verfassung wie nach meiner Überdosis!
„Tja Frau Samer, gehen Sie mal in sich!“… Ist der Zustand anders, die Qualität anders als exakt vor einem Jahr oder exakt vor zwei Jahren, oder all die verschwendeten Jahre, die hinter mir liegen, in denen ich jedes Mal dachte, im Winter einen Schub haben zu müssen?!
„Tja Frau Samer, was würden Sie sagen?!“… ICH WEISS ES NICHT!!! Ist es, weil ich bereits während der Reha nur noch mit dem Rollstuhl unterwegs war und vier Wochen lang meine Beine lediglich auf dem Laufband trainiert habe? Wegen der Erkältung, die letzten drei Tage dort? Hat diese die Sinusitis angeheizt? Hat diese einen Schub angestoßen? ODER BIN ICH AN ALLEM SELBER SCHULD, WEIL ICH DER MEINUNG BIN, ZU SCHWACH ZUM TRAINIEREN ZU SEIN??!!!

Der Tag landet im Mülleimer. Ich fresse weiter. Vor mir auf dem Tisch eine Tüte M&M’s mit Erdnüssen. So schön bunt… Dabei schmecken sie mir überhaupt nicht! Längst überlege ich, was ich mir einschieße! Bereits als wir nach Hause kamen und sich längst abzeichnete, wie auch dieser Tag verlaufen würde, in Gedanken eine Rasierklinge in der Hand und unterm schwarzen Ärmel ein paar Schnitte platziert. Um mich zu bestrafen. Weil ich der Müdigkeit wieder nachgegeben habe. Den Kampf verloren habe. Den Tag, auch wenn ich ihn mit Sebastian verbringen durfte, nicht wertschätzen kann und als vergeudet erachten muss. Die Wut in mir treibt mir Tränen in die Augen… Ach ja! Ein blasses Abendrot zeichnet sich soeben am Himmel ab… Also wobei bleibt es? Tramal und Psychopax? Sebastian geht abends aus. Noch genug Zeit, über die Rasierklinge eingängiger nachzudenken. Bei „Müller“ stand ich wohl eine gefühlte Ewigkeit vor dem Regal mit den Rasierern, den zwei Sorten Rasierklingen. Wie gebannt starrte ich die Schachtel von „Wilkinson“ an. Als die Läden ringsum plötzlich kein „Gillette“ mehr verkauften, musste ich kurzzeitig auf diese umsteigen. Die waren vergleichsweise Schrott! Da sind jene von „Bic“ noch besser…

Was wird das hier? Ein Verkaufsgespräch? Die rechte Hand… Umschließt den linken Unterarm und klimpert und klimpert, hoch und runter, immer bis vier. In der Küche herrscht ein heilloses Chaos. Als ich meine Flasche Wasser holte, kurz darüber nachgedacht, aufzuräumen. Aber der Gedanke kam bis zum Gefühl in meinem Körper, zur Unsicherheit am Rollator und wurde begraben.

Sebastian will/soll noch Abendessen kochen. Meine Güte, ich hätte mir vorher schon den Finger in den Hals stecken sollen!! Oder eben noch besser diesen langen Eislöffel, der seit sicherlich zwei Jahren in der Schultasche am Rollator verborgen auf seinen Einsatz wartet. Was ich an mir gerade so hasse? Abgesehen von der omnipräsenten „Unfähigkeit“?! Nebst dieser Kugel, die sich mein Bauch schimpft, meine mittlerweile acht Mastferkel beherbergt, die die Mastsau erwartet (und ich mir einrede, dass es hauptsächlich Luft sein muss, zwecks Verdauungsproblem wegen dem Morphium und dass die Urologen immer wieder Schwierigkeiten haben, meine Nieren mit dem Ultraschall zu entdecken, weil der Torso dermaßen aufgebläht ist, wie einer davon letztens auch sagte)?! Meine Oberarme!! Null Muskulatur, aber dermaßen fett!! Sie sehen aus, wie zuletzt während der Anorexie unter Antiepileptika, als da aber tatsächlich Ödeme waren!! Und ich hasse meine Beine, meine Füße!! Von außen trotz Stützstrumpf kann man super erkennen, wie dermaßen aufgedunsen das rechte Sprunggelenk schon wieder ist!!! HASS!!! DIESER KÖRPER IST ÜBERZOGEN MIT EINER DICKEN, FETTEN SCHICHT VON KLEBRIGEM, SCHWARZEM HASS!!!

Wenn das mal nicht nach der Klinge schreit!

Aber die wird daran auch nichts ändern… Ich muss mich abschießen! Meine Tablettendose zurate ziehen…

17:59
Mindestens 20 Tropfen Psychopax, Diazepam, in einen Mund voll mit Wasser, 2,6 mg Morphium und einer doppelten Dosis vom Tramal. Ich bin doch ein Junkie, wie? Die Zunge wie verbrannt von diesem elenden Zeug, das vermutlich hauptsächlich wieder dafür sorgen wird, noch weniger Kontrolle über meinen beschissenen Körper zu haben!
Gestern Abend das gesamte Medikamentenressort aussortiert, umgeräumt, weggeworfen. Es tat mir in der Seele weh, mindestens ein Drittel in den Müll zu schmeißen. Was waren da für schöne Substanzen dabei… Das Mirtel… Vor Jahren bereits abgelaufen. So viele schöne Psychopharmaka. Aber die eine große Schachtel mit der übriggebliebenen Menge meiner geplanten, Monate zuvor bereits vorbereiteten Überdosis behalten. Die Hand klimpert schneller. Im Süden zwischen den Hügelketten wie Wäscheleinen bunte Farbstreifen gespannt, die schneller ihre Farbe eingebüßt haben, als ihrer wirklich gewahr worden zu sein. Ich sehe mich, das Kind hinter der Garage, mit Tränen in den Augen und der Angst vor dem Tod der Mutter, der automatisch auch meinen bedeuten würde.

2017-05-27-abendkind

Vielleicht ist so eine kleine Dämpfung gar nicht so verkehrt, um in der Therapie -ohne mich wieder in hitzige Diskussionen zu verlieren- irgendwie vorankommen zu können. Mit tut gerade alles leid. Sebastian war gestern mit meiner Mutter einkaufen und anschließend noch in der Kneipe, in der sie in von ihrer Kindheit und diversen Besonderheiten im Dorf zu berichten wusste. Sie ist eine wandelnde Dorfchronik und sollte das alles ernsthaft aufschreiben, am besten in Buchform. Aber vom sterbenden Licht verkomme ich zum Kind und öffne meinen Sterbefantasien Tür und Tor. Vielleicht, mein Erklärungsansatz, habe ich diese Kinder gestern im Traum selbst missbraucht, weil ich mein inneres Kind so sehr verachte und ablehne und es noch zusätzlich bestrafen musste. Oder ich tue ihm etwas an, um am Tag mit besserem Gewissen behaupten zu können: „Da muss etwas passiert sein…“. Als müsse ich dieses durch und durch falsche Konstrukt beinahe mit krimineller Energie am Leben erhalten… Alles für die Aufmerksamkeit!

Das sage ich dir doch schon immer! Du Dramaqueen!
Aufmerksamkeitsgeile, fette Narzisstin!!
MICH GIBT ES DOCH GAR NICHT, DU PRODUZIERST MICH NUR, UM BESONDERS ZU SEIN!!!

Noch mehr Schoko-Erdnussdragees in meinen gierigen Schlund stopfen. Mir läuft die Zeit davon. Und wieder ein formidabeler Grund für einen frühlingshaften Anflug von Panik, wegen der Sitzung. Wegen einem Termin. Wieder einmal… Ach, Routine ist doch was feines! Da weiß man wenigstens, was man hat, erlebt keine unerwarteten Überraschungen! (Ironie aus.)

2 Minuten noch. Jetzt würgt mich die Panik. Die Substanzen scheinen aber meine Beweglichkeit verbessert zu haben, wie gerade eben beim Weg zur Toilette, um den Katheterbeutel zu entleeren. Aber die Panik? Lacht sich über die ganzen Psychopharmaka, die ihr mit einem Maulkorb drohen, richtig schön kaputt… Skype anwerfen…

22:15
Drüben auf dem Sofa liegt Martha und schnarcht. Beinahe 3 Stunden Sitzung. Und plötzlich ohne Vorwarnung fällt hinter dem Tisch ein Messbecher aus Emaille vom Hocker auf den Boden. Mit einem lauten Knall. Die bereits seit den letzten Minuten der Sitzung wieder vorhandenen Panikzustände spritzen über wir eine kochende Suppe, in die man noch eine riesengroße Zutat fallen hat lassen!
Die Therapie war gut. Der Traum hatte nichts mit Perversion zu tun, er spiegelte mein Unterbewusstsein wider. Ich bin in den ersten drei Zimmern, habe erst in diese Einblick erhalten. Die Spaltung sichtbar, die Multiplizität meiner Persönlichkeit offenkundig. Denn ich habe den Täter ja in mir, als Introjekt.

Panik. Sebastians eigentliches Vorhaben ist ausgefallen, er ist nun mit dem anderen Sebastian nur nach Jennersdorf in die Kneipe. Wann kommt er nach Hause? Wie viel Zeit bleibt mir noch? Hatte ich erwähnt, direkt vor der Sitzung weitere 20 Tropfen meiner Opioide konsumiert zu haben? Der Kopf schön dick mit Watte ausgefüllt. Aber die Panik lacht sich erneut schlapp. Ich muss noch etwas leisten, am Video weitermachen…