14. Februar 2019, Donnerstag „Jetzt geht’s los…“

9:04
Morgens recht früh aus dem Bett gerissen worden; Blutabnahme stand auf dem Programm. Ich fragte mich bereits, wieso dies nötig sei; die Befunde vom Krankenhaus sind doch noch „warm“.
Mir bleibt vielleicht noch eine Dreiviertelstunde, dann müsste ich mich auf den Weg machen, der erste „Kurs“ steht an…

Mein Rücken bringt mich um. Die Kopfschmerzen bringen mich um. Und irgendwann heute Nacht hatte ich wieder einen Dissoziativen. Da war keine Uhr, um mich nun fragen zu müssen, ob ich das alles nur geträumt habe. Ich träumte davon, dass mein Zimmer hier im Gasthaus war, in meinem Kinderzimmer, und permanent rüttelte jemand an der Türklinke (die Schwestern kamen häufiger rein um mir beim Umlagern zu helfen), mitten in der Nacht, ich erschrak jedes Mal fürchterlich und konnte im Traum nicht wieder einschlafen. Soweit ich mich erinnere, habe ich meiner Mutter dafür Vorwürfe gemacht, und Missbrauch kam auch in irgendeiner Form vor…

Eigentlich macht das Diktieren hier überhaupt keinen Sinn! Sebastian wird ja nicht fertig mir von den Vorzügen dieses Notebooks vorzuschwärmen, weil dieses doch ACH so teuer war, nicht zu vergessen ACH so leistungsstark! Davon bemerke ich gerade nichts…

Gestern… Die ersten Worte meines Taxifahrers, als er den Rollstuhl suchte, und ich ihm mitteilen durfte, dieser würde erst nachmittags von Sebastian hinterher gebracht werden, und ihm sichtlich ein Stein vom Herzen fiel (wie ich vorausgesagt hatte): „Gott sei Dank! Ich hatte heute Nacht schon Albträume!“.
Es ist schön irgendwo hinzukommen und man kennt sich bereits, wird freundlich begrüßt. Nichtsdestotrotz fühlte ich mich spätestens abends wie der einzige Mensch auf diesem Planeten. Abgeschnitten dank diverser Derealisationen. Aber so ist es oft, je mehr Menschen mich umgeben.

Was es vielleicht noch festzuhalten gilt… Wie viele Deutsche hier arbeiten! Arbeitsflüchtlinge? Vor allem Ossis.
Highlight war definitiv die pflegerische Aufnahme durch eine Schwester: Sie saß mir in meinem Zimmer gegenüber, sah in ihre Akte, hatte bereits einige Fragen abgeklärt, sah mich an, wieder aufs Papier, und dann ziemlich unbeholfen: „Und… Und wie geht es Ihnen… Ihnen eigentlich mit ihrer… Mit der Schizophrenie?“.
„Bitte… Was?“, und riss die Augen ganz weit auf. DAS ist ja mal was ganz Neues! Aber, man muss fast sagen, schon beinah etwas Erfrischendes nach all den Jahren „Borderline-Stempel“…

Genau! Davon hatte ich auch geträumt! Dass ich im Traum anfing mich selbst auseinanderzunehmen, jeden meiner Gedanken, jeden meiner Sätze, Bewegungen, immer unter der Fragestellung: Bin ich nicht DOCH Einer???!! Mit dem Endergebnis, manipulative Züge an mir wahrgenommen zu haben, und mir des Gegenteils nicht mehr sicher zu sein!!!

Das steht da aber nicht ernsthaft, oder?“.
„Doch…?“, zaghaft, sie las noch einmal genau den Satz: „Entschuldigung! Da steht, dass SCHIZOPHRENIE nicht vorhanden ist…“.
Das nenne ich mal eine Steilvorlage: „Und ich dachte schon, dass sie ernsthaft glauben, Siegmund Freud…“, und ich zeigte auf den Sessel rechts neben mir: „… würde nicht wirklich neben mir sitzen!“.

Warum dies in meiner Akte vermerkt war? Ob der erwähnten Stimmen in meinem Kopf. So erläuterte ich auch ihr gegenüber noch einmal den Unterschied zwischen einer Halluzination, die man von außen wahrnimmt, und verinnerlichten Stimmen und Personen.

Zweites Highlight die Aufnahme durch eine junge Ärztin. Sie hörte nicht wirklich zu, das konnte ich recht schnell nach nur wenigen Sätzen feststellen. Aber was sie mir dann sagte, überforderte mein Verständnis vollends! Welche der drei Sorten Hydal ich denn nun schlucken würde. „Je nach Bedarf? Wenn Sie auf die Retardtabletten anspielen, die habe ich natürlich, wie es empfohlen wird, bereits eingenommen, morgens und abends, und ich war ein Zombie, ein unbrauchbarer!“.
„Wenn Sie abends 1,3 nehmen, und die reichen nicht, dann sind sie falsch eingestellt und müssen 6 Stunden warten, bis sie die nächste Tablette nehmen dürfen.“.
Ich runzelte die Stirn und sah sie mit schiefgelegtem Kopf an: „Wieso das bitteschön? Das habe ich ja noch nie gehört.“.
„Das ist so! Steht genauso im Beipackzettel nachzulesen! Man kann nicht einfach die unterschiedlichen Tabletten mischen und durcheinander nehmen! Also wenn 1,3 nicht reicht, müssen sie nach 6 Stunden noch einmal 1,3 nehmen und beim nächsten Mal 2,6! Bis Sie eben richtig eingestellt sind, die Menge reicht, die Schmerzen damit zu ertragen sind, und genau DIE Menge nehmen Sie dann jeden Tag!“.

Ich fiel vom Glauben ab! Wie kann ich ein Präparat, das ohnehin so viel diskutiert ist wie Morphium, permanent in einer hohen Dosis einnehmen, weil ich eben an einem Abend von unzähligen stärkere Krämpfe hatte??? Wenn ich doch an den anderen 80 % Abenden weniger oder gar keine Krämpfe bekomme??? Dafür dieses Präparat abnutzen, zumal gerade von Morphinen bekannt ist, wie schnell sich der Körper daran gewöhnt??? Und mir dann jedes Mal gefallen lassen, ich sei ein Schmerzmitteljunkie??? Welchen Sinn hat das??? Dann hätte ich jetzt bereits eine Standarddosis erreicht von… Weiß der Teufel was??? Bei DEN Beugespasmen im Sommer???
Sebastian meinte, die ist vermutlich frisch von der Uni, Lehrmeinung. Da dachte ich doch, es ginge ihr wie gewohnt um die Kombination von Tramal und Hydal. Und, da sie mir wie schon erwähnt nicht richtig zuhörte, machte es überhaupt keinen Sinn, all die Ärzte aufzuzählen (darunter Universitätsprofessoren), die mir das so verschrieben, abgesegnet haben, damit mehr oder minder konform gehen, weil es mir hilft? Warum sollte man aus 1,3 mg nicht 2,6 machen können??? Zu 2,6 noch 1,3 dazu zu nehmen, wenn die Situation es erfordert???

Abends, als Sebastian fuhr, hatte ich ihn noch begleitet, Kamera und Stativ im Anschlag. Und tatsächlich, im Park Krähen in flagranti erwischt. Dann noch wunderschöne Sonnenuntergangsaufnahmen. Wenn ich also bei besserem Licht einfach im Park warte, kommen meine Seelenvögel, und ich bekomme bestes Material!

Da wird es bereits 9:40 Uhr. Die Blutabnahme ist ausgefallen. Der deutsche Arzt war ja noch selbstsicher, doch nach einem einzigen Stich und dem vorausgegangenen Suchen hatte ich ihn gebrochen… Dann genügte ihm, davon zu berichten, eine Notärztin eine halbe Stunde lang beschäftigt zu haben, ehe sie mir zwei intraossäre Zugänge hatte legen müssen (also mein Schienbein zweimal angebohrt hat), und erst recht meine Ansage, warum die Befunde von zuletzt nicht genügen. Es wurde herum gerannt, gesucht… Hatte sie mir am Vortag nicht zugehört? Nicht genau geschaut? War der Meinung, die Ergebnisse seien trotzdem zu alt? Als sie dann endlich gefunden waren, bei mir auf dem Tisch in dem Stapel Befunde, und er noch sah, dass sie vom 22. Januar stammten: „Das genügt doch total!! Was hier quälen!!!“…

(Mit einem verschmitzten Schmunzeln meinerseits) vorrangig sich selbst… 🙂

Angeblich habe ich 36,9 °C. Meine Hände sind völlig durch. Und so viel gegangen wie gestern bin ich schon lange nicht. Das muss ich lediglich aufrechterhalten, wenn die Zeiten es zulassen.

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8. Februar 2019, Freitag „Keine Luft…“

10:30
Mir wie ein Verbrecher vorkommen, weil zum Zeitpunkt des Schreibens die Uhr noch auf 10:29 Uhr stand. Und selbst wenn spätestens beim Wort „Verbrecher“ diese auf 30 sprang, fühlt es sich falsch an. Scheiß Neurosen! Scheiß Zwänge! Scheiß Ticks!

59,9 Kilo um 8:30 Uhr. Warum esse ich zwei Scheiben Roggenbrot, wenn ich nach einer längst satt bin? Zeitgleich trudelt Arbeit vom Büro ein. Der Computer schnarrt laut. Penetrant, wie ein Zahnarztbohrer, der sich langsam in den Schädel frisst! So viele Dinge sind zu bedenken, umzudisponieren, zu organisieren. Abends teilte er mir mit, einen Termin vergessen zu haben, und mich am Mittwoch doch nicht zur Reha fahren zu können. Nun in der Kürze noch das Taxi zu bekommen scheint unmöglich. Warum ich mir an einem Montag den Termin in der Urologie geben hab lassen, bleibt ebenfalls ein Mysterium, und lässt sich höchstens damit erklären, in der Hoffnung gewesen zu sein, die Volkshilfe zu verpassen. Aber daran, dass er ja montags aktuell arbeitet, hat die dumme Kuh nicht gedacht! Als er mich aus dem Bett holte, und auch das ganze Frühstück über ging es mir noch einigermaßen gut. Im Bett, im eiskalten Schlafzimmer, habe ich diese „Atemprobleme“ scheinbar nicht. Aber kaum aufrecht, blockiert irgendetwas… Insofern der Verdacht, dass es mit Verspannungen und Abnutzungen im Bewegungsapparat zusammenhängt, nicht von der Hand zu weisen. Nur… DAS vermögen diese „Nebenschauplätze“ nicht: Gestern Mittag bis zum Abend bis zu 38,2 °C; aber nur am rechten Ohr, das nebenbei erwähnt auch ein wenig schmerzte!
Wieder war das Thermometer unfähig, meine Temperatur zu messen. Schlussendlich kam es vor dem Frühstück auf 36,4. Vertrage ich das warme Getränk nicht? Die Milch nicht? Peu à peu nahm das Hitzegefühl im Gesicht zu. Dann komme ich noch mit meinem Unverständnis daher, warum es heute SCHON WIEDER so dreckig ist, und schwinge den Staubsauger… Teilweise sogar ohne Rollator, was eigentlich ein sehr gutes Zeichen wäre. Aber jetzt bin ich im Arsch. Und gleich werde ich das Thermometer wieder zurate ziehen!

Die Flecken auf der Brille machen mich wahnsinnig. Die Neue ist schon wieder kaputt; dieses Gummiteil für den Nasenrücken ist verschollen. Rief gestern beim HNO-Arzt an, und mir wurde gesagt, er würde sich zurückmelden. Es wurde 19:45 Uhr? War sehr dankbar, dass er nach scheinbar so einem anstrengenden Tag (er hätte bis jetzt gearbeitet) noch die Muse hat, zum Telefon zu greifen. Berichtete ihm vom Ergebnis des Labors und dass ich das Gefühl nicht los werde, die Antibiotika umsonst einzuwerfen. Ließ aber auch nicht meine Rückenprobleme aus, noch die erneut erhöhte Temperatur aus heiterem Himmel. Dass es in meinem speziellen Fall wie so oft ein Rätsel mit gleich mehreren Lösungsansätzen wäre. Er gab mir einen guten Tipp: Ich solle unbedingt ein MRT meines Schädels machen lassen, um den Erfolg der Operation überprüfen und auch den Status meiner MS festhalten zu können, und dann solle ich mich an die Infektiologie in Graz wenden (die kümmern sich auch um Tropenkrankheiten, sah ich gestern auf der Seite, und bekam justament ein Dejavue: Wollte nicht Markus damals schon, dass ich mich dort melde?), anstatt wahllos irgendwelche, und ganz besonders die falschen Antibiotika einzunehmen. Jetzt bräuchte ich noch einen Arzt, der das alles mitmacht. Meine Neurologin? Da erwarte ich mir ehrlich gesagt gar nichts mehr… Tue ich ihr Unrecht? Doch die letzten Male wollte sie von einem Verlaufs-MRT nichts wissen: „Das sagt nichts aus… Wir wissen doch, wie es aussieht…“.

Meine Finger klimpern. Ich fühle Stress. Leichtes Herzrasen. Den Termin in der Urologie musste ich nun absagen; in der blauäugigen Hoffnung, dass das reibungslos bei der Reha erledigt werden wird. Auf meinem Tisch stapeln sich unzählige Zettel, der riesengroße Berg an Krankenakten und Buchhaltung immer noch nicht aufgearbeitet. Zwei Jahre schon nicht!!! „Also bei MIR gab es das nie!“.
Klimpern. Gerade wusste ich noch, was ich sagen will, doch dann habe ich die letzten Zeilen noch einmal zu Korrekturzwecken überflogen. Und nun ist es weg… Kann also auch nicht wichtig gewesen sein…

Ach ja! Der Schmerz erinnert mich an das Thema! Die Nacht ohne Heizdecke versucht; es lief gut. Dafür wieder „Frühlingsgefühle“… Oder schimpfe ich sie „Frühlingsallüren“? Krämpfe. Zumindest dezent, als müsse man sich erst wieder einstimmen, warm werden…!!! 3,3 mg Morphium. Und meinem Rücken ging es sogar noch sehr gut beim Frühstück. Beim Staubsaugen meckerte eine andere Stelle, aber auch nur muskulär. Doch kaum auf den beschissenen Rollstuhl gesetzt, geht es schon wieder los mit dieser Schmerzzange!!! Einerseits fühle ich mich schlecht. Ich muss doch noch Zähneputzen. Warum habe ich das noch nicht erledigt??!!! STRESS!!! Warum nicht versucht, gleich nach dem Frühstück spazieren zu gehen???!!! PANIK!!!! WARUM hocke ich wieder hier wie ein vor sich hin faulender Kartoffelsack????? Wir kennen das doch alle, oder nicht? SO FAUL, DASS ER ZUM HIMMEL STINKT!!!
Denn so sei eben auch nicht verschwiegen, auf irgendeine verwegene Art und Weise auch froh zu sein, dass es mir schlecht geht; denn dann habe ich ja die Legitimation mich auf meinen faulen Arsch zu pflanzen… Und ich spüre unsagbare Müdigkeit… Und ich bin froh, dass ich nun nicht laufen müsste, nicht spazieren, NICHT MALEN!!! Zugleich setzt mich wiederum die Arbeit im Posteingang unter Druck, obwohl ich ganz genau weiß, dass es scheißegal ist, wann ich diese erledige!!! Es fühlt sich an wie eine offene Wunde, die ich auf Teufel komm raus so schnell als möglich schließen muss!!! Unterdes interne Diskussionen darüber, ob ich mich zurückhalte; dann könnte ich während der Reha kurze Ärmel tragen… Oder, ob ich es nicht kann, nicht WILL…

Wie gestört muss ein einziges, bedeutungsloses Individuum sein???
Eigentlich wollte ich gestern abhauen. Aber das Warten auf den Rückruf des Arztes zwang mich dazu, zu Hause zu bleiben. Und jetzt sage ich einen Satz, für den ich mich selbst übers Knie legen müsste: „Um dann die Volkshilfe auszuhalten…“!!!

WAS BIST DU FÜR EIN UNDANKBARES MISTSTÜCK???!!!

Was bin ich für ein undankbares Miststück… Leichte Dissonanzen gleich eingangs, gewisse „Glaubenssätze“ betreffend… Von wegen „Impfgegner/-verweigerer“ oder „die Pharmaindustrie ist an allem schuld“… Und ich mahnte: „Ich hoffe, du bemerkst dabei schon, wie schmal da der Grad ist hin zu Verschwörungstheorien?“. Genauso gut hätte man mir mitteilen können, sich ebenfalls ein mit „heiligen Einhornschwingungen beseeltes Spray“ besorgt zu haben, das nun, „auch wissenschaftlich im Internet getestet und bewiesen“ Krebs heilt, amputierte Gliedmaßen wieder nachwachsen lässt, aus einer Oma einen Teenager macht!!! Eigentlich hatte ich überhaupt keinen Bock mehr auf Unterhaltung. Es wurde zu viel geredet, viel zu viel… Ich stopfte mir dann schon die Stöpsel in die Ohren, weil ich doch für mein Video Musik raussuchen musste… Aber in dieser Causa irgendjemandem den schwarzen Peter zuzuschieben, wäre wahrlich ungerecht. Ich habe doch mitgemacht! Ich habe nicht gesagt, ich will nicht reden! Mit keiner Silbe! Lediglich versteckten Signalen (siehe Kopfhörer)… Oder so Anmerkungen wie: „O. k., jetzt zum dritten Mal… Hatte ich das Lied schon oder nicht?…“, zu mir selbst, aber laut hörbar. […]

Robert ruft an; Taxi für Mittwoch organisiert. Da die Herrschaften alle „Rücken“ haben, will Sebastian mir meinen Rollstuhl nachmittags nachbringen…

Draußen kommt Sonne zum Vorschein, ich diktiere also diesen Satz von oben und plötzlich geht die Schlinge um meinen Hals schlagartig zu, erdrosselt mich… PANIK!!!

17:05
Davon überzeugt, nicht mehr atmen zu können…
Um die Mittagszeit herum ging es mir wieder schlechter; durch die Sonneneinstrahlung wurde es hier am Tisch aber auch sowas von unangenehm warm, also kein Wunder. Mit einem Apfel im Gepäck fuhr ich kurz nach draußen und stellte mich in die Sonne… Frühling…
Etwas abgekühlt sofort den Entschluss gefasst: JETZT muss ich spazieren gehen!!

Ein Zirkuspony lässt sich schneller herrichten als deine Alte…“. Was für ein Theater, bis ich startklar bin. Und nebst dem Umstand, nonstop gequatscht zu haben, hielt ich plötzlich meine Stimme wieder nicht aus, monierte an ihm herum, dass er dies oder jenes falsch oder nicht richtig oder gar nicht gemacht hätte, um dann zu dem Schluss zu kommen: „Im eigentlichen Sinne soll das nur heißen, dass ich mit MIR ein Problem habe…“. Außerdem hatte mich in den Minuten bis ich endlich vor der Tür stand schon wieder diese beschissene Mittagsschwäche gepackt. Ich marschierte los, kam bis zum Carport, da fielen mir mal einige Sachen runter, wie zum Beispiel mein Handy, war unfähig, es aufzuheben, und die Stoppuhr ließ sich nicht bedienen, ICH konnte sie nicht bedienen… Als mir die Kopfhörer ständig aus den Ohren rutschten, fing ich bereits an zu flennen. Doch das mit der Stoppuhr war das absolute Highlight! Hatte nicht er zuvor nach mehrmaligen Versuchen meinerseits nur einmal den Knopf betätigt und das Ding ging an?! Ich murmelte Flüche in meinen imaginären Bart und nun musste dieses beschissene Chinateil dran glauben… Hatte es in der einen Hand und hämmerte es mehrfach auf den Tisch, voller Zorn…

Um am Ende wimmernd in mich zusammenzubrechen… Meine Gedanken? Ich gehe jetzt noch ein paar Schritte ums Carport, damit man mich vom Eingang aus nicht sehen kann, ebenso nicht von der Straße unten, hole eine der Rasierklingen aus meiner neuen Bauchtasche und verpasse meinem Unterarm ein paar kräftige Seelenventile… Die dann von mir aus vor sich hin bluten sollen, in den schwarzen Ärmel hinein, ist mir doch alles scheißegal!!!…

Aber nein. Ich ging weiter. Die Einfahrt runter, die Straße hoch und anschließend den ganzen Weg wieder zurück. 55 Minuten. Vom Gehen ist nun die Schulter wieder dermaßen verspannt, als hätte man meinen Körper in eine Schraubzwinge gesteckt! Bei dem Gedanken daran, mich noch auf die Sitzung um 19:00 Uhr vorzubereiten, vorbereiten zu müssen oder zu wollen, bekomme ich Panik. Dazu draußen Abendhimmel; zum Glück nicht so farbintensiv wie sonst. Eine volle Dosis Tramal, gegen die Schmerzen. Und im Hinterkopf mit den Rasierklingen noch nicht fertig. Oder mit der Überlegung, zum Temesta zu greifen…

2. Februar 2019, Samstag „Achterbahn…“

10:33
„Voll in die Fresse!“. 59,7 Kilo um 9:15 Uhr. Und das, obwohl ich…
Faule Ausrede, von „reduzierter Nahrungsaufnahme“ zu sprechen. Was ist mit dem ganzen Süßkram? Dem süßen Gebäck?! Dem ganzen Zucker, den ich noch extra auf den Milchreis abends gekippt habe??!!
Aber das sollte nicht Thema sein, mir läuft die Zeit davon…
Gestern Nacht, Sebastian hatte Besuch und war lange oben, mir diese Dokureihe auf Netflix gegönnt, über den Missbrauch der katholischen Kirche in Spanien. Und einer der Opfer sagte einen entscheidenden Satz, der sich mir regelrecht in die Seele brannte: „Man wird eines großen Teils seines Lebens, der schön hätte sein können, beraubt!“. Kontaminiert von Ängsten, Selbstzweifeln, Selbsthass, Selbstzerstörung usw. und so fort. Es tat weh, einen Blick zurück zu werfen, auf die letzten 20 Jahre, und was vermeintlich ICH daraus gemacht habe.

Da gilt es gleich einen Schwenk zur Therapie zu machen. Ich schluckte keine Beruhigungstablette, aber äußerte beinahe wie ein verschrecktes Kind abschließend doch noch, dass ich Panik vor der Sitzung gehabt hätte. Sie wollte wissen, wieso. Ob es mir immer noch darum ginge, dass jemand „ins Haus kommt und sozusagen in mich eindringt“. Ich druckste immer noch herum, aber sie konnte zwischen den Zeilen lesen: „Glaubst du etwa, du müsstest mir etwas liefern? Überhaupt nicht! Und wenn ich schweige, dann nur, weil ich aufmerksam zuhöre und auch fasziniert bin, wie sich das alles bei dir entwickelt, wie du große Schritte machst!“. (Wie immer), so oder so ähnlich. Äußerte auch, dass ich immer wieder das Gefühl hätte, SIE überzeugen zu müssen, damit SIE mir glaubt usw. und so fort.
Also hatte die Sitzung ein sehr gutes Ende. Zumal ich sie nach eigenen Erfahrungen mit anderen Klienten fragte und sie mir bestätigen konnte, dass „ich ganz klassisch in diese Gruppe passe“. Dementsprechend die nächste Sitzung gleich für nächste Woche anberaumt…

Unglücklich ausgedrückt; aber ich habe dermaßen Kopfschmerzen, das Headset zerquetscht die letzten Reste Hirn, und zugleich ist alles ganz wattig. Bin wach und schlafe doch noch. Die Lippe aufgerissen, nachts dann im Bett wieder Nasenbluten. Die Schulter wieder ordentlich verspannt, konnte nicht einschlafen, Licht an, Licht aus, Buch zur Hand, Buch weglegen. Überschneidung jagt Überschneidung. Und ich hielt den Heizstrahler nicht aus, hatte Krämpfe… Es müsste also dementsprechend wärmer geworden sein, um von Sebastian morgens gesagt zu bekommen, es hätte bereits 8 °C.

Nun gut, ich habe meine Tage. Gereicht als Erklärung? Alles um mich rum ist Saustall! Heilloses Chaos! Messiehaushalt! Es macht mich KRANK! Wie die verschmierte Brille! Die das Gefühl verstärkt, ICH sei mit FETT überzogen, meine Haut, mein Gesicht, und die Finger sowieso noch voll mit Butter vom Frühstück, weil ich ja mit ganzem Körpereinsatz „fresse“! Dazu der Kabelsalat vor mir, neben mir, unter meinem Tisch. Und immer noch die Leinwand, mit den zerfledderten „Schutzmaßnahmen“, die da aus dem Keilrahmenkreuz heraushängen wie rausgerissene Eingeweide, teilweise liegen sie daneben, auf dem Boden… Kartonstreifen, Streifen von einer Antirutschmatte, Klebestreifen… Mist! Mist!! MIST!!!

Ist es nicht jedes Jahr so? Ich hänge in Erinnerungen fest, Anfang 1990… Da passt ja super, vor wenigen Tagen dieses Fotoalbum gesehen zu haben. Wie damals berichtet, meine Geburtstagsparty, ich ein Moppel, die rosaroten Gymnastikschuhe, der neonfarbene Trainingsanzug, frisst mit einge-xten Füßen einen Pudding… EIN EINZIGES BRECHMITTEL!!! UND DIESES KIND SOLL ICH RETTEN?!! SOLL ICH LIEB HABEN??!!!

Abends dann ein kurzes Telefonat mit dem Hausarzt. Er sah erst keinen Handlungsbedarf angesichts meines Befundes. Ich wiederum erörterte kurz meine schon viel zu lang andauernde und mich belastende Symptomatik, und er ging diverse Antibiotika durch, die ich nehmen könnte.
Schlicht und ergreifend: ICH BIN SAUBLÖD!!! Hatte ich nicht noch zu ihm gesagt, dass das Augmentin für die Blasenentzündung damals auf die Sinusitis keinen Einfluss gehabt hätte? Und lasse mir dann WAS verschreiben? ZINNAT!!
Zur Erinnerung: Das war der gealterte Meister Propper, den ich exakt vor einem Jahr bei der Reha verschrieben bekommen hatte! Und? Hat er die Sinusitis beseitigt? Nein!

Und da kommt die Sonne wieder raus; Wolken, Sonne, alles braun, alles „dreckig“, draußen wie drinnen… Und erst recht in mir selbst! Ich muss aufstehen! Ich muss ZWINGEND UNVERZÜGLICH meine Hackfresse waschen!!! Ich hasse mich… Und das Foto von gestern war ja wieder einmal unter aller Sau, weil ICH unter aller Sau bin…

11:43
Meine saudumme Visage ist überzogen mit roten Flecken. Es tut weh, die Haut zu trocken, die Haut wund, offen. Und der Rest drumrum eine Fritteuse! Mir die Zähne geputzt, wieder „freistehend“, lauter Sachen runtergeworfen, laut fluchend… Sodass er oben wahrscheinlich schon wieder die Augen verdrehen musste. Und dann, zu allem Überfluss, als ich mit meiner „Schönheitskur“ endlich fertig bin… Mit meiner zum Scheitern verdammten „Schadensbegrenzung“, eine riesengroße Pfütze auf dem Fliesenboden. „Zum fragwürdigen Glück“ schien das Ventil vom Beutel leicht geöffnet zu sein. Denn ich habe keine Beutel mehr. Hätte wohl einen zu großen Verschleiß und die Bandagistin müsse dabei der Kasse einen „erhöhten Bedarf“ anmelden, ehe ich mir mehr holen darf. Also ich könnte mir schon welche holen und sie selber bezahlen, so ist es nicht. Ich bin nun mal nicht der Standard Patient, der brav nur noch im Bett liegend seinem Tod entgegen starrt und die Beutel keiner Beanspruchung aussetzt.

Nun ist es wieder dunkel, der Wind noch stärker und der geplante Ausflug fällt ins Wasser. Bzw. wird er hauptsächlich im Auto absolviert. Vögel stalken. Mein Schädel platzt. Er fühlt sich so heiß an, dass ich glaube, die Haut müsse reißen.
Diese Person da, im Spiegel… Ich verabscheue sie! Wie auch bei den Aufnahmen, mit denen ich gestern arbeiten „musste“… Wie unglaublich DÄMLICH sieht das aus?
Nun gut, soll ich mich nun darüber freuen, dass meine Beine im Vergleich zum Rest „schlank“ (oder zu Neudeutsch: „verkümmert“) aussehen? Was hat meine Mutter immer gesagt? Sie wurde nicht müde, mir diesen Satz reinzudrücken, als fragwürdiges Kompliment! Und darum ist es gut, dass ich keine Kinder habe! Denn was für eine Katastrophe ist es, wenn die eigene Mutter sich selbst beschimpft?!! „ZUM GLÜCK HAST DU NICHT SO EIN LANGES GESICHT WIE ICH!!!“ oder „ICH HABE SO EIN LANGES GESICHT!!!“.

Jetzt darf man dreimal raten, was mich bei diesen Aufnahmen am meisten gestört hat… Na? Schon einen heißen Tipp? Ja! Korrekt! MEIN LANGES GESICHT!!! DAS PROPORTIONAL ÜBERHAUPT NICHT ZUM REST VON MEINEM WINZIGEN KÖRPER, MEINEM ZU KURZEN KÖRPER PASST!!! TOTAL ÜBERPROPORTIONIERT!!!

Die beiden dünnen Beine, vier Schichten Pullover von Sebastian in Größe XXXL, noch mehr Schal und obendrauf dieses laaaaaaaaaaaaange Gesicht!!! Wie eine hässliche, widerwärtige Maske!!! Da muss ich doch gleich an den Film „Die Maske“ mit Jim Carey denken! GENAU SO!!!

Und warum bedarf es nun all dieser harschen Worte? Dieses Selbsthasses???

WEIL DU SCHEISSE BIST!!!

15:26
… Dann wollte Sebastian los, ich kam nicht mehr dazu, zu sagen, was ich noch dazu sagen wollte.

Gestern abschließend meinte ich dann noch, dass das alles so frustrierend sei, weil ich davon ausgehen darf, dass gewisse Personen sehr wohl wissen, was geschehen ist, aber gnadenlos schweigen. Und Brigitte gab mir ebenfalls recht, dass meine MS nicht ohne Grund zu diesem Zeitpunkt damals ausgebrochen ist, und erst recht nicht, dass sie sich so zeigt, wie sie es eben mittlerweile tut. Ich muss bestraft werden. Mundtot gemacht werden.

Und so hat nun auch dieser seltsame Lichteinfall zur Folge, erneut mit Kindheitserinnerungen konfrontiert zu sein, die leere Hülsen darzustellen scheinen, aber bis zum Überschwappen voll gestopft sind mit Todesängsten und Panik.
[…]

Wir hatten eine Ausfahrt gemacht, die dann doch großzügiger ausfiel als geplant. Lediglich ein Mäusebussard in Dietersdorf, aber bereits als wir auf ihn zufuhren, trollte er sich. Eine halbe Weltreise durch den Bezirk, die Beine krampften pervers, bis mir schlecht war vor Schmerzen. Von der Schulter ganz zu schweigen, die heute wieder zu Höchstleistungen aufläuft… Schmerztechnisch. Es roch schon nach Frühling. Dann regnete es ab und an. Und jetzt reißt der Himmel auf am Horizont. Was für Kopfschmerzen. Ein Mexalen intus. Was will mein Körper von mir?! Dass ich mich hinlege?! Bin ich wetterfühlig?!

DU BIST WIE DEINE MUTTER!!!

1. Februar 2019, Freitag „Kaum begonnen, schon vorbei…“

10:55
59,4 Kilo um 9:15 Uhr. Wie war das mit den 57, irgendwas Kilo vor ein paar Tagen? Das bisschen Schnee, der hübsche Staubzucker auf der Landschaft -vor 1 Stunde noch sah alles aus wie verzaubert. Und nun nichts als eintöniges Braun. Ich hatte meinen Traum vergessen, aber zum Glück ging es im Fernsehprogramm irgendwann um Schule und so erinnerte ich mich wieder. Ich könnte nun die Augen schließen und mich tiefer sinken lassen, genauer nachsehen, aber bin davon überzeugt, dass er keine bedeutenden Erkenntnisse in sich birgt. Also lasse ich den Aufwand. Für meinen Geschmack ist es ohnehin schon wieder viel zu spät. Es wird Frühling… Und woran ich das festmachen kann? Warum ich glaube, erneut als Wetterorakel in Erscheinung treten zu dürfen? Die Spasmen nehmen wieder zu.

Wieder sehe ich mich als kleines Kind auf der brachliegenden Wiese vor dem Gasthaus sitzen. Der Anblick fällt mir schwer, angesichts der Sichtung alter Fotoalben. Eigentlich wollte ich fürs Tagebuch eines der schrecklichen Geburtstagsfotos einscannen, aber nun hat er den Wäschekorb mit den ganzen Relikten endlich weggeräumt. Und hoffentlich, aber davon ist mit ziemlicher Wahrscheinlichkeit nicht auszugehen, den Korb gleich leer gemacht, damit er ihn später für die Wäsche benutzen kann. Wie ich ihn kenne, würde dieser die nächsten Jahre hinten im Gästezimmer gefüllt mit Alben in Vergessenheit geraten.
Von der ganzen Putzaktion gestern ist nichts mehr übrig, nichts mehr zu sehen; ich werde anschließend den Staubsauger schwingen. Versucht, ansatzweise auf meinem Tisch den sinnlosen Kampf auszufechten, für Leerraum zu sorgen. Und da hätte ich es fast wieder vergessen…
Dachte ich doch noch vor 1 Minute, Folgendes unbedingt sagen zu müssen: Es ist mir ein großes Anliegen, das aktuelle Buch zu zitieren. Wieder und wieder finde ich mich selbst in ihren Worten. Erst recht gestern Nacht, als ich eben sicherlich zum dritten Mal (seit ich im Besitz dieser Lektüre bin) lesen durfte, wie verdreht und gestört ihre Sichtweise auf Sexualität ist. Auch möchte ich, nein, ICH WILL, dass er es liest! Wie ich gerade eben sagte: „Mir ist das so wichtig, weil ich immer hoffe, dass du mich besser verstehst. Dass auch andere so fühlen wie ich und meine verdrehte Welt nicht von ungefähr kommt!“.

Der Himmel ist grau. Die Unordnung macht mich krank. Der Blick wandert kurz zur Leinwand… Hintenrum meine Montagen, damit sich bei der Arbeit der Keilrahmen nicht auf dem leinenabdrückt, fallen auseinander, hängen runter, komplementieren den Saustall! Dann fasst mich der Gedanke, nie wieder zu malen. Es gar nicht erst zu wollen. Gefolgt von Panik. Und dem Bedürfnis, schon wieder zum Temesta zu greifen… Weil es doch so angenehm war…

Und was war das kurz nach dem Aufstehen? Hatte er mich zu ruckartig aus dem Bett gezogen? Denn kaum Platz auf der Toilette genommen, um meine Monstereinlage zu wechseln, tropfte Blut aus meiner Nase. Rechts. „Hey! DU wurdest doch gar nicht operiert, was stellst du dich so an??“. ICH und Nasenbluten… Ein absolutes Novum!

Aber jetzt ans Video. Ablenkung. Ehe ich wieder nur schlechten Gedanken viel zu viel Raum gewähre, bis sie mich zerquetschen, denn…

Eigentlich müsste ich mich jetzt bewegen!
Eigentlich müsste ich jetzt gehen!
Eigentlich müsste ich jetzt meine Zähne!
Eigentlich müsste ich jetzt die Büroarbeit machen!
Eigentlich müsste ich mich umbringen!…

Und warum stand in den letzten beiden Beiträgen März statt Januar? Gefühlt scheint das neue Jahr tatsächlich schon wieder halb vorbei…

12:50
Die Zeit rennt, die Zeit verrinnt, zerfließt unkontrolliert in meinen Händen…
Mich zusammengerissen, einen Teil der Büroarbeit erledigt, beim Zähneputzen vor dem Waschbecken Gleichgewichtsübungen gemacht…
Wie hochtrabend das klingt! Im eigentlichen Sinne stand ich einfach nur davor und habe versucht, es ohne Festhalten zu schaffen. Und im besten Fall mein Gewicht (mein Übergewicht) von einem Bein aufs nächste zu verlagern.
Ich wollte doch irgendetwas Wichtiges sagen… Aber, so schnell wie es vergessen wurde, kann es seinem Namen keine Ehre machen. Dann eben etwas Unwichtiges… Aber was?
Zurück im Wohnzimmer mit dem Rollator den Staubsauger geschwungen. Die Büroarbeit abgeschlossen. Ich trinke einen großen Schluck Wasser, und nur 5 Sekunden später ist der Mund wieder staubtrocken, die Mundwinkel reißen auf. Hatte ich erzählt, dass mich die junge Ärztin bei der Untersuchung ernsthaft gefragt hat, ob ich nicht zu wenig trinke, weil Zunge und Gaumen staubtrocken waren? Die Medikamente, im Gegensatz zum Wörtchen „Wichtiges“, machen wiederum ihrem Beipackzettel ganze Ehre.

Verdammt! Was war es? Eine Erkenntnis? Ein Zusammenhang? Eine Erinnerung an einen wichtigen Traumausschnitt? Oder gar ein Tagtraum?

Fakt ist, Brigitte kommt um 18:00 Uhr. Panik. Immer mehr Panik. Aber habe ich das nicht auch vorher schon erwähnt?
Fine beginnt zu nerven, stromert durch den ganzen Raum, macht mich noch nervöser. Dabei krampft schon wieder das linke Bein… Hach! Was für eine Freude! Wie hatte ich die Spastik vermisst!
Das Licht draußen verändert sich. Ich erinnere mich an Faschingsumzüge, und wieder Klavierunterricht. Aber auch an einsame Streifzüge durch meine Wälder, mit der kleinen Billigkamera im Anschlag. An unbedeutende, hässliche Fotos von Ästen und Bäumen, in denen ich etwas zu erkennen glaubte. Und ein paar Jahre später mit einer Spiegelreflex.

Das Programm versteht mich nicht, meine Stimme bricht unentwegt krachend in sich zusammen und ich klinge wie eine stark rauchende Langzeitalkoholikerin! Die Hände beginnen zu klimpern, mir wird kalt. Vermutlich hat sich die Heizdecke ausgeschaltet. Und das Gezwitscher der Meisen verschlimmert die angstbehafteten Gedanken, dass Februar wie November sei, nach der Reha bereits wieder Frühling, der Sommer noch schneller vergehen wird, den Winter wird es dank Klimawandel nicht geben und schon ist das nächste Jahr da!!! Und ich, in mir drin, wie ein kleines gehetztes Männchen/Weibchen, atemlos und vor Augen eine Apokalypse!!!!

Gestern zu ihm, zu mir selbst, in mich hinein, gefragt: „Glaube ich ernsthaft, wenn meine Eltern sterben, geht die Welt unter?? Das ist doch Schwachsinn!!“. Das Bedürfnis, ihnen einen Brief zu schreiben. Aber keine Vorstellung davon, welchen Inhalt er haben sollte. Ganz viel „Zu-Kreuze-Kriechen“, noch mehr Entschuldigungen, dass ich existiere usw. und so fort?

Und so kam es eben, wozu es kommen musste… Abends, ich sah Sebastian, ich küsste ihn, sagte ihm, wie sehr ich ihn liebe, und bekam selbiges zurück. Aber nichts davon war echt. Nichts davon war real. Alles nur verschwommen, verzerrt, und lediglich einen einzigen Notfallkoffer zur Hand: „Ich bringe mich sofort um!“.

Mir wäre wahrlich lieber, sie käme heute nicht. Ich meine mich zu erinnern, von der „Rasur“ meines linken Unterarmes geträumt zu haben, die tatsächlich vor ein paar Tagen stattgefunden hat. Vor zwei Tagen, abends. Gewohnt rabiat, mit ein paar Bluttropfen. Die unzähligen Kratzer abgekratzt. Und im Traum nutzte ich die Gunst der Stunde und schlitzte mich wieder auf… Mit Erfolg? Ich weiß es nicht mehr. Bekomme Kopfschmerzen. Während meine Hände bis vier zählen. Mein Ischias nervt, die Verspannung im Rücken nervt, das Bein krampft und die Rufe der Meisen katapultieren mich unaufhörlich in dieselbe Erinnerung: Irgendwann um Ostern herum, meine Mutter geht mit mir spazieren, vorbei am Feuerwehrhaus, da ist dieses Rinnsal, dieses kleine Bächlein im Graben, und ich klettere den einen Schritt hinunter, in die Hecke, die dort einsam zwischen all den Äckern wächst, irgendein Spielzeug in der Hand, das nun unbedingt durch Wasser laufen muss…

Eine schöne, eine friedliche, friedvolle Erinnerung. Sonnenschein. Es duftet nach Blüten und frischem Gras. Insekten surren, Schmetterlinge und Vögel überall. Aber ich? Bekomme bei diesem Anblick Todesängste! Was ist Henne, was Ei? Bin ich der Fehler im System? Oder stimmt mit der Szene etwas nicht, bzw. etwas HINTER ihr stimmt nicht? Hinter, HINTERHER nicht???

Und weiß immer noch nicht, was ich vergessen habe…

15:27
Es war nicht DAS Detail, das ich vergessen habe, aber gerade eben beim Kaffee wurde ich schmerzlich (das klingt übertrieben) an eine andere Besonderheit erinnert.
Morgens nach dem Aufstehen,…

Dann sehe ich in meinem Tagebuch nach; so ein Bullshit!! Ich hatte es doch erwähnt…
Also definitiv gerade eben beim Kaffee (in meinem Fall Milchtee zum Keks) tropfte erneut Blut aus meiner Nase.
Nebenbei sei erwähnt: Ich hatte bis vor diesem Eingriff noch nie Nasenbluten.
Dazu das Gefühl -das sich wieder einmal nicht mit dem Thermometer bestätigen ließ, mein Schädel wäre ein Einmachglas, das zu lange in einem zu heißen Backrohr steht und alsbald platzen wird, weil darin alles überkocht und sich Platz machen will!! Leichte Kopfschmerzen. Und weil doch das Säckchen Magnesium zuvor die Krämpfe im linken Bein abgestellt hatte, krampft es nun im rechten. Mit dem Unterschied, nun viel schmerzhafter zu sein, unangenehmer.

Ich bastele mir weitere krude Theorien zusammen, die ich natürlich nicht für mich behalten möchte. So sagte ich auch gerade eben zu Sebastian: „Vermutlich kommt das von diesen Bazillen, die da im Laborbefund stehen. Und ich habe längst eine schwere Gehirnhautentzündung… Hoffentlich breche ich in den nächsten Stunden zusammen und verrecke endlich. Um dann, vielleicht noch kurz davor, oder nachträglich sagen zu können: Jetzt habe ich wenigstens eine GUTE Ausrede, warum ich in letzter Zeit so vermeintlich dement geworden bin!“, und grinste. Er fand es nicht witzig; verständlicherweise. In seiner Rolle, damals als Kind, fand ich die ganzen Sterbe- und Selbstmordankündigungen meiner Mutter und ihrer Mutter ebenfalls nicht sonderlich amüsant…

Kurz hatte es die Sonne versucht. Nun wird es dunkel und erinnert mich an die Leidenschaft meines Bruders von damals, Modellbau. Zugleich sehe ich mich, uns in Fürstenfeld am Bahnhof. Wir holen meine Oma, mütterlicherseits, oder bringen sie dorthin. Wieder mit diesem Druck im Magen…

Etwas mehr als 2 Stunden bis zur Therapie. Ich vermag nicht darüber nachzudenken. Erst recht nicht mehr vorzustellen, dass sie wieder minutenlang einfach nur da sitzt und mich lächelnd anschweigt, was ich absolut nicht ertragen kann!

Noch etwas zu besagtem Befund, den er mittwochs beim Hausarzt abgeholt hat, von dem ich glaube, dass ich dessen Ergebnisse noch nicht thematisiert habe.
Oder doch?

EBV (Epstein-Barr-Virus): Kein Hinweis auf eine akute Infektion mit den untersuchten Parametern.
VZV (Varizella-Zoster-Virus): Kein Hinweis…

Jetzt wird es spannend…


CHLAMYDOPHILA PNEUMONIAE: Akute oder vor kurzem erfolgte Infektion wahrscheinlich. Bei bestehendem klinischen Verdacht auf eine Infektion, bitte respiratorisches (Wow, das Programm versteht das Wort!) Material (Sputum (Und das auch noch!! Ich bin begeistert!!), BAL, BSK) führt Direktnachweis (PCR: CAP-Block) einsenden.
INFLUENZA A: Reaktiver Befund, vermutlich abgelaufene Infektion.
PARAINFLUENZA: Reaktiver Befund…

Was heißt das alles? Was heißt es speziell für mich?
Er fährt gleich für mich noch einmal extra zum Hausarzt um nachzufragen.

dav

28. Januar 2019, Montag

8:53
WAS?! WAS, frage ich mich, WAS ist mit mir los??!!
Müsste es ein anderer Therapeut sein, unabhängig, mit dem ich nichts zu tun habe, der mir exakt dieselbe Floskel erzählt wie Markus? Weil ich diesen ja eigentlich gar nicht kenne? Weil ich diesem ja eigentlich nichts glauben darf?
Er sagt, das sei völlig normal in dieser Phase der Aufarbeitung. Aha? Also kein Zeichen meiner MS? Oder noch besser: dass ich dement werde? „Die gesamte Aufmerksamkeit richtet sich nach innen“, beruhigt er mich jedes Mal. Seit Jahren schon. Aber ich lasse mich nicht beruhigen.
Es fühlt sich an wie Herzrasen, aber ich weiß, dass der Puls nicht erhöht sein wird. Kaum an meine Hände gedacht, beginnen diese zu klimpern. Schneeregen und ein wenig Nebel. Die Gefühle, die nun in mir zum Vorschein kommen, fühlen sich unangenehm an. Ich bin 11 und ich bin ein Mops! Mollig!

EINE FETTE SAU!!!

Alles fühlt sich passend zum Wetter eklig dreckig, feucht an. Zwanghaft muss ich an ein Foto von mir denken, von diesem Reitunterricht, wie ich da vor diesem riesigen Warmblut stehe, ich Zwerg, die Ausläufer der Achtzigerjahre, Leggins, Neonfarben, dermaßen X-Beine, völlig verunsichert, weil mir die Besitzer des Hofes, das Ehepaar, das mich gleichzeitig unterrichtet, Angst macht. Sie sind in meinen Ohren streng, sie klingen streng. Das hier macht keinen Spaß, das hier ist eigentlich nur Belastung. Das Pferd ist viel zu groß. Das alles ist eine Nummer zu groß! Aber wie praktisch, der Hof liegt in der Nähe der Werkstätte, in der mein Vater arbeitet. Also wird dieser ab und zu besucht, ihm wird Essen gebracht.

Wer in deinem Umfeld hat sich despektierlich über Dicke geäußert?“. In schon mehreren Sitzungen in den zurückliegenden acht Jahren ist diese Frage gefallen. „Mein Vater? Meine Mutter sicherlich auch. Aber er hat meinen Bruder ständig beschimpft. Und dann schon erstaunlich, dass er mich völlig unbehelligt ließ. Kein einziges Wort. Wenn man bedenkt, was sich Mario immer anhören musste? Jahrelang? Immer noch?“. Was sollte da die kleine Schwester daneben denken? Deswegen der Versuch zu kotzen? Ohne großartig darüber nachgedacht zu haben, welche meine Beweggründe sein könnten?

Aber eigentlich war ich doch gerade bei der Demenz. Ich habe wenig geschlafen; o. k. Dennoch eine schlechte Ausrede! Stellte mich äußerst wackelig auf die Waage, es dauerte, bis ich zumindest so weit austariert war, um einen flüchtigen Blick auf das Display zu werfen. Natürlich! Ich war erstaunt! Nach DEM Essen! Selbst wenn ich gestern noch einmal etwas abziehen durfte und schlussendlich auf 57,9 kam. Aber, und ich lenke schon wieder ab, worum es nun im eigentlichen Sinne geht ist diese beschissene Zahl heute Morgen auf der Waage!!!
Ich las sie, rechnete wie jeden Morgen für Unterhose und Monstereinlage noch einmal 100g ab (wie großzügig) (ZU großzügig), entdeckte die Hieroglyphen auf meinem linken Handrücken, konnte zumindest das zweite Wort lesen („Corpus Delicti“), ärgerte mich, jenes darüber nicht entziffern zu können, schon völlig verschmiert, ganz zu schweigen von meiner Sauklaue, und kaum im Wohnzimmer angekommen, wusste ich eben NICHT MEHR, ob es nun 58,4 oder 58,3 Kilo gewesen sind!!! Das macht mich ehrlich gesagt krank!!! Weil 100 g bereits eine halbe Welt bedeuten! Und WEIL ICH MIR ABSOLUT NICHTS MEHR MERKEN KANN!!!

Noch mehr Süßstoff in den Tee; ich schmecke ihn heute nicht.

Oder gestern Nacht? Die letzten beiden Folgen von „American Horrorstory“. Vertrottelt fragte ich: „Wer ist denn jetzt DER Schauspieler? Ist das der, der dies oder das hat? Und wovon reden sie jetzt? Worum geht es?“. Sebastian schon leicht entnervt: „Also bitte, das haben wir doch gerade eben erst gesehen! Das war doch erst in der vorletzten Folge, als der oder die genau das getan hat! Das weißt du doch noch!“. Aber ich fühlte meine beiden Ohren und dazwischen nichts als Luft!!! ICH KANN MICH NICHT ERINNERN!!!

Augenblicklich hänge ich in Erinnerungen an die erste Klasse Hauptschule, Schwimmkurs, wie wir da im Kollektiv Heimweh schoben. Um zwangsläufig wieder daran denken zu müssen, wie ich aussah. Sehe hinaus, sehe in mich rein, sehe das Damals, es war die gleiche Jahreszeit, und alles ist muffig und widerlich und feucht und klamm…

Die beiden Wörter auf meiner Hand waren mir gestern, bzw. heute, beim Lesen (erneuten Lesen) eines meiner Missbrauchsbücher in den Sinn gekommen. Immer noch auf der Suche nach einem Namen für mein Video. Ich wusste doch ganz genau, dass ich sie vergessen würde. Und… Siehe da?!
WER HÄTTE DAS FÜR MÖGLICH GEHALTEN…
Schwer, wirklich schwer seufzen. Dazu fällt der Blick auf die Uhrzeit und es ist schon wieder ZU spät!

Im Buch waren gleich mehrere Passagen, die mich bewegten, IN mir ETWAS bewegten. Wieder zum inneren Kind: „Bitte… Vertraue mir endlich!“…

Die Kleine ist auch nur ein Stück Scheiße!!!

Und ich sagte doch tatsächlich zu ihr: „Hör ihm nicht zu! Hör auf mich!…“.
Um innezuhalten und mich zu fragen, was ich da gerade mache. Ist das eine probate therapeutische Maßnahme? Oder mache ich mich augenblicklich zum Vollidioten??? Mit WEM spreche ich da? Da ist niemand! Das habe ich mir alles nur einreden lassen! Mit Handkuss!!! Um mich erneut als etwas „BESONDERES“ profilieren zu können!!!

Bei jedem Witz, den er machte, bei jedem Liedchen, das er trällerte, allein auf den wenigen Metern nachts ins Schlafzimmer… Einerseits war er so weit weg, die Realität existierte nicht mehr, irgendetwas musste sich verschoben haben, und weil das noch nicht reicht, sah ich ihn sterben. Mit jedem winzigen „Piepsen“ von ihm!! Davon überzeugt, bereits übermorgen die Augen zu öffnen und unser Leben sei vorbei!!! Die Zukunft wie ein Damoklesschwert!!!

Und dann waren da noch diese Zeilen in dem Buch. Die ich mir mit dem Stift, mit dem ich später auch noch meinen Handrücken angeschrieben habe, extra unterstreichen musste. Erschienen mir so wichtig, dass ich sie heute in der Sitzung miteinbeziehen möchte… Nein! Muss!! Bis dato hat sie noch gar nicht gesagt, WAS ihr passiert ist! Aber sie spricht von Symptomen und Auffälligkeiten…? Mein Untergeschoss zog sich zusammen, verkrümelte sich nach innen und pulsierte und pulsierte. Um mich deutlich auszudrücken: Das war keine amouröse Erregung!! Das war die „Habachtstellung“ schlechthin!!! Als sie von Schmerzen im Genitalbereich schreibt. Davon, dass es dann auch immer so schrecklich juckt! Dass sie bereits als Kind sterben wollte!

Das kennst du NUR von deinen ganzen Blasenentzündungen! Sonst nichts! Du warst und bist eben DRECKIG!!!

Mein Körper reagierte, in mir reagierte irgendetwas. Und so richtig weggeflasht hat mich der Satz, dass sie bei einem Bruder ihres Vaters übernachten darf, bei ihrer Cousine… Auch jetzt, beim Diktieren, trete ich kurzfristig weg. Auch ich habe bei meiner Cousine geschlafen, oder wir beide bei unserer Oma. „WER hat ins Bett gemacht?“. Sie oder ich? Zumal sie auch noch viel länger Bettnässerin war als ich…

In mir flatterte etwas, bekam Angst. Ich war wach. Wie jede beschissene Nacht von Sonntag auf Montag. Als wäre ICH es, die zur Arbeit hasten müsste! So war auch ICH es, die immer mehr Panik bekommen hatte, abends, bei dem Wissen, dass er gleich das Wohnzimmer betritt und der Tag damit offiziell beendet sein wird! Ich entschuldigte mich bei ihm, weil er mir Angst macht… Das finde ich schrecklich!

Tief durchatmen! Heftige Verspannungen und vom Headset mittlerweile wieder Kopfschmerzen… Panik vor der Volkshilfe. Panik vor der Sitzung abends…

Um erneut den Faden zu verlieren. Was wollte ich sagen?
Stattdessen inneres Kino: Scheißwetter und wir sitzen im Bus bei unserer ersten Klassenfahrt zum Schwimmkurs. Zugleich sah ich das Zeltfest in Henndorf, wie das Zelt aufgebaut wird, Sommer, und zumindest ein Fahrgeschäft…

27. Januar 2019, Sonntag „Sonnenschein…“

11:10
Überschwemmt werden von Erinnerungen. Ich denke an die ersten Videoaufnahmen, mit der Kamera des Nachbarsjungen. Es war wohl auch Januar oder Februar. Aufnahmen vom Pferd, vom Training in der Bahn; wenn man das als solches bezeichnen darf. Man musste ihr die Mitarbeiter regelrecht abringen. Aber egal, Hauptsache Bewegung kam in die Sache.
Zugleich drängen sich wieder frühe Kindheitserinnerungen auf, wieder sehe ich mich auf der steilen Wiese vor dem Gasthaus sitzen, die ersten Frühlingsblumen, Primeln und Veilchen…
Kaum ist der Satz ausgesprochen, erfasst mich Beklemmung. Meine Hände beginnen zu klimpern. Den Test auf dissoziative Symptome bei Kindern, den Markus gestern erst geschickt hat, flüchtig angeschaut. Um die Fragen zu Beginn im ersten Moment als Erwachsene für mich im Kopf beantwortet zu haben. Aber das stimmt so ja nicht, ich soll das Kind sprechen lassen, weiß aber ehrlich gesagt noch nicht, wie dies zu bewerkstelligen ist. „Die intuitiven Antworten in mir, die soll ich vermerken“… Oder wenn ich das Kind kräftig spüre.
Im Traum wurde ich ständig sabotiert bei meiner Sitzung. Natürlich, ich lebte im Gasthaus, und dann kam sogar noch die Verwandtschaft aus der Schweiz. Markus war so schwer zu verstehen, denn ich hörte permanent Sätze, die ich selbst vor Minuten gesagt hatte, in Dauerschleife, als Echo. Dazu kam noch, das Skype begonnen hatte, bei seiner Übertragung im Hintergrund Musik laufen zu lassen. Und diese war definitiv ZU LAUT eingestellt! Mein Bruder kam ins Zimmer herein, im Schlepptau unsere Mutter, und er wollte mir klarmachen, dass dieser komische, seltsame Vogel in Wien ein Sektenführer sei und mich ins Unglück stürzen würde. Ich klammerte mich regelrecht ans Tablet, wie ein kleines Kind, dem man versucht sein liebstes Kuscheltier wegzunehmen. Und so muss ich auch geklungen haben: „NEIN! Das nimmst du mir nicht weg!“. Abschließend brach auch noch die Verbindung ab, und um 9:35 Uhr kann ich zumindest definitiv sagen, aufgewacht zu sein, um wegzutreten. Bis 9:36 Uhr.
Nun wäre da zu allem Überfluss noch das Gefühl, nachts mehrfach aufgewacht zu sein, um zu dissoziieren. Nachts, er sah sich noch „Stalingrad“ an und ich war soeben auf meinem Fernsehsessel eingenickt…
Aufgewacht, um wegzutreten. Und immer und immer und immer wieder der gleiche Satz, das gleiche Lied, um dahinter plötzlich Fragmente des Traumes zu sehen, den ich gestern vergessen hatte. Ganz abgesehen von der Erkenntnis, dieser sich traumhaft anfühlenden Erkenntnis, nun alles entschlüsseln zu können… Und wie immer, JETZT, ENDLICH diese Erkenntnis festzuhalten und zuletzt in unsere „Realität“ mitzunehmen…

Was für ein Trugschluss. Es war 0:07 Uhr?

Ich fühlte mich gestern schlecht, und sogar das normale Thermometer, welches man unter die Achsel steckt, zeigte 37,1 an. Dank diverser Recherchen wissen wir nun, dass diesem Wert 0,5° hinzugefügt werden müssen. War unbeweglich. Bin heute noch unbeweglicher. Mein rechter Arm kam zum Erliegen, als ich mir eine meiner Tabletten in den Mund stecken wollte. Die Hand schaffte es nicht bis zum Mund…
Plötzlich Erinnerungen an Kinderfaschingsbälle. Bereits gestern Abend hatte ich mich ohne wirklichen Grund an diverse Veranstaltungen in diversen Gasthäusern, die es längst nicht mehr gibt, erinnert. Auch jetzt rieche ich die Platzpatronen und mir wird flau im Magen.
Kurzum: ich fühle mich, als hätte ich erhöhte Temperatur. Aber die Werte lassen sich nicht höher als bis 37,4 °C ermitteln. Und während ich einerseits mit der Linken in meinem Schoß und der Rechten auf der Maus bis 4 zähle, erinnere ich mich plötzlich an Grippe und Erkältung in der Kindheit, Krankenlager im Wohnzimmer, zu dieser Jahreszeit, in der Glotze läuft „Signor Rossi“, der Geschmack von Hagebuttentee mit Zitrone auf der Zunge, der Geruch von Essigsocken in der Nase.

Kurz entflammt hier eine tiefgründige Diskussion über „Essigsocken“. Dabei sei noch erwähnt, während ich gerade beschrieb, was meine Hände machen, hatte ich am Ende dessen längst vergessen, was ich erinnert hatte, was ich sagen wollte. Beruhigt mich nun dieser Fernsehbeitrag über eine MS-Kranke, die ihrerseits von heftigen „Gedächtnislücken und Wortfindungsstörungen“ berichtet hatte?

Also der nächste wunderschöne Sonnentag. Sebastian macht (versucht es) zu Mittag Lángos zu produzieren. Auch die Aufnahmen von gestern sind wieder einmal von schlechter Qualität. Sein Augenmerk mehr darauf verschärfen, die Zoomfunktion nur im Rahmen der „optischen Möglichkeiten“ auszureizen. Kaum im digitalen Bereich, wird das Material verpixelt. Dabei gab es Reiher satt! Die Äcker waren voll damit! Ich darf mich nun fragen, benutze ich die dürftigen Bilder oder nicht. Abends saß ich wieder bis nach 22:00 Uhr an meinem Projekt. Mein Ischias weiß es zu danken. Ganz zu schweigen von meiner Schulter. Denn just hatte mich die Panik erfasst, das Video bis zur Reha abschließen zu müssen.

Abends lediglich einen Apfel und ein paar Kürbiskerne gefuttert. Hatte es doch morgens noch drei Scheiben Brot gegeben, ganz zu schweigen von gleich ZWEI Faschingskrapfen nachmittags zum Kaffee!
Nicht zu erwarten; 58,3 Kilo um 10:00 Uhr. Wie gnädig.

13:38
NEIN..! Ich habe nichts intus, das das jetzt unnatürlich von außen forcieren könnte!
Ein hellrosa Streifen am Horizont, darüber hellblau bis grau die Wolkendecke. Die Natur ruht, schläft. Schnee, überall liegt zumindest ein bisschen Schnee. Der ganze Raum eine einzige Rauchküche! Beim Mittagessen wird es schlimmer und schlimmer, dieses Gefühl, diese „Vorahnung“. Dann meinen fetten Hintern endlich bewegen, mit dem Rollator schleppt man sich gen Badezimmer. Verbranntes Öl…
Mit dem Geruch von Verbranntem scheine ich es ja zu haben…
Im Flur riecht es dann doch tatsächlich nach Kfz-Garage, Autoabgasen, in einem Raum gefangen.
(Augenblicklich singt Sebastian hinten im Badezimmer, stimmt sich auf das Fußballspiel ein, und ich drifte noch mehr ab. Felsenfest davon überzeugt, dass das alles nicht real sein kann.)

Also der Geruch auf dem Weg zum Waschbecken… Hätte mich schon fast umgeworfen… Doch dann auch noch das CD-Waschgel, als ich mir Fett und Knoblauchreste von der Visage schrubbe, damit es wie jedes Mal irgendwie in meinem Mund landet, zusätzlich ZU diesem Geruch… Ich gehe in die Knie, nicht nur deswegen, weil ich unfähig bin zu stehen.
Aber die Besuche bei meinem Vater in der Garage, oder der Werkstatt, wo er angestellt war, waren doch nicht mit Angst behaftet… Oder? Und ganz plötzlich sehe ich Erinnerungen, sehe Bilder von den Skikursen in der Hauptschule. Sehe Faschingsumzüge bei diesem Wetter, rieche wieder Platzpatronen. Sehe mich im Bus zum Skigebiet mit meinem Walkman sitzen. Was höre ich? Eine Otto-Kassette? Ganz plötzlich: „Puschel das Eichhorn“.
In mich hinein rufen: „Trau dich endlich! Was soll schon passieren? Sprich mit mir!“
Die Hände klimpern. Ehe er sich nach oben verabschiedet hat, ihn darum gebeten, die Kamera auf meinem Tisch auf mich Schrottkiste auszurichten. Zumal ich versucht habe mit der Ansage, durch die Ansage einen Aussetzer hervorrufen zu können, einen ebensolchen wahrscheinlicher zu machen. Und ich will es sehen! Ich will MICH dabei sehen! Will Neurologen und Psychologen und Psychiatern den nächsten Videobeweis vor den Latz knallen: „DAS soll Epilepsie sein??“.
Wie gelähmt… Sehr witzig, ICH BIN gelähmt! Meine Kinnlade hängt runter, der Blick ausdruckslos nach draußen gerichtet… Wir sind bei Birgits Opa und Oma, auf dem Bauernhof, und jagen Hühner. Ich höre Kolgas Hufe auf dem Rollsplitt. Schmerzen im Unterleib; die Periode geht los. Die Hände klimpern. Und überlege verzweifelt welches belanglose Zauberwort ich sagen müsste, an dem ich hängen bleiben könnte, das somit zum Schlüssel wird, zum Schlüssel in mich hinein.
Der Seifengeruch, der mich jetzt umgibt, intensiviert die seltsamen Gefühlswelten…

Vorgehensweise: Ich suche jetzt schnell im Internet nach der Intro von Puschel und dann werde ich sogleich den Test ausfüllen. Viel näher ran komme ich glaube ich nicht…

in Tränen ausbrechen.

24. Januar 2019, Donnerstag „Antworten oder Fiktion?“

11:46
59,3 Kilo um 6:45 Uhr. Sebastians Klo bekam morgens das Kotzen; irgendetwas klemmte und das Wasser lief permanent. Insofern musste der Klempner gerufen werden und für 10 Minuten (ich habe die Zeit gemessen) zahlt man dann dann dennoch 1 Stunde. Nehme ich an.
Mein Traum von heute Nacht… Ganz schön verdreht, wunderlich, seltsam und zugleich so eindeutig. Das meiste davon darf nicht offen postuliert werden.
Natürlich, im Gasthaus. Wir wohnten dort und meine Schwiegermutter war zu Besuch. Zusammen mit ihr saß ich auf der kleinen Terrasse vor dem Eingang. Da trat Sebastian auf. Er sollte den alten Onkel meiner Mutter zu seiner Beerdigung begleiten. Genau genommen zu seiner Einäscherung. Sebastian hatte schon Angst vor der Zeremonie, denn zugleich handelte es sich bei diesem Mann auch um seinen Opa. Aber es war ja nichts Schlimmes zu erwarten. Da nämlich dieser nicht „pünktlich“ und „wie bestellt“ abgetreten war, würde er bei den Feierlichkeiten ohnehin abschließend vor versammelter Trauergemeinschaft die Verbrennung absagen. Er lebte ja noch und war sogar ziemlich quietschfidel. So gingen sie erst nach Unterhenndorf und kamen später von dort wieder.
Ich fragte seine Mutter, was sie denn noch gerne unternehmen würde, und diese teilte mir mit, zusammen mit meiner Mutter definitiv in Fürstenfeld einmal Eisessen gehen zu wollen. Ich fühlte mich nicht sicher auf der Terrasse. Ein ungutes Gefühl. […]

Im nächsten Teil bemühte ich mich das Gasthaus zu verlassen. Und als ich den Berg runter ging, gebar ich ein Kind. Dieses entwickelte sich auf den wenigen Metern runter zur Volksschule zu einem mindestens einjährigen Baby. Die Straße wurde neu gemacht, neuer Asphalt aufgetragen, aber die netten Bauarbeiter gaben mir einen Teppich, den ich ausrollen konnte, um mir nicht die nackten Füße am heißen Teer beim Überqueren zu verbrennen. Zugleich war das halbe Dorf vor der Schule, Dorffest oder so ähnlich. Da war die Polizei und stellte mir Fragen. Und glaubte mir nicht. Da war eine Frauenärztin mit zwei jungen Assistentinnen, mit einem mobilen Untersuchungszimmer mitten auf der Straße. Musste auf diesen widerlichen Stuhl klettern, sie nahm eine Bürste, und fegte über mein Geschlechtsteil, um so irgendwelche Indizien in einer Schale darunter auffangen zu können. Ich fragte mich nur, wozu das alles dienen sollte -es war doch schon Jahre her! Außerdem fand ich es sehr unangenehm, vor versammelter Mannschaft die Beine breitmachen zu müssen: „Das kann doch jeder sehen!“. Sie tat meine Sorgen ab: „Ach Quatsch! Ich stehe ja genau davor, da können sie nichts sehen!“. Sie machte Abstriche und ich erinnerte mich daran, dass der Täter zu mir gesagt hatte, zuletzt mich erst vor einer Woche noch „geliebt“ zu haben. Erst da wurden mir die Lücken in meiner Vergangenheit bewusst, all die Löcher in meinem Gedächtnis. Es wurde noch absurder, oder besser gesagt quälender. Ich sollte der Ärztin genau schildern, was mir zugestoßen sei. Ich zeigte ihr meine zerschnittenen Arme, und da war SIE es, die meinte: „Das allein spricht definitiv schon für Missbrauch!“. Also erzählte ich, wen ich verdächtigte, der es nun auch zugegeben hätte usw. und so fort… Und bei jedem Satz, der eigentlich einem Schlag ins Gemüt gleichkam, lachte eine der Assistentinnen hysterisch auf. Sie wurde gar nicht fertig darüber zu lachen, MICH auszulachen. Unterdes wurde das Kind immer älter, wurde zu einer dicken Windenschwärmerraupe, die meine Berührungen nicht aushielt. Mein Fazit: „Das ist, das wird ein Borderliner!“. Und ich war schuld, weil ich zu Beginn so unnahbar gewesen bin, das Kind immer zu meinem Partner abgeschoben habe, weil ich unfähig war, den Kinderwagen den steilen Berg, den sogenannten „Schweizerberg“ hoch zu uns nach Hause in den Graben zu schieben.

Verhaltener Sonnenschein und ab und an Schneeflocken. Das Restaurant geht über. Heute endlich Besonderheiten, die sich filmen lassen. Aber ich fühle mich krank, hundeelend. 37,5 °C… Damit locke ich niemanden hinterm Ofen hervor. Keiner wird mir glauben. Aber die Passage am Gesicht, die Nasen-Wangenpartie, glüht, spannt und die Nebenhöhlen scheinen eingeengt. Kopfschmerzen, leichte Ohrenschmerzen und völlig unfähig mich zu bewegen. Sebastian hat das Dilemma auf mein Anraten hin wieder einmal mit der Kamera festgehalten; wie ich die Nasendusche durchführe, um dabei dermaßen in die Knie zu gehen, dass es nur noch eine Frage von Sekunden war, umzufallen. Meine Hände tot und taub. Ich fühle mich so müde, so geschlaucht, so fertig… Eben so richtig schön krank… Aber, ohne wirkliche Symptome kaufe das nicht mal ich mir selbst…
Und die Haut meiner Visage, wie letztens schon erwähnt, als ich sie mir nachts wieder einmal blutig gekratzt hatte, sieht genauso aus wie exakt vor einem Jahr bei der Reha. Sie liegt in Schuppen, ist plötzlich völlig ausgetrocknet. Ich weiß nicht, wie ich fortfahren soll. Und den Gedanken an die Volkshilfe halte ich sowieso nicht aus. Hoffentlich kann ich das Drama heute auf 1 Stunde kürzen…

19. Januar 2019, Samstag

11:58
59,5 oder 59,4 Kilo um 9:15 Uhr? Das kann mir doch nicht ernsthaft egal sein? Aber Fakt ist: Ich habe es mir nicht gemerkt. Gleich wenige Sekunden nach Blick auf das Waagendisplay, bei Verlassen des Badezimmers… Gelöscht! Weg!
Grauer Himmel und Meisen am Restaurant. Januarwetter. Die Welt sieht dreckig aus. Der Schmerz der Schulter breitet sich immer weiter in den Arm aus. Was ist gut? Warm oder kalt; ich komme nicht dahinter. Zumal ich noch vor wenigen Minuten postulierte, mich heute definitiv nicht auf den Rollstuhl zu setzen, bin ich schlussendlich doch wieder dort gelandet. Weil es keine Alternativen gibt! Kopfschmerzen. Die erste Messung ergab 36,6 °C. Dann fühlte sich mein Gesicht, Nasen- und Wangenpartie wieder so kränklich warm an. „Das bilde ich mir doch nicht ein! Zumal ich mich total erschlagen und kaputt fühle!“. Nun waren es 37,4. Was sind das für Spielchen?

Vergiss nicht, was du gestern konsumiert hast…

Doktor Ratio meldet sich zum Dienst. Ach so viel war das nicht, erst recht nichts Unplanmäßiges. Lauwarmen Darmschmeichler durch den Strohhalm saugen. „Geriatrie at it’s best!“.
Die letzte Aufnahme von vor ein paar Tagen, gestern erst geöffnet, ist Schrott. Der Ton unbrauchbar. Keine Ahnung, was ich da immer falsch einstelle, was ich VERstelle. Aber mit zu erwartender Wahrscheinlichkeit hält die Kamera mein Geschwafel ebenfalls nicht mehr aus. Meine Hände klimpern, während sich die Sonne bemüßigt, einen verschwommenen Blick auf mich zu werfen. Hoffentlich hat sie ebenfalls bald die Schnauze voll und verabschiedet sich wieder.
Es ging sehr spät ins Bett, erst irgendwann vor 2:00 Uhr. Er hatte mir gleich angeboten, im Wohnzimmer zu bleiben, aber ich wollte nicht alleine sein. Um es wenige Minuten später bitter bereuen zu dürfen. Nachts noch ein Interview mit der Autorin des Buches gesehen, ein weiteres. Indem sie von ihrer Spiritualität spricht und, mehr oder minder, das Übel der Welt an Atheismus und fehlendem Glauben festmacht. Und dass jeder Mensch, egal, welches Schicksal ihn ereilt, für sich selbst zuständig ist. Schon hatte sie ihren Kredit, den sie erst jüngst eingeheimst hatte, bei mir wieder verloren. Es geht ja nicht um mich, um mein Selbstmitleid, aber wenn ich mir die Bandbreite an Störungsbildern ansehe, und man würde diesen Patienten/Menschen so einen Satz an den Kopf knallen, müsste man hastig Zwangsjacken verteilen, um keinen Massenselbstmord auszulösen. Man kann und darf nicht Menschen über einen Kamm scheren!
Nachts dann las ich die letzten Seiten ihres Buches. Nach all den Schicksalsschlägen bekam die jüngste Tochter noch einen schweren Augenkrebs, und nach Entfernung des Augapfels und langer Chemotherapie, als es der Kleinen endlich wieder etwas besser ging und man in Urlaub fliegen wollte, erhielt der Ehemann seinerseits eine Krebsdiagnose.

Ich sehe ihre „vermeintliche Stärke“, von der sie so überzeugt ist, die sie vor sich her schiebt, eher als Symptom. Denn sie muss sich das einreden, sich daran festklammern, dass „SIE über alles die Kontrolle hat, ALLES mit ihrer Einstellung beeinflusst“, sonst wäre sie wohl schon längst wahnsinnig geworden. Weil der Eindruck, VÖLLIG AUSGELIEFERT ZU SEIN, sie wohl aufgefressen hätte.
Eine versöhnliche Sichtweise für mich?

Sebastian schnarchte so unglaublich laut, wie immer, wenn er ein oder zwei Glas Bier getrunken hatte. Und es war 3:00 Uhr, als ich ihn weckte und dann doch bat, auf der Couch zu übernachten. Ich war noch wach bis wahrscheinlich 4. Umso schwerer fiel es mir, ihn bereits um 9 darum zu bitten, mich aus dem Bett zu zerren. So geschlaucht, so fertig, so müde. Aber den Gedanken, erneut erst zu Mittag aus dem Schlafzimmer zu kriechen und den halben Tag zu vergeuden, UNERTRÄGLICH!
Als ob ich BIS JETZT IRGENDETWAS geleistet hätte!!! Außer vielleicht völlig starr hier zu hocken und mir ausmalen zu dürfen, danach noch mehr Schmerzen zu haben, noch mehr Verspannungen. Mein linker Arm lässt sich, ganz abgesehen davon, dass ich es aus eigener Kraft überhaupt nicht mehr kann, nicht mehr ganz nach oben strecken. Alles verkürzt, alles verkommen, alles kaputt. Genauso entsetzlich die auch erst gestern entdeckte Aufnahme vom Versuch, eben beide Arme in die Luft zu strecken. Ohne Hilfe. Heillos überfordert und hilflos.
Das Gefühl in meinem Gesicht, es wird immer wärmer und wärmer und heißer und heißer und die Nase vermeintlich verstopft. Und da findet er nichts? Kann das ernsthaft sein?!

DU BIST WIE DEINE MUTTER!!!
DU MUSST IHR ALLES NACHMACHEN!!!

Vor mir das Stativ mit der Kamera. Sie läuft umsonst. Seit Minuten schon. Keine Ahnung, wo sich meine Gäste herumtreiben. Ich hätte wohl nach Auftauchen der Schwanzmeisen und einem kurzen Gastspiel die Aufnahme stoppen sollen…

Warum diktiere ich das? Weil mein Leben so leer ist und es sonst nichts gibt? Weil ich eine Rechtfertigung dafür brauche, weiterhin in dieser „fragwürdig bequemen Position“ zu verharren, wie ein sprechender Zombie?

13:02
Vor dem Waschbecken in die Knie gezwungen werden, in die Knie gehen, während mein Hirn mit signalrotem Schmerz um Hilfe schreit, in Salzwasser absaufend…
Zähne geputzt. Alles hin. Jetzt erst recht. Null und nichtig die noch vorhandene Kraft in meiner Rechten. Das Gefühl in meinem Gesicht, in meinem Schädel wird immer heißer. Keuchen wie nach einem übermenschlichen Kraftakt.
Aber die Finger klimpern schon wieder. Zumindest in Gedanken… Und zu allem Übel knallt nun auch noch die Sonne vom Himmel. Das lässt sie sich nicht entgehen, das muss sie sich ansehen…

Vielleicht noch ein paar Worte zur Sitzung gestern. Ich fühlte mich schlecht, ich fühlte mich schuldig, titulierte mich als „Verräter“ und „hinterfotzig“. Weil ich danach Sebastian gegenüber monierte, dass wiederum ich den Eindruck hatte, „sie unterhalten zu müssen“, „etwas LIEFERN zu müssen“. Noch immer nicht durchschaut, um was für eine seltsame Therapieschule es sich da handelt, die sie praktiziert. Und es tut mir leid, aber die Lautäußerungen und unterschiedlichen Gesichtsausdrücke zu irgendwelchen Geschichten oder Schmerzbekundung meinerseits waren VÖLLIG überzogen. Aufgesetzt. Unterrichtsfach „Schauspiel“: Durchgefallen!
Ich redete und redete und redete, von ihr kam nichts. Nach einer halben Stunde hatte ich meinen Text abgespult. „Tja… Und nun?“. Und wenn ich schwieg, schwieg sie auch. Ich… Ach, keine Ahnung…
Diesen letzten Satz bemühte ich in den 50 Minuten gestern mehrmals. Weil ich nicht weiter wusste und von ihr nichts kam. Schwer seufzen… Vermutlich ist es meine Schuld, ich bin das Problem…

19:02
Nachmittags, kurz ging es mir besser. Schon hegte ich eine weitere These: „Und was ist, wenn es ständig mit dem Essen zusammenhängt? Ich da etwas nicht vertrage?“. Gut, dass es das Internet gibt. „Doktor Google hört immer zu und weiß auf alles eine Antwort“!…
Er wollte zum Einkaufen, und mich dabei haben. Wagemutig wählte ich den Rollator. So einigermaßen… 30 Minuten. Lediglich die Kälte ließ mich erstarren, oder wenn ich unter Stress gesetzt wurde: „Bianca! Geh zur Seite, hinter dir will jemand vorbei!“. Die berühmte Salzsäule von Henndorf…

Und was ist mit JETZT? Zurück ins Dilemma. Ist es der Tee? Oder vielleicht die Milch darin? Mein Schädel scheint wieder zu glühen. Aber eben auch die Rückenschmerzen erneut am Zug. Erneut ein großes Hydal. Die Hände klimpern. Meine Schrottkiste will sich hinlegen, aber ich DARF nicht! Ich muss doch weiter kommen, vorankommen…
Wage kaum, es auszusprechen… Das kleine „TENS-Gerät“ scheint mit einigen Anwendungen Herrn und Frau Ischias befriedet zu haben.
Oder der Umstand, das Zwischenkissen entfernt zu haben und nun nur noch auf dem orthopädischen Sitz zu thronen.
Aber am Rücken bewirkt es nichts. Außerdem haften die Elektroden nicht mehr.

Ich hätte, ich wollte, ich sollte, ich müsste…
Vergessen, was ich für diese eine Aufnahme geplant hatte. Die Videospur trägt den Namen „Comic“. Aber was genau? Wollte ich tatsächlich extra dafür etwas zeichnen und dann animieren?

Ich lach mich tot!!!

Schön wär’s…

FICK DICH, DU KRÜPPEL!!!

Oder sollte und wollte ich aus Fotos und Bildern etwas basteln? Ich weiß es nicht mehr. Und hatte ihn genötigt, WIEDER EINMAL meine ganzen Fotoalben heranzuschaffen, dazu den Scanner/Drucker abzubauen und neben mir auf meinen Rollcontainer zu stellen. Ich scheitere doch bereits am Gedanken, eines der Alben in die Hand zu nehmen, umzublättern!

Versager!!!…
Außerdem interessiert NIEMANDEN dein SCHEISS, dein GESÜLZE!!!

Und dann, wie nach einem Stromstoß, einem plötzlichen Blitzschlag, denke ich an meine Mutter, an mein Verhalten und es tut mir leid. Ich fühle mich schlecht. Ich BIN schuldig.
Die Hände klimpern…
Darauf bauen, dass das Schmerzmittel alsbald ansetzt, und mich der Tonspur wird man, die mit Bildmaterial verziert werden will…

17. Januar 2019, Donnerstag

17:40
Nur eine Momentaufnahme? Nur eine Momentaufnahme…
Die Schmerzen kochen über, legen mich lahm… Ist das denn zu viel verlangt, in Ruhe durcharbeiten zu wollen? Körper, ich hasse dich! Du hasst mich auch.
Ich kann…

NICHTS UND WIEDER NICHTS!!!

Ich sollte…

DICH ENDLICH UMBRINGEN!!!

Den Text nach oben gescrollt, damit er die letzten Zeilen nicht sieht, als er hinter mir steht und mich dick Schmerzsalbe und Diana-Balsam einkleistert. Er saß noch auf dem Sofa und ich habe sie per Hand eingegeben.
Die Schmerzen nehmen überhand. Ich will doch nur… Ist das denn zu viel verlangt… Nur ein bisschen… Das ist nicht fair!

59,1 Kilo, heute um 9:15 Uhr. Verdammt! Was mache ich denn schon den ganzen Tag??! Ich kann jetzt nicht sagen, was ich geleistet habe! Weil ich vergessen habe, was ich gemacht habe! Alles, was ich noch weiß, ist, dass mir die Unterhaltung heute mit der armen Ramida zu viel war, ich mit heftigem Klimpern nicht fertig wurde, ständig musste ich schlucken, schwer schlucken, alles in mir hat sich zerrissen… Und sie war doch so „glücklich“, freute sich, mir das erzählen zu können, UND ICH BIN SO SCHLECHT!!!
Nur so viel: Heute Nacht in meinem Traum war es gerade meine Mutter, die MIR erklären wollte, wie es sich mit der Causa Trauma verhält, und (ihrer Meinung nach) so gut wie Nie mit sexuellem Missbrauch ausgelöst wird/einhergeht! Ich unterhielt mich mit einer Wand… Den ganzen Rest habe ich vergessen, wie ich alles vergesse. Das soll an der DIS liegen?! Wenn überhaupt, liegt es vielleicht noch bruchstückhaft an den ganzen Schmerzmitteln; der Rest des Ausfalls geht ganz allein auf mein Konto! ICH VERBLÖDE!!! ICH BIN SAUDUMM!!! ICH WERDE DEMENT!!!

Da bricht doch tatsächlich meine Stimme und meine Augen werden ganz heiß und feucht… Wie oft habe ich heute den Gedanken weggeschoben, unverzüglich Selbstmord zu begehen?
Es war ein Frühlingstag, Frühlingswetter. Und als hätte ich sonst keine Probleme, gleich wieder rein ins nächste Dilemma: draußen sein und drinnen nichts schaffen oder drinnen sein und draußen was verpassen????

Ramida stand im Flur. Hat sie was gesehen? Oder habe ich mich mich mit meinem fetten Körper perfekt positioniert, um ihren Blick auf meinen Arm zu blockieren? Es war ja nicht geplant, dass sie genau dann im Flur vor der offenen Badezimmertür anfängt zu saugen, und ständig zu mir hereinschaut…
Ein riesengroßer Blutfleck auf dem Strumpfverband. Abgerissen, Wunden wieder aufgerissen.

MIKROSKOPISCH!!!
DU ÜBERTREIBST SCHON WIEDER MASSLOS!!!
EIN KINDERGARTENKIND KANN ES BESSER!!!

Wunderschön dunkelrosa die einzelnen Schnitte. Die beiden Tiefsten beginnen sich an den Rändern bläulich zu verfärben. In der einen Stunde, die mir definitiv noch alleine blieb, wieder und wieder und wieder den Wunsch vertröstet, mich noch einmal aufzuschlitzen.
Ramida meinte: „Heute siehst du viel besser aus, gesünder als letztes Mal!“.
Hatte ich nicht selbst „vorlaut die Äußerung getätigt“, morgens vor dem Badezimmerspiegel, ich sei heute ganz schön bleich, blass?

Mir war abends schlecht, speiübel. Wie anmaßend zu glauben, die latente Anämie hätte sich gemeldet…

VON DEM BISSCHEN BLUT??!!

Kann meine Finger nicht strecken… Es macht mich nicht nur nervös, langfristig betrachtet jagt es mir eine Todesangst ein… Weil es ein Todesgrund wäre…

Wann hast du letztes Mal gemalt?“, Ramida in ihrem gebrochenen Deutsch bei Betrachten meiner Leinwand, vermutlich erst recht wegen des ganzen Krempels, der sich darauf angesammelt hat. Und meine eigenen Worte wie ein tödlicher Hieb auf den Hinterkopf: „Schon lange nicht mehr… Wird wohl tatsächlich die letzte Leinwand…“. Oder genauer formuliert: IST es bereits?…
Zu Sebastian: „Bitte, nimm mir das nicht übel, aber wie soll mein Dasein denn weitergehen? Glaubst du, ich finde den Gedanken erquickend, alsbald nur noch unbeweglich mit dem Rollstuhl herumzufahren und aktiv GAR NICHTS MEHR MACHEN ZU KÖNNEN???!!“. NUR existieren wegen ihm, für ihn?…

Eine volle Dosis Tramal. 2,6 mg Hydal. Und ganz kurz, für ein winziges Zeitfenster, traten die Schmerzen in den Hintergrund. Aber nun? Noch mehr schlucken?

22:05
Gerade eben beim Abendessen fiel es mir ein. Kam mir in den Sinn, was das Gespräch mit ihr so… schwierig für mich gemacht hat. Sie erzählte mir von meinem alten Laufband, dass sie mit/auf diesem jüngst den ersten Halbmarathon gerannt sei. Und dass es dann zu stinken begonnen hatte; also eigentlich wollte sie von mir wieder Ratschläge, wie so oft, insofern brauche ich mich gar nicht als Opfer in Szene zu setzen, ich halte dann doch selbst nicht mit meinem vermeintlichen Wissen hinterm Berg…

Aber dieser Tag… Ich weiß ganz genau, nach Winter und blauen Händen und Füßen, hätte ich heute zum ersten Mal ganz kurze Hosen getragen, und mein Dachschaden hätte einen grandiosen Lauf zugelassen, weil zu kalt schlecht war und steif gemacht hat, und zu heiß geschwächt hat. Tage wie dieser heute waren die BESTEN…
Und genau da erzählt sie mir voller Euphorie von ihren Lauferfolgen…
Nein, es war kein Neid. Aber es tat weh, unsagbar weh. Und um die „Selbstmitleids-Keule“ zu schwingen: Dann musste ich zwangsläufig einen Blick auf mich unfähiges Würstchen werfen und mich mit der Frage auseinandersetzen, was von mir übrig geblieben ist…
Wieder einmal.
Zuvor ertappte ich mich selbst bei dem beiläufigen Gedanken: „… Und bald wird man 40, die Hälfte des Lebens vergeudet, vertan… Da wird nichts mehr besser… Ob ich beim nächsten Mal mehr Glück habe?…“.
Als wäre dieses Dasein eine Wahl gewesen!
Als müsse man die Konsequenzen dieser Entscheidung bis zum Ende durchziehen, und dann sei es selbstverständlich, eine neue Chance für eine neue Wahl zu bekommen!
Als würde sich das Rad von neuem drehen!
Als würde ICH an Reinkarnation glauben!!!

WER HAT DIR INS HIRN GESCHISSEN??!!!

Jetzt ist es amtlich: Ich werde senil!!!

Gerade eben beim Abendessen (um noch einmal von vorne anzufangen) überschlugen sich die Mikro-Panikattacken. Jedes Wort, jeder falsche Gedanke… JEDER Gedanke…!
Soviel zum „Rausch für Arme“, dem bisschen „Kopffrei“.
Er ist wieder nach oben gegangen und ich… Müsste mir eigentlich eingestehen, dass es JETZT im AUGENBLICK nicht so schlimm ist wie noch vor wenigen Minuten. Aber dennoch bleibe ich bei meinen Strategien, meiner „Patentlösung“… Denn schlussendlich „wurde das Fass nun mal bereits aufgemacht“! Ich bin schlecht. Ich bin scheiße. Ich weiß es doch sowieso.

Und die Hand wandert in meine alte Schultasche. Das Tuch von gestern. Die Schnitte sind wunderschön, aber sie tun nicht einmal mehr weh. Sie tun GAR NICHTS. Schweigen mich an. Grausam und eiskalt. Wie tot.
Die Mundwinkel wandern gen Keller, die vermeintlichen Zornesfalten, oder wie Sebastian sie nennt, „die Donnerbalken“ über meinen Augenbrauen graben sich tief in meine Stirn ein. Einfach in Kauf nehmen, dass er von oben runter kommt und mich erwischt, ertappt. Beide Hände zu Fäusten verkrampft. Ich will nicht mehr leben.
Wieder einmal nicht.
Langweile ich? Vermutlich…

Zwischen all den alten Rasierklingen, voller Blut, in der nicht minder mit Blut bekleckerten Blechdose herumwühlen, und kaum das neue Stück in der Hand, es auf den Boden fallen lassen. Standard.

Während dem Essen recht unmotiviert die Kontaktaufnahme mit meinen inneren Kindern gesucht -dort den Ursprung der Ängste vermutend. Keine Reaktion, keine Antwort.

Inneres Kind, es tut mir leid. Wenn es dich gibt, wenn es „so etwas“ überhaupt gibt. Du sprichst nicht mit mir, weil vermutlich ich nicht mit dir spreche, und so bleiben wir in der beschissenen Ausgangslage, ohne Antworten, ohne Erklärungen oder Gründe für all das hier, eingehüllt in ein ausbruchssicheres System aus Schuldgefühlen… Denn „So etwas darf man nicht denken…“, „Das darf ich über den oder die nicht sagen…“, „Niemals im Leben kann der oder die das getan haben…“, „Ich bin ungerecht, ich bin grausam…“ und vor allem „WANN reiße ich mich endlich wieder zusammen, mich am Riemen und bin NORMAL??!!!“!!!

Prompt werde ich mit dem Tod konfrontiert. Aber wie so oft, wie immer ist es nicht der Meinige. In den Genuss komme ich nicht, denn ich SOLL und MUSS bestraft werden! Punkt!

So wird es 22:35 Uhr, die Hand versucht sich noch am Klimpern festzuhalten, ehe ich ihr die Rasierklinge aufzwinge: TU ES!!!

Damit der Hausarzt montags was zu sehen.
Zwei lange, fragile Kratzer. Das Blut ist eiskalt. Ich muss tot sein.
Mein Kunstwerk, mein fragwürdiges Kunstwerk zerstören. Kreuz und quer…
Zehn Schnitte. Mein flüssiges Leben scheint sich unter der Haut bereits gestaut zu haben. Dicke, dicke, pralle überdimensionale Tropfen quellen aus den vergleichsweise hauchzarten Linien.
Warum tue ich das? Warum machen das viele? Warum ist die Banane krumm?

Die Blutung will zum Erliegen kommen. Nächste Runde. Wen soll ich für all das hier bestrafen, für diese ganze ungerechte SCHEISSE als mich selbst??!!
Ich denke daran, wie es wäre, irgendwem offen Vorwürfe zu machen. Ohne Hintergrundwissen, ohne Erinnerung…

Weitere Zehn. Das zweite Bankett ist eröffnet. Eindeutig… Der Körper, mein Widersacher, hatte begonnen die Durchblutung anzukurbeln, unter den 36 Wunden von gestern, um Heilung zu forcieren, zu ermöglichen…

DIE HEILUNG KANNST DU DIR STECKEN, DU BESCHISSENER ZELLHAUFEN!!! ALLES ANDERE HEILST DU JA AUCH NICHT!!!

Die Atmung wird schwer, schwerer. Kein einziger Schnitt war tief genug, weil sie NIE tief genug sind. Die alte Klinge schabt brachial über das Schlachtfeld. Melkt die Wunden, erntet…
Das alte Geschirrtuch unter meinem Arm wird schwerer und schwerer. Es stinkt nach Blut. Und so wird es 22:52 Uhr, wieder kommt der Selbsthass zum Erliegen. Noch einmal versuchen, es wagen und riskieren, zu scheitern?

DREH DAS DING UM!!!
NIMM GEFÄLLIGST EINE NEUE KANTE!!!

Zehn. Oben rumpelt es. Kommt er runter?
Einen frischgewaschenen Verband… Sitzt schön straff, damit morgen meine Hand unten dran wieder schön fett aufgequollen sein wird…

DU FETTE SAU!!!

Ein weiterer riesengroßer Fleck. Für wen oder für was… Für mich? Und doch insgeheim für jemand anderes, der das hier nie zu sehen bekommen wird?
Was mache ich mir vor?
Will doch sowieso nichts anderes als schockieren.
Die offene Packung Waffeln vor mir, die er mir zuvor hingelegt hatte: „Koste die mal!“.
Nein. Das war noch nicht Strafe genug. Ihn sterben sehen.
Es gibt kein Entkommen. Das Leben ist grausam. Das Leben ist der Tod.

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16. Januar 2019, Mittwoch „Alles anders…“

11:49
Sebastian gönnt sich soeben „Andersdenkende“, um noch in einem alltagstauglichen Wortschatz zu verweilen, ehe ich aushole, und Gossenklientel bediene… „Die Erde ist flach!“…
Aha…

58,7 Kilo um 10:00 Uhr und ich musste mich wahrlich aus dem Bett treten! Was für Träume! Dem sei noch vorausgeschickt, dass ich jetzt eigentlich Termin hätte. Doch Sebastian erhielt einen Anruf, vor über einer Stunde, computertechnisch würde in der Firma alles drunter und drüber laufen, und wir mussten uns einige Ideen einfallen lassen, was nun kurzerhand unplanmäßig umdisponiert werden könnte. Der nette Mann in der Rettungszentrale meinte, es seien keine Einsatzkräfte frei in der kommenden Stunde. Aber die freundliche Sprechstundenhilfe gab mir einen neuen Termin, 2 Stunden später. Insofern kann ich mich jetzt den Träumen widmen, ohnehin voller Angst, irgendein vermeintlich „wichtiges“ Detail bis zum Nachmittag zu vergessen! Obwohl ich doch ganz genau weiß, lediglich jetzt so nah dran wirkt der Traum noch nach, tut so, als sei er der entscheidende Wendepunkt… Wie immer, leider, und mit etwas mehr Distanz verflüchtigen sich die Überzeugungen und AHA-Effekte…

Im ersten Traum, an den ich mich erinnern kann, spielte ich die Hauptrolle in einer Staffel „American Horrorstory“. Ständig auf der Flucht vor bösen Männern, irgendwo an der Grenze zu Slowenien in einem versteckt liegenden Frauenhaus, in dem auch geschlagene Hunde aufgepäppelt wurden. Dann lag das Haus wieder direkt an der Bundesstraße nach Jennersdorf rein, dort, wo das Gebäude der Bewag steht. Ich lief dort wohl die ersten Schritte nach Jahren Rollstuhl, den Gehsteig hoch und runter. Der vermeintliche Täter tauchte auf, er verfolgte mich, zumindest mit Abstand, um mir Angst zu machen. Er würde mich beobachten, die ganze Zeit, und irgendwann würde ich einen Fehler begehen. Ein anderer Kerl versuchte sich Zutritt ins Haus zu verschaffen, er war der Ex der Leiterin dieser Einrichtung; wir versuchten verzweifelt Türen abzuschließen, und schlussendlich wurde er auf ein Brett genagelt, von dem er sich wieder befreien konnte und hin und her und hin und her und um die konfuse Geschichte abzukürzen: Ich war ständig auf der Flucht, rannte weg, rannte tatsächlich, konnte wieder laufen, aber in jedem Haus lauerte Gefahr, Zombies, dabei war es doch mein Ziel, irgendwie das Gasthaus zu erreichen, um dort vermutlich Antworten zu erwarten…

Sebastian stand auf, irgendwann um 8, ich zog in Erwägung, es ihm gleich zu tun, war aber zu müde, spät eingeschlafen, schlecht geschlafen, Krämpfe und Rückenschmerzen und Kopfschmerzen und Unruhe…
Kaum die Augen geschlossen, der nächste Traum.
Dem sei vorausgeschickt, um Mitternacht im Buch noch davon gelesen zu haben, dass sie mittlerweile einen Freund hatte, Jahre nicht mehr zu Hause gewesen wäre, und nun doch tatsächlich dorthin reisen wollte. Sie überstilisiert ihre Mutter zu einer Heldin, was ich im Ansatz auch verstehen kann, bei dem, was die arme Frau durchgemacht hat in Vietnam. Aber eine Sache ist mir unverständlich: In all den Jahren, in denen der Vater die ganze Familie, die Kinder terrorisiert, verprügelt, missbraucht, wird kein einziges Mal davon berichtet, dass die Mutter sich vor „ihre Brut“ stellt… Da fällt es mir schwer, von einer selbstlosen „Heldin“ zu sprechen… Und, wie fast schon zu erwarten, begrüßt der Vater die Protagonisten mit den Worten: „Du Miststück traust dich noch hierher?“; (so oder so ähnlich).

Und dieses Thema wurde in meinem Traum aufgegriffen. Sebastian und ich reisten nach Hause, ins Gasthaus, vermutlich war Weihnachten. Jedermann wollte so tun, als sei nie etwas gewesen. Vor allem ich tat so, als sei die Welt im Lot. Obwohl es unterschwellig brodelte. Mir bereitete der Besuch große Magenschmerzen.
Schon setzt das Vergessen ein… Was war dann?
In meinem Kinderzimmer sah ich mich mit meiner Mutter konfrontiert. Diese hörte nicht auf, nachzubohren und nachzubohren… Aber natürlich habe ich längst vergessen, was sie genau wissen wollte. Warum es mir „so schlecht ging“? Mein Bruder war auch da. Wie immer machte er den Eindruck, die ganze Welt auf den Schultern zu tragen. Ich wollte mich nur irgendwo waschen, duschen, aber überall wurde umgebaut… […]

18:04
In meinem Kopf läuft gerade alles heillos durcheinander. Alles läuft Amok. Ich soll Amok laufen. Da Sebastian gerade eben das Haus verlassen hat, wäre das die beste Gelegenheit dafür. Einfach so, aus heiterem Himmel, durchdrehen. Dabei kann ich mir ausmalen, vom Morphium die Panikattacke zu ernten. Wieder allerhand Analgetika intus. Der Schmerz links auf Höhe Schulterblatt raubt mir den Atem, und breitet sich heute auch noch auf die rechte Seite aus. Novalgin, Tramal und Hydal tanzen einen wilden Reigen. Und wieder wagte ich zu sagen: „Ach, jetzt setzt die Wirkung ein… Und alles wird so schön gleichgültig…“. Einen Scheißdreck tut es!!
Heute noch nichts geschafft zu haben! Bringt mich beinahe um die Ecke! Zurück vom Arzt in Jennersdorf, Sonnenuntergang, und während er im Schreibwarenladen hinter mir nach einer Druckerpatrone suchte, fielen mir noch Details meiner Träume ein. Die nun auch keinen Unterschied mehr machen, geschweige denn dem Ganzen mehr Bedeutung beimessen könnten. Ich sah dieses exakt 1 km lange Stück Gehsteig bis zum Kreisverkehr vor mir, auf dem ich immer meine Sprints durchgezogen habe, meine Endorphine geerntet habe, stellte mir vor, ich würde da gerade laufen und mich selbst beobachten, ich sah mich laufen… Und das tat so weh… Danach im Ortszentrum, vor dem Hausarzt, er drinnen und ich im Auto… War es der niedrige Blutzucker? Als faule Ausrede? Ich brach in Tränen aus, unkontrolliert. Und sah ihn sterben… Weil ich ihn, kurz bevor er ausstieg, von der Seite für einen Augenblick gemustert hatte… Seine Augen, die Feuchtigkeit seiner Augäpfel… Und musste zwangsläufig in mir drinnen das Bild ertragen, dass er irgendwann tot sein wird und diese Augen vertrocknen werden…

Zu weinen anfangen, völlig ausgeliefert…

Als ich eben diesen Satz auf dem Sofa sagte, diese Bemerkung von mir gab, was die Schmerzmittel betraf, den einsetzenden Rausch, da überkam mich beinahe wie eine Ohrfeige, als würde mich etwas oder jemand rügen, eine Angstattacke… Und mir war klar…

DU MUSST DICH AUFSCHLITZEN, SOFORT!!! DAS HÄLTST DU SOWIESO NICHT AUS!!! ODER BRING MICH UM!!!

Ihn noch im Auto, und erst recht dann im Haus mit Fragen gelöchert zum Tag meiner Überdosis. Wann er denn hinterher ins Krankenhaus gefahren sei und derlei Dinge. Im Auto vorm Hausarzt, dieser Lichteinfall… Am Tag meiner Überdosis muss es so ausgesehen haben und ich sah auf der Straße in Gedanken die Rettung mit Blaulicht an mir vorbei rasen… Was für eine abstruse, absonderliche Wehmut sich da auftut… Weil ich es WIEDER will?? Weil ich die Tatsache traurig finde, ist aber nicht zulassen darf?? Weil ich stattdessen denken muss, ich will es wieder versuchen, will mich wieder umbringen??

Der Termin beim Arzt ergab nicht viel. Ich solle mein Blut testen lassen; Montag kommt der Hausarzt vorbei, irgendwann zu Mittag. Ob man Entzündungswerte feststellen kann, ob virell oder bakteriell.
Plötzlich denke ich daran, was er sagen würde, wenn er meine Arme sieht. Ob überhaupt was sagt, oder wie er dreinschaut. Ist das jetzt die nötige Bremse, die ich brauche? Das Thema ist noch nicht durch… Ebenso noch nicht die noch nicht angesprochene Überlegung angesichts der aufkeimenden Panikzustände, mir jetzt eine Temesta reinzuschmeißen… Hatte ich nicht zuvor in meiner Tasche eine Blisterpackung entdeckt?

Die Tablette landet im offenen Beutel, aber wenigstens DAS nimmt ein Happy End! Ab in den Mund und runter damit…

Ich erwähnte, was ich nicht noch alles vorhätte. So viele Videos, die ich noch machen möchte. Aber in meinem Posteingang stapeln sich die Nachrichten, so wie sich alles stapelt und stapelt und mich hoffentlich bald erschlagen wird… Ich kriege NICHTS mehr hin! NICHTS mehr gebacken! NICHTS fertig! Zu NICHTS mehr zu gebrauchen…

20:53
Unentschlossen mache ich ein paar Schwimmzüge in diesem Tümpel der Unannehmlichkeiten. Wofür werde ich mich entscheiden? In tiefen Schlaf fallen? Mich sofort übergeben? Loslassen und mit Folgen auf den Boden knallen?

Die Musik gedrosselt. Sicher ist sicher, ich will und ich muss ihn ja kommen hören. Mich dann ins Badezimmer geschleppt. Die bereits im Einsatz gewesene Klinge ist enttäuschend. Jede einzelne Kante kommt zum Handkuss, und lediglich eine davon erweist sich als noch „einigermaßen probat“. Den Überblick verloren, fester angedrückt, spürte ohnehin nicht mehr viel. Abschließend noch die letzte verbliebene Rasierklinge aus der gelben Schachtel gezogen, das gelbe Kuvert noch verschweißt. Mir eine Stelle ausgesucht und dann zweimal mit ordentlich Nachdruck über die Haut gezogen, durch die Haut gezogen… Aber Oberflächenscheiße bleibt Oberflächenscheiße!
Doch als ich mit der anderen parallel zur Schnittfläche wieder und wieder darüber schabte, mit ebenso Nachdruck, spürte auch ich Gefühlskrüppel in meinen gefühlsgestörten, tauben Fingerspitzen, wie das Werkzeug jedes Mal in der Kerbe versank. In den beiden Kerben versank. Ein kleines Massaker, das Geschirrtuch am Ende mit seinen Kapazitäten.
Wunderschön…

Und wieder die Frage aufwerfen, wie schlecht ich bin. Der Schmerz im Rücken gewinnt wieder Oberwasser, ist eindeutig nicht in meinem dreckigen Blut ersoffen. Meine Gehirnkapazitäten reichen nicht viel weiter als bis zu meiner Nasenspitze, und kaum sind Dinge gesagt oder gedacht werden sie mit einem Ablaufdatum versehen, einer Stoppuhr, die gnadenlos ihre restliche Lebensdauer herunter rechnet. Und die ist nicht lang. Bis… Die Zeit abläuft und alles dem Vergessen geopfert wird. Ich komme mir nur noch debil und blöd vor. Völlig wertlos. Aber… Aber zumindest dies sei als Randnotiz angemerkt: der große Blutfleck auf dem Strumpf, den ich übergestreift habe, dieses seltsam kühle Gefühl unter dem Verband, das Wissen darüber, welch schmutziges Geheimnis sich wieder unter einer schwarzen Stulpe verbirgt… Kleine, schäbige Trostpflaster. Seien mir gewährt… Oder etwa nicht? Mir Versager??

Und so beginnt die nächste Nacht, nichts wurde geschafft, der Uhrzeiger dreht sich gnadenlos weiter, schraubt sich dem Ende so manch eines Mitmenschen entgegen. Und ich schaue zu, tatenlos schaue ich einfach nur zu, in freudiger Erwartung dessen, was mich dann heimsuchen wird, mich erschlagen wird, mich hoffentlich beenden wird, wenn die Uhr erst einmal abgelaufen ist und es keine Möglichkeit der gut oder schlecht gemeinten Entschuldigung oder Ausrede mehr gibt!

Mir wird noch schlechter und mein Schädel fängt an zu dröhnen. Noch mehr, noch etwas anderes einwerfen. Wer weiß…