Absence…

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18. Juni 2018, Montag „Ein neuer Kreislauf…“

8:40
57,5 Kilo ohne Entwässerungstablette um 6:45 Uhr. Was sagte ich gestern beim Frühstück? „Oh je, siehst du das da am Schlauch?“; es doch tatsächlich wieder einmal gewagt, etwas Positives anzuerkennen: „Gestern noch war der Urin glasklar. Und nun sind da die ersten Trübstoffe… Das ist kein gutes Zeichen.“. Dann krampfte es zum ersten Mal. Und jetzt gerade hört es nicht mehr damit auf. Wegen dieser Botoxspritze anfragen? Oder macht diese überhaupt keinen Sinn, weil es die Krampflöser schon nicht schaffen?
Preiselbeersaft in mich hineinschütten. Spätestens morgen sehe ich mich wieder nach Oberwart pilgern. Mir wird jetzt schon schlecht.
Während ich diktiere weitere Musik runterladen. Dabei sollte ich mir bewusst machen, damit den ganzen Entstehungsprozess nur noch mehr zu verkomplizieren. Die Auswahl wird so noch umständlicher…

Der Traum heute Nacht war ganz versöhnlich. Ich war auf der Bundesstraße nach Königsdorf mit einem Lehrer und einer weiteren Schulkollegin mit einem Segelschiff unterwegs. Und jeder Ackerweg links oder rechts führte zu einer Insel. Definitiv waren wir auf Hawaii.
Und als ich mir soeben beim Sprechen auf die Zunge beiße, fällt mir ein, in einer Psychiatrie/einem Schulheim gelegen zu haben. Weil ich Anfälle hatte. Der derben Sorte. Aber da waren auch Millionen andere Anwärter für einen Therapieplatz; warum sollte also gerade ich vorgereiht werden? Ich versuchte zu erklären, was da mit mir passiert… Träumte ich mitten am Tag? Immer wieder sah ich Dinge auf mich zukommen, Ungeheuer, dunkle Gestalten, die mich vor Schreck erstarren ließen. Und ich war davon überzeugt: Das ist jetzt echt!! Oder noch viel schlimmer die Sache mit der Schlange… Aus heiterem Himmel spürte ich eine monströse Würgeschlange um meinen Hals, die ihren muskulösen Leib immer enger und enger um meine Kehle zog. Ich drohte zu ersticken, obwohl sie reine Einbildung war! Aber man nahm mich nicht ernst…

Mich dem Video widmen. Da sind 35 Minuten Material, die auseinandergenommen und wieder zusammengefügt werden müssen…

16:23
Wie kurz davor bin ich, den linken Unterarm wieder zu zerschneiden?

Manchmal gibt es Zufälle, die gibt es eigentlich nicht. Das Krampfen wurde immer heftiger…
Es klingelt an der Tür. Ich hatte doch den Termin für heute abgesagt. Ich hatte doch dem Taxiunternehmer gesagt, dass die Fahrt heute ausfällt, weil ich doch vor über zwei Wochen früher dort war als geplant.
Es war Josef, der Fahrer, um mich abzuholen. Und in der Tat hatte ich mit dem Gedanken gespielt, irgendwie nach Oberwart zu fahren, wenn das so weiter ginge. Umso besser. Erst recht, weil ich mir die Erwartungshaltung samt Panikzuständen so erspart habe.
Sogar im Krankenhaus stand mein Termin noch… War ich wirklich so blöd? Oder hat ein anderer geschlampt?
Mühselig und nicht zielführend.
Der Katheter wurde gewechselt, ein neues Urikult angelegt, zu dem noch ein pflanzliches Präparat verschrieben bekommen. Doch bei der Heimfahrt war Josef irgendwie mies gelaunt. Oder wieder nur Einbildung meinerseits, weil ich tatsächlich immer noch glaube, Einbildung sei auch eine Art Bildung??

Vor dem Mercedes entbrannte eine kurze Diskussion, als er mir unter die rechte Achsel griff und ich wohl „zu schroff (?)“ protestiert habe? Er für meinen Geschmack entnervt: „WO darf man dich ÜBERHAUPT noch ANFASSEN??“.
Dieselbe Debatte hatte ich wenige Minuten zuvor im Untersuchungsraum mit einer netten Schwester geführt. „An den Händen.“. Darauf begrabschte er mit seinen Händen hastig meine Oberarme, Unterarme und monierte seinerseits: „WIESO?! Das ist doch alles HAND!“.
Spätestens jetzt kippte die Situation, definitiv für mich, und aus Harmlos wurde Bedrohlich. „Nein?“, als würde ich mich mit einem einfältigen kleinen Kind unterhalten: „Das da oben sind meine OBERARME!! DAS meine Unterarme!! Da unten…“, und schüttelte meine Hände: „… DAS sind meine Hände!“.
Diese BESCHISSENE Unsitte in der österreichischen Dialektik, Arme als Hände und Beine als Füße zu bezeichnen!! Ich war definitiv bedient! Und saß im Taxi die ganze Heimfahrt über zusammengekauert an die Beifahrertür gepresst, meinen linken Arm so weit wie möglich von ihm weg haltend!
NATÜRLICH ist das wieder ganz allein MEIN Kopfkino!! Ich kann mir sonst wie viel Schuld an der Situation geben!! Mich ermahnen, Vernunft walten zu lassen!! Aber die Gefühlswelt hält nichts von Ratio, und ich fühlte mich dermaßen unwohl mit ihm im Auto… Kaum zu Hause der erste Weg ins Bad, Händewaschen. Und dann, als ich mich für die Ausfahrt mit Sonnencreme einschmieren wollte, als mir diese hinunter fiel und ich mehrfach versuchte, sie aufzuheben, sie mir aber ständig zwischen den Fingern entglitt, gaben auch noch die Knie nach und ich stürzte zum ersten Mal seit einer Ewigkeit auf den Rücken…

Wie konnte ich es auch nur wagen, in den letzten drei Tagen (genau wie im Fall der Blase) einmal den Gedanken zuzulassen, dass ich schon lange nicht mehr umgefallen sei. Noch besser: die Überheblichkeit! Ich dachte ernsthaft, jetzt nicht mehr so dumm zu sein und besser aufzupassen…

Du bist so dämlich!

Ich war kurz weg, es viel zu heiß, meine Füße brannten und mir war draußen auch irgendwie ganz anders. Mit jedem Stückchen näher zurück ans Haus nahm die Beschimpfungsfrequenz frappierend zu. Ein „nettes Wort“ nach dem anderen aus meinem eigenen Mund zu mir zurück oder direkt an mein Spiegelbild gerichtet!
Ich hätte mir das sparen sollen. Mein Rücken schmerzt. Vom Sitzen oder meinem UMfall? Meine Hände klimpern, ich fühle mich wieder im Sumpf der Lethargie gefangen. Das Bild wird nie fertig werden. Und ebenso wird es auch dem Video ergehen…

Offiziell verbleiben mir noch etwa 20 Minuten, bis mit Sebastian zu rechnen ist. Ich will, ich kann nichts…

Mich zum Sofa schleppen und dort dahin schmelzen…

Was für eine träge, fette Sau!!!

Man frage bloß nicht, wie ich mich fühlte, als die zierliche Daniela mich wieder auf die Beine stellte… Zum Glück war sie noch da…


20:06
Heilige Scheiße!!
WAS WAR DAS GERADE?????

Ich bin immer noch 9, bin immer noch im Gasthaus, RIECHE das Gasthaus. Exakt dasselbe Licht, aber es ist nicht abends, es ist morgens, vormittags an einem Mittwoch, Ruhetag und ich in der riesen Burg ganz allein…

Ich fragte Markus: „Weißt du in etwa WANN ich gesagt habe, jetzt geht’s los??“.
„Vor etwa einer halben Stunde…“.
MEINE FRESSE!!!
Die Blase verkrampft sich schmerzhaft, aber ich vermag partout nicht die kleine gelbe Tablette aus der Blechdose zu fischen. Meine linke Hand völlig verkrampft, die rechte nicht minder gelähmt.
„Leider muss ich dir sagen, dass diese Somatisierungen in nächster Zeit wohl zunehmen werden.“, mein Analytiker trocken.
Das heißt, um etwa 19:30 Uhr bin ich plötzlich weggetreten und vermochte genau wie gestern diese Tatsache ins Off hinein kundzutun. Darauf folgten, wie von mir gestern gewünscht, konkrete Fragen. Eine Reise zurück in meine Kindheit. Eine Reise durch die große Burg, durch das kleine Häuschen meiner Oma. Gerüche, Geschmack, Geräusche. Tatsachen tauchten auf, die ich so nicht mehr auf dem Schirm hatte.

[…]

Mir ist schlecht. Mein Schädel dröhnt. Irgendwie immer noch weggetreten.
Was ich als Erstes gesehen hätte, hat er gefragt…
Als würde man auf meinen Kopf schauen. Die Schädelplatte entfernt. Aber der freigelegte Schädel ergibt keine Kontur, hat Löcher. Ich sehe darin die Neun liegen. Ich verschiebe die Konturen, die Neun hat eine Kurve und lässt sich perfekt einfügen. Zugleich hat sie aber auch ein Auge, und dieses ist blind. Die Acht hingegen erscheint friedlicher…
Er meinte, die Acht wäre ja 2 × 4, also meine vermeintliche „Glückszahl“. „Die Acht hat gleich zwei blinde Augen. Aber man kann sie zumindest durchmalen, sie ergibt einen geschlossenen Kreislauf, den man nachzeichnen kann, bis man sich in Trance versetzt, sich selbst beruhigt. Aber die Neun wie kastriert, wie abgeschnitten…“. Und was sich mir noch aufdrängte, war folgender Gedanke, den ich auch aussprach: „Sie sieht aber auch aus wie ein Spermium…“.

Das Programm vermag das Wort nicht zu schreiben. Kann es „nur“ ein Zufall sein, dass bei Öffnen der Korrektur das richtige Wort auf Platz 4 steht????

Die Neun sei beängstigend. Mein Alter?
Ich bin regelrecht verstört. Neben der Spur. Und ich will nur noch die Glotze anschmeißen und aufhören zu denken…

6. Mai 2018, Sonntag

11:49
Alles in mir sperrt sich dagegen, mich hier an den Tisch zu ketten. Ein einziges Widerstreben, ich will jetzt nicht malen, ich will nicht im Haus gefangen sein, nicht die Büroarbeit machen und nicht meine Gedanken festhalten. Ich muss raus! Ein wunderbarer Tag, kein Wind, Sonnenschein und immer noch auf der Jagd nach den Einzelteilen meiner Träume. 59 Kilo um 10:00 Uhr. Nach dem Aufstehen ein einziges Wrack. Erhebe mich von der Toilette und falle insgesamt dreimal auf diese zurück. In mir ein unbändiger Drang. Beim Blick aufs Bild will mir die Kotze hoch kommen! Was den Bürokram betrifft geht es mir nicht viel anders. Obwohl diesen könnte ich immer noch mit nach draußen nehmen. Werde ich wahrscheinlich auch. Die täglichen Sitzungen engen mich dermaßen ein, ich will sonst keinen Besuch, will keine Vereinbarungen, keine Termine, keine Treffen… Lasst mich alle allein! Irgendwelche Arrangements mit mir selbst treffen…

12:20
In mir selbst alle Überlegungen mit einem Schlag verworfen!
Der Stoffwechsel kündigte Wünsche an, dementsprechend den Aufenthalt im Badezimmer gleich mit dem Zähneputzen kombiniert, was so viel hieß wie: „Malen kann ich mir jetzt in die Haare schmieren!“. Das Gewicht lautet nun 58,6 Kilo. Ich will raus! Ich will raus!! ICH MUSS RAUS!!!

Mir fehlt augenblicklich sogar der Atem, um zu sprechen. Ich will nur noch raus und weg und wie im Traum am besten draußen draufgehen, überfahren werden…

Das schlechte Gewissen, nichts geleistet zu haben, wird mich früher oder später in den Boden rammen… So oder so. Und für leidige Diskussionen mit dem Diktierprogramm zwecks Korrekturen diverser Wörter fehlt mir erst recht die Luft. Nicht reden müssen, raus und Fokus auf all das um mich herum. Zumindest für einen Augenblick weg von meiner eigenen stinkenden Scheiße, die sich mein Leben schimpft.

18:20
Von außen betrachtet, nichts und wieder nichts geleistet. Aber ich will, ich wollte, ich musste raus, raus aus diesem Haus, bevor es mich erdrückt, zwischen seinen Wänden voller Schuldgefühle zermalmt!!

4 Stunden war ich unterwegs. Meine alten Laufstrecken entlang. Was für eine Folter! Und zugleich war es so schön, der Duft zu betörend, versetzte mich zurück in meine Kindheit, in eine scheinbar heile Kindheit. Wie ein Rauschmittel das Aroma der falschen Akazien… Aber dann kam die Zeit, die Zeit, die mir im Nacken hing. Ich war zornig. Ich bin immer noch zornig. Auf Markus, weil er den Termin mit mir machen will. Auf Brigitte, die morgen Abend Termin machen möchte, obwohl ich sie eigentlich längst absägen möchte. Aber auch auf Sebastian und seine Tagesroutine, von der ich völlig abhängig bin. Nicht wie früher, bis spät in die Nacht hinein arbeiten kann… Wer zieht mich dann um? Legt mich ins Bett? Wer holt mich dort wieder raus, wenn ich länger schlafen muss?

Sebastian betont, dass er der letzte ist, der von mir irgendetwas fordert: „Dann bleib doch draußen! Wegen MIR musst du deinen Alltag nicht umstellen!“.

Sicherlich gäbe es für alles eine Lösung. Aber ich will nicht mehr. Mir undankbar vorkommen und irgendwie Meilen davon entfernt, irgendetwas in mir zutage zu fördern, das als Antwort taugen könnte.

So ein wunderschöner Tag, und alles was ich sagen, was ich schreien will: „LASST MICH ALLESAMT IN RUHE!!! BEACHTET MICH NICHT, IGNORIERT MICH, EIN HALLO REICHT, ABER DANN BITTE STILL SEIN, MICH NICHT AUFHALTEN, NICHT FESTHALTEN, ERST RECHT NICHT FESTHALTEN, LASST MICH GEHEN, LASST MICH EINFACH ENDLICH GEHEN!!!“…

Zu viel verlangt? Ich kann euch doch ohnehin nichts geben, nichts zurückgeben, ich bin ein Versager.

Selbsthass. Eine der wenigen Konstanten in meinem Dasein.

Noch eine halbe Stunde bis zur Sitzung. Mir ohne Indikation, außer der, mich zuzudröhnen, 2,6 mg Morphium und 1 mg Temesta. Nebenbei fällt mir ein, die Abenddosis vom Tramal vergessen zu haben. Die Frühstücksdosis wurde mehr oder minder zu Mittagsdosis, so hatte ich mir während meiner Fahrt unterwegs eine etwas großzügigere Menge meiner Tropfen einverleibt, zusätzlich. In der blauäugigen Hoffnung, die Fahrt genießen zu dürfen. Und weil ich so schön blöd bin, jetzt gleich eine doppelte Menge konsumieren. Ich würde ja so gerne aktiv daran mitarbeiten, das Rätsel tief in mir zu lösen. Aber ich wüsste nicht wie…

20:42
Abendkonzert. Die Schafe stehen jetzt unten auf unserer Wiese und blöken. Grillen, Rotkehlchen, Singdrossel.
Völlig breit. Und das ist gut so. Gleich nach den ersten Worten, gleich nach dem Geständnis, wütend auf ihn zu sein, mir diesen Termin aufzubürden, flossen die ersten Tränen. Solche Sachen teile ich ihm grundsätzlich mit. Nicht, um ihn zu beleidigen oder vor den Kopf zu stoßen. Sondern ihn über die aktuelle Dynamik auf dem Laufenden zu halten. Wir sprachen vom Sterben. Vom Abbau. Von der großen Variablen, wer oder was der Täter ist. Was er getan hat. Worin meine Ressourcen lägen. Er meinte, es wäre gut, meine Ausfahrten zu machen. Das Malen, wenn es dies dieser Tage belastend ist, eben zu lassen, zu pausieren. Und ich unter Tränen wieder, dass ich mir solche Auszeiten in Phasen wie diesen überhaupt nicht leisten dürfte, zu schnell geht etwas verloren, auf immer und ewig- wie damals eindrücklich und schmerzlich beim Laufen zu beobachten war.

Und eigentlich… Eigentlich vermag ich überhaupt nicht zusammenzufassen, worüber wir gesprochen haben. Mein Schädel ist so leer und meine Stimme kracht mittlerweile nur noch unmotiviert und krank.

Sebastian liegt hinten in der Badewanne. Mir Mühe geben, aus der Erwartungshaltung nicht Spannung und Panik erwachsen zu lassen! Den Rausch genießen… Dabei lag bereits die ganze Sitzung hindurch der Zeichenblock vor mir, darauf wartend, mit einem Bleistift anzusetzen und die Seele sprechen zu lassen. Aber ich konnte nicht. Psychisch. Physisch es nicht einmal probiert. Wäre nun Wochenende, würde er nach oben gehen, ausgehen, dann hätte ich längst die Bleistifte gespitzt. Diesen gestreckten Zeigefinger, der so gierig ist, so neugierig und dabei brutal… Die Spitze des Zeigefingers, die mein Leben zerstört. Mit einer Geste.

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Ich könnte so viele Dinge tun, so unendlich viele Ideen… Aber alles bleibt liegen. Weil ich faul bin. Weil ich ein Krüppel bin. Weil die Depression lähmt. So bleibt es bei Listen. Unendlich viele, unsägliche Listen. Dem Vergessen zuwider.

Dabei hat mir unterwegs heute eine ältere Dame etwas zu trinken angeboten. Stand schon eine Weile mit dem Rollstuhl vor ihrem alten Bauernhaus, was sie sicherlich beunruhigte. Aber ich filmte nicht ihr Zuhause, der Fokus war aufs das Telefonkabel gerichtet, darauf Rauchschwalben. Da kam sie nachsehen, was der komische Krüppel da draußen im Rollstuhl treibt, und bat mir ein Glas Wasser an. Das ich mit recht herzlichem Dank ablehnte, meine Wasserflasche in ihre Richtung schwenkend.

So viel gesehen, soviel erlebt, gerochen, geschmeckt, gespürt… Und nun einfach nur dankbar und froh, nichts von alledem mehr zu müssen. Zumindest augenblicklich nicht.

30. April 2018, Montag

8:35
Eine schwache Hand greift nach den Farbgläschen…

DU FETTE SAU, SCHÄME DICH!!

59,6 Kilo um 6:45 Uhr. Zum Abendessen gab es grünen Spargel, eine gekochte neue Kartoffel und fettreduzierte Sauce Hollandaise.

Vergiss die halbe Tafel Schokolade nicht!!

Dieselbe schwache Hand kann die schwere Farbflasche kaum über dem Schälchen halten. Eigentlich nur noch darauf warten, mich mit der Farbe von oben bis unten zu bekleckern. Die Flasche für das Weiß ist zwar leichter, aber die Farbe macht sich selbstständig und landet zur Hälfte auf dem Tischtuch. Dabei sollte der Eintrag anders beginnen…

Träume, Träume, Träume. Drei an der Zahl, obwohl der Erste am wichtigsten erscheint. So ich ihn jetzt überhaupt rekonstruieren kann… Als ich erschrocken aufwachte, war noch alles klar, erst recht die Angst, der Ekel, all die negativen Gefühle, die sich auf Sebastian übertrugen, obwohl dieser überhaupt nichts dafür kann!

Alles spielte sich im Gasthaus ab (wo sonst). Sebastian und ich schliefen oben in meinem Kinderzimmer (nebenher den Glasdeckel einer der Petrischalen unter den Tisch und außerhalb meiner Reichweite befördern). Ich erwachte um 5:00 Uhr morgens und hielt es im Bett nicht mehr aus (mittlerweile sind 10 Minuten nur für die farbliche Sauerei drauf gegangen). Es war noch dunkel, als ich den Raum verließ, ihn schlafend zurückließ und die Treppe hinunterschlich, ins Gastzimmer.

[…..]

Ich rannte die Treppe hoch, er mir dicht auf den Fersen. Ich sagte zu mir selbst im Traum: „Jetzt folgt das, was immer folgen muss! Ich muss unbedingt die Tür abschließen! Ich muss es schaffen!“. Ich stürmte durch die schon mehrmals weiß lackierte Tür, die voll mit Farbnasen war, an manchen Stellen abgestoßen, drehte mich in Windeseile im Zimmer um, sah aber plötzlich eine Kinderhand nach der Türklinke greifen, diese alte Türklinke, machte die Tür zu, das Herz schlug mir bis zum Hals, ich atmete nicht mehr… Und drehte den Schlüssel einmal herum!! Just in dem Augenblick polterte es gegen die Tür, aber sie blieb zu! Vorerst. Sebastian war nicht mehr im Zimmer. Ich kann auch nicht sagen, ob das jetzt auch noch zusätzlich die Möblierung aus Kinderzeiten war.

Dann wachte ich voller Panik schweißgebadet auf! Und glaubte, nicht mehr einschlafen zu können, zu dürfen, um ja kein Detail zu vergessen!

Zweiter Traum: Ich sehe mich die Treppe nach oben laufen.

[…..]

Und ich hatte nur noch Angst, wieder nach unten zu gehen.
Entweder in diesem oder dem letzten Teil hatte mein Kinderzimmer plötzlich keine normale Tür mehr. Lediglich eine braune Schiebetür. Und ich konnte mich bemühen, anstrengen, konnte machen, was ich wollte! Sie hatte keinen Riegel mehr! Da war auch keine Klinke, nur so ein Loch aus Metall, in das man hinein fassen konnte, um die Türen dann zu verschieben. Ich versuchte es immer und immer wieder… Die Invasoren von draußen schafften es jedes Mal ohne große Mühe in meine Sicherheitszone.

Letzter Traum, in Auszügen: Das Gasthaus war zum Restaurantimperium herangewachsen. Die Zeit um 1900 wurde nachgestellt und meine Mutter sagte, wenn ich nun nicht mehr zur Schule gehe, nur noch zu Hause bin, muss ich gefälligst auch mitarbeiten. „Du wirst dem Papa in der Küche helfen, mindestens 20 Stunden die Woche! Wirst Geschirr spülen und die dreckigen Bürsten schrubben!“. All die Sachen, von denen ich mittlerweile heftige Aversionen entwickelt habe, die ich jetzt aber nicht mehr aufzählen kann. Dabei hatte sie einen strafenden Blick in ihren Augen. Sie funkelten mich regelrecht an! Ich wurde umgezogen, von einer Zimmerzofe in irgendwelche Gewänder gesteckt, und all das Erklären, dass meine Hände gelähmt seien, blieb fruchtlos! Da waren noch lauter Schwarze, Sklaven, Flüchtlinge, allesamt in gleicher Sträflingsmontur (zugleich gepaart mit einem Hauch von Kleidung, wie man sie von Kellnern kennt). Die Ketten an Händen und Füßen fielen keinem auf. Überall wurden Menschen gefoltert und wenn sie nicht funktionierten, umgebracht. Unten sah ich meinen Vater in der Gasthausküche stehen. Jetzt war sie nur viel größer und er ganz allein dabei, Fleisch zu braten.
[…..]

Aus Versehen blaue Farbe erwischt. Während des Diktierens ohnehin nur Mist produziert, wenn überhaupt irgendetwas. Als ich vorgestern auf der Rückkehr von meinem Ausflug meinte, den ersten Pirol gehört zu haben, und nicht wieder einmal dem Star auf den Leim gegangen zu sein, hatte ich recht. Nun ist er unten im Graben zu hören, laut und deutlich. Nach meinem Ausflug gestern hatte ich sogar die irrwitzige Idee (wieder einmal), nun wirklich unten an der Straße eine Tafel mit „Galerie“ aufzustellen… Aber man frage bitte nicht, welcher Donnerhagel anschließend auf mich hernieder prasselte!!! Jeder meiner Sätze wurde in meinem Kopf verdreht, mir zur Last gelegt. Ganz abgesehen von der Panik, nicht wissend, ob Mieke nun käme oder nicht, und je länger ich wartete und wartete, desto stärker die Ängste, desto lauter das Täterintrojekt. Meine Bewegungen fahrig, unkontrolliert, zittrig, zu schwach und ohne jegliches Gefühl für Abstand… Licht eingeschaltet und dabei die offene Blechdose mit den ganzen Tabletten gen Boden befördert. Sebastian ungemein auf den Nerv gegangen. Die Beschimpfungen wurden immer heftiger, immer lauter; zu seinem Leidwesen. Von mir spreche ich gar nicht erst…

Dabei war ich gestern tatsächlich ein paar Schritte draußen, die halbe Einfahrt, um auf der Bank Pause einzulegen, und diese mit drei Physioübungen für die Halswirbelsäule konstruktiv zu nutzen. Nach einer kleinen Weile vor der Glotze mit einem Apfel im Gepäck die nächste Ausfahrt gestartet. Ich stand eine halbe Stunde am Straßenrand vor einer Baumgruppe, in der sich ein Kuckuck einen Spaß draus machte, mich zum Narren zu halten. Aber wenigstens die Straßenleichen ließen sich filmen… Mieke kam nicht. Auf meine letzte Mail hatte sie vor dem Wochenende ohnehin nicht mehr geantwortet, in der ich die Uhrzeit und den Tag vorschlug für unsere Teesession. Ab heute kommt die Volkshilfe auch erst um 13:00 Uhr. Der Vormittag ist mir heilig. Wenn das aktuell auch die einzige Zeit des Tages zu sein scheint, zu der Malen überhaupt möglich ist…

Hatte gestern Abend heftige Kopfschmerzen. Auch heute stürmt es, noch schlimmer als gestern, aber mich wird trotzdem nichts im Haus halten. Ich bin wieder einmal erstaunt und zugleich entsetzt von meinem Ausflug zurückgekommen. Selbiges Bild zeichnete sich auch samstags beim Einkauf ab. Jeder ist sich selbst der Nächste! Keiner lächelt, keiner ist freundlich, keiner achtet auf den anderen, geht mal einen Schritt zur Seite… Und eben gestern grüßte ich zu 50 % vergebens. Die Leute, die mich kannten, mal ausgeklammert. Noch amüsanter die Tatsache, was das Verhalten von Pärchen auf Fahrrädern betrifft. Der Mann fährt grundsätzlich immer voraus, grüßt mitunter. Die Frau hingegen bummelt mit Abstand hinterher, und, wie die eine Dame gestern, sieht mich bitterböse an. Wählt sicherlich FPÖ und möchte nebst Flüchtlingen auch alle Krüppel bald in einem Internierungslager sicher verwahrt sehen!
Zweite Theorie: Sie traut ihm nicht und jedes weibliche Wesen ist zum Feindbild erklärt. Aber wenigstens die Kinder lernen noch zu grüßen; ein kleiner Hoffnungsschimmer. Nur hoffen, dass sie nicht so dumm wie ihre Eltern werden…

11:38
Meine Idee, ihm entgegen zu gehen, scheint nun verworfen. Beim Zähneputzen kurzerhand davor auch noch die Haare gewaschen. Wenn der Wind nicht wäre…
Oder aufs Laufband? Und nur kurz vor die Tür, wo es windstill zu sein scheint? Damit meine hässlichen Granen trocken sind, bevor er geht?

Der neue Computer wurde gerade geliefert. Zitat Sebastian: „Jetzt bin ich sogar am Überlegen, ob nicht ICH den nehme und du bekommst meinen Alten…“. Mir egal. Hauptsache das Sprachprogramm verleitet ihn nicht zum Absturz, ebenso das Videoprogramm. Die Stunde, während die Volkshilfe hier ist, werde ich sicherlich nicht im Haus bleiben. Obwohl es heute wieder Andrea ist… Tut mir leid.

20:36
Die Sitzung zu dritt gemeinsam mit Sebastian verlassen; Markus hätte sich wohl noch länger mit mir allein unterhalten, aber ich konnte nicht mehr. Ich schwitze, der Tee ist zu viel, die Heizdecke zu viel, obwohl ich es ohne diese mit den Rückenverspannungen kaum noch auf dem Rollstuhl aushalte.
Da war tatsächlich Panik, vor der Therapie. Die sich immer mehr zuspitzte und während unserer Unterhaltung ihren Höhepunkt erreichte -auch deswegen meine vorzeitige Verabschiedung. Sie erwürgte mich, lag wie ein nassgewordener Zementsack in meinem Magen, meinen Eingeweiden. Und vermittelte mir lediglich eine Botschaft: „ICH BRING DICH UM!!!!“.
Sebastian gerade gebeten, die Fenster zu öffnen. Ich bin fertig. In meinem Schädel scheint alles mindestens einen Widerhall zu erleben. Mir das Headset um den Hals hängen. Es ist kaputt, wie auch das Aufladekabel meines uralten Handys. Die Hand klimpert und klimpert verzweifelt vor sich hin. In mir der Gedanke, ich sollte es zumindest mit den Einzelteilen für meine Animation versuchen. Aber selbst diese Überlegung heizt die Ängste an. Was ist denn jetzt los? Was ist anders? Oder hat sich in den letzten drei Tagen bereits abgezeichnet, dass die Wirkung nicht lange anhalten würde? Könnte mit dem Videoschnitt beginnen, könnte das letzte Videomaterial katalogisieren, könnte, könnte, könnte… Und bin dabei doch völlig gefesselt, versteinert, gelähmt und wie vor Angst erstarrt.

Mein Ausflug währte nicht lange. Ich kam gerade 1 km weit, um dort verärgert feststellen zu müssen, dass die Kamera sich nicht aufgeladen hatte. Blöd wie ich war den Ersatzakku zu Hause vergessen. Und da wäre ja noch der Wind, den man eigentlich einen waschechten Sturm nennen müsste. Dass mein Schädel am Rotieren ist, kein Wunder? Ich versuchte es dann noch einmal die Straße runter, nachdem ich den Akku ausgetauscht hatte. Aber es war sinnlos. Zwar warm, aber mit dem Getöse nicht auszuhalten. Sodann auf dem Sofa vor der Glotze versauert. Mir so wertlos vorkommen. Als hätte ich den ganzen Tag vergeudet. Aber ich habe 2 Stunden gemalt und bin anschließend noch hinaus, die halbe Einfahrt runter und wieder zurück. Wird dennoch nichts daran ändern, dass meine Füße und Sprunggelenke auch heute dick geschwollen sein werden. Irgendetwas in mir versetzt mich in einen schockgefrosteten Zustand. Mein riesengroßer Bauch ragt weit hervor und macht keinen Hehl daraus, was für eine fette Sau ich bin. Jeden Abend bei Betreten vom Schlafzimmer all die Klamotten in meinem Kleiderregal registrieren müssen. All das, was jetzt mit diesem widerwärtigen Speckbauch nicht mehr passt. Oder „man besser nicht tragen sollte“. Weil ständig alles kaputt gehen muss. Ich es nicht anders verdient habe…

Markus schwor Sebastian darauf ein, was ihm in den nächsten Wochen blühen könnte. Also mit mir blühen könnte. Wiederholte mehrfach, dass die Suizidalität einen neuen Gipfel erreichen könnte. Und machte schlussendlich seine Ankündigung wahr: Zumindest vorerst die nächsten zwei Wochen täglich eine Sitzung, pro forma 1 Stunde, außer es bedarf mehr Zeit. Meine Hand hört nicht auf zu klimpern. Mein Körper tut so, als seien die beiden gekochten Kartoffeln mit Schale ein riesengroßer Gänsebraten gewesen, schön salzig und die Sauce mit Fettaugen verziert!!
Heute sei Walpurgisnacht, meinte Margit, als ich sie nachmittags vor ihrem Haus traf. Vollmond und ich solle hinausfahren, um die Energie zu tanken…
Mich bedrückt eher die Angst, dann nicht schlafen zu können.
Im Kopf hätte ich alle Details fertig, müsse sie nur noch zu Papier bringen, Sebastian hat mir sogar Photoshop mitgebracht, also alles wäre bereit für meine geplante Animation. Aber ich stehe mir selbst im Weg, mir dabei einredend, ohnehin der Lähmung wegen nichts zustande zu bringen.

17. April 2018, Dienstag „Und das Licht geht aus…“

8:32
59,3 Kilo um 6:45 Uhr. Wovon? Zwei Vollkorngrissini, mittags eine Semmel und abends fünf Gabeln von der Gemüselasgne, die er mitgebracht hatte…? Beim Frühstück beim ersten Bissen von der Knusperstange bereits satt. Sicherlich nicht auf zwei ganze Stück gekommen. Die erste Mahlzeit des Tages wird ohnehin beinahe schon klassisch mit einer Dissoziation eingeleitet. Ich sitze vor dem angerichteten Tisch und mein Blick verliert sich draußen wieder einmal in diesem Dschungel, das Hirn leergefegt. Jetzt zumindest der Versuch, mich auf der Leinwand zurechtzufinden… Einigermaßen zufrieden mit dem gestrigen Schaffen?

Die Panik überrollte mich abends, kettete mich an den Pranger, strangulierte mich, wollte mich umbringen. Jede einzelne Attacke 2 cm weniger vom Strick um meine Kehle. Das allein genügte, um nicht essen zu können.

Aber dich mit Süßigkeiten voll stopfen, das ging hinterher!! Süßer Speck für die fette Sau!!!

Als ich soeben über den Zuckerkonsum nachdenke, erst recht über den inflationären Gebrauch von Süßstoffen, ein Hauch von Angst, Diabetes zu bekommen. Um mir spätestens an DIESEM PUNKT eingestehen zu müssen, nichts anderes als ein Hypochonder zu sein…

WIE DEINE MUTTER!!!

In meinem Traum heute Nacht sprang sie in die Lafnitz. Sie sprang oder sie fiel hinein. Ließ sich nicht genau differenzieren. Aber der Fluss floss in die andere Richtung. Rückwärts, nicht wie in natura gen Ungarn. Oben auf der Brücke standen die Leute und streckten ihre Arme hinunter, was natürlich nicht sonderlich hilfreich war. Ich wiederum sprang ihr hinterher. Sie lag auf dem Rücken, ging immer wieder unter, drohte zu ertrinken. Aber ich blieb die einzige Person, die ihr wirklich helfen wollte. Ihr Gesicht war ganz blass, ich hielt den Anblick kaum aus. Ich rief ihr zu, sie solle mir entgegen schwimmen. Aber das tat sie nicht! Sie schwamm vor mir davon, und allmählich bekam ich den Eindruck, sie wollte nicht gerettet werden. Ich bekam sie zu fassen. Da schien sie enttäuscht. Aus dem Fluss wurde plötzlich der Bach nebenan und schlussendlich das Rinnsal unten im Bachergraben. Regelrecht enttäuscht kletterte sie die Böschung hinauf. Ich hinterher. Mich erinnernd, ihr bereits mehrmals in den Fluss hinterher gesprungen zu sein. Sie vermeintlich „gerettet“ zu haben. Sie stapfte von mir davon. Als hätte ich ihr etwas angetan. All die Leute, die dort standen, repräsentativ für die Gesellschaft, die Dorfgemeinschaft… Keiner nahm sie mehr ernst. Keiner wollte mehr etwas mit ihr zu tun haben. Sie war wie das kleine Kind, das wohl jeder kennt aus seiner eigenen Chronik, das ständig Lügengeschichten erfindet, welches man anfangs noch zur Geburtstagsfeier einladen wird, aber irgendwann hat man die Nase voll und wird es schneiden, ausgrenzen. Meine Mutter hatte keine Freunde mehr. So wie es aussah, wäre sie gar nicht ertrunken. Alles Theater. Theatralik. Ganz großes Kino.

UND DU BIST BESSER?!!!
DU BIST NOCH SCHLIMMER!!!!

Ich versuchte noch, sie irgendwie in Gruppen zu integrieren, die mit mir zu tun hatten. Aber das klappte nicht…

Mir war klar, was Sebastian zu diesem Traum sagen würde: „DU und DEINE Mutter!“. Eindeutig: Für den Ödipuskomplex habe ich das Geschlecht verfehlt.

Ich hätte nachts den Strumpf von den Wunden reißen sollen. Da hätte ich wenigstens noch was davon gehabt. Heute ist „meine eigene“ Vorstellung längst vorbei. Kindheitserinnerungen tauchen auf. Gestern Nacht, jetzt. Blitzlichter. Als würde ich für 1 Sekunde die Augen als Kind in der jeweiligen Situation öffnen und wäre dort, wie durch eine Zeitmaschine für einen winzigen Augenblick dorthin zurückgeworfen. Ich fühle, ich sehe mich stehend. Als sei ich eine Schachfigur. Obwohl ich in diesen Momenten mitunter ganz andere Sachen getan habe. Ich werde zum Betrachter meiner eigenen Erlebnisse. Ich als Kind zum Beobachter meiner selbst.

Schwer atmen. Mir wird schlecht.

WANN ist dir NICHT schlecht??!

Der Kuckuck sitzt oben am Waldrand und, wollte ich zuvor auch noch sagen, was für eine Idylle es hier sei, gilt es nun zu bemerken, dass Menschen ignorante Arschlöcher sind. Traktor; obwohl ich diesem noch eingestehe, hier zu arbeiten. Aber meine Intention war es ja, eine kurze Tonaufnahme zu machen, doch dann das erste Flugzeug, das ich bewusst wahrnahm…

Dienstag, mein heiliger Tag. Wer weiß, was ich heute wieder anstelle. Ob ich Sebastian mittags entgegen gehen kann oder werde, steht noch in den Sternen. Das nächste Flugzeug. Schon wieder, immer noch Kopfschmerzen. Wackelig, als hätte ich gestern das Fünffache eingeschmissen. Kohlmeise, Zilpalp, Amsel, Buchfink, Schwarzspecht, Traktor, Flugzeug. Musik…

11:01
Schimpfende Mönchsgrasmücke und (ganz selten) kein Flugzeug. 2 Stunden gemalt. Meine Physioübungen gemacht, mir selbst dabei weismachen, diese hätten letztes Jahr wirklich gegen die Rückenschmerzen gewirkt. Der Himmel ist grau, eine Frische zieht zur offenen Terrassentür herein. Die Gänsehaut an Armen und Oberschenkeln kam dennoch von der Musik, ein Lauflied nach dem anderen. Eigentlich müsste ich weinen… Der Tag ist lang… Noch. Meine Zähne putzen und mal so verrückt sein, mir einen Zeitrahmen von mindestens 50 Minuten einzuplanen. Die Kopfschmerzen dezent im Hintergrund. Mir hartnäckig versuchen einzureden, die paar Schritte die Straße runter, das sei Sport. Muss ich dumm sein, um das zu glauben, oder echt schon so verzweifelt?

13:51
Mich von der Glotze wegreißen, ehe mir die Müdigkeit wieder den Nachmittag entreißt! Aber das Wetter ist unentschlossen, dicke Wolken und dazwischen lächelt immer wieder die Sonne hervor. Regnet es, bleibt es trocken, Ausflug oder Zuhause bleiben und früher oder später durchdrehen?

Ich hatte mich angezogen, eine neue Weste, die beinahe ein halber Mantel ist. Ich fand, es sah gut aus. Ich fühlte mich gut, passabel, annehmbar. „Cool“…
Bis zum Haus von Emma und Rudi. Das linke Vorderrad macht ein seltsames Geräusch und…

DU und COOL???!!
Gleich wird das Vorderrad kaputtgehen und du mit deiner dämlichen, selbstgefälligen Visage auf die Straße knallen. Dort wirst du dich nicht einmal umdrehen können, und dann können wir ja mal sehen, wer hier COOL ist!!!

Beide Stöpsel in den Ohren, die Musik relativ laut. Er war lauter. Ich darf mich nicht gut fühlen. Als nächstes am Start waren meine Schuldgefühle. Meine armen Eltern, ich böses Kind, wie lange soll die Kontaktsperre noch weitergehen, das kann ich nicht machen, unverzeihlich, sollte mich mal in die Situation der beiden versetzen, sie leiden auch und nicht nur ich, und das alles NUR WEGEN MIR!!! Das sind doch die besten Grundvoraussetzungen um den gestrigen Nachmittag heute in die Verlängerung gehen zu lassen. Der Blick schweift ab nach draußen, gen Himmel: „Was willst du?“. Zu Beginn war ich tatsächlich relativ schnell unterwegs, etwa 500 m in 40 Minuten. Und nun wieder „potenziell“ Kopfschmerzen. Genauso verhält sich die Sachlage mit dem Rücken, den Verspannungen. Ausflug oder nicht? Nebenher wird es 14:00 Uhr und anstatt eine Entscheidung zu treffen, klimpert meine rechte Hand auf der Armlehne herum. Einfach mal rausfahren, probeweise, vielleicht läuft oder fliegt mir etwas über den Weg und lenkt mich ab? Zu Mittag einen Eiweißshake; den guten Ratschlag dazu gab’s ungefragt und GRATIS!…

Für was brauchst DU Eiweiß?! Willst du den SCHEISS ernsthaft Bewegung, eine LEISTUNG nennen??!!!

Meine Augen sind müde, während draußen die Sonne wieder alles beleuchtet. Zu Potte kommen… Plötzlich erst ein Flugzeug und dann mitten im Gedankengang der nächste Panikschub. Ich könnte schlafen, alles verschlafen… Doch ich will nicht! Mein Leben ist doch ohnehin schon vorbei! So viel verschwendet, nicht gelebt, gar nicht realisiert.

Ehe ich mich in meinen Gedanken verliere, das Headset absetzen und zumindest schon einmal hinters Haus fahren…

17:19
Allmählich will Panik einsetzen. Als müsse ich nach einem Ausflug trotz allem noch Zeit für mich alleine im Haus haben, ganz alleine, um mich in Ruhe um meinen Selbsthass kümmern zu können. Aber gerade eben erst nach Hause gekommen. Mich mit einer etwas entfernten Nachbarin unterhalten, die ich eigentlich seit Kindertagen nur vom Gasthaus kannte. Stand dort oben im Wind und ahne bereits, dass mir mein Schädel das übel nehmen könnte. Hatte mir eine neue Flasche Wasser geschnappt und war einfach hinaus. Erst wollte ich nur meine Gehstrecke vom Spazieren messen, fuhr dann aber bei der Gelegenheit den steilen Hügel hoch und hielt Ausschau nach Mäusebussard und Falke. Ganz langsam fuhr ich, um nicht einmal ein Insekt zu übersehen. Ich hatte Glück, traf auf den zweiten Maiwurm dieses Jahr. Da ich bereits eine andere Aufnahme von einem Verletzten habe (der ganz sicher mittlerweile tot ist), kamen mir obskure Ideen für ein neues Video, für die Intro, den Abspann, mit dem Titel „Maiwurm lauf!“. Als Analogie zu „Maikäfer flieg!“. Passend zu meiner Situation der schwer verletzte Käfer, wie er seine Eingeweide hinter sich her schleppt, um zu entkommen.

Ich weiß nicht, wo ich meine Wasserflasche stehen hab lassen. Im Badezimmer noch hastig das Blut von gestern abgewaschen. Die Haut etwas gerötet, wie die Oberfläche von einem sich seit vielen Jahren in Gebrauch befindlichen Schneidbrett. Schnitte überkreuzen sich, Schnitte zeichnen andere Schnitte nach… Und irgendwie bin ich erneut der Meinung, auch diesen Tag nicht ohne Verletzung ausklingen lassen zu können. Mein Schädel glüht. Die nächste Erinnerung bei diesem Lichteinfall. Herbst. Ich bin draußen, zurück vom Ballettunterricht, die Sonne geht unter und es wird kalt, Blätter treiben im Wind um mich her…

Auf Sebastian warten. Dass er kommt und nach oben geht. Erst dann fühle ich mich sicher genug das zu tun, was unausweichlich erscheint.

Aber es war doch ein guter Tag…

Schwer seufzen. Ein Klotz in meinem Bauch. Immer wieder blieb ich stehen auf meiner Tour, um lediglich ins Nichts zu schauen. Mich auszublenden. Etwas in mir sagt, ich hätte den Nachmittag auch ertragreicher gestalten können. Rumpelstilzchen die ganze Fahrt über am Toben.

Mein linker Unterarm markiert eine Sehnenscheidenentzündung. Bin sprachlos, ganz plötzlich, und keine Ahnung warum. Die Vorfreude auf die Klinge? Ich will flüchten. Vor mir selbst? Vor den Dämonen in mir? Mir eine Überdosis in den Kopf jagen. Das Gehirn in Tabletten absaufen lassen. Ich kann hier nicht sitzen. Der Körper gibt sich krank, erkältet, die Augenlider schalten auf Schlaf. Der nächste Blick nach draußen fördert auch die nächste Erinnerung zutage. Die Rechte klimpert. Da wären so viele Videos, die ich katalogisieren müsste. Und hatte ich nicht die wahnwitzige Idee, Musik zu machen? Alles verworfen und wertlos, weil längst in einer weiteren Lethargiephase zum Stillstand gekommen?

Sebastian kommt…

18:09
Er verschwindet nach oben; eine volle Ladung Tramal und erneut 2,6 mg Morphium. Eventuell bedarf es ebenfalls einer Erkältungsbrause obendrauf. Zumindest jetzt fühle ich mich krank. Wasser in mich hineinschütten, sonst blutet es ja nicht. Dabei die Hände eiskalt. So oder so vergebens…? Der mit Blutflecken übersäte Strumpf liegt auf dem Tisch vor mir und sieht mich schweigend an.

18:33
Die Sonne kommt raus. Tee trinken und riesengroße Datenpakete von A nach B schieben; Ordnung auf meinem Computer machen. Ein Neuer sei angeblich bereits unterwegs. Etwas seltsam, bei Universal monatelang auf die Ware zu warten. Denn angeblich sei die Tempuraauflage fürs Bett vor Wochen bestellt worden. Oder hat Sebastian wieder etwas falsch gemacht?

Das Verschieben dauert und die Wartezeit nutzen, um noch einmal das Schlachtfeld von gestern zu mustern, und mich dann abzumahnen. Was davon soll bitte schön tiefer gegangen sein? Nichts! Absolut nichts! Alles bedeutungslos, Kinderkacke, Katzenkratzer, nicht der Rede wert…

DU BIST UND BLEIBST EINE FEIGE, FETTE SAU!!!

18:57
Beim Warten den Text korrigiert. Nebenbei durfte ich feststellen, wie angenehm sich das Wölkchen in meinen zerfressen Gehirnwindungen anfühlt… Aber, ach! Wie konnte ich es wagen! Was fällt mir bloß ein!

Panik.

Mich deswegen aufschlitzen? Versuchen, mich „runter zu atmen“? Und da wäre noch die Blase, das Untergeschoss, das soeben noch heftiger von Urinieren fantasiert. Es ist doch egal, was ich sage oder nicht -wird so oder so ins Negative verkehrt! Also war ja zu erwarten, dass die Ruhe zumindest an dieser Front nicht lange währen würde… Ob ich es bis nächste Woche Dienstag schaffe? Da wäre der Termin für den Katheterwechsel.

19:25
Ein Blick auf die Uhr, die nächste Lawine prescht über mich hinweg! Es reicht! Hör auf! Hör auf!! HÖR ENDLICH AUF!!!!…

Keine Luft mehr bekommen. Dann eben anderweitig für Ventile sorgen!!

Wütend sinkt die Klinge zehnmal in die Haut. Dicke, dicke Blutperlen quellen aus den verhältnismäßig fragilen roten Linien. Die von oben betrachtet so harmlos aussehen, als hätten sie nicht das Potenzial, so eine Sauerei anzurichten. Wenn er mich jetzt erwischt, sollte er mich jetzt erwischen, dann sei es eben so. Wieder über die Wunden schaben; dabei fühle ich mit dem Gelenk vom kalten Zeigefinger, der nur wenige Zentimeter über die Haut wandert, dass das Blut heiß Wärme abstrahlt. Die Wunden auseinanderziehen… Das hätte ich direkt nach dem Schneiden machen sollen. Es sah doch tiefer aus, als es jetzt den Anschein macht…

Und schon will es um 19:33 aufhören zu bluten. Noch wütender werden. Die Ratio verteidigt den Körper…

Zu wenig Flüssigkeit im Körper!!

Den schmutzigen Verband überstreifen. Ich bin diese Spielchen leid. Schlussendlich auch noch die Wollstulpe und alles in Vergessenheit geraten lassen. Unten im Graben ruft ein Rehbock. Nun hat der Wind natürlich aufgehört. Ein Räucherstäbchen anstecken…

Sebastian kommt runter. Ich höre seine Schritte im Treppenhaus und meine Pumpe erwürgt mich! Mich bei ihm entschuldigen, wieder und wieder, weil er diese Reaktion in mir auslöst. Und er? Er sagt nur: „Aber ich liebe dich! Über alles!“. Er schmunzelt… Als sei ich ein kleines Kind, das soeben eine übertriebene Geschichte erzählt, in die es sich hinein gesteigert hat. Dann fährt er kurz weg. Sagt, er könne nach seiner Rückkehr ohne weiteres noch ein bisschen oben bleiben. Ich möchte, ich könnte…
Auf den Unterarm einschlagen. Mit den Nägeln über den Strumpf kratzen…

LOS, BLÖDE SAU, BLUTE!!!!

19:53
Einen winzigen Augenblick halte ich inne auf meinem Weg mit dem Rollstuhl zum Tischchen, neben dem Sofa. Die Lauftasche vom linken Oberarm abmontieren und die Nase ganz tief in den Gurt drücken…

Dieser Schweißgeruch, diese Erinnerung ans Laufen, zugleich an meine Kindheit, nachts im Sommer sicher im Arm meines Vaters… Für ein paar Sekunden drifte ich ab, bekomme wieder Luft und zugleich werden die Augen geflutet…

Zur Tablettendosis, und „lediglich“ 1,3 mg Morphium obendrauf. Draußen läutet diese elende Glocke oben am Hügel. Ich hasse sie!! Als ob die innere Uhr nicht schon Folter genug sei!!

Ebenso schlagartig verkrümmen sich die Finger, sie werden spastisch. Ich muss daran denken, dass der Tag vorbei ist. Dass ich den Tag nicht so nutzen kann, wie ich eigentlich wollte. Würde noch am PC bleiben, versuchen zu malen, bis in die Nacht hinein, morgens länger schlafen!! Aber…

Der dämliche Krüppel braucht ja Hilfe! Weil er gar nichts mehr kann!!!

Du kannst gerne weitermachen. Ich bringe dich später ins Bett, musst mich eben aufwecken.“, hat er mir schon mehrmals angeboten. Aber dann haben wir überhaupt keine Zeit mehr zusammen. Und ausschlafen kann ich auch nicht; wer soll mich aus dem Bett holen, wer mich anziehen???

Suizidgedanken drängen sich mir im schwindenden Licht auf. Wie so oft. Darin Routine haben, könnte man geschmacklos bemerken…

WIE LANGE NOCH???!!!

Vergessen, die Haare zu waschen… PANIK!!!
Er ist zurück, lässt Martha hinaus, sagt, Fine würde auf dem Hocker schlafen, und dass er noch eine halbe Stunde benötigt. Kaum hat er die Tür geschlossen, kaum ist er in seinem Zimmer oben verschwunden, beginnt die Katze hier im Raum unruhig hin und her zu wandern… PANIK!!!

Erwürgt mich endlich!! Bringt es endlich zu Ende!!!
Und DAS sei erst der Anfang, hat Markus gesagt… Was habe ich verbrochen?
Wie ein Mantra wieder und wieder und wieder und wieder diesen einen Satz herunter beten: „Ich bin schlecht. Ich bin schlecht. Ich bin schlecht. Ich bin schlecht. Ich bin schlecht…“.

Überdosis, mich verabschieden, entschuldigen und auf Wiedersehen!…

Ich will mir auf die Lippe beißen. Nichts mehr finden, woran ich mich klammern kann. Jetzt, spätestens jetzt nehmen die Kopfschmerzen zu.

RAFFST DU ES ENDLICH??!! DU BIST ÜBERFLÜSSIG, EINE BELASTUNG, DRECKIG, EIN GROSSES, STINKENDES STÜCK SCHEISSE, EINE WIDERWÄRTIGE FOTZE!!!!
WORAUF WARTEST DU NOCH, HA??!!
BRING DICH UM!!!!!

Auf den Kollaps warten. Er kommt nicht. Meinen Tee trinken, als sei doch alles in Butter. Mein Innenleben steht in Flammen. Wieder einmal. Würde ich hyperventilieren, hätte ich wenigstens die Chance, bewusstlos zu werden. Aber nein… Ich darf mir den ganzen Scheißdreck in mir ansehen, all das, was ich verbrochen habe, die Vergangenheit -die so harmlos daherkommt, abgesehen von meiner Existenz darin, wie ein Schandfleck- und dennoch keine Zukunft zulässt. Neurotische Entgleisungen meiner Mimik. Natürlich treibe ich mich augenblicklich immer weiter selbst hinein. Natürlich werde ich diesen Mist ins Internet stellen. Natürlich werde ich in einer halben Stunde mit Sebastian auf dem Sofa sitzen und ein Abendessen einnehmen. Als sei nichts gewesen. Genauso natürlich werde ich morgen wieder hier Platz nehmen und alles wird erneut offen sein; der neue Tag, die kastrierten Optionen, dahinter das restliche Leben… Bis zum Tod.

Es wird 20:30 Uhr, mein Schädel füllt sich immer mehr mit Schmerz, aber zugleich auch Watte. Die rechte Hand umschließt den linken Unterarm, die verstummten Wunden darunter, und sie klimpert. Irgendwann werde ich in der Psychiatrie enden, kein Wort mehr sagen, keine Reaktion mehr zeigen, eine Bettkartoffel sein und mein gesamtes Dasein beschränkt sich auf das Klimpern meiner Rechten. Bzw. dessen, was von ihr übrig bleibt.

Draußen wird es dunkel. Oben rührt sich etwas. Die Angst bläst zur Attacke. Ich ziehe den Kopf ein. Die Katze beginnt sich zu langweilen; ihr eine Leckerei in den dunklen Raum werfen. Emotionslos. Gefühlstot… BIS auf die Angst. Meine Augen schließen und versuchen, zu atmen. Mein Leben mag mich nicht. Beruht auf Gegenseitigkeit. Ich hasse es. Bin dessen nicht wert. Erst recht nicht in so einer bequemen Situation mit eigenem, schuldenfreiem Haus, keiner ist krank, alle leben, Eltern, die alles für mich tun würden, dann noch so einen liebevollen Partner zu haben usw. und so fort und sowieso und überhaupt, weil ANDEREN GEHT ES VIEL SCHLECHTER ALS MIR…

Der Kerze im Stövchen das Licht ausblasen. Was wären meine letzten Worte, würde mich morgen ein Auto mit dem Rollstuhl über den Haufen fahren… „Fuck!“ oder „SCHEISSE!“ oder doch vielleicht „Endlich…“?

Es tut mir leid. Ich möchte und muss mich für mich selbst entschuldigen. Nicht nur allein dafür, diesen wortgewordenen IRRSINN ins unendliche OFF des Internets zu rufen. Es tut mir unendlich leid.

Aber nicht einmal weinen kann ich; die Augen zu trocken, brennen, als bestünden meine Tränen aus Säure… Aber was soll schon Vernünftiges aus so einem besudelten, dreckigen Lebewesen herauskommen, außer noch mehr Gülle?

Da zerfließt sie wieder in Selbstmitleid!“

Damit man ihr das Gegenteil sagt!! Was für ein durchtriebenes, manipulatives Drecksstück!!

Kopfschmerzen. Der Katze noch ein Leckerli hin werfen. Er kommt von oben und die Betäubung ist wertlos…

17. März 2018, Samstag „Regen mit Trübsal“

16:45
Am Video arbeiten. Draußen erhebt ein Rotkehlchen seine Stimme. Den ganzen Tag Niederschlag.

Heute Nacht im Traum wurde ich von einem Kind missbraucht. Von einem kleinen Jungen, dessen Augen denen eines Teufels glichen, wie besessen.

Direkt nach dem Frühstück fuhren wir ins Dorf, Großeinkauf machen. Ich stand da gerade vor dem Regal mit dem Studentenfutter, als Sebastian plötzlich zu mir sagte: „Habe ich es nicht vorausgesagt?!“. Ich war irritiert. Klar, beim Einparken zuvor wurde gemutmaßt, ob wir Mieke wieder über den Weg laufen. Aber da war keine Mieke, hinter ihm stand meine Mutter. Sie schaute drein wie in kleines Kind, das etwas angestellt hat und jetzt nicht weiß, wie es mit einem umgehen soll. Der erste Blick reichte… Ich fühlte mich schlecht und schuldig. Auch wenn das Gespräch ganz normal ablief und von nur kurzer Dauer, griff ich anschließend verhältnismäßig häufig ins Süßwarenregal und nahm mir allerhand „Scheiße“ mit.
Sie hatte einen Brotlaib im Korb und gefragt, ob wir die Hälfte haben wollen würden: „Für uns zwei ist das zu viel.“. Aber erst schüttelte Sebastian und dann auch noch ich den Kopf. Für ihn war die Sache gegessen. Wiederum ich hatte das Gefühl, sie gerade umgebracht zu haben. Dann erzählte sie noch von meinem Vater, der seit Wochen krank ist und nicht verstehen will, dass er seine Antibiotika nehmen soll. „Woher willst du wissen, wie lange man die nehmen muss?!“, hätte er gefragt und sie darauf geantwortet, dass er eben eine kluge Frau hat.

Welcher Eindruck entsteht da? Meine Güte, ein putziges Pärchen, er mehr oder minder das kleine Kind seiner Ehefrau. Ein wenig schrullig, aber liebenswert…

Vor mir tat sich der Höllenschlund auf und die Schuldgefühle rissen mich mit sich hinab in die Tiefe. Ich war so kurz davor, hatte so dermaßen das Bedürfnis ihr zu erklären, warum ich Abstand von ihnen brauche. Aber ich ließ es sein. Jetzt kommt der Abend. Der nächste Tag ist vorbei. In 1 Stunde Sitzung mit Markus. Sebastian ist weggefahren, um sich mit Jan in Jennersdorf zu treffen. Ich ganz allein… Nutzte die Chance, fuhr mit dem Rollstuhl ins Badezimmer, um die dicken Blutkrusten von meinem Arm zu waschen. Wunderschön rot und blau unterlaufen jeder einzelne Strich. In meinem Kopf herrscht Stille. Ich möchte mich besaufen. Die Tablettendose und die Tramalpumpe mit an den Tisch genommen. Schwer seufzen. Atemlos. Gewacalm? Wüsste ich genau, wann mit ihm zu rechnen ist, längst hätte ich die Rasierklinge wieder „in Betrieb genommen“. Damit ich etwas zu erzählen habe in meiner Therapiesitzung…

Ich höre ein Auto; das wird er wohl sein. Meine Hände klimpern unruhig. Die Lippen total ausgetrocknet, wie auch der Gaumen. Mich wieder dem Video widmen? Wäre da nur nicht schon wieder dieses Gefühl von Harndrang… Macht mich nervös. Aber ich habe es unterm Strich nicht anders verdient…

20:20
Die Sitzung 65% weinend verbracht.
Nach Verabschiedung meiner Mutter stand ich noch vor Ankunft beim Süßigkeitenregal bei den Spirituosen: „Ich glaube, ich will mich besaufen…“. Auch als Sebastian gerade von oben anruft und fragt, ob wir fertig sind, mein abschließender Satz bevor ich auflege: „Vermutlich möchte ich mich jetzt noch volllaufen lassen!“.

Alles, was Markus sagt, ergibt Sinn. Aber ich fühle gerade nichts mehr. Zwei Gewacalm, eineinhalb Dosen Tramal, 2,6 mg Morphium. Es ging mir gut, nachdem ich geweint hatte. Aber dann kam die Panik und hat mich jetzt ganz fest im Griff. Genau genommen beide Hände fest um meinen Hals geschlossen und würgt und würgt… Mir kommt der Kakao, den ich mir zur Sitzung erlaubt habe, wieder hoch.

Wie schlecht bin ich? Zuvor mit meinen Suizidgedanken fühlte ich mich erstens wohler und nicht zu vergessen sicherer. Meine Augen fallen zu, das Bild vor ihnen verdreht sich, gerät ins Trudeln. Ich würde noch mehr einwerfen, wüsste ich nur mit Sicherheit, dass es die Panik abstellen könnte… Eine Temesta.

22. September 2017, Freitag

8:29
Erst Erstaunen… 58,7 um 6:45 Uhr. Doch gleich die ersten Handgriffe am Bild gehen einher mit der Selbstbeschimpfung…

Dummer Trampel!!

Ich sah es kommen, wollte das überschüssige Wasser aus einem der Glasschälchen entfernen, um Platz zu machen, für weitere Farbkleckse und… Plumps! Das Glas landet in dem großen Gefäß, in das ich immer verbrauchtes Wasser kippe, um nicht ständig aufstehen zu müssen… Das bedeutet zugleich wieder unzählige Tuben und Flaschen zu öffnen und wieder zu verschließen, in meinen Kisten und Körben nach den richtigen Farbtönen zu suchen, was Kraft kostet, viel zu viel Kraft. Dabei noch der Erkenntnisgewinn, dass sehr viele Farben allmählich den Jordan überschritten haben. Unzählige Sachen wieder einmal auf den Boden befördern -warum arbeite ich nicht gleich dort? Erspare mir das Runterschmeißen und wieder Aufheben! So Verstreichen 29 Minuten nur für die Vorbereitung.

Der kleine, graue Kater streift über die Terrasse. Der Abend, die Nacht brachten mich an meine Grenzen, der Traum sorgte für die Verlängerung dieses Unwohlseins.

Mich erst einmal auf der Leinwand orientieren, alles sortieren; ein wenig Tee habe ich noch. Sicherheitshalber ein Frotteetuch auf meinem Schoß ausgebreitet; der eine Fleck auf der Hose in Grün reicht mir. Aber wo fange ich nun an? Wo an der Leinwand, wo beim Traum?…

VERDAMMTE SCHEISSE!!! Mit dem Mauskabel das Glas mit dem schmutzigen Pinselwasser umkippen, auf die offenen Petrischalen, auf die Farben und am schlimmsten: auf das Gesicht!! Dass ich heute so flott auf dem Weg in den Abgrund unterwegs sein würde, hätte ich auch nicht für möglich gehalten! Ich möchte mich jetzt schon massakrieren, bestrafen dafür, mich hier wie ein Elefant im Porzellanladen aufzuführen!!

DU BIST SO SAUBLÖD!!! VERRECK DOCH ENDLICH!!

Vor der Leinwand stehen, nichts als Chaos sehen und erst recht keinen Ausweg! Das alles hier umorganisieren… VERDAMMT! Ich habe KEINEN PLATZ!! Alles voll geräumt, lauter winzige Details, von links nach rechts, von vorne nach hinten und wieder zurück schieben. Mein Rücken bricht in sich zusammen… Klar! Du musst dich melden! Warum habe ich das Haus so beschissen geplant?! Für was zwei Kinderzimmer?! Warum ist die Wohnküche nicht doppelt so groß und mein Arbeitstisch doppelt so groß?!!

Weil du Trottel selbst DANN alles zumöhlen wirst!!

Eine weitere Katastrophe bahnt sich an, als ich den Streifen Karton aufhebe, auf dem gerade alle Farbschälchen stehen. Die Gefahr zu visualisieren bewahrt mich auch nicht vor dem Missgeschick! Einmal tief durchatmen,… soweit es die Blockade im Kreuz überhaupt zulässt. Was mache ich jetzt?! Mich kotzt an, dass ich die Kabel links neben mir mindestens einmal die Woche auseinander nehme und sie sofort wieder verknotet sind!! Seien es die Kopfhörer, die Maus oder die 100.000 anderen Apparaturen, die am Computer dran hängen!! Versuchen, irgendwie Prioritäten zu setzen…

9:20
Völlig aus der Bahn geworfen. Das, was sich mir gestern Abend in Form einer Panikattacke präsentiert hat, scheint nun Realität zu werden: Ich war felsenfest davon überzeugt, den heutigen Tag, überhaupt keinen Tag mehr ohne Betäubung überleben zu können!!! Augenblicklich ist es nur noch eine Frage von Minuten, ehe ich mich erneut abschießen muss. Noch immer keine Ordnung auf der Leinwand, nicht zufriedenstellend die Sicherungsmaßnahmen der fertigen Partien. Noch immer kein Platz auf dem Tisch, und das, obwohl die Leinwand seit Wochen hochkant vor mir liegt und eigentlich nur 30 % der Tischfläche einnimmt. Und der ganze andere Scheiß drumrum??!! Der Tee, das Räucherstäbchen sollten doch eigentlich Ruhe vermitteln, aber ich rotiere innerlich!

Vielleicht kommt das aber auch von den gestrigen Überdosen?

Und wenn schon! Ich kann nicht mehr klar denken, dabei wollte ich mich doch noch dem Traum widmen, der mir wichtig erscheint und in meinem Gedächtnis bereits zu zerbröseln beginnt! Ich halte die Fettschicht auf meinem Gesicht nicht aus, nicht die Flecken auf meiner Brille. Ich fühle mich dreckig, ekelhaft, besudelt und doch selber schuld!

9:47
So tun als ob… Zähne geputzt, Gesicht gewaschen, Unterarm von Blutresten befreit… „Früher war mehr Lametta!“… Die Spuren vom Schlachtfest kläglich. Da sehnt man sich in Zeiten zurück, voll gepumpt mit Cortison und erst recht Blutverdünner! Dunkelblau, dunkelviolett bis hin zu beinahe schwarz… Das war wenigstens noch ein Farbenspiel!

2008-04-29b(2008)

Allem Anschein nach habe ich mit dem Malen bereits abgeschlossen. Ich hänge in der altbekannten Lethargie fest. Am liebsten noch einen Tee und dann in Ruhe den Traum Revue passieren lassen. Eigentlich sollte Sebastian heute Abend der Sitzung mit Markus beiwohnen, aber da kommt ja „tragischerweise“ Fußball. Ich denke nach dem gestrigen Tag benötige ich die Sitzung ohnehin für mich allein.

Markus eine Nachricht schicken. Ich weiß nicht wie oft er mir eingebläut hat mich zu melden, wenn es kritisch wird. Aber… Tja, ABER…

Auf der Leinwand alles zu Ende arrangiert, um sie dann nach hinten zu schieben und damit sozusagen vorerst den Abschluss für heute zu markieren. Mein Traum… Sebastian und ich waren in Jennersdorf. Es war Tag, es war Nacht, irgendetwas dazwischen, scheinbar Winter, mal lag Schnee, mal gab es Eis, mal nichts von alledem. Ich hörte meine Laufmusik, ich musste also die Kopfhörer in den Ohren haben. Auch trug ich meine Laufmontur, und die neue Laufhose, die ich eigentlich nie richtig zum Tragen gekommen war, flatterte an meinen Oberschenkeln. Ich versuchte es, ganz vorsichtig, Schritt für Schritt… Nur nicht aufgeben, mein Liebster dicht hinter mir, er würde mich auffangen… Alles endete abrupt, als meine Mutter mir vor die Füße rannte. Sie begann zu reden und redete und redete und redete wie ein Wasserfall, den man nicht stoppen kann. Ich konnte fühlen, wie sie mir die Energie raubt, aussaugt, meine Kräfte schwanden mit jedem einzelnen Wort von ihr und so landete ich wieder im Rollstuhl. Alle stiegen ins Auto, warum wir sie mitnahmen, weiß ich nicht mehr genau. Irgendein Auto sollte gewechselt werden, denke ich… Wir fuhren zum Gasthaus, und doch zum Haus meiner Oma nach Fürstenfeld. Diese hatte Besuch von ihrer Tochter aus der Schweiz. Jene, die ihr als Kind von einer Schwiegermutter oder so weggenommen worden war. Während dem Krieg? Ich kenne die Geschichte nicht so genau. Aber nun war sie da, die Tante, mit ihrem Mann und ihren beiden Töchtern. Zumindest im Traum hatte die Jüngere einen anderen Vater. Alle waren von meiner Mutter begeistert, weil sie doch so schlagfertig und lustig war. Ich befand mich im ersten Zimmer mit Onkel und Cousinen. Meine Mutter ging in den anderen Raum, wo sich die Tante und wieder der Onkel befanden, um auch dort für gute Laune zu sorgen. Als sie ging und von meinen Cousinen gelobt wurde, verdrehte ich hinter dem Rücken meiner Mutter demonstrativ für alle im Raum die Augen. Die jüngere Cousine fragte mich, was denn los sei. Ich lag auf einem seltsamen Kanapee, die Matratze war so wuchtig und kugelrund, dass ich permanent auf irgendeiner Seite hinunter purzelte. Ich fühlte mich krank, wollte Fieber messen und bemerkte doch zügig, dass diese „Krankheit“ definitiv mit der Gegenwart meiner Mutter zu tun hatte. Denn nun, kaum hatte sie den Raum verlassen, war meine Temperatur wieder normal. Was hätte ich der Cousine antworten sollen?

[……]

Wie man dann auf das Thema Missbrauch kam, weiß ich ebenfalls nicht mehr. Die Jüngere erzählte mir nun davon, dass ihr Vater sie an die Wand gedrückt und von hinten missbraucht hätte. Beim alten Rein-Raus-Spiel hätte er sodann einmal sein Ziel verfehlt, sie zwischen ihren Beinen hindurch gekuckt und mit einem Messer ihm den Schwanz kurzerhand abgeschnitten. Er würde nie wieder jemandem etwas zuleide tun! Es war auch die Jüngere (sie war dennoch mindestens 45-50), die definitiv einen Schaden davongetragen hatte. Das sah man an ihrer Art, sich schwarz zu kleiden, sich zu schminken, sie hatte auch keine Kinder, keinen Partner und vor allem vernarbte Arme. Ich versuchte mich auf dem Bett zu halten, aber fiel in einer Tour auf den Boden und konnte mich immer weniger alleine aufrichten, bis ich völlig gelähmt dort liegen blieb. Da sagte die Ältere, die sehr wohl zwei kleine Kinder hatte und Ärztin geworden war: „Das ist eindeutig eine Dissoziation!!“. Beide halfen mir zurück ins Bett, die Ärztin wollte meinen Blutdruck messen und schob den linken Ärmel hoch. Etwas erschrocken sah sie die blutunterlaufenen 30 Schnitte von gestern. Sie zog die Augenbrauen zusammen, ihr Gesichtsausdruck wurde sehr, sehr ernst. Sie fragte mich nicht direkt, aber für sie war das alles eindeutig und es ging nur noch darum: Wer hat mir DAS angetan? Da zog die Ältere ihre Bluse aus, ihr Torso war von den Schlüsselbeinen mittig bis runter zum Schambein in Form einer Schlangenlinie oder vielleicht auch eines Fragezeichens aufgeschlitzt und mehr als brachial wieder zusammengeflickt worden. Die Narbe ein dicker Wulst. Ich meine mich zu erinnern, sie hätte noch gesagt, dass sie sich auch damit auskennt, hätte es selbst mit einem Brieföffner gemacht, nachdem sie Jahre missbraucht worden war… Nun sah ich meine beiden Cousinen, beide arg gebeutelt vom Leben. Ich sah mich sofort wieder in einem Konkurrenzkampf. Der aber definitiv nicht von den beiden ausging; sie waren einfach nur besorgt um mich und voller Verständnis. Aber wie ich da so auf dem Kanapee lag und mich gleichzeitig fragte, wie meine Oma hier allein im Haus darauf sicher schlafen könne, ob das nicht viel zu gefährlich sei… Wie ich da so lag und mir vorkam wie auf hoher See bei einer Sturmflut, fühlte ich mich unglaublich schlecht, gleich in zwei Richtungen! Einerseits: Wie könnte ich bloß das, was mir passiert ist, vielleicht passiert ist, eventuell, möglicherweise, wenn überhaupt, mit ihren Schicksalen in einen Topf werfen? Mir ist doch nichts passiert, alles halb so wild, nicht so schlimm…

[……]

Mit diesem schlechten Gewissen riss mich Sebastian um 6:45 aus dem Schlaf. Aber ich fühlte mich den Cousinen so dermaßen verbunden, auf eine unerklärliche Art und Weise. Auf eine unausgesprochene Weise. Es ging ihnen auch nicht darum, zu vergleichen, auf- oder abzuwerten.

Ich fühle mich scheiße. Nichts geleistet außer Schlamperei und Unheil anzurichten. Sollte ich Physioübungen machen? Sollte ich einen kleinen Spaziergang draußen wagen? Oder aufs Laufband? Ich weiß es nicht, ich kann mich nicht entscheiden und am liebsten möchte ich mich aufs Sofa legen und schlafen. Ehe ich wirklich erneut zu meinen Drogen greife. Oder zur Rasierklinge. Wie die Ruhe vorm Sturm fühlt es sich soeben an. Als ob die nächste Entscheidung mein Schicksal bestimmen könnte.

17:52
Kaum bin ich allein, kaum hat er den Raum verlassen, kaum habe ich einmal kurz durch die Terrassentüren draußen das herbstliche Abendrot gesehen, manövriere ich den Rollstuhl hastig noch einmal zum kleinen braunen Beistelltisch neben dem Sofa, greife hastig zum kleinen braunen Fläschchen und pumpe mir erneut eine volle Dosis in den Mund. Obwohl es erst Minuten her ist, mir eben eine solche bereits verordnet zu haben. Ich bin zerrissen. In mir drinnen völlig zerrissen. Ich vermag nicht, mir eine Absolution zu erteilen, mir selbst zu erlauben, dieses oder jenes erst einmal ad acta zu legen. Alles, was ich sehe, ist mein Versagen: nicht gemalt, viel zu viel Zeit auf dem Sofa vor der Glotze, nichts am Video gemacht, den wunderschönen Tag den Bach runter gehen lassen, nicht raus gefahren und beim Versuch, spazieren zu gehen, völlig abgeschmiert. 50 Minuten Geriatrie pur! Oder besser gesagt: Ausflug der Palliativstation! Erst recht als Sebastian ein paar Schritte neben mir her ging, verreckte ich bei jedem Schritt ein Stückchen mehr. Und wehe, ich habe gelacht! Dann wäre ich wie letztens bei dieser schrecklichen Situation in der Dusche beinahe völlig kraftlos in mich zusammengesunken und auf den Boden geknallt! Warum bin ich dann zu Hause nicht raus mit dem Rollstuhl? Warum blieb ich auf dem Sofa sitzen? Warum konnte ich mich nicht entscheiden? Und während Sebastian sich noch über das Gesehene in der Flimmerkiste amüsierte, es kommentierte, brach in mir etwas zusammen. Spätestens jetzt im Abendrot erkenne ich den Bruch… Ich will nicht mehr leben. Die Zerrissenheit ließ und lässt sich auch immer noch nicht deutlich von der Panik abgrenzen. Zuvor waren meine Arme noch warm, da hätte ich zur Klinge greifen sollen. Ich wollte eine Aufnahme machen, für das Video, mit der Fragestellung, was da gestern mit mir abgelaufen sei. Auch zu Sebastian gesagt, ich wüsste es nicht mehr. Ich könnte es immer noch machen. Aber stattdessen bewege ich mich nicht und fühle mich schlecht und schuldig und als ein Nichts! Das schöne Wetter, den schönen Tag, alles vergeudet. Und bald ist Winter, bald ist es zu kalt…

Was ist es? Langeweile? Als Langeweile kostümiertes Unvermögen? Wie oft noch wieder und wieder IMMER DIESELBEN FRAGEN?! Wehmut stellt sich ein. Kindheitserinnerungen flattern vorbei. Die Schnitte betrachten; sie tun nicht einmal mehr weh.

18:43
Mich meiner verbalen Inkontinenz gewidmet. Bin ich schlauer? Erst die Panik vor den Terminen, vor der „Unbekannten“, der „Variablen“, was die Volkshilfe betrifft, mittags die Erkenntnis, keine Freunde haben zu dürfen, nachmittags die innere Unruhe, die selbe Zerrissenheit wie augenblicklich auch, dann die Angst, allen um mich rum mit meiner Suche nach Antworten Leid zuzufügen, sie umzubringen und es besser wäre, ich würde sterben, dass sich sowieso erst ganz am Anfang stehe und schon damit nur Schaden anrichte, um zu guter letzt den ganzen Dreck in und an mir klar und deutlich zu erkennen und das Gefühl, das einer Tatsache glich, keinen einzigen Tag mehr ohne Abschluss überleben zu können. So könnte das Fazit unterm Strich aussehen.

Sebastian macht mir noch einmal den Tee heiß, sagt, ich solle ihm und Rostock alles Gute wünschen und er würde wiederum mir wünschen, dass es nicht zu schlimm wird und dann nochmals sich selbst, dass er hinterher nicht wieder so eine zerstörte Frau hier sitzen hat wie zuletzt, als es danach zum Streit gekommen war. Ein Räucherstäbchen anstecken. Auf meine beiden Nachrichten waren keine Antworten eingetrudelt. Vielleicht erwartet Markus gleich, dass Sebastian neben mir sitzt. Ich bekomme Kopfschmerzen und lege mir das Taschentuch vor mir griffbereit auf den Tisch. Ständig gehen Wörter verloren, aber das war schon vor den Überdosen gestern und heute so…

20:29
Während dem Gespräch mehrfach zusammengebrochen. Erst wegen dem Gedanken, keine gute Freundschaft wert zu sein, derer Erhaltung unfähig. Anschließend ging es nur noch um Schuldgefühle und Sterbefantasien wie seit Kindertagen, in der Hauptrolle meine Mutter. „Das ist so tief in meiner Psyche verankert, ich sehe nichts anderes als das.“. Und für einen kurzen Zeitraum fühlte ich mich wie die Sechsjährige, die nachts im Bett lag und sich die Augen aus dem Kopf geheult hat. Markus fragte, ob ich leise oder laut geweint habe. „Ich glaube, ich habe laut geschluchzt, meinen unerträglichen Schmerz ganz tief ins Kissen geschrien… Und auf diesem Wege wieder lautlos geblieben.“. Ich sah draußen die letzten Fetzen vom Tag in Form eines schmalen Lichtstreifens über dem Graben, ganz weit weg im Süden. Spannte sich von der einen Hügelkette zur anderen wie eine Brücke. Eine Brücke zum vergangenen Tag. Und wurde blasser und blasser und verschwand. Ich sah die Kleine, ich WAR die Kleine, ich sah meine Mutter sterben. Also nicht wortwörtlich. Ich sah nicht ihren Tod. Ich sah ihre Augen, ihren Blick, und er wurde plötzlich „todtraurig“, leer und mit diesem Eindruck ließ sie mich zurück, ganz allein, und ich doch noch so klein. Bei aller Ratio, bei all dem erwachsenen Verständnis… Ich sah sie sterben und war davon überzeugt, dass es kein Morgen mehr geben wird. Also war ich das kleine Mädchen, das sich nachts in den Schlaf weint und immer wieder ins Bett macht…

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(2008)

Ich dachte, die Überdosis reicht nicht. Ich dachte, ich muss mich noch verletzen. Aber nun ist alles leer meinem Kopf. Und ich bin heilfroh, von der Schokolade noch genug zu haben, um auch noch die Gefühle mit einem seligen Lächeln abzustellen…

1. September 2017, Freitag „Herbstbeginn“…

8:52
59,5 Kilo um 6:45. Und DAS wegen einem Salat!! „Lachend geht die Welt zu Grund!…“. Wie in Trance die Glasdeckel von den Petrischalen entfernen und die Farben mit der Sprühflasche befeuchten. Das Diktierprogramm funktioniert noch weniger als sonst, dabei gestern Abend eine Sprachanpassung durchgeführt. Da heißt es ja beinahe vor Aufregung Popcorn futternd den nächsten Totalausfall dieser Blechkiste erwarten! Dies begünstigt aber auch, währenddessen keinen einzigen Strich arbeiten zu können. „Och, bist du süß! Ganz dicke Klöpse unter den Augen… Bist du etwa müde?“, mit einem verschmitzten Grinsen im Gesicht. Das Bedürfnis, mich unverzüglich auf den Tisch plumpsen zu lassen, wird beinahe zum Zwang. Was habe ich gestern alles feines eingenommen? 2 Sekunden vor dem Telefonat mit meinem Vater, gerade auf dem Weg gen Sofa und Telefon, wäre ich um Haaresbreite fast nach hinten umgefallen. Um mir wieder mal den Schädel blutig zu schlagen, Rettung, Notfallambulanz. Flucht vor diesem Telefonat? Es dauerte lange, ehe er endlich abhob. Wie gewohnt von ihm wurde es ein kurzes Gespräch, etwa 3 Minuten nur, in denen er mehrmals meinte, ICH solle mir doch das Gasthaus aussuchen, wo wir am Sonntag seinen Geburtstag nachfeiern werden. „Davon habe ich doch gar keine Ahnung… Und es ist dein Geburtstag!“. Er war ohnehin gerade beschäftigt, mein Bruder bei ihm in der Garage. Ich legte auf und war froh über die Kürze dieser überbrachten Glückwünsche. Aber dann… Vor mir tat sich ein schwarzes Loch auf und das Fundament unter meinen Füßen bröckelte, stürzte in die Unendlichkeit und drohte mich mit zu reißen. Selber schuld? Weil ich das Video „Seelenkrüppel“ auch noch angesehen hatte, in dem ich von heftigen Angstzuständen bei der Reha berichte? Mein Herz hörte nicht mehr auf zu rasen, ich konnte nicht essen (also trinken, gab sowieso nur einen Eiweißshake), bekam keine Luft mehr und das Programm, das Sebastian sich in der Glotze ansah, war unerträglich. Irgendein Typ, der bei YouTube Videospiele testet und kommentiert. Er redete die ganze Zeit und Sebastian kicherte immer wieder verzückt wie ein kleines Mädchen. Das war zu viel. Eine Temesta. Ich habe längst vergessen, welcher Schmerzen wegen ich dann auch noch Deflamat eingeworfen hatte. Weil da eine einsame Tablette seit Monaten in meiner Dose herum lungerte und auf ihren Einsatz wartete? Ich bin erschlagen. Und doch kam es nachts noch zu „mehr“. Aber ich empfinde nichts.
Das Räucherstäbchen bereits zur Hälfte heruntergebrannt. Jetzt endlich die Arbeit aufnehmen, mit Konzentration. Kapitulieren und schlafen kann ich immer noch.

10:05
Nach 1 Stunde Malen ertappe ich mich selbst dabei, für Sekunden abzudriften. Das, was ich sehe, passiert vermeintlich um mich herum, ist aber schlussendlich nur in meinem Kopf, ein Traum, Tagtraum, der die Grenzen zur Realität überschreitet. Ich sah meine Cousine, irgendwelche Türen wurden geöffnet und geschlossen, mit geöffneten Augen. Ich komme doch sowieso nicht vom Fleck, dann kann ich ja gleich dem Scheitern den Vortritt gewähren. Pinsel gewaschen, Farben abgedeckt, Licht aus und Kissen auf den Tisch legen. Nach der massiven Panik gestern erwartete ich mir doch einen Traum, der zumindest ein winziges Puzzleteil freigibt. „Wunschdenken!“.
„So funktioniert das nicht!“.
Die Augen fallen zu. Was bin ich nur für ein Versager.

DU FLASCHE!!

Bin auch nicht mehr fähig, die richtigen Befehle zu geben, um mit dem Diktierprogramm zu arbeiten. Aus, aus und vorbei und in den 60 Minuten NICHTS geschafft. Müsste ich alle Wiederholungen, jeden einzelnen Stillstand von den nun 998 Stunden abrechnen, was bliebe da übrig? 500? Ich kann nicht mehr…

19:15
Den ganzen Tag komatös auf dem Sofa geschlafen und Markus gebeten, die Sitzung vorzuverlegen. Durchfall und am Ende käme ich damit auf ein Gewicht von 58,9. Nach 17:00 Uhr Anfang der Sitzung. Erst noch gefasst und dann die restlichen 90 Minuten geweint. Erst ob meiner Unfähigkeit, Freundschaften einzugehen (Tränendrüse an, schon wieder), Freundschaften zu pflegen, zu halten. Die Unfähigkeit, Nachrichten zu beantworten. Überleitung zur Unfähigkeit, Geschenke zu machen. Er meint, irgendwann im Leben habe ich wohl schon „zu viel von mir gegeben“. Hin zu diesem Missbrauchsbuch „Inzest-Tagebücher“, zwangsläufig zu meinem inneren Kind, dem Abendrot, den Sterbefantasien, damit einhergehend Schuldgefühle und um diese zu begleichen der Gedanke, alles wäre besser, wenn ich mich töte. Seit ich 6 bin…

Und wieder die Kontrolle verloren, aufgelöst und vor mir der Zeichenblock. Das Bild des Kindes hat sich mir eingebrannt; ich muss es rauslassen, ob ich kann oder nicht! Ob mich meine Hand lässt oder nicht! Das Taschentuch klatschnass, voll gerotzt. Meine Selbstmord-Playlist von 2015 anschmeißen und in mich eintauchen, um diesem kaputten Kind erneut ein Gesicht zu geben. Mit all seinem Dreck, seiner Schuld, seinen Abgründen…

19:58
Zeichnen, weinen, Überdosis… 40 Tropfen auf vorherige 20 vom Opioid. Die Musik, die ich als letztes in meinem Leben hören sollte, donnert durch meinen Schädel…

22:02
Ausgebrannt…

1. August 2017, Dienstag 8:35

Nachmittags Entwässerungstablette; beide Sprunggelenke geschwollen. 59 Kilo um 6:45.
Das gestern, eigentlich alles, das lief zu glatt, zu gut. Insgesamt drei Stunden an der Leinwand geschafft. Jetzt läuft schon die Stoppuhr, ich muss zur Farbe greifen, und zugleich versuchen, den Traum von heute Nacht Revue passieren zu lassen. Wieder so ein „Seelenfilm“, den ich nicht öffentlich posten darf…

Womit fange ich an? In irgendeiner Sporthalle spielten meine Schulkollegen (in Wirklichkeit waren es die Klienten der Firma) ein seltsames Ballspiel. Zwei Mannschaften spielten gegeneinander und ich traf die Ziele nicht. Das war eine Art Ausflugsziel und danach ging es wieder nach Hause. In der Volksschule sollte eine Weihnachtsfeier stattfinden, inklusive Theaterstück, in dem auch ich eine tragende Rolle bekommen habe. Ich ging über die Wiese, die den Schulhof darstellt. Da standen Bierbänke, da war ein Zelt, viele Leute feierten und ich wurde zusammen mit meinen Mitschülern an einen Tisch gesetzt. Es gab Pasta und ich bekam irgendwie nichts ab. Dann setzte sich Mieke rechts neben mir hin. Sie hatte schlechte Laune; so kannte ich sie gar nicht. Dann fing sie an, mir Vorwürfe zu machen, nur wegen mir hätte man verloren, weil ich so unfähig bin. Sie begann zu schreien, brüllte mich an. Ich fühlte mich als Behinderte diskriminiert und sie nannte mich dann auch Krüppel. Mein Rollator war verschwunden, also stand ich auf und ging ganz langsam weg. Mit jedem Schritt wurde ich sicherer, bis ich wieder einigermaßen normal gehen konnte. Nach Hause, nichts wie nach Hause…

[ … ]

Jetzt wachte ich endgültig klatschnass auf, atemlos, sagte mir selbst, dass ich diesen Traumteil auf gar keinen Fall vergessen darf!

Das, was dann folgte, war eine konfuse Jagd nach meinen Rasierklingen und einem Ort, wo ich mich unbeobachtet aufschlitzen konnte. Durchaus unklar, wann ich tatsächlich und ob überhaupt aufgewacht war. Meine mich zu erinnern, in einer der unzähligen Aufwachphasen (ob geträumt oder nicht) schweißschnass im Bett zu liegen und da ist niemand hinter mir. Gerade in Nächten, wenn ich hier alleine war, suchten mich solche Albträume immer wieder heim.

War das alles? Alles Entscheidende gesagt? Oder erst recht ein Chaos entstehen lassen, weil Erinnerung doch so flexibel ist? Da waren auch noch Gäste, Urlaubsgäste oben in den Zimmern, in einem davon hatte ich meine Rasierklingen versteckt. Einer der Gäste reichte sie mir dann heimlich und meinte, er würde mich nicht verraten. Er könne sich angesichts meiner Bilder ja denken, dass diese zu mir gehören. Auch der Dachboden kam in irgendeiner Form wieder vor. Da stand ein Bett auf dem Dachboden und darunter hatte ich hastig meine Blechdose versteckt, als erst Sebastian und dann meine Mutter störten.

Hat das alles irgendetwas zu bedeuten?

Sebastian kündigte an, heute solle es noch heißer werden als gestern. Mich aufs Laufband beschränken. Mir einreden, damit einen gleichmäßigen Gang trainieren zu können. Ganz vorsichtig, lediglich mit Lasur die Zeichnung am letzten Flügel anbringen, doch selbst die wird immer wieder zu breit und ich wollte doch verhindern, die Grundierung mit so vielen unzähligen Farben erneut zu ruinieren. Dann lautet das Endergebnis wieder nur GRAU! Man sollte es eher ein Herantasten nennen, was ich da mache. Der Rücken angepisst, der Ischias angepisst und der linke Arm schläft schon wieder ein. Und so geht eine Stunde vorbei, mit NICHTS in der Tasche… Pfusch! Ich muss mich eindeutig jetzt aufs Bild konzentrieren, sonst wird das nie was…

11:00
Meine Pläne verwerfen und wiederum mir selbst vorwerfen, zu schnell das Handtuch geworfen zu haben. Was für ein Wortspiel! Der Weg ins Badezimmer beschwerlich und dann beim Zähneputzen mich kaum aufrecht halten können. Starker Schwindel, Schwäche. Wie gesagt, es ging mir gestern zu gut. Die Neuropathie im linken Bein wandert hoch und runter und hoch und runter. Die Küche ist ein einziger Saustall. Ich fühle mich unwohl, dreckig. Erst recht mit diesem Traum im Gepäck. Die Luft, die zur offenen Terrassentür hereinweht, wird immer wärmer und wärmer. Meine Haut entzündet sich, die Pubertät lässt grüßen. Gestern schaffte ich es irgendwie, die Panik einigermaßen im Griff zu haben. Nur abends, und ich wollte die Dosis eigentlich weggelassen, bedurfte es weiterer 15 Tropfen Tramal. Die Lehrphase könnte ich nutzen, um das Filmmaterial zu sichten. Gestern draußen noch auf dem Kameradisplay eine Aufnahme entdeckt, die einigermaßen adäquat außer. Zumindest so im kleinen Format…

Weil man dich da nicht genau erkennt!!!!

Die Hand klimpert, der Blick fällt starr nach draußen, in mir versinken und nicht denken wollen. Doch schon drängt sich die nächste Erinnerung auf. Will mich nur noch aufs Sofa legen, Glotze an, Kopf aus. Das schlechte Gewissen natürlich im Gepäck.

14:20
Und ganz plötzlich läuft alles aus dem Ruder… Zu Mittag gab es Joghurt mit Müsli und ein paar Weintrauben. Dann hielt ich es schon nicht mehr auf dem Sofa aus. Konnte nicht in Ruhe die Sendung zu Ende kucken. In mir ging alles auf die Barrikaden, ich fing an zu fressen, weiter und weiter, dabei die Tüte mit dem Spekulatius zweimal wieder weggestellt. Erfolglos. Die letzten Reste darin aufgefressen und alles in mir möchte jetzt die Sünde erneut ausspucken. Besuch hat sich angekündigt, hätte die Woche Zeit, zumindest in einer Mail habe ich heute vorgeschlagen. Noch keine Antwort und sie schrieb auch, ich solle ihr auf jeden Fall Bescheid geben, so ich Panik bekomme. Ist es Panik? Oder klassische Unruhe? Weil ich erneut auf etwas warten muss und unklar ist, wann es eintrifft?! Ist nicht die Variable das Problem?! Ist nicht das fehlende Training das Problem?! Ist die Müdigkeit, die mich heute heimsucht und nicht sein darf, das Problem?! Ich möchte kotzen, weiter fressen, wieder kotzen, Beruhigungsmittel schlucken… Kurzum: Ich will, ich muss mir schaden, und zugleich will ich mich nicht aushalten müssen.
Es gäbe so viele Optionen, das Video, den Videoordner sortieren, Dateien löschen und umbenennen, oder vielleicht Musik machen, lesen und letzten Endes einen zweiten Versuch am Bild wagen… Bleibe festgefressen, die Augen wollen schlafen, werden zusehends kleiner und kleiner. Vielleicht einen Mate-Tee trinken, versuchen, wach zu werden. Ich hätte nicht fressen sollen, das macht extra müde. Und mir läuft die Zeit davon. Klimpern und sonst nichts. Natürlich ist es reizvoll, eine Stunde zu schlafen und nachzusehen, was meine Träume noch so ausspucken. Damit aber den restlichen Tag riskieren, wegwerfen im schlimmsten Fall. Unschlüssig. Erinnerungen an den kleinen Supermarkt im Erdgeschoss des Hochhauses, in dem meine Oma in Graz ihre Wohnung hatte, um so gleich zu Fuß wegen ihrer Krebsbehandlungen ohne Probleme ins Krankenhaus zu gelangen. Mir den Wecker stellen? Kopfschmerzen.

15:46
Nun bin ich noch unbrauchbarer! Es ist im ganzen Haus unerträglich, wie in einem Backofen, mir ist so schwindelig, dass ich nicht stehen kann. Und fatal sicherlich auch, gerade die Tüte mit den Marshmallows entdeckt zu haben. Vielleicht wird es heute noch was, mit mir und der Kloschüssel. Obwohl ich nicht weiß, wie ich mich davor auf den Beinen halten soll…

17:59
Keine Luft mehr bekommen. Mir zwei Folgen dieser Serie angesehen, vor der zweiten wird explizit gewarnt, dass es um die Darstellung von Vergewaltigungsszenen geht. Es wurde 17:23, das Mädchen liegt betrunken auf dem Bett, wehrlos und einer ihrer Schulkollegen vergewaltigt sie. Just in diesem Augenblick bin ich weggetreten. Ganz langsam kam der Zustand daher, ich klimperte eine Melodie und allmählich brannte es in meinem Magen, in meinen Gliedmaßen, das Klimpern schien den Zustand regelrecht aufrechtzuerhalten. Ich habe Bilder gesehen, das im Fernseher vermischte sich mit irgendwelchen Träumen, scheinbar träumte ich auch jetzt, dazu mischten sich Erinnerungsfetzen, ich sah den Kirchenplatz, irgendwelche Zugfahrten. Sebastian kam gerade nach Hause und bis jetzt hänge ich in diesem Dejavue. Der Lichteinfall in der Serie, der Lichteinfall draußen, alles passt zusammen! Mein Gesicht wie versteinert. Ich vermag Realität und Kopfkino nicht auseinanderzuhalten. Was hat tatsächlich mit mir zu tun??!! Ich wage es gar nicht, mich umzusehen, mir wurde der Boden unter den Füßen entzogen.

[ … ]

Eines meiner Beine beginnt wieder zu krampfen. Ich habe das Bedürfnis, mich zu verletzen. Die Luft steht hier im Raum und irgendwie ist es, als träumte ich immer noch. Das Wegtreten, mich Ausblenden funktioniert im Augenblick umso besser, bin wie auf Droge.

Gehe ich kotzen, nutze die Übelkeit, um mich der acht Marshmallows zu entledigen? Woran ich ebenfalls denken muss, die Zeit kurz vor der Diagnose. Auch angesichts dessen, dass das Bein immer stärker krampft. Eine Entscheidung muss getroffen werden. Jetzt sofort, um anschließend Medikamente nehmen zu können? Woran mich die erste Folge erinnerte, war meine Schularbeit 1998. Das tote Mädchen hatte ein Gedicht geschrieben, das ohne ihre Einwilligung in der Schulzeitung veröffentlicht worden war. Darin ist deutlich zu erkennen, wie allein sie sich fühlt und dass ihr Leben in Gefahr sein könnte. In meiner Schularbeit ging es um das Buch „Romeo und Julia auf dem Dorfe“, wie schon viel zitiert. Als wir die Arbeiten zurück bekamen, stand unsere Professorin auf und hielt eine Lobpreisung, „so etwas gibt es nur alle Jubeljahre“, „eine Glanzleistung für einen Schüler“ usw. und so fort. Dann nannte sie meinen Namen. Thema: ein Monolog sollte aufgesetzt werden, Julia kurz vor ihrem Suizid. Sollte ich meinen Text vorlesen oder hat sie es getan? Direkt im Anschluss hatte ich darum gebeten, die Klasse verlassen zu dürfen, um draußen zusammenzubrechen. Hatte da auch keiner gesehen, warum ich mich in die Literaturfigur so gut hinein fühlen konnte? Hatte keiner gemutmaßt, dass es dabei um mich und eventuell um Selbstmord meinerseits gehen könnte? Diese Frage habe ich schon oft aufgeworfen, aber die Serie hat mich eindrücklich daran erinnert.

Egal, ich bin ja noch da… Im Kreis laufen und dabei vermutlich einen Stopp im Badezimmer einlegen…

18:53
Anstatt mich zu übergeben meine vor Fett triefende Visage gewaschen. Da zwangen sich mir die letzten Jahre mit der MS auf, die Hälfte von meinem Leben, ich sah jeden verschissenen Sommer, all die Monate, die ich zusammengerechnet im Krankenhaus verbracht habe. All das Cortison, die Symptome, das Verzweifeln und wieder Aufraffen, um schlussendlich erneut zusammenzubrechen. Wie oft habe ich gesagt: „Ich kann nicht mehr!“?

Das Vogelrestaurant geputzt, frisches Wasser, neues Futter, meine Gäste im Abendlicht. Noch mehr Sommererinnerungen drängen sich mir auf. Schöne und Traurige. 1998, im August war es nicht klar, was mit mir nicht stimmte. Und ich hatte in mein Tagebuch geschrieben, dass ich bereit sei zu sterben. Mit noch 17 Jahren. Nur nicht 18 werden…

Ich scheine unfähig. Mich demnach erneut in Richtung Couch bewegen, die Plattform wieder öffnen und mir selbst eine weitere Folge zu Gemüte führen. Vielleicht passiert ja noch etwas, passend zu meinem Traum heute Nacht. Also belasse ich es bei den zwei Stunden am Bild, machen insgesamt 948:45 Stunden. Es werden locker noch 1000 oder mehr…

2013-03-05c-geburtsstunde

20. Juni 2017, Dienstag 8:25

59,5 um 7. Ich bin so dumm! So dermaßen dumm! Da beschert mir das Glück so eine Möglichkeit, und ich blöder Trottel erkenne sie nicht.

Plump und schwerfällig jeder einzelne Schritt, die Motorik auf ein Mindestmaß geschrumpft. Keine Vögel am Restaurant und draußen der unbeholfene Ruf eines Mäusebussards. Ganz kurz fantasierte ich davon wie es wäre, würde ich ihn vor die Linse bekommen. Erinnerte mich an „Türsteher Eduard“, den jungen Turmfalken, den wir damals vor der Eingangstür vorgefunden haben. Und völlig falsch reagierten, indem wir ihn zu einer Falkenstation gebracht haben. Also all diese Dinge gerade noch im Kopf erhebe ich mich, um mein sporadisches Frühstück zu beenden und weg zu räumen. Ich hatte auch nichts mehr gehört… Sehe ich im Augenwinkel nicht etwas Großes auf der Terrasse sitzen, keine 2 m von mir entfernt?! Ein junger Bussard, vermutlich gerade erst flügge geworden!! Wir sehen uns an und er sucht das Weite, ab in die Hecke im Garten. Da hilft es nicht, mir die Kamera jetzt um den Hals geschnallt zu haben. Am Restaurant bleibt es totenstill, lediglich dahinter im Wald ertönt erneut der Ruf des großen Raubvogels. Der dann doch wieder von allen nur gejagt wird; egal wie klein auch immer. Er hat es nicht leicht, kann sich kaum in die Lüfte empor schrauben, ohne nicht „Begleitschutz“ von Nebelkrähen und Turmfalken zu erhalten…

Ich müsste draußen sein. Warum sitze ich hier? Ich bin gescheitert, jeder Pinselstrich geht ins Leere. Das Gespräch gestern hat mich mehr in Mitleidenschaft gezogen, als nur meinen Rücken fürchterlich zu beleidigen. Ich bekam keine Luft mehr, so heftig die Blockade in der Brustwirbelsäule. Sebastian hatte schlechte Laune. Gestern den ganzen Tag, und auch heute sein Tonfall dahingehend. Oder ich zu empfindlich?

HYPERSENSIBEL!!

Erneut Bodensatz erreicht, begünstigt durch die physischen Abgründe, die sich vor mir erneut auftun? Nachts krampfte es ohne Unterlass, erst das eine, dann das andere Bein. Aber dem nicht genug… Wie lange ist es her? Über 2 Jahre? Vor der Überdosis?

Die du ihm gestern natürlich unter die Nase reiben musstest!!

Erst eine Neuropathie in der linken Hand, dann stärker, noch stärker… Und am Schluss krampfte nebst linkem Bein auch noch der linke Arm. Eine gefühlte Ewigkeit. Sebastian gebeten sich noch einmal vom Sofa zu erheben, um mir das Dronabinol zu holen. Ich wollte, dass er mir 5 Tropfen auf die Zunge appliziert. Er meinte es gut mit mir, es wurden sicherlich 10 oder mehr. Obendrauf auf 2,6 mg Morphium. Krämpfe, Krämpfe, Krämpfe. Bis ich endlich aufstand, ein paar Schritte ging und scheinbar erst durch die Bewegung der ganze Müll sich bemüßigt fühlte, seinen Job zu tun. Wie mit dem Vorschlaghammer wurde mir eins übergezogen. Was schreibe ich meiner Ärztin? Komme ich wieder angekrochen wie ein Bettler, mit Sätzen wie „Wäre es bitte möglich…“ oder „Könnte man unter Umständen…“? „Ob es für die Krankenkasse ein Beinbruch wäre, wenn ich das Sativex noch ausprobieren möchte…“? Dass ich nichts unversucht lassen möchte? „Verdammt noch mal, schreib ihr von diesen scheiß Schmerzen!!“, meinte Sebastian nach Stunden meiner unwillkürlichen Verrenkungen verärgert. Verärgert über ihr Schreiben.

Nachts im Bett krampfte es weiter, vor 2 Stunden kaum auf dem Sofa angekommen krampfte es wieder. Aber das in der Hand hat mir Angst gemacht. Jetzt fährt ein angenehm frischer Luftzug durch den Raum, das Restaurant füllt sich langsam, alles so weit weg… Und zugleich so nah. Fatalismus macht sich breit. Ich möchte nicht mehr malen, nicht mehr kämpfen. Nur hier sitzen und meinen Gedanken nachhängen, ganz im Sinne einer klassischen Depression. Es scheint alles vergebens, die kleinen und großen Kämpfe von Anfang an verloren. An die Zukunft denken, versuchen, mich in einer Zukunft zu platzieren, aber es gelingt nicht. Wie seit Kindertagen. Schwer seufzen, schwer schlucken. Ich müsste draußen sein, draußen und nicht hier mit Blick auf die verrinnende Zeit. Bussard, Pirol und Mönchsgrasmücke unterhalten sich.

Na, Speckschwarte?!

Und eigentlich könnte ich wieder schlafen. Mich erst einmal gerade hinsetzen, aufrichten. Zu viel Druck auf dem linken Ischias, die Neuropathie im gesamten Bein wird mobilisiert, aufgeweckt. Das Rechte hatte ja bereits seine Sporteinheit. Eine fette Ladung Rheumasalbe auf Schultern und Nacken, heizt ordentlich ein. Die rechte Hand klimpert in der Luft, beide Arme hängen tatenlos und schlaff links und rechts den Rollstuhl hinunter. Los, tu endlich was! Hü oder Hott!…

10:47
Musik an, mir vornehmen, die Brille abzuschließen, und was habe ich gemacht? Wieder nur am Gesicht herum gebastelt. Es ist doch Idiotie…

Dreh die Leinwand um!!

Die zurückliegende halbe Stunde wie bereits gestern meiner Lähmung dabei zugesehen, wie sie sich Strich für Strich auf der Leinwand verewigen möchte. Lauthals mitgesungen, versucht, nicht zu denken und dabei kurz davor, in der Tat das Gesicht noch einmal von vorne bis hinten neu zu überarbeiten. Lauter Makel ausgemacht, versucht, auszubessern, und dabei noch mehr Schindluder getrieben. Hin und weg und hin und weg… Phasenweise drohten die Beine Krämpfe an, ebenfalls pure Idiotie jetzt zur Mittagshitze rauszugehen. Der Krampfteufel wird sich freuen, mich mit Nervenimpulsen beschießen. Aber wann sollte ich es sonst tun? Abends bin ich unfähig. Schon genug Zeit geschunden. Zähneputzen und dann eine Entscheidung treffen.

14:53
Ich war spazieren, 55 Minuten. Ich war mit dem Rollstuhl draußen, scheinbar 1 Stunde. Einmal die Straße hoch und runter, mehr nicht, viel zu heiß. Das linke Bein krampft. Als ich losfuhr krampfte das rechte Bein. Etwa an die 7 Tropfen Dronabinol. Bewegungslos.

Beim Gehen umfasste den linken Oberschenkel jedes Mal dann eine Neuropathie, wenn ich das Bein hob. Na Mahlzeit. Die Schäden in der Wirbelsäule lassen grüßen. Ich bin müde, werde nicht fertig mit Gähnen, aber die Finger meiner Rechten klimpern schon wieder. Dabei wären sie jetzt unfähig, den Pinsel zu halten. Ich merke, wie ich aktuell im Zeitraffer wieder in meiner altbekannten Bredouille lande. Dass ich mich verletzen muss, ist seit Tagen Thema und lange noch nicht ausdiskutiert. Das Tramal stünde griffbereit vor meiner Nase. Also was mache ich sonst? Darauf warten, dass die einschießenden Schmerzen nachlassen. Was würde mein Alter Ego machen, jenes, das einigermaßen klar bei Verstand ist… Sich hinlegen? Die eiskalte Wasserflasche auf dem Terror veranstaltenden Oberschenkel parken. Beim Blick nach unten fällt natürlich auf, dass der Geselle rechts dezent geschwollen ist.

17:38
Markus hat angerufen und wir jetzt 2 Stunden telefoniert. Erst wurde politisiert und dann mein Scheißhaufen beackert. Liegt es an dem, was ich konsumiert habe in meiner Verzweiflung? Erst 20 Tropfen vom Tramal obendrauf und als es nicht aufhörte und nicht aufhörte, sicherlich MINDESTENS 10 Tropfen Dronabinol hinterher. Ich erwarte jeden Augenblick das Bewusstsein zu verlieren. Während unserer Unterhaltung um 16:26 war es dann soweit. Mein Analytiker sagte irgendetwas, das mir wohl bedrohlich erschien… Ich hörte ihn reden, kannte alles schon, konnte es voraussagen, habe es zumindest zu Beginn vermeintlich glasklar wahrgenommen, um nun hinterher doch nicht zu wissen, was er gesagt hat, oder was ich zu hören geglaubt habe. Cannabinoide hin oder her -den Eindruck hatte ich doch schon den ganzen Tag, lange vor deren Einnahme.

Sebastian kam nach Hause, hat mich mit Diana eingeschmiert. Die Blockade bleibt, die Luft bleibt weg. Die Krämpfe links haben sich zum Glück gelegt, aber dafür drohen sie mir nun wieder rechts. Auch der drohenden Dissoziation wegen kaum noch atmen können. Ich würde hier irgendetwas Aktives versuchen, wäre mein Gerüst nicht so eingeschränkt. Demnach bleibe ich hier lethargisch hocken… Wobei ich bei dem Gedanken die nächste Entgleisung in meinem Hirn miterleben darf. Und plötzlich sehe ich Bilder aus meiner Kindergartenzeit… Abgedreht!