19. Januar 2019, Samstag

11:58
59,5 oder 59,4 Kilo um 9:15 Uhr? Das kann mir doch nicht ernsthaft egal sein? Aber Fakt ist: Ich habe es mir nicht gemerkt. Gleich wenige Sekunden nach Blick auf das Waagendisplay, bei Verlassen des Badezimmers… Gelöscht! Weg!
Grauer Himmel und Meisen am Restaurant. Januarwetter. Die Welt sieht dreckig aus. Der Schmerz der Schulter breitet sich immer weiter in den Arm aus. Was ist gut? Warm oder kalt; ich komme nicht dahinter. Zumal ich noch vor wenigen Minuten postulierte, mich heute definitiv nicht auf den Rollstuhl zu setzen, bin ich schlussendlich doch wieder dort gelandet. Weil es keine Alternativen gibt! Kopfschmerzen. Die erste Messung ergab 36,6 °C. Dann fühlte sich mein Gesicht, Nasen- und Wangenpartie wieder so kränklich warm an. „Das bilde ich mir doch nicht ein! Zumal ich mich total erschlagen und kaputt fühle!“. Nun waren es 37,4. Was sind das für Spielchen?

Vergiss nicht, was du gestern konsumiert hast…

Doktor Ratio meldet sich zum Dienst. Ach so viel war das nicht, erst recht nichts Unplanmäßiges. Lauwarmen Darmschmeichler durch den Strohhalm saugen. „Geriatrie at it’s best!“.
Die letzte Aufnahme von vor ein paar Tagen, gestern erst geöffnet, ist Schrott. Der Ton unbrauchbar. Keine Ahnung, was ich da immer falsch einstelle, was ich VERstelle. Aber mit zu erwartender Wahrscheinlichkeit hält die Kamera mein Geschwafel ebenfalls nicht mehr aus. Meine Hände klimpern, während sich die Sonne bemüßigt, einen verschwommenen Blick auf mich zu werfen. Hoffentlich hat sie ebenfalls bald die Schnauze voll und verabschiedet sich wieder.
Es ging sehr spät ins Bett, erst irgendwann vor 2:00 Uhr. Er hatte mir gleich angeboten, im Wohnzimmer zu bleiben, aber ich wollte nicht alleine sein. Um es wenige Minuten später bitter bereuen zu dürfen. Nachts noch ein Interview mit der Autorin des Buches gesehen, ein weiteres. Indem sie von ihrer Spiritualität spricht und, mehr oder minder, das Übel der Welt an Atheismus und fehlendem Glauben festmacht. Und dass jeder Mensch, egal, welches Schicksal ihn ereilt, für sich selbst zuständig ist. Schon hatte sie ihren Kredit, den sie erst jüngst eingeheimst hatte, bei mir wieder verloren. Es geht ja nicht um mich, um mein Selbstmitleid, aber wenn ich mir die Bandbreite an Störungsbildern ansehe, und man würde diesen Patienten/Menschen so einen Satz an den Kopf knallen, müsste man hastig Zwangsjacken verteilen, um keinen Massenselbstmord auszulösen. Man kann und darf nicht Menschen über einen Kamm scheren!
Nachts dann las ich die letzten Seiten ihres Buches. Nach all den Schicksalsschlägen bekam die jüngste Tochter noch einen schweren Augenkrebs, und nach Entfernung des Augapfels und langer Chemotherapie, als es der Kleinen endlich wieder etwas besser ging und man in Urlaub fliegen wollte, erhielt der Ehemann seinerseits eine Krebsdiagnose.

Ich sehe ihre „vermeintliche Stärke“, von der sie so überzeugt ist, die sie vor sich her schiebt, eher als Symptom. Denn sie muss sich das einreden, sich daran festklammern, dass „SIE über alles die Kontrolle hat, ALLES mit ihrer Einstellung beeinflusst“, sonst wäre sie wohl schon längst wahnsinnig geworden. Weil der Eindruck, VÖLLIG AUSGELIEFERT ZU SEIN, sie wohl aufgefressen hätte.
Eine versöhnliche Sichtweise für mich?

Sebastian schnarchte so unglaublich laut, wie immer, wenn er ein oder zwei Glas Bier getrunken hatte. Und es war 3:00 Uhr, als ich ihn weckte und dann doch bat, auf der Couch zu übernachten. Ich war noch wach bis wahrscheinlich 4. Umso schwerer fiel es mir, ihn bereits um 9 darum zu bitten, mich aus dem Bett zu zerren. So geschlaucht, so fertig, so müde. Aber den Gedanken, erneut erst zu Mittag aus dem Schlafzimmer zu kriechen und den halben Tag zu vergeuden, UNERTRÄGLICH!
Als ob ich BIS JETZT IRGENDETWAS geleistet hätte!!! Außer vielleicht völlig starr hier zu hocken und mir ausmalen zu dürfen, danach noch mehr Schmerzen zu haben, noch mehr Verspannungen. Mein linker Arm lässt sich, ganz abgesehen davon, dass ich es aus eigener Kraft überhaupt nicht mehr kann, nicht mehr ganz nach oben strecken. Alles verkürzt, alles verkommen, alles kaputt. Genauso entsetzlich die auch erst gestern entdeckte Aufnahme vom Versuch, eben beide Arme in die Luft zu strecken. Ohne Hilfe. Heillos überfordert und hilflos.
Das Gefühl in meinem Gesicht, es wird immer wärmer und wärmer und heißer und heißer und die Nase vermeintlich verstopft. Und da findet er nichts? Kann das ernsthaft sein?!

DU BIST WIE DEINE MUTTER!!!
DU MUSST IHR ALLES NACHMACHEN!!!

Vor mir das Stativ mit der Kamera. Sie läuft umsonst. Seit Minuten schon. Keine Ahnung, wo sich meine Gäste herumtreiben. Ich hätte wohl nach Auftauchen der Schwanzmeisen und einem kurzen Gastspiel die Aufnahme stoppen sollen…

Warum diktiere ich das? Weil mein Leben so leer ist und es sonst nichts gibt? Weil ich eine Rechtfertigung dafür brauche, weiterhin in dieser „fragwürdig bequemen Position“ zu verharren, wie ein sprechender Zombie?

13:02
Vor dem Waschbecken in die Knie gezwungen werden, in die Knie gehen, während mein Hirn mit signalrotem Schmerz um Hilfe schreit, in Salzwasser absaufend…
Zähne geputzt. Alles hin. Jetzt erst recht. Null und nichtig die noch vorhandene Kraft in meiner Rechten. Das Gefühl in meinem Gesicht, in meinem Schädel wird immer heißer. Keuchen wie nach einem übermenschlichen Kraftakt.
Aber die Finger klimpern schon wieder. Zumindest in Gedanken… Und zu allem Übel knallt nun auch noch die Sonne vom Himmel. Das lässt sie sich nicht entgehen, das muss sie sich ansehen…

Vielleicht noch ein paar Worte zur Sitzung gestern. Ich fühlte mich schlecht, ich fühlte mich schuldig, titulierte mich als „Verräter“ und „hinterfotzig“. Weil ich danach Sebastian gegenüber monierte, dass wiederum ich den Eindruck hatte, „sie unterhalten zu müssen“, „etwas LIEFERN zu müssen“. Noch immer nicht durchschaut, um was für eine seltsame Therapieschule es sich da handelt, die sie praktiziert. Und es tut mir leid, aber die Lautäußerungen und unterschiedlichen Gesichtsausdrücke zu irgendwelchen Geschichten oder Schmerzbekundung meinerseits waren VÖLLIG überzogen. Aufgesetzt. Unterrichtsfach „Schauspiel“: Durchgefallen!
Ich redete und redete und redete, von ihr kam nichts. Nach einer halben Stunde hatte ich meinen Text abgespult. „Tja… Und nun?“. Und wenn ich schwieg, schwieg sie auch. Ich… Ach, keine Ahnung…
Diesen letzten Satz bemühte ich in den 50 Minuten gestern mehrmals. Weil ich nicht weiter wusste und von ihr nichts kam. Schwer seufzen… Vermutlich ist es meine Schuld, ich bin das Problem…

19:02
Nachmittags, kurz ging es mir besser. Schon hegte ich eine weitere These: „Und was ist, wenn es ständig mit dem Essen zusammenhängt? Ich da etwas nicht vertrage?“. Gut, dass es das Internet gibt. „Doktor Google hört immer zu und weiß auf alles eine Antwort“!…
Er wollte zum Einkaufen, und mich dabei haben. Wagemutig wählte ich den Rollator. So einigermaßen… 30 Minuten. Lediglich die Kälte ließ mich erstarren, oder wenn ich unter Stress gesetzt wurde: „Bianca! Geh zur Seite, hinter dir will jemand vorbei!“. Die berühmte Salzsäule von Henndorf…

Und was ist mit JETZT? Zurück ins Dilemma. Ist es der Tee? Oder vielleicht die Milch darin? Mein Schädel scheint wieder zu glühen. Aber eben auch die Rückenschmerzen erneut am Zug. Erneut ein großes Hydal. Die Hände klimpern. Meine Schrottkiste will sich hinlegen, aber ich DARF nicht! Ich muss doch weiter kommen, vorankommen…
Wage kaum, es auszusprechen… Das kleine „TENS-Gerät“ scheint mit einigen Anwendungen Herrn und Frau Ischias befriedet zu haben.
Oder der Umstand, das Zwischenkissen entfernt zu haben und nun nur noch auf dem orthopädischen Sitz zu thronen.
Aber am Rücken bewirkt es nichts. Außerdem haften die Elektroden nicht mehr.

Ich hätte, ich wollte, ich sollte, ich müsste…
Vergessen, was ich für diese eine Aufnahme geplant hatte. Die Videospur trägt den Namen „Comic“. Aber was genau? Wollte ich tatsächlich extra dafür etwas zeichnen und dann animieren?

Ich lach mich tot!!!

Schön wär’s…

FICK DICH, DU KRÜPPEL!!!

Oder sollte und wollte ich aus Fotos und Bildern etwas basteln? Ich weiß es nicht mehr. Und hatte ihn genötigt, WIEDER EINMAL meine ganzen Fotoalben heranzuschaffen, dazu den Scanner/Drucker abzubauen und neben mir auf meinen Rollcontainer zu stellen. Ich scheitere doch bereits am Gedanken, eines der Alben in die Hand zu nehmen, umzublättern!

Versager!!!…
Außerdem interessiert NIEMANDEN dein SCHEISS, dein GESÜLZE!!!

Und dann, wie nach einem Stromstoß, einem plötzlichen Blitzschlag, denke ich an meine Mutter, an mein Verhalten und es tut mir leid. Ich fühle mich schlecht. Ich BIN schuldig.
Die Hände klimpern…
Darauf bauen, dass das Schmerzmittel alsbald ansetzt, und mich der Tonspur wird man, die mit Bildmaterial verziert werden will…

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17. Januar 2019, Donnerstag

17:40
Nur eine Momentaufnahme? Nur eine Momentaufnahme…
Die Schmerzen kochen über, legen mich lahm… Ist das denn zu viel verlangt, in Ruhe durcharbeiten zu wollen? Körper, ich hasse dich! Du hasst mich auch.
Ich kann…

NICHTS UND WIEDER NICHTS!!!

Ich sollte…

DICH ENDLICH UMBRINGEN!!!

Den Text nach oben gescrollt, damit er die letzten Zeilen nicht sieht, als er hinter mir steht und mich dick Schmerzsalbe und Diana-Balsam einkleistert. Er saß noch auf dem Sofa und ich habe sie per Hand eingegeben.
Die Schmerzen nehmen überhand. Ich will doch nur… Ist das denn zu viel verlangt… Nur ein bisschen… Das ist nicht fair!

59,1 Kilo, heute um 9:15 Uhr. Verdammt! Was mache ich denn schon den ganzen Tag??! Ich kann jetzt nicht sagen, was ich geleistet habe! Weil ich vergessen habe, was ich gemacht habe! Alles, was ich noch weiß, ist, dass mir die Unterhaltung heute mit der armen Ramida zu viel war, ich mit heftigem Klimpern nicht fertig wurde, ständig musste ich schlucken, schwer schlucken, alles in mir hat sich zerrissen… Und sie war doch so „glücklich“, freute sich, mir das erzählen zu können, UND ICH BIN SO SCHLECHT!!!
Nur so viel: Heute Nacht in meinem Traum war es gerade meine Mutter, die MIR erklären wollte, wie es sich mit der Causa Trauma verhält, und (ihrer Meinung nach) so gut wie Nie mit sexuellem Missbrauch ausgelöst wird/einhergeht! Ich unterhielt mich mit einer Wand… Den ganzen Rest habe ich vergessen, wie ich alles vergesse. Das soll an der DIS liegen?! Wenn überhaupt, liegt es vielleicht noch bruchstückhaft an den ganzen Schmerzmitteln; der Rest des Ausfalls geht ganz allein auf mein Konto! ICH VERBLÖDE!!! ICH BIN SAUDUMM!!! ICH WERDE DEMENT!!!

Da bricht doch tatsächlich meine Stimme und meine Augen werden ganz heiß und feucht… Wie oft habe ich heute den Gedanken weggeschoben, unverzüglich Selbstmord zu begehen?
Es war ein Frühlingstag, Frühlingswetter. Und als hätte ich sonst keine Probleme, gleich wieder rein ins nächste Dilemma: draußen sein und drinnen nichts schaffen oder drinnen sein und draußen was verpassen????

Ramida stand im Flur. Hat sie was gesehen? Oder habe ich mich mich mit meinem fetten Körper perfekt positioniert, um ihren Blick auf meinen Arm zu blockieren? Es war ja nicht geplant, dass sie genau dann im Flur vor der offenen Badezimmertür anfängt zu saugen, und ständig zu mir hereinschaut…
Ein riesengroßer Blutfleck auf dem Strumpfverband. Abgerissen, Wunden wieder aufgerissen.

MIKROSKOPISCH!!!
DU ÜBERTREIBST SCHON WIEDER MASSLOS!!!
EIN KINDERGARTENKIND KANN ES BESSER!!!

Wunderschön dunkelrosa die einzelnen Schnitte. Die beiden Tiefsten beginnen sich an den Rändern bläulich zu verfärben. In der einen Stunde, die mir definitiv noch alleine blieb, wieder und wieder und wieder den Wunsch vertröstet, mich noch einmal aufzuschlitzen.
Ramida meinte: „Heute siehst du viel besser aus, gesünder als letztes Mal!“.
Hatte ich nicht selbst „vorlaut die Äußerung getätigt“, morgens vor dem Badezimmerspiegel, ich sei heute ganz schön bleich, blass?

Mir war abends schlecht, speiübel. Wie anmaßend zu glauben, die latente Anämie hätte sich gemeldet…

VON DEM BISSCHEN BLUT??!!

Kann meine Finger nicht strecken… Es macht mich nicht nur nervös, langfristig betrachtet jagt es mir eine Todesangst ein… Weil es ein Todesgrund wäre…

Wann hast du letztes Mal gemalt?“, Ramida in ihrem gebrochenen Deutsch bei Betrachten meiner Leinwand, vermutlich erst recht wegen des ganzen Krempels, der sich darauf angesammelt hat. Und meine eigenen Worte wie ein tödlicher Hieb auf den Hinterkopf: „Schon lange nicht mehr… Wird wohl tatsächlich die letzte Leinwand…“. Oder genauer formuliert: IST es bereits?…
Zu Sebastian: „Bitte, nimm mir das nicht übel, aber wie soll mein Dasein denn weitergehen? Glaubst du, ich finde den Gedanken erquickend, alsbald nur noch unbeweglich mit dem Rollstuhl herumzufahren und aktiv GAR NICHTS MEHR MACHEN ZU KÖNNEN???!!“. NUR existieren wegen ihm, für ihn?…

Eine volle Dosis Tramal. 2,6 mg Hydal. Und ganz kurz, für ein winziges Zeitfenster, traten die Schmerzen in den Hintergrund. Aber nun? Noch mehr schlucken?

22:05
Gerade eben beim Abendessen fiel es mir ein. Kam mir in den Sinn, was das Gespräch mit ihr so… schwierig für mich gemacht hat. Sie erzählte mir von meinem alten Laufband, dass sie mit/auf diesem jüngst den ersten Halbmarathon gerannt sei. Und dass es dann zu stinken begonnen hatte; also eigentlich wollte sie von mir wieder Ratschläge, wie so oft, insofern brauche ich mich gar nicht als Opfer in Szene zu setzen, ich halte dann doch selbst nicht mit meinem vermeintlichen Wissen hinterm Berg…

Aber dieser Tag… Ich weiß ganz genau, nach Winter und blauen Händen und Füßen, hätte ich heute zum ersten Mal ganz kurze Hosen getragen, und mein Dachschaden hätte einen grandiosen Lauf zugelassen, weil zu kalt schlecht war und steif gemacht hat, und zu heiß geschwächt hat. Tage wie dieser heute waren die BESTEN…
Und genau da erzählt sie mir voller Euphorie von ihren Lauferfolgen…
Nein, es war kein Neid. Aber es tat weh, unsagbar weh. Und um die „Selbstmitleids-Keule“ zu schwingen: Dann musste ich zwangsläufig einen Blick auf mich unfähiges Würstchen werfen und mich mit der Frage auseinandersetzen, was von mir übrig geblieben ist…
Wieder einmal.
Zuvor ertappte ich mich selbst bei dem beiläufigen Gedanken: „… Und bald wird man 40, die Hälfte des Lebens vergeudet, vertan… Da wird nichts mehr besser… Ob ich beim nächsten Mal mehr Glück habe?…“.
Als wäre dieses Dasein eine Wahl gewesen!
Als müsse man die Konsequenzen dieser Entscheidung bis zum Ende durchziehen, und dann sei es selbstverständlich, eine neue Chance für eine neue Wahl zu bekommen!
Als würde sich das Rad von neuem drehen!
Als würde ICH an Reinkarnation glauben!!!

WER HAT DIR INS HIRN GESCHISSEN??!!!

Jetzt ist es amtlich: Ich werde senil!!!

Gerade eben beim Abendessen (um noch einmal von vorne anzufangen) überschlugen sich die Mikro-Panikattacken. Jedes Wort, jeder falsche Gedanke… JEDER Gedanke…!
Soviel zum „Rausch für Arme“, dem bisschen „Kopffrei“.
Er ist wieder nach oben gegangen und ich… Müsste mir eigentlich eingestehen, dass es JETZT im AUGENBLICK nicht so schlimm ist wie noch vor wenigen Minuten. Aber dennoch bleibe ich bei meinen Strategien, meiner „Patentlösung“… Denn schlussendlich „wurde das Fass nun mal bereits aufgemacht“! Ich bin schlecht. Ich bin scheiße. Ich weiß es doch sowieso.

Und die Hand wandert in meine alte Schultasche. Das Tuch von gestern. Die Schnitte sind wunderschön, aber sie tun nicht einmal mehr weh. Sie tun GAR NICHTS. Schweigen mich an. Grausam und eiskalt. Wie tot.
Die Mundwinkel wandern gen Keller, die vermeintlichen Zornesfalten, oder wie Sebastian sie nennt, „die Donnerbalken“ über meinen Augenbrauen graben sich tief in meine Stirn ein. Einfach in Kauf nehmen, dass er von oben runter kommt und mich erwischt, ertappt. Beide Hände zu Fäusten verkrampft. Ich will nicht mehr leben.
Wieder einmal nicht.
Langweile ich? Vermutlich…

Zwischen all den alten Rasierklingen, voller Blut, in der nicht minder mit Blut bekleckerten Blechdose herumwühlen, und kaum das neue Stück in der Hand, es auf den Boden fallen lassen. Standard.

Während dem Essen recht unmotiviert die Kontaktaufnahme mit meinen inneren Kindern gesucht -dort den Ursprung der Ängste vermutend. Keine Reaktion, keine Antwort.

Inneres Kind, es tut mir leid. Wenn es dich gibt, wenn es „so etwas“ überhaupt gibt. Du sprichst nicht mit mir, weil vermutlich ich nicht mit dir spreche, und so bleiben wir in der beschissenen Ausgangslage, ohne Antworten, ohne Erklärungen oder Gründe für all das hier, eingehüllt in ein ausbruchssicheres System aus Schuldgefühlen… Denn „So etwas darf man nicht denken…“, „Das darf ich über den oder die nicht sagen…“, „Niemals im Leben kann der oder die das getan haben…“, „Ich bin ungerecht, ich bin grausam…“ und vor allem „WANN reiße ich mich endlich wieder zusammen, mich am Riemen und bin NORMAL??!!!“!!!

Prompt werde ich mit dem Tod konfrontiert. Aber wie so oft, wie immer ist es nicht der Meinige. In den Genuss komme ich nicht, denn ich SOLL und MUSS bestraft werden! Punkt!

So wird es 22:35 Uhr, die Hand versucht sich noch am Klimpern festzuhalten, ehe ich ihr die Rasierklinge aufzwinge: TU ES!!!

Damit der Hausarzt montags was zu sehen.
Zwei lange, fragile Kratzer. Das Blut ist eiskalt. Ich muss tot sein.
Mein Kunstwerk, mein fragwürdiges Kunstwerk zerstören. Kreuz und quer…
Zehn Schnitte. Mein flüssiges Leben scheint sich unter der Haut bereits gestaut zu haben. Dicke, dicke, pralle überdimensionale Tropfen quellen aus den vergleichsweise hauchzarten Linien.
Warum tue ich das? Warum machen das viele? Warum ist die Banane krumm?

Die Blutung will zum Erliegen kommen. Nächste Runde. Wen soll ich für all das hier bestrafen, für diese ganze ungerechte SCHEISSE als mich selbst??!!
Ich denke daran, wie es wäre, irgendwem offen Vorwürfe zu machen. Ohne Hintergrundwissen, ohne Erinnerung…

Weitere Zehn. Das zweite Bankett ist eröffnet. Eindeutig… Der Körper, mein Widersacher, hatte begonnen die Durchblutung anzukurbeln, unter den 36 Wunden von gestern, um Heilung zu forcieren, zu ermöglichen…

DIE HEILUNG KANNST DU DIR STECKEN, DU BESCHISSENER ZELLHAUFEN!!! ALLES ANDERE HEILST DU JA AUCH NICHT!!!

Die Atmung wird schwer, schwerer. Kein einziger Schnitt war tief genug, weil sie NIE tief genug sind. Die alte Klinge schabt brachial über das Schlachtfeld. Melkt die Wunden, erntet…
Das alte Geschirrtuch unter meinem Arm wird schwerer und schwerer. Es stinkt nach Blut. Und so wird es 22:52 Uhr, wieder kommt der Selbsthass zum Erliegen. Noch einmal versuchen, es wagen und riskieren, zu scheitern?

DREH DAS DING UM!!!
NIMM GEFÄLLIGST EINE NEUE KANTE!!!

Zehn. Oben rumpelt es. Kommt er runter?
Einen frischgewaschenen Verband… Sitzt schön straff, damit morgen meine Hand unten dran wieder schön fett aufgequollen sein wird…

DU FETTE SAU!!!

Ein weiterer riesengroßer Fleck. Für wen oder für was… Für mich? Und doch insgeheim für jemand anderes, der das hier nie zu sehen bekommen wird?
Was mache ich mir vor?
Will doch sowieso nichts anderes als schockieren.
Die offene Packung Waffeln vor mir, die er mir zuvor hingelegt hatte: „Koste die mal!“.
Nein. Das war noch nicht Strafe genug. Ihn sterben sehen.
Es gibt kein Entkommen. Das Leben ist grausam. Das Leben ist der Tod.

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16. Januar 2019, Mittwoch „Alles anders…“

11:49
Sebastian gönnt sich soeben „Andersdenkende“, um noch in einem alltagstauglichen Wortschatz zu verweilen, ehe ich aushole, und Gossenklientel bediene… „Die Erde ist flach!“…
Aha…

58,7 Kilo um 10:00 Uhr und ich musste mich wahrlich aus dem Bett treten! Was für Träume! Dem sei noch vorausgeschickt, dass ich jetzt eigentlich Termin hätte. Doch Sebastian erhielt einen Anruf, vor über einer Stunde, computertechnisch würde in der Firma alles drunter und drüber laufen, und wir mussten uns einige Ideen einfallen lassen, was nun kurzerhand unplanmäßig umdisponiert werden könnte. Der nette Mann in der Rettungszentrale meinte, es seien keine Einsatzkräfte frei in der kommenden Stunde. Aber die freundliche Sprechstundenhilfe gab mir einen neuen Termin, 2 Stunden später. Insofern kann ich mich jetzt den Träumen widmen, ohnehin voller Angst, irgendein vermeintlich „wichtiges“ Detail bis zum Nachmittag zu vergessen! Obwohl ich doch ganz genau weiß, lediglich jetzt so nah dran wirkt der Traum noch nach, tut so, als sei er der entscheidende Wendepunkt… Wie immer, leider, und mit etwas mehr Distanz verflüchtigen sich die Überzeugungen und AHA-Effekte…

Im ersten Traum, an den ich mich erinnern kann, spielte ich die Hauptrolle in einer Staffel „American Horrorstory“. Ständig auf der Flucht vor bösen Männern, irgendwo an der Grenze zu Slowenien in einem versteckt liegenden Frauenhaus, in dem auch geschlagene Hunde aufgepäppelt wurden. Dann lag das Haus wieder direkt an der Bundesstraße nach Jennersdorf rein, dort, wo das Gebäude der Bewag steht. Ich lief dort wohl die ersten Schritte nach Jahren Rollstuhl, den Gehsteig hoch und runter. Der vermeintliche Täter tauchte auf, er verfolgte mich, zumindest mit Abstand, um mir Angst zu machen. Er würde mich beobachten, die ganze Zeit, und irgendwann würde ich einen Fehler begehen. Ein anderer Kerl versuchte sich Zutritt ins Haus zu verschaffen, er war der Ex der Leiterin dieser Einrichtung; wir versuchten verzweifelt Türen abzuschließen, und schlussendlich wurde er auf ein Brett genagelt, von dem er sich wieder befreien konnte und hin und her und hin und her und um die konfuse Geschichte abzukürzen: Ich war ständig auf der Flucht, rannte weg, rannte tatsächlich, konnte wieder laufen, aber in jedem Haus lauerte Gefahr, Zombies, dabei war es doch mein Ziel, irgendwie das Gasthaus zu erreichen, um dort vermutlich Antworten zu erwarten…

Sebastian stand auf, irgendwann um 8, ich zog in Erwägung, es ihm gleich zu tun, war aber zu müde, spät eingeschlafen, schlecht geschlafen, Krämpfe und Rückenschmerzen und Kopfschmerzen und Unruhe…
Kaum die Augen geschlossen, der nächste Traum.
Dem sei vorausgeschickt, um Mitternacht im Buch noch davon gelesen zu haben, dass sie mittlerweile einen Freund hatte, Jahre nicht mehr zu Hause gewesen wäre, und nun doch tatsächlich dorthin reisen wollte. Sie überstilisiert ihre Mutter zu einer Heldin, was ich im Ansatz auch verstehen kann, bei dem, was die arme Frau durchgemacht hat in Vietnam. Aber eine Sache ist mir unverständlich: In all den Jahren, in denen der Vater die ganze Familie, die Kinder terrorisiert, verprügelt, missbraucht, wird kein einziges Mal davon berichtet, dass die Mutter sich vor „ihre Brut“ stellt… Da fällt es mir schwer, von einer selbstlosen „Heldin“ zu sprechen… Und, wie fast schon zu erwarten, begrüßt der Vater die Protagonisten mit den Worten: „Du Miststück traust dich noch hierher?“; (so oder so ähnlich).

Und dieses Thema wurde in meinem Traum aufgegriffen. Sebastian und ich reisten nach Hause, ins Gasthaus, vermutlich war Weihnachten. Jedermann wollte so tun, als sei nie etwas gewesen. Vor allem ich tat so, als sei die Welt im Lot. Obwohl es unterschwellig brodelte. Mir bereitete der Besuch große Magenschmerzen.
Schon setzt das Vergessen ein… Was war dann?
In meinem Kinderzimmer sah ich mich mit meiner Mutter konfrontiert. Diese hörte nicht auf, nachzubohren und nachzubohren… Aber natürlich habe ich längst vergessen, was sie genau wissen wollte. Warum es mir „so schlecht ging“? Mein Bruder war auch da. Wie immer machte er den Eindruck, die ganze Welt auf den Schultern zu tragen. Ich wollte mich nur irgendwo waschen, duschen, aber überall wurde umgebaut… […]

18:04
In meinem Kopf läuft gerade alles heillos durcheinander. Alles läuft Amok. Ich soll Amok laufen. Da Sebastian gerade eben das Haus verlassen hat, wäre das die beste Gelegenheit dafür. Einfach so, aus heiterem Himmel, durchdrehen. Dabei kann ich mir ausmalen, vom Morphium die Panikattacke zu ernten. Wieder allerhand Analgetika intus. Der Schmerz links auf Höhe Schulterblatt raubt mir den Atem, und breitet sich heute auch noch auf die rechte Seite aus. Novalgin, Tramal und Hydal tanzen einen wilden Reigen. Und wieder wagte ich zu sagen: „Ach, jetzt setzt die Wirkung ein… Und alles wird so schön gleichgültig…“. Einen Scheißdreck tut es!!
Heute noch nichts geschafft zu haben! Bringt mich beinahe um die Ecke! Zurück vom Arzt in Jennersdorf, Sonnenuntergang, und während er im Schreibwarenladen hinter mir nach einer Druckerpatrone suchte, fielen mir noch Details meiner Träume ein. Die nun auch keinen Unterschied mehr machen, geschweige denn dem Ganzen mehr Bedeutung beimessen könnten. Ich sah dieses exakt 1 km lange Stück Gehsteig bis zum Kreisverkehr vor mir, auf dem ich immer meine Sprints durchgezogen habe, meine Endorphine geerntet habe, stellte mir vor, ich würde da gerade laufen und mich selbst beobachten, ich sah mich laufen… Und das tat so weh… Danach im Ortszentrum, vor dem Hausarzt, er drinnen und ich im Auto… War es der niedrige Blutzucker? Als faule Ausrede? Ich brach in Tränen aus, unkontrolliert. Und sah ihn sterben… Weil ich ihn, kurz bevor er ausstieg, von der Seite für einen Augenblick gemustert hatte… Seine Augen, die Feuchtigkeit seiner Augäpfel… Und musste zwangsläufig in mir drinnen das Bild ertragen, dass er irgendwann tot sein wird und diese Augen vertrocknen werden…

Zu weinen anfangen, völlig ausgeliefert…

Als ich eben diesen Satz auf dem Sofa sagte, diese Bemerkung von mir gab, was die Schmerzmittel betraf, den einsetzenden Rausch, da überkam mich beinahe wie eine Ohrfeige, als würde mich etwas oder jemand rügen, eine Angstattacke… Und mir war klar…

DU MUSST DICH AUFSCHLITZEN, SOFORT!!! DAS HÄLTST DU SOWIESO NICHT AUS!!! ODER BRING MICH UM!!!

Ihn noch im Auto, und erst recht dann im Haus mit Fragen gelöchert zum Tag meiner Überdosis. Wann er denn hinterher ins Krankenhaus gefahren sei und derlei Dinge. Im Auto vorm Hausarzt, dieser Lichteinfall… Am Tag meiner Überdosis muss es so ausgesehen haben und ich sah auf der Straße in Gedanken die Rettung mit Blaulicht an mir vorbei rasen… Was für eine abstruse, absonderliche Wehmut sich da auftut… Weil ich es WIEDER will?? Weil ich die Tatsache traurig finde, ist aber nicht zulassen darf?? Weil ich stattdessen denken muss, ich will es wieder versuchen, will mich wieder umbringen??

Der Termin beim Arzt ergab nicht viel. Ich solle mein Blut testen lassen; Montag kommt der Hausarzt vorbei, irgendwann zu Mittag. Ob man Entzündungswerte feststellen kann, ob virell oder bakteriell.
Plötzlich denke ich daran, was er sagen würde, wenn er meine Arme sieht. Ob überhaupt was sagt, oder wie er dreinschaut. Ist das jetzt die nötige Bremse, die ich brauche? Das Thema ist noch nicht durch… Ebenso noch nicht die noch nicht angesprochene Überlegung angesichts der aufkeimenden Panikzustände, mir jetzt eine Temesta reinzuschmeißen… Hatte ich nicht zuvor in meiner Tasche eine Blisterpackung entdeckt?

Die Tablette landet im offenen Beutel, aber wenigstens DAS nimmt ein Happy End! Ab in den Mund und runter damit…

Ich erwähnte, was ich nicht noch alles vorhätte. So viele Videos, die ich noch machen möchte. Aber in meinem Posteingang stapeln sich die Nachrichten, so wie sich alles stapelt und stapelt und mich hoffentlich bald erschlagen wird… Ich kriege NICHTS mehr hin! NICHTS mehr gebacken! NICHTS fertig! Zu NICHTS mehr zu gebrauchen…

20:53
Unentschlossen mache ich ein paar Schwimmzüge in diesem Tümpel der Unannehmlichkeiten. Wofür werde ich mich entscheiden? In tiefen Schlaf fallen? Mich sofort übergeben? Loslassen und mit Folgen auf den Boden knallen?

Die Musik gedrosselt. Sicher ist sicher, ich will und ich muss ihn ja kommen hören. Mich dann ins Badezimmer geschleppt. Die bereits im Einsatz gewesene Klinge ist enttäuschend. Jede einzelne Kante kommt zum Handkuss, und lediglich eine davon erweist sich als noch „einigermaßen probat“. Den Überblick verloren, fester angedrückt, spürte ohnehin nicht mehr viel. Abschließend noch die letzte verbliebene Rasierklinge aus der gelben Schachtel gezogen, das gelbe Kuvert noch verschweißt. Mir eine Stelle ausgesucht und dann zweimal mit ordentlich Nachdruck über die Haut gezogen, durch die Haut gezogen… Aber Oberflächenscheiße bleibt Oberflächenscheiße!
Doch als ich mit der anderen parallel zur Schnittfläche wieder und wieder darüber schabte, mit ebenso Nachdruck, spürte auch ich Gefühlskrüppel in meinen gefühlsgestörten, tauben Fingerspitzen, wie das Werkzeug jedes Mal in der Kerbe versank. In den beiden Kerben versank. Ein kleines Massaker, das Geschirrtuch am Ende mit seinen Kapazitäten.
Wunderschön…

Und wieder die Frage aufwerfen, wie schlecht ich bin. Der Schmerz im Rücken gewinnt wieder Oberwasser, ist eindeutig nicht in meinem dreckigen Blut ersoffen. Meine Gehirnkapazitäten reichen nicht viel weiter als bis zu meiner Nasenspitze, und kaum sind Dinge gesagt oder gedacht werden sie mit einem Ablaufdatum versehen, einer Stoppuhr, die gnadenlos ihre restliche Lebensdauer herunter rechnet. Und die ist nicht lang. Bis… Die Zeit abläuft und alles dem Vergessen geopfert wird. Ich komme mir nur noch debil und blöd vor. Völlig wertlos. Aber… Aber zumindest dies sei als Randnotiz angemerkt: der große Blutfleck auf dem Strumpf, den ich übergestreift habe, dieses seltsam kühle Gefühl unter dem Verband, das Wissen darüber, welch schmutziges Geheimnis sich wieder unter einer schwarzen Stulpe verbirgt… Kleine, schäbige Trostpflaster. Seien mir gewährt… Oder etwa nicht? Mir Versager??

Und so beginnt die nächste Nacht, nichts wurde geschafft, der Uhrzeiger dreht sich gnadenlos weiter, schraubt sich dem Ende so manch eines Mitmenschen entgegen. Und ich schaue zu, tatenlos schaue ich einfach nur zu, in freudiger Erwartung dessen, was mich dann heimsuchen wird, mich erschlagen wird, mich hoffentlich beenden wird, wenn die Uhr erst einmal abgelaufen ist und es keine Möglichkeit der gut oder schlecht gemeinten Entschuldigung oder Ausrede mehr gibt!

Mir wird noch schlechter und mein Schädel fängt an zu dröhnen. Noch mehr, noch etwas anderes einwerfen. Wer weiß…

 

15. Januar 2019, Dienstag „Parallelwelten…“

13:32
Ich kam nicht aus dem Bett, ich wollte nicht aus dem Bett, zu bunt meine Träume, musste sie sortieren, bei einigermaßen klarem Verstand einer zweiten Sichtung unterziehen, mit Hauptaugenmerk auf Kinder und eventuell versteckte Hinweise auf Missbrauch, Übergriffe.
58,6 Kilo um 11:00 Uhr. Oder, so werde ich gerade scharf kritisiert, um 11:15 Uhr. Das Restaurant gut besucht, die Sonne knallt zur Terrassentür herein, es ist warm, zu warm, ein strahlend blauer Himmel und eine strahlende Sonne, um das bisschen Zucker, welches noch auf dem sich bis gerade eben noch im Schatten befundenen Hang zu finden war, ad absurdum führt. In Süddeutschland schneit es, in Österreich schneit es, alles versinkt im Schnee und ich meine, Zeuge des Klimawandels zu werden. „Nachts hat es ein bisschen geschneit.“, Sebastian zu meinen ungläubigen Blicken, als ich das Wohnzimmer betreten hatte.
Es gab Frühstück. Hatte meine liebe Not, meine beiden Brotscheiben mit Butter zu bestreichen. Dazu heftige Schmerzen im linken Schulterblatt. Bzw. in der Muskulatur darüber. War abends bereits sehr unangenehm, um heute einem den Atem zu rauben bei jeder falschen Bewegung.

Und WIEDER klingelt das verschissene Telefon!! Ich hebe ab und lege auf! Vorhin war es ein Mann mit Akzent, der mit Sebastian über „Microsoft“ sprechen wollte. Es reicht wirklich!
Einmal schwer seufzen… Die Panikmaschinerie ist angesprungen!

Zweimal Temperatur gemessen. Während dem Frühstück, nach dem Frühstück. So einiges lässt sich erklären, aber so manches wird auch wieder im Unklaren bleiben. Erst waren es 37,7 und erst vor kurzem 38,5 °C. Woran man es definitiv bemerkt, dass etwas nicht stimmt? Meine Stimme… Ist dünn, bricht immer wieder, leiert und kracht.
DESWEGEN die Probleme mit dem Buttermesser.
ABER warum sah die Notiz in meinem Kalender gerade eben so kontrolliert, klar und deutlich aus wie ich schon seit Jahren nicht mehr??
Mir wird vorgeworfen, ich müsste jetzt malen. Dabei weiß ich nicht einmal, wie ich hier eine einigermaßen erträgliche Sitzposition einnehmen soll, um nicht von den Schmerzen in den Wahnsinn getrieben zu werden. Mir dessen bewusst, in dieser Ausweichsbewegung wiederum den Ischias, also seine gesamte Familie, früher oder später auf den Plan zu rufen.

Schwer schlucken; Schleim läuft den Hals hinunter. Und ich gewinne den Eindruck, es mit der Nasendusche, die ich gestern wieder einmal durchgeführt habe, noch schlimmer zu machen. Mit meinem Latein am Ende, aber morgen kann sich der Arzt darüber den Kopf zerbrechen.
Da drängt sich ein Gedanke auf, hinsichtlich des Gesprächs mit Markus gestern Abend, meiner eigenen Aussage, bei einem Flashback oder selbst schon beim „Stolpern“ das Gefühl zu haben, jemand würde mir auf die Nase schlagen, bis ich Blut und Rauch riechen kann: Könnte es da einen psychosomatischen Zusammenhang geben? Die Seele geht manchmal seltsame Wege…

Dieser grandiose Tag schreit danach, wahrgenommen zu werden, ich müsste rausfahren, irgendwie, Rollstuhl oder Rollator.
Etwa 20-30 Tropfen Novalgin geschluckt. Das Fenster ist gekippt und es ist trotzdem zu warm. Halte meine fettige Visage nicht aus. Die Hände klimpern. Bin völlig erstarrt, schon wieder. Vor oder zurück?
Stillstand. Im Schädel tabula rasa. Im Geiste 11, auf dem Mauervorsprung unterhalb vom Gasthaus, mit Blick auf die Wiese, den dünnen Pulli über die angezogenen Knie gestreift, um die Körperfläche zu minimieren… Es ist warm, ich höre irgendwelche Melodien meiner Kindheit, frühen Kindheit… Ballett… Bis vier zählen…

7. Juli 2018, Samstag

20:16
Wir wollten ohnehin irgendwo einkaufen gehen…
Dementsprechend überzeugte ich Sebastian davon, dass wir auch ins große Einkaufszentrum nach Oberwart fahren könnten. Unser erstes Ziel die allgemeine Ambulanz im Krankenhaus. Mein Katheter wurde gewechselt, neues Urikult gemacht und der freundliche Urologe machte keinen Hehl daraus, dass bei mir dank meiner MS ohnehin alles im Arsch sei. Ich meinte, schon lange kein Blasentraining betrieben zu haben, und er ganz fatalistisch: „Das bringt ohnehin nichts mehr! Ihre Blase ist kaputt!“.
Als er den Befund schrieb, gab ich ihm den Tipp, bei der Diagnose „Zombie“ zu vermerken…
Hahaha… Alles ja so lustig, ich habe Witze gemacht, über meine Situation, meine Schrottkiste von Körper usw. und so fort. Aber spätestens dann im Sportladen, als Sebastian sich nach neuen Dartpfeilen umsah, ging in mir beim Anblick der Laufabteilung wieder irgendetwas zu Bruch. Bin ich denn wirklich irgendwo ganz tief versteckt in mir der Meinung, dass ich jemals wieder laufen werde können? Wie dumm muss man sein??
Der Lächerlichkeit preisgegeben habe ich mich zu allem Überfluss auch noch, als ich meine Tablettendose stolz präsentierte und meinte, kein Problem zu haben, die einzelnen Präparate auseinanderhalten zu können. Den nächsten Scheiß gedreht… Das, was ich für die Retardtabletten gehalten und auch gestern sowie in den letzten Tagen, in denen es mir mit der Blase schlecht ging, eingeworfen hatte, waren in der Tat die Medikamente fürs Herzrasen!!
Hatte ich nicht zuletzt genau andersrum denselben Fehler begangen? Und die Tabletten gegen das Herzrasen mit denen für die Blase verwechselt und sogar geglaubt, sie würden die ersten Tage die Panikattacken eindämmen???
Wieder war die Rede von der Botoxspritze und auch da konnte ich mir die Klappe nicht halten: „Wow! Dann habe ich eine faltenfreie Blase… Wenigstens etwas!!“.
Die Schwester, die sich erst um mich kümmerte, erzählte sogleich, ihre „Schwester“ hätte ebenfalls MS. Wer hat denn nicht MS oder ist nicht mit jemandem verwandt oder kennt immerhin ein oder zwei Leute, die es haben?! Was für eine Volksseuche!

In der Wartezeit las ich wieder im Buch „Ich war erst 12“. Es ging darum, wie der Vater das erste Mal nachts ins Schlafzimmer der Tochter kommt und sie ausquetscht, wie sich das mit ihrem Freund verhalten würde. Ganz unschuldig, die beiden hielten Händchen und das war schon das größte der Gefühle. Nachdem sie ihn diese eine Nacht vertreiben konnte, wusste sie ganz genau, er würde wiederkommen. Und so geschah es auch. Dieser seltsame, gefährliche Blick. Bereits in der ersten Nacht hatte er ihr übers Haar gestreichelt… Und sie fühlte intuitiv, dass das nicht normal war! Denn er berührte sie nie! Er war auch sehr streng und mitunter aufbrausend. Sie respektierte ihn. Aber das, DAS war nicht mehr normal… Und sie fühlte sich schlecht!

Der Täter ist austauschbar. Wer auch immer, aber ich las diese Zeilen und bereits bei der kurzen Beschreibung der ersten Nacht konnte ich fühlen, wie sie sich gefühlt haben muss… Mir wurde schlecht, klamm, ich fühlte mich ekelhaft, dreckig und zugleich im Körper gefangen.
Dem voraus ging eine plötzliche Panikattacke, als ich mich bei der freundlichen Schwester angemeldet habe…

Das soll „Hineinsteigern“ sein? Nicht mehr als das?!!
Ich bin davon überzeugt, dass jeder Mensch, der sich selbst verletzt, sexuelle Gewalt erfahren hat!
Warum kann ich dann diese Überzeugung nicht auf mich selbst anwenden? Wenn ich doch weiß und keine Sekunde daran zweifle, dass andere Verdrängen, Abspalten??! Warum dann nicht ich ebenfalls???

Sebastian ist mit Jan und dem anderen Sebastian weggegangen. Ich bin allein und spüre in mir das Verlangen, mich zu verletzen…
Was waren das auch für Höllenschmerzen, als wir nach Hause kamen? Mein linkes Bein krampfte bereits die ganze Heimfahrt über. Mein Bauch eine steinharte, druckempfindliche Murmel. Erst recht angepisst vom Wechsel des Katheters. Alles tat weh. Wir haben zu Mittag gegessen und anschließend gab es sogar noch Eis… Für meine Verhältnisse viel zu viel und dreimal über den Hunger!! Dafür aber meldete sich dann mein Darm. Wunderbar… Kaum hatte ich mich vor der Toilette aus dem Rollstuhl erhoben, führte der Druck hinten zu einem bestialischen Krampf vorne im Unterleib, ich fiel um, auf die Kloschüssel und pinkelte mich wieder an. Ich biss vor Schmerzen in die Aufstehhilfe links von mir, ich bekam keine Luft mehr und es fühlte sich an, als würde der Krampf meine Harnröhre aus mir rausquetschen, oder besser noch, gleich noch die ganze Blase dazu!!

Der Arzt klärte mich darüber auf, dass die Krampflöser für die Blase nebst der Mundtrockenheit eben auch den Darm lähmen würden. Genauso wie das Lioresal, ganz zu schweigen von den Opioiden und erst recht den Morphinen, die fehlende Bewegung mal ausgeklammert. Er empfahl mir auch, stattdessen das Lioresal hoch zu dosieren. Ob das hilft? „Die Harnwegsinfekte werden immer wieder kommen und die Krämpfe… Die Blase ist auch nur ein Muskel, die MS schädigt alles.“.
Schwer seufzen.
Es war ein warmer Tag, wir waren von 10 bis nach 17:00 Uhr unterwegs. Aber ich wollte nicht verstehen, warum ich mir nach der grauenvollen Klositzung weder die Hände noch das Gesicht waschen konnte… Ich war unfähig, meine Hand zu heben, um damit den Schlauch am Wasserhahn festzuhalten und den eiskalten Strahl auf meine Visage zu richten, damit die Seife abläuft!!!

Um anschließend wieder unaufhörlich gähnen zu müssen. Es war zu viel… Auch jetzt kann ich auf dem Rollstuhl nicht mehr sitzen. Mein Ischias ist zu Tode beleidigt. Der Rücken gekränkt. Dabei will ich noch am Video arbeiten…

6. Juli 2018, Freitag „HEUTE ist Freitag!…“

8:30
59,3 Kilo um 6:45 Uhr. Wie gestern, wie vorgestern. Da geht man einmal nach über 20 Tagen aufs Klo und wiegt zwei Tage später einen Kilo mehr… Logik?
Es regnet. Dementsprechend hoch die „FluGtuation“ am Restaurant. Die Insekten bleiben zu Hause. Ich möchte eine riskante These aufstellen: Wetten, zu Mittag scheint wieder die Sonne?
Keine halbe Stunde mehr, dann habe ich Sitzung. Die vermutlich vorerst Letzte. Eine Pause ist angedacht. Nachts im Bett verlor sich mein Blick unentwegt im obersten Regalfach, dort, wo mindestens fünf Paar nagelneue Laufschuhe aufeinander gestapelt Staub ansetzen. Ein Fach weiter unten liegen weitere Modelle, kaum getragen. Den ganzen Ausflug über (bis auf das längere Stück mit den Schmerzen) musste ich ans Laufen denken. Aber wo sollte ich auch hinfahren, welche Strecken blieben mir denn, um nicht mit Erinnerungen konfrontiert zu werden?
Die Antwort ernüchternd: HIER definitiv keine Alternative! ALLES wurde abgelaufen!
Es ist Sommer! Zwangsläufig bin ich wieder mit diesem Verlust konfrontiert. Natürlich könnte ich aufhören, dabei auch noch mein altes Handy mitzunehmen, um damit die Musik von damals zu hören. Beim „Spaziergang“ brauchte ich sie aber. 45 Minuten waren möglich. Davon die letzten 15 nur noch Quälerei. Aber es war so heiß…
Trotz etwas mehr Bewegung, trotz neuer Stützstrümpfe, war es gerade Sebastian, der abends zu mir sagte: „Huch, du hast aber wieder ordentlich Wasser in den Füßen!“.
Der Witz nur: Mir wäre es erst gar nicht aufgefallen! Ist nicht er es, der die Situation permanent runterspielt, wenn ich mich darüber beklage, dass meine Gliedmaßen doppelt bis vierfach so dick geschwollen sind?
Der Körper setzt Funktionen aus, beginnt mit dem Abbau, stellenweise mit dem Sterbeprozess.
Stromkosten hin oder her: Nachts liege ich im Bett, die Matratze ist so weich, dass die Inkontinenzmatte unter mir permanent unbequeme Falten schlägt, kaum auszuhalten ist, aber fürs Wohlbefinden sorgen Ventilator und Heizstrahler -die kalte Luft für die krampfenden Beine und die warme für Oberkörper und eiskalte Hände. Wie in Kindertagen stelle ich mir vor, in einer eiskalten Nacht draußen irgendwo am Lagerfeuer zu liegen…

Aber das habe ich schon oft genug diktiert. Anstatt die Zeit so zu verschwenden, hätte ich die letzte Aufnahme schneiden können. Eine Katastrophe, teils vom Wind und größtenteils von Flugzeugen sabotiert. Ich könnte natürlich auch wieder damit anfangen, wie beschissen ich aussehe. Dass der Spiegel mitunter gnädiger zu mir ist.
Das erste Thema heute wird definitiv wieder diese Grunddebatte sein, warum er felsenfest davon überzeugt ist, es mit einer Multiplen zu tun zu haben. Wobei doch ich selbst immer den Eindruck gewinne, ich generiere Rumpelstilzchen regelrecht.
Vor über 1 Stunde noch hatte ich eine bessere Erklärung parat, traf den Nagel auf den Kopf als der Satz gerade eben. Aber er ist weg. Oder sagen wir so: Ich hatte mich in flagranti dabei erwischt, wie ich etwas dachte, das ich dann doch nicht denken durfte, es bedurfte einer Reaktion und rief mein vermeintliches Täterintrojekt auf den Plan. Gar nicht mal dahingehend, dass ich ihn eingeladen hätte, sondern wie ein Gerät eingeschaltet! Um dem Bild zu entsprechen! Den „Erwartungen“?!
Wie fühlt es sich an? Wie sollte es sich anfühlen? Laut Markus und dem viel zitierten DSM V, der wohl immer noch nicht offiziell beendet und veröffentlicht ist, genau so, wie ich es beschreibe. Dabei bleibt aber latent ein Vorwurf: Dass ich das alles nur fingiere, der Aufmerksamkeit wegen, um anders, besonders zu sein… Dabei ernte ich immer nur schräge Blicke, keiner nimmt mich ernst, wenn ich mich dahingehend oute. Also welche Form von „narzisstischer Zufuhr“ erhalte ich denn überhaupt, um diese Unterstellung zu rechtfertigen?
Keine?
Oder genügt es mir, in meiner Gedanken- und Fantasiewelt etwas Besonderes zu sein?…

18:15
„Der Körper soll dein Tempel sein“… Ich lach mich tot…
Mein Körper ist mein Erzfeind! Oder wie heute in der zweistündigen Sitzung von mir beschrieben: „Ich fühle mich wie ein Alien. Eine Art Energiewesen. Das Gehirn…? Ist ja auch etwas Physisches, also sagen wir, es ist das, was man landläufig als Seele bezeichnet. Und irgendjemand hat mich in diesen fremden Organismus gepflanzt. Ich kann mich damit nicht identifizieren! Es bleibt für mich ein „FREMD-Körper“.“.
Mittags 2 Stunden lang Krämpfe im linken Bein. Egal, wie oft ich aufstand und umherging. Egal, wie oft ich das Bein verprügelte. Egal, ob warme oder kalte Luft, und so war eben auch das Magnesium egal. Gezwungen, zum Morphium zu greifen…
So trat wenigstens nach einer halben Stunde endlich Frieden ein. Sebastian kam sehr spät nach Hause, es war bereits 15:00 Uhr. Während er schlief, war ich wach. Und als er noch kurz einkaufen fahren wollte, schlief ich ein. Dabei hielt es mein Ischias auf dem nagelneuen, schweineteuren Fernsehsessel nicht aus.

Ich lag da vielleicht 30 Minuten. Aber der Heizstrahler lief währenddessen. Als ich erwachte, traf mich regelrecht der Schlag! Mir war speiübel, als hätte ich wieder zu viel getrunken, mich mit Entwässerungstabletten voll gestopft und jegliche Elektrolyte ausgeschwemmt, und zugleich Mund, Zunge, Gaumen sowie Kehle dermaßen staubtrocken, als hätte ich die Namib durchquert…
Sein erster Kommentar: „Meine Güte! Ist das hier heiß! Als ich gerade die Tür geöffnet habe, war es so, als würde mich eine Wand erschlagen!“. Und so fühlte ich mich eben auch, als hätte ich mit meiner fortgeschrittenen MS in der prallen Sonne verschlafen; oder noch besser, 5 Stunden in einer Sauna gesessen… Völlig ausgeknockt, unbeweglich, instabil! Zu allem Überfluss hatte ich die Wasserflasche runtergeworfen und er kam genau im richtigen Augenblick zurück; ich hätte die riesengroße Pfütze nicht aufwischen können.

Ich hatte meiner Verdauung mit einem der beiden Einläufe vom Hausarzt gedroht. Das hat wohl „gefruchtet“. Bereits seit drei Tagen, ganz besonders heute fühlte sich mein dicker Bauch wie eine steinharte, schmerzende und erst recht druckempfindliche Kugel an! Als ich es endlich geschafft hatte, aufzustehen, drückte der Darm wohl auf die Blase…? Oder die Überdosis Wärme hat sich auf die jeweilige Stelle in meinem Hirn ausgewirkt, die für meine Inkontinenz verantwortlich ist?… Ein heftiger Blasenkrampf, ich pinkelt in die Hose… Bzw. und zum Glück in die große Einlage. Das, was dann auf dem Klo folgte, war wahrlich kein Spaß.
„Mit freundlichen Grüßen, Deine Opioide und Morphine!“. Und die fehlende Bewegung. Und die ungesunde Ernährung…? Jeden Tag, wenn es heißt: „Was möchtest du heute essen?“, da habe ich keinen Plan, vermag nicht darüber nachzudenken, habe auch eigentlich auf gar nichts Lust und wenn dann irgendetwas Essbares vor mir steht, dissoziiere ich eine kleine Ewigkeit über dem Menü, anstatt es mir in den Mund zu stecken. Oder esse einen Bissen und bin eigentlich schon satt…

WARUM NIMMST DU DANN NICHT AB, DU SAU??!!!

Die Sitzung heute hatte so viele wichtige Punkte angeschnitten, mein Analytiker so viele entscheidende Sätze von sich gegeben… Und ich mir nichts gemerkt!…
Natürlich habe ich wieder mit ihm darüber diskutiert, was es nun mit der Multiplen auf sich hat. Er nannte ein paar stichhaltige Argumente, die ich nicht abstreiten konnte. Aber vergessen! Alles, was mir in Erinnerung geblieben ist: „Das, was du da mit dir tust, ist eigentlich ein Verbrechen und du würdest dafür ins Gefängnis wandern, wenn du es mit jemand anderem tun würdest!“. Das saß. Und irgendwie und über Umwege, die erneut schlüssig waren, wollte er mir damit klarmachen, dass DAS ALLES schlicht und ergreifend für einen verdrängten sexuellen Missbrauch sprechen muss!

Was machte ich? Begann zu klimpern, das Hirn ging auf Stand-by.
Ebenso schlüssig die nächste Überlegung, gerade angesichts meines Zusammenbruchs vorletzte Nacht: „Vielleicht weiß deine Mutter wirklich nichts, aber da der Täter zu dir gesagt hat, das darfst du ihr nicht erzählen, das bringt sie um, hat er dir damit die Sterbefantasien in den Kopf gepflanzt, gerade angesichts ihres Verhaltens, was Krankheit und Tod betreffen, und dass du DANN irgendwann anfängst, auch sie abzulehnen, weil sie sterben zu sehen eigentlich dein gesamtes Leben verpfuscht hat, kein Wunder.“.

Und wieder sah ich diesen Satz im Nachwort des Buches „Ich war erst zwölf“ von einer Fachfrau, mit dem ich nicht gerechnet hatte, aber er stand da, wie eine Tatsache, wie etwas völlig Normales, Gängiges bei dieser Thematik, und ich habe mich mein gesamtes Leben gefragt, ob nur ich so gestört, bescheuert bin!!!
„Opfer von sexuellem Kindesmissbrauch glauben sehr häufig, ihre Mütter umzubringen, sehen sie sterben…“. In dem Kontext, würden sie der Mutter vom Missbrauch erzählen. Weil der Täter sie damit zum Schweigen gebracht hat. „Wenn die Mama das erfährt, bringe ich sie um!“. „Das darfst du der Mama nicht sagen, das bringt sie um!“.
Und wieder erläuterte Markus den gravierenden Unterschied zwischen zum Beispiel seinen Misshandlungen damals im Internat und meinen Reaktionen auf diverse Trigger: „Wenn ich den Film von der Kampusch sehe, fühle ich mit ihr. ABER in deinem Fall gehen gewisse Szenen wortwörtlich UNTER die Haut!!! Das ist bei mir nicht so, und das hat doch was zu bedeuten!! Und du wärst schon ein verdammt guter Schauspieler, wenn ich mich auf deine Videos beziehe, und du die DIS nur spielst! Und das kannst du dir auch nicht eingeredet haben, um dann bei diesem Thema so dermaßen körperlich zu reagieren!“…

Therapiepause. Bis zum 1. August. Sollte ich dekompensieren, etwas erinnern, bräuchte ich nur per Skype einen Notruf absetzen, man könne dann kurzfristig eine Notfallsitzung einberaumen. Aber der Sommer sei eine gute Zeit, mir etwas Gutes zu tun. Da hat er insofern recht, weil ich zu dieser Jahreszeit doch immer noch einen Restkrümel Selbstständigkeit allein durch den Umstand habe, niemanden zum An- und Ausziehen zu benötigen, wenn ich raus möchte. „Und die Natur ist für dich eine wichtige Ressource!“.

Ich würde gerne darüber nachdenken, wie es jetzt weitergehen soll. Denn es muss doch irgendwann etwas geschehen. Aber „ich darf nicht“. „Sobald du dich zu sehr mit dem Missbrauch, vermutlich mit dem Täter, also mit dem, was dir passiert sein könnte, auseinandersetzt, umso lauter wird Rumpelstilzchen. Auch wenn er behauptet, dir sei nichts passiert, müsse er sich dann ja nicht so ins Zeug legen… Oder nicht?“. Und: „Wenn du ein Problem damit hast, dann nenne es eben Egostate, oder noch besser: Ein abgespaltenes Gefühl! Aber ein Solches entsteht eben nur, wenn ein Missbrauch die kindliche Seele spaltet, widersprüchliche Gefühle sich nicht einsortieren lassen, um schlussendlich -zum Selbstschutz, um überleben zu können- abgespaltet zu werden!“.

Am Video weiter arbeiten. Aber ich weiß nicht wie. Es bedürfte noch einer Aufnahme, aber die Lichtbedingungen sind schlecht, ich fühle mich unansehnlich, nicht zumutbar und so dermaßen verwirrt oder vielleicht auch gelöscht im Schädel, dass ich davon überzeugt bin, nichts zu sagen zu haben…

19:14
Nächster Blasenkrampf…

19:42
Es hört nicht mehr auf zu krampfen. Harnwegsinfekt, Pilz, kalte Füße?
Mit dem Rollstuhl zum Sofa gefahren, um den Heizstrahler zu holen. Das Kabel verheddert, das Kabel zu kurz, beim Rangieren (und ich musste dazu noch das Kabel und die Fernbedienung der Heizdecke festhalten) kollidiert der rechte Fuß mit der Tür…
Eine überzeugendere Einladung für die nächsten Krämpfe gibt es wohl kaum!! Als ob das Krampfen im Unterleib nicht bereits ausschlaggebend genug sei…
Und ich bin wütend! Beschimpfe mich selbst! Lasse mich beschimpfen! Und bin stinksauer, wie ich so blöd sein konnte, das Haus so zu planen, wie ich es geplant hatte! Das soll ein großes Wohnzimmer sein? Geräumig und mit Platz für so einen klobigen Rollstuhl??
SO EIN SCHEISS!!!
Wenn die Beine nicht ohnehin von der warmen Luft erneut ihr perverses Treiben fortsetzen.

21:19
Mich anpissen…

Du fettes, dreckiges Ferkel!!!

4. Juli 2018, Mittwoch

17:02
Mittags eine winzige Tütensuppe und Wassermelone, abends Reis mit Gemüse… 59,2 Kilo um 6:45 Uhr. Dankeschön… Ein Kilo mehr…

Den neuen Fernsehsessel ausprobiert und mal eben mindestens 2 Stunden darauf geschlafen. Schön und gut; aber das passt alles nicht zusammen; das Sofa halbiert, bringt das neue Möbelstück nichts als Unruhe in den Raum. Sieht noch unordentlicher aus. Kaum auszuhalten.
Den Mittwoch mit Freitag verwechselt, sagte ich doch allen ernstes zu Sebastian, als er mittags nach Hause kam: „Hast du die nächste Woche überstanden…?“. Weil er abends für 1 Stunde weg gehen will. Die Nachwehen der gestrigen Tablettenexkursion? Es passte einfach alles zusammen, als sei Freitag, und ich sah mich bereits heute Abend ganz lange am Video arbeiten.

Völlig verpeilt. Total neben der Spur. Ausblicke in ein Paralleluniversum. Nicht mehr wissen, wo ist unten und oben, wo Hier und Jetzt…
Links an der weißen Kunststoffverkleidung vom Rollstuhlreifen, unter dem sich der Motor verbirgt, eine Blutspur. Der nächste Tropfen auf dem Boden gelandet. Unfähig, es wegzuwischen. Als spiele es keine Rolle. Als sei ich dermaßen depressiv, dass mir alles egal ist.
Wollte ich nicht hinaus? Eine Runde fahren? Der Wind hatte mich abgeschreckt, aber augenblicklich scheint er doch nachgelassen zu haben… Mich wieder schlecht fühlen? Rein in den nächsten Zwiespalt? Als drohte bereits der Winter in den nächsten zwei Tagen damit, mich wieder für Monate ins Haus zu sperren? Wie bescheuert!
Aber wie ich hier so sitze, immer noch müde, fühle ich mich bereits wie in Beton gegossen. Unbeweglich. Die Psyche erstarrt. Der Körper tot. Die Augen glotzen ausdruckslos nach draußen, Dissoziation als Standarddroge.

Durchs offene Wohnzimmerfenster draußen irgendwo in Hausnähe den Schwarzspecht rufen hören. Früher wäre ich schon los, wäre längst draußen gewesen, in der unbelehrbaren Erwartung, ihn irgendwo sehen zu können. Aber Bewegung scheint meiner Natur zu widersprechen. Als hätte diese nie in meinem Dasein stattgefunden.

17:35
Sebastian badet, ich mit beiden Händen an den Rand geklammert, die Knie abgewinkelt, stützen sich an der verfliesten Wand der Wanne ab. Kann mich nicht halten, nicht aufrecht halten, die Beine brechen unter meinem Gewicht zusammen, als würde ich 200 Kilo wiegen…
Aber meine Haare müssen gewaschen werden…
Mehrmals kam es zu kritischen Situationen. Nach hinten fallen, mit dem Kopf in die Glastür der Dusche…?

Daran bist du selber schuld, du faule Sau!!!

Andere geben sich mehr Mühe. Andere kämpfen mehr. Ich mache gar nichts mehr. 15 Jahre lang gekämpft und jetzt ist der Ofen aus? Oder auch das ein Symptom der Depression…

Umso besser! Dann bringst du dich hoffentlich bald um!!!

Kopfschmerzen. Während ich da noch instabil und wackelig vor der Wanne stand, drängte sich mir ein Gedanke auf: „Diese ganzen Medikamente, mich damit abzuschießen, hat zu viele Nebenwirkungen, Nachwirkungen. Aber was bleibt mir denn sonst??…“.
Und ich sah die Rasierklinge.

Aber wenn du nicht einmal DAS richtig hinbekommst!!!

Null Alternativen. Außer mich wieder dermaßen in meine Suizidfantasien hineinzusteigern…

17:55
Er fährt. Ich bin allein, für mindestens eine Stunde. Die Abenddosis fällt beinahe „standardmäßig“ aus. Die einzigen Abweichungen wären ein Hydal 2,6 mg und statt 15 eben 20 Tropfen Tramal. Mich auf meine Standardmittel verlassen, als ob diese in letzter Zeit nicht auch zu massiver Spastik geführt hätten. Aber irgendwie, irgendetwas brauche ich…
Beim Anblick des Lichteinfalls, der kleinen Sonnenblume auf der Terrasse drifte ich wieder ab… Mich jetzt aufschlitzen? Später aufschlitzen? Oder mir diese Option für schlimmere Zustände aufheben?

18:47
Eine leichte Betäubung setzt ein…
ABER… WIE KONNTE ICH ES WAGEN, DIES ANZUMERKEN!!!

PANIK…

19:57

Panik und Betäubung liefern sich einen rasanten Schlagabtausch. Beim Kopieren der letzten Aufnahme die beiden Fotos von der Geburtstagsfeier gesehen…
Wenn überhaupt einen winzigen Augenblick lang, und das nur ganz klein, kaum zu erkennen… Aber ich sehe sie sterben! Ich sehe meine Mutter schon wieder sterben!!! Die Augen werden geflutet…

Die beiden Fotos vom T-Shirt, welches sie vor 20 Jahren, im für den Rest meines Lebens entscheidenden Jahr 1998, zum 50. Geburtstag bekommen hat.

Ich sterbe…
Aber viel zu langsam, es ist kaum zu ertragen!
Sebastian ist zurück, ist oben, wird noch ein bisschen brauchen. Panik, Dämpfung, Verlustängste, noch mehr Panik, weniger Dämpfung, noch viel mehr Verlustängste… Usw. und so fort!!!

Den Rollator umdrehen. Himmel! Wenn da mal jemand aus Versehen einen Blick hineinwirft… Was wird diese Person von mir denken? Auf Verständnis darf ich wohl kaum hoffen. Unzählige Tücher und ein großes Handtuch, Strumpfverbände… Und allesamt blutgetränkt…

Ich brauche…
Ich muss…
Es geht nicht anders…

Dabei meine rechte Hand völlig verkrampft, eine Faust, schwach und gelähmt, die Finger lassen sich ohne äußere Gewalteinwirkung nicht strecken.
Eine Faust ist jedoch allemal besser als ein Streckspasmus in meiner Rechten. Perfekt, um die Rasierklinge doch noch irgendwie zu halten.
Sicherheitshalber zu Beginn gleich den Strumpf überstreifen; meine liebe Not mit diesem lächerlichen Handgriff.
Draußen geht die Sonne unter. Lebenslänglich.

Du wertloses Stück Dreck!!!

Bei dem Gedanken, dass er wieder runterkommt und somit symbolisch den Tag beendet, kommt mir die Kotze hoch vor lauter würgender Angst. Wie ein Strick um meinen Hals, und am anderen Ende hängt Rumpelstilzchen, schaukelt wild hin und her, dabei wird er immer schwerer und schwerer…

Auf jedes Geräusch von oben achten…
Nervös…
Singdrossel und Amsel singen ihr allabendliches Requiem. Einmal tief durchatmen…
Den Kopf schütteln, als würde es jemand beobachten, als würde ich dies für irgendwen tun…

Wieder zu feige! Es tut mir leid. Sie stirbt. Stattdessen sollte ich abkratzen.
Bei jedem lächerlichen Schnitt automatisch, unwillkürlich, reflexartig die Luft anhalten…

Und es wird 20:17 Uhr und auch wenn die ersten vier Kratzer auf der wahrlich verbrauchten Unterseite kaum Anstalten machten, für mich zu weinen, tun es die weiteren vier auf der Oberseite umso mehr.
Dicke, dicke Blutperlen werden aus den fragilen Strichen gequetscht. Wehmut kommt auf… Ich hätte den Arm auf einen der wenigen Flecken vom Frottee legen sollen, der mir zumindest verraten hätte, ob ich meine Schuldigkeit zumindest ansatzweise getilgt habe.

Der dreckige Strumpf, obwohl noch vor drei Tagen nagelneu, rettet die Welt! Kaschiert, was keiner sehen will, was nicht sein darf, denn: „… anderen Menschen geht es so viel schlechter, verhungern, sind Kriegen ausgesetzt, und ich dämliche Kuh tue gerade so, als wäre gerade MIR IRGENDETWAS zugestoßen!!“…

NICHTS UND WIEDER NICHTS!!
Du kannst dich ja nicht einmal erinnern!!!

Erneut die wenigen Spuren von den rechten Fingern lecken. Gleich werde ich tief Luft holen und es wird sich anfühlen, als hätte ich die letzten 20 Minuten nicht mehr geatmet. Im besten Fall, und das hoffe ich inständig, wird sich zumindest für einen Augenblick so etwas ähnliches wie Frieden in meinem Schädel, in meinem ganzen Körper einnisten.
Ich hasse mich. Und ich halte meine Stimme nicht mehr aus…

21:22
Es glich einer Erlösung, als er meinte, noch bis 10 oben zu tun zu haben.
Aber was habe ich davon?
NATÜRLICH ist es unvernünftig, den ganzen Tag bewegungslos auf einer Stelle zu verharren!
NATÜRLICH ist es ungesund!

Hasstiraden erfüllen den Raum. Die Tastatur fällt runter. Sie nicht mehr aufheben können. ALLES wird zur Belastung! Der Saustall links von mir! Die Unordnung vor mir auf dem Tisch! Das Durcheinander rechts in der Küche! Der penetrante Gestank nach Essig, Salatsauce!!!
Mir wird schlecht! Immer schlechter!
Schmerzen! Schmerzen erfüllen den ganzen Körper! Dagegen sind die armseligen Kratzer ein Flohhusten!!! Der Rücken, die Verspannungen, Kopfschmerzen und erst recht der Ischias!!!
NICHTS GEHT! NICHTS FUNKTIONIERT! UND SCHEINBAR IST ES ZU VIEL VERLANGT, WENIGSTENS HIER SITZEN ZU WOLLEN UND MIT VIEL MÜHE, DEN LÄHMUNGEN UND WIDERSTÄNDEN ZUM TROTZ, EINIGERMASSEN PRODUKTIV ZU ARBEITEN, WENN DAS OHNEHIN DURCH DIE BESCHISSENEN UMSTÄNDE STÄNDIG VERZÖGERT, DOPPELT UND DREIFACH IN DIE LÄNGE GEZOGEN WIRD!!!
NICHTS UND WIEDER NICHTS!!!

Mein Dasein kotzt mich an. Da bietet sich einmal die Chance auf Ablenkung, ABER NICHT FÜR MICH! WIE KONNTE ICH ES NUR WAGEN, DIES ÜBERHAUPT IN ERWÄGUNG ZU ZIEHEN, FÜR MICH, MICH STÜCK SCHEISSE!!!!

Die Zeit verrinnt, rieselt mir durch die Finger und ich unfähig, auch nur eine Sekunde festzuhalten. Wie kann ich mir bloß anmaßen, dergleichen in Anspruch zu nehmen, zu fordern, nur darum zu bitten!!…

Es wird heiß. ZU heiß. Ich beginne zu schwitzen. Aber (auch wenn Sebastian nun sagen würde, dass das NICHTS damit zu tun hat) ZU DÄMLICH, den Ventilator einzuschalten.

Du beschissener Krüppel! Du bist eine Lachnummer! Eine Belastung! Bring es endlich zu Ende!!

Unfähig, den Ventilator aufzustellen, nachdem ich ihn umgeschmissen habe. Unfähig, ihn an irgendeiner Stelle in die Hände zu nehmen, festzuhalten!! Mein Schädel droht zu bersten, wenn ich mich bücke. Alles in mir drückt. Kopf, der Magen, die Gedärme, der Ischias.

Überzeugungsarbeit wird sozusagen geleistet.
Aber ich…-allmählich gehen mir die Worte aus, die auch nur ansatzweise beschreiben könnten, WIE wertlos und dreckig und nutzlos und belastend und beschissen usw. und so fort ich bin- …bleibe ernsthaft am Leben!

22:06
Immer noch allein. Mir ist schwindelig. Aber ich sollte dennoch ein paar Schritte gehen…

3. Juli 2018, Dienstag „Und täglich grüßt das Murmeltier…“

8:31
Oder besser gesagt „…der Wiederholungszwang…“?
Unzählige Minuten verstreichen wertfrei, das Diktierprogramm zelebriert seine 5 Minuten.
58,4 Kilo um 6:45 Uhr, draußen vor dem Küchenfenster singt eine Goldammer, der Himmel unentschlossen und verhältnismäßig wenig Gäste am Restaurant. Ich bin so müde und habe es mir doch selbst zuzuschreiben. War der Rausch wenigstens schön? Oder hatte nicht mehr in petto als mich körperlich in einen Kaugummi zu verwandeln?
Mein sauteurer Sessel kommt heute. Dafür muss im Wohnzimmer manch anderes weichen. Ein Drittel der Couch zum Beispiel. Ob das alles so klug ist, oder ob es die Unruhe und gefühlte Unordnung erst recht verstärkt?

Als ich gestern mit der Animation einfach nicht vom Fleck kam und wahrlich schon überhaupt keine Lust mehr hatte (diesbezüglich muss auch noch erwähnt werden, dass ich vermutlich noch mehr Umstände bekomme, wenn die Samples nicht passen), drängte sich mir die Tatsache auf, auf den SD-Karten wieder zwei neue Sprachaufnahmen zu haben. Die Panik bedankte sich mit einem Knicks… Aber mir nun vorzugaukeln, mit dem restlichen Tee und einem gemütlichen Festhalten meiner Gedanken ruhig und entspannt in den Tag starten zu können, dürfen, wenn nicht sogar zu müssen, sollte als infantil bezeichnet werden. Wie lange macht mein Rücken mit? Der Ischias meldet sich. Die rechte Ferse schmerzte nachts bestialisch und der Nachhall lässt auch jetzt noch keine Langeweile aufkommen.

Bis dato hatten die Comicfiguren keine Augen. Keine Ahnung, was ich Vollpfosten mir dabei gedacht habe. Wollte ich sie ernsthaft nachträglich einbauen, über das Videoschnittprogramm???
Rumpelstilzchen lacht sich schlapp über mich und meine Blödheit. Nun über Umwege jedes einzelne Bildchen nachbearbeiten. Und sollte das total bekloppt aussehen, sicherheitshalber dieselben Dateien in einen externen Ordner verschoben, um sie dann wiederum im Arbeitsordner zu ersetzen… Aber das wird jetzt zu verkopft! Hauptsache ich mache keinen Fehler und lösche irgendwo aus Versehen irgendwas…

9:19
Lange habe ich nicht durchgehalten…
Aber es ist doch wie jeden Sommer, wie jeden Frühling, jeden Herbst… Als Opfer zermalmt zwischen den Prioritäten!! Ich müsste ein paar Schritte gehen. Ich müsste weiterkommen mit dem Video. Ich müsste malen, ehe ich nicht mehr malen kann. Ich müsste noch dieses eine Dokument fürs Büro fertig machen. Ich müsste draußen sein, ich verpasse alles. Erst recht deswegen, weil seit einer halben Stunde die Mäusebussarde mit ihren jungen Bruchpiloten unentwegt ums Haus kreisen und von lediglich diesem einen Blickwinkel durch die Terrassentür kann ich sie nicht filmen…
Ich bekomme ein Magengeschwür bei dem Gedanken, was für grandiose Chancen mir bereits entgangen sein könnten… Aber was heißt hier „könnten“, DAS IST FAKT!!!
Die Unruhe manifestiert sich erst in klimpernden Händen. Ständig die Kamera nehmen, kurz warten (die Lichtbedingungen gelinde gesagt beschissen), sie wieder weglegen, um wenige Minuten später den nächsten Raubvogel vorbei zischen zu sehen. Ich fange an vor und zurück zu wippen. Die Kopfschmerzen nehmen zu.

Eigentlich bedarf es nur einer kleinen Randnotiz: „Bedarf es auch heute wie jedes Jahr zur selben Zeit härterer Bandagen, um mich entscheiden zu können, bzw. mich erfolgreich zu irgendetwas zu zwingen, das ich dann konsequent durchziehe? Man muss ja fast schon sagen >NATÜRLICH< mit unlauteren Mitteln. Denn ohne mich wirklich >kräftig< in die Mangel zu nehmen, also die Unentschiedenheit, das Dilemma, wird das heute wohl nichts mehr!!! Also bleibt die Qual der Wahl, also das Mittel zum Zweck. Oder gleich alles auf einmal?“.

Habe ich morgens Hydal geschluckt? Die 2 mg Retard? Ich weiß es nicht mehr. Aber vielleicht, wenn ich es mir lange genug einrede, verspüre ich auch so eine „benutzerfreundliche Dämpfung“. Mir den Tag einzuteilen, jeder Streitpartei im Laufe des Tages Zeit anzuberaumen, wie bei einem Schulstundenplan, sieht nur von außen wie eine von „Gott gegebene Heilsbringung“ aus…

Scheiße. Ich bin Atheist!

Aber nun folgt erst einmal der Trommelwirbel: MAGIX erneut öffnen und mich gleich -bestenfalls- mit einer Katastrophe konfrontiert sehen. Weil ich doch etwas falsch gemacht habe, er die Dateien nicht einlesen kann, oder die Augen schlicht und ergreifend bekloppt aussehen…

Mäusebussarde…

14:17
Bloß zaghaft schielt die Sonne durch die von hinten beleuchtete und dadurch weiße Wolkendecke. Rasenmäher. Kopfschmerzen. Vor wenigen Minuten war ich nur noch einen Atemzug davon entfernt, einzuschlafen. Aber ich erlaubte es mir nicht. Das Bein krampfte zu Mittag. Die Konsequenz daraus 1,3 mg Hydal. Nun obendrauf eine Koffeintablette. Obwohl ich nicht glaube, dass sie wirkt. Ich bin immer noch zu unruhig. Dabei war ich zuvor nach meinen letzten Worten mit dem Rollator erst auf der Terrasse gewesen, um dort den Mäusebussard zu verpassen, wanderte nach hinten, weil ich dort einen jungen hören konnte, hielt eine Ewigkeit Ausschau, kam zum Schluss, dass ich ihn nur von der Straße aus sehen würde können, raste im Schneckentempo zurück ins Haus, holte den Rollstuhl, fuhr mit diesem die Straße runter, näherte mich leise und ganz langsam seinen Rufen… Ohne ihn entdeckt zu haben, flatterte er plötzlich los, und zwar direkt neben mir, und suchte das Weite.
Etwas verärgert fuhr ich zurück die Einfahrt hoch. Wieder konnte ich ihn hören, wieder direkt vor mir, aber ich sah ihn einfach nicht… Dieselbe Strategie, wenn man mit einem Rollstuhl überhaupt „schleichen“ kann. Und dasselbe Debakel wie zuvor: Direkt vor mir machte er sich aus dem Staub!

Dann wurde mein neuer Sofasessel geliefert. Die Lieferanten waren so freundlich, das neue Luxusstück ins Wohnzimmer zu bringen. Um dort auf dem Holzboden eine mindestens 1 m lange Schramme zu hinterlassen, die Sebastian auffiel. Mir natürlich nicht, als es geschah. Aber mal ehrlich: Hätte ICH irgendetwas gesagt?!

Mir läuft die Zeit davon, mir rast das Herz, ich will alles gleichzeitig und auf einmal schaffen. Aber diesem winzigen Fetzen aus meinem Traum heute Nacht sollte ich (so noch ein wenig Vernunft in mir wohnt) Aufmerksamkeit schenken:
An die Rahmenbedingungen erinnere ich mich nicht mehr. Zuerst war jemand zu Besuch, mit kleinen Kindern. Diese Kinder wurden aber uns geschenkt. Und dann war es wieder so, dass der kleine Junge (oder das kleine Mädchen -ich erinnere mich nicht und spielt wohl auch keine Rolle) Sebastians Kind aus erster Beziehung war. Und ich somit die Stiefmutter. Zuerst hatte ich keinerlei Bezug zu diesem kleinen Menschen. Das Kind eiferte mir nach, als ich den Vögeln zu fressen gab. Es nahm gleich einen ganzen Eimer voll mit Sonnenblumenkernen und verschüttete diese auf der Terrasse. Kochte Wut in mir hoch? Oder sogleich Verständnis für dieses arme, kleine Wesen? Es war ja nicht böse gemeint, lediglich tollpatschig. Ich konnte sehen, wie gleich mehrere Menschen (der Besuch, ganz sicher Sebastians Schwester, der Schwager und noch andere Gestalten) mich eingängig beobachteten.
Ich schimpfte nicht. Auch maßregelte ich das Kind nicht. Das Kind tat mir leid. Ich sah in ihm plötzlich eine verstoßene, verhasste, verteufelte kleine Kinderseele, die für etwas verantwortlich gemacht wurde, was sie ja gar nicht gemacht haben kann. Aus dem einfachen Grund: WEIL ES EIN KIND WAR!!!
Vermutlich sagte ich irgendetwas wie: „Das nächste Mal wird es schon besser gehen. Aber danke, dass du mir hilfst. Die Vögel werden sich freuen!“. Ich streichelte dem Kind über die Stirn. Ich nahm das Kind in den Arm. Vermutlich weinte es. So drückte ich es noch fester an mich, gab ihm einen Kuss auf die Wange, schaukelte es in meinen Armen: „Ich passe auf dich auf…“…
(Mich selbst diese Worte nun aussprechen zu hören, löst noch viel mehr in mir aus als der Traum an sich, oder meine rationalen Überlegungen heute Morgen dazu.)
Als wir ins Haus kamen, wurden allseits Maulaffen feilgehalten. Irgendjemand sagte zu Sebastian, und vielleicht war es auch Constanze: „Ich hätte NIE gedacht, dass sie in der Lage ist, das Kind zu küssen!! Wäre nicht einmal so weit gegangen, in Erwägung zu ziehen, dass sie es in den Arm nimmt, überhaupt berührt!!“.

Man kann nun denken was man will. Rumpelstilzchen, ich mir selbst vorwerfen, den Trauminhalt total zu verdrehen. Denn -wie erst gestern in irgendeiner Gerichtssendung gehört- Erinnerungen haben nicht sonderlich viel Wahrheitsgehalt, sind zu instabil, zu plastisch, wie warme Knetmasse…
Aber ich ahne, was Markus dazu sagen wird. Und es geht nur nicht darum, ihm auf Teufel komm raus zu gefallen und wiederzugeben, was er hören will. Denn aus meinem eigenen Munde käme dieses Thema wohl nicht. Noch nicht. Vielleicht auch nie. Also muss der Umweg über das Träumen genommen werden.
Das Kind, das bin ich, war ich, und verkörpert (immer noch vorhanden,… auch wenn Rumpelstilzchen wettert, ich hätte mir das einreden lassen, um Aufmerksamkeit zu bekommen) mein inneres Kind. Dieses Kind, das ICH SELBST als Nutte, Hure, Schlampe, Flittchen, DRECKIGE FOTZE tituliere. Von dem ich überzeugt bin, dass ihm gar nichts passiert ist! Trotz allem im Widerspruch dazu, dass sie ein notgeiles Miststück ist!!! Ist, damals war…
Eine narzisstische Missgeburt!! Der niemand etwas angetan hat!! Und erneut völlig ambivalent dazu die Überzeugung, dass sie selbst schuld ist!! Mit breit gespreizten Beinen die kindliche Möse jedem entgegen gestreckt hat!!! Wie ein räudiger Köder, der mit seinem Hintern vor lauter Geilheit unentwegt über dem Boden rutscht!!! Dieses Kind, das allein bereits ob seines weiblichen Geschlechts nur so vor Dreck trieft!!!

Mein Wortschatz würde durchaus noch Beschimpfungen für eine weitere halbe Stunde hergeben… Aber mit dieser kleinen Exkursion in meine ganz persönliche Anschauung, meine Kindheit betreffend, sollte ich eindrucksvoll und für Hinz und Kunz deutlich klargestellt haben, WAS FÜR EIN MONUMENTALER SCHRITT ES IST, DIESES KIND zumindest im Traum anzunehmen, in den Arm zu nehmen, in der Umarmung in Trauer und Schmerz und Angst zu verschmelzen…

Ich hatte meine Tante per Mail gefragt, ob ich denn in meiner Kindheit „sehr körperlich, anschmiegsam“ gewesen sei. Sie hatte doch bei der Geburtstagsfeier meiner Mutter samstags einerseits ihr Erstaunen und zugleich ihre Wahrnehmung als Beobachterin geäußert (die für sie bis dato Bestand hatte und alles erklären konnte): „Neeeiiiin…. Als Kind warst du völlig normal!! Du hast dich erst nach dem Tod von Oma verändert, mit 16 damals!“. Darauf wollte ich natürlich wissen, wie diese Veränderung ausgesehen hätte. „Ganz normal… Du bist in die Pubertät gekommen, warst nicht mehr Kind, aber auch noch nicht Frau.“.
Woraufhin ich ihre Sicht von meiner Realität „ein wenig zurechtrücken, wenn ich da erschüttern“ durfte: „Von wegen! Ich war bereits mit sechs Jahren auffällig…“.
Aber nun zurück zur eingangs erwähnten Fragestellung. Sie hat mich falsch verstanden. Und oder besser gesagt aber zugleich ist die Antwort in diesem Kontext noch interessanter: „Für uns warst und bist du unser drittes Kind, ein kleines Schmusekätzchen! Deine Vorliebe zur Nacktheit war im Kleinkindalter ganz normal, fand ich.“.

Irgendwie stockt mir da der Atem. Und muss nun zwangsläufig sagen, dass der Traum nach Lesen dieser Nachricht stattgefunden hat. Wäre es doch wahrscheinlicher gewesen, mich dann erst recht als kindliches Flittchen, Prostituierte zu sehen!!!

Der Rasenmäher treibt mich in den Wahnsinn! Ich bekomme Halsschmerzen, die Stimme versagt, die Kopfschmerzen werden zusehends heftiger. Der immer häufigere Blick auf die Uhrzeit verschärft mein Problem mit mir selbst. Bin ich doch ein Junkie???
Da geht noch mehr…
Da MUSS noch mehr möglich sein!!!…
Aber mit welchen Mitteln?…

15:34
Mein Schädel scheint zu glühen! 37,5°C. War die Heizdecke zu warm? Ich hatte meine liebe Not, ins Badezimmer zu torkeln. Mich am Waschbecken zu halten, während eiskaltes Wasser über meine „Glühbirne“ lief.
Den Ventilator zusätzlich anwerfen. Novalgin, Aspro oder noch mehr Tramal? Nur noch eineinhalb Stunden allein zu sein, den Nachmittag verschissen zu haben, macht mich im wahrsten Sinne des Wortes „KRANK“. Der Tag hat zu wenig Stunden! Und die Erschöpfung, die Müdigkeit wird schlimmer und schlimmer!
Das erinnert mich an so manch ein Video von mir, wenn ich gerade von derlei Situationen (sehr beliebt im Sommer) berichte und dem Kampf, der fast zwangsläufig jedes Mal damit einherging.
Der Gaumen schon wieder staubtrocken. VERDAMMT! Ich habe eine halbe Wassermelone zu Mittag gefressen?

Mein linker Unterarm liegt nun schutzlos vor mir, auf meinem Schoß. Die Blutreste von gestern abgewaschen. Kein Vergleich zum ersten Schlachtfest. Lächerlich die Spuren, die es hinterlassen hat.
Meine Augen verdrehen sich.
Würde ich schlafen, käme ich nicht mehr hoch. Und nachts keinen Schlaf zu finden, wäre damit vorprogrammiert. Mir wird schlecht.
Novalgin oder Tramal? An meiner wackeligen Gesamtkonstitution kann man ohnehin nicht mehr viel ruinieren…

40 Tropfen Opioide. Und dann ans Video. Während mein schlechtes Gewissen nach draußen schielt und mir vorzuwerfen weiß, dass es bald -und schneller als mir lieb ist- wieder kälter wird, ich mich nicht anziehen, nicht ausziehen kann und somit dazu verdonnert, verdammt bin, im Haus bleiben zu müssen!!!
Egal wie, egal was ich mache… Unterm Strich ist es schon vorweg die falsche Entscheidung!!!
Bitte stell mich ab!! Bitte…

16:05
Mein Blutzucker kollabiert. Oder der Mineralstoffwechsel, was weiß ich!! Zu viel getrunken…
„Trink weniger.“, der Pflegeschüler (Praktikant bei der Volkshilfe) montags.
Dann vertrocknet der Gaumen von den Antidepressiva und Spasmolytika!!!

Schon vergessen, welcher Satz folgen sollte.
Achja… Die Hände unbrauchbare spastische Fäuste. Kann nicht tippen; laute Musik angemacht, um die müden Geister wach zu rütteln.
Herzrasen; nun physischer Natur, zwecks Ausschwemmen…

JAMMERN!!JAMMERN!!! JAMMERN!!!!
BESCHISSENER, WERTLOSER KRÜPPELWASCHLAPPEN!!!!!

Alles an mir zittert, während tote „Vorbilder“ um ihr Leben singen, brüllen, schreien (Linkin Park)…

16:29
Selber schuld…? Weil medikamenteninduziert? Weil ich es nicht anders verdient habe? Weil ich schlecht bin? Bestraft gehöre?…

Kind, ich bitte dich, mach die Augen zu…

16:56
Gefühlt zum ersten Mal an diesem Tag tief durchatmen dürfen. Jeder Schnitt läuft an gleich mehreren Stellen aus. Kurzzeitig wird die Panik mehr. Ich scheine keinerlei Ausweg mehr zu haben. Ich denke, ich muss mich umbringen.

Das Lied donnert durch den Raum, direkt in mein wütendes Herz, meine gehetzte Seele…
Es kam genau zu dem Zeitpunkt raus, als unklar war, ob ich wieder laufen würde können oder nicht. Es wäre das perfekte Stück für einen Sprint gewesen. Dachte ich damals. Hoffend, es dafür noch einsetzen zu können. Aber der Kampf war vergebens und es gab keinen Sprint mehr, nicht einmal ein moderates Tempo…

Geschmacklos hin oder her; laut mitgesungen, als würde ich mir die Seele aus dem Leib schreien, während mein einziger Retter, die Rasierklinge, einen Schnitt nach dem anderen platzierte…

Was bist du nur für eine feige Sau!!!

Versagt? Mir keine Mühe gegeben? Es nicht einmal versucht?…
Es blutete und blutete, während mir die Zeit davon lief.
Er kommt bald nach Hause. Die Panik reitet auf diesem Gedanken einen wilden Ritt. Nicht wissend, welchen tieferen Sinn der Satz „Nicht mehr allein sein…“ eigentlich hat.
Ich weiß es nicht…
Weiß es einfach nicht…
WAS weiß ich schon?…

Das doch so unschuldig wirkende weiße Blümchenkleid mit meinem Dreck besudelt. Zwei dicke Blutstropfen, gierig absorbiert vom Stoff, als sei es sein einziges Ansinnen, mich zu verraten: „Schaut! Schaut alle! Seht her, was die Geisteskranke verbrochen hat!!!“.
Die Sätze kommen zähflüssig und schwinden, ohne jemals einen Schatten besessen zu haben!

Was wollte ich sagen…?

Funktionieren müssen. Lächeln müssen.
Dankbar dafür, diese Plattform zu haben. ES aussprechen zu dürfen.
Du machst es nur noch schlimmer, das weißt du. Warst nicht du es, die postulierte, dass die Mischung, oder die Benzos bereits ganz allein die Panik nur noch anheizen?

Ich hatte nachgedacht. Über die Geburtstagsfeier. Die darauf folgenden Sterbefantasien.
Darüber nachgedacht, dass mein Verhalten meiner Mutter gegenüber nicht fair sei. Wenn sie, falls sie nichts mit all dem zu tun hat. Ich war ihr gegenüber doch immer so ehrlich… Damals…
Wäre es nicht das mindeste, ihr eine Nachricht zu schicken, einen Brief, um mich zu erklären? Mich zu entschuldigen scheint bereits im Vorfeld vergebens. Ihr mitteilen, warum und weshalb die Kontaktsperre vonnöten sei. Zumindest den Versuch unternehmen, behelfsmäßige Erläuterungen aus mir raus zu quetschen.

Ich denke, ich bin es dir schuldig. Sollte dir endlich erklären, warum ich mich verhalte, wie ich mich verhalte. Aber wie sollte ich dieses Chaos in Worte fassen? Ohne Erinnerung? Was habe ich schon vorzuweisen? Aversionen (Abneigungen), Ängste, Gefühle, eigentlich nichts als Gefühle… Tue ich dir Unrecht? Die ganze Zeit schon? Mir wurden diese Gefühle und Ahnungen nicht eingeredet. Sie stammen von mir, mir ganz allein. Und wenn ich an meine Kindheit, an uns als Familie denke, sehe ich kaum einen Bruchteil, der heil wäre.
Ursache-Wirkung. Seit Jahren kämpfe ich mit mir selbst, fechte eine Schlacht aus, die ich nicht gewinnen kann… Nicht ohne Hilfe und erst recht nicht ohne Erinnerungen.

[….]

Betrügen mich meine Gefühle, bin ICH das Problem?
Keine Erinnerungen. Aber Flashbacks. Und Albträume, Albträume, Albträume. Diese werden mehr und mehr und immer intensiver und immer deutlicher. Seit 2013 zeichnet sich eine Konstante ab: Immer ein und derselbe Täter.
Warum sehe ich dich seit ich noch so klein war ständig sterben?
Warum fühle ich mich dir gegenüber so schuldig?
Was soll ich angestellt haben, um in mir selbst das Urteil mit mir herum zu schleppen, ich würde dich umbringen?

Fachliteratur, Fachleute sprechen davon, dass ein Kind unter der Drohung missbraucht wird, dass, sollte es darüber reden, die Mutter umgebracht oder sterben würde vor Gram.
Es ist die Rede davon, dass es eben NICHT normal ist, bis 11 ins Bett zu machen. In den späteren Jahren habe ich es selbst zu vertuschen gewusst.
Auch ist symptomatisch, dass missbrauchte Kinder nicht erwachsen werden wollen/können/dürfen. Und sich umbringen oder es zumindest versuchen, wenn sie an der Schwelle zum Erwachsenenalter stehen.
Und selbstverständlich darüber hinaus.

[….]
Es tut mir so leid…“

So oder so ähnlich?
Und wie viel Zeit habe ich jetzt damit vergeudet???
Die Panik übermannt mich, ringt mich nieder, drückt mich zu Boden, würgt mich, und ihr vergifteter Atem und ihre boshaften Augen sprechen nur eine Sprache: „ICH BRING DICH UM, WENN DU ES NICHT SELBST MACHST!!!“.

Die Sonne scheint. Der Himmel beinahe blau. NICHTS geschafft. Das Dokument von der Firma unangetastet. Das Video noch lange nicht fertig. Und der Rausch verraucht…
Warum sterbe ich nicht???
Und wo oder wann war der Punkt erreicht, als der Tag aus dem Ruder lief?
VERDAMMT, ICH WEISS ES EINFACH NICHT!!!!

19:25
Sebastian hat mich in den Arm genommen, ganz fest gehalten, eine Daseinsberechtigung für ein paar zaghafte Tränen geliefert.
Ihm den Text geschickt. Damit er sich mein Chaos durchlesen kann, um vielleicht etwas besser zu verstehen…
Warum ich eben glaube, eine Sollbruchstelle eingebaut bekommen zu haben, und dass die Garantiezeit nun abgelaufen ist.
Noch einmal eine zweifache Dosis Tramal. Aber danach? Eine Weitere? Ich weiß es nicht! Definitiv eine Temesta… Und als diese nach einer halben Stunde immer noch nicht anzuschlagen beliebte, ein Gewacalm obendrauf.

Die Bussarde riefen so laut, die Elterntiere konnte man immer wieder vorbeifliegen sehen. Demnach für vielleicht 5 Minuten mit dem Rollstuhl ums Haus gefahren. Aber alles dermaßen verwuchert, man vermag die Spitzen der alten Bäume oben im Wald nicht zu erkennen, alles verdeckt.
Mir selbst ein Versprechen geben: Morgen Vormittag werde ich draußen auf der Terrasse warten. Dann, wenn man es dort noch aushalten kann, die Sonne noch nicht alles verbrennt. Bestenfalls mit dem Notebook, um die Büroarbeiten abzuschließen.

Das klingt doch alles wunderbar, du hast ein Ziel, einen Plan!“

Ach, halt die Schnauze!!

19:57
Mein Schädel wird schwerer und schwerer. Habe ich ENDLICH eine sogenannte Wohlfühlzone erreicht? Der Körper will schlafen, die Augen verdrehen sich wie bereits mittags. Die Schultern schwer, werden schwerer, noch schwerer. Abendlicht liegt über dem Hügelland. Ich sehe zusammenhangslose Kindheitserinnerungen. Fußball spielen mit meinem Bruder, ich komme soeben mit Kolga von einem Halbtagesausritt zurück, ich sitze hinter der Garage auf dem Betonziegelstein und weine der Nacht entgegen, ich kann das leckere Abendessen, welches meine Mutter gerade zubereitet, bis nach draußen riechen, es sind Sommerferien und meine Schulfreundinnen unten bei der Volksschule spielen mit mir bis es dunkel wird. Meine Mutter kommt, um mich abzuholen. Aber sie verstrickt sich in ein Gespräch mit Marianne, der Schulwärtin, und wir Kinder sind mal froh, dass die beiden ausreichend Stoff auszutauschen haben. So müssen wir nicht ständig bitten, noch ein bisschen weiter toben zu dürfen.

Es ist schön, idyllisch… Friedlich. Aber tief in einer dunklen Ecke meines Magens rumort etwas, fordert immer lauter Aufmerksamkeit. Als wäre es ein Warnsignal, dass sich immer hysterischer schrillend in die Magenschleimhaut eingräbt…

Was will es von mir? Ist doch alles so wunderschön!
Aber die Nacht ist gnadenlos, schiebt sich über den Abend und frisst auch noch die letzten Reste Licht. Was bleibt, sind Glühwürmchen und bestenfalls ein klarer Sternenhimmel. Und wie aufeinander abgestimmt, perfekt trainiert und konditioniert, kommt die Panik im „starken Trab“ um die Ecke gebogen und hält zielsicher und dabei gnadenlos auf mich zu…

21:41
Mit offenem Mund, die Kinnlade hängt teilnahmslos, unkontrolliert runter. Alles doppelt sehen. Den Kopf zu schütteln hilft nur wenige Sekunden. Guter Dinge, zumindest schlafen zu dürfen.

Sebastian schläft längst auf dem Sofa und ich hatte noch kein Abendessen.

HUNGERN bekäme dir ohnehin besser!!

Beim Lesen vermischten sich in meinem Schädel Außenreize, Erinnerungsfetzen, bereits dagewesene Träume mit welchen, die eventuell noch kommen werden und beinahe psychotisch irgendwelchen Bildern, ich male mir die Realität unfreiwillig bunt und skurril und zugleich obskur… Surrealismus im Rauschzustand.
Nun ist genug, es reicht, kann kaum noch sprechen…

Es tut mir leid. Wirklich, auch wenn es manch einem schwer fällt zu glauben. Ich tue das nicht, um jemandem zu schaden, runter zu ziehen, die Laune zu ruinieren.
Aber diese ganzen Gedanken müssen raus, irgendwohin raus, ehe ich daran stillschweigend zugrunde gehe…

29. Juni 2018, Freitag „Henkersmahl…

8:26
58,2 Kilo um 6:45 Uhr; ohne Entwässerungstablette und ohne Stützstrümpfe. Die Verdauung liegt weiter im Koma. Habe ich es geschrieben? Dass sich in der Situation mit dem starken Durchfall in Deutschland, im Zusammenspiel mit diesem Missbrauchstraum, als die riesige Hand zwischen meinen Kinderbeinen lag, gefühlt einen prägenden Eindruck hinterlassen hat? Weil ich doch an mir runter sah und dem Kind passierte nichts! Ich durfte Teil daran haben, wie die Kleine ihren missbrauchten Unterleib abgespaltet hat! Wie sich im Weltall ein Raumschiff von seinem Raketenantrieb löst…

Habe ich oder habe ich nicht? Mieke fragte mich gestern, ob ich denn nichts spüren würde. Von wegen Völlegefühl, Druck auf dem Bauch, Blähbauch… Aber eigentlich nicht.

Die Krämpfe nehmen zu, machen mich krank. Die eine Temesta war kurzfristig eine kleine Hängematte für die Seele. Ich habe die Idee mit der Selbstverletzung so lange hinausgezögert, bis er nach Hause kam. Wir gingen ins Bett. Dieses empfand ich erneut als unerträglich, ekelhaft, widerlich, DRECKIG! Und die Beine krampften… 2 mg retard und 2,6 mg vom normalen Morphin. Zusätzlich eine volle Dosis Gewacalm, 5 mg. Also… Volle Dosis an dieser Stelle gleichzusetzen mit einer Tablette.
Ich war wach, ich schlief, ich wurde durch Epochen meiner Vergangenheit geschleudert, ich träumte von der Vergangenheit. Um nun nichts mehr auseinanderhalten zu können, im eigentlichen Sinne auch nichts festgehalten… Alles weg.
Der graue Himmel, die Vögel draußen, leisten ihren ganz eigenen Anteil an dem Prozess. Die meiste Zeit des Tages bin ich nur noch 4 und dann wieder 15, mal neun Jahre alt, dann 11 und zurück zum vermeintlich entscheidenden Alter von sechs Jahren. Ich bin nicht mehr im Jetzt. Ich bekomme nichts mehr mit. Merke mir nichts. Außer vielleicht dass ich der dummen Tabletten wegen mich heute noch unsicherer bewegen kann. Meine Augen verdrehen sich, wollen schlafen. Aber ich habe abends noch mit der Animation begonnen. Das soll ja schlussendlich auch nach etwas aussehen…
Um 10 Gespräch mit Markus. Wenn sie mal pünktlich kommt, um 11 Therapie mit Sonja. Meine Augen driften ab, bleiben noch häufiger und latenter ihm Nichts kleben. Wie Fliegen in einem Spinnennetz und es kostet dermaßen Überwindung, Kraft und Anstrengung, den starren Blick loszureißen. Da meine ich mich plötzlich erinnern zu können, das wäre bereits als Kind und Jugendlicher so gewesen…

17:22
Der Himmel weiß nicht so recht. Ich weiß nicht so recht. Hin und her gerissen zwischen dem Wunsch, auszuruhen, weiter am Video zu arbeiten und erst recht draußen zu verweilen, um nicht alles zu verpassen…
Mittags für Sekunden eingeschlafen. Dann kam er nach Hause, es gab etwas zu essen und das linke Bein trieb wieder seine Spielchen mit mir: es krampfte bestialisch!! Drauf klopfen, den Oberschenkel verprügeln, Ventilator… Alles sinnlos.
Was habe ich geschluckt? 1,3 mg Hydal? Ein Säckchen Magnesiumgranulat. Und dann, als die Unruhe auf dem Sofa angeheizt durch die neuropathischen Schmerzen immer schlimmer wurde, erneut 1 mg Temesta. Nebenbei erwähnt die verspätete Mittagsdosis vom Tramal bestand wieder aus 20 Tropfen. Nicht wie gewöhnlich 15.

Auf meiner Oberlippe herum kauen. Dabei kann und wird es nicht bleiben dürfen. Selbst wenn es dazu beiträgt, meinen Körper noch instabiler zu machen. Ich nicht aufstehen, nicht stehen und nur sehr schwer gehen kann.
Habe ich es erwähnt? Markus hat mir angeboten nach der Feier mit mir eine Sitzung abzuhalten. Schlimmstenfalls werde ich diese auch benötigen. Ich vermag den Gedanken nicht abzuschütteln, mich bestrafen zu müssen und dort NUR mit einem blutenden Unterarm antanzen zu dürfen.
Damit man mich nicht falsch versteht: Ich will und werde damit niemanden unter Druck setzen. Nicht drüber reden und erst recht nicht zur Schau stellen, was ich mit mir selbst angestellt habe. Aber ich brauche scheinbar die beruhigende und zugleich pochende Gewissheit, dass ich ein schlechter Mensch bin und erst recht an allem schuld!