18. April 2019, Donnerstag „Tatenlos zusehen…“

8:39
Gewicht? Gibt es heute nicht.
Er holte mich aus dem Bett. Ich völlig durcheinander, orientierungslos. Nachts mit dem Rollstuhl ins Schlafzimmer, morgens holte er mir den Rollator. Aber mehr als vier Schritte waren wohl nicht eingeplant: „Das GEHT nicht… Bitte… Ich brauche den Rollstuhl…“. Vermochte nicht, mich in diesem aufzurichten. Also wie hätte ich mich da auf die Waage stellen sollen? Außerdem gab es gestern Mittag wie gewohnt Salat von der Salatbar im Supermarkt. Dieses Mittagessen führt grundsätzlich tags drauf zu einer Gewichtskatastrophe, als hätte ich zehn Burger mit Pommes verdrückt!
Mich irgendwie aus meinem Gefährt gehangelt, um kurz, von „aufrecht“ kann dabei keinesfalls die Rede sein, zu stehen, an meiner Unterhose zu zerren, meinen Plan nicht umsetzen zu können und mit der halb runtergezogenen Unterwäsche nach hinten auf die Toilette zu plumpsen. Bewegungsunfähig.
Da ist es wieder, dieses vermaledeite Wort: „Unfähig“. Es bedurfte seiner Hilfe. Hose runter, Einlage austauschen, Hose wieder hoch, zurück in den Rollstuhl… PLUMPS!
Er fasste mir an die Stirn, an die Wangen: „Meine Güte! Du glühst ja!“…

Gestern. Auch in der Sitzung geweint. Mehrmals bohrte er nach, warum ich mich umbringen wollte. Aber ich UNFÄHIG es zu benennen. Um dann wieder in dieser trüben Suppe, diesem undefinierbaren Eintopf aus unterschiedlichsten Gründen blind herumzufischen, herumzustochern.
Tja, wer oder was ist schuld, wenn nicht ich selbst?
Das Gespräch war gut, dauerte über 2 Stunden, es tat mir gut und anschließend war mein Kopf ganz leer.
Sebastian wollte lieber nach Fürstenfeld, als wieder nach Jennersdorf zu fahren. Dementsprechend traf ich die Entscheidung, ihm mit dem Rollstuhl vorauszufahren. Ich musste raus, ich musste doch raus, unbedingt!!!
Verdammt, es war doch so warm… Aber dieser beschissene Wind! Zu wenig Schichten am Leib. Mit dem (gerade erst nachgesehen, wie dieses Ding heißt) „Buff“ (also einem Multifunktionstuch) auf dem Kopf (welches ich alleine nie, nie und nimmer, und da kann es mir noch so gut gehen, selbst anziehen könnte) sah ich aus, als hätte ich konvertiert. Und hätte mich jemand gefragt, hatte ich mir schon die passende, pseudolustige Antwort parat gelegt: „Ja, ich habe die Religion gewechselt. Von Atheismus zum streng orthodoxen Sinusitus!“.
Die Kopfhörer in den Ohren. Meine Laufmusik. Und gleich beim ersten Song war mir wieder nach Flennen. Insgesamt gesehen mehrmals. Dieser Tage sehr nah am Wasser gebaut.
Dann verpasste ich doch tatsächlich die einmalige (genau genommen zweimalige), einzigartige Chance, diesen bekloppten Kuckuck vor die Kamera zu bekommen! Lediglich 100 m die Straße hoch, er saß im Obstgarten, noch dazu auf einem Ast, der mit keinerlei Blättern die Sicht auf ihn erschwert hätte. Aber… Die dumme Kuh ist zu langsam, er flog davon. Ich passte nicht richtig auf, denn er war lediglich einige Meter den Berg runter geflüchtet, um noch repräsentativer auf dem Telefonkabel zu sitzen.
ZU LANGSAM!!! DER BESCHISSENE KRÜPPEL IST FÜR ALLES ZU LANGSAM!!! UND WAS REDE ICH MIR DA GROSSARTIG EIN, WENN ICH DIE FERNBEDIENUNG FÜR DEN ROLLSTUHL ENDLICH LINKS HÄTTE, DIE KAMERA PERMANENT IN DER RECHTEN HAND HALTEN ZU KÖNNEN!! ICH KANN DAS DING DOCH NICHT EINMAL HOCHHALTEN!! GESCHWEIGE DENN RUHIG HALTEN!! NOCH FÜHREN!! NOCH BEDIENEN!!!
Scheiße! Scheiße!! Scheiße!!!
Ich fuhr weiter. Ich filmte eigentlich gar nichts. Komplett abgeschottet mit der Musik. Hastig an Bekannten und Nachbarn vorbei. „Bitte nicht ansprechen!“.
Auf dem einen Stück, durch den Wald in Richtung Dietersdorf, diese kurvenreiche Strecke, die schmale Straße, unübersichtlich, mit all seinen Rasern, die denken, das sei eine Autobahn… Warum hat mich keiner über den Haufen gefahren?!

Was hatte ich als Kind immer Angst hinten im Auto, nicht einmal angegurtet, obwohl wir das doch in der Volksschule wieder und wieder eingetrichtert bekommen haben, wie wichtig das sei. Ob mit Mutter oder Vater, beide ohnehin konsequent „gurtlos“, denn: „Wäre der Papa damals angegurtet gewesen bei seinem Unfall, wäre er gestorben, hätte ihm das Genick gebrochen! Wegen seiner Narbe hält er den Gurt nicht aus!“, was dann zwangsläufig auch gleich für sie galt! Obwohl er, der „designierte Autocrash-Held“ von anno dazumal, sich noch waghalsiger in die Kurven legte, bei einem Tempo, dass mir jedes Mal speiübel wurde…

Einziges Highlight, aber auch das leider aus sehr großer Entfernung: Ein Kiebitz. Und das war es schon. Und der Wind blies und blies und ich hätte wahrlich noch mindestens drei Schichten mehr gebraucht.
Abrechnung…
Dabei meinte das Thermometer ernsthaft, nach meiner Rückkehr, und später abends auch noch, meine Temperatur läge bei maximal 37,2 °C, wenn nicht sogar darunter.
Sebastian hatte mich ja abgeholt. Und kaum hatte ich im Auto gesessen, legte sich wieder diese Decke aus Schwere und Dunkelheit auf mein Gemüt. Depressiv. Wieder nach Weinen.
Den Abend verpennt. Nichts ging mehr…

Und nun zurück zu heute Morgen. „Wetten, das Thermometer sagt jetzt, dass alles in Ordnung ist? Und ich darf mir einmal mehr den Schädel zerbrechen, warum ich mich NOCH WENIGER rühren kann?!“.
Dem vorausgeschickt sei vielleicht die zweite Messung, mit dem Alten. Und dann denke ich an die Reha, ich denke ans Krankenhaus zuletzt, wie oft ich sagte, es geht mir scheiße, aber man diesen Wert für bare Münze nahm! Egal, ob meine Birne glühte oder nicht! Verdammt noch mal! Der MS ist es scheißegal, ob der Körper warm ist, wenn der Kopf einigermaßen Kühlung erfährt!!
Axial: 36,2 °C.
Dankeschön! Und das entscheidet und KEINE SAU NIMMT DICH MEHR ERNST!!! ABER VERDAMMT NOCH MAL, DAS KAPUTTE GEHIRN WOHNT NUN EINMAL OBEN IM SCHÄDEL!!!
So, und nun noch einmal: War beinahe unfähig, das Thermometer hochzuhalten, ans Ohr zu führen… Nichts erwartend, außer vielleicht eine weitere „Maulschelle“, weil „ich ja die ganze Zeit somatisiere“, natürlich „mir das alles nur einbilde“, und nicht zu vergessen „Aufmerksamkeit brauche“!!!

Das neue Ohrthermometer piepste.
Ein gleichmäßiger Ton bedeutet: unter 37,5°C.
Ein langsames, dreimaliges Signal: über 37,5°C.

Und ich hatte noch zu ihm gesagt: „Bei aller Liebe! So dermaßen unbeweglich war ich auch noch nie, nicht einmal bei meiner Influenza A oder B zuletzt… Das erinnert ja beinahe an die Überdosis!…“.

Das neue Gerät präsentierte nun tatsächlich ein weiteres Feature!
Es piepste dreimal, mehrmals hintereinander, aber das doppelt oder dreifach so schnell. Ich traute meinen Augen nicht. Wie war das, axial – 36,2???…
Auf dem Display: 38,8°C!

Zombie…
Aber definitiv von der Sorte, dem man bereits den Kopf abgeschlagen hat. Den Rollator kann ich mir heute sparen. Und das Beste? IMMER noch KEINE DEFINITIVEN GRIPPESYMPTOME!! KEIN SCHNUPFEN, KEIN HUSTEN… NADA!!!

DU WIRST DEN GANZEN FRÜHLING VERPASSEN!!!
GEFANGEN IN DEINEM BESCHISSENEN KÄFIG!!!
LEBEN?!!! NICHTS FÜR DICH!!!

Depressiv. Müde. Erschlagen. Und draußen lacht mich der Frühling aus.
Nachdem ich vorgestern vom Bild geträumt hatte, bat ich ihn gestern, mir unbedingt die Leinwand wieder auf den Tisch zu legen. Denn man könne ja nicht wissen… Hoffnung?

JETZT WIRST DU ABER GANZ SCHÖN GRÖSSENWAHNSINNIG!!!

Versuche, dich mit ihm zu unterhalten.“, Markus gestern eindringlich. Auch sprachen wir über eine Klinik, scheinbar die einzige, die alle mich betreffenden Belange abdecken würde, Nähe Dortmund. „Denk mal drüber nach. Ich habe kein Problem, für dich da mal pro forma nachzufragen, anzurufen!“. Dann wäre ich weg. Weg aus diesem krankmachenden Umfeld. Diesem retraumatisierenden System. Raus aus dem direkten Einflussbereich diverser Personen, die einfach „zu nah ihr Unwesen treiben“, um es mal etwas despektierlich zum Ausdruck zu bringen. Und die mich wieder und wieder und wieder beeinflussen, jeglichen Fortschritt torpedieren, mich wieder zum Anfang katapultieren… „Aber es ist doch ALLES nur lieb und gut gemeint! Und es geht doch ALLES nur und ganz allein und ausschließlich UM MICH, damit es MIR besser geht!!“…
Ich könnte kotzen!

Die Butter schmilzt auf meinem Tisch dahin, müsste in den Kühlschrank. Gestern nicht einmal meine Zähne geputzt.
Ein Reh sprintet soeben über unsere „Erdwärmekollektoren-Wiese“. Meine Hände klimpern. Mein Tisch ist ein ein einziger Moloch! „Messietum“ im Kleinformat! Aber schlussendlich sieht auch der Rest des Raumes nicht besser aus.
Bereits mehrfach die holde Maid vom Wald- und Wiesenprediger verpasst. Das Atmen fällt schwer. Die Amsel scheint das Nest auf der Kopfweide aufgegeben zu haben. Haben wir sie zu oft zu eingängig beobachtet?

Rollstuhl oder Rollator? Wie wagemutig bin ich? Um nebenbei zu entdecken, dass es bald 10:00 Uhr wird… Großartig!…

10:15
Aufstehen, um die Heizdecke wieder auf der Rückenlehne des Rollstuhls zu drapieren. Dabei fast umkippen. Die Hose hängt mir halb unterm Arsch.
Weise gewählt, den Rollstuhl zu nutzen. Die Zahnbürste im Waschbecken abgestützt/aufgestellt, irgendwie festgehalten, und der Kopf musste sich selbst putzen. Mein Darm faselte irgendetwas von wegen Verdauung, ich quälte mich hoch, quälte mich beim Ausziehen, saß dann minutenlang, nichts passierte, fühlte mich wortwörtlich verarscht, quälte mich wieder hoch und benötigte Minuten, um die beiden Hosen wieder einigermaßen in Stellung zu bringen. Mangelhaft, wie man soeben sehen konnte.
Der Tag wird immer schöner. Ich kann mir ausmalen, wie wunderbar es draußen sein muss. 38,3°C. Tropisches Klima im Hirn. Ich halte den Saustall nicht aus! Wie kann es sein, dass es nach wenigen Stunden, nach einem Tag wieder so aussieht? Wie kann es sein, dass die Damen zweimal pro Woche sauber machen, und in Windeseile ist wieder alles dreckig? Oder es bleiben unschöne, unentdeckte Stellen, die ICH leider immer sofort finde? Wie nur, wie???
Mir ekelt dermaßen! Vor jedem einzelnen Krümel, vor jedem einzelnen Klecks von etwas, das mal ein Lebensmittel war! Was verdammt noch mal hat es mit Sachen, die man in den Mund nimmt, zu sich nimmt, schlucken muss, zu tun? Warum sind diese derart negativ behaftet? Mit so viel Ekel, Abschaum, Würgereiz??? Wollte mich wer vergiften?? Einfachste Assoziation: „Zum Oralverkehr gezwungen worden?!!“? Hat mich das Essen meiner Mutter vergiftet, weil sie im übertragenen Sinne mein Denken vergiftet hat? Mit ihren abstrusen Erklärungen? Ihren ZERKLÄRUNGEN? Ihren permanenten UMDEUTUNGEN? Und im Kontrast dazu das „bittersüße“ Umsorgen, man hat nie Hunger gelitten, liebevoll wurde gekocht, man wurde genährt, gefüttert, mit Essen und Intrusionen??!!! Eine groß angelegte ambivalente Scheiße!!!

Du undankbares Drecksblag!!!
DEINE ARME MUTTER!!!

Ich soll IHM sagen, dass es IHN ja nicht ohne Grund gibt. Dass allein die Tatsache, dass ER existiert, schon Beweis genug sei, dass etwas Schlimmes passiert sein muss…
Aber wieder hocke ich hier mit offenem Mund. Man sollte viel trinken… Ich schaffe es nicht, nicht mich nach vornezubeugen, um an den Strohhalm heranzureichen. Ich würde so gerne aufräumen, ein bisschen zumindest, klitzeklein aktiv werden, nicht dermaßen ausgeliefert sein, bewegungslos…

Schon drängen sich mir die nächsten Selbstmordgedanken auf.

Bestenfalls schaffe ich es, bis zur Terrassentür. Um diese zu öffnen, und dann ohne Einschränkung durch die dämlichen Sprossen meine Chancen, auf eine adäquate Aufnahme, zumindest marginal zu erhöhen…

15:00
Ramida geht soeben. So viel gequatscht. Jetzt erst recht atemlos. Und am Schluss auch noch übers Laufen. Ich, wohl gemerkt, ICH blöder Krüppel gebe Tipps und Ratschläge zum Thema Laufsport…
Ist das nicht zum Totlachen?!
Und draußen? Der Tag verhöhnt mich immer noch! Kurzfristig ein paar Wölkchen, aber nun alles perfekt und wunderbar und super und traumhaft schön… Ich klimpere. Es wurde noch nicht alles gesagt. Noch nicht standesgemäß kommentiert. Selbstverständlich meine Rasierklingen im Sinn. Ich könnte, ich möchte…
Es riskieren, hinausfahren und die nächste Abfuhr erteilt bekommen…
An und für sich kann man augenblicklich ja nicht einmal davon sprechen, starke Beschwerden zu haben. Die Kopfschmerzen sind moderat. Die seltsame Neuropathie rechts im Bein wurde nur nachts im Traum zu einem definitiv ausgewachsenen Schub. Nichtsdestotrotz 38,2 °C. Ich hasse mich. Ich verachte mich. Allein wie ich hier auf dem Rollstuhl hänge, das viel zu enge T-Shirt, vorne rum gespannt, gewölbt von einer dick aufgeblasenen Wampe…
Augenblicklich ist mir nicht nach Weinen. Die Wut überwiegt. Doktor Ratio sagt, damit mache ich es schlimmer. Selbst Ramida sagte, damit mache ich es schlimmer. Aber da ist einfach kein Ende in Sicht, weil man ja schlussendlich nicht weiß, womit man es zu tun hat!

Ich will hinaus! Alles zieht mich dorthin! Und nebst Kamera zugleich nur mein „Profi-Equipment“ zum Zwecke der Selbstbestrafung eingeplant.
Es soll warm sein. Aber die Birken flattern silbern im Wind.
Die Zeit verstreicht ungenutzt. Hätte ich bei irgendeinem Arzt anrufen sollen? Oder eben in der HNO-Ambulanz? Oder weiß der Teufel wohin ich mich wenden könnte?! Vielleicht war ich zuvor noch müde, hätte in Erwägung ziehen können, mich hinzulegen. Aber nun halte ich den Anblick, diesen betörenden Anblick dieser zum Leben erwachenden Natur da draußen nicht aus! Und ich klimpere immer schneller, immer neurotischer und werfe in der Tat die Frage auf, ob das fair ist.

BESCHISSENER KÖRPER!!!

Ein frostiger Schauer läuft mir über beide nackten Oberarme. Dezent kratzt es im Hals. Aber das kommt sicher nur vom vielen Reden. Ich mag mich nicht hinlegen, nicht fernsehen. Alles, was ich mir vorstellen kann, wäre mich vollzustopfen. Wahllos irgendetwas in mich reinzufuttern. Und dann zu kotzen. Aber zu meinem Glück ist nichts da?!…
Das linke Bein beginnt zu krampfen. Seit gestern schon keine Stützstrümpfe mehr getragen, die Wassereinlagerungen werden sich sehen lassen können. Ich denke an jeden noch so winzigen Käfer, den ich beobachten hätte können, nun aber -Pech gehabt- verpasse! Und im nächsten Jahr ist dann das Bedienen der Kamera gar nicht mehr möglich! Und mich würde mal interessieren, wer mich wohl angesteckt hat. Alles nur vom Ausflug vorletzten Sonntag, dem kalten Wind entgegen? Oder doch spätestens freitags im Krankenhaus mir irgendetwas eingefangen? Wen interessiert es?!
Jetzt kommt die Depression.
Verachtung… Schüttelfrost…

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6. März 2019, Mittwoch „Der Test…“

Zu nichts kommen! Rein gar nichts! Jetzt gab es da gleich zwei Träume hintereinander, und keinen davon bis dato festgehalten; obwohl beide den Einzug in mein Spezialdokument verdient hätten!
Ich weiß gar nicht, was ich sagen soll. Wie ich es sagen soll. Ich brauche die dumme Waage draußen vor der Schwesternstation nicht! Ich bin doch nicht blöd, habe doch keine Tomaten auf den Augen!!

Du fettes Walross!!!
DU UNFÖRMIGES STÜCK SPECKSCHWARTE!!!

Noch nie, Betonung auf „NOCH NIE“, hatte ich so eine Wampe!!! Aber es ist ja nicht nur das allein!!! Was ist mit den fetten Armen?? Mit dem Speckgesicht??

WAS an DIR ist nicht FETT???!!!
Und NICHT MINDERWERTIG und SCHLECHT???!!!

Ich muss die Träume festhalten…

Ablenkung!!!

Hatte ich doch beobachtet, wie die Tochter meiner Tischnachbarin gegenüber ihrer Mutter zur Begrüßung einen Kuss auf den Mund gab. Das war für mich völlig… Irritierend? Und musste daran denken, nicht einmal den Gedanken der bloßen Gegenwart auszuhalten! So träumte ich, inspiriert von meiner Beobachtung, vor zwei oder drei Nächten genau davon. Ich war schon wieder im Gasthaus gefangen. Und scheinbar ein hilfloser Pflegefall. Ständig und unentwegt und immer und immer wieder wollten meine Eltern mich herzen, mich drücken, streicheln, umarmen, küssen… Da half es nicht zu sagen, dass ihre Berührungen Schmerzen auslösen. Da half es nicht zu sagen, dass ich das nicht will, nicht länger will, es nicht ertragen kann! Es half auch nicht, ihnen zu drohen!!
Also machte ich meine Drohung wahr! Irgendwie hatte ich mich wohl bis zur Eingangstür vom Gasthaus geschleppt, gerade noch über die Schwelle nach draußen, um mir dort mit einem gekonnten Messerhieb die Pulsadern aufzuschneiden. Kaum spritzte das Blut aus der Wunde, begann ich zu zählen. Im Sekundentakt. Es gab Erfahrungswerte, wie lange es dauern würde, bis man verblutet. Sie hatten mir ja nicht zugehört! Ich hatte sie gewarnt! Dass sich ihre Puppe zerstören würde, wenn sie nicht aufhören!!!
Meine Eltern hinter mir im Gastzimmer völlig aus dem Häuschen, aufgebracht, wie aufgescheuchte Hühner rannten sie hin und her. Währenddessen ich mit gleichgültigen Blick: „Jetzt sind es bereits 2 Minuten. Wenn ihr die Rettung ruft, braucht diese mindestens 6 Minuten. Bis dahin ist es vorbei.“.

Ich habe vergessen, wie es weiter ging. War ich nicht sogar aufgestanden und davon gegangen? Ständig am Überlegen, ob ich Sebastian davon erzähle? In irgendeiner Form gab es Stress und die Wunde an der Handbeuge riss wieder auf und blutete. Wie hat er reagiert?

Ich muss Zähne putzen. Dann mit dem Rollator zur Psychologie und anschließend zur Physiotherapie, um dort meinen Abschlusstest zu machen…

13:08
Was ist mit mir los?

Was ist mit dir los?

NA WAS?!!! SIE IST UND BLEIBT EIN FETTES SCHWEIN!!!

In der heute mal 45-minütigen Psychologiesitzung ging es erst lustig los. Aber dennoch, die Anspannung war da, krallte sich meine Schultern, meinen Nacken. Und als ich abschließend noch anfing von den beiden Träumen zu erzählen, kam auch noch die Dissoziation zum Zug. Wieder einmal. Ich meinte dann schon spaßhalber, es müsse an ihrem Gesicht liegen, dass ich mich ausblende. Der zweite Traum war gelöscht. War weg. Insofern spannend meine brandneue Lektüre; ich habe gerade den Titel nicht auf dem Schirm. Aber eigentlich wollte ich ja noch etwas dazu sagen, was nun mit mir los sei, mit mir nicht stimme…

Beim Test meiner Gehstrecke abgekackt. Und ich wollte gerade noch zu ihm sagen: „Und? War ich 2 m besser??“, ein ironisch eingefärbtes und dementsprechend völlig übertriebenes Erwartungsgrinsen aufgesetzt. Ich sagte es nicht, aber er. In der Tat! 2 m weiter… Und wieder fange ich an, den Blick für die Realität zu verlieren, alles zerlegt sich, alles hat schon mindestens einmal stattgefunden.

Nur nicht für meine fette Wampe! Für meine fette Gestalt! Die ist und bleibt unverändert FETT!!!
Mein Vater hat nie zu mir gesagt, ich sei fett. Diese Beschimpfungen hat er sich für meinen Bruder aufgehoben, schon sehr früh. Aber, was soll ich da, vier Jahre jünger, daneben denken???
Und immer noch nicht ausgesprochen, worauf ich eingangs hinaus wollte! Was ist mit mir los? Die Waage klatscht mir ein 62,9 um die Ohren! Davon darf ich vielleicht maximal 600 g abziehen für meine Klamotten. Unterm Strich ein Desaster, wortwörtlich!!!

Aber SIE??? Sie frisst und frisst und frisst!!!

Vier Stück Melone, zwei Scheiben Vollkornbrot und Kakao und Butter. Nach der ersten Scheibe war ich satt. Während der Zweiten papsatt, am Ende deren schlicht und ergreifend VOLL. Aber das frische Brot, das knusprige, duftende Brot, und noch Butter auf dem Teller, ein wenig Kakao in der Tasse… Ich besorgte mir eine weitere Scheibe, um mir diese in den viel zu vollen Bauch zu stopfen!
Ich verzichtete mittags auf das Hauptgericht, aß nur eine Suppe, und natürlich den Nachtisch, einen Bratapfel in Vanillesauce. Und nun futtere ich einen kleinen Schokoriegel. Warum? Weil er da ist!! Weil ich ihn mir gestern gekauft habe!!!!

Traum Nummer 2:
Wieder im Gasthaus. Mittlerweile vergessen, warum und wieso genau… Julia war da, meine Schulkollegin. Ich hatte mit ihr eigentlich nie was zu tun, also erst einmal unklar, warum sie im Traum vorkam. Weil sie damals als kleines Mädchen den Inbegriff von Zartheit darstellte? Eines fragilen Porzellanpüppchens, derart zerbrechlich?
Sie war noch Kind, ich war noch Kind und zugleich erwachsen. Ich lebte noch im Gasthaus, teils in meinem Kinderzimmer, teils in jenem Zimmer, das kurzfristig Sebastians und mein Wohnzimmer darstellte. Ständig verletzten wir uns. Und mir war bewusst, dass sie mein inneres Kind darstellte. War es erneut so, dass mein Vater unbedingt Kontakt haben wollte? Ich diesen aber tunlichst zu umgehen suchte? Weil Kontakt mit ihm bedeutete, dass er mich wieder etwas fragen und ihm der Tonfall meiner Antwort nicht passen würde; worauf hin er wieder einen riesigen Aufstand macht, erst mich beschimpft, dann alle anderen, sich als Opfer sieht und schlussendlich davon rennt (wie es früher eben war, als er mit dem Trinken aufhörte). Dass er uns vom Ritzen aufhalten wollte? Dabei traf ich im Haus ständig auf andere Mädchen, Schulkolleginnen; wie man eben hier auf andere MS-Patienten trifft. Und sie alle verletzten sich und für sie alle war das völlig normal.
Scheinbar saß ich gerade mit meiner kleinen Version in besagtem Wohnzimmer auf meinem Kajütenbett (diente uns dort als Sofa), jeder hat eine Rasierklinge in der Hand, die unbeteiligten Arme zerschnitten. Da platzt mein Vater ins Zimmer rein, ohne zu klopfen (glaube ich zumindest). Was er genau wollte, weiß ich nicht mehr. Definitiv mich erpressen, indem er der Kleinen ein Messer an den Hals hielt. Er würde sie umbringen, ihr die Kehle durchschneiden, wenn ich nicht unverzüglich mit der Selbstverletzung aufhöre! Ich hatte Angst um das Kind. Ließ mich aber erneut nicht unter Druck setzen. Machte einen unvorhersehbaren Sprung und versetzte ihm mit meiner Rasierklinge einen langen Schnitt quer über den ganzen Hals. Man sah es nicht bluten, nur eine feine, rote Linie. Aber nun wusste er, dass ich nicht tatenlos aufgeben würde.

Und dann habe ich den ganzen Rest vergessen… Was mich spätestens nun fürchterlich ärgert! Woher sonst soll ich denn meine Erinnerungen bekommen?

Die Psychologin bemerkte nur positiv, dass ich nicht mehr passiv sei, und alles über mich ergehen ließe. Dass ich AKTIV das Gasthaus verlasse, davon gehe, oder mich zur Wehr setze. Macht das etwas mit mir? Oder unterm Strich bleibt die Realität nun einmal die Realität und ich vermeintlich durch mich selbst unterjocht von Schuldgefühlen, Schuldgefühlen, Schuldgefühlen… Diese Wiederholung führt beinahe zum Wegtreten, mir wird flau im Magen…

19:40
Die Heizdecke umgeschnallt; was für Rückenschmerzen, was für Kopfschmerzen, es zieht regelrecht links hinter dem Nasenflügel durchs Nasenbein hoch und direkt hinein in den Schädel. Irgendwer hat irgendwo ein Fenster offen, man kann den Wind heulen hören und es klingt beinahe so wie damals im Gasthaus. In dieser Burg, diesem Geisterhaus.
Was ist mit mir los… Heute gab es süßen Hirseauflauf mit Äpfeln und Erdbeersauce. Und ich?? Bestelle mir doch tatsächlich noch Nachschlag, eine kleine, zweite Portion. Tatsächlich wurde daraus aber eine Große. Und ich??!! Aß artig alles auf!! Um danach beinahe auch noch den Nachtisch zu essen, Joghurt mit Sauerkirschen. Weil es etwas Exorbitantes war, sonst gibt es diesen abends immer nur mit Aprikosenmus. Ich bin kein großer Fan von Marillen. Die gesamte Kindheit war voll mit dieser Frucht. In Österreich scheint es nichts anderes zu geben als diese Konfitüre.

Während ich fleißig in mich hineinstopfte, überlegte ich angestrengt, nein, eher beiläufig, ob ich mir anschließend den Finger in den Hals stecken sollte. Oder einen meiner Bleistifte, oder einen der Strohhalme; Hauptsache etwas langes. Um dann wieder tagelang mit meiner Sinusitis beschäftigt zu sein?

Mein Physiotherapeut schrieb heute also seinen Abschlussbericht. Er fragte mich, was nun besser geworden sei, fragte explizit nach meiner Schulter, nach den Verspannungen. Und ich Trottel? Ganz euphorisch: „Das ist in der Tat sehr viel besser geworden, danke!“.
Lerne ich nichts aus der Vergangenheit? Selbst nicht aus der NAHEN Vergangenheit? NICHTS aus unendlichen Wiederholungen??? Keine halbe Stunde später? Und eben WIE AUS DEM NICHTS wieder total verspannt und Schmerzen, Schmerzen, Schmerzen. Ich bettelte um ein weiteres Mexalen. Hatte ich doch mittags bereits 1,3 Morphium konsumiert. Zum Abendessen gab es weitere 1,3 mg. Und 15 Tropfen vom Tramal. Watte im Hirn. Oder unterm Arsch. Nichtsdestotrotz fängt es gerade zu krampfen an.

Ich dachte beim Fressen darüber nach, wie viel ich in einer Woche an Gewicht verlieren würde, so ich denn endlich die Kurve kratzen könnte. Eine Kehrtwende, eine radikale. Kaum noch etwas essen oder alles wieder ausspucken. Ist es die Vernunft, die die Zügel in Händen hält?
Mir fallen die Augen zu. Wovon habe ich heute Nacht geträumt? Morgen gibt es die nächste Süßspeise zu Mittag. Das linke Bein ist angepisst. Als mich bei der letzten Einheit die Dame bei den Moorpackung so freundlich anlächelte, hatte mich erneut eine Panikattacke eiskalt erwischt. Ihre Intention? Mich töten! Und ich analysierte und drehte und wendete dieses schreckliche Gefühl, kam aber zu keinem Ergebnis, keiner Erklärung. Und vermag immer noch nicht zu sagen, wie das neue Buch heißt…

1. März 2019, Freitag „Irreversible Irritationen…“

10:12
Fakt ist: Ich bin ein fettes, aufgedunsenes Schwein!!!
Des weiteren: Mein Bauch ragt spätestens bereits vor dem Mittagessen so weit über den Hosenbund, ich könne locker kurz vor der Entbindung stehen!!!
Ich komme zu nichts! Und irgendwie ist das auch gut so! Die Anflüge von Panik, die mich über den Tag hinweg immer wieder straucheln lassen wollen, suche ich aktuell mit Ignoranz zu bekämpfen. Was mehr oder minder gut klappt, diese auf vielleicht 5 Minuten reduziert. Zu irgendjemandem sagte ich (wenn es nicht Sebastian war): „Die Angst kommt, auf meiner inneren Bühne, wie ein Schreckgespenst, macht einmal Buh!!!; ich registriere sie zwar kurz, drehe mich dann aber demonstrativ um, ihr den Rücken zu, und unterhalte mich weiter. Oder suche mir jemanden zu diesem Zwecke.“.

Da ist dieser kleine Junge, ich nehme an, aus Slowenien. Gestern verriet er mir, dass er acht Jahre alt ist. Ich habe ihm schon mehrmals die Uhrzeit auf seinem elektrischen Rollstuhl eingestellt. Und gestern nach der Therapie klammerte er sich sozusagen an meine Fersen; seine Mutter hätte auf ihn warten sollen, aber da war niemand. Also gingen wir, da ich noch Zeit hatte, mit unseren Rollstühlen auf Muttersuche. Wir hatten schon einmal fast alle Stockwerke durch, mussten vor einem Lift warten, und da sagte der kleine Knirps doch tatsächlich zu mir: „Entschuldige bitte, dass du mir helfen musst… Du bist wirklich eine schöne Frau!“. Dachte schon, ich hör nicht richtig. Ich sah ihn schief an, aber er: „Du bist wirklich eine wunderschöne Frau!“. Perplex. „Aus dir wird mal ein kleiner Charmeur, wie? Dankeschön…“. Und er wiederholte es noch ein weiteres Mal: „Nein, wirklich! Du bist wirklich eine wunderschöne Frau!“. Also wenn ich da nicht rot wurde, wann dann?

Man wartet auf die Visite. Man hat sich unterhalten. Mit Pflegekräften, mit den Reinigungsdamen, vor allem Simona, die mich nur noch mit „Mäuschen“ auf Slowenisch anspricht.
Ich sehe in den Spiegel. Ich sah in den Spiegel. Meine Menstruation hat insgesamt für drei blutige Überschwemmungen gesorgt… Hoffentlich hat er die Hosen gleich in die Wäsche geworfen…
Nun scheint das Schlimmste überstanden; und ich nehme mich anders war. Wegen der ganzen Komplimente? Weil es die ganze Zeit so geht?
Aber sicherlich nur, weil ich mich dermaßen beschimpfe!!! Da würde ich mit meinem Gegenüber genauso verfahren; ob es nun tatsächlich stimmt oder nicht…

Nachrichten beantwortet. Zumindest zwei Stück. Die anderen bereiten mir Magenschmerzen. Eine an Mieke und die andere an diesen Menschen aus Regensburg, der ja der Meinung war, meine Bilder gehören in die Öffentlichkeit. Aber sonst eigentlich nichts geschafft. Jetzt in der Visite wird es auch um meine Heizdecke gehen. Zwei Wochen lang sagt keiner was, und dann gleich an zwei Tagen hintereinander summieren sich die Herrschaften, die Einwände vorzubringen haben. Aber ich habe solche Rückenschmerzen… Was bringt es da, dass der Physiotherapeut meine Nackenwirbel mobilisiert, ich eine Moorpackung bekomme, aber im Anschluss wieder unmögliche Verrenkungen bei der wahrlich lustigen Mobilitätsgruppe machen darf, ganz zu schweigen von der Muckibude, dem Armtrainer direkt hinterher, dem Fahrradfahren für die Arme?

Und dann hätte ich doch fast meinen Traum vergessen. Weil das morgens einfach zu viel ist, zu viel Gerede…
Apropos… Mir ist aufgefallen, dass ich auch deswegen so viel gequirrlte Scheiße von mir gebe, um Rumpelstilzchen nicht zu Wort kommen zu lassen. So kann ich seine Meinung „lediglich spüren“. Er hat nicht DIE Macht über mich… Aber eigentlich hätte er recht… Ich FRESSE viel zu viel!!! Gestern in der Gruppentherapie natürlich so positioniert, um mich im kleinen Turnsaal an meiner Schrottkiste in ihrer ganzen BREITE in diesem großen Spiegel vis-a-vis ergötzen zu können! Was habe ich für fette Arme bekommen???

Draußen rollt die Visite an. Der Traum. Den ich fast vergessen hatte. Hätte ich morgens in der durchaus amüsanten Konversation mit Pfleger Kal nicht einmal kurz innegehalten und das gerade bearbeitete Thema mit den nächtlichen Bildern verglichen, Assoziationen gezogen… „Ich hab Tee gekauft… Tee bestellt…“, und senkte kurz mein Haupt, auf dem Bett sitzend. Dann waren die Bilder wieder da, die mich soeben noch im Schlaf in den Wahnsinn getrieben haben. Zumindest meine Schuldgefühle, das Verständnis dessen, was richtig oder falsch ist.
Nebenbei: Ich habe überhaupt keine Lust auf die Psychologiesitzung heute! Ich habe keinen Bock, Zuhause weiter Therapie zu machen! Ich lese augenblicklich nicht einmal mehr Missbrauchsbücher!

Also ich hatte Tee bestellt. Den man nicht zurückschicken durfte. Und dabei wusste ich nicht einmal, ob mir die Sorten schmecken werden. Aber noch viel schlimmer: Dazu irgendwelche Fläschchen mit Aromen geordert. Und einerseits bekam ich Schelte, warum ich so viel Geld für etwas ausgebe, das ich vermutlich gar nicht brauchen werde, oder von den Motten gefressen wird. Seitens meiner Mutter. Aber gerade SIE war es, die jede einzelne Tüte einmal öffnete und da Sirup hinein kippte!! So hätte ich erst recht keine Chance auf Rückgabe!!!

Vor dieser Situation war ich in Jennersdorf. War laufen. Niggis zwangsläufig viel jüngere Schulkollegen waren zu Zuhältern geworden, patrouillierten vor dem Puff am Ortsende. Machten einen auf dicke Hose. Sie drohten mir gar mit ihren Waffen, aber ich ignorierte sie, nahm sie nicht ernst. Nein, ich beschimpfte sie unverblümt, um sie dann hinter mir zu lassen. Und rannte weiter. Teilweise in Zeitlupe oder im Rollstuhl. Aber ich lief…

Wie diese junge Dame gestern im Park, der ich sehnsüchtig noch lange hinterher gesehen habe. Um dann an mir runter zu sehen, an meinen Beinen meine letzte „Lieblingslaufhose“. Knielang. Die großen Knieschützer haben gehalten, was sie versprachen. Zumindest sie hat keine Löcher bekommen.

Visite kommt…

Weiter im Text…
Sebastian hatte scheinbar einen Job bei der Stadt ergattert, und ich durfte einmal mitfahren. Das war eine Maschine, ein Blechkasten, wie bei einem Kran. In diesem steckte eine riesengroße Giraffe, mindestens so groß wie ein Dinosaurier. Mit dieser wurde Müll abtransportiert aus irgendwelchen Hinterhöfen. Seine Aufgabe war es dafür zu sorgen, dass sie auf der Straße geradeaus ging. Es war unheimlich, denn in der Fahrgastzelle sah man lediglich die Schultern des Tieres, die dann durch ein Loch nach draußen verschwanden. Und spürte die behäbigen, ausladenden Schritte.

Ich lief nach Hause. Versuchte es zumindest. Mal war ich auf der Hügelkette und auf dem richtigen Weg. Dann aber wieder auf der Bundesstraße direkt zum Gasthaus; wo die ganze Geschichte auch wieder endet. War bereits daran vorbei. Bei den Nachbarn, den Wi., Lebte nur noch die Frau und war in einen kleinen Bauwagen vor ihrem Bauernhaus gezogen, sich völlig der Ziegenzüchterei widmend.
(Hatte nachts „Shan das Schaf“ geguckt…)
Ständig starben irgendwelche Tiere und ein Drama wurde draus gemacht. Außerdem hatten alle Trikots an. Und grasten im Garten vom Gasthaus.
Meine Mutter schimpfte mit mir, ob der horrenden Kosten für die Bestellung (dabei war dies gar nicht die einzige, noch weitere sollten folgen, nicht minder kostspielig). Was ich nicht ganz verstand; die 240 € (so hoch war der Selbstbehalt hier) hätte ich doch sowieso selbst getragen (hatte gestern kurz überlegt, wie viel Geld ich hier schon ausgegeben habe)! Mir ständig ihre Bedenken anhörend, bewegte man sich langsam zurück zur grauen Burg. „Was wird wohl der Papa dazu sagen?“, jammerte sie ständig.
Nun vermischen sich die Schauplätze. Der viel zitierte Flur zu den Gästetoiletten ging eine Liaison ein mit dem Bauwagen. Gerade eben noch sah man die alte Nachbarin, die irgendwie verwirrt wirkte, und die suchte etwas, jemanden… Die sogenannte Leiche im Keller… Mein Vater tat erst so, als sei er entsetzt über den teuren „Luxusartikel“, den ich mir da geleistet hatte. Aber dann war es ihm völlig egal.
Zu diesem Zeitpunkt standen wir im besagten dunklen Flur… War der Bauwagen der Wohnwagen vom viel verhassten Freund meiner Oma, mütterlicherseits? Von Willi? Dieses weiß-blaue Gestell?…

[…]

19:38
Ich versuche verzweifelt, mich zurechtzufinden. Wie „praktisch“, dass YouTube nun mit Google verknüpft ist und jeder meine E-Mail-Adresse zu sehen scheint…
Außerdem: Das habe ich nun davon, überall meinen Senf dazu geben zu müssen. Bei irgendeinem meiner Kommentare ist eine Diskussion entflammt, dabei weiß ich nicht einmal, worum es ging, was ich von mir gegeben habe…

Mein Posteingang ist vollgestopft! Es ist zu viel! Viel zu viel! Ich möchte gerne noch arbeiten, zugleich aber bereits ins Bett und der Nachtdienst rückt draußen immer näher, scheint Zeit zu haben.
In der Psychologiesitzung, in der meine Fassade leichter in sich zusammenbricht, kam es auch heute wie die letzten Male zu zumindest einem Aussetzer meiner Denkmaschine. Wollte ihr gerade genauer erläutern, wie sich das mit dem Kind in mir zuletzt in dieser einen speziellen Nacht verhalten hat, als ich plötzlich kindliche Ängste in mir wahrnahm, die dann völlig die Kontrolle über mich übernommen hatten… Aber von einem Gedanken zum nächsten war mein Kopf leer. Eben schon wieder. Und ich konnte nicht denken.

23. Februar 2019, Samstag

19:47
Es gleicht einem Wunder, hier die Toiletten noch nicht verstopft zu haben! Oder sind diese für spezielle Ansprüche prädestiniert, speziell angefertigt worden? Zu Hause gelingt mir das doch auch jedes Mal…
Wenn ich nicht gerade wieder prähistorische Pferdeäpfel lege…

Ist das geschmacklos?
Das Diktierprogramm versteht mich nicht. Oder nur eingeschränkt. Hat mich volle Kanne erwischt! Irgendwer hat mich angesteckt! Meine Nase ist dicht und ich schlürfe nebenbei „Cremeschoko“ für 1,80 aus dem Automaten. Sebastian war nicht gekommen; draußen war es schon wieder windig und angeblich schweinekalt. Dafür soll es morgen bereits die nächsten 13 °C geben. Aber ich fühle mich scheiße.
Morgens irgendwann zwischen 7:35 und 7:45 eine weitere Absenz. Diese Tatsache zu erwähnen reicht bereits, um ein Dejavuegefühl auszulösen. Man hat mich ausschlafen lassen, ehe ich unter die Dusche gejagt wurde, um dort einen „fahrbaren Duschsessel“ auszutesten, damit bei Gefallen mir exakt dasselbe Modell verordnet werden kann. Der Klappsitz in unserer Dusche mit Handgriff auf der linken Seite ist derart eine Fehlinvestition gewesen. So geht das nicht.
Aber wie dann? Und vor allem: Wie weiter?
Im Posteingang immer noch eine Mail unserer Nachbarin, die darin vorschlägt, man könne ja telefonieren und ein wenig tratschen… No way??!!!
Die Nachricht meiner Mutter; ich hätte nicht schlecht Laune, ihr meinen letzten Traum zu schicken.
Und DANN wäre da noch ein weiterer elektronischer Brief… Von jemandem aus Bayern, Regensburg. Man sei zufällig über meinen YouTube-Kanal gestolpert. Meine Kunst sei „großartig“ (mir nicht sicher, ob dieses Wort benutzt wurde). Dass die Welt noch nicht wisse, was sie da verpasst (so in der Art) und dieser Mann sei zwar kein Galerist, aber er hätte Kontakte und wolle mir unbedingt dabei helfen, meine Kunst der Öffentlichkeit zu zeigen. Diese eine Einstellung im Essl-Museum würde dieser nicht gerecht werden…

Wow… Was soll ich dazu sagen?

Die Nachtschicht rückte soeben an, hat sich mit ihrem Wagen draußen vor meiner Tür postiert. Ich bin fertig, sollte ins Bett. Ob ich morgen überhaupt fähig bin, mit Sebastian einen Ausflug in die Stadt zu machen, sei dahingestellt. Meine Augen brennen. Aber, vermutlich, werde ich ohne Fieber nicht ganz für voll genommen. Obwohl man bei einer Erkältung grundsätzlich nicht mit Fieber zu rechnen hat.

Gestern, die Nachtschicht. Die Pflegerin. Dieselbe vom letzten Jahr, mit der berühmten „FIFFI- Diskussion“. Möchte noch einmal kurz daran erinnern: „Aber deine Fiffi musst du schon waschen!“, nach einer Diskussion darüber, weil ich nicht duschen wollte, und dann noch: „Ich muss meine Fiffi jeden Tag waschen!“…
Dieses Mal fragte sie mich ganz unverblümt, warum ich mich verletze. Das aber nicht mit gebührendem Respekt oder Abstand, sondern beinahe wie in einem flapsigen Gespräch über eine absolute Banalität, die die Welt nicht braucht, um sich nicht gleich im nächsten Moment darüber lustig zu machen. „Weil es mir Spaß macht?“, schon ein wenig angesäuert. Sie nicht zufrieden. Ich meinte, unglücklich und deprimiert gewesen zu sein. Sie, dass man so etwas trotzdem nicht macht, dass sie es nicht versteht und wieso und warum und weshalb. Und dann wird’s richtig steil: „Schaut dein Freund dir dabei zu??“, um mir dabei sehr wohl den Eindruck zu vermitteln, dass sie das total ernst meint. Hatte Lust, zu sagen: „Na klar! Er ist sozusagen meine OP-Schwester, reicht mir das Skalpell und hält das Geometriedreieck an, damit ich im richtigen Winkel schneide!!“.
Abschließend brillierte sie noch damit, vor meinem Rollstuhl auf dem Boden herum zu rutschen, und den Akku nicht anstecken zu können. Minutenlang. Ich erläuterte mehrfach, sogar bildlich, wo sie denn suchen soll… Aber sie raffte es einfach nicht.

21. Februar 2019, Donnerstag „Zeile markieren, diktieren, und beinahe weggetreten…“

20:28
Meine Gefühle fahren Achterbahn. Wie soll ich mit all dem umgehen?
Zwei Einheiten Physiotherapie vormittags, mit einer halben Stunde Pause dazwischen. Wieder hatte man mich zu spät aus dem Bett geholt. Das Frühstück wurde wieder in zwei Teile zerlegt…

Du frisst ohnehin zu viel, du fettes, ekelhaftes Schwein!!!

Hatte ich bereits darüber berichtet, dass mein Therapeut, ein noch junger Kerl mit noch nicht so guten Sprachkenntnissen, „Videoschnitt oder Filmbearbeitung“ nicht als „Hobby“ gelten lassen wollte, beim Ausfüllen des Fragebogens für die Aufnahme? Dass es heute zur selben Debatte kam? Und er ernsthaft zu mir sagte: „Hast du denn keine aktiven Hobbys?… Fernsehen?…“. Ich dachte, ich höre nicht richtig! Und betonte erneut: „Ich bin stundenlang mit Rollstuhl und Kamera draußen unterwegs, täglich, auf der Jagd nach Aufnahmen von Tieren, um diese dann in ein Filmprojekt einzubauen… Was soll daran kein Hobby sein??“. Ich zumindest meine, freundlich geblieben zu sein.

In der ersten Einheit war er unfreundlich. Kam mir beinahe „unterschwellig aggressiv“ vor.
Erneut siezte er mich. Auf meine Vorschläge, was ich anstatt der Kälteweste noch ausprobieren möchte, ging er nicht ein. War schroff: „Das dürfen MS-Patienten nicht!“. Was für ein Nonsens!

Also schwieg ich. Befolgte seine Anweisungen, was die Übungen betraf, machte ohnehin nichts richtig, aber auch deswegen, weil ich heftige Kopfschmerzen dank der krassen Verspannung im Rücken hatte.

Dann die zweite Einheit. Ich durfte mich hinlegen und er mobilisierte erneut meine linke Schulter. Aber jetzt!!! Aus heiterem Himmel war er die Freundlichkeit in Person, plauderte mit mir über sein Leben, über mein Leben, duzte mich plötzlich wieder!!!
Bipolar? Borderliner?

Mal im Ernst… In der ersten halben Stunde kam ich mir vor wie in einer Wiederholung vom letzten Jahr! Sozusagen dasselbe in Grün… Oder eben Männlich!

Mein ehemaliger Tischkollege von der ersten Reha… Er ist mir nicht geheuer! Wie er mich ständig ansieht, mich „seine Freundin“ nennt, sich morgens nach meinem Beziehungsstatus erkundigte…

Nachmittags kam Sebastian, es war schön. Zum ersten Mal habe ich die Innenstadt von Bad Radkersburg gesehen. So schön altertümlich. Und er hat mir Vogelfutter mitgebracht, welches wir gleich auf dem Rückweg zur Reha ausprobierten. Die Krähen waren begeistert.

Als Sebastian im beginnenden Dunkel des Abends ging, sah ich ihm hinterher. Sah seine mittlerweile lang gewordenen Haare, seinen Lockenkopf… Und sah ihn sterben.

Die Schwester vom letzten Mal, die mich frühmorgens bei Beendigung ihres Nachdienstes dermaßen angepflaumt hatte (von wegen „In der Eiseskälte hier liegen, aber dann Fieber haben wollen!!“), zeigte sich gerade eben ganz emotional und vor allem zugänglich: „Ich hatte mich einfach nur so erschrocken über die Eiseskälte…“.

Ich moniere etwas, wenn ich mich ungerecht behandelt fühle, bekomme in kürzester Zeit die kritisierte Person in einem ganz anderen Licht serviert, um mich dermaßen schlecht fühlen zu müssen, weil ich sie sterben sehe… WAS FÜR EIN KRANKER SCHEISS!!!

Und nun, zum krönenden Abschluss, weil ich Sebastian gegenüber die Parallelen im Buch „Das Inzesttagebuch“ kurz erläutert hatte, dass es eben bei mir genauso sei, was die Probleme mit der eigenen Mutter beträfen…

Da schreibt mir meine Eigene doch tatsächlich eine Mail! Warum tut sie das? Warum???
Warum kann ich sie nicht ertragen??? Liegt es TATSÄCHLICH daran, dass ALLES lediglich eine Verschiebung ist??? Ich ALLES auf sie projeziere, und sie KANN SCHLICHT UND ERGREIFEND REIN GAR NICHTS DAFÜR UND WIRD VON MIR UNSCHULDIG ZUM TÄTER GEMACHT???? ODER ZUM MITTÄTER???? DER DIE AUGEN ZUGEMACHT HAT????

14. Februar 2019, Donnerstag „Jetzt geht’s los…“

9:04
Morgens recht früh aus dem Bett gerissen worden; Blutabnahme stand auf dem Programm. Ich fragte mich bereits, wieso dies nötig sei; die Befunde vom Krankenhaus sind doch noch „warm“.
Mir bleibt vielleicht noch eine Dreiviertelstunde, dann müsste ich mich auf den Weg machen, der erste „Kurs“ steht an…

Mein Rücken bringt mich um. Die Kopfschmerzen bringen mich um. Und irgendwann heute Nacht hatte ich wieder einen Dissoziativen. Da war keine Uhr, um mich nun fragen zu müssen, ob ich das alles nur geträumt habe. Ich träumte davon, dass mein Zimmer hier im Gasthaus war, in meinem Kinderzimmer, und permanent rüttelte jemand an der Türklinke (die Schwestern kamen häufiger rein um mir beim Umlagern zu helfen), mitten in der Nacht, ich erschrak jedes Mal fürchterlich und konnte im Traum nicht wieder einschlafen. Soweit ich mich erinnere, habe ich meiner Mutter dafür Vorwürfe gemacht, und Missbrauch kam auch in irgendeiner Form vor…

Eigentlich macht das Diktieren hier überhaupt keinen Sinn! Sebastian wird ja nicht fertig mir von den Vorzügen dieses Notebooks vorzuschwärmen, weil dieses doch ACH so teuer war, nicht zu vergessen ACH so leistungsstark! Davon bemerke ich gerade nichts…

Gestern… Die ersten Worte meines Taxifahrers, als er den Rollstuhl suchte, und ich ihm mitteilen durfte, dieser würde erst nachmittags von Sebastian hinterher gebracht werden, und ihm sichtlich ein Stein vom Herzen fiel (wie ich vorausgesagt hatte): „Gott sei Dank! Ich hatte heute Nacht schon Albträume!“.
Es ist schön irgendwo hinzukommen und man kennt sich bereits, wird freundlich begrüßt. Nichtsdestotrotz fühlte ich mich spätestens abends wie der einzige Mensch auf diesem Planeten. Abgeschnitten dank diverser Derealisationen. Aber so ist es oft, je mehr Menschen mich umgeben.

Was es vielleicht noch festzuhalten gilt… Wie viele Deutsche hier arbeiten! Arbeitsflüchtlinge? Vor allem Ossis.
Highlight war definitiv die pflegerische Aufnahme durch eine Schwester: Sie saß mir in meinem Zimmer gegenüber, sah in ihre Akte, hatte bereits einige Fragen abgeklärt, sah mich an, wieder aufs Papier, und dann ziemlich unbeholfen: „Und… Und wie geht es Ihnen… Ihnen eigentlich mit ihrer… Mit der Schizophrenie?“.
„Bitte… Was?“, und riss die Augen ganz weit auf. DAS ist ja mal was ganz Neues! Aber, man muss fast sagen, schon beinah etwas Erfrischendes nach all den Jahren „Borderline-Stempel“…

Genau! Davon hatte ich auch geträumt! Dass ich im Traum anfing mich selbst auseinanderzunehmen, jeden meiner Gedanken, jeden meiner Sätze, Bewegungen, immer unter der Fragestellung: Bin ich nicht DOCH Einer???!! Mit dem Endergebnis, manipulative Züge an mir wahrgenommen zu haben, und mir des Gegenteils nicht mehr sicher zu sein!!!

Das steht da aber nicht ernsthaft, oder?“.
„Doch…?“, zaghaft, sie las noch einmal genau den Satz: „Entschuldigung! Da steht, dass SCHIZOPHRENIE nicht vorhanden ist…“.
Das nenne ich mal eine Steilvorlage: „Und ich dachte schon, dass sie ernsthaft glauben, Siegmund Freud…“, und ich zeigte auf den Sessel rechts neben mir: „… würde nicht wirklich neben mir sitzen!“.

Warum dies in meiner Akte vermerkt war? Ob der erwähnten Stimmen in meinem Kopf. So erläuterte ich auch ihr gegenüber noch einmal den Unterschied zwischen einer Halluzination, die man von außen wahrnimmt, und verinnerlichten Stimmen und Personen.

Zweites Highlight die Aufnahme durch eine junge Ärztin. Sie hörte nicht wirklich zu, das konnte ich recht schnell nach nur wenigen Sätzen feststellen. Aber was sie mir dann sagte, überforderte mein Verständnis vollends! Welche der drei Sorten Hydal ich denn nun schlucken würde. „Je nach Bedarf? Wenn Sie auf die Retardtabletten anspielen, die habe ich natürlich, wie es empfohlen wird, bereits eingenommen, morgens und abends, und ich war ein Zombie, ein unbrauchbarer!“.
„Wenn Sie abends 1,3 nehmen, und die reichen nicht, dann sind sie falsch eingestellt und müssen 6 Stunden warten, bis sie die nächste Tablette nehmen dürfen.“.
Ich runzelte die Stirn und sah sie mit schiefgelegtem Kopf an: „Wieso das bitteschön? Das habe ich ja noch nie gehört.“.
„Das ist so! Steht genauso im Beipackzettel nachzulesen! Man kann nicht einfach die unterschiedlichen Tabletten mischen und durcheinander nehmen! Also wenn 1,3 nicht reicht, müssen sie nach 6 Stunden noch einmal 1,3 nehmen und beim nächsten Mal 2,6! Bis Sie eben richtig eingestellt sind, die Menge reicht, die Schmerzen damit zu ertragen sind, und genau DIE Menge nehmen Sie dann jeden Tag!“.

Ich fiel vom Glauben ab! Wie kann ich ein Präparat, das ohnehin so viel diskutiert ist wie Morphium, permanent in einer hohen Dosis einnehmen, weil ich eben an einem Abend von unzähligen stärkere Krämpfe hatte??? Wenn ich doch an den anderen 80 % Abenden weniger oder gar keine Krämpfe bekomme??? Dafür dieses Präparat abnutzen, zumal gerade von Morphinen bekannt ist, wie schnell sich der Körper daran gewöhnt??? Und mir dann jedes Mal gefallen lassen, ich sei ein Schmerzmitteljunkie??? Welchen Sinn hat das??? Dann hätte ich jetzt bereits eine Standarddosis erreicht von… Weiß der Teufel was??? Bei DEN Beugespasmen im Sommer???
Sebastian meinte, die ist vermutlich frisch von der Uni, Lehrmeinung. Da dachte ich doch, es ginge ihr wie gewohnt um die Kombination von Tramal und Hydal. Und, da sie mir wie schon erwähnt nicht richtig zuhörte, machte es überhaupt keinen Sinn, all die Ärzte aufzuzählen (darunter Universitätsprofessoren), die mir das so verschrieben, abgesegnet haben, damit mehr oder minder konform gehen, weil es mir hilft? Warum sollte man aus 1,3 mg nicht 2,6 machen können??? Zu 2,6 noch 1,3 dazu zu nehmen, wenn die Situation es erfordert???

Abends, als Sebastian fuhr, hatte ich ihn noch begleitet, Kamera und Stativ im Anschlag. Und tatsächlich, im Park Krähen in flagranti erwischt. Dann noch wunderschöne Sonnenuntergangsaufnahmen. Wenn ich also bei besserem Licht einfach im Park warte, kommen meine Seelenvögel, und ich bekomme bestes Material!

Da wird es bereits 9:40 Uhr. Die Blutabnahme ist ausgefallen. Der deutsche Arzt war ja noch selbstsicher, doch nach einem einzigen Stich und dem vorausgegangenen Suchen hatte ich ihn gebrochen… Dann genügte ihm, davon zu berichten, eine Notärztin eine halbe Stunde lang beschäftigt zu haben, ehe sie mir zwei intraossäre Zugänge hatte legen müssen (also mein Schienbein zweimal angebohrt hat), und erst recht meine Ansage, warum die Befunde von zuletzt nicht genügen. Es wurde herum gerannt, gesucht… Hatte sie mir am Vortag nicht zugehört? Nicht genau geschaut? War der Meinung, die Ergebnisse seien trotzdem zu alt? Als sie dann endlich gefunden waren, bei mir auf dem Tisch in dem Stapel Befunde, und er noch sah, dass sie vom 22. Januar stammten: „Das genügt doch total!! Was hier quälen!!!“…

(Mit einem verschmitzten Schmunzeln meinerseits) vorrangig sich selbst… 🙂

Angeblich habe ich 36,9 °C. Meine Hände sind völlig durch. Und so viel gegangen wie gestern bin ich schon lange nicht. Das muss ich lediglich aufrechterhalten, wenn die Zeiten es zulassen.

5. Februar 2019, Dienstag

11:25
Verunglückt. Mehr oder minder verunglückte gestern so einiges. Oder alles.
Da erst fällt mein Blick auf den Befund vom Krankenhaus zuletzt, der vor mir auf dem Tisch liegt… Steht da doch tatsächlich IMMER noch Borderline??? Na bitte, da wird mir doch gleich „ganz warm ums Herz“ und ich könnte mir den Strom für die Heizdecke sparen!!! WANN KOMMT DAS IN DEN KÖPFEN ALLER ÄRZTE ENDLICH AN??!!! SVV IST EBEN NICHT GLEICH BORDERLINE!!! VERDAMMTE SCHEISSE!…
Nebst erneut diesem Unfug von „multiplen Suizidversuche“…

Zu gestern. Ich wollte ihm mittags entgegengehen. Aber als ich mich endlich um 11:00 Uhr erhob, schien ich bereits zu lange gesessen zu haben. War steif. Spastik vom feinsten. Im Badezimmer angekommen, wurde es noch mit massiver Schwäche versüßt. Ich nannte es dann „Schlag-Lähmung“. Der sogenannte „Mittagsklassiker“. Das Zähneputzen eine Kunst. Erst recht dabei zu stehen. Und anschließend nach dem Toilettengang meine Hose wieder hochzuziehen…

Du fettes Stück Scheiße!!! Du bist eine Fettkugel!!!

Ich fuhr mit dem Rollstuhl nach draußen und stand dort im Sonnenschein mindestens 20 Minuten. Das Hitzegefühl in meinem Schädel nahm ab; messbar war es doch ohnehin wieder nicht. Vielleicht war auch die Sonne zu stark, ZU warm, als ich noch am Tisch saß. Es gab Tassensuppe aus der Tüte, und als er wieder zur Arbeit fuhr, streifte ich mir meine dicken Wollstulpen über die langen Ärmel meines Hemdes, die Kopfhörer in den Ohren, meine Laufmusik auf Anschlag, ein letzter Blick in den Spiegel: „Na bitte? JETZT scheine ich ja meinen Stil gefunden zu haben! Ich bin MINDESTENS die coolste Rollatorfahrerin des ganzen Südburgenlandes!“. Um mich auf den Weg zu machen. Im Sonnenschein war es frühlingshaft, schlichtweg traumhaft. Man vermisste keine Jacke. Und meine mir so wohl vertrauten Klänge donnerten in meinen Schädel hinein, und ich fühlte mich wie damals, vor nun neun Jahren; am liebsten hätte ich laut mitgesungen, beließ es aber wie schon damals beim Laufen bei tonlosem Mitsprechen. Ich war arschlangsam, aber hatte Spaß, war guter Dinge, gut gelaunt. Erste Frühlingsgefühle eben, wie jedes Jahr. Je näher ich der Straße kam, desto stacksiger mein Gangbild. Steifer, noch steifer, bewegter Stillstand. Am Haus der Nachbarin vorbei machte ich eine Pause. Hatte mir eine Karamellwaffe zur Belohnung mitgenommen. Dann Kehrtwende, zurück. Mich allein von der Präsenz des Hauses beobachtet gefühlt; langsamer und noch langsamer. Aber dann, oh Wunder, kaum die Hälfte unserer Einfahrt geschafft, konnte ich „wieder gehen“. Also ohne Unterbrechung nach jedem einzelnen Schritt. Dann eben nur noch nach jedem Dritten oder Vierten.
52 Minuten hatte ich geschafft. Aber nun war ich platt und wollte nur noch in den Rollstuhl und wieder raus, fliehen, ehe die Volkshilfe kommt. Insofern gut, dass genau dann Daniela kam und mir in meinen neuen Rollstuhlsack helfen konnte. Genauso wie in die Jacke. Sie packte mich sozusagen warm ein, füllte mir noch die Wärmeflasche voll, diese auf den Schoß gelegt und ich fuhr los. Immer noch guter Dinge. Obwohl der beschissene Rollstuhl bereits am unteren Ende unserer Ausfahrt stehend wegrutschte. Die Jacke blieb nicht zugeknöpft; Sebastian hatte mir seine hingelegt, weil sie schön groß und kuschelig warm ist. Hatte den Nachteil, die Ärmel viel zu lang; kämpfte ich doch schon permanent mit den Stulpen, um meine Hände zu befreien. Oben am Hügelkamm war der Wind bissig, und die Sonne hatte sich natürlich wieder hinter Wolken versteckt. So richtig problematisch wurde es dann beim „Abgang“. Im Wald, bergab. Sehr vertrauensvoll: Ging ich sozusagen vom Gas, also wenn die Motorbremswirkung einsetzte, rutschte mir mein fahrbarer Untersatz regelrecht unterm Hintern weg, mehrere Meter unkontrolliert über den Asphalt. Da gab es sowieso nur zwei Optionen: Entweder links in den Straßengraben oder rechts steil den Hang hinunter. Mein Körper versteifte sich immer mehr vor Anspannung. Endergebnis? Im bekloppten Sack, dazu in den riesigen Stiefeln, angetrieben von der durch Kälte und erwähnter Anspannung ausgelösten Spastik, Streckspastik wohl gemerkt, rutschten meine Füße von den Fußstützen, die auch immer wunderbar eine riesengroße Lücke zwischen sich gewähren, in die man „abgleiten“ kann. Diesen neuen Sack also zum zweiten Mal für eine Ausfahrt genutzt und zum zweiten Mal kam es zum selben Fiasko! Meine Fußsohlen, der nagelneue Sack, schliff auf dem Asphalt. Noch dazu der steilste Teil der Straße noch vor mir. Unfähig, meine Beine abzubiegen. Anzuwinkeln. Wieder auf die Stützen zu zerren. Unter Rollstuhl ließ sich überhaupt nicht mehr kontrollieren, rutschte nur noch ab. Versuchte sogar noch, ihn einmal zu wenden; in der Hoffnung, wenn die Beine oben sind, also höher als der Körper, würde es mir vielleicht leichter gelingen, ihrer Herr zu werden. Pustekuchen! Und nach minutenlangem Kampf musste ich Sebastian anrufen. Ihn von der Arbeit wegholen, schon wieder. Was für ein Theater, mich erst mal aus dem Sack auszubauen…

Und ich war sauer! Sauer auf den Orthopädiefachmann, auf die ganze Firma! Weil sie den Rollstuhl eben nicht vor einem Jahr während der Reha in Ordnung gebracht haben! Weil er nicht wie abgemacht sich im März gemeldet hat! Weil kein Schwein auf meine unzähligen Mails reagiert hat! Weil der Rollstuhl eigentlich schon vor eineinhalb Jahren einmal generalüberholt werden hätte sollen!!!

Aber nein! Ich trage ganz allein die Schuld! Denn WARUM habe ich nicht mit mehr Vehemenz auf mein Recht gepocht? Warum habe ich nicht ein einziges Mal zum Telefonhörer gegriffen und immer nur dezent und vorsichtig per E-Mail mein Problem kundgetan? Da muss man doch telefonisch hinter sein… Blablabla!

Meine Schulter brachte mich bis zum Abend hin um. Auch brach ich die Sitzung nach 1 Stunde ab. Empfand Markus als… Wortkarg? Nicht bei der Sache? Und ich wusste doch auch nicht mehr, was ich sagen sollte. Dazu die Kopfschmerzen…
Es gab gleich im Anschluss Abendessen, und danach war ich fix und fertig. Na zumindest 37,6 °C… Damit man nicht wieder sagen kann, ich würde mir das Hitzegefühl in meinem Schädel und die damit einhergehende MS-Schwäche nur einbilden! Musste mich hinlegen, um mir alte Videos von mir selbst anzusehen
. Mir TATSÄCHLICH die Frage erlaubend, „dass ich doch gar nicht so schlimm bin“… ODER?

Als ich nämlich vom Spazieren zurück gekommen war, keinerlei Körperaufrichtung mehr, zusammengefallen zu einen unförmigen Kartoffelsack (womit ich es gerne Vergleiche), wieder konfrontiert mit meinem Spiegelbild, meinem „Seitenprofil“, und es war Rumpelstilzchen, der mir da entgegen brüllte…

SCHAU DICH DOCH AN, DU FETTE MASTSAU!!!
DU und COOL??!!!
DU BIST EINE EINZIGE LACHNUMMER, WENN MAN NICHT GLEICH BRECHEN MUSS BEI DEINEM ANBLICK!!!

Hatte ich mich nicht gerade eben erst noch freundschaftlich mit meinem Körper, mit meinen Beinen unterhalten? Mich erkundet, warum sie jetzt steif werden, was ihnen über die Leber gelaufen sei, ihnen sogar noch gut zugeredet…?!
Ab dann ging irgendwie schon wieder alles schief… „Selffullfing Prophecy“… Hausfrauenpsychologie…

Augenblicklich befinde ich mich nämlich wieder in besagter Pattsituation. Zu diesem Zweck lasse ich Sebastian immer seinen Handrücken auf Stirn und Wangen legen: „Hab ich recht? Das fühlt sich doch heiß an, oder?“, worin er mich auch bestätigen kann, während die Temperatur, gemessen vom neuen Thermometer, grundsätzlich auf etwa 37,2 °C beharrt.
Sebastian selbst fühlt sich heute miserabel. Oder, wie er es gerade noch einmal nannte, „moll“. Tee wird gekocht und ausgeteilt.
Die Verspannung im Kreuz fühlt sich beinahe so an wie etwas „Organisches“. Es kann ja alles von allem Möglichen kommen… Das Gefühl, dass die Nase zu ist, von den Verspannungen. Die Schwäche von der vermeintlichen Hitze. Oder doch alles von diesem Bakterium? Der Spaziergang zu anstrengend? Der Wind zu kalt? Oder jedes einzeln für sich von Bewandtnis? Mein Schädel raucht…

15:05
Soeben in meinen „Hausapotheken-Annalen“ gewühlt. Bei den meisten Sachen weiß ich nicht mehr, wogegen ich sie verschrieben bekommen habe. Seractil finde ich definitiv keines. Also wird es Deflamat. Die ganzen Psychopharmaka, die an mir ausgetestet wurden… Unglaublich, was ich schon alles mit mir machen habe lassen. Andererseits… Die nächste Überdosis kann kommen, ich bin gewappnet!

Der Himmel bricht auf, längs entstehen helle Lichtstreifen in Weiß. Schöner Himmel. Jetzt müsste ich oben am Hügel sein. Oder unten in der Ebene, da sieht der Himmel noch bombastischer aus, man kann noch weiter kucken.

Vielleicht sollte ich mir Musik anmachen, dann höre ich mit der idiotisch anmutenden Bewegung meines linken Armes nicht jedes Mal nach wenigen Wiederholungen auf. Meine rechte Hand ist gelähmt. In der Tat fühle ich mich nun wacher und nicht mehr so „ans Kreuz genagelt“ wie zuvor, ABER… Immer noch sehr schlecht auf den Beinen. Beim Zähneputzen war es unmöglich, frei zu stehen. Eigentlich musste ich mich regelrecht wieder einmal ans Waschbecken klammern; einer meiner Lieblingssätze.
Alles, was ich geschafft habe, war, noch eine Inkontinenzunterlage für den Rollstuhl bei Amazon rauszusuchen. Da er mir ja nicht gewünscht zwei bestellt hatte, sondern lediglich eine Schwarze. Und ein Tischstativ. Was ist das jedes Mal für eine unendliche Suche… Und davor ein Foto, das bereits ins Video eingebaut wurde, dank Photoshop bearbeitet. Es kommt noch mehr Bewegung in die Animation. Also ein bisschen mehr…
Meine Stimme kracht erneut in sich zusammen. Wenn ich erst einmal anfange, werde ich mit Räuspern nicht fertig! Also wie kann es sein, dass der Facharzt NICHTS gesehen haben will? Und nun schmerzt auch noch eine andere Stelle am Rücken, der Schmerzpunkt weitet sich aus. Wie eine Krake, mit ihren unzähligen Tentakeln, grabscht sich der Schmerz alles, was in Reichweite ist.

16:55
Ja! Ich habe Schiss davor, ein Druckgeschwür zu bekommen! Weil mir auch noch niemand sagen konnte, dass es sich um was anderes handelt!
Die Fersen (eine scheinbar prädestinierte Stelle für einen Dekubitus) schmerzen dann auch noch den ganzen Tag über, und es sei ja auch nur nebenbei erwähnt, bereits ohne zu langen Druck in der Nacht auf ein und dieselbe Stelle so oder so massivste Durchblutungsstörungen zu haben, erst recht in Händen und Füßen! Und das am Hintern, das ist auch jenseits von Ischias und Co.! Mit diesem Schmerzfiasko wieder mal mehr oder minder alleingelassen werden… So kommt es mir zumindest vor. Oder selber schuld, wie immer… Müsste ich wieder zu 1000 Ärzten rennen? Am besten privat, um auch noch ordentlich Geld zu verplempern???

Vom Deflamat nichts gespürt. Auch meine „Hampelmannaktion“ vergebene Liebesmüh‘. Draußen bricht der Himmel wieder auf und ein paar Abendfarben zeichnen sich dezent an den zerrissenen Wolkenrändern ab. Worüber ich nachgedacht habe, ehe ich wieder auf den Rollstuhl ging? Durchaus inspiriert von den vorher erst entdeckten Psychopharmaka? Erst recht den unzähligen Packungen Gewacalm? Mir jetzt Temesta reinzuschmeißen… Ich belasse es bei 2 mg Morphium… „Belassen“…
Ich lach mich tot!!

Aber „es funktioniert nicht“!

2 mg deswegen, weil die Retardfassung immer noch die bessere Wahl wäre, anstatt gleich 2,6 vom „Turbomorphium“ zu schlucken! Und 1,3 waren keine mehr da, also keine mehr in meiner blauen Blechdose…

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19:12
Mein Tee steht jetzt schon seit 16:00 Uhr. War es zuvor der Satz über den Abendhimmel? Oder doch das flüchtige Öffnen von Facebook, und die Nachricht unserer Nachbarin zu sehen? Was mich gleich wieder in meinen Schuldgefühlen absaufen hat lassen? Weil ich eben nicht fähig bin, mich „zu binden“, „verbindlich“ in Kontakt zu treten? Weil ich mir jetzt schon Kopfzerbrechen leiste, darüber, in zwei Monaten wieder am Haus vorbei zu fahren und mit ihr ein Gespräch anzufangen, oder sie fängt es mit mir an, da ich ja grundsätzlich den Kopf einziehe und zusehe, so schnell es möglich davon zu kommen, weil ich eben NICHTS und NIEMANDEN sehen will? Außer vielleicht Ute und Achim; da ist es nicht so schlimm. Oder völlig Fremde…
Und das Gespräch dauert und dauert und ich unfähig, noch nicht einmal freundlich zu sagen, dass ich weiter will? Weiter muss? Dass die Panik mich schon wieder auffrisst? Geschweige denn von einer UNFREUNDLICHEN Absage??!!!

Entweder das oder weil es Abend wurde… Plötzlich die nächste heftige Panikattacke; gefühlt kurz davor, sich dahingehend auszuwaschen wie zuletzt. Ich musste während meiner viel zu akribischen und perfektionistischen Schrauberei an erneut einer nur Sekunden dauernden Animation, in die ich aber dann so viel Physik und Detailliebe hineinlege, dass man es fast UNGESUND nennen muss, eine BELANGLOSE Dokumentation im Hintergrund anmachen! Irgendetwas, das ablenkt!
Aber es kam noch besser! Da meine Standardfloskeln in mich hinein keinen Effekt hatten, auch nicht mir jetzt bewusst vorzunehmen, noch geschäftiger und noch beschäftigter am Video zu arbeiten, kam ich unverhofft zum Handkuss: In der Doku ging es um eine Frau, die als Pflegemutter in einem Pflegeheim zu arbeiten beginnt. Mir fällt das Wort gerade nicht ein, wie so oft. Und da war ein kleines blondes Mädchen. Es war trotzig und weinte bitterlich. Ich sah mir die Kleine an, ganz genau, und sagte zu mir selbst, zu allem in mir, was dagegen Protest anmeldete: „Schau dir dieses Kind an!!! DIE soll dreckig sein??! DU warst genau so!!!…“; das Kinn begann zu zittern, die Augen wurden ganz heiß. Obwohl sich in mir Widerstand regte…

Das kleine Miststück?? Schau doch, wie aufsässig sie ist!!! Wenn sie erwachsen ist und diese Aufnahmen sieht, wird sie sich dafür in Grund und Boden schämen!!!
Und DU warst noch viel schlimmer!!! Deine armen Eltern, was die sich von dir gefallen lassen mussten, du dreckige Schlampe!!!

Aber ich hielt am Bild fest… Wieder eine Affirmation: „Das ist nur ein Kind! NUR ein Kind! DU warst NUR ein Kind!!!“…

Jetzt aber…

DU FÄLLST NUR AUF DAS SCHEISS KINDCHENSCHEMA REIN!!!

Halt die Klappe!!!

Meine Hand wurde immer gelähmter; kein Wunder, wenn sie seit Stunden auf der Maus liegt, der Zeigefinger nonstop gestreckt und in Aktion…

Was für eine dumme Ausrede!!!
Alles ist vorbei!!! Das Bild kannst du dir in die Haare schmieren, und zeichnen wirst du auch bald nicht mehr können, du wirst NICHTS mehr können, du VERFLUCHTER KRÜPPEL!!!

Ich war im Badezimmer, zuvor erst. Um wieder alle meine Brillen zu waschen. Ich hielt die Alte nicht mehr aus, drückte am rechten Ohr. Die ist doch noch aus Kindertagen, Hauptschule. Obwohl ich von damals bis jetzt nicht sonderlich an Größe zugelegt habe…

Deine Hackfresse ist fetter geworden!!!

Die neue Fassung aber erst recht beschmutzt. Auch machte ich eine Nasendusche und bekam eine Vorschau auf das, was nun beinahe zwangsläufig folgen muss (früher oder später): Ich werde mich irgendwo festhalten, die Hand wird ausrutschen, oder loslassen, weil sie zu Faust wird, ich werde umkippen und mir den Arm brechen…
Mit eiskaltem Wasser konfrontierte ich meine glühende Visage… Meine Lippen knallrot, auch die Hände ins kalte Nass gehalten. Alles vergebens, mein Kopf blüht schon wieder, die Haut wird dementsprechend in Windeseile ebenfalls wieder total fettig sein.
Ich dachte an die Videos von gestern. Ja, da war schon Wehmut, ob der verlorenen Jahre. Aber nun ging ich noch weiter, ging (schleppte mich) nach draußen vor den hellen Fichtenholzrahmen im Flur, um hineinzuschauen und mit meinem Spiegelbild zu sprechen. Oder sprach das Spiegelbild mit mir? „SO schlimm bist du doch gar nicht, ODER?“.
Also kein Wunder, ob Rumpelstilzchens Präsenz augenblicklich…

3. Februar 2019, Sonntag „Frühlingsgefühle…“

14:21
59,8 Kilo irgendwann um 10:00 Uhr. Oder 9:45 Uhr. Oder weiß der Teufel was. Ja, böse, böse… Es gab Salat zum Abendessen. Und den ganzen Naschkram sollte ich auch nicht verschweigen. Und die scharfen Asianudeln zu Mittag. Und den Milchreis, kurz vor dem Abendessen. Und, und, und…

Du fette Sau!!!

Es war so warm, so verdammt warm. Morgens schien die Sonne freundlich auf unser Hügelland herab. Jetzt sieht es nach Regen aus, nur regnet es nicht.

Ich bin so dumm, so saudumm. In meinem Übereifer habe ich wohl die ganzen Aufnahmen von der Speicherkarte gelöscht…

Aber ich war ja gerade noch beim Wetter. Abends verschlechterte sich mein „Zustand“. Auf die Idee, dass mir von den Antibiotika schlecht werden könnte, kam ich auch erst mit Verzögerung. Um „beinah aus Schaden“ klug zu werden. Konnte nicht weiter arbeiten, musste mich auf meinen Angebersessel legen. Massive Schmerzen in der Schulter, ganz zu schweigen von der plötzlich über mich kommenden Panik. Das Leben ergab wie so oft keinen Sinn mehr, es war nicht mehr als ein Warten auf den Tod, vorrangig auf jenen der anderen. Da half kein Beschwichtigen, kein „Inneres Kind, dir passiert nichts! Du bist nicht mehr in der Situation von damals! Ich passe auf dich auf!“. WIE soll dieses imaginäre Kind auch Vertrauen zu mir aufbauen? Wenn ich es doch hasse, ablehne, verachte?! Außerdem war ich unfähig, die Panik von mir zu schieben, zu separieren. Ich sah nur meine Situation, in der ich völlig ausgeliefert und hilflos bin, in der ich nicht mehr als ein kleines schutzloses Kind darstelle, und mit seinem SEIN alles steht und fällt. Aber ich darf ja nicht sagen, Angst um mich selbst gehabt zu haben. Und so fühlte es sich an, als ginge es nur um ihn. Um alle anderen.

Als er dann von oben runter kam, um mich zu fragen, was er denn nun noch einkaufen solle, bat ich ihn: „Bitte, halt mich kurz fest, GANZ FEST!!!“, um unverwandt in Tränen auszubrechen, und ich entschuldigte mich für alles, entschuldigte mich für mein Dasein. Usw. und so fort… In der Überzeugung gefangen, das würde NIE WIEDER AUFHÖREN, ich müsse mich UNVERZÜGLICH UMBRINGEN; und so dachte ich schon, wenn er nun einen Unfall hätte, wenn die Polizei mich anruft, würde ich sofort alle Tabletten schlucken, irgendwie in die Badewanne kriechen, Wasser einlassen und hoffentlich noch rechtzeitig absaufen, ehe der Rest der Familie angetrabt käme, aus Sorge um mich.

Stunden, qualvolle Stunden. War ich doch zuvor noch so müde, als ich den Rollstuhl verlassen hatte. Aber mit diesem Kopfkino war Dösen unmöglich!
Zum Glück kam die Müdigkeit dann nach dem Essen, ich ging früher ins Bett, um 22:00 Uhr, um wieder bis 23:00 Uhr zu lesen. Und um mir natürlich noch eine Karamellwaffe in den gierigen Mund mit den faulenden Zähnen zu stopfen…

Weiß nicht mehr genau, wann ich wach wurde. Der Schmerz in der Schulter pulsierte, heftiger und noch heftiger. Und, nun komme ich zu den „fragwürdigen Frühlingsgefühlen“, Krämpfe in den Beinen. Erst das Linke, gefolgt vom Rechten. Niemand hat behauptet, dass „Gefühle“ nicht auch Schmerzen sein können! Vermochte nicht, mich umzudrehen, meine Position zu ändern. „Den Schmerz wegatmen!“… Bei Geburtsvorgängen ist doch ständig die Rede davon, oder nicht? Aber die Missempfindung im Rücken vollzog denselben Wellengang wie die Spasmen. Nur zeitversetzt. Damit sich bloß keine Atempause ausgeht! Stunde um Stunde. Ich sah bereits den Rest des Jahres deutlich vor mir, die Nächte bis zum nächsten Winter, die Tortur, die mir nun allein schon bei der Reha in den viel zu überheizten Zimmern bevorsteht…

Es war wohl irgendwann zwischen 6 und 7:00 Uhr. Erst da kam ich auf die Idee, ein Schmerzmittel zu schlucken. Klar, die 2,6 mg Hydal waren griffbereit. Aber JETZT schon wieder mit der höheren Dosis anfangen? Ich hatte doch 1,3 mg intus…
Ich nahm die Novalgin-Tropfen. Und wie gewohnt wollte auch diese Vorrichtung nicht tropfen. Solange kann ich das dumme Ding nicht hochhalten! Also saugte ich wie gewohnt mehrmals daran, um mir sicherlich mindestens 40 Tropfen angedeihen zu lassen. Ohnehin längst vergessen, was im Beipackzettel stand, zwecks Dosierung. Minuten dauerte es, ehe ich mich erst auf den Rücken und dann dezent auf die rechte Seite gedreht bekam, um meinen Arm unter seine Decke zu schieben: „Kannst du mal anziehen?“. Mein „Gestrampel“ hatte ihn ohnehin immer wieder aufgeweckt.

Am liebsten wäre ich ja aufgestanden, um 6:30 Uhr. Aber so war mir wenigstens noch ein bisschen Schlaf vergönnt.

Nach dem Frühstück, den Polen-Porsche hinten in den Kofferraum, beide Kameras im Gepäck, ab nach Dietersdorf. Der Graureiher war viel zu weit weg. Die Mäusebussarde hoben unverzüglich ab, sobald man mit dem Auto hielt. Und dann ein Spaziergang, 40 Minuten. Gut oder nicht gut?
Vielleicht hätte ich irgendwas von dem ganzen Material verwerten können. Aber… Die dumme Nuss hat es ja gelöscht.

Wohl alsbald wieder zum Novalgin greifen. Dieses Mal kam ich wenigstens in den seltenen Genuss, eine Wirkung davon zu verspüren. Wenn ich nicht ständig darüber grübeln müsste, dass Schmerzmittel die Ursache nicht beheben. Ohnehin wieder Kopfschmerzen; alles verspannt, eingerostet… Reif für die Holzkiste!

Und was ist mit heute Abend? Wird mich die Panik wieder überrumpeln? Meine Überzeugungen unter sich begraben?

1. Februar 2019, Freitag „Kaum begonnen, schon vorbei…“

10:55
59,4 Kilo um 9:15 Uhr. Wie war das mit den 57, irgendwas Kilo vor ein paar Tagen? Das bisschen Schnee, der hübsche Staubzucker auf der Landschaft -vor 1 Stunde noch sah alles aus wie verzaubert. Und nun nichts als eintöniges Braun. Ich hatte meinen Traum vergessen, aber zum Glück ging es im Fernsehprogramm irgendwann um Schule und so erinnerte ich mich wieder. Ich könnte nun die Augen schließen und mich tiefer sinken lassen, genauer nachsehen, aber bin davon überzeugt, dass er keine bedeutenden Erkenntnisse in sich birgt. Also lasse ich den Aufwand. Für meinen Geschmack ist es ohnehin schon wieder viel zu spät. Es wird Frühling… Und woran ich das festmachen kann? Warum ich glaube, erneut als Wetterorakel in Erscheinung treten zu dürfen? Die Spasmen nehmen wieder zu.

Wieder sehe ich mich als kleines Kind auf der brachliegenden Wiese vor dem Gasthaus sitzen. Der Anblick fällt mir schwer, angesichts der Sichtung alter Fotoalben. Eigentlich wollte ich fürs Tagebuch eines der schrecklichen Geburtstagsfotos einscannen, aber nun hat er den Wäschekorb mit den ganzen Relikten endlich weggeräumt. Und hoffentlich, aber davon ist mit ziemlicher Wahrscheinlichkeit nicht auszugehen, den Korb gleich leer gemacht, damit er ihn später für die Wäsche benutzen kann. Wie ich ihn kenne, würde dieser die nächsten Jahre hinten im Gästezimmer gefüllt mit Alben in Vergessenheit geraten.
Von der ganzen Putzaktion gestern ist nichts mehr übrig, nichts mehr zu sehen; ich werde anschließend den Staubsauger schwingen. Versucht, ansatzweise auf meinem Tisch den sinnlosen Kampf auszufechten, für Leerraum zu sorgen. Und da hätte ich es fast wieder vergessen…
Dachte ich doch noch vor 1 Minute, Folgendes unbedingt sagen zu müssen: Es ist mir ein großes Anliegen, das aktuelle Buch zu zitieren. Wieder und wieder finde ich mich selbst in ihren Worten. Erst recht gestern Nacht, als ich eben sicherlich zum dritten Mal (seit ich im Besitz dieser Lektüre bin) lesen durfte, wie verdreht und gestört ihre Sichtweise auf Sexualität ist. Auch möchte ich, nein, ICH WILL, dass er es liest! Wie ich gerade eben sagte: „Mir ist das so wichtig, weil ich immer hoffe, dass du mich besser verstehst. Dass auch andere so fühlen wie ich und meine verdrehte Welt nicht von ungefähr kommt!“.

Der Himmel ist grau. Die Unordnung macht mich krank. Der Blick wandert kurz zur Leinwand… Hintenrum meine Montagen, damit sich bei der Arbeit der Keilrahmen nicht auf dem leinenabdrückt, fallen auseinander, hängen runter, komplementieren den Saustall! Dann fasst mich der Gedanke, nie wieder zu malen. Es gar nicht erst zu wollen. Gefolgt von Panik. Und dem Bedürfnis, schon wieder zum Temesta zu greifen… Weil es doch so angenehm war…

Und was war das kurz nach dem Aufstehen? Hatte er mich zu ruckartig aus dem Bett gezogen? Denn kaum Platz auf der Toilette genommen, um meine Monstereinlage zu wechseln, tropfte Blut aus meiner Nase. Rechts. „Hey! DU wurdest doch gar nicht operiert, was stellst du dich so an??“. ICH und Nasenbluten… Ein absolutes Novum!

Aber jetzt ans Video. Ablenkung. Ehe ich wieder nur schlechten Gedanken viel zu viel Raum gewähre, bis sie mich zerquetschen, denn…

Eigentlich müsste ich mich jetzt bewegen!
Eigentlich müsste ich jetzt gehen!
Eigentlich müsste ich jetzt meine Zähne!
Eigentlich müsste ich jetzt die Büroarbeit machen!
Eigentlich müsste ich mich umbringen!…

Und warum stand in den letzten beiden Beiträgen März statt Januar? Gefühlt scheint das neue Jahr tatsächlich schon wieder halb vorbei…

12:50
Die Zeit rennt, die Zeit verrinnt, zerfließt unkontrolliert in meinen Händen…
Mich zusammengerissen, einen Teil der Büroarbeit erledigt, beim Zähneputzen vor dem Waschbecken Gleichgewichtsübungen gemacht…
Wie hochtrabend das klingt! Im eigentlichen Sinne stand ich einfach nur davor und habe versucht, es ohne Festhalten zu schaffen. Und im besten Fall mein Gewicht (mein Übergewicht) von einem Bein aufs nächste zu verlagern.
Ich wollte doch irgendetwas Wichtiges sagen… Aber, so schnell wie es vergessen wurde, kann es seinem Namen keine Ehre machen. Dann eben etwas Unwichtiges… Aber was?
Zurück im Wohnzimmer mit dem Rollator den Staubsauger geschwungen. Die Büroarbeit abgeschlossen. Ich trinke einen großen Schluck Wasser, und nur 5 Sekunden später ist der Mund wieder staubtrocken, die Mundwinkel reißen auf. Hatte ich erzählt, dass mich die junge Ärztin bei der Untersuchung ernsthaft gefragt hat, ob ich nicht zu wenig trinke, weil Zunge und Gaumen staubtrocken waren? Die Medikamente, im Gegensatz zum Wörtchen „Wichtiges“, machen wiederum ihrem Beipackzettel ganze Ehre.

Verdammt! Was war es? Eine Erkenntnis? Ein Zusammenhang? Eine Erinnerung an einen wichtigen Traumausschnitt? Oder gar ein Tagtraum?

Fakt ist, Brigitte kommt um 18:00 Uhr. Panik. Immer mehr Panik. Aber habe ich das nicht auch vorher schon erwähnt?
Fine beginnt zu nerven, stromert durch den ganzen Raum, macht mich noch nervöser. Dabei krampft schon wieder das linke Bein… Hach! Was für eine Freude! Wie hatte ich die Spastik vermisst!
Das Licht draußen verändert sich. Ich erinnere mich an Faschingsumzüge, und wieder Klavierunterricht. Aber auch an einsame Streifzüge durch meine Wälder, mit der kleinen Billigkamera im Anschlag. An unbedeutende, hässliche Fotos von Ästen und Bäumen, in denen ich etwas zu erkennen glaubte. Und ein paar Jahre später mit einer Spiegelreflex.

Das Programm versteht mich nicht, meine Stimme bricht unentwegt krachend in sich zusammen und ich klinge wie eine stark rauchende Langzeitalkoholikerin! Die Hände beginnen zu klimpern, mir wird kalt. Vermutlich hat sich die Heizdecke ausgeschaltet. Und das Gezwitscher der Meisen verschlimmert die angstbehafteten Gedanken, dass Februar wie November sei, nach der Reha bereits wieder Frühling, der Sommer noch schneller vergehen wird, den Winter wird es dank Klimawandel nicht geben und schon ist das nächste Jahr da!!! Und ich, in mir drin, wie ein kleines gehetztes Männchen/Weibchen, atemlos und vor Augen eine Apokalypse!!!!

Gestern zu ihm, zu mir selbst, in mich hinein, gefragt: „Glaube ich ernsthaft, wenn meine Eltern sterben, geht die Welt unter?? Das ist doch Schwachsinn!!“. Das Bedürfnis, ihnen einen Brief zu schreiben. Aber keine Vorstellung davon, welchen Inhalt er haben sollte. Ganz viel „Zu-Kreuze-Kriechen“, noch mehr Entschuldigungen, dass ich existiere usw. und so fort?

Und so kam es eben, wozu es kommen musste… Abends, ich sah Sebastian, ich küsste ihn, sagte ihm, wie sehr ich ihn liebe, und bekam selbiges zurück. Aber nichts davon war echt. Nichts davon war real. Alles nur verschwommen, verzerrt, und lediglich einen einzigen Notfallkoffer zur Hand: „Ich bringe mich sofort um!“.

Mir wäre wahrlich lieber, sie käme heute nicht. Ich meine mich zu erinnern, von der „Rasur“ meines linken Unterarmes geträumt zu haben, die tatsächlich vor ein paar Tagen stattgefunden hat. Vor zwei Tagen, abends. Gewohnt rabiat, mit ein paar Bluttropfen. Die unzähligen Kratzer abgekratzt. Und im Traum nutzte ich die Gunst der Stunde und schlitzte mich wieder auf… Mit Erfolg? Ich weiß es nicht mehr. Bekomme Kopfschmerzen. Während meine Hände bis vier zählen. Mein Ischias nervt, die Verspannung im Rücken nervt, das Bein krampft und die Rufe der Meisen katapultieren mich unaufhörlich in dieselbe Erinnerung: Irgendwann um Ostern herum, meine Mutter geht mit mir spazieren, vorbei am Feuerwehrhaus, da ist dieses Rinnsal, dieses kleine Bächlein im Graben, und ich klettere den einen Schritt hinunter, in die Hecke, die dort einsam zwischen all den Äckern wächst, irgendein Spielzeug in der Hand, das nun unbedingt durch Wasser laufen muss…

Eine schöne, eine friedliche, friedvolle Erinnerung. Sonnenschein. Es duftet nach Blüten und frischem Gras. Insekten surren, Schmetterlinge und Vögel überall. Aber ich? Bekomme bei diesem Anblick Todesängste! Was ist Henne, was Ei? Bin ich der Fehler im System? Oder stimmt mit der Szene etwas nicht, bzw. etwas HINTER ihr stimmt nicht? Hinter, HINTERHER nicht???

Und weiß immer noch nicht, was ich vergessen habe…

15:27
Es war nicht DAS Detail, das ich vergessen habe, aber gerade eben beim Kaffee wurde ich schmerzlich (das klingt übertrieben) an eine andere Besonderheit erinnert.
Morgens nach dem Aufstehen,…

Dann sehe ich in meinem Tagebuch nach; so ein Bullshit!! Ich hatte es doch erwähnt…
Also definitiv gerade eben beim Kaffee (in meinem Fall Milchtee zum Keks) tropfte erneut Blut aus meiner Nase.
Nebenbei sei erwähnt: Ich hatte bis vor diesem Eingriff noch nie Nasenbluten.
Dazu das Gefühl -das sich wieder einmal nicht mit dem Thermometer bestätigen ließ, mein Schädel wäre ein Einmachglas, das zu lange in einem zu heißen Backrohr steht und alsbald platzen wird, weil darin alles überkocht und sich Platz machen will!! Leichte Kopfschmerzen. Und weil doch das Säckchen Magnesium zuvor die Krämpfe im linken Bein abgestellt hatte, krampft es nun im rechten. Mit dem Unterschied, nun viel schmerzhafter zu sein, unangenehmer.

Ich bastele mir weitere krude Theorien zusammen, die ich natürlich nicht für mich behalten möchte. So sagte ich auch gerade eben zu Sebastian: „Vermutlich kommt das von diesen Bazillen, die da im Laborbefund stehen. Und ich habe längst eine schwere Gehirnhautentzündung… Hoffentlich breche ich in den nächsten Stunden zusammen und verrecke endlich. Um dann, vielleicht noch kurz davor, oder nachträglich sagen zu können: Jetzt habe ich wenigstens eine GUTE Ausrede, warum ich in letzter Zeit so vermeintlich dement geworden bin!“, und grinste. Er fand es nicht witzig; verständlicherweise. In seiner Rolle, damals als Kind, fand ich die ganzen Sterbe- und Selbstmordankündigungen meiner Mutter und ihrer Mutter ebenfalls nicht sonderlich amüsant…

Kurz hatte es die Sonne versucht. Nun wird es dunkel und erinnert mich an die Leidenschaft meines Bruders von damals, Modellbau. Zugleich sehe ich mich, uns in Fürstenfeld am Bahnhof. Wir holen meine Oma, mütterlicherseits, oder bringen sie dorthin. Wieder mit diesem Druck im Magen…

Etwas mehr als 2 Stunden bis zur Therapie. Ich vermag nicht darüber nachzudenken. Erst recht nicht mehr vorzustellen, dass sie wieder minutenlang einfach nur da sitzt und mich lächelnd anschweigt, was ich absolut nicht ertragen kann!

Noch etwas zu besagtem Befund, den er mittwochs beim Hausarzt abgeholt hat, von dem ich glaube, dass ich dessen Ergebnisse noch nicht thematisiert habe.
Oder doch?

EBV (Epstein-Barr-Virus): Kein Hinweis auf eine akute Infektion mit den untersuchten Parametern.
VZV (Varizella-Zoster-Virus): Kein Hinweis…

Jetzt wird es spannend…


CHLAMYDOPHILA PNEUMONIAE: Akute oder vor kurzem erfolgte Infektion wahrscheinlich. Bei bestehendem klinischen Verdacht auf eine Infektion, bitte respiratorisches (Wow, das Programm versteht das Wort!) Material (Sputum (Und das auch noch!! Ich bin begeistert!!), BAL, BSK) führt Direktnachweis (PCR: CAP-Block) einsenden.
INFLUENZA A: Reaktiver Befund, vermutlich abgelaufene Infektion.
PARAINFLUENZA: Reaktiver Befund…

Was heißt das alles? Was heißt es speziell für mich?
Er fährt gleich für mich noch einmal extra zum Hausarzt um nachzufragen.

dav

30. Januar 2019, Mittwoch

13:49
Aus heiterem Grund, ohne wirklichen Auslöser. Dabei war Sonja da, hat mich mit ihrer schmerzhaften Massage kurzfristig von meinen Schmerzen im Rücken befreit, wir uns gut unterhalten. Dann am Video weitergearbeitet; draußen die Katze ständig vor der Tür. Kein einziger Vogel am Restaurant. Hatte sie nicht doch erst beim verspäteten Frühstück um 10:30 Uhr einen Riesenradau gemacht, als sich die dumme Nuss wieder ins Schlafzimmer schleichen musste und er kurz die Tür geschlossen hatte? SOFORT wollte sie raus… Und jetzt eben wieder rein!! Dieses vermaledeite Spielchen… Und ich wünschte mir, sie wären endlich weg…

Ein paar Schritte gegangen, Zähne geputzt, Nase gespült… Nur gefühlt war sie danach noch trockener! Der Ausflug gestern nach Graz, die Autoheizung die ganze Zeit… Beim verspäteten Frühstück heute wieder 37,6 °C. Und mich dementsprechend fühlen.

Dann klingelt das Telefon. Ich kenne die Nummer nicht. Seit geraumer Zeit schon reden wir ständig aneinander vorbei. Er ruft irgendwas von oben, ich verstehe ihn nicht, also kommt er runter. Und es entflammt binnen weniger Worte eine giftige Atmosphäre… „Du hast doch gesagt, du lässt mir das alte Telefon unten, wegen der Nummernliste, damit ich weiß, wer anruft…“. Da erzählt er mir irgendetwas, von wegen jetzt würde er es holen und das ganz neue Teil wieder nach oben nehmen. Und ich frage mehrfach explizit, ob es sich bei seinem sogenannten „Alten“ um das „ganz Alte“ handelt, dass es ja schlussendlich mittlerweile drei sind. Da kapiert er wieder nicht was ich sage. Er giftete mich an, ich würde nie richtig zuhören, er hätte Nie von besagtem ersten Telefon gesprochen, auf dem mal locker 100 Namen in der Liste sind. Ich erst noch einigermaßen besonnen, aber dann erst recht stinksauer… Das Verhaltensmuster meines Vaters wieder erkennend. Aus meiner Kindheit. „Du bist wie ein Wechselbalg!! Ständig drehst du dir das, was du gesagt hast, zurecht!! Und dann bist du noch zickig!!“. Mein Vorwurf.

Könnte an die Decke gehen. Allein wie selbstgefällig er mich wissen lässt, „ICH sei das Problem“, „ER hätte immer recht“.
Stille. Mieke ruft noch einmal an. Er tut mittlerweile wieder so, als sei nichts passiert, und ich geladen wie eine Waffe: „Und lässt du bitte noch dieses beschissene Mistvieh wieder ins Haus?!!!“. Seine Lautäußerung informiert mich darüber, dass er soeben nicht „erstaunt“ ist über meine heftige Gefühlsreaktion. Und Ausdrucksweise.
Dann geht er hoch. Draußen schönster Sonnenschein. Immer noch 37,6 und eine wertlose Tonne. Die Gefühle müssen raus. Ich wühle in meiner Schublade, wühle in meiner Tasche… Aber ich finde die beschissene Rasierklingendose nicht!! Und von dieser wahrlich LÄCHERLICHEN Aktion kann ich meine Hände überhaupt nicht mehr bewegen, ich spüre überhaupt nichts mehr!!! Denn… In meiner neuen Bauchtasche wären auch noch welche, aber ich könnte das Ding nicht einmal halten!!
Was für eine Botschaft hätte es transportieren sollen? „Du hast mir weh getan, drum tue ich mir jetzt selbst weh, um dich damit abzustrafen!“? Was für ein charakterloses Schwein muss man sein??!!
Aber stattdessen greife ich zu den Tabletten, zumal ich den Bildschirm vorher verrückt habe, und unten drunter eine Blisterpackung Beruhigungstabletten aufgetaucht war. Eine Temesta.

Nachträglich: Ist das nicht „Viel Lärm um nichts“? Ständig dieses selbstgefällige Gesicht und dazu: „Nein, nein! Das habe ich nie gesagt!“.