31. August 2018, Freitag „Geburtstage und andere Fluchtversuche…“

8:34
58,4 Kilo. Füße und Sprunggelenke dezent wassergeschwängert. Wie viel sich davon die Etagen drüber im Gewebe befindet, vermag ich nicht zu beurteilen.

Gästesturm aufs Restaurant; der Himmel hat die Augen verschlossen, Insekten bleiben zu Hause. Angesichts dieses Tages bin ich noch verdammt ruhig. Aber keine Sorge, die Strafmodalitäten wurden vorher schriftlich festgehalten… Mein Hintern bringt mich um. Wieder. Aus heiterem Himmel kann er nicht mehr sitzen, und ich nicht einmal behaupten, dass es sich dabei um Herrn und Frau Ischias handelt. Wieder: eher wie ein Druckgeschwür.
Aber woher will gerade ICH wissen, wie sich ein solches anfühlt, wenn ich noch keines hatte?! Mich wieder in etwas hineinsteigern, eine fixe Idee, was ja in den zurückliegenden 20 Jahren typisch für mich gewesen sei, Zitat Sebastian zuletzt bei unserem Dreiergespräch mit Markus, und ich muss alles überdramatisieren?
Dieses Verhalten und die Erfahrung, die er mit mir gemacht hat, seien mitunter der Grund, warum er befürchtet, befürchtet hat, beim Thema Missbrauch wäre es genau dasselbe Dilemma. Schlicht gesagt: DAS und NICHT MEHR.
Ich weiß, was er meint. Stehe meinem eigenen Verhalten sehr kritisch gegenüber, aber kann es sehr wohl im Rahmen meiner Grundstörung erklären. Und ich bat auch Markus, ihm das zu verklickern. Denn es tut jedes Mal dermaßen weh, erschüttert mich in meinen Grundfesten, wenn Sebastian wieder einmal vorsichtig anmerkt, „dass das alles ja ganz anders sein könnte“, „er wohl seine eigene Meinung haben darf“ und „sich ja schon gar nichts mehr zu sagen traut, weil es ohnehin wieder nur das Falsche sein wird“.

Dabei wünschte ich nur, er würde diese Fleischwunde unkommentiert lassen. Seine Meinung in allen Ehren! Aber von der gesamten Struktur und Psychopathologie hat er null Ahnung. Oder wehrt seinerseits selber nur ab, was ihn vielleicht doch mehr betrifft, als ihm lieb ist.

Es soll Regen geben. Um 10 Sitzung. Prompt klimpern meine Hände. Zumindest landen winzige Stromimpulse in den Fingerspitzen; eine Bewegung ist dabei nicht auszumachen. Alles kaputt. Schrottreif.

Den gestrigen Tag nur kurz wieder aufleben lassen…

WARUM muss ICH aus meinem EIGENEN HAUS flüchten????
Ich wusste nicht mehr wohin mit mir. Der Rücken schmerzte, der Hintern schmerzte, der Kopf schmerzte und in mir alles im Aufruhr, Unruhe, und eigentlich überhaupt keinen Bock, herum zu fahren. Alles, was ich filmte, waren tote Tiere, plattgewalzt auf dem Asphalt, und es stellt sich die Frage, ob denn keiner dieser ganzen Arschlöcher (Autofahrer) bemerkt, was er oder sie da gerade angerichtet hat. Geschweige denn: Man sieht doch eine Blindschleiche, gerade dieser Größenordnung, morgens auf der Straße liegen und sich sonnen. Wie kann man da drüber fahren??? Und wenn mir plötzlich ein Vogel vors Auto flattert, habe ich gefälligst stehenzubleiben und nachzusehen!!!

Ich beschäftigte mich also vornehmlich mit dem Tod. Hatte auf meiner Flucht ohnehin nur das Gefühl, mich immer weiter von mir selbst, von meinem Leben zu entfernen. Dass es nicht so weitergehen kann. Außerdem drängten sich meiner Aufmerksamkeit erst recht die physischen Missstände auf, die keinerlei Zukunft zulassen wollen. Aus der Unruhe, oder besser gesagt zur Unruhe stellte sich die nächste Panikattacke ein. Dermaßen heftig, ich wusste weder ein noch aus. Lediglich das schien mir gewiss: Ich muss mich umbringen, bald, schnellstmöglich!
Wieder redete ich auf mich selbst ein, versuchte mich selbst zu beruhigen, bzw. das innere Kind, welches ich mir immer noch nicht so plastisch vorstellen kann wie zum Beispiel Rumpelstilzchen. Wurde es besser?

Eine kleine Runde. Eigentlich ist 13:00 Uhr vereinbart. Aber die Damen wissen, dass sie bei mir auch unangekündigt später kommen können, um sich vor lauter Stress nicht das Genick brechen zu müssen. Nach 2 Stunden (keine Ahnung, wie ich 120 Minuten für 2,5 km verplempern konnte) kam ich zurück. Wie ein Verbrecher, in „Schleichfahrt“ rollte ich mehr oder minder lautlos und ganz langsam unsere Einfahrt hoch: „Bitte kein rotes Auto! Bitte kein rotes Auto! Bitte kein… SCHEISSE!!“. Etwas schneller, aber genauso lautlos suchte ich erneut das Weite. Ich haderte mit mir selbst, meine Ratio sagt mir, je mehr ich dieses Verhalten meinerseits gewähren lasse, desto schlimmer wird es, desto schwieriger der Ausstieg. Auch zuletzt im Gespräch mit unserer Nachbarin, die ihrerseits heftig gebeutelt ist, fühlte ich ein bisschen Neid, als sie mir berichtete, seit Jahrzehnten eine gute Freundin zu haben, mit der sie regelmäßig telefoniere.

Wie lange ist das bei mir her? Und ich sah meine Vergangenheit, sah wie in den Jahren alles zu Grunde ging, weil ich mich mehr und mehr abgekapselt habe. Das Endprodukt ist wohl oder übel geläufig. Des weiteren dachte ich daran, nie wieder normal sein zu können. Nie wieder zu „echten“ Freundschaften fähig zu sein.

Suizid.

Denn ihr zuzuhören und zugleich für mich den Gedanken zu bearbeiten, irgendjemand würde von mir etwas erwarten, löste schreckliche Ängste aus.

Schlussendlich stellte ich mich gut versteckt mit dem Rollstuhl auf unserem Parkplatz zwischen Auto und Teich. So unglaublich müde, ich döste in einer unmöglichen Sitzposition. Bis Ramida kam und mich bemerkte.
Als sie mit der Arbeit fertig war, versuchte ich wieder einmal mich zu erklären. Und wäre es nicht zu diesem Gespräch gekommen, wer weiß, was ich dann wieder angestellt hätte. Warum auch nicht? Die Konsequenzen spielen auf lange Frist überhaupt keine Rolle!! Denn ich war nach meinen letzten Worten gestern erst im Bad und dann draußen. Mit lauter Musik in den Ohren wollte ich hinterm Haus ein paar kleine Runden drehen. Lachhaft! Zwei wurden es. 25 Minuten! Keine Kontrolle, die Beine wie spastischer Gummi. Keine Kraft.
Auch sei gesagt, dass mir besagtes Gespräch schnell zu viel wurde. Ich konnte nicht mehr zuhören…

Die nächste Aura! Und apropos: Ramida berichtete mir noch einmal erschrocken, wie sie zuletzt meine Absenz in ihrer Gegenwart empfunden hat, dass ich mindestens 1 Minute lang nicht ansprechbar war und sie lediglich starr angeglotzt hätte, wie ein toter Fisch.

Dissoziation oder Epilepsie? Warum ist das „meinen Ärzten“ völlig scheißegal, um was es sich handelt? Warum erhalte ich keine Antworten?

Die nächste Aura!…

Nachts im Bett versuchte ich erst weiter in dem Buch über die dissoziative Identitätsstörung zu kommen. Jenem dicken Schinken von Putnam. Aber eine Seite… Panik. Also griff ich zum Kinderbuch, Madita.
Verdammt, als ich schwanger war, habe ich mich doch ständig mit dem Kind unterhalten! Also warum sollte das jetzt hier so schwer sein??
Ganz ruhig murmelte ich beschwichtigende Sätze in mich hinein, dass das Kind nicht mehr im Gasthaus sei. Ich stellte mir vor, ich würde mich als Achtjährige hinter der Garage, im Abendrot, noch bevor sie ins Haus geht, abholen, in den Arm nehmen, die Kleine zu mir ins Bett nehmen und ihr aus dem Buch vorlesen. Bis sie eingeschlafen ist.

Das Kind per se konnte ich weder sehen noch spüren. Aber Erinnerungsfetzen flatterten wie frisch geschlüpfte Schmetterlinge wild durch meinen Kopf. Und so konnte auch ich einschlafen, durchschlafen, davon träumend, der Katheter funktioniere nicht, ich würde permanent auslaufen. Und genau deswegen hätte ich im Gasthaus, oben im Badezimmer in der Wanne mit warmem Wasser, mit Kissen und Bettzeug übernachtet. Meine Eltern erneuerten ihr Ehegelöbnis, Horst Lichter kam mit einem alten Oldtimer angefahren, Zwanzigerjahre, mit Blaulicht, weil er nun auch als Hausarzt und Notarzt in Jennersdorf fungierte, um nach seinem Einsatz mit Verspätung die Zeremonie durchzuführen. Skurril…

Siehst du??? NICHTS ist mit dir passiert!!! Und Markus ist nicht mehr als ein geisteskranker Spinner, dessen Passion es ist, einen Therapeuten nachzuäffen! Von denen er bestimmt schon selbst genug hatte!!!
Hast du auch nur EINEN EINZIGEN Beweis gesehen, dass er WIRKLICH DAS ist, was er vorgibt zu sein???
Ihr passt wunderbar zusammen!!!

Während er hetzt, fallen mir die Augen zu. Vielleicht hätte ich schlafen sollen, anstatt einen weiteren Seelenerguss zum Besten zu geben. Sinnlos und wertlos.

Auch der Zeichenblock bleibt unangetastet. Gestern Abend, jetzt…

VERDAMMT NOCH MAL!! ICH VERMOCHTE MITTAGS NICHT EINMAL EINE KLEINE NOTIZ ZU SCHREIBEN!!!

Advertisements

30. August 2018, Donnerstag

8:29
Zwei Scheiben Brot mindestens eine zu viel. Abends ein ganzes Furosemid. 58,1 Kilo. Hass.
Kein Wunder? Wenn das Abendessen im Bett aus Chips besteht? Was mime ich hier den Asketen?

Verlogene Mastsau!!!

Und ganz plötzlich habe ich wieder Rauch in der Nase, im Gaumen und ein zartes Auragefühl.
Im Traum ging die Welt wieder einmal unter, Apokalypse und Zombies in der Rehaklinik. Auf der Flucht stürzte der Lift zwölf Stockwerke in die Tiefe, ich wollte Sebastians Hand halten, aber dieser schlief, schnarchte, im Stehen. Aber wie durch ein Wunder überlebten wir. In einem anderen Teil meines Traumes hatte ich mich von Sebastian überreden lassen, zusammen mit seinen Freunden in deren Lieblingskneipe zu gehen. Auf der Speisekarte hatte ich dann wie von Sinnen zu zeichnen begonnen. Ich… Oder besser gesagt das Kind in mir? Verzweifeltes Gekritzel; dargestellt, wie ich versuche das innere Kind zu fassen zu bekommen, verzweifelt festzuhalten, bzw. eine Puppe stellvertretend für das Kind. In der Welt der Zeichnung war es so stürmisch, die Wellen peitschten zu hoch, meine Arme immer zu kurz gezeichnet, griffen ins Leere… Wie in Trance murmelte ich Kindersprache, war unansprechbar.

Sollte ich jetzt versuchen, ENDLICH, genau diese Skizze umzusetzen?
Vor mir liegt die Leinwand. Seit drei Monaten unangetastet. In diversen Petrischalen steinharte Farbreste, nie ausgewaschen.

SCHMEISS DEN SCHEISS ENDLICH WEG!!!

Welchem Umstand kann ich den Abbau meiner Rechten anlasten? Oder wäre es an der Zeit, endlich zu reagieren? Ist das Kapitel Malen endgültig Geschichte? In meinem Kopf dreht sich alles, zugleich aber dermaßen stoisch ruhig, fast lethargisch. Ich will nur noch schlafen.

Abends, im Abendrot… Die bösen Geister meiner Kindheit sind treue Gesellen. Sie hatten leichtes Spiel mit mir. Ein Gedankenstrang führte zur Gedankenspirale, zu Panik und schlussendlich 14 Schnitten…

KRATZER!! KATZENKRATZER!!!

Wollte nicht bluten. Wieder angefangen, Eisentabletten zu schlucken.
Ich dachte daran, warum man überhaupt lebt, wenn man sterben muss. Ich empfand plötzlich den Gedanken, alt zu werden, als UNERTRÄGLICH. In der Glotze lief „Bares für Rares“ -vornehmlich alte Menschen. Ich konnte sie nicht ansehen, konnte ihre Existenz nicht akzeptieren. Mir graute vor ihnen. Ich wollte nicht altern. Ich wollte nicht sterben.
Dann lieber SOFORT Suizid!!
Ich dachte darüber nach, ob nicht alle älteren Menschen depressiv werden. Denn ist man erst mal 70 oder gar 80, kann man schon einmal ausrechnen, wie lange man noch hat. Das ist einer Krebsdiagnose gleichwertig, bei der man in Aussicht gestellt bekommt, noch 3-5 Jahre zu haben.
Dann lieber SOFORT Suizid!!
Ich dachte an meine Eltern, beide mittlerweile die 70 geknackt, stellte Hochrechnungen an, „wie lange es noch dauert“. Ich sah meine Mutter sterben, wie schon vor 30 Jahren. Aber das genügte nicht! Auch Sebastian musste auf meiner inneren Bühne das Zeitliche segnen.
DANN UNBEDINGT SOFORT SUIZID!!!! Warum sollte ich weiterleben mit dieser Prognose in Ausschau???
Mein Leben machte keinen Sinn. Ich versuchte zumindest, mich zu verletzen.

Und dann kam Brigitte. Ich berichtete ihr Länge mal Breite vom Gespräch mit meiner Mutter. War ich beruhigt? Weil ihr ein ironischer Lacher entkam, als ich ihr von der Theorie meiner Mutter berichtete, was meine Sterbefantasien betrifft: „Sie hat gesagt, das hätte sie mir wohl oder übel vererbt, hätte also nichts weiter zu bedeuten. Weil schon sie als Kind Angst vor dem Verlust der Mutter gehabt hatte. Nur mit dem Unterschied, dass sie in keinem liebevollen Umfeld aufgewachsen war, die Kinder liefen nebenher, mussten funktionieren…“?

[…]

Und ich fragte sie konkret: Kann ich so einen Schaden, gerade mit der ganzen Dissoziation, NUR von einer „vererbten Angst“ bekommen???

Sie schüttelte den Kopf. Sie sprach sich dieses Mal konkret und eindeutig für Missbrauch aus. Sprach von anderen Patientinnen, wie diese im Moment des Missbrauchs dissoziieren, was für ein Kampf es sei, die Erinnerung wieder zu erlangen, und gab mir recht, was meine Gefühle und Intuitionen -das innere Kind betreffend- angeht. „Ich weiß, das hörst du nicht gerne, aber es geht um Selbstfürsorge! Und natürlich arbeite auch ich mit dem inneren Kind in meinen Therapien; das ist sogar ganz wichtig! Dann kann man von innen heraus heilen…“; so oder so ähnlich.

Es wird später und später, 9:12 Uhr. Was tue ich? Video? Rausfahren? Zeichnen?
Heute Nacht erneut wach gelegen. Bis etwa irgendwann nach 2:00 Uhr. Ebenfalls träumte ich davon, das Gasthaus wäre ein Altenheim gewesen. Zugleich aber auch Krankenhaus oder Reha. In jedem der drei Gästezimmer lag ein alter Patient. Vor allem im letzten Raum hielt ich mich permanent auf. Die alte Dame war bezaubernd. Außerdem schlief sie beim Fernsehen immer ein und ich konnte endlich in Ruhe Zoodokus gucken. Ich versuchte auch immer wieder zu laufen. Einmal ging ich ins mittlere Zimmer, dort lag ein alter, ausgemergelter Mann. Bis dato hatte ich mich immer gut mit ihm verstanden, ich mochte ihn. Er würde an diesem Tag abreisen und ich wollte mich verabschieden. Einen Schlaganfall soll er erlitten haben, war ein kompletter Pflegefall, aber man konnte eine Vorschau sehen, in der er sich wieder völlig erholte und sogar wieder laufen konnte. Also „Laufen“ im eigentlichen Sinne und nicht wie im deutschen Sprachgebrauch als Synonym für „Gehen“. Aus irgendeinem Grund stand ich oben ohne vor seinem Bett. Ein paar gute Worte mit auf den Weg wollte er mir geben, um mit folgendem Satz abzuschließen: „Du bist eindeutig das Gegenteil von schlank!“, und dabei lächelte er mich keck an, als sei das ein Kompliment gewesen. Meine Welt brach in sich zusammen.

Beim Gedanken an heute Mittag erfassen mich die nächsten Panikwellen. Man verzeih mir bitte, aber die Angst schreit nur noch: „Scheiß Volkshilfe!!!“. Schon sind die nächsten Verletzungswünsche am Start. Schon will ich mich abschießen.
Verdammt, wie soll das erst wieder in Herbst und Winter werden, wenn ich nicht vor ihnen fliehen kann???

Hilft alles nichts. Je länger ich hier sinniere, desto mehr Zeit vergeude ich. Die Hände klimpern. Ihnen etwas zu tun geben… Aber nur WAS???

Beim Gedanken an Zeichnen packen mich Versagensängste.
Und warum habe ich das erst vorgestern Nacht gelesen? Oder hatte ich es bereits fünfmal in den zurückliegenden Jahren vergessen? Dass eben Hydal Panikattacken auslösen kann? Aber was bleibt mir sonst gegen diesen übermächtigen Schmerz?

Zu Potte kommen…

29. August 2018, Mittwoch

8:47
In meinem Schädel vor Gericht sitzen. Anklagepunkt: Maßlosigkeit.
58,8 Kilo um 6:45 Uhr. Die letzte Aktion meines Stoffwechsels wieder ein bisschen her. Dient aber auch lediglich nur als faule Ausrede. Wohl genauso wie die Tatsache, keine Stützstrümpfe getragen zu haben, um abends geschwollene Beine mein Eigen schimpfen zu dürfen.
Der Himmel sah heute Morgen seltsam aus, als käme Regen. Jetzt kann man die aufgehende Sonne wieder links durch unseren Wald glitzern sehen. Untrügliches Zeichen, dass der Sonnenstand immer tiefer und tiefer sinkt. Eindeutiges Zeichen, dass der Wald mit Abbauprozessen begonnen hat.

Endlich durfte ich schlafen. Ein ewig währender Traum, auf der Reha, gruselige Momente inklusive. Und natürlich auch wieder Grenzverletzungen, Übergriffe, Verdachtsmomente… Die aber in der trüben Suppe des Gesamtkunstwerkes abgetaucht sind; sie lassen sich partout nicht an den Tag, ins Licht zerren.

Alles nur konstruiert!! Dir ist überhaupt nichts passiert!!!

Völlige Verunsicherung: war es gestern ein Gedanke oder Thema im Traum? Die heile Welt, in der Kleinigkeiten reichten, um mich, (Zitat) den „hypersensiblen Freak“, aus dem Ruder laufen zu lassen.

GENAU! Alles deine Schuld!!!

Im Garten schimpft eine Mönchsgrasmücke.
Hatte ich gestern davon erzählt? Von der jungen Mücke, einem Weibchen, 500 m die Straße hoch, welches ich gerade filmen wollte, als unsere Nachbarn vorbeifuhren, ich zur Seite rollte, winkte, sie es mir vermutlich gleich taten, und natürlich zielsicher und schön langsam über diesen winzigen zerbrechlichen Körper rollten, um ihn zu Matsch zu verarbeiten?
Was DAS wieder mit mir gemacht hat? Die ganzen toten Tiere, die ich die ganze Zeit filme, die ich in meine Videos einbaue… Der TOD ist ÜBERALL, IMMER und JEDERZEIT präsent!! Der Tod kommt so schnell!!

Und ich dachte an die Worte von vorgestern, den beiläufigen Satz der Mutter meiner ehemaligen Schulfreunde: „… Und dann ist ja die Oma gestorben…“.

Ich musste nachdenken. Andere Menschen, in anderen Lebensgeschichten ballt sich so viel Tragik! Da scheint meine Chronik, als säße ich auf der Sonnenseite, wäre unter den Gewinnern! Aber, mir genau DESSEN bewusst, genau DESWEGEN solche Ängste? Dass es umschlagen könnte??

Kopfschmerzen. Ich könnte schlafen.
Dann tut sich die nächste Lücke in meinem Gedankenstrang auf: „Was wollte ich als nächstes sagen?“. Schreibt man in diesem Kontext „nächstes“ groß?
Die Speicherkarte mit den Jagdergebnissen der letzten beiden Tage auf den Computer geladen. Mal eben läppische 13 GB. Jede Menge Arbeit. Seit zwei Tagen nicht mehr Zähne geputzt. Mich nicht mehr bewegt, weil ich nur noch aus Schwindel und Ataxie zu bestehen scheine. Dementsprechend wettert der Ischias. Dementsprechend die Verspannungen. Und dementsprechend auch die Kopfschmerzen.

Aber klimpern…

9:59
NULL! Null Antrieb! Ich sehe überhaupt keinen Sinn darin, aufzustehen. Warum überhaupt noch bewegen? Warum meinen Kadaver ins Badezimmer schleppen? Um sodann, mit dem Spiegelbild konfrontiert, die nächste Runde Selbsthass einzuleiten?

Bin ich schlicht und ergreifend faul? Oder es auf die krankhafte Schiene schieben: depressiv?

Die Blase krampft. Der Blick fällt erst emotionslos nach draußen, um sodann unverzüglich Unruhe in mir auszulösen.

Den Videoordner „Neuzugang“ durchforstet, aufgeräumt. Ich könnte loslegen, die gesprochenen Aufnahmen schneiden…
Stattdessen klimpere ich, der Kopf fällt schlaff zur Seite, der Blick geht müde ins NICHTS.

Arschtritt!!

10:19
Das Spiegelbild war gnädiger als das Selbstbild. Aber unterm Strich geht die Rechnung trotzdem nicht auf, ich weiß ja, wie beschissen ich dann wieder auf den Aufnahmen aussehe!

Was eindeutig fehlt? Der Hunger, der ins Gesicht geschrieben steht! Hager ertrage ich mich besser. Aber mir fehlt augenblicklich die Kraft, die Überzeugung…

Das klingt beinahe so, als würde ich tausende Kalorien tagtäglich in mich hineinstopfen!

28. August 2018, Dienstag „Träume sind Schäume-nächstes Kapitel…“

8:30
Ein Albtraum. Als ich dann endlich irgendwann schlafen durfte.
Das Gewicht ein Albtraum. 58 Kilo.
Bis zu Mittag hatte ich 1 Stunde geschlafen, wieder gleich auf dem Tisch und Sebastian riss mich aus meinem Schlummer, als er nach Hause kam. Dann stand ich auf. Ich wollte, ich versuchte es zumindest. Der Unfallhergang immer noch unklar… Ist die Inkontinenzmatte unter mir weg gerutscht? Stand ich bereits oder saß ich noch?
Endergebnis: Nach vorne gestürzt, eine Bauchlandung gemacht und versucht, mir meine hässliche Visage glatt zu schlagen.
Völlig instabil. Und um der Volkshilfe zu entgehen, schnappte ich mir mein Gefährt und suchte nach Joghurt und Müsli mit Äpfeln alsbald das Weite.
Oben an der Straße kam mir Daniela entgegen. Ein paar Floskeln wurden gewechselt.

Du hast wie gewohnt SCHON WIEDER ZU VIEL von dir geredet!!!
Und dann noch so einen Schwachsinn!!!

Den nächsten Teil der Strecke verbrachte ich mit Selbstbeschimpfung im Kopf. Und bevor ich es vergesse: Ich hatte einen kleinen Stofffetzen, einen Strumpfverband und die Klingendose mit im Gepäck.
Bei der einen Kreuzung stand ich schon eine Weile; zum ersten Mal seit „Jahren“ wieder Heufalter gesehen, die ich unbedingt filmen musste. Da trat vom Haus hinter mir die Mutter meiner damaligen Schulkollegin auf mich zu. Wir unterhielten uns, und sie erzählte von damals, als ich zusammen mit ihrer Tochter einen Osterbrauch durchs Dorf „getragen“ hatte: „Ich habe sogar noch den Zeitungsartikel von damals!“. Sie meinte auch, ich hätte ja immer so schön zeichnen können. Das war mein Stichwort! Ich drückte ihr eine meiner Karten in die Hand. War das ein Fehler? Wird sie das alles überhaupt verstehen? Zumindest habe ich sie prophylaktisch vorgewarnt.
An der nächsten ruhigen Stelle holte ich bereits mein Werkzeug heraus. Das hatte ich auch noch nicht geschafft, an so einem offenen Straßenstück, wo jederzeit mit einem Auto zu rechnen ist, oder schlimmer noch, mit Radfahrern oder Spaziergängern, überhaupt in Erwägung zu ziehen, mich zu massakrieren. Aber in mir steckte irgendwo der krude Gedanke fest, dass ich dies tun müsse, um überhaupt wieder heimkehren zu können.
Es war zu unruhig, zu viel los. Ich fuhr weiter. Ein Auto hielt, ein Bekannter, der mir eigentlich immer sehr sympathisch war. Fragte mich, was ich da mache, und kurz entstand daraus ein Gespräch, in dem er mir erzählte, seinen Hof biologisch zu betreiben und auf diversen Wiesen Blumen stehen zu lassen, eben für die Schmetterlinge. Und dass er den Eindruck hätte, dieses Jahr seien es mehr.

Gespräch Nummer 3. Ich fühlte mich wieder scheiße… Was hatte ich gesagt, was hätte ich nicht sagen sollen, nicht sagen dürfen, oder nur von mir geredet, oder, oder, oder??!…
Rasierklingen. Aber keine Chance.
Nach Hause gefahren, nachdem Sebastian mich angerufen hatte, um sich zu vergewissern, ob alles in Ordnung sei und wo ich wäre: „Unten beim Schuster liegt ein toter Star… Vielleicht willst du ihn ja haben!“.
Mit lauter Musik in den Ohren raste ich im Rahmen des Rollstuhls Möglichkeiten nach Hause, ließ mir von Sebastian einen neuen Akku geben; er war gerade beschäftigt, oben in seinem Zimmer per Skype im Gespräch mit seinem Freund. Also verschwand er unverzüglich wieder dorthin. Ich blieb noch kurz auf dem Parkplatz, entblößte meinen linken Unterarm, packte mit völlig tauben und unbrauchbaren Fingern die letzte Klinge aus ihrem Kuvert. Und sie schnitt, sank lautlos, ohne jeglichen Widerstand in meine durch all die Narben fast ledrige Haut.
Zehnmal. Und zumindest ein Schnitt entsprach den Anfangskriterien für eine „klaffende Wunde“…

Vermutlich würde mich jedes Kind dafür auslachen! Aber als sich die Wunde mit den Fingern spreizte, ging diese doch etwas tiefer als die anderen…
Aber es blutete nur kurz.
Dann fuhr ich die Straße runter, hastig. Kein Sonnenlicht mehr da unten im Graben, ich fror ein bisschen. Am Ziel angekommen handelte es sich nicht um einen Star sondern eine junge Singdrossel. Hatte zwei Blatt Küchenrolle mit und legte den Kadaver darauf auf meinen Schoß. Der „Bruchpilot“ hatte bereits gewisse Aromen entwickelt, beim Aufheben machte sich auch ein Totengräber aus dem Staub.
Auf dem Rückweg traf ich unsere Nachbarin. Auch dort blieb ich stehen, die vierte Unterhaltung an diesem Tag. Aber viel zu lange. Einmal bewegte sich das Küchenkrepp und ich scherzte süffisant: „Oh! Da wird doch nicht jemand wieder auferstehen?“.
Aber es war „nur“ ein weiterer Totengräber, der sich samt Milbenpack auf dem Rücken ebenfalls davon machte.
Sie erzählte von ihrer Kindheit, ihrer schrecklichen Kindheit, und diese habe ich dann perfekt in meinen Traum eingebaut.
Fatal an der ganzen Sache: Beim Abendessen machte Sebastian diese witzige Sendung von Arte an. In der es eben um die Entstehung von Träumen ging.

Ist dieser Traum, der definitiv inspiriert von ihren Erzählungen war, für mich persönlich von keinerlei Bedeutung? Weil es „nur“ ein Traum ist???
Rumpelstilzchen hatte seine Meinung dazu…

WIE OFT MUSS MAN ES DIR NOCH SAGEN??
Du bastelst dir das alles nur zusammen, bildest dir alles nur ein und dann träumst du eben so einen Scheißdreck!!!
DU BIST SELBER SCHULD, SONST NIEMAND!!!

Meine Hose, der Bund meines Oberteils, ja sogar die Stützstrümpfe stanken nach Verwesung! Hatte zu lange bei Ester vor dem Haus verweilt. Da müssen einige Flüssigkeiten sich ihren Weg durch den Zellstoff in meine Klamotten gebahnt haben…

Ich war müde. Todmüde. Und ja! Ich konnte einschlafen!…
Gerade mal 1 Stunde, es war irgendwann nach 1:40 Uhr. WACH! Keine Chance, wieder zur Ruhe zu kommen. Und das, obwohl mir absurderweise die Augen immer wieder zufielen. WACH und die ganze Zeit mit irgendwelchen Missempfindungen und Schmerzen an den unmöglichsten Stellen meines Körpers beschäftigt.
Und so wurde es auch heute irgendwann spät nach 5:00 Uhr, ehe ich großzügigerweise ENDLICH den Kopf auszuschalten vermochte! Und dann dieser Traum…

[….]

In einer halben Stunde Sitzung. Ich bin fix und fertig. Die Augen ganz klein. Zu nichts imstande; ich vermochte kaum vom Badezimmer ins Wohnzimmer zu gehen. Aber heute Nacht keine unlauteren Mittel geschluckt. Die etwas größere Menge Tramal nachmittags wird wohl kaum ausschlaggebend sein für meine Verfassung…
Vielleicht noch 30 Minuten dösen. Die Panik vor und wegen der Sitzung schlimm genug…

18:02
Ich war unterwegs. Aber es fühlte sich nicht so gut an wie gestern. Es war zu heiß. Ich hatte zu oft versucht, eine Aufnahme von mir zu machen. Und an der Stelle, an der ich auch heute umkehren wollte, wagte ich einen Blick in den Verkehrsspiegel…

SCHAU DICH AN!! SCHAU GANZ GENAU HIN!!! DU HAST SO EINE HÄSSLICHE BAUERNVISAGE!!!
WAS FÜR EINE ABARTIGE HACKFRESSE!!!
SCHÄM DICH!!! IN GRUND UND BODEN!!!!

Ich fuhr nach Hause, schnappte mir die Rasierklingen und fügte den zehn Schnitten von gestern weitere 22 hinzu. Am liebsten, und es schien mir auch meine Pflicht zu sein, hätte ich mir ins Gesicht geschnitten!!! Ich bin so unglaublich scheiße!!! Widerwärtig!!! Wie kann ich nur so selbstgefällig mit dem Rollstuhl herumfahren, mir zwischendurch sogar noch „gut“ vorkommen, wenn ich ein einziges Brechmittel bin??!!

Aber es geht ja noch schändlicher… Der linke Arm krampft seit Tagen. Ich zu dumm, zu feige, zu unfähig, mich „vernünftig“ und dem Anlass gebührend zu verletzen!!! Ich sollte in Grund und Boden VERSINKEN!!!

Was mache ich Stück Dreck? Versuche erneut, die Aufnahme im Abendlicht zu machen. Wie kann diese Selbstsicht von einem Tag auf den anderen dermaßen Fluktuationen unterworfen sein? Oder gar mehrmals täglich so drastisch variieren??

Ich bin eine fette Sau! Alles an mir quillt aus den Nähten! Mein Gesicht so ein „formschönes österreichisches Rattengesicht“!!! Wie Jörg Haider damals!!!

Sebastian ist oben, vor mir liegen Tuch und Blechdose. Einmal über die garstige Wange fahren…
Auf der Heimfahrt weinte ich wieder. Ganz plötzlich. Weil ich so abstoßend bin. Weil mein Leben soeben komplett den Bach runter geht -allein was die Lähmungen in den Händen betrifft. Und erst recht weil ich meine Mutter und Sebastian sterben sah.

Diesen Satz erst einmal ausgesprochen, geht es von vorne los. In mir eine unerträgliche Unruhe. Wieder eine doppelte Einzeldosis meiner Opioide geschluckt. Und viel zu viel Süßkram.

In mir bettelt irgendetwas. Will es wieder gutmachen. Will es BESSER machen. Dabei weiß ich doch, dass ich ein Versager bin und bleibe.
Hier öffentlich einzugestehen, dass ich auch zuvor eigentlich „gar keine Lust“ auf ein Schlachtfest hatte, weil in mir der Eindruck entstand, „ich hätte es satt“, scheint eine Todsünde, die erst recht abgemahnt gehört!

Ich schneide und halte dabei wie ein Weichei die Luft an…
Dass das Werkzeug nagelneu ist, scheint sich nicht mehr auszuwirken…

Weitere sechs lächerliche Kratzer. Die Haut ist überreizt, der Arm will den Beinen nacheifern und sich krampfend selbstständig machen. Meine Werkzeuge wegräumen, Tee trinken, Sonnenuntergang und hoffen, die Dosis schlägt bald an…

27. August 2018, Montag „Inspiriert in den Vollrausch…“

8:41
Mit Tixo Schadensbegrenzung betreiben, das Headset fällt auseinander. Mein Gemüt, meine Augen schwimmen in einer wohltemperierten Suppe. Nichts macht augenblicklich Sinn. Außer vielleicht diese Ahnung von Erleichterung, dass es jetzt Morgen ist und nicht mehr Nacht. Dass es jetzt noch Chancen zu geben scheint, wohingegen 12 Stunden später die Zeichen für für die nächste Apokalypse unübersehbar sind!
Der Lichteinfall löst auch heute unendlich viel aus. Aber ich bin so müde, zu stark zugedröhnt.

Immerhin! Ich vermutete längst, das Schlafen verlernt zu haben! Denn im Bett präsentierte sich dasselbe Dilemma wie die Tage zuvor. Erst noch müde, und dann plötzlich aufgekratzt und bereit, Liegengelassenes mit einem Happs aufzuarbeiten, voller Tatendrang, kaum zu bremsen…
Abgesehen von den physischen Grenzmauern, die meinen Agitationsradius sehr einschränken.
Munter, munter, putzmunter. Hatte ich es heraufbeschworen, verschrien?
Mehrere Thesen im Montagsangebot:

1. Während dem Urlaub einen ungesunden Schlafrhythmus erlernt.
2. Das steigende Stresslevel, weil der Herbst droht.

3. Die anstehende Geburtstagsparty, die ich einfach links liegen lassen werde. Und mit den Schuldgefühlen nicht klar komme.

4. Vollmond?

5. Last but not least: Ein Problem mit dem Thema „Schlafen, Bett“, gerade angesichts der aktuellen Entwicklungen (so es sich dabei überhaupt um solche handelt).

Mittags wollte ich Sebastian entgegengehen. Mich bewegen. Aber seit ich aufgestanden bin, bereits viermal umgekippt. Nur eben jedes Mal mehr Glück als Verstand, dass ich nicht den Fliesenboden geknutscht habe.
Gefühlt war ich bis mindestens 4:00 Uhr wach. Egal, wie ich mich einzuschläfern oder abzulenken versucht, trug keinerlei Früchte. Nicht Musik, nicht Hörspiel, nicht Video, nicht lesen, bis die Augen nicht mehr konnten… In mir drehte sich alles. Alles NUR um DIE Angst! Hatte ich es anfangs noch geschafft, das vermeintliche Kind in mir damit zu besänftigen, dass ich mir vorstellte, es ganz fest in den Arm zu nehmen oder gleich hinter mir zu verstecken, um es so verteidigen zu können… Aber die Panikwogen peitschten höher und höher, raubten Sicht, Atem und erst recht Verstand.

Physische Eskalationen… Noch mehr Hydal; zu den abendlichen 2 mg retard noch einmal 1,3 mg der normalen Sorte. 1 Mexalen für Kopf und Ischias. Nach 1 Stunde des Wachliegens neun Tropfen Psychopax. Eine weitere Stunde später 1 mg Temesta.

Meine Vorstellungsübungen fruchteten nicht. Weil man Übung braucht und ich diesen Ansatz bis dato völlig abgelehnt habe? Ich schaffte das Kind in meinen Gedanken von einem sicheren Ort zum andern. Die Erlösung immer nur von flüchtiger Dauer. Es war wohl irgendwann nach 3:00 Uhr, da schnappte ich mir mein Notizbuch, schrieb ein paar Gedanken nieder und zeichnete eine kleine Skizze…
Wann war es? Vor zwei Tagen? Dass mir bei einem dieser Flashbackmomente intuitiv der Gedanke kam, ich müsse eine Puppe stellvertretend für das innere Kind festhalten…
Fiel mir doch im Bett plötzlich dieses braune Kuscheltier ein, welches ich mir 1999 nach Diagnose und nach Verlieben gekauft hatte. Ein Pferdchen, welches ich isländisch „Bokki“ getauft hatte. Und so hatte ich in all den Wachstunden wahrlich das dringende Bedürfnis spüren müssen, dieses Spielzeug DRINGEND festzuhalten, wie ein kleines Kind an mich zu pressen, damit es aufhört zu weinen, zu zittern, und vor allem zu glauben, es sei allein, immer noch in der ebenfalls vermeintlichen Auslösersituation und müsse sterben.

Keine Ahnung, wo das Ding hingekommen ist. Suchen?
Mir bei Amazon ein Stillkissen bestellt. Sonst bekommt eben dieses Augen von mir verpasst. Ich habe scheinbar den Auftrag, etwas in die Arme zu nehmen. Und zugleich auch davon in die Arme genommen zu werden.

Fängt das ganze Procedere jetzt endlich nach Jahren an zu fruchten? Oder mache ich mich nun endgültig zum Vollhonk?!! Weil das alles eben auch nicht viel mehr wert ist als eine von Menschen erdachte Religion, als irgendwelche zusammen gebastelten Traditionen, Aberglaube?

Ob ich es schaffe, nachmittags vor der Volkshilfe zu flüchten? Ob das Gucken meiner Videos nicht erneut den negativen Rattenschwanz hinter sich her zieht, nun, nach einer kurzen Phase der Regulierung, WIEDER auszuticken? Weil es mich doch so sehr die schiefe Bahn betreffend inspiriert hat? Als hätte ich aus den ganzen Tabletteneskapaden, die von meinem eigenen Mund beschrieben wurden, nichts gelernt?
Als wäre es kontraproduktiv, mit mir selbst zu tun zu haben, ICH für MICH nichts als schlechte Gesellschaft?…

Und es wird 9:15 Uhr, die innere Stoppuhr dreht unerschrocken weiter ihre Runden, schneller und schneller. Die Zeit läuft davon.
Schlafen und hoffen, die ganzen Benzos bis 11 aus mir raus zu haben? Damit ich mich bewegen kann, ihm entgegengehen kann? Damit aber wieder zwangsläufig riskierend, auch heute Nacht zu versagen?
Klimpern. Bei dem Lichteinfall zuvor sah ich mich wieder bei Tante und Onkel, unten in diesem dunklen Gang zwischen Garage und Haus, mit Blick zum englischen Rasen im Garten. Unwohlsein, Beklemmung und die Ratlosigkeit, warum es sich so anfühlt.

Die Augen gehen auf Stand-by, obwohl sie sich seit dem Aufstehen anfühlten, als hätte man sie nachts verknotet.

Was schreibst du da für einen Schwachsinn??!!

Ich denke an Sommerferien, Kinderprogramm, Zeichentrickserien und Kolga unten auf der Weide, weniger auf mich als aufs Heu wartend.

10:16
Kein Konsens. Was mache ich? Mir selbst sagen: „Hey! Jetzt bist du doch wieder richtig schön wach!!!“. Aber ich habe Angst… Mir schnürt sich soeben die Kehle zu, lediglich wenn ich mich nachmittags verschlafen sehe, oder, schlimmer noch, zu Hause zu sein, wenn der Invasor mein Haus, meine Hülle, meinen Körper okkupiert!!

Prompt möchte ich mir den Finger in den Hals stecken! Prompt will ich mich wieder abschießen! Denn all diese irrtümlich sich als clever anfühlenden Strategien sind doch jedes Mal der Freifahrtschein für die nächste Unglücksspirale; Aussteigen verboten!

Sortieren, während draußen der Schwarzspecht laut ruft, der Himmel blau wird und die nächsten Erinnerungen an die Tür meiner Aufmerksamkeit klopfen.

Ich könnte mich aufschlitzen, bestrafen. Selbstverständlich auch dafür, nach nun bald drei Monaten den Pinsel noch nicht einmal für 1 Minute in der Hand gehabt zu haben, nicht einmal den Gedanken ans Weitermalen zugelassen zu haben, geschweige denn zu lassen zu KÖNNEN!

Ich hasse mich für meine Trägheit. Ich hasse mich dafür, wie ein ausgelutschter Kaugummi auf dem Rollstuhl zu kleben. Ich hasse es dabei zusehen zu müssen, wie ich eine Chance nach der anderen vertue. Ich hasse meine fetten Oberarme. Ich hasse mein altes Gesicht mit dieser groben Haut. Ich hasse diese Kugel auf meinem Schoß.

Weitere Erinnerungen… Wie ich mich unterhalb vom Gasthaus in der kleinen Buchte verschanzte, die früher dem Kegeljungen neben der Bahn in der Bar Platz gegeben hatte. Und schon sehe ich wieder Tote, und das, was sie zurücklassen. Ich will mich aufschlitzen…

26. August 2018, Sonntag „Aus und vorbei…“

11:57
Nachts die Füße dick geschwollen. Das Fußende vom Bett hochgestellt. Eine ganze Entwässerungstablette. 57 Kilo um 10:15 Uhr.
Schlaf… Was ist das? Wie soll er sich anfühlen?
Mit weit aufgesperrten Augen bis nach 6:00 Uhr morgens. Sein Schnarchen. Meine Unruhe. Und zu allem Überfluss immer wieder Krämpfe in den Beinen. Es regnete die ganze Nacht; jetzt scheint der Himmel zu überlegen, ob sich seine Stimmung bessert oder nicht.
Mich in meine Stützstrümpfe stecken lassen. Leichtes Magenflattern beim Gedanken an die nächste Nacht. Dabei triggert mich der Ausblick durch die Terrassentüren extrem. Herbst. Der Herbst kommt, kein Zweifel.
Ehe ich mich davon wieder runterziehen lasse, sollte ich nun endlich die Arbeit mit dem Video in Angriff nehmen. Wenn schon sonst nichts geht?! Wenn man im Kopf so viele Ideen hat, dass noch mehr Ideen längst verdrängt worden sind. Ich würde gerne Musik machen. Würde gerne dieses oder jenes probieren. Und sehe doch wieder nur, wie mir die Zeit tatenlos davonläuft, und wie ich kleiner Wicht irgendwie in einer mir noch unklaren Situation festzustecken scheine.

Und so meine ich mich plötzlich erinnern zu können, auch in dieser Nacht, besser gesagt irgendwann morgens kurz davon geträumt zu haben, Kinder einzusammeln, an die Hand zu nehmen, in Sicherheit zu bringen.

17:27
Die Reste vom Milchtee mit an den Tisch nehmen. Sebastian verschwindet nach oben. Nicht mehr als eine winzige „Meinungsverschiedenheit“. Ich bin davon überzeugt, er hat eine der neuen Erdbeerpflanzen auf die Terrasse gestellt. Frage nach dieser. Er wiederum behauptet, dem sei nie so gewesen. In mir zerlegt sich alles… Wer liegt falsch, wer hat recht? Bin grundsätzlich ICH im Unrecht, weil ich meine eigenen Gedanken und Erinnerungen schon nicht im Griff habe?
Es mag völlig idiotisch erscheinen. Aber nebst dem nächsten Dejavuegefühl löst dieser kleine Wortwechsel erst recht heftige Sehnsüchte in mir aus. Wieder nicht, um ihn zu bestrafen. So auch nicht um wie ein trotziges Einzelkind mir selbst im übertragenen Sinne in die Faust zu beißen, weil ich meinen Willen nicht bekommen habe.

Ich sehe den Himmel. Das ganze Grün. Ich sehe den Herbst kommen. In mir füllt sich plötzlich alles mit unangenehmen Gefühlen, vermengt mit einer kaum zu bewältigenden Menge Erinnerungen. Und obendrauf, wie eine Chemiesuppe nach einem Tankerunfall, schwimmt die Angst, eine hochgradig toxische Masse, die alles vergiften will, mich umbringen will!!

Noch mehr Erinnerungen an frühe Zeiten, wahrlich frühe Zeiten!!!
Alles steckt in meinem Hals, ich bekomme keine Luft mehr!!

Trotz allem, und wie immer, und leider… Die Erinnerungen erzählen vom „Tag“. Keine einzige hat sich nachts, bzw. im Kinderzimmer abgespielt. Ich erinnere mich an Szenen aus einer Zeit, als mein Bruder und ich in einem Raum, in einem Stockbett und später dann in den nebeneinander gestellten Einzelteilen davon schliefen. Aber da sind keine Erinnerungen an unsere Nächte dort!!! Als sei er nie dagewesen? Als hätte ich nicht auch da -gefühlt- jede Nacht mir selbst die Augen aus dem Kopf geweint, gefangen in der zwanghaften Vorstellung, meine Mutter würde sterben und ich zwangsläufig mit ihr. Als hätte ich in diesem Kinderzimmer nicht genau wegen diesen krankhaften Gedanken bereits mit Selbstbefriedigung und der Vorstellung, währenddessen umgebracht zu werden, umso den Tod meiner Mutter zu überwinden, zugebracht!!

Ich sehe einen speziellen Lichteinfall im ganzen Gasthaus. Beim Anblick schaudert mir. Ein Ruhetag. Totenstille. Alles vermischt sich mit Filmsequenzen von E.T., der zur selben Zeit damals ganz groß angesagt war.

Soll das alles wirklich nur eine geistige Verwirrung meinerseits sein?
Ich habe überlegt, schon den ganzen Tag, angesichts der ganzen Zweifel, die mich unablässig plagen, ob ich… […]

Ganz plötzlich werden meine Augen geflutet. Noch mehr Erinnerungen. Scheinbar umzingeln sie mich, engen mich ein. Ich kann nicht mehr geradeaus sehen.

Stattdessen sehe ich Ella, diese arme Gestalt, Pflegekind oder so, die ganze Familie ein Albtraum. Der Inbegriff eines „Opfers“. Als kleines Kind hatte ich mit ihr zu tun; sie war in meinen Bruder verknallt. Eine große Veranstaltung im Haus. „Alle“ sind da. Ich muss noch nicht helfen, noch zu klein; wir spielen im Wohnzimmer und sie ruft mich zu sich nach draußen in den Flur, sie ist älter. Und sie sagt zu mir, ich soll Mario einen Zettel geben. Wir haben uns über sie lustig gemacht…

Ich sehe das leere Gasthaus nach dem Tod „der alten, großen Wirtin“ 2016. Diese betäubende, wattige Stille. In der riesigen Burg sind alle schwarz-gelben Jalousien runter gelassen. Der Maibaum hängt auf Halbmast.

Ich sehe den dunklen Friedhof im Dorf. Es ist frisch. Ob Frühling oder Herbst… Ein Spaziergang durchs Meer von Kerzlichtern mit meiner Mutter. Zu fast jedem Grabstein hat sie eine grausige oder tragische Geschichte zu erzählen. Um mich, als sei es die logische Konsequenz daraus, sofort im nächsten Bild hinter der Garage sitzen sehen zu müssen, die Sonne blutend untergegangen hinter der Hügelkette im Westen vis-a-vis. Im Hohlraum des Betonziegels, auf dem ich sitze, die kleinen Kerzen aus Nussschalen, die wir in der Volksschule gebastelt haben. Sie wärmen meinen Hintern, es riecht nach Rauch und Wachs und Streichhölzern. In mir nichts als Schmerz. Irgendetwas dort schreit mich an…

DEINE MUTTER WIRD STERBEN!!!
JEDEN AUGENBLICK KÖNNTE SIE STERBEN!!!
SCHAU GENAU HIN, WIE SIE DIE AUGEN ZUMACHT, ZUM ALLERLETZTEN MAL!!!
UND DANN BIST DU GANZ ALLEIN AUF DIESER WELT UND DER SCHMERZ UND DIE SCHULD WERDEN DICH UMBRINGEN!!!!….

Das Fläschen Tramal liegt griffbereit neben mir…

18:32

Eine weitere volle Dosis Opioide. Meine Blase droht mir damit, mich nass zu machen. Wie das kleine Kind. Aber die Ausrede heute eine bessere: „Kalte Füße bekommen!“. Nichts von wegen Psychosomatik!
Dem Krampf in den Ausscheidungsorganen folgen Krämpfe in beiden Beinen. Das aufgenommene Videomaterial von zuletzt, von den Spasmen, stößt mich regelrecht ab. Verstärkt meine Derealisation. Um mich wieder zu fragen: „Was zum Teufel sind Füße??! Warum sehen sie so seltsam aus?? Und meine verkrüppelten Dinger dank Krankheit noch mehr unnormal, unnatürlich, FALSCH???!!!“.

Erinnerung. Wir kommen vom Ballett oder waren wir im Krankenhaus, jemanden besuchen? 200 m weiter war ein kleiner Supermarkt. Ich sehe jetzt, wie ich dort diese grüne Plastik-Panflöte von meiner Mutter gekauft bekomme. Alles ist so… Plastisch, so reell, als könne ich es anfassen… Und zumindest gaukelt mir mein Hirn vor, ich wisse ganz genau, wie es damals dort gerochen hat, wie der Lärm der Autos geklungen hat. Es war Anfang Frühling? Februar?

19:07
Blasenkrampf! Der Schmerz verschlägt mir die Sprache! Aber es geht zum Glück nichts daneben…

Er in der Badewanne, ich mit dem Rollstuhl davor, halb sitzend, halb stehend, während er mich mit Waschlappen und Seife abschrubbt, die Haare wäscht. Ich fühle eine vertraute Zweisamkeit. Betrachte ihn, wie er total begeistert von einem Computerspiel erzählt. Ich sehe in seinem Blick das Kind; wortwörtlich „DAS Kind“…

Seines. Meines…? Ich sehe ihn, sehe „ES“ sterben. Draußen zeigen sich letzte Sonnenstrahlen…

Wenn ich ins Nichts starre, die Augen auf einen Punkt fixiert, den es nicht gibt, sehe ich jetzt doch tatsächlich unser Kinderzimmer. Das kleine Kinderzimmer, in dem wir zuerst unser Stockbett stehen hatten. Das Fenster geht gen Nord-Osten. Aber die Hügelketten, gerade der Hügel mit „meinem Wald“ darauf, verdecken die Sonne ganz lange. In diesem Zimmer kommt sie eigentlich nie an.

Was ist mit diesem Raum? Was hat es damit auf sich? Mein Bruder liegt oben und ich unten. Ich sehe Erinnerungen, obwohl ich sie mehr fühle als sie tatsächlich vor meinem inneren Auge einzeln wahrnehmen zu können.
Ich sehe den Lichteinfall, ich spüre den Lichteinfall. Ich bin noch klein, und obwohl es noch hell ist, muss ich ins Bett.

Ob ich mich erinnern kann oder nicht: ZWANGSLÄUFIG ist es irgendwann dunkel geworden!!
Beide Hände klimpern. Zählen bis 4. Rauf und runter und rauf und runter. Dazwischen zwängt sich ein…

…Aber die Spaziergänge mit Mama waren doch schön…

Übermorgen dann wieder Sitzung. Wieder wird sich an unnötigen Nebensächlichkeiten viel zu lange aufgehängt. Wenn Markus eine Sache beherrscht, dann ist es beschriebene Marotte. Sachen zu Tode erläutern…

Als sei ich besser…

JETZT müssten wir reden!
JETZT müssten wir tiefer eintauchen!!
Dabei, ich weiß, wäre es MEINE Aufgabe… Aber ich glaube, ich kann nicht. Oder will nicht.
Ich sehe den Gemüsegarten. Als dieser zu Kindertagen noch einer war. Sehe den Radio. Die Zaungitter werden gestrichen. Ich rieche Nitro, rieche den Lack. Habe den Geschmack von einem Eskimo- (Langnese-) Twinni auf der Zunge.
Der Geruch der Verdünnung macht mich ganz high…

Ich schlucke noch mehr Tramal…

Der Himmel reißt auf. Abend.
Doch noch während ich das Wort „Abend“ formuliere, bleibe ich in meinem Tun plötzlich stecken, bleibe nach dem großen A hängen, mit offenem Mund und leerem Blick ins Nichts.

Kind, sprichst du schon mit mir? Oder ist das alles nur Humbug, viel Zirkus um gar nichts, aufgeblasene Scheiße?… Hauptsache eine „reißerische Diagnose“! Hauptsache etwas „Exotisches“! Und wenn,…

WENN ÜBERHAUPT!!!…

…dann nur ein einstimmiges Erinnern meinerseits? Warum sollte da ein Kind in mir stecken?

Wenn es überhaupt stimmt! Und du siehst doch!! Alles war NORMAL!!
NUR DU NICHT!!!

Über meine Züge, meine Oberlippe huscht wieder so ein neurotisches Zucken. Sebastian ist wieder nach oben gegangen. Das Räucherstäbchen neben mir glüht und duftet.
Und wenn ich es mir…?
Dann müsste ich mir erst einen neuen Strumpf suchen.

Verknüpfungen… Abend. Es wird kälter. Heute. Damals. Und während die dritte Dosis Schmerzmittel DAS, was ich ICH schimpfe, meine Persönlichkeit, einlullt, gehen die Assoziationen weiter…
Es wird früher dunkel. Es wird Herbst. Die Schule fängt wieder an, nach zwei Monaten Sommerferien. Oder die Schule beginnt zum ersten Mal…
Erneut mit offenem Munde. Irgendetwas hinter diesem Gedanken lässt meine Fingerspitzen brennen, während zeitgleich die gefühlte Erinnerung in mir zu einem Kloß im Hals ausartet.

Das Zetern der Mönchsgrasmücke draußen im Garten vor dem offenen Fenster nicht aushalten! Wenn ich doch hier gerade an meiner eigenen Vergangenheit zu ersticken drohe!! Weil ihr Schimpfen mit Stille im Hintergrund den Herbst heraufbeschwört!!
Was ist das für eine Gefahr im Hintergrund?
Was kommt da auf mich zu?

Ich sehe die Familie abends im Wohnzimmer am Esstisch sitzen. Dort wird eigentlich nur zu Festtagen gemeinsam gespeist. Ich denke zwangsläufig an „Puschel das Eichhorn“. Läuft es im Fernsehgerät im Hintergrund? Es gibt heiße Kartoffeln aus dem Backofen. Dazu Salz, Butter und Milch. Meine Mutter wiederum hat sich Sauermilch mit Gurken angerührt. Oder es war meine Oma, ihre Mutter, und die beiden essen davon.

Ich mag das nicht. Ich mag auch keinen Sauerrahm. Obwohl ich es nie probiert habe.

Der Handlungsstrang verjüngt sich…
Ich, ich als Kind sitze, DAS Kind sitzt am Ende dessen wieder hinter der Garage im Abendrot, mit klammen Fingern, und keiner weiß von „UNS“. Nur noch das spärliche Licht der kleinen Kerzen. Tod! Nichts als Tod!!

All die schönen Erinnerungen, die schönen Momente „mit Mama“ werden zu einem Strick, der die Kleine stranguliert!!!
Kein Ausweg. Keine Hoffnung. Besser selber sterben, als zu sterben. Als durch den Tod zu sterben. Als VOM Tod UMGEBRACHT zu werden. Als VOM Tod Mamas GETÖTET zu werden.

19:50; das Ende vom Lied? Bald 38 Jahre alt und dermaßen Angst vor dem Tod haben, um sich lieber in den Suizid zu stürzen, als „erneut“ auf das nicht vorhersehbare, sich außerhalb jeglicher Kontrolle befindliche, (und davon bin ich überzeugt, weil mein Gefühl es mir sagt) schmerzvolle und grausame und erst recht „von außen kommende“ Ende zu warten!!!

Das Licht wird weniger und weniger. Einziger Farbpunkt die dunkelgelbe Blüte einer Topinambur vorne auf der Terrasse. Die Farbe erscheint geheuchelt. Aber ich kann die frische Bettwäsche riechen, in der ich in meinem Bettchen liege. Ich, das Kind, wir…

Die Musik vom Tag meines Selbstmordes in den Ohren. Beim Korrigieren des Textes Veränderungen anbringen. „Kommentare“ zu Gesagtem.
Rumpelstilzchen. Das Kind.

DU HÖRST EINFACH NICHT AUF!!!
DAS IST ALLES NUR BESCHISSENE EINBILDUNG!!!
Du brauchst die Aufmerksamkeit!
Und deine Mutter hat es dir gesagt, es dir doch erklärt, verdammt noch mal: Schon sie hat ihre Mutter sterben gesehen, hatte Angst, sie zu verlieren; nur SIE hatte nicht so viel Glück wie DU, um SIE hat sich keiner geschert!!! Und ihre Ängste hat sie DIR EINFACH vererbt!!!
WARUM MACHST DU ALLEN DAS LEBEN ZUR HÖLLE???!!!!!

Ich bin schlecht. Ich hätte sterben sollen. Ich sollte aufhören.

25. August 2018, Samstag „Zwischenwelten“

12:24
Das Kamerastativ steht rechts neben mir und zeichnet jede meiner Bewegungen auf. „Auf Nummer sicher“. Ich hänge wieder mal im klassischen Sinne fest. Der Geruch vom Räucherstäbchen…

Das Gasthaus am Morgen…

Der abgestandene Rauchgestank. Eine Mischung aus Wein und Bier. Es drückt auf meinen Magen.
Wie eine Bekloppte fange ich an mit dem Kopf zu wippen. Was ist das? Dissoziation oder Epilepsie? Hirnschaden oder Derealisation?
Zwei Nächte so gut wie nicht geschlafen. Gestern insgesamt mindestens 5-7 Mal weggetreten. Mir hängt etwas im Hals.

Der scheiß Schleim hängt in dir!

Nein. Eben NICHT nur DAS!
In Abständen von etwa einer Stunde wachte ich auf dem Sofa auf und fand mich in einer rasanten und vermeintlich lebensgefährlichen Talfahrt in meinen Gedanken wieder. Und alles, woran ich mich zu klammern vermochte, war erst der Treppenaufgang zum Dachboden vom Gasthaus, eine Fahrt nach Graz und die Wohnung meiner Oma und zu guter letzt die viel zitierte Weihnachtsfeier mit der ganzen Familie!

Mir ist schlecht.

Nachts, als Sebastian mit seinen Freunden unterwegs war, ging es damit weiter. Wie oft bin ich allein von Mitternacht bis jetzt weggetreten?
Meine Hände klimpern noch mehr. Noch bewusster, noch angestrengter, noch zwanghafter! Ich würde gerne zu einem Punkt kommen, aber ich vermag meine Gedanken nicht zu strukturieren. Vielleicht ein paar Sensationen dieses Tages?…
Kaum heute Morgen aufgewacht (ich denke dem voraus war eine Absenz gegangen) sah ich über die Decke hinweg hinab zu meinen entblößten Beinen und Füßen. Ich konnte sie nicht bewegen, nicht spüren… Und je länger der Fokus auf diesen Körperteilen ruhte, desto ferner, desto weiter erschien mir die Distanz zu ihnen! Ich philosophierte vor mich hin. Definiere ich mich als Person, wenn überhaupt, denn nicht NUR über meinen Kopf? Als ob der Rest dieses Körpers nur lästiges Anhängsel sei? Weil mit dem Kopf spreche ich, höre ich, rieche, schmecke, denke ich… Was tut der Rest?
Ich konnte meine Pumpe hören, wurde mir meines Atems bewusst. Kopfschmerzen. Resultat unterm Strich: WER oder WAS bin ich überhaupt?? WAS ist ein Mensch??
Ich sah Erinnerungen. Aber die gesamte Kulisse, das, was unsereins als normal empfindet, war nur noch gegenteiliges! Als wäre ich hinter ein großes Geheimnis gekommen, das die ganze Welt, dessen Ansicht, in sich zusammenbrechen lässt!!
Es ging noch schlimmer… Zumal ich mich gerade eben beim Hinsetzen auf den Rollstuhl an besagtem Wort „SCHLIMMER“ ebenfalls aufzuhängen vermochte, mit dem Gefühl, bei den nächsten zehn Wiederholungen das Bewusstsein zu verlieren, oder mich selbst in Trance zu versetzen!
Also ich lag im Bett und sah mich selbst von vorne, beobachtete mich selbst, wie ich die Gedanken mit meinem Mund formulierte… Mich als Person in einer Mischung aus Erinnerung, Vorstellung und dem seltsamen Traum von heute Nacht, als ich für eine hochdekorierte Gesellschaft, 16 Mann, die allesamt im Gasthaus essen wollten (auch der Landeshauptmann Niessl war dabei, saß am Kopf der Tafel), eine Art Fabelwesen oder Clown oder Marionette spielen sollte, die erst für die Herrschaften tanzt. Um sich dann zu verstecken, Spuren zu hinterlassen. Eine Hetzjagd auf mich sollte stattfinden und wer mich findet, hätte gewonnen. Ich war Mensch und Tier zugleich. Ich sang und sprach. Und es ergab keinen Sinn mehr! Es sah total befremdlich, wenn nicht sogar bescheuert aus!!!
Der Kopf zerlegte sich für mich in seine Einzelteile. Als wären meine Augen ein Röntgengerät. Als könne ich, oder besser gesagt, „müsse ich“ beim Betrachten des Sprechenden dessen Anatomie auseinandernehmen!! Welchen Sinn hat es, zu sprechen, die Lippen zu bewegen, wenn das Fleisch vergänglich ist, das die Knochen zusammenhält??? Ich sah mich selbst, sah alle anderen, sah jeden Menschen, wie er etwas zum Ausdruck bringen möchte, indem er seine Sprache benutzt, und das Gesicht fiel in sich zusammen, die Kiefer wurden Opfer der Erdanziehung, die Unterkiefer plumptsen in zwei Einzelteilen gen Boden, übrig blieb der Oberkiefer mit Schädel, bis der Kopf zerbröselte…

Also welchen WERT haben dann Wörter? Was sind Worte? Was ist „Wort“ für ein Wort?!!!
Ich flüchtete mich in meine Gedanken. In meinen Kopf. Ins „Gehirn“? Ganz trotzig: „Dann DENKE ich eben nur noch!!!“.
Aber dieser Prozess trennte mich noch mehr vom Rest dieser physischen Präsenz! Sperrte mich noch mehr ein!
Derealisation? Depersonalisation?
Es hat die ganze Nacht geregnet, so wie es auch jetzt wieder regnet. Der Lichteinfall, das Plätschern auf dem Dach, in der Regenrinne… Wie am 21. Mai 2015, eine Mischung aus warm und doch kühl… Ich sah mich in der Intensivstation, keine Sprache mehr, kein Zugang zu den Hebeln meiner Körperfunktionen, gefangen in dieser Knochenhülle! Ich sah mich in meinem Kopf eben schon wieder sprechen!! Ich sah das geschriebene Wort in diesem, vor meinen Augen vorbei schweben. Rational kannte ich die Wörter, konnte Synonyme dafür aufzählen, konnte sie erklären, deklinieren… Aber selbst sie zerbrachen in Fragmente, in Leichenteile, ehe sie zu Staub wurden!!!
Das war nicht länger MEINE Muttersprache!! ICH war nicht länger ein MENSCH!! WAS ZUM HENKER WAR ICH DENN NOCH???!!!

Mir ist schlecht. Aber das habe ich schon gesagt. ALLES triggert mich. Als hätte ich EINE GANZE WOCHE nicht mehr zur Ruhe gefunden!!
Es regnet Bindfäden. Oder sind es schon Wollfäden oder Seile? Ich bin hier, und dabei doch nicht. Ich bin wach, und dabei ganz woanders. Ich warte auf die „vollendete Absenz“. Das Frühstück hat mich getriggert. Der Geschmack der Himbeermarmelade, die Sendungen, die wir allesamt (zumindest meiner Meinung nach, Sebastian widersprach mir) bereits mindestens einmal beim Frühstück gesehen hatten!!!
Und da war so ein Sample, das Dröhnen von einem großen Schiffskutter? Zweimal insgesamt. Und eben beim zweiten Mal -mit dem Geschmack der Marmelade auf der Zunge- fühlte es sich an, als wäre ich mit 100 km/h mit meinem bloßen Körper, mit meinem Brustbein gegen einen Pfosten geknallt, gefahren, geschleudert worden!!!
Ich bekam keine Luft, es tat weh, und war dabei trotz allem nur ein Schmerz, der weit, weit weg schien, mich scheinbar nur peripher betraf! Aus dem akustischen Reiz zusammen mit dem geschmacklichen wurde ein Schlüssel, und eine weitere Pforte in „die andere Dimension“ öffnete sich einen kleinen Spalt. Wie bei einem Raumschiff? Wenn dich der luftleere Raum durch eine offene Luke in sich einsaugt???
Aber das Loch wurde vorzeitig geschlossen. Als hätte noch das letzte Zauberwort gefehlt. Ich blieb zurück in diesem „FAST-Zustand“!!

Wie viele Texte dieser Art habe ich bereits von mir gegeben??? Läuft lediglich in mir etwas schief? Bin ich schuld? Oder will es mir etwas sagen??
Gerade eben ging das Räucherstäbchen aus. Der Geruch am Ende, wenn die Glut das Holz erreicht hat… Für einen Augenblick hing ich wieder da, den Blick starr ins Nichts gerichtet… Allerhand Bildfetzen, die angeblich in meinem Chronikalbum zu finden wären. Irgendwo, verstaubt, ganz weit hinten, am Anfang der Geschichte.

Mir abends diesen Film auf Netflix zu Ende angesehen: „I kill Giants“.
https://de.wikipedia.org/wiki/I_Kill_Giants

Gen Ende, als sich aufklärt, WER denn diese Riesen sind und vor allem WAS es ist, vor dem sie Angst hat, wurde ich nicht fertig, unkontrolliert wieder und wieder in Tränen auszubrechen. Und es war DER Moment, in dem ich ganz laut in mich hinein rief, wenn nicht sogar schrie: BITTE!!! BITTE, KIND, ICH WEISS, DU BIST DA IRGENDWO!! ICH WEISS, ES IST DEINE ANGST!!! SEIT BALD 38 JAHREN DEINE ANGST!!! BITTE, WARUM??? WARUM UND WAS HAT ES AUSGELÖST??? BITTE,… sprich endlich mit mir…

Und so wird es 13:43 Uhr. Und ich mache mir, sowie heute die ganze Zeit im Bett schon, Gedanken darüber, dass mir die Zeit davon läuft. Und verplempere sie für „Absurditäten“ und hohle Phrasen dieser Art! Oder noch besser: Hänge auf dem Sofa und sehe mir die 100. Wiederholung der Wiederholung an, weil mich das mal „ausnahmsweise“ nicht zu stressen scheint. Keine Panik auslöst.
Anstatt wenigstens zu versuchen, zu malen.
Anstatt am Video zu arbeiten.
Anstatt mich zu bewegen.

Einfach nur dumm und dümmlich hier verrotten, nichts anderes als SITZEN, völlig bewegungslos und gedanklich starr. In meiner Fantasie kann ich sehen, wie kleine, fleißige Helfer meine Muskulatur abtragen. Als hätte ich Ameisen in mir, die auch von irgendetwas leben müssten.
Jetzt glaube ich sogar, sie ein Arbeiterlied trällern zu hören! Während alles andere kaputt geht.
Ich sehe, was alles vertan ist. Sehe mich vor einem Jahr. Sehe mich vor meinem Selbstmordversuch. Sehe mich 2010 irgendwo nach 15 km Laufen auf dem Asphalt kleben. Aber damals konnte ich das mehrfache Stolpern die Wochen davor noch akrobatisch auffangen. Und ich bin wieder aufgestanden und die restlichen 6 km zur Halbmarathondistanz weiter gerannt!!…

Wie war das, ebenfalls heute Morgen, als ich vor lauter Kopfschmerzen nicht mehr einschlafen konnte? Meine rechte Hand hatte aus irgendeinem Grund meine Schulter umfasst… Aber in diesem Kontext tatsächlich „UMFASST“! Denn MEHR sind meine Schultern nicht mehr! Wohingegen die Wampe, (wie ich zumindest meine) meine dämliche Hackfresse, meine Oberarme, meine Beine, IMMER fetter und fetter werden, ist von der Schultermuskulatur, ganz abgesehen davon, beide Arme, ebenfalls Hände nicht mehr heben zu können, NICHTS mehr übrig. Da stehen die Oberarmknochen heraus. Bedeckt mit einer Schwarte Haut. Und darunter, dazwischen GÄHNENDE LEERE.

Sebastian wird sich nun aufs Sofa schmeißen und Fußball gucken. Und was mache ich?
Für lediglich 1 Sekunde aufgestanden; gleich mehrere Vögel waren im Streit um das Futter im Silo gegen die Terrassentürscheiben geknallt. Ich wollte ein bisschen Futter auf die „Gästeterrasse“ streuen. Nüsse, damit die Spatzen auch etwas davon haben. Aber ich stand auf und konnte nicht gehen. Keinen Schritt.

Zu früh aufgegeben?
Sank zurück auf den vermaledeiten Rollstuhl. Der gefühlt ohnehin eine höhere Anziehungskraft unter sich zu haben scheint. Alles wird nach unten gezogen. Und so „bemühte ich mich“ gerade noch dazu, Sebastian oben in seinem Zimmer anzurufen und zu fragen, ob er denn die Vögel füttern könne. Natürlich, wie sollte es anders sein, längst vergessen, dass jetzt um 14:00 Uhr ohnehin das Rostock-Spiel in der Glotze losginge…

15:10
Nichts und wieder nichts…

FAULES STÜCK SCHEISSE!!

Noch im Bett immer und immer wieder ein Lied im Kopf, „Valentines day“ von Linkin Park. Ich dachte daran, wie still es draußen wieder geworden ist. Ich dachte daran, dass es wieder Zeit für Musik wird, laute Musik. Und ich dachte erst recht an den Selbstmord des Sängers…

Kommen und Gehen, nichts weiter… Die Vögel draußen scheinen immer dieselben. Mit leichten Abweichungen. Als wären es auch immer dieselben vertrauten Individuen, jahrein und jahraus. Was für ein Trugbild!
Plötzlich steigt mir erneut ein scharfer Rauchgeruch in die Nase… In den Ohren die Ohrstöpsel, unter dem Headset. Auf volle Dröhnung ein „Laufklassiker“. Erst recht ein Klassiker, was das Malen betrifft.

Seit sicherlich über zwölf Jahren. Und die Musik vermischt sich mit dem Geruch, der gar nicht da ist, und trübt für einen Augenblick meine Sinne…
Noch mehr…

Mich endlich erhoben, in Bewegung gesetzt. Mit meiner Lauf-Playlist in den Ohren. Das erste Stück „Adagio für Streicher“…

Wie lange „durfte“ ich damit laufen? Wie viele Kilometer, wie viele Stunden?

Ich kann nicht stehen. Nicht gehen. Die Beine wie Gummi. Der Verstand wie Watte.
Ganz so, als hätte ich mich gerade eben erst aus einer kapitalen Überdosis erhoben.
Langsam, unendlich lange durch den dunklen Flur schlurfen. Das Lied, die Musik geht eine weitere Liaison ein… Es riecht nach Badezimmerabfluss, nach altem Waschmittel, Feuchtigkeit…
Das Bewusstsein erlebt eine weitere Eintrübung.

In meiner Langsamkeit fällt der Blick auf eines meiner Bilder im Treppenaufgang. Ist DOCH NICHT alles Scheiße, was ich „verbrochen“ habe?…

Die Musik donnert durch den Schädel, das Bild eine Momentaufnahme… Aber auch wenn ich meine Beine und Hände nicht mehr fühlen kann, nehme ich bei jedem Takt vom Bass die Erschütterung in den Gliedern wahr, als würde ich JETZT, GENAU IN DIESEM AUGENBLICK ZU DIESER MUSIK laufen…

Im Badezimmer angekommen, mich mehr recht als schlecht ans Waschbecken klammernd. Das nächste Lied. Das eben ein furioses Stück für Sprinteinlagen hätte werden können…

Die letzten Takte vor dem Refrain… Wenn ich nach einer Stunde plötzlich tief Luft geholt hätte, wenn ich plötzlich aus dem gemächlichen Trab zu rennen begonnen hätte, wenn ich mit Beginn der harten Gitarrenriffs zu einer Maximalgeschwindigkeit gekommen wäre, um diese dann diesen gesamten Teil des Liedes durchzuhalten, wenn die Endorphine explosionsartig ihre berauschende Wirkung im ganzen Körper verteilt und ich nur noch das Gefühl gehabt hätte, zu fliegen…

Der Geschmack der Zahnpasta, die Musik… Ein weiterer Schlag mit der vermeintlichen „Dejavuekeule“…

Der Rückweg ein einziger Kampf. Die leidige Frage in den Raum werfen: „Was ist los?“.
Mich zum Sofa kämpfen, die verspätete Mittagsdosis einwerfen. Der Geschmack der Opioide auf der Zunge… Dejavue… Lähmt Zunge und Geschmack.
Hat es etwas zu bedeuten, dass mein linker Arm seit ein paar Tagen krampft? Weil er dies immer zu tun scheint, wenn meine Absenzen gehäuft auftreten? Es der linke Arm, die linke Hand war, damals vor ein paar Jahren bei meinem Aussetzer, an dessen Ende ich eben diesen Körperteil mit einem riesengroßen Penis darin gesehen habe?

Und so wird es 16:32 Uhr, ich sitze immer noch hier, tatenlos. Das künstliche Opium scheint meinen Geist etwas aufzuklären.
Ich habe gestern viel geschlafen. Und nachts dann, als wir vielleicht kurz vor 3:00 Uhr ins Bett gingen, hatte ich wieder Kontrolle über meinen verdammten Körper. Ich konnte gehen, konnte auch heute Morgen meine Finger spreizen.

Das Schmerzmittel stellt aber nicht das unangenehme Gefühl in meinem beschissenen Hintern ab. Dieser schreit und faselt irgendetwas von wegen „Dekubitus“!

17:02
Sebastian kommt vom Einkaufen. Er macht mir wie gewünscht eine Schale Schwarztee, „indische Mischung“, und wie immer zu fast mindestens 50 % nur aus Vollmilch bestehend. Nicht zu vergessen die 16 wirklich guten Süßstofftabletten von Kandisin.
Er kündigt an, noch Besuch zu bekommen von seinem Alter Ego. Ich lasse mir meine schwarze Armstulpe reichen…
Sie stinkt nach… Ranziger Butter? Hat wohl in den letzten Tagen irgendwann von irgendetwas mit Milch zu viele Flecken abbekommen. Aber andererseits lädt mich der Umstand, den Arm wieder verborgen zu haben (sollte Sebastian Nummer 2 überhaupt einen Blick hier hereinwerfen), ein, zur Tat zu schreiten. Wie oft in den hinter mir liegenden Tagen diesen Gedanken wieder und wieder und wieder durchgekaut? Dass es dem Kind egal sein wird, was ich mit dieser Schrottkiste anrichte? Dass es ohnehin nicht mit mir spricht? Und mir nur die omnipräsente Stimme meines Täterintrojekts bleibt, die nonstop jeden meiner Schritte, jeden meiner Gedanken überwacht und kommentiert, abwertet? Und erst recht fordert, dass ich mich bestrafe?
Was er des weiteren von mir will, was ICH glaube, zu wollen? Einen Abschuss. Ich will mich abschießen. Oder zumindest ein bisschen abstellen, ein bisschen Rauschzustand. Damit ich in Ruhe setzen kann. Ohne Schmerzen. Ohne diese funktionslose Hülle spüren zu müssen.

Nachdenken. Angst, wieder Panik daraus zu ernten? Und was hatte ich gerade eben noch im Sinn… Welche Worte, Sätze…?
Meine Füße, Sprunggelenke, und mit großer Wahrscheinlichkeit auch der Rest meiner Beine, dick geschwollen.

DU AUFGEDUNSENE FETTTONNE!!!

Mir die Tablettendose holen.
Dann aber umdisponieren. Zum Sofa mit dem Rollstuhl, die braune Glaspumpe geangelt. Noch einmal für einen Augenblick aufstehen. Nun meine ich auch die Ödeme wahrzunehmen.

Wie viel darf es sein?
Die Schmerzen im Gesäß noch stärker zu spüren bekommen… Eine doppelte Einzeldosis, insgesamt 40 Tropfen. Das Stövchen mit der großen Teeschale vor mich ziehen. Meine Arme und meine Hände machen nicht, was ich in Auftrag gegeben habe.
Zuvor in meinen alten Videos herumgewühlt, auf der Suche nach einer Passage. Jetzt drängt sich mir umso mehr der Eindruck auf, dass von mir wahrlich NICHTS als SCHROTT übrig geblieben ist.
Selbstmitleid?

Hingegen, kann es Selbstmitleid sein, wenn man sich selbst massakriert und am liebsten sterben sehen würde??

Und wann habe ich zuletzt so viel Zeit und Energie in einen Tagebucheintrag gesetzt? Waren diese doch in letzter Zeit ausnahmslos mit Panikzuständen verknüpft?
Aber heute ist Regenwetter. Heute scheint alles erlaubt…

20:12
Anstatt etwas zu leisten, mir meine letzten beiden Tagebuchvideos zu Gemüte geführt…
So schlecht sind sie doch gar nicht… Oder?

Und doch, gleich zu Beginn, als müsse ich mich „vor-bestrafen“, saß ich da nach Anstecken vom nächsten Räucherstäbchen mit dem glühenden Ding in der Hand und überlegte, zog in Erwägung, spürte die immer lauter werdende Sehnsucht danach, meinen linken Unterarm zu verbrennen.
Wie zuletzt, aus Versehen, den Rechten, als es mir nach Anzünden aus der Hand gefallen war…

24. August 2018, Freitag

9:56
57,7 Kilo um 7 oder 8:00 Uhr, ich weiß es nicht mehr… Alles zerschossen. Auf das kleine Diktiergerät nicht zugreifen können. Die gesamte Nacht vereinzelt Wortfetzen und Gedanken darauf verewigt. Keinen Plan von Tuten und Blasen.
Die ganze Nacht wach. War ich doch zuvor, allein auf dem Sofa beinahe bis Mitternacht, schon so müde. Aber kaum im Bett angekommen, war Schluss damit. Und um 1:00 Uhr fingen die Krämpfe im rechten Bein an…
Bin ich selber schuld? Mache ich irgendetwas falsch? Oder diese elende Hitze? Die beschissene Sinusitis? Oder gar die Reaktion auf das Kortisonspray für die Nase??

Wir waren auf der Burg Güssing. Es war viel zu heiß, also war mit Krämpfen zu rechnen. Am späten Nachmittag wieder zurück. Die Volkshilfe wieder perfekt umgangen. Dafür bestraft mit Krämpfen im linken Bein. Kalte Luft. Bewegung. Magnesium. Morphium.
Die Kopfschmerzen dermaßen pervers, ich bügelte mich nach allen Regeln der Kunst mit den mir zur Verfügung stehenden Substanzen benutzerfreundlich breit.
Kurz das Gefühl von Frieden und Erlösung… Um dann wiederum mit scheußlichen Panikattacken abgestraft zu werden. Die Panik darf auch als Dreh-und Angelpunkt der letzten 12 Stunden bezeichnet werden. Da konnte ich mir einreden was ich wollte, in mich hinein quatschen, mit vermeintlichen Gestalten in mir Dialoge führen… Es hörte nicht auf, es hörte nicht auf, es hörte nicht auf.

Wieder Zweifel. Und genau in diesem Augenblick, als ich genau dieses Thema ansprechen möchte, diesen Satz beginne, erschlägt mich die nächste Angstsalve!!! Es war doch die letzten Tage so ruhig in mir!!!
Ich wollte sagen, dass ich in meiner Unfähigkeit, Schlaf zu finden, heute Nacht bei all den inneren Gesprächen immer mehr den Eindruck gewann, da sei kein inneres Kind. Das sei auch kein Täterintrojekt. Keine anderen Gestalten. Einfach nur zu viel Fantasie, geil nach Aufmerksamkeit!! Oder?
Und ich lag wach und mein Herz raste wie verrückt… Beide Hände zu Fäusten verkrüppelt. Aber leider immer mehr. Ängste tun sich auf.

Gestern im Burgcafé meinte auch Sebastian, dass meine Neurologin eigentlich NICHTS mehr für mich tun würde, und ob es nicht besser wäre, wieder zurück nach Oberwart zu gehen. Um mich dort erst recht als Borderliner abstempeln lassen zu müssen? So wie auch gestern im eingetroffenen Befund der Urologie? Was ist das für ein Blödsinn? Und erst recht welche Relevanz haben diese Diagnosen in einem Befund zum Katheterwechsel? Da steht nun der selbe Schwachsinn wie zuletzt in Fürstenfeld: ich hätte eine Persönlichkeitsstörung -Typus Borderline, ich hätte multiple Suizidversuche hinter mir… Was für ein Nonsens! Und der Befund von der Neurologie? Den kann ich mir in die Haare schmieren!

Ist es kühler geworden? Der Himmel hatte so ausgesehen, vor allem gestern Abend. Die Hände sind unbrauchbar. Und dennoch klimpern sie. Die ganze Nacht hindurch haben sie geklimpert. Es war zu erwarten…? Mir ist schlecht, Druck im Magen… Der Beginn einer leichten Gastritis dank Schmerztabletten? Ich kann nicht mehr sitzen. Herr und Frau Ischias nachts allein beim Stehen und Gehen dermaßen angepisst. Die Brustwirbelsäule schmerzt hier auf dem Rollstuhl. Die Kopfschmerzen werden nicht lange auf sich warten lassen. Bereits 10:17 Uhr und ich wollte doch endlich irgendetwas schaffen…

23. August 2018, Donnerstag

12:06
Das Diktierprogramm lässt mich im Stich.
57kg. Ein Wunder.
Muskelkater. Und wieder kaum zur Ruhe gekommen.
Im Halbschlaf ließ ich mich mit dem inneren Kind an der Hand das Gasthaus durch die Hintertür betreten. Wollte mit der Kleinen hoch ins Schlafzimmer gehen… Aber so weit kamen wir nicht. Ist zumindest der Anfang getan?

Erinnerungsfetzen bombardierten mich. Da tauchten auch wirre Fetzen eines chinesischen (oder japanischen) Zeichentrickfilms auf, Mitte der 80er. Ich hatte ihn auf Kassette, hatte diesen 1000 mal gesehen. Und jetzt will mir nicht einfallen, wie er ausgesehen hat, worum es ging.

Irrweg? Nun zu glauben, das sei der nächste Schlüssel, dass ich mit Erinnern dessen bestenfalls einen fetten Flashback ernte, ein weiteres Vorhängeschloss knacke, um Zugang zu verschütteten Fragmenten meiner Chronik zu erlangen???

22. August 2018, Mittwoch „Trümmerhaufen“

12:29
57,4 Kilo um 9:15 Uhr. Eine ganze Entwässerungstablette zu Wassermelone und Frucht-Sauermilch mit Müsli. Der Katheterbeutel drohte zweimal zu platzen. Die Sperenzchen meiner Blase waren entweder auf den Pilz zurückzuführen, der sich dank Katheter regelmäßig einstellt, oder dem Umstand, „mal wieder „Lebenszeichen meiner Verdauung wahrzunehmen“.
Ich war unfähig, mir diese beschissene Gelkapsel ins Gemächt zu schieben! Ich will diesen Bereich da unten überhaupt nicht anfassen! Aber ich wurde dazu gezwungen. Das glitschige Ding fiel ständig zu Boden. Ich konnte die Finger nicht mehr strecken… VERDAMMT! Die rechte Hand war eine Faust!! Ohne Außeneinwirkung nicht mehr möglich, eigenmächtig die Finger zu strecken, geschweige denn zu spreizen!!!

Der Kampf mit diesem vermaledeiten Pilzmittel wurde zu einer weiteren Überzeugung, dass ich mich umbringen soll. Besser gesagt, alsbald muss. Weil es so nicht weitergehen kann.

Nach dem Frühstück hatte ich mir heute vorgenommen, meine Schrottkiste in Bewegung zu setzen. Das Seractil abgesetzt. Die Kopfhörer in den Ohren, eine Mischung aus „Laufklassikern“ und solchen Stücken, die es werden hätten können.
Im Schneckentempo die Straße runter. Die Räder des Rollators verkeilten sich an winzigen Steinen oder all den Haselnüssen oder Eicheln, die auf den Wegen liegen. Kaum kam der Nachbar in Sicht, erstarrte ich.
Man wechselt ein paar oberflächliche Floskeln. Der alte Herr redet ohnehin nur noch von sich und seiner beschissenen Situation.
Anschließend die Musik noch lauter gemacht. Ich wollte niemanden mehr sehen oder hören.
Die Shuffle-Funktion von meinem alten Nokia war gnädig mit mir. Spielte ein mitreißendes Lied nach dem anderen. Und wieder konnte ich es spüren…

In meinen Oberschenkeln, meinen Füßen. Wie ich damals, aber auch wie ich jetzt zur neuen Musik laufen würde.
Selbst nach 1 Stunde in sengender Hitze, bergauf, bergab, ohne Pause… Wie ich plötzlich beim Erklingen des Refrain regelrecht explodiert bin, explodiert wäre…
Die Luft anhaltend, PLÖTZLICH los gesprintet!! Den ganzen Refrain hindurch „geflogen“…
Auf einer einzigen Endorphinwolke dahin schwebend…
Die Kräfte scheinen schier unerschöpflich…
Man wird schneller und schneller…

Ich habe damals geweint, ob dieser überschwänglichen Gefühlswucht, die einen überschwemmt. Geweint ob dieses Glücksgefühls…
Ich habe heute geweint, weil ich für Sekunden wieder in dieser Situation war, einen Tropfen kosten durfte…

Um dann doch mit der kalten Realität konfrontiert zu werden. 45 Minuten. 400 m. Ein Fuß tritt auf den anderen. Sie lassen sich nicht heben. Jeder Schritt eine potente Eintrittskarte für einen Sturz. Alles instabil, alles unsicher, alles wackelig und vor allem kraftlos…
Die Musik donnerte in den Schädel. War so schön, dass es weh tat. Und nachdem ich mich selbst gerade noch laufen „gesehen und gefühlt“ hatte, war es nun so, als stünde ich vor meiner eigenen Leiche, in schwarzer Laufmontur, mit Laufschuhen, die Musik wettert aus den Kopfhörern. Doch der Körper regt sich nicht mehr. Aus. Vorbei.

Hätte mich der Zug erwischen sollen?
Sagte ich nicht erst gestern Abend, während Sebastian mit mir einen kleinen Spaziergang machte (was wahrlich Seltenheitswert hat), dass ich diese Sterbefantasien satt habe, dass ich eigentlich leben will?…

Nach dem Spaziergang die Zähne nicht mehr putzen können. Die rechte Hand gilt offiziell als klinisch tot. Er hat mir das Notebook nach draußen gestellt, hinter mir auch den großen roten Schirm aufgespannt. Alles arrangiert, dass ich von hier aus auf meinen großen Computer im Haus zugreifen kann. Um mit der Bearbeitung des neuen Projekts zu beginnen.
Doch der letzte Satz reicht… Panik stellt sich ein… Ich will nach drinnen, ins kühle Wohnzimmer, Glotze an, Kopf und Panik aus!!!
Dabei während dem Spazieren zuvor so viele Ideen, Inspirationen…
Mein Leben scheint nicht mehr zu reichen, um all das in die Tat umzusetzen.

16:31
Noch mal mit aller Klarheit und für jedermann verständlich: Ich kann mir nicht einmal mehr den Arsch abwischen!!!
Die Finger kleben aneinander. Wassermelone gegessen. Als ich mir nach dem Gang zur Toilette die Hände waschen will, vermag ich sie nicht zu verschränken. Die linke Hand wird stante pede zur Faust. Die Finger der Rechten knicken schwach in sich zusammen.

Dejavue… An vermeintlich schöne Sommertage, damals, nach Abschluss der Hauptschule. Unweigerlich geht der nächste Gedanke wieder zu der viel zitierten Weihnachtsfeier.

Wie soll das weitergehen? So erzähle mir noch einmal jemand, „mit MS kann man gut leben“… Ich fahr ihm ohne Vorwarnung über die Füße!!!
Mich gerade dieser Tage an Erinnerungen klammern, die so etwas ähnliches wie Harmonie vorzugaukeln versuchen? Und das war’s?!
Ich sehe mein Dasein, meine Existenz den Bach runter gehen.
Das, was die Rechte jetzt macht, entspricht in etwa dem Zustand, den die Linke nach Beginn des Abbaus 2008 etwa 2014 oder später erreicht hatte. Schöne Aussichten. Und nein, es ist NICHT „jedes Jahr dasselbe“! Vielleicht trägt es den gleichen Titel, aber die Intensität steigert sich von Jahr zu Jahr!! Wie lange will ich mir das noch schönreden??

Die Verzweiflung packt mich, schüttelt mich durch, wie ein Jagdhund seine Beute. Unten auf der Straße spielen die Enkelkinder unserer Nachbarin. Das Leben blüht…

Aber meines scheint festzusitzen.
Als ich mich nach einer gefühlten Ewigkeit zuvor wieder vom Sofa erheben kann, fällt mein Blick beinahe zwangsläufig auf die kleine, kreisrunde Narbe am rechten Unterarm. Mir zuletzt aus Versehen das glühende Räuberstäbchen in die Haut gedrückt. Wäre das eine Alternative? Oder die Rasierklingen mit Klebstoff oder Klebestreifen an einem Kugelschreiber befestigen?
Ich bleibe ruhig sitzen. Stille umgibt mich. Doch in mir rumort es, schreien gleich mehrere Stimmen danach, endlich Konsequenzen ziehen zu wollen.

TU ES ENDLICH!!!

Geht es um Bestrafung? Geht es um Ohnmacht, der Krankheit gegenüber, darum, dem Körper ausgeliefert zu sein? So wie auch er MIR ausgeliefert ist, wenn ich zur Tat schreite?
Erinnerungen an Zeltfeste tauchen auf. Beide Hände beginnen zu klimpern. Bis vier.
Mir ist schlecht. Der linke Arm immer noch in einer schwarzen Stulpe „blickdicht verpackt“. Wer würde es bemerken? Wem würde es auffallen?

Noch mehr Kindheitserinnerungen. Dazu sehe ich Träume aus Kindertagen. Fast automatisch beginnt es in meinem linken Unterarm zu brennen. Ist das ein Zeichen des inneren Kindes? Oder der Hilferuf meiner unleidlichen Hülle??
Allerhand Geschehnisse meiner Vergangenheit vermischen sich. Unterdes schmerzt mein Rücken, kaum zurück auf dem Rollstuhl. Ich sehe meinen Bruder und mich im Garten, wir spielen. Der Lichteinfall ist derselbe.
Hinter mir gräbt eine Amsel im Laub herum. Sonst ist alles betäubt still. Man könnte Einschlafen… Könnte man es zulassen.
Noch bin ich allein…
Die linke Hand neben dem Rollstuhl runterhängen lassen. „Damit die Katze es sich selbst macht“! Unfähig, sie zu streicheln. Fine scheint es egal. Aber mir nicht.
Die Luft steht. Man könnte sie wohl schneiden. Noch mehr Erinnerungen. Auch an Abende, ans Zubettgehen. An die Nächte in diesen heißen Tagen. Ist doch alles so friedlich!!…

Aber die Angst ist anderer Meinung. Wie stand es in diesem Buch? „Das Traumaopfer hat regelrecht eine Erinnerungsphobie! Angst vor den Erinnerungen, die da auftauchen. Selbst vor der Sorte, die angeblich schön war. Denn dahinter könne sich ja immer noch das Böse verbergen!“. So oder so ähnlich.

[…]