9. Juli 2018, Montag „Ein Tag zum Schlafen…“

8:35
59,1 Kilo um 6:45 Uhr. Das Fressgelage mit den Chips nachts im Bett kann man betrachten wie man möchte. Ich verlor ein wenig die Kontrolle. Nachdem ich sie zuvor bereits so sehr eingebüßt hatte, dass ich mich umbringen wollte. Ein Tränenmeer. Und dieses Mal vorrangig für die Physis. Ich hielt es nicht aus, als ich da bis auf Unterhose mit Einlage und Windel darüber im Bett lag, völlig unbeweglich und mein Blick an den geschwollenen Füßen haftete… DIESE Füße, die mich so viele Kilometer mein gesamtes Leben hindurch getragen haben. Bereits als Kind… Was waren wir oder ich allein tagtäglich unterwegs…? Man, jetzt sehen diese mir ohnehin bei anderen Menschen so fremdartigen Körperteile noch obskurer aus! So dick geschwollen und jeder einzelne Zeh in ihrem eigenen Spasmus gefangen, ganz individuell, abgespreizt gestreckt oder angewinkelt…

Das sieht so unglaublich DÄMLICH aus!!!

Und fuhr sogleich fort…

ES GIBT KEINE HOFFNUNG MEHR FÜR DICH!!! KAPIERST DU ES ENDLICH?!!!

Ich bin, ich war also doch dem Trugbild anheimgefallen, dass es irgendwann, IRGENDWO und IRGENDWIE eine Rettung für mich geben würde! Und wenn ich noch so heftig mit Markus darüber debattiert habe… Ich muss ja angefangen haben, ihm zu glauben. Oder trug diese Sackgassenreligion bereits vor seinem Auftauchen tief in mir vergraben? Um dann nach jedem Zusammenbruch irgendwie weitermachen zu können! Irgendwie!!…
Das ist so, als würde man, von oben bis unten völlig gelähmt und versteift, auf einen Sockel klettern. Kriechen trifft es wohl besser. Es dauert Tage, Monate, Jahre… Aber dann ist man oben angekommen… Was für eine Schinderei, wie viel Blut und Schweiß hat es gekostet, das Unmögliche möglich zu machen…

Und dann kommt da so ein Arzt um die Ecke, dessen Fachgebiet nicht einmal die Neurologie ist, und holt mit dem folgenden Satz einmal kräftig aus: „Die Blase ist ohnehin total kaputt! Da kann man nicht mehr viel machen!“. Der Schlag trifft mich. Mitten in meine der Freundlichkeit wegen grinsende Visage, mitten ins Herz und katapultiert mich mit einer dröhnenden Wucht von meinem kleinen Sockel, der wohl Hoffnung hieß, und macht meine fragwürdige Leistung zunichte! Wertlos!…

Die Augen fallen beim Diktieren immer wieder zu, und bleiben zu für Sekunden, in denen ich beinahe in die Traumwelt abdrifte. Ich habe nicht, oder wenn doch, dann nur ganz wenig Schlaf gefunden. Weil ich so aufgewühlt war? Dieses Mal nahm er mich sofort in den Arm, drückte mich fest: „Und ich jammere einen ganzen Tag, wenn ein Zahn mal weh tut… Was sind das für Welten, die ich da miteinander vergleiche! Dabei vermag ich mich überhaupt nicht in deine Situation zu versetzen!!“. Alles schmerzte. Ich äußerte meinen dringlichen Wunsch, jetzt Schluss zu machen. „Weiterleben ist doch sinnlos! Zwei Tage Schmerzen und dann vielleicht mal einer, der einigermaßen o. k. ist, um wieder mit zwei oder drei Tagen voller Schmerzen geschlagen zu sein! Das kann so nicht weitergehen! Ich halte das einfach nicht mehr aus! Ich kann nicht mehr…“.
„Doch, du kannst! Vielleicht müssten wir beide abends ein bisschen trainieren. Du gibst mir einen Arschtritt und ich dir einen! Ich will so kampflos nicht aufgeben! Du darfst nicht aufgeben! Und was mich da am meisten ärgert, du fährst zu drei unterschiedlichen Ärzten mit der gleichen Sache, und jeder sagt dir irgendetwas anderes. Und NICHTS hat geholfen! Das kann es ja wohl auch nicht sein???“.
In Tränen erstickt sah ich aber zu diesem Zeitpunkt keinen anderen Ausweg mehr. Denn das mit den Kathetern allein ist eine Dauerkatastrophe geworden!

Vermutlich würde und wollte ich noch so viel zum gestrigen Abend erzählen, aber mein Hirn ist wieder getilgt, gelöscht und die Augen fallen mit einer beinahe hypnotischen Bewegung in den geschlossenen Traummodus. Wäre da nicht eben auch noch der Traum…

Wir wohnten im Gasthaus. Klassisch. Ich hatte Sitzungen mit Brigitte. Im Gasthaus. Aber wir mussten uns erst einen sicheren Ort für die Therapie suchen. Zumal sie erst in der Gaststube aufgetaucht war, als Gast, etwas trinken wollte, um dann anschließend in medias res zu gehen. Aber ständig gingen Leute durchs Wohnzimmer, setzten sich zu uns an den Tisch. Aber das war gar nicht mal das Fatale… Und jetzt wird mir schlecht: Schien nicht mehr als ein unwichtiger Nebenschauplatz zu sein. Man musste immer an diversen Leuten vorbei gehen, die eine Art Spalier bildeten, als wolle man eine Grenze übertreten. Und dieser eine Mann, den ich eben kannte, lachte und amüsierte sich, machte Späße mit mir, um dann ohne Vorwarnung im Vorbeigehen meine Brustwarzen zu berühren! Erst dachte ich ja, ich hätte geträumt, oder dass es sich um eine Täuschung handeln muss. Doch es ging noch einmal zurück, Rückwärtsgang, und wieder schnellte sein Arm nach vorne, um erst die eine und dann die andere Brustwarze zu zwirbeln. Mit einem Gesichtsausdruck, als sei das eine liebevolle und von der Gesellschaft anerkannte Geste!!!
Ich haute ihm auf die Finger! „Mach das nie wieder!“, um mich währenddessen mit der erschreckenden Frage auseinanderzusetzen, ob er es bereits so praktiziert hat, als ich noch kleiner war? Ein Kind??? War er besoffen???

Das, womit ich nun den Traum abschließen wollte, ist verschwunden. Aber -wie ein beiläufig dudelnder Radio- ein Satz wie ein allumfassendes Mantra: „Die Zeiten waren damals anders, da hat man so vieles noch nicht gewusst, darüber nicht nachgedacht und zu guter Letzt war es ja nicht böse gemeint.“…
Endergebnis? Ich glaube, ich fühlte mich schuldig und wurde lesbisch.

Kann oder darf ich mir erlauben, den Schlaf nachzuholen? Oder muss ich auf Teufel komm raus versuchen, mich am Leben zu halten, für zumindest ein wenig Leistung? Denn die Zeit läuft bereits wieder zehnmal so schnell ab und die Panik erwürgt mich…
Wie gestern! Als das Weinen aufgehört hatte, Panik…
Und der Schwarzspecht sitzt erneut draußen im Garten.

9:52
Mit meist geschlossenen Augen die zwei Seiten im Notizbuch, welche ich die ganze Nacht über voll gekritzelt habe, in ein neues Dokument diktiert. Mit ein Grund, nicht schlafen zu können. Ohne Unterlass Brainstorming darüber, wie denn mein Video nun am Ende heißen soll und vor allem welchen Titel die Animation tragen wird. 49 Stück sind es geworden. Um mich jetzt nicht entscheiden zu können, aber selbst daraus bereits mit meiner Fantasie eine Tugend gemacht, eine andere Idee, wie ich das Problem umgehe, mir ein Wort aussuchen zu müssen… Benutze alle…

Meine Augen werden müder und müder. Warum schnappe ich mir nicht ein Kissen und einen Poncho. Lege meinen Oberkörper draußen auf den Tisch? Warum bleibe ich schon wieder im Haus?

10:59
Vor mich hin dämmern… und DANN ohne Vorwarnung (Soll ich nun dankbar sein???) auslaufen…

19:19
Bei flüchtigem Blick zur Uhr und erst recht beim Diktieren dieser Zahlen, die nächste Panikattacke. Ich möchte, ich sollte jetzt doch zumindest ein bisschen berauscht sein.
Die Augen fallen wieder zu. Vormittags nicht ganz 2 Stunden geschlafen. Wollte vor der Volkshilfe fliehen. Die Mitarbeiterin kam viel später, also unterhielt ich mich noch kurz mit ihr, ehe ich das Weite suchte. Der Himmel sah nach Regen aus.
Bei meinem kleinen Ausflug lediglich die Straße hoch, lief alles schief, was schief laufen konnte. Erst recht dann wieder zu Hause. Meine Tollpatschigkeit bereits die Bestrafung dafür, längst den Plan geschmiedet zu haben, mich zu verletzen…?
Danke! JETZT wurde mir erst recht ein triftiger Grund serviert, mich richtig schön zornig zu zerschneiden!!
Der Rollstuhl war mit der Bank kollidiert (nachdem ich gerade alles abgestellt hatte, um nur kurz aus dem Haus ein Tuch und Klopapier zu besorgen), hatte sich an deren Beinen irgendwie verheddert, so plumpste erst die volle
Zweiliterflasche von der Bank, erschlug Stativ mit Kamera obendrauf, dann fiel die Bank ganz um, ein Blumentopf ging zu Bruch…

DU BESCHISSENE SCHLAMPE!!!
DU SAUBLÖDER KRÜPPEL!!!

Mir rutschte das Herz in die Hose! Die Kamera eingeschaltet, aber das Bild wurde nicht mehr scharf!!!

Und auch wenn das Gerät nach mehrfachem Aus- und wieder Einschalten scheinbar zu funktionieren beliebte, mein Schicksal bereits besiegelt. Ich wollte es eigentlich draußen machen. Nun aber wählte ich das Waschbecken. Mein rechter Arm zu schwach, gehoben zu werden. So rutschte die Kante mehrmals beim Ritzen ab in die eigentliche Schneide… Mich jedes Mal wundernd, warum ich so eine Angst vor diesem lächerlichen Schmerz habe.
Aber das Blut war zäh…

Erinnerungen drängen sich mir auf, während ich eigentlich einschlafen könnte. Ich stand zuvor noch draußen und wollte die offiziell letzte Aufnahme für mein Video machen. Aber ich kam jedes Mal zu nicht mehr als einer Minute, in der ich etwas sagen konnte, ehe das nächste Flugzeug den Abend mit lautem Dröhnen zerbombte!
Soll die Aufnahme ernsthaft was geworden sein?

Du bist da drauf!!! Also was fragst du so dämlich?!!
UNTER DIESEN UMSTÄNDEN AUF GAR KEINEN FALL!!!

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