8. Juli 2018, Sonntag

16:19
Es war ein wenig fahrlässig, gestern, die Spekulation des Arztes mir gegenüber, es könne ja auch ein weiterer Schub sein. Damit sollte man verdammt vorsichtig umgehen, denn wer weiß, was da mal eben schnell in einem instabilen Denksystem ungewollt verankert wird!
58,5 Kilo um 11:30 Uhr. Gestern waren es noch 58,9. Keine Stützstrümpfe. Die Füße geschwollen. Und dabei aber eiskalt. Selbst wenn ich die einzelnen Blasenkrämpfe für diesen Tag an einer Hand abzählen kann, ist jeder eine Katastrophe für sich. Endlich den Klügeren daraus gezogen, Schuhe angezogen und den Heizstrahler auf meine Gliedmaßen gerichtet. Eine große Tasse Blasentee. Dennoch wähne ich mich unbeweglich zu sein. Eine kleine, falsche Berührung zieht vom Loch in meiner Bauchdecke tief hinein in meinen Unterleib. Gerade zuvor zum ersten Mal aufgestanden, es nur bis ins Badezimmer geschafft. Ich fühle mich platt, fix und fertig. Als hätte der eine Tag, der Donnerstag, der vielleicht noch redlich gemeinte Versuch, nun etwas zu ändern, Konsequenzen nach sich ziehen müssen. Für meine Verhältnisse trinke ich viel zu wenig. Vorher bei Verlassen vom Bad ein Krampf, der meinen Körper in die Knie zwang, sich diesen beinahe unterwarf, gezwungen, sich zu krümmen. Ich hatte übers Laufband nachgedacht. Über einen Spaziergang. Aber alles verschwimmt in der trüben und erst recht zähen Masse von Dissoziation und Depression. Ohne Unterlass starre ich ins Nichts, mein Blick frisst sich fest, das Gehirn dahinter schläft ein.

Also bin ich nichts anderes als ein Weichei? Bedürfte wieder einmal des viel zitierten Arschtrittes? Oder macht sich das Treiben in der Blase am Gesamtsystem zu schaffen? Manipuliert es?
Die Stimme beginnt zu kratzen, tut weh. Scheiß Tabletten!!

Sebastian kam erst nach 4:00 Uhr nach Hause. Im Traum sodann passierte so dermaßen viel, ich kam nicht einmal darin dazu, dem Treiben zu folgen.
Es ging wieder mal um den Kampf um „mein Haus“. Das Haus aus Ziegeln und Mörtel und im übertragenen Sinne meinem Körper. Ein Kampf mit meiner Mutter. Und kaum war die erste Geschichte überwunden, ausgefochten, und wollte diese aufschreiben, kam unterdes bereits die nächste um die Ecke. Erst diktierte ich noch, dann machte ich hastig unleserliche Notizen in ein Buch, dessen Seiten allesamt leer zu sein schienen… Bis ich eben später bemerkte, es war ein Schinken von Sebastian, eine dicke Geschichte von Stephen King. Auch das im Traum glich einem Albtraum!
Sebastian und ich wollten in meinem alten Kinderzimmer miteinander schlafen. Es fühlte sich seltsam an, das Eindringen, und ich musste unaufhörlich darüber nachdenken, was es mit mir anstellte. Doch viel weiter kam ich nicht dazu, ich hörte unten die Eingangstür. Da war wieder dieser Typ, der immer wieder zu uns kommt, um den Wasserstand abzulesen. Nur in diesem Fall war er auch noch zuständig für den „Dorfverschönerungsverein“ und monierte, dass ums Gasthaus herum eine grüne Wildnis herrschte. Ich stärkte Sebastian den Rücken: „Aber WIR wollen das so haben!“. Der Mann schwafelte davon, der Zaun darin müsse weg, da könne jemand hängen bleiben. „Das ist sein Pech! Er oder sie hat auf meinem Grundstück nichts verloren!!“. Er wollte uns Druck machen, und das war genau der Punkt, an dem sich meine Mutter einmischte. Sie war seit Jahren nicht mehr beim Haus gewesen und selbst entsetzt, wie verwildert alles wirkte. Einerseits war es unser Haus, andererseits wieder das Gasthaus, das sie uns überschrieben hatte. [….]

Verdammt, wir haben Juli! Und der ist schneller vorbei als ich gucken kann!!

Vermag nicht die Teetasse zu heben, noch sie festzuhalten. Meine Arme unbeweglich. Aber zum Glück hat Sebastian nach dem Frühstück (Mittagessen) hier umgeräumt, aufgeräumt, viele Sachen entfernt. Das Sofa ist wieder komplett, nachdem ich die letzten Tage feststellen musste, auf dem neuen teuren Fernsehsessel nicht essen zu können. Und alles hat Platz! Es sieht gleich viel luftiger aus, der Raum zum Glück wieder etwas größer als zuvor. Ich bekomme Kopfschmerzen. Dieses beschissene Headset… Beim Einkaufen gestern keine Alternative im Elektroladen gefunden.
Und WIE die Sonne jetzt strahlt!! Als hätte der Himmel nie ein Wässerchen trüben können!! Jedoch ich… Fühle mich gefangen. Von der Trägheit, die mich immer weiter nach unten zieht, immer tiefer in den Rollstuhl sinken lässt. Dem Stromkabel, an dem mein Gefährt hängt. Ich fühle mich so unsagbar FAUL!!
Ein wunderschöner Trauermantel flattert draußen durch die Himbeeren. Als sei ich verdammt dabei zusehen zu müssen, wie ich alles verpasse. Als gäbe es keine Alternativen. Und prompt taucht wieder eine Erinnerung aus der Versenkung auf… Mit meiner Mutter, meiner Oma (deren Mutter) in irgendeinem Zauberwald, voll mit Märchenfiguren, die aber auch nur ein Kind ansprechen können. Die Gefahr dahinter lässt sich ganz klar ausmachen. Nur einen Namen will sie sich nicht geben lassen.

Die wenigen Schritte zum Sofa erscheinen mir jetzt verlockender, als den Rollstuhl mühevoll abzustecken und von der Heizdecke zu befreien, um vielleicht nur für wenige Minuten nach draußen zu fahren.

ICH HASSE MICH!
Schwer schlucken…

Sieh doch…

Um mir sodann diverse Lauffotos und erst recht Situationen vom Laufen zu präsentieren, in denen ich zu gerne bildliche Erinnerungen oder eine Videoaufnahme von mir entstehen hätte lassen wollen…
Autsch!… Danke…

17:17
Sebastian meinte, er käme erst in 15 Minuten, nicht wie zuvor angekündigt um 5. Vor 15 Minuten. Mir fiel die Maus runter. Sie liegt immer noch unter meinem Tisch. Für Minuten war das ohrenbetäubende Rufen eines Schwarzspechtes durchs Küchenfenster zu hören. In den Sträuchern konnte man auch durch das Rascheln der Blätter seine Position ausmachen. Für einen Moment ging ein Aufbäumen durch meine Schrottkiste! Aber… Ich vermochte nicht, den Rollstuhl vom Netz zu nehmen.
Und da hat der Orthopädiefachmann auch noch verwundert gekuckt, als ich zu Jahresbeginn ihm gegenüber äußerte, dass der Akku so schlecht am Rollstuhl befestigt sei, dass ich allein ihn niemals aufladen noch abstecken könne.
Die Kräfte schwanden, ehe sie sich überhaupt manifestieren konnten. Jetzt vermag ich nicht einmal mehr mit der Hand über die Nase zu streichen. Das Headset aufzusetzen. So verblieb ich weitere Minuten regungslos in dieser Position, zwischen Tür und Angel, und dabei doch angekettet. Der Schwarzspecht ist verstummt. Die Himbeeren ziehen weitere Schmetterlinge an. Jene gestern in meinem Eis waren schimmelig. Aber Sebastian wollte ernsthaft darüber mit mir diskutieren, dass das seiner Ansicht nach nichts als „Dreck“ gewesen sei. Also, ICH sah mich gezwungen, zu diskutieren. Weil ich es nicht leiden kann, wenn man mir nicht glaubt!! Jedoch als ich abschließend meinte, er könne sie ja essen, da machte er einen Rückzieher. Aber gab mir immer noch nicht recht.

Jede noch so kleine Bewegung des Oberkörpers hat das Potenzial, den nächsten Blasenkrampf loszutreten. Die warme Luft an meinen Füßen war scheinbar zu viel. Erneut wie nach einem Saunagang fühlen. Ich bräuchte meine Medikamente. Dazu müsste ich aufstehen. Und aus 15 Minuten wird eine halbe Stunde.

19:02
Ich war froh. Ganz kurz. Nicht einmal imstande, den Rollstuhl mit den Händen ein winziges Stückchen zu rotieren!!
Aufs Sofa, mir alles hinterher tragen lassen. Der Urologe fragte mich gestern mehrmals, ob ich Fieber hätte. Ich verneinte dies. Aber nun brauchte ich dringend eine Antwort auf meinen desolaten Zustand… 37,9°C! Heureka!!
Dann sicherheitshalber noch das linke Ohr: 37,4…

Ein SCHEISS fehlt DIR!!!

Wieder musste ich an die Reha denken. Dass dort mit dem gleichen Ohrthermometer immer 0,5°C abgezogen wurden. Ich hatte bei diversen Leuten nachgefragt, mitunter auch Krankenschwestern, die allesamt noch nie etwas davon gehört haben. Aber dass es links eben schon wieder weniger ist, wie eigentlich immer, war für mich schon der Genickschuss. Und 20 Minuten später kam ich auch im rechten Ohr nicht mehr höher als 37,4.

Keine Antwort. Keine Erklärung. Nun beim Wechsel vom Sofa zurück auf den Rollstuhl bedingt durch die Bewegung (sieben oder acht Schritte, winzige Schritte) ein weiterer Blasenkrampf, ein weiteres Mal anpinkeln.
Mein Ischias hält es auf dem Sofa nicht aus. Er hält es ebenso auf dem neuen Sessel nicht aus. Genauso wenig wie auf dem Rollstuhl. Alles ist beschissen und ich weiß nicht mehr wohin mit mir. Dazu Kopfschmerzen…
Oder wieder nur das elende Headset?
Ich hasse mich, weil der Abend jetzt schön ist und ich bleibe im Haus. Ich hasse mich, dieses Dasein und diese Schrottkiste so sehr, dass ich bereits wieder in Erwägung ziehe, mir selbst zu helfen! Zumal er sich gerade hinten Badewasser einlässt, für mindestens 30 Minuten nicht im Wohnzimmer zu erwarten ist.

19:56
Das Headset will nicht über meinen dämlichen Schädel!! Die Selbstbeschimpfung in vollem Gange!!
Das Handtuch aus meiner Kindheit steht vor Blut. Es ist ganz steif, jede Falte ist steif, und derer gibt es viele.
24. Die ersten 14 waren mir zu zaghaft.

JEDES KLEINKIND KANN DAS BESSER!!!

Als ob weitere 10 den Braten fett machen würden… Aber zumindest ein bisschen, ein wenig mehr den Hass die Klinge führen lassen. Klopapier auf die blutigen Striche kleben. Beinahe unfähig, die Stulpe vorsichtig überzustreifen…
Die Amsel tritt soeben ihren Posten an die Singdrossel ab…

Ich war hinten im Badezimmer, damit er mir kurz den Oberkörper wäscht, während er noch in der Wanne liegt.

Du bist selber schuld, dass du nichts mehr kannst!!
Weil du so eine faule Sau geworden bist und selber gar nichts mehr machst!!!

Nichts hinbekommen. Nicht einmal mit dem Handtuch den Unterarm trocken zu wischen. Keinen einzigen Schritt hinbekommen. Die Beine überhaupt nicht bewegen können, wenn sie auf dem Boden stehen.
Und dann folgte das, was folgen musste… Blasenkrampf und anpissen!

Was bin ich froh, dass ich mir nichts mehr merke! Dann habe ich bestenfalls die Schmerzen bis in zwei Wochen wieder vergessen!…“; Ironie aus. Und in Sebastians Gegenwart, laut…

Was denkst du, wie das weitergeht??! Wie lange DAS SO noch weitergeht?!!!
LOS! Geh dich euthanasieren!!!

Zu den Novalgin-Tropfen greifen. Warum? Zumindest für den Ischias. Ich spüre das Blut mittlerweile kalt durch Klopapier und den schwarzen Stoff sickern. Warum sehe ich jetzt überhaupt nach, wie viele Tropfen man einnehmen sollte?

Der Mist lässt sich kaum dosieren. 40 Tropfen. Prompt fängt auch noch das Bein zu krampfen an. Mir den Wirkstoff in den restlichen Blasentee gekippt.
Und wie eigentlich jeden Abend kommt auch jetzt ein Kernbeißer ans Restaurant und wägt sehr lange ab, ob er etwas fressen soll oder nicht. Aber es genügt eine winzige Bewegung meinerseits hier im immer dunkler werdenden Raum- er sucht das Weite.
Der am Flügel verletzte Kohlmeisenmann hat mittlerweile zu seinem dicken Geschwür mindestens drei Zecken um sein linkes Auge versammelt, sieht auf dieser Seite nichts mehr. Ließ sich dementsprechend nachmittags gut filmen; so viel zum Thema schreckhaft auf Bewegungen. Sebastian meinte, im „Standard“ dieser Tage gelesen zu haben, dass dieses Jahr nicht nur außergewöhnlich viele Zecken vorkommen, sondern auch dass sie auffällig oft Vögel befallen würden. Also stimmte meine Beobachtung, dass das äußerst ungewöhnlich ist.

Hinter dem Restaurant, in diese Lücke gen Süden, beinahe wirkt es wie ein Fenster, eingerahmt von Bäumen und Sträuchern, zeichnet sich der Abendhimmel ab. Die neuropathischen Beugespasmen kommen jetzt vom andauernden Gefühl, pinkeln zu müssen. Mir den Befund mit dem Therapievorschlag vom Arzt noch nicht einmal angesehen. Denn es ist gewiss, dass ich die entscheidenden Präparate zu Hause habe.

DU WERTLOSER, DUMMER KRÜPPEL!!!

Das gefaltete Blatt Papier nicht aufklappen können.

Da steht gar nichts von wegen Tabletten! Ich kann nur hoffen, ihn richtig verstanden zu haben.

Nichts am Video gemacht. Außer die restlichen neuen Aufnahmen auszusortieren, zu benennen und die Langzeitaufnahmen als Zeitraffer zu exportieren, da das beschissene Programm nur eine vierfache Beschleunigung anbietet, und ich mitunter so manch einen Clip bis zu dreimal beschleunigen, exportieren und dann den Export wieder beschleunigen und exportieren muss.
Die Wölkchen am Himmel werden zart rosa und lila. Jetzt kommen die Krämpfe auch noch von den Ischiasschmerzen. Alles tut weh. Ich bin es leid…

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