5. Juli 2018, Donnerstag „32 Jahre Dauerabo für die Totenmesse“

8:33
In den Büschen versteckt irgendwo ganz heimlich singt die Singdrossel. Dagegen offensiver, Öffentlichkeitsarbeit leistend die Mönchsgrasmücken. Gebetsmühlenartig zwitschern sie den „Hundsrosenkranz“… Rauf und runter und rauf und runter, als wollten sie uns alle bekehren. Oder sehen gerade unseren Haushalt als hartnäckiges Dauerprojekt. Die unbelehrbaren, renitenten Atheisten wollen sich einfach nicht retten lassen!

Am Horizont, in der Dunkelheit der Nacht nicht sichtbar, zeichnete sich ein Zusammenbruch ab. Sebastian gab immer Zeitangaben von sich, wie lange er noch oben braucht. Aus einer halben Stunde wurde eine ganze Stunde. Dann rief er von oben an, ich solle mich melden, wenn ich ins Bett möchte: „Jetzt?“; es war längst 22:30 Uhr, ich stand bereits im Badezimmer, machte mich fertig für die Nacht. Er etwas überrumpelt: „Gib mir noch 5 Minuten!…“.
Ich ging im Flur einige Runden. Das linke Fußgewölbe brach schmerzhaft und schwach in sich zusammen; kein Wunder, dort Ende 2010 eine Stressfraktur bekommen zu haben. Bei meinem Spaziergang diverse Dinge von A nach B geräumt, Versuche, Ordnung zu schaffen. Er kam nicht und kam nicht. Ich rief das Treppenhaus hinauf: „Ja! Komme sofort!“, lautete die Antwort von dort. Ging ins Schlafzimmer, räumte dort weiter Wäsche weg, um dann erschöpft aufs Bett zu sinken, den Oberkörper ließ ich auf meine Kissenburg fallen und war einfach nur fertig…
Er kam nicht. Es wurde 23:00 Uhr. 23:05 Uhr.
23:30 Uhr! Ich quälte mich irgendwie mit letzter Kraft wieder aus dem Bett raus; war er schon wieder eingeschlafen? Das kam häufiger vor! Ich schlurfte nach draußen, rief nach ihm. Etwas entnervt seine Antwort, er käme ja schon. Ich traute dem Frieden nicht. Rollte zurück ins Schlafzimmer, parkte mein Gefährt an der Wand und setzte mich drauf. Wartend.
Und wartend und wartend.
Primär war es wohl Wut, die sich da einzustellen beliebte. Um zu kaschieren, wie verzweifelt ich war. So völlig ausgeliefert, angewiesen, auf mich selbst gestellt völlig verloren…
23:40 Uhr: Endlich! Ich hing mehr auf dem Rollator als zu sitzen. Vermutlich klang ich sehr unfreundlich, machte ihm Vorwürfe. Dass er das nicht machen kann! Dass er das nächste Mal bitte sofort runterkommt, mir zumindest aus den Klamotten und dann ins Bett hilft; dann könne er ja so lange oben bleiben wir will! Ob er von mir überfordert sei!! Denn anders könne ich mir (ich, die ja nichts wert sei) es mir nicht erklären, dass er mich so lange schmoren ließ. Abhängig zu sein bedeutet zugleich auch ausgeliefert zu sein. Das halte ich nicht aus!!! Katapultiert mich zurück in einen Zustand, in dem scheinbar ein Machtverhältnis auf perverse Art und Weise ausgenutzt worden war…
Ich fing an zu weinen. Er fühlte sich regelrecht überfahren. Meinte aber auch: „Du musst doch jetzt wegen dem nicht weinen…!“.
Aber es wurde immer schlimmer. Das Schluchzen immer lauter. Er tat wieder so, als sei nie etwas passiert. Hatte er doch nach meiner Beanstandung brüskiert reagiert: „Das ist jetzt aber unfair von dir“; wer weiß, möglicherweise war er beleidigt. Dabei aber wie gewohnt extra freundlich. Ich weinte umso mehr.
Er entschuldigte sich: „Du weißt doch, dass du einen Trottel zum Mann hast…“. Meine Augen ertranken. Irgendwann und irgendwie würgte ich ein „Es geht doch gar nicht mehr um dich, um das zuvor…“. Hat er es nicht verstanden, nicht gehört? Er legte sich ins Bett, drehte mir den Rücken zu und spielte mit seinem Handy.
Fühlte mich nun endgültig im Stich gelassen. Ich hätte mich umbringen sollen, dachte ich. Nicht um ihn zu bestrafen, aber um ihn von mir zu erlösen. Erneut dauerte es eine gefühlte Ewigkeit: „Warum ignorierst du mich?…“; noch mehr Tränen, obwohl man davon ausgehen durfte, dass dort, wo sie herkamen, längst Schluss hätte sein müssen. „Was soll ich dazu sagen? Es tut mir leid, ich habe mich ja schon entschuldigt…“.
Ich wiederholte mit gebrochener Stimme: „Aber darum geht es doch schon längst nicht mehr…“. „Aber warum denn dann?“; immer noch mit dem Rücken zu mir.
Ich wollte, ich durfte nichts sagen, was wie ein Vorwurf geklungen hätte. Das stand mir nicht zu. Und wieder analysierte ich sein Verhalten, rechtfertigte es, obwohl alles in mir schrie: „LASS MICH BITTE NICHT ALLEIN MIT DIESER SCHEISSE!!!“…
Die nächste kleine Ewigkeit: „Nimm mich bitte in den Arm! Halt mich bitte einfach nur fest!“. Fehlinterpretation? Für mein Verständnis drehte er sich mühselig und schwerfällig zu mir um. Streichelte mir einmal über die Wange: „Aber du musst doch wegen so etwas nicht mehr weinen…“.
Er verstand nichts! Überhaupt nichts! Ich fühlte mich wie ein kleines Kind, das hingefallen und sich das Knie blutig geschlagen hat! VERDAMMT! Das hier war bitterer Ernst, wie absurd es auch für einen einigermaßen psychisch Gesunden klingen mag!!! Für mich ging es um Leben oder Tod!!
Der Tropfen auf den heißen Stein… Was meine Reaktion, das Ausgeliefertsein in mir angestoßen, aufgeweckt hat, war der eigentliche Gletscher! Das Warten auf ihn lediglich die Spitze vom Eisberg! Denn nun sah ich nur noch den Tod!!! In meinem Kopf, wie in Dauerschleife, wurde permanent das Foto meiner Mutter präsentiert. Mir inklusive Vorwürfe vors Gesicht gehalten! Und ich fühlte sie sterben! Bzw., zum besseren Verständnis, sah ich mich an ihrem Grab stehen. Sah dort, wie sie noch lebendig war, wie sie gelächelt, sich ihres Lebens gefreut hat… UND DANN PLÖTZLICH OHNE VORWARNUNG: BUMMS! AUS DIE MAUS!!!
Und das wieder und wieder und wieder und wieder…
Ich sah Sebastian sterben!! Wieder und wieder und wieder…

Du selbstverliebtes Miststück!!!

Ich sah die Zeit, wie sie mir davon lief und hatte plötzlich diesen Zwangsgedanken verinnerlicht: Gestern erst wurde man geboren, heute lebt man kurz, um morgen bereits abkratzen zu müssen!!!
Unter Schluchzen quetschte ich diesen Satz hervor. Er verstand es nicht. Behandelte mich immer noch wie ein kleines Kind: „… Das ist doch Unsinn! So etwas brauchst du doch nicht zu denken!“.
Selbst als ich ihm zu vermitteln versuchte, wie real das augenblicklich in meinem Denken erscheint, tat er es immer noch ab, verharmloste es. Deswegen fragte ich ihn noch einmal: „Bin ich dir zu viel? Weißt du nicht, wie du damit umgehen sollst oder überfordere ich dich?“.
Es fühlte sich an wie ein Gespräch in zwei unterschiedlichen, sich völlig fremden Sprachen: „Warum sagst du das jetzt schon wieder? Ich habe dir doch gesagt, dass das Blödsinn ist.“. Ließ mich aber zugleich nicht spüren, dass er in meinem Schmerz „wirklich“ bei mir war, mir beistand. Erwarte ich zu viel?

NATÜRLICH, was fragst du so dumm??!! Du bist eine Belastung!!!
Du verkrüppelter Psycho!!! Wer sollte das schon aushalten können??!!

Warum wurde ich überhaupt geboren… Für DEN Scheißdreck hier???…“. Ich war felsenfest davon überzeugt, die Welt würde nun untergehen! Meine Zeit sei abgelaufen und morgen oder spätestens übermorgen wäre mein Leben ohnehin vorbei. Als wäre ich eine Eintagsfliege!!! Es gab zwischen Geburt und Sterben kein Dazwischen mehr!!! Und wenn überhaupt, bestand dieses nur noch aus Leid, Schmerzen, Depression, Beerdigungen, Schuldgefühlen!!! Kaum die Augen geöffnet, kommt „der Tod“ und schließt sie einem erneut mit Gewalt…

Zu lange Therapie gemacht, um darin eben NICHT den tieferen Sinn zu erkennen. Dass das nichts ist, was jetzt gerade passiert. Sondern es ist schon passiert! Vor vielen, vielen Jahren! Der Tod gleichzusetzen mit dem Täter! Der gekommen war, um mein noch junges Leben von einem winzigen Moment zum anderen symbolisch zu beenden. Abzuschlachten. Meine Seele zu erdrosseln…
…Was bleibt da fast zwangsläufig zurück? Eine lebende Leiche… Der viel zitierte Zombie…

Sebastian war müde, konnte mir vermutlich längst nicht mehr zuhören. Ich entschuldigte mich, mehrfach. Und sagte abschließend nur noch einen Satz: „Glaubst du mir wenigstens JETZT, dass IRGENDWER diesen MIST in mein Denken gepflanzt hat, dass IRGENDJEMAND MEIN GEHIRN GEFICKT HABEN MUSS????“…
„Natürlich…“.

Ich schluckte noch zehn Tropfen Psychopax. Und las, während er längst eingeschlafen war, eines meiner Missbrauchsbücher, „um mich abzulenken“. Es wurde 1:00 Uhr. Es wurde 2:00 Uhr. Und erst dann erlaubte ich mir zu schlafen…

Meine Augen scheinen aus ihren dunklen Höhlen gequetscht zu werden. Oder nein, als klebten sie in diesen fest. Als hätte man sie mir in den Schädel gehämmert, zermatscht, zu schleimigen und zugleich klebrigen Brei verarbeitet.
1 Stunde nur für diesen Eintrag. Den ich vermutlich nie wieder lesen werde. Der mit ziemlicher Wahrscheinlichkeit überhaupt keinen Wert hat. Und nichts als kostbare Zeit gefressen hat.
Denn die Zeit tickt, läuft mir bereits wieder ab, der kostbare Vormittag wird weniger und weniger. Dann ist es Mittag und schon kommt der nächste Invasor, die Volkshilfe und ich werde erneut nicht rechtzeitig flüchten können, weil ich fette Sau ja noch mitten im Mittagessen stecken werde. Das nächste „Na? Wie geht es dir?“, die nächste aufgezwungene Konversation…
Gestern abends äußerte ich kurz den Plan, mich heute endlich zu bewegen! Dass ich ihm mittags entgegengehen würde… Ob ich dazu in der Lage bin? Wenn ich selbst am Rollator nicht einmal kurz stehen bleiben kann, ohne dabei nicht jedes Mal dem Sturz nahe zu sein…

Eine neue Stoppuhr installiert. Einen Countdown von einer Stunde, der sich in einem fort wiederholen wird. Der Text, der dann aufspringt, lautet motivierend: „BEWEG DEINEN ARSCH!!“, und soll mich ermahnen, meine schrottreife Wenigkeit zumindest kurz zu bewegen, ein paar Schritte, bevor Rücken und Ischias wieder in ihr hysterisches Geschrei verfallen…

18:08
Mich beim Zähneputzen gezwungen, frei zu stehen. Sebastian entgegen geschlurft. Mich mit der Dame von der Volkshilfe gut unterhalten. Um anschließend einen Ausflug mit dem Rollstuhl zu machen…
Es war zu heiß. Die Füße brannten in den Schuhen. Es gab eigentlich nichts zu sehen, nichts zu filmen und schlussendlich fing mein linkes Auge an bestialisch zu brennen, zu tränen, vermochte es nicht mehr zu öffnen, die Beine begannen zu krampfen und ich versuchte mehrmals, ihn zu erreichen. Hoffte, er würde rechtzeitig aus der Firma kommen, um mich einzusammeln…
Ich konnte einfach nicht mehr, und war davon überzeugt, es nie nach Hause zu schaffen. Aber eineinhalb Kilometer vor meinem Ziel schüttete ich mir das restliche Wasser aus der Flasche direkt ins Auge… Beschissene Sonnencreme! Das war vermutlich der Grund!

Warum diktiere ich das? Warum habe ich Martina meinen linken Unterarm gezeigt, nachdem sie mich fragte, was denn passiert sei und sie mit meinem schiefen Grinsen nichts anfangen konnte? Was bin ich für ein schlechter Mensch?
Oben am Hügel angekommen, hatte ich einen kurzen Halt eingelegt. Ich starrte hinunter zum Gasthaus, fand sogar, es würde den Eindruck machen, dass es allmählich zusammenbricht, schief wird. Und ich sah meine Eltern darin, einsam… An dieser Stelle bereute ich meine Entscheidung 20 Minuten zuvor. Als ich mich auf den Weg machte, hatte ich für einen Moment ins Auge gefasst, für den Notfall die Rasierklinge einzupacken. Und spätestens „jetzt“ hätte ich sie benötigt. Um mich zu bestrafen, aber auch zugleich der betäubenden Wirkung wegen.

Draußen beginnt es zu donnern. Ich habe Kopfschmerzen, die Augen sind hundemüde und vermutlich bewirken die Spasmolytika für die Blase neben einem trockenen Gaumen auch noch diesen bitteren Geschmack in der Kehle, im Mund… Wie Galle!
Dennoch, ich muss mit dem Video weitermachen… Und ich hoffe sehr, dass man die unzähligen Stunden, den krankhaften Perfektionismus zumindest ein bisschen erkennen kann…

19:39
HEILIGE SCHEISSE!!!!!

Und ich dachte soeben noch, nachdem es geblitzt hatte: „Der Tusch kommt aber spät… Das Gewitter zieht wohl schon ab…“…
Und just IN DIESEM AUGENBLICK eine „EXPLOSION“, der Himmel färbt sich für ne Hundertstelsekunde knallrot!!!! In mir gehen Herz und marodes Nervenkostüm zu Bruch!!!

Der Blitz hat eingeschlagen!!!“, irgendwo in der Nähe.
Alles an mir schlottert, ich warte auf das Ertönen der Feuerwehrsirenen…

Um zugleich eine Erinnerung samt neu erdachtem Ende nicht abschütteln zu können: Damals, irgendwann zwischen 2005-2010, ich laufe im strömenden Regen die Bundesstraße nach Jennersdorf entlang, klatschnass, die Kopfhörer ersoffen in meinen Ohren, „Underwatersound“, und ich zische Flüche gen Himmel, während ich von vorbei fahrenden Autofahrern entsetzt und voller Unverständnis kopfschüttelnd gemustert werde, weil ich bei DIESEM Wetter laufen muss: „Los, Himmel!!! Erschlag mich endlich!!!! Bring es zu Ende!!!“… Und in der neuen Fassung trifft mich der Schlag, TOT!

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