30. April 2018, Montag

8:35
Eine schwache Hand greift nach den Farbgläschen…

DU FETTE SAU, SCHÄME DICH!!

59,6 Kilo um 6:45 Uhr. Zum Abendessen gab es grünen Spargel, eine gekochte neue Kartoffel und fettreduzierte Sauce Hollandaise.

Vergiss die halbe Tafel Schokolade nicht!!

Dieselbe schwache Hand kann die schwere Farbflasche kaum über dem Schälchen halten. Eigentlich nur noch darauf warten, mich mit der Farbe von oben bis unten zu bekleckern. Die Flasche für das Weiß ist zwar leichter, aber die Farbe macht sich selbstständig und landet zur Hälfte auf dem Tischtuch. Dabei sollte der Eintrag anders beginnen…

Träume, Träume, Träume. Drei an der Zahl, obwohl der Erste am wichtigsten erscheint. So ich ihn jetzt überhaupt rekonstruieren kann… Als ich erschrocken aufwachte, war noch alles klar, erst recht die Angst, der Ekel, all die negativen Gefühle, die sich auf Sebastian übertrugen, obwohl dieser überhaupt nichts dafür kann!

Alles spielte sich im Gasthaus ab (wo sonst). Sebastian und ich schliefen oben in meinem Kinderzimmer (nebenher den Glasdeckel einer der Petrischalen unter den Tisch und außerhalb meiner Reichweite befördern). Ich erwachte um 5:00 Uhr morgens und hielt es im Bett nicht mehr aus (mittlerweile sind 10 Minuten nur für die farbliche Sauerei drauf gegangen). Es war noch dunkel, als ich den Raum verließ, ihn schlafend zurückließ und die Treppe hinunterschlich, ins Gastzimmer.

[…..]

Ich rannte die Treppe hoch, er mir dicht auf den Fersen. Ich sagte zu mir selbst im Traum: „Jetzt folgt das, was immer folgen muss! Ich muss unbedingt die Tür abschließen! Ich muss es schaffen!“. Ich stürmte durch die schon mehrmals weiß lackierte Tür, die voll mit Farbnasen war, an manchen Stellen abgestoßen, drehte mich in Windeseile im Zimmer um, sah aber plötzlich eine Kinderhand nach der Türklinke greifen, diese alte Türklinke, machte die Tür zu, das Herz schlug mir bis zum Hals, ich atmete nicht mehr… Und drehte den Schlüssel einmal herum!! Just in dem Augenblick polterte es gegen die Tür, aber sie blieb zu! Vorerst. Sebastian war nicht mehr im Zimmer. Ich kann auch nicht sagen, ob das jetzt auch noch zusätzlich die Möblierung aus Kinderzeiten war.

Dann wachte ich voller Panik schweißgebadet auf! Und glaubte, nicht mehr einschlafen zu können, zu dürfen, um ja kein Detail zu vergessen!

Zweiter Traum: Ich sehe mich die Treppe nach oben laufen.

[…..]

Und ich hatte nur noch Angst, wieder nach unten zu gehen.
Entweder in diesem oder dem letzten Teil hatte mein Kinderzimmer plötzlich keine normale Tür mehr. Lediglich eine braune Schiebetür. Und ich konnte mich bemühen, anstrengen, konnte machen, was ich wollte! Sie hatte keinen Riegel mehr! Da war auch keine Klinke, nur so ein Loch aus Metall, in das man hinein fassen konnte, um die Türen dann zu verschieben. Ich versuchte es immer und immer wieder… Die Invasoren von draußen schafften es jedes Mal ohne große Mühe in meine Sicherheitszone.

Letzter Traum, in Auszügen: Das Gasthaus war zum Restaurantimperium herangewachsen. Die Zeit um 1900 wurde nachgestellt und meine Mutter sagte, wenn ich nun nicht mehr zur Schule gehe, nur noch zu Hause bin, muss ich gefälligst auch mitarbeiten. „Du wirst dem Papa in der Küche helfen, mindestens 20 Stunden die Woche! Wirst Geschirr spülen und die dreckigen Bürsten schrubben!“. All die Sachen, von denen ich mittlerweile heftige Aversionen entwickelt habe, die ich jetzt aber nicht mehr aufzählen kann. Dabei hatte sie einen strafenden Blick in ihren Augen. Sie funkelten mich regelrecht an! Ich wurde umgezogen, von einer Zimmerzofe in irgendwelche Gewänder gesteckt, und all das Erklären, dass meine Hände gelähmt seien, blieb fruchtlos! Da waren noch lauter Schwarze, Sklaven, Flüchtlinge, allesamt in gleicher Sträflingsmontur (zugleich gepaart mit einem Hauch von Kleidung, wie man sie von Kellnern kennt). Die Ketten an Händen und Füßen fielen keinem auf. Überall wurden Menschen gefoltert und wenn sie nicht funktionierten, umgebracht. Unten sah ich meinen Vater in der Gasthausküche stehen. Jetzt war sie nur viel größer und er ganz allein dabei, Fleisch zu braten.
[…..]

Aus Versehen blaue Farbe erwischt. Während des Diktierens ohnehin nur Mist produziert, wenn überhaupt irgendetwas. Als ich vorgestern auf der Rückkehr von meinem Ausflug meinte, den ersten Pirol gehört zu haben, und nicht wieder einmal dem Star auf den Leim gegangen zu sein, hatte ich recht. Nun ist er unten im Graben zu hören, laut und deutlich. Nach meinem Ausflug gestern hatte ich sogar die irrwitzige Idee (wieder einmal), nun wirklich unten an der Straße eine Tafel mit „Galerie“ aufzustellen… Aber man frage bitte nicht, welcher Donnerhagel anschließend auf mich hernieder prasselte!!! Jeder meiner Sätze wurde in meinem Kopf verdreht, mir zur Last gelegt. Ganz abgesehen von der Panik, nicht wissend, ob Mieke nun käme oder nicht, und je länger ich wartete und wartete, desto stärker die Ängste, desto lauter das Täterintrojekt. Meine Bewegungen fahrig, unkontrolliert, zittrig, zu schwach und ohne jegliches Gefühl für Abstand… Licht eingeschaltet und dabei die offene Blechdose mit den ganzen Tabletten gen Boden befördert. Sebastian ungemein auf den Nerv gegangen. Die Beschimpfungen wurden immer heftiger, immer lauter; zu seinem Leidwesen. Von mir spreche ich gar nicht erst…

Dabei war ich gestern tatsächlich ein paar Schritte draußen, die halbe Einfahrt, um auf der Bank Pause einzulegen, und diese mit drei Physioübungen für die Halswirbelsäule konstruktiv zu nutzen. Nach einer kleinen Weile vor der Glotze mit einem Apfel im Gepäck die nächste Ausfahrt gestartet. Ich stand eine halbe Stunde am Straßenrand vor einer Baumgruppe, in der sich ein Kuckuck einen Spaß draus machte, mich zum Narren zu halten. Aber wenigstens die Straßenleichen ließen sich filmen… Mieke kam nicht. Auf meine letzte Mail hatte sie vor dem Wochenende ohnehin nicht mehr geantwortet, in der ich die Uhrzeit und den Tag vorschlug für unsere Teesession. Ab heute kommt die Volkshilfe auch erst um 13:00 Uhr. Der Vormittag ist mir heilig. Wenn das aktuell auch die einzige Zeit des Tages zu sein scheint, zu der Malen überhaupt möglich ist…

Hatte gestern Abend heftige Kopfschmerzen. Auch heute stürmt es, noch schlimmer als gestern, aber mich wird trotzdem nichts im Haus halten. Ich bin wieder einmal erstaunt und zugleich entsetzt von meinem Ausflug zurückgekommen. Selbiges Bild zeichnete sich auch samstags beim Einkauf ab. Jeder ist sich selbst der Nächste! Keiner lächelt, keiner ist freundlich, keiner achtet auf den anderen, geht mal einen Schritt zur Seite… Und eben gestern grüßte ich zu 50 % vergebens. Die Leute, die mich kannten, mal ausgeklammert. Noch amüsanter die Tatsache, was das Verhalten von Pärchen auf Fahrrädern betrifft. Der Mann fährt grundsätzlich immer voraus, grüßt mitunter. Die Frau hingegen bummelt mit Abstand hinterher, und, wie die eine Dame gestern, sieht mich bitterböse an. Wählt sicherlich FPÖ und möchte nebst Flüchtlingen auch alle Krüppel bald in einem Internierungslager sicher verwahrt sehen!
Zweite Theorie: Sie traut ihm nicht und jedes weibliche Wesen ist zum Feindbild erklärt. Aber wenigstens die Kinder lernen noch zu grüßen; ein kleiner Hoffnungsschimmer. Nur hoffen, dass sie nicht so dumm wie ihre Eltern werden…

11:38
Meine Idee, ihm entgegen zu gehen, scheint nun verworfen. Beim Zähneputzen kurzerhand davor auch noch die Haare gewaschen. Wenn der Wind nicht wäre…
Oder aufs Laufband? Und nur kurz vor die Tür, wo es windstill zu sein scheint? Damit meine hässlichen Granen trocken sind, bevor er geht?

Der neue Computer wurde gerade geliefert. Zitat Sebastian: „Jetzt bin ich sogar am Überlegen, ob nicht ICH den nehme und du bekommst meinen Alten…“. Mir egal. Hauptsache das Sprachprogramm verleitet ihn nicht zum Absturz, ebenso das Videoprogramm. Die Stunde, während die Volkshilfe hier ist, werde ich sicherlich nicht im Haus bleiben. Obwohl es heute wieder Andrea ist… Tut mir leid.

20:36
Die Sitzung zu dritt gemeinsam mit Sebastian verlassen; Markus hätte sich wohl noch länger mit mir allein unterhalten, aber ich konnte nicht mehr. Ich schwitze, der Tee ist zu viel, die Heizdecke zu viel, obwohl ich es ohne diese mit den Rückenverspannungen kaum noch auf dem Rollstuhl aushalte.
Da war tatsächlich Panik, vor der Therapie. Die sich immer mehr zuspitzte und während unserer Unterhaltung ihren Höhepunkt erreichte -auch deswegen meine vorzeitige Verabschiedung. Sie erwürgte mich, lag wie ein nassgewordener Zementsack in meinem Magen, meinen Eingeweiden. Und vermittelte mir lediglich eine Botschaft: „ICH BRING DICH UM!!!!“.
Sebastian gerade gebeten, die Fenster zu öffnen. Ich bin fertig. In meinem Schädel scheint alles mindestens einen Widerhall zu erleben. Mir das Headset um den Hals hängen. Es ist kaputt, wie auch das Aufladekabel meines uralten Handys. Die Hand klimpert und klimpert verzweifelt vor sich hin. In mir der Gedanke, ich sollte es zumindest mit den Einzelteilen für meine Animation versuchen. Aber selbst diese Überlegung heizt die Ängste an. Was ist denn jetzt los? Was ist anders? Oder hat sich in den letzten drei Tagen bereits abgezeichnet, dass die Wirkung nicht lange anhalten würde? Könnte mit dem Videoschnitt beginnen, könnte das letzte Videomaterial katalogisieren, könnte, könnte, könnte… Und bin dabei doch völlig gefesselt, versteinert, gelähmt und wie vor Angst erstarrt.

Mein Ausflug währte nicht lange. Ich kam gerade 1 km weit, um dort verärgert feststellen zu müssen, dass die Kamera sich nicht aufgeladen hatte. Blöd wie ich war den Ersatzakku zu Hause vergessen. Und da wäre ja noch der Wind, den man eigentlich einen waschechten Sturm nennen müsste. Dass mein Schädel am Rotieren ist, kein Wunder? Ich versuchte es dann noch einmal die Straße runter, nachdem ich den Akku ausgetauscht hatte. Aber es war sinnlos. Zwar warm, aber mit dem Getöse nicht auszuhalten. Sodann auf dem Sofa vor der Glotze versauert. Mir so wertlos vorkommen. Als hätte ich den ganzen Tag vergeudet. Aber ich habe 2 Stunden gemalt und bin anschließend noch hinaus, die halbe Einfahrt runter und wieder zurück. Wird dennoch nichts daran ändern, dass meine Füße und Sprunggelenke auch heute dick geschwollen sein werden. Irgendetwas in mir versetzt mich in einen schockgefrosteten Zustand. Mein riesengroßer Bauch ragt weit hervor und macht keinen Hehl daraus, was für eine fette Sau ich bin. Jeden Abend bei Betreten vom Schlafzimmer all die Klamotten in meinem Kleiderregal registrieren müssen. All das, was jetzt mit diesem widerwärtigen Speckbauch nicht mehr passt. Oder „man besser nicht tragen sollte“. Weil ständig alles kaputt gehen muss. Ich es nicht anders verdient habe…

Markus schwor Sebastian darauf ein, was ihm in den nächsten Wochen blühen könnte. Also mit mir blühen könnte. Wiederholte mehrfach, dass die Suizidalität einen neuen Gipfel erreichen könnte. Und machte schlussendlich seine Ankündigung wahr: Zumindest vorerst die nächsten zwei Wochen täglich eine Sitzung, pro forma 1 Stunde, außer es bedarf mehr Zeit. Meine Hand hört nicht auf zu klimpern. Mein Körper tut so, als seien die beiden gekochten Kartoffeln mit Schale ein riesengroßer Gänsebraten gewesen, schön salzig und die Sauce mit Fettaugen verziert!!
Heute sei Walpurgisnacht, meinte Margit, als ich sie nachmittags vor ihrem Haus traf. Vollmond und ich solle hinausfahren, um die Energie zu tanken…
Mich bedrückt eher die Angst, dann nicht schlafen zu können.
Im Kopf hätte ich alle Details fertig, müsse sie nur noch zu Papier bringen, Sebastian hat mir sogar Photoshop mitgebracht, also alles wäre bereit für meine geplante Animation. Aber ich stehe mir selbst im Weg, mir dabei einredend, ohnehin der Lähmung wegen nichts zustande zu bringen.

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29. April 2018, Sonntag

11:07
59,4 Kilo um 8:30 Uhr. 37,8°C. Die Farbe total verwässert, nicht mehr zu gebrauchen. Die Feinmotorik so gut wie nicht vorhanden, erst recht nicht zu gebrauchen. Es genügt der Gedanke an die Tuben und Flaschen, und die Hand ist unbrauchbar.
Schwer seufzen… So tun, als würde es für Grundierungsarbeiten genügen. Ich will, ich wollte spazieren gehen. Aber wieder dieser elende Wind. Kopfschmerzen, Ohrenschmerzen.
Im ersten Teil von meinem Traum waren gleich mehrere Damen von der Volkshilfe da. Sie sahen aus wie Ungeheuer, völlig entstellt, verkrüppelt und wühlten in meinen privaten Sachen herum. Was soviel heißen soll wie: meinen blutigen Tüchern, Verbänden und Rasierklingen. Ich versuchte mehrmals, das zu unterbinden. Dann wachte ich auf, oben am Hügel läutete die Glocke. Die Augen wieder geschlossen ein weiterer Schulalbtraum. Man hatte mir ein lukratives Angebot gemacht, denn würde ich die letzte Klasse Gymnasium nachholen und mit Matura abschließen, hätte ich vielleicht endlich Anrecht auf eine Rente. Aber ich hielt es in der Schule nicht aus. Hielt den Gedanken nicht aus, wieder lernen zu müssen… Erst recht dieser Tage, an denen doch alles so kompliziert scheint, ich mir überhaupt nichts mehr merken kann. Und ich schwänzte. Blieb einfach zu Hause. Bzw. tat ich so, als würde ich morgens das Gasthaus verlassen, blieb aber den ganzen Tag oben in meinem Zimmer, verschanzt. Nach ein paar Tagen begann meine Mutter mich zu schneiden. Redete nicht mehr mit mir. Da durfte ich mir ausmalen, der Klassenvorstand hätte sie angerufen und gefragt, was mit mir los sei. Nun in der Erwartung, dass ich ihr gegenüber den Mund aufmachen würde. Es kam zu einer kleinen Eskalation, ich rannte mit blutigen Armen herum und bevor sie los schimpfen konnte, bevor sie noch irgendeinen Piepton von sich geben konnte, brüllte ich voller Verzweiflung, dass ich am Vortag mich beinahe umgebracht hätte.
Sie zeigte sich verständnisvoll, meinte, mich nicht zwingen zu wollen (was sie damals ja auch nicht getan hat). Und ich betonte, ohne dessen müde zu werden: „Es ist jetzt 20 Jahre her, bald 20 Jahre, aber ich bereue es nicht, keine Matura gemacht zu haben, die Schule geschmissen zu haben!“. Fluch oder Segen… Ohne die ganzen Missstände hätte ich nie so intensiv zu malen begonnen…

Und was hast du jetzt davon, du dumme Kuh?!

Jetzt gerade, augenblicklich nichts. Nach lediglich 30 Minuten für NICHTS den Pinsel weglegen müssen.
Ich denke ans Tanzen, ans Inlineskaten, Radfahren, Laufen, Laufen, Laufen…. Und wie alles den Bach runterging, wenn man so möchte, nach Schema F. Und was sehen wir jetzt gerade, ganz objektiv? Eine große Leinwand und keinerlei Fortschritt. Bzw. zeugen die Eintragungen der Zeiten davon, dass 100 Stunden immer mehr Tage gefressen haben. Monate verschluckt haben! 1267 Stunden. Die Leinwand von mir wegschieben. In der Blase das Gefühl, mich anzupinkeln. Der Bauch wie gestern Abend dick aufgeblasen; ich werde für den Besuch ein anderes Oberteil benötigen. Der Schleim läuft fleißig meinen Gaumen hinab. Mein Blick frisst sich draußen im grünen Tohuwabohu fest. Wenn gar nichts mehr geht, geht immer noch Dissoziation. Die Finger der Rechten klimpern unmerklich. Die Bewegung fühlt sich eher an wie eine Erinnerung. Strategien… Es geht doch immer wieder um Strategien… Handeln die Nächsten davon, meine Umwelt zu gestalten, wenn ich mit mir selbst schon nichts mehr anzufangen weiß? Was kommt in welchen Blumentopf, um dort elend zu verdursten, weil ich Sebastian sage, er soll gießen, aber er vergisst es. Kein Vogel am Restaurant. Wenn ich nun ins Badezimmer gehe, mir die Zähne putze, bin ich überhaupt noch in der Lage, vor die Tür zu gelangen? Keinerlei Muskeln mehr. Ich hätte mir die Analysewerte der Waage aufschreiben sollen, um live dabei sein zu dürfen, wie sich meine Muskulatur verflüchtigt. Ich hasse mich… Außerdem läuft hinten die Waschmaschine, was mich zusätzlich stresst, und so sei eben auch nicht verschwiegen, gestern Nacht wieder leichte Panikattacken gehabt zu haben. Es wäre ja zu schön um wahr zu sein… gewesen.

28. April 2018, Samstag „Vögel, Blumen und der Tod“

18:21
Eigentlich hätten wir jetzt einen Dreier, Sebastian, Markus und ich. Aber er erscheint nicht. Mittlerweile soll es mir recht sein, ich habe ohnehin keinen Bock mehr… Ist das undankbar von mir? Müsste ich mir Sorgen machen?
59,4 Kilo um 8:45 Uhr. Meine Wampe ragt so weit hervor, dass das beige Trägershirt immer wieder nach oben rutscht. Ich widere mich selbst so dermaßen an! Nach unserer Shoppingtour vormittags, bei der es heißer und heißer wurde, mich von Strümpfen und Schuhen befreien lassen… Meine Zehennägel sehen zum Brechen aus! Der Nagelpilz links am großen Onkel, der verunstaltete rechte Onkel nach der Operation… Meine aufgedunsene Wampe, die den Eindruck vermittelt, ich würde den ganzen Tag nur fressen… Meine fetten Oberarme… Und dann erst meine Haut, schon wieder mit roten Flecken übersät!!! Mich für mich selbst in Grund und Boden schämen, das sollte ich!!!!
Aber stattdessen? Eine kurze Ausfahrt gemacht. Da hielt ein Wiener Auto und eine Dame fragte mich nach dem Haus einer sehr berühmten österreichischen Fotografin. Dabei vermochte ich ihr nicht weiterzuhelfen, ich kenne sie nicht und weiß auch nicht, wo sie hier wohnen soll. Aber ich dummes Stück Scheiße kann mir die Schnauze nicht halten, und meine in einem Atemzug: „Hier wohnen viele Künstler, ich mache auch Kunst und kann sie lediglich zu mir einladen.“.

WAS FÄLLT DIR EIN??!!

Aber dabei blieb es ja nicht, ich trieb es noch auf die Spitze! Ebenfalls unterwegs scheinbar zwei Studenten, die immer wieder stehen blieben und etwas im Gras erspähten. Jeder der beiden mit Bestimmungsbüchern bewaffnet. Sie waren längst an mir vorbeigegangen, aber auf meinem Heimweg (ich war nur kurz unten bei diesem Baum mit den vielen Untermietern) erspähte ich sie erneut vor mir. Und ich war so dermaßen versessen darauf, sie einzuholen und zu fragen, ob sie etwas „Spezielles“ suchten. Das tat ich dann auch…

Und was macht die dumme FOTZE?!
Sagt ihnen, wenn sie besondere Pflanzen suchen, sollen sie nur sie fragen!!!
SO EINE ARROGANTE SAU!! AUFMERKSAMKEIT, AUFMERKSAMKEIT, AUFMERKSAMKEIT!!!

Ich meinte dann noch, ob sie den Milchstern gesehen hätten. Und beide ganz begeistert, über einen solchen erst einmal in Neusiedl gestolpert zu sein. Ich wusste ja, dass die Blume eine Rarität ist. Ich selbst hatte mich im schnellen Vorbeifahren darüber gefreut, eine solche wieder einmal sehen zu dürfen. Aber ich war so gierig darauf andere wissen zu lassen, dass ich mich mit der Natur hier auskenne! Dass ich noch was wert bin… Vielleicht… Eventuell…

Denn was meinen Körper betrifft, bin ich eigentlich nicht mal für Gulasch zu gebrauchen! Hitze hin oder her… Bin fertig! Sogar unfähig zu sitzen… Wie oft ich heute über Selbstmord nachgedacht habe? Als ich unter dem Baum stand, die Kamera nach 10 Minuten endlich ausgerichtet, was mich wahrlich den letzten Rest gekostet hat, im Sonnenschein, dem einzigen lichten Fleck auf der Straße an dieser Stelle, da erschien es mir unglaublich friedlich, bei diesem Duft, mit diesen Geräuschen einzuschlafen und nie wieder aufwachen zu müssen.

Alles, meine ganze Hoffnung an den nächsten Termin heften? Leichte Halsschmerzen, die Stimme leiert wie eine alte Schallplatte. Die Arme nicht heben können. Die Hände nicht gebrauchen können. Und das Jahr vergeht doch so schnell, dann ist schon wieder Winter…

Heute schon immer wieder Kopfschmerzen. Die Temperatur an ihrem Höhepunkt bei 37,8°C.

19:54
Markus tauchte wohl erst 1 Stunde später auf, hatte scheinbar einen totalen Zusammenbruch der Leitung. Sebastian wollte ohnehin weg, hatte bereits einen Besuch eingeladen, und ich eben wie gesagt auch keinen Bock…

Undankbar von mir.

Jetzt über 1 Stunde hauptsächlich über Musik und Heavy-Metal-Bands unterhalten. Das war wenigstens lustig und hat abgelenkt. Aus irgendeinem Grund sprach ich Borderline an, und der Besuch meinte, eine Freundin gehabt zu haben, die ihm ihre aufgeschlitzten Arme als Foto geschickt hat, wenn er sich kurz im Internet nicht meldete. Er fragte mich, was das eigentlich ist, Borderline…

Und du musst wieder behaupten, eine Multiple zu sein!!! Du spinnst doch!!!

Die Singdrossel schmettert ihre Arie zum Tode des Tages. Das Licht schwindet. Rotkehlchen, Mönchsgrasmücke und noch allerhand andere Vögel bilden den Chor. In Fürstenfeld die ersten Sommergräser entdeckt. Die Zeit vergeht zu schnell. Und doch, wenn es um den Termin geht, um diese letzte Hoffnung, scheinbar nicht schnell genug.

Die Laufmusik lief im Hintergrund. Es nicht aushalten. Wie ich am Ende von unserem langen Einkauf auch sagte: „Wenn ich mir die Hitze draußen ansehe, daran denke, bei noch heißeren Temperaturen 21 km gerannt zu sein, und im Vergleich dazu mich hier und jetzt sitzen sehe, unfähig, irgendeine Extremität nur 1 mm zu bewegen… Das tut so weh…“.

20:16
Der nächste Freund kommt; die beiden Sebastians fahren jetzt nach Fürstenfeld. Ich bleib zurück im Haus, allein. Aber ich will es auch so. Mir etwas gegönnt; wenn andere saufen gehen, steht mir ein Rausch ebenfalls zu! 2,6 mg vom Morphium. Ich halte es auf dem Rollstuhl und später auf dem Sofa ohnehin nicht aus. Mein Hintern schmerzt unentwegt. Mir Löcher hinein sitzen.

Was natürlich toll wäre, wenn ich mit irgendeinem Projekt anfangen könnte. Das neue Video, der Comic, oder am Bild weiter arbeiten. Aber wie ich mich kenne, wird es auf eine phlegmatische Betätigung hinauslaufen. Also was beschwere ich mich überhaupt? Darf mich überhaupt beschweren? Wenn ich es nicht einmal versuche, wenn ich schlicht und ergreifend ZU FAUL BIN?!!!

20:44
Während die ganzen Aufnahmen von der SD-Karte auf den Computer kopiert werden, sehe ich mir meine alten Tanzvideos an. Mir wehtun. Zugleich die böse Ahnung, dass die ganzen Videokassetten von 1996-2000 oben auf dem heißen Dachboden mittlerweile kaputtgegangen sind. Und erst recht, dass ich nicht alle gesichert, digitalisiert habe. Immer wieder die Angst, die Festplatte könne kaputt gehen. Alles könne gelöscht sein…

Leise in Tränen ausbrechen.

Selbstmitleid, du Schlampe!
Bring es endlich zu Ende!!! Dann hört es auch auf, weh zu tun!!

Mir bleibt der Kloß quer im Hals stecken. Wenigstens eine Erklärung, für die Halsschmerzen und die in Zusammenbruch begriffene Stimme.
Aber, es ist wie so oft… Nicht einmal weinen darf ich; die Augen beginnen sofort zu brennen, als hätte ich mir Säure ins Gesicht gespritzt.

21:40
Die neuen Aufnahmen aussieben, benennen, sortieren, teils konvertieren. Ablenkung genug?

27. April 2018, Freitag „Es war doch NUR ein Traum…?“

8:40
Es wird später und später, erst funktioniert das Mikrofon nicht, dann das Sprachprogramm, unnötig verstreichen wichtige Minuten und ich muss befürchten, dass der schöne Schein von gestern jetzt ein Ende nimmt, die nächste Panikattacke nicht auf sich warten lässt!
Der Morgen beginnt mit Spannungen. Sebastian ist beleidigt, ob meines Vorwurfes mich nicht ernst zu nehmen. Ich bin gekränkt, weil er mich nicht ernst nimmt. Ihm von meinem Traum berichtet. Für mich war dieser wie eine Erleuchtung!

Die Sitzung mit Brigitte gestern zeigte für mich ganz klar, dass ich mit ihrer Herangehensweise nichts anfangen kann. Auch wenn sie betonte, ich müsse ihr nichts liefern, halte ich es dennoch nicht aus, dass sie einfach nur da sitzt und zuhört und sich selbst komplett herausnimmt aus dem Prozess. Sie meinte gestern auch: „Es ist nicht gut, wenn der Therapeut zu viel sagt oder fragt, damit beeinflusst er ja den Klienten, gibt die Richtung vor…“. Was soviel heißen soll wie…? Dass Markus mich permanent manipuliert? Ich komme nicht damit klar, wenn sie, wie eben auch Sebastian heute Morgen, über gewisse Sachen lacht, sich amüsiert, die ich wahrlich nicht zum Lachen finde.

Natürlich klang die Beschreibung meines Traumes ganz schön obskur, aber für mich bedeuteten die kleinen Töne dazwischen die Erkenntnis. Der Zirkus drumrum war nicht das Entscheidende! Aber Sebastian hörte scheinbar nur das und rechtfertigte sich hinterher mit: „Aber es ist und bleibt NUR ein Traum!“.
Nein… Eben nicht. „Ich erwarte mir ja gerade IN meinen Träumen Antworten von meinem Unterbewusstsein zu erhalten!!“. So schmollten wir eben beide ein paar Minuten vor uns hin.

Wir übernachteten im Gasthaus, in unserem Wohnzimmer von 2000-2003. Warum genau, weiß ich nicht mehr. Erst war Sebastian meine beste Freundin, oder ein Teil von mir… Ich weiß es nicht mehr genau. Draußen laute Musik. Im Haus der alten Nachbarn der jüngste Sprössling, sorgte für musikalische Untermalung des Spektakels vor dem Gasthaus. Eine Jungschar, lauter junge Männer aus dem Dorf, Jäger und Nazis, oder wie man sich hierzulande ganz modern schimpft „die Identitären“. Einige kamen mit Motorrädern und Waffen in der Hand. Sie würden sich gleich auf den Weg machen und alles abknallen, was ihnen vor die Flinte käme. Meine Mutter sorgte für das leibliche Wohl dieser Höllenbande.
Ich bin mir nicht mehr sicher, ob das vorher oder später passierte. Tatsache ist, ich hatte das Fenster geöffnet und auf einen von ihnen hinunter gespuckt. Da kam meine Mutter von unten wie eine Furie angerauscht, machte mir eine Szene, ob ich sie, das Geschäft kaputtmachen will. Dass ich genau DEN Typen erwischt hätte, der in der Verwandtschaft irgendwelche hohen Politiker hatte. Dort hätte er sich beschwert, dieser Kanzler oder was auch immer darauf meiner Mutter per Telefon mitgeteilt, dass sie wegen dieser Frechheit keinen einzigen Groschen bezahlen würden. […..]

Oben angekommen gegenüber vom Bauernhof von Barbara und Rudi (er ruhe in Frieden) wurde ich wie fremdgesteuert verlangsamt. Denn auf der Seite gegenüber, die Betonmauer um das Haus von diesem Mediamarkt-Futzi, wurde plötzlich zur Leinwand. Da standen Worte, ich hörte Geräusche, sah Dinge, roch irgendetwas und las währenddessen auch noch laut vor: „… Das kenne ich schon, das kenne ich schon, das kenne ich schon…“.
Zügig wurde mir klar: Das war die Zusammenfassung all meiner Absenzen!! Jeder einzelne Trigger war dort aufgelistet, zusammengefasst!! So einfach!!
Spätestens an diesem Punkt wurde mir bewusst, dass das alles zuvor nur ein Traum im Traum war. Oder gar nur eine Absenz, die vielleicht wenige Sekunden gedauert hatte!!
Ich marschierte zurück zum Gasthaus. Nun eben erwacht aus dem Traum im Traum.  […..] Alles spielte sich jetzt nicht so übertrieben und fantastisch ab wie in der ersten Version. […..]

Und wieder floh ich, rannte weg, wollte den Berg hoch laufen, aber die Straße hatte sich verändert, da waren lauter schmale Bahnen, teilweise zu schmal, um darin zu laufen. […..]

Und all das ist wahrlich NICHTS, worüber man lachen sollte. Oder wie Sebastian es häufig tut, regelrecht „abtut“, mit einem „Ach ja… Du träumst aber auch ein Zeug!“. Und/ABER eben am schlimmsten, am Schluss seine Reaktion damit zu rechtfertigen, dass es NUR ein Traum war und nichts zu bedeuten hat. Genauso wie Brigitte über meine Träume immer lacht. Sollte ich so ehrlich sein, und die Therapie mit ihr beenden? Weil sie mich in den zurückliegenden dreieinhalb Jahren überhaupt nicht weitergebracht hat? Ist DAS zu sagen nicht undankbar, wenn ich doch alles gratis, sozusagen in den Arsch geblasen bekomme und andere FROH wären, wenn ihnen mal jemand zuhört?!

Mittlerweile ist es 9:26 Uhr. Ich muss in Graz anrufen. Während ich den Traum festhielt, vermochte ich keinen einzigen Strich zu malen. Nachher kommt auch noch Sonja und ich spüre zumindest das Grundsubstrat einer Panik. Noch schlimmer: Aus Angst vor der Angst will ich mich jetzt abschießen! Dafür, dass ich noch nichts geleistet habe, sowieso bestrafen! Mir plötzlich der Unordnung um mich rum gewahr werden. Die Rechte klimpert schon wieder.

9:36
Na? Ist das was?
HEUREKA!!!
Hört man den Stein plumpsen? „KEIN Wachstum im Uricult!!“! Dabei hatte der Hausarzt Sebastian gestern bereits ein Rezept für Antibiotika mitgegeben!!
Muss ich mich jetzt immer noch abstellen?
Meine Stimme klingt, und klang erst recht gestern Abend, als wäre ich ein zwölfjähriger Junge im Stimmbruch. Dann eben noch DIESE Baustelle!

Du hast dich nicht bewegt! Keine einzige Übung gemacht!! Und dann dein Gewicht, du fette Sau!!

59,6 Kilo um 6:45 Uhr. Obwohl meine Verdauung gestern nach Tagen mal wieder etwas sagen wollte. Obwohl es zu Mittag nur Eiweißshake und Wassermelone, abends nur Suppe und ein Mehrkornbrötchen gab. Die Hand klimpert weiter…

11:11
Wofür den Katheter erweitert?
Wofür die ganzen Tabletten?
Gerade einmal 30 Minuten gemalt, um mir dann nach einem Blasenkrampf in den darauffolgenden 5 Minuten schrittweise in die Hose zu machen, durch die Einlage, durch Unterhose und Hose, und schlussendlich durch das Handtuch hindurch. Immer und immer und immer wieder der gleiche Text. Mich umzuziehen, neue Unterhose mit ganz großer Einlage, darüber auch noch eine Windel- das allein kostete eine halbe Stunde. Anschließend konnte ich mir die Zähne nicht mehr putzen… Musste mit beiden Unterarmen aufs Waschbecken gelehnt versuchen, die Bürste hauptsächlich mit dem Mund von links nach rechts zu schieben und erst recht festzuhalten. Die Arme nicht mehr heben können. Nicht mehr gehen können. Nicht mehr stehen können. Unfähig, den Lichtschalter unter meinem Tisch zu betätigen. Kopfschmerzen setzen ein, 37,8 °C. Ist es ein technisches, physikalisches Problem? Gebührt der ganze Ruhm der Psychosomatik?
Und als hätte es keinen besseren Moment dafür gegeben, wird jetzt gerade draußen aus Regenwetterwolken Sonnenschein! Ich bin fertig. Hab meine liebe Not, das Headset auf den Kopf zu bekommen. Die hässliche Visage im Spiegel… Rein schlagen will ich!!! Mich bedingt durch die Extraschichten unten rum NOCH fetter fühlen! Dabei ragt meine Wampe, mein Schwangerschaftsbauch selbstbewusst über den gespannten Hosenbund hinaus. Keine Luft mehr bekommen. Als hätte ich ein halbes Spanferkel ganz allein in mich hinein gestopft!

In mich hinein sprechen: „Bist du das, Kind? Setzt dich über alles, was allgemeingültig als unmöglich erscheint, hinweg? Willst du mir was sagen, etwas zeigen?“.

Ich komme mir dabei selten dämlich vor. Die Hand klimpert und ich will mich nur noch wie ein verprügelter Hund irgendwo verkriechen. Aufs Sofa, die Tür absperren, keiner kommt mehr rein. Aber ich erwarte noch Sonja. Glaube ich zumindest, im Kalender steht nichts, aber das hat nichts zu bedeuten. Schlagartig wieder bei 0. Oder weit darüber hinaus im Minusbereich. Verdammt, bei dieser Katheterweite dürfte das doch gar nicht mehr möglich sein! Aber… Ist es nicht bereits gestern vorgefallen, im Kleinformat?
Ich hätte jetzt eine Aufnahme gemacht, ein kurzes Statement von mir gegeben. Aber so wie ich aussehe? Ich bin ein Brechmittel! Erkenne mich schon wieder nicht!

Ein Fass ohne Boden… Es darf mir nicht gut gehen!
Plötzlich wieder Kindheitserinnerungen, ich sehe Signor Rossi, Sonntagvormittag. Wie soll mir das weiterhelfen?

Versuchen mit letzter Kraft Wasser ins Glas zu kippen. Preiselbeersaft als letzte Hoffnung. Neben den Spasmolytika vom Hausarzt, die scheinbar noch besser gewirkt haben als die ganz neuen. Außerdem nimmt man diese dreimal täglich. Draußen verfärbt sich der Himmel blau und meine Stimme ist als solche kaum noch auszumachen.

18:02
Mich in der Uhrzeit geirrt. Erst in einer Stunde Sitzung. Automatisch geht das Klimpern wieder los. Durchs offene Wohnzimmerfenster dringt der Gesang der Vögel in den Raum. Wie gerne wäre ich draußen. Aber der Wind… Der Anblick der schaukelnden Sträucher und Bäume bereitet bereits Kopfschmerzen.

Auch weiß ich jetzt nicht mehr, was ich von den Ergebnissen vom Fieberthermometer halten soll. Sebastian messen lassen. Selbst da zeigte es über 37°C an; er fühlt sich überhaupt nicht krank, ist nicht krank. Also bedeuten meine 37,4°C oder mehr zuvor ebenfalls nichts? Mich wieder schön wie ein Hypochonder hinein gesteigert?! Mich zum Deppen gemacht?! Weil ich schlicht und ergreifend eine faule Sau bin und lediglich einen festen Tritt in den Arsch benötige??!!
Mich warm einpacken und mit dem Rollator draußen auf dem Parkplatz ein paar Runden drehen…

ABER NEIN!! DAS FETTE STÜCK SCHEISSE BLEIBT SITZEN!!!

Bewegungslos, wie eingefroren. Zur Farbe greifen, weiter arbeiten… Stattdessen verliert sich mein Blick wieder einmal draußen im Nichts und die einzig erbrachte Leistung heißt Klimpern. Ich verachte mich. Ich verachte mich für das Eis, welches mir Sebastian mitgebracht hat und von dem ich mindestens zwei Drittel gefressen habe, ehe ich den Rest an ihn abtrat.

Das gute Headset funktioniert auch nicht mehr, hat wie das andere einen Wackelkontakt. Ich sehe plötzlich nur noch Dinge, die kaputt sind, während ich mich hier in meinem goldenen Käfig selbst einsperre. Mir wird schlecht… Und scheine überhaupt nicht mehr zu schätzen zu wissen, dass die Panik nachgelassen hat. Als hätte es die zurückliegenden Tage gar nicht gegeben.

Eine volle Dosis vom Tramal. Der ungestüme Trampel schmeißt beinahe die volle Tablettendose runter… Ich bin so dumm!
Beim Blick nach draußen sehe ich meine beste Freundin und mich mit den Inlineskates. Ich sehe uns vom langen Ausritt zurückkommen. Ich sehe mich laufen… Spätestens jetzt hat die Depression was zu kauen bekommen.

18:54
Mich überwunden, die Leinwand zu mir gezogen… Meldet sich die Verdauung. Verflucht! Ich saß doch erst vor einer halben Stunde auf dem Klo, mit Sebastians Hilfe Hose erst runter und dann wieder rauf!
Das dauert wieder Minuten, kostete wieder Kraft und ich bin wieder unbrauchbar. Während draußen der Abend vorbereitet wird, die Erkenntnis gewinnen, dass von mir nichts mehr übrig ist. All das, worüber ich mich selbst noch so einigermaßen definieren konnte, ist Geschichte.

Die Anstrengung löste plötzlich heftige Kopfschmerzen aus. Schöne Grüße an die Pharmaindustrie… Ein Mexalen geschluckt. Jetzt sind es wenigstens 37,9°C. Mir wird schlecht. Die Hand klimpert noch schneller. Mich dabei kaum auf dem Rollstuhl aufrecht halten können.
Warum lebe ich noch?

SELBSTMITLEID!! Zieh endlich Konsequenzen draus!!

Die Sitzung beginnt jetzt…

26. April 2018, Donnerstag „Betablocker = Herzsprintstopper?…“

8:31
59,3 Kilo um 6:45 Uhr. Das Anheben der Leinwand, um sie sodann zu mir ziehen zu können, scheint bereits meine kümmerlichen Ressourcen aufzufressen. Auf dem Keilrahmen herrscht heilloses Chaos. So viele unterschiedliche Gegenstände, die ich vermeintlich griffbereit brauche. Die Stoppuhr läuft bereits seit 4 Minuten, für nichts und wieder nichts. Unterm Tisch setzt sich die Unordnung fort in Form von hunderten Kabeln, die zu allem Überfluss auch noch ineinander verwickelt und verknotet sind und, um extra Verwirrung zu stiften, Partnerlook tragen. „Black is beautiful“.
Ein Eichelhäher im Tiefflug. Mit der Kamera auf den Sanddorn gerichtet darauf warten, dass er sich über die Äste her macht. Aber es erscheint kein Eichelhäher. Und die Stoppuhr läuft weiter, gnadenlos. Davon ausgehend, dass er gleich auftauchen wird, weil ich die Kamera weg lege. Der Richtigkeit wegen die Stoppuhr noch einmal zurücksetzen.
Dabei kurzfristig die Orientierung verlieren und für einen Moment nicht mehr wissen, welche Schritte zu diesem Zwecke beim Programm zu tätigen sind.
Abends Betablocker, heute Morgen Betablocker. Spüre ich etwas? Das, was ich mir gestern allein mit dem beschissenen Psychopax wieder angetan habe, führt erst recht so verschwommenen Ergebnissen. Konnte mich nicht mehr bewegen, überhaupt nicht mehr aufrecht halten. Die Morgentemperatur lag bei 37,4°C. Oder waren es 37,7? Ich weiß es nicht mehr. Wie ich eben auch nicht mehr auf dem Plan habe, wann das letzte Foto vom Bild gemacht wurde.
Versuchen, aufzustehen. Die Blase meckert; ab heute das neue Präparat zur Besänftigtung des Nervenapparates innerer Organe. Keine Ahnung, wie diese Tabletten wieder heißen. Drei unterschiedliche Präparate der gleichen Wirkungsgruppe und jede mit anderer Form und Farbe versehen.

Warum schreibst du das? Das interessiert kein Schwein!!

Vielleicht mal bei der Pharmaindustrie anklopfen, auf mich aufmerksam machen; vielleicht bekomme ich eine kleine Aufwandsentschädigung dafür, immer wieder Werbung für deren Produkte zu machen. Und sei diese auch nicht wohlwollend, unterm Strich zählt doch schlussendlich die Erwähnung, die Produktplatzierung! (Ironie aus)

Erneut nach 13 Minuten auf der Stoppuhr greife ich zum ersten Mal zur Farbe. Eigentlich müsste ich die Zeit ein weiteres Mal zurücksetzen, wenn man es genau nehmen möchte.
Das Küchenfenster ist offen, von dort aus kann ich den Eichelhäher zumindest hören, dass er da draußen im Garten oder in den Büschen irgendetwas ausheckt. Die Volkshilfe kommt heute später, erst zu Mittag, was Sebastian natürlich ganz und gar nicht zusagt.
Von selbiger Seite nun auch der Ruf einer Ringeltaube. Das Morgenkonzert war so gewaltig, bin um 5:30 Uhr aufgewacht, um so lange zu lauschen, bis das erste Flugzeug das Schauspiel zerstörte. Ich hasse euch! Ihr, die ihr immer überall hin fliegen müsst! Ihr macht alles kaputt!

Und DU bestellst bei Amazon in der ganzen Welt!!!

Gestern in den Nachrichten wurde von einer Flugmesse berichtet, davon, dass Flugzeuge leiser werden müssen (werden sollen war der eigentliche Wortlaut, was ja schlussendlich alles offen lässt), und davon, den Flugbetrieb zu elektrifizieren. Ob ich das noch erlebe? Oder ist es bald auch noch unmöglich, draußen eine Aufnahme von lediglich 2 Minuten zu machen, ohne das beschissene Getöse? Denn 2 Minuten sind in etwa aktuell das Maximum an Pause, die einem diese verfickten Höllenmaschinen gewähren! Sie kommen von Wien, von Budapest, von Slowenien oder Graz und wir sind der Treffpunkt in der Mitte!

Mich nun mehr aufs Bild konzentrieren… Denn das, was ich da von mir gebe, ist ohnehin wertlos!

18:58
Wirken die Tabletten wirklich???

25. April 2018, Mittwoch „Schlaglöcher im Lebensweg“

8:37
Wie kann es nur schon so spät sein? Angestrengt versuche ich mit einem Feuchttuch für einigermaßen klare Sicht zu sorgen. Die Gläser der alten Brille flächendeckend zerkratzt.
Der Lichteinfall erinnert mich an die Sommersportwoche, erste Klasse Gymnasium. Schwer schlucken. Tief Luft holen. Der Versuch, eine Strategie zu etablieren. 59,2 Kilo um 6:45 Uhr, 37,7°C, zur Morgendosis zusätzlich ein Buscopan, da die Blase trotz Spasmolyt immer noch zu Beschwerden aufgelegt ist, und des weiteren ein Mexalen. Augenblicklich noch unklar, ob ich dem Bild eine Chance einräume oder nicht. Beide Hände zu Fäusten geballt, die Rechte brilliert bereits mit Fehlleistungen an der Maus. Am Vogelrestaurant ein Kohlmeisenpärchen. Das Männchen holt einen Sonnenblumenkern oder eine Haferflocke, hüpft auf den Ast 10 cm über ihm, wo das Weibchen wartet, und drückt ihr die Leckerei liebevoll in den Schnabel, woraufhin sie diese unverzüglich verputzt. In meinem Hirn, zwischen Watte und schwarzen Löchern (das ausgesprochen folgt die nächste Angstattacke) angestrengt versuchen, Alternativen auszudenken. Die Videoclips müssten weiter katalogisiert werden. Und natürlich, jetzt mit dem Panikgalgen um den Hals sind alle anderen Möglichkeiten außer Sicht geraten.

BITTE, ruf endlich in dieser neuen Klinik in Graz an!“.
Es folgt eine Schweigephase… Die Hand klimpert. So gut wie gar nicht geschlafen; war gestern Vollmond?! Ich war doch so müde! Erst lagen 500 Kilo Panik auf mir. Dann kamen die Schmerzen, weil ich mich nicht umdrehen konnte. Wie oft musste ich Sebastian aufwecken, wie oft habe ich mich entschuldigt und wie oft hat er gesagt, ich soll mit dem Schwachsinn aufhören? Meine Beine einer Leichenstarre anheimgefallen. Und von wegen „Streckspasmus ist weniger unangenehm oder schmerzhaft als Beugespasmen“… Der rechte Fuß verkrampfte sich, wie Otto Normalbürger es vielleicht beim Sport bei Magnesiummangel kennt. Aber besagter Otto Normalbürger macht dann Dehnungsübungen, schnappt sich die Fussschaufel und drückt sie gegen die Streckung. Ich lag da wie auf der Folterbank! Nur mit dem bequemen Umstand für den Folterknecht, mich nicht fesseln zu müssen. Der Körper fesselte mich, fesselte sich selbst. Es wurde Mitternacht, es wurde 1:00 Uhr, 2:00 Uhr, 3:00 Uhr… Und alles, was auf 3:00 Uhr bis zu 4:00 Uhr folgte, nahm kein Ende! Scheinbar sah ich minütlich auf diesen beschissenen Radiowecker mit seinen bedrohlich rot leuchtenden Zahlen! Ich schluckte ein halbes Gewacalm. 1,3 mg Hydal. Ein ganzes Gewacalm. 2,6 mg Hydal. Aber ich konnte nicht schlafen. Erst war es unmöglich, mich auf die Seite zu drehen. Endlich geschafft, schmerzten alle Stellen, auf denen ich lag, als würde ich 200 Kilo wiegen!

Nebenher wird es 8:57 Uhr; wie’s aussieht, habe ich das Malen bereits gedanklich quittiert.

Dann war es unmöglich, mich auf den Rücken zu drehen, beide Beine dermaßen steif aneinandergepresst, ineinander verwickelt… Musste ich ihn doch ernsthaft bitten, aufzustehen, ich sah nur noch die eine Möglichkeit, mich aus dem Bett zu zerren und neu hinein zu klettern! Dann hielt ich es auf dem Rücken nicht aus. Ich sah mich in meiner, und ich hoffe, es sei mir erlaubt, das zu sagen, MISSLICHEN Lage, Tränen flossen nach innen und so teilte ich eben auch ihm mit, dass wir uns besser nicht kennen lernen hätten sollen. Dass ich augenblicklich keinen anderen Weg mehr für mich sehe als den Tod!!!

Erstaunlich, wie wach ich bin. Die Hand zählt für mich weiter bis 4. Ich versuchte es mit Affirmationen: „Auch wenn jetzt jemandem aus meiner Familie etwas passiert, jemand stirbt, die Vögel werden weiter zwitschern, der Himmel wird nicht auf uns herab stürzen, es werden sich keine schwarzen Löcher in der Landschaft auftun!“. Oder rezitierte irgendwelche dümmlichen Schlager.

Aber was mache ich jetzt? Einen Abschuss wagen? Temesta und Morphium?
Markus schrieb mir gestern, ich solle mir „nicht-selektive Betablocker“ vom Hausarzt verschreiben lassen: „Einen Versuch ist es wert!“. Das wiederum erinnert mich schmerzlich daran, wie viele Dinge noch zu organisieren und zu erledigen sind, was zwangsläufig zur Überforderung führt, um schlussendlich in Panik zu münden.

War es nun ernsthaft wichtig, diesen ganzen Mist aufzuschreiben, als mich mit den Handschwingen der Dohle auseinanderzusetzen? Schon so manches Mal gestaltete es sich als schwierig, grenzwertig, Symbole für „den Täter“ zu malen. Aber das aktuell darf ohne Übertreibung als zähe Angelegenheit bezeichnet werden.

Kurz schweift mein Gedanke ab, wieder zur Nacht, gefolgt von einer weiteren Panikklatsche!
Meine Halswirbelsäule fühlt sich an, als hingen die einzelnen Wirbel lose an einem hauchzarten, porösen Schnürchen. Panik. Die Vögel zwitschern, draußen, aber auch hier drinnen alles friedlich und ruhig. Nur nicht IN mir. Den Faden verlieren. Was mache ich jetzt? Klimpern… Dafür sollte ich einen Nobelpreis verliehen bekommen (Ironie aus). Kann nicht mehr denken. All die Ideen von zuvor haben sich aufgelöst. Der beim Frühstück noch strukturierte Tagesbeginn wird jetzt zu Grabe getragen. Die Blase, die Bauchdecke schmerzen immer noch. Die Eintrittspforte nässt. Mir ist viel zu heiß, aber es ohne Heizdecke am Rücken auf dem Rollstuhl überhaupt nicht aushalten. Was will ich, was wollte ich?

ENDLICH, denn nun ist es bereits 9:15 Uhr, den Tee austrinken, den Darmschmeichler runterwürgen, ein zweites Mal zum Sofatischchen rollen, um meine Drogen zu holen. Und tief einatmen und noch tiefer ausatmen, um dabei zu visualisieren, mit jedem Luftausstoß ein Scheibchen der Angst wie bei einem Brotlaib abzuschneiden und auszuspucken.

Da fällt mir ein, der Traum fehlt noch. Es ging mir sehr, sehr schlecht (was für ein Zufall), ich war bei der Reha, gleichzeitig in einem Krankenhaus, ner Psychiatrie und alles spielte sich im Gasthaus ab. Meine Mutter wollte unbedingt das Gleiche haben wie ich. Also tat sie so, als sei auch sie schwer krank. Rannte mir ständig nach, um mich nachzuahmen, und sich schlussendlich sodann in den Vordergrund zu drängen. Es endete nicht gut für sie… Wieder einmal habe ich sie verprügelt, brutal geohrfeigt.

Es bleibt die Frage: Vielleicht kann sie gar nichts dafür, es waren andere Umstände, Missstände, warum ich sie dermaßen internalisiert habe? Und so beinahe schon krankhaft versuche, sie wie den Teufel höchstpersönlich aus mir auszutreiben…

Hör dir doch mal zu!!
DU BIST TOTAL KRANK, GESTÖRT!!!

Meine letzte Hoffnung, meine Heilsbringer holen und dann in einer halben Stunde wissen, ob sie zu etwas taugen oder nicht… Dabei tut mir wieder alles leid. Was ich mehr oder minder öffentlich ausspreche. Das Bild, das ich von meiner Mutter vermittle. Und sowieso und überhaupt, und am besten wäre ich tot, um die Welt nicht mehr mit mir zu belasten!!!

Panik…

9:43
Immer noch nicht weiter. Bis auf das Organisieren vom Taxi für die nächsten beiden Termine. Und nicht zu vergessen die Einnahme der Tabletten. Allmählich fallen mir wieder all die Alternativen ein. Aber was helfen sie mir, wenn ich nach einer Sache doch unfähig bin, noch irgendetwas in Angriff zu nehmen?

Ich wollte/könnte Musik machen.
Mich durch die Videoclips kämpfen.
An dieser Stelle beginnt erneut der Erinnerungsfraß…
Den Comic fürs Video machen.
Aus einem anderen Comic eine Animation machen.
Mit dem inneren Monolog von 1999 oder so einen Kurzfilm machen.
Eine Naturdoku basteln.
Neue Musik bei Freemusic akquirieren.

Aber für all diese Projekte brauche ich meine Hände! Panik. Völlige Blockade. Dabei könnte ich gerade nicht einmal behaupten, schlimmstenfalls zu schlafen. Hinaus zu fahren darf ich mir ebenfalls nicht erlauben.

Für einen Augenblick geht die Hand zur Kamera, draußen ein Feldsperling am Balzen. Aber die Fensterscheiben total dreckig, der Fokus bleibt an den dreckigen Wasserflecken hängen. Noch einmal und sicherlich nicht das letzte Mal für heute GANZ TIEF LUFT HOLEN, eine belanglose Fernsehsendung anwerfen und zum Pinsel greifen. Die Schrift im Kalender gerade eben sah ja nicht so schlecht aus…

Warum zum Henker schreibst du das auf?!!!
SELBSTVERLIEBTE, FETTE SCHLAMPE!!!

10:44
Die Panik hört und hört nicht auf. Es fühlt sich beinahe an wie Sodbrennen, wie ein Magengeschwür, dieser Druck im Bauch, die Schlinge um den Hals. Auffällig dabei lediglich Herzrasen und Atemnot. Ich bin so kurz davor, auch noch Psychopax oben drauf zu schmeißen. Dabei… Obwohl mir die entschleunigte Sprechweise, der gedämpfte Tonfall, beinahe zu flüstern, sagen möchten, da wirkt bereits etwas. Jetzt müsste ich mich nicht einmal dazu zwingen, zu schlafen. Die Augen fallen zu. Aber was ist das für ein Saboteur in mir, der ein Schläfchen mit dem Scheitern des ganzen Tages in einen Topf wirft?

Erinnerungen an diese Jahreszeit. Was war ich als Kind immer froh, wenn die großen Festivitäten endlich und vorerst abgeschlossen waren? Das Aufstellen vom Maibaum jedes Jahr. Und was es da nicht noch für Fressgelage abzuhalten gab. Egal, was ich versuche mir einzureden. Egal, wohingehen meine Ablenkungen zielen. Alles vergebene Liebesmühe. Und wieder und wieder, wie auch in meinen Träumen wieder und wieder sehe ich mich den Waldweg hinuntergehen zu dieser Zweigstelle. Nimmt man den Weg links oder jenen rechts? Wohin soll die Reise gehen?

Die Augen fallen zu. Schlafen… PANIK!!!! Lebenszeit vergeuden!!! Ist das hier nun tatsächlich von der Intensität her besorgniserregender als vor einem Jahr? Es ist so dämlich, ich vermag ja nichts zu machen, aber beim Versuch, mich damit darüber zu arrangieren, dass es eben aktuell so sei, wird als Versagen angerechnet! Dass ich den Verlust von Fähigkeiten, von Muskeln und Kraft gleichgültig auf die Schulter nehme! Mit dieser scharfen Anklage werde ich konfrontiert, der Mund zugeklebt, kann und darf dazu keine Stellung beziehen. Alles, was ich sage, ist von vornherein FALSCH. Weil ich ja regelrecht GLÜCKLICH darüber bin, eine faule Ausrede dafür zu haben, nicht trainieren zu müssen. Was für ein faules Schwein. Beste Grundlagenarbeit für einen alsbaldigen Suizid.

Nichtsdestotrotz… Gleich sind es 60 Minuten am Bild, abschließen, Kissen auf den Tisch und auf Schlaf hoffen, der mich aus dieser perversen Angstmaschinerie zumindest für eine halbe Stunde entfliehen lässt. Sonst drehe ich durch. Dabei, und das darf nicht unerwähnt bleiben, wird der Gedanke, mich notfalls in die Psychiatrie einweisen zu lassen, GERADE EBEN BEI DIESEN WETTERBEDINGUNGEN, als Schuldeingeständnis angesehen! Mir wird die große Uhr direkt vor die Visage gehalten, mit Fingerzeig auf jede einzelne Sekunde, die dort verstreichen wird! Was ich alles verpasse, die ganzen Veränderungen in der Natur, es könnte ja das letzte Mal sein, usw. und so fort. Einem Verbrechen gleich!!!

Erschieß dich doch gleich!!
Als ob du es in diesem Knast aushalten würdest!!!

Ich denke, Abbitte leisten zu müssen. Ein paar Schnitte, sozusagen als Eintrittskarte, Initiationsritus, um den Schlaf wert zu sein, die Bezahlung für ein paar Minuten Frieden. Denn „verdient“ habe ich den Schlaf nicht!! Nicht einmal durch den Umstand, nachts vielleicht lediglich ein oder zwei Stunden geschafft zu haben. Werde ich jetzt richtig verrückt?

Noch nicht einmal Zähne geputzt, nicht den Frischkäse zurück in den Kühlschrank geräumt, nicht das Gesicht gewaschen und ich bekomme eine vage Vorstellung davon, wie so eine Faule-Sau-Visage aussehen muss. Schlussendlich werfe ich mir ALLES vor! Denn schlussendlich mache ich alles falsch!!

Der nahende Todestag meiner Oma, die seltsame Zeit damals hinterher, die Zeit vor den letzten Sommerferien, bzw. 3/4 davon, die ich noch nicht als „KRANK“ abgestempelt war. Die Erinnerungen produzieren Panik. Mir wird schlecht. Von der Rasierklinge und erst recht von mir nicht viel erwarten. Den Schmerz erforschen, jede einzelne Kante kennenlernen. Bin ich gerade so tief drin in dieser Scheiße, dass es nur noch Einweisung oder Suizid als Menüauswahl zu geben scheint?

Fünf Schnitte. Das Werkzeug ist hinüber. Bluten will es ohnehin nicht. Schmetterlinge flattern draußen über die Terrasse, aber ich sehe bereits den Herbst, das beginnende Sterben, ein Jahr älter, dann eben offiziell!
JEDES BESCHISSENE AUTO, welches unten an der Straße vorbeifährt, bringt eine nagelneue, erfrischende Brise Panik mit sich. Immer oben drauf, eine Schippe nach der anderen!! Neuen Kratzer, die Haut vertrocknet, wie Gummi. Wäre ja auch zu schön um wahr zu sein gewesen, meine „Lieblingszahl“ die 4 in die Haut zu meißeln und dann meine Augen schließen zu dürfen.
Unterdes aufgehört mitzuzählen. Ich hätte vielleicht doch ins Bad fahren sollen, meine Zähne putzen, den Arm mit Wasser etwas aufweichen, geschmeidiger machen. Aber die Blockade, die mich soeben hier an Ort und Stelle kettet, hätte es so oder so unmöglich gemacht…

DU ARMES, ARMES, BEDAUERNSWERTES OPFER!!!
Stirb endlich!!!

Den Verschleiß noch an die Spitze treiben. Das neue Werkzeug wird mir den Kontakt mit dieser abgefuckten Haut sehr übel nehmen. Aber ich muss mir meine Sporen verdienen, im übertragenen Sinne, um dann wenigstens vielleicht noch eine halbe Stunde vor der Angst in den Schlaf flüchten zu dürfen!

Die Wunde lässt sich auseinanderziehen, ein bisschen, aber das auf der Armunterseite ist wirklich nur FETT und SPECK!! Der nächste Schnitt zu zaghaft. Einen einzigen wütenden, unkontrollierten Schnitt…

Selbstverstümmelung, ohne es dabei ernst zu nehmen, ist kein Wunschkonzert!“. Das Blut eiskalt. Nochmals und nochmals… Den winzigen Tropfen Blut von der Kante wischen. 20? 30? Ich erkenne keine Zukunft mehr. Die Panik in Zusammenspiel mit den Sperenzchen von MS und vermutlich Sinusitis haben mir das Genick gebrochen. Mit ziemlicher Wahrscheinlichkeit hat Sebastian mittlerweile Angst nach Hause zu kommen. Entwickelt seinerseits ein Magengeschwür, nicht wissend, auf welche Situation er in seinem Heim stoßen wird müssen. Es tut mir leid die Verbandstrümpfe vom Krankenhaus, diese kurzen Dinger mit einem Loch für den Daumen, die eigentlich viel zu weit waren und nur dem einen Zweck dienten, unter sich einen Venenzugang sicher zu beherbergen, taugen einen Scheißdreck! So wird es 11:42 und immer fraglicher, ob ich überhaupt zum Schlafen kommen werde; um 18:00 Uhr Therapie mit Markus. Die rechte Hand besudelt mit Blut. Ein Kissen holen…

17:58
2 Minuten noch. Mittags in Sebastians Gegenwart einen Nervenzusammenbruch gehabt. Er bat mich eindringlich, die psychosomatische Klinik anzurufen. Ließ mir anschließend von ihm 20 Tropfen Psychopax in den Mund träufeln. Davon habe ich wenigstens geschlafen… Aber jetzt geht es mir wieder beschissen. Kein Ausweg, keine Rettung, alles vorbei…?

24. April 2018, Dienstag „Endzeit…“

8:25
58,9 Kilo um 6:45 Uhr (nach einem weiteren Furosemid in Folge). Einmal ganz tief Luft holen…. Das Eichelhäherpärchen stürzt sich wie bereits letztes Jahr auf den rechten Sanddorn, um dort Zweige für das Nest abzuzwicken. Leider mit der Kamera zu langsam. Ebenfalls beim männlichen Kernbeißer, der seinerseits mit Ängsten geschlagen ist und nach nur wenigen Sekunden auf einem der alten Äste am Restaurant wieder die sichere Deckung sucht.

Ich glaube, ich denke, ich bin mir nicht sicher… Kann ich malen? Drei Tage Stillstand. Ob die Farbe das überlebt hat? Ein Räucherstäbchen brennt, simuliert kontemplative Ruhe und Harmonie, doch bei jedem einzelnen Atemzug spüre ich bereits das Korsett um meinen Torso. Kopfschmerzen. Die Rechte klimpert. Den Krüppelspatz seit letzter Woche, als Sebastian einen kopflosen Feldsperling morgens auf der Terrasse vorgefunden hat, nicht mehr gesehen. Dabei, gefühlt zumindest, keine 20 Minuten vor seinem Fund ihn noch am kalten Buffet angetroffen. War er es oder nicht oder hat es ihn irgendwo anders erwischt?

Der Himmel erinnert mich an den Kindergarten. Ich sehe die Wiese, buntes Babyspielzeug, ich sitze dort auf dem Boden. Panik. Aber zumindest die Reste meines Traumes von heute Nacht durfte ich erinnern. Ich lief vor dem Gasthaus weg. Gula, meine „Schwester“ von der Reha 2014, war zu Besuch bei mir, eben im Gasthaus. Was genau ausschlaggebend für die Flucht war, weiß ich scheinbar nicht mehr. Meine Eltern hetzten gar eine Schar kleine Kinder auf uns, die uns verfolgten. Wir rannten die Bundesstraße runter, machten immer größere Schritte und ich wollte auch gar nicht mehr aufhören zu laufen. Doch die Spione uns ständig auf den Fersen. War es nicht so, dass Gula immer wieder ohnmächtig geworden war, was mich daran erinnerte, selbst ständig mit Aussetzern und Absenzen zu tun gehabt zu haben? Und dass meine Eltern dies strikt verneinten, es abgestritten?

Vom Temesta abends nicht viel gespürt.

Weil du bereits MEHR brauchst!!!

Versuchen, an die Arbeit zu gehen. Davor vielleicht noch schnell meine Temperatur messen. Mich vergewissern, dass ich im Falle des Scheiterns zumindest eine kleine Erklärung zur Hand habe…

37,9 °C rechts. Musik oder Fernsehsendung? Die Blase krampft und im gesamten Unterleib massiver Muskelkater. Was haben die da gestern mit mir gemacht? Oder hat sich bei den doch etwas unangenehmen Schmerzen der Körper so dermaßen verspannt?

11:33
Ich wollte, ich musste doch… Aber am Körper scheitern.
Nicht ganz 2 Stunden gemalt. Anschließend die Maus nicht mehr betätigen können. Ich machte drei Physioübungen- die leichten, sitzend auf dem Rollstuhl. Eigentlich hatte ich gesagt, ich würde versuchen Sebastian entgegen zu gehen. Dann, um das Chaos in mir selbst zu befrieden, ich könne ja im Flur auf und ab gehen. Ich kam bis zum Waschbecken, um mich nicht wie gewohnt mit dem Bauch am Rand abstützen zu können. Die Bauchdecke fühlt sich an, als hätte man mich gestern operiert, abgestochen oder ich lediglich vergessen, 300 Situps gemacht zu haben (Ironie aus). Die linke Hand genötigt, einen Teil meiner Zähne zu putzen. Aber das war es, das Gehen unmöglich, zu allem Überfluss heute eben auch noch schmerzhaft.

Aber, der Abstecher zum großen Spiegel im Flur, der musste sein…
„Mal sehen, wie ich heute aussehe…“.

JA, GENAU!! SCHAU MAL, WIE HÄSSLICH DU BIST!!

So schlimm ist es gar nicht…“.

BIST DU AUF BEIDEN AUGEN BLIND??!! SPÄTESTENS IN 1 STUNDE HÄNGT DIR DEINE FETTE WAMPE WIEDER RAUS, ALS HÄTTEST DU DREI GEBURTSTERMINE VERGESSEN!!!

Das Bild in meinem Kopf sieht katastrophal aus. Blass das Gesicht im Spiegel. Im Vergleich zur Vorstellung regelrecht hager. Ich weiß noch nicht, wohin der Tag mich führt. Beim Zähneputzen schlampig und viel zu halbherzig 100 Kniebeugen gemacht. Um so wenigstens auf guten Willen herab blicken zu können, wenn es an wirklicher Motivation schon fehlt. Aufs Sofa kriechen. Mir ist nach schlafen. Es hat zwar heute noch nicht geregnet, aber der Himmel sieht durchwachsen aus und der Gedanke, mit den Rädern vom Rollstuhl die ganzen Blütenblätter und Weidensamen ins Haus zu schleppen, genügt für einen weiteren Dämpfer, heute nicht vor die Tür zu gehen/fahren. Die Kopfschmerzen werden ebenfalls stärker, die Temperatur vor 2 Stunden 37,8°C. Vermochte auch nicht mitzusingen, als ich nach der ersten Sendung über Hunde, die zu Servicehunden ausgebildet wurden, meine Musik in Betrieb nahm. Die Stimme krachte, kratzte, brach in sich zusammen, war gar nicht vorhanden.

Sebastian hat mir wieder nur drei Flaschen Wasser aufgefüllt, obwohl ich ihn explizit abends darum gebeten hatte, mindestens vier voll zu machen.
Warum diktiere ich das?…

16:56
Die Panik rückt näher, Stück für Stück.
Sebastians Heimkehr rückt näher, Minute um Minute.
Der Tag, der Nachmittag scheint vertan. Weil ich die Zeit doch noch nutzen wollte, um mich zu verletzen… Was für bescheuerte Pläne. Nach dem halben Brötchen und einem Stück Melone zu Mittag schloss ich die Augen und eine Assoziation nach der anderen mit meiner Vergangenheit wurde geknüpft. Über JEGLICHES Knacken im Hintergrund erschrak ich so sehr, mein Körper zuckte zusammen und es bereitete physische Schmerzen. All diese Erinnerungsfetzen, was für ein bunter Salat, und ich mittendrin, wie in einer Zeitmaschine. Je länger diese „Reise“ andauerte, desto größer die Angst vor dem, was mir da präsentiert wurde. Und zugleich doch so sehr erpicht darauf, endlich um die Ecke linsen zu können. Nachsehen, ob sich dahinter etwas verbirgt oder nicht.

Irgendwie wach war ich danach, ohne tatsächlich geschlafen zu haben. Meine Temperatur kontrolliert, immer noch erhöht, und dann raus in diesen wunderbaren Tag. Ich blieb hauptsächlich auf dem Parkplatz und kam lediglich einmal bis zu unserem Erlenwald die Straße runter. Die Nachbarn weihen ihren neuen Swimmingpool ein, laute Musik, junge Männer, die sich nicht minder laut unterhalten. Einmal kam ein Lied von etwa 2004, das hatte ich damals beim Laufen mit… Und es tat weh. Hin und her gerissen zwischen dem wunderschönen Frühlingstag, aber andererseits meiner Pattsituation. Die Suizidgedanken keimten in mir, wieder einmal. Dann war es zu spät, es ist zu spät. Zurück ins Haus und lediglich den linken Unterarm heiß gebadet, und wie so oft mit dem gleichen abgenutzten Einwegrasierer über die Wundfläche geschabt. Ein bisschen, zwei oder drei Tropfen auf der Haut. Unverzüglich nahmen die Selbstbeschimpfungen zu.

Was soll dieses Theater hier eigentlich? Ich gebe ausschließlich IMMER DENSELBEN DRECK VON MIR!!
Schlagartig setzt jetzt Müdigkeit ein. Im Flur der Fliesenboden bedeckt mit Wölkchen aus Weidensamen. Ich würde so gern, ich möchte, es ist mir ein Anliegen endlich mit dem Comic, aus dem eine Animation werden soll, zu beginnen. Aber ich bin unbrauchbar. Ich will nicht mehr. Also mich erneut verzweifelt an das Katalogisieren meiner ganzen Aufnahmen klammern. Mir die Rasierklinge noch lange nicht aus dem Kopf geschlagen. Dabei unklar, welchen Effekt mir diese bringen soll.

Die nächste Kindheitserinnerung. Und mein Hintern kann nicht mehr auf dem Rollstuhl sitzen. Vermutlich zu meinem Glück ist der Himmel nun wolkenverhangen. Stante pede einschlafen… Aber ich lasse mich nicht.

17:30
Ich bin immer noch allein. Hätte ich das bloß vorausgeahnt. Und die Sonne blinzelt durch die Wolkendecke, wohingegen mir die Augen zufallen… Ich mache heute gar nichts mehr, befürchte ich. Aufs Sofa kriechen…

18:49
Ein strahlender Abend… Oben am Waldrand singt eine der Türkentauben, zum offenen Küchenfenster dringt der zarte Gesang eines Rotkehlchens in den Raum.

Ich hielt es auf dem Sofa nicht aus. Die Müdigkeit wie weggeblasen, stattdessen Schmerzen im Hintern, in den Beinen. Ich bin aufgewühlt. Kann meine Hände nicht öffnen, die Maus nicht betätigen. Kam von der Couch nicht mehr hoch. Ich rief nach Sebastian, aber er hörte mich nicht. Extra breitbeinig mehrere Versuche unternommen, ehe ich mich irgendwie an den Rollator klammern konnte; nicht sonderlich sicher, unfähig, die linke Hand zu öffnen und somit den Griff zu fassen bekommen, ganz zu schweigen davon die Bremse anzuziehen.

Als er nach Hause kam, wenige gewechselte Worte und das nächste Dejavue. Er wollte früher runterkommen; also nehme ich wieder in Kauf, dass er mich erwischen könnte. Keine Ahnung, was ich geschluckt habe. War eine Temesta unter den Tabletten? Bin ich wütend auf meinen Körper? Auf die ganze Situation? Wie immer auf mich selbst? Wann habe ich Termin in der HNO-Ambulanz? Am 6. Mai? Bis dahin in dieser vermaledeiten Situation feststecken?

Der Abend kommt und ich zur Unfähigkeit verdammt. Mein Herz rast ohnehin schon wieder. Zumindest „gefühlt“. Der Unterarm total verbraucht, der ganze Schorf wird die Klinge abnutzen. Wütend, verzweifelt, ratlos, atemlos, lebensmüde, diese ganzen Umstände so etwas von leid! Keine Ahnung, wohin mich die Selbstverletzung bringen soll. Die nagelneue Klinge ohnehin wertlos geworden. Ich kann nicht sehen, meine Augen sind ganz trüb. Ich kann das Stück Metall nicht festhalten.

Sechs halbherzige Kratzer. Mich für meine Feigheit hassen. Mich für die von Sebastian ausgelöste Panik verabscheuen. Dabei sehe ich ihn zeitgleich wieder unaufhörlich sterben. Ein Kloß im Hals. Völlig aufgeschmissen, ein totaler Pflegefall. Jetzt zu blöd, den Strumpf über die lächerlichen Wunden zu streifen. Dann landet die Klingendose auch noch auf dem Boden…

DU DÄMLICHER, BESCHISSENER KRÜPPEL!!!

Wie lange noch? Und in über einem Monat auch noch der 70. Geburtstag meiner Mutter. Ich will tot umfallen.

Abendrot… Das tote Kind in mir?

Hör endlich auf mit diesem Schwachsinn!!!

Wollen die Augen weinen? Sobald die Hand die Maus berührt, wird irgendetwas verschoben oder geschlossen oder kaputt gemacht. Aber Klimpern geht. Reif für die Klapsmühle? Reif für die Kiste? Mein Leben scheint hier und jetzt mit seinem Ende konfrontiert. Draußen ruft der Kuckuck und er kommt runter. Immer stärker die Kopfschmerzen. Er geht hinaus, rauchen; ihn bei dieser Gelegenheit darum gebeten, den einen Blumentopf mit der Eberesche neben das Restaurant zu stellen. So tun als ob. Weitere Erinnerungen fluten mein Gehirn. Darunter immer wieder Bildfetzen von der Zeit vor oder nach der Diagnosestellung. Er hätte mich nicht kennen lernen sollen. Ich ihn nicht kennen lernen sollen. Besser für ihn. Und bestenfalls wäre ich seit 20 Jahren tot.

23. April 2018, Montag

17:55
59,3 um 8:00 Uhr? Ich weiß es nicht mehr. 59,2 Kilo? Tabula rasa in meiner Birne. Lediglich eine Funktion am Überreagieren: die Dissoziation! Den ganzen Tag schon und erst recht gerade eben während der zweistündigen Psychoanalyse.

Da marschiert Martha mit einem Zilpalp im Schnabel über die Terrasse! Sebastian oben anrufen, er kommt runter gestürmt, erschreckt laut seiner Aussage die Katze draußen, die den Vogel fliegen lässt. Oder er sagt es zumindest, um mich zu beruhigen. Aber ich trotz allem bitterernst: „Ich sag’s dir! Das waren die letzten Katzen, die wir in diesem Haus haben! Mir reicht es und es geht einfach nicht mit dem Paradies hier ums Haus! Es tut mir jedes Mal in der Seele weh, wenn die beiden Biester irgendetwas anschleppen!!“. Wortlos verlässt er das Wohnzimmer und geht wieder nach oben.

In der Analyse immer wieder eine Vollbremsung vorm Abgrund, mindestens 20 mal kurz vor einer Absenz! Teilweise das Gefühl, sie mehr oder minder selbst auslösen zu können!
Auch jetzt, wenn ich der Korrektur wegen Passagen wiederholen muss, dieses elende Dejavuegefühl. Das mit der Situation hier und jetzt überhaupt nichts zu tun hat! Markus darauf, das sei ein sehr gutes Zeichen, wir würden wohl ab nächster Woche die Frequenz erhöhen, wieder jeden Tag Sitzung machen. Dafür spräche erst recht das, was ich ihm vom Wochenende berichte…

Wieder kann ich mich nicht an meine Träume erinnern. Auf der Terrasse treibt sich nun der Angorakater herum, pisst ungeniert gegen den weißen Gartenstuhl. Es war so heiß im Taxi, es war gerade eben während der Therapie so heiß, mein Oberteil stinkt zum Himmel. Die Herrschaften in der Urologie haben wie von mir gewünscht den Katheter aufgeweitet, von 12 auf 14. Bei der Gelegenheit aus dem neuen Stück ebenfalls eine Urinprobe entnommen, freitags bekomme ich Bescheid, was sich erneut in meiner Blase herumtreibt. Gemeinschaftliches Kopfnicken zu meiner Aussage, ich könne ja nicht zweimal im Monat Antibiotika fressen. Um auf diesem Wege alsbald Resistenzen zu riskieren! Man vereinbart, die Frequenz der Wechsel zu verkürzen, nächster Termin in vier Wochen. Dazu wurde mir das dritte Spasmolytikum verschrieben. Die nächste Option wäre dann wohl die Botoxspritze direkt in die Blase.
Markus äußerte den Verdacht, dass das mit der Inkontinenz die nächsten Tage -egal welche Wege und Mittel nun auch noch ausprobiert würden- zunehmen könnte. Urinieren als Versuch der Selbstreinigung. Eine Regression zum bettnässenden Kind. „Ganz leise hatte auch ich bereits diesen Verdacht…“, teilte ich ihm noch mit.

Ein Unwetter fegte nachmittags übers Land, dicke Hagelkörner, Donner und Blitze. Ein Trigger nach dem anderen. Aber jetzt gerade, da das Land wieder ganz friedlich allmählich dem Abend entgegen strebt, noch mehr Erinnerungen an meine Kindheit, noch häufiger das Gefühl, das Bewusstsein zu verlieren.

Ich sehe Spaziergänge mit meiner Mutter.
Ich sehe Spaziergänge mit meiner Oma, bin noch ganz klein, gehe an ihrer Hand.
Ich sehe große Feste im Gasthaus, die ganze Verwandtschaft ist da, um zu helfen.
Ich sehe Tante und Onkel aus Pinkafeld.
Ich sehe die Tage vor meiner Einweisung ins Krankenhaus.
Sehe mich draußen ums Gasthaus herum treiben, mit anderen Kindern. Nach so einem großen Fest. Während so einem großen Fest.
Wieder die Einäscherung meiner Oma.
Als ganz kleines Kind ins Bett gehen, obwohl es draußen noch hell ist.
Usw. und so fort. Alles harmlos, aber ich bekomme keine Luft mehr. Das Dejavuegefühl raubte mir die ganze Sitzung hindurch den Atem, als sei es eine Würgeschlange, die mich zumindest bereits bis zum Torso verschlungen hat.
Ich sehe ganz bestimmte Spaziergänge. Ich bin wieder bei diesem Spaziergang. Frühling. Sommeranfang. Unterdes geht mein Blick ins Leere.

Zur Abenddosis wieder zum Lorazepam (Temesta) gegriffen. Wieder in Kombination mit 2,6 mg Morphium. Oder waren es nur 1,3? Ich weiß es nicht, obwohl es wenige Minuten her ist. Ich wollte rausfahren, aber die Wege allesamt so dreckig, ich würde nur die Arbeit von der Volkshilfe heute Vormittag zunichte machen, käme ich danach zurück ins Haus mit dem Rollstuhl. Also bleibe ich hier hocken, gefangen in meiner Unbeweglichkeit. Wie gerne würde ich an der Animation fürs neue Video arbeiten. Dabei unfähig, auch nur eine winzige Notiz in meinem Kalender zu machen.
Zur Beruhigung ein Räucherstäbchen angesteckt. Der Geruch vom Streichholz wurde zum nächsten Trigger. Ich bin in Graz bei meiner Oma, in ihrer kleinen Wohnung.
Ich sitze zusammen mit ihr und ihrem Besuch im Gastzimmer rechts hinten am Tisch. Und die beiden alten Leute (ich denke, einer davon ist Arzt) sagen, ich sei so süß, man könne mich auffressen, sie wollen mich einpacken. War es Traum oder Tatsache, dass sie mich unter dem Gelächter meiner Oma dann schlussendlich tatsächlich noch gepackt und in der Dunkelheit hinaus zu ihrem Auto geschleppt haben, zu ihrem Kofferraum und so taten, als wollten sie mich da hinein sperren und mit sich mitnehmen? War es Traum oder Tatsache, dass ich mich losreißen konnte und alle drei nur begeistert über sich selbst in lautes Gelächter verfielen?
Ich sehe die kleine Amsel in meiner kleinen Kinderhand sterben.
So wie ich gestern ein Deodorant oder Parfüm wahrgenommen habe, welches ich seit Kindertagen nicht mehr in der Nase hatte.
Mir bleibt die Luft weg.
Es ist dasselbe Licht wie in diesem Traum aus Kindertagen, in dem ich oben am Hang gegenüber vom Gasthaus beim verfallenen Haus in eines der Silos gestürzt bin, mein Vater und mein Bruder sehen auf mich herab, tatenlos, und gehen dann weg, nach Hause und lassen mich im Loch sitzen, verrecken.
Ich sehe mich bei diversen kirchlichen Veranstaltungen. Erstkommunion.
Bin mit meinem Vater bei dessen besten Kumpel, draußen in den Wäldern hinter Fürstenfeld, wo es so stark nach Baumharz riecht, von den ganzen Fichten und Tannen und Föhren. Wie schon in der Sitzung steigt mir vermeintlich ein scharfer Geruch in die Nase. Oder der Geist von einem Geruch, denn ich rieche nichts, nur die Nase reagiert so, als befände sie sich in dieser Situation, die Nasenflügel geweitet, ein scharfer Schmerz in den Stirnhöhlen, alles zieht sich zusammen, nach oben.

Geburtstagsfeier bei einer Freundin in Jennersdorf.
Meine Mutter spaziert mit meinem Bruder, mit mir und meiner Oma zu den Ruinen ihres Heimatshauses, 1 km hier die Straße runter rechts oben am Hang. Ich glaube, Adi und Tanja, die Nachbarskinder sind auch dabei. Aber da war es Herbst.
Ich sehe irgendwelche Vorbereitungen für ein Fest in der Hauptschule.
Ich sehe uns im Hauptschulalter nachts vom Ausflug mit dem Musiklehrer zu einer Oper nach Hause kommen.
Wir sind in Jennersdorf an der Raab, Willi, der Lebensgefährte meiner Oma angelt dort abends und wir sind mit dabei.
Sehe den Frühling und zugleich den Tod…

Es wird 18:50 und ich warte sehnsüchtig auf das Einsetzen der Wirkung. In mich hinein: „Kind, Kinder, sprecht bitte mit mir!“. Will etwas zeichnen, eine Brücke schlagen zur Kommunikation, aber ich bin von oben bis unten gelähmt. Leichenstarre. Rumpelstilzchen längst bei den Rasierklingen. Vor 1 Stunde das Blut von gestern von den Armen gewaschen. Eine braune Suppe ergoss sich über die weiße Keramik, der Unterarm, die Haut blau unterlaufen. Die Rechte klimpert unbeholfen. In mir gefangen.
Träumte ich nur davon oder war es eine Erkenntnis? Ein Blick auf meine Kindheit, eine schwarze Episode auf meiner Lebenslinie, und zu denken begann ich erst mit 11…

Kein Wunder bei dem SCHEISS, den du da ständig liest!!!

Fordert er dich aktuell häufiger auf, dich umzubringen?“, Markus Frage. Häufiger… Ist nicht auch das einem gewissen Wellengang unterworfen?

Ich sehe uns Kinder abends nach Hause kommen, wir spielen noch Karten. Aber ein Detail fehlt… Was ist mit dem Zubettgehen? Ich weiß, ins Zimmer meiner Eltern geflohen zu sein. Aber keine einzige Erinnerung daran, in meinem Kinderzimmer ins Bett gekrabbelt zu sein. (Beim zweiten Mal Lesen, der Korrektur wegen, wieder haarscharf an der Absenz vorbei schlittern, mir wird schlecht…)

Das machst du absichtlich! Redest dir das absichtlich ein!!!

Stücke fehlen, ganze Zeitspannen fehlen…

ALLES EINBILDUNG!!! UND WARUM AUCH NICHT? WIE SOLLST DU WISSEN, WAS DU VOR 30 JAHREN GEMACHT HAST, WENN DU DIR NICHT MAL MERKEN KANNST, WAS VOR 5 MINUTEN WAR?!!!

Ich spüre in mir die Angst. Angst davor nicht zu wissen, wie es weitergehen soll. Unfähig, die Maus zu bedienen.

Ich sehe mich im Nachthemd, es gibt Abendessen, heiße Kartoffeln aus dem Backrohr, dazu Butter, Salz und ein Glas Milch. Im Fernsehen läuft „Puschel -das Eichhorn“.

Ich möchte sagen: „Hach, war das damals schön!“, aber lediglich beim Formulieren der Worte für den Eintrag bleibt mir jedes einzelne im Hals stecken. Alles falsch. Ich war schlecht. Ich bin schlecht.

Die Unordnung auf meinem Tisch scheint dies zu bestätigen.
Ich sehe mich mit meiner Mutter unten an der Volksschule, wir pflücken Herzkirschen von diesem riesengroßen Baum und sie sagt, ich soll abends nicht so viel davon essen, sonst bekomme ich Bauchschmerzen…

Sterbefantasien. Schuldgefühle. Leichenhallenstimmung.

Und das Bild bleibt liegen, wie schon seit Tagen. Tot…?

Dann kommt die Panik angekrochen, Sebastian könne bald runter kommen und der Tag, der Abend würde damit seinen Abschluss finden. Die Wasserflasche ist leer. Unfähig, zum Kühlschrank zu gehen?

Ich sehe Beerdigungen, sehe Spaziergänge auf diversen Friedhöfen… Die Kehle wie zugeschnürt.
Sehe mich in Krankenhäusern liegen. Sehe mich in Krankenhäusern Patienten besuchen, mit meiner Mutter.

Es wird 19:24 Uhr. Mich aufraffen, zum Kühlschrank gehen. Am Waldrand steht eine trächtige Ricke und genießt den Frieden im Graben. Ich weiß nicht, ob ich Betäubung spüre oder nicht. In kleinen Schüben erdrosseln mich die Panikzustände. Mich dem Videomaterial widmen, irgendwie den Schädel ausschalten, ich kann nicht mehr…

22. April 2018, Sonntag

11:52
Die schwarze Salafistin; ein dunkles Kopftuch würde mir gut stehen… Den Schädel eingewickelt mit diesem langen Schlauchschal. Die beiden Armstulpen, kaum allein, abgestreift. Schnitt Nummer 7 reißt auf, als ich den festgeklebten Verband abziehe. Sofort mit den Fingern versuchen, die Wunde ebenfalls zu weiten. Sinnlos. Ein Tropfen Blut auf der weißen Haut… Obwohl gerade eben im Badezimmer beim Abwaschen sah die Wundfläche bläulich unterlaufen aus. Wunderschön. Der von oben bis unten besudelte Strumpfverband ist mir vom Schoß gefallen, liegt nun auf dem Podest vor der Eingangstür. Ist mir egal. Dem Auto hinterher sehen, als Sebastian mit seinen Freunden die Einfahrt runterfährt. „Was ist, wenn das das Letzte ist, was ich von ihm sehe?“.

Die Dramen des Abends heute gleich auf den Vormittag vorverlegen, die Augen werden rot. Wieder weiß ich nicht, wovon ich geträumt habe. Gibt mir das Gefühl, keinen Boden unter den Füßen zu haben. Als müsse ich UNBEDINGT wissen, „was nachts passiert“. Als hätten diese Lücken etwas Bedrohliches an sich.

Die Blase krampft. Seit er mich um 9 aus dem Bett geschält hat, mindestens schon fünf Mal. Zwei Sorten Spasmolytika und keine Wirkung… Ich war mit ihm noch nach draußen gefahren, nach ihrem Abschied stand ich noch eine Weile auf dem Parkplatz, erfreute mich über die ersten Kaulquappen, über ein Türkentaubenpärchen oben in den Traubenkirschen. Fantasieren, das sei Luise, die ich gerettet habe, nachdem eine blöde „Tussi“ in Fürstenfeld auf dem Marktplatz, mich anglotzend anstatt auf den Boden vor sich zu achten, auf die junge Taube getreten war. Mir ein Happy End zusammenreimen, ehe ich bereits jetzt die erste Sinnkrise des Tages aufreiße! Genügt doch die physische Konstitution. Ich wollte malen? Damit sollte ich auftreten, eine garantierte Lachnummer!! Der Körper ist schwach, alles ist schwach. Zwangsläufig muss ich mich zurück erinnern, an Läufe vor acht Jahren, bei dieser Hitze. Die Schwäche, die die Hitze in mir provozierte, war vergleichsweise nicht erwähnenswert! Dennoch hat man Notiz davon genommen. Um das ganze nun in Relation stellen zu müssen.
Meine Hände klimpern. Bevor ich endgültig meine Absage zum heutigen Ausflug erteilte, das Fieberthermometer ins Ohr gesteckt. Fragwürdig, da von Glück sprechen zu müssen. 37,9°C und damit eine profunde Erklärung für mein Nichtstun. Das Notebook schnappen und damit hinaus fahren. Er hat mir die Kabeltrommel aus dem Carport bereitgestellt. Mein Bruder samt Familie wurde informiert, dass ich alleine bin und darum gebeten, falls Sebastian mich nicht erreicht, vielleicht mal vorbei zu fahren. Er macht sich solche Sorgen. Sagt er. Glaube ich ihm das nicht? Denn unterm Strich ist der Tag nichts anderes als jeder Arbeitstag von ihm.

Mir ist egal, ob hier jemand vorbeischaut und über meine blutigen Reliquien stolpert. Der Gedanke, mich heute abzuschießen, erscheint wahrlich ein Verbrechen. Dann denke ich an morgen. An die Volkshilfe; dabei bin ich zu deren Ankunft gar nicht mehr zu Hause. Denke an den Termin, an das, was ich nicht vergessen darf, an die Fahrt, hin und zurück; und ich bin es leid. Könnte mich hinlegen, könnte schlafen. Könnte wenigstens versuchen den Pinsel in die Hand zu nehmen. Aber ich scheine mich in einer Art Totenstarre zu befinden. Weiß jetzt schon nichts mehr mit mir anzufangen. Eine Aufnahme könnte ich machen. Meine Blase gibt sich hysterisch. Die Luft ist voll mit weißem Flaum, die ganzen Weiden verteilen ihre Gene. Kopfschmerzen. Und ganz plötzlich, kaum ist der Gedanke mit dem Video ausgesprochen, fühle ich mich unglaublich hässlich und unzumutbar. Schwer seufzen und versuchen, den ganzen Krempel mit einer Fahrt nach draußen zu schaffen. Da fällt mir ein: Träumte ich nicht vom Zeichnen? Irgendetwas von meinen Bildern? Diese an den Wänden betrachten… Und sofort klingelt der Suizidvertreter wieder an der Tür: „Genug Teile hinterlassen, um für dich weiter zu leben!“, überzeugt er mich mit einem schmierigen Lächeln. Hin und hergerissen zwischen physischer Symptomatik und psychischer Fleischwunde. Wer oder was verdient den Orden, mich um die Ecke gebracht zu haben? Wer von den beiden wird auf dem Grabstein stehen? Markus‘ ständiges „Du wirst schon sehen, wenn das Trauma aufgearbeitet ist, wirst du wieder laufen!“ nervt nur noch. Eigentlich tut es nur noch weh.

Mich selbst ermahnen. Darf nicht zu lange darüber sinnieren, sonst kann ich jetzt schon mit Opiaten und Benzos anfangen!

14:32
Eine weitere repräsentative Vorschau auf meine Zukunft. Das verfluchte Mikrofon funktioniert nicht richtig, aber sollte ich das andere holen, das ernsthaft in Erwägung ziehen, darf ich mich schon einmal auf noch mehr Flüche einstellen. Bei diesen Zeilen ein mulmiges Gefühl in der Magengrube, als würde ich jede Sekunde wegtreten. Epilepsie oder Dissoziation.

Ich stand im Schatten in der Einfahrt und hörte unten jemanden sprechen. Hastig fuhr ich ins Haus, besorgte mir eine meiner schwarzen Armstulpen… Plötzlich stecke ich in Erinnerungen fest! Vorbereitungen auf den Maturaball im Winter 1998, ich erinnere mich daran, wie meine Mutter und ich einen schwarzen, langen Mantel für mich gekauft haben. Das Dejavue weitet sich aus. Aber das Diktieren kostet mich den letzten Rest, laut, klar und deutlich ins Mikrofon „brüllen“; dabei habe ich überhaupt keine Luft mehr. Die letzte Messung, bevor ich nach Holen andere Gegenstände zuletzt im Haus war, ergab 38,2°C. Mich fühlen wie 2015, nach der Überdosis, sowie kurz vor der Einweisung in die Neurologie etwas später. Eine zu weich gekochte Kartoffel!! Bewegungslos und allmählich am Verzweifeln. Im Haus zu sein, auf dem Sofa zu liegen, keine Option… Alleine vermag ich doch wieder nicht aufzustehen! Dabei habe ich mir sogar ein großes Kissen mit nach draußen genommen.

Dem Türkentaubenpärchen ein paar Haferflocken auf den Parkplatz unter die beiden kleinen Birken gestreut. Ein Großteil der Packung liegt jetzt vor dem Kühlschrank, weil NATÜRLICH ALLES AUF EINMAL VON MEINEM SCHOSS FALLEN MUSSTE!!! Eine einzige Sauerei hinterlassen. Ob Sebastian schon Spaß hat beim Dart? Mich selbstverständlich mit der Möglichkeit auseinandersetzen, die Polizei könne anrufen oder vorbeikommen, Autounfall… Ich sehe mich meine Medikamente holen, die Unterseite der Blisterpackungen mit einem Messer aufschlitzen, alles in ein Glas, warmes Wasser drauf, und werden sich die Tabletten in der Flüssigkeit auflösen das Fläschchen mit dem Psychopax kaputt schlagen, alles in die Giftmischung rühren, die Badewanne voll mit Wasser, versuchen, irgendwie hinein zu klettern, alles auf einmal runterwürgen und bestenfalls in 20 Minuten absaufen!

Ins Haus fahren, aufgeben, weil ich ohnehin schon nicht mehr auf dem Rollstuhl sitzen kann? Die Brille total verschmiert, die fliegenden Samen der Weiden bleiben am Gesicht kleben, die Sonnencreme auf der Haut fühlt sich scheußlich an! Mich aufschlitzen? Zubetonieren? Die Pharmakeule schwingen? Noch mehr Erinnerungen, wieder 1998, Sommer, noch vor der Diagnose. Ein seltsames Gefühl… Wehmut?

Von meiner Lautstärke nehmen die Halsschmerzen zu. Alles in mir weigert sich, ins Haus zu fahren. Im Buch von Michaela Huber über die multiple Persönlichkeit die Kriterien gelesen. Ja, es stimmt, die Kriterien wurden angepasst, erweitert, und die erwähnten sind mittlerweile über 20 Jahre alt. Dennoch nehme ich sie für bare Münze und erkenne mich selbst überhaupt nicht mehr in der Diagnose! Großartig!
Die Wiese ist voll mit Löwenzahn, der Duft betörend, immer würziger nach Blüten und Kräutern. Da spüre ich plötzlich, wie die volle Dosis Opioide sich soeben in meinem Organismus ausbreitet. Die Hand klimpert. Mich kurz in die Sonne stellen, kurz aufheizen und dann die Klinge sprechen lassen?

17:16
Die beiden Türkentauben flattern um mich herum, ab und an wagen sie es, sich auf den frisch asphaltierten Weg zu setzen. Kleine Fixpunkte und irgendwie doch nichts wert. Ich verliere die Kontrolle!

Hatte mich angepisst, sodann dem rechten Arm zehn Schnitte verpasst, unmotiviert, direkt danach ins Haus gefahren, 10 Minuten lang versucht, die Einlage zu wechseln, neue Wasserflasche, einen Apfel, alles ging zu Boden, ein einziges Geschrei und Geschimpfe, währenddessen ich mich wahrlich nicht alleine fühlen konnte. 1,3 mg vom Morphium zu 1 mg Temesta. Aus dem Haus raus, der Apfel polterte die Rampe runter. Eine neue Wasserflasche, keine Verbände gefunden, eines der großen Handtücher auf dem Schoß, um versteckt hinterm Auto 30 oder 37 Schnitte dem anderen Arm angedeihen zu lassen. Fester, tiefer, wütender. Es sollte nicht bluten, als würden die Spasmolytika nicht nur den Gaumen austrocknen. In mir dreht sich jetzt alles. Der Lichteinfall lässt mich die Fassung verlieren. Wer bin ich, wann bin ich?! Mit Erinnerungsfetzen aus Kindheit und Jugend überschüttet werden, keinerlei Kontrolle darüber, was da um die Ecke kommt! Als hätte man erneut eine Luke geöffnet…

Markus meinte zuletzt, nun sei der beste Zeitpunkt, um die Therapiefrequenz anzuheben. Der ganze Text, die letzten 20 Zeilen erscheinen mir völlig konfus! Als verliere ich den Verstand!! Zwischen die kurzen Bildfetzen mischen sich Sequenzen aus meinen Träumen, erst recht von jenem heute Nacht, den ich nicht reaktivieren kann. Einer Reizüberflutung gleich, möchte mir die Ohren zuhalten, die Augen ganz fest verschließen, aber der Duft, die Sonnenwärme auf der Haut, ganz abgesehen vom Chaos, das sich IN meinem Schädel abspielt! Ich will flüchten! Ich will sterben! Weg von diesem Chaos, und dabei doch davon ausgehen, dass sich darin nichts Bedeutendes wird finden lassen.

17:43
Ich sehe Fetzen von diversen Urlauben als Kind. Jugoslawien, Kärnten. Ich sehe kirchliche Feiertage und dazu dieser Duft. Sehe die Feuerbestattung meiner Oma und wie ich allein versuche mit dem Mist klar zu kommen. Ich sehe mich im warmen Abendlicht auf dem Hof der Nachbarn mit den kleinen Kindern Fahrradfahren, immer im Kreis, wir naschen „Wiener Zuckerl“. Sehe mich unten an der Volksschule mit den anderen Kindern mit den Fahrrädern Polizei spielen. Ich sehe die unzähligen Spaziergänge mit meiner Mutter herunter in den Graben. Eine andere Welt. Alles duftet und es ist so berauschend still. Ich erinnere mich an ein Grammophon. Und die dicken Schallplatten dafür. Ich erinnere mich an die Plastikdose, in der wohl mal Lollies verkauft worden waren, sie ist im Schrank unter dem Fensterbrett im Wohnzimmer, der immer so feucht stinkt, und darin lauter kleine Schätze aus unzähligen Weihnachtskalendern, Überraschungseiern, diverse kleine Spielzeuge und und und. Ich erinnere mich an viele Lagerfeuer mit meinen Freunden im Garten oder unten vor der Volksschule. Ich bin wieder bei der Sommersportwoche und die Klasse geht gerade nach Hause. Ich könnte jetzt ewig so weitermachen mit meinen Assoziationen… Aber es fühlt sich an, als würden all diese Erinnerungen gleichzeitig und sofort gehört werden wollen, als wollten sie mich zerfetzen, zerreißen. All diese schönen Dinge. Oder Buschenschankbesuche. Die Kinder tollen auf dem Spielplatz. Dazwischen immer wieder Erinnerungen, die so früh sind, dass ich sie nicht einsortieren kann.

DAS SIND ALLES SCHÖNE ERINNERUNGEN!!! ABER SIE TUN WEH!! Weil ich jetzt so ein Krüppel bin? Oder weil hinter den schönen Seiten meiner Kindheit ein dunkles Geheimnis lauert? Warum immer dieselben Fragen stellen?!

Tief Luft holen. Ich spüre vom Abschuss nichts. Versuchen, den Apfel aufzuheben, diesen in mich hinein zu stopfen und auf ein Anschlagen der Betäubungsmittel hoffen. Müsste auf jeden Fall noch meinen blutigen Krempel verschwinden lassen. Die Stulpen an beiden Armen sind vielsagend genug…

18:02
Das Dejavue bleibt kleben, als könne ich jetzt irgendetwas voraussagen. War es im Traum schlussendlich nicht auch so? Für 1 Minute ins Haus verschwunden, Abenddosis, volle 20 Tropfen Tramal und noch ein Temesta.

21. April 2018, Samstag „Haltlos…“

19:11
59,3 Kilo um 9:45 Uhr. Abends eine und frühmorgens mindestens zwei Absenzen. In Dauerschleife ein und derselbe Satz „Das kenne ich schon, das kenne ich schon, das kenne ich schon, das kenne ich schon…“.

NATÜRLICH könnte es noch schlimmer sein, NATÜRLICH hätte ich mich den ganzen Tag zusätzlich auch noch anpissen können, NATÜRLICH, NATÜRLICH, NATÜRLICH!!!!
Wohin mit mir? Als ich auf dem Sofa schlief, als ich um 15:02 Uhr die dritte Absenz hatte, begann es in mir zu brodeln…

Du hast schon wieder nicht gemalt!
Dir läuft die Zeit davon!
Draußen warst du auch nicht, der Frühling geht vorbei!!
Bewegt hast du dich auch schon lange nicht mehr, du wirst alles verlieren!!! Alles wird den Bach runter gehen und dann wirst du auf mein Angebot zurückkommen!!!…

Mir ist schlecht. Kopfschmerzen. Dezent Halsschmerzen. Der Schleim hängt im Gaumen fest. Meine Befindlichkeit vom neuen Spielzeug abhängig machen: 37,8°C. Die 37°C gar nicht mehr verlassen. Nichts hinbekommen. Nichts leisten können. Völlig wertlos in den Tag hinein. Mit der blauen Blechdose in der Hand meine psychische Schräglage in Augenschein genommen: Welcher Schritte bedarf es? Vorerst 2,6 mg Hydal und eine volle Dosis Tramal. Dazu ein Erkältungsmittel. Meine Hand klimpert. Was war das für ein grandioser Tag?! Was für ein Wetter?!!
Nach dem Frühstück wollte er mit mir nach Fürstenfeld fahren. Endlich schafften wir den Weg zu einem Optiker, aber die Brillenfassung, die ich präferiere, gibt es schon seit Jahren nicht mehr. Da kam mir ein Gedanke, warum ich so renitent bei gewissen Dingen an einem Stil festhalte: Weil meine Mutter, als sie mich noch wie eine Puppe permanent angezogen hat, mich von einem Trend in den nächsten gejagt hat? Immer mit der Aussage: „Das ist gerade so modern!“. Bedeutet Gleichschritt. Alle rennen so rum. Und ich will doch verdammt noch mal nichts anderes sein als ICH SELBST!! MICH SELBST FINDEN, ENDLICH!!! Und was waren das für Modesünden mitunter, Karottenhosen… Abgesehen davon, den aktuellen Modetrend als „fürchterlich“ zu empfinden. Nichts Halbes und nichts Ganzes. Wie ein Sprung in drei Rotkreuz-Säcke.

Wir fuhren zur Eisdiele, ich wählte eine Kugel Eis mit Joghurt und es war viel zu viel und noch mehr zu viel. Eigentlich hätte ich hinterher kotzen müssen. Mein Magen meinte doch bereits nach fünf Löffeln es sei genug. Dabei unfähig, die Finger zu strecken. Es war heiß. Für die Jahreszeit viel zu heiß. Auf der Heimfahrt traf mich halb der Schlag, schreckliche Ohrenschmerzen, Kopfschmerzen und völlig unbeweglich. Als wir zu Hause in unserer Idylle ankamen, auf dem Weg zurück ins Haus, blutete mein Herz. Ich müsste draußen sein, NICHT SCHON WIEDER IN DIESEM KÄFIG GEFANGEN, IN DIESEM KÖRPER GEFANGEN, IN DIESEM ZUSTAND!!!…

Der Ausflug morgen ist für mich gegessen, bleib allein zu Hause; Sebastian wird nicht fertig mir gegenüber zu äußern, dass ihm das gar nicht gefällt, er sich Sorgen macht, ein mulmiges Gefühl hat. Dagegen ich male mir aus, was ich alles mit mir anstellen könnte!
Die Sonne ist untergegangen, der Abend legt sich übers Land. Ich müsste draußen sein… Allein dieser Satz, und ich löse mich in Tränen auf. Will mein Leben zurück. Alles kaputt. Blutzucker? Depression?…

SELBSTMITLEID???!!

Der Mund durch gleich zwei Sorten Spasmolytika staubtrocken, die Lippen aufgerissen. Die Singdrossel schmettert ihr wehmütiges Lied in den Abend hinein. Die Mönchsgrasmücke wird nicht müde, Predigten zu halten. Abends Lärm vor dem Fenster, da war wohl der Igel an den Katzennäpfen… Panik. Bald ist Sommer, dann Herbst und schon wieder Winter. Der Tod rückt immer näher, aber eben nicht meiner. Der Geburtstag meiner Mutter… Mein beschissener Geburtstag…
Eine Sache ist mir aufgefallen: Traumaopfer scheinen mit ihrem Geburtstag auf dem Kriegsfuß zu stehen. Ich möchte mich aus der Verantwortung stehlen. Weil jetzt Abend ist und es dann beinahe schon ganz klassisch keinen anderen Ausweg zu geben scheint?
Montag mit dem Taxi in die Urologie. Montag in Erfahrung bringen, ob es erneut Antibiotika bedarf. Am 6. Mai Termin in der Universitätsklinik, HNO und wieder Antibiotika? In mir dreht sich alles. Scheißegal, wie viel Wasser ich in mich hineinschütte, die Lippen tun weh, die Zunge eine Ledersohle. Ich habe eine hässliche Zunge, widerwärtig! Total aufgerissen, seit Kindertagen schon. Die Hand klimpert schneller.

19:57
Ihn nach unten bitten, um mir Tee zu machen, das Fenster zu öffnen, damit ich die Vögel hören kann, um mir neues Wasser zu geben, die Abläufe von morgen zu erläutern, ebenfalls den Montag zu besprechen, und ihn abschließend noch um eine Blisterpackung Temesta bitten. In der Dose nur noch Gewacalm. Er erzählt mir, ihm morgens direkt nach einer Absenz eben von dieser erzählt zu haben. Ich weiß es nicht mehr. Bin wieder eingeschlafen und alles hat sich mit den Träumen vermischt, um mit Aufwachen schlussendlich in der Versenkung zu verschwinden. Wieder habe ich mich entschuldigt: „Es tut mir leid, aber würdest du bitte kurz runterkommen?…“. Er sparte sich dieses Mal seine Brüskierung, dass ich damit aufhören soll… Wie ein Bittsteller vor ihm zu kriechen, mich für alles zu entschuldigen, als sei ich NICHTS ANDERES ALS EINE ÜBERDIMENSIONALE BELASTUNG. Aber davon bin ich überzeugt. Für mich selbst scheinbar noch nicht ausreichend; warum sonst wäre ich noch am Leben? Habe noch keinen Schlussstrich gezogen?

Mich ganz kurz zusammen gerissen für die Minuten seiner Anwesenheit, den Rest verbarg das Zwielicht im Raum. Nicht aufhören können zu weinen.

BESCHISSENE DRAMAQUEEN!!!

Mein Schädel platzt. Die Wunden von gestern, das Werk der neuen Klinge, nicht der Rede wert…

Selbstmitleid und noch mehr Selbstmitleid und nichts anderes als SELBSTMITLEID!!!

Markus meinte freitags, dass in meinem Fall eine Portion Selbstmitleid durchaus angebracht sei. Um Empathie für mich selbst zulassen zu können. Die Hand zählt bis 4, verzweifelt und unaufhörlich damit beschäftigt, Spannungsabbau zu betreiben. Es zumindest zu versuchen. Beim Gedanken, was ich nun tun sollte, wie es weitergeht, der schüchterne und vorsichtige Blick 1 mm voraus in die Zukunft löst unverzüglich Panik aus.

BESCHISSENER KRÜPPEL!!!

Hatte ich heute Nacht im Traum nicht gedacht, dass es im Traum besser sei, ich gleich dortbleiben sollte, anstatt wieder aufzuwachen, zurückgeworfen ins Fiasko? Dabei nicht mitbekommen, Sebastian an meiner Seite zu haben. Um mich selbst irgendwann mit der Frage konfrontiert sehen zu müssen, warum ich so ignorant war, dass jetzt alles zu spät ist, viel zu spät…

Zusammenbruch, keine Stimme mehr. Ich sehe ihn sterben. Erst recht als er sein Eis aß. Er mit seiner Gesundheit so einen liederlichen Umgang pflegt. Das kleine Kind in ihm. Das Kind, das umgebracht wird. Und in meinem Kopf stirbt er und stirbt und stirbt!! Wie zu Beginn unserer Beziehung! Wie damals mit sechs Jahren, als es aber meine Mutter war, die im Sonnenuntergang ihr Leben lassen musste. Zurückgeworfen… So erscheint mir das alles gerade. Regression! Wie geistesgestört mit dem Kopf rhythmisch immer wieder nicken. Der personifizierte Tod scheint soeben hinter mir zu stehen und sein Fingerzeig zeichnet mir all die zu erwartenden Tode um mich herum. Dass man nur hoffen kann, von ihm vorher gerichtet zu werden.

Wer weint jetzt? Die Hülle, die sich erwachsen schimpft? Das innere Kind?
Das Stofftaschentuch von Sebastians Opa voll rotzen.

20:58
Zugedröhnt. Ein bisschen, einen klitzekleinen Frieden verspüren. Mir die Augen aus dem Kopf geweint. Lauter Erinnerungen meiner Kindheit tanzen in meinem Schädel ums unerträgliche JETZT herum und ich vermag nicht mehr zu erfassen, was oder wer ich bin. Andererseits gespannt jedes Geräusch von oben registrieren. Wann kommt er, wie lange noch allein, muss ich mir wenigstens einmal vor seiner Rückkehr in den Arm schneiden? Alles ist leer, ausgefressen, ausgehöhlt. Mein Dasein ohne Form. Ein Skelett. Was richte ich an, wenn ich weiterhin diesen Pfad beschreite, um auf Teufel komm raus ans Tageslicht zu zerren, was des nachts zur Zerstörung meiner Integrität geführt hat?

Mit offenem Mund, Maulaffen feilhalten, die Mimik eingefroren, ausdruckslos und zugleich wie vom Teufel höchstpersönlich versteinert.

21:29
Er kommt runter. Mein Herz beginnt zu rasen. Dann teilt er mir mit, noch in die Badewanne zu steigen. Jede seiner Fragen, jeder Satz ist augenblicklich zu viel für meine zerstreute Aufmerksamkeit. Im Internet nach weiteren Beruhigungsmitteln Ausschau halten. Zugleich im Hinterkopf, ob ich irgendjemanden davon überzeugen könnte, mir die Wirkstoffgruppe zu verschreiben. Um abschließend den Teil mit der Überdosierung beinahe gierig zu lesen. Niedriger Blutdruck, Bewusstlosigkeit, Koma… Wunderbar.

Ich wollte etwas sagen, aber es ist vergessen, verloren gegangen. Mir ein Räucherstäbchen angesteckt. Wozu? Um ehrlich zu mir selbst zu sein: Ich wollte zum ersten Mal das glimmende Stöckchen, wie wohl bereits vor zwei oder drei Tagen in Betracht gezogen, auf meiner Haut ausdämpfen. Ganz vorsichtig, wie ein Anfänger… Zweimal berührt die glühende Spitze den linken Arm. Eine kleine Brandwunde entsteht. Meine Füße kollidieren mit den Fußstützen, Krämpfe sind die Folge.
Ist nun wieder alles in Butter? Alles wieder gut? Ist obsolet? Ich weiß es nicht. Aber mich in Sicherheit wähnend aus dem Rollator das letzte Highlight des Tages zaubern. Ich vermag nicht mehr geradeaus zu denken. Zugleich stößt mir bitter auf, wie viele Sätze selbstverliebt, egozentrisch mit ICH eingeleitet werden. Sebastian, ich bin deiner nicht wert!

Die Hände zu Klauen deformiert, habe ich Mühe, das neue Stück aus der Dose zu fischen, ganz zu schweigen vom Auszuwickeln aus dem kleinen, orangefarbenen Kuvert. Seine Geräusche hinten machen mich nervös.

In mir nach Antworten suchen und zugleich die musikalische Untermalung des Computerspiels, dass er sich gerade gönnt, nicht aushalten. Noch surrealer kann eine Situation nicht wirken! „Mach es mir nicht kaputt!“. Die Augen wollen schlafen. Quer, gerade, diagonal oder horizontal…? Keine Kraft. Das Blut kalt. Ich prüfe mich, teste mich selbst am Schmerz. Das neue Stück könnte so wundervolle Dinge vollbringen. In die Tiefe eintauchen und den Schmerz, der sich vor mir zu verbergen beliebt, herauskratzen.

21:44
Und spätestens die Nummer Sieben entgleisen lassen. Im Rahmen meiner Möglichkeiten. Das gleiche Spektakel wie beim letzten Schnitt gestern. Das Tuch unter mir immer mehr getränkt. Schlimmstenfalls sickert es durch bis zur Hose. Es tut mir leid, eigentlich nicht meine Intention, damit irgend jemandem zu schaden. Meine Augen brennen, kratzen und die Zeit, gnadenlos wie immer, läuft mir davon…
Aus irgendeinem Grund alles besudelt, Hosenbeine, Armlehne, Tischdecke. Meine Stimme wird tiefer, schnarrt verbraucht, wie die eines abgenutzten, kaputten Opfers. Dabei bin ich gerade Täter.

Bitte verzeiht mir, aber ich wüsste nicht wohin sonst mit meinen Gedanken…