31. Oktober 2017, Dienstag

8:49
Orientierungsversuche. Was allein auf der Leinwand sich schleichend angesammelt hat, macht mich krank. Aber alles Dinge, die ich früher oder später brauche. Die Farben gut mit Wasser tränken, meine Stimme klingt rau und gebrochen. Verzweifelt versuche ich seit dem Aufstehen meinen Traum wieder zum Leben zu erwecken. Aber mir fehlen die entscheidenden Trigger-Wörter, die dann als Schlüssel ins Unbewusste fungieren würden.

58,7 Kilo um 6:45 Uhr (die Danksagung geht an das Furosemid). Aber meine Visage, dieses ekelhafte Gesicht im Spiegel… Daran verändert auch das Gewicht nichts. Nachts kurzerhand noch siebenmal geschnitten. Warum? Weil ich es kann! Ich will mich erneut abschießen und anstatt mich der Leinwand zu stellen, aufs Sofa, Augen zu und dem Tag die Arschkarte zeigen. Die unzähligen Pinsel sortieren. Ich fühle nichts als übermächtige Schwäche, alles zieht mich gen Boden. Über den Tag hinweg sollte ich eine Strichliste führen, wie oft ich um Haaresbreite einem Sturz entgangen bin. Heute mindestens schon zweimal. Die Hieroglyphen auf dem Einkaufszettel vermitteln den Eindruck, es wären die letzten Zeilen eines Sterbenden an seine Nachwelt. Und so soll, so will ich malen? Kampf gegen Windmühlen und heute erneut die Frage, ob ich Sebastian entgegengehe oder nicht. Vielleicht auf diesem Wege gleich einen von seinen Pullovern anziehen. Sie sind riesengroß und sollten sich doch leichter überstreifen lassen als meine engen Klamotten. Ein Flugzeug dröhnt über das Haus. Das Futterangebot im Restaurant scheint bereits wieder nachzulassen. Die verfressenen Gäste werden aktuell zweimal täglich gefüttert. Und selbst das reicht nicht.

Die Zeit fließt an mir vorbei, es fehlt immer noch das Konzept für die Beine, die es nachträglich am Eichelhäher anzubringen gilt. Das Foto gibt keinerlei Auskunft über Anatomie noch Federverlauf. Unscharf. Unscharf und keine Beine.

Warum sage ich das? Mich selbst aufhalten, von der Arbeit abhalten… Um bei diesen Worten gerade das Gefühl zu bekommen, kurzfristig das Bewusstsein zu verlieren. Aber es bleibt beim Vorbeben, bei der Vorahnung. Kein Aussetzer. Beide Hände klimpern; zumindest so viel, wie es ihnen gerade noch möglich ist. Ich kann nicht denken. Habe ich aufgegeben?

Ein 13-Minuten-Resümee: ich kann den Pinsel nicht halten, die Wasserflasche ebenfalls nicht aufschrauben, muss mein marodes Gebiss dafür herhalten, in der ständigen Sorge, mir irgendwo die nächste Ecke abzubrechen. Was mache ich? Die Augen sind müde, der Körper möchte dösen. Aber ich muss doch… Ich sollte doch… Und wenn ich nichts… Dann…
Schwer seufzen. Die Gitterstäbe meines Käfigs rücken näher und näher, die Wohnküche wird zur Voliere und ich bin darin das ausgestellte absonderliche, verkrüppelte Exponat. So wie die Schwaden vom Räucherstäbchen zieht auch mein Leben gerade an mir vorbei. Nichts ergibt Sinn. Alternativlos, um dieses schöne Wort auch einmal auf meiner Zunge zergehen zu lassen.

Kurzfristig abdriften in die Dissoziation. Der nächste Ansatz, ein weiterer Versuch… Wie oft war es schon so in den zurückliegenden fünf Jahren? Seit meine Rechte Sperenzchen macht? Dieses Hoch und Runter? Das war auch Brigittes Resümee über meinen Zustand die zurückliegenden zwei Jahre Therapie mit ihr. Nein, eigentlich sind es schon mehr als nur Zwei.

Alles wertloser Wörtermüll…

HALT DEINE DRECKIGE FRESSE!!

10:03
Eine halbe Stunde mit Nichts zugebracht und nun endlich der Beschluss, zu kapitulieren.

Vielleicht geht es ja nachmittags besser…

Wer’s glaubt, wird selig. Und nun? Wie wäre es mit einer hübschen Fressattacke heute im Laufe des Tages? Fressen, Kotzen, erneut so dumm sein zu glauben, ein neues Skalpell würde tiefer schneiden als eine ebenso neue Rasierklinge, allerhand Substanzen einwerfen, damit variieren, experimentieren, um endlich den richtigen Rauschcocktail für mich zu finden.

Wie bereits gestern zu Brigitte gesagt, ich kann mir nicht mal in Form einer Imagination vorstellen, gewisse Personen mit drastischen Fragen zu konfrontieren. Dahinter steht wie so oft bereits das Auffangnetz. Oder besser gesagt bereits davor, komme gar nicht so weit, erst die Dinge anzusprechen und mich dann mit meinen Standardstrategien zu bestrafen. Die Bestrafung steht gleich am Anfang, noch vor jeglicher Aktion. Gedanken reichen aus, schon werde ich gestoppt.

10:45
Mal eben hastig die Speisepläne geschrieben. Den Heizi unter den Arm klemmen und aufs Sofa. Ob bereits mit Abschuss oder ohne… Keine Ahnung.

16:21
Sebastian gab mir gestern das Headset für sein Tablet; erstaunlicherweise funktioniert dieses nun problemlos mit dem Diktierprogramm am Notebook. Um WAS zu sagen? Dass ich mich hasse? Verachte? Dass ich sterben will und dieses Leben einfach nur noch satt habe??!!

Nichts funktionierte, nichts funktioniert. Er hatte mir sogar seine große Weste vorbereitet, den Reißverschluss unten bereits ein Stück weit geschlossen. Ich vermochte dieses riesige Stück Stoff nicht überzustreifen, weil ich meine beschissenen Arme nicht heben kann! Und so ging es fröhlich weiter, mit allen anderen Dingen, die es noch zu erledigen galt. Mir selbst das Stativ aus Versehen auf den Kopf gehauen und am liebsten, vor lauter Zorn, hätte ich mir das Ding noch einmal, aber dann richtig kräftig über meine beschissene Birne gezogen!! Der Ausflug kurz und eine Katastrophe. Ich versuchte meine Gefühle auf Video zu bannen, aber ich hielt meinen Anblick nicht aus!! Dazu war es zu kalt, ich hatte zu wenig an und dachte die ganze Zeit lediglich diesen einen Satz: „Alleine kann ich die nächsten Monate das Haus überhaupt nicht mehr verlassen!“. Da ich scheinbar jemanden benötige, mich an- und auch wieder auszuziehen. Bei der Rückfahrt hatte die Kälte ganze Arbeit geleistet, beide Beine spastisch dermaßen verkrampft, es schmerzte so bestialisch, dass ich zusehen musste, wieder nach Hause zu kommen. Dort unfähig, die Beine zu strecken, aufzustehen oder derlei „Akrobatik“. Ein weiterer Gedanke bereits während der Rückfahrt: „Sobald ich zu Hause bin, werde ich mir auch noch Psychopax obendrauf schmeißen!!“. Das Fläschchen bereits in der linken Hand, aufgeschraubt, und eine volle Dosis Tramal schon direkt nach meiner Ankunft hier eingenommen. Zumal kaum das Haus betreten (befahren), Aggressionen sondergleichen. Rumpelstilzchen wetterte gegen mich, ich wetterte gegen die Katze und gegen Gegenstände, die nicht so wollten wie ich. 25 Tropfen von den Benzos. Sie brennen scharf auf der Zunge. Und nun auch noch den letzten Gedanken zum Besten geben: „Neue Rasierklinge oder eben wie angekündigt mich wieder einmal an einem Skalpell versuchen!“. Die Hände eiskalt. Ich weiß nicht, wann Sebastian nach Hause kommt. Fährt er direkt nach der Arbeit mit meiner Mutter zum Einkaufen oder kommt er vorher noch nach Hause? Zudem habe ich erneut vergessen, für wann die Therapie für heute angesetzt war. 17:00 oder 18:00 Uhr? Dazu würde ich den Kalender benötigen, aber einfacher ist es, zur jeweiligen Uhrzeit kurz bei Skype vorbei zu sehen. Müsste nur aufstehen, müsste nur kurz ins Schlafzimmer fahren und aus einem meiner Verstecke die Skalpelle holen. Das große Tuch aus der Rollatortasche und einen Verband… Der Abend ist noch lang (und das gerade aus meinem Munde); erst das Material von vorhin sichten und mich mit ziemlicher Wahrscheinlichkeit damit noch richtig schön anheizen können. Warum bin ich so eine hässliche, fette, unbrauchbare und vor allem wertlose Fotze? Die spartanischen Reste rationales Denken genügen nicht, um die Ambivalenz zwischen Rumpelstilzchens Satz, mir sei nichts passiert, und zugleich Protest, ich würde meine Familie zerstören, würde ich nachfragen, nachforschen. Bitte Drogen, stellt mich ab. Denn meine Rechte beginnt zu klimpern und tief in mir wird das nächste Paniksüppchen gekocht.

17:08
Sebastian hat anrufen, gefragt, ob ich denn noch etwas bräuchte, und würde nun gleich sich mit meiner Mutter im Supermarkt treffen. Bei der Gelegenheit Skalpelle, Tuch und Strumpf besorgt. So viel Zeit wird mir wohl bleiben, aber vermutlich werde ich wieder sehr, sehr enttäuscht sein. Zweierlei Sorten: eine abgerundete Klinge und eine spitze. Der Runden den Vortritt geben, aber die Haut ist total trocken, kalt und mit Schorf überzogen. Beinahe ist es, als würde ich den Pinsel zwischen den Fingern halten. Wo fange ich an? Hätte besser zu Beginn den Arm heiß baden sollen, die Wunden aufweichen, die Haut weicher machen…

Der 1. zaghafte Kratzer; lässt sich nicht mit einer neuen Rasierklinge vergleichen. Dazu kommt nun doch der Zeitdruck. Die Schneide bleibt an den Verkrustungen hängen. Viel fester andrücken, aber immer noch um einiges dicker als eine Klinge…

Nach 7 Schnitten ist Schluss. Die nächste Packung aufreißen. In meinen gesendeten E-Mails an mich selbst mittlerweile gesehen, dass die Sitzung erst in einer Stunde stattfindet. Nächster Anlauf… Es mangelt an Jähzorn, wie zuvor. Der 9. Schnitt sieht verhältnismäßig am besten aus.

Feige Sau!!

Warum so wehleidig? Das Blut läuft wenig motiviert eiskalt den Arm hinab. Die letzten Schnitte mit derselben Intensität mit einer neuen Rasierklinge durchgeführt, das hätte dann wenigstens ein bisschen mehr zu klaffenden Wunden geführt. „Klaffend“… Immer im Rahmen meiner mir lächerlichen Möglichkeiten. Mittlerweile vergessen, wie viele Schnitte es sind. Bei vermutlich 24 Schluss machen. Ich spüre ziemlich enttäuscht wenig bis nichts von den konsumierten Substanzen. Müsste ich etwas essen? Müsste ich mehr einwerfen? Am besten querbeet, alles, was mir zur Verfügung steht? Da wären noch das Gewacalm, Temesta, Praxiten, Hydal… Und jede Menge anderer Antiepileptika. Ich fühle mich plötzlich schlecht und schuldig. Die Panik kocht über, zwecks Heimkehr von Sebastian und Anruf von Markus. Ich müsste noch irgendetwas tun, um endlich einen Rauschzustand zu erreichen. Das kann doch verdammt noch mal nicht so schwer sein?… Meine Tablettendose suchen. Gilenya und Lioresal und Hydal 2 mg Retard.
20:20
Das Gespräch hinterließ Spuren, Logik, die aber keine Daseinsberechtigung haben darf. Wäre er bloß noch oben geblieben… heißes Wasser, neue Rasierklinge und endlich abgedriftet. Aber so? Nein…

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30. Oktober 2017, Montag

8:31
Meine Mutter hat gekocht, ich wenig davon gegessen, aber nichtsdestotrotz… 0,7 Kilo mehr, 59,3 um 6:45 Uhr. Ich habe mich beschimpft, weil ich so undankbar bin, war; es hat mir nicht geschmeckt, mir wurde regelrecht schlecht davon. Je weiter meine Aversionen und vermeintlichen Neurosen untersucht, regelrecht seziert werden, umso weniger ertrage ich gerade Lebensmittel, die für mich auf irgendeine verschrobene Art und Weise negativ behaftet sind, und, wie seltsam das klingen mag, über sieben Ecken etwas mit Sexualität zu tun haben. Markus sagt dann immer, zu essen sei ja ein lustvoller Akt. Also wäre das gar nicht so verschroben. Wer weiß, was ich in den Mund nehmen musste??? Ich schmeckte in dem Gericht lauter Sachen heraus, die für mich mit dem Gasthauskühlschrank (zwangsläufig) und der Küchenspüle und dessen Abfluss in der Küche meiner Mutter zu tun haben. Die wenigen Worte reichen, ich bekomme diese seltsamen „Ekelneuropathien“ im linken Unterarm. Es brennt, es tut weh, und fühlt sich an, wie die Krämpfe in den Beinen. Der Arm, oder mitunter beide, verkrampfen, der Körper will sie zurückziehen, an sich heranziehen. Soll ich mir nun ernsthaft einreden, das sei ein MS-Symptom? Und direkt beim Thema angelangt… Bin ich selber schuld? Ist es meine psychische Verfassung, meine Überdosen, die im Vergleich zu manch anderen Patienten selbiger Störung Kinderkacke darstellen; da hat Markus völlig recht. Ich bin so schwach. Meine Arme lassen sich nicht heben. Das Gehen fällt schwer. Und wie sich das Malen in den nächsten 2 Stunden gestalten wird bleibt vorerst ein Rätsel. Hat die Trägheit der letzten Tage etwas damit zu tun? Kann man so massiv abbauen, wenn man nicht jeden Tag trainiert? Auch heute Nacht im Traum versuchte ich zu laufen und schaffte eine halbe Stunde. Ganz vorsichtig, aber der Körper fühlte sich stabil an und nicht danach, mich jeden Augenblick zum Straucheln und Stürzen zu zwingen. Es war so schön und hingegen surreal, aufzuwachen und mich nicht umdrehen zu können. Muss ich lediglich mehr Geduld aufbringen, wie so oft warten, abwarten, mir selbst einredend, wie ein Mantra, es würde wieder besser werden, so wie es immer im Rahmen der Möglichkeiten besser wurde? Mich auf das nächste Wintertief einstellen, wie bereits vor einem Jahr? Auf Monate, eine Durststrecke, auf Hoffnungslosigkeit, Verzweiflung und keinerlei Licht am Horizont? Auf noch mehr Fragen, mit denen ich mich selbst konfrontieren werde, werde müssen, wieder die leidige Frage, ob Schub oder nicht Schub, Krankenhaus oder Abwarten… Ich mag nicht mehr. Gestern einige Artikel über meinen Dachschaden gelesen, wollte wissen, welches Medikament aktuell den Stein der Weisen darstellt. Ist es Gilenya? Um zu lesen, dass auch Fingolimod, und nicht etwa nur Tysabri PML auslöst. Zu Sebastian, wieder einmal schön geschmacklos: „Das war doch fein, wenn mich die Medikamente dann wenigstens umbringen!“.

Die Sonne scheint, scheint nicht. Gehe ich Sebastian entgegen, muss lediglich später als gewohnt aufbrechen? Weil zu erwarten ist, dass ich frühzeitig zusammenbrechen werde?
Weisen meine Texte eigentlich mehr Fragezeichen als Punkte auf? Und jeder meiner bis dato gesetzten Pinselstriche ist mehr oder minder wertfrei. Musik oder Zoo, irgendeine Ablenkung, um nicht ständig einer Dissoziation anheimzufallen, mit Blick starr nach draußen, um mich endlich zu konzentrieren… Obwohl alles verhältnismäßig schwer fällt. Das nächste unabgeschlossene Bild?…

10:48
2 Stunden gemalt und nun mit eiskalten Händen vor dem Heizstrahler hängen. Ich weiß nicht, wie ich mich, was ich anziehen soll, um nicht zu frieren. Auch dahingehend mich weiter in die Materie eingelesen. Kommt das Morbus-Raynaud-Syndrom von der MS oder hatte ich zuvor schon eine Gefäßschädigung oder Verengung?

Was soll der ganze Scheiß?! Dir wird keiner mehr helfen!!

Fürchterlich zusammen fahren, als erneut einer der Tiefflieger gegen eine der Scheiben knallt. Selbst wenn die Finger rechts klimpern, Null Antrieb. Nichts als ein starrer Blick nach draußen. Sonne, Wölkchen. Nebenbei wird es 10:53 Uhr. Brigitte kommt um 14:00 Uhr, für meine Begriffe der Raum wieder ein einziger Saustall.

Ach ja, ich habe mir bei unserem Ausflug neue Schuhe fürs Spazieren gekauft. Ob das ein Fehler war? So wie ich das Grippband vom letzten Ausflug nach Oberwart noch nicht an den Griffen angebracht habe. Reicht der Pulli?

14:59

Die war aber froh, dass sie endlich gehen konnte!!

Kopfschmerzen. Dezent Herzrasen. NICHTS UND WIEDER NICHTS; das hätte ich zuvor geschrieben, wenn ich es noch an den Computer geschafft hätte. Beim Zähneputzen wanken wie eine Besoffene. Im Zwiespalt gefangen, aufs Laufband zu gehen oder doch raus an die frische Luft. In die Schuhe schaffte ich es noch, aber nicht in die Jacke. Ein minutenlanger Kampf… Um an dessen Ende die Jacke vorne wieder mit den Druckknöpfen NOCH mit dem Reißverschluss verschließen zu können. Ich schaffte es noch bis vor die Tür, wenige Schritte die Rampe runter, um dann umzukehren. ZU kalt und ich ZU instabil, zudem ohnehin unfähig, einen Fuß vor den anderen zu setzen. Also wollte ich das Laub vor der Eingangstür wegfegen, damit nicht alles ins Haus kommt… Aber ich vermochte nicht den Besen zu halten. Ich vermochte nicht, die Jacke auszuziehen, und dann im Wohnzimmer nicht das Staubsaugerrohr zu halten, um wenigstens ein bisschen sauber zu machen für den Termin. Als Sebastian nach Hause kam, lag meine Jacke direkt vor der Tür (ich vermochte nicht sie aufzuhängen), wie auch der Staubsauger vor der Wohnzimmertür mitten im Raum lag. Nichts. Einfach nur nichts geht. Mir selbst die Schuld geben, der Krankheit die Schuld geben… Es ist doch alles scheißegal, das Ergebnis bleibt ident. Zu allem Überfluss kommt jetzt auch noch die Sonne und beleuchtet das bunte Spektakel in den Bäumen ringsum. Wohin mit mir? Erneut den Versuch starten, zumindest ein bisschen weiter zu arbeiten? Oder ans Video? Oder aufgeben, mich völlig abschießen und schlussendlich eine nagelneue Rasierklinge aus ihrem Kuvert packen. „Du bist wieder in deinen alten Mustern gefangen.“, Brigittes Bemerkung zu meinen konfusen Erzählungen. Mittags eine volle Dosis Tramal, gerade eben nach der Sitzung der nächste Schuss. Mich hinlegen, schlafen. Die Rechte klimpert, während sie sich viel zu schwach an die linke Armstütze klammert. Rausfahren wäre schön… Aber ich kann mich allein nicht anziehen, wie heute Mittag gesehen. Die Arme lassen sich kein bisschen heben. Die Depression breitet sich wieder aus. Der Anblick der Landschaft schmerzt. Ich verachte mich, ich hasse mich, ich will nicht mehr. Alles in mir blockiert mich; selbst wenn es nicht einmal von der Lähmung her zu Komplikationen käme. Ich probiere es nicht einmal.

Obwohl… Probeweise einen der Pinsel in die Hand nehmen. Könnte es funktionieren? Wieder sind 14 Minuten verstrichen, ohne Inhalt. Kindheitserinnerungen. Auf eine Hitzewallung und der Hoffnung beim Mittagessen, Fieber zu haben und DAMIT meine Ausfälle erklären zu können, folgt nun eine weitere Kälteattacke, ausgehend von meinen Händen, die einer Leiche würdig sind. Draußen am Ast vom Restaurant klebt die Feder einer Kohlmeise und bewegt sich sachte im Wind. Ich will mein Leben zurück. Will wie im Traum meine Laufschuhe anziehen und los rennen. Von mir aus ins weiße Licht. Brigitte meinte, ich wäre heute anders. Eher depressiv, aber dabei auch unterschwellig aggressiv. Ich habe dem nichts hinzuzufügen. Außer vielleicht eine Rasierklinge… Und es wird sonniger und sonniger, die Schatten länger und länger, wie lautlose Gestalten wandern sie über die Wiese. Mir fehlen die Worte, selbst dafür bin ich zu dämlich!

Du beschissener Krüppel!!

Wie wahr, wie wahr. Aber die Katzen nerven; eine will raus und schreit und die andere will rein, um dann zu schreien. Ich halte das alles nicht aus! Wie auch, wenn ich mit mir selbst schon überfordert bin!!

15:47
Aus dem Augenwinkel stach mir die Blisterpackung Temesta ins Auge, rechts auf meinem Tisch in dem kleinen Karton. Zwei Stück geschluckt. Mich nervte, dass Martha vor der Terrassentür schlief und wartete, ins Haus gelassen zu werden. Sie schreckte alle Vögel ab. Nun sind beide Damen im Haus und ich habe nebenbei riskiert, mir den Hals zu brechen, indem ich mich vorsichtig zum Vogelrestaurant gehangelt habe, um erst einmal die Platte sauber zu machen, also Futter und Dreck mit dem Handbesen zusammen zu fegen und dann frisches Futter zu verteilen, Wasser inklusive. Jetzt im Abendlicht ist alles voll mit Vögeln. Größtenteils Kohlmeisen, an zweiter Stelle Blaumeisen und Kleiber und als Schlusslicht Sumpfmeisen. Was für ein lebendiger Anblick, was für ein wunderschönes Treiben und perfekte Kulisse für meine Dissoziationen, um eben wie schon mehrfach erwähnt mit starrem Blick zur Terrassentür hinaus zu schauen und nichts zu denken. Ich spüre einen leichten Rausch, während Fine wieder zu schreien beginnt. Ich will keine Haustiere mehr. Will nichts, das etwas von mir fordert, keine Verantwortung übernehmen müssen und sagen dürfen: LASST MICH ALLE IN RUHE!! Und wie die Jungbirken glühen im beginnenden Abendrot. Ob ich nach der Anstrengung jetzt noch malen kann? Viel zu viel Zeit scheint vertan…

29. Oktober 2017, Sonntag

11:14
58,6 Kilo um 9:30 Uhr. Auf dem Tisch, auf der Leinwand nichts als Unordnung. Müdigkeit und konsumierte Stoffe beeinträchtigten erneut massiv meine Sehkraft. Alles in der Glotze wurde verdoppelt. Und Sebastian… Wie immer, wenn er eine Zeitangabe vorgibt, in etwa einen Zeitrahmen, wann er wieder Zuhause sein wird, dann wird es viel später. Und es wurde nach alter Zeitrechnung 4:00 Uhr. Ich machte mir Sorgen, und einmal, es war etwa 2:00 Uhr, kam ich vom Sofa nicht hoch, hatte mich seitlich auf die großen Kissen gelegt und vermochte nicht, mich wieder aufzurichten. In meinem Traum sah ich Bilder aus dem Zweiten Weltkrieg, abgetrennte Köpfe, die in einen Trinkwasserbrunnen geworfen wurden, um vom viel späteren Besitzer des Hauses (in dem Fall ging es wieder um jenes von Soma, schön eingebettet und versteckt im Wald) bereits als Schädel mit einer Lampe im Brunnen in Szene gesetzt zu werden. Unheimlich. Wie auch der Sturm, der eigentlich angekündigt war, und im Traum eine schwarze Wolke war, die an ihren Rändern wie die Arme einer Krake wirbelnde Ausläufer hatte. Bedrohlich zog sie über uns hinweg, um abrupt zu stoppen, dann kam sie wieder zurück, direkt auf uns zu und ich musste darauf achten, die ganzen Kinder um mich rum, im Haus zu horten.

Die Sonne scheint, der gestrige Zusammenbruch weit weg. Darüber nachzudenken führt lediglich zu einem Hohlraum in meinem Schädel. Und einem dumpfen Gefühl; mehr nicht. Was ist mein eigentliches Problem? Dass ich im Laufe des Tages nicht behaupten kann: „So, JETZT habe ich Lust auf Malen!“? Oder Bock auf Training? Entweder, weil ich mich selbst in mein psychisches Korsett zwänge, oder weil mir meine Hinfälligkeit lauter winzige Zeitrahmen steckt, und werden diese nicht genutzt, sind sie vertan und ich habe Pech gehabt. Nicht ich bestimme, mein scheiß Körper bestimmt!

Der Lichteinfall, der Wind, die vorüberziehenden Wolken… Ich denke ans Laufen. Von Malen unendlich weit entfernt. Von Übungen jeglicher Art ebenfalls.
Selbstmitleid, Verbitterung, wie auch immer man es nennen möchte. Es gibt so viele Menschen, denen es schlechter geht als mir, wird mir immer wieder vorgehalten, vorgeworfen. Aber es gibt genauso gut noch viel mehr Menschen, denen es besser geht. Ist es Selbstmitleid, wenn ich beim Anblick eines Läufers von Neid zerfressen werde? Aber da wären wir schon wieder in der Selbstanalyse, mir reicht es, die Schnauze voll, vor mir selbst immer wieder ins Gericht zu gehen zwecks Aussagen einzelner, die im besten Fall von einer Situation wie der meinigen einen Scheißdreck wissen, scheinbar auch noch gesund sind und sich anmaßen, den Moralapostel zu spielen.

Licht, Schatten, Licht, Schatten, die Arme hängen links und rechts schlaff am Rollstuhl herab. Die Finger strecken. So weit es eben geht. Kopfschmerzen und nach dem Frühstück lief wieder Wasser aus dem linken Nasenloch. Die Zeit verstreicht schon wieder, gnadenlos, läuft mir davon und lässt mich tatenlos zurück. Ehe die Farben wieder austrocknen…

28. Oktober 2017, Samstag, „19 Jahre“…


15:29
Es folgt eine „Copy-and-Paste-Orgie“…

Ich hasse mich.
Ich hasse mich.
Ich hasse mich.
Ich hasse mich.
Ich hasse mich.
Ich hasse mich.
Ich hasse mich.
Ich hasse mich. Ich hasse mich. Ich hasse mich. Ich hasse mich. Ich hasse mich. Ich hasse mich. Ich hasse mich. Ich hasse mich. Ich hasse mich. Ich hasse mich. Ich hasse mich. Ich hasse mich. Ich hasse mich. Ich hasse mich!!!!!!!!!!!!!!!
Im Bett ab 6 Uhr Krämpfe, um 8:30 aus dem Bett, ins Bad, meine nach Stress und absurderweise Hopfen oder Bier stinkenden Achseln abgeschrubbt, trotz gestrigem Fritteuse-Fressgelage bei Hooters 58,4kg, aufs Sofa, wo er mich anzog, mit dem Rollstuhl zum Auto, mit dem Auto nach Fürstenfeld zum Supermarkt, Rollstuhl, Auto, Rollstuhl, Sofa… und dort verharre ist seit 10:45, verdammt!!!! Weder Gesicht gewaschen, weder Zähne geputzt, weder irgendeine Form von Bewegung, NOCH IRGENDWAS GELEISTET, ICH FAULE, STINKENDE, FETTE DRECKSAU!!!!!!!!!!!!!! Und das BESTE: Ich stank gestern den LIEBEN LANGEN TAG, obwohl ich mich morgens UND vor der Fahrt noch einmal abgeschrubbt hatte, um heute gleich NACH dem verzweifelten Abrubbeln WIEDER ZUM HIMMEL ZU STINKEN!!! Wie ein besoffener, alter, ekelhafter, ungewaschener Kerl mit zu viel Bier intus und im Dauerdelirium wohl stinken wird. Woher ich das weiß? Verdammt, ich bin mit solchen „OPFERN“ tagtäglich um mich rum aufgewachsen!!!

Wie sich das anfühlt? Als sei ich eine monströse Katastrophe, hätte aufgegeben, alles, und wolle mein Dasein nur noch stumpfsinnig und völlig verblödet vor der Glotze verbringen, um dabei zu fressen und fetter und noch fetter und abstoßender zu werden!!!

Klar, der Tag gestern war lustig, schön… Doch dann kam die Sonne, der Himmel brach auf und blutete die ganze Heimfahrt. Um mich mit den nicht mehr zählbaren Fahrten zum Krankenhaus Oberwart konfrontiert zu sehen, all diesen durchquälten Jahren, die ich zusammengerechnet dort verschwendet habe, all den Heimfahrten gen Süden, diesem quälenden Abendrot entgegen, all den Überlegungen, zu beschleunigen und gegen einen Baum zu rasen…!!!!

Zusammensacken. Ich krieg die Hände nicht auf, krieg die Arme nicht gehoben, kann kaum gehen…

SELBSTMITLEID!!!!!

Zur Tablettendose greifen. Die Schnauze voll. Unbeweglich; um nachts im Traum wieder gelaufen zu sein, so einfach. Damit mir Markus bei der Sitzung heute Abend ernsthaft erneut erzählen will, das würde ich mit seelischer Heilung GANZ SICHER (und davon ist er überzeugt) ALLES wieder können!!!!
SO EINE ÜBERDIMENSIONALE SCHEISSE!!! ICH KANN SCHON NICHT MAL MEHR MIT EINEM FINGER TIPPEN!!!! 2,6 Hydal, 5mg Benzos. Will nicht mehr malen, nicht mehr am Video arbeiten -ist doch ohnehin nichts andres als dämliche Selbstdarstellung, will das Musikprogramm und dazugehörige, nagelneue Keyboard verkaufen -kann doch sowieso nicht mehr Klavier spielen, konnte es nie, zudem zu unkreativ, ZU BLÖD für das Programm!!!!

Nun alles gesagt?
Nein!!! Die Therapien abbrechen; führen doch ohnehin nirgendwohin, Zeitverschwendung der Therapeuten!!!

Nie wieder aufstehen, hier verrotten!!!

Depressiv, zwecks fehlender Tagesroutine? Die Selbstanalysen satt!!! Mir wird schlecht davon!!!

18:21
Noch aggressiver wurde ich, als ich mich ins Bad schleppte, um mir den Pullover auszuziehen, der mit seinen scheiß Synthetikfasern das Stinken erst recht forciert, mich dieses Mal mit einem Frotteewaschlappen und zweimal hintereinander mit unterschiedlichen Duschgels abgeschrubbt, Sport-Deo… und IMMER NOCH DIESER MIEF!!! ICH HASSE MICH UND STINKE ZUM HIMMEL!!!!
Beinahe umgefallen…

JA,LOS, DU STÜCK KACKE!
SCHLAG DIR ENDLICH DEN SCHÄDEL EIN!!!!!

Nichts funktioniert. Die Rechte wie die Linke, von der ich gar nichts andres mehr erwarte, zur spastischen Faust verkrampft, unbrauchbar.
Nochmals zum Gilenya 40 Tropfen Tramal, weitere 2,6 Hydal. „Schwimmen“ in einer warmen Brühe…

21:02
Die Arme wunderbar, perfekt aufgeheizt. Ich allein. Gut durchblutet, weil ich mir zwei Stunden lang die Augen aus dem Kopf geheult habe? Zwei Stunden lang von einer Selbstbeschimpfung in die nächste Sterbefantasie, und von dort aus direkt in die Panikattacke gehetzt wurde? Rumpelstilzchen mich zur Sau machte, und wie jetzt auch die Kehle zudrückt? Ich muss, ich soll mehr schlucken, spüre nichts mehr vom Rausch. Soll, muss mich aufschlitzen.

21:29
Eine Katze raus, die andre rein, Tuch, Rasierklingen und Bonbons mitgebracht. Das Diktierprogramm funktioniert nicht. Noch ein Gewacalm, Panik, Kopfschmerzen. „Wir sind heute ein gutes Stück weitergekommen.“. Ich kann, ich DARF das nicht glauben. Die Klinge auspacken… Egal, ob er michdabei erwischen könnte oder nicht…

21:52
20 Schnitte. Die Klinge hinüber. Schwerer, immer schwerer atmen. Der Rausch jedoch beeinträchtigt vom Umstand, erst den Verband, dann die Stulpe nicht überstreifen können. Depressiv. Nichts ergibt mehr einen Sinn.

27. Oktober 2017, Freitag

8:34
59,1 um 6:45 Uhr. Die Hände, die Arme, der gesamte Körper zittert vor Schwäche, als ich vor der Leinwand stehe und versuche, für eine Zeitrafferstudie den Eichelhäher zu fotografieren…

Und das ist erst der Anfang, meine Liebe! Der Anfang vom Ende!

Die Stoppuhr starten, 1078:16 Stunden. Das Licht draußen verfrachtet mich schnurstracks ins Gymnasium, in diesen langen Tunnel, der früher einmal die direkte Verbindung zur Hauptschule gegenüber war. Und jetzt vielleicht auch wieder ist. Dieser Schlauch, der nur aus Fenstern besteht, 1998, selbe Jahreszeit, die anderen haben Sport oder eine Schularbeit und ich Freistunde. Sitze dort ganz allein auf einem der Heizkörper, den der Schulwart wegen dieser Unsitte mit einem Holzkorpus verkleidet hat, um nun drauf sitzen zu können, ohne das Gerät zu beschädigen. Ich sitze da und schaue hinaus auf die Felder gegenüber. Der Herbst geht zur Neige. Einen Collegeblock auf dem Schoß, oder mein Tagebuch. Ich schreibe dunkelschwarze Gedanken zwischen die Zeilen, ich zeichne sich krümmende, deformierte Gestalten aufs Papier. Tränen aus Blut. Depressiv. Schwer depressiv. Die Diagnose ein Mikrotraumata? Oder der zu erwartende Gemütszustand vor meinem seit mindestens zehn Jahren geplanten Selbstmord? Nun bin ich 18, der Geburtstag „gefeiert“, vorbei, die Deadline überschritten, und verdammt noch mal, ich bin immer noch da! Zugleich bin ich müde, diese beschissenen Spritzen. Aber morgen, morgen werde ich diesem Unbekannten meine Liebe gestehen. Das weiß ich jetzt noch nicht, denke jetzt noch nicht darüber nach.

Ich weiß es nicht mehr… Hat es mich damals einfach so überkommen? War es in der Schule, am Schulcomputer in der Aula oder Zuhause bereits an meinem eigenen PC, ganz frisch mit Internetzugang?

Wenn ich weiter darüber nachdenke zieht es mich hinein in die damals gefühlte Schwermut. Denke ich doch auch jetzt an nichts anderes, als mich umzubringen. Sebastian arbeitet nur vormittags, Mittags fahren wir sofort weiter nach Oberwart, eine gemütliche Shoppingtour machen, hat er gesagt. Und vorweg essen gehen. Das gemeinsame Essen auswärts, und nur wir zwei und sonst niemand. Was er mir noch von meinem Geburtstag schuldig geblieben ist. Aber jetzt… Zoo oder Musik?

11:35
Mich für die Zoosendung entschieden und gleich durch mehrere Todesfälle durchgearbeitet. 2 Stunden gemalt, vier Physioübungen, 80 Kniebeugen am Waschbecken. Das Handy auf dem Rollator mitzunehmen, um aufs Laufband zu gehen, hätte ich mir sparen können. Das Gehen fällt ungemein schwer, die Kniebeugen waren bereits eine halsbrecherische Aktion. Mieke soeben Arbeit zurückgeschickt, den Text der Nachricht gegen Ende nicht mehr tippen können. Und da fällt mir auch ein, worauf ich gestern Abend gekommen bin, nachdem ich es in unserem Gespräch bei Tee thematisiert hatte. Die Panikattacken, wenn Sebastian nach Hause kommt, von oben runter kommt, haben vermutlich doch nicht so viel mit seiner Person zu tun, aber definitiv damit, dass dieses Erscheinen in irgendeiner Form immer ein zeitliches Ende markiert. Mittags, dass der Vormittag für die Arbeit am Bild, für Training vergeudet ist. Und abends stellvertretend dafür, dass der ganze Tag futsch ist! Ist doch der Verlust von Zeit mein schlimmster Feind…

Wie oft hatte ich diesen AHA-Effekt? Wie oft schon darüber unnötig Worte verloren, Seiten voll geschrieben, und es wieder vergessen?

Ich bin müde und hätte mich nach der Arbeit am liebsten noch einmal kurz hingelegt. Wer weiß… Vielleicht kommt es zu einem Unfall, vielleicht sterbe ich heute… Ein netter Gedanke und beste Voraussetzungen, den Ausflug mit Sebastian „zu genießen“.

Und ich fühle mich bemüßigt, noch eine Sache anzumerken, die Markus immer wieder zu wiederholen pflegt: „Blutige Tränen… So etwas malen und zeichnen nur Missbrauchsopfer!“. Wenn es so einfach wäre…

26. Oktober 2017, Donnerstag

 

13:06
Die Sonne leuchtet durch eine weiße Dunstglocke, es ist mild, angenehm, die Terrassentür nach Füttern der Vögel sperrangelweit offen, damit wieder tausende Marienkäfer ihr Winterquartier im Haus beziehen können. 58,9 Kilo um 8:30 Uhr. Nach dem Frühstück auf dem Sofa kleben geblieben, eingeschlafen, bis jetzt. Ich versuche den inneren Kampf zu unterdrücken, zu ignorieren, nicht dahingehend hochkochen zu lassen, und den nächsten Tag mit Tabletten vollgedröhnt in die Tonne zu treten. Markus zeigte sich gestern im Gespräch ziemlich besorgt. War auch nicht zu überhören, in was für einer Verfassung ich mich befand. Mittags fragte Sebastian bereits, was ich wieder geschluckt hätte. Ist das so offensichtlich oder könnte es nicht auch eine simple Depression sein?

Der Tag begann mit einer kleinen Katastrophe. Ich verstehe es nicht, ich kann und will es nicht verstehen, um erneut das Wort „fair“ zu bemühen. Es war Punkt 7:00 Uhr, draußen war es noch dunkel, er schlief noch fest und ich erwachte mitten aus meinem Traum. Ein Druck in der Blase, um mich in der nächsten Sekunde anzupinkeln. Ich versuchte verzweifelt, meine Hand unter meinen Hintern zu schieben, damit die Matratze im besten Fall nichts oder so wenig wie möglich abbekäme. Sebastian geweckt, er besorgte ein großes Badetuch, das er mir unter mein nasses Gesäß montierte. Durchaus gab es die Überlegung, aufzustehen, aber ich war zu müde. „Da ist überhaupt nichts im Beutel!“, stellte er fest. Ich drückte den Katheter ein paar Millimeter tiefer unter die Bauchdecke, plötzlich lief der Urin. Zumindest ein bisschen. Also erst nach 8 aus dem Bett gekrochen. Ich wage es nun kaum auszusprechen, dass meine Beine sich besser anfühlen und ich in Erwägung ziehe, spazieren zu gehen. Die Mittagsdosis einwerfen und dann… Mir eigentlich nichts mehr erwartend. Im Süden ertönt immer wieder eine Sirene. Apropos: Oberhalb dieses Schwelbrandes in mir ist gerade einfach nur nichts, der Kopf völlig leer, vielleicht die Restwirkung aller Medikamente. Nur nicht untertauchen, abtauchen, eintauchen, absaufen…
20:30
Erste Panikzustände beim Warten auf das Öffnen der Tagebuchseite. Und plötzlich läuft mir die Zeit davon, das Schnäuzen von ihm hinten in der Wanne setzt mich noch mehr unter Druck. Dabei lief es doch so einigermaßen bis jetzt, als Mieke gerade ging das Gefühl, der Gedanke, ich fühle zufrieden, wohl. Und… Aber… Schon die Ermahnung, es darf mir nicht gut gehen.

Gestern unerwähnt gelassen, was mittags passierte. Ich auf dem Weg zum Sofa, stand da, wollte den Hocker verschieben, kippte um, mit tatkräftiger Unterstützung der Beruhigungstabletten, um so beschissen auf dem Gestänge vom Rollator zu den Hinterreifen zu landen, auf meiner fetten Wampe, dass ich keine Luft mehr bekam, ganz zu schweigen von den Schmerzen und dem Umstand, minutenlang nicht an den Notrufknopf heran zu kommen. Irgendwann, endlich, der Kasten neben der Glotze wählte, wer weiß schon, wann er nach Hause gekommen wäre. Aber nichts passierte. 5, 10, 15 Minuten lang. Ich weinte vor Schmerzen, weil sich diese in einer Verzweiflung noch schlimmer anfühlen. Versuchte wieder, wieder und immer wieder, mich umzudrehen, um von dem Gestell zu kippen. Die großen Hinterräder verhinderten es. Ich war nun davon überzeugt, den toten Punkt erreicht zu haben: Nun ist Schluss, aus, ENDE!!! Ich bring mich um!!!

Nach fast 20 Minuten, ENDLICH, schaffte ich es, landete auf dem Boden, als jemand ans Fenster klopfte: „Bianca, wir kommen jetzt! Aber der Code für den Schlüsseltresor stimmt nicht!“. Zwei Zahlenkombinationen wurden ausprobiert, dann kamen die drei Jungs in Rot endlich. „Ihr könnt mich für verrückt halten, aber kann einer vorher ne Aufnahme mit meiner Kamera machen, bitte?“.

Am Video vor dem abendlichen Besuch gearbeitet… WAS BIN ICH FÜR EINE FETTE, HÄSSLICHE, ALTE SAU?????!!!

Man half mir hoch, fragte mehrmals, ob alles in Ordnung sei und fuhr wieder. Minuten später kam Sebastian. Man hatte nicht in der Firma angerufen, wo er doch sein Handy immer ausgeschaltet hat.

Kopfschmerzen setzen ein. Noch mehr Angst. Ich muss jetzt saugen. Ablenkung und -wenn ich es schon nicht in mir drinnen bewerkstelligen kann- so zumindest um mich rum für kurzzeitig Ordnung schaffen. Der Spaziergang hatte erst gut ausgesehen, wurde rasch aber zum Fiasko. Aber Anna, die alte Nachbarin von unten kam mir mit Stöcken entgegen und die Unterhaltung lenkte so lange ab, bis ich keinen Schritt mehr tun konnte…

Fatal: Beim Tippen soeben mich des Psychopax entsonnen und so eine unbändige Lust, mir jede Menge davon einzuwerfen… Doch schon süchtig?

25. Oktober 2017, Mittwoch

8:22
Trotz so gut wie nichts zu essen 59,1, die Beine geschwollen, die Entwässerungstablette der Tropfen auf den heißen Stein… Ging ins Leere. Löste sich die Anspannung gestern nicht sogar in Wohlgefallen auf? Sebastian fragte nach dem Besuch, ich erzählte hauptsächlich vom Gespräch mit Elfie. Er meinte, dass sie sicherlich einige Erfahrung hätte, und das nahm ich zum Anlass, das leidige Thema mit seiner Skepsis ein letztes Mal aufzugreifen. „Sie sagte, es dauert Jahre, bis die Frauen sich selbst vertrauen können! Darum bitte, der letzte Versuch, hör bitte auf meine Gefühle und Träume zu interpretieren. Ich habe mich die letzten Tage total im Stich gelassen gefühlt, völlig allein.“. Er rechtfertigte sich, dass er doch nie gesagt hat, dass er mir nicht glaubt. Ich zitierte seine Worte. Darauf versuchte er mir zu erklären, dass das nicht böse gemeint war, sondern er mich lediglich davor bewahren will, einem Gespenst hinterher zu jagen, damit eine Katastrophe auszulösen und dann geht es mir noch schlechter als vorher. Darauf meinte ich, dass ich das doch ohnehin nicht machen würde. Ganz sicher dauere es eine Ewigkeit, gemäß dem Fall, Erinnerungen tauchen endlich auf, ehe ich diesen vertraue und irgendetwas unternehme.

Damit war das Thema wohl durch. Händchenhalten auf dem Sofa. Um nachts den nächsten Traum zu ernten…

Ich war bei Soma, war erwachsen, war Kind. Auf dem Heimweg wollte ich unten am Ende vom Garten über den Zaun klettern.

[…….]

Ich hatte mich bereits entschieden und sah zu, so schnell wie möglich aus dem Gasthaus zu flüchten, mit dem Fahrrad, nichts wie weg. Obwohl es mir schlecht ging, ich auf meiner Fahrt zu schlingern begann, in einer Bustasche abrupt halten musste, ich vermochte nicht das Fahrrad festzuhalten, mir wurde schwarz vor Augen, fiel selbst unentwegt um. Gleich mehrere Leute hielten, wollten mir helfen, machten sich Sorgen. Ich meinte, das sei nur mein Blutzucker, versuchte eine Birne zu essen, aber nichts half, ich war wie im Delirium und schlussendlich verfrachtet man mich in die Notaufnahme. Wie der Traum dann weitergeht erscheint unwichtig. Irgendetwas mit einem Schulwechsel, das Gebäude nicht barrierefrei, Drachen oder Dinosaurier, die auftauchten, und Angst und Schrecken verbreiteten, ehe sie zu Haustieren wurden und meine Mutter, die mich abholen sollte, und mir so dermaßen auf die Nerven ging…

Schwer seufzen. Und heute… Heute sehe ich mich mit einem Kratzen im Hals konfrontiert. Sodbrennen von den bekloppten Bonbons oder Erkältung/Sinusitis. Mir immer noch vorwerfen dürfen, an der nächst genannten Scheiße selbst schuld zu sein… Wieder oder immer noch keine Feinmotorik. Dass zwei Tage „Vollrausch“ so einen Tsunami nach sich ziehen? Und schon wären wir bei dem Termin mit der Volkshilfe heute in einer Stunde und dem Bedürfnis, das dem vorausgeht. Die Haubenmeise bereits einmal verpasst. Die Kamera liegt vor mir auf der Palette und ich werde dennoch zu langsam sein. Schlecht geschlafen, zu wenig geschlafen. Bis 1:00 Uhr gelesen, bis 2:00 Uhr wach, und dazwischen immer wieder dank Sebastians Schnarchkonzert. Als ich ihn einmal weckte und bat, sich umzudrehen, zur Seite zu drehen, drehte er mich zur Seite. Und sägte prompt weiter. Da darf man sich nun fragen, ob nur ich es bin, die in dieser Partnerschaft dem anderen das Leben schwer macht. Keinerlei Wille zur Änderung, wie zum Beispiel abzunehmen.
Erneut entkommt mir ein schwerer Seufzer. Ich habe keinen Nerv für Besuch. Erst recht solchen, dem ich ständig Anweisungen geben muss. Ich will mich abschießen, aber da ist noch jemand… Oder ich bilde es mir ein, habe es mir von Markus einreden lassen und damit definitiv zu viel Fantasie…

Du kannst doch nicht jeden Tag, auf jede Situation so reagieren…
Abwägen, wie schlimm, wie ausweglos die Situation gerade für mich ist und ohne Frage feststellen müssen, immer leichtfertiger, zu den bunten Pillen zu greifen. Anstatt irgendetwas anzustellen den ganzen Abend mit dem Video zugebracht. Von den vier Aufnahmen war die letzte mehr oder minder „perfekt“. Ich konnte mich leiden, mich aushalten. Mir nicht ganz sicher, ob ich das sagen darf. Auch gestern, als ich von Rumpelstilzchen erzählte, das Gefühl, mein Gegenüber kann sich das nicht vorstellen. Insofern bräuchte ich jetzt Musik, laute Musik. Um mitzusingen, lauthals, bis die Stimme versagt… Mich ganz plötzlich schlecht fühlen, sehr, sehr schlecht und schuldig. Meiner Mutter gegenüber, was sonst. Das hier ist immer nur meine Sicht der Dinge. Ihre würde ganz anders aussehen. Und wer hat nun das Recht zu behaupten, seine Version sei die richtige?

9:42

Plötzlich zu Tränen gerührt. Ich sehe mich das Bewusstsein verlieren, abdriften, die Zügel aus der Hand geben…
Gestern zu Sebastian gesagt, heute die Antidepressiva hochzudosieren, auf Maximum, 300 mg.
Gestern zu Sebastian gesagt, dass seien mir aktuell zu viele Suizidgedanken.
Und nun kokettiere ich mit dem Gedanken, es irgendeiner Dame von der Volkshilfe anzutun und bei einem der nächsten Male eine Überdosis zu schlucken. Damit nicht er mich findet. Wieder so ein bisschen russisches Roulette. Der Gedanke ist so betörend, zugleich fühle ich mich bereits im Vorfeld derjenigen Person gegenüber schuldig. Aber der fragwürdige Gewinn, den ich daraus ziehe, erscheint mehr Gewicht zu haben. Und schon ist es beschlossen, schon eine weitere Dosis meiner Opiate eingenommen, schon liegen zwei Temesta in meiner Hand und warten darauf, geschluckt zu werden. Bis zum Eintreffen wird es nicht wirken. Warum mich rechtfertigen? Ich weiß doch ohnehin, dass ich Dreck und schlecht bin. Die Panik vor der Panik erscheint mir Grund genug.

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11:48
Die rechte Hand durch die Schlaufe der Kamera stecken und abwarten. Das Laufbandtraining von vornherein verloren. Selber schuld. Ebenso die Kniebeugen beim Zähneputzen verkompliziert.

Der Lichteinfall, mein Satz und Erinnerungen an Tante und Onkel erwachen zum Leben. Ganz kurz und flüchtig. Vermag nicht mehr geradeaus zu sehen. In meinem Kopf mischt sich Realität mit dem Traum von heute Nacht. Die Logik schmilzt in Surrealismus. Aber die Haubenmeise lässt sich nicht blicken. Die Augenlider fallen zu. Wäre am Freitag der 28., wäre es wenigstens der passende Tag für exorbitante Erledigungen und Ausflüge gewesen. Unser 19-jähriges. Das Warten auf den Vogel wird mir zu viel, mir fehlt die Geduld. Bin ich doch bester Hoffnung, heute ENDLICH mit dem Musikprogramm zu arbeiten, meinen eigenen Soundtrack zusammenzustellen. Die Hauptvideos sind geschnitten und mit Bildmaterial unterlegt. Es fehlen nur die Zwischenclips mit dem Datum, die Intro, wie auch der Abspann und seine musikalische Untermalung. Das Display der Kamera jetzt schließen und mit ebenfalls halb geschlossenen Augen den Weg in Richtung Sofa antreten. Meine Beine krampfen.

15.58
Kurz hinaus, ein paar Strahlen tanken? Sonnenuntergangswärme? Mir fallen doch ohne Unterlass die Augen zu. Was hab ich getankt, erst recht als die Krämpfe nicht nachließen? Vormittags zusätzlich 20 Tropfen Tramal, 2mg Temesta. Mittags 20 Tropfen Tramal und 1,3 oder 2,6mg Hydal. Des weiteren 1,3 Hydal. Und dann noch einmal?
Die Augen fallen während dem Tippen zu, Traumlogik, Traumbilder mischen sich unter mein Jetzt. Aufrechtes Sitzen wird mit Schwäche und Verspanungsschmerzen demontiert. Die Augen verdrehen sich.

17:52
Mich am neuen Keyboard und Musikprogramm versucht. Nichts und wieder NICHTS zustande gebracht, geschweige denn KAPIERT!! Für ALLES zu DÄMLICH!!! So folgt die Strafe auf den Fuß: Zur Abenddosis eine doppelte Menge Tramal. Die Augen fallen zu; bis zur Sitzung schlafen…

24. Oktober 2017, Dienstag

9:04
Katastrophale 59,2 Kilo. Die Nase lief, die Augen tränten; erst heute sehe ich so aus, wie ich gestern Morgen aussehen hätte müssen nach meinem kleinen Zusammenbruch. Also macht portionsweise zu weinen erfolgreicher Augenklöpse?
Ist nicht weit her mit meiner Feinmotorik. Hat das depressive Tief auch etwas mit der Menge an Tabletten zu tun? Definitiv einen Einfluss auf die Spastik hatte es. Nun behaupten, das Jammertal wäre jetzt mit Auftauchen der Sonne, was die letzten beiden Tage wahrlich nicht mehr zu erwarten war, ernsthaft überwunden? Liegt es nur an der Musik, die eine bestimmte Sorte Gedanken aufblühen lässt?
Der Pinsel fällt mir aus der Hand, beim Bücken danach mal so richtig schön die Schwäche zu spüren bekommen. Mir vornehmen, mich heute zusammenzureißen, der Agonie aktiv etwas entgegen zu setzen. Aber dann läuft eben diese Musik, oder es ist eben der Vormittag, oder ich brauche überhaupt keine Gründe dafür, so zu denken wie ich denke… Kaum den Pinsel zur Hand genommen, die seltsamen Träume in meinem Kopf sortierend, draußen der Herbst, das Blättertreiben und ich erkenne die zwingende Notwendigkeit, mich zu verletzen, Tabletten, Suizid… Welche Reihenfolge auch immer. Als Michi gestern sagte, „Ritzen“ sei eine Modeerscheinung in Schulen und beinahe jeder würde das machen, weil alle das machen. „Also ich habe nicht damit angefangen, weil ich es bei Mitschülern gesehen habe. Ich wusste ja nicht einmal, was ich da tue.“. Darauf ihre meiner Meinung nach fragwürdige These: „Wenn man es dann halt zu lange macht, da wird man süchtig danach.“. Dabei ging es aber immer noch um die Modeerscheinung und nicht um ein Symptom einer schwerwiegenden Störung, bzw. eines gravierenden Traumas. Als wäre es eine Störung für sich, ohne Vorgeschichte. Mir war nicht ganz klar, ob sie diese Theorie auch auf mich gemünzt hat. Weil ich „einfach nicht aufgehört habe“…

Ich saß in der Badewanne, ich bereitete mich mental peu à peu auf meinen Suizid mit 18 vor, aus Versehen beim Rasieren verletzt, durch das heiße Wasser stark durchblutet, beim nächsten Mal absichtlich geschnitten, sodass sich das Badewasser ansatzweise rot färbte, und die Illusion in meinem Kopfkino verstärkte, mit aufgeschlitzten Pulsadern in der Badewanne zu sterben. Klingt das nach Modeerscheinung und nach „alle probieren es aus“? Bin ich gerade wie ein Erbsenzähler und deute paranoid zwischen den Zeilen Unausgesprochenes? Oder meinte sie auch meine Situation? Kann man mir gegenüber ÜBERHAUPT etwas Richtiges sagen?! Ist das nicht ein Ding der Unmöglichkeit?! Bin ich nicht wie mein Vater zu seinen Glanzzeiten? Vielleicht ist er auch deswegen ruhiger geworden, er hört ja kaum noch was und ist entweder zu eitel für ein Hörgerät oder froh nicht alles hören zu müssen, was meine Mutter sagt…

Eine Daueranalyse, die ich da betreibe. Es stürmt und ich wüsste nicht, was ich anziehen soll, sollte ich Sebastian entgegengehen. Kann ich überhaupt gehen? Das Diktieren steht dem Malprozess wieder einmal im Weg. Der Pinsel fühlt sich aber auch so surreal in meiner Rechten an. Ich spüre ihn kaum, vermag kaum in festzuhalten, noch ihn zu führen. Das einzige Ergebnis besteht aus konfusen Strichen, die bestenfalls (so meine Hoffnung) in der Masse irgendwann zu einem Ergebnis führen können.

9:49
Die wenigen Schritte zum Kühlschrank, um meine Wasserflasche zu holen, scheinen bereits zu viel des Guten. Bin ich immer noch nicht damit fertig, mir meinen Rausch auszuschlafen? Ich sehe die Sonne, sehe den Wind, mit dem Bestreben ein Sturm zu werden; spazieren zu gehen erscheint ein Himmelfahrtskommando. Auf dem Weg in die Küche ein paar Sachen von hier nach da geräumt, notdürftig all die angesammelten Utensilien auf meinem Tisch zusammengefasst, zu kleinen Haufen getürmt. Pseudoordnung. Der Besuch kommt irgendwann nachmittags. Ich würde mit dem Besuch allein sein. Kann nicht mal etwas anbieten… Die Kaffeemaschine kaputt. Und erst recht möchte ich sie nicht in die Küche lassen, die ist mir erneut nichts als peinlich. Wobei ich nicht verstehen kann und will, warum Sebastian Geschirr nach dem Essen links oben neben die Spüle stellt, anstatt direkt unten in die Maschine, die offen und dazu so gut wie leer ist. Mein Training verwerfen und es selber machen? Beim Gedanken, das Geschirr mit den Essensresten darauf anzufassen, steigt die Produktion an Magensäure bedenklich an. Sebastian ist sich auch gar nicht bewusst, was er da vorgestern wieder gesagt hat. Er tut so, als sei alles in Ordnung. Ich bin es leid, ich habe es satt oder besser gesagt ich kann nicht mehr, wieder und wieder dieselben Dinge zur Sprache bringen. Sei es die Küche oder die Tatsache, „dass er mir nicht glaubt“.

Da ist Angst in mir, nach den zurückliegenden Tagen heute kein Theater abziehen zu können. Und wenn ich es hinbekomme, werden die Konsequenzen nicht lange auf sich warten lassen.

Der Versuch, aus den Fotos schlau zu werden, wie und wo welche Farbzeichnung zu platzieren ist, scheitert kläglich. Und so mache ich seit mindestens 10 Stunden nichts anderes als diesen winzigen Kopf in Form zu bringen. Die Hand gibt den Geist auf. 90 Minuten.
11:22
Am Ende bleibt immer ein bewegungsloser Schatten meiner selbst. Weiß ich jetzt, warum ich im Haushalt nichts mehr mache oder ist es so unmöglich geworden, weil ich es tunlichst unterlasse? Stehen, ich kann nicht stehen. Für den Staubsauger reichte es nicht mehr. Zumal ich Sebastian zuletzt gebeten hatte, ihn noch einmal auszuleeren, die Filter auszuklopfen. „Ja, ja, hab ich gemacht!“, hat er gesagt. Aber er saugt immer noch nicht. Es ist nicht schön, für einfachste Dinge auf jemanden angewiesen zu sein. Es ist nicht schön, wenn man dann diese einfachen Dinge in Form von Bitten und Betteln bis zum Erbrechen wiederholen muss. Wie kommt man sich vor, wenn man DANN für die einfachste Sache zu unfähig ist? Noch unfähiger?

Das Telefon klingelte. Sie kommen um 2. Ist das gut, ist das schlecht? Nun kann ich sie zumindest ansatzweise sich selbst in der Küche etwas holen lassen. All diese Termine… Während ich malte schon wieder zum gehetzten Karnickel mutiert. Ich werde nie fertig, ich schaffe auch sonst nichts, jede Pause, die ich mir gönne, ist eine Pause zu viel, ich bin ein Versager, ich kann nichts mehr, ich schaffe das alles nicht mehr, mich mit Tabletten abstellen, mich aufschlitzen, Suizid…

Willkommen in meiner kranken Gedankenspirale. Zuvor am Vogelrestaurant die seltene Gelegenheit verpasst, eine Haubenmeise zu filmen. Während ich anschließend meine Physioübungen unterbrach, um mit der Kamera im Anschlag auf ihr erneutes Auftauchen zu warten, raste die Zeit um mich herum, raste in mir. Jeglicher Stillstand scheint in meiner ausweglosen Situation verheerend. Die Schnitte am Arm sind mannigfaltig, aber weder blutunterlaufen noch markant gefärbt. Ausgewaschen, blass, Katzenkratzer, Kinderkacke. Im Ernst, an Tagen wie diesen sehne ich mich so sehr nach einer Überdosis, um lediglich kurzzeitig die Kontrolle über mich selbst abzugeben. Es geht nicht darum, jemanden zu erschrecken, zu bestrafen, nur um mich, nur für mich. Hatte ich doch Anfang des Jahres, nachdem meine Neurologin den dritten oder vierten Wink mit dem Zaunpfahl endlich verstanden hatte (dass ich aktuell nämlich keine Garantie dafür geben könne, mir nichts anzutun), auch nicht das Gefühl, gerechtfertigt eingewiesen zu werden. Als müsse ich eine autoaggressive Leistung an mir selbst erbringen. Wegen dem fehlenden Bett in der neuen Klinik, aber eben auch weil ich unterstreichen musste, warum das nun notwendig sei, diese Überdosis.

Meine Güte, wie oft habe ich darüber schon ganze „Referate“ gehalten. Wie gut, alles zu vergessen; so langweile ich mich selbst wenigstens nicht… Das linke Bein beginnt zu krampfen, als hätte ich zu lange auf dem Laufband gestanden. Extra auf die Stützstrümpfe verzichtet, inklusive Panik vor dem Gewicht morgen. Michi riet mir, doch woanders Essen auf Rädern zu beziehen. Das würde mich wenigstens wieder ein Stück weit mehr von meinen Eltern abnabeln. Wäre man in einer Stadt, wäre das sicherlich kein Problem. Aber hier?

Mein Rücken streikt, die Hände eiskalt. Aufs Sofa und nicht wissen, wie ich den Tag überstehen soll.

17:02
War das nun ein gutes Ende? Muss ich mich nicht für irgendetwas bestrafen? Mich definitiv am Ende mehrfach entschuldigt, wieder einmal. So eine beschissene Angst, etwas falsch zu machen. Zu viel zu reden. Die Laune in den Keller zu jagen. Als ich am Ende das mich aktuell nonstop beschäftigende Thema ansprach, bat Elfie ihren Mann kurz hinauszugehen. Und ich konnte nicht anders. Ich erläuterte ihr alles, auch das mit Sebastian. Und sie hörte mir ganz aufmerksam zu und erzählte mir von ihren Erfahrungen bei Frauenberatungsstellen. „Das hat bei manch einer Frau Jahre gedauert, bis sie alles beieinander hatte. Bis sie sich selbst glauben konnte.“.

Dennoch fühle ich mich jetzt leer. Leer und doch so voller Schuld. Dabei war es richtig lustig, man hat sich super unterhalten. Aber ich scheine mir… Was heißt hier „ich scheine mir“?! Ich MUSS mir immer alles kaputt machen, schlecht reden, weil es mir nicht gut gehen darf. Abendlicht fällt durch die Jungbirken. Erinnerungen. So schön und es tut so weh. Sebastian wird bald nach Hause kommen. Mittags entschuldigte ich mich dafür, dass mir seine Heiterkeit zu viel sei.

Hektisches Treiben am Restaurant, denn obwohl ich so instabil war das Risiko eingegangen und Futter nachgefüllt. Jetzt überschlagen sich die Vögel förmlich und der Anblick evoziert noch mehr Kindheitserinnerungen. Das linke Bein beginnt zu krampfen. Freischein fürs Morphium. Abendlicht, Vögel, Suizidgedanken.

2006-05-31-Blutrausch

23. Oktober 2017, Montag, schon wieder Montag…

8:39
Heute sind es 58,9 Kilo. Die Zeit läuft mir davon. Ich weiß, sobald ich den Heizstrahler neben mir ausschalte, beginne ich zu frieren. Was für eine elende Stromverschwendung. Den letzten Rest vom Tee hinunterwürgen, um auf dem Tisch mehr Platz zu haben. Mein Schädel dröhnt, Katerstimmung der etwas anderen Art. Ich hätte ja erwartet, dass ich nicht einmal das Frühstück überlebe, um mit meiner Visage direkt in der Packung Hummus zu landen, schnarchenderweise. Was habe ich gestern alles in mich hinein gestopft… Rätselraten… Sanduhr, Sanduhr, Sanduhr… Keine Ahnung. Aber definitiv nachts ohne Krämpfe als Ausrede 5,2 mg Hydal. Kaum hatte ich den Computer ausgemacht, Tagebuch und Co. erledigt, kaum hatte mir Sebastian mein Essen serviert, fing ich zu weinen an. Ich hatte den Kopf nach rechts gedreht, die ganze Zeit, damit er es nicht sieht. Aber er hätte ein Maulwurf sein müssen, um das nicht zu bemerken. Also hat er es ignoriert? War überfordert? Hatte „keinen Bock drauf“? Er wäre sauer, wenn er das hier lesen würde. Aber was zum Henker waren dann seine Beweggründe? Erst als er die Reste von meinem Essen in die Küche brachte, wir es uns wie immer bequem machten, umarmte er mich, was meine Tränendrüsen erst recht animierte, aus den Vollen zu schöpfen. Beim Essen, bei diesem Geschmack im Mund, den ich seit Kindertagen kenne, sah ich meine Mutter sterben. Aber es war eben nicht nur das alleine. Die Panik breitete sich wie eine unheilvolle dunkle Wolke in mir aus und ich sah keinen Ausweg mehr. Ich sah gar nichts mehr. Als ich endlich dazu imstande war, stammelte ich: „Ich will nicht mehr leben…“. Er umarmte mich noch fester, meinte, so etwas dürfe ich nicht sagen. „Du hast keine Vorstellung, wie sich das gerade anfühlt…“. Mit etwas mehr Fassung, und das dauerte, bis ich diese erlangte, kam ich auch wieder auf diesen verheerenden Satz zu sprechen, den er zuletzt gesagt hatte. Und nun der Witz daran (ein Witz, der jeglicher Komik entbehrt): Er blieb bei seiner Meinung! Und fügte sogar noch hinzu, dass er es als seine Pflicht sähe, mich davor zu bewahren, einem Irrglauben hinterher zu eifern. Das war beinahe genauso schlimm wie seine Aussage vor einer Woche. Was hält er denn von mir? Was glaubt er? Er meinte auch, Markus zu einem gewissen Grad nicht zu trauen. „Denkst du denn wirklich, das käme alles NUR von ihm?!! Du sprichst mir ab, was ich zuvor schon längst gespürt habe! Wie wäre es, wenn Brigitte diese Vermutung äußern würde? Hättest du dann weniger Probleme damit, es dir vorstellen zu können?!“. Wieder betonte er, um Frieden zu schaffen: „Ich glaube sehr wohl, dass dir irgendetwas passiert ist, passiert sein muss, aber…“.
Gestern reagierte ich nicht wie zuletzt. Ich war so stark zugedröhnt, dass mir die Kraft fehlte, darauf noch irgendwie ein adäquates Lebenszeichen von mir zu geben. Es war sinnlos. Ich bin allein. Und selbst wenn konkrete Erinnerungen auftauchen, wird er auch diese in Zweifel ziehen. Jetzt, bei einigermaßen klarem Verstand, tut es verdammt weh. Ich fühle mich von ihm in eine Schublade gesteckt. Als sei ich schizophren. Als müsse man mich ständig auf den Boden der Tatsachen zurückholen, weil ich mich ständig „in irgendetwas verrenne“ (Zitat). Er versteht es nicht. Er will es nicht verstehen. Und irgendwann bin ich am Ende mit wiederum meinem Verständnis dafür, dass er wahrscheinlich selbst Gründe hat, es so vehement abzuwehren. „Aber es kann ja noch Jahre dauern, bis du dich erinnerst, das hat Markus doch letztens selbst gesagt.“. Ich brachte nur noch ein „… Aber ich glaube, ich schaffe das nicht mehr…“ hervor. Was soll man dazu auch sagen, wenn einem der eigene Partner nicht glaubt. Alles in Zweifel zieht. Und somit dem Erinnerungsprozess noch mehr Steine in den Weg legt. Und noch so eine Schote, die entweder dafür sprach, dass er mit meiner aufgelösten Version nicht umgehen kann, überfordert ist oder das ganze Thema satt hat: „Ja, aber was ist, wenn du dich an gar nichts erinnerst? Wenn du dich erinnerst, dass da überhaupt nichts passiert ist?! Was ist dann?!“.

Sebastian, es tut mir leid. Aber all das ist so, als hättest auch DU mich in die dunkle Grube gestoßen. Ich will mich aufschlitzen. Wäre es nicht besser gewesen, sich von mir zu trennen, wenn ich ihm mit meinen sich immer im Kreis drehenden Problemen und Gedanken zu viel bin? Die nächsten Tränen und mir wie ein Verbrecher vorkommen, diese Gedanken auszusprechen. Verhältnismäßig kurz vor der nächsten Überdosis? Dabei muss ich mit mir selbst ins Gericht gehen, ob dies nicht lediglich dem einen Zweck dient, ihn dafür zu bestrafen, so versessen, so geil auf seine eigene Meinung zu sein. Müsste ich ihm zugestehen, nach all den Jahren nicht mehr zu können, die Schnauze voll zu haben?

Ein paar Gewacalm, gute Nacht… Der Mund wird ganz trocken… Was ist, wenn er recht hat? Wenn ALLE recht haben, Rumpelstilzchen inklusive? Wenn ich mir das alles einreden lasse, weil ich äußere Umstände brauche, um mir meine eigene Gestörtheit erklären zu können? Weil es immer einfacher ist, anderen die Schuld zu geben. Bin also völlig auf mich zurückgeworfen, da bleibt ja nur noch, es mit mir selbst auszumachen. Auf welche zerstörerische Art und Weise auch immer.
Mir wird schlecht. Nichts ergibt mehr Sinn. Ich kann nicht wie er ständig so tun, als sei alles nur ein Spiel, alles Glückseligkeit pur. Darum hätte ich sterben müssen, er hätte etwas Besseres verdient.

Mein Traum: Ich kam von der Reha, wurde dort rausgeschmissen, weil mein Zimmer bereits gebraucht wurde. Den größten Teil meiner Sachen musste ich bei der überhasteten Abreise dort lassen. Ich saß hinter der Volksschule unter dem Kirschbaum. Ein Heft auf dem Schoß, in dem ich mein Leben, meine Erinnerungen niederschrieb. Die Mutter meiner Freundin Birgit, die dort in der kleinen Wohnung im Schulgebäude lebt und zugleich der Schulwart ist, hatte irgendwann zuvor zu mir gesagt, sie hätte immer Angst gehabt, ihre Tochter mit mir raus zu schicken. Sie befürchtete jedes Mal, ihr könne etwas zustoßen. Und genau das notierte ich gerade in mein Heft. Weil es absurd war; Birgit war doch immer der Wildfang, nicht ich. Da sah ich vor mir nach all den Jahren meine Freundin mit ihrem Lebensgefährten die Straße runter gehen. Sie hielten am Sportplatz und redeten miteinander. Sie bemerkten mich nicht. Ich grüßte sie und ging ein paar Schritte in Richtung Straße, um ihr von der absurden Situation mit ihrer Mutter zu erzählen. Ich lachte, sie aber schwieg, kehrte mir den Rücken zu und ging weg. Immer noch in Hörweite bekam ich mit, dass die beiden sich darüber unterhielten, dass Birgit Aids hätte. Ich war so erschrocken, so schockiert und als alle dann vor der Wohnungstür der Volksschule standen, sie mir auf die Frage, ob sie nur HIV-positiv sei oder wirklich Aids bereits ausgebrochen wäre, den schlimmsten Fall bejahte, nahm ich sie fest in den Arm. Sie weinte, ich weinte. Da waren mehrere Leute und irgendeine andere Freundin von ihr warf mir vor, irgendeine Politikerin (?) nicht abgeholt zu haben. Ich war irritiert. Damit hatte ich doch gar nichts zu tun. Aber man glaubte mir nicht.

Ich wachte auf und weinte in der Tat, mich fragend, ob er es nicht mitbekommt.

Wieder eingeschlafen, schlich ich mich ins Gasthaus. Ich wollte nicht dass jemand sieht, dass ich wieder zu Hause bin. In meinem Kinderzimmer entleerte ich meine Taschen. Socken und Handschuhe, massenweise, aber alles Einzelstücke. Draußen, unten auf der Straße war die Schwester meiner Mutter und fegte den Dreck den Hügel runter. Sie sah immer zu mir hinauf und ich versuchte mich hinter meinem Bett zu verstecken. Dann ging die Tür auf, meine Mutter ganz erstaunt: „Was? Du? Schon da?“. Ich weinte immer noch, überlegte mir aber sehr genau, ob das eine Information sei, die man meiner Mutter anvertrauen sollte. Schlussendlich tat ich es und erzählte von der schweren Krankheit. Anstatt auf meine Trauer, anstatt auf die Tragik einzugehen, meinte sie wieder nur abfällig: „Das wundert mich überhaupt nicht! Das ist die Rechnung, die sie bezahlen muss für ihr Verhalten! Die ist doch jedem um den Hals gefallen!“. Eine Art Rückblende war zu sehen, in der meine Freunde mit einem alten Mann eng umschlungen, Becken an Becken gepresst, im Gasthaus tanzte. Aber deswegen durfte man sie doch trotzdem nicht so behandeln, schlecht reden. Das hat sie nicht verdient. Das sagte ich meiner Mutter auch, so wie, dass sie verdammt noch mal aufhören soll immer nur ihre Warte zu sehen. Sie solle mal mich sehen und für mich sei das total erschütternd und todtraurig!
Das einzufordern war zu viel des Guten! Denn nun war sie beleidigt, zutiefst gekränkt, ich hatte sie verletzt und das ließ sie mich auch spüren. Theatralisch weinend rannte sie die Treppe runter. Ich versuchte hastig meine Zimmertüre abzuschließen. Aber es ging nicht. Schon kam sie mit Verstärkung zurück. Meinen Vater im Schlepptau, versuchten wiederum die beiden mir die Schlüssel wegzunehmen, die Tür auf- sowie mich einzusperren.

[…………….]

Wieder über 1 Stunde sinnfrei vor mich hin gemalt. Die Kopfschmerzen werden immer schlimmer. Das Wasser verschütten, unkonzentriert, tölpelhaft. Aufhören. Zähneputzen. Aufschlitzen. Schlafen… Ich höre Brigitte: „Hast du keine anderen Ressourcen, Strategien?“. Nein?

16:44
Wäre es bloß nur nicht schon so spät. Während dem ganzen Gespräch mit Markus sah ich mich in Gedanken eine Überdosis schlucken, meinen Körper mit Aspirin und heißem Tee voll stopfen, um sodann vor einem Eimer das Ausbluten zu zelebrieren. So sehr, dass mir hinterher speiübel wird. Das oder zumindest flau. Hat man mir nun geglaubt? Gab es Erkenntnisse? Ich denke zumindest meinerseits, dass ich diese Sitzung für mich und meine Belange dringender gebraucht hätte. Der Himmel ist grau. Mein Schädel hämmert, die Hände eiskalt-ich kann nicht, ich mag nicht. Bereits nach den ersten gewechselten Worten mit Markus wollte ich mir zehn Gewacalm angedeihen lassen. Oder spätestens nach der Sitzung. Mindestens zehn, um in irgendeiner Form geringfügig das Bewusstsein zu verlieren. Ohne Nachricht, mit Nachricht und einem „… Es tut mir leid…“? Ich weiß es nicht. Michi wurde auf meinen Suizid angesprochen und sie erzählte, dass die Kinder, trotz ihres jungen Alters, damals Verständnis für mich gezeigt hätten. Dieser eine Satz und mir ist wieder nach Weinen. Sind es die Wolken, bin ich depressiv? Fühle mich so leer, so schuldig und so allein. Dabei… Als Sebastian mittags mit mehreren Tüten voller süßem Gebäck daher kam, tat mir alles leid, was ich gedacht, was ich geschrieben habe. Schon kullern die Tränen. Alles erscheint so aussichtslos und ich so schuldig. Michi betonte vorher mehrmals: „Das brauchst du nicht! Das musst du nicht! Du musst einfach anders denken!“. Aber es ist nicht so einfach… Wie ich dieses Wort hasse!

Ich hatte mich aufs Sofa gesetzt und eifrig vor mich hin geschnitten. Die Letzten waren tiefer, ich gab mir Mühe, drückte fester an, schloss dabei sogar die Augen. Um auf diesem Wege zu vergessen, wie viele es schlussendlich wurden. 30? 40?

Morgen Besuch aus Wien. Kunstbesuch. Ich weiß nicht, ob ich kann. Wie wir gerade festgestellt haben, hat man in meiner Familie nie gelernt, nein zu sagen. Und noch viele andere Auffälligkeiten kamen zutage, die einem förmlich ins Auge stechen müssen. Die Arme verschränkt, ich wollte malen, aber jetzt erscheint alles wertlos. Kopfschmerzen, mich schlapp und müde fühlen. Mich langsam herantasten und heute drei Gewacalm auf einmal schlucken? Oder drei Temesta? Die Müdigkeit gaukelt vor, doch ohnehin noch betäubt zu sein. Warum dann all die Tränen? Ich fühle mich wie Scheiße, Dreck. Hätte nicht leben sollen. „Ich muss dir aber leider sagen, dass das mit den Selbstmordversuchen immer wieder vorkommen wird.“. Erst hatte Markus ihr das mitgeteilt und am Ende im Gespräch allein ich ein weiteres Mal. „Wir sind uns dessen völlig bewusst, Bianca.“. Die nächsten Tränen. Weil ich nicht sterben will? Weil ich nicht sterben darf? Weil ich gerade denke, nie wieder die Sonne zu sehen? Im Schädel dröhnt es noch mehr. Hätte mich Markus vorher gefragt, wie suizidal ich mich heute fühle auf einer Skala von 0-10,… Ich hätte sicherlich 9 gesagt. Kindheitserinnerungen. Ein Schauspiel abziehen, wenn er gleich nach Hause kommt? Wenn ich jetzt die Augen schließe, sehe ich eine Wurstmaschine und daran meinen Oberschenkel, abgeschnitten. Wie krank bin ich? Völlig aus dem Zusammenhang gerissen. In mir dreht sich alles und Wind draußen reißt die gelben Blätter von den Bäumen.

22. Oktober 2017, Sonntag

11:26
Warum jetzt überhaupt noch irgendetwas anfangen? Der Himmel ist grau, ob die Sonne noch irgendwann mal zu sehen sein wird, bleibt ein Fragezeichen. Bald wird Sebastian wieder Essen von meiner Mutter holen. Bevor wir uns gestern verabschiedeten nahm sie mich ins Gebet: „Bitte, BITTE sag mir, wenn dir irgendetwas nicht schmeckt, du es nicht magst, oder so nicht magst, das ist doch alles überhaupt kein Problem! Da brauchst du dir gar keine Gedanken zu machen! Du hilfst mir ja nur damit!!“.
Na? Jetzt in meiner Welt angekommen? Jetzt klar, warum ich mich gespalten fühle? Und schlecht, schuldig, wie ein Judas?! Aber ich kann nichts machen gegen meine Gefühle! Und egal wie gut sie mir zuredet, die Gefühle bleiben wie sie sind. Ein ambivalentes Potpourri aus kindlicher Vergötterung, Misstrauen, Ekel, Ablehnung und Hass. Frau Doktor Hausfrau sagt: „Das liegt daran, weil du dich nie abnabeln konntest. Vermutlich bist du daran sogar noch selber schuld. Deswegen ja das schlechte Gewissen. Und der Hass auf sie ist eigentlich für dich bestimmt!“. Wenn es so einfach wäre… Ist es so einfach?! Längst vergessen, wie viele Schnitte es gestern wurden. Mir lediglich gemerkt, dass es zuerst 41 waren, ehe ich stilecht zur Tat schreiten konnte. Warum brennt das nicht mehr wie früher? Da hat dieser Mantel aus Schmerz länger warm gehalten. Den Verband abstreifen; klebt bereits seit gestern nicht mehr an den Wunden. Weil ein Fehler, mit so viel heißem Wasser zu arbeiten, das schlussendlich die Wunden ausgewaschen hat und nun ist da nichts blau unterlaufen. Als ich Brigitte davon erzählte, sie diesen entsetzten Gesichtsausdruck aufsetzte, war ich kurz davor, unter dem schwarzen Ärmel weiße Haut mit Schützengräben blitzen zu lassen…

12:11
Die Zeit verstreicht, der Himmel wird immer trüber und ich mache gar nichts. Außer erneut bei Amazon Sachen in den Einkaufswagen zu packen, bei denen man sich fragt, ob ich sie wirklich brauche. Mein Hosenregal muss unbedingt einmal durch sortiert werden. Die Hälfte der Stücke kann ich nicht tragen. Weil ich keine Verschlüsse öffnen oder schließen kann. Um nicht den Stapel Hosen zu vergessen, für den die fette Sau zu breit geworden ist!! Da meine ich mich plötzlich an einen Teil im Traum zu erinnern. Ich passte in alles rein, war gertenschlank… Es war gestern schon nicht sonderlich witzig, auf der Suche nach Fotos vom Bahnübergang für das Video die Ordner der zurückliegenden Jahre zu durchforsten. Wieder und wieder und wieder ich beim Laufen. Aber das eigentliche Problem jetzt sieht wie folgt aus: Hält die Masse an Betäubungsmittel der zurückliegenden beiden Tage noch für heute an? Bin ich ruhig oder könnte ich jeden Augenblick wieder Amok laufen? Wie vor mir selbst rechtfertigen, keinen einzigen Strich gemalt zu haben? Am Video zu arbeiten steht schon einmal fix auf dem Programm. Doch Sebastian kündigte direkt nach dem Frühstück an, nach dem Mittagessen ein Schläfchen abzuhalten und ich befürchte, mich seiner Trägheit nicht entziehen zu können. Dann schlafe ich, oder liege eben mit halb geöffneten Augen träge auf dem Sofa, die Glotze läuft, Stunde um Stunde, der Tag wird verschwendet… Panik. Ich darf mit Fug und Recht behaupten, gestern eine neue Version vom „Moorhuhn-Schießen“ ersonnen zu haben! Tauchte aus den Untiefen meines Unterbewusstseins die Fratze einer Panikattacke auf, griff ich zu einer meiner Pharmawaffen und drückte ab… Also warf eine Tablette wie eine Handgranate in mich hinein, dem Panikmonster direkt auf den Kopf. Oder Tramal, vergleichsweise wie Napalmregen! Gewirkt? Kaum.

Wenigstens Physioübungen machen… Es nicht hinbekommen, aufrecht zu sitzen; ist doch die Grundvoraussetzung für den ganzen Schwachsinn. Und während ich meine Schultern wippen lasse, denke ich an das Word-Dokument, in dem ich jeden Tag seit bald zwei Jahren eintrage, wie lange ich gemalt habe. Die Tage, die nun hinter uns liegen, für meinen Geschmack zu häufig mit einem X versehen. Dabei scheint der Himmel heute optimal für gute Sicht auf der Leinwand. Ob es regnet? Tja, und zugleich eben auch formidabel für ein ausgedehntes Mittagsschläfchen, denn das Wetter erwartet nichts von dir, nicht dass du rausgehst, draußen irgendetwas machst. Schlafen, einfach nur faul und dekadent vor sich hin dösen. Das macht mir Angst… Ein Tag ohne Leistung? Die Überlegung selbst genügt, Autoaggressionen in welcher Form auch immer zu rechtfertigen. Denn Bestrafung muss sein. Ich kann, ich DARF nicht tatenlos bleiben! Im Nacken die Zeit, der Tod: „Das Bild wird nicht fertig, du wirst es schon sehen, und dann wirst du dich schwarz ärgern! Und ich werde lachen!!“. Wie gestern Abend, bei all den Fotos und kleinen Videos? Warum habe ich es so weit kommen lassen, dass diverse Umstände mir das Laufen genommen haben? Eben wegen dieser Pausen, diesem Müßiggang, weil ich aufgegeben hatte? Vielleicht hätte es wirklich nur ein bisschen mehr Einsatz bedurft und ich würde jetzt noch unterwegs sein?… Alles falsch gemacht; und selbst in meinen Träumen wird mir das wieder und wieder vorgehalten. Und da dachte ich gestern kurzfristig noch, verdammt stabil zu sein, ging ans Ende vom Sofa, ohne mich festzuhalten, um das Notebook zu holen und fiel erst recht wieder um.
Essen…

16:04
Nun ist es soweit! Zu lange geschlafen, den gestellten Alarm nicht vernommen, erst eine Stunde später erwacht. Nicht gemalt, nichts am Video gemacht, wollte doch das Musikprogramm versuchen, kein Training außer Physioübungen für die HWS, nicht einmal Zähne geputzt… NICHTS AUSSER FAULHEIT, FRESSEN, NASCHEN!!!!

FAULE DRECKSAU!!!!!!

Aus der Feststellung, der ernüchternden Tagesbilanz wird Frust, aus dieser Unbehagen, Unruhe, gefolgt von Panik mit Selbsthass im Gepäck… et voilà: Ich sehe keinen Sinn mehr außer Suizid. Wäre ich allein gewesen, hätte ich mehr geschafft? Mich selbst zur Sicherheit noch nicht mit meinem Spiegelbild konfrontiert. Aber den Ärmel hochschieben, um mich meiner selbst zu vergewissern… Flächendeckend, aber auch tragischerweise ausgewaschen, blass. Gefühltes Herzrasen. Zu Tabletten greifen? Und vor allem was denkt Michi jetzt, nach meinen kryptischen Anmerkungen? Und kommt dann morgen vielleicht gar nicht? Wäre nicht das erste Mal… War das so klug von mir, sie mit ins wankende Boot zu holen? Ich weiß doch noch gar nichts, mache nur die Pferde scheu… Ach, notfalls kann ich mir immer noch was antun…

DAS IST DANN AUCH DAS MINDESTE, STÖRENFRIED, UNDANKBARER!!!!

In der Blechdose wühlen. Ein Gewaclam… Kein Temesta finden… Zwei Gewacalm, machen 10mg. Armutszeugnis?…

17:24
30 Tropfen Tramal oben drauf, während ich mich durch meinen geschmacklosen Bildordner mit blutigen Zeitzeugen meiner Selbstzerstörung wühle. Ein paar „stilvolle Fotos“ für das Video suchen. Um schlechte Bewertungen zu garantieren… Bin ich gedämpft, ruhig? Wirkt der ganze Mist?

20:49
Aus, Ende! Mich vom Videoprogramm wegreißen! Sonst hör ich gar nicht mehr auf! Zusätzlich Mon Cheri, mit kurzer Rauschvertiefung pro Praline. Und das war’s! Weil Sebastian neben mir sitzt, die Glotze läuft, er bereits gegessen hat, wegen ihm der Tag bald vorbei, wegen ihm und Markus der morgige kastriert, beschnitten?????????????
ANGST!!!! WAS soll ich schlucken, um Frieden zu finden??? WWWAAAAAS???!!