31. Juli 2017, Montag 14:32

59,6 Kilo um 6:45. Mich kotzt alles an. Der blöde Katheterbeutel, ständig ist er im Weg, verheddert sich irgendwie und irgendwo und irgendwann an Rollator oder Rollstuhl; und an letzterem nicht wirklich eine Option, um ihn daran zu befestigen. So rolle ich vor und zurück und vor und zurück und eigentlich wollte ich malen. Es ist erdrückend schwül und für den langen Spaziergang bei dem Klima hatte ich mich nach dem Mittagessen relativ zügig wieder gefangen. So tun, als ob… Es gab einen Eiweißshake und anschließend Weintrauben. Aber das linke Bein krampfte, in jeder Werbepause stand ich auf und rannte durchs Haus, Kleinigkeiten erledigend. Nach meinem zweiten Ausflug krampfte es immer noch und ich warf 1,3 Hydal ein. Jetzt zu härteren Bandagen greifen. Zur Mittagsdosis von drei Hüben mir weitere drei Schuss Tramal verpassen. In der Hoffnung, dass meinem Körper irgendwann noch einmal das Licht aufgeht an diesem Tag und ich etwas arbeiten kann. Vormittags wurden es zwei Stunden. Zufrieden sein kann ich nicht, wahrlich nicht. Und so braucht es für den Schmetterling am Ende wohl 30 Stunden… Wenn nicht spätestens DAS dafür spricht, dass ich NICHTS mehr kann!

Das Telefon klingelt, erneut diese penetranten Arschlöcher! Zuvor bei einem meiner Runden in der Küche auf dem Fußboden eine Heuschrecke entdeckt und diese eingefangen, um sie sodann auf der Terrasse wieder freizulassen. Gleich zu Beginn meiner Trainingseinheit traf ich auf einen älteren Mann in Schlappen und mit Telefon vor dem Gesicht. Später, als mich Sebastian einsammelte, prahlte ich damit: „Ich… Jawoll, richtig gehört, ICH habe jemanden überholt! Der klassische Zombie, den ich verkörpere, scheint immer noch schneller zu sein als diese neue Rasse der Smombies!!“. Und Sebastian fügte hinzu: „Anstatt ihnen eine Kugel in den Kopf zu jagen muss man dann das iPhone kaputtmachen…“. „… Und dann stehen sie da, völlig orientierungslos, ohne Weg und ohne Ziel!“, fügte ich noch hinzu. Er hatte so gebannt auf sein Handy gekuckt, dass er mich erst gar nicht bemerkte, und als ich an ihm vorbei schlurfte, triumphierte ich noch: „Dass ich noch erleben darf, jemanden zu überholen!“. Er lachte: „Ich bleibe auch extra stehen.“. Mit einem „Wie zuvorkommend, danke!“ rauschte ich im Schneckentempo an ihm vorbei.

Da fällt mir noch ein, was sich gestern Abend auf dem Sofa abgespielt hat. Ich war gefrustet, mein Körper bereitete nur Schmerzen und Kummer. Krämpfe noch und nöcher. Der Ischias beidseits angepisst, da ich gerade versuche, das Novalgin abzusetzen. Und nun das Krönchen auf die ganze Situation: beide Hände zu Fäusten geballt und die Beine in einem Streckspasmus gefangen, ließen sich nicht mehr abbiegen. Von alleine nicht und selbst mit Gewalt kaum möglich. Dementsprechend liege ich wieder im Bett, wie schon gestern angerissen unfähig mich umzudrehen. Aus heiterem Himmel, seit ein paar Tagen… Dafür waren die Gliedmaßen verhältnismäßig weich, als ich unterwegs war. Aber nun zurück zum eigentlichen Thema… Frust, Wut und Verzweiflung… Ich konnte mich kaum rühren und pfefferte zweimal hintereinander den Heizstrahler auf den Boden, bis er nicht mehr funktionierte. Aus meinem Munde…

DU DUMME FOTZE!!

Sebastian aus dem Nichts heraus, fauchte mich von der Seite an: „ES REICHT! HÖR ENDLICH AUF, DICH SELBST ZU BESCHIMPFEN!!“. Sein gutes Recht, ich kann ihn verstehen, dass das unglaublich nervt. Aber es in mich hinein zu fressen, was ER sagt, ließ das Magengeschwür weiter expandieren. Dann lieber zwischendurch explodieren lassen.

Ein Blick auf die Uhr, bereits nach 3. Es nun mit Magnesium versuchen. Die Krämpfe an und für sich befriedet, aber da steckt noch die Neuropathie im linken Unterschenkel, im Fuß und ich weiß, dass das ein orthopädisches Problem ist. Zumindest darf ich unterdes das Einsetzen von Nebel in meinem Kopf registrieren. Sehr schön. Dann kann ich ja versuchen, an die Arbeit zu gehen… oder? Die Finger spreizen… Zu schwach. Dabei ist das längere Gehen mit dem Rollator auch ein Krafttraining für beide Hände, die bei eigentlich jedem Schritt die Bremsen betätigen müssen.

Blablabla!!

Es folgt eine kurzfristige Dissoziation mit leerem Blick nach draußen. Dabei klimpert die Rechte auf dem Oberschenkel bis 4. Der Unterkiefer hängt schlaff in meiner Visage. Tja, ich kann mich heute wieder nicht leiden, und die Aufnahmen von gestern, so überhaupt eine gelungen ist, bedeuten für ein neues Filmprojekt einen erneut tendenziell depressiven Anfang.

Myoklonien, beim Lesen seit gestern unentwegt Zuckungen meiner Unterlippe. Beim Buch immer dann, wenn ich zu mir selbst eine Verknüpfung herstellen konnte und/oder mich das Gelesene emotional aufwühlte. Und da wird es 15:15, die jungen Kohlmeise mimen den Sonnenanbeter. Oder sterbenden Schwan. Das ist noch nicht klar differenziert worden. Der Ischias beginnt zu nerven und ich werde müde, unglaublich müde. Markus hat mir den Link zu einer Dokumentation geschickt. Es geht um den Exorzismus in Polen. Werde ihm antworten, warum wir uns seit Jahren unterhalten. Also hätte ich gleich in die Kirche gehen sollen, um meine Dämonen austreiben zu lassen!… (Ironie aus.)

http://tvthek.orf.at/profile/kreuz-und-quer/8598576/kreuz-und-quer/13939214

Oder wie Sebastian bereits heute Morgen bei den Nachrichten bemerkt hat: „Für mich zählt Religiosität allein schon als psychische Krankheit.“. Die Doku hat es nur bestärkt. Religiöser Wahnsinn! Das Highlight eine führende Psychiaterin einer Klinik, die eine Lanze für die Psychotherapie und zugleich den Exorzismus brach. Die Alte hatte erst mal einen Knall! Sie hat auch etwas von alten Filmen, „die russische Oberschwester“.

Die Zeit tickt, tickt, tickt und ich bleibe tatenlos. Das ist das Schöne an einem Opiumrausch. Wäre da nicht die Panik, die mir nebenher die Luft abschnürt. Mich endlich aufrichten, gerade hinsetzen. Die Heizdecke im Rücken, den Ventilator zu meiner Linken; mir selbst eine Ohrfeige verpassen: „Los! Komm in Bewegung!!“. Oder wie Rumpelstilzchen dieser Tage gehäuft zu sagen pflegt…

Schweinchen DICK!!

Wenn das nicht motiviert…

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30. Juli 2017, Sonntag 11:07

59,1 Kilo um 7:20. Am Himmel kreist der Turmfalke überm Haus, sein aufgeregtes Zetern ist weithin zu hören. Der Pool am Restaurant wird gut frequentiert, es wird wohl ein weiterer heißer Tag werden. Schon zieht es im Unterleib und das rechte Bein beginnt zu krampfen. Im Traum heute Nacht mit meiner Neurologin gestritten. Sie sagte zu mir: „Ich kenne ganz andere Fälle, die können nicht einmal mehr eine Gliedmaße gebrauchen!“. Daraufhin warf ich ihr vor, sie könne mich doch nicht mit anderen Patienten vergleichen, müsse mich als Person wahrnehmen. Die Streitkultur lebe hoch, und zumindest in meinen Träumen nimmt sie dieser Tage/Nächte eine bedeutende Rolle ein. Dann schnauzte sie mich an: „Hören Sie auf, jetzt schreien Sie ja schon wieder!“. Im Traum stutzte ich. Warum schon wieder? In meiner Mail hatte ich doch gar nicht geschrien! In einem anderen Teil davor wohnten Sebastian und ich erneut im Haus meiner Oma in Fürstenfeld. Wieder sollte er mich zur Schule fahren, aber wir waren ständig zu spät. Ich träumte von Bahnübergänge, ständig schlossen sich Schranken vor mir, und ich sah ein kleines Kind auf die Gleise rennen, hinter einem Waggon her, und es verbrannte dabei… Der Anblick tat so unglaublich weh, ich brach weinend zusammen. Zumal hatte ich die Gefahr auf das Kind zukommen gesehen, von hinten raste ein Zug herbei, und auch wenn er per se mit dem eigentlichen Tod nichts zu tun hatte, das Kind war freiwillig gestorben, war er zumindest der Auslöser… Was für eine schöne Bildsprache!

So ein Blödsinn! Das redet dir der Spinner in Wien doch nur ein!!

Um nun nicht gleich wieder den Kommentaren zu meiner Figur eine Plattform zu bieten. Mein schwarzes T-Shirt ist übersät mit Haaren; Sebastian hat sie mir heute Morgen gewaschen. Wie oft träumte ich gar schon davon, eine Platte zu haben? Am Bild saß ich lediglich 90 Minuten. Zwecklos. Ich kann mit Farbe nicht umgehen! Der Schmetterling ist der Inbegriff von Pfusch! Auch stellen sich allmählich Kopfschmerzen ein. Es ist ein schöner Tag, vereinzelt weiße Wölkchen am Himmel verteilt, eine sommerliche Brise bringt die Jungbirken zum Erzählen. Wären da nur nicht diese elenden Flugzeuge…
Ich schaffte es gestern nicht mehr hinaus, der Akku hatte in den zwei Stunden an der Station NICHTS aufgeladen. Demnach setzte ich mich mit dem Rollator in die offene Terrassentür, am Restaurant keine Vogelseele mehr, aber vor mir in den Himbeeren raschelte etwas. Ich wartete und wartete und wurde belohnt: Eine kleine Amsel erklomm mehr als tollpatschig eine querliegende Staude und stopfte sich dann eine für ihren Schnabel viel zu große Himbeere in eben diesen, versuchte ihr Herr zu werden und stürzte ab. Ich saß dort so lange, bis die erste Stechmücke an mir vorbei, ein erwartungsvolles „Servus!“ summend geflogen kam, um sich irgendwo im Wohnzimmer für den richtigen Moment zu postieren.

Sebastian fährt zu meiner Mutter, das Essen holen: „Fußball kommt gleich!“. Aufstehen und ein paar Runden gehen müssen, damit ich zumindest in Ruhe essen darf… Eben zumindest was diese Stelle meines Körpers betrifft, die Stimme im Kopf lässt sich nicht abstellen. Aber er hat ja recht, leider…

29. Juli 2017, Samstag 18:53

58,9. Abzüglich jeglichen Ballasts. Ich weiß gar nicht, was ich sagen soll, sagen will. Ob es überhaupt klug ist, dieses Fass aufzumachen. An meine Träume (und es gab Unmengen davon heute Nacht) kann ich mich nicht erinnern. Bis um 10:15 im Bett. Mittags erst spazieren, mich dann von Sebastian „abholen“ lassen. Er hat den Rollstuhl mitgebracht, ich das Gefährt gewechselt. Ich wollte die Schmetterlinge filmen, die ich bei meinem Spaziergang bei den Kohlkratzdisteln gesehen hatte. Um 16:30 erneut los, er hatte in Mogersdorf etwas zu tun und ich fuhr mit dem Rollstuhl währenddessen heimwärts, über die Berge. Je vertrauter mir die Umgebung, desto mehr Erinnerungsfetzen suchten mich heim. Gepaart mit Panik. Auch jetzt herrscht hoher Wellengang, wenn man diese Metapher erneut bemühen möchte. Der Akku ist leer, dabei wäre ich am liebsten draußen. Als er mich dann eingesammelt hatte, sahen wir auf unserem Weg eine junge Krähe auf der Straße liegen. Sebastian erbost: „Wie kann man so etwas überfahren?!“. Bei mir gemischte Gefühle; ich hätte den Leichnam am liebsten mitgenommen. Vielleicht wäre dieser Schädel wenigstens mal unversehrt gewesen.

Meine Abenddosis einwerfen. In mir gibt es so einige Stimmen, die mich davon überzeugen wollen, noch zu anderen Mitteln zu greifen. Nachts im Bett, ich las noch ein wenig, wurde ich mit Erinnerungsfetzen regelrecht bombardiert. Zusammenhangslos, immer nur eine Sekunde dauernde Eindrücke, und dazu Panik, Panik, PANIK!! Tatsächlich aus früheren Zeiten? Tut sich jetzt endlich was?

Die junge Kohlmeise draußen betrachten und wie sich das Abendlicht auf ihrem noch blassen Gefieder abzeichnet. Kopfschmerzen. Bereits seit heute Morgen damit rechnen, dass meine Periode „über die Ufer tritt“. Dabei eine der ganz großen Inkontinenzeinlagen gewählt. Unterwegs kam ich an einer Koppel vorbei, darauf zwei Warmblüter und ich hielt für einen Moment an, nur um sie riechen zu können. Dazu das Geräusch, das sie machten, wenn sie das kurze Gras ab knabberten… Hatte beinahe etwas Meditatives. Und ich erinnerte mich, an Kolga und die Zeit damals… Natürlich auch ans Laufen; das hier waren meine alten Strecken. Wehmut und dazu Sonnenuntergang.

Meine Füße sind geschwollen. Den ganzen Tag eine Flasche Wasser nach der anderen vernichtet und so gut wie nichts im Katheterbeutel gelandet. Sollte mir das jetzt Angst machen, was das Gewicht morgen Früh betrifft, dass sich der Körper das zurückgeholt hat, was ich gestern mit Entwässerungstabletten entfernt hatte? Oder die Hitze, ausreichend geschwitzt? Wieder schwappt die Panik über mich hinweg. Was darf ich essen? Was gibt es zum Abendbrot? Gestern?! Erst ein Viertel der Wassermelone und dann noch viel zu viele Kekse mit Milch. Ich konnte mir selbst nicht Einhalt gebieten, ich war maßlos und zugleich hasste ich mich. Heute Nachmittag gab es Eis und währenddessen Panikattacken. Die hielten mich aber auch nicht davon ab, zu der ohne Frage sündhaften Speise ebenfalls drei Spekulatius zu verputzen. Und zum Frühstück, warum noch eine Brötchenhälfte? Die erste war doch vollends ausreichend! Und gestern waren die Krämpfe gnadenlos, also rechne ich heute nicht mit weniger.

Doch, da erinnere ich mich an ein Fragment eines Traumes. Gestern beim Einkauf die Füße meiner Mutter gemustert… Und im Traum sahen jetzt meine Füße so aus, die Ferse nicht gerade geizig mit Hornhaut verziert. Dazu ist vielleicht zu erwähnen, dass die Spastik so dermaßen florierte, dass mir Sebastian als er nachts ins Bett ging erst die Beine „brechen“ musste, damit ich mich zur Seite drehen konnte. Ich war wie ins Bett betoniert. Und zumindest in der Phase vor dem Einschlafen, während harmlose Erinnerungen wie ein Horrorfilm vor meinem inneren Auge abliefen, erschien es mir mehr als logisch, dass der Körper erstarrt. Ich konnte das Kind in mir fühlen, wie es vor Angst stocksteif wird. Was steckt wohl hinter den erinnerten Situationen? Was verbirgt sich da hinter der Eistruhe, der Gasthaustheke, dem Besuch in Graz, der Weihnachtsfeier…? Etwas tief in mir hat Angst vor den Telefonaten mit Markus. Angst vor der Erinnerung? Das Buch „Der Teufel vor meiner Tür“ hat mich bewegt, mitgenommen und, zumindest was körperliche Sensationen betrifft, erinnert. Beinahe zu Ende gelesen. So wie heute… Es erschien mir unmöglich, im Haus zu bleiben. Ich musste weg, raus. Ob mit dem Rollstuhl oder draußen in der Einfahrt, um zu lesen. Nur nicht eingesperrt sein. Das Bild erschien unwichtig. Und jetzt ratschen draußen die Eichelhäher, es klingt nach Herbst. Die Vögel haben aufgehört zu zwitschern. Und nachts hatten allem Anschein nach die jungen Waldkäuze ihren ersten Ausflug, der wohl oder übel im Garten endete. Unheimliche und zugleich so dermaßen ungewöhnliche Rufe waren zu hören, dass ich darüber schmunzeln musste. Es klang so, als hing einer der Käuze an einem Ast und würde um diesen herum schwingen: „Hui ui ui!!“.

Das linke Bein brennt bereits. Wie viel habe ich gestern konsumiert? 3,9 Milligramm? Definitiv aus dem Schlaf gerissen worden und selbst da noch eine Tablette nachträglich eingeworfen. Es darf mir nicht gut gehen! So einfach ist das. An der letzten kalten Wasserflasche hängen. Unter tosendem Flugzeuglärm geht draußen die Sonne unter, verschwindet hinter der Hügelkette im Westen. Plötzlich sehe ich mich im Gasthaus am Klofenster stehen und in der Ferne kann man die Berge erkennen. So etwas Banales ist es dann mitunter, was mir die Eingeweide auf Grundeis gehen lässt!
Ich weiß ganz genau, wenn ich mich jetzt schon aufs Sofa setze, sind da die Kekse und ich werde fressen, fressen und nochmals fressen. Sebastian will noch in die Badewanne, unser gemeinsamer Abend wird hinausgezögert. Dabei wollte ich doch zumindest einen Abend bis in die Dunkelheit draußen verbringen. Die Nacht kommen sehen. Mich mit den Gespenstern der Dunkelheit unterhalten. Vielleicht Glühwürmchen sehen. Wieder Wehmut.

Am Restaurant sitzt eine zerzauste Blaumeise, ein Jungtier, und überlegt hin und her, welchen Sonnenblumenkern es jetzt noch essen soll. Jetzt muss ich ans Inlineskaten denken, damals noch mit meiner besten Freundin. Mein Herz verkrampft sich in meiner Brust. Martha miaut laut, hat Beute gemacht. Ich muss raus, unbedingt…

28. Juli 2017, Freitag 10:04

59,5 um 7, dank halber Entwässerungstablette. Was mache ich am Bild? Eigentlich nichts anderes als verzweifelt nach dem richtigen Farbton zu suchen, Stunde um Stunde nichts anderes als DAS. Sie deckt nicht richtig, dann sieht sie an manchen Stellen grau aus; wahrlich am Verzweifeln. Und zeitgleich, als wäre mir noch zu langweilig, mit der Unruhe hadern. Dieser ständige Verkehr, dazu auf der Wiese gegenüber ein Traktor seit heute Morgen. Das Temesta benutzerfreundlich griffbereit. Aber der schöne Rausch wie bei den ersten Malen will sich nicht einstellen.

Reiß dich zusammen!

Mir wirklich Mühe geben, aber wenn zu allem Übel auch noch ein Misserfolg nach dem anderen hinzu kommt, wie soll ich da auf Dauer ruhig bleiben? Keinerlei Vorankommen an diesem beschissenen Schmetterling! In meinem Traum wurde das neue Haus unsere Nachbarn abgerissen und kurz bevor mich Sebastian aus dem Schlaf riss, beschimpfte ich einen Putztrupp, der sich ungefragt Zugang zu unserem Haus verschafft hatte, um dort mit seinem Kärcher-Hochdruckreiniger eine 30 Minuten dauernde Gratisrunde zu drehen. Und was hatte ich davon? Alle Möbel, alle Teppiche waren verschoben, die Maschinen hatten so viel Staub aufgewirbelt, dieser stapelte sich auf den Keilrahmen an den Wänden. Zudem die halbe Stunde verstrichen, sie hatten anderswo einen Termin. Und ich brüllte und ich schrie… Da kam Sebastian, um mich aus dem Bett zu holen und ich schreckte atemlos aus meinem Schlaf.

Scheiß Perfektionismus!! Wieder und wieder dieselbe Handbewegung, der gleiche Pinselstrich, in einem fort. Der Ischias am Motzen, zuvor beim Bedienen der Maus bereits ein absehbares Ende meiner Arbeit für heute erkennen müssen. Ohne es zu bemerken, die Spucke im Mund ebenfalls rhythmisch vor und zurück ziehen. Die nächste schwere Maschine rumpelt unten vorbei, das Herz angefeuert. Ob ich es wagen darf, spazieren zu gehen, oder sollte ich es aufs Laufband reduzieren? Meine Beine und meine Hände, aber eigentlich der ganze Körper spastisch versteift. Weil es kühler geworden ist? Von den Benzos? Weil meine Psyche immer mehr anspannt?

Eine Meise kam ins Haus geflattert, um sich am Eimer mit den Sonnenblumenkernen zu bedienen. Fine, die auf dem Kissen unter meinem Tisch bis jetzt geschlafen hat, direkt vor die Nase. Insofern wieder aufstehen müssen, um das Buffet neu zu bestücken. So kann man mich auch erpressen. Die Farbe auf der Leinwand sieht immer schlimmer aus, dann noch mit dem Ellenbogen zum dritten Mal den Knopf der Rollstuhlbedienung drücken, worauf dieser mit einem lauten Piepston auf sich aufmerksam macht… Jeder Muskel meines Körpers erleidet vor Schreck eine Kontraktion. Das sind die Momente, auf die ich gut und gern verzichten möchte. Wie gestern, als sie hinten ganz laut und mit einer für mich ungewohnten Stimme „GUTEN MORGEN!!!“ rief. Margit ist noch neu und ich versuchte anschließend sie ein wenig zu sensibilisieren für mein „Problemchen“. Ob es mir gelungen ist?
Nun erneuere ich SCHON WIEDER die Zeichnung auf den Flügeln. Gezwungen, mich zu wiederholen: hin und weg und hin und weg… Und wieder lässt Sisyphus grüßen! Die Stoppuhr läuft und läuft und läuft, Sonne, Wolken, Sonne, Wolken. Sorge, wie beim letzten Ausflug die Einfahrt nicht mehr hoch zu kommen. Und freitags kommt Sebastian immer später nach Hause. Ich könnte auch versuchen, mit dem Rollstuhl die Einfahrt runter zu fahren und den Rollator irgendwie mitzunehmen… Idiotisch?

Die Striche werden feiner und noch feiner und alsbald brauche ich eine Lupe. Draußen erhebt sich einer der Mäusebussarde mit einem Schrei in die Lüfte. Die Farben abdecken. Schluss! Zwei Stunden, und noch keine Entscheidung, wie mein Spaziergang auszusehen hat…

19:26
Der Spaziergang war gut, wirklich gut. Unten vor den Postkästen unserer Nachbarn entdeckte ich einen Schlüssel, den ich dann bis hoch zum Haus, das heute Nacht dem Erdboden gleich gemacht worden war, zu bringen und der Nachbarin zu überreichen. Sie ist Ärztin, sie sieht schlimme Fälle, klar. Aber mir wieder und wieder diesen Zwangsoptimismus regelrecht aufzuzwingen, finde ich anstrengend. Und natürlich: Es ist wie immer nur gut gemeint… Sie klatschte nämlich und meinte es sei wunderbar, dass ich gehen könne. Darauf ich: „Mag sein, aber am Nachmittag schlägt das alles immer ins Gegenteil um.“. Meine Psyche gar nicht erst mit erwähnt. „Aber man muss sich auch über die kleinen Dinge freuen!“. Ach ja…
Nachmittags mit Sebastian zum Supermarkt, um uns dort mit meiner Mutter zu treffen. Es war wieder viel, phasenweise zu viel, immer wieder hielt ich an und starrte ins Nichts, den Geist aktiv abgeschaltet. Und dazwischen betrachtete ich sie verstohlen, dachte an all das, was ich ihr vorwerfe, und sah sie sterben. Bei der Verabschiedung musste ich mir selbst verbieten, diesen Gedanken zu Ende zu denken, um nicht gleich wieder in Tränen auszubrechen und mir den restlichen Tag zu versauen. Aber kaum zu Hause, Sebastian ging nach oben und ich fuhr wieder hinters Haus, mit Buch und Kamera im Gepäck, erfasste mich die Panik. In Wellen schwappte sie über mich hinweg und wollte mich wieder und wieder ins Haus treiben, um dort irgendetwas einzuwerfen, bzw. anzustellen. Bis jetzt bin ich standhaft geblieben. Mich an die Dreivierteldosis Tramal klammernd. Ich war auch nicht umhingekommen, meine Mutter mit ihrer Mutter zu vergleichen. Was die Sterbefantasien umso mehr anheizte. Was ist das nur für ein morbides System, in dem ich stecke? Worin hat es seinen Ursprung? Genauso verzweifelt heftete ich meine Aufmerksamkeit an die Zeilen im Buch. Ließ mich davon gefangen nehmen, und selbst als es zu regnen begann, verlagerte ich meinen Standort lediglich vor die Haustür unters Vordach. Ein paar Stechmücken mussten sterben und selbst da hatte ich ein schlechtes Gewissen. Was bin ich für ein schlechter Mensch?! Allerhand Sachen wurden gekauft, und das nur, um sie mit Sicherheit einer bulimischen Fressattacke zu opfern. Neben mir eine Packung Spekulatius. Meine Mutter wurde nicht fertig, um mich zu werben: „Bianca, willst du das? Willst du nicht das mal probieren? Und brauchst du nicht das auch? Wir wäre es hiermit? Und davon benötigst du sicher noch was!…“. Wird da ein schlechtes Gewissen getilgt? Na definitiv in mir eine weitere Portion davon angepflanzt.

Auch jetzt sollte und darf ich nicht zu lange darüber nachdenken, sonst kommt es noch zum totalen Zusammenbruch. Den Tag über auch sehr intensiv über mein eigenes Ableben nachgedacht. Wie ist es, wenn man realistisch ausrechnen kann, wie lange einem noch bleibt? Gemäß dem Fall ich bin 75 und darf mir ausmalen, erwartungsgemäß noch 5-7 Jahre zu haben? Mir wird schlecht. Und absurderweise darauf eben der Gedanke, jetzt Schluss zu machen.
Dezent stellen sich Kopfschmerzen ein. Ich wollte schon längst meine alte Homepage überarbeitet haben, aber zu diesem Zwecke benötige ich mein altes Notebook. Müsste Sebastian ein weiteres Mal herunter zitieren. Darauf hoffen, dass er bald wieder einmal eine Zigarette braucht?

BRING IHN DOCH GLEICH UM!!!!

Spätestens jetzt bemerke ich, dass ich zu wenig Dröhnung fühle… Mir einen der Gewürzkekse in den Mund schieben. Hatten wir heute nicht so viel Obst gekauft? Unablässig komm ich ins Wanken, als würde ich hoch oben über ein Drahtseil balancieren. Links und rechts der Abgrund, links eine Tablettenüberdosis und rechts die Rasierklingendose. Überstehe ich den Abend ohne Ausfälle? Sebastian erwartet noch Besuch, dieser lässt wortwörtlich auf sich warten. Nach einem kurzen Anruf oben meint er, in zehn Minuten auf jeden Fall runterzukommen. Dann kann ich zumindest die Homepage sanieren, bin beschäftigt… Kurzfristig. Und dann wird sich zeigen, ob sich an den Klicks beim Video etwas ändert oder nicht. Mein Rücken tut weh, zu lange zu unbeweglich in ein und derselben Position verharrt.

27. Juli 2017, Donnerstag 8:36

59,9 um 7:00 Uhr. Kurzerhand überschlägt sich die Panik, wird binnen Sekunden so heftig, dass ich keinen Ausweg mehr sehe! Verzweifelt in meinem Medikamentenfundus gewühlt… Das Temesta kann doch noch nicht verbraucht sein!… Mein Herz beginnt zu rasen… Ich schaffe den Tag nicht!!… Unterm Tisch, auf dem kleinen Hocker noch eine ganze Blisterpackung irgendwo unter unzähligen anderen Tabletten. Ich beruhige mich nicht. Den größten Teil der Nacht wach. Mir die Fingernägel abgekauft. Mit dem Zeigefinger über das Gesicht sondiert, um Stellen auszumachen, die man aufkratzen kann, und so nicht vorhanden, neue akquirieren. Das Herz schlug mir bis zum Hals, erst spät konnte ich Schlaf finden, und selbst das nur sporadisch. Wovor graut mir am meisten? Der Volkshilfe? Sonja möchte ich einmal ausklammern. Das Telefonat mit Markus?… Beim Diktieren der letzten Worte muss ich schwer schlucken. Ist er eine Bedrohung? Eine Bedrohung für den vermeintlichen Frieden?

Abends… Das Telefon klingelte, Sebastian: „Ist bei dir alles in Ordnung? Ich brauche noch ein bisschen.“.
„Fehler“?

Gibst du jetzt ihm die Schuld??!!

Nein, tue ich nicht, will ich nicht, auf gar keinen Fall! Eine halbe Stunde vor seinem Anruf hatte ich meinen linken Unterarm vier Schnitte verpasst. Irgendeine Form von Bestrafung musste stattfinden. Liegt es an den Antidepressiva? Die Klinge, unheimlich scharf, brannte auf der Haut! So unangenehm, so bestialisch…

DU WEICHEI!!

Zu diesem Zeitpunkt wusste ich ja nicht, wann er nach Hause kommt. Nun hatte er mir ein Zeitfenster geliefert, ungewollterweise. Und ich perfides Schwein nutze das natürlich gleich für meine Zwecke! Mit ihm darüber reden? Er ist es so leid, hat es wahrscheinlich schon so satt, wieder und wieder die gleiche Scheiße zu hören… 16 Schnitte hinzugefügt. Der Körper erneut gut aufgeheizt, es blutete kräftig. Ein Tropfen landete auf meinem blauen Oberteil. Das fiel mir erst später auf, und ich konnte und wollte nicht mehr aufstehen. Mir den Stoff in den Mund gesteckt, draufgespuckt und eingesaugt und draufgespuckt und eingesaugt. So hatte ich es Mittags bereits mit dem schwarzen Armwarmer gemacht. Schneller und unauffälliger hätte man die Blutspuren nicht entfernen können. Wie geschmacklos auch immer das sein mag.

Die Stoppuhr steht. Diktieren und malen funktioniert nicht gleichzeitig, und das Verbalisieren meiner Ängste erscheint soeben wichtiger. Die Temesta liegen neben mir. Abends beim Fernsehen sah ich scheinbar belanglose Dinge, die mich aber an irgendetwas in meiner Kindheit erinnerten. Und mit einem Schlag war ich wieder dort, in den jeweiligen Situationen, ich vermutlich in einer leichten Trance, weggetreten, Dissoziation und der belanglose Moment zerriss mich vor Anspannung beinahe in kleine Fetzen. Was, WAS steckt dahinter? Hinter der Banalität?!!

Die Tablette noch aufschieben. Heavy Metal und die Stoppuhr erneut in Betrieb nehmen. Angst davor, bestimmte Damen von der Volkshilfe könnten kommen. Mit denen es schwieriger ist zu kommunizieren, was ich von ihnen möchte. Kopfschmerzen und bereits nach 9:00 Uhr. Die Kehle zugeschnürt.

Hör endlich auf mit dem Mist!! Dir ist nichts passiert!!

9:48
1 mg Loazepam. Mir reicht es!

18:12
Die Spastik hat in einem beängstigenden Ausmaß zugenommen. Ich spüre es tagsüber, wenn ich die Beine auf die Fußstützen stellen will, und erst recht nachts, wenn ich mich umdrehen möchte. Mir von Sebastian zu Abenddosis eine volle Portion Tramal in den Mund applizieren lassen: „Um die Panik wenigstens ein bisschen abzustellen!“. War über eine Stunde draußen, um zu lesen…

Und um zu fressen, du Schwein!

Die restlichen Eiswaffeln vertilgt. Ich hasse mich. In mir schreit alles danach, solange er oben ist auch noch die Rasierklinge zum Zug kommen zu lassen. In meinem Schädel dreht sich alles mögliche, ich weiß nicht mehr ein noch aus.

19:18
Der zeichnet sich dasselbe Theater ab wie gestern Nacht… Da wurden aus 5,2 Milligramm. Keinen Bock mehr, gleich 2,3 vom normalen Hydal und zwei von der Retardfassung. Meine Panik zeigt sich davon unbeeindruckt. Der Magen fühlt sich an, als hätte man ihn mit Steinen befüllt, die Kehle wie zugeschnürt, als hinge ich am Galgen. Wohin mit mir?…

26. Juli 2017, Mittwoch 11:46

59,5 um 7. Dem drohenden Besuch einen Zettel auf die Türglocke geklebt, um so ein noch bedrohlicheres Läuten zu vermeiden. Meine Pumpe beim Training auf dem Laufband gerade ohnehin auf 150. Ganz laut Heavy Metal, ganz laut mitgesungen und zwei Stunden geschafft. Mit so gut wie keinem ersichtlichen Fortschritt. Eine Farbschicht um die andere; von der Seite muss sich der Schmetterling mittlerweile von der Leinwand abheben. Das Hauptproblem? Nicht sofort den richtigen Farbton zur Hand zu haben, und alles was ich mir zusammenmische, stimmt letztenendes nicht wirklich mit dem Foto überein. Heute auf dem Programm? Constanze und Basti samt Urlaubsgenossenschaft, alle kommen aus Ungarn auf einen kurzen Besuch hier ins Haus. Meine Bilder sollen begutachtet werden. Auch abends traf ich unsere Nachbarin mit ihrem Lebensgefährten, ein kurzer Plausch und dann kündigten auch sie an, mich dieser Tage mal zu besuchen, der Bilder wegen. Fragten mehrmals nach, ob das auch wirklich in Ordnung ginge. Zur Verabschiedung bedankte ich mich für die paar netten Worte, die man gewechselt hatte, dass mir das jetzt gut getan hat. Als dann nachts beim Abendessen die Panik erneut die Oberhand zu gewinnen schien, sagte ich zu mir selbst, oder besser gesagt in mich hinein: „Nein! Es reicht! JETZT NICHT! Ich will jetzt nichts und niemanden sterben sehen, ich will in Ruhe essen!!“. Ob es gewirkt hat? Heute Morgen die Dosis vom Efectin verdoppelt, zurück zur gewohnten Dosierung. Ich hatte Weltuntergangsträume und eine Zugfahrt habe ich gesehen, die irgendwie kein Ende nahm. Morgens zwar wieder erschlagen und müde, aber es ist frischer, viel frischer, der Dachschaden scheint die Umklammerung etwas zu lockern. 32 Minuten auf dem Laufband, Maximalgeschwindigkeit 0,9 km/Stunde. 400 Meter geschafft. Ich darf jetzt nur nicht den Fehler machen, hier erneut in einen Wartemodus zu geraten, dann drehe ich wieder durch. Am besten aufs Sofa, Nachrichten an und mir Sorgen darüber machen, was in der Welt abgeht.

18:52
Die Vögel fliegen erneut zur offenen Terrassentür herein und bedienen sich an den Kübeln selbst. Ich bin allein. Und eigentlich sollte ich mich verletzen, bestrafen. Zusammen mit dem Besuch wollten wir zum Heurigen, meine Mutter war auch eingeladen. Als wir sie abholten, kaum saß sie auf der Rückbank unseres Autos, redete sie wie ein Wasserfall. Wie aufgezogen. Und vor allem wie in diesem Video über die Persönlichkeitsstörung! Ich schwieg den größten Teil der Fahrt. NATÜRLICH bezahlte sie das meiste der Bestellung erneut, ungefragt. Auf der Rückfahrt kam es kurz zu einem Missverständnis, eine unwichtige, dämliche Situation, und beide belehrten mich. Darauf sagte ich gar nichts mehr und sorgte für Totenstille in der Fahrgastzelle. Meine Mutter versuchte von hinten immer wieder Kontakt mit mir aufzunehmen, berührte mehrmals meine Schulter. Ich dachte: „Es ist normal, es ist total lieb gemeint! Wäre ich eine Mutter, würde ich es doch genauso machen!“. Doch in Gedanken sah ich ihre Hand und ich hielt es nicht aus.

Noch dazu der Besuch an sich, als er mittags das Haus betrat und ich wieder einen auf Entertainer machte. Klar, es waren schöne Gespräche, tolle Gespräche, und dennoch brach ich, kaum waren alle in ihre Autos gestiegen, in mich zusammen und verlor bereits da meine Stimme. Als hätte ich etwas angestellt. Kinder waren anwesend und ich vermied es, die Stimmung erneut runter zu ziehen. Sprach diese Angst auch mehrmals an und wurde immer beruhigt: „Tust du nicht, und wenn, das bist halt du! Und der schwarze Humor!“.

Sebastian ist noch einmal weggefahren. Ich spürte sofort, dass mir die Decke auf den Kopf fällt. Bin rausgefahren, mit Buch und Kamera. Doch zwischen den Zeilen sah ich in mir unablässig die Situation im Auto, meine arme, arme, arme Mutter. Ich hab ihr die Laune verdorben. Ich ekelhaftes Miststück. Ich undankbare Missgeburt.
Draußen hängen immer noch die Tücher und restlichen Verbände, frisch gewaschen und doch nicht fleckenfrei. Hatte nachts und auch tagsüber mehrmals drauf geregnet. Was mache ich?…

25. Juli 2017, Dienstag 8:33, „Dilemma“…

59,4 um 7:00 Uhr. Und das, obwohl ich abends eine weitere volle Dosis Diuretika geschluckt hatte. Und DAS, obwohl ich mir von Sebastian abends die Stützstrümpfe anziehen habe lassen. Ich bin fertig, fix und fertig… Klar, ich könnte mich zusammenreißen, an die Arbeit gehen und „alles würde gut werden“. Mein Körper hat in den zurückliegenden Tagen immens an Spastik zugelegt. „Ich komme dir mittags mit dem Rollator entgegen!“, lautete die Devise. Doch kaum hatte er mich angezogen nickte ich auf dem Sofa ein und wollte nicht mehr aufstehen. Jetzt beim Frühstück keinerlei Lebensgeister getankt. In mir drinnen ein Streitgespräch, ein Prozess: „Darf ich meinen Rausch ausschlafen oder nicht?“. Die Krämpfe hatten nicht aufgehört und ich inflationär Hydal unterschiedlicher Stärken in meinen Organismus gepfeffert, unterm Strich waren es locker über acht Milligramm. Zusätzlich Tramal. Nicht zu verschweigen die 30 Schnitte. Zu diesen hatte mich ein Telefonanruf veranlasst, ich längst aufs Sofa geparkt, Sebastian längst um ein Temesta gebeten. Und dann klingelte dieses elende Höllending! Er ging oben ran, scheinbar galt ihm der Anruf, aber für mich war es Anlass genug den 20 Kratzern weitere 10 hinzuzufügen.

So, das ganze Strafregister aufgezählt? Ich bin so müde und wieder veranstaltet die Panik eine Hetzjagd in einem Körper; ein falscher Gedanke, ein falscher Blick, ein falsches Wort… Ich muss Markus schreiben. Das sollte ich sofort erledigen. Seine Gebrechlichkeit in allen Ehren -aber ich kann das so nicht machen!

Die Nachbarn heizen ein, es riecht nach Herbst und neben mir auf dem Boden liegt bereits das dicke Kissen. Den Tag wegschmeißen. Bei der Überlegung wird mir speiübel. Die Unruhe kocht hoch, wird zu Panik und ich weiß weder ein noch aus… Was werde ich heute schlucken müssen? Für die Angst ist klar: Ich muss mich an die Leinwand setzen und den Pfusch von gestern versuchen aufzuarbeiten. Der Körper will Ruhe, will schlafen… Du Schrottkiste! Wenn du dich nicht bewegst, kann man dich noch schneller in die Tonne treten!! Wie ich es mache, ist es falsch. Den Strumpf vom Arm ziehen; da blutet nichts mehr. Kissen auf den Tisch und gegen das Brodeln in mir versuchen mit Schlaf anzugehen. Wie immer in der Hoffnung auf Träume, die Klarheit schaffen.…

10:01
Mein Geist lässt mich nicht schlafen. Vor etwa 20 Minuten wieder zur Beruhigungstablette gegriffen. Dann flog eine Kohlmeise in die Küche und fand den Weg nicht mehr hinaus. Fine vertrieben und dann den Lotsen gespielt. Jetzt drängt sich mir der Donnerstag auf, wenn die Volkshilfe wieder vor der Tür steht. Mein Herz erlebt kurzzeitig einen Kollaps und ich möchte entweder ein zweites Temesta oder gleich Gewacalm obendrauf schmeißen! Ich hätte malen sollen, alles nach Plan machen sollen!!

Die nächste Kohlmeise, wieder aufstehen, wieder erst die Katze vertreiben und dann den Vogel hinauskomplementieren. Jetzt ist es amtlich! Ich habe alles falsch gemacht! Eine volle Dosis Tramal. Ich muss mich aufschlitzen, ich halte die innere Anspannung nicht mehr aus, nicht die Panik, nicht die konfusen Gedanken und Erinnerungen die ganze Zeit! Ich bin gescheitert!

Verbrenn die scheiß Leinwand endlich und wirf den ganzen Krempel auf den Müll!!
Du konntest nie was und jetzt kannst du erst recht nichts mehr!!
Lass es sein!! Verschone die Welt!!
Bald wird jemand sterben, du wirst schon sehen!!

Für einen Moment innehalten, um dann die Klingendose zu öffnen. Mit einem Schlag meiner Daseinsberechtigung beraubt. Die Hände eiskalt, das wird nicht bluten. Aber die Klinge ist neu. Draußen ums Haus Baulärm. Von überall her kommt der Krach, ich scheine umzingelt. Mir ein „Thema für die Sitzung heute basteln“. Markus die Schuld geben, weil mit ihm alles angefangen hat? Eine fadenscheinige und zugleich undankbare Aussage. Meine Handbeuge ansehen. Wieder drängt sich mir der Gedanke an die Volkshilfe auf und in mir eskaliert etwas. Die aktuelle Kante gestern mit einem Tropfen Blut markiert. Ob ich in diesem Rauschzustand versuchen darf zu spazieren?

Der erste Schnitt ist lächerlich. Der Zweite dezent besser. Zu zaghaft, zu vorsichtig, zu kontrolliert…

FEIGE SAU!!

30. Die Haut wie Leder. Lediglich mit der kalten Hand über den blutigen Rinnsalen kann man spüren, wie heiß zumindest mein Lebenssaft ist. Er strahlt regelrecht Wärme ab. Mich verachten und keinerlei Betäubung. Es bleibt der Zwiespalt, ob ich mich alsbald auf den Weg mache oder mir endgültig mit Benzos das Licht ausknipse. Mühselig, nun nach einem Auslöser zu suchen. Der gestrige Tag, mein Versagen, das Wetter… Ich halte mich nicht aus!!

Die Hand klimpert bis 4. Es tut mir so leid, leid um Sebastian. Der kommt nach Hause, hat eigentlich immer gute Laune, gibt sein Bestes, mich am Leben zu halten, und von mir kommt nur DRECK! Egal was ich gerade denke, es bereitet Angst! Sollte ich noch Schnaps dem Giftcocktail hinzufügen und mir weismachen, morgen sei wieder alles in Ordnung?
Die Augen wandern zur Leinwand…

VERSAGER!!

Aufstehen, gleich 10:45, das blutige Geschirrtuch verschwinden lassen, meine Zähne putzen, Schuhe anziehen und raus… Weglaufen!

15:13
Hat sich gelohnt… Jetzt ist es ein Vollrausch! Beim Ausflug wurde mir immer schwindeliger. Mittags eine volle Dosis Tramal, um nach dem Essen einzuschlafen. Mich fühlen, als hätte mich ein Zug erfasst und mitgeschleift. Äußerst riskant der Gang ins Badezimmer, mehrmals derart schwanken, dass es an ein Wunder grenzt, nicht umgefallen zu sein. Den verwundeten Arm mit heißem Wasser und Seife abgewaschen. Noch nicht fertig mit mir. Brigitte kommt in über einer Stunde und ich treibe dieselben Spielchen wie mit Sebastian jedes Mal: „Wie lange bin ich noch allein?“. Was soll sie mit mir anfangen in diesem Zustand? Erinnerungen drängen sich mir auf, ich fühle mich wie damals in der Situation. Diese Verzerrung wirft die Frage auf, ob ich überhaupt noch lebe. Die Dose mit den Rasierklingen aus der Tasche ziehen. Sollte es eine nagelneue Klinge sein? Mir ist schlecht und in der Eingangstür steckt draußen der Schlüssel… Jedes Knacken im Flur lässt mich zusammen fahren. Dejavue… Mir reicht es! So setze ich ein weiteres Mal an, sollte es doch den Arm hinab laufen und von den Fingerspitzen tropfen. Der seltsame Lichteinfall, nicht Fisch, nicht Fleisch, und wieder bei der einen Fahrt nach Pinkelfeld. In meinem Schädel scheint sich etwas auszudehnen, ein Vakuum. Nach den ersten 4 mich für ein noch in Folie verschweißtes Stück entscheiden, ein noch nicht angebrochenes kleines Kuvert.

Wie krank bist du?!!

Wenn ich das wüsste… 20 und es blutet kräftig. Es brennt dementsprechend, über die frische Wundfläche zu schneiden. Was für ein Massaker…

16:05
Hätte ich auf das Tuch verzichtet, hätte ich das Blut auf den Boden tropfen lassen, was wäre das für eine wunderschöne, große Lache geworden. Die unteren Schnitte dunkelblau. Kurzatmigkeit, während die Augen zufallen. Zugleich fühle ich keinen Ausweg, sehe um mich rum wieder nur eine Sackgasse. Keinen einzig klaren Gedanken fassen können, von produktiv endlos entfernt. Erinnerungen weiterhin auf dem Vormarsch. Ostern, irgendwelche Feierlichkeiten, das Wetter schlägt um, bedrohlich die schwarzen Wolken, die da über dem Gasthaus aufziehen. Ich sitze im Wohnzimmer auf dem Fußboden und spiele mit den unterschiedlichen Figuren aus dem stinkenden Schrank unterhalb vom Fensterbrett. Oder die Knetmasse…

Draußen klingt es, als stünde jemand vor der Tür. Ich hatte zuerst die Flecken unterm Tisch weggewischt. Ganz sporadisch mit Klopapier und Spucke. Der ganze Körper war besudelt, beide Beine, beide Arme… Sicherlich habe ich irgendwo etwas übersehen. Dann meine ich mich erinnern zu können, was für Geschenke es gab. Zu diffus das Bild davon, und genauer hinzusehen verstärkt den Druck, der auf meinen Magen ausgeübt wird. Ich erinnere mich an die Serie „Narnia“, an mich auf der Couch beim Gucken. Welche Rolle spielen die anderen? Welche die Nacht?! Bei diesen fünf Buchstaben stockt mir der Atem. Weil es etwas zu bedeuten hat ODER ich darauf förmlich getrimmt wurde?

Brigitte gegenüber so tun, als sei alles in Ordnung? Jetzt bin ich beim Kochunterricht nachmittags in der Hauptschule. Wie man spät nach Hause kommt. Reisauflauf. Hirn aus, Glotze an.

16:28
Zum dritten Mal klingelt das Telefon, diese verfluchten Telefonterroristen. Ob ich mich geirrt habe und nur aus Versehen den Termin mit meiner Therapeutin heute statt morgen eingetragen zu habe? Die Pumpe kommt auf Hochtouren, zusätzlich knallt eine Kohlmeise mir vis-a-vis gegen die Fensterscheibe.

18:36
Zum Abendessen erneut eine volle Dosis meiner Opioide. Die Panik zerlegt mich und ich wünsche mich zurück in diesen blutenden Zustand. Was bleibt mir nun? Mit dem Rollstuhl rauszufahren, abzuhauen… Ich halte mich, ich halte nichts mehr aus, als hätte ich einen Cortisonentzug am Start!

24. Juli 2017, Montag 9:35

Die Hand pendelt von 1,3 zu 2,6 Milligramm Hydal, hin und her, zögert. Irgendwie direkt nach dem Aufstehen bereits beschlossen, dass heute ein Tag für einen Abschuss gegeben ist. Die höhere Dosis einwerfen. Es krampft seit mindestens einer halben Stunde. Mir mein eigenes Video noch einmal angehört, jenes mit der Domian-Folge. Da fingen die Krämpfe an. Kausaler Zusammenhang oder nicht -unterm Strich egal. Das Essen gestern hat mein Gewicht zerschossen, 60,2 Kilogramm um 7:00 Uhr. Abends gefressen wie ein Schwein, total maßlos, mich selbst nicht mehr unter Kontrolle. Es regnet, regnet immer noch, ab und an hallt ein Donner über die Hügel, obwohl die Wolkendecke im Süden bereits aufbricht. Meine Träume waren so… Konfus? In einem Teil entdeckte ich alte, längst vergessene Videokassetten mit Filmprojekten von mir. Relativ schnell war klar, dass eine davon aus der Zeit direkt nach der Diagnose stammen musste. Meine Freundin führte die Kamera und ich inszenierte mich oben auf meinem Hügel zu depressiven Gedanken, die ich von mir gab. Die Kamera wanderte um mich herum, während ich im abendlichen Sonnenschein den Strumpf vom Arm streifte… Die Schnitte tiefschwarz, tief, breit. Mein Gedanke im Traum dazu: „Da habe ich es wenigstens noch ordentlich gemacht!“, sicherlich inspiriert vom Missbrauchsbuch, in dem ich gestern erst las, wie die Protagonistin für sich die Selbstverletzung entdeckt und dann noch einen Selbstmordversuch wagt, indem sie sich die Pulsadern aufschlitzt. In einer anderen Sequenz sollte ich vom Gasthaus ausgehend die Straße runter fahren, in Richtung Fürstenfeld. Die Straße wurde zum Sinnbild für die Zeit und ich wusste ganz genau, würde ich dort bei der einen Kurve ankommen, würde meine Oma sterben. Es war berechenbar, es war klar, dass sie nicht älter werden würde und ich sie dort tot antreffen müsste. Wie immer glaube ich auch heute, dass da zwischen den Zeilen einiges verloren gegangen ist, also ich nicht erinnern kann. Vor allem etwas, das entscheidend wäre.

Ich komme am Bild nicht voran, ich drehe mich im Kreis, Male ständig dieselben Passagen.

Dilettant!!

Mich an meinem Perfektionismus aufhängen oder sind die Makel „wahrhaftig“ und müssen verbessert werden? Ständig daneben malen, ausbessern, daneben malen, ausbessern. Ein Zustand abends; diese Mischung aus Panik und Erinnerung lag mir schwer im Magen. Vielleicht auch dagegen angefressen. Also die Domian-Folge ein Schlag in die Magengrube und man darf sich fragen, warum ich das absichtlich mache. Hinterher, wie nach einer Initialzündung, nur noch das Bedürfnis, mir Dokumentationen über Missbrauch nebenher anzusehen/anzuhören. Teilweise schon x-mal konsumiert.
Der Eingang vom Katheter schmerzt. Nachts im Bett feststellen müssen, dass das Loch eitert. Im besten Fall kam das Blut zuletzt im Schlauch davon und nicht von einer Blasensinfektion. Mein Rücken ist beleidigt. Eingeschlafen meiner Meinung nach auch erst um 2. Alles perfekte Voraussetzungen mich erstens abzuschießen und dann schlafen zu legen. Steht heute wieder Entwässerung an? Wenn ich meinen Körper schon vergifte, dann richtig? Zum Abendessen zwei Stück Blechkuchen von meiner Mutter, dann noch einen Becher Sauermilch mit Mango, dann noch eine Milchschnitte, drei Bonbons und später zu allem Überfluss eine Lakritzschnecke!

FETTE MASTSAU!!

Ich bin nicht wirklich müde, aber ich möchte so gerne in meinen Träumen nach Antworten suchen. Ich sollte ernsthaft aufstehen und ein paar Schritte gehen. Aber ich klebe fest und überlasse es der Pharmaindustrie, meine Probleme zu lösen. Beziehungsweise mein aktuelles Hauptproblem im rechten Bein.

Von Thema zu Thema springen, unkoordiniert, chaotisch…

BORDERLINER!!!!

Die Rechte klimpert. Ich will nicht denken, mich nicht erneut in zusammenhangslosen Erinnerungen verlieren müssen.
Die Heizdecke, die sich nach 90 Minuten ausschaltet, erneut in Betrieb nehmen. Den Schmetterling fixieren… Ich bräuchte Farben mit mehr Pigmenten! Jene, die ich habe, decken nicht. Ein winziger Fehler erfordert stundenlanges Ausbessern, unzählige Schichten, die aufgetragen werden müssen. Das Dunkelblau draußen geht in Weiß über. Glänzend hängen Himbeeren in den Sträuchern. Die Stoppuhr anschmeißen und weitermachen. Wahrscheinlich wäre Musik besser für mich und das Bild…

Zusammenhangsloser Scheißdreck!!

Erinnerungen… So wie ich abends an meine Eltern dachte, sie auch nur als Opfer ihrer Eltern und Umwelt wahrnehmen konnte, jeden für sich mit seinen menschlichen Marotten und mir tat alles leid, warum ich allen das Leben so schwer machen muss, es könnte doch so einfach sein, mit einem Augenzwinkern hinnehmen, wie der andere ist, anstatt aus allem ein Drama zu produzieren… Und schlussendlich sie sterben zu sehen…
Schwer schlucken müssen. Geh an die Arbeit!

10:12
Unten fährt der Müllwagen vorbei, heute wird Papier abgeholt und ich bekomme schlagartig Panik. Unterdes krampft das Bein unterm Tisch ambitioniert und unbeeindruckt weiter. Das Licht wird heller und heller und zugleich spüre ich die Dunstglocke, die sich dank Morphium auf mein Haupt senkt. Heller wird zu ersten Sonnenstrahlen, mein Rücken total angepisst.

JAMMER, JAMMER, JAMMER!!

Wie meine Mutter… Wie eine Oma. Jetzt wird mir auch noch schlecht. Der eventuelle Plan, aufs Laufband zu gehen, wiegt schwer auf mir wie ein schlechtes Gewissen. Wann wohl Markus anrufen wird? Er will diese Woche mit einem speziellen Verfahren beginnen, mit leichter Trance; ich habe vergessen, wie man das nennt. Es genügt der Gedanke an das Klingeln vom Telefon -Panik!! Das habe ich ihm auch letzte Woche verdeutlicht und erst später musste ich mir klarmachen, dass ICH es war, die ihm eine Mail geschickt hatte nach dem ersten Gespräch am Montag oder Dienstag (ich weiß es nicht mehr), wie schlecht es mir hinterher gegangen sei. Ganz schön undankbar von mir…

Miststück!!

Und was war das gestern für eine Glanzleistung? Mir diverse Leute bei Facebook angeguckt, diverse Kommentare geschoben, lediglich um auf mich aufmerksam zu machen, mich anzubiedern und dann SCHLUSSENDLICH mein eigenes Profil zu studieren, um zu sehen, was die jeweilige Person dann zu sehen bekommt, ob es sie interessieren könnte usw. und so fort… Ich soll kein Narzisst sein?! Schwer vorstellbar! Und allein dafür hätte ich mich aufschlitzen sollen!!

11:19
Zwei Stunden gemalt, 0 Ergebnis, nur noch mehr Fässer aufgemacht. Jetzt Zähneputzen und dann noch aufs Laufband? Der Himmel ist wieder grau, die Dunstglocke hat sich vor geraumer Zeit auf den gesamten Körper ausgeweitet und mein Bein befriedet. Diese Baustelle erneut aufreißen?

11:49
Unten bei Emma und Rudi meine Arbeitskollegen, wie von ihr angekündigt helfen sie dabei das Holz einzuräumen. Es machte mich unruhig, zumal ich nachts auch noch von ihnen geträumt habe, vom Büro, dass man mir diverse Akten auf meinen Tisch geknallt hätte, also Arbeit, die ich machen hätte sollen, dabei ich nicht einmal in der Lage umzublättern. Noch ganz andere haarsträubende Sachen spielten sich da ab, es kam zu einem Traum im Traum. Also die Stimmen unten zu hören löste in mir Unruhe aus. Also noch mehr. Die Zähne geputzt und sodann der Blick in den Spiegel zu tief: „Was für ein Wrack!“…

WAS FÜR EINE ALTE, DRECKIGE HACKFRESSE!!

Anstatt aufs Laufband zu gehen zurück ins Wohnzimmer, den kleinen Tischspiegel im Gepäck. Der Anblick wurde nur schlimmer und ich kann nichts daran ändern! Mich dafür entschieden, um wenigstens etwas zu leisten jetzt meine Physiotherapie durchzuziehen. Etwas ausführlicher als sonst. Vom aufrecht Sitzen stellen sich alsbald noch mehr Schmerzen ein. Wie so ein altes Waschweib!

Und immer nur DU, DU, DU!!!!

Wieder ein falscher Gedanke, versinnbildlicht Abrutschen und keine Luft mehr bekommen. Was war es jetzt? Gleich Mittagspause, Sebastian kommt nach Hause, es gibt irgendetwas zu essen, ESSEN?! Er sieht mich… „Du hast schlichtweg zu viel Zeit, nachzudenken! Du brauchst eine ordentliche Beschäftigung!“. Mir einreden, auch später noch Spazieren zu können. Mir weismachen, das Gewicht käme auch von den stark geschwollenen Füßen gestern. Mir glaubhaft machen, zumindest oben rum bei den Schultern das Spiegelbild betreffend nicht so schlimm auszusehen wie in meiner Vorstellung von mir. Die Hand klimpert bis 4, das junge Rotkehlchen sitzt am Ende vom Wäscheständer und wagt sich nicht so recht ans Buffet, auch wenn es da allerhand Leckereien für seinen spitzen Insektenfresserschnabel zu holen gäbe. Die Mehlmotten, die Haferflocken und Nüsse, die in dem kleinen durchsichtigen Container mittlerweile von Mottenlarven durchsetzt sind; es gibt also lebendiges Eiweiß zu futtern. Eine der jungen Kohlmeise hatte zuvor eine Ewigkeit den Schnabel voll mit Spinnweben, was durchaus amüsant zu beobachten war. Typisches Schlechtwetter: die Insekten fliegen nicht und so ein Ausflug ins Restaurant kommt da gut an.
Ich höre unseren Golf…

14:24
Es ist wohl kaum Sinn der Sache, dass ich den ganzen Tag Panik schiebe, dass Markus anruft. Was ist, wenn er es heute nicht tut? Mich den ganzen Tag von den Gefühlen auffressen lassen, um morgen an selbiger Stelle weiter zu machen? Dieses „Eine Regelmäßigkeit lässt mein Gesundheitszustand nicht zu. Ich kann dir keinen Termin versprechen.“ macht mich krank. Wieder oder besser gesagt immer noch tendenziell damit einverstanden, Beruhigungsmittel zu schlucken. Nebenher die zweite Runde Abführmittel und eine halbe Entwässerungstablette zum Mittagessen. Es hat noch kräftig geregnet, das Fernsehbild war zwischenzeitlich zusammengebrochen, aber jetzt versucht es die Sonne noch einmal. Täte ich gut daran, laut Musik anzumachen und die Arbeit am Bild nahtlos aufzunehmen? Viel zu viel gegessen, gefressen, schon wieder. Zuletzt das alte Video von mir zu kucken, in dem ich berichte, im Krankenhaus wenn überhaupt nur die Hälfte meiner Mahlzeiten zu essen und ich sehe da eine Version von mir, acht Kilo leichter, tat weh. Aber meine Bemühungen, egal in welche Richtung, waren bis jetzt umsonst. Ehe sich die Hand kaputtklimpert lieber den Pinsel ergreifen…

15:42
Was zeichnet sich hier ab? Der Versuch, irgendwie zu überstehen? Bis dato kein Anruf. Eine Stunde gemalt, eine Dreiviertelstunde davon den unteren Flügel aufgebaut, um ihn in den restlichen 15 Minuten wieder zu demontieren, bzw. die Zeichnung mit deckender Farbe ungeschehen machen.

Was bist du für ein Trottel??!!

Ich kann es nicht, kann es einfach nicht, ich bin zu blöd dafür! Die Pinselstriche werden immer zu derb und dann noch unfähig das Muster naturgetreu zu übertragen. Der Himmel ist wieder grau. Mir ist speiübel, was ich mitunter verstehen würde, wäre der Katheterbeutel mittlerweile prall gefüllt. Aber nein! Nichts dergleichen! Mein Gesicht wieder speckig, es wieder waschen, womit ich es sicherlich noch schlimmer mache. Und hatte ich nicht gerade in Erwägung gezogen, vor mir selbst Reißaus zu nehmen, mit dem Buch raus zu fahren, um dort zu lesen? Weit weg von meinen Klingen, meinen Tabletten und ganz besonders meinem „Scheitern“? Genau da setzt der Regen wieder ein.
Sebastian die Einkaufsliste schicken. Noch sicherlich eineinhalb Stunden alleine. Und selbst wenn er da ist, geht er wie gewohnt nach oben und ich immer noch auf mich selbst zurückgeworfen. Verzweifelt rattert es in meinem Schädel… Was nun? Das Licht nicht aushalten. Das Donnern der nicht abreißenden Flugzeuge nicht aushalten. Um mich herum herrscht Unordnung… Unerträglich. Es prasselt und prasselt. Bei dem Gedanken, neues Futter aufzutragen und mich vor die offene Terrassentür zu setzen, Panik. Weil die Dämonen in mir bereits beschlossene Sache mit der Entgleisung gemacht haben? Kann ich es nicht aushalten oder will ich es nicht? Warum versuche ich nicht, dem Saustall Herr zu werden? Weil mir zu einem Teil schrecklich davor ekelt? Dreck in der Küche? Dreck im Abfluss und sofort die Assoziation zu Geschlechtsteilen, zu meinen, zu anderen und prompt stellen sich mir die Haare im Nacken zu Berge, auf den Unterarmen, so sehr, dass es brennt. Was für einen Knall muss man haben!! Ritzen oder Tabletten? Eins, zwei, drei, vier, eins, zwei, drei und unendlich…

DU hast die Volkshilfe abbestellt!

Ob Sebastian später ein wenig aufräumt? Ob ich das von ihm fordern darf? Letztens meinte er wieder einmal, ich solle aufhören mich für jeden Scheiß zu bedanken: „Na und? Das hast du früher alles für mich gemacht!!“. Nur sind seine Ansprüche an Ordnung andere als meine. Beruhigungstabletten und dann im besten Fall lesen oder fernsehen? Ich fühle mich so dreckig, der Schädel glüht, obwohl es eigentlich angenehm kühl ist. Eine neue Rasierklinge? Irgendwo im Wäschekorb liegen diverse Verbände, frisch gewaschen. Keine Entscheidung treffen zu können frisst auch Zeit und so wird es 16:11. Die Idee vor mir her schieben, dass es morgen noch viel schlimmer sein könnte, womit eine Temesta eher gerechtfertigt sei als heute? Und das jeden Tag, von Tag zu Tag? Wer weiß, wie viel Morphium ich mir heute noch einschießen darf. Warum schlafe ich nicht einfach? Den Katheter bewegt zieht ein stechender Schmerz zwischen die Beine. Den Beutel entleeren und dann weiter sehen…

16:31
Mein Gesicht gewaschen, meine Hände gewaschen, den linken Unterarm gewaschen, dem Schorf mit dem Einmalrasierer zu Leibe gerückt, abgerutscht und quer über die Innenseite einen oberflächlichen Schnitt produziert. So oder so, die Rasierklinge käme ohne Tablette nicht aus. Die Blechdose in der Tasche auf meinem Rollator. Wozu das alles? Die kümmerlichen Reste abkratzen… NICHTS bleibt zurück! Der Arm verkriecht sich zurück in seinen schwarzen Strumpf.

18:26
Er kommt nach Hause, räumt mir zuliebe auf, und ich ersaufe in der diffusen Angst. 1 Temesta.

23. Juli 2017, Sonntag 11:37

59,5 um 7:15. Wie aus guter binnen Sekunden schlechte Laune wird… Eine Anleitung: Ich malte, nach 75 Minuten produzierte die Hand nur noch Fehler, trotz allem weitere 15 Minuten (weil das Endergebnis besser aussieht), mit dem hehren Ziel, eventuell noch aufs Laufband zu gehen, das Handy auf den Rollator gepackt und ins Bad zum Zähneputzen, dort aber nicht mehr in der Lage die Hand während diesem Prozess hochzuhalten, eigentlich schieben nur meine Wangen die Bürste von links nach rechts, der Sport wird verworfen, zurück im Wohnzimmer setzt sich doch tatsächlich ein junger Zilpalp direkt vor mir auf die Fenstersprosse, wieder und wieder, doch erst vermag ich meine mittlerweile zur Faust verkommene Hand NUR in einer anstrengenden und Ewigkeiten dauernden Prozedur durch die Schlaufe der Kamera zu zwängen, dann spinnt diese wieder, kann die Karte nicht lesen, und dann war’s das mit dem Vogel!! Schon wart der nächste Magengeschwüransatz geboren! Es waren mindestens zwei Minuten, in denen mir der kleine Piepmatz die Chance lieferte, ihn vis-a-vis für immer festzuhalten! Einen jener Vögel, die sich das Jahr über so gut wie nie blicken lassen! Danke auch!

Es brodelt in mir. Würde mir selbst am liebsten in die Hand beißen. Da darf man sich ja direkt aufs Mittagessen freuen… Ich sollte auf Flüssignahrung umsteigen! Beziehungsweise bereits gestern darüber nachgedacht, diese Schaumstoffrollen über die Griffe vom Besteck zu stülpen. Und dann? Deswegen vermag ich immer noch nicht die Gabel zum Mund zu führen! Wenn ich so wenigstens abnehmen würde, aber mein Körper scheint aus weniger Kalorien mehr zu machen! Ist es mehr, ist es weniger, es spielt keine Rolle. Das Stadium der hochträchtigen Mastsau einfach nicht verlassen.
Während ich mich mit Sebastian unterhalte, flattert rotzfrech die junge Blaumeise erneut zur offenen Tür herein und landet für eine Sekunde auf meinem Bildschirm. Dann fliegt sie wieder hinaus, sitzt am äußersten Ast, der der offenen Tür am nächsten ist, schielt herein, setzt ein zweites Mal zum Flug an und macht direkt in der offenen Tür eine Kehrtwende. Dabei im Restaurant das Buffet zuvor erst aufgefüllt. Was sieht sie? Die unterschiedlichen Eimer mit diversen Vogelleckereien? Eigentlich sollte man ihr einen Namen geben. Denn im Gegensatz zu ihren Kollegen fliegt sie ganz zielgerichtet und ohne Panik ins Zimmer und weiß genau, wonach sie Ausschau hält. Die anderen knallen dann regelmäßig links oder rechts an eine der Fensterscheiben, ehe sie wieder den Weg hinaus finden. Na wenigstens eine kleine Ablenkung, weg von der brodelnden Suppe in meinem Magen. Er meinte vorher, das seien jetzt die heißesten drei Tage; abends das Zimmerthermometer auf über 27 Grad Celsius. Es war unerträglich, die Luft stand. Dafür aber die Krämpfe betreffend recht gut weggekommen. Nach kurzer Überlegung kommt man so zu der Schlussfolgerung, dass es besser sei, nie wieder zu trainieren oder spazieren zu gehen, denn das wäre erst die Grundlage der ganzen Scheiße. Und jetzt habe ich die Wahl: den Verfall etwas ausbremsen oder ansatzweise schmerzfrei… Pest oder Cholera!

15:32
Es beginnt zu regnen und eigentlich wollte ich jetzt raus, eine Flasche Wasser, das Stativ und mein Missbrauchsbuch im Gepäck, um mich wieder in der Einfahrt zu postieren, bereit, alles was vorüber fliegt aufzunehmen. Die rechte Hand klimpert auf dem linken Unterarm herum, zählt von 1-4, hoch und runter. Oder versuchen zu malen? Es ist unerträglich schwül und draußen sicher angenehmer als hier im Raum. Wieder so ein Moment, wo ich mir mein Atelier draußen wünsche. Überdacht, aber nach außen hin alles offen. Am besten so, dass die Vögel zu mir kommen können. Ich aber auch meine Sachen dort liegen lassen kann, sich die Seiten irgendwie einfach schließen lassen. Das wäre die Wucht. So bleibt es wieder dabei, dass von den dreien ein Terrassentürflügel geöffnet ist, und das leider auch nicht mir direkt gegenüber. Zu diesem Zwecke müsste man erst die Bank, Fines Schlafplatz, wegräumen. Viel zu viel Aufwand… Die Farben abdecken und es versuchen, während draußen aus der Distanz ein Donner übers Land zieht.

16:57
Martha schleicht in der Küche herum, riecht die Reste vom Hühnchen. Ständig ein Auge auf sie werfen, dass sie keinen Mist baut. Ich halte Sommerregen nicht aus. Nicht den Geruch, nicht die grauen Wolken… In Gedanken wieder bei dieser einen Fahrt. Nur dieses Mal gesellt sich dazu auch noch jene mit meinem Bruder allein mit dem Bus nach Graz zu meiner Oma. Wieder und wieder dieselbe Scheiße. Eine Stunde habe ich noch gemalt, jetzt erneut alles im Arsch. Verzweifelt klammerte ich mich das Bild, an die Tätigkeit, um eben bei diesem Wetter nicht meine Sterbefantasien durchkauen zu müssen. Das Handgelenk sitzt locker, will zum Temesta greifen. Und wieder kann ich nicht benennen, worin sich dieses Unwohlsein begründet… Nun einmal abgesehen von den zukünftigen Todesfällen in meiner Fantasie. Da kann ich wenigstens davon ausgehen, im besten Fall vorher das Zeitliche zu segnen.
Meine fette Wampe heraushängen lassen, um mein Kreuz zu entlasten… Dejavue und die Vorahnung, alsbald wegzutreten… Und als ich das diktiere, wandere ich ungefragt in meinen Gedanken zurück zu einer Situation, das Alter unbekannt, meine Mutter mit uns in der Videothek, Kassetten werden ausgeliehen, für mich gibt es Märchen… Beide Hände klimpern. Alles mögliche vermischt sich, Tatsachen, Träume, beiläufige Gedanken. Jetzt steht meine Mutter am Bügelbrett. Es riecht nach Waschmittel. Fußballspiel und mein Bruder steht im Tor.
In mich hinein fragen: „Und nachts? Was passiert nachts?“. Was war damals, als Mario und ich gemeinsam das Zimmer teilten? Ich kann mich an so gut wie nichts erinnern. So klein war ich doch nicht mehr…

Würde ich die Reifen total schmutzig machen, wenn ich doch noch raus fahre? Weg von meinen Ängsten? Meiner Panik?… Ganz kurz blitzt da eine neue Erinnerung in mir auf. Irgendetwas mit Buntstiften. Basteln und Malen in der Volksschule? Entsetzlich! Jetzt sehe ich draußen den Herbst, wie er langsam kommt, um mich zu holen! Meine Atmung wird flacher, schneller. Warum heute Nacht schon wieder vom Haus meiner Schulfreundin geträumt? Auch gestern hatten meine Oma und ich auf dem Feldweg zu Somas Bauernhaus Halt gemacht und ich an der Stelle Schmetterlinge gemalt, ehe von unten ein Bauer kam und eben eine Frage stellte, an die ich mich immer noch nicht erinnere. Ich weiß noch damals, da stand ihr Vater vor dem Haus, splitterfasernackt und streckte sich. Wie alt mag ich gewesen sein? 9-11 oder so? Zu diesem Zeitpunkt habe ich vermeintlich den ersten Penis in meinem Leben gesehen. Ich wusste gar nicht, wo ich hinsehen soll. Für ihn, für seine Kinder war das völlig normal. Diese alten Hippies… War es sein Bruder, der in Indien Selbstmord versucht und dabei mit beiden Händen eine Stromleitung angefasst hatte? Er hat es überlebt, seine Arme nicht. Beide hat es ihm weggerissen und ich war immer wieder fasziniert, wie er sich mit seinen Füßen eine Zigarette ansteckte oder etwas aß. Im Traum immer wieder das Haus, weil es etwas Mysteriöses hatte? Erst recht damals, als ich mit riesigen Ohren draußen stand und mich über die fremdartigen Gesänge gewundert habe. „Sie meditieren.“, sagte Soma zu mir. Das Haus Sinnbild für mein eigenes Rätsel?

Erneut blinzelt die Sonne zwischen der dunkelblauen Wolkenschicht hervor. Raus oder nicht?

22. Juli 2017, Samstag 14:24

59,6 um 8:45. Ich warte. Ich warte nur noch darauf, dass es knallt! Sebastians Schwester mit Mann und Kind waren zu Mittag kurz zu Besuch, machen ab jetzt Urlaub in Ungarn. Statt Frühstück wurde gegrillt, nach dem Essen fuhren sie wieder, ich mit dem Rollstuhl ins Badezimmer, hielt mein Gesicht unter den Wasserhahn und dann kurz davor, abzudriften. Aber es geschah nicht… Weil ich es abgefangen habe, mehr oder minder bewusst? Seitdem sitze ich hier an meinem Tisch, das Headset auf dem Kopf, wühle mich mit dem Diktierprogramm durch diverse Sachen, die ich fürs Büro machen soll, und das Dejavuegefühl reißt nicht mehr ab! In dieser Vorstufe tauchen wieder vor Urzeiten verschüttete Kindheitserinnerungen auf. Wieder fahre ich mit meiner Oma nach Graz. An irgendeine Hochzeitsfeier muss ich denken. Meine Barbiepuppen dabei, meine Mutter „fährt schauen“. Ich sehe einen Bauernhof, höre Musik, Ziehharmonika und Teufelsgeige. Dann wieder 14, Sommerferien, Fernsehprogramm. Hin und her, vor und zurück. Dann mit meiner Oma in diesem Märchenwald, in dem man mit einer Minilok durch die einzelnen Stationen fahren kann. Dann sehe ich den Wald auf dem Weg nach Fürstenfeld, denke an Ballettunterricht, höre im Kopf „den Tanz der Blumenkinder“ von Offenbach, fast zwanghaft dazu das leere Gasthaus, das Raunen, den Wind. Heftiger Druck auf die Magengegend. Genauso bei jeglicher Erinnerung an familiäre Urlaubsfahrten. Na los! Hau mich um! Mach endlich! Was ich nachts geträumt habe, weiß ich nicht mehr. Nur fragmentarisch kann ich berichten, was da zu sehen war. Mein Dorf war zugleich meine Leinwand. Mit meiner Oma aus Fürstenfeld spazierte ich durchs Dorf, machte immer wieder an diversen Stellen halt, wo ich noch nicht zu Ende gemalt hatte. Da kam ein Mann, irgendein Mann und fragte etwas… Was war das bloß? Was ist dann passiert? Ich sehe nur Nebel und der genügt, mir Angst zu machen. Zuvor sehr wohl wieder in Erwägung gezogen, eine Beruhigungstablette zu schlucken. Morgens in der Phase des Wartens ohnehin unmöglich, irgendwelche Dinge in Angriff zu nehmen, nun eben unfähig. Das Essen musste mir Sebastian klein schneiden, die Gabel zum Mund zu führen ein Unding. Für schlechte Laune gesorgt, als ich das kurz ansprach, ein entnervtes Brummen geerntet; mich unverstanden gefühlt zog ich zu diesem Zeitpunkt erst recht in Erwägung, mich abzuschießen. Ein wertloser Tag. Constanze sprach davon, dass die Kleine Verlustängste hätte, mit dazugehörigem Symptomspektrum. Bei mir als Kind war das alles normal… Die ganze ins Bett Pisserei. Vielleicht sollte ich mir wieder das Buch schnappen, in die Einfahrt fahren, um dort zumindest weiter lesen zu können. Bevor ich gar nichts mache, hier kleben bleibe, tatenlos ins Nichts starre und um mich irgendwann für dieses Verhalten bestrafen zu müssen. Ebenso könnte ich mich neben Sebastian setzen, sein Fußballverein spielt, und schlafen… Aber das würde ich mir erst recht nicht verzeihen, oder?
Noch mehr Erinnerungen…

17:56
Regen, Sonne, sekundenlanger Weltuntergang, Sonne. Jegliche Hoffnung -so jemals aufgekommen- muss begraben werden. Aus mir, aus meinen Händen ist heute nichts mehr raus zu holen. Nichts außer grobschlächtigen „Handgriffen“. Wie zum Beispiel jener, soeben vollzogen… Sebastian hat uns Eis gemacht, Vanilleeis mit Nektarinenstücken, Schlag aus der Dose und Waffeln. Und wie ich gefressen habe, nur darauf wartend, dass er endlich nach oben geht, sich die Tür hinter ihm schließt und ich mich im Badezimmer verbarrikadieren kann. Also den Löffel in den Rachen zu stoßen, das ging sehr wohl noch. Der Witz ist, mir fallen plötzlich wieder so viele wunderbare Sachen ein, die ich mir kaufen könnte, um sie dann im Zuge einer Fressattacke inflationär in mich hinein zu stopfen. Ausgang bekannt. Ich habe richtig Lust auf diverse Dinge/Lebensmittel/Sünden. Gestern nach dem zweiten Mal zeichneten sich tiefschwarze Ringe unter den Augen ab, und es war gut so. Da erfasst mich die Panik schon wieder. Zeitgleich erinnere ich mich an den Tag, als mir meine Oma in Graz diesen Friseursalon für die Barbiepuppe gekauft hat. Abschließend sei auch noch gesagt, dass sich die Nektarinen nicht wieder hoch holen ließen; lagen zu schwer im Magen. Wermutstropfen, was soll’s. Die Vögel tun schon wieder so, als würden sie verhungern. Alsbald werden sie wie gewohnt gegen die Scheiben knallen. Wollen sie so auf sich aufmerksam machen? Oder vermenschliche ich sie da zu sehr? In mir kämpfen Unruhe und dezenter Rauschzustand. Mein Leben geht den Bach runter, da kann ich nicht ruhig bleiben. Meine rechte Hand klimpert unablässig. Kopfschmerzen stellen sich ein. Dejavue jagt Dejavue. Aufstehen, um meinen Lieblingen neues Futter zu liefern. Man will die Kundschaft ja nicht vergraulen!

Draußen auf der Treppe für einen Moment ins Wanken geraten und zu stürzen drohen. Das habe ich bis jetzt einmal geschafft, die Narbe immer noch am Hals. Der erste Gast ist eine Sumpfmeise; unterdes nimmt der Rauschzustand zu. Dabei nichts Verwerfliches eingeworfen… Nachmittags lediglich gleich 2,6 Milligramm Hydal, die Krämpfe zeigten sich unbeeindruckt von jeglicher Manipulation meinerseits. Gestern Nacht war es gleichsam zermürbend. Erinnerung jagt Erinnerung jagt Erinnerung.

19:31
Nach viel zu vielen Gelatinesüßigkeiten nun auch noch Schokolade! Nach zwei Stückchen davon darf ich nur froh darüber sein, dass sie erstens viel zu weich ist und zweitens ranzig schmeckt! Den widerwärtigen Geschmack nicht mehr aus dem Mund bekommen! Draußen legt sich der Abend übers Land, es wird still am Restaurant. Ich könnte ohne Vorwarnung unverzüglich einschlafen. Zugleich blättert mein Gehirn weiterhin Assoziationen mit Außenreizen durch, liefert mir ein Dejavue nach dem anderen, einhergehend mit Kindheitserinnerungen. Ich sei auf einem guten Weg… Meint Markus, meint Brigitte. Vielleicht sollte ich Wetten anbieten, mit lukrativen Quoten: „Überlebt sie es oder überlebt sie es nicht?!“. Auf dem Wäscheständer eine Kohlmeise, klopft den Sonnenblumenkern zwischen ihren Füßen auf. Es ist so betäubend ruhig geworden, den Übergang von abendlichem Singdrosselgesang hin zu nur noch sporadischen Rufen diverser anderer Vögel einfach nicht mitbekommen. Und jetzt ist der nächste Samstag vorbei. Nichts geleistet, keinen einzigen Strich gemacht. Außer ein paar Mal den Staubsauger zu schwingen… Das muss ich übrigens noch einmal machen, das Sofa voller Krümel. Abends noch ganz besessen an meinem Arm herumgekratzt. So sehr, dass es wieder geblutet hat. Aber nichts ist übrig geblieben, ich zum Versagen verdammt…

Beschissener JAMMERLAPPEN!!

Im Buch gelesen, wie die Protagonisten ihren ersten Selbstmordversuch unternimmt, und kläglich scheitert. Paracetamol ist auch nicht unbedingt prädestiniert für solch eine Planung. Weckt aber in mir die Lust, den Befund von der Intensivstation wieder einmal hervor zu kramen und durchzulesen. Was bräuchte ich eine Bestätigung, irgendetwas zu Stande gebracht zu haben. Als sei DAS etwas, das man „leistet“. Dabei Schuldgefühle Sebastian gegenüber, um ihn zugleich jetzt im abendlichen Licht wieder sterben zu sehen und mich zu fragen, wie viel Zeit uns noch bleibt. Goldige Lichtpunkte auf vereinzelten Saalweidenblätter im Garten, wie geschmückt sehen die Bäume aus. Zurückversetzt in meine Kindheit, ich sitze hinter der Garage und beweine den noch nicht stattgefundenen Tod meiner Mutter im Abendrot. Das Kind beweint auch sich selbst, weil es „zwangsläufig“ im Anschluss auch sterben wird.

Was hat der Mann im Traum gesagt? Was wollte er? Belanglos oder doch von Bedeutung?…