30. April 2017, Sonntag 10:00

59,3 um 8:15. mir läuft die Zeit davon. War es gerade eben noch 9:30, saß ich gerade eben noch bereits vor der Leinwand, kam es zu einer Planänderung, die Haarwäsche wurde vorgezogen und nun ist es erneut zu spät. Ringeltauben, Mönchsgrasmücke, Zilpzalp, Meisen, Kuckuck, Singdrossel, Spatzen. Mein Rücken angepisst wie nach einem ganzen Tag hier am Tisch. Das wird das nächste Schmerzfiasko, ich stelle mich schon mal auf mindestens zwei Wochen ein. In meinem Traum wurden Menschen ermordet und als ich soeben ansetze, diesen Satz zu diktieren, eine leichte Aura. Heute gibt es wieder Essen von meiner Mutter, Schuldgefühle inklusive, ganz zu schweigen von dem Unbehagen, das mir das bevorstehende Gewicht, zwangsläufig nach ihren Gerichten, schon jetzt bereitet. Zwischen ergonomischer Rückenlehne und Elektrozobel auf meinem Rücken klemmt ein Kissen, aber der Erfolg stellt sich nicht ein. Keine Linderung in Sicht. Ganzen Tag draußen verbringen? Mit ein Grund, warum mir der Ausflug gestern verhagelt wurde. Brustwirbelsäule hier, Ischias da; ohne Scheiß: Wie eine alte Oma!! Jammern, jammern und dann noch mehr jammern. Warten auf den Sensemann. Die Hände liegen zu Fäusten geballt in meinem Schoß, sie nun zu aktivieren scheint ein nicht zu bestreitender Kraftakt zu sein. Dazu noch die ganze Unordnung um mich herum, ich kann mich nicht konzentrieren. Im Posteingang lag eine Nachricht der Krankenschwester, mit der ich mich bei der Reha teilweise Nächte hindurch unterhalten habe. Der Mäusebussard erhebt sich in die Lüfte, wie schon gestern von einer Krähe drangsaliert. Es ist so schön, so friedlich da draußen… Um plötzlich wieder ans Laufen denken zu müssen.

10:32 und noch NICHTS geschafft. Außer das Farbschälchen runter zu schmeißen! Was habe ich jetzt davon? Mit wenigen jämmerlichen Handgriffen ist schon wieder alles ausgeträumt. Mir wird schlecht. Das war’s jetzt?

GEH STERBEN!!

Nach dem Sinn suchen. Sinnlos. Aber das geht, geht immer: Die rechte Hand klimpert nervös, angespannt. Aus meinem blasser werdenden Massaker seit Tagen kein Geheimnis mehr machen, es offen vor Sebastian zur Schau tragen. Wieder und wieder betone ich, meist lautstark, was für eine Belastung ich für ihn darstellen muss. Er tut dies mittlerweile entnervt ab: „Ich werde es dir dann schon sagen, wenn es so weit ist!“. Bitte hier, könntest du da, würdest du noch das, wäre es ein Problem, und nicht zu vergessen jenes und einmal muss ich noch lästig sein… Ich hasse mich. Vom emotionalen zum körperlichen Kind. Die Augen werden überflutet, der Untertitel folgt prompt…

Selbstmitleid, nichts als Selbstmitleid!! SCHÄME DICH!!

Fine schnarcht auf der Bank, ein Grünfink vergewissert sich seiner Farbe und die Spatzen hecken wieder etwas aus, während ein Buchfink die Liebe besingt. Mir erscheint die Welt so seltsam verlangsamt, während die Zeiger der Uhr ein Wettrennen veranstalten. Fest hängen und schwer seufzen. Mir fehlt das Startsignal, der Tritt in den Hintern vermutlich. Stattdessen Bewegungslosigkeit und Erinnerungen nach ihrer Relevanz sortieren. Die eine Stunde hätte ich nun gut draußen sein können. Vielleicht sollte ich es mit Musik versuchen. Dann flenne ich eben noch mehr, noch schneller. Bei den Tränensäcken unter den Augen spielt es wahrlich keine Rolle mehr.

19:03
Der Abend kommt, ich habe nichts Gutes im Sinn. Amsel, Goldammer, Ringeltaube, Singdrossel. In meinem Kopf läuft alles durcheinander. Heilloses Chaos. Nach dem Mittagessen las ich erst ein paar Seiten im Buch über die Behandlung von dissoziativer Identitätsstörung, dabei dämmerte ich wohl leicht ein, wachte schlagartig wieder auf, sah diese Zeilen im Buch und plötzlich in mich hinein, und dort erneut diese eine Weihnachtsfeier, nur dieses Mal am Tag danach. Mario und ich im Wohnzimmer, die Glotze läuft, Festtagskinderprogramm. Damit einhergehend schreckliche Angst und Unwohlsein, als hätte mir jemand in die Magengrube getreten. Sebastian ging raus, ich folgte ihm mit dem Rollstuhl, um schlussendlich mich selbständig zu machen, die Straße runter, ich filmte Frühlingsblumen, Insekten, Schmetterlinge… Es war schön und zugleich beängstigend. Die Gerüche, der Lichteinfall… Erinnerung um Erinnerung, und seit ich hier sitze, wieder und wieder Fetzen von diesem einen Urlaub in Jugoslawien. Augenblicke, mehr nicht. Zumal sich bei diesen nicht einmal sagen lässt, ob sie in der Tat mit besagter Fahrt zu tun haben. Aber Angst, Angst, Angst! Ehe ich mich an die Arbeit machen konnte, war ich in einem Zwiespalt gefangen. Draußen der Pirol in den Gipfeln am Waldrand, eine einmalige Chance, ihn mit der Kamera zu verwischen, ehe der Wald mit seinen Blättern die Sicht versperrt. Andererseits der Zwang, noch etwas zu leisten. Unterm Strich endete das Dilemma mit einer verfrühten vollen Dosis Tramal und 1 Stunde Kleinarbeit… Als würde man am Herzen einer Maus operieren…

Worauf ich nun warte? Dass er wie angekündigt endlich in die Badewanne geht. Dann werde ich meine Dose aus der Tasche zaubern. Den linken Unterarm soeben mit heißem Wasser übergossen und dem ganzen Schorf mit einem Einmalrasierer zu Leibe gerückt. Es blutet, und es juckt noch bestialischer. Umso schöner wird es sein, dem Treiben mit Schmerz zu begegnen. Durch den Wind. Vor wenigen Minuten ernsthaft darüber nachgedacht, dass der Sommer immer näher rückt. Bei meinem Ausflug um diese Jahreszeit einen Segelfalter entdeckt… Und nach dem Sommer kommt schon wieder der Herbst; ich bekomme Angst.

20:13

30 Kratzer, das Werkzeug verbraucht. Mein Blut sickert durch den weißen Verband. Der Rehbock beehrt mich, trippelt ganz leise über die Terrasse und nimmt ein paar Bissen vom letzten Apfel. Die Terrassentür ist geöffnet und Fine marschiert prompt mit einer Maus im Maul zum Türspalt herein. Nun schlägt es aber 13! Zudem die erste Stechmücken gehört. Im Kopf ist es ruhiger geworden, zudem auf einer „Drogenseite“ gelesen, dass Tramadol mitunter eine antidepressive Wirkung hat. Ich weiß schon, warum ich das Zeug brauche.

Ob es nun etwas zum Abendessen gibt oder nicht? Zu Mittag definitiv zu viel! Ganz zu schweigen vom Beigeschmack aus Schuldgefühlen.

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29. April 2017, Samstag 14:13

59,7 um 7:45. Ab und an nieselt es. Kleine Ausfahrt, für Sebastian ein Spaziergang und für mich als Bonus ein Nervenzusammenbruch. Abgesehen davon, dass ich mich fast fremd und neu in der erblühenden Umwelt fühlte… Wir wurden nach geraumer Zeit von einer Läufern überholt. Ich sagte noch: „JETZT brauche meine Rasierklingen!“. Dann schwieg ich. Es dauerte wohl weitere Minuten, in denen er mir irgendetwas erzählte, ehe er die Tränen bemerkte. „Och Puppe…“, und wischte mir über die Wangen. Ich hatte ihr lange nachgesehen, bis sie 200 m weiter um die Kurve verschwunden war. Allein das Geräusch ihrer Schuhe… Es tat so unendlich weh! Es tut unendlich weh!

Mir abends ein Stück von Tinas Film angesehen und mich selbst betrachtet, als sei ich eine fremde Person. Ganz abgesehen davon, dass ich mich für diverse Aussagen am liebsten vor Scham im Boden eingegraben würde, hatte ich das Gefühl, zumindest über diesen Umweg ein wenig Empathie für mich selbst empfinden zu können. Aber was soll’s? Das neue Video, da kann niemand bestreiten, wie sehr ich aus dem Leim gegangen bin! Was für eine Mastsau… Mir ist nach destruktiven Verhalten. Sebastian ist oben, hört sein Fußballspiel, ich allein und den Unzulänglichkeiten meines Körpers ausgeliefert. Die Tasche voll gestopft mit nagelneuen Spielsachen. 30 Stück. Die Blockade im Rücken raubt mir die Luft. Heute Nacht im Traum lag ich ausgeliefert und gelähmt auf dem Boden und mein Vater knetete meine Füße, was mitunter perverse Krämpfe auslöste, die wiederum ihn veranlassen, sie noch fester zu berühren. Ich schrie um Hilfe, schrie ihn an, doch er verstand mich nicht! Anstatt aufzuhören machte er weiter und weiter und weiter. Die Neuropathie raubte mir beinah die Besinnung!

Wieder sitze ich hier mit dem doch so Gewicht steigernden Kaffee. Wenn es schon keine Rolle spielt, wie wenig ich esse. Und klar, der Ausflug mit ihm gemeinsam zuvor war auch irgendwie schön, die Einfahrt ist super geworden. Nur fraglich, warum oben nicht der ganze Parkplatz asphaltiert wurde, lediglich eine Fahrbahn direkt ins Carport und durch den Platz ein Riss geht, ein Höhenunterschied. Wenn Autos wenden, werden sie den Asphalt alsbald an der Kante ruinieren. Das war nicht sonderlich clever gedacht und wohl auf seinem Mist gewachsen. Ich hatte von Anfang an davon gesprochen, dass wenn, alles gemacht werden muss.

Morgens hat er mich angezogen und fuhr dann allein zum Einkaufen. Ich schloss auf dem Sofa noch einmal die Augen und versuchte mir meinen Traum etwas genauer anzusehen. Aber es misslang und als sich mir stattdessen vorstellte, zu dehnen und dann los zu rennen, kam er wieder nach Hause. Ich will mein Leben zurück. Das Laufen war ein Bestandteil dessen. Wenn nicht sogar der Wichtigste seit 1998. Und ich kann mir die Tatsachen nicht SO schön reden, um dabei die Augen davor zu verschließen, dass derselbe Abbauprozess wie damals beim Laufen eben in genau demselben Maße aktuell das Malen betreffend stattfindet. Die Droge, die das ausblenden könnte, ist noch nicht erfunden… Denke ich zumindest. Oder mir fehlt der Zugriff. Ich sehe mich laufen, ich spüre es in den Beinen; zwecks Teilen meiner Gesangskatastrophe und widerwärtigen Erscheinung heute mal Facebook geöffnet, präsentiert die Plattform mir doch tatsächlich ein Foto von vor 6 Jahren. Wie die Faust aufs Auge. Schmerzen inklusive.

Und dann muss ich diese Tante sehen, ihr zusehen, wie sie das tut, einfach so, was mir doch das Leben bedeutet. Und ich möchte sie anschreien, ob sie sich dessen bewusst ist, was für ein hohes Gut sie da ausübt, dass es nicht fair ist, „einfach so“ an mir vorbei zu ziehen, als sei ich nicht sicherlich länger und ausdauernder und erst recht mit viel mehr Herzblut bei der Sache gewesen als sie in diesem Moment! In dem sie mich zurücklässt, bewegungslos in meinem Schmerz zu Asche verbrannt!!…

2017-04-29

Ungerecht von mir. Kindisch. Aber es tut so weh…

Ich denke über Tabletten nach. Der Knoten im Kreuz will meine kümmerlichen Pläne, noch ein wenig weiter zu arbeiten, in Grund und Boden stampfen! Die Selbstbeschimpfung im Kopf läuft auf Hochtouren.

SELBSTMITLEID!!

15:24
Am Restaurant der erste Buntspecht seit langem. Der zweite Anflug endet beinahe an der Scheibe der Terrassentür. Wer will mich verurteilen? Ein Temesta…

Beschließen, die Schmerzen ebenfalls nicht mehr erdulden zu wollen und 20 Tropfen Tramal oben drauf…

16:11
Wann setzt der Rausch ein? Wann ist mir das Melodrama im Kopf endlich egal?

Futter für meine Sterbefantasie…

https://www.youtube.com/watch?v=GoPTosTjokQ

20:24
821:30, zwei Stunden.

28. April 2017, Freitag 9:24

60. Noch läuft alles gut. NOCH. Wie fragil diese vermeintliche Ruhe doch ist. Wie zerbrechlich dieses obligatorische Lächeln auf meiner Visage, wie hin gepinselt. Es regnet; nicht dass die Fassade am Ende noch verläuft. Mit winzigen Punkten und hauchzarten Strichen arbeite ich mich mit mikroskopischen Fortschritten voran. Wie oft muss die Pinselspitze die Leinwand berühren, um jeder gewobenen Masche des Stoffs zu entsprechen? Von den Falten ganz zu schweigen? Wie war das mit meinem Tischkollegen bei der Reha, als er mir sagte: „Aber die Falten malst du ohne Vorlage, die sind nicht so wie auf dem Foto…“. Und ich beinahe entsetzt zurückgab, dass da mittlerweile überhaupt nichts mehr frei gearbeitet sei. „Aber SO können die Falten in natura nie aussehen, die fallen niemals so. Da passt der Schatten nicht.“. Das hängt doch von der Stoffqualität ab, bzw. von dessen Beschaffenheit, ob Falten auch nach oben geknickt sind und sich so verhalten. War ich beleidigt? Und ganz abgesehen von meiner Dröhnung war ich von der Sitzung gestern ebenfalls nicht begeistert…

Kaum wird Madame nicht mehr gepudert, echauffiert sie sich!!

Wieder fing Brigitte damit an, mich darauf hinzuweisen, dass all meine Vergleiche mit anderen „Opfern“ ins Leere gingen, denn „niemand würde dasselbe Erlebnis gleich verarbeiten“. Ich gab ihr zu bedenken, dass der Mensch trotz aller Individualität auch nur von einer Art sei, die mehr oder minder immer nach dem gleichen Muster reagiert. Sie wollte von mir wissen, was ich mir aus alldem erwarte. So blöd bin ich auch nicht… Natürlich ist mir klar, dass mit Aufdecken der verloren gegangenen Erinnerungen nicht schlagartig alles eine gute Wendung nimmt. Schlussendlich wusste ich nicht mehr, was sie von mir hören will. Ich sah mich in die Ecke gedrängt, gezwungen, mich zu verteidigen: „Es sind doch IMMER dieselben Aussagen! Das Gefühl, keine Luft zu bekommen, dreckig zu sein, die innere Leere, etc.“. Die Aussage der Psychiaterin im Buch empfand sie nicht als so schlimm, ich hätte diese zu streng ausgelegt. Aber wiederum sie fühlte sich angegriffen von einer Passage einen Absatz weiter, als von unzähligen therapeutischen Maßnahmen die Rede war, die alle ins Leere geschlagen hätten: „Sie tut beinahe so, als wären alle Therapeuten… doof!“. So viel zum eingeengten Blickfeld.

Hauptproblem dieser Tage erneut die Brustwirbelsäule. Alle heiligen Zeiten tut sich irgendeine Baustelle auf und blockiert mich. Augenblicklich aber mehr das Diktieren; das Programm versteht mich nicht. Verstehe ich mich selbst? Und wieder ist der Bildschirm verziert mit grünen Zahlen -scheiß Programmfehler!

Warum lässt du das schreiben? Das ist doch wertloser Schrott!

Vermutlich weil ich allein bin, doch irgend jemanden bräuchte, dem ich den Mist erzählen kann? Mir läuft die Zeit davon…

11:40
In den 90 Minuten, was habe ich da geleistet? Nichts? Erst gegen Ende stellte sich etwas ähnliches wie Konzentration ein. Ein wenig zu spät. 80 Kniebeugen vor dem Waschbecken, 15 Minuten auf dem Laufband. Um es nicht zu übertreiben (das gehört eigentlich unter Gänsefüßchen gestellt). Die Hände gelten offiziell als abgeschossen. Der Magen und die Emotionen, die damit verbunden sind, hängen beängstigend über der Reling… Gesehen, was Sebastian wieder mit dem Waschbecken angestellt hat, das Gitter von meiner Mutter macht das Ganze noch schlimmer, es stinkt ekelerregend nach Abfluss, vergammelten Lebensmitteln… Da stellen sich mir die Haare auf und ich spare mir für die nächste linksextreme Demo das Haarspray! Gestern noch Andrea gebeten das Waschbecken und alles drumherum schön sauber zu machen. Was macht er? Spült provisorisch einen einzigen Teller ab und alles ist voll gespritzt, ganz zu schweigen von den Fleisch- und Nudelresten, die überall auf dem Nirosta kleben!! Ihn nachher bitten, das Gummisieb wieder zu entfernen!! Ich habe es definitiv sehr oft gesagt, aber habe ich es auch niedergeschrieben? Es ist beinahe so, als hätte meine Mutter dem Sinnbild meines Geschlechtsteils ein schmutziges Kondom in ihrer Lieblingsfarbe übergestreift!! Damit man erst recht sieht, was für ein Dreck da ständig drin landet! Also „in mir“, im übertragenen Sinne! Und erst recht hindurch wandert! Merke regelrecht, wie die Zunge schwerer und schwerer in meinem Mund wird, als sei sie aus Blei und ich könne nie wieder etwas essen! Das schimpft sich eine ausgewachsene Neurose! So wird man auf seine alten Tage die meiste Zeit allein hier richtig schön eigen. Ich könnte doch den angerichteten Schaden für mich nutzen, mir bei jeder Mahlzeit bildlich vorstellen, das vor mir wartende Lebensmittel hätte man zuvor einmal im Abfluss versenkt… Anorexie für Anfänger!

Ich hatte noch einiges vor, aber gleich ist es 12. Meinem Körper, meinem Gewicht geht es am Arsch vorbei, dass ich seit Tagen immer weniger zu mir nehme. Die Spatzen draußen sind klatschnass, auch der Rehbock zuvor stand zusammengekauert und mit zitternden Oberschenkeln auf der Terrasse. Das Wetter ist wie vor beinahe 2 Jahren. Und im gedanklichen Vorbeifahren passierte ich für einen Moment die Abzweigung in Richtung nächste Überdosis. Oder besser gesagt „Ausfahrt“? Ließ mir noch einmal durch den Kopf gehen, wie meine letzten Gedanken ausgesehen haben. Gar nichts? Nur die laute Musik und ein so schnell einsetzender Euphorieschub… War es Euphorie? Im Beipackzettel der ganzen Benzos ist immer wieder davon die Rede, dass das der Grund ist, warum man so schnell abhängig davon wird. Oder war es schlichtweg ein abschließendes Gefühl, endlich Leere gefunden zu haben, ENDLICH Schweigen im Kopf? Schon wird die Atmung schneller und die Sehnsucht klopft an die Bürotür der Aufmerksamkeit. Der Knoten im Rücken wird auch nur enger, was die Lungenbläschen zusätzlich in Bedrängnis bringt. Das ganze System auf Konterkurs. Mit klimpernden Fingern aufs Sofa kriechen…

16:20
„Wie spät ist es?“, ganz konfus. „14:15, wieso?“. Wie lange ich weg war, weiß er nicht, ist ihm nicht aufgefallen. Vermutlich nicht mehr als 20-30 Sekunden. Beim Mittagessen bereits der Anflug von einem Dejavue. Was habe ich gesehen, was glaube ich zumindest, gesehen zu haben? Ich habe es ihm gesagt, ob er es sich gemerkt hat? Es ist weg, einfach weg und alles was ich weiß: 2 Szenen aus dem Gasthaus, 2 Situationen, ich gehe irgendwohin. Anschließend haben wir beide geschlafen. Was es ausgelöst hat? „Family guy“. Nach der einen Folge hatten wir uns den Anfang noch einmal mit Originalton angesehen. Und das, was da gesprochen wurde, wiederholte sich in meinem Kopf mit anderem Sinn. Mein Magen wie umgerührt.

Auf der Wiese vor dem Haus ein nasses Fasanenweibchen. Die Spatzen in den Himbeerstauden putzen und schütteln sich das Regenwasser aus dem Gefieder. Als ich ihm von meiner neuen Diätidee erzählt habe, konnte ich bei jedem einzelnen Wort spüren, wie es in beiden Händen immer stärker und unangenehmer zu brennen anfing. Diese Ekel-Neuropathie. Wenn mich nicht schon die Schuldgefühle aufgefressen haben. Und die Sterbefantasien. Erst recht, weil ich ihn aufgefordert habe, das Sieb, das lieb gemeinte Sieb wegzuwerfen! Als hätte ich sie damit umgebracht!!!

Ich fühle mich plötzlich so leer, so „ohne Grund“. Und ich frage mich erneut, was meine Therapeutin mir gestern zwischen den Zeilen wieder sagen wollte. Ist es ihr so dermaßen wichtig mich darauf hinzuweisen, dass das gesamte unsichere Umfeld mich geprägt hat? Oder lauert dahinter die Überzeugung, dass außer dem fehlenden Schutz nichts anderes zu finden sein wird? Andere Frage: Warum mache ich eine Frage der „Ehre“ daraus, warum scheint es beinahe überlebensnotwendig, dass der Verdacht eines Missbrauchs sich schlussendlich erhärten lässt? Weil ich sonst wieder nur „gelogen“, „übertrieben“ hätte? Was sind das für bekloppte Fragen?! Zu Mittag eine volle Dosis Tramal; an die Farbe, an den Pinsel nichts verschwenden… Dabei gäbe es noch andere Dinge zu erledigen, aber mir läuft die Zeit davon.

18:02
Die Sprühflasche in der Hand, vermag sie nicht über die Leinwand zu heben, um sie zu den Farben zu führen. Zweieinhalb Stunden, 819:30. Wieder und wieder ertappe ich mich dabei über einen Abschuss nachzudenken. Auch erscheint mir nicht normal, stundenlang sitzen zu bleiben. Als würde ich damit gewollt und aktiv an meinem Abbau feilen. Wie war das? „Ich möchte noch einmal aufs Laufband.“? Bin wie festgefahren, obwohl der Körper das Sitzen schon nicht mehr aushält. Ich sehe nur die Uhrzeit, höre in meinem Kopf das Ticken des Sekundenzeigers. Die weibliche Goldammer trippelt über die Terrasse, die Spatzen scheinen nicht satt zu kriegen. Stromschläge jagen durch den Körper, während ein Kernbeißer sich ebenfalls zum Abendessen ankündigt. Ich verstehe ja, dass es zu neurologischen Ausfällen kommt nach einer Überdosis, aber wie sollte es dann Dissoziation fördern? Bin ich zu ungebildet, das alles zu begreifen? Die Zusammenhänge dahinter? Aus meinen Gedanken weicht einfach nicht die Überzeugung, dass ich in der Tat übertreibe und es sich bei all dem lediglich um eine physische Fehlfunktion handelt. Ich mich angepasst habe an das, was man von mir „erwartet hat“. Weil ich dadurch auch wieder eine narzisstische Zufuhr erhalten habe. Und was will der Mensch mehr? Ein Mensch, der sich immer noch aufführt wie ein kleines Kind? Nicht nur alles infrage stellen, mich selbst infrage stellen. Wer bin ich?

Eindeutig Zeit für meine Abenddosis… Sebastian betonte zuvor wieder einmal wie schrecklich er es findet, wenn mir wieder und wieder gesagt wird, ich solle froh sein, dass er noch nicht weggelaufen sei. „Ich bin doch nicht wegen einem Pflegekomplex mit dir zusammen! Was denken die immer?!“. Prompt stellt sich eine Sterbefantasie ein und ich sehe ihn abkratzen. Ich stehe neben mir, aufgespalten, kann das Schauspiel wie ein unbeteiligter Beobachter kommentieren, aber nicht eingreifen.

21:20
Ein Video fabriziert und währenddessen nonstop in meinem Kopf beschimpft. Zieht sich eigentlich wie ein roter Faden durch den lieben langen Tag. WARUM habe ich in dem kleinen Filmchen eine Nahaufnahme eingebaut, in der man den zerlegten Arm sehen kann? Ihn Mieke und Andrea unter die Nase gehalten?! Ich sei meiner Therapeutin gestern total konfus erschienen.

Borderliner!!

Zu einer Art Schlachtruf für ihn geworden. Die Hand klimpert, ich müsste noch irgendetwas anstellen…

27. April 2017, Donnerstag 8:37

60,2. Das Gasthausessen meiner Mutter. Unterm Strich egal, wie wenig ich davon zu mir nehme. Ich weiß, ich weiß…

DU UNDANKBARE DRECKSGÖHRE!!

Katze rein, Katze raus; die Asphaltierungsarbeiten donnern durchs ganze Haus, alles vibriert. Obwohl es regnet, obwohl die Rede davon war, nur bei schönem Wetter damit anzufangen. Der Regen nimmt zu und draußen wird es tatsächlich still.

Ach nein, Irrtum. Aber das Diktierprogramm produziert Fehler um Fehler, der Bildschirm geschmückt mit Zahlen, die längst verschwinden hätten müssen, und von Verstehen kann ohnehin keine Rede sein. Ich bin unruhig, dachte zuvor schon darüber nach, irgendetwas einzuwerfen und die Komplikation gerade kostet mich nur Zeit! Zeit für wertlose Worte…

Hauptsache sie kann quatschen!!

11:35
HASS!!! Hass für meine Person, Hass für diesen Körper und Hass für dieses Leben!! Das Streitgespräch während der Arbeit reichte wohl noch nicht. Das Laufbandtraining ein Desaster. Anschließend konnte ich die Zahnbürste nicht halten. Und nun zu allem Überfluss eine Wasserflasche aus dem Kühlschrank genommen, sie fällt mir aus der Hand, knallt auf den Katheter und reißt mit voller Wucht, reißt den Schlauch beinahe aus meinem Bauch raus! Jetzt bin ich doch in der Tat auch noch zu schwach, um die Unterhose 1 cm runter zu schieben!! Kann nicht kontrollieren, ob die Wunde aufgerissen ist!! Es tut weh und ich bekomme keine Luft mehr. Aber ich kann mich nicht bewegen. Bin in meinem Körper gefangen. Stützstrümpfe und Socken klatschnass, in der rechten Fußsohle steckt eine Scherbe. Ja, los, bring uns um!! Bring uns alle beide um, du beschissener Körper!!

Mich beim Malen mitunter mit Laufmusik gequält. Um gegen den Schmerz anzukämpfen laut mitgesungen. Aber was habe ich jetzt davon? Dieselben Suizidfantasien! Denselben Wunsch zu sterben! Dieselbe Diskussion in meinem Schädel! Nur mit dem winzig kleinen Unterschied, nun NOCH MEHR Argumente dafür zu haben!!

14:03
Terrassentür geöffnet, Kuckuck und Mönchsgrasmücke rufen, es aufgehört zu regnen, seltsame Stille und ich gelähmt. Ein Kloß steckt in meiner Kehle. Die rechte Hand macht gar nichts mehr. Die Volkshilfe kommt gleich und ich überlege wieder einmal, ob und was ich einwerfe. Trotz allem klimpern die Finger, peripher. Ich will nicht mehr. Es gibt keine Helferinstanz, die mir nun erfolgreich verklickert, dass der Tag gestern einfach zu viel war. Miekes Besuch, abends 2 Stunden Telefonat mit Markus, inklusive Nervenzusammenbrüchen und dann dass Sebastian erst irgendwann nach Mitternacht mit mir ins Bett ging… Spielt alles keine Rolle, dient nicht als Ausrede noch als Erklärung. In der Brustwirbelsäule zu allem Überfluss derselbe Knoten, dieselbe Blockade wie schon gestern Abend. Arbeiten die ganzen Analgetika, mit denen ich doch angeblich überversorgt sei, irgendwie, irgendwann?

Da höre ich ein Auto und die Panik holt zum nächsten Schlag aus.

15:47
Eine Überdosis Opiate liegen auf der Zunge. Wiegen schwer auf der Zunge. Auf dieser zergehen lassen; mir egal, ob ich mir schade. Der Körper will nicht, immer noch nicht und die Aufnahme vom letzten Mal, die das nächste Video einleiten sollte, unscharf. Aber kein Wunder, dass der Fokus verrutscht ist -bei der HACKFRESSE!! Mich über mich selbst ärgern, warum ich nicht gleich nach Aufnahme das Material kontrolliert habe. War das nicht zuletzt schon ein Thema? Ich kann nicht denken und Brigitte kommt in einer Stunde. Hastig ein paar Notizen gemacht; bei diesem Satz erfasst mich die Panik erneut. Während ich mich mit Andrea noch wunderbar unterhalten habe, Späße ausgetauscht wurden, im Hinterstübchen längst das nächste Verbrechen geplant. Als gälte es einen Standard zu halten. Die Blockade im Rücken hat sich mittlerweile in den Nacken ausgeweitet, zieht hoch bis in den Schädel.

16:21
Doch noch Material gefunden; aber für einen Moment den Gedanken verschwendet, wie viel Zeit erneut abgelaufen ist, und schon steht mir die Paniksuppe erneut bis zum Hals. Obwohl die Überdosis soeben ihr Bestes gibt, mir meine Situation als unwichtig vorzugaukeln.

20 Minuten später stapelt sich die Panik. Jedes Knacken im Hintergrund… Dabei so dermaßen zugedröhnt. Sollte allmählich alles vorbereiten, aber ich hänge im luftleeren Raum, bewegungslos. Die Beine so steif, ich weiß nicht einmal, ob ich aufs Sofa klettern kann.

19:08
Ich kam nicht hoch. Nicht einmal mit Hilfe meiner Therapeutin. Was macht meine Rechte? Eine spastische Faust bilden. Panik, Panik, Panik und Vernunft hilft nicht…

26. April 2017, Mittwoch 11:48

59,8 um 7.

UNVERBESSERLICH EIN FETTES SCHWEIN!!

Konzentriert 2 Stunden durchgearbeitet. Dabei auf dem besten Wege, mich vorzeitig ins nächste Unglück zu stürzen. Die Doku, die im Hintergrund lief, behandelte das Thema Freitod; spätestens an dem Punkt, an dem die Tränendrüsen ihre Arbeit aufnehmen wollten, wechselte ich den Titel. Was nicht heißen soll, dass die darauffolgende Thematik leichtere Kost dargestellt hätte. Anschließend in den Wind hinaus getorkelt, mit dem alten Rollator die Einfahrt runter bis zur Straße, dann nach vorne zur Terrasse, die Katzen immer 2 Schritte vor mir, und da sie an der Hausecke plötzlich einfroren und gebannt auf die Terrasse starrten, konnte ich mir schon denken, dass der Rehbock zum 2. Frühstück gekommen sein musste. So schielte ich lediglich ganz vorsichtig um die Ecke und machte eine Kehrtwendung. 25 Minuten, und dann beim Zähneputzen 130 Kniebeugen. Ist das gut? Etwas, das man als Verbesserung sehen darf?

Markus hat nicht angerufen, mir stattdessen eine Nachricht geschickt. Prompt komme ich mir so dermaßen lästig vor und der rechte Arm noch mehr oder minder unversehrt. Es sei ja kein Wunder, hat er geschrieben, dass bei der Dauerbaustelle und all diesen großen Geschenken die ganze Zeit mein Stresslevel zu expandieren beliebt. Dabei stelle ich mir seit ich wach bin eine Frage: Wäre ich in der Tat so perfide, so berechnend, um in der nächsten Tiefphase in der Tat eine Überdosis von etwas zu schlucken, um anschließend selbst die Rettung zu rufen? Was würde das über mich aussagen?

NA, DANN WÄRE ES AMTLICH!!

Dann wüsste endlich JEDER, was für ein durchtriebenes Luder du doch bist! Du würdest keinen Zweifel daran offen lassen, dass du das alles hier nur wegen der Aufmerksamkeit machst! Endlich würdest du dich verraten!!

Borderliner. Mich schuldig fühlen, als hätte ich es bereits begangen. „Begangen“ im Sinne eines Verbrechens. Nicht einer Verzweiflungstat. Ob andere „Patienten“ mit selbiger Symptomatik auch so viel darüber nachdenken wie ich?

Es klingelt an der Tür und die Freude ist groß: Mein neuer Heizstrahler ist da! Nun kann ich nur noch hoffen, dass das Paket mit den Rasierklingen ebenfalls dann eintrifft, wenn ich noch alleine bin. Sebastians besorgtes „Schau, was du mit dir angerichtet hast!“ heute Morgen. Dabei hatte er sich nur auf den nun nicht mehr weißen Schlauchverband bezogen, welcher hübsch mit Blut verziert wurde. Ihm abends lediglich alles gebeichtet, bzw. das Bedürfnis gehabt, es auszusprechen. Wie viele Schnitte die letzten 3 Tage. Gesehen hat er das Massaker noch nicht…

Du übertreibst schon wieder!! Wie deine Mutter!! Hast du’s schon wieder so dringend nötig?!

Die Hände klimpern. Bereits jetzt Angst, den Nachmittag erneut zu vergeuden. Mit dem schlussendlichen Resultat, auch DEN Karren an die Wand zu fahren. Zwangsläufig.

16:22
Und die Situation droht zu kippen. Bereits beim Mittagessen holten mich die Panikattacken ein. Sebastian gegenüber rational, aber deswegen auch mit einer gefühlten Distanz logisch erläutert, was sich soeben in meinem Kopf abspielen würde. Aber es sind 2 paar Schuhe… „Soll ich unten bei dir bleiben?“, hat er gefragt, mehrmals. Ich nur vehement den Kopf geschüttelt: „Es spielt keine Rolle, ob ich allein bin oder nicht. Du könntest es ohnehin nicht verhindern.“. Mein Schädel am Bersten.

Ganz genau wie deine Mutter!

Ich kann mich nicht entscheiden. Aber vermutlich werde ich jetzt Mexalen schlucken; die zu erwartende Wechselwirkung ist auch nicht von schlechten Eltern. Den Elektrozobel auf meine Schultern umziehen lassen. Der Nacken völlig verspannt. Ich bin müde, aber darf nicht. Sebastian hat meine Mutter auf die Situation vorgestern angesprochen und ihr mitgeteilt, dass das nur „suboptimal“ bei mir angekommen sei. Von einer „Ausnahme“ war die Rede, die Bauarbeiter hätten sie auch wegen Marios Baustelle befragt und die Schachtel mit dem Obst (wie von mir zusammen gesponnen) hätte sie einem von ihnen gegeben, damit der sie oben vor die Haustür stellt. Aber ist angekommen, wie eingeengt ich mich fühle, wenn sie nun wieder häufiger über diesen Umweg nach Hause fährt? Ich mich nicht mehr vor die Tür traue?

Ich brauche Tabletten, irgendetwas… Junkie! Versuchen, weiter zu arbeiten? Oder die Zeit bis zu Miekes Ankunft zu nutzen, damit mein rechter Unterarm bloß nicht zu kurz kommt?!

Sonne, Wolken, hell, dunkel und mein Gemüt muss mithalten, alle Farben spielen. Ich bin fertig…

19:42
Das Teekränzchen hat gut getan, abgelenkt, stand ich doch wieder so kurz davor zu eskalieren, an mir selbst zu scheitern. Der Abendhimmel verfärbt sich. Noch mehr Erinnerungen. Zugleich Wehmut. Und Sterbefantasien. Sebastian ist noch oben, ich könnte wenn ich wollte…

Im Posteingang eine Benachrichtigung: „Das Paket kommt morgen etwa um 14:30.“. Perfekt. Mich dabei ertappen, dass meine Rechte auf meinem Schoß wie gewohnt bis 4 klimpert. Beim Tratsch mit Mieke insgesamt zweimal fast weggetreten. Auch zuvor bei der einen Doku, als die Missbrauchsopfer in der Selbsthilfegruppe einige Aussagen tätigten, die genauso auch in meinem Sprachgebrauch zu finden sind. Von denen Markus immer behauptet, sie seien „typisch“.

Die letzten beiden Feldsperlinge draußen in den Himbeeren werden nicht fertig, sich zu lieben. Und ich muss daran denken, was das eine Opfer zum gynäkologischen Stuhl gesagt hat. Daran denken und mir wird schlecht. Ich möchte mir die Beine zusammennähen. Mein Untergeschoss rebelliert.

25. April 2017, Dienstag 13:33

59,8 um 7. Ein Sturm fegt ums Haus, es pfeift und heult in all den Ritzen. Der Kopf hängt in Erinnerungen. So ich bewusst versuche, mich als kleines Kind ins Bett zu schicken, allein ins nächtliche Kinderzimmer, zieht sich in meinem Untergeschoss alles zusammen. So komme ich gar nicht bis dorthin, bis ans Ziel. Vormittags, eigentlich gleich morgens wurde unangekündigt der Strom abgestellt. Für eine ganze Stunde; unsere Bauarbeiter scheinen wohl die Telefonleitung der Nachbarin gekappt zu haben. Nun saß ich da, musste tatenlos zusehen, wie die Ressourcen meiner Rechten sekündlich schwinden. Nun nach dem Mittagessen (ein halbes Brötchen und einen Becher Joghurt)…

RAHMJOGHURT!!

2017-04-25

verharrte ich minutenlang vor meinem Medikamentenregal. In meinem Denkprozessor liefen die Drähte heiß! „Was könnte ich schlucken, womit mir schaden, mich optimal ausschalten??“. Noch eine letzte angebrochene Blisterpackung Temesta geborgen, machen unterm Strich noch etwa 5 Tabletten. Der Wind lässt kurz nach, weitere Erinnerungen überfluten meine Aufmerksamkeit. Ein männlicher Zitronenfalter schwebt über die Terrasse, das Restaurant verwaist. Ich möchte, ich MUSS mir schaden! Irgendwie… Obwohl die volle Dosis, die ich mir zu Mittag geleistet habe, soeben das Ihre leistet, um mich ruhig zu halten. Wären da nun nicht die Erinnerungen an Waldstreifzüge, an Läufe, noch und nöcher. Der Kopf wird schwer…

Wie so oft die Beipackzettel der sich im Haus befindlichen Psychopharmaka gewälzt. Mirtel wäre eine feine Option, Kombination… Die Tabletten locker 8 Jahre alt. Und dennoch schleicht sich plötzlich das Bedürfnis ein, etwas „Massives“ anzustellen. Abschießen, Sebastian erschrecken, Notarzt, Intensivstation, Klappse!

Was rede ich mir ein… Es müsste Schluss sein. Ehe die Apokalypse über uns hereinbricht.

Den linken Ärmel nach oben geschoben. Was waren das für Zeiten, als ich noch unter Blutverdünnung stand. Aber auch wirklich KEIN EINZIGER Schnitt macht was her. Lediglich die Menge. Ich hasse mich. Ich würde gerne irgendetwas in mich hinein stopfen, lediglich zu dem Zweck, um es bestenfalls mit ein bisschen Dreck wieder hoch zu würgen. Ich komme nicht weiter. Markus anschreiben? Um Hilfe betteln?

Kurz nach 2, die Terrassentür wieder schließen, irgendetwas in Betrieb nehmen, um mich beim Malen von der Lähmung abzulenken…

15:20
Mir läuft die Zeit davon. Denselben verantwortungslosen Scheiß drehen wie vor 2 Jahren?! Und schön brav öffentlich?!

Nicht malen. 1 mg Temesta. Einfach nur noch durcheinander, innerlich getrieben, ich kann nicht mehr…

VERDAMMT! ICH VERMOCHTE ZU MITTAG NICHT EINMAL DIE BUTTERDOSE AUS DEM KÜHLSCHRANK ZU NEHMEN, DIE FINGER DER RECHTEN HAND LIESSEN SICH NICHT ÖFFNEN!!!

2 Skalpelle, die Blechdose voll mit Rasierklingen. Widersprüchliche Gedanken und Gefühle liefern sich einen Kampf.

DU PERFIDES MISTSTÜCK!!

NEIN, mir ist nichts passiert! Ich bin grundgestört!!

Ansetzen, andrücken, durchziehen und die Rettung rufen…

Die rechte Hand, eines der Skalpelle umschlungen, klimpert. Der Arm zuckt, zieht zurück, will flüchten. Warum nicht im Moment des Schneidens? Warum immer wieder dieselben blöden Fragen?! Für was am Leben bleiben?! Um in spätestens einem Jahr nicht mehr malen zu können?!!

Was mir jetzt in den Sinn kommt, ist ja mal vollends bescheuert!! Die Rettung darf die Einfahrt nicht hochfahren, sie ist doch frisch planiert!! Und für einen Augenblick möchte ich hysterisch lachend unter den Tisch fallen!!

5 und viel zu oberflächlich! In mir dreht sich etwas um die eigene Achse.

Dem Püppchen wird doch wohl nicht langweilig sein ?!!
Braucht es Aufmerksamkeit??!!

18 Mal versagt. Ich sehe die Sonne, die Wolken draußen. Ich sehe das junge Grün, sehe die Autobahnfahrt nach Graz, sehe den Leichnam meiner Oma, darnieder gestreckt in einem Krankenbett, die Decke umgepflügt wie nach einem letzten Todeskampf, ich sehe die Schuldgefühle, ihre letzten Worte voller Verbitterung, ich sehe einen Grund für meine Schlechtigkeit. War er mir vorher bestimmt, von Kindertagen an, um in diesem Augenblick 1996 mein Schicksal zu erfüllen? Oder wer hatte seine Hände zwischen meinen Beinen? Wie im Traum?

Hat es der 6-jährigen Nutte besorgt?! Sie hatte es ja dringend nötig!!

Ganz plötzlich das Bedürfnis gehabt, mir Pornobilder anzusehen. Aber nicht derart, in denen eine gleichberechtigte Sexualität praktiziert wird. Nein, ganz im Gegenteil! Und je jünger das Opfer, desto besser!!

Rumpelstilzchen die Rasierklinge überlassen. Die Haut ist überreizt. Sie blutet und brennt. Die Farbe in den Schälchen hat dieselbe Konsistenz. Nach 20 immer noch auf der Suche nach dem einen Schnitt. 34 und die Klinge verbraucht. Was bräuchte ich jetzt? Jemanden der mir sagt, ich bin nicht schuld? Aufs große Ganze bezogen nicht meine Schuld? Mir sagt, ich war ein Kind, wie jedes andere Kind auch? Nicht schlechter als ein solches? Hat nichts gemacht und nichts machen lassen. Dass, wenn überhaupt, etwas mit IHM passiert ist!

Der erneute Zeitdruck minimiert den Rauschzustand. Sackgasse. Der ganze Tag landet in der Tonne und die Versagerin hat nichts geleistet.

19:58
Mich übergeben. Heißes Wasser auf die Verletzungen. Es brannte omnipräsent. Aber zu kurz. Sebastian versuchte zu trösten. Was für eine Belastung!!!

24. April 2017, Montag 9:30

59,6 um 7. Zerrissen zwischen draußen und drinnen. In einem fort zwischen Rollstuhl und Terrassentür hin und her pendeln. Ich komme nicht zur Ruhe, und währenddessen baut die Rechte fleißig ab. Irgendwo in den jungen Erlen sitzt ein Falke und ruft seit Minuten. Mein Tisch müsste jetzt in diesem Augenblick auf der Terrasse stehen. Dann würde ich malen und gegebenenfalls rasch mit der Kamera reagieren. Er hat sich längst diese Zerrissenheit neu organisiert und ich könnte jetzt schon zur Klinge greifen. Die Diskussion in meinem Kopf, es werden mit Nachteilen um sich geworfen: „Wenn ich nicht mehr malen kann, kann ich immer noch draußen sitzen!“, „Aber JETZT sitzt der Falke da!“, „Wie lange lebe ich noch?“… Das Geschwür in meinem Magen artet zu einem pulsierenden Klumpen aus. Kindheitserinnerungen unkontrolliert am Abspulen.

Was soll ich daran ändern? Ich allein, ich Krüppel? Gemäß dem Fall, ich würde nun alles in Eigenregie nach draußen schleppen, was bliebe dann von meinen Kräften übrig? Ich wäre auf den Tisch neben dem Carport angewiesen. Wäre es zu dunkel? Zu hell? Zu viele Pollen und Samen, die permanent in den Farben landen würden? Und so sinniere ich vor mich hin und komme erst recht nicht vom Fleck!

Hass, Hass, HASS!!

11:45
Statt Laufband draußen am Haus dreimal auf und ab gegangen. Auch um mir die Baustelle anzusehen. Scheinbar wird es um einiges günstiger, die Bagger haben unter dicken Schichten Lehm und Sand ausreichend Material gefunden, als Unterbau für die Asphaltierung. Des weiteren musste abgetragene Erde nicht weggebracht werden, der Bagger hat sie die paar Meter die Straße runter in unserem Wald verteilt.

Irgendetwas habe ich gerade gesagt, gefühlt, gedacht… Definitiv sah ich mich selbst als Kind nachmittags im Wohnzimmer, die Ewoks laufen und mit einem Schlag wurde mir speiübel, so haarscharf an der nächsten Absence vorbei geschrabbt. „NUR“ eine Nebenwirkung des Beruhigungsmittels? Meine Augen sehen zwar hinaus, aber ich sehe nicht weiter bis zu dieser inneren Leinwand, auf die chaotisch, unkoordiniert und ohne Rücksicht auf chronische Zusammenhänge Erinnerungssequenzen projeziert werden.

Mir soeben bei einem Drogeriemarkt 30 Rasierklingen bestellt. Beim Arbeiten brach die Geduld immer wieder in sich zusammen, und meinte ich sie kurz zu fassen bekommen zu haben, entglitt sie mir schon wieder. Ein und aus und hoch und runter. Unschwer zu erraten, dass insgeheim in meinem Hinterstübchen bereits darüber debattiert wird, was und wie viel davon konsumiert werden soll. Wie nannte Markus es immer? „Den hilflosen Versuch, sich selbst zu therapieren“. Bei all meinen Recherchen gestern wieder nichts anderes gelesen als „Abhängigkeit“, „hohes Potenzial“, „süchtig“. Bei Amazon soeben für wenige Mücken eine Dose mit 100 Rasierklingen ausgemacht. Quantität oder Qualität? Ein paar der Schnitte gestern waren das, was zumindest ich „einigermaßen o. k.“ nennen darf. In meinem Schädel raucht es, vom Sofa in Windeseile zu einem Flohmarkt, der ein einziges Mal in Henndorf abgehalten worden war, in den Garten unterm Gasthaus, in dem meine Cousine und ich mit 2 ausrangierten Öfen Sandkuchen backen, dann blinzelt die Sonne durch die Wolken und ich bin wiederum ums Haus auf der Suche nach den Ostergeschenken… Usw. und so fort und je schneller sich das Karussell dreht, desto atemloser bleibe ich zurück. Schon bin ich als Kind in der Therme, schon brennt die Therme und wir fahren „Schauen“, schon bei irgendeinem Wandertag…

Ohne Scheiß!! Ich könnte hier wohl eine Stunde lang mit offenem Mund ins Nichts starrend und völlig im Moment eingefroren NUR dieser zwangsverordneten Kinostrecke folgen. Ohne mich dabei ein einziges Mal zu bewegen, etwas anderes zu denken, im wahrsten Sinne des Wortes „zu sein“. Ich sehe längst vergessene Spielsachen, rieche die Umgebung, höre die Geräusche um mich rum. Aber eben immer auch diese Weihnachtsfeier, diese eine Fahrt mit Übernachtung, wieder und wieder.

Jetzt sehe ich mich laufen, wie in meinem Traum heute Nacht. Nur da war es Winter.

14:39
Totalabsturz. Totalabschuss. Wie viel Tramal war es?

15:42
Warum…? Warum tut sie das?

Es ist doch nur lieb gemeint! Und schlussendlich hast DU sie darum gebeten!!

Schäm dich, DU STÜCK DRECK!!

Nach dem Mittagessen war die Hand gelähmt. Also fuhr ich mit dem Rollstuhl nach draußen, um zu lesen und den Bauarbeitern ein wenig zuzusehen. Doch als die Straßenwalze das 3. Mal die Einfahrt hinunter rumpelte und sie plötzlich hielt, hörte ich laut und deutlich eine Stimme: die meiner Mutter! Hatte es zuletzt nicht schon gereicht, gegen meinen Wunsch, meinen Willen zum Haus gegangen zu sein? Zumal ich doch kurz vor dieser Situation zu ihrem Angebot, mich auch die Einfahrt hoch schieben zu können, klar und deutlich gesagt habe: „Vielen Dank, aber bitte nicht übel nehmen, ich möchte das nicht. Bitte nicht zum Haus gehen!“. Was passierte mit mir… Ich kam der Angst zuvor. Bevor sie mich überrumpeln und dann ersticken konnte, war ich hastig ins Haus geflohen, hatte die Badezimmertür hinter mir geschlossen, da die Volkshilfe alsbald eintrudeln würde. Ich hing am Waschbecken, Hände und Arme heiß gebadet, und geschnitten, geschnitten, geschnitten… Das Blut lief in den Abfluss, mehr und mehr. Dann waren es 60 Schnitte und Andrea klopfte draußen an die Tür. Kaum im Wohnzimmer eine Überdosis Tramal. Die Dröhnung schien mich gerade mal so zusammen zu halten… Kam die Heimhilfe nicht etwa von draußen, wo sie als letzten Arbeitsschritt den Eingang fegen sollte, mit einer Schachtel voll Obst zurück?!

Ich hatte meine Mutter per Mail gefragt, ob sie noch einmal im Supermarkt altes Obst besorgen könnte. Aber WARUM stellt sie es vor die Haustür?!!! Soll ich mir nun einreden, sie hat einem der Bauarbeiter die Schachtel in die Hand gedrückt und der hat sie dort platziert?!!

Der goldene Käfig wird zu eng. Ich bekomme keine Luft mehr. Tränen werden aus meinen Augen gequetscht. Ich bin so schlecht, so schuldig und dreckig.

Warum stellst du dich so blöd an?! Andere wären dankbar!!

Klimpern. Ohne Unterlass. Erneut zu meiner kleinen Blechdose greifen…

Auch zuvor kochend heißes Wasser über die Schnittfläche laufen lassen. Ich wünschte nur, der Schmerz hätte sich eingebrannt! Ich will, dass es auseinanderklafft! Dass ich ins Krankenhaus muss! Dass die Wunde durch den Umstand, genäht werden zu müssen, eine Wertigkeit bekommt! Nicht länger belanglos ist! Aktenkundig wird!

So unsagbar geisteskrank…

In der Zwischenzeit taucht Herbert auf der Terrasse auf und tut sich am neuen Apfel gütlich. Jetzt habe ich erst recht das Bedürfnis, auch heute zu den Benzos zu greifen. Das Ergebnis gestern war unterm Strich fatalerweise „mehr als erfreulich“. Den Strumpf abgezogen brennt die Haut.

NICHT VERZWEIFELT GENUG, WIE?!!

Könnte genauso gut dem Fiasko mit meinen Fingernägeln zu Leibe rücken!

Die letzten Wunden lassen sich auseinanderziehen. Dezent tiefer…

DEZENT IST DIE KLEINE SCHWESTER VON SCHEISSE, VERSAGER!!

Überdosis? Mit allen Konsequenzen?

10 mal Kinderkacke! Das Blut kalt. Mich verachten. Mich schuldig fühlen. Und erst recht wieder nichts geschafft.

16:13
Ich sehe die Weintrauben in der Schale, die mir Andrea auf den Tisch gestellt hat. Ich sehe meine Mutter, wie gerne sie Weintrauben hat, sehe sie davon essen… Und als sei dies die letzte Freude in ihrem Leben, sehe ich sie in dieser Freude tot umfallen!

Regression! Ich bin 6 Jahre alt und ich sterbe mit ihr…

Die Droge, die mich nun heilen könnte, besitze ich nicht. Ein Taschentuch, die Ärmel lang ziehen… Oder eine letale Dosis, um ENDLICH damit aufhören zu können!!

19:39
Zu meiner Liebe, emotionslos: „Ich möchte im Augenblick sofort sterbe…“.
Er verzweifelt: „Was ist denn los mit dir, es sollte dir doch besser gehen…“.

Es tut mir leid.“… Bin ich SO aufgewachsen?

Ich weiß nicht, was ich noch mache. Aber in mir schreit alles nach etwas Schwerem, mit Wucht und damit einhergehend eine Pause, eine abrupte Unterbrechung im Dasein.

23. April 2017, Sonntag 10:24

59,4 um 8:45. Die Party, die ich mir gestern noch unbewusst geleistet habe, fand unter Ausschluss der Öffentlichkeit statt und fiel selbst mir erst auf, als es bereits zu spät war. Zumindest für meinen Ärmel. Irgendwann hatte ich begonnen über die frischen Wunden zu kratzen. Dazwischen immer noch der mit Flecken übersäte Strumpf, der seinerseits sicherlich was das Infektionspotenzial betrifft ordnungsgemäß für Juckreiz sorgte. Also kratzte ich selbstvergessen vor mich hin, fraß viel zu viel von Sebastians Schokoladenosterhasen (er hatte mir das Freizeichen gegeben) (also nicht der Hase, Sebastian) und nach geraumer Zeit -die Arme soeben verschränkt- durfte ich bemerken, dass es unter meiner rechten Hand feucht wird. Für die jämmerlichen Kratzer war der Fleck auf dem Strumpf anständig. Auf Seiten für Selbsthilfegruppen würde man mich unverzüglich rausschmeißen; dessen bin ich mir sehr wohl bewusst. Deswegen zelebriere ich es hier, als eine Art Einmannshow, ohne mich rechtfertigen zu müssen für das, was ich mit mir selbst treibe.

Liebe Kinder, das ist keine Anleitung, nicht nachmachen! Sonst gibt’s Haue von Mama und Papa!

Sebastian fragt nicht mehr, ich nehme mir längst kein Blatt mehr vor den Mund, teilweise machen wir beide geschmacklose Witze über das Thema. Die Sonne drängt sich wie ein zu kurz gekommenes Einzelkind in den Vordergrund. Mönchsgrasmücke, Goldammer, Buntspecht, Feldsperlinge und eine äußerst penetrante Biene hinter mir. Die Dunstglocke über meinem Schädel basierend auf 20 Tropfen meiner Droge genügt nicht, um das Surren auszublenden. Schon wieder aufstehen? Die heile Welt, die mich umgibt, hat einen bitteren Geschmack. Genügt doch eine „falsche“ Erinnerung, die dem Ganzen nicht zuträglich wäre, und das Konstrukt fiele mit einem Male in sich zusammen. Mit Auswirkungen, die sich nicht vorausberechnen ließen.

Die Pünktchen und Striche, die auf der Leinwand landen, schreien nach einer Lupe. Der Pinsel besteht nur noch aus Spliss. Stille. Hat sie es nach draußen geschafft? Das Räucherstäbchen stinkt nach Patchouli. Kindheitserinnerungen, erneut an Graz, an einen Besuch bei meiner Oma. Das Bild im Gedächtnis trägt einen fahlen Geschmack. Es folgt Eis in den Achtzigern. Unten an der Bundesstraße entlang rasende Autos. Der Sound von heulenden Motoren. Irgendwo im Gasthaus läuft Formel 1. Grillenzirpen. Und wieder und wieder das Raunen der unten vorbeidonnernden LKWs in den Hallen dieser Burg…

Die Waschmaschine schleudert und mein Herz gerät in Panik. Die Lichtbedingungen, die Arbeitsbedingungen hier im Raum schreien regelrecht nach einem Vorhang. Ich sollte die Kopfhörer aufsetzen und laut Musik anmachen. Das, was ich hier von mir gebe, dient lediglich dem einen Zweck, mich beim Malen „abzulenken“.

11:30
2 Musikstücke, in einem davon oder dem Schleudern der Waschmaschine vermeintlich das Telefonklingeln hören. Die Panik macht es sich in mir bequem. Auch halte ich für einen Augenblick inne, betrachtet das, was ich da fabriziere, und sehe mich mit der berechtigten Frage konfrontiert, welchen Sinn es hat, solch hauchzarte Farbschichten einzusetzen, wenn diese abschließend doch beim Auftragen der Glanzfirniss regelrecht aufgeweicht und erneut abgetragen werden? Das sieht für den Moment detailliert aus, aber dann…? Durch Aufkommen dieser Zweifel und Manifestation der Angst möchte ich mich unverzüglich der Rasierklinge opfern. Auch könnte ich erneut in Tränen ausbrechen.

Emotional instabil!!

Dass nun zu allem Überfluss auch noch die Katze zu schreien anfängt, alles andere als förderlich. Zudem ist es bald 12, der Zeitverlust reibt die Nerven extra auf. Noch keine Stunde gemalt und die Hand will nicht mehr. Immer kleiner werden die kreisenden Bewegungen des Werkzeugs zwischen Zeigefinger und Daumen. Abends vermochte ich erneut nicht mehr die Finger zu strecken. Wie Sodbrennen das säuerliche Dejavue. Schwer seufzen und die Musik laut machen…

12:16
Spätestens bei dem Lied kommt der Zusammenbruch, jede Bewegung vom Tanzen noch in den verkümmerten Muskeln spüren…

15:31
Das Video kucken und es tut weh.
Die Sonne kommt raus und es tut weh.
Ich erinnere mich und es tut weh.

Vor dem Mittagessen es draußen nur kurz ausgehalten; eine einzige Derealisation, ich ein Alien auf einem fremden Planeten. Der Reduktion der Antidepressiva ankreiden zu wollen, für das seelische Karussell zuständig zu sein, wäre müßig. Ich hocke hier teils mit offenem Mund und starre minutenlang ins Leere. Von mir ist nichts mehr übrig. Sterben. Mich anheizen, triggern, teasen, bis es keinen Ausweg mehr gibt, bis nichts mehr im Weg steht. In den Kommentaren zum neuen Video hat jemand meinen Gesang gelobt. Ein demontiertes „Multitalent“?

SELBSTMITLEID!!

Es verschlägt mir die Sprache. Die Hand klimpert, ohne Unterlass. Das Kind in mir fühlen, das Angst davor hat, sterben zu müssen. Ich möchte mich erinnern, unbedingt… Doch der vorzeitig gewählte Tod erscheint mir augenblicklich gnädiger. Nichts macht mehr Sinn. Es ist bereits zu spät, gleich wird es 4, der Tag vergeudet.

Die Augen werden zum 2. Mal geflutet. Ich kann nicht denken. Zum Kind mutieren…

Ich sehe meine Eltern sterben!…

Zusammenbruch.

15 Schnitte und das Blut läuft kalt die Haut hinab. In dicken, wunderschönen Tropfen. Aus 15 werden 30, eine einzige rote Fläche. Dann sind es 50. Das Handtuch auf meinem Schoß getränkt. Schwerer Eisengeruch liegt in der Luft. Dass davon die Funktionalität meiner Hand zunimmt, war nicht zu erwarten. Während das allumfassende Brennen mich schrittweise einlullt, Stufe um Stufe hinab in die Dissoziation geleitet, geht der nächste Griff zur Glaspumpe. Ich halte mich, ich halte diese Situation nicht aus! Während mein Gedächtnis unaufhörlich damit beschäftigt ist, Assoziationen zu knüpfen und längst vergessene Erinnerungen aus der Gruft des Vergessens zu zaubern.

Der Blick bleibt an den Narben des rechten Unterarmes kleben. Vermag immer noch nicht mich zu bewegen. Wie eingefroren, vermag keine Entscheidung zu treffen.

Nun endlich die Petrischalen abdecken und mir einreden, weiter arbeiten zu können. Als existierten keinerlei Einschränkungen. Never ever!…

16:52
Die Situation soeben wächst zu einer waschechten Krise heran. Sie alle sterben, zugleich sehe ich mich selbst sterben, werde von einer unergründlichen Angst davor heimgesucht. Das Medikamentenregister in meinem Schädel läuft heiß: Was könnte ich nun schlucken?!

17:17
Dampfend heißes Wasser lief über die frischen Wunden, die erneut zu bluten anfingen. Wie kann Schmerz Sicherheit geben? Schier unmöglich bis zum Badezimmer zu gehen. Die Erinnerung, die jetzt einschießt, behandelt erneut Weihnachten im Gasthaus, wieder mit der Muppet Show…

Ich habe die Wahl: Mexalen oder Temesta! Natürlich könnte ich auch die vorbereitete Überdosis konsultieren… Was für eine skurrile Situation zuletzt, als eine der Damen von der Volkshilfe mir helfen wollte, im Regal etwas zu finden. Dabei hatte sie kurzfristig die Schachtel mit den über 300 Tabletten in der Hand. Ganz schön morbide…

Die Erinnerungen werden mehr und mehr, nun ist erneut der auf den Abend hinweisende Lichteinfall unerträglich!

18:57
Hat es die Angst genommen?

Längst abgelaufen! Placebo!!

Es rattert und rattert in meiner Birne, die Schnappschüsse wollen nicht abreißen. Führt das Ganze schlussendlich zu einem Bild, das ich als Erwachsene dem Kind erklären kann? Oder noch mehr Rätsel, schlimmstenfalls so verstörend, dass es mir unmöglich gemacht wird, auch nur im Ansatz erwachsen zu agieren?

2 Stunden und 30 Minuten am Bild. Angeblich möchte Sebastian heute mit mir gemeinsam meinen Film ansehen. Was er wohl dazu sagen wird? Ich fühle mich benebelt; oder bin schlichtweg müde. Den halben Traum hindurch war ich auf der Flucht vor einem riesengroßen Monster, das uns alle umbringen wollte.

Geschmacklose Aufnahmen während meiner Schlachtparty gemacht. Welchem Zweck sie schlussendlich dienen werden, bleibt vorerst offen.

Die Schmerzen aus Den linken Unterarm mit der Rechten fest umfassen und dann drehen, drehen, drehen. Der Schmerz breitet sich über die Extremität auf dem restlichen Körper aus. Ich will sehen, dass es durch den neuen, noch blütenweißen Verband sickert. Nun auch noch anfangen zu kratzen. Ich bin schlecht. Ich bin Scheiße. Ich bin Dreck und wertlos. Während ich meinen ganz persönlichen Abendpsalm hoch und runter bete, schüttet der Körper seine eigenen Drogen gegen die Schmerzen aus. Die Betäubung gewinnt noch einmal mehr an Tiefe. Unterm Strom wird es wohlig warm. Eindeutig einen Eindruck gewonnen: Ich weiß aktuell nicht wohin mit mir selbst!

22. April 2017, Samstag 11:40

Oh Wunder! Womit habe ich das verdient? Die Stützstrümpfe oder gar das Fehlen der Antidepressiva? Und so dominieren auch an diesem Tag die Fragezeichen das Geschehen. Es war eine Wohltat, mit Markus zu telefonieren. Er demontierte die Tante, von der das Buch ist, regelrecht. Ebenso den Verlag, bei dem es erschienen war. „Weißt du, wo regelmäßig Artikel von ihr erscheinen? In der Kronenzeitung!! Mehr brauche ich dir wohl kaum zu sagen!“. Die Kronenzeitung -das österreichische Pendant zur Bild-Zeitung; nur noch rechter. „Die hat einen Universitätstitel verliehen bekommen… Für was? Für welche Leistung?!“.

Herbert taucht auf der Terrasse auf. Der Karton mittlerweile leer. Die Amseln haben das Ihre dazu geleistet. Nachts träumte ich davon, mehrmals meinen Selbstmord zu planen und durchzuführen. Dieses Mal wollte ich aus einem fahrenden Zug springen, direkt in die Lafnitz, dort, wo die Strömung am stärksten ist. Aber ich wurde ständig gerettet und landete in der Psychiatrie, die sich dieses Mal in einem Bauernhof unweit vom Gasthaus befand. Als mich Sebastian morgens aus dem Bett montierte vermochte ich kaum noch zu gehen. Auf den 1. Schreck beruhigte ich mich damit, dass dies noch eine Nachwirkung meines kurzfristigen kalten Entzugs sein könnte. Der Himmel ist bewölkt, mein rechter Fuß ist heiß und dick geschwollen. Mein Vorhaben, mich mehr zu bewegen, muss für gestern als gescheitert bezeichnet werden. Mir einreden, heute definitiv häufiger und länger das Laufband zu frequentieren. Mein Heizstrahler hat ebenfalls das Zeitliche gesegnet, er ist gerade nach Jennersdorf gefahren, um mir ein neues „Opfer“ zu besorgen. Aber ohne diese Dinger gehe ich ein; egal wie viel Strom sie fressen. Und eigentlich wollte ich diktieren und gleichzeitig mit dem Malen beginnen. Aber noch nichts geschafft. Mittlerweile bei 804:17 Stunden und die Arbeit am schwarzen Stoff scheint noch diffiziler zu werden, als am ganzen Rest! Ich kann es nicht oder ich bin geisteskrank!

14:44
Eine Stunde und 45 Minuten gemalt. 0 Fortschritt. Trotz Warnsignale des Blutzuckers erst ins Bad, Zähne geputzt und dabei 110 Kniebeugen gemacht, anschließend mit lauter Musik aufs Laufband. So mühselig, einen Fuß vor den anderen zu setzen. Dabei laut mitsingen. Soll ich mir nun ernsthaft einreden, dem ganzen Verlust auch etwas abgewinnen zu können? Weil ich nun schlussendlich nicht wie früher beim Laufen, wenn ich lediglich auf das Wortlose Mitsprechen der Texte reduziert war, meine Stimme trainieren kann?! Was für ein Zwangsoptimist muss man sein, um sich die Dinge so schön zu reden?! Ich bin das nicht, ich kann das nicht! Bei jedem Lied erinnerte ich mich an irgendeine Stelle meiner Strecke, auf der ich denselben Song definitiv gehört habe. Und ich spüre immer noch dieses Gefühl in den Beinen, diese Leichtigkeit, dem hartes Training vorausgegangen war. Aber vor allem Konsequentes. Und wieder sehe ich mich, meine Reste und mein Herz verbrennt bis auf seine Grundfesten allein schon bei diesem kleinen Gedanken, dass es von meinem letzten richtigen Laufjahr keine Videoaufnahmen gibt. Keine vernünftigen Fotos. Als hätte die Zeit nie existiert. Und die Tränen kommen… Wie gestern Nacht im Gespräch mit meinem ehemaligen Analytiker, aus heiterem Himmel, ohne Zusammenhang. In mir weinte etwas, ganz tief in mir. Wer hatte zu mir gesagt, dass Frauen nie mit sich zufrieden sind? Ende diesen Jahres war ich es; unvorstellbar aber wahr.

Vom Laufband wieder runter zu kommen, gestaltete sich mehr als kritisch. 21 Minuten und 200 Meter. Beinahe wäre ich umgekippt.

Selbstmitleid, Selbstmitleid, SELBSTMITLEID!!!

Es genügt schon, die Tramaltropfen kurz auf der Zunge zergehen zu lassen; spätestens im Abgang die Speiseröhre hinunter stellt sich die erste Betäubung ein. Ich bin so krank…

15:59
Kann ich nun malen?
Panik…

16:32
…Kein Malen. Die Hand will nicht. Und ich? Bleibe auf der Strecke. Weckt sensorische Begehrlichkeiten. Zumal ich nun nicht einmal den letzten Rest vom Büro abschließen könnte. Depression stellt sich ein. Dabei wären die Lichtbedingungen nun für diese äußerst schwierige Partie am schwarzen Oberteil so gut wie nie.
Pech.

DU WIRST NIE FERTIG!!!
Verabschiede dich vom Malen! AUS UND VORBEI!!!

Das Licht draußen! Wieder bin ich auf der Fahrt nach XY. Die Übelkeit Dank Hunger begründet sich nun in meiner Seekrankheit bei Autofahrten. Es muss Frühling gewesen sein; dafür sprechen doch die Stechmückenlarven, die ich unbedingt mitnehmen wollte. Der vom Regen nasse Asphalt, der Geruch, die Sonne, die zwischen den Wolken hervorlugt, da war doch ein Regenbogen…

Eine weibliche Mönchsgrasmücke setzt sich draußen auf die Himbeeren und ich möchte sie filmen.

Aber der zum Scheißen zu blöde Krüppel kann mit seiner Klopshand nicht einmal den Zoom betätigen!!

Nun Gründe genug? Als ob ich die Selbstverletzung vor mir selbst rechtfertigen müsste. Doch an mir alles zu schwach. Mir ist ganz anders. Weidensamen treiben durch die Luft. Ich möchte, ich könnte, ich will… Aber nichts geht. Außer in dieser Erinnerung zu stecken; warum auch immer. Das Kind heute Nacht erneut gebeten, mir Bilder zu zeigen.

Was für ein Deppentheater!!

Eine weitere Dosis meiner Droge? Schade um die neue Klinge, würde ich den Arm nicht eingangs vorbereiten, mit heißem Wasser auf „Touren“ bringen? Mir gehen die Rasierklingen aus, muss endlich wieder ein paar Packungen bestellen. Die rechte Hand klimpert. Der Schädel dröhnt. Ein Flugzeug pflügt sich durch den Himmel, versetzt mich mit seinem Geräusch erst recht zurück in diese eine Situation in meiner Kindheit. Mein Magen dreht sich um, ein weiteres Mal. „Das mit den Pseudoerinnerungen ist Schwachsinn!“, Markus gestern erbost. Hat es Sinn oder ist es eine beliebige Erinnerung? Lösen doch alle Erinnerungen auf ihre Art ein Unwohlsein aus. Ist da bei dieser Fahrt nachts etwas passiert? Zumal ich nicht einmal weiß, in welchem Zimmer ich geschlafen habe. Geschieht hier Unrecht durch mich? Oder hat jemand Unrecht getan und will nicht dazu stehen? Wie wäre es, käme ein Täter auf mich zu und würde gestehen? Machte nichts einfacher?

AUFMERKSAMKEIT, um NICHTS sonst geht es hier!!

Ich sehe den Tag schwinden, es wird später und später, ich wie eingefroren auf dem Rollstuhl. Zu den Opioiden greifen… Ist es ein Zufall oder bin ich Marionette in einem perfiden Schauspiel? Bei Korrektur von diktierten Wörtern ist bei den Vorschlägen fast immer Nummer 4 die richtige! Das ist keine subjektive Feststellung!

Noch mehr Erinnerungen, während das braune Glasfläschchen sicher auf meinem Schoß ruht. Dann landen 6 Hübe im Mund.

17:56
Ich gehe in einen völlig betäubten Zustand über. Hat etwas vom Rausch, den ich mit Sprinten beim Laufen erzielen konnte. Vielleicht brauche ich es deswegen. Aus Spaß an der Freude mir bei Wikipedia die Staffelung der einzelnen Opioide zu Gemüte führen. Tramadol weist dabei eine Potenz von 0,1-0,2 auf. Hydal kommt auf satte 7,5. Nur die Beherrschung ist dabei eingeschränkt. Droge statt Klinge. Die ausgeschütteten Hormone bleiben dieselben. Wenigstens die Vögel habe ich gefüttert und dabei riskiert, die 2 Stufen wieder einmal hinunter zu purzeln. Es duftet ebenfalls so berauschend und ich vermag den Duft nicht einzuordnen. Da taucht Herbert wieder auf, betrachtet mich misstrauisch, die Terrassentür ist sperrangelweit offen und er beinahe zum Greifen nah. Die beiden Äpfel haben ihn nicht interessiert, er schlüpft ins Himbeerdickicht. Da denke ich so bei mir: Es war gut, das Tramal die letzte Zeit zu reduzieren, denn umso mehr knallt es augenblicklich. Keinen Deut besser als ein Junkie von der Straße. Als würde ich Werbung für Grünenthal machen. Vielleicht mal anschreiben… Eventuell gibt’s was gratis!

18:37
Er fährt ins Dorf und ich zu meinem Spielzeug.

Was für ein Waschlappen!!

Für das neue Werkzeug wahrlich 6 jämmerliche, oberflächliche Kratzer. So armselig.