30. Dezember 2016, Freitag 15:28

Wo kommt das her? 2 Mahlzeiten am Tag? Im Traum davor ebenfalls die Waage konsultiert, und sie schrie mir förmlich in meine dämliche Hackfresse: „58!!!!!!!!!!!“.
HASS, HASS, HASS!!!
Bunte Träume, spannend, interessant; bis zu der Sache mit dem Wiegen…
„Mein Gericht“ ins Schlafzimmer verfrachtet, worauf mich Sebastian nach dem mühevollen Aufstehen verfrachtete. Das Gerät im Halbdunkel, konnte nichts erkennen, und gab einen Tipp ab: „58,6!!“. Er erbost: „Neee… 56,4!“.

Mittlerweile 17:04… 17:12 und ich komme nicht vom Fleck… Bin, werde gefordert…
Weiter im Text mit einer gelähmten Hand, während zwei Kinder malen, fordern, Sebastian mit Mixer, Radio…
Apropos: Nach dem Frühstück zu Mittag liefen dort gleich zwei Lieder hintereinander, die jahrelang meine Läufe begleitet, befeuert haben und die Augen unweigerlich überflutet, versuchend, dies vor dem Kind neben mir zu unterdrücken.
Also ich glaubte ihm nicht, nicht der Waage: „Hab zu lang gebraucht, zu lang mich festgehalten, das Resultat verfälscht…“. Zweiter Anlauf : „Na, und nun?!“. Immer noch 56,4. Ich freute mich, brauchte weitere 10 Minuten, um zu realisieren: „Hej, ich kann ja noch mindestens 300g abziehen!!“. Für die schwere Windel, den Schlauch…

Gestern, die plötzliche Inkontinenz, wie aus dem Nichts, vor versammelter Mannschaft, im Wohnzimmer auf dem Rolli, dem NAGELNEUEN Probesitzkissen… Einfach ausgelaufen. Sebastian bitten müssen, mir beim Umziehen zu helfen, doch auf dem Klo sitzend lief es weiter daneben. Zerrte am Katheter, lief weiter. Ihn den Ballon mit NaCl weiter aufpumpen lassen, damit das Ding prall in der Harnröhre sitzt, sich festklemmpt.

Tommy, der ältere der Jungs, besessen oder irritiert von meinen Bilder. Seit gestern ohne Ende folgte eine Frage nach der anderen zu meiner fragwürdigen Kunst. Ich von mir selbst erstaunt, wie ruhig und ausdauernd ich nicht müde wurde, alles zu erklären, ganz besonders die Grundessenz: „NIEMAND darf euch anfassen!! Und wenn es einer tut, sofort laut protestieren und weglaufen!!!“.
Abends saß der Kleine auf meinem Schoß, lag in meinem Schoß und ließ sich Tiere aus aller Welt in einem meiner Bücher zeigen und erklären. Heute umarmte er mich zweimal: „Ich hab dich lieb.“. Gestern bereits zutiefst gerührt. Heute fuhr die Familie nach Fürstenfeld, Tommy wollte bei uns bleiben, ging mit uns spazieren, ich erneut erstaunt, zuwider massiver Schwäche und Schwindel und all den Lähmungen „gut“ gehen können.
Erst machte mich das Sezieren meiner Seelenfotos leicht depressiv, dann ermöglichte es mir sogar andere Blickwinkel.

Morgens -ein letzter Kommentar, die Hand kann nicht mehr- nachdem ich alles fallen ließ, selbst zusammen gekracht… Arg! Bzw. umgefallen, nach hinten ins kleine Regal gekracht… Er nicht da, Lars hob mich hoch, und mir alles nur noch peinlich. Gleich im Anschluss… Flasche aus der Hand gefallen, und nachdem der Besuch all den Krempel, den ich beim Umfall zu Boden befördert hatte, einsammeln, wegräumen hat dürfen, nun auch noch Scherben…

All das dauert, 18:22, Sebastians Launen/Reaktionen auf Aussagen von mir, erreichen die Spitze… Ich das Problem? Und plötzlich Depression. Dem vorausgegangen mein Satz zum nächsten Laufsong: „…Und der nächste Schlag in die Magengrube…“. „Was soll ich denn machen? Ich kann doch nichts dafür!!! Dann schalte ich den Radio halt aus!!! Wenn man es dir nicht recht machen kann…“.

Das geht seit Wochen so. Gefühl mein Tonfall normal bis vorsichtig, seine Reaktion wie angegriffen. Es reicht. Die Tränen runter würgen. Wären Konsequenzen ein Verbrechen? Weil „er der Grund“ wäre?

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27. Dezember 2016, Dienstag 18:20

57 um 9:30. Das Motto dieser Tage lautet wohl oder übel „NICHTS und wieder NICHTS!“.Gestern bin ich gar erst um 10 aufgestanden und verbuchte diverse Verschlechterungen auf den langen Schlaf. Es bedurfte zweier Stunden um zu realisieren, dass Sebastian mich wohl doch angesteckt hatte. Bin auch so selten dämlich! Partout darauf geachtet, dass wir uns nicht küssen, so manches Mal die Hände desinfiziert, wenn er mich berührt hat, aber nichtsdestotrotz völlig unbedarft mit den Fernbedienungen hantiert… Oder doch dieser eine Kuss zu Weihnachten, im Glauben, er sei wieder gesund? In der Tat lagen wir beide heute flach, den größten Teil des Tages. Die Visage im Spiegel aufgedunsen: „Sieht ungesund aus…“. Es zuvor erst einmal gewaschen… Als würde dieses Waschen die Hässlichkeit entfernen können. Magisches Denken…

Gestern beim Essen bei meinem Bruder lief meine Nase bereits die ganze Zeit. Abends im Posteingang eine verheerende Nachricht: Mieke war mit ihrem Pferd spazieren, dieses brach unterwegs zusammen, stand nicht mehr auf und sie musste es einschläfern lassen.

Nachts im Bett Sebastians Schnarchkonzerten ausgeliefert. Er war nicht aufzuwecken…

Die nächste Erinnerung, im Garten hinterm Gasthaus, mit Blick ins winterliche Tagesende. Ich sehe, was ich da tat, und fühle, was ich spürte, was ich dachte, ehe ich zurück ins Haus ging. Sodann Erinnerungen an einen Sommer, irgendwo in den Achtzigern… Es meinem Liebsten zuvor wie folgt erklärt: „Das sind also all diese Empfindungen und Impulse aus längst vergangenen Zeiten, und nichts davon wäre per se bedrohlich, aber nichtsdestotrotz dabei das Gefühl, als würde sich jemand auf meinen Brustkorb setzen!“. Prompt eine neue Folge im Kopfkino, irgendetwas mit meiner Cousine.. Die Augen fallen erneut zu. Ich kann einfach nicht. Gestern der Nervenzusammenbruch auch nur jenem Umstand geschuldet, dass der Besuch kurz bevorsteht, um uns rum ein heilloses Chaos herrscht und ich mich ganz plötzlich der Situation ausgeliefert fühlte. Insofern heute oder zuvor erst damit begonnen, meinen Tisch abzuräumen. Nach wenigen Kisten kapitulierte ich. Zu schwach und kein Plan, wohin mit dem ganzen Zeug.

Abbrechen, ich kann nicht mehr…

Das Kind in mir…

…brachte mich heute bei der letzten Familienfeier im Gespräch über ein anderes, gequältes Kind zum Weinen…

25. Dezember 2016, Sonntag 17:01

Weihnachten wie früher!…“.

Von Sebastian eine Schachtel Toffifee geschenkt bekommen und soeben dabei, sie leer zu fressen. Gestern Nacht und heute Morgen die Schachtel Milka-Pralinen von meinen Eltern in mich hineingestopft… Weg ist weg! Er ist oben und macht laut Musik und würde mich nicht hören. Und auch wenn die Panik soeben einen Gang runter geschaltet hat, schreit alles in mir nach Konsequenzen. Waren es gestern Morgen doch 56,1. Heute exakt einen Kilo mehr. Was war anders, gestern bei der kleinen Familienfeier? Mein Vater blieb sitzen, rannte nach einer gewissen Zeit nicht weg, um sich vor die Glotze oder seinen PC zu setzen. Er wusste es wohl sehr zu schätzen, dass ich das Gasthaus nach wahrscheinlich 4 Jahren zum 1. Mal wieder betreten habe. Mein Liebster unterstellte mir gar, ich würde das nur machen, um irgendwelche Erinnerungen zu forcieren. Aber in der Tat war dem nicht so, in mir ein gewisses Maß an Gleichgültigkeit… klingt ganz schön bescheuert, angesichts der unzähligen Panikattacken, die mich während dem gemeinsamen Abendessen mit Baguette und diversem Brotbelag heimsuchten. Wieder und wieder wie eine kochende Welle, zig Meter hoch und zerstörerisch sondergleichen! Heute Morgen noch eine Prise unangenehmer; so hatte ich den bestellten Cortisoltest in der Hand und las etwas unzufrieden: „Morgens direkt nach dem Aufstehen, eine halbe Stunde später und wieder eine halbe Stunde später… Frauen bevorzugt zwischen dem 19. und 21. Zyklustag…“. Ich möchte den Test aber dann machen, wenn die Angst in mir am Überkochen ist! Sprich frühestens beim Frühstück…

Zu Mittag gleich kurzfristig keine andere Alternative als es mit Benzos zu versuchen. Zum Glück (?) habe ich es schlussendlich doch unterlassen.

Für mich lagen unter dem Baum zumindest schon einmal die Armatur für einen Rollatorschirm („EVENTUELL war ich an jenem Abend, als ich das bestellt habe, etwas zu sehr beschwipst…“), ein weiterer Elektronerz und ein Staubsaugroboter.

Zur Verabschiedung bei meinen Eltern ist noch etwas zu sagen. Wir waren lange dort, gut über sechs Stunden. Die ehemalige Wirtin erzählte eine haarsträubende Geschichte aus den Dorfannalen nach der anderen und dieses Mal war es wenigstens interessant. „Hier ging es ja zu wie im Dschungel!“, Sebastians Fazit zu dieser über Jahrzehnte gewachsenen Prügelkultur, die hier akribisch gepflegt worden war. Ganz zu schweigen von häuslicher Gewalt, Prostitution, Selbstmorden und dergleichen. Ich meinte nur: „Das musst du unbedingt aufschreiben! Du kannst es ja anonymisieren, die Namen ändern.“. Darauf sie: „Brauche ich nicht, habe ich alles in meinem Kopf!“. Da ging wohl bereits das 1. Stück von mir in Bruch… sie wird nicht ewig leben…

Als mein Vater und mein Schatz bereits vor die Tür gegangen waren, stand ich noch allein mit ihr vor dem Weihnachtsbaum. Ich nahm sie zum Abschied in den Arm und verlor an diesem Punkt die Fassung…… Als sie es bemerkte, fragte sie, ob ich Probleme hätte. Ich stammelte nur: „As usual…“. Beide bedankten sich mehrmals dafür, dass ich mich überwunden hatte, um mit ihnen gemeinsam IM GASTHAUS zu feiern.

Schwer seufzen… Die Uhr in mir tickt noch schneller. Die beiden sterben sehen, Sebastian sterben gesehen… Und nichtsdestotrotz soeben nur davon besessen, die Zeichen korrekt zu deuten: Hat er oben die Tür geschlossen, die Musik ausgeschaltet, bedeutet dies, dass er gleich wieder auf dem Sofa sitzt und ich mich nicht erleichtern darf?

Kurz vor Mitternacht zuhause unterstellte er mir gar, ich würde nur zwecks meiner Ess-Brechsucht behaupten, mir sei plötzlich ganz schlecht geworden. „Ich belüge dich diesbezüglich nicht, belüge dich eigentlich nie. Hab ich nicht nötig!“, und mir hing die Kotze im Hals. Einfach viel zu viel zu viel gefressen… Dabei waren es nur 4 kleine Schnittchen vom französischen Brot… Aber eben auch ein paar Kekse, 1/3 von einer Torte…

Heute irgendwie noch nichts geschafft und morgen bei Bruder und Schwägerin eingeladen. Eine Stunde am Bild -wie lächerlich. Das Video liegt immer noch brach, unbearbeitet. Lediglich Stunden damit vertan, auch für mich Fotobücher anzufertigen. Mal eben 100 Euro in die Hand nehmen, für 4 Exemplare, die ich herzeigen und/oder mitunter verschenken könnte.

Sebastian taucht nicht auf, in meinem Magen kribbelt es nervös. Die Packung, den letzten Rest auch noch in mich hineinstopfen und dann samt Pinsel in der Toilette verschwinden… Was wären Feiertage OHNE Gewichtszunahme, OHNE Fressattacken und OHNE Bulimie?!

Ob ich noch zu irgendeiner Leistung in der Lage sein werde?

21:41

Verschweigen ist nicht Lügen… Wenig erfolgreich beim Entfernen der Fressattacke. Stattdessen Fragmente vom klein gehaltenen Mittagessen und auf der Waage kaum ein Unterschied. Er sitzt nun vor mir, ahnt nichts und ich wechsle nun beim unbefangenen Abschluss zur Diktierfunktion…

Boah, bist DU durchtrieben!!!

Der restliche Abend drohte in einer finalen Panikattacke abzusaufen. Daraus resultierende Entscheidungen ungewiss. Es genügte schon, allein mir vorzustellen, mit der Arbeit am Bild fortzufahren, und die Pumpe mimte den Spitzensportler! Vermutlich eine weise Entscheidung (oder intuitiv), mich kurzerhand für den Videoschnitt zu entscheiden. Diese Prozedur fesselt mich wenigstens vollständig und lässt nicht mehr viele anderweitige Gedanken zu. Die Verspannungen anschließend sind im Komplettpaket enthalten. Währenddessen krampfte das rechte Bein, nun auf dem Sofa übernimmt das linke diese Aufgabe. Mich gezwungen sehen, sogleich noch aufzustehen und ein paar Runden durch den Flur zu drehen. Zum verspäteten Abendessen wird es Weihnachtsgebäck und Torte geben. Ich freue mich…

Nach der einen Stunde an der Leinwand wie aufgetragen das Fußbad in einer Betaisadonalösung gemacht. Die Wunde sieht ganz schön ekelhaft aus. Und dennoch erstaunt, an der Stelle per se keine Schmerzen zu haben. Habe ich auch mal Glück? Werde genug mit dem Endergebnis zu tun haben, was die ästhetische Betrachtungsweise betrifft… 698:45 h insgesamt in das Bild gesteckt; im besten Fall werden es morgen 700. Für was, für wen?! Zumindest darauf bedacht, die geschwollenen Füße vom Vorlagenfoto nicht mit auf die Leinwand zu übertragen. Sie sehen jetzt ja auch nicht mehr so aus.

Kopfschmerzen setzen ein, die Nase zubetoniert, die Augen fallen zu… Beschissene Müdigkeit!

24. Dezember 2016, Samstag 13:33

56,1 um 8:30. Raureif so weit das Auge reicht. Mir läuft die Zeit davon und dennoch mir die Zeit nehmen… müssen. Das andere Notebook läuft bereits, wartet auf seinen Einsatz. Zu den Medikamenten greifen -verspätete Mittagsdosis. Eine halbe Dosis für die seelische Schräglage, eine halbe Dosis für die nie zufriedene Familie Ischias, eine Tablette gegen die Spastik und 4 Hübe Tramal für ein vorgegaukeltes Portiönchen Kontrolle.

Beim letzten Wort hängen bleiben, der Magen dreht sich um. Das Frühstück wurde das Mittagessen und während er noch unterwegs war, kümmerte ich mich um den Saustall in der Wohnküche. Kurz zuvor einen handfesten Streit vom Zaun gebrochen… Bzw. beinahe. Er sah die Unordnung nicht, ihn störte nichts, aber mich machte alles wahnsinnig. Dementsprechend habe ich mich überfordert; und am Schluss wieder einmal umgefallen. Dann lag ich da, halb im Wohnzimmer, halb im Flur, wie ein Käfer auf dem Rücken und darüber grübelnd, wann ich den Notruf auslösen sollte. Keine Minute später kam er hinten zur Tür herein.

Fertig geworden bin ich nicht mit der Unordnung. Alles VIEL ZU VIEL!! Zudem hat sich auch noch in den nächsten Tagen Besuch angekündigt. Mir wird alles zu viel. Ich muss meinen Arbeitstisch abräumen… Ganz zu schweigen davon, dass ich diesen längst nicht mehr als geordnetes Chaos verbuchen darf.

Gestern beim Arzt: Ich äußerte meine Bedenken, dass der Zehennagel hinterher eventuell SCHEUSSLICH aussehen könnte, ich so meine „Fuß-Neurose“ mit mir herumschleppen dürfe und das im schlimmsten Fall für mich zu einem ausgewachsenen Problem werden würde. Da zeigte er mir, wie viel er wegschneiden würde, ich dachte an die zurückliegenden Monate, wenn sich diese Stelle wieder und wieder entzündet hatte, und traf kurzerhand eine Entscheidung. Schon setzte er die Betäubungsspritze an. Seine Assistentin hielt dabei meine Arme fest. Warum auch immer. Ganz sicher gingen die beiden davon aus, dass die Entäußerungen meiner Beine einer Wehleidigkeit geschuldet sein mussten. Dabei versuchte ich eingängig ihnen klarzumachen, dass ich diese Zuckungen und Verkrampfungen nicht kontrollieren könne und die zarteste Berührung reicht, um dieses Spektakel auszulösen. NATÜRLICH vergaß ich diesen Schandfleck in meinem Dekolte nicht. Wohingegen ich all die Narben, die dieses bereits „zieren“, keineswegs als Verunstaltung wahrnehme. Eine Narbe mehr macht sich doch prima, zumal die linke Seite narbentechnisch vergleichsweise wahrlich „unterversorgt“ ist. Erst die lokalen Betäubungsspritzen und dann hat er mir die hässliche Warze weggebrannt. Zum Glück spürte ich das am großen Onkel überhaupt nicht. Schon sehr „makaber“ mir vorzustellen, er setzt zum Schnitt an und mein Fuß kommt ihm entgegen geschnellt! Mit einer Schere schnitt er ins Nagelbett, dabei kommentierend: „Bis runter zum Knochen!“. Es wurde verbunden, sie wollte, dass ich noch liegen bleibe, ich Vollidiot sülzte ihr die Ohren voll von wegen chronischer Anämie, die Sanitäter hoben mich vom OP-Tisch auf ihren fahrbaren Stuhl, fuhren mit mir hinaus zum Ausgang, als der Fahrer plötzlich auf dem Boden sah: „Ach du Scheiße!!“. Was waren das für kapitale, fette Tropfen, die da auf dem Laminat landeten! Was war das für eine dicke Spur, die ich auf den paar Metern hinterlassen hatte!! Mir wurde ganz anders… Nicht schlecht; in der Tat erfasste mich ein Schauer der Erregung und ich hätte es am liebsten gefilmt, fotografiert, oder mich gleich auf den Boden dazu gelegt… Um mir sodann authentisch vorstellen zu können, ich verblute…

Stattdessen habe ich mich entschuldigt, mehrmals, wurde zurück ins Untersuchungszimmer verfrachtet, der Verband erneuert, welcher in Windeseile genauso getränkt war wie sein Vorgänger. Das Bein wurde hochgelagert, ein 3. Verband angelegt und meine von Blut triefnasse Socke in eine Plastiktüte gesteckt. Die Heimfahrt wurde das Bein auf dem großen Notfallkoffer des Rettungswagens geparkt. Mich zuhause überhaupt nicht mehr bewegt. Brigitte kam kurz vor 1 und erneut versuchte ich viel zu viel Stoff in diese 50 min hinein zu quetschen. Ihr Eindruck: „Du bist total angespannt!“. Dabei so dermaßen wütend auf mich selbst, weil ich mir nichts merken konnte, geschweige denn auch nur im Ansatz die Gefühle zu diversen Situationen, von denen ich ihr berichtete, nachzuempfinden… „Es wäre sicher sehr gut für dich, wenn du aufhören würdest, alles zu relativieren und alles auswerten zu müssen, um dir selbst dann doch nicht zu glauben. Ist doch egal, welche Diagnose wo steht. Wichtig ist nur, was du denkst, was du empfindest. Wenn du also sagst, das sind mehrere Personen in dir, dann ist das so.“. Auch gab sie mir den Rat, nicht alles sofort zu analysieren (erst recht das, was das Kind in mir preisgibt): „Wenn noch etwas locker lässt, werden die Antworten schon kommen.“.

Den rechten Fuß in eine Frischhaltetüte gesteckt (immer noch blutete es), darüber eine dicke Skisocke und so machten uns auf den Weg. Sebastian total angespannt: „Ich hasse die Autobahn…“. Er mürrisch und ich schwieg irgendwann. Pünktlich kamen wir in Graz an und mein Orthopädietechniker nahm uns in Empfang. Und ja, ich habe mich erschrocken, als ich meinen Rollstuhl sah! So hatte ich ihn nicht in Erinnerung! Eine letzte Idee für ein Sitzkissen hätte er noch gehabt, welches sozusagen mein Becken „führt“ und zumindest zu Beginn hat sich das Sitzen darauf gut angefühlt, der Rücken schön gerade. Meine Reifen, meine schönen, schwarzen Reifen, die in derselben Ausführung eigentlich auch bei Rennrädern zu finden sind, abmontiert. Dabei zwei so hässliche, graue Dinger. Total wuchtig, wie jene von einem uralten Krankenhausmodell. Er lobte die Handreifen daran, aus leichtem Edelstahl und ich setze dagegen, dass ich nicht so auf Gold und Silber stehen würde. Zum Glück hatte er unverzüglich zumindest einen winzigen Lichtblick für mich zur Hand: schwarze Silikonmäntel, die er über die Reifen spannte. Dann sollte ich mich im Geschäft ein wenig einfahren… In irgendeiner Form hat unsere Generation dann doch mit einem Joystick zu tun gehabt, und ich meinte ja nicht umsonst: „Hallo?! Mein Vater war anno dazumal hierzulande einer der erfolgreichsten Auto-Crash-Fahrer!“. Die eine Sprunggelenksbandage, die ich zweckentfremdet nachts um meinen Oberschenkel schnalle, hat er repariert, die Nähte erneuert. Dass wir dann die normalen Reifen vergessen und dort stehen lassen haben, einfach nur der ganzen aufregenden Situation geschuldet. Sebastians Laune stieg wieder und wir fuhren noch zu so einem monströsen Einkaufscenter. Er hat einfach keine Geduld! Als er dort auf dem Parkplatz den Rollstuhl nicht SOFORT wieder zusammengebaut bekam, wollte er mich schon im Auto sitzen lassen. Ach ja, das kennen wir schon… Ich hielt die Schnauze, er schimpfte und schaffte es dann doch beim 3. Anlauf. Was für ein Freiheitsgefühl! Für gewöhnlich schiebt er mich immer in Märkten so schnell an Regalen vorbei, dass ich gar nicht erst zum Kucken komme! Nun aber konnte ICH entscheiden!! Ich lächelte die Menschen an, die mir auswichen, denen ich auswich, doch erntete selbst kein einziges Lächeln. Lediglich Kinder fanden mich toll und ein kleines Mädchen rannte ein paar Stummelschritte hinter mir her, um dann mit großen Augen ihrer Mama zuzurufen : „Das Ding fährt von ganz alleine!“.

Die Eckdaten: 6 km/h Höchstgeschwindigkeit, Reichweite etwa 16 km.

Den ganzen verdammten Tag NUR AUF MEINEM FETTEN ARSCH GESESSEN!! Bei Becskei bekam mich Sebastian erst nicht aus dem Auto, Thomas, der Fachmann, mich erst nicht in und dann nicht aus dem Rollstuhl. Selbiges Problem kostete Sebastian noch mehr Nerven… Aber die Kälte, die fehlende Bewegung und ich stocksteif. Was für eine Freude hatten morgens die Sanitäter?!

Heute in der Früh wie gefordert den Verband gewechselt. Dieser war erneut getränkt mit meinem Blut. Ich sah mir die Wunde an und bereute schon, was ich da machen habe lassen! „Der rechte Fuß war mir immer heilig! Sah besser aus als sein linker Kollege, einheitlicher! Und jetzt? Er hat doch mehr weggeschnitten, als ich gedacht habe!“. Dazu noch eine seltsame Bemerkung: „Ist das nicht komisch? Kaum hatte er das ekelhafte Ding im Ausschnitt entfernt, fühlte ich mich anders…. Irgendwie fremd und nicht mehr wie ich.“.

Heute immer noch kein Schmerz an der „Operationswunde“, dafür aber im Rest vom Fuß. Wäre der Fuß meine Hand, käme ich zu dem Fazit, eine Sehnenscheidenentzündung zu haben. Und es krampft und krampft.

Im Postkasten lag doch tatsächlich ein großer Umschlag aus meiner Firma. Darin eine Art Auszeichnung: „Danke für 5 Jahre Engagement als geringfügig Angestellte!“. Mit so etwas hätte ich nicht gerechnet… Und nur so am Rande -es sind bereits 8,5 Jahre, aber egal!

Ich wollte das alles noch festhalten, bevor ich nun endlich ans Bild zurückkehren kann. Gestern nichts gemacht und heute ein weiteres X in Kauf zu nehmen, undenkbar. Wenn ich an die soeben diktierten Zeilen denke, erfasst mich erneut ein unangenehmes Gefühl.

JAMMER, JAMMER, JAMMER!!!

Last, but not least… Was ist in mich gefahren? Was über mich gekommen? Meine Mutter hatte sich beklagt, dass sich die Kinder nicht mehr blicken lassen würden. Auch dass sie gar nicht wüsste, für was oder wen sie einen Baum schmücken solle. Darauf hatten Sebastian und ich auf sie eingeredet: „Was erwartest du? Die Kinder sind bald keine Kinder mehr, die werden erwachsen!“. Und hat mich doch gestern unerwartet und kurzerhand dazu bewogen, Sebastian für meine Eltern folgende Nachricht mitzugeben: „Ich kann mir einigermaßen vorstellen, das Gasthaus wieder zu betreten…“. Nun ist es bereits 14:34 und in vermutlich 2 h oder so sollen wir dort auftauchen. Das Geschenk für meine Mutter, das Fotobuch, wurde als beschädigte Mangelware geliefert! Das Etikett außen mit meinem Logo eingerissen. Ärgerlich.

Und ohne Zusammenhang mit zuletzt Gesagtem ganz plötzlich darüber nachdenken, was ich einwerfen werde müssen und ob dieser Tag wie viele Weihnachtstage zuvor mit meinem Kopf hochrot in einer Toilette enden wird…

Frohe Weihnachten…

22. Dezember 2016, Donnerstag 11:38

Mit einem Schlag in die großen Kissen auf dem Sofa befördert werden, der Unterkiefer wird beim Gähnen beinahe ausgerenkt. Die Pumpe schlägt dennoch gefühlt dreimal so schnell. Kommt Sonja noch? Was hatten wir genau vereinbart?

Vor all den Fenstern eine vereiste Zauberwelt. Dabei katapultiert mich das Wort „vereist“ unverzüglich in das nächste Dejavue. Kurzfristig mache ich einen Millisekunden-Halt 1998, im Winter des Verliebens und zeitgleich Verzweifelns. Doch noch schneller lande ich in meiner frühen Kindheit, meine Mutter steht im Wohnzimmer am Bügelbrett, eine Schmonzette läuft in der Glotze und ich sitze auf dem Boden, spiele mit Duplo-Bausteinen.

Dieses unscheinbare Wörtchen „vereist“ wird vermeintlich zu einer Art Schlüssel und zumindest gefühlt scheint es ein Tor in mich hinein zu öffnen. Als könne ich mich selbst damit aktiv in Trance versetzen. Mir wird schlecht.

Morgens ebenfalls nicht sonderlich erbauend das Gewicht: 56,3. Beim Durchforsten der ganzen Zettel, die Sebastian gestern von der Apotheke mitbrachte, die wiederum mein Hausarzt zuvor jemandem dorthin mitgegeben hat, durchgelesen. Der Blutbefund… Ich hasse es, wenn irgendein Wert aus der Norm schlägt! In diesem Fall mein Cholesterinwert schon wieder 3 Punkte zu hoch. Wovon denn bitte? Was hingegen Befriedigung in mir fördert sind lediglich 2 Werte, die jeweils zu tief sind -und das schon oft: einerseits Glukose und noch viel wichtiger Leukozyten! Eine klassische Unterzuckerung ist etwas Feines. Aber um Längen schlägt dies eine handfeste Anämie, Blutarmut!! In einer psychiatrischen Anstalt könnten die Insassen mit ihren Blutwerten „Quardett spielen“! Wie oft schon Eisenpräparate verschrieben bekommen?…

Aber in diesem Fall alles in Ordnung,… BIS aufs Cholesterin! Wie das auf mich wirkt?

PASST DOCH ZUR FETTEN SAU!!!

Vorher vor dem Spiegel im Flur, beim Anziehen meiner Schuhe, ein einziges Wechselbad der Gefühle! Darf ich in den Spiegel sehen, darf ich nicht? Es ist eine ausgewachsene Katastrophe, was ich da erblicken muss, oder doch nicht so schlimm? Hin und her und hin und her… Mich fassen, mich verlieren, mich hassen,… Aufbauen, um zu zerstören. Kaum dachte ich, einen Weg zu meinem Körper entdeckt zu haben, zu meiner Person als solche, eine winzige Drehung, Bewegung, Perspektivenwechsel und aus Tag wird schlagartig stockdunkle Nacht!

Sebastian küsste mich morgens zum Abschied und meinte anschließend freundlicherweise: „Ich glaube, ich werde krank.“. Prompt bekomme ich soeben Halsschmerzen. Nein, eigentlich habe ich diese latent seit Tagen, nur augenblicklich erscheinen sie mir stärker zu werden. Jetzt, da ich völlig verbraucht bin. Die zwei Stunden an der Leinwand verliefen fließend, ohne großartige Störfaktoren.

Kurz in mich gehen: Nun aber mal wirklich im Ernst! Was hat da 120 min gefressen? Die Strümpfe noch einmal zu grundieren und sodann mit einer feinen Struktur und zumindest einem von ihnen zu beginnen?!!

Danach aufs Laufband und die ersten 15 min fühlten sich gut an. Daraus wurden insgesamt 30 und der Rest ist Schweigen. Ständig in Erwartung meiner Therapeutin angespannt aus dem Fenster gestarrt, bei jedem noch so winzigen Geräusch einen Herzinfarkt vortäuschend.

Weitere Kindheitserinnerungen tauchen auf. In meinem Schädel läuft die Musik von damals.

Abends unter dem Sofa eine Überschwemmung. Also doch keine Fehleinschätzung als ich nachmittags der Meinung war, versehentlich mit dem Rollstuhl über das Katheterventil gefahren zu sein. Genialerweise kein Ersatzbeutel im Haus! Nun schleppe ich schon den ganzen Tag diesen kleinen Eimer mit mir herum, darin in meinem Urin schwimmend der Plastikbeutel. Und noch am Rande: Mir graut vor morgen, diesem ganzen Stress, angefangen um 8 mit der Rettung, die mich zum Chirurgen fährt, um 13:00 Uhr Psychotherapie und nahtlos fahren wir schon nach Graz. Warum ich das alles aufschreibe? Weil ich eine elende Kalkleiste bin?! Was hat Sebastian morgens zu mir auch noch gesagt? „Habt ihr heute überhaupt Therapie? Du hast doch letzte Woche schöne Weihnachten gewünscht.“. Soeben rief Sonja zurück und klärte mich alte Oma auf. Dafür der ganze Stress, das zweckfreie Herzrasen… Blöd! BLÖD!! Reif fürs Einschläfern… Und nun eigentlich wieder nur noch Angst vor dem, was meine Mutter heute gekocht hat…

13:36

Sebastian immer noch nicht zuhause und ich -wie ein Schwein- fiel über Miekes gestern mitgebrachten Kekse her. Noch ein Stück und noch ein Stück und noch ein Stück und noch ein Stück…

Du kannst es ja später auskotzen!

Was oder wer ist das? Die Sucht? Die dunkle Zwillingsschwester?

Was ich nun am liebsten täte? Mich abschießen, nach allen Regeln der Kunst. Zu wissen, plus/minus 14:00 Uhr trudelt jemand von der Volkshilfe ein, erhöht meinen Pulsschlag immens.

21. Dezember 2016, Mittwoch 10:33

Einmal TIEF Luft holen… Der Tag hat zu wenig Stunden. Gestern ein Paket Arbeit aus dem Büro erhalten, direkt nach dem Frühstück zurück aufs Sofa an das alte Notebook mit der Diktierfunktion. Speisepläne, Korrektur von Berichten und dergleichen. Nun hier zu sitzen und auch noch Tagebuch zu schreiben, erscheint mir ein einziger Luxus zu sein! Um mich irgendwie ruhig zu bekommen ist auch noch ein wenig Tee von heute Morgen übrig. Wie konnte das Gespräch gestern, das sich doch erst so gut angefühlt hat, so dermaßen ins Gegenteil verkehrt werden? Saß ich doch schlussendlich wieder vor diversen Internetseiten, um die Differenzialdiagnostik zwischen Epilepsie und Dissoziation zu studieren. Auch wird meine Vermutung, dass Gudrun gestern permanent von einem großen Anfall ausgegangen ist, nicht so sehr ihr Ziel verfehlen. Aber es gibt ja auch noch die Kleinen und diese verdammten Kleinen haben massive Überschneidungen mit dissoziativen Phänomenen. Bei dieser einen Auflistung wurde ich ebenfalls nicht klug; demnach habe ich alles! Zudem ein entscheidender Satz ihrerseits: „Aber du wurdest ja nicht missbraucht!“. Bei aktuellem Stand der „Ermittlungen“: NEIN.

Wie so ein banaler Satz ein sich nun doch in den zurückliegenden Tagen gefestigtes System mit einem zarten Pusten dem Erdboden gleich machen kann. Das Kind zieht sich zurück, Rumpelstilzchen markiert mit unlauteren Mitteln sein Revier und eigentlich ist sowieso alles nur Einbildung und Spinnerei, ein einziges Heischen nach Aufmerksamkeit, um die Schandflecken meiner widerwärtigen Persönlichkeit zu kaschieren, davon abzulenken. Meinem egozentrischen Wesen, meiner Selbstverliebtheit, dem zelebrierten Narzissmus, meiner Perversität… und Konsorten.

Mir selten dämlich dabei vorkommen, erneut in mich hinein zu horchen. Seltsam verstrickte Traumgebilde, ich wollte das Gymnasium abbrechen und wusste nicht, was ich stattdessen machen sollte. Sebastian holte mich aus dem Bett, ab ins Badezimmer, Goldfische füttern und Konfrontation mit der Waage. Mir ein klassisches Abendessen verboten; es gab einen Eiweißshake und dazu eine Banane. Die Bonbons hinterher klammere ich elegant aus…

FETTES SCHWEIN!!

Die Zahlen auf dem Display vibrierten: „… 55,9 um 7.“. Zufrieden? Wie lange? Nach 2 Tagen sich lediglich mit ein paar Vollkorngrissini und Hummus die Mittagszeit um die Ohren zu schlagen gibt es heute wieder Gekochtes von meiner Mutter. Mir sehr große Mühe geben, das Sättigungsgefühl über die jeweilige Menge an Nahrungszufuhr entscheiden zu lassen. Bedingt durch die Massen an Flüssigkeiten, die ich zeitgleich konsumiere, ist dieser gefühlte Mechanismus rasch erreicht. Gestern Morgen sagte Sebastian während er mich anzog und meine nackten Beine auf seinem Schoß lagen: „Ich mag deine Frauenbeine! Nicht solche Stöckerbeine!!“. Das Fatale daran? Exakt denselben Wortlaut pflegte er mir und meinen Extremitäten gegenüber auch mit 17 kg mehr zu gebrauchen. Die in meinem Denkkosmos gebräuchliche Logik daraus: Meine Beine sind immer noch so fett als wöge ich immer noch über 70 Kilo, bei einer Größe von 1:64.!!!!!!!!!! Wie konnte ich es dann nur wagen mir selbst, meinem Spiegelbild gestern zu sagen, dass es doch nicht so schlimm aussehen würde?

Just in dem Moment wird mein Magen erneut auf die Reise geschickt. Draußen gefrierender Nebel, die Landschaft, die Pflanzen allesamt in ein frostiges Weiß gehüllt. Was das mit mir macht? Seit ich alleine bin das Gefühl, nicht hier und jetzt zu sein. Als wäre gerade 1998, ich bliebe der Schule fern aufgrund vermeintlicher MS-Symptome (was in Wirklichkeit nichts anderes als Übermüdung dank nächtelangem Chatten ist), etwas später würde ich zu Kolga gehen, sie und die Ziege mit Heu füttern, abends in der Dunkelheit laufen und dann eine weitere Nacht vor meinem PC verbringen, in 1000 km Ferne dieses Herz erwartend. Es war eine bittersüße Zeit. Aber warum nun so lebendig?

Das Kind in mir sagt nichts, aber blättert weiter den Erinnerungskatalog durch. „Wenn ich schon anderweitig im Gasthaus bin“… Jede Schale Kakao, die mir in den Sinn kommt, schnürt mir die Kehle zu. Ich denke mal kaum, dass man Epilepsie so auslösen kann, oder? Auch wollte ich gerade noch irgendetwas festhalten, aber es ist mir abhandengekommen…

Ach ja! Gestern oder vorgestern dem Orthopädietechniker geschrieben, dass ich auf meinem alten Rollstuhl nicht länger sitzen kann und so es sich nicht mehr vor Weihnachten ausginge, mir den Neuen zurückzubringen, auch wenn er noch nicht umgebaut sei, würde ich mir doch lieber über die Feiertage holen. Morgens der Anruf: „Ich bin gestern damit fertig geworden. Lediglich der Brustgurt ist noch nicht da.“. Zeit, mir diesen zuzustellen, hätte er nicht. Demnach kurzerhand hinter Sebastians Rücken vereinbart, mein neues „nagelneues“ Gefährt freitags direkt nach der Psychotherapie selbst abzuholen.

Schon ist es nach 11. Ich sollte den PC am Tisch wahrlich ausmachen. Die Vormittagsenergien (die restlichen) nutzen und eine weitere Trainingseinheit auf dem Laufband anstreben. Wie oft es mich heute abwerfen wird und angesichts dieser Grundanspannung: Was passiert, wenn mein Gehirn plötzlich auf Autopilot schaltet?

12:07

Unbrauchbar. Vermutlich wäre der Versuch zu malen schon in die Hose gegangen. Die Rechte nicht gewillt, beim Zähneputzen davor auch nur eine Sekunde zu kooperieren. Geschweige denn sich und mich am Laufbandgriff festzuhalten. So wurden es lächerliche 15 min, 166 m und nun erst recht Krämpfe in den Beinen. „Solange du auf die Elektrolyte achtest, sind die Entwässerungstabletten kein Problem.“, teilte mir Gudrun auch gestern wieder mit. Fehlt das Magnesium? Sebastians 1. Wahl heute Morgen in der Glotze war eine Dokumentation über Opiatabhängigkeit; auf nüchternem Magen nicht sonderlich förderlich. Was resultiert nun daraus? Mich angesichts dieser Rückschläge/Rückschritte/negativem Vorkommnisse stante pede abschießen wollen. Um einen Tag tatenlos und ohne einen mickrigen Erfolg aushalten zu können. Ich will genau wie die Protagonisten im Fernsehen diesen betäubten, teilnahmslosen Gesichtsausdruck aufsetzen und genau wie sie ermattet zusammensinken…

Auch die Beine ließen sich nicht kontrollieren, ein vorschnelles Betätigen der Stopptaste war mehrmals angesagt. Und zeitgleich… diese elende Verzerrung, dieser heftige Kontrast zwischen Natur und Menschenwelt! Ich vermochte nicht das Display von meinem neuen Spielzeug zu betrachten, ohne dabei in eine mittelschwere Sinnkrise zu stürzen. Und fragte mich wie schon seit mindestens 23 Jahren: „Was oder wer bin ich? Gehöre ich wirklich hier hin? Oder hätte ich ein Tier werden sollen? Warum sind Menschen so anders?“. Und so zerbröselt die Realität um mich herum und lässt mich verwirrt, einsam und ängstlich mit der Erkenntnis, das falsche Spiel durchschaut zu haben, im Nichts zurück. Auch eine Art Depression… oder gar schon Psychose? Der eigentliche Inbegriff von Dissoziation?

Erschlagen und müde von ebenfalls NICHTS aufs Sofa sinken und der Dinge harren, die da auf mich zukommen mögen. Ein Mittagessen, das ich nicht essen darf. Ein weiteres Säckchen Darmschmeichler. Ein weiteres X auf dem Keilrahmen. Der Ischias übernimmt die Zügel der Krampfbestie und peitscht sie zu Höchstleistungen an. Nach einem Säckchen Magnesiumpulver suchen. Meine Tagesroutine zerschossen kommt die Depression angekrochen.

19:11

Mir geht der Arsch auf Grundeis! Beim Erneuten Öffnen vom alten Notebook rechts unten eine neue Nachricht angezeigt bekommen. Erst sehe ich nur den Betreff: „Eine ungewöhnliche Anfrage.“. Und wundere mich, ob das wieder eine Spam-Nachricht sei. Dann aber: „Univ. Doz. Dr. Dr. Prof…“… HEILIGE SCHEISSE! DIE NACHRICHT, DIE ICH DEM CHEF VON NEUROLOGIE UND PSYCHIATRIE IN GRAZ GESCHRIEBEN HABE!! Hatte ich sie doch längst vergessen!! Ich wage nun nicht, nachzusehen… Sebastians Unterstützung dabei benötigen. Und gar nicht erst anfangen, irgendwelche Spekulationen von mir zu geben! Einfach am Videoprojekt weiterarbeiten, als sei nichts gewesen…

DER LACHT DICH AUS!!

19:53

Mich im Vorfeld fertig machen? Was wird er schon Großartiges schreiben? „Bitte wenden Sie sich an Ihre Neurologin!“. Augen zu und durch… nun zumindest mit seelischer Unterstützung. Bereits schlimm genug, heute ÜBERHAUPT NICHTS geschafft zu haben! Keinerlei Fortschritte mit dem Video, ein weiteres X für die Leinwand und das Training hat es nicht verdient, als solches bezeichnet zu werden…

Jetzt aber-Trommelwirbel:… Hm. Schön und gut, sogar erstaunt, wie lang der Text ist. Aber nichts Halbes und nichts Ganzes. Die Grundessenz der ganzen Nachricht: Ich solle mich nicht wahnsinnig machen lassen von diversen Diagnosen -entscheidend ist das, was bis dato mit Therapeuten, mit denen ich gut klar gekommen bin, erarbeitet wurde. Genauso wichtig, was ich denke.

Schade; auf den Artikel von Markus ist er nicht eingegangen und auch nicht darauf, dass er im Gremium war, dass diesen für das Buch zugelassen hatte. Was ich mir erhofft hatte? Ganz ehrlich? „Kommen Sie am besten gleich übermorgen zu uns in die Klinik und dann werden wir uns das anschauen!“.

Besser als eine Abfuhr…

20. Dezember 2016, Dienstag 19:29

Heute Morgen waren es 56,9. Eigentlich wollte ich gar nichts mehr diktieren, und zu allem Überfluss muss ich nun sehen, dass mein Posteingang voll mit Arbeit ist. Mein Schädel raucht bei dem Versuch, den Tag noch einmal zu rekonstruieren. Zusammengefasst in kurzen Worten… 2,5 h gemalt. 40 min auf dem Laufband. Währenddessen zur Kenntnis nehmen dürfen, was für einen immensen Einfluss meine Psyche auf den Körper hat.

Für einen Augenblick ist da wieder so ein Aura-Gefühl, erst recht wenn ich an die Achtziger denke…

Die Beine wurden bei jedem schlechten Gedanken unverzüglich steif. Der ganze Körper wurde steif. Nachmittags endlich die Aufnahme für mein neues Video zu machen, eine Prozedur sondergleichen…

Um nun tatsächlich zu vergessen, was ich noch sagen wollte. Gefühlt und gedanklich bin ich soeben im Gasthaus, bin Kind und irgendetwas Schweres drückt mir auf den Brustkorb. Das Denken regelrecht gelähmt.

Also nicht verwunderlich, nun so einen Zeitsprung zu machen… Gudrun kam irgendwann nach 4 und ich fragte sie, wie viel Ahnung sie von Epilepsie hätte. Mir gingen immer noch meine eigenen Worte durch den Kopf, die ich für mein Filmchen aufgezeichnet hatte. Lüge oder Wahrheit oder Spekulation oder Hirngespinst?!

Erneut versinken in Erinnerungen… dabei das Gefühl bekommen, würde ich es weiter zu lassen, mich mehr darauf einlassen, der nächste Aussetzer meines Bewusstseins wäre mir gewiss….

Und wieder den Faden verloren! Was stand gerade eben noch hier, das ich gelöscht habe?!

Die Chefin der Volkshilfe gab mir zu verstehen, dass sie mit der Materie durchaus vertraut sei. Also beschrieb ich ihr einen letzten „Anfall“. Also jenen, bei dem ich gefühlt zum Kind geworden war und versucht hatte, mich Sebastians Berührung zu entziehen. Dazu sagte sie: „Das ist kein Anfallsleiden. Danach erinnert man sich eigentlich an nichts mehr.“. Hatte mir gerade eben jemand vom Fach bestätigt, dass Markus‘ Geschwafel doch richtig sein muss? Also berichtete ich noch von weiteren Bewusstseinsaussetzern und sie verbuchte diese ebenso wenig unter Epilepsie. Im 1. Augenblick war ich froh, heilfroh! Doch dann sagte sie für meine Ohren (und deren Mithörer): „Das wird schon zur MS gehören. Du hast ja auch diese weißen Flecken in deinem Gehirn, dass es dabei in der Reizleitung zwischen den Synapsen einfach zu einem Zusammenbruch kommt…?“. Ich beteuerte ihr, dass dieses Symptom für Multiple Sklerose nicht typisch sei. Aber sicher war ich mir nicht… Zumal ich sicher, ob ich meine Aussetzer damals in der Epilepsieambulanz nicht exakt so beschrieben hatte, als ich sie in der Tat erlebe. Und hatte ich nicht das Buch gelesen „Der Mann, der seine Frau mit einem Hut verwechselte“? Vermag mich nicht mehr zu erinnern… Wo wir schon beim Stichwort wären: Konnten sich die Protagonisten darin auch nicht an das erinnern, was während ihrer ungewollten Abwesenheit passiert ist?

Gudrun postulierte ebenfalls, dass man während einem Anfall weder Gefühle noch Erinnerungen hätte…

Im 1. Augenblick Rumpelstilzchen mundtot gemacht und nun genau das Gegenteil?

Kann nicht denken. Die Entwässerungstablette wird ihren Teil dazu beigetragen haben. Definitiv dazu, dass mein linkes Bein seit Minuten krampft.

DU BILDEST DIR ALLES NUR EIN!!

Hat er recht? Das „Erinnerungenroulette“ dreht sich weiter. Wieder und wieder tauchen darunter Fetzen von Gewesenem auf, doch explizit jene Szenen bei Tante und Onkel stimmen mein ganzes System auf eine überstürzte Flucht ein. Warum? Mein Magen verkrampft sich, mir wird schlecht.

Gudrun hätte nicht sagen dürfen, dass meine aktuelle Dosis von den Morphinen „homöopathisch“ sei. Und wie aus dem Nichts wird mir eine Lösung auf die Frage zuvor geliefert: „Tante und Onkel sind nun mal die ältesten in der Familie… Alles nur Produkt meiner Sterbefantasien, die dieser Tage ohnehin wieder einmal eine Hochkonjunktur erleben!“.

19. Dezember 2016, Montag 16:25

Ohne Vorwarnung erfasst mich die Panik mit ihren scharfen Fängen, schüttelt mich gnadenlos hin und her, als sei ich ein kleines, wehrloses Stück Beute. Die sich ausbreitende Dunkelheit vor dem Fenster?

Die Erinnerungen laufen längst wieder wie auf dem Fließband an mir vorbei und dann gewagt, einen winzigen Blick nach draußen zu machen… und für den Bruchteil einer Sekunde wird mein Magen mindestens einmal um 360° umgedreht. Noch mehr Erinnerungen. Demnach die berechtigte Vermutung, bei längerem Hinsehen weggetreten zu sein! Die rechte Hand fängt an zu klimpern… 1, 2, 3, 4, in Endlosschleife… Ich bin bei Familienfeiern zu Weihnachten. Ich sehe die Geschenke, wir spielen damit, sehe den Besuch -Tante und Onkel- ganz kurz auch das Badezimmer in deren Haus, sehe seinen Rasierschaum; ebenfalls anwesend Cousin und Cousine, schmecke den Weihnachtsbraten, die Kroketten, um uns rum Kerzenlicht, das Fernsehprogramm der Achtziger, „Momo“ zur Feier des Tages, unterm Baum liegt auch diese weiße Schachtel mit den beiden Spielzeugtelefonen, klassisch in diesem hässlichen Orange, die eigentlich nie richtig funktionieren, sehe den Tag darauf, das seltsame Licht im Gastraum, die Jalousien sind runter gelassen, ein Murmeltier nach dem anderen erwacht, die Verwandtschaft hat hier übernachtet, im ganzen Haus liegt der Duft der Tanne…

Hätte ich all das jetzt mit geschlossenen Augen diktieren dürfen, wäre die Chance für ein Aussetzen meiner Alltags-/Gastgeberpersönlichkeit ebenfalls durchaus möglich gewesen. Aber was bleibt mir nun? Das Gefühl, als säße jemand auf meinem Thorax, genau genommen direkt auf dem Brustbein. Das Atmen fällt schwer und schwerer und noch schwerer… Ich rieche Kekse und das Gebäck, welches ebenfalls zur Zierde auf dem Baum verteilt wurde. Ich sehe die goldenen Drahthaken, die bunten Bindfäden daran, an denen rosarote und minzgrüne und blassgelbe und himmelblaue „Windringerl“, also Baisers hängen, die vor allem mein Bruder so sehr liebt; ich sehe uns im Kinderzimmer liegen, wir naschen von den Festtagssüßigkeiten, irgendwer hat ein Hörspiel auf Kassette geschenkt bekommen…

Mit jedem Atemzug gelangt weniger Luft in meine Lungen… Aufhören! Abbrechen!

Du und deine dummen Theorien! Das kommt vom Ausschwemmen!!

Woher und von wem genau das nun stammt, weiß ich nicht…

Das sagst du jetzt nur, weil du im Buch gelesen hast, dass immer mehr Personen auftauchen!!

Alles nur Einbildung… und die Sterbefantasien gestern und heute nicht dem Kind in mir eigen, sondern mir der Erwachsenen, MIR GANZ ALLEIN!!

Wo ist vorne, wo hinten? Vor meinem inneren Auge tauchen weiterhin längst vergessene Augenblicke aus meinen 1. Lebensjahren auf. In der Glotze läuft „Puschel das Eichhorn“, die Familie sitzt zusammen im Wohnzimmer am Esstisch (ein seltener Moment), es gibt Kartoffeln mit Schale aus dem Backofen und dazu Butter, Salz und Milch. Die Rechte klimpert immer noch…

Tief Luft holen! Zurück in die Gegenwart oder zumindest die noch nicht so lange vergangene, sprich dem Präteritum… (4 Jahre lang wurden uns Begriffe ins Hirn geprügelt, und doch sind sie jetzt verschollen; ich muss nachsehen und ernte eine weitere Woge gespickt mit Erinnerungen!!)

Und da wird es 17:22 und Sebastian kommt nachhause. Mein Rücken als Ganzes stimmt eine alle Sinne betäubende Schmerzserenade an. Was wollte ich noch sagen, was erzählen?

Morgens auf der Waage… (der nächste Tritt in die Magengrube): 57,4 kg. Und ich dumme Kuh hatte auch noch geschätzt, wie viel es sein würden, und hatte wie gewohnt recht. Zum Glück nach 2 Tagen Stoffwechselstreik mir beinah wieder in die Hose gemacht…

56,9. Kniefall.

Wieder und wieder vorm dem Spiegel, von oben bis unten in Schwarz, erlaubte ich mir ein zaghaftes „…aber so schlimm sieht es doch nicht aus..?…“; zumal zuvor die beiden Damen von der Volkshilfe zum Vergleich etwas korpulenter…

DASS ICH NICHT LACHE!!!