31. Mai 2016, Dienstag 10:29

55,2 um 7.

54,8 um 8.

Wie erwartet.

Was für eine Mastsau!!

Im Traum lag ich gerade in einer Klinik, lustigerweise befand sich diese im Gasthaus. Plötzlich sagte eine meiner Mitpatientinnen, sie hätte die Stimme meines Vaters vernommen. Und um das Wort „Vogelperspektive“ wie schon gestern benutzt noch einmal aufzugreifen: Wie aus der Vogelperspektive konnte ich ihn und meine Mutter hinten vor der Tür stehen sehen. Panik kam in mir auf. Panik und Wut. Wir hatten ihnen doch verboten, mich zu besuchen! Oder gehörte ich nun wieder ganz ihr, weil sie all das hier bezahlte? Vermutlich habe ich sie erst angeschrien, zur Rechenschaft gezogen und dann voller Angst das Weite gesucht. Aber sie fanden mich in jedem noch so gut gewählten Versteck, sie hatten ihre Augen überall. Und rotzfrech wurde sich mit dem Arzt über meinen Fall unterhalten, über meine psychischen Abgründe. Machen wir uns nichts vor: Genau betrachtet war es „IHRE Klinik“. Letztendlich fand ich doch noch eine Stelle, wo ich mich verschanzen konnte. Mein Herz schlug mir bis zum Hals und ich unter einem Fenster mehr oder minder schlecht geduckt auf dem Boden. Unaufhörlich konnte ich sie durchs Fenster starren sehen. Sie sondierten den ganzen Raum, aber fanden mich scheinbar nicht oder taten nur so und waren zutiefst gekränkt, weil ich mich nicht gefreut hatte über ihren unangekündigten Überraschungsbesuch. Mir blieb nur noch eine Frage: „Würde ich mich bei diesem Aufenthalt, in diesem Setting JEMALS wieder sicher fühlen können?!“. Meine Eltern kamen mir wie Monster vor, die mich erwischen und dann auffressen wollten…

Hintergrundinformation nur so am Rande und ganz sicher nicht unschuldig an meinem Traumgebilde: Auch heute kocht meine Mutter für uns mit. Dies ließ mich Sebastian abends wissen und warf folgenden Denkanstoß auf: „Wäre es nicht besser, wenn wir ihr Angebot, für uns mit zu kochen, annehmen würden?“. Meinerseits seit den letzten Wochen so dermaßen gewöhnt, 3 Mahlzeiten pünktlich auf den Tisch gestellt zu bekommen, nickte es einfach nur geistesabwesend ab.

11:58

Unser Berater von damals beim Hausbau (eigentlich hat er uns wahrlich in allen Lebenslagen durch die ganze Bauphase begleitet und beraten) vom Installateur von Jennersdorf war nun eine gute Stunde hier, hat im Klo alles vermessen, mir gesagt, was man da ändern könnte und zum größten Teil haben wir uns über das Leben, dessen Verlauf unterhalten. Haben wir uns doch schon lange nicht mehr gesehen. Währenddessen der Tee kalt geworden, ab in die Mikrowelle. Ich habe eine berechtigte Angst, dass es relativ teuer werden könnte. Auch gab ich ihm zu bedenken, dass die Umbauten mitunter nur kurze Erleichterung in meinem Dasein schaffen und es schon morgen vorbei sein könnte, mich selbst noch irgendwie zu bewegen. Also dass eine teure Investition womöglich hinaus geworfenes Geld bedeuten würde.

Noch ein paar Worte zu gestrigen Abend? Mich besoffen. Anders kann man es nicht nennen. Auf 15 Tropfen von den Benzos und dem Morphium und den Opioiden. Und was habe ich davon bemerkt, welchen Gewinn konnte ich daraus ziehen? KEINEN! Bin ich schon so dermaßen abgestumpft, abgehärtet? Als würde ich jeden Tag Alkohol zu meinen Standardmedikamenten konsumieren!!

Die Grillen zirpen, ein laues Lüftchen streicht sanft durch das saftige Grün und die Gräser auf der Wiese. Sommerliche Idylle. Es tut so weh. Und dann im Winter??

Dem Käufer nun mitteilen, wie wir die Bilder versenden und ob ihm das zusagt. Ich meine… beinahe 6000 Euro für 3 Bilder. Darunter eines, das ich selbst als sehr minderwertig befinde (wofür ich durchaus auch weniger Geld veranschlagt hatte), eines, von dem ich jetzt im Augenblick nicht einmal weiß, was genau drauf ist (es steht an den Küchenblock gelehnt, verkehrt herum) und ein großes Gemälde, dessen Preis von mir am höchsten bemessen wurde. Als ich Sebastian mitteilte, wie meine Antwort und die Kosten der einzelnen Werke darin ausgesehen hätten, warf es ihn beinahe zurück aufs Sofa: „Wow!!“. Darauf ich: „Was ist? Zu viel?“. Nun er immer noch mit einem höchst überraschten Gesichtsausdruck: „Nein, nein! Schon o.k.! Aber ich hätte mich das niemals getraut!“. Ich weiß, wie viel Substanz, wie viel Blut und Nerven mich jedes Bild gekostet hat, und jedes einzelne ein Seelensplitter der jeweiligen Epoche. Dazu der Zeitfaktor. Keine Lust, mich länger unter Wert zu verkaufen, nur weil ich zu eingeschüchtert bin, es mir völlig an Selbstbewusstsein und Überzeugung für das, was ich mache, fehlt. Zumal es Gemälde dieser Art nicht mehr viele (wenn überhaupt noch eines) mehr geben wird! Und wer weiß -vielleicht war das immer noch zu wenig! Es sei aber nicht abgestritten, dass auch ich nach Abschicken meiner Preisvorstellung bis hin zur Antwort nach geschlagenen 2 Tagen Magenkrämpfe und zu allem Überfluss sogar auch noch SCHULDGEFÜHLE mit mir herumschleppen musste.

In der Antwort stand, man sei völlig damit einverstanden und würde mir anbieten, für weitere Ausstellungen die Bilder natürlich als Leihgabe zur Verfügung zu stellen. Mich und auch Sebastian würde natürlich persönlich brennend interessieren, wie diese von ihnen beschriebene „Samer-Ecke“ in ihrem Haus denn aussehen würde. Hatte doch Sebastian bereits bei seinem Verkauf seines (meines) Bildes um ein Foto gebeten.

Neben mir nun ein kleiner Stapel mit Katalogen, voll mit Heilbehelfen fürs Badezimmer. Ich ahne dennoch, dass es sehr, sehr teuer werden wird!

16:18

Regen setzt ein, es donnert dumpf in der Ferne. Ich kann nicht mehr. Na Efectin? Was machst du jetzt mit dieser Situation? Wirst du mich festhalten oder ich mich losreißen können? Wenn ich das zur Hälfte nicht schon getan habe…

Der Reihe nach oder nach Brisanz ordnen?

Mit einem Schlag setzt die Wirkung ein und eine wattige Nebelglocke senkt sich über mein Haupt. Sowie draußen die Spannung des Himmels sich in einem Schauer entlädt und beruhigt. Kaum ist das gesagt, beginnt es erneut im linken Bein zu krampfen. Dabei hatte ich zuerst gedacht, mir nun vor lauter Wut und Verzweiflung noch eine Überdosis Tramal einzuwerfen. Kurz darauf den Plan beim Diktieren vom Anfang des Abschnitts verworfen. Um nun NACH Bemerken der einsetzenden Betäubung eines Besseren belehrt zu werden… Zum kleinen, braunen Fläschchen greifen. Bei dem, was ich intus habe, spielt es auch keine Rolle…

16:42

Sebastian kommt nachhause und ich klage ihm mein Leid. Ich bin noch lange nicht fertig mit meiner Auflistung der zurückliegenden kleinen Katastrophen, da kniet er neben mir nieder und nimmt mich in den Arm. „Ich muss mich jetzt abschießen!“. Er redet es mir gar nicht erst aus, bewertet es nicht, sagt lediglich: „Darf ich noch nach oben für eine Stunde, ist das für dich o.k.? Bitte melde dich sofort, wenn irgendetwas ist!!“. Um nun einen neuen Rekord aufzustellen (ganz abgesehen davon, was ich als Sockel bereits intus habe): 12 Hübe Tramal, 60 Tropfen Tramadol, 150 mg Opioide. Und runter damit! Der Regen lässt nach, der Himmel klart erneut auf. Erinnerungen an meine Kindheit, bei meiner Oma, Hainbänderschnecken eingesammelt oder zuhause in dem Gasthaus mit einer alten Holztür schräg an die Wand gelehnt für mich ein mehr oder minder wasserfestes Häuschen gebaut und darin liegend mit dem Walkie-Talkie mit meiner Freundin unten am Schulhof gefunkt. Automatisch bekomme ich Herzrasen. Nach welchem Prinzip soll ich nun die Sache angehen? Warum all dies festhalten, für wen oder was?!

Doch wieder der Reihe nach…

Josef (der Installateur) hatte vormittags erzählt, dass er selbst Hühner hätte und nun leider auch 3 Hähne, was zu Schwierigkeiten führen würde. Ob wir nicht einen haben wollten. Hatte dankend abgelehnt, dass ich froh sei, nicht bereits morgens um 3 geweckt zu werden.

Beim Blick auf die Uhr noch mehr Herzrasen… BITTE, stell mich endlich ab!!…

Sebastian kam nachhause und ich hatte längst vergessen, dass es eben Essen von meiner Mutter geben sollte. Er brachte Kartoffelgratin und Salat mit. Es dauerte wie so oft eine nervenzerreißende Ewigkeit, bis ich endlich saß und essen konnte. Einmal passte das nicht, dann was anderes nicht, dann waren es zu wenig Kissen in meinem Rücken, der Strohhalm noch auf dem Tisch, ich zu weit weg vom kleinen Tischchen und der Wasserflasche und schlussendlich meine Portion auf dem Teller wieder kalt und im Salat fehlte noch etwas Essig. Sebastian tut mir so unendlich leid! Ich bin eine unerträgliche Belastung!

Das Restaurant ist voll mit kleinen Spatzen, die sich – noch ganz mit Kindchenschema versehen – wohl zum 1. Mal ganz alleine mit der Nahrungsaufnahme beschäftigen. Ständig bollert einer dieser süßen Bruchpiloten aller Arten verhältnismäßig sanft gegen irgendeine der Scheiben…

Sebastian sah nach seinen Hühnern, konnte aber kein einziges finden. Er machte sich Sorgen und ich fragte ihn noch ganz freundlich: „Darf ich jetzt altklug wirken?“. „Ja…?“. „Eigentlich müsstest du jeden Abend die Stalltür schließen. Du hast den Tieren gegenüber schlussendlich auch eine Verantwortung.“. Er rannte zweimal ums Haus. Im Stall fand er lediglich die eine Henne, die früher als „Ausbrecherkönigin“ berühmt und berüchtigt geworden war. Aber die Schwarze und die Eier scheißende, brütende Dritte blieben verschollen und sind bis jetzt nicht aufgetaucht. Angeblich keinerlei Federn oder Blutspuren. „Ja hätte ich das gewusst, dann hätte ich Josef gesagt, wir nehmen einen der Hähne, bevor er 2 von ihnen umbringen muss. Dann könnte er mit der Letzten für Küken sorgen und so bekommst du wieder neue Hühner.“. „Klar!!“. Da mir der Installateur (mit dem wir uns beim Hausbau immer wunderbar verstanden hatten und der uns unglaublich mit Rat und Tat zur Seite gestanden hatte, in allen Belangen, den wir unglaublich sympathisch fanden und dessen Wiedersehen mit ihm heute beinah die Qualität eines Treffens mit einem schon lange nicht mehr gesehenen Freund glich) seine Visitenkarte da gelassen hat (und davon haben wir mittlerweile einige), werde ich ihm unverschämterweise eine Mail schicken und fragen, ob das Angebot noch stünde. Wir werden in nächster Zeit ohnehin mehr miteinander zu tun haben.

Der Himmel wieder blau mit vereinzelten, romantischen Wölkchen. Ich sehe mich vor dem Gasthaus auf dem kleinen, asphaltierten Parkplatz mit meinen Plastiktieren unterm Regenbogen vor einer Pfütze hocken und spielen, das wäre die Serengeti und die Tiere würden sich auf den langen, gefährlichen Weg zu einer Wasserstelle machen. Herzrasen…

Ich hatte meine Portion nicht aufgegessen. Mir als Nachtisch einen Apfel und eine Nektarine erlaubt. Alles andere sprengte den Rahmen und gründete das Fundament für alles weitere. Nichts Gutes. Nicht zu vergessen die Entwässerungstablette, die zwangsläufig sein musste bei so einem salzigen Gericht.

Ich möchte nur einmal kurz klarstellen, dass ich weder in meinen Tagebüchern noch in meinen Videos den Eindruck erwecken möchte, Essstörung und Selbstverletzung zu verharmlosen oder gar zu propagieren!

Die Kekspackung lag direkt vor mir, da er sich morgens welche zum Frühstück nahm und sie wie erwartet den Weg nicht mehr zurück an ihren angestammten Platz fand. 1 Keks, 2 Kekse, 3 Kekse… Er schlief auf dem Sofa den Schlaf der Gerechten, die eine Hand zur Faust geballt vor den Lippen (eine Gewohnheit von ihm) – erinnerte an ein kleines Kind, das noch am Daumen nuckelt im Schlaf. Ich wusste wieder, warum ich mich in ihn verliebt hatte. Und sah ihn zeitgleich sterben.

Der Himmel vermittelt doch tatsächlich den Eindruck, als könne er „kein Wässerchen trüben“. Grillen, Mönchsgrasmücke, Buchfink, Kohlmeise, Singdrossel, Feldsperling, Goldammer. Das Telefon in der Bauchtasche, die er mir quer um den Oberkörper gehängt hat, klingelt, mit dem Klingelton für einen internen Anruf: „Ist alles in Ordnung bei dir?“. „Ja, klar. Ich bin noch nicht einmal bei der Hälfte von dem, was es noch auszukotzen gilt. Kannst ruhig noch oben bleiben!“. Eine Amsel erhebt passend zu diesem Wetter ihre Stimme. Und katapultiert mich erneut zurück in meine Kindheit. Ich stehe unter dem großen Essigbaum neben dem Parkplatz hinter dem Gasthaus, sehe empor zu der schwarzen Gestalt im oberen Drittel der Krone, ein riesengroßes Diktiergerät in Richtung Amsel streckend, um ihren wundervollen Gesang aufzunehmen und mich anschließend im Zimmer an der minder qualitativen Aufzeichnung total zu erfreuen. Herzrasen…

Ich machte noch einmal Halt vor meinem Tisch und schnappte mir die letzte Schokopraline und entgegen meiner Gewohnheit, solche Leckereien immer in kleinen Bissen und portionsweise zu essen, stopfte ich sie mir ganz in den Mund, um sie mit Haut und Haar zu verschlingen. Sebastian schlief weiter und ich schnappte mir den Rollator, verließ das Wohnzimmer, schloss leise hinter mir die Tür, betrat das Badezimmer und schloss auch diese Tür.

Mir noch eine Schale Tee zubereiten. In der Thermoskanne hat Sebastian für mich jede Menge Neuen aufgegossen, es mangelt lediglich noch an heißer Milch… Klingt das alles nicht total idyllisch? Haarklein die Beschreibungen eines wundervollen und in meiner Psyche stabilen Nachmittags? Ich könnte kotzen, das Herz schlägt mir vermeintlich mittlerweile bis zum Hals. Die im Badezimmer schleudernde Waschmaschine trägt ihren Teil ganz sicher dazu bei. Und als würde es noch nicht reichen, einen weiteren Blick auf die Uhrzeit riskieren. Wie doch Gefühle und messbare Werte von einer gravierenden Kluft getrennt werden können, oder soll ich jetzt etwa meinen Blutdruck und Puls messen?…

Denselben Pinseln wie immer die letzte Zeit auf der Sitzfläche vom Polenporsche verstaut. Erst versuchte ich es sitzend. Aber egal, was ich anstellte, ein Brechreiz blieb mir verwehrt. Lediglich eine Erkenntnis: Beim letzten Mal ganz schön rabiat zur Sache gegangen, sodass jetzt Gaumen, Speiseröhre schmerzen.

Tee mit Milch in die Mikrowelle, meinen Schrotthaufen auf den Leibstuhl. Josef die Mail schicken und die Natur bereitet sich für den Abend vor, was mein Herz -kaum zu glauben-noch weiter beschleunigt. Plötzlich erklingt das Lied vom Hausrotschwanz. Hat Sebastian nicht gestern oder vorgestern davon erzählt, dass ein Pärchen im Carport nistet, wie schon die Jahre zuvor? Woran ich mich nur zögerlich zu erinnern beginne…

Kein Brechreiz, nichts außer literweise Spucke. Ich stand auf, total wackelig auf den Beinen, schob mir den Stiel immer tiefer in die Speiseröhre hinein. Speicheln wie ein Hund vor seinem gefüllten Napf, an den er nicht heran darf (was mich unverzüglich an den Pawlowschen Hund denken lässt). Mein Körper zierte sich noch etwas, um dann scheinbar ziemlich effektiv mit wenigem Würgen eine große Menge aufgequollenen Essensbrei zu Tage und zwangsläufig in den Lokus zu befördern. Ich konnte wieder einmal nicht aufhören. Verdammt, wo blieb die Schokolade? Mein Magen blieb mir diese Antwort schuldig. Dann eben die Reflexe weiter provoziert, bis ich nur noch hustete. Dem Frieden nicht getraut und davon ausgegangen, dass das Volumen lediglich von dem einen Apfel herrührte. Beinahe umgekippt. Ließ es gut sein und schlich zurück ins Wohnzimmer, wo Sebastian immer noch schlief. Meiner Verzweiflung und Frustration stummen Ausdruck verleihend ein Pantoprazol, ein Deflamat, 2 mg Hydal retard, 1,3 mg Hydal. Meine Schmerzen, mich nicht mehr spüren wollen! Zumal es zu krampfen begonnen hatte. Das und der Beinahesturz… Noch lange nicht das Highlight oder eben die Strafe, die Sanktion dafür, mit meinem verkrüppelten Haustier namens „Scheiß Körper“ oder wie ich es noch liebevoll zu rufen pflege – „Fette Mastsau“ nicht den „gängigen Tierschutzrechten“ gemäß umgegangen zu sein.

Sebastian fuhr noch einmal in die Firma, ich blieb allein zurück. Versuchte zu malen, schaffte 14 Minuten. Hatte ich den Warnschuss überhört? Zu lange gewartet, die Zeit aus den Augen verloren? Sollte ich weniger trinken? Allzu oft erntete ich im Krankenhaus von den Schwestern renitenten Widerstand, wenn wiederum ich nach diversen „Unfällen“ für mich aus diesen Begebenheiten die Konsequenz zog, dann eben weniger trinken zu dürfen? Es sei nur mit einer winzigen Fußnote erwähnt, dass ich den Pinsel nicht halten konnte. Dass die Arbeit am Nachmittag unmöglich erscheint, sich sozusagen gegessen hat und ich mich davon verabschieden sollte. Ich machte mit dem Rollstuhl eine Wende um 90°, die Blase sah den Leibstuhl in naher Ferne und wollte loslegen. Erst klemmte ich mir die Faust zwischen die Beine, wippte sodann angestrengt mit dem Oberkörper tief über die Oberschenkel gebeugt vor und zurück und vor und zurück. Meistens hilft das, blockiert zumindest kurzfristig den Harndrang… Aber nicht jetzt, nicht in dieser Situation, nicht heute. Der Gedanke, aufzustehen und den Rollator zu packen, zum „Holzthron“ in der Küche wenige Schritte entfernt zu gehen, durfte ich mir abschminken. Auf die Idee, mit dem Rollstuhl die 3 Meter zu fahren, kam ich gar nicht erst. Der Elektrozobel an der… das Wort ist weg… Steckdose? Dem Verteiler? Also diesem Ding, mit Kabel und mehreren Steckdosen aus Plastik, welches unter dem Sofa liegt. Daran war der nerzfreundliche Nerz angeschlossen und dessen Stromkabel erst einmal vom Rollstuhl abzumontieren, wäre zeitlich pure Utopie gewesen!

…Noch einmal stehe ich auf, die Müslischale voll mit Tee auf dem Rollator geparkt, damit zurück in die Küche, eine Reklamation steht an: Zu wenig Milch! Korrigiert, Mikrowelle, zurück an den Tisch. Das Küchenfenster geöffnet. Tagsüber sind die Vögel mit Kinderbespaßung völlig ausgelastet, aber nun, abends, hat ihre Stunde geschlagen. Discotime mit lauter Musik, viel Gesang, bis spät in die Nacht hinein.

Man möchte beinahe den Eindruck gewinnen, ich hätte zu meiner für mich typischen „Ironie“ zurückgefunden. Dabei rast das Herz immer noch und ich halte mich nicht aus und wenn man mich fragt, ich würde mich am liebsten in der Luft zerreißen!!…

Ich kam also nicht dazu, mich auch nur einen Millimeter zu bewegen. Musste tatenlos dabei zusehen (oder besser gesagt das Gefühl ertragen), wie ich auslief. Rein in die Windel (die wie so oft zitiert im Krankenhaus nur noch „Schutzhose“ genannt werden darf – Gendering sei Dank), rein in die neue Hose, rauf auf das Rollstuhlkissen… In mir geht etwas zu Bruch. Ganz klein, unbemerkt, scheinbar unbedeutend. Habe ja schlussendlich schon Routine mit Situationen dieser Art. Mit jedem Mal wird es immer „normaler“! Ist das nicht fein?!

Gewartet, bis die Blase fertig war. Sorgenvoll auf den Boden vor mir gestarrt, doch oh Wunder!! Wenn da nicht gleich Glückseligkeit ausbricht!! Aus irgendeiner Ecke Applaus ertönt!! Mir zu dieser Glanzleistung gratuliert wird!! Bekomme ich einen Orden?! Trotz dieser monströsen Menge Blasenfüllung blieb es dabei, dass sich das ganze feuchtfröhliche Spektakel nur – und die Betonung liegt tatsächlich bei NUR – auf dem Rollstuhl abspielte. Was für eine Punktlandung! Und um gleich bei den Punkten zu bleiben: Wäre das ein Skisprung gewesen, hätte ich locker 10 Punkte eingeheimst!!

Der Sarkasmus nimmt ein jähes Ende und wie ein kleines Kind unterm Weihnachtsbaum in Verzückung geraten, als ich nach wenigen Sekunden realisiere, was oder wer da soeben über die Terrasse stiefelt. Das ist dann so wunderschön, dass es schon wieder nicht wahr sein darf und mich regelrecht zu Tränen rührt: „DA!! DA DA!! DA IST EIN IGEL AUF DER TERRASSE!!“, und förmlich überdreht auf dem Rollstuhl hin und her hopsen, als gäbe es für mich kein Halten mehr. Zustimmung erwartend (mir soeben nicht sicher, ob das Wort Zustimmung überhaupt in diesem Kontext richtig ist) zu Sebastian: „Schau dir mal dieses bezaubernde, freundliche Gesicht an!“, und imitiere den Ausdruck mit einem etwas verpeilten, schielenden Blick einem neugierigen Baby gleich in meiner Mimik jene von diesem niedlichen Tier da draußen mit seinen Knopfäuglein. Von meinem Tisch aus es nur wenige Sekunden sehen, doch Sebastian berichtet mir davon, dass der kleine Möchtegernritter zum Brot im Hühnergehege möchte, aber am Maschendrahtzaun scheitert und nun ist er es, der nachmacht, wie diese kleine Portion Freude auf 4 Beinen eines davon anhebt, um über ein „kaum zu bezwingendes“ Grasbüschel zu steigen…

Nun hatte ich ja ausreichend Zeit, die Wohltat für mein Kreuz abzustecken und auf dem Weg mit dem Rollstuhl ins Badezimmer hinter mir her zu schleifen.

Mittlerweile gleich 8, und bezweifeln, heute noch ein Ende zu finden mit diesem ganzen Scheißdreck!

…Die Glocke läutet oben am Hügel, beängstigend die Menge Süßstofftabletten, die im letzten Rest Schwarztee mit Milch landet. Er geht nach oben, Wäsche aufhängen. Wir machen Späße und ich sage ihm auch, was Josef heute wiederum zu mir gesagt hat, nachdem ich ihm (wer hätte das gedacht) von meinem Suizidversuch vor einem Jahr erzählt hatte: „Aber das kannst du doch Sebastian nicht antun!“. „Das ist doch irgendwie widersinnig. Wäre es nicht ebenso egozentrisch vom Partner zu erwarten, dass er wegen einem selbst am Leben bleibt?“. Sebastian stöhnte nur und ich zu mir selbst…

DU REDEST SCHON WIEDER ZU VIEL! HALT ENDLICH DIE SCHNAUZE!!…

Im Badezimmer auf dem Klo sitzend mich meiner nassen Sachen entledigt. Unterleib und Beine mit einem in Duschgel ertränken Waschlappen abgeschrubbt, trocken gewischt. Erst eine dieser „Probierwindeln“ genommen, doch es genügte einen kritischen Blick auf den Verschluss zu werfen, um wiederum dessen Benutzung zu verwerfen. Der alte Geizkragen (oder wie mich der nette Herr vom Roten Kreuz gestern korrigiert hat: der Sparfuchs) kam zum Tragen: Ich wählte nicht eine von den neuen, stärkeren Windeln. Ganz im Gegenteil! Nicht einmal eine von jenen, die ich die letzten Tage immer getragen habe. Ich nahm diese riesengroße Inkontinenzeinlage, die ich vom Krankenhaus mit nachhause bekommen habe. Nun benötigte ich wieder eine Unterhose. Und die Katastrophe nahm ihren Lauf, dauerte ohne jegliche Übertreibung mindestens 30 Minuten, bis mir die Schweißperlen auf der Stirn standen. Es ist mir ein Bedürfnis, all das chronologisch festzuhalten:

  • Erst kam ich nicht in die Unterhose hinein.
  • Das linke Bein in die schwarze Hose zu fädeln eine (über das nächste Wort angestrengt grübeln und während ich noch denke, gleich zu sagen, dass ich selbst Sebastian in mein etwas deformiertes „Scrabble“ miteinbeziehe, ereilt mich ein plötzliches Dejavuegefühl und warte darauf, dass sich ein Anfall einstellt… aber dieser bleibt aus, ebenso wie das korrekte Vokabel) scheinbar unmögliche Aufgabe. Dauert 5 Minuten.
  • Das Hosenbein hoch zu ziehen weitere Minuten.
  • Das rechte Hosenbein macht weniger Probleme und alles zumindest schon einmal bis zu den Oberschenkeln gezerrt, darf ich feststellen, dass die Unterhose verkehrt herum ist. Dort wo der Bund sein soll ist stattdessen ein Loch für ein Bein und viel zu eng für meine fette Wampe.
  • Das rechte Hosenbein wieder nach unten, doch die Unterhose lässt sich kaum auf der einen Seite über Hose und Fuß streifen.
  • Die Unterhose endlich in der Hand, umgedreht, doch nach oben gezogen passte erneut etwas nicht, aber ich habe vergessen… JA! ICH HABE TATSÄCHLICH VERGESSEN, WAS ES WAR!! Weitere Minuten vergeudet und erst recht viel zu viel Kraft! Für welchen bekloppten Ablauffehler meinerseits auch immer!
  • Nun lässt sich dieses Monstrum Binde nicht in der im Gegensatz dazu viel zu winzigen Unterhose platzieren.
  • Endlich, ich stehe und will alles an den angestammten Platz zerren. Doch die Einlage klappt sich in der Unterhose um und ich vermag nicht, die „Wogen“ zu glätten, bzw. den hinteren Teil so weit nach oben zu ziehen… dass er weit aus der Unterhose herausragen sollte.
  • Der letzte Kalauer: Dieses dicke Ding stopft meinen Hintern aus und ich bekomme den Hosenbund nicht über meinen unfreiwillig um 5 Nummern vergrößerten Arsch gezogen. Weitere Minuten…

ZU GUTER LETZT -man wagte es kaum noch zu hoffen- wieder im Wohnzimmer angekommen. Nein, diesen giftigen Cocktail, in dem meine Seele schwamm und verzweifelt und vergebens nach Rettung Ausschau hielt, darf man wahrlich nicht mehr als „Frustration“ deklarieren. Und endlich nach „vielen, zehrenden Jahren“ an der Stelle angekommen, bei der ich um 16:42 begonnen habe. Ach was, sind doch nur 4 Stunden vergangen!!

Sebastian gebeten, mir mit 2 Sicherheitsnadeln die olle „Antiinkontinenzversicherung“ vorne und hinten an meiner Unterbüchs zu fixieren. Ich weiß aus Erfahrungen, die ich leidlich im Krankenhaus machen musste, dass gerade dieses eine Exemplar ohne Klebefläche auf der Unterseite bei jedem Toilettengang zu verrutschen pflegt oder mitunter gar zwischen den Beinen hängen bleibt in der Eile und ins Kreuzfeuer zu gerät…

Hatte ich das Wort Kreuzfeuer nicht bereits gestern in Gebrauch? Die Dunkelheit kommt heran gekrochen, doch Amsel, Singdrossel, Rotkehlchen und der Wald- und Wiesenprediger halten dem vergangenen Tag die Stange. Zumindest akustisch. Mittlerweile 20:53. Ein wenig Tee habe ich noch…

Nun sind wir also wie nach einer aufregenden, spannenden Abenteuerreise bei dieser einen Stelle angekommen, bei der ich mir diese riesengroße Menge Tramal einverleibt habe. Einfach abstumpfen, gegenüber allem. Lediglich von kurzer Dauer die Betäubung, erst recht in Mitleidenschaft gezogen von meinen „Panikattacken“ in Form von Dauerbeschuss. Sebastian bereits vor ein oder zwei Stunden meine rechte Hand vors Gesicht zu halten und wiederum mein eigenes dahinter schmerzhaft verzerrt: „Schau dir das an…“, die Stimme weinerlich, verzweifelt: „Ich kann nicht mehr!…“. Die Rechte ein dankbares Opfer der Spastik. Denn „diese Erfahrung hat man ja in diesem Ausmaß noch nicht gemacht und Neues weckt immer Interesse und Neugier“!! Weder Zeigefinger noch Mittelfinger lassen sich strecken. Die Tasten auf dem Keyboard nicht benutzen können. Versuche ich es, wird die Hand zur Faust. Die Linke treibt es gar auf die Spitze und nimmt qualitativ die Vorzüge von Stein an. Die Finger herauszubrechen ein Ding der Unmöglichkeit.

Und mit diesem Dilemma bleibe ich nun zurück und muss mich mit Fragen auseinandersetzen, wie lange es noch dauert, bis ich mir einen Katheter legen lassen muss.

Sebastian isst schon Abendrot und möchte fernsehen. Deshalb noch eine Abschlusspointe, zur Feier des Tages und um unter Beweis zu stellen, dass ich wahrlich nicht übertreibe, wenn ich behaupte, blöd im Kopf zu werden (eigentlich schon längst zu sein-weil anscheinend reicht es nicht, körperlich behindert zu sein, da muss eben auch noch das Denken eingeschränkt werden): Zuvor -lang, lang ist’s her- fragte ich Sebastian, ob es beim Bandagisten noch kleinere Inkontinenzeinlagen gäbe, vielleicht eine für den Rollstuhl. Dies wiederum musste er negieren. Daraufhin wollte ich eine von praktischem Denken zeugende Aussage tätigen, aber anstatt das zu sagen, was vielleicht auf ein bisschen „Hausverstand“, wie es in Österreich heißt, hingewiesen hätte, sagte ich (und die Übersetzung folgt gnädigerweise) doch tatsächlich „Dann muss ich mir eben ein frittiertes Tuch unterlegen!“. Translation für all jene, die zu unkreativ sind, um diese wunderbare Wortkreation in ihrer Sinnhaftigkeit zu begreifen „Dann muss ich mir eben ein zusammengelegtes Badehandtuch unterlegen!“. Und so geht es eben die ganze Zeit… Meine Güte, wie man mit mir lachen kann!…

22:39

Spätestens um 10 wollte ich fertig sein… arg. 362:30, 1:15 gemalt, gepfuscht. Soll ich überhaupt noch was essen? Meine Mutter hatte für uns zum Nachtisch Kuchen gekauft…

Das schreiben, zu dem Kind von damals werden, sie sterben sehen und ich möchte bitterlich weinen!!!…

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30. Mai 2016, Montag 10:50

54,3 um 7. Eine weitere Schale viel zu süßen Schwarztee. Der Ischias angepisst, heute mal rechts. Zuerst zeigte er sich angetan vom Elektrozobel unter sich, auf kleinster Wärmestufe, aber es dauerte gar nicht lange, schon hatte er das Interesse/ die Freude daran verloren und begann richtig zu toben. Wie ein vezogenes Kleinkind. Die neu entdeckte Bewegung hatte keinerlei Wirkung. Um nun auf einem Gelpack direkt aus dem Gefrierfach zu hocken. Dann werde ich das vermaledeite Arschloch eben mit Gefrierbrand bekämpfen. Da hört es in der rechten Pobacke auf und fängt in der linken Pobacke wieder an. Ich habe nur ein Gelpack.

11:11

In meinem Rasierklingenversteck gebückt eine Ewigkeit herumgewühlt, was wie so oft viel zu viel Kraft kostet. Die Teeschale währenddessen in der Mikrowelle. Als ich fertig war und auch meine Rollatortasche wieder komplett aufgerüstet hatte, wollte ich mein Getränk holen und kippte mit dem Rollator beinahe nach rechts; ganz sicher wäre ich wieder imit dem blöden Kopf aufgeschlagen. Das gekühlte blaue Säckchen nun links positioniert. Das, was allerdings scheinbar nicht zu behandeln ist, sind diese seltsamen Schmerzen, die mich erst recht nachts und morgens beim Rein- und Rausheben aus dem Bett mitunter sogar zu Schmerzschreien verleiten. Sobald Sebastian meine Beine nimmt und mich leicht in der Hüfte abknickt, schießt ein stechender, brennender Impuls durch die Oberschenkelaußenseite. Jene, die dem Becken näher ist. Am letzten Tag in der Reha äußerte sich dieses Phänomen zum 1. Mal, aber zu dem Zeitpunkt noch in einer absolut harmlosen Fassung. Was mir da bleibt? Mich zum Beispiel im Bett steif wie ein Brett machen; also wenn man so will, der Spastik auch etwas Gutes abgewinnen. Wird wohl Zeit, es mit Pferdesalbe zu probieren. Alle anderen Salben, die erhitzend wirken, kosten mir einfach zu viel. Und das sage gerade ICH, die einen dicken Batzen Geld erwartet. Für 3 Gemälde. Da muss aber jemand wirklich ein waschechter Fan von mir sein… Doch warum baut mich das nicht auf? Warum verleiht mir das nicht Selbstbewusstsein? Eine Sicherheit, dass das, was ich mache, nicht so verkehrt sein kann? Dass es scheinbar überzeugt? Ich vielleicht doch nicht so ein Dilettant bin?

Den Faden verloren, was wollte ich noch sagen… Geld ausgeben wäre ein gutes Stichwort. Sebastian war ja gestern bei meinen Eltern, das Mittagessen holen, und hat ihnen davon berichtet, welche Umbauten nun speziell für mich geplant seien. Dass wir uns vom Installateur einen Kostenvoranschlag besorgen werden, wie viel ein zweiter Griff für meine Toilette und dessen Installation kosten würden. Vielleicht auch noch ein paar Maßnahmen für die Dusche, die ja vermeintlich schon behindertengerecht sein soll, viel zu viel Geld gekostet hat (danke an meine Eltern-wer sonst), aber letzten Endes von einer sicheren Waschmöglichkeit für mich Meilen entfernt ist. Darauf sagte mein Vater zu ihm: „Alles, was ihr im Bad machen lasst, will ich bezahlen!“. Fühle ich mich auch schuldig, von ihm Geld anzunehmen? Tritt da dasselbe System in Erscheinung wie bei meiner Mutter? Ein Absaufen in von mir zwanghaft entstehenden Schuldgefühlen? Als hinge ich ab Zeitpunkt der Geschenksannahme an einer imaginären, viel zu kurzen Leine…

Was wollte ich noch berichten?

Mich abends ordentlich besoffen. Der Spiegel Sahnelikör in der Flasche sank tiefer und noch tiefer. Einmal schlief ich sogar für eine Sekunde ein, den Krankenhausplastikbecher mit dem Whiskygemisch in der Hand, um mir den kostbaren Alkohol auf den Bauch zu kippen. Ich hätte zu gerne noch weiter konsumiert, aber Sebastian ließ mich nicht, stattdessen schnappte er meinen Trümmerhaufen und verfrachtete sich und diesen ins Bett.

Vermutlich um 5:35 und zwischen 6:01 und 6:02 jeweils einen größeren epileptischen Anfall. Ich weiß immer noch nicht, wie man ihn genau nennt. Es ist doch schon ein Petit-mal, oder?

Mich kurz an der Tischkante in den Stand zerren (das Diktierprogramm zum 6. Mal schließen und öffnen – NERVT), um den kaum noch kalten Beutel erneut auf die andre Seite wandern lassen.

Also hätte ich im Video-EEG heimlich auch noch Schnaps dabei haben müssen. Merken fürs nächste Mal!

Zeichnet sich da -und diese Frage stelle ich mir bei jeder Flasche- etwa ein neues Suchtpotenzial ab? Die Berauschung ist nicht zu unterschätzen, erst recht in der Mischung mit den starken Schmerzmitteln.

Meinen Tag wie gewohnt mit Frühstück begonnen. Ab der ersten Scheibe eigentlich völlig satt. Was mache ich Trottel? Von der zweiten Scheibe erst die Hälfte und weil die Sendung gerade so schön vor sich hin blubberte und mein Gehirn in einen Ruhezustand verfrachtete, auch noch den Rest verspachtelt. Vom Bandagisten gab es erst einmal keinen Karton voll mit Windeln, stattdessen einen Stapel mit unterschiedlichen Marken. Ich solle sie alle durchprobieren und jene, die mir am meisten zusagt, wird dann bestellt. „Die sind ja alle wie die im Krankenhaus!“, mein enttäuschter Kommentar dazu: „Keine mit Gummibund? Panties?!“. „Diese Sorte wird nicht von der Krankenkasse bezahlt, ich habe dir damals die Packung auch so kaufen müssen.“. Etwa 3 Euro sollen es gewesen sein. Für 21-28 Stück, ich weiß es nicht genau. Im Falle eines Katheters kann man immer noch diese blöden Dinger nehmen, aber solange ich selbst noch auf die Toilette gehen kann, werde ich mir wohl diesen Luxus gönnen müssen. Die 1. Windel ausprobiert und schon durch meinen Test gefallen. Angepinkelt, weil ich sie nicht runter ziehen konnte. Angepinkelt, während ich sie auseinandernehmen wollte und zum krönenden Abschluss ist der „ausklappte Bodenschutz“ in Eimer und gelbem, flüssigem Ausscheidungsprodukt gelandet, um sich ordentlich damit zu tränken. Igitt und Pfuiteufel!

Weiters zu erwähnen sei, dass Regina während meiner Kochsendung anrief, um mir mitzuteilen, dass sie krank sei. Sie klang im 1. Moment wirklich nicht gut, bei der Verabschiedung wiederum erneut bei guter Stimme. In manchen Dingen bin ich zu gutgläubig, in anderen wiederum unwahrscheinlich misstrauisch. Tue ich ihr Unrecht, tut es mir von Herzen leid! Aber was ist, wenn sie das nur gesagt hat? Weil sie nicht kommen wollte? Insofern ging mein 1. Anruf bei diesem geplanten Telefonmarathon…

Kurz eine Nebensächlichkeit: Gerade eben rechts unten der Hinweis auf eine eingegangene Mail, der Betreff wird angezeigt und handelt von diversen Großveranstaltungen zum Thema Marathon & Co. Rein mit dem Messer ins Herz. Aber die Antidepressiva halten mich wirklich gut. Selbst als ich heute vor dem Anlegen an meiner Lauftasche schnupperte…

12:43

…18. Es sind 18 Stück in der Packung. Mir gerade eben auf dem Weg zum Badezimmer in die Windel gemacht. Bzw. mich hastig auf den Klositz plumpsen lassen, in der Eile-wie in der eingangs schon beschriebenen Problematik- natürlich Hose und Windeln mit meinen behinderten, verkrüppelten Fingern nicht zu fassen bekommen, so klebte sie noch halb um meinen Unterleib geschlungen und wurde natürlich Opfer des „urinalen Kreuzfeuers“!! Es hat mich nun 20 Minuten gekostet, mich erst der geschändeten Sachen zu entledigen, dann mich zu waschen und noch viel länger, um mich neu anzuziehen. Nein danke! Die anderen Probeexemplare links liegen lassen und zur Windelunterhose gegriffen.

Zurück zum Telefonmarathon. Erst die Volkshilfe, da ich ja nun Ersatz benötigte. Da ich gleich die Chefin Gudrun am Telefon hatte fragte ich sie, ob sie auch Katheter legen würden. „Nein, die Heimhilfen dürfen das nicht.“, dabei bezog sie sich auf die Dame, mit der wir zuvor einen Termin am Donnerstag vereinbart hatten. „Keiner darf das? Muss ich dafür zum Hausarzt laufen? Ich mag den Peter wirklich gern, aber ich möchte unsere gute Beziehung nicht riskieren…“, lachte ich etwas schief. Ihre Antwort kam prompt: „Also die diplomierten Schwestern dürfen das schon!“. „Bist nicht du eine waschechte Schwester?“. Natürlich, gab sie mir recht, und beruhigte mich insofern, dass das bei ihnen ganz normal Praxis sei. „Na, zum Glück ist es noch nicht notwendig, aber dann weiß ich ja, bei wem ich mich melden kann!“. Anschließend rief ich beim Roten Kreuz in Eisenstadt an, um ganz typisch für mich weitere Scherze zu treiben, während mir der nette Mann am anderen Ende sogar eine Mitgliedschaft aufschwatzen konnte und anschließend alle notwendigen Daten aufnahm, um alsbald jemanden zu mir schicken zu können, der dann für etwa 36 Euro das Funkgerät installieren wird. Ich kann den Auslöser am Handgelenk oder um den Hals tragen. Den konnte ich mir nicht verkneifen: „Wie? Wie so ein Hundehalsband?“, woraufhin er zu lachen begann. „Nein, nein! An einer Kordel wie ein Collier!“. Was sicherlich auch erneut für Staunen gesorgt hat seine 1. Frage (bzw. meine Antwort): „Und für wen ist die Rufhilfe gedacht?“. „Mich.“. Kurzes Schweigen, und sicherlich Irritation.

Nun ist es 13:03, Sebastian zuhause und es gibt Mittag. Die Reste vom Huhn und den Grund für einen weiteren Gewichtsanstieg. Weitere Telefonate mit HNO-Arzt und Neurologin/Psychiaterin werden am Nachmittag folgen, und somit habe ich gleich 3 Dinge auf meiner auf der Leinwand liegenden Liste der Dinge, die in nächster Zeit unbedingt erledigt oder in die Wege geleitet werden müssen, abgearbeitet.

15:38

Entwässerungstablette und heimlich in seiner Abwesenheit weitersaufen. Eigentlich steht mi der Sinn nacn FA!

16:46

GOTT SEI DANK!! Ich habe mir letzte Woche beim Einkaufen noch mehr Fressalien mitgenommen.

Am Verzweifeln. Liegt das im schlimmsten Fall doch an den Antidepressiva? Dass sie mich zum Fressen verleiten? Oder ganz simpel dieser eine Kontrollverlust mit anschließendem Toilettentauchgang?! Erst Schokolade: 2 kleine Pralinen, 2 kleine Schokomünzen. Jeder Schluck aus der Flasche wurde größer und größer. Jetzt hänge ich gerade an einer neu geöffneten Vollkorn-Butterkekspackung. Wie viele werde ich fressen und anschließend wieder hochwürgen? Mir selbst 2 Gründe nennen: Mein Körper lässt mich nicht arbeiten und nur mit etwas Verspätung krampft das linke Bein. Beim Anruf bei der neuen Neurologin/Psychiaterin in Fürstenfeld den Termin erst im Oktober bekommen. Aber sobald ich Patientin sei, müsse ich nicht mehr so lange warten. Den HNO-Arzt immer noch nicht erreicht. Ich immer noch allein. Durchdrehen. Was mir auch Angst macht? Heute Abend gibt es frisches Brot und ich werde davon essen und morgen wieder 56 Kilo wiegen… Dabei stand ich nach meinem Windelwechsel mit eben nur einer solchen bekleidet im Flur vor dem großen Spiegel und sah mir meine für meine Verhältnisse „dünnen“ Beine an. Die immer von oben betrachtet aus der Vogelperspektive einfach nur wie fette Schweinshaxen aussehen. Schön und gut, aber was ist mit der Etage eins höher?! Seit Tagen das dringliche Bedürfnis, mir zumindest den Speckring unter dem Bauchnabel aufzuschlitzen. Und wollte ich nicht am Wochenende das Video online stellen, es längst abgeschlossen wissen?

Zum Morphium greifen und zeitgleich zur Likörflasche. Es ist wunderschön draußen und ich bin hier drinnen gefangen. 1,3 schnell und 2 retard. Mich vollstopfen. Tausende Erinnerungen schießen mir durch den Kopf. Geräusche, Lichteinfall, Düfte oder einfach nur Gerüche… ein Durcheinander, verdeutlicht allein durch dieses Wort gewordene Chaos in meinem Tagebuchdokument vor allem in den letzten Zeilen. Ich sehe mich mit meiner Freundin auf einem Fahrrad zu ihren Großeltern fahren. Wir werden wieder Hühner und auf dem Heuboden Babykatzen einfangen. Ich bin draußen unterwegs in Wald und Wiese. Ich mache den Offenstall von Kolga sauber. Ich liege mit einer anderen Freundin oben auf dem Hügel in einer der ehemaligen Sandgruben und wir träumen, wie das Leben weitergehen wird mit 15. Nicole und ich sind beim Inlineskaten, und vermutlich fahren wir wieder soweit, dass wir es bis nach Fürstenfeld schaffen und dort ein schönes Eis schlemmen werden…

Ich will mein Leben zurück. Es kann ja gar nicht schlecht gewesen sein, wenn ich mir all das hier ansehe!

18:08

Ganz plötzlich wird mir anders, ganz plötzlich wird mir schlecht. Das soll Panik sein? Und vor allem was löst es aus? Die Windelhosen mit Gummibund kosten doch tatsächlich 25 Euro im Paket zu je 16 Stück!!!! Also etwas über einen Monat für 50 Euro!!! Darüber lässt sich nicht diskutieren, erst recht nicht mit mir. Die beiden anderen Ärzte abgearbeitet. Den Termin bei der Ärztin erst am 10. Oktober bekommen. Aber das nehme ich gerne in Kauf, wenn ich dann zumindest eine fixe Patientin dieser Ordination bin und anschließend nie wieder so lange werde warten müssen. Für den 2. Termin benötige ich die CT-Bilder und ich wage irgendwie zu bezweifeln, dass mir diese ausgehändigt werden.

Im Kalender blättern, um diesbezüglich eine Erinnerungsnotiz zu machen. Dabei stoße ich über den Eintrag am Freitag, wenn Brigitte hier vorbeikommt, und das Herzrasen wird schlagartig stärker. Der Likör steht bereits neben mir in Reichweite. Oben am Hügel hinterm Wald hört man die Schafe blöken. Was für eine Idylle. Doch aus irgendeinem Grund möchte ich mich jetzt in Stücke reißen. Was passiert eigentlich wenn ich Alkohol auf Psychopax trinke?

Erst jetzt fällt mir auf, dass ich das Tramal lediglich vorbereitet aber genauso wie die Tabletten noch nicht eingenommen habe. Entzugserscheinungen? Ich kann und möchte noch immer nicht ausschließen, dass es sich darum handelt.

Keks um Keks essen.

FRESSEN!!!!

Noch kotzen? Noch verletzen? Er ist oben, niemandem fällt auf, wenn ich im Badezimmer verschwinden und die Tür schließen würde. Nun, da die Rollatortasche wieder aufgerüstet wurde?

Not macht erfinderisch“ – eine skurrile Idee für das Video, sozusagen ein Stilbruch, eine „Auflockerung“ oder doch nur Satire mit äußerst ernstem Hintergrund zu den zurückliegenden Wahlen? Likör nippen… Wenn ich jetzt nur noch den richtigen Sample finden würde…

20:27

Herzrasen!!!

21:15

Kekse wie ein Gierschlund in mich rein stopfen. Herzrasen jagt Herzrasen-

Lächerliche 1:45, 361:15 Stunden. Ergebnis 0!!!

Mit nem Keks im Maul ins Bad fahren…

29. Mai 2016, Sonntag 12:18

Die Bandbreite reicht von entsetzten Blicken bis hin zu verwunderten Fragen und Kopfschütteln, wenn ich in meinen Tee so viel Süßstofftabletten werfe. Beim Frühstück wurde der Tee überhaupt nicht süß.

Die Bandbreite reicht von Rechtfertigungen bis hin zu Erklärungen und Aufklärung, warum ich dies tue, wenn noch alle Welt sagt, es sei nicht gesund. Warum genau kann aber keiner definieren und alles was ich bis jetzt gehört habe ist ein durch zu großen Konsum von Süßstoff ausgelöster verhältnismäßig größerer Konsum von Zucker, weil die Geschmacksnerven für Süße abstumpfen. Was für ein Satzkonstrukt!!! Aber Otto Normalbürger kommt mir immer mit dem Standardsatz: „Aber das ist ja Chemie! Das ist sicher schädlich!“. „Ich habe doch nichts mehr zu verlieren.“, meine Standardantwort darauf.

All das nur um die Brücke zum eigentlichen Thema schlagen zu können. Beim Frühstück landeten mindestens 30 von diesen Tabletten in meinem Schwarztee. Dann griff ich sogar noch zum Flüssigsüßstoff und holte mehrmals ordentlich aus, damit es nicht mehr um Tropfen ging sondern um einen kräftigen Schuss nach dem anderen. Und nun meine Aufklärung: „Ich habe Bulimie und mir mit dem Kotzen seit nun bald 17 Jahren neben den Zähnen auch noch die Geschmacksnerven ruiniert.Vieles, was ich früher total gerne gegessen habe, kriege ich nicht mehr runter und so manches verbinde ich automatisch mit Brechen und mir wird schlecht.“. Darauf folgt meistens „ah und oh oder achso“. Das Festival der destruktiven Kontaktaufnahme mit dem eigenen Körper, oder besser gesagt die Bestrafungsaktion an eben diesem für sein Verhalten nachmittags und abends hat sich richtig „gelohnt“ und wird den Süßstoffgebrauch die nächsten Tage signifikant in die Höhe schrauben und in eben diesem doch mehr als übertriebenen Level halten.. So viele Worte für eine Nebensächlichkeit. Soll ich mein Gewicht verraten? Eine weitere schlechte Angewohnheit meines Körpers ist es, am Morgen darauf mehr zu wiegen, wenn der Stoffwechsel am Vortag ein Lebenszeichen von sich gegeben hat und dies lässt sich meiner Meinung nach nur damit erklären, dass sich der Darm mit Flüssigkeit füllt? Und gestern nach dem Molaxole hat er gar so getan, als sei ich seit 3 Wochen nicht mehr auf dem Lokus gewesen. Sommerschlussverkauf! Also bin ich vom Schlimmsten ausgegangen. Ich schreibe jetzt nicht, wie viel es nach dem Aufstehen war, denn kurz nach Frühstücksbeginn musste ich noch einmal. Da hatte sich einiges angestaut in meinem Körper und ich noch im Bett damit angefangen, mir in die Windel zu machen. Wie im Krankenhaus. Und es wird dringend Zeit, für Inkontinenzeinlagen fürs Bett zu sorgen. Also darf ich diese Menge noch abziehen und komme so zu einem Ergebnis von 53,9. 2 Kilo weniger und die Füße immer noch geschwollen… Was sich da wohl noch an Gewicht bergen ließe?

Erschlagen, matt, spastisch gelähmt. Selber schuld? Oder an dem Punkt in meiner Krankengeschichte angekommen, der dringend erfordert, mir Ruhephasen zu gönnen. Ich musste mich nach dem Essen hinlegen und döste bis Mittag. Und natürlich darf ich auch jetzt nicht verschweigen (ob es mir passt oder nicht), dass ich mich frischer fühle. Nur als ich eben morgens meine Hände spürte und meine Leinwand auf dem Tisch liegen sah, setzte bereits eine leichte Form von Resignation ein. Dass es nicht fertig werden wird. Dass es zu seinem Vorgänger passt ,chronologisch, weil noch weniger fertig.

Während mich soeben ein Stromschlag heimsucht und meinen Mund verzieht, fällt mir wieder ein, was den Schlaf zuvor unterbrochen hatte. Ganz zu schweigen von den heftigen Krämpfen im rechten Bein, die sich gut über eine Stunde oder noch länger hinziehten… Sie setzten ja bereits während ich mein Hummusbrot aß ein. Musste Sebastian bitten, mir meine Medikamente zu geben (noch eine volle Dosis Tramal und dazu ein Hydal). Es war 10:32 als mich ein kleiner/großer Anfall darnieder streckte… Es gibt Essen und mir wird angst und bange.

14:10

Ein Panikzustand jagt den nächsten. Hoch und runter und hoch und runter. Und als würde das noch nicht reichen erneut Müdigkeit. Der Plan sieht aber vor, jetzt zumindest den Versuch zu starten, ein wenig zu malen. Wie habe ich es denn früher gemacht? Warum erscheint mir all das Produzierte minderwertig und flach? Strukturlos? Und dennoch gab es selbst für ganz alten Werke „Applaus“.

Aber ich konnte zu einer weiteren, meiner Meinung nach hoch brisanten Erkenntnis gelangen. Die kleinen/großen Anfälle hatte ich also schon seit meinem 12. Lebensjahr oder so, aber ich scheine nun zu wissen, warum sich plötzlich Stromschläge dazu gesellten und in letzter Zeit immer mehr werden: NATÜRLICH die Einnahme vom Tramal!! Warum komme ich erst jetzt darauf?! Oder habe ich das längst geschrieben, irgendwann? Opiate können epileptische Anfälle auslösen. Und Stromschläge wie Versprecher und allerhand Zuckungen zählen eben zur Epilepsie. Weil ich vormittags Opioide UND Morphine auf einmal eingeworfen hatte-deswegen der Aussetzer und nun dieses Feuerwerk an Stromimpulsen vom Gehirn ausgehend. Und ich meine mich dunkel daran zu erinnern, dass diese mit Beginn der Einnahme vom Tramadol ebenso Einzug in mein Leben gehalten haben. Meine Lippen zucken unwillkürlich.

Sebastian ist hinausgegangen, dass Treffen mit meinen Eltern fällt aus. Dafür ging es mir vormittags zu schlecht und auch jetzt möchte ich nur malen. Dabei halte ich mich schon viel zu lange mit meinen Gedanken auf. Sebastian hielt mir eine Predigt: „Wenn du dich ständig selbst so sehr unter Druck setzt, kann das für die MS auch nicht gut sein! Du solltest dir einen ganz anderen Tagesplan zurecht legen.“. Ja, klar, recht hat er und DENNOCH läuft mir gerade durch die aktuellen Verschärfungen der Krise erst recht die Zeit davon!!! Warum will das niemand sehen? Geschlafen habe ich genug. Vielleicht sollte ich mir Coffeintabletten besorgen. Schwarztee gibt es in der neuen Thermoskanne, einen Liter. Aufgegessen habe ich auch und mich schon währenddessen gefragt, warum es mit großer Wahrscheinlichkeit dazu kommen würde. Denn eigentlich war ich nach einer halben Semmel und wenigen Löffeln bereits satt.

Domian oder Within Temptation?

15:54

Ich denke an die Speisepläne – Panik.

Ich denke an die Stundeneintragung – Panik.

Ich denke an das Fussballspiel – Panik.

Und dann ein Dejavuegefühl, diese sogenannte Aura oder zumindest ein Hauch davon. Plötzlich wieder im Sommer 1998. Es ist schwül, wie jetzt, Sommerferien und in wenigen Tagen endet mein bisheriges Leben.

Es folgt kein Anfall.

Noch so viel vor mir…

20:16

Erneut zum Likör greifen. Kultivierter, heute Abend im Glas. Nachmittags wie gestern Vormittag 1 Furosemid. Hoffen, es vermag am salzigen Hühnengulsch etwas zu ändern. Beim Abendessen eine unangenehme Vorahnung nach der anderen. Ich denke, man darf es durchaus schon eine Aura nennen. Wieder und wieder plötzliche Schläge in die Magengrube. Und drauf gewartet, jeden Augenblick abzudriften… Als stünde ich völlig ausgeliefert an der Klippe, würde mit jeder Pseudoerinnerung einen Schubbs direkt in die Magengrube bekommen und mich gerade noch so mit rudernden Armen retten und haarscharf noch das Gleichgewicht halten (diese Metapher ganz sicher schon einmal bemüht, nur mit dem kleinen Unterschied, damals davon ausgegangen zu sein, es handle sich um Flashbacks, Dissoziationen).

Aber nichts.

Mein Herz rast ganz plötzlich. Er rechts in der Küche, klappert und klimpert mit Geschirr, Besteck. Sachen fallen -mir einen Heidenschreck einjagened- noch lauter auf die Terrakottafliesen. Links die Glotze mit ziemlicher Lautstärke. „Star Trek“, soeben hochdramatische Musik zu dementsprechend dramatischen Szenen, und dabei so aufdringlich in meiner äußerst sensiblen Phase, dass mich jedes Stakatto der Violinen in noch mehr Stress treiben jagen will. Mir wird das zu viel und will zum Alkohol auch noch Benzos einwerfen. Nun meinerseits Volume auf Anschlag, harte E-Gitarrenriffs aus dem Heaset -meine aktuelle Liblings-Metalband- direkt in meinen verkorksten Schädel. Und dazu Alkohol…

Mit viel zu viel Kalorien!!!

21:22

Aufs Sofa, Alkohol und Glas eingepackt. Noch nicht fertig… sprich: Noch nicht betäubt, nicht gleichgültig.

361:30. Eine lächerliche Stunde.

28. Mai 2016, Samstag 10:26

55,8 um 6:45. Extra früh aufgestanden, um soviel als möglich zu schaffen. Ganz abgesehen davon, dass meine Blase seit Stunden meine Träume beeinflusste. Unentwegt war ich auf der Suche nach einer Toilette, saß auf einer Bettpfanne und nebenbei erwähnt verprügelte ich meine Oma, etwas später war jedoch sie es, die sich bei mir entschuldigte und wir weinten beide und es war klar, dass sie in den nächsten Stunden sterben würde.

1,5 Stunden gemalt. Jetzt gerade mit meinem Ischias kämpfen. Sebastian hat sehr wohl die Likörflasche gesehen, aber nicht weiter kommentiert. Sie sollte nicht neben mir stehen, ich bin so sehr verleitet, mindestens einen Schluck zu nehmen. Ganz abgesehen davon, dass sich gestern zumindest keine Wechselwirkung einstellen wollte. Die Zeugen Jehovas klingelten auch an diesem Samstag an die Tür, aber scheinbar haben sie dann endlich meinen Zettel gelesen und hoffentlich ist das wirksam, um diese Nervensägen zu bannen. Gerade eben meine funkelnagelneue Thermoskanne in Betrieb genommen. Ich wollte es so handhaben wie im Krankenhaus, nur war dieselbe Teesorte nirgends aufzutreiben. Und ganz zufrieden bin ich mit dieser Plürre, die eigentlich Brombeer-Himbeere-Tee sein sollte, ganz und gar nicht. Die Öffnung ist so schmal, dass die Teebeutel sich nicht entfalten können und genauso schmeckt es dann auch. Fade und leer. Wie heißes Wasser mit ein bisschen Geschmack.

Weiter strampeln gegen den Schmerz. Oh, und was für eine Verleitung es ist, mir irgendetwas einzuwerfen! Es wäre alles da, griffbereit. Dabei sieht der Plan für heute so aus, dass es zu Mittag die Obstreste mit Joghurt geben soll. Weiters anderes Obst und Karotten. Sparmenü, morgen kocht ja meine Mutter erneut für uns mit. Ich weiß definitiv, dass ich mit dem Ende meines neuen Videos so manch einer Person (mitunter auch in meiner Familie) regelrecht vor den Schlips treten werde. Im besten Fall vielleicht auch ein wenig zum Nachdenken anregen.

Im Garten sitzt der Kuckuck. Laut und ganz deutlich ist er durch das offene Küchenfenster zu hören. Erst kichert er sich ganz dreckig in sein Fäustchen und dann ruft er wieder, um Eltern von ihren Nestern weg zu locken. „Kuckuck, wo seid ihr?!“.

Meine Augen werden ganz plötzlich unsagbar müde. Ich würde mich ja hinlegen und ein wenig lesen, aber da wäre noch die Entwässerungstablette, die ich mir zuvor gegönnt habe und außerdem sollte ich noch das Video abschließen. Mir fehlen noch exakt 3 kleine Aufnahmen, und für alle 3 benötige ich mehr oder minder seine Assistenz. Außerdem mir vor einer halben Stunde irgendwelche Preise für meine 3 Gemälde aus der Nase gezogen. Werden die potentiellen Käufer entsetzt sein, anfangen, mit mir zu feilschen? Extra dazu geschrieben, dass ich nicht verkaufen muss und es mit dem Malen nun signifikant zu Ende ginge.

Kommt schon eine gute Summe bei raus, aber was habe ich letztendlich davon? Es wird unverzüglich aufs Sparkonto geschoben und ist es erst mal dort, taste ich es nur äußerst ungern an.

Rehbock und Goldammer und Grillen bestimmen die Klangkulisse. Ganz zu schweigen von den nicht enden wollenden Predigten von der kleinen Grasmücke. Eigentlich ein Wanderprediger; in einem fort hüpft er von Ast zu Ast und umkreist somit unser Haus. Früher, früher als alles noch besser war, durfte ich ihn dabei beobachten, wenn ich auf meiner selbst gebauten, blauen Bank unter dem Hollerbusch saß…

Die Augen fallen immer weiter zu… Für meine letzte Intro würde ich gern eben den blühenden Strauch filmen und als bewegtes Element eventuell irgendwelche Vögel oder die Hühner, die dran vorbei laufen. Und die Abschlussszene eine Detailaufnahme von Pinsel, Leinwand und Hand.

14:42

Aus einem noch regulärem Mittagessen ward die FA geboren! Die Hände gelähmt, fern ab von jeglicher Funktion. Also fresse ich und fresse ich und warte, dass er mich allein lässt!

15:02

Er geht raus und ich bin eigentlich zu schwach… Eine Strategie überlegen, sonst platze ich!!

16:20

Was für ein Trauerspiel? Lediglich Feuchtigkeit erbrochen – Wasser und Tee?

Und ganz plötzlich packt mich das Herzrasen. WIE TIEF soll ich mir diesen langen Pinselstiel noch in die Speiseröhre stecken???

16:57

Aus mir war lediglich Magensäure in Form von Schaum zu holen. Also habe ich aufgegeben. Wäre ohnehin mehrfach fast vor dem Klo umgekippt, da es sitzend eigentlich unmöglich war, richtig Mageninhalt auszuspucken. Dazu musste ich einfach aufstehen..

Davor mir in der Küche eine Schale Milchtee gekocht und ebenfalls mehrmals bedrohlich zur Seite geschwankt.

Mieke kam noch für einen Augenblick rein ins Haus, als sie Jan hier abgeladen hat, um sich mit mir zu unterhalten. Spannende Dinge aus der Firma und dergleichen. Morgen würde ich Arbeit bekommen. Ich kann meinen Zustand insofern nicht beschreiben: Einerseits versetzt mich die Müdigkeit in einen halben Rauschzustand und andererseits möchte sie Stress und Spannung in meinem Körper breitmachen. Die Flasche mit dem Likör steht immer noch offen neben mir. Einen weiteren Schluck nehmen. Zu meiner Chefin bereits gesagt, dass ich gestern angefangen habe zu saufen und mich nochmal bedankt für den Baileys, den sie mir zum Jahreswechsel geschenkt hatte.

Sebastian hat mich darauf hingewiesen, dass meine Aussage am Schluss meines neuen Videos zu drastisch sei und nebenbei nicht ganz stimmen würde. Und mitunter zu bösem Blut in meiner Familie führen könnte. Also werde ich nun versuchen, diese Passage irgendwie zu retten. Sonst sehe ich mich gezwungen, das Ganze noch einmal zu wiederholen… dabei scheine ich gerade doch überhaupt nichts zu können! Ich bekomme Kopfschmerzen… Die Flasche ansetzten. Würde ein Schuss davon im Tee gut schmecken? Morgen kocht meine Mutter für uns mit, es ist auch ein Treffen angesagt und ich weiß nicht, ob ich das schaffe, in meiner aktuellen, schwierigen Krise. Mein Rücken tut weh, weil ich über das Klo gebückt stehen musste. Eine Ewigkeit. Ich möchte so gerne… Ach, was weiß ich schon! Ich sehe die Welt, die Natur da draußen und will nur unter der Maßgabe hinaus, wenn ich mein altes Leben zurückbekommen werde. Alles andere interessiert mich nicht!

Eigentlich sollte ich schlafen, aber ich lasse mich nicht.

Die Kohlmeisenjungen werden immer aufdringlicher. Der Lichteinfall erinnert mich an meine Kindheit, an soviele Situationen in eben dieser. Mir fallen die Augen zu…

20:44

Am Ende angekommen. Mir die Situation schönreden? Entweder schafften es die neuen Antidepressiva oder ich gehe zu Grunde.

Wohnzimmer- und Küchenfenster geöffnet. Amsel, Singdrossel, Mönchsgrasmücke, Kuckuck. Der Tee steht mittlerweile seit gut 2 Stunden oder länger. Abendbrot gegessen. Rohkost mit Käse, einem gekochten Ei, Kürbiskernöl und leider einigen Vollkorngrissini… und weil es eben nicht reicht und der Bauch unter meinen verschränkten Armen sich immer mehr aufbläst, eben auch noch in die Tüte mit den Waffelröllchen. Meine Güte!!! Ich habe heute beinahe die ganze 400 g-Tüte gefressen. Was für eine abartige Sau!!

So ich es schaffe, den Tee noch einmal kurz in die Mikrowelle wandern lassen…

20:57

Da es mehrere Anläufe bedarf, bis ich ganz wackelig auf den Beinen stehe, als hätte ich den ganzen Tag in einer einzigen Überlastung gesteckt, ist es beschlossene Sache: Ich werde die Tüte nun leer futtern. Die Waffeln ohnehin im Laufe des Tages in der offenen Tüte weich geworden, nicht mehr lecker. In mich hineinstopfen und mich selbst dafür geißeln, gestern im Supermarkt schwach geworden zu sein und lauter Schwachsinn gekauft zu haben. Bei dieser monströsen Schwangerschaftswampe? Die mehr und mehr wird?! Ohne triftigen Grund?!

Und sei es noch so idiotisch und vor allem gefährlich: Die nächste Fressattacke und mir scheißegal, ob ich das Gilenya wieder ausspucken werde oder nicht. Hilft doch ohnehin nicht!!

Es stellt sich Verbitterung ein und ich hoffe, Sebastian bleibt länger als bis 21:30 aus. Er ist zu Sebastian Nummer 2 gefahren, um mit diesem Dart zu spielen. Es wäre eine Katastrophe, wenn er wieder hier wäre und ich sozusagen unter Kontrolle und mit all dieser Schuld beladen, die aktuell noch in der unschuldigen Tüte schlummert. Allein mein Abendessen war viel zu viel, auch wenn es nur besagte Komponenten waren…

WIE KANNST DU NUR SO FRESSEN?!!

Es wird immer dunkler und die unzähligen Drosseln scheinen die Letzten zu sein, die der Nacht zu trotzen wagen. Der ganze Graben ist voll mit ihnen, von überall her schallt ihr variationsreicher Gesang und gibt der drohenden Dunkelheit noch einen Sinn. Aber ich muss jetzt fressen. Den Frust, den der weiterhin voranschreitende Verlust meiner Körperfunktionen zwangsläufig nach sich zieht, zumindest symbolisch erst in mich hineinstopfen und dann wieder ausspucken. Als könne ich auf diese Weise Sündenerlass erlangen…

Was soll das sein? 1 Stunde und 30 Minuten. Mehr nicht. Zuvor als ich mich noch bewegte fielen unzählige Dinge auf den Boden, denn alles, was ich anfasste… anzufassen versuchte, wurde Opfergabe der Erdanziehung. Ich kann nicht mehr, ich will nicht mehr und will auch nicht verstehen, welchen triftigen Grund mein Körper heute hat, so ein Spektakel abzuziehen. Ein Spektakel der Lethargie, der Agonie.

Fressen… und wenn ich alsbald meinen Befund bei der Amtsärztin wie jährlich abgebe, war es das endgültig mit meinem Führerschein… Als ob ich überhaupt noch Auto fahren hätte können!

Mir tun die Zähne weh.

Die Reste in der Packung, was für eine Aufgabe… Warum tu ich das? Warum kann ich nichts zurücklassen, übriglassen? Zwang?…

21:41

Sogar die Krümel aus der Tüte löffeln, als gäbe es kein Morgen mehr, ehe im Vergleich zu gestern auf der anderen Seite ein lauter Schuss plötzlich die Stille zerreißt und ich mich wieder fürchterlich erschrecke!!!

Ein Röllchen noch, dann endlich kotzen. Hätte ich bloß Schokolade gewählt, es wäre alles so einfach…

22:43

EINE geschlagene Stunde Gaumen und Rachen und Speiseröhre penetriert, malträtiert und augenblicklich ist mir nach Weinen. Die Beine schlottern vor Schwäche, im ganzen Körper alles am Vibrieren, was für eine Schlacht… Ich fühle mich so unglaublich leer, zeitgleich gereinigt. Meine Stimme will versagen – wenn daraus nicht morgen Halsschmerzen resultieren?

Nun endlich ist Zeit für den Tee, der seit Stunden auf dem Stövchen steht. Noch einmal kurz erhitzt.

Ich saß im Rollstuhl vor der Kloschüssel, die Brille hoch geklappt und merkte alsbald erneut, dass ich sitzend keinen Erfolg haben würde. Das sei bitteschön nicht als Anleitung zu verstehen. Und es ist nicht so, dass ich es dermaßen detailliert beschreibe, weil es so faszinierend, so aufregend und lustig wäre. Wie ist es, die eigene Seele im Klo runter zu spülen? Das Kotzen am Nachmittag war lächerlich gegen diese einstündige Prozedur gerade eben. Da stand ich soeben das erste Mal vor dem Klo, als Mieke Jan vorbei brachte und fragte, ob ich denn auch da sein. Ich rief aus dem Klo raus: „Ich komme gleich!“, spülte das wenige Erbrochene runter und versenkte meinen gruselig verfärbten Kopf im Waschbecken, unter eiskaltem Wasserstrahl. Ob man es mir ansieht? Das Gesicht jedes Mal puterrot oder gleich aschgrau. Die Augen irgendwie schwarz untermalt, die Augäpfel blutunterlaufen. Als sei man beinahe erstickt.

Meine Augen aktuell fangen an sich zu verknoten, ich sehe alles doppelt. Die Müdigkeit schlägt zu. Eine giftgrüne Wiesenschaumzikade läuft auf meinem weißen Blechlampenschirm ebenfalls schon seit Stunden eine Runde nach der anderen, und wundert sich, nicht vom Fleck zu kommen.

Mein Frust wurde über den Tag hinweg gesteigert, wurde regelrecht genährt mit unglücklichen Missgeschicken meinerseits. Nach dem Malen hatte ich längste Zeit damit zu tun, es mir irgendwie auf dem Sofa bequem zu machen. Am Ende legte ich meine Beine (was wiederum einem minutenlangen Akt glich) auf meinen Rollstuhl und schlief unverzüglich ein. Ehe die Blase Alarm schrie, ich mich bereits auf dem Weg zum Leibstuhl in meinem Gefährt anpinkelte und mir sodann nur noch ein beherztes Umsetzen auf den Leibstuhl blieb und ich komplett auslief. Als hätte mein Körper von dem Vorhaben gewusst, an diesem Tag probeweise lediglich eine Einlage zu tragen. Hose nass, Unterhose nass, Einlage nass und selbst mein Kleid hat es erwischt. Ursache? Wie auch im

Krankenhaus dieser inflationäre Konsum von Früchtetee. Zu viel auf einmal. Musste alle 10 Minuten aufs Klo.

23:50

Den wertlosen Schrott noch einmal überflogen. Ich hatte also eine geschlagene Stunde damit zu tun, den Brechreiz zu suchen und aus mir raus zu kitzeln. Was für eine mühselige Prozedur. Bin ich tatsächlich schon so dermaßen abgestumpft? Wie tief steckte der gut 30 Zentimeter lange Pinselstiel in meinem Hals? Wie wenig bedarf es gar bei anderen Menschen – ein Finger, der Spiegel vom Zahnarzt? Erst sah ich flüssige Schokolade… Die Waffeln mit Kakao gebacken… Es passierte lange nichts mehr, ehe das ganze Unterfangen zu einer einzigen Quälerei ausartete! Immer wieder rammte ich mir die zwar abgerundete Spitze in die Schleimhaut, versehentlich, aber spitz oder stumpf spielte in diesem Augenblick keine Rolle. Ich versuchte zu stehen, meine Beine zitterten unter meinem Gewicht, immer wieder plumpste ich zurück auf den Rollstuhl, mir lief das Erbrochene über die Rechte, gläschenweise Speichel rann mir aus dem Mund, die Augen brannten, Rotz und Kotze floss mir aus der Nase, den Tränenkanälen und ich machte einfach weiter, unaufhörlich weiter, von einem krankhaften Ehrgeiz oder besser gesagt Zwang beseelt… BESESSEN!! Noch einmal Wasser trinken. Noch einmal minutenlang nach der geeigneten Stelle in meinem Rachen Ausschau halten, die einen kapitalen Brechreiz auslösen kann und um somit tatsächlich auch noch den letzten Krümel am tiefsten Punkt meines Magens hervor zu zaubern. Und brennt es noch so sehr, bekomme ich noch so sehr keine Luft mehr!!!…

60 Minuten um, ich hätte weiter gemacht, hätte nicht aufgeben dürfen, solange auch nur ein winziges Partikel Lebensmittel in der immer klarer werdenden Verdauungssuppe im Klo schwimmend auftauchte… doch da wurde die Eingangstür geöffnet, Sebastian zurück. Er klopfte an die Badezimmertür und ich befürchtete bereits, er könne ungefragt eintreten. „Ich komme gleich!“, keuchte ich, völlig atemlos nach diesen Strapazen. Hat er die gebrochene Stimme nicht wahrgenommen, meine zerstörte Visage nicht bemerkt und erst recht den Gestank von Magensäure an mir nicht gerochen, als er mir zur Begrüßung einen Kuss gab?

Besser so.

Bereits 00:15, Kopfschmerzen und Schwindel setzen ein. Ihn gleich nach seiner Rückkehr gebeten, mir ein Hydal direkt in den Mund zu werfen. Was von all meinen Medikamenten habe ich wohl ausgespuckt und hatte ich nicht eigentlich vor, direkt auf das Morphium Alkohol zu trinken? Sollte ich das nicht noch ausprobieren? War das Gefühl nachmittags in einem warmen See von Tramal und Likör zu schwimmen nicht beruhigend betäubend?

Ich bin nicht mehr ganz anwesend, schon mehrfach die Augen zugefallen und direkt rein in meine Traumwelt. Für diesen Tag reicht es. Und für den, der längst begonnen hat? Morgen das Essen meiner Mutter, das Treffen am Nachmittag in einer Gaststätte? Wieder und wieder Herzrasen, Beklemmung in der Brust, wie ein in die Enge getriebenes Wildtier… Geht das allen Ernstes von neuem los? Winzige, abweichende Gedanken reichen aus, um es zu provozieren und das leider nicht so Lustige daran ist, dass diese Gedanken nicht einmal beängstigend sein oder geschweige denn mit Stress zu tun haben müssen. Alles ist es wert, mich in diesen Ausnahmezustand zu katapultieren.

Ich kann nicht mehr und ich habe Angst vor dem Aufwachen, welchen Scherbenhaufen ich werde vorfinden müssen…

27. Mai 2016, Freitag 8:52

55,8 um 7. Wie zu erwarten. Dazu die Füße dick geschwollen, der Bauch aufgedunsen.

Mich zum Thema Rufhilfe informieren, also diese Armbänder vom Roten Kreuz. Nach meiner Überdosis hatten wir entweder etwas falsch verstanden oder der Preis erschien uns einfach zu teuer. Angesichts der nun immer schlechter werdenden Situation kann ich mit den Kosten durchaus leben. Was hatten wir gedacht? 30 Euro pro Woche? In der Tat wird selbiger Preis monatlich abgerechnet.

Die Arme verschränkt, vor der Brust wie ein Wall. In der Tat halte ich es erneut nicht aus, sie runter hängen zu lassen. Die Hände schwach, heute tobt sich die Parese einmal ordentlich aus. Wie soll ich den Pinsel halten? Diese viel zu schwere Frage möchte ich am liebsten mit einer Überdosis kommentieren. Oder Psychopax? Oder zwei Hydal? Hätte vielleicht sogar einen Bonuseffekt auf Ischias und Rücken. Schon wird 9, 9:01 usw. und so fort, ich müsste längst am Bild sitzen. Aber wie so oft ist die Angst stärker, die Angst vor dem Scheitern, dem Versagen und schlussendlich mir eingestehen müssen, dass es nicht mehr geht. Die neuen Psychopharmaka wie Frischhaltefolie um mich rum. Oder eben wie in Watte gepackt. Habe ich nun weniger den Impuls, mich zu verletzen? Sollte ich es einmal ausprobieren, die Pharmazie auf die Probe stellen?

Die beiden Ärzte sind heute nicht da, muss es am Montag probieren. Ich vermochte kaum die Tasten vom Telefon zu drücken. In mich zusammen sinken. Oder bin ich einfach nur müde oder lethargisch oder gleichgültig? Ich muss so oder so alsbald aufstehen, der Tee neigt sich dem Ende zu und das Efectin fordert Bewässerung. Erstaunlicherweise nicht mehr so viel wie bei der halben Dosis, aber auch das werde ich wohl oder übel bereits geschrieben haben. Es ist wie im Fernsehen: Eine Wiederholung jagt die nächste.

Pirol und schimpfender Turmfalke, davor in der ersten Reihe Kohlmeisen, Blaumeisen, Sumpfmeisen, Zilpzalp, Mönchsgrasmücke, Buchfink, Amsel. Die frechen Spatzen erstaunlich ruhig…

Ich konnte nicht aufstehen! Schaffte den Übergang vom Rollstuhl zum Rollator einfach nicht! Was heißt das für den Vormittag? Besser gar nichts trinken? Oder das Ende erreicht? Die Volkshilfe anrufen und mich informieren, wie das mit einem Katheter aussehen würde? Mir wird schlecht…

10:50

Das Feuerzeug nicht anzünden können. Die Hand zu schwach. Ich kann die Finger gerade eben nicht nur nicht strecken, ich vermag auch nicht sie zu spreizen. Körper, warum tust du das? Willst du sterben? Mich herausfordern? Von Glück reden, gerade eben aus dem Rollstuhl gekommen zu sein. Zuvor hatte mich der Elektrozobel wohl zu sehr geschwächt. Und mir fiel erst später ein, dass ich mich ja immer noch am Tisch hochziehen hätte können. Mein erster Versuch bei der Volkshilfe ging ins Leere. Ich merke, dass ich weinen möchte, aber die Tabletten scheinen dies effektiv zu unterdrücken. Was sie nicht unterdrücken ist das Begehren nach einem Abschuss mit Opiaten. Zumal der Ischias nun wieder seine Arbeit aufnimmt und ich es einfach satt bin, tagtäglich mit irgendwelchen Schmerzen konfrontiert zu sein.

Das Diktierprogramm schreibt fröhlich mit, während ich mit meinem Taxifahrer telefoniere. Ein riesengroßer Kauderwelsch ist da rausgekommen, vermutlich witzig und als Kind hätte man sich darüber köstlich amüsiert, aber mir fehlt der Nerv und gefühlt auch die Zeit. Sebastian will um 11 Schluss machen, dementsprechend anfangen zu saufen. Die Bauchtasche zieht ständig das Hemd nach oben und ich sitze hier wie ein Assi, mit heraus hängender Plautze… abartig! Wenn ich wenigstens wüsste, wie viel Gewicht ich nur für die Wassereinlagerungen abziehen dürfte. Vielleicht bewirken die neuen Kompressionsstrümpfe, die wir heute im besten Fall holen können, ein kleines Wunder. Wie ihre Vorgänger letztes Jahr. Eventuell schon zu sehr ausgeleiert die Alten.

Ich kann das Auto hören hinterm Haus. Sollte ich noch ein paar Worte zum Malen sagen? Eine Stunde und keinen Pinselstrich mehr! Der Tod für meine Hände blickt finster auf mich herab, er lechzt förmlich nach diesen und ich werde mit der Scheiße allein gelassen.

Ja, wenn du eben nicht trainierst?!“.

Der Besserwisser in meinem Schädel. Vielleicht sollte auch er seine Position erhalten, rüber zu Rumpelstilzchen…

Du bist ja selber schuld, dann brauchst du nicht jammern und erst recht nicht meckern!“.

Den Tee probieren, wieder viel zu süß. Ich habe trainiert, gestern Abend. Mehrere Runden durch den Flur gegangen. Mit Aufrichtung: Gesäß rein, Brust raus und immer erst mit der Ferse aufkommen und dann abrollen, mich dabei auf dem nun um 2 Stufen tiefer gelegten Polenporsche abstützen. Nachts auf dem Sofa diese kleine Übung für die Hände: Beide Hände flach auf die Kniescheiben legen und dann über den Oberschenkel streichen, wieder und wieder. Ich werde nervös wegen der Sitzung gleich. Eigentlich wollte ich davor noch duschen, mich aber von diesem Plan verabschieden? In der Küche gefühlt schon wieder Saustall, unzählige Teller für wenige Mahlzeiten. Ein wenig sortierter zusammenstellen würde es schon tun. Heute wird es so viel zu erzählen geben und wenn ich jetzt im Moment daran denke, kann ich die zuvor unterdrückten Emotionen sehr wohl in mir aufkochen spüren. So ein nervöses drückendes Zittern unterhalb vom Hals. Wohl oder übel stellt sich die nächste nervöse Phase ein. Mal nachlesen, was man alles unter dem Wort Panikattacke versteht…

17:54

ICH KANN NICHT MEHR!! Meine Hände, mein ganzer Körper…

Nur eine Schwankung.“.

Das bisschen, weil ich selbst mit dem Rollstuhl gefahren bin? Was soll ich denn jetzt schon wieder falsch gemacht haben? Dieses winzige Fläschchen Tramal, dass mir der andere Arzt lediglich verschreiben konnte, nicht aufschrauben können. Erneut zum Regal, ein großes Päckchen holen. Alles, was ich in Richtung Mülleimer geworfen habe, liegt jetzt daneben. Vor mir eine lange Liste mit Dingen, die noch zu tun sind. Als Sebastian an der Kasse stand und alles erledigte und ich zur Schiebetür gewandt nach draußen sah, fragte ich mich selbst, ob ich es tatsächlich für möglich halten könnte, so zu leben… und holte einmal ganz tief Luft. Ich weiß es nicht?

Nun 20 Minuten lang versucht, eine Aufnahme zu machen, aber erst auf der linken Hügelkette ein Traktor und als dieser endlich nach 10 Minuten leiser wurde, der nächste auf der rechten Hügelkette und wieder eine Ewigkeit zu hören. Was hätte ich denn auch schon zu erzählen? Das, was ich im Tagebuch bereits geschrieben habe?

Ich bin so fertig. Vor der Therapie eine Überdosis Tramal und dazu ein Hydal. Die Betäubung hielt sich in Grenzen. Demnach möchte ich jetzt wieder mehr einwerfen. Wie letztes Mal 2 Hydal. So verwerflich? Erneut zur Kamera fahren, so ich die Kraft habe.

20:32

Was ich jetzt mache? Mich besaufen.

Warum? Weil ich viel zu viel gefressen habe und mich jetzt schuldig und schlecht fühle und das ertrage ich nicht. Ich ertrage den ganzen Zustand nicht. Auch wenn die Antidepressiva den Eindruck erwecken, alles sei in Ordnung, so muss man wiederum korrigieren: Der Schein trügt.

Weshalb? Weil ich mich schlecht fühlen möchte?? Weil ich schuldig bin? Die Arme verschränkt…

Mich fürchterlich erschrecken und der ganze Körper zuckt zusammen!! Diese beschissenen Jägerarschlöcher!!

Die Arme verschränkt, liegen erneut ganz bequem wie auf einem riesigen Luftballon. Nur ist das tragischerweise mein Bauch, meine fette, fette Wampe!!! Ich hasse mich!

Ohne Rücksicht auf Verluste zu Miekes Baileysflasche greifen, das Diktierprogramm gibt den Geist auf.

Mit der Faust, die ehemals meine linke Hand war, die jeweilige Taste drücken, um das neu gestartete Programm in Betrieb zu nehmen. Die Flasche unter meinen Tisch stellen? Da sieht er sie ohnehin nicht und die Wirkung von Morphium und Alkohol muss schlussendlich noch getestet werden…

Eine Stunde gemalt, eine lächerliche Stunde gemalt, 359. Ich werde nie fertig werden… Einen weiteren Schluck nehmen. „Vielleicht ist es die Psyche.“, „Haben Sie es schon mal mit autogenem Training probiert?“, „Das ist die Progredienz.“… Tja, Pech! Gibt keine Hilfe mehr!

Ein weiteres Mal an der dunkelbraunen Flasche nippen. Rein in die nächste Scheiße? Ich will wach sein, aber mich nicht spüren müssen!

Ich hätte mich auch aufschlitzen können…

Mir die verkorksten Aufnahmen von zuvor ansehen. Noch eine Schale Tee, die nun gar nicht mehr süß schmeckt. Im Raum wird es dunkel und nur noch die Grillen geben Geräusche von sich. Insofern kein schlechtes Gewissen, meine Kopfhörer aufzusetzen. Und noch eine Sache: Ich soll Preise für meine Bilder angeben, doch ich weiß nicht, was ich jeweils verlangen darf. Setzt mich alles unter Druck und den brauche ich soeben gar nicht!

Noch die neu gekaufte Kekspackung für die geplante Fresseattacke am Wochenende holen und endlich mich meiner hässlichen Hackfresse stellen…

21:04

Ein Hydal oben drauf. Die Waffeln mit Vanillefüllung haben pro Stück 33kcal. Immer wieder in die Tüte greifen und fressen… DAS kann ich ja so gut!!!

21:31

Weiter fressen, weiter in mich hineinstopfen, für meine Verhältnisse jeder einzelne Schluck aus der Flasche recht großzügig bemessen. Meine Plautze wird immer dicker und dicker, spannt immer mehr, ist kaum noch zu ertragen. Wollte ich heute Abend nicht eigentlich weniger essen? Vielleicht etwas Resteverwertung betreiben… die Kirschen aus dem geöffneten Glas und die letzten Pfirsiche aus der Dose mit ein wenig Joghurt… Stattdessen im Supermarkt vor dem Backshop schwach geworden. Ein Nussbrot in Stangenform. Bei frischem Brot kann ich mich nicht zügeln. Und was war das heute Mittag?? Eineinhalb Scheiben Vollkornbrot mit viel zu viel Hummus, gefolgt von einer Nektarine und einem Apfel, obwohl ich längst satt war. Bereits nach nach einer halben Scheibe!! Was ist denn mit meinen Grundprinzipien geschehen?! „Langsam kauen, nach jedem Bissen einen Schluck Flüssigkeit und beim 1. Einsetzen von Sättigungsgefühl unverzüglich aufhören zu essen!“. Den letzten Tage der Beschimpfung meiner Wenigkeit verdächtig nah gekommen. Essen, Essen, Essen!!!

Wäre ich alleine, ich würde den Eimer vom Leibstuhl entleeren, um sodann selbiges mit mir in eben dieses Gefäß vollziehen zu können. Ich hasse mich und spüre immer noch keine Wirkung zwischen Alkohol und Morphinen. Sollte diese nicht ordnungsgemäß rein hauen? Wenn doch immer wieder im Beipackzettel ganz explizit davor gewarnt wird?

Am Strohhalm in meinem Tee saugen. Ich weiß noch nicht, was ich jetzt mit mir anstelle. Sebastian ist oben und ich unten allein… das weckt Begehrlichkeiten nach „mehr“…

Etwas Erheiterndes in trüben Zeiten

Nachträglich ein Gruß aus dem Video-EEG Graz
Falls nicht leserlich-Transläschän:
„Haare-Krishna – Kabel-Medusa 2.0“
oder
„Um Mitternacht kommt die Kabelhexe in die Neuro“;

…um den daneben liegenden 1.-Klasse-PatientInnen (Gänder) für ihr Geld eine standesgemäße Horrorshow zu bieten! Denn „Man is ja was Besseres“!.

2016-04-Haare-Krishna

26. Mai 2016, Donnerstag 11:59

55,3 um 8:15. Glückseligkeit sieht anders aus. Bei Domian gerade von einer Frau gehört, die natürlich eine ganz andere Krankheit hatte. Aber es ging explizit um Wassereinlagerungen, die sie auch am Bauch hatte, massiv. Mir Hoffnungen machen, dass es bei mir nicht nur Speck ist? Einmal hineinstechen? Vielleicht finde ich vom Avonex noch eine subkutane Injektionskanüle in meinem Fundus und probiere es aus? Ist denn alles, was ich seit der Anorexie gegessen habe, direkt in meiner Bauchschwarte gespeichert worden? Sozusagen mein schlechtes Gewissen für jeden Bissen, den ich mir seitdem erlaubt habe? Alsbald zehn Monate lang? Und werde ich es nicht müde, diese Scheiße hoch und runter durch zu kauen?

Wundervoller Blütenduft zieht durch alle geöffneten Fenster und Türen in den Raum. Kühle Luft bringt ihn zu mir, ist so gnädig, um mich zumindest ein wenig am Leben teilhaben zu lassen. Hier in meinem möblierten Bunker. Kerker. Vogelkäfig.

Oben hinter unserem Wald auf dem angrenzenden Acker fährt ein Traktor auf und ab und macht mich ganz nervös, ganz zu schweigen davon, dass er die Idylle zerstört. Tage, an denen Aufnahmen unmöglich sind. Dabei fehlt nur noch ein letzter Beitrag und die nächste Missgeburt wäre fertig, bereit, unters Volk geworfen zu werden, um mich im schlimmsten Fall weiterer Kritik auszusetzen, denn „Anderen geht es schlechter und die stellen sich auch nicht so an! Andere meistern deine Situation viel besser! Wenn du nicht anfängst, positiv zu denken, bist du selber schuld! An allem!!“. Seufzen. Das Video ist viel zu lang geworden. Aber vielleicht gibt es auf einem fremden Planeten fremde Wesen, die dies eventuell zu schätzen wissen. Ischias und Rücken gehen auf die Barrikaden, in trauter Zweisamkeit. Bei wem soll ich mich nun bedanken, dass ich schlafen durfte? Zumindest bis 3, weil ich den ganzen nachts getrunkenen Tee loswerden musste. Vielleicht bei der Firma „mundi pharma“? Auch noch nie gehört, aber danke fürs Morphium. Und bei der Wechselwirkung (die scheinbar aufgetreten ist), auch noch bei „Astellas Pharma Ges.m.b.H.“… Nun jaBei Wikipedia lesen, dass in den Abwässern hauptsächlich neben Carbamazepin Diclofenac (Wirkstoff vom Deflamat) wird. Soviel zu meinem Dankeschön.

Mit viel Gewalt eine Stunde gemalt und nicht vorangekommen, aber mit diesem Phänomen ist man längst vertraut, als hätte ich ALLE ZEIT DER WELT… Und jetzt? Zumindest schon mal so was ähnliches wie eine Rollstuhlkartoffel und nicht fähig zu irgendetwas. Ich muss an Kartoffeln denken, die im Topf viel zu lange gekocht wurden, ohnehin von der mehligen Sorte sind, daher auch platzen und schon beim Abgießen vom Wasser in ihre Einzelteile zerbröseln und in der Spüle landen. Genauso fühle ich mich, eine passende Metapher dafür und dazu den Gedanken von der Bettkartoffel weiter gesponnen. Vor beinahe zwei Stunden alleine nach hinten ins Klo gefahren, um mich wegen der bekloppten Bauchtasche mit dem Telefon darin anzupinkeln (der Bund von der Windel viel zu weit oben und weil die Tasche das Hemd immer nach unten drückte, eben diesen nicht zu fassen bekommen), mein Darm zog es vor, nun angesichts seines Richters zu schweigen, doch ich konnte nicht mehr aufstehen. Wie oft habe ich es probiert? Fünf- oder zehnmal? Zum Telefon gegriffen und Sebastian oben angerufen. Wie soll das bloß unter der Woche laufen? Hoffen darauf, dass es mir besser geht?

Zumindest für den Ischias ein Bespaßungprogramm entwickelt: Abwechselnd jede Pobacke ins Kissen zu drücken war ja scheinbar zu wenig Bewegung für Herrn und Frau Anspruchsvoll-dabei sicherlich auch einen physiotherapeutischen Effekt erzielen, wenn ich das Powackeln auch noch mit dem gleichzeitig stattfindenden stärkeren Druck der Füße auf die Stützen, weil so Gesäß und das gesamte Bein dabei eine minimale Bewegung ausführen, kombiniere. Und Bewegung mögen sie doch so gern, oder?

Die Beine beginnen zu krampfen, gleich 13 Uhr. Ein guter Indikator dafür, die nächste Dosis einzuwerfen. Nur eines scheint gewiss: So ich nach dem Essen auf dem Sofa einschlafen sollte, werde ich vor 17 Uhr nicht mehr wach. Kurz nach 8 aufzustehen war mir schon viel zu früh und dabei ernsthaft irgendwann nach 7 beim Blick auf den Wecker in Erwägung gezogen, den frühen Vogel den Wurm fangen zu lassen, nicht erst nach 10 die Arbeit aufzunehmen, dem Herzrasen erst gar keine Chance zu bieten und mir auf diese Weise eine reelle Chance geben, ein gewisses Soll zu erfüllen. Utopie? Egal wie spät man aus dem Bett kriecht, der Körper zelebriert seine eigenen Angewohnheiten und bricht konsequent um Punkt 11 Uhr die Zusammenarbeit mit mir ab. Im Geiste vielleicht noch 35, vielleicht auch noch das Aussehen einer 35-Jährigen, aber der Körper in der Tat 95 und alte Menschen machen früher Mittagspause, um sich nach dem anstrengenden Essen erst einmal hinzulegen. Mich weder Schreien noch Wüten hören. Die Hörgeräte liegen auf dem Biedermeiertischchen mit Spitzendecke neben dem Herrensessel. Der Untermieter existiert nicht mehr. Der Körper schnarcht und gibt Geräusche von sich, die ich eher als schmerzhaft einstufen darf. Und um bei diesem Bild zu bleiben: Da soll man ernsthaft nicht anfangen, sich von seiner Wohnung, seinem Mieter zu distanzieren, sich in zwei Teile gespalten zu fühlen? Denn während er weiter Bäume umsägt, wackeln bei mir die Lampen an der Decke und es ist eben meine Decke, in der Risse entstehen.

Mir gehen wahrlich die Metaphern – und seien sie noch so absonderlich – nie aus! Schön. Wie kreativ. Als Bettkartoffel werde ich dies auch SUPER nutzen können und für einen Heidenspaß im Schlafzimmer sorgen!!

Ich will das nicht… Und warum meine Videos? Weil ich nur dort genau den Tonfall benutzen kann, der mir in diesem Medium verwehrt bleibt und nur im Ansatz angedeutet werden kann. Still und leise. Kann auch nicht hinter jedem Satz mein „Sarkasmuslämpchen“ oder meine „Ironiesirene“ installieren. Ganz zu schweigen von den stilistischen Pausen, den nachdenklichen, den deprimierten Pausen. Und jenen für die Resignation…

Einziges Ausdrucksmittel „…“.

Sebastian kommt nachhause, mit dem Essen von meiner Mutter.

Ja genau! Lecker FRESSI für das ACH SO SEHR verhungerte Püppi!!!

DAS ist IRONIE!!!

16:54

Die Natur durch vier geöffnete Lücken in meinem Gefängnis wahrnehmen, aufsaugen, und es doch nicht bis nach draußen schaffen. Auch heute wird es wohl oder übel nichts mit der Aufnahme. Am Wochenende? Überhaupt jemals? Den Elektrozobel am Rücken und ein junger Kleiber am Meisenknödel. Das Essen war salzig, viel zu viel und ich habe viel zu viel davon gefressen. In der Tat schmiedete ich Pläne, mich sofort aufs Klo zu begeben, sobald er eingeschlafen sei, um mich sodann zu übergeben. Aber vermutlich bin ich bereits vor ihm weggetreten. Bis 16:35. Als ich aufwachte, kannte ich mich nicht mehr aus, dachte, wir hätten bis morgen geschlafen und es sei so spät. Im Hier und Jetzt anzukommen dauerte seine Zeit. Nun immer noch wie benebelt. Im Badezimmer den Kopf unter eiskaltes Wasser gehalten, um die Gedanken klar zu bekommen. Definitiv etwas wacher, aber von klaren Gedanken weiter breit nichts in Sicht. Was ist nur mit mir los, mit mir geschehen? Es könnte doch mein letzter Frühling sein, also warum bin ich nicht draußen? Warum lausche ich meiner Natur nicht mehr? Nicht wie früher? Interessiert es mich etwa nicht? Die Fenster offen, doch läuft ständig irgendein Gerät, das Menschenlärm produziert. Ich sitze hier, in Reichweite Stativ und Kamera und bekomme es doch nicht gebacken, nicht einmal mit dem Rollstuhl die vier Meter um den Tisch herum bis zur Terrassentür zu fahren. Mein letztes Bild steht seit Dezember vor der Eingangstür. Es wird nie noch einmal fotografiert werden. Einfach nichts mehr auf die Reihe kriegen. Ist das die Depression? Verliere allmählich das Interesse an allem. Als sei das um mich herum ein einziges Trugbild, der Winter würde erneut alles zerstören. Flugzeug um Flugzeug. Dabei ganz kurz der Turmfalke zu hören. Was hätte ich auf meiner letzten Aufnahme zu sagen? Gäbe es überhaupt noch etwas zu sagen? Oder hat sich das Buch, das Kapitel geschlossen? Ich sehe all das auf der Terrasse, das ganze Grün drum herum, die umher schwirrenden Insekten, die sommerlichen Gräser auf der Wiese davor und die Hühner, die ab und an vorbei stiefeln, auf der Jagd nach dem nächsten Leckerbissen… Aber ich hocke nur hier, sehe hinaus und kann nicht beschreiben, welche Emotionen mich da nun genau überkommen. Wehmut? Trauer? Oder gar Gleichgültigkeit? Und ich begnüge mich mit dem, was mir hier in meinem Käfig geboten wird. Und davon bitte nicht zu viel, ich halte es nicht aus. Ein schleichender Prozess, einhergehend mit dem Verlust meiner Körperfunktionen, mich immer weiter in mein Schneckenhaus zurückzuziehen? Ich weiß ganz genau: Würde ich mit dem Rollstuhl zur Terrassentür fahren, diese öffnen und mich nur ansatzweise in die Hände meiner Natur begeben, wären da Emotionen. Aber irgendetwas veranlasst mich immer wieder diesen Kontakt unverzüglich abreißen zu lassen. Als dürfe ich diesen Tisch nicht verlassen dürfen, müsse mich zufrieden geben mit dem, was ich durch die Gitterstäbe erspähen kann. Und so gibt es eben anstatt frischer Luft heißen Tee mit Milch, anstatt Vogelgesang Musik oder Radiosendung. Erneut hinaus sehen und mich nicht spüren. Ausgenommen der Ischiasschmerz, der soeben wieder einsetzt. Irgendjemand hatte mich gefragt, ob ich nichts gezeichnet hätte, weil ich es nicht konnte oder weil mir die Inspiration fehlte. Ich glaube es war Waltraud, die ihrerseits Kunstwissenschaften studiert hatte, bevor sie Physiotherapeutin wurde und beim von ihr gewünschten Durchsehen meines Bilderordners hatte sie sofort scharfsinnig festgestellt, dass es in den früheren Werken mehr um die Seele ging und in den letzten um den Körper, die Krankheit.

Vermutlich habe ich das längst geschrieben. Aber ich weiß nichts mehr und kann nur hoffen, dass in diesem Fall wenigstens meine Wortwahl variiert. Zeternde Meisenkinder und Flugzeug. War nicht auch das ein Indiz? Das allmählich der Genuss an der Natur zu einer einzigen Jagd auf perfekte Aufnahme reduziert wurde und nun hat auch das seinen Reiz verloren? Eigentlich möchte ich jetzt zu meiner Schale Schwarztee die Kochsendung einschalten… Lebenszeitvergeudung. Ich sollte tot sein.

Hohle Phrasen, leere Worte. Es nicht wert. Zur Abenddosis greifen, alsbald 18 Uhr.Wäre es nicht eine einzige Lüge, die Aufnahme draußen zu machen? Wenn ich den Platz am Tisch nie verlasse? Nur der schöneren Bilder wegen? Der Abwechslung? Das Zirrpen der Grillen bildet einen akustischen Ring ums Haus, um mich herum. Das Fehlen einer Etappe des Frühlings wird ja wohl kaum als Ausrede herhalten können, warum ich es nicht nach draußen schaffe. Ich will nicht mehr leben. Obwohl in der Tat die Suizidgedanken nachgelassen haben.

Beim Ausdrücken der beiden winzigen Tabletten vom Lamictal die nächste Ohrfeige einsammeln, aber doch führt es nicht zu der logischen Konsequenz, dann zumindest mit den Händen zu trainieren, irgendetwas an meinem Körper zu trainieren. Lethargie im Rollstuhl. Und mir einzureden, diese minimale Muskelbewegung in den Beinen gegen die beiden größten Nerven im menschlichen Körper sei auch Training, ist beinahe so, als würde man Scheiße mit einer rosaroten Schleife verzieren und so auch noch darüber hinwegtäuschen, dass es per se nicht ums Training geht, lediglich um eine unverzichtbare Methode, den Schmerz zu lindern. Wäre dieser nicht da, was dann? Seit unserem Einkauf gestern mich so gut wie gar nicht mit dem Rollator bewegt. War dessen nicht fähig. „Ruhig bleiben.“. Das sagt sich so leicht daher. „Nur eine Schwankung“-diese vermeintlichen Schwankungen haben aber früher anders ausgesehen.

Ganz plötzlich klopft sie an, die Angst vor morgen, vor meinem Gewicht um 7.

18:35

Kurz vor 6 mich dann doch noch meiner guten Vorsätze entsonnen und mir den Rollator geschnappt, um damit mehr oder minder „ordentlich“ in Richtung Klo zu schlurfen. Kaum auf dem Topf gesessen konnte ich nicht mehr aufstehen. Schon wieder nicht. Dabei hatten sich meine Hände bei der Hinfahrt auf den Griffen zumindest so angefühlt, als hätte das Tramal immerhin die Tapeten auf der maroden Wand behelfsmäßig wiederhergestellt. Und mein Gangbild war nicht so entsetzlich wie vor dem Schläfchen (hinterher hatte mich Sebastian bis jetzt nur noch mit dem Rollstuhl von A nach B gekarrt). Aber was bedeutet das nun für mein Malen? Der Blick wandert hinaus, das Licht der tief stehenden Sonne zaubert einen ganz eigenen Charme auf die Landschaft. Nun ist es definitiv Wehmut und Schmerz. Ich will mein Leben zurück.

Das geht nicht, aber die Welt da draußen ist dieselbe geblieben.“.

Nein, ist sie eben nicht! Sie ist behaftet mit so vielen Erinnerungen, hauptsächlich schönen Erinnerungen.

Aber vor lauter Erinnern siehst du das JETZT um dich herum nicht!“.

Doch der Schmerz ist stärker, die Prioritäten verschoben. Waren sie das nicht schon immer? Habe ich nicht schon als kleines Kind um das Jetzt und die Vergangenheit getrauert? Und vor der Zukunft Angst gehabt?

Eine Aufnahme zu machen wäre ohnehin Utopie; Feiertag und ein Sportflugzeug nach dem anderen im Tiefflug… Als würden die großen Höllenmaschinen nicht schon ausreichen.

Nebenbei erwähnt, es wird alsbald 7. Mich wieder mit wenig Zuversicht an die Leinwand setzen.

Zuvor die Eintragungen im Kalender nicht sonderlich vielversprechend und ein weiteres Problem, das ich mit dem Wechsel der Jahreszeiten mittlerweile habe? Ich assoziiere sie nur noch mit meinen Videos und aus unerfindlichen wird mir dabei speiübel… Genug wertlos vor mich hin philosophiert!

19:39

Abrupt abbrechen müssen. Ich fange plötzlich an heftig zu gähnen. Wie ein alter, zahnloser Löwe, weit das Maul aufgerissen, über Sekunden hinweg. Und während sich oben Müdigkeit einstellt, passiert eine Etage tiefer etwas gravierendes: Die Hände verkrampfen spastisch, links wie rechts, die Finger werden zu Klauen und als ich nach dem ersten Gähnen zum Pinsel greifen möchte, bekomme ich diesen nicht zu fassen, ganz zu schweigen davon, ihn halten zu können. Die Hände in der Luft schütteln, mit der zur Faust mutierten Linken verzweifelt versuchen, irgendwie die Finger der Rechten vom Handballen zu lösen. Erst missglückt ist, doch nach geraumer Zeit lockert sich der Krampf und ich male weitere zehn Minuten, ehe ich zur Kapitulation gezwungen werde. Dabei tragischerweise aktuell die Lichtbedingungen perfekt, um eben auch auf dem schwarzen Originalfoto die Faltenzeichnung gut erkennen zu können.

Fine nervt währenddessen draußen ungemein, rennt auf der Terrasse auf und ab mit einer winzigen Maus im Maul und miaut in einem fort.

Die neue Traubenzuckerpackung öffnen. „Classic“ steht da auf blauem Grund und als ich die Folie entfernt habe und den schnellen Zucker rieche, ganz plötzlich wieder Kindheitserinnerung, weil ich diesen Geruch schon so lange nicht mehr in der Nase hatte. Dabei hörte das Gähnen bereits in dem Moment auf, als ich das Ende für beschlossene Sache befunden hatte.

Nun setzt sich die Katze wie so oft auf die Terrasse, in Sichtweite, und fängt an, das arme Opfer zu verspeisen. Mahlzeit…

Warum bedurfte es des Traubenzuckers, wenn ich doch erst vor einer Stunde eine Nektarine gegessen habe.

20:42

358:05, 1 Stunde und 35 Minuten. Es beginnt zu krampfen. Das Abendkonzert hat soeben begonnen und die Holunderblüten hinten an der Grundstücksgrenze leuchten in diesem schummrigen Licht. Mönchsgrasmücke, Singdrossel und Grillen, alles voller Grillen. Und ganz plötzlich kann man den Holunder auch riechen. Aber jetzt mal im Ernst: Ist es nicht mehr als verständlich, schönen Zeiten in der Vergangenheit nachzutrauern als sich bei diesen Prognosen auf die Zukunft zu freuen?

Aber so ist das Leben nun mal!“. Ich geb einen Dreck auf dieses „Leben“!!!

25. Mai 2016, Mittw 8:19

Regina kommt um 9. Unruhe und Anspannung nehmen tendenziell zu. Immer im Blickwinkel das Psychopax rechts neben mir. Vielleicht auch fürs Gewicht? 55,5 um 7. WAS für eine Fressattacke abends!!! Nun ist es soweit! Der eine Blutzuckersturz, die Tabletten oder Ankündigung, dass mir karge Tage bevorstehen könnten?

DU und HUNGERN??!! Ich lach mich schlapp!!!

12:24

Regina immer noch da und ich wie bekifft. Über Sebastians Schlampigkeit ausführlich ausgelassen (obwohl das beinah an Messitum grenzt) und anschließend selbst in Aktion getreten, nun kaputt und wie benebelt. Einmal ohne Panikattacke. Obwohl der Zustand hier einer KERNSANIERUNG bedurfte!!! Fast 3 Stunden NUR für die Küche und noch lang nicht alles erledigt. Zitat: „Wo ist es hier dreckig?“. Oder: „Das ist nicht unordentlich! Wo soll hier Unordnung sein?“. Der junge Mann geht hier ohne mich zugrunde, erstickt in Krempel und Müll!! Deswegen am Leben bleiben?

Keine Panikattacke, aber Anspannung zwecks Ärgern. Ergo: Epileptische Anfälle. Myoklonische Anfälle (mich allmählich in die Materie einlesen).

12:58 und 3,5 nur für Küche, Müll, kurz staubsaugen im Haus. „Es ist für euch beide viel zu groß!“. Wie recht sie hat. Aber keiner konnte 2002 wissen, dass es keine Kinder geben wird. Und zwei waren doch geplant.

16:42

Zurück vom großen Einkauf. Erschlagen. Es dröhnt in meinem Schädel und immer noch völlig betäubt. Die Hitze hatte ihre Konsequenzen. Zerschmolz wie Butter in der Sonne. Aber es gab so viele Dinge, die besorgt werden mussten. Einen neuen Eimer fürs Badezimmer, viermal so groß wie sein Vorgänger, um Platz für die Windeln zu haben. Allerhand Putzzeug für Regina. So eine Teekanne, wie es sie im Krankenhaus gegeben hat. Nur den richtigen Tee konnte ich nicht finden. Was Süßigkeiten und Bausteine für das erfolgreiche Konstrieren einer wunderschönen Fress-Brechattacke. Dabei sah ich ganz sehnsüchtig immer wieder ins Süßigkeitenregal, zu den Keksen, der Schokolade… Alles, was es am Ende mit Kohlenhydraten im Einkaufskorb landete, war eine Packung Traubenzucker. Für Zustände wie gestern. Fürs Abendessen Karotten, Obst und vielleicht Käse. Vielleicht Joghurt. Aber irgendwie muss ich mein Gewicht aktiv drücken, dieser Bauch hängt wie eine Schürze über meinen Hosenbund. Im riesigen Supermarkt in der geräumigen Behindertentoilette half mir Sebastian beim Anziehen meiner Hose. Hinten bereits richtig hochgezogen, nur noch vorne noch nicht an seinem angestammten Platz und mein Hemd rutschte nach oben, ich streichelte meinen Bauch und schaute ihn mit einem fragwürdig amüsierten Blick an: „Fünfter Monat! Bald kommt es! Was es wohl wird? Ein Mädchen, ein Junge, ein Alien?“. ZUM KOTZEN! Wortwörtlich!

Am Wochenende möchte Sebastian ausgehen. Noch im Supermarkt dachte ich darüber nach, dass das eine wunderbare Gelegenheit wäre, mich vollzustopfen, um mich hinterher gewalttätig erneut zu entleeren, mich meiner „Schuld“ (zumindest diesem kurzfristig bestehenden Fragment) zu entledigen. Den Stiel vom langen Pinsel tief in den Rachen rammen. Doch dann sah ich mich stehen, vor der Toilette, dachte an den Gang zum Klo vor unserer Fahrt nach Fürstenfeld, als ich mich alleine mit dem Griff an der Wand aufrichten konnte, doch kaum hatte ich mich umgedreht, um die Spülung zu betätigen, kippte ich zurück auf die Schüssel. Und da fing ich natürlich schon an mir zu überlegen, wie das ablaufen sollte. Und im Geiste fiel ich währenddessen um und musste ihn anrufen, dass er mir wieder hoch hilft. Mich rettet. Und im besten Fall schlage ich mir den Schädel ein… Doch wahrscheinlicher ist, dass ich ihn mir nur „anschlagen“ werde. Im besten Fall liege ich da noch in meiner eigenen Kotze. Ganz zu schweigen von der sauer stinkenden Brühe im Lokus. Das wäre die nächste Glanzleistung, ein weiteres Highlight auf meiner Karriereleiter, hoch in den Himmel der Geschmacklosigkeiten.

Ebenfalls vor unserer Fahrt las ich ein wenig darüber, wie es sich nun tatsächlich mit der sekundär progredienten MS im MRT verhält. Und in der Tat hatte ich wohl recht mit meiner Aussage vor dem Oberarzt: Man sieht nichts und hatte doch meine Neurologin beizeiten einmal gesagt, dass die Progredienz sich per se eben nicht in der Bildgebung abzeichnen muss? In dem Artikel stand ebenfalls, dass es auch bei weit fortgeschrittener SP-MS zu Schüben kommen kann. Im Sinne von Entzündungen in Gehirn und Rückenmark, die wiederum sehr gut auf Cortison ansprechen würden. Was mir aber bis dato unklar war: Fast 50 Prozent, also die Hälfte der an MS erkrankten Menschen gehen nach etwa 10 oder 15 Jahren in den progredienten Verlauf über. Eine konsequente Quote würde ich sagen. Deprimierend. Und ich hab mich auch brav und folgsam an die 10 Jahre gehalten. Wenn man die unschlüssigen Symptome ab 16 großzügig übersieht, vom Diagnosejahr bis 2008 rechnet, als die ersten gravierenden Schäden nach Schüben anhänglich mein Dasein fortan „bereicherten“. Dabei beim Aufräumen in Gedanken bei der Ergotherapie und so ließ ich die Schwarzteebeutel von der Schachtel erst mit der rechten -und nachdem ich mich selbst gemaßregelt hatte -mit der linken Hand in das Körbchen auf der Küchenarbeitsplatten wandern. Ich schaffte zwar nicht viel, aber…

Beim Anblick vom Klatschmohn am Ackerrand während der Rückfahrt wurde ich bereits ganz wehmütig. Wieder zurück zuhause bat ich ihn, von einem unserer Holunderbüsche ein Ästchen abzubrechen, damit ich ihn auf meinem Tisch in ein Glas mit Wasser stellen kann. Ich roch an der weißen Dolde und für einen Augenblick sah ich mein ganzes Leben an mir vorüber ziehen. „Wundere dich nicht, wenn ich jetzt zu weinen anfange…“. Darauf er verwundert: „Wieso?“. Ich schwieg. Mein ganzes Leben verpackt in diesem einen Geruch! Meine gesamte Kindheit, meine Jugend… ich hätte mich mit 18 umbringen sollen. Mir wäre so einiges erspart geblieben.

Schwer seufzen… Ganz plötzlich muss ich bei diesen den Sommer ankündigenden Wetterbedingungen zwangsläufig ans Pferd denken, meine Kolga und Fronie, eine Ziege wie ein Hund. Alles verloren. Noch einmal seufzen und bei dem Gedanken an Herbst und erneut Winter verdüstert sich meine Miene.

Meine Mutter hat gefragt, ob sie morgen für uns mitkochen soll. Wie auch schon letztes Mal nahmen wir das Angebot dankend an. Hier wird ohnehin kaum noch gekocht, keine Ideen und wenn doch, dauern sie zu lange, überfordern und werden ad acta gelegt.

Mein Ischias bringt mich soeben um. Ich überlege, was ich schlucken könnte. Den Namen der Tabletten vergessen… Deflamat?

20:56

Die letzten Vögel singen ihre Lieder; Amsel, Singdrossel, Mönchsgrasmücke, Rotkehlchen, das hinterhältige Kichern vom Kuckuck. Und Grillen, unzählige Grillen. Die ganze Wiese voll. Ich müsste draußen sein, wie früher. Die Augen ertrinken.

Die Füße heute so dermaßen geschwollen, sie passten nicht in meine Lederschuhe. Die Hitze hat mich aufgefressen. Die logische Schlussfolgerung daraus nur eine Momentaufnahme dieser beschissenen Krankheit?

Alles wird gut! Alles wird besser!“. „Was beschwerst du dich eigentlich? Du bist doch selber schuld, wenn du dich so gehen lässt. Hast du das heute in der Glotze von diesem Badminton-Spieler, der nun bei den Paralympics antreten wird wegen seiner spastischen Hand, etwa nicht gehört?! Er müsse und würde konsequent immer seine Hand bewegen, trainieren, hat er gesagt. Denn sonst würde sie verkümmern und das wolle er nicht!“. Ein Hieb in die Magengegend. Darauf einen Schluck heißen Tee mit Milch, zur Beruhigung, während es finster wird, der Himmel sein dunkelblaues Gewand angelegt und nur noch die Singdrosseln die Nacht heraufbeschwören.

21:21

Nur noch Percussion zwischen den Gräsern, die Vögel haben lange mitgemacht. Die Sommersonnenwende und der Gipfel der Helligkeit alsbald erreicht. Löst ebenso Angstgefühle und Herzrasen aus. Heuschrecken nicht zu vernehmen. Mein Liebster stellt zum zweiten Mal den Tee in die Mikrowelle, ich halte ihn kalt oder lauwarm nicht aus, ihm und diesem Moment im Tag nicht würdig. Die Augen fallen zu, eingerahmt von dicken Gummireifen. Mal etwas anderes als sonst. Die Stimme immer noch gebrochen, verheult. Nicht so weit entfernt der kleine Nervenzusammenbruch, dem vorausgegangen eine Salve von Hasstiraden und Selbstbeschimpfungen.

DU BESCHISSENER VOLLSPASST!!!!!

Darunter noch eine der harmloseren Missgeburten, die aus meinem Mund geschmettert kamen. Und direkt im Anhang, um mich abzusichern und weil es mir leid tat und ich mich zwangsläufig schuldig fühlte: „Aber NICHTS gegen Menschen mit Spastiken!!“. Dann das in mich Zusammenfallen und mich in seinen Armen verkriechen. Um in einem fort ein und denselben Satz wie einen heiligen und bedeutungsschwangeren Psalm hoch und runter beten: „Ich kann nicht mehr! Ich kann nicht mehr! Ich kann nicht mehr! Ich kann nicht mehr!…“. Endlosschleife. Jedoch ab und an Variationen einstreuen: „Ich will mein Leben zurück! Ich will mein Leben zurück! Ich will mein Leben zurück!!“.

Mich minutenlang mit Teelicht und Feuerzeug herum quälen, ehe ich kapituliere und er mich erlöst…

Die Spastiken nahmen rapide zu. Der Ischias bereitete höllische Schmerzen und das Abendessen verzögerte sich immer weiter, ich auf der Suche nach dem richtigen Medikament. „Bewegung!“ steht da in diversen Artikeln im Internet zu lesen. Ihr Arschlöcher!! Magenschutz und ein Deflamat 75mg. Warten. Kaum Reaktion meines Körpers. Im Auto hatte sich der Schmerz bereits an meine Arschbacken geheftet. Wanderte hinab in meine Oberschenkel..

Und wieder einmal die Abfolge der einzelnen Geschehnisse durcheinandergebracht: Schmerztablette, Abendessen, er ging nach oben, mein Abendessen verzögerte sich um weitere eineinhalb Stunden, unfassbare, der Völlerei huldigende 3 Scheiben vom frische Roggenvollkornbrot gefressen, mir viel Zeit gelassen, sie mit meinem Standardhummus zu genießen und der Schmerz hörte nicht auf… Um zur Krönung des scheidenden Abends nun endlich sein wahres Gesicht zu zeigen, seinen Sadismus an die Spitze zu treiben und-als hätte dieser Schokoguss, dicker als die Torte darunter-zu allem Überfluss noch zu meinem Entertainment gefehlt! Neuropathie und Krämpfe im linken Bein. Geißelung von höchster Qualität! Ich stand auf, ging in der Küche auf und ab, ziemlich instabil, desolat, sodass er mich verfolgte, mit seiner Rechten meinen Hosenbund fest im Griff. Vor meiner unfreiwilligen Sporteinheit (HAHAHA!) gleich 2 Hydal 1,3 mg eingeworfen, mir mittlerweile scheißegal, ob ich abhängig werde oder nicht, ob das regelkonform oder „illegal“ sein könnte. Daher die Gummiringe um meine Augen. Noch betäubter als zuvor. Der Schmerz ließ für einen Augenblick nach. Dann kehrte er zurück. Ach! WAS für ein Glückspilz ich doch bin!! OHNE Krämpfe!!… Ich könnte kotzen! Erneut verzweifeln, angestrengt nach einer Lösung suchen: „Was wäre, wenn ich auf der Fußstütze etwas ablege, damit das Bein abgewinkelt eine höhere Position einnimmt als das andere?“, und eben nicht mehr dieses vermaledeite Sitzkissen berührt, sich dessen weiche und doch so „effektvolle“ Kante die ganze Zeit mit dem größten Nerv im menschlichen Körper anlegt?“. Es erst mit einer großen Flasche Acrylfarbe probiert, doch sie rollte bereits nach wenigen Minuten davon. Der nächste Versuch eine Antirutschmatte auf die Stütze, darauf einen kleinen Therapieball und wiederum auf eben diesem meinen Fuß gestellt. „Es ist wie Urlaub!“. Eine Stunde lang, mich aber wie schon fast gewohnt anschließend im selben Dilemma wieder finden.

Mich immer wieder dehnen, strecken. Für die linke Schulter mehr als ungewohnt und dadurch unbequem, die Hand mit ausgestreckten Fingern auf der Tischplatte liegen zu lassen. Wie vormittags bei der kurzen Maleinheit. Zu mehr als 27 Minuten kam ich nicht, denn da trudelte Regina ein und man unterhielt sich stundenlang nach den Wochen Urlaub voneinander mehr als angeregt. Und nach der Heimkehr vom Einkauf war ohnehin nicht mehr an Arbeit zu denken…

Zuvor in meiner tränenreichen Ankunft in der seelischen Sackgasse: „Das ist jetzt ganz sicher mein letztes Bild!…“. 356:27. Und ich hatte doch tatsächlich gewagte zu denken, dass es mir heute Vormittag richtig gut ging, ich locker von Rollstuhl, Leibstuhl, Toilette selbstständig aufstehen konnte. Wie vermessen… und zeitgleich ein schlechtes Gewissen, mich schuldig fühlen (erneut): „Sie hatten recht im Krankenhaus! Habe ich mir das alles nur eingebildet? Oder die Woche im Video-EEG für meine Kapazitäten, meine spärlichen Ressourcen zu anstrengend? Einfach nur ein kleiner Zusammenbruch, mit Beginn bereits während der Untersuchung?“. „Einfach nur“… Was ist das? Was soll das sein? Mich entschuldigen müssen? Wie konnte ich es wagen? Wie so arrogant sein, die Diagnose der beiden Neurologinnen anzuzweifeln? Es besser wissen zu wollen? Und dass es mir jetzt schlechter geht ein Produkt davon, vormittags ein wenig übertrieben, mich anschließend der Sonne ausgesetzt zu haben und dann noch im Baumarkt ein wenig mit dem Rollstuhl selbst gefahren zu sein? Ich immer gleich so dermaßen übertreiben muss, aus einer Mücke einen Elefanten mache, oder gleich rosarote Elefanten sehe, Visionen habe und sowieso viel schlauer bin, als der Rest der Welt, eben nur, weil ich in diesem Körper stecke (zudem nicht zu vergessen – unfreiwillig) und mir nur wegen diesem winzigen Detail das Recht herausnehme bewerten zu wollen, was echt ist und was nicht, selbst Diagnosen stellen zu können, gar selbst zu wissen, was sich da abspielt und mich zum Straucheln bringt…

Während meinem Zusammenbruch mit übertrieben zynischer Färbung meines Tonfalles: „Dann musst du dir eben etwas anderes suchen statt Laufen, Malen, eine andere Beschäftigung, Alternativen…“, um sodann zu meiner heute sehr verhassten, viel zu tiefen Stimme zurückzukehren: „Natürlich, du kannst mich ja mit dem Rollstuhl ins Altersheim fahren, nun, wo ich meinen alten Dialekt wieder entdeckt habe und ohnehin die ganze Zeit in diesen verfalle beim Sprechen. Und die Geriatrie unterhalten!“. Wie hat Blümchen gelacht, als ich ihr gestand, schmunzelnderweise, NUR wegen IHR wieder Mundart geredet zu haben. Mich derer entsonnen hatte, damit sie mich besser verstünde.

Mit der flachen Hand mehrmals mir selbst auf die Stirn schlagen. Jedes dritte Wort verlässt verdreht, sozusagen verkrüppelt oder mit gar ganz anderer Bedeutung Hirn, Stimmbänder und Lippen. Ich bin völlig auf den Kopf gestellt und so kann die Denkmaschine da oben/unten auch nicht arbeiten. Diese beschissenen Antiepileptika. Und zu allem Überfluss ein Anfall nach dem anderen. Immer stärker, immer mehr und vor allem um immer sensibler auf kleinste Spannungen in meinen Emotionen auf die Barrikaden zu gehen und mich mit Stromschlägen zu beschießen.

Mittlerweile schmerzt sogar das rechte Hüftgelenk…

JAMMER! JAMMER! JAMMER!! Hör dir doch mal zu, Hypochonder!!

Worauf bist du aus?! Mitleid!, Mitleid! MITLEID!!

Wie ELEND, WIE SCHÄBIG ist das denn?!!

Allen Grund mich zu verachten, mich für mich selbst unablässig zu entschuldigen, mich zu verachten!

Kathrin würde nun sagen, ich drehe mich mit einer Spirale immer tiefer in einem Themenkreislauf weiter und weiter hinab in den Sumpf von konstruktivem Gedankengut. Dort, wo es weder Licht noch wohlwollende Vokabeln für die eigene Person mehr gibt. Eben dort, wo nichts anderes mehr wachsen kann als Selbsthass und Selbstzerstörung. Und in der Mitte, am tiefsten schwarzen Punkt nur noch der Suizid gedeiht.

Und wenn ich dort zuhause bin? Mich seit meinem sechsten Lebensjahr dort eingerichtet habe?

Zuwider der Empfehlung des dritten Psychiaters nicht seinen Kollegen in Feldbach kontaktieren werden, keine Lust, 20 Minuten zu fahren und dann wieder nur seine Vertretung/seinen Mitarbeiter/Kollegen anzutreffen und keine vernünftige Antwort zu bekommen. Die Nummer einer „neuen“ Neurologin/Psychiaterin in Fürstenfeld herausgesucht. Gleich am Freitag anrufen und inständig hoffen, nicht zu lange auf einen Termin warten. Ihre Bewertungen im Internet sahen vielversprechend aus. Soweit man darauf überhaupt etwas geben kann.

Es reicht, es langt. Genug ausgekotzt. Diese artikulierte Kacke noch einmal überfliegen und nach Fehlern Ausschau halten.

Als ob DU die Grammatik beherrschen würdest!! Hör dir doch mal zu!!

00:27

Ins Bett und davon ausgehen, dass sich der Schrotthaufen dort -kaum zur Ruhe gekommen- bitterböse rächen wird. Alles an Drogen (Pregabalin, Tramal, Hydal) auf den Rollator packen…

24. Mai 2016, Dienstag 07:46

55,7 um 7 und ein dickes Ausrufezeichen.

Das Zetern der kleinen Kohlmeisen ringsum, eine Amsel singt, leise, Regen prasselt gegen das Fenster. Mit drei Tagen Verspätung alles genauso wie vor über einem Jahr.

Nur mit dem kleinen Unterschied, dass ich heute keine Überdosis schlucken werde. Stattdessen bin ich innerlich am Zittern. Nichts macht Sinn. Ein Ziegelstein erdrückt meine Eingeweide. Mein Herz rast… Morgen Regina und Freitag Brigitte. Mir läuft die Zeit davon. In meinem Traum rebellierte ich gegen meine Familie, trug ein weites, weißes Kleid und auf meiner überstürzten Flucht aus dem Gastzimmer stürzte ich ins Süßigkeitenregal. Ich muss mir wohl schon auf dem Weg die Treppe hoch in mein Zimmer tiefe Schnittwunden mit einem Skalpell am linken Unterarm zugefügt haben. Wie so oft in meinen Träumen haste ich in mein Kinderzimmer und versuche so schnell wie möglich, die Tür zu schließen. Doch war zweigeteilt, wie bei einem Pferdestall, und voller Panik schloss ich beide Teile, um sie sodann zu verriegeln, die Meute vermeintlich dicht auf meinen Fersen. Erst da sank ich erschöpft auf den Boden und sah, was ich angerichtet hattee. Das weiße Kleid, von oben bis unten voll gespritzt mit dem roten Blut, diesem Rot, dieser wunderschöne Kontrast… ich war ganz berauscht. Jetzt erst setzten leichte Schmerzen in der rechten Hand ein. War mir nicht aufgefallen, dass ich sie mir beim Sturz so sehr verletzt hatte. Das Blut quoll aus den Wunden, beidseits, tropfte auf den Boden…

Mein Sturz im Krankenhaus und mit der Stirn auf dem Boden liegend mein Blut über die Nase rinnen und auf den Boden tropfen zu sehen, ganz dicht vor meinen Augen, muss mich sehr inspiriert haben. Eine der Schwestern meinte ja, beim Anblick meines Körpers auf dem Boden hätte sie gedacht, ich sei tot. Warum war ich es nicht?

Nun zu einem Frühstück überzugehen, erscheint skurril. Wie eine andere Welt, in die ich nicht passe.

Aber das Mastschwein will gemästet werden!

8:36

Gegessen, ZU VIEL gegessen. Sebastian meinte es gut mit mir, tischte mir gleich zwei dicke Scheiben Vollkornbrot auf. Und ich? Maßlos wie so oft in letzter Zeit? Entschied mich, noch ein Drittel der zweiten Scheibe zu essen. Zumal die Sendung noch nicht zu Ende. Spätestens heute Nacht, wenn es ums Ausziehen geht, wird der Selbsthass erst richtig aufblühen. Mit optischer Unterstützung geht es immer besser!

Der Ansturm aufs Restaurant ist überwältigend und erst jetzt fange ich an zu verstehen, warum. Oder hatte ich diese Erkenntnis schon einmal? Schon tausendmal? Bei Regen fliegen weniger Insekten. So einfach. Es wird so viel wie möglich in den Schnabel geschaufelt, um dann kleinere Schnäbel zu stopfen. Fressen im Akkord. Ein winziger Spatz bettelt einen Erwachsene an. Erfolglos. „Pass bitte auf dich auf!“. Schon viel zu oft diese kleinen Himmelsstürmer der Zukunft für einen emsigen Augenblick ihres Lebens begleitet und dann lagen sie tot auf der Terrasse. Neben dem Haus. Wurden gefressen. Auch entsteht der Eindruck, nur das Buchfinkenweibchen versorgt seine Kinder oder hat sie nach dem Legen und Brüten einen höheren Nährstoffbedarf? Ganz zart und unauffällig zwischen all den anderen Möchtegernpiloten.

Da wird es Dreiviertel und ich sollte endlich anfangen. Obwohl Rücken und Ischias sich zumindest schon einmal die Augen reiben.

10:49

Die Terrassentür geöffnet, einen Spalt nur, damit Fine hinaus gehen konnte. Der Raum füllt sich mit kühler, feuchter Luft, der Regen hat aufgehört. Die Luft erfüllt vom Schnarren unzähliger ungeduldiger Meisenkinder. Ich könnte jetzt filmen, durch die offene Tür direkt aufs Restaurant hinaus die Kamera gerichtet. Mit langsamen Bewegungen würden sie mich nicht bemerken. Aber ich lasse es sein, throne stattdessen auf meiner dicken Wampe und verharre in Lethargie. Kaum ein anderer Vogel ist zu hören, lediglich eine Ringeltaube in den drei Eichen. Die Sonne scheint hinter dem Vorhang die Bühne zu betreten. Das Buch ist erschreckend und zugleich ansteckend. Die Beschreibung ihrer Anorexie, ihrer Selbstverletzung. Es ging lange gut, einfach zu lange. Das anfängliche Gefühl verwerfen, die verdoppelten Antidepressiva würden eine Wirkung zeigen. Definitiv ist der Mund nicht mehr so trocken, obwohl das bei Dosissteigerung irgendwie nicht zu erwarten war. Noch nicht geschafft, einen HNO-Arzt zu kontaktieren, nicht, den Psychiater/Neurologen anzurufen. Ich schaffe gar nichts. Außer einer Stunde und 15 Minuten zu malen und dass ist keine Glanzleistung. Die Rufe der Meisen scheinen das Diktierprogramm zu irritieren und arg in Probleme zu bringen, es versteht mich nicht. Aber ich will die Natur nicht aussperren. Kindheitserinnerungen überfluten mich. Mitunter. Jetzt vor einem Jahr und drei Tagen hätte ich gerade die Tabletten abgezählt, zum x-ten Mal. Mit mir gerungen, gehadert, gezweifelt, verzweifelt. Malen oder Überdosis?

14:41

Das Lamictal falsch eingenommen. Warum nicht dieses Zeug im Video-EEG erhalten? Alle 10 Sekunden Stromschläge, Zuckungen, Verkrampfen der Arme, Erstarren der Gesichtszüge, fast umfallen, Gaumenschnalzen, abruptes Erwürgen von ausgesprochenen Worten. Kein Zweifel an der Epilepsie.

Eine Überdosis kann tödlich sein. Befinden sich in meinem Notfallsäckchen nicht auch solche?

16:41

Das Restaurant wie leer gefegt. Nur noch wenige Vögel in Sicht und dahinter klart der Himmel auf, bringt freundliche Abendstimmung und vielleicht mach ich doch noch ein Video? Gemalt lediglich 45 Minuten, die Hand vermag den Einkaufszettel nicht zu schreiben. Erneut Reisauflauf gegessen, meine Mutter hat es sehr gut mit uns gemeint, ein riesiges Stück mitgegeben, welches ich nun aufzuessen versuche. Und mit jedem Stück fühle ich mich schlechter, möchte mich übergeben, möchte das Essen komplett einstellen.

Den blauen Himmel betrachtend möchte ich zu allem Überfluss auch noch Benzos einwerfen. Die letzten beiden Tage wohl zu viel davon gehört und gelesen, das Herzrasen unüberwindbar – bzw. rede ich mir das selbst ein. Gestört bleibt gestört. Als sei es längst an der Zeit, ein neues Skalpell und ebenso neue Rasierklingen aus der Rollatortasche zu zaubern und mir selbst Leid zuzufügen. Ich will mein Blut sehen und will ich mein Tagebuch öffentlich lassen, kann ich wie immer nicht alles sagen, muss mich selbst zensieren.

[…..]

Eine weitere Passage, die ich dann heute mal nur in meinem gesperrten Bereich veröffentlichen werde, also zwei Fassungen meiner ausgekotzten Gedanken. Wen es interessieren sollte, kann mich ja anschreiben und um das Passwort fragen.

Es folgt eine Hitzewallung und ich weiß nicht, ob es an dem jüngst eingeschalteten Elektrozobel im Rücken, dem Tee (der meiner Meinung nach kalt ist), der vollen Blase oder tatsächlich meinem Blutzucker liegt, weil die Entwässerungstablette (ebenfalls meiner Meinung nach nicht sonderlich fleißig) meinen Körper ausgeschwemmt haben könnte?

17:54

Kollabiert. Binnen weniger Sekunden versagten mir auf dem Rollstuhl alle Kräfte. Und nun folgte eine handfeste Fressattacke. Dabei sollte es abends nur einen Apfel geben…

20:50

Weiter fressen und nur noch viel zu viel Tee schlürfend am Video gebastelt. Ich hasse mich.

356, 2 Stunden 15 Minuten. Wäre ich tot , wie wäre das?…