31. März 2020, Dienstag „Fertig…“

10:49
Am Restaurant wieder dieses Rotkehlchen mit der steilen Frisur. Die Sonne scheint, aber es ist kalt. Die Spülmaschine läuft und ich fühle mich leicht benebelt. Wovon nun auch immer. Oder ist es einfach nur Müdigkeit?

Der Export läuft, das Filmprojekt ist abgeschlossen. Also genau genommen Teil eins davon. Wäre das Leben tatsächlich so langweilig, würde der Körper nicht ständig für Aufsehen sorgen? Wie soll, wie darf oder besser gesagt wie muss ich das jetzt bitteschön wieder interpretieren? Heute hat er die Batterie von der Waage ausgetauscht. Ich konnte nicht runter aufs Display sehen und konnte ihn nur immer wieder fragen hören: „Ist das ihr Ernst? Ist das so richtig?! Kann das wirklich stimmen??!!“.

Warum all dieses Erstaunen, diese ganzen Fragezeichen?

Wir erinnern uns? Vor etwa sechs Tagen waren es 65 Kilo.

Und heute?! 71!!!

Ich hab‘ es dir doch gesagt, dass die Beine total geschwollen sind! Nur sieht man es eben am besten an den Sprunggelenken!! Aber auch hier oben, die Oberschenkel, der Übergang vom Unterschenkel ins Knie…“. Er schüttelte den Kopf: „Tut mir leid, vermutlich hätte ich es wieder nicht gesehen… Aber sechs Kilo mehr in sechs Tagen?!“. Und dann fängt er noch an drüber nachzudenken, was wir alles gegessen haben… Ich habe so gut wie NICHTS gegessen! Heute zusätzlich wieder eine Furosemid geschluckt. Was hat das denn nun alles wieder zu bedeuten? Muss ich mir nun ernsthaft Sorgen um den neuen Port machen? Aber warum sind dann beide Beine geschwollen? Und ich kann die Frage direkt schon aus dem Munde irgendeines Arztes hören. Dann könnte ich kontern: „Ja, aber WARUM ist dann die akute, neue Thrombose in der LINKEN Subclavia, in der LINKEN Axilliaris??? Wenn doch der Port rechts in der Halsvene lag???“.

Ich drehe durch. Schlicht und ergreifend, ich drehe durch. Was ist, wenn die Spülung zuletzt im Krankenhaus gar nicht in den Port rein lief, sondern eben in diese Gewebetasche? Drum war da, obwohl er zuvor punktiert hatte, auch gleich wieder so eine Beule????

Verdammt, muss ich die Arbeit der Ärzte machen????

Und wieder diese Gewissensbisse, diese Selbstvorwürfe, diese Angst, dass man mich für einen Hypochonder hält. Dem man dann nichts mehr glaubt! Und ja, die massive Schwellung an den Beinen ist neu, erst in den letzten drei Tagen zu diesem Ausmaß angewachsen! Oder funktioniert die Waage nicht? Hat die Waage wegen der schwachen Batterie vor sechs Tagen nicht funktioniert? Ein falsches, zu niedriges Gewicht angezeigt???

Ich bekomme Augenkrebs von den ganzen Fragezeichen!!! Und noch mehr Kopfschmerzen!!!

20:06
Das Video abgeschlossen, um mich nun der Bitte des Adressaten zu widmen. Er hat sogar das Stück Papier mit geschickt, auf dem ich meine Signatur hinterlassen sollte. Und wenn denn möglich, auch eine kleine Zeichnung.

Ich habe mir Mühe gegeben und zu Beginn sogar gedacht: „Das geht doch besser als ich dachte! Vielleicht sollte ich es mal mit dem Malen…“…

Illusion.

Meine „Widmung“, meine eigenen Zeilen und dazu im Hintergrund die Musik meines Suizids, deprimieren mich. Weil alles verloren ist. Und es bleibt die Frage zurück: „Warum und wie lange noch?…“. Mir ist nach Weinen. Wie schon in der Sitzung, als ich näher erläutern sollte, was mich augenblicklich an meinem Tisch so runterzieht: „Diese ganzen Farben, all diese neuen Pinsel, Bleistifte… Alles umsonst, wird nie wieder zum Einsatz kommen…“, und es verschlug mir die Sprache. Schweigen.

Gefühlt dröhnen die 2,6 mg, diese eine Tablette mehr als zwei oder drei davon. Vielleicht liegt es auch an der Entwässerungstablette, wer weiß.

Ich will sterben. Ist das denn so ein Verbrechen? Dass der Kampf, dass die Gedanken im Kopf endlich aufhören!

Ich sollte während der Sitzung meine eigene Totenrede verfassen: „Ihr Leben war geprägt vom Tod. Erst nur als Angst und Hirngespinste in ihrem Kopf, ehe sich der Tod den ganzen Körper holte…“.

Dazu Markus: „Weil sie als Kind gestorben ist! Weil sie als Kind ermordet wurde!“.

2020-03-31-heinz

30. März 2020, Montag „Traumwelten…“

9:17
Ich träumte… Von einem Hügel, einer Skulptur, einer Torte… Darauf lauter Erinnerungsfetzen. Drumherum im Kreis lagen Schulkollegen und Freunde und Kinder aus meiner eigenen Kindheit. Alle wie in Trance, alle erinnerten sich. Auch ich. Und plötzlich war da ein Bild in mir, wie eine Eingebung.

Ich fragte dort die Therapeutin, woran man denn nun ablesen könne, ob es tatsächlich passiert ist oder sich dabei nur um eine Verschiebung handelt. Sie gab einen Kalenderspruch von sich. Der weder das eine bestätigte noch das andere ausschloss. Die anderen Kinder sagten zu mir, du musst deinem Gefühl vertrauen. Na das half mir weiter…

Ich war beim Nachbarn und spielte dort mit einem Kind. Die idyllische Erinnerung brach plötzlich zusammen. Ich sah mich dort im Untergeschoss, in der Garage, wo zumindest in meinem Traum eine große Gefriertruhe stand. Man hatte mir ein Eis versprochen. Hatte mein Verhalten dazu geführt? War dieses im wahrsten Sinne des Wortes sexualiert? Hat die Umwelt wissen lassen, dass ich allmählich die Pubertät erreicht habe? Wie alt war ich, fragte ich mich ebenfalls ohne Unterlass im Traum. Zehn oder elf? Man forderte mich auf, mich auf diese Gefriertruhe zu setzen. Die Beine breit zu machen. Und jemand kam mit einem langen Blechschwert auf mich zu. Diese Person sagte: „Du musst jetzt wissen, wie es ist, so etwas zwischen den Beinen zu haben!“. Und steckte mir das Schwert rein. Ich versuchte verzweifelt mich an das Gefühl zu erinnern.

Dann sah ich noch ein Bild, gleich im Anschluss. In einer Werkstatt, die es so nie gab, zumindest nicht in dieser Form, beim vermeintlichen Täter. Und auch dieser hatte bemerkt, dass sich an meinem Körper etwas verändert. Dass ich „sozusagen vorbereitet worden wäre“. Aber mehr sag ich nicht. Aber mein bedeutungsschwangeres Gefühl sagte mir, dass auch er mir etwas reinstecken wollte.

Gefühlt den ganzen Rest des Traumas, obwohl man sich bereits in anderen Situationen befand und andere Dinge tat und sah, analysierte ich diese Bilder. Ob sie etwas zu bedeuten hätten.

Es gilt zu sagen, dass wir abends eine neue Serie guckten. „Kalifat“. Die Hauptfigur wird vergewaltigt, und ich spürte es im ganzen Leib.

Ich war so depressiv, und wünschte mir, ich hätte auch Corona, würde nun endlich sterben dürfen…

17:25
Zwei Morphium 2,6 mg. Augenblicklich senkt sich die Rauschwirkung auf meinen schweren Kopf…

Vorgestern, bei erwähntem Gespräch mit der Nachbarin und Schulkollegin meines Bruders, lief ein älterer Herr vorbei. Er meinte, mich schon oft gesehen/beobachtet zu haben, wie ich gegenüber von seinem Garten mit der Kamera auf eine Streuobstwiese gerichtet gewartet hätte. Meinte, ein Arbeitskollege meines Bruders zu sein.

Ich sagte noch, mein Neid würde ihm hinterher laufen. Darauf er… So dermaßen geschmacklos, empathielos, wenn man es genauer betrachtet… „Du bist ja eh schon genug gelaufen!“.

Natürlich, wie immer ist es nicht so gemeint!
Natürlich, wie immer kann man das in die unterschiedlichsten Richtungen drehen und wenden!

Aber bei aller Liebe… Sagt man so etwas zu einem Gegenüber, das im Rollstuhl sitzt???

Ich kann die Maus nicht mehr bedienen…

Mich mit meinem neuen Rollmobil mittags ins Badezimmer geschleppt. Unfähig, mir die Hose vor dem Klo runter zu ziehen. Unfähig, mir die Hose wieder anzuziehen. Und dann beinahe unfähig, den Rückweg zu schaffen. Zusehen, wie alles, aber auch WIRKLICH ALLES, was noch von mir übrig geblieben ist, diese jämmerlichen, kläglichen Reste, wie Sand durch meine Finger rieselt, unwiederbringlich. Tot. Ich kann nichts tun. Keiner tut was. Niemand kann mir helfen. Ich spüre, wie diese wenigen Worte mir die Kehle abdrücken.

Mir selbst einreden, einzureden versuchen, dass das eine der Wirkungen vom Morphium ist. Die nicht jedes Mal auftritt. Aber eben auch nicht selten. Dass meine Hände total spastisch werden.

Und wenn es nicht das Morphium ist?

Und warum sind meine Füße seit drei Tagen so dick geschwollen, obwohl ich nun die von der Hausärztin verordneten neuen Tabletten zum Ausschwemmen von Lymphflüssigkeit einnehme und noch dazu seit drei Tagen täglich Stützstrümpfe getragen habe? Ich werde ja wohl kaum Ödeme vom Absetzen der anderen Diuretika bekommen haben? Stimmt mit dem neuen Port schon wieder was nicht?

Körper, was willst du?! Was willst du von mir?! Willst du endlich sterben??!!!

18:37
Psychopax oder Temesta?

Stunden NUR für die letzten Sekunden.
Alles doppelt und dreifach machen müssen.
Krampf und angpisst…

DU DRECKSAU!!!!!

29. März 2020, Sonntag „Die Uhren gehen anders…“

20:11

Allerhand Sachen auf dem Boden befördern, als ich zum Headset greife.

Du widerwärtige Pottsau!!!

Frisch geduscht, frisch angezogen…

Und sie pisst sich in die Hose!!!

Schlagartig müde, dann wieder die Erinnerung an dieses eine Weihnachtsfest und in meinen Kopf strömen abertausende Erinnerungen aus meiner Kindheit, die ich wohl längst vergessen hatte. Das frisch gewaschene Tuch zusammen gefaltet auf meinem Schoß. Die Dose mit den Rasierklingen vor mir. Ich klimpere, voller Unruhe. Mit dem Einwegrasierer über den zerschnittenen Arm geschabt, um die Haare zu entfernen. Was die Blutverdünnung macht… Dunkelviolette, bis beinahe schwarze Striche auf der Haut, blutunterlaufen! Mit wenig Einsatz viel Effekt erheischen! Dabei könnte ich unverzüglich einschlafen. Beinah die ganze Nacht wach, er hat so laut geschnarcht.

Nach starkem Harnwegsinfekt und Antibiotika folgt nun die nächste Stufe, ein Klassiker: Pilzinfektion! Die Blase krampft unentwegt. In der Dose herumwühlen… Wo ist ein neues Werkzeug? Da er anrief, bis 9 noch oben bleiben zu wollen, fühle ich mich sicher. Gestern einen Brief erhalten, von einem Heinz aus Wien, „der Autogramme von wichtigen Persönlichkeiten der österreichischen Kunstszene sammelt und mich um eine Unterschrift und vielleicht eine kleine Zeichnung bittet“.

Kann ich überhaupt noch meinen Namen schreiben? Ein Grund mehr für DAS hier… Dabei will das Kuvert das Stück Metall nicht hergeben… Wieder versinke ich mit meiner Nase ganz tief, irgendwo unten vor meiner Brust, versenkt in dieses Stückchen Papier, das dermaßen nach Schmieröl duftet und mich völlig berauscht! Die Klinge klebte beinah untrennbar an ihrer Schutzhülle, als hätte sie Angst vor mir. „Aber das ist doch nicht nötig…“.

Noch ruht der rechte Arm auf der Lehne des Rollstuhls, die Hand hängt schlaff hinab und klimpert unmerklich. Ich spüre meine Extremitäten, sie werden schlagartig kalt. Irgendwie der Versuch, mein Schlachtmesser „professionell“ zwischen Zeigefinger und Daumen einzubetten. Ich kann nicht mehr. Und zugleich scheint alles so dermaßen scheißegal, überflüssig! Eine letzte Korrektur…

Kann es nicht halten. Der erste Schnitt nicht mehr als ein ein Kratzer und somit vergeudet. Beim zweiten Schnitt rutscht mir die Klinge aus der Hand. Wieder ist das Blut kalt, als es über meinen Arm läuft. Ich bin viel zu zaghaft, ein Waschlappen, zimperlich, wehleidig, und irgendwie verletzlich.

Acht… Zehn… Was hemmt mich? Dass das alles keinen Sinn mehr macht? Dass ich mich lieber mit der Frage auseinandersetzen sollte, WIE LANGE ich dieses Spiel noch mit mir treiben lasse?

Hat es gestern das ganze Morphium gebracht? Wohl kaum. Und so war ich an der Raab und sah eine junge Frau mit blondem Pferdeschwanz „meine Strecke“ in den Sonnenuntergang hinein laufen. Und ich wünschte mir gerade, ich könnte die Kontrolle abgeben, abgeben an Rumpelstilzchen, „damit er DAS MIT MIR beendet, ordentlich macht“!

Kein gutes Zeichen, wenn das Blut sich kalt anfühlt. Gestern fragte mich eine Nachbarin, die so alt ist wie mein Bruder, ob ich denn keinen Kontakt zu meiner Mutter hätte. Ich aber schüttelte nur schweigend meinen Kopf, und flüsterte: „… Ich halte das nicht aus…“.

ICH BÖSES MÄDCHEN, ICH BÖSES, UNDANKBARES MÄDCHEN!!

22…

Mich zwingen, die Zähne zusammen zu beißen. Aber es ist wie ein Fluch! Des Blut läuft immer noch kalt in unzähligen Rinnsalen meinen Arm hinab. Ich wollte mich endlich erkenntlich zeigen, Markus ein Bild schicken, aber es hängt immer noch unangetastet vor mir an der Wand. Nichts haben wir geschafft. Und wie lange das mit der Antwort auf diesen Brief wieder dauern wird…

Da holt die Blase erneut zum Schlag aus, bzw. zum perversen Krampf, der sich in mannigfaltigen Schmerzen im ganzen Körper manifestiert und niederschlägt. Das Blut wird immer kälter. Kein Trost, dass der Fleck auf dem Tuch immer mehr Raum fordert. Ich bin so schlecht, mir ist schlecht. Wäre das Blut kalt, hätte ich denn gar Marcumar in meinen Venen? Wäre ich zumindest auf dem Papier ein Bluter?

Gleich zwei Klingen liegen vor mir; welche wohl die neue sei… Jene mit den frischen Blutspuren lediglich an einer Kante?

Die schwarze Stulpe wie ein Krüppel meiner Rechten aufgezwungen: „Bring’s zu Ende!!“…

Die Hand versagt, der ganze Arm versagt. Dicke Blutklumpen auf dem schwarzen Stoff. Ich kann nur noch Hass spüren!!

Mit einem Faustschlag die verbogene Dose schließen. Das Tuch zurück in die schwarze Tasche unter meinem Tisch. Die Rechte ebenso besudelt. „Lange mach‘ ich’s nicht mehr“. Und dann? Werde ich zum Alkoholiker? Oder tatsächlich zum waschechten Tablettenjunkie?

Ich beuge mich nach vorne, nach unten, zu besagtem Beutel und meine monströs aufgedunsene Wampe quetscht meine Blase aus wie eine überreife Orange! Urin landet in der Einlage. Bestenfalls, wenn nur dort…

Alles an mir ist geschwollen. Zu allem Überfluss nun auch die Füße, obwohl die Stützstrümpfe getragen habe, die letzten beiden Tage. Was hat DAS nun wieder zu bedeuten? Ich kann nicht mehr, ich will nicht mehr, und werde wohl von dem Gedanken am Leben gehalten, ihm das nicht erneut antun zu dürfen…

27. März 2020, Freitag „Im Kreis…“

18:05
In der Tat gab es kurz die Überlegung, mich auf den großen Rollstuhl zu schwingen, den Sonnenuntergang irgendwie und irgendwo festzuhalten. Aber ich blieb kleben. Kein großartiges Abendrot verpasst. Das, was da gerade entsteht, ist farblos. Wie viel ich wiege, weiß ich nicht. Die Batterie ist alle, er hat sie noch nicht ausgetauscht und vermutlich müsste ich es ihm nachher konkret sagen, aber ich werde es vergessen. Nun wurde die Schwellung erst dienstags punktiert, dennoch war ich heute wieder bei vermutlich meiner neuen Hausärztin, die mich dann auch filmen ließ. 5 Minuten oder so. Sebastian genügte die Erzählung und er befand es als geschmacklos. Tja, das bin ich, das ist mein Leben! Wieder zog sie beinahe 40 ml aus der Wunde, der „Hauttasche“, die für den Portacath in mein Gewebe geschnitten wurde. Ich habe andere Entwässerungstabletten bekommen und sie meinte, soweit meine Nierenwerte in Ordnung sind und ich genug trinken würde, spräche eigentlich nichts gegen dieses Medikament.

Der erste Teil meines Filmes ist mehr oder minder fertig. Also der grobe Schnitt. Nun fehlt noch Musik, Intro, Abspann. Und dann die Überlegung, diesen erst zu veröffentlichen, wenn auch der zweite Teil fertig ist. Das aufgenommene Material aus den Krankenhäusern dauert schon wieder 2 Stunden. Die Chancen, davon den zweiten Teil gleich in einem Abwasch wieder voll zu bekommen, stehen verdammt gut.

Wieder ein Morphium. Weil es sich anfühlt, als würde ich auf meinen blanken Arschknochen hocken. Und natürlich um die Unruhe zu beseitigen, die durch das Umwerfen meiner Pläne, nun doch nicht hinaus zu fahren, wieder einmal entstanden ist. So einen Dachschaden… Ich hasse mich!

Mein nagelneues Rollmobil wurde vorgestern geliefert. Heute hat er es zusammengebaut und ich die ersten Schritte gewagt. Eine Katastrophe! Was ist von mir übrig?!

Diese Frage wirft sich gerade angesichts dessen auf, dass ich heute zum ersten Mal mit dieser Ärztin sprach und sie gleich zu Beginn sagte: „Sie sind das doch, die da so viel gelaufen ist. In Rax habe ich sie häufig gesehen…“. Und wie weh tut es, was für eine Sehnsucht tut sich da auf, wenn ich die Dose mit den neuen Pinseln betrachte, diese ganzen Unmengen von Bleistiften? Und alles für NICHTS?! Werde ich nie wieder gebrauchen!! Nie wieder gebrauchen wie die ganzen Laufschuhe im Schlafzimmerregal!! Diesbezüglich müsste ich gleich noch mehr Morphium nehmen…

Um 14:06 eine Absenz. Dauerte exakt 1 Minute. Denn ich trat zu Beginn eines Videoclips weg, und kam wieder zu mir als dieser endete, eben nach etwas über 1 Minute. Irgendwelche Traumbilder, irgendwelche Wiederholungen und alles schon wieder vergessen! Ich weiß jetzt nicht einmal mehr, welcher Clip es war. Einer mit Krähen? Sehr wahrscheinlich.

22:59
Meine Blase krampft wieder, ohne Unterlass…

25. März 2020, Mittwoch

15:44
Auf Nummer sicher… 3 Hydal 2,6mg.

Es schneit.
Doch noch Wintereinbruch. Und der Froschlaich im Wannenteich? Die Wirkung setzt prompt ein, der Stress, die Panik legen sich. Markus will mir mehrere Packungen Mundschutz schicken. Und ich mich endlich erkenntlich zeigen, endlich, nach all den Jahren, die ich davon rede… Ihm ein Bild schicken. Mein Rollator wurde doch tatsächlich heute geliefert.

Keine Zeit, muss weiter arbeiten. Der Comic frisst sehr viel Zeit und Energie. Für ein paar Sekunden Bildmaterial… Ob das jemand „zu schätzen weiß“, „anerkennt“?

Musste ich mich gestern im Krankenhaus nicht doch tatsächlich rechtfertigen? Mich „zusammenscheißen lassen“?
„Warum lassen Sie sich durch die halbe Steiermark karren, DESWEGEN?! Haben das die Pappnasen in Fürstenfeld nicht hinbekommen? SO etwas kriegen die nicht hin?!“. Ich versuchte verzweifelt, die Herren zu verteidigen. Wie sie es mir selbst gesagt hätten, dass sie dann etwas anfassen, etwas passt nicht und dann wieder einen Kopf kürzer gemacht würden: „Und ich bin ja so schon nicht der Größte!“, Zitat des Chirurgen dort. Es war NUR ein Serom. Also eine postoperative Ansammlung von Lymphflüssigkeiten. Er steckte mir eine riesengroße Kanüle (Hohlnadel) neben der Narbe ins Bein und konnte so mal eben 40 ml Flüssigkeit absaugen. Aber ich denke, es war noch nicht alles.

Meine Neurologin rief gestern an. Drum versuchte ich es heute selbst noch einmal. Plasmapharese… Wird in Fürstenfeld nicht gemacht; und bei meinen ganzen Thrombosen würde das wohl auch keiner gutheißen, geschweige denn durchziehen. Abgesehen von Corona, abgesehen von meiner Lymphopenie, bei den ganzen Thrombosen wäre Cortison ebenfalls zu gefährlich. Also wird nichts gemacht. Abwarten, wie sich die Lage entwickelt. Scheiße und Pech…

17:19
Dem verzweifelten Versuch, den beschissenen Druckverband wieder aufzuheben, folgt der verzweifelte Versuch, diesen überzustreifen. Wieder lief das Blut kalt den Arm hinab. Warum ist es immer kalt? Bin ich tot?

Bitte passen S auf sich auf! Wenn Sie das Virus bekommen, das überleben Sie nicht!“, die klaren und drastischen Worte meiner Ärztin.

Sebastian kam nur einen Augenblick rein, stellte nur zwei oder drei ganz banale Fragen, und ich wusste, dass es ein Fehler sein könnte, Musik anzumachen. Und dann lief eben gerade so ein dämliches Lied. Einiges ging schief. Kaum hatte er den Raum verlassen, war der Rausch dahin! Und mir blieben nur Trümmer und Panik! Und die Selbstbeschimpfung, weil ich meine Hand nicht aufmachen konnte, weil meine Hand nicht aufhörte, die rechte Maustaste zu drücken, durchgedrückt zu halten…

DU BESCHISSENER KRÜPPEL!!!
ICH BRING DICH UM!!!

16 Schnitte. Wenigstens die letzten Beiden davon etwas aus der Norm, der Kontrolle entsprungen. Zumindest ein bisschen. Mein schöner Rausch… So fragil, wie mein Nervenkostüm!

Dabei unfähig, die Klinge zu halten, zu führen…

Und… Die Arbeit einer Stunde zerstört!!!!

18:35
Er hat oben Spaß, macht Lärm und ich halte es beinahe nicht aus! Wie so oft schlägt das Morphium genau ins Gegenteil um, meine Hände werden zu spastischen Fleischklumpen und unterm Strich darf ich sagen, ich bin selber schuld! Ich hasse mich! Und wie soll das mit meinem Gewicht weitergehen, wenn ich nun die Entwässerungstabletten absetzen muss??!!

19:41
Nur noch rumfluchen. Keine Nerven mehr…

23. März 2020, Montag „Realsatire 2.0“

12:57
Ein kleines Erfolgserlebnis? Ganz vorsichtig und leise anmerken? Nach meiner Heimkehr brachte ich mal locker 68,7 Kilo auf die Waage. Heute waren es 65,3.

Und dann kommen wir schon zum schlechten zweiten oder dritten oder gar vierten Teil meiner Misere. Gestern wieder ins Krankenhaus gefahren. Wie war das in Feldbach, in der Chirurgie? „Das ist zu stark geschwollen, ich kann nicht alle Klammern entnehmen!“? Am Abend Schmerzen. Samstagabend noch stärkere Schmerzen und die Innenseite meines Oberschenkels steinhart, dermaßen dick geschwollen und scheinbar etwas erhitzt. Am nächsten Tag wieder nach Fürstenfeld, um eine Thrombose auszuschließen. Eineinhalb Stunden lang versucht, Blut abzunehmen. Das geht nicht mal mehr arteriell! Nirgends am Körper! Dann wurde das mit der Blutabnahme verworfen, eine Sonografie wurde gemacht. So richtig sicher war man sich nicht, was man da sieht. Diesbezüglich die Aussagen auch irreführend. Von der einen Seite hieß es, eine Thrombose könne nicht ausgeschlossen werden. Von der anderen Seite, sprich im Befund steht, genau dies wäre geschehen. Dass man nun von einer Flüssigkeitsansammlung ausgehen würde. „Die Lymphgefäße sind so unscheinbar, wenn da welche verletzt werden, kommt es zu solchen Stauungen. Aber wissen SIE, das wurde in Graz operiert, wenn ich da jetzt irgendetwas dran machen würde, würde ich ein’s auf den Deckel bekommen!“.

Man wünschte mir nur das Beste und dass es sich dabei bestenfalls wirklich nur um eine Flüssigkeitsansammlung handelt, die man bestenfalls einfach nur punktieren muss, und dass ich mich heute an die Thorax-Chirurgie wenden soll. Das machte ich dann auch heute Morgen, vom Bett aus. Mir wurde gesagt, ich würde zurückgerufen, und zum Glück blieb ich im Bett, denn es dauerte noch Stunden, ehe der Rückruf stattfand. Morgen um spätestens 9:00 Uhr solle ich dort sein. Dass ich heute noch einen Anruf von der Neuro erhalte, glaube ich ehrlich gesagt nicht. Glaube eher, man hat mich wieder vergessen. Außerdem wusste gestern in Fürstenfeld keiner was davon, ob sie im Haus eine Plasmapherese durchführen oder nicht. Verdammt, mit diesem beschissenen Port steht und fällt auch noch alles dazu! Was, wenn der auch defekt ist?

21. März 2020, Samstag „Durchhänger…“

11:53
Ich soll mich jetzt jeden Tag auf die Waage stellen, jeden Tag eine Entwässerungstablette schlucken, meine Oberarme abmessen, also deren Umfang. Ein „Uhthoff-Phänomen“ konnte gestern ausgeschlossen werden. Keine Entzündungswerte im Blut. Kein Fieber. Aber die Blutabnahme dauerte über 2 Stunden. Minimum 20 Stiche, drei Ärzte. Und die Hiobsbotschaft, dass Graz eine Plasmapharese kategorisch ausschließt. Weil sie die Betten für Dialysepatienten freihalten müssen. Insofern sprach ich noch einmal Fürstenfeld an. Nächste Woche würde man sich mit dem Krankenhaus in Verbindung setzen, nachfragen. Mit meinen Lymphozyten ist wie gesagt nicht einmal Cortison möglich.

Die erste Explosion, das Stativ umgefahren, die Kamera knallt wieder auf den Fußboden. Hasstiraden, Selbstbeschimpfungen gefolgt von vier Hydal 1,3 mg. Die Unruhe will nicht sterben. Das Wetter heute unstet, es soll regnen. Nächste Woche wird sich meine Neurologin wieder melden. Angeblich. Ich möchte mir selbst an die Gurgel gehen, halte es nicht aus, warten zu müssen, während einer meiner Videoclips exportiert wird, vorgespult, als Zeitraffer. Das ganze Material ist so schrecklich, so unbrauchbar, so qualitativ beschissen, ich weiß gar nicht wo und womit ich anfangen soll, wie damit eine Geschichte erzählen. Mir platzt die Birne!! Und währenddessen verblute ich, spüre wie meine Gebärmutter einen Blutklumpen nach dem anderen ausspeit. Mir ekelt so dermaßen vor mir selbst!!!

13:53
Glaube, es reicht nicht. Wieder Panik. „Spirale, dreh‘ dich!“… 6,5mg.

14:41
Der Port konnte weder komplett von seinen Klammern befreit noch zum Zwecke der Blutabnahme benutzt werden. Dick, regelrecht fest geschwollen. Ödem, Hämatom und die Befürchtung, die Naht könne unter dieser Spannung aufplatzen. Prall. Super Einstand!
2 Kekse, um die Opiumwirkung zu untermauern…

16:12
Alles geht schief, alles geht daneben. Mit dem Fluchen nicht mehr aufhören können. Der Staubsauger wird zum verlängerten Arm, damit den schwarzen Beutel mit den ganzen Blutlappen unter meinem Tisch hervor zaubern. Es ist Zeit, dringend Zeit. Ich muss! Genug ist genug! Das alte Frotteetuch will sich nicht falten lassen. Bei der kleinsten Bewegung spuckt mein Unterleib bereits massenweise Blut aus. Ich hab‘ die Schnauze voll! Und da ich ihn die nächsten Minuten sicher oben weiß, drehe ich mal eben „selbstbewusst“ durch. Kann mir keiner erklären, warum. Weil ich mich nicht spüren kann? Weil ich mich nicht spüren will? Oder darf oder was auch immer?! Eine nagelneue Gillette. Durch das weiße Kuvert schimmern die Schmierölflecken durch. Ich freue mich jetzt schon auf deren Duft. Beim Aufklappen mir bereits in den Finger schneiden. Ganz dezent.

So wie gestern im Auto. Als das Auto noch so ein bisschen nach neuem Auto roch. Da wurde mir wieder etwas bewusst, gerade angesichts der aktuellen Lektüre. Den Einkaufswahnsinn mit meiner Mutter habe ich als Kind schon nicht unbedingt gut verkraftet. Hieß es doch danach immer, mich/uns von ihr einschwören zu lassen, zu unserem Vater kein Sterbenswörtchen darüber zu verlieren, was sie wieder alles gekauft hatte. Oder zu Oma, ihrer Mutter. Verflucht noch mal, es war ihr eigenes Geld!!! Damit konnte sie doch machen was sie will!!! Aber die ganzen Einkaufsbeutel wurden versteckt!!! Und als ich das Auto roch erinnerte ich mich wieder, als wäre es gestern. Wie mich dieser Geruch immer beruhigt hat. Denn das hieß, ich blieb im Auto sitzen und sie rannte wie eine Verrückte herum, von einem Laden in den nächsten. Eine Ewigkeit, Unendlichkeiten, nicht wissend, wann sie wiederkehrt. Und ich musste nicht mit hetzen, dieses scheußliche Theaterspiel nicht mitmachen! Ich wurde nicht in unzählige Sachen gesteckt, wurde präsentiert, musste mich präsentieren! Dasselbe Gefühl, wie der Geruch des Schmieröls an den Rasierklingen in mir auslöst. Ist das nicht abgedreht? Ging doch nur ums „Einkaufen“! Worüber sich so manch einer den Arsch weg gefreut hätte. Aber für mich kam es einer Art emotionalem Missbrauch gleich! Es nicht länger ertragen, eine Puppe zu sein!!! Ich hasste es so sehr… Von einer Umkleidekabine in die nächste, von einem beschissenen Kleidungsstück ins nächste, von einem Kostüm, einer Maskerade in die nächste…

Die Klinge ansetzen. Das sind die Folgen der Entwässerungstablette, obwohl ehrlich gesagt noch nicht viel aus meinem Körper befördert wurde… Mir ist speiübel. Der Arm brennt. Beide Arme tun weh, von dem ganzen Gestochere, erst recht den Versuchen, meine Arterien zu punktieren. Als hätte man dabei jedes Mal Nerven gestreift.

Bereits nach dem ersten Schnitt ahne ich, das wird eine halbherzige Angelegenheit. Ich bin plötzlich so müde, so todmüde… Und irgendwie scheint der Hass verflogen…

Der Zwangshandlung wegen noch einen Vierten hinzufügen. Noch halbherziger. Oben tut sich was und ich räume hastig alles weg. Vielleicht sollte ich ein paar Chips essen, der fehlenden Elektrolyte wegen. Unverzüglich einschlafen. Eigentlich hätte ich ohnehin lieber noch mehr Morphium. Mich nach vorne beugen, unter meinen Tisch bücken, die ganzen Tücher sind aus der Tasche gerutscht und dabei wird ein dicker Schwall aus meinem Untergeschoss gequetscht…

DU DRECKSAU!!!

Kopfschmerzen. Ich wollte doch so gerne eine Schale Kaffee haben, Milchkaffee, aber er hat mich falsch verstanden, mir nicht zugehört. Tee. Obwohl ich das Koffein dringend nötiger hätte. Und meine Tabletten… Diese sind noch irgendwo verschollen, in meinem ganzen Krempel von der Reha.

Den ganzen Tag verplempert beim Schnitt eines einzigen Tages. Bzw. einer kurzen Zusammenfassung der Reha und immer noch nicht fertig. Wie krank! Kein Wort mehr aus mir rausquetschen können… Alles erscheint zu anstrengend, zu schwierig… Schlafen…

Noch 2 „Tabletten“ finden, und meine Salzbrezeln holen…

17:04
Eine Banane. Mir geht es besser. Um mir beim Essen einer weiteren Verschiebung bewusst zu werden. Ich sehe meine Mutter, ich denke an meine Mutter. Daran, wie sie einkaufen geht. Das Angebot, im Winter Erdbeeren kaufen zu können, natürlich ohne nachzudenken nutzt. Ohne schlechtes Gewissen. Ohne auch nur einen Gedanken deswegen zu verlieren. Und ich möchte sauer sein, sauer auf sie sein.
Aber dann passiert der Brainfuck, kommt sozusagen zum Zuge: Ich sehe plötzlich nicht meine erwachsene Mutter, der gegenüber ICH das Kind wäre, NEIN, ich sehe plötzlich ein kleines Kind, ein unschuldiges, unendlich unschuldiges kleines Kind, das sich doch einfach nur auf Erdbeeren freut, die Zusammenhänge gar nicht verstehen kann, und deswegen frei von Schuld ist, sich aus dem Herzen heraus einfach nur auf Erdbeeren freut, als wäre es das schönste Geschenk der Welt! Und vorallem das Letzte!!

Und dann sehe ich mich, mich selbst, wie ein Monstrum, ein strafender Tyrann, eine Bestie, eine schreckliche, gnadenlose, bestialische Furie, die dem Kind sozusagen das Einzige, was es am Leben halten würde, worauf es sich doch so sehr und mit aller Macht und aus tiefstem Herzen heraus gefreut hat, entreißen will, eiskalt, aus den kleinen, unschuldigen Händchen!!! Was bin ich für ein MÖRDER!!! Und es fühlt sich nicht nur so an, NEIN, ich bin sogar felsenfest davon überzeugt, dass ich mit diesem Akt, diesem schändlichen Verbrechen, dieses kleine allem Anschein nach VON MIR ABHÄNGIGE Wesen zu töten, regelrecht abzuschlachten!!!

Verschiebung… Parentifizierung… Das Kind übernimmt aus welchen Gründen auch immer dem Elternteil gegenüber die Elternrolle, die Verantwortung wird verschoben, die Realität, die Naturgesetze werden verschoben, bis alles nur noch verschroben ist und schräg und quer und falsch herum!!!

Mit dem Endergebnis: Ich sehe sie sterben! Ich bin schuld! Und frage mich, rational doch über das Wissen verfügend, was da passiert, wie ich da jemals rauskommen soll!!! Denn mein Gefühl, meine Schuldgefühle, dermaßen überbordend, wollen mich davon überzeugen, dass es aus diesem Labyrinth kein Entkommen gibt… Und in Momenten wie diesen erscheint es mir doch tatsächlich recht plausibel, warum ich diese Krankheit habe, warum sie dermaßen entartet, Besitz von mir ergreift, mich bestraft, weil ich es nicht anders verdient habe…

19. März 2020, Donnerstag „Du OPFER!!“

12:55

NICHTS!

Absolut und überhaupt NICHTS!!!

Ich hätte so viele Pläne, so viele Ideen, Verbesserungen, Änderungen, Anpassungen… Aber ich kann gelinde gesagt NICHTS davon umsetzen!!! Nachdem gestern bei meiner Ausfahrt EIN EINZIGES AUTO geblinkt hat, dachte ich, die Warnweste auf meiner Rückenlehne benötigt eine Aufschrift. Aus den Neonklebestreifen, und dann schwarzumrandet: „BLINKEN?!!!“. Ich wollte an meinen Kameras über den Mikroeingängen Stoff anbringen, gegen den ständigen Wind. Ich wollte an den Kameras irgendetwas anbringen, so eine Art Sichtschutz, damit ich, wenn ich das Display aufklappe, bei Sonneneinstrahlung noch etwas erkennen kann. Ich würde gerne etwas gegen diesen fürchterlichen Saustall hier machen. Ich würde gerne Griffe an den Stativbeinen anbringen. Ich würde gerne im Garten irgendetwas machen.

Dabei muss ich aufs Klo, bin unfähig, mir die Hose runter zu ziehen, anschließend ebenso unfähig, mir den eigenen Arsch abzuwischen, geschweige denn die Hose wieder nach oben zu zerren!!! Ich bin reif fürs Pflegeheim! Ich bin hier allein völlig und komplett und total AUFGESCHMISSEN, AUSGELIEFERT!!! Der wahre Inbegriff eines Krüppels!!!

Gestern doch in der Neurologie angerufen und das Vergnügen gehabt, mit der zweiten jungen Neurologin zu sprechen. Morgen um 11:00 Uhr habe ich Termin, obwohl die Ambulanz geschlossen ist. Was ist das? Wie lässt sich das genauer definieren? An welchen Daten festmachen? Welcher Tag, welche Uhrzeit, welcher Umstand??? Sie wollte es ganz genau wissen, aber ich auch dazu unfähig! Sicherlich nicht von Vorteil, die vier Wochen während der Reha keinen Rollator gehabt zu haben und auch überhaupt nichts dahingehend trainiert zu haben. Aber so richtig drastisch wurde es doch erst zu Hause? Vor der kurzen Marathonstrecke im Krankenhaus? Ob es ein Schub sei, ob es akut sei, ob es etwas Neues sei… „Wie soll ich nach 22 Jahren noch sagen können, dass irgendetwas von den ganzen Symptomen NEU ist?!!“. Was würde für einen Schub sprechen? Das mit meinem linken Auge? So das nicht alles Einbildung ist, die Sehstörung wie von der Augenklinik festgestellt nie weg war? Alles seinen Anfang nahm, seinen tatsächlichen Ursprung mit Absetzen des Gilenyas? Mit diesem Schub im Sommer letzten Jahres? Der sich eigentlich nur für eine Woche kurz nach der zweiten Stoßtherapie gebessert hatte? Oder nahm alles seinen erneuten Anlauf, nur eben bedingt durch die schlechte Grundsituation mit weniger Anlauf, als drei Wochen lang das Rezept vom 4-Aminopyridin fehlte, dessen Absetzeffekt, weil ich seitdem eigentlich nicht mehr schreiben kann, von Zeichnen und Malen ganz zu schweigen? Habe ich mich während der Reha beim Transfer vom Rollstuhl ins Bett auch schon so dermaßen angestellt? Oder kam das mit der Thrombose? Ist die Thrombose schuld? WAS ZUM HIMMEL, WAS, VERDAMMTE SCHEISSE???!!!

Ich denke an die Übungen in der Folterkammer, als man Gewichte mit einem Gurt an meinen Oberkörper dran hing und ich diesen im Rollstuhl frei vor und zurück bewegen konnte. Ich erinnere mich daran, von Tag zu Tag mehr Gewicht draufpacken lassen zu können. Und augenblicklich schaffe ich es nicht mal mit Kraft meiner Arme, wenn ich mich an den Armstützen festkralle, mich wenige Millimeter nach vorne zu ziehen?!! Auch haben sich die Arme immer mehr verschlechtert, während der Reha? Eine vermeintlich kurze Verbesserung beim Essen, und dann wieder zurück in die Bredouille, oder dann erst richtig? Ich halte das alles nicht aus!! Ich will es sich aushalten müssen!! Die Tabletten griffbereit, der Abschuss erscheint so gnädig…

Wie bin ich gestern erst wieder ausgerastet, als ich pünktlich den Hügelkamm zum Sonnenuntergang erreichte, und mich wieder zu dumm dafür anstellte, das schwere Stativ aufzuklappen, zu dämlich, es einfach nur hinzustellen und erst recht zu saublöd, um die oberste Verlängerung auszufahren und dann das Ding auszurichten!!! Alles verpasst!!! Ich hätte mir die fast drei Kilo Eisen am liebsten selbst in die Fresse gehauen!!!
Hätte ich wenigstens DAS hinbekommen!!!

Nein, nicht lustig. Außerdem hat die junge Ärztin nach meinem Anruf sogar mit Graz telefoniert, zwecks Plasmapharese. Und der Arzt dort das kategorisch ausgeschlossen. Vermutlich auch der aktuellen Situation wegen. Zum Verrecken verdammt…

Warte doch erst mal ab bis morgen…“…

So ein Scheiß!

Erstaunlicherweise schmerzt heute die Wunde, wo der Portacath war, so richtig schön dolle. Das hat sie nicht einmal nach der Operation gemacht. Aber nicht nur die Wunde, ich spüre meine Armvenen, meine Halsvene. Als würde der Körper verzweifelt versuchen durch die verstopften Rohre Blut zu pumpen! Ich bin fertig. Greife jetzt zum Hydal. Vorerst NUR zum Hydal. Bitte stell‘ mich ab…

Wie wäre es, fahrlässig mit der ganzen Ausnahmesituation umzugehen, aufzuhören, mir ständig die Hände zu waschen, zu desinfizieren… Wie wäre es, mich anzustecken und zu wissen, in vier Wochen tot zu sein?

Tränen. Selbstmitleid oder weil ich einfach wieder den Gedanken nicht aushalten kann, was ich IHM damit antue…

18. März 2020, Mittwoch „Chaosland!“

9:46
Sebastian ist bei der Arbeit, ganz allein in der Firma. Und ich sitze hier, tatenlos, bewegungslos, komplett unfähig und frage mich, wie viele Drogen ich einwerfen müsste, um beflissen übersehen zu können, was das für ein Saustall um mich rum ist! Wie Bombeneinschlag sieht die Wohnküche aus! Und draußen? Keinen Deut besser! Schön und gut, er hat den Hühnerstall abgebaut, aber warum verdammt noch mal hat er es seit dem (2 Jahre???) nicht einmal geschafft, das dämliche Holz zu stapeln. Von Wegräumen rede ich gar nicht erst. Und was da alles für Müll ums Haus herum liegt, oder in den Wiesen, unter den Büschen, das ist doch nicht normal!!! Ebenso ist es nicht normal, schon damals der Volkshilfe immer wieder gesagt zu haben, sie sollen bitte, wenn Sie etwas sehen, es aufheben und wegwerfen. Aber irgendwie…

Mal im Ernst: Habe ich zu überhöhte Ansprüche, verdammt noch mal? Sieht hier aus wie auf einer Müllhalde! Und ja, bekomme meine Tage, da ertrage ich das erst recht nicht. Ich war nur ganz kurz draußen, um den Vögeln noch ein paar Rosinen und Wellensittichfutter hinzuwerfen. Die Feldsperlinge sitzen ständig am Silo und schmeißen das ganze Sonnenblumenfutter runter, weil sie nichts damit anfangen können. Deshalb wollte ich ihnen eine Alternative anbieten, damit sie bestenfalls damit aufhören. Ich halte es nicht aus, dass es Frühling ist und ich draußen nichts machen kann! Ich halte es nicht aus, dass ich hier drinnen nicht aufräumen kann!!! Aber Dank Corona muss ich auf Putzhilfe verzichten… Natürlich, klingt es vermessen, es gäbe Schlimmeres.. Aber für mich, gefangen in meinem eigenen, inneren Chaos wird das ganze hier zu meinem ganz persönlichen Waterloo!!! Scheuklappen wären jetzt toll!! Die Gesichtsmaske über die Augen ziehen?! Außerdem fehlen jede Menge Befunde. Wo sind die aus Fürstenfeld? Ich werde sie ja wohl kaum bei der Ärztin gelassen haben! Und soll ich nun in Feldbach anrufen, nach meiner Neurologin fragen, oder wird die sagen, das liegt an der Thrombose? Außerdem wurde mein Rollstuhl nicht aufgeladen, ist fast leer…

Und dann noch zu heute Nacht. Sebastian schnarchte dermaßen laut. Teilweise baute ich es in meine Träume ein. Aber erwähnenswert sicherlich diese eine Sequenz…

Es war dunkel, es war wohl Nacht. Das bisschen Helligkeit kam vermutlich von draußen, von unten, weil noch Betrieb im Gasthaus war. Also so eine durchsichtige Dunkelheit. Ich lag im Ehebett meiner Eltern. Ich lag in der Mitte. Als sich plötzlich ein Mann erhob. Es war Hader, Josef Hader, der Kabarettist, den wir sehr schätzen. Ich wiederum lag immer noch im Bett und er sagte zu mir, nein, er warnte mich: „Steh‘ besser auf. Die andere Person im Bett, der ist nicht zu trauen! Der könnte nachts einfach rüber greifen, weil er nicht weiß, was er tut! Du solltest das Bett, das Schlafzimmer schleunigst verlassen!“. Ich drehte mich um und im Halbdunkel lag da bis über die Ohren zugedeckt eine zweite Person. Ich wusste, das ist Roland Thüringer! Nur so als Nebeninformation, der augenblicklich politisch gesehen total abgedreht, durchdreht! Und unsererseits in Missgunst gefallen ist. Ich sah wie in einer Vision wie sein langer, großer Arm sich plötzlich nach mir ausstreckte, über mir schwebte wie das berühmte Damoklesschwert und jeden Moment auf mich herunter stürzen würde, um mich zu erschlagen. Also verließ ich das Bett hastig…

Da bin ich wohl kurz aufgewacht und der Traum ging so weiter, dass ich im ganzen Gasthaus auf der Suche nach einer Toilette war. Aber mein Vater hatte wohl alle Schüsseln ausgebaut. So pinkelte ich einfach in die Badewanne…

17. März 2020, Dienstag „Postapokalypse…“

18:24

Markus bezeichnete mein Tagebuchtext von vorgestern als „lyrisch“.
Augenblicklich fechte ich den verzweifelten und im selben Ausmaß hoffnungslosen Kampf aus, mir die Ohrstöpsel in die Lauscher zu stopfen. Die Tonspuren all meiner Aufnahmen völlig kaputt, und ich darf nun sehen, was ich damit noch anstellen kann. Mein Körper macht nichts. Also nichts, was er soll, was ich von ihm möchte, was normal wäre. Sebastian beteuert erneut: „Ich bin der Letzte, der da etwas dagegen sagt! Jedem Menschen steht Rausch zu!“, und reicht mir zwei Blisterpackungen Hydal 1,3 mg. Keine Lust auf Experimente und schon gar nicht den Nerv, auf eine Wirkung zu warten, ob sie sich denn dann überhaupt und eventuell und möglicherweise und vielleicht und wenn sie so nett wäre nach einer einzigen Tablette bereits einstellen möge. So werden es wieder 5,2 mg. Die Schnitte von gestern sehen gut aus. Das ist der Vorteil von Lovenox. Dunkelblau unterlaufen, beinahe ins Schwarz gehend. Und somit beeindruckend. Und wenn man so möchte, hat es auch unnachgiebig 20 Minuten geblutet. Hätte ich nur nicht abgebrochen. Wieder führten wir mehrfach die Diskussion darüber, was denn nun „lebenswert“ sei oder nicht. Zumindest einen Termin für den Urologen habe ich am Donnerstag ergattert. Ich bot auch an, ich könne mich unten auf die Straße stellen, er muss nur von oben aus dem Fenster schauen und ich könne unten im Rollstuhl von ihm zugerufenen Erläuterungen den Wechsel selber durchführen. Und morgen versuche ich in der Neuro anzurufen, so diese überhaupt noch erreichbar ist. Jene in Oberwart wurde am Tag meiner Rehaentlassung aufgrund eines Verdachtsfalles geschlossen.

Die Kerze in meinem Stövchen erloschen, der Tee wird kalt. Erst komme ich an die andere Kerze nicht heran, dann schmeiße ich sie natürlich runter. Dann schnappe ich mir die Zweite und Letzte, verbrenne meine Finger beim Anstecken und befördere auch diese zu Boden. Im Krankenhaus und auch bereits bei der Reha hatte ich einen Kalauer auf Lager: „Ist Not am Mann/an der Frau? Möchten Sie etwas professionell zu Boden befördert haben? Scheuen Sie sich nicht, sich an die Fachfrau zu wenden! Nie wieder müssen Sie sich selbst die Hände schmutzig machen! Unbürokratisch und unkompliziert, immer für Sie da und nah!!“. Wie ein schlechter Werbespot aus den fünfziger Jahren! Ich brauch‘ eine Kerze. Bedeutet: Ohrstöpsel abmontieren, Headset abmontieren, um dann anschließend beim wieder Montieren abzukotzen!! Der Rausch setzt bereits ein, ich sollte mit dem Tagebuch aufhören, muss dabei einfach viel zu laut herum brüllen, was wieder nur Unruhe auslöst…

Rase zum Regal hinter mir und befördere die ganze Schachtel gleich auf den Boden. Eine Panikattacke setzt ein, ganz leicht, ganz kurz. Was wollte ich noch sagen… Ach ja, dass ich dabei bei jedem einzelnen Stopp immer weiter vom Rollstuhl rutsche, bis ich nur noch darauf hänge, wie zuvor noch, wobei ich doch augenblicklich unfähig bin, mich selbst aufzurichten. Und ohne Aufrichtung erreiche ich weder Tastatur noch Maus. Mein Leben ist Scheiße!! Und es sei ebenfalls erwähnt, dass ich glaube, wieder einen Gesichtsfeldsausfall zu haben. Auf der linken Seite, linkes Auge. Gar zu oft die letzten Tage immer wieder in voller Fahrt Möbeln, Gegenständen, Türrahmen links touchiert, als hätte ich diese nicht gesehen. Auch wenn ich jetzt geradeaus schaue das Gefühl, da fehlt etwas, da ist etwas beschnitten… Aber wen interessiert gerade dieser Tage in diesen heiklen Zeiten ein beschissener MS-Patient, ob dieser einen Schub hat oder nicht?! Wenn er doch eh mittlerweile als sekundär progredient gilt…

Na viel Spaß mit den Ohrstöpseln…

19:15
Dem Schokoweihnachtsmann, der tragischerweise und aus unerfindlichen Gründen vor mir auf dem Tisch liegt, den Kopf abbeißen. Der Rauschzustand, diese Dunstglocke, dieser rosarote Nebel in meinem Kopf, wie Zuckerwatte so süß… Und all meine Sterbegedanken und Suizidwünsche verschwinden freundliche Lieder trällernd im Hintergrund. Den ersten Tag geschnitten. Zumindest die Passage zu Hause, nun folgt noch die Fahrt mit dem Rotkreuzwagen und die Ankunft und derlei Sachen. Hoffentlich gibt es nicht wieder so ein Desaster wie beim vorletzten Film, was mir nun erst bei der Reha aufgefallen ist, als ich ihn kurz angeworfen hatte. Nein, das ist gelogen. Ich habe ihn mir ganz angesehen. Weil ich nach Verschenken meiner Visitenkarte immer in Unsicherheit versinke und kontrollieren muss, was der Zwangsbeglückte dort zu sehen bekommt, ob das zu ertragen ist usw. und so fort.

Aber ich wollte doch von dem Desaster erzählen, schweife schon wieder ab. Aus irgendeinem Grund klingelt der Ton die ganze Zeit penetrant, leise im Hintergrund. Als sei die Qualität um 80 % runtergeschraubt. Verstehe ich nicht…