22. September 2018, Freitag

00:11
Ich höre ein Auto in der stillen Nacht.
Ich denke den Satz: „Er kehrt heim…“.
Ich hänge mich schlagartig an den letzten beiden Worten auf.
Sie wiederholen sich unkontrolliert in meinem Schädel.
Dejavue.
Schlag in die Magengrube.
Beinahe wegtreten.
Mir wird schlecht.
„DAS kenne ich schon.“.

01:41
Ich höre ihn oben rumoren. Er wird sicher ein oder zwei Bier getrunken haben.
Und muss erneut als Projektionsfläche herhalten…
„ER“ macht mir Angst. Todesangst. Ich spüre nur noch die Kombination aus „Mann“, „Kneipengeruch“, „Alkohol“ und „trügerisch witzig-kindlichem Habitus“!
PANIK! HERZRASEN!
Unvorstellbar, gleich neben „DEM Täter“ im Bett einzuschlafen!!…..

Kind, erinnere dich! Bitte!

12:24
Habe ich es heraufbeschworen?
Ich konnte nicht schlafen. Erst las ich mir, dem Kind ein weiteres Kapitel aus „Madita und Pims“ vor, mich selbst ständig fragend, was mich an diesen Büchern so begeistert hat. Und sah mich zurückversetzt in ein Alter von neun oder zehn Jahren.
Als ich dann endlich schlafen wollte, schnarchte er wie schon letzte Nacht unerträglich laut. Ging soweit, dass er nachts ins Wohnzimmer wechselte, um dort zu schlafen und mich in Ruhe zu lassen. Aber das war keine Ruhe. Ich war wach, ZU wach, und lag wach, Stunde um Stunde. Mir weitere Dokumentationen über Missbrauch und Prostitution angesehen. Irgendwann nach 6:00 Uhr hatte ich die nächste Absenz. Diese ging nahtlos in meine Träume über.

58,1 Kilo. Meine Füße, erst recht der rechte nachts dermaßen dick geschwollen… Ich hätte mal eben locker mit 59 Kilo gerechnet. Stützstrümpfe tragen; es ist ohnehin kalt, fing nachts an zu regnen. So viel zum Plan, heute Abend Sonnenuntergang und Mond schauen zu gehen.

Sebastian war einkaufen, während ich noch versuchte Schlaf nachzuholen.

[…]
Was macht das alles mit mir? Diese neuen Gegebenheiten?
Ich darf wohl davon ausgehen, dass mein körperlicher Katastrophenzustand dieser Tage einen psychischen Hintergrund haben könnte. Die drei Tage Hydal taugen nicht als Ausrede. Und meine sogar einen Zusammenhang erkennen zu können, zwischen dem letzten Wochenende und der Klarstellung, dass ich Sebastian falsch verstanden haben muss. Oder er es falsch erzählt hat? Und dann selbst im Nachhinein mir nicht mehr richtig zugehört hat? Mein Sicherheitskonstrukt sich mit einem Satz in Wohlgefallen aufgelöst hat? Bin ich „erstarrt“ vor Angst?? Vor lauter „Erwartungsangst“??

Morgens machte er seine neue Lieblingssendung kurz an: „Moin Moin“ von Rocketbeans.

Dieses bekloppte Lied hatte mich sogar im Traum verfolgt, und nun hampelte er neben mir, direkt neben mir dazu auch noch so albern herum. Ich war kurz davor, den Verstand zu verlieren! Mich auszublenden! Ein Impuls in mir wollte ihm intuitiv ins Gesicht schlagen!!
Genauso sind damals diese beiden „Ohrfeigen“ zustande gekommen. Also es waren keine richtigen Schläge, aber er redet immer noch davon und mir ist es immer noch peinlich. Aber es war genau dieselbe Situation, nur eben schon 15 Jahre her? Mindestens? Er hat eine Situation bis zum Äußersten getrieben, darüber hinaus, so dermaßen übertrieben herum gealbert, dass er wie ein Kind im Körper eines erwachsenen Mannes erschien!! Und ich hatte mehrmals gesagt, er solle aufhören. Aber er hatte nicht aufgehört. Und dann war ich nur noch fähig unkontrolliert zu reagieren.
Und so war es eben auch zuvor vor dem Frühstück. Das Lied setzte mich immens unter Druck, wurde zur Brücke für die nächste Dissoziation. Und ich sagte ja schon immer, im übertrieben kindlichen Verhalten eines erwachsenen Mannes eine schreckliche Gefahr wahrzunehmen! Das ist dann nicht mehr Sebastian. Das ist jemand anders, und dieser JEMAND ist definitiv viel älter als ich. Und aus Spaß wurde Ernst!!!

Ich fiel ihm ins Wort, fuhr ihn vermutlich schroff an: „Hör jetzt bitte sofort auf damit!!“. Ein Erdbeben ging durch mein Bewusstsein, eine fürchterliche Erschütterung und alles zerlegte sich. Derealisation, Depersonalisation, alles im Auflösen begriffen!!!

Ich habe nichts eingeworfen, nicht mehr von irgendwas, das das hier erklären könnte. Und während ich diese Zeilen lese, drifte ich ab und schlittere haarscharf am Abgrund vorbei.
Ich sehe draußen die nasse Welt und werde mit Erinnerungen bombardiert. Keine einzige davon fühlt sich gut an. Alles, ausnahmslos alles macht Angst.
Nichts mehr als ein chemisches Ungleichgewicht in mir?

17:53
Egal, was er macht, was ich mache… Alles nur eine unheimliche Wiederholung! Den ganzen Tag!

19:23
Mich aufs Derbste beschimpfen. Das Sitzkissen des Rollstuhls voll mit Katzenfutter. Wenige, lächerliche Handgriffe, und ausnahmslos ALLES geht schief.
Wie eine Besessene den ganzen Tag an der Intro fürs Video geschraubt. Mich zu bewegen?
Dass ich nicht lache!!
Mein Körper ist steif. Steif wie altes, modriges, sperriges Holz! Nichts damit anzufangen. Sogar zu blöd, mich ordentlich auf den Rollstuhl zu setzen.
Es regnet den ganzen Tag; wenigstens das Wetter meint es gut mit mir. Aber bin ich jetzt fertig, durch mit dem Kapitel? Natürlich abgesehen von der mühseligen Suche nach passenden Sounds…

Angesichts der aktuellen Lage, ich möchte es beinahe „Spannungslage“ schimpfen, werden Lähmung und Spastik nicht weniger werden. Und während ich mich selbst mit „DU BIST…!“ zur Sau mache, erwächst in mir erneut der Wunsch, mich zu bestrafen. Den Körper zu bestrafen.

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21. September 2018, Freitag

8:30
So… Also wie mit der Situation umgehen? Alles selbstverschuldet? Die Nachwehen meiner dreitägigen „Auszeit“?
Mir noch nicht im Klaren darüber, ob ich bereits fertig bin mit Schlafen. Aber die Panik vor Sonjas Eintrudeln sorgt durchaus für ein gewisses Stresslevel, mit dem ich „arbeiten könnte“… Wortwörtlich. Die Panik sorgt dafür, dass ich mitunter in Erwägung ziehe, für nächste Woche keinen Termin auszumachen. Mir war richtig schlecht nach der letzten Massage. Die Verspannungen sorgten während dieser auch für ausreichend Schmerzen. Für heute ziehe ich es vor, mich „durchbewegen“ zu lassen. Etwas Passives, ohne Schmerzen. Die Spastik immer stärker. Im Traum war diese zu einem unerbittlichen Korsett herangewachsen, ich erinnerte mich selbst an den MS-Fall bei Stephen King… Mir fällt der Titel gerade nicht ein. Aber Doktor Google sagt, das wäre in „Friedhof der Kuscheltiere“ vorgekommen. Auch im Nachtkino, in dem wir uns auf einem Raumschiff im Weltall befanden, kam eine Schwester und forderte mich auf, unbedingt aufzustehen. Denn wenn ich das jetzt nicht machen würde, wäre alles verloren!! Im Traum waren die Krämpfe auch psychischer Natur, ich stand sozusagen gerade an der Kippe, dass aus psychisch physisch wird.

Zuletzt in der Glotze einen operierten Mann gesehen, der direkt nach seinem Unfall und nach OP gezwungen wurde, aufzustehen. Unter größten Schmerzen.
Und so erhob ich mich völlig verkrampft von dieser Pritsche… Ausgang ungewiss?

57,9 Kilo um 6:45 Uhr. Zumindest im Traum hatte ich mich voller Ambition wieder ans Malen gemacht; für Sebastians Geburtstag eine große Leinwand mit Peter von „Family guy“. Im wachen Zustand bin ich scheinbar noch weit weg davon, zum Pinsel zu greifen. Gestern Nachmittag, als mal kurzfristig Entspannung über Unruhe siegte, dachte ich mir sehr wohl, wie angenehm es sei, diesem „Zwang“ nicht mehr zu unterliegen… Tragisch?

Jetzt dient der Perfektionismus dem Video…

19:37
Während meines Nachmittagsschläfchen wachte ich insgesamt dreimal auf. Dreimal weggetreten. Was sich festhalten ließ war das Bild, wie ich im Gasthaus den Treppenaufgang zum Dachboden hochsteige… Mit verdächtig hoher Wahrscheinlichkeit werde ich genau das sehen. Dazu ein mulmiges Gefühl, Panik und zugleich Erkenntnis. Wenn man Erkenntnis fühlen kann. […]

Nachdem ich vom Sonnenuntergang und einer Aufnahme und dem darauffolgenden Umwerfen von Stativ und Kamera zurück kam, mein Gesicht total speckig! Und total verpickelt! In den Mundwinkeln hingegen und die Hautpartie neben diesen wiederum schuppig, trocken. Ich musste mir unverzüglich das Gesicht waschen. Aber meine Hände verkrampften sich, und mit den erneut beschissenen langen Fingernägeln kratzte ich mir den Nasenrücken aus Versehen blutig! Neue Glanzleistung…
Bin ich selber schuld an dieser Misere? Selber schuld, weil ich wie eine Besessene stundenlang regungslos am Bildschirm klebe und letztendlich doch nicht fertig werde mit der Intro??? Weil ich mich so gut wie gar nicht bewege???

Das Tablet mit dem Stift ist geliefert worden. Aber wie befürchtet, die Zeichenfläche zu klein, erfordert so winzige Bewegungen, zu denen ich nicht fähig bin. Und da wäre ja noch das Pendant zu den Maustasten. Ich spüre sie unter meinen Fingerkuppen, muss erst nachsehen, ob ich tatsächlich mit dem Finger direkt darüber bin. Ein Schuss in den Ofen?

23:11
Der Fernsehsessel stellt mich auf die Beine.
(Sonja meinte mittags: „So schlimm ist es bastelt doch gar nicht. Hätte Schlimmeres erwartet.“.)
Allein wäre ich dessen nicht fähig gewesen.
Ein Räucherstäbchen anstecken; Sebastian hat mit zuvor noch Tee bereitet. Noch ein wenig am Video arbeiten. Nachdem ich öffentlich für den Traum heute Nacht „adäquates Material“ angesammelt habe…

https://www.youtube.com/watch?v=xjdgUiPpYbc

20. September 2018, Donnerstag

8:49
Bereits während dem Frühstück mit dem Export von längeren Videos und erst recht mit dem Aussortieren von unbrauchbarem Material begonnen. Sebastian hat mir gleich morgens meine Schuhe angezogen. Keine Ausrede, heute nicht den Arsch zu bewegen?
Bin ich dessen fähig?
Ich habe nicht geschlafen. Sebastian hat unaufhörlich geschnarcht und meine Nerven waren vollends aufgerieben. Ich kam zu dem Schluss, dass das Bett kein sicherer Ort sei. Und ich musste nachdenken.
Der neue Freund unserer Nachbarin erschien mir in der Retroperspektive nicht mehr ganz geheuer. Zuerst hatte sie mir davon erzählt und alsbald waren beide in seinem Auto unterwegs gewesen; er wurde mir natürlich sofort vorgestellt.
Als er gestern zu ihr fuhr, blieb er kurz neben mir stehen.
Als er abends nach Hause fuhr, blieb er kurz bei mir stehen. Steht da und sagt nichts. Zeigt seinerseits kaum Initiative, einen Gesprächsfaden zu spinnen. Wie alt wird er sein? 60? Untersetzt und sehr still.
Und dann noch diese Frage, als ich gerade seit einer Ewigkeit ganz allein in der beginnenden Dunkelheit auf der Straße stand: „Ist dein Freund zu Hause?“…
Nachts, in meiner angespannten und unsicheren Befindlichkeit machten mir diese Aufeinandertreffen ordentlich Kopfschmerzen. Zudem noch mehr Panik. Vermute ich doch ohnehin längst, paranoid zu werden. Sehe im Haus aus dem Augenwinkel wie sich draußen vor den Fenstern immer irgendetwas bewegt. Obwohl da nie was ist! Wird mir jetzt auch noch das „vermeintlich sichere Draußen“ vereitelt? Ruiniert?

58 Kilo um 6:45 Uhr. Meine Füße kaum abgeschwollen. Mein Selbsthass wie ein Schwelbrand…
Was sahen meine entzündeten Augen da gestern??? Zwei Aufnahmen von der Physiotherapie, in der ich unter Sonjas Anleitung eine Übung für die Arme mache.
ICH SEHE SO DERMASSEN BESCHISSEN AUS!!! VOR LAUTER ANSTRENGUNG STÜLPT SICH MEIN DOPPELKINN HALB ÜBER MEIN GESICHT!!!

DA HAST DU’S!!! BRING DICH ENDLICH UM!!! SO EIN WIDERLICHES STÜCK DRECK DARF NICHT WEITERLEBEN!!!

Die Videos unverzüglich gelöscht. Als ob das den Braten fett macht…
Oder in meinem speziellen Fall sinngemäß „den Braten weniger fett macht“! So lag ich eben die ganze Nacht im Bett und kratzte auch an meiner Haut herum. Die Lippen vor Anstrengung schürzend, wie ein potthässlicher, uralter Schimpanse!!! Weil ich doch meine Arme nicht heben, nicht bewegen kann!!! Und ich wusste ganz genau, wie verunglückt, und erst recht BESCHEUERT ich in dieser Situation ausgesehen haben muss!!! Aber ich hatte kein anderes Mittel, um mich zu beruhigen. So kratzte ich mir die Haut blutig. Jede Erhebung, jeder Schorf wurde abmontiert; ohne Rücksicht auf Verluste.

Ich guckte Talkshows und neue Dokumentationen über Missbrauch. Und war entsetzt. Aber ausgelöst hat es nichts… Als sei ich erneut unendlich weit weg von der ganzen Thematik. […]
Und natürlich keine Zeit mehr… Zurück ans Video…

10:22
In 1 Stunde sollte ich allmählich mit dem Zähneputzen fertig werden, um mich auf den Weg zu machen. Meine Augen fallen zu. Strategie für heute? Wenn die Volkshilfe kommt, mir draußen mit einem Kissen auf dem Tisch ein kleines Lager bereiten. Um 16:00 Uhr ist ohnehin bereits Sitzung.
Kann die Maus kaum nutzen; klicke unentwegt aus Versehen auf die rechte Taste, weil sich die Finger verkrampfen.

19. September 2018, Mittwoch

8:25
Meine Sprunggelenke geschwollen, die Füße geschwollen, aber ob die Knie geschwollen waren oder sowieso fett sind, vermag ich nicht zu beurteilen.
58,5 Kilo um 6:45 Uhr. Wie viel oder wie wenig ich gegessen habe, spielt dabei scheinbar keine Rolle. Stützstrümpfe, und später vermutlich noch eine Entwässerungstablette.

Im Traum mich einem Klassiker gewidmet: „Loslösungsproblemen“. Wir wohnten in einer Stadt. Teilweise war es Fürstenfeld, teilweise Wismar, teilweise Bielefeld? Der Teutoburger Wald war direkt vor der Haustür. Meine Mutter hatte völlig die Kontrolle über alles in meinem Leben übernommen. Und nun versuchte ich sie aus unserer Wohnung zu schmeißen.
[…]
Mein Bruder hatte auch seinen Auftritt; aber ich habe vergessen, wie sich dieser äußerte.

Das Räucherstäbchen glimmt bereits… Mich unverzüglich an die Arbeit machen. Denn irgendwann, irgendwann muss ich wieder malen…

17:37
Das Schwein frisst die Weintrauben seiner ARMEN, BEDAUERNSWERTEN Eltern!!
Sebastian war kurz dort, um noch welche aus dem Garten zu holen…
Die Schüssel steht neben mir, ich stopfe mir eine blaue Perle nach der anderen in den Mund und ich hasse mich…

Der Gärtner unsrer Nachbarn hat mir den abgebrochenen Ast vom Birnbaum gebracht, den er sonst weggeworfen hätte. Ich fuhr die Straße lang, sah mich um, ob ich ihn sehe, um mich zu bedanken… Und bekam Panik!
Sind das die zu erwartenden Auswüchse meines mir selbst aufoktroyierten Eremitentums???
Ich war froh, dass er zu weit weg war, als ich ihn entdeckte. Wahrscheinlich hat er mich auch gar nicht bemerkt.
Ich sitze draußen, das Notebook greift auf den großen Computer im Haus zu. Ich komme nicht voran. Noch so viel zu tun. Abzuarbeiten. Und jeden Tag wird es mehr Material. Werde ich jemals wieder malen? Werde jemals fertig??? Mir läuft heute noch spürbarer die Zeit davon, und beim Tippen verkrampft die Rechte immer mehr wie die Linke es tut.
Beim Tippen noch mehr Zeit einbüßen.
Mir wird schlecht vor lauter Stress. Panik.

Mein Beim krampfte und erst wollte ich vernünftig sein, Magnesiumbrause nehmen; vielleicht der mittags geschluckten Entwässerung wegen… Ehe ich mich entsann: „Bevor ich nach 3 raus bin, hatte ich doch bereits ein Säckchen… Oder?“.
Das Hydal ist nun gleich zur Hand. Ich will auch die ganzen Verspannungen und zusätzlichen Wehwehchen meiner Schrottkiste vom langen Sitzen nicht spüren müssen. Gehen und Stehen heute ein Unding.
Der Abend kommt, ich fühl mich schuldig und bekomme jetzt auch noch Panik vom Festhalten meiner Gedanken!!!…

20:13
Im Abendrot gesessen. Und anschließend im gelben Mondlicht.
Ich fragte, ich frage mich, warum man ungefragt in dieses Leben geschissen wird, mit einem Bewusstsein verziert, um sich dann doch nur im klaren darüber zu sein, dass man sterben wird. Muss.
Welchen Sinn hat das?
Ehrlich?
Dann verzichte ich lieber drauf und bring mich um!

Auf dem Sofa. Alles verspannt. Alles schmerzt.
Die Unordnung nicht ertragen.
Die Ausschau, morgen kommt jemand, um alles wieder in Ordnung zu bringen, nicht ertragen.
Den Gedanken, dass im Anschluss mit nur wenigen Minuten erneut alles durcheinander gerät, nicht ertragen.
Panik, und eigentlich will ich unverzüglich die Augen schließen, vor diesem Dilemma VERschließen und in einen tiefen Schlaf fallen…

Zumindest diesen Vorteil haben die zusätzlichen Morphine.
Ob ich morgen spazieren darf?…

18. September 2018, Dienstag „Fluchtverhalten…“

8:29
Das erste Mal Nebel… Der Herbst kommt.
Kaum das Headset auf dem Kopf platziert, setzen Kopfschmerzen ein. Meine Augen verraten, was ich gestern getrieben habe, berichten vom Delirium.
Ich konnte nicht gehen. Weil das am Sonntag zu anstrengend war? Bis ins Badezimmer, ans Waschbecken, habe ich es geschafft. Und gerade noch den Weg zurück aufs Sofa. Das war’s!
Als er zu Mittag nach Hause kam, stieg meine Anspannung. Wann kommt die Volkshilfe? Wer von der Volkshilfe kommt?

All diese „Unbekannten“, diese ganzen „Variablen“… Das Risiko nicht mehr berechenbar. Zu Mittag eine winzige Tütensuppe. 150 ml. Beim Weg nach draußen noch einen Apfel geschnappt.
Es bedurfte härterer Bandagen. Oder zumindest redete ich mir das ein, um mein Verhalten zu rechtfertigen. Zuvor auf dem Weg nach draußen noch einmal kurz Halt am Sofa gemacht, zu meiner Tablettendose gegriffen, hastig überlegt und dann 2,6 mg Morphium geschluckt. Ich befand mich immer noch hinterm Haus, als die Wirkung bereits einsetzte. Eigentlich wollte ich das Eintreffen der jeweiligen Dame abwarten; um ein paar Instruktionen zu geben, und erst recht um mich für meine ganzen Zettel zu entschuldigen. Aber da kam niemand.
Der Rausch fühlte sich gut an, war eine Wohltat gegen diese Anspannungsängste… Aber wie immer ist Wohlgefallen mit einem Verbrechen gleichzusetzen! Panikattacken… Ich brauchte dringend eine Strategie, um die ganze Ausfahrt über nicht leiden zu müssen. Mein Täterintrojekt ohnehin nicht abzuschütteln, so beschloss ich noch jemand anders mitzunehmen. Ich stellte mir vor, ich visualisierte, dass ich jetzt mit dem inneren Kind diesen Ausflug machen würde. Und bei jeder Pflanze, jeder Blume, jedem Schmetterling und jedem Tier erklärte ich in mich hinein, was da zu sehen war, wie es heißt und kleine Anekdoten dazu…

Ich hatte den Eindruck, das hätte dem inneren Kind, das hätte mir als Kind sehr gut gefallen. Und auch, dass ich diesem Kind ein wenig Geduld schenkte, die es damals nicht hatte, als wir da eine Ewigkeit vor einem Strauch saßen, und den Zilpalp mit der Kamera einfangen wollten. Die Kleine wäre nach spätestens 5 Minuten wieder weiter gerannt, keine Zeit, immer auf der Flucht, und sich dessen gar nicht bewusst. Also ein Geschenk an das Kind und damit einhergehend an mich zurück…
Watte im Kopf. Ein bisschen Frieden und ein bisschen mehr von diesem Rausch. Aber die Devise lautete trotz allem wieder: „Bleibt alle in euren Häusern! Seht mich nicht! Sprecht mich nicht an! LASST MICH ALLE IN RUHE!!!“.

Abends in der Psychoanalyse ertappte ich mich mehrmals, über diese Situation in der Wir-Form zu reden. „Wir waren unterwegs.“…

Als ich eine Aufnahme machen wollte, an einer sonst so ruhigen Stelle, wurde ich nonstop von Autos und Flugzeugen sabotiert. Schlussendlich war da auch noch Ute, die mir von ihrer Einfahrt unten zuwinkte. Sie ging mir entgegen und wir unterhielten uns eine Weile. Völlig ungezwungen. Es war schön… Auch bekundete ich, meine Ängste betreffend, sei es mit ihr etwas anderes…
Dennoch klimperten meine Hände wie verrückt. Ich war auch in Zeitnot.
Mir war völlig klar, in den verbleibenden 45 Minuten 2,3 km locker bewältigen zu können. Mich durfte nur nichts mehr aufhalten. Ich fühlte mich schlecht und schuldig, als ich an einem Käfer und zwei Raupen vorbei raste. Ohne sie sicher über die Straße zu geleiten. Ich fühlte mich gelinde gesagt SCHEISSE, weil mir dann doch die Zeit davon lief…
Die Zeit DAFÜR, vor der Sitzung noch ein Statement zu setzen.
Ich wollte dem Drang, der Sehnsucht nachgehen… Zumal mich „der Termin“ wieder unter Druck setzte…
Ungeplant definitiv das zweite Hydal 2,6. Um dann 5 Minuten vor der Therapie neben dem Tablet zu sitzen, ein kleines Frotteetuch unter meinem linken Unterarm, und die doch letztens noch nagelneue Rasierklinge in der Rechten.

Glück für meinen Körper? Ironie des Schicksals? Das Werkzeug war völlig stumpf! Nicht einmal die Seiten vermochten der vernarbten Lederhaut etwas anzutun.
[…]
Etwa nach 25 Minuten holte die Chemiekeule zum nächsten Schlag aus. Ich sank in mich zusammen. Ich fühlte vieles intensiver. Aber zugleich fühlte ich mitunter auch gar nichts, konnte keine Verknüpfung herstellen, und denken erst recht nicht.

Dass an meinem linken Unterarm wieder eine schwarze Stulpe zu sehen war, blieb unkommentiert. Auch war ich wieder entnervt, als ich nur kurz vor der Sitzung im Haus war. Wer war denn heute hier zugange? Welche Logik hat es, das schmutzige Geschirr aus der Spülmaschine zu räumen und per Hand abzuwaschen? Zumal mir abends Sebastian ein Glas gab, dieses mit Multivitaminsaft füllte… Und am Boden war ein Fleck, ein weißer Fleck…

Ich kam erst ganz am Schluss drauf, was das war. Milch! Das Glas hatte ich gestern für mich benutzt. Es stand in der Spülmaschine. Und als ich nach Hause kam, oben auf der Spüle abgewaschen im Gitter. Muss ich das verstehen?
Ich kam mir unendlich undankbar vor. Beinahe schon gehässig: „Wie kommt man bitteschön auf die Idee? Oder war noch Zeit, die 90 Minuten noch nicht um, und mussten gestreckt werden? Ich habe doch wieder und wieder gesagt, wenn sie schneller fertig sind, umso besser für mich. Und auch für sie. Nicht 90 Minuten fix, dafür 60-90 Minuten.“.
Selber schuld, wenn ich jedes Mal flüchten muss. Aber selbst wenn ich daneben sitze und konkret sage, was ich will oder nicht, kommen meine Worte nicht an. Bin ich zu leise? Zu blöd? Erwarte zu viel? BIN ZU VIEL???

Nachts, kaum im Bett, Krämpfe. Weitere 2 mg Hydal retard. Aber es ging noch besser. Um 23:45 Uhr, ich hatte bereits geschlafen, lief ich plötzlich aus. Das große Glas Saft wurde auf einmal auf natürlichem Wege entsorgt. Und ich konnte nichts dagegen unternehmen; und die Einlage, die angeblich bis zu 1 l fassen soll, war mit den 300 ml nach 150 bereits heillos überfordert (Mengenangaben sind Schätzwerte).

Wenn ich noch keinen Infekt hatte, nach einer Nacht in der nassen Umgebung habe ich ihn spätestens jetzt.

Meine Träume:
Ich träumte davon, mit Sebastian im Wohnzimmer zu stehen. Plötzlich donnerte es. Irgendetwas Gigantisches schien durch den Himmel zu rollen. Der Blick ging gen Himmel: Ein monströses Luftschiff, in Form eines Wals!
„Ich dachte bis jetzt, die Transsibirische sei eine Eisenbahn!“. Aber nein! Im Traum hatte es in Russland nie Züge gegeben. Nur diese Luftschiffe, die sogar erst unter Wasser fuhren, ehe sie sich gen Himmel erhoben. Aber ganz speziell dieses Luftschiff, dieser Zeppelin, wurde von einer Sturmböe erfasst, in der Mitte auseinandergerissen und die Einzelteile trudelten unkontrolliert durch die Lüfte. Ich hatte Angst, es könnte das Haus treffen, könnte uns erschlagen…
In der nächsten Szene sitze ich in diesem Luftschiff. Und die Passagiere versuchen sich zu retten, alle schreien, alles rennt nach hinten in die erste Klasse, zu den Schlafabteilen (von innen war das Fluggerät wie ein Flugzeug oder ein Waggon). Und es war die richtige Wahl! Der hintere Teil wurde zurück nach Russland geschleudert, in einen Tunnel hinein, und war somit sicher vor herabfallenden Einzelteilen. Familien wurden auseinandergerissen. Kinder kamen zu Tode.
Ich entstieg dem Abteil auf einem seltsamen Flughafen, der eigentlich ein Bahnhof war. Aber seitens der Regierung wurde alles dementiert. Es hatte keinen Absturz gegeben und es hätte auch nie Züge gegeben, dementsprechend auch nie einen Bahnhof. Ich war ein Kind.
Und fand mich in der nächsten Sequenz in einer Alternativfassung von „Interview mit einem Vampir“. An dieser Stelle wird es richtig interessant. Tom Cruise war extrem gealtert. Aber ich fand zumindest, er sah immer noch gut aus. Im Traum rechnete ich mir sogar aus, wie viel Altersunterschied vor 24 Jahren bereits bestanden hat, als ich total verknallt in diesen Schauspieler war.
Ich sah ihn in dieser Rolle. War verwundert, den Film doch mindestens 50 mal gesehen zu haben. Aber da waren lauter Bilder und Handlungsstränge, die mir absolut nichts sagten. Außer vielleicht ein leichtes Dejavue auszulösen.

[…]

Noch ein paar letzte Worte hinterher… Der Ausflug war gut, war wichtig. Und dennoch werde ich das Gefühl nicht los, wegen dieser von mir in Auftrag gegebenen Invasion NICHTS geschafft zu haben! Und dass ich immer kritischer mit den fleißigen Helferinnen werde, je mehr mich ihr Kommen belastet. Ich IHNEN die Schuld in die Schuhe schiebe. Schuld an allem!!

Ich denke, heute muss ich eine neue Rasierklinge einweihen, heute MUSS ich es BESSER machen. MUSS ES ZU ENDE BRINGEN.
Als ob ich nicht ganz genau wüsste, dass das verlogene Ende eigentlich erst die Initialzündung für die nächste Spirale ist!! So wie ich gestern abends auch wieder heftige Panikattacken hatte. Sicherlich auch von den Tabletten.

13:17
Mein Gewicht von 58,4 Kilo erklärt sich von selbst…

Fettes Mastschwein!!!

Meine Beine sind wieder geschwollen. Hatten sie sich doch erst die letzten Tage ohne Stützstrümpfe etwas beruhigt… Aber gestern zu lange in der Sonne gesessen?
Ich war spazieren. Etwa 40 Minuten. Von guter Qualität kann wahrlich keine Rede sein. Oder ist es tatsächlich nur meine miese Laune, die den Erfolg, überhaupt noch gehen zu können, trübt?
Ich bin noch nicht fertig mit meiner Überlegung, hinsichtlich einer funkelnagelneuen und vor allem scharfen Rasierklinge.

14:41
Mein letztes Rasierklingendepot suchen…
Es dauert etwas…
Aber meine Hände eiskalt, nicht durchblutet…

18:47
Dem Tag beim Sterben zugesehen.

Die Kopfhörer in den Ohren, den Blick an die untergehende Sonne geheftet und im Kopf so viele Gedanken…
Bitte, sprich endlich mit mir…

[…]

Als ich um 14:30 Uhr das Haus verließ, mit Sack und Pack, für alles vorbereitet, hätte ich die Eskalation noch abwenden können. Aber ich wollte nicht. Erst eines der Skalpelle… Stumpf. Dann die neue Klinge… 20 Schnitte? Oder mehr? Erneut unfähig, mich aufs Zählen zu konzentrieren. Und konnte mich nicht entscheiden, welcher Anblick mich mehr betört: der von oben bis unten besudelte Unterarm oder die kleine Pfütze darunter, auf ein paar Blätter auf dem neuen Asphalt, und wie es tropfte und tropfte… Was für ein berauschendes Plätschern…
Ich bin krank.
Wäre ich allein, ganz allein… Ich hätte mich nicht abmühen müssen, von irgendwoher Wasser anzuschleppen, um dann noch mit einem Spaten meine Sauerei unter die dichten Brombeerblätter zu schieben. Ich hätte meinen Arm nicht einpacken, wegpacken müssen… Alles scheißegal!
In der Einfahrt schluckte ich das Hydal. Mir vorsorglich eine Blisterpackung in die kleine Bauchtasche gesteckt, in der ich bei meinen Ausfahrten und Spaziergängen das Handy mit mir trage. Dann ging es den Berg hoch, mit lauter Musik, Herbstlaufmusik. Bis zur Sandgrube; und ständig in der Panik, irgendjemand könne kommen… Ich werde noch paranoid!!
Bereits da schaute ich in die Sonne und aß meinen Apfel, von der Straße abgewandt, um bloß niemanden zu sehen, zu erkennen und so den Eindruck zu erwecken, ich müsse winken, grüßen oder anderweitig reagieren. Ehe ich den Heimweg antrat, wie schon bei der Hinfahrt den Hut tief ins Gesicht gezogen, den Blick konsequent auf den Boden vor mir gerichtet. Ganz langsam den Rückweg angetreten, und am Sondieren, wo ich kurz anhalten und mich für meine Schlechtigkeit und für meine schlechten Gedanken bestrafen könnte. Wieder fantasierte ich „von dem einen tiefen Schnitt“. Stattdessen überholte mich Sebastian, der vom Einkaufen kam. Witzchen werden gemacht, man grinst, man lacht…
Dann fuhr er weiter, ich folgte. Um im Haus lediglich sicherzustellen, dass er die nächsten Minuten nicht nach draußen gehen würde.
Das andere Skalpell. Ich bin feige… Und die Gerätschaften ohne jegliche Schärfe. Aber das neue Kleinod wenigstens für heute treu. Die Wundfläche stärker durchblutet, der Wundheilung wegen. 17 Schnitte. Und zumindest beim Letzten mal nicht wie gewohnt die Luft angehalten, stattdessen ausgeatmet, langsamer und fester… Warum mache ich es nicht immer so? Oder zumindest wütend genug, um auf diesem Wege die Energie in jeden einzelnen Hieb zu transferieren…

Erneut hatte ich versucht, die Aufnahme von gestern zu wiederholen, oder zu ergänzen. Flugzeug, Flugzeug, Flugzeug…
Der Rausch fühlt sich nicht so gut an wie jener gestern. Geschieht mir recht, nehme ich an…

17. September 2018, Montag „Freigang für die Kellerleichen…“

8:34
Vorweg ein ein kurzer Dialog.
Gestern: „Hast du mich jetzt gefilmt, als ich die Feder noch im Haar stecken hatte? Ich sehe doch ohnehin total bescheuert aus beim Gehen…“.
Er: „WARUM interessiert dich die Meinung anderer??!!! WARUM ist dir das so wichtig??!!!“.
„Nun ja… Wenn die Meinung anderer, des Dorfes, wichtiger ist, als das Kind vor sexuellen Übergriffen zu beschützen, dann muss diese Meinung schon eine gewaltige Gewichtung haben!“.

57,9 kg um 6:45 Uhr. Gestern sogar 57,5 geschafft.

8:54
Eine Viertelstunde verstreicht, das Diktierprogramm funktioniert nicht, der Computer behauptet, keine Soundkarte mehr zu haben, Stecker rein, Stecker raus, Computer neu starten usw. und so fort. Ich sehe mich in 2 Stunden noch hier sitzen!
Vor mir eines meiner drei Notizbücher; gleich mehrere Seiten voll gekritzelt.
Gestern 1 Stunde spazieren gewesen. Es war schön mit Sebastian, ohne Frage. Aber wäre er nicht an meiner Seite gewesen, hätte mein Gangbild vermutlich etwas besser ausgesehen. Tragisch…
Ich fühle mich immer noch dezent berauscht. Da in meiner Tablettendose keine Alternativen mehr vorhanden waren, gleich zu Hydal 2,6 gegriffen. Mein linkes Bein krampfte ohnehin bereits seit gut 2 Stunden; das Magnesium blieb ohne Effekt. Und die Dröhnung fuhr ins Gebein… Was für ein schöner Rausch! Dementsprechend meine Träume…

Scheinbar hatte ich meine ganzen Schulkollegen mit MS angesteckt. So saßen wir wie damals im Gymnasium gemeinsam in Graz vor der Tür meiner Neurologin. Als ich endlich aufgerufen wurde, nahm sie mich nicht ernst. „Was soll ich auch davon halten, wenn sie eindeutig berauscht sind, irgendetwas eingeworfen haben?! Schon wieder?! Das ist ganz typisch für Borderline!“.

Aber viel entscheidender ist das, was im Notizbuch steht. Erst recht für die Therapie.
Meinen Vögeln zuliebe den Fehler begangen, und Fine ins Haus gelassen. Jetzt hockt sie bereits seit einer Ewigkeit neben mir und hört nicht auf zu protestieren, zu fordern. Meine Toleranzgrenze allmählich überschritten.
Meine Hände präsentieren sich heute wieder einmal von der „Schoko-Seite“. Was soviel heißen soll wie „Überdosis Schoko und nun Wachkoma“. Versuchen, die richtigen Seiten aufzuschlagen…

Apropos Katzen: Abends kam Martha ganz stolz aus unserem Wald spaziert, mit irgendeinem riesengroßen Beutetier im Maul. Ich dachte ja erst, es handele sich um ein Eichhörnchen -aber weit gefehlt! Einen jungen Feldhasen hatte sie erledigt! Ich war so zornig und zugleich machtlos. Nein, in so einer Umgebung sollte man keine Katzen halten!! Davon bin ich allmählich überzeugt!!

Nun zu Samstagabend:
Sebastian kam irgendwann kurz vor Mitternacht von oben runter und eröffnete mir, von zweieinhalb Bier ordentlich beschwibbst zu sein. Nun endlich sollte es Abendessen geben. Aber zuerst wollte er die Glotze in Betrieb nehmen. Doch der Receiver hatte wohl beim Regen freitags den Geist aufgegeben. Nun stand er da sicherlich 20 Minuten oder länger und ärgerte sich, während er verzweifelt versuchte, dem Problem auf den Grund zu gehen.
Sein Essen wurde kalt, und ich war dermaßen müde und saß da mit meinem Butterbrot, um kaum einen Bissen runter zu bekommen.
Vorweg: ZUM GLÜCK ist Sebastian das absolute Gegenteil von dem, was ich hier an Männern kennenlernen „musste“. Er hat keine Geduld, ist schnell frustriert, aber dreht deswegen nicht durch… Nicht wie zum Beispiel ICH! Und es tat mir leid, was er in den zurückliegenden 20 Jahren alles mit mir hatte miterleben, aushalten müssen!
Ich durchlebte eine weitere Regression. Ich fühlte mich wie damals als Kind, wenn meine Mutter sich in so einer Situation befand. Wenn man die Luft hätte schneiden können! Und wieder: Als hätten wir die ganze Zeit nur Schläge erfahren!!! Aber dem war ja nicht so, ganz im Gegenteil!!!
Nichtsdestotrotz reagierten mein Bruder und ich extrem sensibel auf Spannungszustände dieser Art. Man wusste intuitiv, dass man nun ganz still zu sein hat, am besten die Klappe hält und sie nicht anspricht. Während sie sich ärgert…
Wenn sie dann mal im Gastzimmer saß, in einer regen Unterhaltung „gefangen“, schlich ich mich beinahe devot und vorsichtig an sie heran. Und stand dann hinter oder neben ihr eine kleine Ewigkeit, die Arme hinterm Rücken verschränkt. Nur auf den richtigen Moment wartend, auf die Atempause, auf das Ende eines Themas, um eine Frage einwerfen „zu dürfen“.
Nicht von ihr, aber von mir aus!! Waren wir einfach nur gut erzogen oder aus einem noch undefinierbaren Grund so, als hätte man uns permanent verprügelt?…
Und, bzw. aber plötzlich spürte ich eine Gefahr. Meine Angstantennen schlugen aus. Und wiederum ich hatte das Gefühl, die Befürchtung, Sebastian könne gleich durchdrehen und mir eine schmieren!!! Wie auch letztens im Taxi bei der Heimfahrt von Graz, als die Stimmung meines Fahrers sich verändert hatte…
Ich tauchte unter, wurde stiller und stiller, wurde unscheinbar, unsichtbar. Denn meine Angst war davon überzeugt, die Kombination aus Alkohol und Mann berge eine nicht zu kalkulierende Gefahr in sich!!!
Und -man höre und staune- es sogar Rumpelstilzchen war, der mir Einhalt gebot, mir befahl, die Schnauze zu halten! […]

Mein Unterleib schien zu reagieren. Es fühlte sich so an, als würde er permanent schwer schlucken. Oder ebenso schwer an etwas zu kauen haben.

Das war dein Pilz, du Drecksau!!!

Oder kam das vom Katheterwechsel, weil ich mich wegen diesem wieder angepinkelt hatte??
ABER ZUM GLÜCK IST SEBASTIAN NICHT SO!! DENN WENN HIER JEMAND AGGRESSIONEN HAT, DANN BIN DAS GANZ ALLEIN ICH! UND NUR ICH TRAGE DAS POTENZIAL IN MIR, GEWALT GEGEN ANDERE ZU RICHTEN!!!

Ich musste mit Sebastian über meine Gefühle reden. Er war regelrecht schockiert, was er in mir ausgelöst hatte. Und dann sprachen wir noch einmal über meine „Beichte“/„Offenbarung“ und deren Auswirkungen.
Und da stellte sich doch tatsächlich heraus, dass entweder ich ihn falsch verstanden habe oder er sich falsch ausgedrückt hat… […]

Und erst jetzt gerade, da ich es diktiere, wird mir die Tragweite des Ganzen bewusst!! JETZT, da ich ganz allein bin und ALLES anstellen könnte!! […]

Was macht das mit mir? Stehen wieder Panikattacken auf dem Tagesplan? Muss ich mich wieder unsicher fühlen? Schuldig?

Im Traum von Samstag auf Sonntag befand sich auf der steilen Wiese vor dem Gasthaus ein Puff. Also es wurde auf der Wiese unter freiem Himmel betrieben. Scham und Grenzen jedweder Art schienen abgeschafft. Und ein Mann zwang mich, mich zu prostituieren.
Ich kann mich nicht mehr richtig erinnern. War es Sebastian? War es jemand anders? Verwandelte er sich in jemand anders?
Diese Person ging definitiv selbstbewusst und zielstrebig am Gasthaus ein und aus. Es gab bereits fünf weitere Nutten (das Programm kennt das Wort natürlich nicht), die dort emsig ihrem Job nachgingen. Perfiderweise sah ich da eine Verknüpfung zur Volkshilfe. Die kaputten Damen taten alles, aber auch wirklich alles! Nur ich sperrte mich, wehrte mich, versuchte immer Ausflüchte und Ausreden zu finden.
Eines Nachts lag da so ein alter Sack […]. Alle Damen waren ausgelastet, eine Gangbang-Party: Er lag da auf der Wiese, umkreist von den kaputten Frauen, und jede hatte entweder einen Pimmel oder gleich „die Eier“ im Mund, als sei er „multipotent“, und lutschte vermeintlich lustvoll daran herum. Man wollte mich zwingen, mich daneben zu legen, mitzumachen. Hatte ich nicht erst zuletzt bei diesem Thema in der Glotze heftige Derealisationen bekommen? Weil es mir absolut NICHT normal erschien, so etwas überhaupt in Erwägung zu ziehen??? Ich versuchte zu flüchten. Hinter die Hecke, die Thujahecke, die das Grundstück unterhalb des Hauses einzäunt. Scheinbar kam ich nur bis zur Hälfte. Mein Oberkörper, mein Kopf, mein Geist waren in Sicherheit, „im Trockenen“. Aber mein Unterleib sowie meine Beine steckten teils in der Hecke, lagen teils auf der anderen Seite, noch auf der verruchten Wiese. Eben dort, wo das ganze Dorf zugucken konnte, wo man von der Landstraße oben und von der Bundesstraße unten alles wunderbar beobachten durfte, wenn man wollte. Eine gratis Peepshow!! Aber zumindest im Traum war niemand zu sehen. Doch nachträglich wird klar, was für Möglichkeiten sich für das gesamte Umfeld dadurch eröffnet haben müssen. Und die Ratio sagt nachträglich, dass ganz sicher jemand zugeschaut hat!! So etwas lässt man sich doch nicht entgehen?! Man spricht nur nicht darüber…
Ich war fällig! Eine der erfahreneren Huren spreizte meine Beine. In Gedanken sah ich mich auf dem Schafott, und mit der Tatsache konfrontiert, jetzt sterben zu müssen. Und in diesem Ausnahmezustand stellte sich vielleicht zum Selbstschutz Resignation ein. Alles schien egal.
Sie spreizte meine Beine und kroch ganz nah an mein „Innerstes“ (wie die ganzen Schwestern, die mir einen Katheter legen wollten oder mussten). Da konnte ich durch die Thuja, die mehr oder minder „blickdicht“ war, hören, wie sie voller Erstaunen zu ihren Kolleginnen und dem glatzköpfigen, alten Kunden sagte: „DIE ist ja noch Jungfrau!!!“.
Was nun „WAS“ für mich bedeutete? Hatte ich Welpenschutz? Oder wurde nie missbraucht (die Frage drängt sich mir jetzt erst auf)?!!
Mein Zuhälter (ich werde das Programm noch total verderben; dieses Wort kennt Dragon auch nicht) nahm mich ins Gebet.
Die ganze Situation erinnerte sehr an das Buch, das ich zuletzt ein zweites Mal gelesen hatte. Da hatte sich das Missbrauchsopfer des Vaters oder Stiefvaters auch im Puff wohler gefühlt. Sogar sicher gefühlt.
Mir scheint nun, ich muss definitiv in diesem Traum noch minderjährig gewesen sein. Wie eben auch die Protagonisten in besagtem Buch. Nun sollte ich ihm erläutern, warum ich mich so anstellen würde.
„Ich will niemanden bedienen, bedienen müssen. Ich will, ich muss brutal vergewaltigt werden…“.
Und ich sah mich in der Traumzukunft völlig zerstört, zerbrochen auf der Wiese liegen. Innerlich tot. Äußerlich tot. Und zugleich so ein unbeschreiblicher Frieden auf und in mir…

Des weiteren träumte ich davon, Sebastian und ich hätten ein neues Haus gebaut, wären umgezogen. Wer hätte es gedacht?! Das neue Haus war das Gasthaus. Und das einzig Neue daran eigentlich nur der Hintereingang, die Tür. Sebastian hatte diese im Alleingang und ohne meine Zustimmung besorgt. Darüber war ich enttäusch; das war ein schlechter Tausch! Die Tür zum Hintereingang (und um es noch einmal für jeden verständlich zu machen, warum sich diese Assoziationen anbieten), durch diesen langen dunklen Flur, an dessen Ende sich erst die Damen- , dann die Herrentoilette befinden, ehe man das Haus entweder verlassen oder betreten kann…
Es war so eine dünne, qualitativ minderwertige Fichtenholztür, wie wir sie hier im gesamten Haus haben. Also nichts von Bestand, das in irgendeiner Form Sicherheit bieten würde! Genauso gut hätte man da einen Karton in die Zarge klemmen können!! Aber nicht nur das!!! Auch DIESE Tür ließ sich nicht schließen, wie immer in meinen Träumen, seit Kindertagen.
Betrat man also das Haus und wollte sie hinter sich zuwerfen, fiel sie nicht ins Schloss und blieb einen Spalt offen. Aber selbst wenn man sich umdrehte, zur Türschnalle griff, um sie „anständig“ zuzumachen, gab es ein verräterisches Knacken und die „Falle“ zog sich ins Schloss zurück… Die Tür ging wieder auf. Ich dachte an das, was da von draußen „von hinten“, also „über den intimsten Bereich“, in das neue Haus eindringen könnte!!!
Um mir dann zusätzlich noch bewusst zu werden, dass diese Türe an der Außenseite ebenfalls über eine Schnalle verfügt. Also beinahe schon wie eine Einladung! Jeder kann diese Türklinke betätigen und sich „einfach so ungefragt“ Zutritt verschaffen… Das Haus, das Synonym für den Körper. Der lange, dunkle Flur… das Untergeschoss. Die beiden Toiletten die Geschlechtsteile… Die JEDER verwenden, benutzen und schlussendlich verschmutzen kann, denn „SIE SIND JA ÖFFENTLICH“!!! Und „DIE ÖFFENTLICHKEIT, DIE ÖFFENTLICHE MEINUNG IST WICHTIGER ALS DIE PERSÖNLICHE INTEGRITÄT“!!!
Mein letzter Gedanke diesbezüglich: „Warum haben wir unser eigenes Haus aufgegeben, dieses neue Haus mit der Sicherheitstür? Die außen keine Klinke hat??? Und wenn die Tür ins Schloss fällt, ist sie von außen dicht!!!“.

So wird es wie prophezeit 10:07 Uhr; ich beginne sogar zu stammeln, zu stottern. Und habe immer noch das Bedürfnis, mich abzuschießen. Weil ich alleine bin, weil die Volkshilfe kommt, weil es mir nicht gut gehen darf…
Und wie leid es mir auch immer tut, was ich ihm damit zugemutet habe. Dass er wohl wie gewohnt gut gelaunt und ein Lied auf den Lippen, ohne auch nur irgendeine Vorahnung zu haben, das Haus betrat, um dort auf die wohl schlimmste Katastrophe seines Daseins zu prallen….
Die Todessehnsucht, oder der Wunsch, den Tod herauszufordern, wird lauter und lauter. Obwohl ich guter Laune bin, und das sogar relativ stabil die letzten Tage.
Meine Rechte klimpert. In einer Stunde will ich ihm entgegengehen. Nicht mehr viel Zeit fürs Video, fürs Zähneputzen und Anziehen meiner Schuhe. Der Vormittag so gut wie tot. Der Tag so gut wie vorbei. Der Nachmittag ohnehin vergiftet durch die Präsenz eines anderen Menschen hier im Haus.
Es tut mir so leid; wie verletzend muss das erst klingen? Und dann wäre da noch der Herbst, die letzten warmen Tage, und alles liegt im Sterben…

1997-01gr

(Mit 16/17 Jahren)

15. September 2018, Samstag

17:52
Ich wünschte, unser Nachbar würde den Rasenmäher endlich ausschalten.
Mit dem Notebook hinters Haus gefahren. Oder ist das hier „vor dem Haus“?
Die Kamera auf eine Krabbenspinne gerichtet; die entscheidenden Augenblicke verpasst, als aus ihrer Starre für einen winzigen Augenblick explosionsartig Bewegung wurde, sie sich eine kleine Fliege geschnappt hat. Das Licht wird immer schlechter, zudem hat sie sich unter Blütenblätter verschanzt.

58,5 Kilo um irgendwann vor 9:00 Uhr.
Vor wenigen Minuten krampfte meine Blase, anschließend lief sie aus und gleichzeitig fingen die Krämpfe in den Beinen wieder an.
Habe es nicht anders verdient… Nehme ich mal an. Weil ich meinen internen Richter provoziert und zugleich dem Körper geschadet habe? Er zetert, schon den ganzen Tag. Lautstark in meinem Kopf. Jeder Schritt, aber auch bereits jeder Gedanke wird gemaßregelt. Mir vorkommen wie ein kleines, unwichtiges, dummes Kind.

Den Computer auf dem Schoß, die Straße hoch fahren. Noch ein wenig Abendsonne tanken. Das Stativ bleibt hier; ich hoffe es nicht bereuen zu müssen…

GENAU!! Zeig der ganzen Welt, WAS FÜR EIN PEINLICHER TROTTEL DU BIST!!!

Am Himmel zeichnen sich zarte Züge des Abendrots ab… Kurzerhand doch noch das Stativ auf meinen Schoß verfrachtet. Ich muss an unzählige Kinofilme denken, in denen irgendwo in einem urbanen Setting in den USA ein Penner sein Hab und Gut in einem Einkaufswagen vor sich her schiebt…

Ich bekomme Panik. Wie konnte ich gestern auch so vermessen sein, Brigitte gegenüber -wenn auch nur im Flüsterton- zu erwähnen, dass sich die Ängste gelegt hätten???
Aber jetzt erst einmal in die Sonne. Und um meinem jüngst verliehenen „Titel“ alle Ehre zu erweisen, nicht einmal Schuhe an. In Socken auf den Fußstützen… Sehe ich dämlich aus…

18:10
In der Kurve, 200 m weiter, postiere ich mich mit meinem „Fahrgeschäft“. Das Diktierprogramm beliebt ständig abzustürzen und ich kann die Finger meiner Rechten nicht mehr strecken. Es gestern bis ans Limit getrieben. Da Sebastian abends ausging, setzte ich mich nach 22:00 Uhr erneut an meinen Computer und schraubte noch an meinem Video herum. Bis irgendwann nach 1:00 Uhr nachts. Als wir dann ins Bett gingen, war ich völlig aufgekratzt. Meine rechte Hand durch das permanente Halten der Maus eine kompakte Faust, unbrauchbar. Aber ich konnte, ich durfte nicht schlafen. Zumal meine Beine ebenfalls einen Anlass gefunden hatten, mit den Krämpfen nicht mehr aufzuhören, unentwegt zu zappeln, zu tanzen und mich gnadenlos zu quälen.

Unten im Graben ruft ein Grünspecht. Das Programm will nicht mehr. Mein Geschwafel ist ohnehin wertlos, also meine hohlen Phrasen endlich auf den Punkt bringen…
Eingeschlafen bin ich wohl erst irgendwann nach 4:00 Uhr. Dementsprechend erschlagen präsentiert sich mein Körper heute. Und ICH wollte dienstags noch große Pläne schmieden, mich heute oder morgen von Sebastian runter zum Fluss bringen lassen, um dort spazieren zu gehen. Sobald ich aus dem Rollstuhl aufstehe, stehe ich mir selbst auf den Füßen und falle augenblicklich wieder um. So viel zu all dem Wohlwollen, der Motivation, nun endlich wieder ein bisschen zu leben, leben zu wollen.
In der Ambulanz in Oberwart saßen wir locker mal eben 2 Stunden. Und der Arzt hatte natürlich recht, dass ich mit meinem Problem gerade am Wochenende dort an der falschen Adresse wäre. Aber in der Tat wusste ich nicht mehr, dass lediglich unter der Woche auch außerhalb der eigentlichen Ambulanzzeiten Urologen anzutreffen wären, am Wochenende eben nicht.

Die Hinfahrt deprimierte mich.
Scheinbar habe ich allzu oft meinen besseren Zustand angepriesen… Das war ein Fehler, das weiß ich jetzt.
Der Herbstbeginn, der Himmel, die Landschaft… Auf einem der Äcker sah ich die Überreste von Ölkürbissen…
Genau dieser Anblick katapultierte mich mal eben acht Jahre zurück an die Raab, alles abgeerntet auf den Äckern, und ich laufe, laufe, laufe… Weil der Herbst immer noch die beste Jahreszeit dafür war.
Auch just in diesem Moment werde ich mit schmerzhaften (weil schönen) Erinnerungen konfrontiert. Nach der Diagnose, ich hatte neue Inlineskates bekommen; und Niggi ebenfalls. Von meiner Mutter. Weil sie in dieser schweren Zeit vor 20 Jahren für mich so eine gute Freundin und erst recht Stütze war.
Es war dasselbe Licht, als wir uns vermutlich nach der Schule mit unseren fahrbaren Untersätzen auf den Weg machten, runter zum Fluss, in die Ebene, um dort noch stundenlang Spaß zu haben…
Es ist das gleiche Licht wie damals vor 30 Jahren, wenn ich mit meiner Mutter spazieren war, wir herum alberten, sie von früher erzählte. Und ich sie für einen Moment für mich allein hatte; und zumindest das Gefühl, dass sie da auch ganz und gar „bei mir“ war.

Die Sonne sinkt tiefer und tiefer, die Schatten werden länger und länger und ich bin noch nicht einmal an der Stelle angekommen, um die es eingangs gehen sollte.

Wir waren ja gleich nach dem Aufstehen, und nachdem er mir die Haare und ebenfalls den Rest von mir gewaschen hatte, ohne Frühstück losgefahren. Ich hatte mir lediglich einen Apfel erlaubt. Weil ja ohnehin klar war, worauf es hinauslaufen würde.
Burger King…
Schmeckte scheußlich. Aber ein Nachtisch musste sein. Weil mich die Stimmung in der Natur so sehr an bessere Zeiten erinnerte, dass der Schmerz irgendeines Puffers bedurfte. Also gab es noch Eis. Die halbe Heimfahrt hindurch diesen Milchshake geschlürft.
Zuhause war ich nur noch fertig. Er hätte mich genauso gut im Auto sitzen lassen können, ich wäre dort ohne Probleme und unverzüglich eingeschlafen.
Zuwider meiner Hoffnung entdeckte er in der Glotze, dass sein Fußballspiel, welches bereits bei der Heimfahrt per Radio empfangen worden war, auch mit Bild aufwarten konnte. Er machte es sich auf dem Sofa bequem und wiederum meine Pläne zunichte.
Schnappte mir so unauffällig wie möglich einen kurzen Strohhalm, um kommentarlos noch einmal hinters Haus zu fahren. Ich parkte den Rollstuhl ganz dicht am Ende vom neuen Asphalt neben dem quadratischen Wannenteich. Dort, wo bereits die tote Amsel und die Singdrosselleiche liegen und darauf warten, ersteinmal skelettiert, meine Sammlung zu komplementieren.
Der Strohhalm war denkbar ungeeignet, aber schlussendlich genügte er meinen fragwürdigen Ansprüchen. Den Oberkörper auf meinen Schoß gelegt, den Hals ganz lang gemacht, um mir nicht die Lederschuhe einzusauen.
Und dann kotzte ich eben wieder, trotzte meiner sperrigen und wertlosen Hülle die ebenso wertlose und viel zu sündhafte Nahrung wieder ab…

Zumindest im Ansatz. Mindestens die Hälfte. Bestenfalls war es mehr und erschien nur durch die Komprimierung so unzufriedenstellend.

Als ich eigentlich mit dem Diktieren beginnen wollte, hatte sich soeben Fine-Biene unter das gammelige Blatt Küchenrolle gekämpft, das doch erst vor Wochen dem Abtransport der überfahrenen Drossel gedient hatte, dort liegen geblieben und in meiner Not über um mein Erbrochenes drapiert worden war. Und so hat sie sich an meiner Kotze gütlich getan, diese aufgeschleckt.

Es wird 19:12 Uhr. Die ersten Fledermäuse. Die Farbe am Himmel schwindet und weicht der beginnenden Dunkelheit. Die Mondsichel scheint den durch Flugzeuge verursachten Narben zu entfliehen, setzt sich von diesen ab. Laubfrösche hocken in den Bäumen und singen. Keine einzige Grille ist mehr zu hören. Ganz gedämpft das Konzert von Heuschrecken und Zikaden. Der Blick wanderte intuitiv nach links, um dort einen großen Raubvogel zu erspähen. Vermutlich der Bussard.

Mir läuft die Zeit davon. Das Jahr, die Jahreszeit, die warme Zeit. Waren es dieses Jahr nicht erst zwei oder drei Abende, die ich draußen verbracht habe? Um die Nacht kommen zu sehen? Es tut weh. Und spätestens jetzt sind wir bei genau DEM speziellen Lichteinfall angekommen, bei dem ich ebenfalls vor 30 Jahren hinter der Garage kauerte, mit Blick gen Westen, und in meiner Gefühlswelt mitansehen musste, dass meine Mutter stirbt, ich völlig allein zurückbleibe, da ist NIEMAND mehr, der mich retten könnte, und so bin eben auch ich zum Tode verurteilt.

Was ist damals nur passiert? Was ist diesem Kind passiert?

14. September 2018, Freitag

8:31
Mit dem Abendessen das Gewicht zerschossen; 58,5 Kilo um 6:45 Uhr. Sebastian hat viel zu viel zu viel zu viel zubereitet und Wegwerfen schien für mich keine Option; zu schade um die armen Vögel, die dafür sterben mussten.
Der Spaziergang war scheiße. Ich war auf unsere Nachbarin getroffen und Emma begleitete mich ein Stückchen. Aber ich möchte auf gar keinen Fall ihr die Schuld geben für mein Versagen. Als sei das mittwochs auf dem Laufband zu viel gewesen.
Erneut versucht, das Eintreffen der Volkshilfe mit Souveränität zu überleben. Aber nach einer halben Stunde setzte ich mich nach draußen ab, mit dem Zeichenblock, um schon einmal Skizzen anzulegen für die nächste Animation, obwohl die erste noch nicht einmal zur Hälfte fertig ist. Und weil das alles so lange dauert, weil ich es auch nicht lange am Tisch, im Rollstuhl aushalte, löst dieser zähe Prozess tendenziell Panik aus… Denn wann soll ich dann mit den Bild fortfahren? Wann die gesprochenen Sequenzen mit Bildmaterial bestücken?
Und auch wenn das mit dem Zeichnen erstaunlich gut funktioniert hat, war mein Rücken bereits in den ersten Minuten in sich schmerzhaft zusammengebrochen.
Meiner Meinung nach war ich bei der Sitzung nicht zu gebrauchen. Alles in mir wehrte sich dagegen; als wolle ich aktuell nur diesen Frieden auskosten, ehe er sich verflüchtigt. Aber mir sehr wohl bewusst, auf was für tönernen Füßen er ruht. Warum sonst permanent im Hinterkopf der Wunsch, mich zu verletzen? Es gar nicht aushalten, dass die Kratzer verheilen und ich seit Tagen ohne Stulpe unterwegs bin?
Zudem krampfte es. Mindestens 80 % der Therapie hindurch. Ach ja, und da wären ja noch die Kopfschmerzen…

Zuvor hatte ich einen winzigen Ausflug den Berg hoch gemacht, um oben angekommen junge Turmfalken beim Erproben ihrer Flugkünste zu beobachten. Die Kamera in der Hand, abgestützt an meiner Stirn, den Kopf geneigt, lief mir unentwegt Wasser aus der Nase.

Beim Abendprogramm krampften die Beine weiter. Dieses Mal wieder 2 mg Retard versucht. Aber um 4:00 Uhr war ich wieder wach, krampfend.
Ich träumte von einer kuriosen Reise mit den Protagonisten von „Bares für Rares“. Und wieder waren lauter Kinder dabei (meine ich zumindest). Ständig ging irgendwer verloren, oder er starb, wurde umgebracht. Eine gefährliche Reise war das. Und Sehenswürdigkeit an der Grenze zu Ungarn, bei der sich nebenbei erwähnt Streitkräfte versammelt hatten (die Grenze war Sperrgebiet), auf der Straße, die eigentlich einem Highway glich, riesengroße Blutlachen auf dem Asphalt. Dort sei jüngst Verona Feldbusch (Poth) bei einem Autounfall grauenvoll zu Tode gekommen. In der Zeitung waren Bilder, wie ihre zerstückelte Leiche auf 100 m Straße und Bankett verzierte. Auch wir kamen dort vorbei und manch schwächlicher Genosse versuchte verzweifelt, nur die Lücken zwischen den Blutflecken zu betreten. Manch einer übergab sich. Die anderen sahen ganz interessiert hin.
Ich war nur entsetzt, warum das niemand ordnungsgemäß weg gemacht hatte.

Meine Blase drückt. Was ja beinahe zu erwarten war, da ich mich heute für eine winzige Einlage entschieden habe, die, wenn man so möchte, auch eine rotzfreche Provokation darstellen könnte.
Aber nun an die Arbeit…

DAS IST NIE UND NIMMER ARBEIT, DU FAULE SAU!!!

21:53
Das Gesicht glänzt, trieft vor lauter Fett. Alles mit Akne übersät.
Eine Tüte Chips…

DU DRECKSAU!!!!

13. September 2018, Donnerstag

8:22
58,1kg um 6:45.
Hastig meinen Traum festhalten. Zumindest habe ich geträumt, was dann auch gleichbedeutend ist mit vorhandenem Schlaf. Irgendwann. Nach Mitternacht bereits die Augen geschlossen, um sie um 2:00 Uhr gezwungenermaßen wieder öffnen zu dürfen… Beide Beine fühlten sich unruhig an, hielten Stille und Bewegungslosigkeit nicht aus. Aber zu meinem fraglichen Glück hatten die beiden am Ende ausgeknobelt, wer denn nun in Aktion treten würde.
Der „Routinier“, seit über 20 Jahren: Das linke Bein!
Applaus, Standingovations, zartbesaitete Fans fallen reihenweise in Ohnmacht!!…

Dann ersticke ich an meiner eigenen Ironie!…
Zuerst das Bein abgedeckt. Aber ich vermochte einfach nicht den Fuß frei zu strampeln, und dieses bisschen Decke auf diesem bisschen Haut machte alles noch schlimmer. Ventilator… scheiterte! Rhythmisch am Ledergurt um meinen Oberschenkeln zerren… scheiterte! Ein Säckchen Magnesium… scheiterte!!!
Mittlerweile war es 4:00 Uhr morgens und drüben am Hang der erste Hahn zu hören. Zusammen mit der Abenddosis ein drittes Hydal, wie in der Nacht davor. Es dauerte und dauerte und dauerte… Und ich fragte mich wieder, ob diese Schmerzen mit Schäden in meinem Gehirn zu tun haben. Oder dass diese in all den Jahren gleichbleibend waren, sich nun nur schlimmer anfühlen, weil ich ihnen bewegungslos ausgeliefert bin. Und was für eine Logik oder physikalische Erklärung gibt es dafür, dass eben IMMER nur EIN Bein krampft, eigentlich NIE gleichzeitig??!!
Aber dann kam der Schlaf, kam der Traum, und jetzt wird es erst richtig unappetitlich!!

Ich war im Gasthaus gefangen. Oder mit Sebastian dorthin gekommen, um meine Vergangenheit endlich zu klären. Ich hatte mich in meinem Kinderzimmer verschanzt, was meiner Mutter überhaupt nicht passte. Also installierte sie ein Programm, in dem immer wieder irgendwelche Gäste bei mir vorbeischauen würden, und Punkte erhielt man dann, wenn diese zufrieden waren. Sie waren animiert und zugleich doch echt. Aufgrund der schlechten Nacht und den zusätzlichen Schmerzmitteln (wie auch in der Realität) war ich auch in meinem alten Zimmer aufgewacht, aufgestanden und immer wieder zusammengebrochen. Keine Kontrolle über den Körper. Ganz zu Beginn kamen kleine Kinder, mit denen ich noch die wenigsten Probleme hatte. Doch dann tauchte deren Mutter auf und diese meckerte an meinem Ordnungsverständnis herum. Nein, noch besser: Sie fing an, umzuräumen, aufzuräumen!! Und ständig nahm sie mir meine Waage weg, obwohl ich tantalosmäßig seit Stunden versuchte, mein Gewicht zu eruieren. Sie sabotierte mich sogar, immer wieder, warf Sachen aufs Display, oder stellte selbst noch ihren Fuß darauf, um das Ergebnis zu verfälschen.
Es kam, wie es kommen musste.

Zumal ich nachts noch ein paar Seiten aus dem Buch von Putnam über die dissoziative Identitätsstörung gelesen hatte und währenddessen in meiner Müdigkeit wieder mit Kindheitserinnerungen bombardiert worden war, was ich wiederum zum Anlass nahm, in mich hinein eine Frage zu stellen, die zuletzt in der Sitzung mit Markus thematisiert worden war: „Steckt in der Tür vom Kinderzimmer ein Schlüssel?“.

Also ich versuchte verzweifelt, diese ganzen Leute aus meinem Zimmer zu vertreiben. Ich hasste es, dass sie meinten, besser zu wissen, was für mich gut ist oder nicht! Und ich wollte meine Ruhe haben! Demnach wieder einmal verzweifelt versucht, die Tür zu schließen. Und tatsächlich warf ich ganz konkret einen Blick auf das Schloss. Da war ein Schlüssel, aber er vermochte nicht abzuschließen. War also der falsche Schlüssel…

Und jetzt gerade meine ich mich sogar daran zu erinnern, dass ich als Teenager zu meiner Mutter ging und vom Schlüsselbrett hinter der Theke zwischen Kaffeemaschine und Kaffeemühle an der Wand eben jenen für mein Zimmer haben wollte…

Diese Mutter von den kleinen Kindern… Ich redete ihr ein, dass wiederum meine Mutter unten im Erdgeschoss sehnlichst auf sie warten würde. Und dann verschwand sie endlich die Treppe runter!
Aber plötzlich hörte ich die Stimme meiner Mutter. Sie lachte mich aus. Sie hatte die Figur gesteuert, mit ihr hatte ich gechattet. Was für ein Verrat!!
Im nächsten Augenblick stand sie bei mir im Zimmer und fing an meine Sachen auszusortieren. „Für was brauchst du das noch? Das kannst du alles wegschmeißen!“, und sie wühlte sich durch meine Laufklamotten. Dann hielt sie mir meine Knieschützer vor die Nase: „DIE brauchst du WAHRLICH nicht mehr! Und mir sind sie viel zu eng!“. Ich riss sie ihr aus den Händen. War jemals die Rede davon, dass sie diese erben würde??! NEIN!! „Ich werde sie sicher nicht wegwerfen, denn vielleicht kann ich irgendwann wieder laufen!“. Sie belächelte mich nur.

Nächste Szene: Wir kamen alle unten in der Küche zusammen und meine Mutter benahm sich wie ein „Arschloch“. Ständig behauptete sie, sich besser mit der Thematik Trauma und Co. auszukennen, und egal, was ich sagte, es wurde mir im Mund umgedreht, oder bagatellisiert. „Normale Menschen schließen mit so etwas ab und leben weiter. Die stellen sich nicht so an!“.
[….]
Es wurde nach draußen gegangen. Alle Anwesenden. In zwei Autos sollte man nun zu Michis Mutter fahren; die würde das endgültige Urteil sprechen. Ich wollte das Haus nicht verlassen. Aber immer wieder kamen kleine Kinder zu mir gerannt, die mich drängten, ihnen zu folgen. Es würde ja „schlussendlich um uns alle gehen“.

Nebenschauplatz ein Parkplatz von irgendwelchen Wohnblöcken direkt neben dem Gasthaus (die es dort nicht gibt). Da stand die Polizei und versuchte soeben einen Mord/Missbrauchsfall aufzuklären. Da lagen zerfetzte Leichen; meine Rettung war sozusagen in Spuckweite.
Da sagten mir kleine Mädchen, die mir im Treppenhaus entgegenkamen, ich hätte da noch einen Beweis. Angeblich seit Tagen einen Tampon in meinem Unterleib vergessen. Das würde mittlerweile eitern. Und dann erst fiel mir ein, dass in der Situation zuvor in der Küche eine der Katzen unter meinen Rock gekrochen war, um mich zwischen den Beinen abzulecken, was ich total ekelhaft gefunden hatte. Dementsprechend hatte ich die Katze auch davon gejagt. Die Mädchen meinten, ich wäre da unten ganz rot, es würde sehr schlimm aussehen.
Ich zog an der dünnen Kordel… Aber das war nicht ein Tampon, es waren zwei, hintereinander!!! Beide mittlerweile grau und schimmelig und voll mit Eiter und Schleim.
DAS war mein Beweis!!! Dass mir was passiert ist!!!
Die Treppe runter, vorbei an den beiden wartenden Autos, hastig rüber zu den beiden „amerikanischen Sheriffs“. „Bitte helfen sie mir!!“. Der Ältere hockte soeben vor der Leiche, nickte seinem Kollegen zu: „Übernimm du das!“. Und ich drückte dem Jüngeren, der nebenbei erwähnt recht attraktiv war (abends hatten wir „Supernatural“ gekuckt und der Officer ähnelte Dean), die beiden Dinger in die Hand. Nun machte für mich alles Sinn. Diese ganzen Kinder, die nichts mit dem Gasthaus an sich zu tun hatten. Sie waren auch alle missbraucht worden!!
Auch der Nebenschauplatz, diese Leiche, hatte mit meinem Fall zu tun! Aber nun wird es schrecklich geschmacklos! Ich wunderte mich schon, dass er die triefenden Dinger ohne Handschuhe anfasste. Aber genau in dem Moment, in dem Sebastian vor dem Bett stand, um mich aufzuwecken, hatte sich der Polizist die Tampons in den Mund gesteckt, darauf herumgekaut, den Geschmack analysiert (wie in diesem Computerspiel, welches Sebastian als Letsplay vor zwei Wochen eben wie einen Film beim Abendessen laufen ließ, und in dem einer der Hauptakteure, ein Android, immer alles mit dem Mund analysiert hatte), um mir dann mitzuteilen: „Die Zähne sind noch nicht ganz fertig…“.
„Die Zähne??? Das sind Tampons!!“…
Aufgewacht.

Meine ganze Arbeit von gestern war hinfällig. Weil ich nicht vorausschauend gearbeitet habe. Musste und muss nun alles wieder verwerfen. Zumal drängt sich mir gleichzeitig die Frage auf, wann ich denn endlich wieder malen, wann ich weitermachen will, und/ob überhaupt noch…
Es wird 9:24 Uhr, mir läuft die Zeit davon, und die Leinwand vor mir setzt mich unter Druck, alles in mir schreit nach Ventilen, zumal ich mich wie abgeschossen fühle und mittags doch Sebastian entgegengehen wollte.

12. September 2018, Mittwoch

8:24
58,4kg um 6:45.
Und um abzulenken, gleich zur Filmrezession kommen, um sie Markus mailen zu können. Albträume inklusive.

http://mediathek.daserste.de/FilmMittwoch-im-Ersten/Alles-Isy/Video?bcastId=10318946&documentId=55746854

1. Die Vergewaltigungsszene löste eine Reaktion im Unterleib aus, ob man will oder nicht, und ging schnurstracks über in ein neuropathisches Brennen beider Oberschenkeloberseiten, welches mal eben sicherlich 10 Minuten anhielt. Ausgelöst vielleicht auch durch eine allgemeine Anspannung?
2. Die Szene auf dem Gynäkologiestuhl: Ich halte den Anblick nicht aus, als sei ich es, die dort säße, von dieser Gerätschaft in so eine schreckliche Position gezwungen. Die Fußstützen werden zu einer Energie, zu einer Kraft, wahrscheinlich zu zwei starken Armen, die gegen den Willen „des Opfers“ die Beine spreizen und damit das INNERSTE, oder besser gesagt den Weg dorthin schutzlos preisgegeben! Ich habe das dringende Bedürfnis, die Beine (des jungen Mädchens, Frauenbeine allgemein, meine Beine) sofort von außen zusammen zu pressen, um sie dann am besten zusammen zu binden, fest verknotet, verkettet, dass diese Stellung nie wieder möglich wird!
3. Die Situation mit der Mutter von Joachim (ich glaube, so hieß er) in der Küche, mit dem Freund ihres Sohnes (der Triebfeder der Vergewaltigung und anschließenden Vertuschung), als er sich einfach am Kühlschrank bedient, mit der Mutter flirtet, um ihr dann an die Wäsche zu gehen, übergriffig zu werden, ihre Unterhose auszuziehen… Das erschien mir total IDIOTISCH. Unrealistisch.
4. Das Gespräch zwischen Mutter und Joachim, als er ihr beichten möchte, was ihm auf dem Herzen liegt: Ihr Grinsen, das er kritisiert. Genauso der Satz, den sie dann sagt, bevor er noch kein Wort zu seiner schrecklichen Tat verloren hat, und sie von einer „kindlichen Lappalie“ ausgeht: „Du nimmst immer alles so ernst…!“!!!
Das erinnerte mich SEHR an Gespräche mit meiner Mutter. Wenn ich von Ängsten redete, die für mich völlig real und beeinträchtigend waren, und sie hat nur gegrinst oder eben dumme Floskeln von sich gegeben: „Nimm doch nicht immer alles so ernst! Du bist so hypersensibel! Das war doch alles nicht so gemeint!…“.
5. Isy und deren Freundin auf dem Schulhof, als andere Jungs einen Rucksack hin und her werfen, dieser schlussendlich haarscharf an der Hauptdarstellerin vorbei fliegt und sie eine Panikattacke bekommt… Das fand ich total schlecht gespielt, schlecht dargestellt.
6. Die mollige Freundin und ihr falsches Spiel… Es tat mir leid, aber wieder sah ich eine Assoziation zu Brigitte. Ähnlichkeiten. Auch im Gesichtsausdruck und der gespielten Reaktion auf die Vergewaltigung, die sie ja beobachtet, aber darauf nicht reagiert hat… Ich war wieder in Sitzungen, in denen mir Brigitte das Gefühl gab, „mich nicht ernst zu nehmen“, weil sie immer wieder von ihrem „emotionalen Missbrauch“ sprach, wenn ich doch spürte, dass es da definitiv auch einen sexuellen gegeben haben muss.

Das Ende fand ich total bescheuert. Sehr irritiert haben mich auch die Stimmungsschwankungen der Hauptdarstellerin. Dass sie sich immer wieder „total normal“ gegeben hat. Und ich ertappte mich ernsthaft dabei, den Vorwurf nicht abschütteln zu können, dass es ihr nie schlecht gegangen wäre, hätte die Gynäkologen ihr nicht den Verdacht geäußert, dass sie vielleicht vergewaltigt wurde. Dass also alles nicht so schlimm geworden wäre.
Also gebe auch ich ihr die Schuld? Der Mutter? Und/oder hat mich angekotzt, dass die Kleine eben „so perfekt“ war? Immer wieder ihre Lippen spitzte? Diese auch noch so dermaßen feucht-glänzend geschminkt waren?
Nebst filmischen, logischen Fehlern: Sie hockt zusammengekauert in der Badewanne, weint, von Kopf bis Fuß nass, aber der Mascara sitzt perfekt

Sebastian hat ihn nicht angeguckt. Ich selbst würde nun auch nicht wert darauf legen, dass er ihn sieht. Für mich persönlich war er nicht so ansprechend, hat mich nicht so bewegt. Und die Hauptdarstellerin hat mich eben nur ein einziges Mal überzeugt, bei der Situation am Esstisch mit der Mutter, als sie einen Nervenzusammenbruch bekommt und schreiend davon rennt. Zu wenig für einen ganzen Film.
Wiederum Sebastian hat im Internet nachgelesen, worum es geht, wie die Kritiken aussah. Dass die Kriminalpolizei „das Verhalten der Jugendlichen“ als repräsentativ und authentisch dargestellt bezeichnet hat.
Das mag zwar für die Täter, die „Mittäterin“ gelten, aber nicht für das Opfer.
Es erscheint mir regelrecht „ekelhaft“ von mir, zu diesem Fazit zu kommen: SIE hat mich nicht berührt.

Leider schlief ich hinterher ein. Kam vom Sofa nicht mehr hoch. Dabei war es bis dahin doch ein guter Tag! Sebastian entgegen zu gehen… Ich möchte -ohne Übertreibung- behaupten, dieses Jahr noch kein einziges Mal dermaßen gut zu Fuß unterwegs gewesen zu sein!! Dementsprechend mir einen Eiweißshake hinterher gegönnt, so etwas wie Aufbruchstimmung verspürt…

Aber das fette Schwein hat sich ja wieder einmal nicht im Griff!!!

Ein wenig Tütensuppe. Einen Apfel hinterher. Um dann zum Film wieder das Glas mit dem Knuspermüsli neben mir stehen zu haben. Und gefressen und gefressen und gefressen. Als sei, wie vor 24 Stunden bereits erwähnt, dieser Film, diese Aufgabe eine Last. Weil ich keine Zeit habe. Weil ich keine Lust hatte.
Ich hasste mich. Auch dafür, dass das linke Bein permanent gekrampft hat. Ich machte sogar Physioübungen auf meinem neuen Fernsehsessel! Und dann wollte ich, als ich ENDLICH aufzustehen geschafft hatte, mit meinen dröhnenden Kopfschmerzen nur noch mit dem Rollstuhl raus, eine kleine Runde fahren, Abendeindrücke sammeln!!…

Ich kam lediglich bis zum Haus unserer Nachbarin. Dort wollte ich eigentlich hastig die Kurve biegen, den Berg hoch, bevor mich irgendjemand ansprechen könnte. Und ja, ich erschrak dermaßen, dass ich fast vom Rollstuhl fiel!! Als hätte man mich bei einem Verbrechen ertappt!!!
Esther stand da, in ihrem Hof, und rief meinen Namen. So plötzlich; hatte ich doch 2 Sekunden zuvor einen flüchtigen Blick nach rechts gewagt und niemanden gesehen.
„HEILIGE SCHEISSE!!“, und ich griff mir panisch an die Pumpe. Sie entschuldigte sich, ließ mich aber wissen, dass der behinderte Sohn der Nachbarn, drei Häuser weiter, bei Annis Hof stand, seit einer halben Stunde herum schrie und sie dieses Verhalten bei ihm noch nie beobachtet hätte. Sie würde sich Sorgen machen, ob mit der alten Dame etwas passiert sei.
Also fuhr ich mit dem Rollstuhl die Straße weiter, sehr angespannt, was mich erwarten würde. Aber zum Glück… Da stand Anna und hackte Holz; Karli war ihr lediglich behilflich. Jetzt fing sie an zu erzählen, was sicherlich 20-30 Minuten dauerte. Ich wollte aber Esther nicht so lange im Ungewissen lassen.
Wiederum dieses anschließende Gespräch dauerte noch länger und meine Kopfschmerzen wurden schlimmer und schlimmer.
Ich will mich gerne freuen, jemandem geholfen zu haben. Jemandem zugehört zu haben. Getröstet zu haben.
Aber all das wird getrübt durch die beschissene Pattsituation, meine eigenen Grenzen nicht setzen zu können („Es tut mir wirklich leid, aber ich habe immer stärkere Kopfschmerzen.“ oder „Es tut mir leid, aber mir ist schon total kalt.“ oder, um es auf den Punkt zu bringen „Ich bin augenblicklich nicht fähig für ein Gespräch. Ich möchte einfach nur in Ruhe gelassen werden. Es tut mir leid, weil das total egozentrisch klingt. Aber ich kann einfach nicht…“)…

Die Blase tut so, als würde ich mich anpinkeln. Mit Sebastian vereinbart, freitags dann eben mit ihm ins Krankenhaus zu fahren.
Was ist das Problem bei all diesen Gesprächen? Dass es sich eigentlich um „Monologe“ handelt? Dass die gleichen Themen wieder und wieder durchgekaut werden?
Als wäre gerade ICH besser!!!
Als hätte ich die ganzen Geschichten nicht bereits längst wieder vergessen, und würde mich nur im Moment des Erzählens wieder daran erinnern!!!

Die beschissene Prinzessin bekommt zu wenig Aufmerksamkeit!!!

Habe ich ein Problem damit, ungeplant mit sozialen Kontakten konfrontiert zu sein? Wenn ich gleich zu Beginn der Ausfahrt für mich beschließe, diesen auf jeden Fall vermeiden zu müssen?
Aber andererseits wird das mit einem konkreten Termin erst recht nicht besser!! Dann darf ich mich im Vorfeld auch noch mit Panikattacken auseinandersetzen!!!

Ich denke wieder, zu sterben wäre besser.
Was für ein Fazit.

Abends konnte man durchs offene Fenster oben im Wald ein Tier hysterisch schreien hören. Ich versuchte auszumachen, um was es sich dabei handeln könnte. Vor allem so eine Lautstärke, so ein Organ… War es ein Eichelhäher?
Meine Vermutung, dass da jemand auf der Jagd ist, bestätigte sich spätestens dann, als das Geschrei ein jähes Ende fand: nun meldete sich ein Waldkauz zu Wort, ganz nah am Wohnzimmerfenster.
Etwas später dann im Bett, im Schlafzimmer saß dieser oder ein anderer Waldkauz auf der Saalweide direkt vor eben dessen Fenster und verkündete seine Präsenz.

Wehmut… Als Kind, Jugendliche, als funktionierender Mensch wäre ich sofort aufgestanden, hätte das Licht ausgemacht, um draußen irgendetwas erkennen zu können. Ich hätte in meine hohle Faust geblasen, um den Ruf zu imitieren und mit dem nächtlichen Räuber in Kontakt zu treten. Und ich wäre verdammt lange dort gestanden. Oder besser noch: Hätte die Nacht draußen verbracht!!

Es darf mir nicht gut gehen. Die Bestrafung folgte…
Kaum war ich abends von meinem verhunzten Ausflug zurück, kaum auf dem Sessel Platz genommen, krampfte das linke Bein schon wieder. Zweimal Magnesium geschluckt. Gestrampelt, verprügelt, massiert… Morphium.
Beim Zubettgehen weitere 1,3 mg.
1 Stunde später, nachdem das linke Bein den ganzen Tag Terror beschert hatte, fing nun auch noch das rechte an mich zu quälen. So wurden es insgesamt 3,9 mg Hydal.

Ist das der Grund? Mir fallen die Augen zu. Und es ist bereits 9:40 Uhr. Noch nichts geleistet. Und wollte ich nicht eigentlich noch aufs Laufband? Eigentlich habe ich dann irgendwann doch gut geschlafen. Aber der Schleim läuft mir im Halse runter. Kopfschmerzen.

18:54
Den ganzen Nachmittag verschlafen. Und dann aufgewacht mit heftigen Kopfschmerzen und wieder Krämpfen im Bein.
Mir vormittags verboten zu schlafen. Sogar auf dem Laufband war ich, etwa 25 Minuten lang. Doch nachdem ich es endlich irgendwann nach 17:30 Uhr geschafft hatte, von meinem neuen Sessel zu kriechen, schien alles kaputt zu sein.
Ins Badezimmer, eine Nasendusche mit Salzwasser… Und dann die Kamera geschnappt und raus, ein Stück die Straße hoch, um mich dort in die untergehende Sonne zu stellen. Aufatmen. Luftholen. Die Wärme auf der Haut, den Duft der Natur einsaugen.
Und ganz kurz war ich davor, mich in einer Gedankenspirale zu verlieren. „Zeitverlust, was müsste ich nicht noch alles erledigen, der Tod rückt näher, alle werden sterben…“. Aber das Morphium war mir wohlgesonnen.
Der blaue Himmel ähnelte meinen Unterarmen; zerschnitten von hunderten Kondensstreifen, als sei er vernarbt. Und genauso plötzlich hatte ich das Bedürfnis, mich bluten zu lassen…

Habe ich eine Anämie? Oder ist das Gewebe des linken Unterarms dermaßen geschädigt, dass es so oberflächlichen Kratzern kaum noch tangiert werden kann?
Wie selbstverständlich zu klimpern beginnen. Im Garten raschelt irgendetwas, aber ich bleibe sitzen, tatenlos. Vielleicht noch ein bisschen am Video schrauben…