17. Januar 2018, Mittwoch „Desaster und andere Geschichten…“

19:02
59,4 Kilo heute Morgen. Geplant war, um 6 aufzustehen und mich zu duschen. Sebastian hat es vergessen, mir war es recht, erst um 6:35 Uhr aus dem Bett geholt zu werden. Also nicht mehr als eine obligatorische Waschlappenschlacht am Oberkörper, dieses Mal durchgeführt von meinem starken Mann. Denn gestern… Gestern ging gar nichts mehr!

Achtung! Jetzt kommt das Highlight!!! Endgeil!!! Einfach mal alle Möglichkeiten austesten, abgreifen!!! Ich saß auf der Toilette, die Krämpfe verschlugen mir in immer kürzeren Abständen die Sprache, ich konnte kaum atmen und es brannte am ganzen Körper. Aber weder aus der Harnröhre, noch aus der Blase über den Katheter kam ein einziger Tropfen aus mir raus! Ich dachte, die Position des Katheters zu verändern wäre die Lösung, zog an diesem, nicht einmal fest, und plötzlich schoss ein Schwall Blut durch den durchsichtigen Latexschlauch. Das war der Zeitpunkt, als ich zum Telefon griff und die Rettung anrief. Diese kam kurz darauf; derselbe Fahrer wie zuletzt. In der Urologie waren irgendwelche Ärzte, nur scheinbar keine Urologen. Man war sich nicht eins: Habe ich einen Harnwegsinfekt und dieser hat den Katheter verstopft oder wurde er einfach so verstopft oder steckte er tatsächlich in meiner Harnröhre? „Er soll nicht gut ausgesehen haben, also nicht mehr gut.“. Der erste Versuch einen Neuen zu legen ging daneben, nicht tief genug, und der zweite hingegen bohrte sich gefühlt wieder ganz tief in meine Harnröhre hinein. Dies hatte zur Folge, dass erst einmal wieder nichts ablief und ich mich zu allem Überfluss nachts im Bett mehrfach angepinkelt habe. Dazu hatte ich auch gebeten, lediglich einen Katheter für sechs Wochen zu benutzen, da die anderen scheinbar überhaupt nichts aushalten und nicht, wie ihr Name verspricht, für so einen langen Zeitraum geeignet sind.

Nicht minder verunsichert sollte es dann heute auf die Reise gehen; sicherheitshalber saß ich im Taxi auf einer meiner Inkontinenzmatten. Wäre der Taxifahrer 5 Minuten früher gekommen, hätte Sebastian ihm geholfen mit dem Rollstuhl. So kam es aber noch zusätzlich dazu, dass man ihm (also von Seiten seines Chefs, den ich explizit darauf hingewiesen hatte) nichts von dem ganzen Gepäck und erst recht nichts von dem Ferrari im Vorfeld gesagt hatte, er völlig geplättet war…

20:11
Mit Sebastian geskypt. Währenddessen musste ich aufs Klo… Ich dachte, ich verrecke! Oder muss die Schwester anklingeln, in meiner wortwörtlich beschissenen Situation, die peinlich genug gewesen wäre! Ach, Morphium ist eine tolle Sache, erst recht kombiniert mit Entwässerungstabletten… Was für Verstopfung! 20 Minuten, schweißgebadet, kurzatmig, der Kopf hochrot und speiübel. Ganz zu schweigen von den Beinen, die sich permanent und mit jedem Druck vom Enddarm spastisch von mir streckten, ich damit rechnen musste, vom Klo zu fallen!

Ich bin müde, ich kann, ich mag nicht mehr. Dabei wollte ich noch erzählen, dass wir Sebastian angerufen haben, dieser den Rollstuhl einmal komplett auseinandergebaut hat (es nur halb zu tun, wie von ihm morgens vorbereitet, funktioniert vielleicht mit unserem Auto, in dem das Gefährt dann so hineinpasst, aber nicht in einen edlen Mercedes, mit flachem Kofferraum)!

Die Ankunft: Es war irgendwie wie ein Nachhausekommen. Erst recht, als ich gleich von mehreren Schwestern dermaßen herzlich begrüßt wurde, an sich regelrecht darum drängte, sich mit mir zu unterhalten und in mir die Frage aufwarf: „Habe ich doch nicht so einen schlechten Eindruck hinterlassen?“. Die Schwester beim Gespräch für die Pflegeaufnahme fragte zu meiner Selbstverletzung, ob ich Borderliner sei. Und ich korrigierte sie natürlich. Gleich danach kam diese bezaubernde Ärztin vom letzten Jahr, ich sagte noch einleitend, nun hoffentlich nicht wieder wegen der Diagnose kämpfen zu müssen, worauf sie völlig unerwartet zu mir sagte: „Wieso? SIE SIND KEIN BORDERLINER! Sie haben eindeutig eine dissoziative Störung!“. Da dachte ich schon: Wow! Aber nun der absolute Clou: Am späten Nachmittag lag mein Reha-Pass auf meinem Bett. Bei den Diagnosen, unter der MS steht doch tatsächlich exakt dieselbe Diagnose, wie auf Markus‘ Befund: „posttraumatische Konversionsneurose“ (= Dis). Ich werde jetzt noch ein Foto vom Pass machen, mich per Mail bei ihm melden, wie versprochen, und ihm das Foto schicken. Dann aber ins Bett. Und was für ein Segen… Das ganze Zimmer, den Tisch, gleich zwei Schränke und den Kühlschrank… ALLES nur für mich ganz allein haben!

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16. Januar 2018, Dienstag „Torschusspanik…“

8:29
59,6 Kilo um 6:45 Uhr. Das Diktierprogramm brilliert bereits zu dieser Uhrzeit nach dem ersten Öffnen mit Arbeitsverweigerung. Ich wollte, dass er von Dokumenten meinen Schreibstil lernt… Weil er in letzter Zeit permanent Fehler produziert hatte, was mehr als nervig war. Erst recht, wenn ich währenddessen versucht habe zu malen. Aber… Diese Funktion scheint nun nicht mehr zu funktionieren!
Des weiteren musste ich bemerken, dass das Dokument 2017.11 abhandengekommen ist. Da geht ja gleich die Sonne auf… Und Sebastian hat es bis heute noch nicht geschafft, das Videoprogramm auf seinem ach so tollen und teuren Computer zu installieren. Dabei hatte ich doch gehofft, während der Reha die ersten Arbeiten am Video machen zu können. Drauf fragte er mich, ob ich nicht lieber meinen eigenen Blechtrottel mitnehmen möchte… Aber bei diesem läuft das Diktierprogramm wieder nicht richtig! Also was ist mir wichtiger?


Zusehen, wie die Zeit verrinnt. 8:33 Uhr und noch keinen Pinsel in der Hand. Die erste Runde Panik. Mir selbst dabei auch schon die erste Frage des Tages stellen: Ob der heiße Tee am Morgen vielleicht zu viel des Guten sein könnte? Meine Arme sind schwach. Mein Gangbild eher ein Standbild. Angeblich, so Sebastians Information, sollte jetzt zumindest der Drucker funktionieren und ich meine Kindertagebuch, wie von Markus gewünscht, einscannen können. Aber ganz ehrlich? Der Himmel ist schneeweiß… O. k., mit einem Hauch Grau. Ich möchte mich am liebsten aufs Sofa legen und schlafen. Das werde ich die nächsten vier Wochen nicht können.

8:55
Die nächste Schicht weißer Grundierung trocknet. Familie Zilpalp macht Terror im Restaurant, ebenso Familie Amsel, die im ständigen Eheclinch liegt… Jeder gegen jeden. Ich kapiere es nicht! Das Programm funktioniert nicht. Der kleine Leinenblock ist immer noch nicht aufgetaucht und ich muss gestehen, es hat mich gestern genervt, als ich sie bat, nachzusehen, sie nichts fand und ich mindestens dreimal sagen muss, dass es nicht so schlimm ist, sie nicht weiter suchen soll. Müsste ich klipp und klar sagen, was ich will und was nicht? Habe ich Angst, anzuecken? Dass irgendjemand böse auf mich ist? Aber es ist ja mein Geld, also meine Zeit, und ich erwarte ja von niemandem, wie eine Maschine zu funktionieren. Ein blasses Buchfinkenmännchen trippelt über die Terrasse, dort liegen nur noch vereinzelt Schneebatzen. Die Katzen hätten ihre Freude. In mir sperrt sich alles dagegen, weiterzuarbeiten. Auch, weil wieder ein Foto anstünde. Zumindest einen Teil möchte ich doch selbst zusammenpacken, von dem, was noch fehlt. Im Traum sah ich morgen aus, als hätte ich fünf Tage Cortisontherapie hinter mir; wie zu meinen Glanzzeiten! Eine fette Steroidakne überzog mein Gesicht! Und in der Tat ist es so, dass meine Haut auf den Stress, der sich nicht verleugnen lässt, ansatzweise negativ reagiert. Meine Rechte klimpert schon wieder. Ich stecke fest, mein Hintern schmerzt, der Rücken schmerzt und wenn ich dann meine Heizdecke nicht benutzen darf (ich meine mich zu erinnern, dies sei bereits letztes Jahr der Fall gewesen) und ich sitze den größten Teil des Tages im Rollstuhl, werde ich verrückt.

11:38
Anruf vom Taxifahrer, kommt morgen bereits um 8:00 Uhr. Alles, ausnahmslos alles kostet mich soeben zu viel Substanz! 2 Stunden gemalt geblieben ist ein Bruchteil dessen, bzw. neu entstanden, was am Blut zuvor noch die Leinwand besudelt hat. Aber allein ins Badezimmer zu gehen, allein am Waschbecken zu stehen, mir die Zähne zu putzen, das Gesicht zu waschen, einige Sachen zusammen zu kratzen, die ich noch unbedingt mitnehmen möchte… ALLES VIEL ZU VIEL!!!

Eine gewagte These von mir geben: Was den Verfall meiner Gangfähigkeit in den zurückliegenden Tagen betrifft, möchte man beinahe meinen, es handele sich um einen Schub…? Aber nein! So etwas darf ich doch nicht sagen! ICH doch nicht, GERADE ICH NICHT!! NACHDEM, WAS ICH MIR IN DEN LETZTEN JAHREN GELEISTET HABE!!!

Da müsste der Körper wohl noch mehr verrückt spielen, eine hübsche Diplopie, Doppelbilder also, oder ein feiner Nystagmus, das unwillkürliche Wandern der Augen von links nach rechts, oder vielleicht Drehschwindel? Würde man mich dann ernst nehmen, ein MRT in Erwägung ziehen? Wie lange ist das Letzte her? 2016, als man mich zu Rehazwecken gleich drei Wochen in der Grazer Neuro behalten hat und sich nichts Auffälliges zeigte, bis auf einen großen Herd in meiner Brustwirbelsäule, der zuvor nicht da war, aber eben auch kein Kontrastmittel aufgenommen hat?

Ich bin sehr, sehr gespannt, wie die nächsten Wochen verlaufen werden. Wie man damit umgeht, wenn ich zum Beispiel ein Video davon zeige, wie vor kurzem noch spazieren gehen konnte. Ob der Umgang ein anderer ist als der in der Neuro, wo man mit dem Psycho doch schon mehr als „vertraut“ ist?

Ich solle Marcus‘ Befund noch einmal mitnehmen, und jenen einer anderen Patientin, der der Schweigepflicht nicht mehr unterliegt und sogar von einem Gericht anerkannt wurde. Sozusagen als Druckmittel, dass man meine Diagnose ernst nimmt? Das sei das erste Mal in Österreich, dass eine dissoziative Identitätsstörung vor einem Gericht standhalten konnte, betonte er gestern noch einmal. Ich habe ihn mir noch nicht durchgelesen, und ich muss doch noch mein Tagebuch einscannen usw. und so fort… Und was ich nicht alles noch muss. Schon einmal zwei Aufladekabel ausstecken und dem Haufen auf meinem Rollator hinzufügen. Dann aufs Sofa, Glotze an und mal sehen… Brigitte kommt um 18:00 Uhr. Bis dahin könnte ich ja wieder einmal den Nachmittag verschlafen. Um mir Gründe zu liefern, mich zu hassen…

15:07
Strahlender Sonnenschein und vom Schnee kaum noch etwas übrig. Das Licht so tief, so grell, sticht in den Augen. Ich bekomme Kopfschmerzen.

Wie geplant… Erst mit den drei losen Rasierklingen an meinem Arm nach der neuen gesucht, um alle drei für wertlos zu befinden. Den Lederschulranzen an mein Rollator ausgeräumt; im großen Mittelfach liegt nun alles, was ich noch rausschmeißen muss: Verbände, Rasierklingenpackungen, diverse Skalpelle. Insgesamt habe ich noch 30 Stück Klingen. Jetzt bzw. noch 29. Mir eine Nagelneue geleistet, dabei wahrscheinlich ein Fehler, auf dem Sofa sitzen zu bleiben. 40 Schnitte links. Die ersten Zehn gingen für das Altmetall drauf. Und wie wunderbar das neue Stück erneut wie ein heißes Messer in Butter in der Haut versinkt, lautlos. Das Blut pulsierte heiß aus den Wunden. Da alle Tücher in der Waschmaschine waren, mir kurzerhand das alte Geschirrtuch, welches Sebastian zuletzt auf der Rückenlehne vom Sofa liegen gelassen hat, geschnappt… Um bereits dabei fast umzufallen. Anstatt einen Verband überzustreifen, nahm ich eine der alten Armstulpen, die ich ohnehin nicht mitnehmen möchte. Die 20 Schnitte am rechten Arm… Oder waren es 21, weil zumindest der Letzte etwas tiefer gehen musste und die 20 mich nicht zufrieden stellen konnte… Diese sorgten für Extraprobleme; ich vermochte nicht den kurzen Schlauchverband überzuziehen. Das dauerte Minuten. Und dann… Vielleicht hatte ich es nicht anders verdient… Ich konnte nicht mehr aufstehen! Verflucht noch mal! Das kann jetzt nicht mehr „einfach nur die Psyche“ sein! Der Weg ins Badezimmer, als ich dann endlich nach unzähligen Versuchen stand, schier unmöglich zu bewältigen. Und dann erst recht das gewaschene Zeug unter der Treppe auf die Erdwärmepumpe zu verfrachten; sieht es doch unter der Treppe aus wie in einem Messie-Haushalt!! Man kann keinen einzigen Schritt hinein tun und so musste ich mich gefährlich weit nach vorne beugen, um die Sachen happenweise auf das warme Gerät zu schleudern.

Ich weiß nicht, was ich bin. Verzweifelt? Wütend? Am Ende? Die Hand klimpert unmerklich, aber doch. „I am not amused“!! Mir zur Mittagsdosis, die bereits aus 20 Tropfen bestand, gerade im weitere 20 vom Tramal einverleibt. Ich bin so… So… Ich weiß nicht mehr weiter. Ich mag mir auch gar keine Fragen mehr stellen, keine Hypothesen aufstellen, was passieren wird, würde, könnte. Nur noch die Schnauze gestrichen voll! Aber scheinbar nicht voll genug… Selbst wenn Rumpelstilzchen in mir tobt! Mich wieder aufs Sofa verziehen. Farben, Pinsel… Das packe ich doch ohnehin alles nicht ein. Ich kann nichts mehr einpacken. Mich der Lethargie und dem Glas Nutella zum Fraß vorwerfen. Bzw. umgekehrt. Ich versuche es nicht einmal, das Tagebuch durch den Scanner zu jagen. Auch nicht, meinen Kauderwelsch zu überfliegen und Fehler auszumerzen. Fertig. Fix und fertig. Und pure Idiotie, mich nun vom Sofamonster verschlingen zu lassen und die neue Flasche Wasser aus dem Kühlschrank enthält lediglich nur noch etwa 400 ml. Noch einmal zur Küche schlurfen, stacksen, wackeln, immer am Abgrund entlang. Ob vorne, hinten, ob links oder rechts von mir… Ich beherrsche alle Richtungen… Nicht einmal die Vögel draußen im Restaurant können mich erfreuen. In mir ist wieder einmal etwas gestorben und dabei muss ich wohl oder übel einsehen, dass das Theater gerade eine perfekte Bestrafung für meine noch titellose Kontaktsperre zu meinen Eltern abgeben würde. Sebastian hat ihnen mitgeteilt, dass sie mich nicht besuchen sollen, ich möchte das nicht. Und angeblich hätten beide „ganz normal“ reagiert, es „voll und ganz“ akzeptiert.

Alles nur in meinem Kopf?…

19:15
Es brennt bestialisch in beiden Händen…

BESCHISSENER KRÜPPEL!!
DRECKIGE SCHLAMPE!!
WIDERWÄRTIGE FOTZE!!

Und das ist erst der Anfang. Die Wasserflasche innerhalb von 5 Minuten dreimal umgeworfen, der Holzboden steht unter Wasser. Aber nicht nur der… Etwa 1 Stunde, bevor Sebastian nach Hause kam, das erste Missempfinden in meiner Blase. Sicherheitshalber ein Buscopan geschluckt. Eine Dreiviertelstunde später mich angepinkelt! Und das geht jetzt fröhlich weiter, die Blase krampft in einem fort, der Katheter lässt sich nicht verschieben, nicht rein, lässt sich nicht rausziehen und fühlte sich zuvor sogar so an, als würde er mit der Spitze in der Harnröhre stecken. Es reicht!! Endgültig!!! Ich werde wohl kaum so plötzlich einen Harnwegsinfekt bekommen; zumal es da nicht aufhören würde zu schmerzen, wenn der Druck nachlässt! Ergo: Ist zu allem Überfluss der nagelneue 3-Monatskatheter SCHON WIEDER KAPUTT??!!
Die Wasserflasche steht neben mir, aber ich sollte mich hüten, noch etwas zu trinken. ICH KÖNNTE ABKOTZEN!! DER NÄCHSTE KRAMPF!! UND IM BESCHISSENEN BEUTEL LANDET GAR NICHTS!!
Na? Wieder die Rettung anrufen, wieder Krankenhaus, Oberwart, Urologie?! Oder hoffen, es bis morgen auszuhalten und dort unverzüglich darum zu bitten, dass ein Ultraschall gemacht wird? Als ob ich gerade keine anderen Probleme hätte! Und das bisschen mehr vom Tramal, dazu 2,6 Hydal, führt zu keinerlei Entspannung, geschweige denn Gleichgültigkeit. Die Aggression in mir wird weiter und weiter angeheizt!

15. Januar 2018, Montag „Missbrauch am laufenden Band“

8:39
Eine Ewigkeit verstreicht, das Diktierprogramm pflegt seine gewohnten Sperenzchen, muss mehrfach umständlich beendet und wieder gestartet werden. Es hat wohl noch ein bisschen geschneit. Die Nacht war unruhig, wie eigentlich immer von einem Sonntag auf einen Montag. Stündlich war ich wach. Lag ich auf dem Rücken, schmerzte der Fersensporn, den es angeblich nicht gibt. Legte ich mich auf die Seite, schmerzten die Druckpunkte, ausgelöst von dieser steinharten Matratze. Irgendwann nach 4:00 Uhr hörte ich unten das Streufahrzeug. Nach geraumer Zeit fuhr es die Straße wieder zurück. Und dann habe ich 20 Minuten geschlafen und einen weiteren Traum für die Therapie bekommen!

Auch sei noch erwähnt, gestern überhaupt nichts mehr geschafft zu haben. 1 Stunde an der Leinwand, die Speisepläne und nachmittags versucht, Sebastian eine Frisur zu verpassen. Er war nicht zufrieden und rasierte sich im Anschluss wieder eine Glatze. Eine Glatze mit Gänsehaut. Ich vermochte nicht mehr, vom Sofa alleine aufzustehen. Vermochte nicht, zu stehen. Dementsprechend bedurfte es seiner Hilfe, einmal die Hälfte meiner Klamotten in den Koffer zu befördern.

Ich träumte, vor der Volksschule an der Bushaltestelle zu stehen. Der Winterdienst kam vorbei und wir stiegen ein. Er ließ uns vor dem Gasthaus wieder aus und wollte die Hausnummer wissen. Ich nannte ihm erst unsere eigene, ehe mir bewusst wurde, dass das hier aber das Gasthaus war und eine andere Nummer haben musste. Nun gab es da auf der Tafel gleich zwei Zahlen zu lesen. Der Fahrer brüllte zur Glastür hinein, hinter der meine Mutter gerade die Küche aufräumte, welche Hausnummer denn nun stimmen würde. Sie fing an zu lamentieren, zu schimpfen, was ihn denn ihre Telefonnummer angehen würde, die müsse sie erst raussuchen, das dauert alles so lange… Ich verdrehte die Augen und schrie meinerseits: „Hör auf, dich aufzuregen! Er braucht doch nur deine Hausnummer!!“. „Ach so…“, sie etwas kleinlaut. Wir (Schulkinder und Sebastian) schlenderten den kleinen Hügel hinunter am Gasthaus vorbei. Ich äffte das Verhalten meiner Mutter nach und schüttelte anschließend den Kopf; sie war mir so richtig schön peinlich. Sebastian: „Das hast du richtig gut drauf!“. Wir gingen hinten ins Haus hinein, in den Hintereingang. Mir graute davor, barfuß durch die Küche zu gehen. Der ganze Dreck auf dem Gummiboden… Was nun genau im Haus passierte, habe ich vergessen. Sebastian und ich marschierten nun wirklich nach Hause, in unser Haus. Um dort festzustellen, dass meine Eltern bereits dort waren, alles umgestalteten, umräumten, sauber machten. Noch kurz bevor wir das Haus erreicht hatten waren wir auf dem Grundstück der Nachbarin auf eine Horde Seeschwalben gestoßen. Ich wollte sie unbedingt filmen, gleich losfahren. Anfangs war noch unklar, ob ich nicht eigentlich zur Arbeit müsste, oder gar in die Schule. Bis ich erleichtert feststellte: „Ich bin ja ein Krüppel! Ich muss nicht!“. Unterdes verdeutlichten meine Eltern mit ihrem Gehabe in unserem Haus, dass SIE es finanziert haben, dass es eigentlich IHR Eigentum sei, das sie sich nun zurückholen würden. Ich wollte mit dem Rollstuhl losfahren. Aber mein Vater stand vor einem großen Loch in der Wiese vor der Eingangstür, in dem eigentlich der Wannenteich mit den Goldfischen zu Hause ist. Er monierte, auf seine typisch zynische Art: „Sollte das nicht mal sauber gemacht werden?! Ist das nicht ganz schön dreckig?! Kann der Sebastian da nicht endlich etwas tun?!“. Erst beschwichtigten wir ihn damit, dass da ja noch eine Teichfolie hineinkäme. Und dann standen wir zu dritt in der Pfütze, in der das Wasser mittlerweile stehen blieb und voller Leben war. Nein! Da würde gar nichts gemacht werden, das bliebe so, beschloss ich kurzerhand! Was wiederum meinem Vater nicht passte. So, nächster Versuch… Ich will losfahren. Mein nagelneues Rollstuhl-Fahrrad ausprobieren. Aber da war keine Rollstuhlrampe mehr!! „Wo ist die hin?!“, rief ich teils irritiert, teils bereits etwas entnervt; hatten die beiden doch bereits im Haus Möbel umgestellt. „Ich habe sie auseinander gesägt. Hab ein Stück für etwas anderes gebraucht.“, mein Vater selbstgefällig. Bei mir brannte die Sicherung durch... [….]

Natürlich konnte ich es nicht sein lassen, kaum im Bett, noch ein bisschen im Buch zu lesen, wie Klaus Kinski seine Tochter abschleckt. Wie die Mutter zur Tochter sagt: „Geh doch zum kranken Opa in sein Zimmer, der liegt da so allein.“. Sätze wie diese klingeln in meinen Ohren. Und sie tut, wie ihr geheißen, obwohl sie fürchterliche Angst hat vor diesem großen Mann mit seinen langen Armen. Und sie legt sich sogar zu ihm unter die Bettdecke, obwohl er stinkt, sie Angst vor ihm hat… Bis dieser ihr seine Hände in die Unterhose steckt und sie flüchtet. Sätze wie: „Stell dich nicht so an!“ oder „Das hat dich doch früher auch nicht gestört!“. Und eigentlich wollte ich mich noch auf ein weiteres Zitat berufen, von dem mir gestern schlecht geworden ist… Aber ich habe es vergessen.

1 Stunde Malen ist um. Was ich bis dato gemacht habe? Das Rot der Bluttropfen vertieft, um nun wieder zu übermalen; es ist zu viel. Ich kann doch nicht mein vielleicht letztes Werk SO stehen lassen?! Sieht beschissen aus!! Wenn alles nichts hilft, kann ich noch einen großen Pinsel nehmen und die Fläche einmal komplett weiß überstreichen… Tabula rasa!

Die Aquariumpumpe im Flur macht so einen Krach, ich zucke regelmäßig erschrocken zusammen; unklar, wann die Volkshilfe kommt. Heute muss das definitiv koordinierter ablaufen, sonst bleibt erneut viel zu viel übrig in einem Zeitfenster, in dem eigentlich das Doppelte möglich wäre…

Du beschissener Geizkragen!!

19:04
Ich war so entnervt, einerseits so zornig, wütend und zugleich nur noch verzweifelt, am Heulen. Warum denkt keiner mit? Für mich mit, wo ich ran komme und wo nicht?! Beim Renovieren vom Sofa landeten die Fernbedienungen auf der selbstgebastelten Lampe. Sebastian war schon wieder weg, ich saß da mit meinem Käsebrot und wollte umschalten… Natürlich kam ich nicht ran!! Besser noch: Alle drei fielen auf den Boden, unters Sofa oder hinter den kleinen Schrank. Was hat mich das Kraft gekostet, beinahe wäre ich umgefallen… DAS GEHT SO EINFACH NICHT!! Die Damen wie auch Sebastian noch einmal eingängig darum bitten, oder besser gesagt ihnen einbläuen, ein bisschen meine Defizite einzukalkulieren, wenn irgendwas irgendwo hingelegt wird!! Ärgerlich war auch noch, dass die Küche eigentlich trotz 90 Minuten nicht fertig wurde, ein Teller in der Spüle verblieb und noch viel schlimmer: die Spüle total dreckig. Muss ich das jeder einzelnen Dame erklären? Ich sollte wirklich eine Betriebsanleitung für das, was ich erledigt haben will und was nicht, aufstellen!!

Keine Kraft mehr! Ich kann nur noch sehr schwerlich gehen. Sieht katastrophal aus. Ein ganz gewöhnlicher Tiefgang im Rahmen von Schwankungen? Oder was wird das hier? Erst recht Lust bekommen, mich abzuschießen! Und was meinen Stress ungemein anheizt ist der Umstand, immer noch erst einen Teil gepackt zu haben. Das macht mich krank… Aber ich alleine kann gar nichts!

14. Januar 2018, Sonntag „Das Nichts dauert an…“

9:48

59,1kg um 8:00. Ich weiß noch nicht, wie ich zu dem Schluss komme, nun ernsthaft arbeiten zu können. Ein Buchfinkenmädchen trippelt über die Terrasse, alles ist weiß, es schneit, und doch bleibt das Restaurant verhältnismäßig leer. Habe ich Konkurrenz? Oder weil es zu warm war? Werden die Vögel von Jahr zu Jahr weniger?

In meinem Traum ging es um Missbrauch. Es war ekelhaft. Aber die Täter, ein Pärchen, das nebenan wohnte, wurde von meinen drei Halbschwestern und mir bekämpft und schlussendlich umgebracht. Stehen die Halbschwestern, die allesamt unterschiedlich alt waren, für Stationen in meinem Leben? Selbstanteile?
Total widerlich der Anfang vom Traum: Ich sollte, ich musste im Gasthaus übernachten. Meine Mutter bot mir mein eigenes Kajütenbett an, welches zumindest im Traum wieder in meinem Kinderzimmer stand. Warum sie nicht unten bei ihrem Mann schlief, war mir erst ein Rätsel. Sie wollte unbedingt bei mir sein. So lagen wir beide in dem kleinen Bett, jeder mit dem Kopf an den Füßen des anderen. […..] An dem Punkt sprang ich aus dem Bett, beschimpfte sie, fing an, sie zu schlagen, woraufhin sie endlich aufstand und den Anschein erweckte, mich endlich allein zu lassen. Mich… Uns. Denn auf der Seite gegenüber standen zwei Betten, mit meiner kleinsten und der mittleren Halbschwester. Denen das Theater ebenfalls Angst machte. Ich hatte sogar versucht, meiner Mutter kurz ein Kissen aufs Gesicht drücken. Was nun genau der Auslöser war, weiß ich nicht mehr… Sie fing an zu schreien, [….] dass sie mich enterbt, die neuen Kinder alles bekämen, dann weinte sie, dann schrie sie wieder, lachte hysterisch und schrie. Ich habe sie geköpft; glaube ich zumindest. Und in einen kleinen Schacht gestoßen. Da war eine winzige Holzklappe in der Wand, die in einen tiefen Keller führte. Und dort hinein ließ ich sie plumpsen. War klar, dass sie tot war. Doch nun tauchten diese Täter auf, nachts, schickten irgendwelche Barbiepuppen zu uns ins Zimmer, mit denen wir uns selbst missbrauchen sollten. Sonst würden sie uns verraten. Eigentlich ging es erst nur um einen Mann, aber etwas später zeigte sich, dass seine Frau ebenfalls beteiligt war am Missbrauch an uns. Unser Vater, ein völlig verpeilter Psychologe, saß unten im Erdgeschoss und bekam überhaupt nichts mit. Er hörte auch nicht, dass wir wimmerten. Erst waren es die Puppen und dann kamen die beiden Täter selbst durch die Luke geklettert und stürzten sich auf uns. Sie machten mit uns seltsame Verrenkungen, beinahe wie Yogaübungen. Dabei ging es aber definitiv darum, so viel Körperkontakt zu haben wie möglich und sich über unsere Leiber zu schrubben. Einmal war sogar der Kopf meiner Mutter aufgetaucht; den hatten sie an einem Seilzug ins Zimmer schweben lassen, um uns gefügig zu machen. Aber bei dieser letzten Missbrauchssituation schaffte zumindest ich es, mich loszureißen und mit viel Glück töteten wir die beiden, um sie ebenfalls wieder in den Keller zu jagen. Unser Vater im Erdgeschoss war bereits tot; den hatten sie zuvor umgebracht. Mittlerweile war ja auch noch die älteste Schwester bei uns und wir verließen das Haus… Ich ging voraus, doch als ich mich umdrehte, hatten sich meine Schwestern in Luft aufgelöst. Hat es sie jemals gegeben? Im Schatten des Hauses (ein Stadthaus) stand ein winziges, unheimliches Baby. Wie aus Gummi, Knetmasse, unförmig, ohne Hände und Füße und das Gesicht total gruselig! Es sah mich an, seine Miene verfinsterte sich, wurde diabolisch und der kleine, einem Antistressball ähnelnde Körper fiel zurück, auf den Hosenboden, saß da und zeigte keinerlei Willen, dieses schreckliche Haus zu verlassen. Auch sei erwähnt, dass nicht ganz klar war, ob wir die Täter tatsächlich umgebracht hatten oder es da nicht noch ein oder zwei alte Männer, einen Opa gab, die sich allesamt bereits an uns vergangen hatten.

Das Buch von Pola Kinski und die Folge Supernatural wunderbar verarbeitet. Jetzt ist es aber bereits nach 10, ich bekomme Panik…

10:51
Eine Horde Schwanzmeisen fällt über die beiden Meisenknödel her. Bereits seit Monaten waren immer wieder welche zu hören und zu sehen.
Etwas über eine halbe Stunde geht die Arbeit am Bild; was ist „Feinmotorik“, wie buchstabiert man das? Meine Arme sind so schwach und wehe ich wage es, sie zu heben -dann ist es ganz vorbei! Dabei war das gerade nur grobschlächtig! Was, wenn ich nun ernsthaft versuche, die Blutspritzer rot nachzuziehen? Wie viele Stunden sind unnötig drauf gegangen, weil ich es erst übertrieben habe und dann gezwungen war, zurück zu rudern, zu kaschieren? Wie blöd muss man sein?

Ich habe Kopfschmerzen. Ich bin an allem selber schuld. Hätte ich nicht… Warum habe ich… Wieso musste ich… ICH HASSE MICH! UND ICH STINKE SCHON WIEDER!! Mich morgens erneut gewaschen, den Oberkörper abgeschrubbt… Aber es ist alles umsonst!! Und wenn ich noch so viel Seife nehme! Und wenn ich es noch so lange einwirken lasse! Kaum abgewaschen, stinkt die Sau erneut zum Himmel!! Ist es Stress?! Ich schäme mich jetzt schon im Voraus. Ob ich nach dem Malen noch den Speiseplan schreiben kann, ob ich mir die Zähne putzen kann, was ich nebenbei erwähnt seit zwei Tagen vernachlässigt habe, steht in den Sternen. Und ja! Ich werde mich wieder waschen! Und sicherlich nicht das letzte Mal an diesem Tag!

Zur roten Farbe greifen… Mir wird alles zu viel!

13. Januar 2018, Samstag „Im Nichts…“

19:06
Warum jetzt noch einen Eintrag beginnen? Soll ich ehrlich sein? Wegen meinem Gewicht! Das muss einmal festgehalten werden! Ich hatte abends keinen Hunger mehr, zwei Rippen von der Schokolade und ein paar Bonbons waren natürlich leicht und schnell zu verzehren. Woran lag es? Mittags eben nur einem Pfannkuchen, wenig Salz, und sicherlich erst recht daran, abends so gut wie nichts mehr getrunken zu haben? Und Kaffee entwässert ebenfalls?…
Den Vormittag verschlafen. Raus mit dem Rausch. Und bemerken müssen, ohne das Tramal nicht einmal den Funken einer Beweglichkeit zu erreichen. Auf die Waage gestellt, großes Staunen: 58,7 Kilo um 10:30 Uhr. Für die Einnahme der Medikamente lediglich einen Schluck Wasser benötigt. Dann fuhren wir schon zum Einkaufen; ich fühlte mich erneut nach Fieber, hatte aber keines. Es gab noch einige Dinge zu besorgen. Unbedingt wollte ich noch neue BHs haben, um häufiger tauschen zu können (nicht wie zu Hause, einen zwei Wochen lang tragen). Trotz eingängiger Wäsche morgens und eigentlich den ganzen Tag, selbst mit dem Besuch, der gerade eben erst gegangen ist, die Diskussion geführt, ob ich stinke oder nicht. Ich für meinen Teil würde das neue Oberteil sofort in die Wäsche stecken. Mich erneut waschen. Bereits gleich nach dem Anziehen hätte ich diese Prozedur durchgeführt. Wenn Sebastian sagt, ich stinke nicht, glaube ich es ihm nicht. Nun aber Julia, die Freundin von Sebastians Freund ebenfalls zum Handkuss kommen lassen. Aber selbst sie meinte, sie würde nichts riechen und hätte doch einen ausgeprägten Geruchssinn.
Ein weiteres Haarband erstanden; mir ist ebenso peinlich, wenn die Schwestern bei der Reha mir die Haare machen müssen und dann schlussendlich noch das Band überstreifen, was erst recht nach einer gewissen Zeit zu stinken anfängt. So habe ich wenigstens Mehrere zum Wechseln. Die Suche nach einem „stinknormalen BH ohne Schnickschnack“ erwies sich erst als eine Mission impossible. Meine Größe schien ausverkauft, in jedem Laden! Und wo habe ich dann schlussendlich welche bekommen? Beim Spar, im ganz normalen Supermarkt! Ebenfalls weitere T-Shirts, da ich von diesen ganz genau weiß, dass sie sofort stinken. Zu Mittag nahmen wir etwas vom Chinesen mit; eine Portion, da diese für uns beide ausreicht. Ich hatte mir vom Reis, der grundsätzlich nie gesalzen ist, etwas mehr Effekt erwartet. Nichtsdestotrotz waren, endlich zu Hause und unterwegs nichts gegessen und getrunken, in meinem Katheterbeutel weitere 400 ml. Was dann so viel bedeutet wie: Um 13:00 Uhr waren es nur noch 58,3 Kilo.

Und dafür diesen Eintrag.

Wir fuhren einmal quer durch Jennersdorf, hinten herum die Umfahrung, die in den letzten Jahren mir beim Laufen immer zum Streckestrecken gedient hat, erst recht zum Intervalltraining, und ich weiß nicht wie viele Sprints ich da hingelegt habe, in einem einzigen Endorphinrausch: exakt 1 km lang, gerade, nagelneuer Asphalt, keinerlei Stolperfallen! Da ging es schon los mit dem Seelenschmerz… Und wurde erst recht verstärkt, als wir am Ende dieser Straße am Bahnschranken stehen bleiben mussten, der Zug kam gerade aus Ungarn und ich fantasierte davon, dass er mich damals erwischen hätte sollen. Beim Laufen aus dem Weg räumen hätte sollen. Mein Leben beenden bei dem, was mir zu diesem Zeitpunkt am wichtigsten war. Mir war nach Heulen. Aber ich schluckte es runter. Fragte nur beiläufig meinen persönlichen Fachmann, ehemaligen Eisenbahner, ob die Geschwindigkeit gereicht hätte, mich umzunieten, was er bestätigte: „Ohne weiteres!“. Ich konnte mir ein leises „Ich sollte tot sein…“ nicht verkneifen.

Zuhause gab es dann etwas zu essen, um anschließend mit Krämpfen in den Beinen und Fine immer wieder auf meinem Schoß einzuschlafen, den Nachmittag zu verpennen. Bis der Besuch kam. Julia, als Biologiestudentin, benötigte diverse Tierfotografien, die sie für eine Arbeit bestimmen müsste. Mich um so etwas zu bitten war wohl ein Fehler! Aus einer halben Stunde wurden zwei. Mein Fundus scheint unerschöpflich. Und macht mir klar, was ich alles gesehen habe, fotografiert oder gefilmt habe, wo ich überall unterwegs war und was ich alles nicht mehr kann. Wieder einmal. Der ganze Tag schürt in mir die Panik, wie vor einem Jahr die Reha nicht zu packen! Nichts leisten zu können, weil mir ständig die Augen zufallen. Ich eigentlich den ganzen Tag schlafen könnte. Sebastian hat jede Menge Energydrinks eingekauft. In mir wächst die nächste Panik. Stress. Ich habe das Gefühl, ich müsste längst alles gepackt haben! Dabei müsste ich jetzt gerade noch einen Speiseplan schreiben und wollte doch eigentlich noch malen, das böse X in meiner Tabelle umgehen.
Genügen zehn Tropfen Tramal? Ich sollte mir das Abschießen mit Temesta definitiv während der nächsten vier Wochen sehr gut überlegen. Es hinterlässt tagelang gravierende Defizite. Jetzt schmerzt mein Ischias, ich müsste aufstehen, ein paar Schritte gehen… Aber bin ich zu faul? Habe ich aufgegeben? Ich will nicht, kann nicht… Und die Dunkelheit draußen sowieso nicht aushalten. Warum ich dann eigentlich zu einer anderen Jahreszeit in Reha fahre?
JETZT?! Mit dem neuen Rollstuhl?!! Nie und nimmer!! Da ich endlich wieder raus kann, wann und erst recht wohin ich will!! Das Gefühl, irgendetwas zu verpassen in meiner Natur… Das würde ich nicht aushalten!

Aber jetzt zu Potte kommen: erst die Speisepläne oder erst malen? Mein Rücken will aufs Sofa.

19:42
Erst schmiert das Diktierprogramm ab. Dann folgen lediglich wenige Handgriffe (die Farben in den Schälchen besprühen, die Leinwand an mich heran ziehen, die Stoppuhr starten)… Die Hand, der Arm… Alles bricht in sich zusammen, zerfällt wie ein Traum wie nach dem ersten Augenblinzeln am Morgen, die Kraft, die Kontrolle, nicht mehr als eine Illusion, wie der Traum des Gelähmten, er sei einen Berg hinaufgelaufen…

Der Suizidordner läuft. In mir drinnen herrscht immer noch Leere. Unverzüglich versinke ich in dieser heimtückischen Lethargie. Kein Aufbegehren, kein Kämpfen mehr. Warten auf den Tod.

19:56
Ich kann nicht tippen. Am alten Notebook vermochte ich wenigstens die Speisepläne ansatzweise zu diktieren; aber jetzt geht das nicht mehr. Normalerweise würde ich unverzüglich austicken. Durchdrehen. Amok laufen. Meinen Körper spüren lassen was es heißt, mir nicht zu gehorchen.
Zu müde… Zu schwach… Obwohl ich immer noch Wert darauf lege, meinen Arm in einen „außerordentlichen Zustand“ zu versetzen. Weil bei der Aufnahme der Arzt, die Ärztin einen Blick darauf werfen wird. Weil eine Schwester mit einem Fotoapparat dokumentieren wird, ob es zu neuen Verletzungen kommt. Tja… Was wäre wenn? Und JA! Ich will die Gesichtsentgleisungen sehen! Das Entsetzen! Vielleicht auch Mitgefühl! Schmerz bei der Vorstellung, das wäre der eigene Arm!
Markus wurde gestern nicht fertig, beim Bearbeiten dieser Gedanken mir mitzuteilen, dass dieses Vorhaben mitunter auch unterschwellige Aggressionen im Gegenüber auslösen könnte. Worauf ich meinte, bis auf ein einziges Mal, damals im Krankenhaus bei der Cortisontherapie, noch nie auf Aggression gestoßen zu sein. Oder Ablehnung.

Eben nur damals, als mich eine Ärztin nach stundenlangem Venensuchen mit nach oben gekrempeltem Ärmel, der auch noch mit dem Venflon fix verklebt worden war, und den unzähligen Schnitten, die durch das heiß Baden wieder zu bluten begonnen hatten, mit der Infusion im Flur, im Aufenthaltsbereich hingesetzt hat, zwischen all die anderen Patienten, zwischen all die Leute, die da durchmarschierten… Ehe eine der Schwestern, die mich seit zehn Jahren kannten, „Mitleid“ hatte und mir ein Tuch über die Arme legte… Und ja, es stimmt: Ich kam mir wie der letzte Dreck vor!…

Ich will, dass es gesehen wird. Als ob ich die Sichtweise der Umwelt bräuchte, um mir selbst glauben zu können, dass das kein Spaß ist, dass es bitterer Ernst ist und erst recht gravierende Gründe haben muss, warum ich es tue…

Gemäß dem Fall, ich schaffe es, lediglich einen Schmetterling auf Papier zu malen… Welcher sollte das sein? Welche Aussage möchte ich damit transportieren? Einen besonders Farbenfrohen? Der für Leben pur steht? Oder den Tod? Erneut ein Totenkopfschwärmer? Was wäre, wenn ich den zweiten Vogel auf diesem Leinwand-Papier verewige? Wie etwas, das nicht greifbar ist? Nicht zu fassen? Unendlich weit weg? Man eigentlich nicht mehr von ihm weiß als eine Schlagzeile? Das Symbol für den Täter, der sich aus dem Staub macht… Aus der Szene, aus dem Bild zu verschwinden versucht, während der Eichelhäher alles und jeden ablenkt…

Mein Rücken kann nicht mehr. Aber vielleicht nur noch ein winziges Detail: Ich habe mich super unterhalten mit ihr zuvor, es war lustig, interessant, aber nichtsdestotrotz… Kaum war ich allein, brach meine Stimmung wie auch mein Körper in sich zusammen.

Weil der Narzisst keine Bühne mehr hat!! Das kann er nicht leiden!!
DU BIST WIE DEINE MUTTER!!

Hat er recht? Oder war davor alles nur Schauspiel?

12. Januar 2018, Freitag „Trümmer einsammeln…“

17:11
Den ganzen Tag… NICHTS. Morgens 75 Minuten gemalt. Eine Minusleistung. Eigentlich nichts als das, was zu viel war, erneut mit Weiß zu übermalen. 59,6 Kilo. Überhaupt nichts gebacken kriegen… Nicht einmal die Zähne zu putzen. Vormittags auf meinem Tisch geschlafen, bis Sonja erschien. Nach dem Mittagessen erneut eingeschlafen, bis jetzt. Links Krämpfe, rechts Krämpfe. Morgens bat ich Sebastian um ein neues Fläschchen Tramal. Das ist in all den anderen Wünschen, die er mir noch erfüllen musste, untergegangen. Morgens kein Opiat, mittags kein Opiat. Na? Bin ich abhängig? Spüre ich bereits irgendwelche Entzugserscheinungen? Ist es voreilig zu sagen: „Nein.“?

Vom Mittagessen meiner Mutter konnte ich heute lediglich einen Pfannkuchen essen. Wie so oft hat sie es „zu gut gemeint“, drei Stück sind noch da, gefüllt mit Topfen. Ich versuche nachzudenken, darüber, über alles andere, was gestern mein Knock-out bedeuten sollte. Wieder hat sich alles relativiert. Es gibt keine Gründe, keine Erklärung, erst recht keine Rechtfertigung. Lediglich ein Detail: „Ab einem gewissen Pensum, ab einem gewissen Spiegel war ich einerseits so dermaßen eingeengt und zugleich befreit von jeglichen Schuldgefühlen, eine Zukunft betreffend, die es für mich in diesem Moment überhaupt nicht mehr gab, und ja, ich hätte noch mehr schlucken können, viel mehr!“. Scheiß auf die Reha! Scheiß auf all die Pläne! Und scheiß auf alle anderen!

Es tut mir leid.

Zu Sebastian: „Wenn du nach Deutschland fährst und einen Unfall hast, wenn irgendetwas passieren sollte, und ich habe ernsthaft zu wenig Tabletten mit bei der Reha, um mich auszuschalten, dann bin ich sauer auf dich!“, mit einem gequälten Lächeln. Ich hoffe, ich habe genug angesammelt. Mir noch keinen Überblick verschafft. Aber ich kann ja letztendlich alles einpacken, was sich im Haus befindet. Mir anderweitige Suizidoptionen einfallen lassen. Hauptsache weg mit mir!

Wovon ich heute Nacht geträumt habe, ich weiß es nicht mehr. Auch jetzt gerade frage ich mich, ob ich noch gut bedient bin von den ganzen Substanzen, die ich mir gestern kredenzt habe. In 26 Minuten Sitzung mit Markus. Er hat meine E-Mail nicht gelesen. Heute ist mir diese auch wieder unendlich peinlich, ich schäme mich für mich selbst… Aber wann tue ich das nicht?

Nachdem Sonja gegangen war, die gleich beim ersten Blick meinte, ich hätte glasigen Augen, musste ich mich aufraffen, um ins Badezimmer zu gehen, den Katheterbeutel zu entleeren. Und so kam es unweigerlich zur Konfrontation mit meinem Spiegelbild. EXAKT so KATASTROPHAL wie gestern!!! Ich hasste mich!
Hingegen gerade eben, vor über einer halben Stunde, als ich mein Gesicht wieder waschen musste, hatte ich mehr Zugang. Erkannte mich ansatzweise. Aber inwiefern hilft mir das jetzt, hier auf dem Sofa? Meine Stimme verabscheuen! Meinen Körper, wie er da hängt, dieser fette Specklappen! Keine Muskeln mehr, alles im Arsch… Und eben, wie bereits bei der Physiotherapie festgestellt, AN ALLEM SELBER SCHULD!! Worin ist der Beginn des Desasters zu suchen? Ging es mir körperlich schlecht, worauf ich das Training schleifen lassen musste, oder zuerst die Psyche, die mir ein Bein stellte und alles einschlafen ließ? Wie auch eben diese immer wiederkehrende Frage danach, ob ich schlussendlich nur einen kräftigen Tritt in den Hintern bräuchte?!

Erinnerungen drängen sich auf. Wieder ist es Weihnachten. Mir ist schlecht und ich bekomme Angst vor dem Gespräch mit Markus. Sebastian hat mir ein Kännchen Milchkaffee gemacht. Irgendetwas daran stinkt, riecht seltsam. Ich wage kaum, ihn zu kosten. Was ist, wenn da letztes Mal jemand das Ding nicht ordentlich gespült hat, vielleicht Schimmel an den Innenseiten klebt oder die Milch schlecht oder was auch immer?… Wieder stecke ich in meiner „Neurose“ fest. Die Küche und der Dreck, der dort entsteht. Genügt doch dieser Satz zumindest für die kurzweilig ernstzunehmende Aussage, NIE WIEDER ETWAS ZU ESSEN!

Nein! Der Kaffee ist, außer viel zu süß, genießbar. Wer weiß, was ich da wieder gerochen habe! Aus welchem Loch meines Unterbewusstseins eine weitere Leiche ein paar freundliche Duftgrüße abgesondert hat. Habe ich eigentlich von der Clementine erzählt? Die ich vor zwei Tagen gegessen habe? Sie war ziemlich ausgetrocknet und schon mehr Kaugummi als Frucht. Aber das Schlimmste daran: der Geruch! Eigentlich mehr ein Gestank! Das roch nicht nach Frische, nach Citrusfrucht… Meine Güte!! Es stank wie meine Oma aus dem Mund!! Und auch die Finger stanken vom Schälen so fürchterlich, mir wurde speiübel, musste unverzüglich ins Badezimmer und mich eine Ewigkeit mit Seife abschrubben! Auch das Gesicht, die Lippen, den Mund! Es war so, als säße mir die Mutter meiner Mutter wieder gegenüber, in der Küche, ich bin wohl 11 und sie sagt irgendetwas zu mir. Oder vielleicht spielen wir auch Karten, ich weiß es nicht. Ekelhaft…

Ein wertloser Text. Genauso hohl und sinnfrei wie ich selbst. Und irgendwie den Eindruck nicht los werden, überhaupt keinen Grund für eine Therapie zu haben…

19:47
Ich habe alles infrage gestellt, alles verworfen, in seine Einzelteile zerlegt, hinterfragt, abgelehnt, ständig nur contra… Um am Schluss wieder zu weinen. Ausgelöst von so Sätzen wie: „Ich bin es aber nicht wert zu leben! ICH bin die Wurzel allen Übels und die Welt wäre besser ohne mich dran!! Es ist dann vielleicht gar nicht mein Plan, den nächsten Selbstmordversuch zu überleben… Wenn ich tot bin, umso besser!“. Der Schädel leer. Keinerlei Bezug zu all dem, das bis jetzt bearbeitet wurde. Markus fragte gleich nach der Begrüßung: „Wie geht es dir?“. Worauf ich nur eine Gegenfrage parat hatte: „Hast du die E-Mail gelesen?“, was er bestätigte. Er sagte, das sei ganz normal. Eine ganz „normale Krise“. Von denen werden noch einige kommen. Aber angesichts meiner Suizidalität wäre es wirklich nicht schlecht, aus diesem goldenen Käfig rauszukommen. Am besten ganz, ganz weit weg, in eine Klinik nach Deutschland, die sich zeitgleich auch mit Neurologie beschäftigt und auf dem neuesten Stand ist.

Da wollte ich soeben noch sagen, dass allein der Gedanke, Sebastian könnte gleich runter kommen und fragen, was ich zum Abendbrot möchte, Panik in mir auslöst… Und da steht er schon in der Tür.

Noch einmal klipp und klar: Ich fühle mich allein. Allein gelassen mit meinem ganzen widerwärtigen Dreck. Und die, die dazu etwas beitragen könnten, mir helfen könnten, tun es nicht. Weil sie nichts wissen oder nicht wissen wollen. Sebastian ist gerade eben noch einmal kurz weg gefahren. Neben mir liegt ein nagelneues Fläschchen Tramal. Bereits während der Sitzung immer wieder angekündigt, jetzt im Moment das Bedürfnis zu haben, mich abzuschießen. Ich muss unbedingt in meinem Medikamentenregal nachsehen, wie viele Psychopharmaka ich noch im Haus habe. Sonst muss Sebastian doch noch einmal zum Arzt. Aber ich vermag nicht aufzustehen. Ich vermag nicht mich zu bewegen. Als sei ich mit dem Sofa verschmolzen…

DU FETTE, DRECKIGE SAU!!

Und irgendwie möchte ich mich auch wieder verletzen. Selbst das infrage gestellt: „Ist das alles nicht schlicht und ergreifend eine EINZIGE Inszenierung meinerseits, um Mitleid und Aufmerksamkeit zu bekommen?!!!“. Mein linker Unterarm sieht einigermaßen o. k. aus. Es könnte aber viel schlimmer sein.

20:41
Ich bin aufgestanden, habe zuerst den ganzen Dreck auf dem Boden weggesaugt, anschließend nach den spärlichen Resten meiner Psychopharmaka gesucht (jede Menge Temesta, aber kein Gewacalm mehr), um dann noch auf den Trichter zu kommen, mich nicht mehr riechen zu können. Ins Badezimmer geschlichen, getorkelt, gewankt. Ich musste mich auf die Toilette setzen und wieder -unentwegt gähnend- minutenlang versucht, mich von meinem stinkenden Oberteil zu befreien. Am Waschbecken stehend, musste ich Rücken und Hintern an der Waschmaschine anlehnen, um nicht umzufallen. Genau da kam Sebastian zurück und half mir. Und ich fing zu weinen an. Es sprudelte aus mir heraus, meine ganzen Schuldgefühle, die teilweise wahrlich an den Haaren herbeigezogen sind, meinem Wunsch, endlich zu sterben, mich endlich umzubringen: „Die ganze Welt wäre besser dran ohne mich!…“. Er hat mich in den Arm genommen, gesagt, ich soll sowas nicht sagen, der Welt wäre das total egal, aber was wäre mit all jenen, denen ich wichtig sei. „… Und was ist mit MIR?“. Es sagte, Rumpelstilzchen sei doof, ich solle nicht auf ihn hören, mir nicht ständig solche Gedanken machen… „Du verstehst es nicht… Lies eines meiner Bücher, bitte! Da wirst du sehen, dass alles, was ich an Symptomen zeige, ganz klassisch ist! Es nicht darum geht, ob ich mich unnötig in irgendetwas hinein steigere oder nicht. Dass diese Gedanken, die Schuldgefühle grundsätzlich bei Missbrauchsopfern vorkommen… Er meinte, ich solle ihm nur sagen, welches Buch. Er macht das sofort!

Dann hat er mich noch minutenlang befragt, ob es in Ordnung ist, wenn er noch nach oben geht, ob ich noch irgendetwas brauche, ob ich etwas essen möchte usw. und so fort.

Besser, er ist oben. Da muss er nicht meinen nächsten Nervenzusammenbruch miterleben. Ich ahne schon, wie ich morgen wieder aussehen werde. Wie katastrophal! Ein Boxunfall, die Augen dick zugeschwollen, knallrot. Und außerdem hört er nicht, dass ich gerade allem Anschein nach tatsächlich um mich selbst weine…

WIE KANNST DU ES WAGEN?!!
DU BIST DRECK! DU BIST SCHEISSE! UND WENN ÜBERHAUPT, DANN BIST
DU DER TÄTER!!!

Keine Luft mehr bekommen… Zum Fläschchen Tramal greifen…

11. Januar 2018, Donnerstag „Fallen lassen…“

9:30
59,4 Kilo um 6:45 Uhr. Blut. Alles voll mit Blut. Aber mir missfällt die Farbtiefe, nicht authentisch genug, streckenweise sogar übertrieben. Die 2 mg Temesta noch nicht einmal ausgeschwitzt -vermag mich immer noch nicht zu bewegen, nicht zu stehen, die Beine steif- und dennoch bereits das nächste Übel im Anmarsch. Neben meiner Wasserflasche das kleine braune Gläschen mit Psychopax. Daniela wird bald kommen. Mein Schädel fühlt sich ehrlich gesagt noch ziemlich bedient an. Den rechten Ärmel hochgekrempelt, aber ganz im Gegensatz zu Montag die Wunden dieses Mal unter einem kurzen Verband versteckt. Montags hatte ich ernsthaft nicht daran gedacht, hatte es vergessen. Ich weiß auch nicht mehr wie es gestern Nacht schlussendlich zu dieser Diskussion kam. Irgendwelche Witze über meine Arme wurden gemacht. Ein Schlagabtausch, wahrlich tief und makaber, aber dennoch witzig. Aber am Schluss musste ich einhaken: „Du glaubst aber NICHT wirklich, dass ich das aus Spaß mache, oder?“… „Natürlich nicht!“, er ein wenig erbost: „Wie kommst du denn da drauf?“.

Ich höre es hinten rumpeln, rumoren. Hastig einen Schluck Wasser in den Mund, obendrauf erneut eine undefinierbare Menge Benzos. Mal tropft es, dann tropft es vermeintlich nicht, und ganz plötzlich schießt es regelrecht aus dem Ventil, das die Tropfmenge regulieren sollte. Das Zeug brennt auf der Zunge. Will ich mir ernsthaft selbst verkaufen, nun ginge es mir besser? Oder dass es mir gleich besser gehen würde? TÜR AUF! DAS SCHAUSPIEL BEGINNT! FUNKTIONIEREN!!!

Ohne Frage, es ist auch nett und tut auch gut, sich zu unterhalten. Aber freiwillig scheine ich meine einsame Komfortzone nicht verlassen zu wollen. Dieses Niemandsland, in dem ich machen kann, was ich will, ohne irgendjemandem Rechenschaft schuldig zu sein…

Egoist! Verschrobener Eigenbrötler!!

11:58
Was spüre ich von meinem Rausch? Nichts und wieder nichts? Wieder einmal Beipackzettel wälzen. Da müsste doch irgendetwas passieren. Klar, ich kann mich noch weniger bewegen. Aber das ist mir gerade scheißegal.

15:12
Die Stille, die mich umschließt, wird zu einer warmen Decke, die mich ganz fest einwickelt. Wieder minutenlang mich über Überdosierungen informiert. Ich habe so einen Knall. Nimmt Sebastian es nicht ernst, schiebt es bewusst zur Seite, ist unfähig, sich damit auseinanderzusetzen oder bemerkt nicht einmal, in was für einer Häufung ich jeden Tag immer wieder im Ernst oder verpackt in geschmacklose Witze von Selbstmord spreche?

Der Himmel ist grau. Kurz, aber wirklich nur einen Wimpernschlag lang, war die Sonne zu sehen; aber bis ich mit dem Rollstuhl draußen war, hatte sie sich längst wieder von mir abgewandt. Ich kann es verstehen. Ich bin schlecht. Vielleicht hätte der Titel für den heutigen Tagebucheintrag auch einfach „Bilanz vorm Abgrund“ heißen müssen. Ist es das Wetter, die fehlende Sonne, eine chemische Schräglage in Gehirn und Körper? Die Anämie ist also schlimmer als noch im letzten Befund vom Krankenhaus. Und als müsse ich meinen Teil dazu beitragen…

Die Meinung von mir ist einhellig, auch werde ich in einer Woche wieder Diskussionen darüber führen müssen ob ich nicht längst abhängig bin, denn genau darum geht es ja bei besagter Meinung. Also warum nicht gleich diesen entsprechen… Ich weiß nicht mehr, was ich gestern geschluckt habe. Ich weiß nicht mehr, was ich vorgestern geschluckt habe. Könnte höchstens versuchen, eine notdürftige Bilanz für den heutigen Tag aufzustellen: morgens eine volle Dosis Tramal, vormittags eine undefinierbare Menge Psychopax, Benzos, mit keinerlei signifikanter Wirkung, mittags wieder eine volle Dosis von den Opioiden, 1,3 mg Morphium gegen die nicht enden wollenden Krämpfe, und weil sie mich so nett angelächelt haben, noch zwei rosarote Filmtabletten -Gewacalm zu je 5 mg. Ich hielt es auf dem Sofa nicht aus, ich durfte nicht sitzen bleiben, wie so ein faules, wertloses Miststück und ich weiß nicht mehr, wie oft ich mich gestern, wie oft ich mich vorgestern aufgeschnitten habe. Aber gerade eben, ohne mich in irgendeiner Form warm anzuziehen mit dem Rollstuhl hinaus gefahren, ein Frotteehandtuch, die Rasierklingendose und perfiderweise die Kamera. Mit mir selbst ins Gericht gehen, warum ich so etwas filme und dann schlimmstenfalls auch noch online stellen werde. Wen will ich erschrecken, vielleicht eher abstoßen? Es war kalt. 30 Schnitte mit der eigentlich doch noch jungfräulichen Rasierklinge. Und es blutete wunderbar, lief den Arm hinab, tropfte auf das allmählich verblassende Laub neben dem nagelneuen Asphalt. Mir war von vornherein klar, dass das nicht reichen würde. Ich holte ein weiteres Mal aus, insgesamt noch zehnmal. Mehr Nachdruck, fester, überzeugter und erst recht genährt von noch mehr Hass auf mich selbst. In den drei Tagen hinter mir den Eindruck gewinnen dürfen, dass eigentlich nur ich die Wurzel allen Übels sein kann und wäre ich weg, käme das einem Segen gleich. Wie viele unendliche Seiten habe ich diktiert, ohne jemals zu einem Konsens zu kommen. Wie viele Fragen mir selbst gestellt, mich damit gequält. An manchen Tagen erscheint alles so eindeutig, es ergibt alles Sinn, wie die Faust aufs Auge. Aber den größten Teil der Zeit dazwischen werde ich von Zweifeln zerfressen und so kam ich eben schon dienstags zu dem Schluss: es gibt keinen Täter, keine Mittäter, erst recht nicht ich das Opfer. Da ist nie und nimmer etwas passiert, ich inszeniere mich selbst, produziere mich und das Rechenergebnis ergibt schlussendlich, dass ich kein Trauma habe… Ich muss definitiv einer Psychose anheimgefallen sein, bilde mir alles nur ein. Ich hasse mich. Und ich denke, tablettentechnisch geht da noch mehr. In einer Woche Reha. Ich werde die Rasierklingen mitnehmen, und auf die Frage, ob ich etwas mit hätte, mich mit einer Pauschalaussage rausreden: „Hier im Haus kann man überall etwas finden, womit man sich selbst verletzen könnte.“. Also nicht direkt die Wahrheit, zugleich auch nicht gelogen. Und erst recht packe ich meine Tabletten mit ein. Ich muss gewappnet sein, wer weiß, was kommt und würde ich bei der Reha eine Überdosis schlucken, kommt wenigstens nicht mein Bruder, geschweige denn seine ganze Familie, die Kinder inklusive im Schlepptau zum Handkuss. Aber am entscheidendsten wohl, dass Sebastian mich nicht finden muss. Die Sehnsucht, die Todessehnsucht drückt und drückt und drückt, bis ich keine Luft mehr kriege.

16:13
Wieder ist 1 Stunde um. Insgesamt drei Videoaufnahmen gemacht für meinen neuen Film. Den Schwarztee zu meiner Rechten kaum noch angerührt. Was mache ich jetzt? Ich fühle mich durchaus betäubt. Nur müde darf ich nicht werden. Auch Sebastian hatte mir recht gegeben, dass das mit den Blutspritzern um den Eichelhäher herum vielleicht doch zu viel des Guten sein könnte. Muss wieder zurückrudern, kaschieren, weiß übermalen.

Das Licht schwindet, die Augenlider schwerer und ganz plötzlich, als hätte ich es nicht anders, hätte die Betäubung nicht verdient, setzt Panik ein. Ich sehe doppelt.

Ganz kurz schließe ich meine Augen und sehe meine Mutter, in einem weißen Kleid auf einem Flur stehen, sie hat Presswehen. O. k.… Wo kommt das jetzt her? Eine Lampe einschalten ein schönes Massaker! Mir eine weitere volle Dosis Tramal reinpfeifen…

Ohne Rücksicht auf Verluste, ohne einen einzigen Gedanken an Morgen zu verschwenden, die Pumpe so lange betätigen, bis das Fläschchen leer ist!! Das waren jetzt MINDESTENS über 20 Hübe!! Ich kann ja auch immer noch Alkohol obendrauf werfen. Es tut mir leid, dass ich das hier schreibe. Es ist nicht fair von mir… Aber mich umzubringen, ist dann ja auch nicht so einfach, wie vor über zweieinhalb Jahren gesehen. Was wünsche ich mir? Bewusstlosigkeit, Kontrollabgabe, „ernst genommen zu werden“, weil ich mir selbst ja nicht glauben DARF!!! Die Augen verdrehen sich, die Blickachsen verknoten sich. Musik an, Selbstmordsound, vielleicht nun endlich meinen inneren Scharfrichter so weit abgestellt, um zumindest ein oder zwei Tränen für mich selbst vergießen zu dürfen.

Jetzt online stellen; ich kann keine Garantie mehr abgeben… Ob ich noch lange wach sein werde…

2009-05-07-kommsuessertod

10. Januar 2018, Mittwoch „Eine Woche noch…“

8:25
Großes Erstaunen auf der Waage. 59,1 Kilo um 6:45 Uhr. Das linke Nasenloch war zu, die Kopfschmerzen heute noch heftiger, der Himmel grau, dunkelgrau, ein wenig Nebel und es regnet. Und wieder eine bunte Reise durch meine Traumwelten! Im Gasthaus war Hochbetrieb, meine Mutter kochte wie eine Verrückte, um sich dann rasch schick zu machen, währenddessen durch den Hintereingang bereits die Stadtkapelle hereinmarschiert kam, im Schlepptau das halbe Dorf. Meine Mutter machte einen auf Dorfdisco, laute Musik, über Lautsprecher eine Ansage und plötzlich waren alle Tische verschwunden, stattdessen hatten die Gäste allesamt dieselben Klamotten an wie meine Mutter. Das sah aus wie ein Flashmob! Oder Linedance. Ich fand es gruselig und zudem die Musik unerträglich. Meine Mutter die Vortänzerin, also ganz in ihrem Element. Davor träumte ich auch von einer Fahrt mit dem halben Dorf in einem Bus nach Deutschland. Auf der Rückbank war ein Sitz ganz speziell, grenzte sich von den anderen auch farblich ab. Eine meiner ehemaligen Nachbarinnen sagte zu mir, als ich mich eben auf diesen Platz niederlassen wollte, dass er nur für eine Person bestimmt sei, die Chefin vom Dorf, die Königin. Sprich: meine Mutter.
Aber nun zurück zu dieser obskuren Tanzveranstaltung. Markus hatte mich zuletzt gefragt, ob ich diese ominösen Feste noch miterlebt habe: „Nein, ich glaube nicht.“. Es war immer etwas los im Gasthaus, die Eltern meiner Mutter und auch sie sehr geschäftstüchtig und immer am Puls der Zeit. Aber ich floh im Traum in mein Zimmer und machte ganz laut Rammstein an. Schlussendlich passierte so viel und ich habe es vergessen. Mich geärgert, mein Diktiergerät im Wohnzimmer vergessen zu haben; gestern wiederum lief ich den ganzen Vormittag hier ohne mein Halsband und den Notrufknopf herum, was mir erst mittags auffiel.
Also es muss irgendeinen Grund gegeben haben, warum ich wieder in der Küche erschien, warum ich mit meiner Mutter in einen Streit geraten bin, warum dieser dann vor dem Gasthaus so richtig schön eskaliert ist (abends eine neue Serie gesehen, in der ein Junge ständig sagt, er müsse seinem Vater einmal eine in die Fresse hauen, was er dann schlussendlich auch macht, bevor er mit seiner neuen Freundin, die er eigentlich umbringen will, abhaut). So verpasse ich im Traum meiner Mutter ebenfalls eine heftige Maulschwelle und sie schwebt in die Luft, wie ein Luftballon, schwebt davon… Sebastian stand neben mir und meinte (wie auch Brigitte längste Zeit, nur in einem anderen Kontext): „Schau mal! Du träumst doch wieder und wieder und immer NUR von deiner Mutter!! Das wird schon des Rätsels Lösung sein, dein einziges Problem, deine gestörte Mutter-Tochter-Beziehung!! Weil sie zwar immer da war, aber in entscheidenden Momenten dir in den Rücken gefallen ist und weil du für sie in den ersten Jahren eine Art Puppe warst, über die sie sich profilieren konnte! Da es sonst niemand in deinen Träumen, IMMER NUR SIE! Erkennst du das nicht endlich??!“. Ich verstummte, als hätte man mir den Mund verboten. Doch dann sah ich hinüber zur grauen Burg, erhob den Arm und zeigte zum Dach: „Und was ist das? Schau mal, wer da kommt!“. Es wirkte wie in einer Horrorkomödie; als hätte man in so einer Situation noch die Zeit, ausgiebige Diskussionen zu führen und flapsige Kommentare von sich zu geben. Auf dem Dach erschien plötzlich ein riesengroßes Monster! Ein Roboter! Irgendwie wie der Blechmann wie beim Zauberer von OZ! Nur eben mindestens 10 m und die Bestandteile, die Extremitäten bestanden aus dünnen Blechrohren. Er war also spindeldürr und wirkte so noch größer und bedrohlicher! In großen Schritten marschierte er über das Dach und es war von vornherein klar, auf wen er es abgesehen hat. Auf uns, die wir da unten standen. Und natürlich ganz besonders auf mich! Und wie beinahe schon Standard ging die Hetzjagd los, die Flucht vom Gasthaus, die steile Wiese vorne runter und ich rannte im Zickzack, um ihm auszuweichen. Er wollte mich zertreten!! Viele blieben auf der Strecke, wurden zu Matsch verarbeitet. Ich glaube nur Sebastian und ich schafften es runter bis zur Bundesstraße, um von dort aus bis zur Abzweigung zu gehen, die Straße wieder hoch zum Gasthaus und das ganze Spiel von vorne beginnen…

In einem anderen Teil war ich mit dem alten Staubsauger vom Gasthaus zugange. In Wirklichkeit hat er so nicht ausgesehen, aber in der Logik der Nacht war er der Richtige. Und löste unverzüglich bei mir Flashbacks aus… [….] Wieder stand ich im Wohnzimmer. Scheinbar hatte ich einen Ohrclip meiner Mutter aus Versehen eingesaugt und musste nun im Beutel Unrat und Müll durchwühlen. Ich denke mal, ich habe ihn nicht gefunden. Hinter mir auf dem Sofa saßen zwei Nachbarinnen vom Gasthaus und beobachteten sehr interessiert, was sich da tat und erst recht die Ankündigung meines Flashbacks ließ sie aufhorchen. Ich denke auch, eine von beiden war meine Tante, die Schwester meiner Mutter.
[….]
Schon geht es wieder los, mit diesen tagtäglichen, sich in einem fort wiederholenden Fragen… „Werde ich mich jemals erinnern?“, „Gibt es überhaupt etwas zu erinnern, oder ist das, was mir zugänglich ist, bereits ALLES?!“, „Mache ich alle anderen und mich selbst nur verrückt?!“ und natürlich nicht zu vergessen „Gibt es für mich überhaupt einen Weg aus dieser ganzen beschissenen Misere???“.

Und schon 1 Stunde um, 1 Stunde gemalt und ich kann froh darüber sein, unterschiedliche Weißtöne zu haben; die einen sind strahlender, die anderen etwas schmutzig, matt und passen sich perfekt der ebenfalls nicht mehr lupenreinen Leinwand an. Fehler, Flecken und Bleistiftstriche verschwinden so spurlos. Nervig nur, dass der letzte Klebestreifen erneut Klebereste hinterlassen hat.

Die Kopfschmerzen sind heftig. Vermutlich gleich noch zum Aspirin greifen. Abends doch auch die nächste Morphiumparty veranstaltet. Während dem gesamten Abendessen krampfte das rechte Bein, bekam erst 2 mg retard und dann noch 1,3 normales Hydal. Und als es nach Stunden endlich aufhörte, kam ich mir vor wie ein Zuschauer beim Staffellauf; der Schmerzstab wurde weitergegeben an das linke Bein, welches noch heftiger krampfte und mich veranlasst hat, vor dem Zubettgehen gleich nochmals 2,6 mg einzuwerfen.

9:27
Die Stoppuhr pausieren und meine drei lächerlichen Physioübungen machen. Konstant läuft aus meinen Stirnhöhlen Schleim die Speiseröhre hinab. Laufband nach 2 Stunden Arbeit? Inhalieren mit Kamille? In Gedanken packe ich bereits meine Koffer. Um ja nichts zu vergessen. Allein die ganzen Kabel für die unzähligen Gerätschaften. Sebastian hat den Akku gefunden; dieser war sogar noch original eingeschweißt, obwohl der Computer sicherlich seit fünf Jahren im Wohnzimmer steht. Und Heureka! Es scheint tatsächlich noch funktionstüchtig! Aber welche Klamotten nehme ich mit? Ich muss mir noch mindestens zwei neue BHs kaufen, weil ich einen davon vorgestern beim Ausziehen zerrissen habe. Welche Farbtuben werde ich einpacken? Ich muss noch Videodateien und erst recht meinen Musikordner auf Sebastians Notebook schieben. Außerdem darf ich den neuen Schmetterlingsführer nicht vergessen; sollte ich wirklich dazu kommen, etwas zu malen. Auf Leinenpapier Schmetterlinge für das Bild. Ich habe mir schon überlegt, wie ich diese dann anbringen werde. Vielleicht ausgefranst ausschneiden, sie mit weißer Acrylfarbe auf die Leinwand kleben, die Ränder vielleicht verkohlen, oder ich bemale sie, als hätte man sie angezündet. Und oben an der Ecke einen Klebestreifen imitieren, kopieren, drauf malen. Als seien die Schmetterlinge hinter meinem Rücken NICHT MEHR als schlechte Fassade. Alles hat seinen tieferen Sinn und manchmal bin ich erstaunt über mich selbst, wie schnell meine Assoziationsgabe Brücken zu neuen Ideen schlägt…

JETZT LOBT SIE SICH AUCH NOCH SELBST!! HALT DIE SCHNAUZE!!

Für die letzte Stunde… Musik oder eine Tiersendung? Der nächste Schritt ist wieder so einschneidend, so massiv, dass ich gegen jede Menge Widerstände anzukämpfen haben werde. Das Blut, das durch die Flügelschläge des Eichelhähers vergossen wird. Durch die Luft spritzt. Und wenn man so möchte (da fällt mir bereits die nächste Deutung ein), macht es im ersten Moment den Anschein, es wäre doch sein Blut, also sein „Leid“ und nicht meines. Als ginge es ihm (also meiner Mutter, dem schillernden „Paradiesvogel“ unserer Breitengrade, der so einen Krach macht, so viel tratscht, andere Vögel/Leute nachäfft und immer ganz neugierig ist) viel schlechter als mir. Oder bestenfalls WEGEN MIR schlechter als mir.

Versteht man da, warum ich es nicht mag, wenn man meine Bilder umdeutet? Das entspräche genau dem Dilemma, dass mir mein Gefühl sagt, da stimmt etwas nicht, aber von der Außenwelt wird alles bagatellisiert, meine Gedanken und Gefühle ad absurdum geführt, abgelehnt, eben UMGEDEUTET!!

Diese Gedanken reichen aus und ich will mich aufschlitzen. Teils zum Zwecke der Bestrafung (denn wie kann ich nur, ich böses Kind) und teils um diesen Kreislauf zu unterbrechen… Was natürlich nicht mehr als ein fataler Irrglaube ist; wird doch die Selbstverletzung zum fixen Bestandteil von diesem Kreislauf und gibt nur vor, in 100 m würde eine Abfahrt von dieser im Kreis verlaufenden Autobahn runter führen… Aber… Ich bin nicht umsonst nach fünf Stürzen weitergelaufen! Genauso renne ich immer wieder ins gleiche Elend, versuche es wieder und wieder und wieder, gebe, wenn man so will, hartnäckig nicht auf…

JETZT REICHT ES ABER MIT DEINEM SELBSTMITLEID!!!

10:04
Ich tue jetzt etwas, vor dem ich bis dato Angst gehabt habe; was nicht gleichbedeutend damit ist, nun völlig befreit und gelassen mich dieser Sache zu stellen. Markus hat mehrfach diese eine Aufnahme angesprochen. Ein Streitgespräch, das ich 2012 (?) aufgenommen habe.

Mein Magen flattert. Gar nicht mal weil ich Bedenken wegen dem habe, was der Kontrahent sagt, worauf sich Markus wieder und wieder bezogen hat, dass das eindeutig sei, sondern ganz allein auf meinen Tonfall, meine Wortwahl konzentriert sich die Panik. Es war eine hitzige Diskussion, ob es denn „rein hypothetisch, vielleicht, eventuell, zu 0,1 %“ möglich wäre, dass ich missbraucht wurde.

Das nächste Gespräch mit Markus findet erst Freitag statt. Brigitte kommt heute Abend. Ob sie das auffangen kann? Was riskiere ich damit? Im klassischen Sinne zu dekompensieren? Mir Gründe zu liefern, Rumpelstilzchen Anklagepunkte zu servieren, dass ich bestraft gehöre??!! Oder sollte ich mir diese Möglichkeit aufheben für einen Tag, an dem ich nicht mehr weit davon entfernt bin, auf einer Skala von 0-10 meinen Suizid, alle Verstimmungen ganz oben anzusiedeln und nur noch den Tropfen zum Überlaufen vom Fass benötige, um endlich diese tief in mir rauchende Sehnsucht nach der Überdosis zu stillen?

Der Gaumen wird ganz trocken, aber die Festplatte bereits angeworfen. Wieso auch nicht? Ich will doch dementsprechend „demoliert“ bei der Reha aufschlagen. Weil ich.. Was weiß ich, warum… Außer Selbstbeschimpfung fällt mir dazu nicht viel mehr ein. Vielleicht nur ganz vorsichtig angedeutet der Wunsch, in meinem Elend ernst genommen zu werden. Dass man mir „glaubt“…

10:27
Ich finde die Datei nicht! Bin ich beruhigt? Enttäuscht? Mir ist mulmig zumute…

Den Ordner erneut geöffnet… Doch! Das scheint sie zu sein! Dabei starre ich erneut auf die Uhrzeit, was ich nun vergeudet habe an Zeit, hätte ich längst malen hätte können… Da geht es schon los mit der Selbstvernichtung im Kleinen!

11:52
Den größten Teil der Aufnahme angehört. Fazit? Mein Gesicht im Spiegel nicht aushalten. 4 Minuten auf dem Laufband, nichts geht. Die Katze aus dem Haus lassen, Martha hingegen ist seit zwei Tagen abgängig; zwangsläufig komme ich am nächsten Spiegel, im Angebot der ganze Körper, vorbei und finde mich noch widerlicher und unerträglicher.

Was wird da von der Aufnahme infrage gestellt? Wie schlecht ich bin? Dass man mir wieder und wieder und wieder sagt, man würde alles für mich tun, sein letztes Hemd geben, nur, damit es mir endlich besser geht, und ich höre nicht auf, genau an dieser Stelle nach Antworten zu graben?! Was bin ich bloß für ein Monster!!! Und wenn sie wirklich nichts wissen? Mein vermeintliches Trauma „nicht mehr“ als eine Psychose? Also kein Täter? Mir ist schlecht und das Bild, das ich in meinem Kopf von meinem Gesicht habe, stimmt mit dem Abgleich im Spiegel überein.

Bring dich endlich um…
Du verursachst lediglich noch mehr Leid mit deinen Psychospielchen!!

Ganz kurz ist in den Himbeerstauden der Zaunkönig zu sehen. Ein Rückschlag um Jahre der Therapie. Entweder ist da eine sehr hohe Wand oder ich bilde mir diese nur ein. Aber eine Sache ist zumindest Fakt: Ich hasse mich. Ich fühle keinerlei Daseinsberechtigung. So wie ich bin, mich benehme… Die Rechte klimpert nervös, während im Kopf alles zum Stillstand gekommen zu sein scheint. Die Ruhe vor dem Sturm… Wie muss ich mir schaden? Ein endloser Kreislauf und nur ich scheine in diesem gefangen. Ergo muss ich das Problem sein. Also hören die Probleme auf, wenn man das Hauptproblem beseitigt. Ist das nicht eine ganz simple Rechnung, Volksschulniveau? Alles macht keinen Sinn mehr. Keines meiner Bilder, keines meiner Videos, nichts, was darin gesagt wird, worüber ich spekuliere, kein einziger Gedanke, erst recht kein einziges Gefühl… Die Wurzel allen Übels bin ich.

Das wusstest du doch schon immer!!

[….]

Mir bleibt jedes Wort im Halse stecken. Schon einmal darüber nachdenken, wie ich meine Mittagsdosis „farbenfroher“ gestalten könnte. Also haben sie doch alle recht, bei der Reha werden sie zu Recht wieder mit mir diskutieren, ob ich nicht längst süchtig, abhängig bin. Für was diese Diskussionen? Für was schert sich überhaupt jemand um einen Krüppel wie mich? Oder etwas klarer: Warum kümmert sich überhaupt jemand ganz speziell UM MICH?!!! UM DIE, DIE ES IST RECHT NICHT WERT IST?! Auch wie ich gerade hier sitze, mit den beiden Lampen, den 100.000 unterschiedlichen Dingen, die mich umgeben… Versinke ich zwangsläufig in einer Derealisation und fühle mich wie ein Alien auf einem fremden Planeten! Die Realität, das, was man Normalität schimpft, zerbröselt in so winzige Partikel, dass man es auch definitiv nicht wieder reparieren und zusammensetzen kann!

DU BIST SO KRANK…
Hör dir doch mal selbst zu!! Du gehörst in die Geschlossene!!

Wäre es bei Sonnenschein anders?
Meine Wasserflasche schnappen und damit aufs Sofa, vor die Glotze und zu meinen ganzen Tabletten und Tropfen…

16:36
War es zu meinem Glück? Als ich soeben mit den ganzen Tabletten in der Dose liebäugelte, kam Sebastian nach Hause und ich konnte mich auskotzen. Erst erzählte ich nur Fragmente von dem, was in diesem Gespräch gesagt wurde und er verdrehte bei jedem einzelnen Satz die Augen. Abschließend fragte ich ihn: „Welchen Eindruck gewinnst du jetzt dadurch? Nicht auch, dass ich ein psychotisches Monster bin, ich der Ursprung allen Übels? Riechst du denn keine Scheiße, direkt neben dir, von mir ausgehend? Merkst du nicht, wie schlecht ich mittlerweile bin?“.

Er relativierte das alles. Holte mich ein bisschen auf den Boden der Tatsachen zurück. Obwohl von Tatsachen zu sprechen, bereits wieder als sehr kritisch zu bewerten ist.

Ich bekam ihr Essen kaum hinunter. Er saß neben mir und bemerkte nicht, wie ich mir eine Temesta aus der Dose und die andere aus der Blisterpackung nahm und schluckte. Die Mittagsdosis Tramal auf volle 20 Tropfen aufgestockt. Als er dann nach 1 Stunde Dösen mit mir gemeinsam von dem Sofa aufstand, um sich auf den Weg ins Dorf zu machen, diverse Erledigungen standen an, wurde ich mir zuerst der Dämpfung bewusst, die mich zu gerne ins Schlummerland befördern möchte. Dann aber auch die Abrechnung vor Augen, wie oft die Panik in den zurückliegenden 90 Minuten zugeschlagen hatte, eben trotz allem. Und spürte, wie der Körper heiß, aufgeheizt sein muss. Den linken Ärmel nach oben geschoben, die Dose aus der Tasche, zwei Tücher auf den Schoß und geschnitten und geschnitten und geschnitten. Tragisch dabei, dass die Letzten tiefer gingen, um einiges tiefer, und auch eine andere Sorte Schmerz hervorriefen, aber bei diesem Narbengewebe gibt es kein Durchkommen. Ich müsste mir wohl eine Axt in den Arm hauen, um zu klaffenden Wunden zu kommen. Die Augen sind müde, Sebastian hat mir Tee gekocht. Auf der Leinwand stapeln sich die unterschiedlichsten Rottöne in Tuben und Fläschchen. Natürlich wieder das Gefühl, mit diesem radikalen Symbol die unzähligen Stunden Arbeit (es waren sicherlich mindestens 200-300) am Eichelhäher mit einem Schlag zu zerstören!! Mit dem Rauschzustand ebenfalls nicht zufrieden. Ich wollte nicht „nur“ müde werden. Ich will gewissermaßen „drauf sein“. Auf irgendeiner Wolke. Noch über 1 Stunde bis zur Sitzung mit Brigitte. In mir keimen Gedanken wie: „Jetzt obendrauf Hydal und Tramal, um vielleicht noch eine gewisse Funktionsfähigkeit zurückzubekommen.“. Um vergessen zu können, wie schlecht ich bin? Und draußen wird es finster…

Es wird 16:34. Einen kleinen Rollstuhlausflug gemacht, eine Chicagowende, einmal im Kreis, vorbei an meinem Drogenhort. 20 Tropfen Tramal, 2 mg Hydal retard und 1,3 mg Hydal. Laute Musik anschmeißen.

19:09
Ein kleines Gemetzel umgibt den Flügel, wie eine rote Aura. Noch längst nicht fertig. Aber passend zur musikalischen Untermalung und der Suizid-Playlist. Ich hatte nach kurzem den Strumpf von der Wundfläche gerissen, enttäuschend, lediglich winzige Tropfen aus vier oder fünf von den insgesamt 30 Schnitten ernten zu dürfen. Den Pinsel in das Blut getaucht und damit ebenfalls rote Blutspritzer gemalt. Vielleicht sollte ich Blut auffangen, vielleicht gibt es Möglichkeiten, Blut zu bearbeiten, um damit farbecht malen zu können. Eva, die Schwester von der Volkshilfe gestern, meinte, dass man so eine Anämie nicht von einem selbstverletzenden Verhalten bekommen würde. Wenn die wüsste!
Es noch einmal versuchen…

20:45
Bis das irgendwann mal einigermaßen anständig aussieht, werden noch Stunden vergehen! Meine Augen bleiben nicht offen. Standby Schluss

9. Januar 2018, Dienstag „Nachwehen“

8:34
59,5 Kilo um 6:45 Uhr. Zweimal am Strohhalm ziehen und der Tee ist alle. Um sodann schwere Entscheidungen treffen zu müssen: An die Arbeit gehen oder mir auf dem Sofa behelfsmäßig eine Schlafstelle bauen, um mir den Rausch auszuschlafen?
Noch sitze ich aufrecht, bin noch nicht zusammengebrochen. Obwohl mich Sebastian morgens wieder aus dem Schlaf gerissen hat, so tief versunken war ich in diesen futuristisch, apokalyptisch anmutenden Bilderwelten. Dieses Mal war ich wenigstens in meinem eigenen Haus zu Hause, nicht wie so oft im Gasthaus. Ich kann das nicht wiedergeben, das war zu… abgefahren!!

Der erste Arbeitsschritt wird ein weiteres Foto sein. Immer guter Dinge, dass mich bereits dieses abschießen könnte… Beinahe. Wie ein nasser Sack auf den Rollstuhl plumpsen lassen. Meinen neuen Schrank immer noch nicht in Betrieb genommen. Außer die Stellfläche oben dankend mit Dingen, die wie so oft im Weg wären, voll zu räumen. Der Frischkäse ist leer, was soviel bedeutet wie jetzt nicht aufstehen zu müssen, um ihn zurück in den Kühlschrank zu räumen.

Abends, die Ängste, schrien nach weiteren Aktionen, hilflosen Versuchen… Bis ich irgendwann wirklich einen Vorschlaghammer nehme, um mir diesen auf den Kopf zu hauen. Zwar noch keine Ahnung, wie ich ihn heben sollte, aber der Mensch an sich ist ja ein erfinderisches Wesen. Die neue Klingenkante war verbraucht und kaum hatte ich sie viermal über den linken Unterarm wandern lassen, ging oben plötzlich ohne Vorwarnung die Tür auf und Sebastian kam die Treppe runtergestolpert. Er war oben eingeschlafen und ich hatte damit zu tun, überstürzt alles wegzuräumen, zu kaschieren, zu verstecken. Das fühlte sich nicht gut, nicht zufriedenstellend an. Er saß bereits auf dem Sofa mit seinem Abendessen, ich beendete alles am Computer, verschwand noch einmal im Badezimmer und gönnte mir die flache Seite, 14 mal, um mich bei jedem einzelnen Schnitt zu fragen, warum ich so feige sei, so schlimm sei der Schmerz doch gar nicht, warum ich nicht viel, viel fester andrücken würde. Dieses Mal die Option mit dem Klopapier. Nur jetzt wird es bereits zu spät sein, um mit dem Minimassaker ein zweites Mal Freude zu haben. Wieder versinkt alles in dichtem Nebel. Wie sehr habe ich diese Tage früher geliebt, ehe die Depressionen dieses Wetter für sich entdeckt hatten.

Hastig alles fallen lassen, die Heizdecke abmontieren, an den Reifen die entsprechenden Entkupplungen durchführen, um den Elektroantrieb nutzen zu können… Und dann hastig in die Toilette. 59,3 Kilo. Die Essstörung lässt grüßen; es gibt eben Traditionen, die man wohl nie ablegen wird… Und schon wieder sehe ich mich bei der Reha wegen meinem Gewicht mit irgendeiner Schwester diskutieren. Vielleicht nur eine Sache zum Traum: Ich war doppelt so dick! Und natürlich nicht minder entsetzt. Aber da musste tatsächlich jemand von außen kommen, um mich darauf hinzuweisen, wie schlimm ich mittlerweile aussehen würde.
Es ist kein sonderlich erquickender Anblick, nachts mit nacktem Oberkörper auf der Seite liegend und nur halb zugedeckt noch ein wenig zu lesen und mein fetter, fetter Bauch, dieser Fettballon, diese Schwabbelschwarte liegt da vor mir, ganz selbstgefällig, mit sich und der Welt im Reinen, liegt einfach nur da und glotzt mich blöd an.

HÖR AUF ZU ESSEN!!

Leichter gesagt als getan. Mein Blutzucker hat meine Ernährungseskapaden ziemlich „satt“. Außerdem könnte ich mir vorwerfen, noch nie wegen einem Blutzuckercrash ohnmächtig geworden zu sein. Dass dies ein weiteres Ziel auf meiner makaberen Liste wäre, das es noch zu erreichen gilt. Selbstmordversuch ist ja bereits abgehakt. Obwohl ich, wie bei Gedanken gestern und vorgestern sehr wohl immer wieder in Betracht ziehen muss, was tue ich meinen Nichten an? Natürlich war es geschmacklos, dass mein Bruder auf Abruf Dienst hatte und soeben mit der ganzen Familie im Auto unterwegs war, als der Notruf kam. Natürlich ist es grausam, dass die drei Kinder im Auto saßen, während er mit vermutlich ziemlicher Geschwindigkeit zu unserem Haus gefahren ist, dort ausstieg, während Michi und die Mädels im Auto zurückblieben und sie dann nach Hause gefahren sind. Es tut mir leid. Es tut mir immer noch leid. Was ist egozentrisch und was nicht? Wessen Leid geht vor? Habe ich Verständnis verdient? Dass Todessehnsucht und Suizidversuche bei meiner psychischen Problematik an der Tagesordnung stehen? Sozusagen höhere Gewalt?

Faule Ausrede!…

Bist nicht genau DU es, der mich immer wieder dazu auffordert?
Schweigen im Blätterwald. Wie auch gestern in der Sitzung, als er sich nicht festnageln ließ. „ER“ oder einfach nur „ICH“. Darf ich erwarten, darf ich hoffen, dass ich die Mädchen, ihr weiteres Leben nicht völlig ruiniere, NICHT ICH diejenige bin, die mit ihrem Verhalten ihr noch junges Leben verkorkst?! Dass sie es verstehen, irgendwie? Manchmal wünschte ich, sie würden fragen. In den seltenen Momenten, in denen man sich sieht, und ich hätte die Chance, mich zu erklären. Eben nicht nur Michis (jetzt ganz despektierlich) Hausfrauenpsychologie? Deswegen auch die Frage, was, würde ich es erneut versuchen? Oder eben wie geplant nur halbherzig, als eine Art Statement, als Versuch, in ausweglosen Situationen mir selbst die Kontrolle zu entziehen…? Was dann? Haben alle in meiner Familie es über, dass es scheinbar IMMER NUR MICH GEHT?!!

Schlechter Weg. Mich aufs Bild konzentrieren… Und vermutlich eine Packung Räucherstäbchen in den neuen Schrank legen; der stinkt bestialisch, als hätte er irgendwo in einem feuchten Keller gestanden.

Und wieder arbeitet Rumpelstilzchen daran, mir einzureden, Markus würde mich aufhetzen. VERDAMMT! Diese ganzen Parallelen in all diesen Büchern, die ich gelesen habe, die können ja nicht von ungefähr kommen!!

Na und? Andere glauben an Geister und dann sehen sie auch Geister!!

14:51
Jetzt erst kommen wir zu den richtig grandiosen Einfällen! Nebel so weit das Auge reicht. Das Gespräch mit der Standortleitung der Volkshilfe war lustig und informativ. Wieder kochten die Endorphine über. Und jetzt zusammensacken. Kopfschmerzen. Kettensägenkonzert im Graben. Sollte es zu irgendeinem Problem, irgendeiner Form von Eskalation kommen, könnte ich bei der Reha auch nachts eine Überdosis schlucken; bis das jemand bemerkt, bin ich bestenfalls bereits in Komahausen angekommen. Oder am letzten Abend, dann können sie mich wenigstens nicht rausschmeißen, weil ich sowieso gegangen wäre. Oder eine Ausfahrt machen, mir ein lauschiges Plätzchen suchen, irgendwo gut versteckt…

Natürlich fragte Markus auch gestern wieder, wo meine Suizidgedanken auf einer Skala von 0-10 einzuordnen seien. „Gestern Abend, zuvor sicherlich noch bei 7-8.“.

Dramaqueen!!

Mein Bruder würde den Notruf nicht bekommen. Die Kinder wären nicht so direkt involviert. Ich könnte mir einen Zettel anheften, dass nur Sebastian verständigt werden soll.

Ist es ihm gegenüber fair?

Was ist schon fair? Das Spiel mit dem Tod doch erst einmal gekostet. Das scheint mir nicht zu reichen. Es tut mir leid. Egal wie oft ich das sage, es wird diesen Akt wohl nicht aufwiegen, entschuldigen. Aber ich lebe mit diesem scheiß Chaos im Kopf! Ich lebe mit dieser Schrottkiste als Körper! Nicht die anderen! Keiner von ihnen, die mir aufbürden, für SIE am Leben bleiben zu müssen! Und mir dann nicht einmal dabei helfen wollen, mich zu erinnern, mein Elend zu verkürzen… Das sollte mal gegeneinander aufgewogen werden!

2 Stunden. 2 Stunden, in denen ich wieder richtig schön Scheiße bauen könnte. Es auf dem Sofa nicht ausgehalten, obwohl ich doch so müde bin. Am Eichelhäher muss nun nur noch das Bauchgefieder, dort, wo das Bein hervorragt, angeglichen werden. Und dann spritzt das Blut, aus den Federn. Mit jedem Flügelschlag von diesem Symbol. Es ist nicht seines, es ist mein Blut, das ich selbst vergießen muss, wenn der „Eichelhäher“ sich wieder einmal in irgendeine Richtung inszeniert. Auf sich aufmerksam macht. Etwas zu überspielen, zu vertuschen sucht!

Findet das alles TATSÄCHLICH NUR in meinem Kopf statt? Und alle anderen haben recht? Diese teils dämlichen, hohlen Erklärungsansätze und Beschwichtigungen… Sie sind der Stein der Weisen und ich nichts anderes als GESTÖRT?!! Und nichts von dem, was ich fühle, was ich mir zusammenreime… NICHTS DAVON ENTSPRICHT DER REALITÄT???!!

Wem glaubt man wohl eher? Dem vermeintlich Gesunden, der alles abstreitet oder derjenigen, die sich die Arme aufschlitzt, sich im Klo das Leben aus dem Leib kotzt, ständig Sachen fühlt, die nicht real sind (zumindest nicht in der jeweiligen Situation und keinerlei Zusammenhang mit dieser zu haben scheinen), die depressiv ist und seit 30 Jahren über Selbstmord nachdenkt? Was würde die Mehrheit meinen?

Ich bemerke ein wenig Wut in mir aufsteigen. Aber sie darf nicht sein. Denn ich habe nichts in der Hand. Nichts außer Zweifel und die Erklärungshoheit meines Umfelds, das es sich zur Aufgabe gemacht zu haben scheint, mir in allem zu widersprechen. „Ach Bianca, das war doch ganz anders…“. „Ach Bianca, das war doch nicht so schlimm…“. „Meine Güte, Bianca, wie kommst du nur auf solche Ideen!!…“.

Unweigerlich will ich mich aufschlitzen. Und ohne es zu bemerken, wird es bereits nach 3. Unklar, ob ich zu Mittag Tramal eingenommen habe oder nicht. Meine Hand klimpert. Ist vielleicht auch das ein Zeichen dafür, dass ICH mich längst wieder in meinen Körper zurückgezogen habe und ein lethargischer Teil die Kontrolle übernommen hat?

Warum tut das alles so weh? Warum muss ich mir jeden Tag all diese Fragen stellen? Warum macht keiner endlich den Mund auf und erlöst mich?

Neues T-Shirt, morgens gewaschen; es stinkt schon wieder zum Himmel. Heute Abend duschen? Schade um die Wunden? Das am linken Arm gestern ist ohne Spuren geblieben.

Du feiger Dilettant!!

Wäre ich auf dem Sofa geblieben, hätte mir erlaubt, meinen Rausch auszuschlafen… Was für ein Debakel hätte mir dann hinterher nach dem Aufwachen geblüht? Der Schalter der neuen Lampe ist so unendlich weit weg. Ich bin so müde und will nicht mehr. Tief seufzen…

Resignation, als ich beide Unterarme betrachte. Eine schlechte Zeit, ungünstiger Zeitpunkt… Ich will mir nicht die Reha versauen.

Was ich mir insgeheim erhoffe? Dass Sebastian so verzweifelt wird, vielleicht auch wütend, und für mich meine Eltern anschreit, was sie mit mir angerichtet haben, dass ich das jetzt schon wieder machen musste… Wie hoch wäre der Wert meiner Schlechtigkeit, gemessen an dieser Aussage? Wohl verdammt hoch!

Plötzlich, während ich eine Sendung öffne, um sie mir bei der Arbeit nebenher anzusehen, überschwemmt ein Gedanke, genau genommen eine Idee mein beschränktes Gehirn: In der Vorratskammer nachsehen, was dort an Schnaps zu finden ist? Ernsthaft? So verzweifelt?

Du hast doch überhaupt keinen Grund!! Stell dich nicht so an!!“

Die Sehnsucht nach dem Rausch breitet sich aus… Stehen und Gehen kann ich so oder so nicht.

18:15
Sebastian stellt mich unter die Dusche, schrubbt mich ab. Ich mache eine geschmacklose Andeutung nach der anderen. Er lacht. Nur nicht mehr bei der Letzten: „Also wenn ich mich das nächste Mal umbringe, lass ich mir erst meine Fotoalben bringen und meine Kalender, um darin lesen zu können, wie viel ich gelaufen bin…“. Darauf er schon geknickt: „Nu hör aber endlich auf, ja?“.
Hatte er doch eingangs noch unter der Dusche gesagt: „Du und deine Ankündigungen immer! Und dann machst du’s ja sowieso nicht!“. Ich hatte davor gesagt, heute Lust zu haben, mich zu besaufen. Nach seinem Satz zählte er ein paar Beispiele auf. „Und?! Das mit dem Selbstmord hast du mir auch nicht geglaubt, und ja, es hat zwar 17 Jahre gedauert, aber dann habe ich es doch gemacht.“. Darauf schwieg er bereits. Es tut mir leid.

Bin ich schon abhängig? Alle haben recht? Oder geht es mir schlecht, ich hätte einen Grund? Vorerst nur eine halbe Dosis Tramal. Das Fläschchen steht immer noch vor mir. Wie auch die blaue Blechdose mit mindestens einer ganzen Packung Hydal, dazwischen diverse Benzos.

Der Heizstrahler auf dem neuen Schrank versucht meine Haare zu trocken. Ein schwarzes, langes Oberteil an, wirkt beinahe wie eine Tunika. Die Füße bereits unter der Dusche blau, ich friere. Der Eichelhäher scheint fertig, nun eben noch das Blut, oder vielleicht doch erst ganz zum Abschluss. Die Zeiten, als ich meine Massaker wenigstens noch einigermaßen realistisch auf die Leinwand gebracht habe, sind wohl längst vorbei. Nur noch angedeutet, versteckt, hier und da ein Tropfen. Eva heute, diplomierte Krankenschwester, fand meine Anämie gar nicht so schlimm. Erstaunlich. Im letzten Krankenhausbefund wurde auf diese explizit hingewiesen und zu diesem Zeitpunkt waren die Werte sogar noch höher, die Blutarmut also noch nicht so schlimm.

Eigentlich kann ich gar nicht mehr denken. Computer aus. Nichts mehr anstellen. Braves, artiges Mädchen sein. Irgendeines meiner Bücher über Missbrauch lesen.

8. Januar 2018, Montag

8:34
Nur ein paar Worte, um im Chaos meiner Träume nicht abzusaufen, sollte ich gleich noch etwas hinterher serviert bekommen. Ein klassischer Montag! Viel zu spät eingeschlafen und jetzt kaputt. Mein rechtes Ohr tut weh. Natürlich könnte ich jetzt auch streng zu mir selbst sein, nicht groß nachdenken und an die Arbeit gehen, aber… Aber… Selbst das kommt ganz atemlos aus meinem Trümmerhaufen gekrochen.

Wald und Abschiedsbrief, Besuch von Gula und Zirkus im Tanzsaal, Fahrt im Cabrio mit meiner Mutter auf der rechten Seite.

Diese Stichworte sollten ausreichen, um das Material reaktivieren zu können. Ein Albtraum hingegen das Gewicht, 59,7 trotz halber Entwässerungstablette. Es waren doch nur ein paar Nudeln abends, über die Hälfte trat ich an Sebastian ab.

Mir auf dem Tisch eine kleine Kissenburg bauen, die Welt versinkt in Nebel, wenn das nicht zum Schlafen einlädt? Mal sehen wie „taktvoll“ die jeweilige Dame von der Volkshilfe heute ist, sollte ich noch müde sein. Bin ich es selbst, die sich unter Druck setzt und meint, Konversation betreiben zu müssen? Oder ging dieser Impuls bis jetzt vom Gegenüber aus und man ließ mich nicht dösen?

Ja genau, DU OPFER!!

13:15
Mein Mittagessen unterbrochen, um kurzfristig noch beim Urologen anzurufen, meinen Termin zu stornieren. Ich bin freundlich, mein Gegenüber ist freundlich, man wünscht mir eine schöne Reha, ich wünsche noch einen schönen Tag, kurzfristig überschlagen sich die Endorphine, ich lege auf… Und plötzlich bin ich zu Tränen gerührt. Wie aus heiterem Himmel, völlig ohne Vorwarnung. Ich bin doch so schlecht… Wie kann man dann nett zu mir sein?

Ich werde das Gefühl nicht los, es nicht verdient zu haben. Oder ist das eine hohle Phrase, dem gestörten Gesamtbild zu entsprechen, in meiner „Rolle“ zu bleiben?

MITLEID!!! Du markierst ja nur!!!

Da bemerke ich, wie aus Blutzuckertief ein leichter Opiatrausch wird. Ich bin betäubt, aber fühle mich noch wertloser und erst recht nach Suizid. Mit Daniela ein wenig die österreichische Politiklandschaft durchforstet. Es sieht trüb aus. Trüb bis stockdunkel. Die Möglichkeit, vielleicht doch irgendwann so etwas wie eine Invalidenrente zu beziehen, war bis jetzt nicht möglich und wird mit DIESER Regierung erst recht nicht in den Sternen stehen. Ich bleibe abhängig, abhängig von meinen Eltern, mitversichert mit meinem Vater, beziehe einen „Hungerlohn“, oder nennen wir es „Spende“ von 360 €, von denen wiederum 60 € abgezogen werden, weil ich Pflegegeldbezieher bin. Diese Ausschau in die Welt da draußen hat mir Angst gemacht und ganz plötzlich werde ich zum Fußabtreter meiner diffusen Ängste und Rumpelstilzchen.

13:30
Das Programm stürzt ab, ein Teil vom Text geht verloren. Aber es waren ohnehin nur Selbstbeschimpfungen… „Nur“ und abschließend die Frage, für was oder wen ich jetzt flennen würde… Im Brotkörbchen vor mir das abgebissen Käse-Vollkornbrot. Wie wäre es, dieses so zurückzulassen?

Erneut: Tränendrüsen an! Warum?! Wegen mir? ERNSTHAFT?!! Nicht wieder der anderen wegen, die ich in meiner Situation gerade sehe, es ist ihr Brot und sie lassen es zurück?…

Rosalinde mit ihren beiden Zwillingen, die drei galoppieren über die Wiese. Aus Nebel ist Hochnebel und grauer Himmel geworden. Mit jeder Träne mehr hämmert mein Schädel umso stärker…

14:47
In der Küche stehen, etwas verloren an dem großen Regal nach einer Schachtel Fencheltee suchen. Die Arme zu heben, um oben überhaupt etwas zu erreichen… Wird zum Genickschuss.
Ich stehe vorm Tisch, drehe die Leinwand um, um den Eichelhäher zu fotografieren, für die Zeitrafferdokumentation… Ich kann nicht stehen, kann die Kamera nicht halten; der zweite Genickschuss.
Auf den Rollstuhl sinken. Das Gefühl, in meinem Körper zu kochen. Das Fieberthermometer nimmt mich nicht ernst. Alles Einbildung. Alles Fatigue. Ist es der Nebel, der graue Himmel? In Gedanken immer noch bei der Überdosis. Immer noch, schon wieder…

Kein Wunder, bei der Musik, die du ständig hören musst!!“

Das Loch im Bauch, die Sehnsucht… Eine weitere Gabe Tramadol, 20 zu mittags 15 Tropfen. Die Hände klimpern. Das Gesicht im Spiegel wirkte fahl, krank, voller Lebensüberdruss. Nachts auf dem Sofa, die Angstzustände, das Herzrasen, das Gefühl, in eine Ecke gedrängt zu sein, einen Strick um den Hals und lediglich zwei Optionen- entweder Tantalusqualen oder Suizid.

Mir das Wort „Suizid“ auf der Zunge zergehen lassen. Es schmilzt und hinterlässt ein beruhigendes Gefühl im Gaumen.

Nicht gemalt, nicht gezeichnet, nichts geleistet, nichts als NICHTS. Wie ein schwerer, lebensmüder Tropfen auf dem Rollstuhl hängen und auf den Absturz warten. Unten im Graben Kettensägenmassaker. In einer Stunde Sitzung. Mein Schädel ist leer. Die schwarze Armstulpe ausgeleiert, lässt mich im Stich, oder will mich triggern. Rutscht ständig vom Ellenbogen, hängt halb um den Unterarm geschlungen und entblößt die gestrigen Notizen meiner Verzweiflung. Ich will mir den rechten Unterarm auch nicht kaputtmachen, will sehen, dass man die einzelnen Narben sieht. Man sie als Narben ausmachen kann. Nicht wie am Linken, bei dem es aussieht, als hätte ich mich verbrannt. Oder eine sonstige Hautkrankheit.

Die Selbstmord-Playlist läuft im Hintergrund. Ich erinnere mich an früher, ich wäre jetzt beim Pferd. Ich wäre jetzt im Wald. Ich wäre jetzt im Garten. Auf der Wiese vor dem Haus. Ich wäre jetzt auf der Straße, irgendwo, mit 16 km hinter mir oder mehr. Mich selbst in eine Art Trance sprechen. Will das Ankommen der Betäubungsmittel nicht versäumen.

Ein Gedanke entkommt mir, beschäftigt sich mit der Analyse in nicht mehr ganz einer Stunde. Denkt an die Probleme, die Skype jedes Mal in den ersten Minuten verursacht. Denkt daran, dass Markus sich erneut in politischen Monologen verlieren könnte. Und ich bekomme Angst. Der Gedanke denkt, womit ich heute anfangen werde, ob ich all das soeben in Buchstaben gemeißelte Elend noch einmal mit ihm durchkauen werde. Ob ich noch mehr einnehmen sollte. Ob ich mich richtig abschießen müsste. Mich verletzen, ausbluten lassen… Für Mitleid? Um ernstgenommen zu werden? Um MICH SELBST ernst nehmen zu können, zu dürfen? Dass die Therapie einen Grund bekommt, eine Rechtfertigung?

Mein linkes Bein beginnt zu krampfen. Mit einem schweren Seufzen den Rollstuhl noch einmal wenden; die Tablettendose liegt nicht mehr auf dem Tisch.

Doch, tut sie wohl. Ich will, ich muss mir beweisen, wie gestört ich bin… Der Blick bleibt an den gut 100 unterschiedlichen Kapseln und Filmtabletten hängen. Diese Mischung wäre unberechenbarer als jene vor zweieinhalb Jahren. Schwer atmen, während die Musik die Todessehnsucht unterstreicht und die Lösung sich doch direkt vor meiner Nase befände. Krampflöser, Antidepressiva, von denen ich erst gelesen habe, dass sie nur noch selten verschrieben werden, da sie zur alten Generation zählen und man sich damit ohne weiteres umbringen kann, Morphine, Lorazepam, Benzodiazepine. Der Magenschoner wie das Sträußchen Petersilie an einem Gericht einer einfachen Gaststätte. Nicht zweimal überlegen, und statt 1,3 gleich 2,6 Hydal den Krämpfen entgegen schmettern. Ein Schluck Kamillentee; Fenchel gab es keinen mehr und dafür das Regal einmal durchforstet, zur Hälfte ausgeräumt und meine Kräfte unnütz verschwendet. Was würde ich Sebastian schreiben? 2015 hatte ich den Abschiedsbrief doch bereits Wochen, wenn nicht Monate davor bereits aufgesetzt.

Im Traum trieb ich mich in meinem Wald herum. Seit ich ein Krüppel war, hatten andere das Feld erobert, lauter neureiche Hausfrauen, zugezogene, betrieben ihren Nordic-Walking-Sport in MEINEM Wald. Ich hatte auch längst vergessen, welcher der unzähligen Wege darin wo endete. Ich kam lediglich die Bundestraße runter, dort, wo eine Einfahrt in den Wald geschottert ist. Dort, wo es einen Schranken gibt. Mit Salz oder Wachs, ich weiß nicht mehr genau, streute ich Buchstaben auf den Boden, auf das Laub. Zwei Zeilen. Dass es mir leid tut und warum ich mich umbringen musste.
Ich war nicht allein, irgendjemand würde meine letzte Nachricht irgendwann entdecken. So verwischte ich die zweite Zeile. DIE Zeile, die begründete, warum ich keinen anderen Ausweg als den Tod mehr gesehen habe. Wollte niemanden beschuldigen? Nach meiner Leiche keine vermeintlichen Leichen im Keller aufdecken, die es vielleicht gar nicht gibt?

Im dritten Teil saß ich neben meiner Mutter im knallorangen VW-Käfer-Cabriolet meines Vaters, das er in jüngeren Jahren selbst zusammengebastelt hat. Meine Mutter fährt immer ganz stolz damit aus, schüttelt ihr Haar, kommt sie vermutlich ganz toll vor…

Wie du dir beim Laufen! Was total dämlich ausgesehen hat, damit du es weißt!!

Wir fuhren nach Fürstenfeld. Zum Arzt? Zum Krankenhaus? Das Verdeck war offen. Sie saß aber rechts. Das Lenkrad war wie in England rechts. Ich auf dem Beifahrersitz. Sie war wie eine Spinne, hatte acht Arme und Beine… [….]

Es krampft immer weiter, immer penetranter und in 15 Minuten Termin. Die Blechdose liegt immer noch offen vor mir auf dem Tisch. Bis jetzt kein Anschlagen der Wirkung bemerken dürfen. Meine Rechte klimpert seit ich hier sitze. Ich fühle nur noch Lethargie. Wie ein Hahn, dem man den Kopf abgeschlagen hat, aber die Extremitäten zappeln immer noch. Schwer seufzen. Der Nebel ging in den Graben, um nun von dort wieder angekrochen zu kommen.

18:36
5 Minuten vor der Sitzung 5 mg Gewacalm. 2 Stunden lang nicht hoch und runter, sondern runter und runter und weiter runter. 5 Minuten nach der Sitzung aus 4 8 Hübe Tramal werden lassen, doppelte Dosis, 40 Tropfen. Drogen, stellt mich endlich ab! Ins Badezimmer geschlichen, die Beine steif wie Besenstiele, die Visage glänzt vor Fett. Ein angenehm duftendes Duschgel ausgesucht, um mir das Gesicht zu waschen. Die schwarze Stulpe abgestreift, der rechte Ärmel hochgekrempelt. Es ist mir egal. Sebastian kam gerade nach Hause, als ich in Tränen aufgelöst auf dem Sofa hing. Während Markus redete, kam er auf mich zu, sah mich mitfühlend an und gab mir einen Kuss. Ich hoffe… Ich hoffe so sehr, jetzt zumindest noch eine Stunde am Bild zu schaffen. Für mich drehte ich mich in der Sitzung ständig im Kreis. Markus widersprach mir. Und dafür, dass es ein endloser Kreislauf gewesen sein soll, habe ich mir so gut wie nichts gemerkt. Mein Kopf leer.

20:27
Die Angstanfälle hören nicht auf. Wollen mich brechen, zermürben, töten. Was noch schlucken?

Ratlos und verzweifelt…