15. Juli 2019, Montag „Todesurteil unterschrieben…“

10:46
Zuvor war der Physiotherapeut wieder hier, zusammen mit dem Fachmann von Ortho-Aktiv. Die ganzen Mängel des Rollstuhls wurden seziert und auseinandergenommen. Beim anderen Fachhaus muss ich anrufen, und ihnen die Absage erteilen. Das übernimmt nun alles die andere FiMme und bereits Freitag Nachmittag der erste Termin, um den Rolli abzugeben für eine erste Reparatur an den schlimmsten Stellen. So einiges ist zu erledigen. Und dann kam schon eine zierliche junge Frau, blond, Sorte „harmloses Mädchen vom Land“. Und klärte mich darüber auf, was nun beim nächsten Port-a-cath gemacht werden würde. Wir sprachen von Komplikationen, wenn die Lunge aus Versehen punktiert würde. Ich dürfte mir sogar die Musik aussuchen, werde den Damen also am Mittwoch mein Handy in die Hand drücken, mit der Playlist von 15 Jahren Laufen. Das wird sicher lustig, wenn die Messer gewetzt werden und Ramstein durch den OP donnern: „DAS IST MEIN TEIL!!!“.

ICH KANN NICHT SEHEN!!! Seit heute schleicht sich bei langer Betrachtung eine Diplopie ein. Das wird ja immer lustiger. Geschlafen habe ich wieder nicht. Schnarchen und Schnarchkonzerte, Quietschende Matratzen, nächtliche Selbstgespräche, Stöhnen, Ächzen, und eine hohe Schwesternfluktuation die ganze Nacht hindurch. Tür auf, Tür zu, Tür auf, Tür zu… usw. und sofort. Ständig wurde mir gesagt, ich solle doch endlich schlafen. Was für ein Kalauer… ha ha ha. Das kleinste Geräusch, erst recht die Wiederholung, in einer Situation wie der im Schlafzimmer ist und bleibt eine Bedrohung und heizt die Stresshormone ordnungsgemäß an, als hätte man zwei schwarze Mokkas gesoffen!!

Das 6-Bett-Zimmer erweitert seine Kompetenzen, der Altersdurchschnitt sinkt frappierend. Das Diktierprogramm treibt mich in den Wahnsinn!Da scheinen noch entscheidende Einstellungen getroffen werden zu müssen, zu deren Umsetzung ich mich nicht in der Lage fühle. Bei dem Diktierprogramm ist aber auch alles so dermaßen winzig geschrieben, da hatte ich auch ohne sie Verflixte Sehstörung meine liebe Not in den zurückliegenden Jahren.

Das Headset macht Kopfschmerzen, das Herumärgern mit der Mistkrücke und wieder steht Essen an… mir wird schlecht, essen, fressen, mampfen, stopfen… und vor allem: Wieder raus aus dem Bett!

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14. Juli 2019,Sonntag „Wohin mit mir? ?“

16:26

Nicht zu gebrauchen. STRAFE, ALLES SCHREIT NACH STRAFEN!!!!

Gewacalm aber scheint mit ein Grund zu sein, für meinen aktuell desolaten Zustand. Abends zwei Temester, ärztlich verordnetet, der Anfang der Katastrophe. Aber dann noch eigenmächtig im Geheimen zu weiterem Diazepam zu greifen, wohl oder übel mein eigenes Problem. Bewegungsunfähig.Nichts und wieder nichts! Wäre ich zuhause, nicht unter Beobachtung, zuhause, ganz allein, mit mir allein, diesen Zuständen ausgesetzt, das Bedürfnis, sicherheitshalber wieder Rasierklingen zu bestellen, bekäme hundertprozentig eine patente Grundlage serviert! Minimum zwei oder drei nagelneue Werkzeuge müssten dran glauben und ich aller Welt, im Stillen und Geheimen, mir selbst beweisen: „WIESO?! DA ist doch Blut!!! Da ist sogar jede Menge Blut!!!“. Mich zur Strafe und Unfähigkeit, mit der Verzweiflung umzugehen, ausbluten lassen. melken wie eine alte,ausgehungerte, ausgelutschte ausgelaugte Kuh. Permanent mit der Überzeugung belastet, ausgelastet, der gesamten Menschheit, meiner Umwelt einen großen Gefallen zu tun und ENDLICH den viel zitierten Suizid durchzuziehen! Schluss zu machen! Das ist kein Leben!

Ich kann nicht lesen. Ich kann nicht tippen. Das Diktierprogramm produziert einen Fehler nach dem anderen. Auf nichts ist Verlass und wieder wartet man drauf, dass die Tür aufgeht und es SCHON WIEDER heißt: ESSEN!!! Mir ist schlecht!!! Spüre ich tatsächlich keine Nebenwirkung der Immunglobuline? Oder sind diese psychischen Kapriolen bereits ein Bestandteil dessen? Stand da nicht irgendetwas von Depressionen? Alles wird mir zu viel, alles und in mir drinnen eine werbefreie Übertragung von Erinnerungen aus dem Jahre Schnee. Wie soll ich den Text korrigieren, wenn ich ihn nicht lesen kann? Dabei will alles an mir einschlafen, stante pede. Sebastians Anruf nicht mitbekommen, seine Ankunft nicht realisiert und selbst als er neben mir stand und wir uns bereits unterhielten, bin ich doch tatsächlich mehrfach für Sekunden erneut weggetreten. Ich fühle mich schlecht, schuldig. Ich sehe mich nonstop damit konfrontiert, was vor ein paar Jahren noch ging, sozusagen, was alles möglich war… und dabei geht es nicht um hochakrobatische Kunststücke, es geht doch nur um Banalitäten, Lächerlichkeiten, auf dem Bett liegen und zum Beispiel mit dem Notebook Tagebuch tippen, oder den Zeichenblock auf den Bauch gelegt, ein paar belanglose Kritzeleien, einfach mal eben so… ABER NEIN, NICHTS UND WIEDER NICHTS!!!!!!!!!!!!!!!!!!!

21:06
Ich buchstabiere diese vier Zahlen. Und vermag doch nicht zu erkennen, ob sie richtig oder falsch geschrieben wurden.
Ich hatte mindestens zwei Nervenzusammenbrüche.Ich wäre mindestens noch einmal fast umgefallen. Auch diese Situation endete in Selbstbeschimpfung, Selbsthass Selbstmordandrohungen mir gegenüber und sehr viel Hass, Hass, Hass !! Und Tränen… Die Schwestern versuchten mich zu trösten, vorrangig eine von ihnen, Streichelte mir behutsam über die Schulter und vermittelte mir Verständnis für meine verflixte Situation. Und es tat mir leid! Alles tut mir leid! Wie unmöglich ich mich gebärde. Mir ist alles peinlich. Ich bin peinlich. Das Diktierprogramm spielt erneut nicht mit, meine Kopfschmerzen werden immer heftiger unter dem Headset. Ist doch ohnehin alles umsonst… und im Kopf reicht sich eine Kindheitsänderung mit der nächsten die Hand, alles harmlos belanglos, weit gefehlt von traumatisiernd, und dennoch alles basiert auf dieser beschissenen Angst, dieser existenziellen Panik, die mir jeden Augenblick den Boden unter den Füßen wegzuziehen droht… und dabei eben das Gefühl gewinnen, dass sich dieser Selbstläufer, dieser Prozess, allmählich weiter entwickelt, als sei es nur noch eine Frage der Zeit, ehe das Kind von den belanglosen Erinnerungen zu den kritischen wechselt und mich die ersten RICHTIGEN Flashbacks heimsuchen…

Erinnerungen an Ostern, Weihnachten, Spaziergänge, Geschenke, Spiele, stille Momente einsam und allein… Mannigfaltig und bunt gemischt!! Gepaart mit einer Atemlosigkeit!!! Alles schreit nach: „Wann geht die nächste Absenz los? Wann trete ich weg? Verliere das Bewusstsein? Verliere ich???“. Immer mehr Erinnerungen mit meiner Cousine, immer detaillierter, als würde ich noch einmal eine Rückschau wie im Fernsehen machen können… Mir wird schlecht. Keine Zeile, kein einziges Wort wirklich erkennen können. Wie soll ich dann diesen Mist korrigieren??? Mein Schädel platzt gleich unter dem Headset!!! Und ich sehe mich mit dem Puppenwagen und den neuen Porzellanpuppen zu Ostern unten bei Novottny herumfahren. Ich weiß, wie es riecht, kenne den Lichteinfall und weiß ganz genau was und weiß ganz genau, welche Vöel singen…

13. Juli 2019, Samstag “ Zusammenbruch“

Witzig, witzig, ach so witzig!!!

Panikanflüge nochund nöcher. Nicht lästig sein wollen aufstehen, von Unruhe gehetzt, getrieben, und der Angst, es wird nicht besser…

Und dann??? Bumms in Zeitlupe, mich umständlich auf/um den Rollator gewickelt!!

Tat weh, ich weine, vor Verzweiflung, Scham, Angst und Rumpelstilzchen zetert…

VERSCHISSENER DRECKSKRÜPPEL!!! STIRB ENDLICH!!! WANN WIRD ER ENDLICH EUTHANASIERT?? BIST FÜR ALLE EINE ÜBERFLÜSSIGE BELASTUNG!!! FÜR ALLE HIER, FÜR DIE GESAMTE MENSCHHEIT!

Das kam super an. Entschuldigte mich, unaufhörlich. Der Arzt musste antanzen, meine Situationen für unbedenklich einstufen, dass ich mir nichts antue. Der Schwester versprechen, nichts anzustellen. Bekam zu der vor dem Unfall genommenen Temesta noch ne zweite. Was keiner weiß: 2,6mg Hydal + Gewacalm obendrauf geschluckt zu haben. Ich hab Angst…

12. Juli 2019, Freitag „Dritter Tag…“

9:08
Wir sehen, dass wir nicht sehen!…
Trübe Aussichten. Kaum Schlaf. Schnarchgelage, umgesägte Bäume, ein Bett weiter, direkt neben mir die alte Dame mit den Blutgerinnseln im Hirn, fing an zu palavern, zu rufen, unverständliche Hieroglyphen, in die Nacht hinein. Da mischten sich immer wieder weinerliche Laute, Wehklagen unter das Geschnarche der anderen Patientin… Meine Nerven lagen blank!

Und nun? Gefühlt trete ich bereits seit 2 Stunden jeden Augenblick weg. Vor wenigen Sekunden war ich dann ganz kurz wieder im Urlaub mit meiner Familie, Kärnten nehm‘ ich an, irgendein See. Es ist Morgen, Holzboote gestapelt wie auf einem Regal am Ufer, das Gras vom Tau feucht, den markanten Geruch in der Nase.
Einen Moment später steh‘ ich wieder irgendwo auf einer Kinderskipiste. Keine Ahnung, wo man da wieder hingefahren ist. Rieche Frost, schmecke die metallische Note von Eiszapfen, höre Spatzen tschilpen…

Dissoziation, Epilepsie, Hirnschaden?
Lehne ich mich zu weit aus dem Fenster, wenn ich nun wie folgt schlussfolgere?
„Die Übermüding führt DESWEGEN gehäuft zu Absenzen, weil das der traumatisierenden Kernsituation am nächsten kommt? Weil man da z.B. WEGEN und erst recht NACH dem Missbrauch nicht mehr schlafen konnte, jedes noch so winzige Geräusch in der Dunkelheit potentiell eine Gefahr?

Als hätte das Kind in mir die Augen geöffnet, so fühlt es sich augenblicklich an, und lässt mich tief in sich hineinschauen. Die Erinnerungen quellen förmlich aus dem kleinen Wesen, überschwemmen mich komplett. Alles taugt als Trigger!! Wann trete ich weg???

10:09
Visite. „Bei Immunglobulinen dauert es länger, Schlüssel-Schloss-Prinzip… Ein Austausch findet statt…“.

O.k. … Abwarten…
Hinterher, bevor der Arzt entfliehen konnte, brannte mir hier eben entfachte Frage auf der Seele, rief sie ihm hinterher: „Sie als Neurologe… Wenn ich SIE nun frage, IHNEN sage, dass ich, hätte ich eine epileptische Absenz, diese wohl kaum kommentieren könnte währendessen… Würden SIE mir recht geben, ODER?“.
„Ja, das wäre dann keine echte Absenz.“

Ergo: Dissoziation…?“…

Und schon hat ER mich wieder…

ER HAT DIR NICHT DEUTLICH ZUGESTIMMT!!!!!

Meinte nur noch hinterdrein: „Danke vielmals! Damit sollte zumindest für diesen Tag diese interne Debatte abgearbeitet sein!“…

Von wegen!

Plötzlich sehe ich Matchboxautos. Die Augen immer schlechter, die paar Schritte ebenfalls zu viel, vermag nicht mehr zu tippen… Aber die Temperatur taugt nicht als Ausrede.
Sehe erneut eine Kirchenprozession, hinten beim Friedhof, Überschneidungen mit einem Traum über diese Szene, von anno dazumal… Zwischenzustand, neben der Spur. Darauf wartend, jeden Augenblick über den entscheidenden Stolperstein zu purzeln. Und dabei die Buchstaben auf dem Bildschirm nicht erkennen können. Die Infusion hängt, das Diktierprogramm spielt augenblicklich nur halbherzig mit. Alles in und an mir hängt nur noch schlaff runter. Immer wieder zurückgeschleudert werden in irgendeine Situation irgendwann in den 80-Jahren. Exakt der gleiche Lichteinfall. Ich sitze im Wohnzimmer, vermutlich auf dem Boden, unter dem Esstisch, spiele meinen Plastikfiguren, in der Glotze läuft entweder ein Zeichentrickfilm oder meine Mutter bügelt, eine Schmonzette. Ich sehe uns in den Wald gehen, Pilze werden gesucht, ich sehe die Küche, Suppe wird gekocht… „Darf meine Cousine Kathrin vorbeikommen? Bitte?!“. Prompt bin ich im Kindergarten. Was für eine schräge Zeitreise… Drängt ich mir da nicht schon die nächste Weihnachtsfeier auf?!

13:16
Der Physio, ein Bär von einem Mann, tätowiert, erscheint, hört sich meine Scheiße an, erzählt, bis 2010 in Radkersburg gewesen zu sein, das Orthopädiehaus, von dem ich „abhängig bin“, zur genüge, und mitunter „negativ“ zu kennen, wirft einen Blick auf meinen fahrbaren Untersatz und bekommt das Grausen: „Das ganze Fahrgestell ist verzogen! Das rechte Vorderrad steht schräg, ist kurz vorm Abbrechen! Eigentlich dürfte ich dich gar keinen Meter mehr damit fahren lassen!“.Tätigt einen Anruf, anderes Orthopädiehaus, kommt Montag, sieht sich meinen (UN-)Fall an… Mal kucken…

Die Wörter, Buchstaben, Zeilen zerbröseln, pulverisieren vor meinen Augen…

11. Juli 2019, Donnerstag „Zweiter Tag…“

10:48
Ich will gar nicht wissen, was ich auf meine Waage brächte. Mein rechtes Sprunggelenk schön aufgedunsen. Das Diktierprogramm spielt immer noch nicht mit und die Aufnahme von gestern Abend, vor der Klinik, ist, was den Ton betrifft, leider auch nicht zu gebrauchen. Ich habe Kopfschmerzen, schon wieder, immer noch, die Sehstörungen heute scheinbar noch stärker. Diese Zeilen evozieren erneut ein Dejavue. Das Gefühl, wegzutreten, hängt „damokles-mäßig“ über meinem Haupt. Alles, ALLES triggert Erinnerungen, stößt den Erinnerungsprozess an. Früher, immer früher, immer seltsamere Momente, nicht erinnerungswürdig, grad‘ sah ich mich auf ner Kirchenprozession, als von draußen der Stieglitz zum Fenster herein zwitscherte. Weiter, immer weiter, dabei ein Ohnmachtsgefühl, Atemlosigkeit. Mit offenem Munde.

19:51
Mitansehen, wie die „Kinder“ sich um die 86-jährige Mutter sorgen…
Prompt sah ich meine Mutter dort unverständlich stammelnd liegen…
Sah, wie die Tochter sie liebevoll streichelt, zum Abschied küsst…

Mir kamen unkontrolliert die Tränen. Schluckte 2,6mg Morphin. Mich abstellen.
2. Tag Immunglobulininfusion. Die Augen, die Hände werden zusehends schlechter.
Visite: „Wenn man Kortison nicht verträgt, ist das eine Alternative. Kommt deswegen nur selten zum Einsatz, weil sie sehr,sehr teuer ist!“…
Und wenn es nichts bewirkt? Weitere 5 Tage nach kommendem Montag hier bleiben müssen, weil dann doch Kortison herhalten muss?
Immer wieder packen mich kleine Panikattacken von hinten, oder frontal, direkt ins Herz, an den Eingeweiden…

Die Nachtschwester kommt. Sehe ohnehin nichts klar, kann nicht tippen…

10. Juli 2019, Mittwoch „Strike!“

15:56
Es war um 15:20 Uhr. Oder 15:19 Uhr, weiß der Teufel, wann nun genau. Sebastian war zu Besuch, ich begleitete ihn noch nach unten. Jedoch bei der Rückfahrt, nein, eigentlich bereits im Café davor, ich erwähnte einen Onkel und hatte schlagartig wieder dieses Dejavue, und zugleich spürte ich, wie ein Korsett sich vom Bauch aus nach oben hin ausbreitete, meinen Brustkorb zuschnürte, ich durchaus den Eindruck gewann, jetzt würde jemand damit anfangen mich zu würgen!! Ich stand sofort vor einer Absenz!!
Nun, da ich mich von ihm verabschiedet hatte, nach oben fuhr, in einen Lift hinein, zuerst falsch ausstieg, noch einmal hinein und sich dann oben auf der richtigen Station die Türe öffnete, ich Kinder Krach machen hören konnte… Da war es so, als würde sich vor mir, vor meinen Augen ein Vorhang schließen… Derealisation, oder dann eben Depersonalisation, ist mir doch egal!! Ich trat weg. Die Umwelt nur noch wie durch 1000 Schleier wahrnehmen können!! Dachte ich doch schon, irgendwo in irgendwen hinein zu fahren!!! Was habe ich gesehen?? Was war das wieder für eine banale Situation?? Aus einem Traum, einem Film, aus meiner Vergangenheit, Kindheit???
Als mein Geist wieder auftauchte, war ich sprachlos. Hatte keine Worte für diese Situation, also das, was soeben mit mir passiert war, noch für sonst irgendetwas!!! Als hätte ich meine eigene Sprache verlernt!!!

Gezwungen,das Diktierprogramm noch einmal komplett neu aufsetzen! Es versteht kaum ein Wort, das kostet meine Nerven, und sicherlichauch jene meiner Zimmernachbarinnen!!

Kurzfassung: Direkt aus dem Bett heraus, bzw. mit dem Krankenbett hinunter ging es zum MRT. Zurück im Zimmer folgte bald die Visite. Mein Ergebnis: Kapital, kann sich sehen lassen -3 funkelnagelneue Läsionen! Mit Kontrastmittelaufnahme!
Nur deren Lokalisierung passte wohl nicht ganz zu meinen Sehstörungen.
Dem Arzt gestern wohl Angst gemacht, meine Beschreibung davon, wie ich unter Cortison drauf wäre, muss ihn wohl erschreckt haben.
Und was bekomme ich jetzt? Was ganz Neues!!
5 Tage Immunglobuline…

17:25
Nächste Absenz, mitten im Gespräch…

Holy moly…

Sowas gibt’s noch?

6-Bettzimmer, stationäre Aufnahme zwecks MRT. Na, die schmeißen damit ja regelrecht um sich; was musste ich in Graz immer betteln, nach Jahren, dass man mal wieder nachsieht…

Aber die Verbindung ist hier kacke, das Netz bricht immer nach wenigen Minuten zusammen!

Panikattacke hatte ich gleich nachdem feststand, ich bliebe über Nacht…

Wurde eingängig darüber aufgeklärt, so ich mich verletzen sollte, käme ich schnurstracks nach Graz,  in die Psychiatrie…

Ich bin doch nicht doof!

Das Tablet nervt, bessert ständig Worte aus, und ich krieg’s nicht mit.

Der Neurologe meinte, meine Sehstörung rechts sei untypisch??? Man würde normalerweise weiße Kreise sehen.. Auf der Seite der DMSG stand aber was anderes, oder spinn‘ ich jetzt komplett???

„…unregelmäßig verteilte Flecken auf dem wahrgenommenen Bild…“ … Hallo???

Werde ich dann drauf festgenagelt, dass ich sagte : „Wie ein weißer, gelöschter Strich, ein S???“ …

Zudem meinte dieser auch, die Psyche könne sehr viel, aber die Körpertemperatur steigen lassen, das ginge wahrlich nicht.

21:27

Ich fühle mich schlecht! Was hab ich schon wieder gesagt??

Kann nicht tippen, völlig gelähmt u. der scheiß Kasten bessert jedes Wort aus, ins Absurde!!!!!

 

8. Juli 2019, Montag „Und wieder von vorn!“

8:46
60,6 Kilo um 7:00 Uhr. Fett. Denn geschwollen waren meine Füße an und für sich nicht.
Bis gerade eben hätte ich schlafend auf meinen Tisch zusammenbrechen können. Doch dann kamen zwei Telefonate und der Stresspegel in mir moderat angestiegen… Die Hände klimpern schon wieder. Die Warteschleifenmelodie vom Krankenhaus dermaßen beschissen, MIDI lässt grüßen… Wer zum Henker hat sich diesen Titel ausgesucht??? Diese kitschige „Pseudo-Oboe“… Zum Brechen!!
Morgen früh Ambulanz. Alles auf einmal geht ohnehin nicht. Insofern wäre tatsächlich zu überlegen gewesen, da ich das Gilenya ja bereits (ich hoffe ich irre mich nicht) dreimal neu beginnen musste, dafür dreimal einen Tag im Krankenhaus verbracht habe, und nichts ist passiert, es einfach zu Hause zu machen. Das „Risiko“ auf die leichte Schulter zu nehmen, einzugehen.

Flugzeug, Flugzeug, Flugzeug. Tiefflieger. Die nerven sogar hier im Haus! Was habe ich mich abends, nachts noch geärgert, als ich draußen war, mit dem Rollstuhl im Abendrot, diverse Vögel aufnehmen wollte, und diese beschissenen Flugzeuge mir keine einzige Atempause ließen! Mir den wunderschönen Abend vergrätzten???

Man legte ohnehin mehr Augenmerk darauf, dass ich die Sehstörung erwähnt hatte. Hänge ich dann morgen schon wieder am Tropf? Sind meine nächsten zwei Wochen im Arsch? Ödeme medizinisch vorprogrammiert? Meine Visage dem zunehmenden Mond angepasst??? Muss ich gar stationär bleiben??? Mir graut… Und versuche mir selbst weiszumachen: „Ach! So schlimm ist das doch gar nicht! Das geht schon von alleine weg!“. Abwechselnd ein Auge schließen. Das rechte Auge… Teile vom Text fehlen. Als sei dieser mit Tinte auf Papier geschrieben und mit Joghurt bekleckert worden. Nachts mit dem Tablet… Das Lesen schier unmöglich… So wie ich abends beim Filmen auf dem Display, was an und für sich schon schwierig ist, nichts erkennen konnte. Nicht, ob der Vogel, den ich anvisiert hatte, tatsächlich im Bild ist.
Den letzten Rest vom Tee. Da bricht der Himmel auf, Blau quillt hervor. Mir mein Kissen schnappen und es draußen auf den Tisch packen? Ich habe doch gut geschlafen, oder etwa nicht? Träumte von der Schule, träumte von Schulkollegen, die den Busfahrer terrorisierten, der für sie Entschuldigungen, Hausaufgaben schrieb, den sie zwangen, sie „Herr und Meister“ zu nennen. Bis ich im Bus nach vorne marschierte und die frechen Blagen zusammengeschissen hab‘. Ich träumte davon, dass meine Mutter ankam, sie wolle bei irgendeinem Arbeitsamt eine Förderung beantragen, einen Schadensausgleich, weil ich, ihre arme, arme Tochter ja so „beschädigt“ sei, schwerst traumatisiert, und -man höre und staune- sie an allem schuld war, sie mich vernachlässigt hätte.

Die Augenlider werden wieder schwer. Die Augen ohnehin total verklebt. Aber die Butter und der Käse müssen zurück in den Kühlschrank. Ich sehe mich unfähig. Wollte ich nicht Sebastian mittags entgegengehen? Hauptsache das Wetter hält, damit ich vor der Volkshilfe flüchten kann. Bevor ich anfange meinen Anruf zu bereuen… Sollte ich tatsächlich die Augen zumachen. Mein Hals kratzt, als sei ich völlig dehydriert. Oder bekäme Halsschmerzen. Die Party am Restaurant in vollem Gange. Meisen aller Arten, noch und nöcher. Schlafen, einfach nur schlafen, schlafen, schlafen… Und gleich den Rollstuhl nehmen, um den Krempel in den Kühlschrank zu räumen…

Was für eine träge, faule SAU!!!

Ein Anflug von Dejavue liegt wortwörtlich in der Nase. Fühlt sich an, als hätte jemand drauf geschlagen. Ich rieche ganz kurz Eisen. Rauch. Aber dem folgt keine Absenz. Die zweite Fassung vom Video kämpft sich soeben auf die Videoplattform. Noch nicht wissen, ob ich beide Fassungen nebeneinander öffentlich stehen lasse, die erste lösche oder auf PRIVAT stelle. Weil es schade um die schönen Kommentare wäre. Wunderbare Kommentare, wunderbar formuliert… Die Augen fallen zu.

18:53
Mir nicht ganz sicher, ob ich nun nicht sogar mit beiden Augen schlechter sehe, oder ob das mit den Linken normal sein soll. Tatsächlich so, als hätte man mit Füllfeder einen Text geschrieben und irgendein Spaßvogel hätte sich mit einem Tintenlöscher auf dem Dokument ausgetobt.

Grauer Himmel. Der allein bedrückt schon ungemein. Natürlich, bei diesen miesen Lichtbedingungen taucht gerade jetzt der Buntspecht im Sanddorn auf!
In Jennersdorf hat es wohl wieder einen Toten gegeben. Ein Fahrradfahrer, wurde vom Zug erfasst. Unfall oder Suizid, unklar. Sebastian guckte in sein Handy und sagte: „Ah, so hat er ausgesehen!“. Darauf ich: „Wieso? Wo hast du ein Foto entdeckt?“. Er mit lakonischer Stimme: „DEINE Mutter natürlich, auf ihrer Facebookseite, sie hat den Totenzettel geteilt!“. „Warum tut sie das??? Haben diese alten Menschen, die mit dem Internet nicht aufgewachsen sind, kein Gespür dafür, was man im Netz macht oder nicht macht?“, meine ironische Frage hinterdrein. Aber mal im Ernst… WARUM tut sie das??? Sieht sie sich als Dorfchronik??? Muss sie sich ebenfalls krankhaft mit dem Tod beschäftigen??? Sich ihren Eigenen immer wieder vor Augen führen??? Ist es eine narzisstische Lust daran, im Gegensatz zu einem Verstorbenen noch am Leben zu sein??? Ja, mag ja sein, dass sie ihn kannte, die Familie kennt, er gar mit ihr auf der Schule war, gleiches Baujahr… Aber wenn einer meiner Schulkollegen stirbt, ist es das Letzte, was mir in den Sinn käme, seinen Nachruf im Internet zu teilen!!!

Ich hatte versucht den Vormittag zu schlafen. Aber mein Bein krampfte stundenlang. Weiß nicht, warum ich heute so erschlagen bin, hab doch gut geschlafen. Sebastian entgegen zu gehen wurde alsbald verworfen. Sah mich nicht in der Verfassung. Als wieder Conny kam, die jüngste unter den Volkshilfedamen, wurde mir bewusst, warum ich SIE am besten aushalten kann. Warum ich bei Fahrten mit der Rettung weniger mit Panikattacken zu tun habe, ganz im Vergleich zu jenen mit dem Taxi! Jüngere Menschen haben nicht die Angewohnheit, dir ihre Meinung überzustülpen! Sie meinen nicht besser zu wissen, was für dich gut ist oder nicht! Wenn du ihnen sagst, du willst das und das, dann werden sie das so machen, und nicht alles über den Haufen werfen und „Eigeninitiative“ einfließen lassen, über dich drüber fahren, sodass du am Ende das Gefühl haben musst, beinahe missbraucht worden zu sein. Zumindest geht es mir, ging es mir jedes Mal so, wenn ich meine berühmten „Dreimal“ von mir gegeben habe, man möge das bitte unterlassen, ich will das nicht, es ist nicht nötig, und das Gegenüber tut es trotzdem, macht trotzdem weiter…!!!

Also eine kleine Erkenntnis konnte ich gewinnen. Mal sehen, wie lange ich diese abgespeichert halten kann.
Nachdem sie ging, fuhr auch ich hinaus. Nur mittlerweile hatte sich der Himmel total verfinstert, ich kam vielleicht 100 m, dann fing es zu regnen an. Kehrte um, stand aber in der Einfahrt unter dem schützenden Laubdach der ganzen Bäume und sah mir den Regen an. Ließ diesen auf mich wirken. Der Lichteinfall bei diesem verfinsterten Himmel tat ja ohnehin schon das Seine! Wieder wurden Erinnerungen angekurbelt, harmlos, gefühlt aber einem Flashback beinahe gleichwertig! Und dann war da ja noch der Geruch vom Regen, von nasser Erde, dem nassen Asphalt… Ich machte eine kurze und rasante Reise durch meine gesamte Chronik, sah mich beim Laufen genau so wie als kleines Kind unter dem Fliederbusch mit der sterbenden Amsel im Frühlingsregen. Und wieder und wieder und wieder diese eine Fahrt nach Pinkafeld!!!
Der Geruch wurde in meinem Hirn mehr und mehr als Gestank wahrgenommen! Ein erdrückender Gestank! Das Geräusch, das Prasseln des Regens… Ebenso erdrückend!!! Als sei damit etwas „ganz SCHLIMMES“ verknüpft, ein Trauma!!! So wie es Soldaten mit Kriegstraumata geht, wenn sie ein Feuerwerk hören?! Die ganze Situation schien aus dem Ruder zu laufen, zu entgleisen, bzw. meine Gefühle! Ich flüchtete ins Haus, vor meinen Heizstrahler! Wollte mir noch einen Cappuccino machen, schaffte es aber lediglich bis zu meinem Tisch, die Heizdecke auf mein dort bereits liegendes Kissen geparkt, und eingeschlafen. Bis hinten die Tür aufging. Wenige Sekunden später fing mein Bein wieder an zu krampfen. Und krampfte und krampfte und krampfte.

War es das, was ich sagen wollte? Oder versuche ich nur die Zeit nicht ungenutzt verstreichen zu lassen? Der Himmel erdrückt mich! Setzt mich der Termin morgen und dessen Ausgang ebenfalls unter Druck? Oder genügt der Himmel? Wieder Rauschen in mir Erinnerungen vorbei, an Regentage in der Kindheit.

Diesen Satz auszusprechen fällt so schwer, die Worte kommen so schwer über die Lippen und jedes einzelne hinterlässt einen tiefen Stiefelabdruck in meiner Magengrube! Ich sehe mich plötzlich bei irgendwelchen Schulfahrten… Es fühlt sich so unangenehm an, eine Unruhe wird in mir vermeintlich künstlich hochgepeitscht, ich will mich abschießen! Oder sind das schon Entzugserscheinungen, weil ich heute noch kein Morphium konsumiert habe?

19:42
Mich mal eben kurz auf diversen MS-Seiten herumtreiben. Spräche eine beidseitige Ausfallsymptomatik nicht genau GEGEN einen Schub? Aber eine dauerhafte Latenzzeit über fünf Tage wiederum würde das Uhthoff-Phänomen aus dem Rennen werfen… Oder nicht? Zumal es heute kalt ist, gestern Abend schon kühl war? Froh sein, dass es „nur“ die Augen sind? Als ob es dem Rest von mir besser ginge. Was war das gestern für ein Spaziergang?

Ich muss mich irgendwie beschäftigen… Die letzten Aufnahmen katalogisieren…

7. Juli 2019, Sonntag „Gegen die Wand!“

16:36
Morgens lediglich 60 Kilo. Womit habe ich das verdient?
Ironisch gefragt, noch einmal derselbe Text: „Und womit habe ich DAS jetzt verdient?“…

Gestern bei meinem Ausflug dachte ich, im nächsten Projekt davon zu berichten, die Krämpfe gut im Griff zu haben, ihnen nicht mehr so ausgeliefert zu sein. Dann dachte ich, dass das wie so Vieles nach hinten losgehen könnte, genau ins Gegenteil verkehrt würde, sobald „der Teufel an die Wand gemalt worden wäre“. Ebenfalls daran gedacht, mal auszusprechen, seltsamerweise NIEMALS gleichzeitig Krämpfe in beiden Beinen zu haben…
Spätestens nach meiner Heimkehr krampfte das linke Bein wie verrückt.
Es krampfte die letzten beiden Stunden. Wenn nicht sogar länger. Wollte dies gerade diktieren, wenn nicht das Programm und das Mikrofon wieder ihre 5 Minuten gehabt hätten. Alles verzögerte sich. Und von einer Sekunde auf die andere, ohne triftigen Grund, ohne konkreten Auslöser, hört das linke Bein damit auf, schlagartig, als das rechte zu krampfen beginnt!!! Soll das witzig sein?? Bin ich zu dumm, diesem Humor zu folgen??

Vor 1 Stunde etwa 1,3 mg Morphium. Wie wir sehen, hat das bis jetzt nicht geholfen. Also, da gerade eine Tablette auf meinem Tisch lag, weitere 2,6 obendrauf. Ganz sicher auch, um mich ins Land der Gleichgültigkeit zu befördern. Es sah morgens gut aus, richtig gut. Aber vermutlich stand ich beim Zähneputzen zu lang am Waschbecken. Der 35-minütige Spaziergang wurde zur Trauerveranstaltung. Dabei war es vormittags angenehm frisch, hatte abends geregnet. Auch jetzt, Donner, Wetter, Blitz. Mittags war ich noch draußen. „Du brauchst keine Sonnencreme!“, hatte er gesagt. Der Himmel grau. Doch kaum oben am Hügel angekommen, rissen die Wolken auf, die Sonne knallte auf mich herab und ich wusste, jede Minute in dieser Gluthitze wird zu viel sein. Doch bereits auf dem Heimweg, den ich vorzeitig antrat, verdunkelte sich der Himmel erneut. Stand dann noch eine weitere Stunde in der Einfahrt. Es stürmte, es war so angenehm… Ehe der Regen kam. Aber was will ich damit sagen, warum all das festhalten? Worauf will ich hinaus?… Ich hab den Faden verloren…

Während ich da so in der Einfahrt stand, der Lichteinfall seine Spielchen mit mir trieb, wurde ich wieder von einer Erinnerung in die nächste gejagt. In meinem Kopf schien ein Automatismus stattzufinden. Irgendetwas versuchte da diese unterschiedlichen Fetzen in Zusammenhang zu bringen, zu verknüpfen, aufzuzeigen, an welchen Stellen sie sich berühren… Harmlos. Alles harmlos. Vorrangig 1990, 1991, ich demnach 9-11. Bilder aus Zeiten, in denen ich noch mit meiner Cousine spielte. Sie bei mir übernachtete, ich bei ihr, wir beide bei der Oma, und morgens wusste keiner, wer von uns beiden denn jetzt ins Bett gemacht hätte. Ebenfalls Erinnerungen an diese beschissene Fahrt nach Pinkafeld. Schon wieder! Alles in allem vereint in dem Grundgefühl, Panik auszulösen, Angst zu machen, mich umzubringen, obwohl nichts Erschreckendes zu sehen ist!

Was wollte ich noch sagen? Keine Ahnung…
JA! Ich muss doch nur geradeaus schauen, da springt es mir wie eine Faust direkt ins Visier!!
Gerade eben mal erst das rechte und anschließend das linke Auge geschlossen. Das linke Auge allein sieht grundsätzlich schlecht. Aber das Rechte… Beim Betrachten der Zeilen auf dem Bildschirm, ist das ins Hirn projizierte Bild wie mit einem weißen Lackstift im Kreis übermalt! Da fehlen lauter Stellen, als hätte in der Tat ein kleines Kind in mir mit einem dünnen Pinsel dicke, weiße Farbe auf meine rechte Linse geschmiert, darauf herum gemalt. Ja, es macht mir Angst. Morgen in der Neurologie anrufen. Und mir schon zusammengebastelt, was ich sagen muss, um alles am besten an einem Tag erledigen zu können: „Ich habe vor etwa einem Monat oder länger das Gilenya abgesetzt, seit vier Tagen eine Sehstörung und wollte fragen, ob ich einen Termin haben kann, um dann bestenfalls gleich die Ersteinnahme des Medikaments wieder durchzuführen, um nicht mehrmals fahren zu müssen?“. Ist es denn so klar, dass meine neue Ärztin damit einverstanden ist? Ich hab noch jede Menge Fingolimod zu Hause. Außerdem gestern abends erneut 37,9 °C. Absurderweise im anderen Ohr 36,0 °C! Das erkläre mir mal einer!

Auf mein Video bis dato drei Kommentare erhalten. Und allesamt so… Positiv? ICH komme dabei positiv weg? Dabei längst Ideen für Nummer 32!! Wieder etwas „ganz anders machen“, innovativer, lebendiger…?

19:00
Mir das Video erneut zu Gemüte geführt. Einen weiteren gravierenden Fehler entdeckt. Habe ich doch tatsächlich einen Kleiber als Zilpalp tituliert, aber mit der lateinischen Bezeichnung für den Kleiber darunter. Das war jetzt der ausschlaggebende Grund, das Projekt erneut zu exportieren und vermutlich heute Nacht zum zweiten Mal ins Netz zu jagen.
Es hat aufgehört zu regnen, zu blitzen, zu donnern. Der Himmel reißt auf, Blau, reingewaschenes Blau. Auch wenn mich die Stechmücken fressen werden, ich muss noch einmal hinaus, in den Abend, das Abendlicht auf mich wirken lassen. „Kein Wunder bei den Opiaten!“…? „Erst recht nicht bei der ständigen Wiederholung!!“…? Damit die Erklärungen geliefert? Mehrfach das Gefühl, wegzutreten, Dejavue, Flashback. Aber nichts geschieht, geschah. Weitere Erinnerungen, einhergehend mit nur winzigen Veränderungen des Lichteinfalls, nicht einmal bewusst wahrnehmend, registrierend, immer neue und neue ALTE Filmchen im Kopf! Erinnerungen, Situationen, detailliert, schön, und zugleich beklemmend, zerquetschen mich, wollen mich umbringen, gefühlt…!!!

Ich sehe und höre meine beste Freundin Birgit mit ihrem kleinen Fahrrad am Gasthaus vorbei fahren, auf dem Weg zu Oma und Opa, in ihrem Rucksack einen großen Radio mit riesengroßen Batterien, auf volle Lautstärke Roy Black: „Schön ist es auf der Welt zu sein…“. Sie liebt ihn, sie liebt dieses Lied! Kann die Hühner der Nachbarn hören, die Schweine grunzen, Schwalben rufen im Wind, die steile Wiese vor dem Gasthaus eine einzige Blütenpracht, es ist Vormittag, es duftet berauschend.
Ich bin mit Birgit bei deren Großeltern auf dem Bauernhof, oben auf dem Heuboden, wir fangen die kleinen Katzen.
Die Schulferien gehen zu Ende, mit der ganzen Familie wird zu einer Buschenschänke gefahren, in den Sonnenuntergang hinein, man kann den Herbst schon ahnen.
Es ist die letzte Woche in meinem „normalen“ Leben, ehe der große Umbruch stattfindet, erste Augustwoche 1998, Neuropathien, nachts Krämpfe in den Beinen, verschwommen sehen.
Ende zweite Augustwoche 1998: Die Diagnose. Kein Suizid vor noch nach dem 18. Geburtstag, wie geplant. Stattdessen mit dieser Diagnose mein Leben abgeschlachtet. Alle Wege, so überhaupt vorhanden, verbarrikadiert. Auf lange Sicht gesehen für immer und ewig zugeschüttet.
Mit Kolga unterwegs, die ersten Blätter werden gelb.

Meine Hände klimpern. Kopfschmerzen. Das Untergeschoss macht Anstalten, als hätte ich schon wieder einen Pilz, oder zumindest eine Blasenentzündung. Es brennt.

Ich sitze hinter der Garage im farbenprächtigsten Abendrot. Alles, was ich sehe, ist der Tod meiner Mutter. Er ist unausweichlich. Er passiert genau jetzt. In meinem Kopf. Gedankenspirale, Zwangsgedanken, kein Entkommen. Und die Gewissheit: Wenn sie stirbt, sterbe ich auch! Ich weine und weine und weine, ganz allein…
Meine beste Freundin Niggi und ich im Abendrot beim Inlineskaten, 1999.

Meine Augen wie betäubt, vermutlich könnte ich einschlafen. Der Rausch „könnte“ rein theoretisch wunderbar sein. Befriedigend, beruhigend. Aber stattdessen Hoch und Runter!!! Auf Stille folgt Panik!!!

Ich gehe mit meiner Mutter im Abendlicht spazieren, sie erzählt mir Geschichten aus dem Dorf, aus ihrer Kindheit, und wickelt mich in die eine Hälfte ihrer Weste, ich stecke meinen Arm durch den einen Ärmel und so gehen wir in einer Umarmung dem Abend entgegen, über die Bundesstraßenbrücke nach Hause. Ich fühle mich so sicher und geborgen.
Doch dann sitze ich wieder hinter der Garage, weine mir die Augen aus dem Kopf, keiner kommt, keiner tröstet, so werde ich wieder anschließend im Bett liegen und weiter weinen, sie wird weiter sterben, ich werde weiter sterben. Nicht wissend, welche Angst größer ist: Jene vor ihrem Ableben oder vor den unbekannten Monstern unter meinem Bett, in meinem Schrank, draußen vor der Kinderzimmertür im dunklen Schatten, im dunklen Flur???

Schneller klimpern. Ich wollte doch noch rausfahren. Reste vom Cappuccino…

Meine Mutter und ich spazieren über den Friedhof. Es wird dunkel, Kerzen brennen. Irgendein Friedhof; Jennersdorf, Krobothek, Fürstenfeld.
Hinter der Garage, im Licht des glühenden Himmels, brennen kleine Walnussschalen, darin ein bisschen Wachs, winzige Dochte, in der Volksschule gebastelt. Manche davon stehen auf meinem Tierfriedhof. Hier hinter der Garage, so allein, wie der letzte Mensch auf Erden, sieht es aus, wirkt es wie auf einem Friedhof. Die Trauer trägt keinen Namen und die Trauer wird NIEMALS aufhören.

Meine Ohren pulsieren unter dem Headset.

Gestern während meiner Ausfahrt kam mir flüchtig der Gedanke: „Das hier, das alles hier, ist doch wunderschön!“, aber sogleich wurde abgewogen, nachgefragt, bei wem auch immer: „DARF das jetzt schön sein? DARF ich das jetzt genießen? DARF es mir jetzt augenblicklich gut gehen?“…
Meine Emotionen servierten die Antwort: AUS!!! Aus und vorbei!!! Stress, Unruhe, Panik, wie gehetzt, vor der Zeit davon laufen, vor dem, was sie anrichten könnte und mit Sicherheit irgendwann wird, denn irgendwer wird irgendwann sterben, alle werden sterben. Ich bleibe zurück. Allein.

Als Sebastian nachmittags kurz zur Tankstelle fuhr, und für meinen Geschmack viel zu lange nicht zurück kam, verarbeitete ich zwanghaft eine hypothetische Szene im Kopf… „Was wäre wenn?“…
Wenn er nicht kommt und nicht kommt. Wenn stattdessen nach einer Ewigkeit die Polizei klingelt. Wenn ich tatsächlich die Erste bin, die „davon“ erfährt. Wie lange würde es dauern, bis es noch jemand weiß, sich Sorgen macht, trotz Verbots nach mir schauen will, mir die Zeit nimmt, mich umzubringen? Mich dabei erwischt? Wie sollte ich es anstellen? Wo sollte ich mich verstecken? Würde mich irgendjemand unterwegs sehen? Natürlich falle ich auf mit dem dummen Rollstuhl! Wäre die Krücke überhaupt fähig, irgendwo heimlich in einen Waldweg einzubiegen, und dann definitiv so weit hinein, dass man mich von der Straße aus nicht sehen kann??? Mich Familie und Polizei nicht finden können??? Reicht die Zeit, schaffe ich es überhaupt, in die Badewanne zu klettern, die ganzen Tabletten auszudrücken, um mit einer Überdosis abzusaufen????

Panik!!! Dazwischen quetschten sich Affirmationen. Bzw. der gute Wille, mir diese aufzusagen…
Ab jetzt jedes Mal vor Betreten des Hauses, vor Umdrehen des Schlüssels: „Das ist MEIN Haus!!! Hier droht mir keine Gefahr!!! Hier bin ich sicher!!!“.
Im Alltag, im Tagesverlauf: „DAS DARF jetzt schön sein, als schön empfunden werden!!! JETZT gerade ist nämlich ALLES in Ordnung!!! JETZT ist nicht morgen oder übermorgen, wenn, so überhaupt, etwas passieren könnte, mit wem auch immer!!! JETZT ist keiner todkrank, keiner hat Krebs, keiner liegt im Sterben!!! JETZT geht es allen gut, alle leben, Sebastian lebt, Sebastian stirbt nicht, ich sterbe nicht und JETZT DARF ich diesen Moment kurz durchatmen und wahrnehmen!!!“.

Wunschdenken… Den letzten Schluck vom Kaffee, das Kamerastativ schnappen und hastig noch einmal die Straße hoch fahren, während er in der Wanne liegt.

6. Juli 2019, Samstag „Und ich sagte noch…“

16:33
Einer Entwässerungstablette sei Dank -60,1 Kilo um 14:00 Uhr. Ja, ich stand erst um 14:00 Uhr auf. Die Nacht dauerte schlussendlich bis 3. Da kam Sebastian schon wieder nach Hause. Und ich, mit blanken Nerven, da ich soeben mit letzter Kraft alle Eingaben bei YouTube getätigt hatte, nun noch das Unglück, welches ich hochgejagt habe, gesichtet und gleich irgendwo am Anfang einen gravierenden Fehler entdeckt! Das GANZE noch einmal, ernsthaft??? Da hat sich ein „unbenannter Titel“ irgendwo in die überladene Videospur geschmuggelt hat, ich irgendwann mal aus Versehen die Taste T gedrückt oder so, und da das so kurz und unscheinbar ist, fiel es nicht auf. Mir nun den Rest angesehen. Nein, das tue ich mir nicht an, nicht SCHON WIEDER, wie bei den ganzen anderen Projekten, bei denen es gleich zwei Fassungen im Netz gibt!

Als er mich nachts auszog, wusste ich, was beim Anblick meiner Füße zu erwarten wäre. Aufgedunsene Klumpen. Ein Wasserdepot, wenn man so möchte. Darum um 3:00 Uhr noch ein ganzes Furosemid. Es hatte ja genug Zeit, zu wirken, meine Beine lang genug hoch gelagert beim Liegen. Wollte ich nur deswegen nicht aufstehen, weil ich verzweifelt meine Träume sortieren musste? War ich so erschlagen?
Dieses Treffen, um Nachtfalter zu beobachten… Das ganze Vorhaben war in die Hose gegangen! Der berühmte Satz: Hätte HÄTTE nicht geschissen!!
Um 21:00 Uhr war Treffpunkt bei einem Gasthaus in Jennersdorf. Aber wir sahen niemanden. Erst recht nicht Joachim. Nach einer Viertelstunde wollte Sebastian einfach dorthin fahren. Gute Idee… Aber eine genaue Adresse war doch gar nicht bekannt, lediglich zwei Ortsnamen waren erwähnt worden. Und dort fuhren wir dann sicherlich eine halbe Stunde lang in der dunklen Nacht durch irgendwelche verwinkelten Straßen und erwarteten jeden Augenblick aus irgendeinem Maisfeld heraus von wilden Hillbillies überfallen zu werden…
Nun ja. Wenigstens zwei Aufnahmen von der Mondsichel bekam ich, aber ich war schon ziemlich enttäuscht. Zuhause, hinterm Haus den Scheinwerfer angemacht, er fuhr mit seinem anderen Sebastian noch ins Dorf, ich blieb draußen sitzen und wartete meinerseits auf Nachtfalter. Aber es kamen keine. Und das einzige Highlight war eine Fledermaus, die ganz kurz unterm großen Sonnenschirm hindurch geflattert kam. Nicht fragend, warum ich draußen keine Angst habe. Früher war es doch anders. Oder war es früher anders, weil man dann immer im Zelt schlief? Das Zelt wieder wie ein Haus war? Wie ein Kinderzimmer, in einem riesengroßen Haus, in dem jeder unbemerkt zu den schlafenden Kindern marschieren konnte??? Und drum fühlte es sich draußen, direkt am Lagerfeuer im Schlafsack auch immer besser an, mit Blick zum klaren Himmel und den ganzen Sternen? Weil die Natur NICHT die Gefahr ist, nur der Mensch?! Die Natur verstellt sich nicht, sie lügt nicht. Der Mensch sehr wohl. Der Mensch andauernd.

Nach dem Frühstück/Mittagessen stand ich auf und ging ins Haus. Er sagte, er würde jetzt rasenmähen. Ich wies ihn darauf hin, bitte das Telefon eingesteckt zu haben. Es ginge mir nicht gut und wenn ich hinfiele , würde er mich nicht hören. Darauf er: „Dann fällst du eben nicht hin!“.
Wieder war er so schnell mit unserem Zeug in der Küche und wieder zurück, ich kam nicht dazu, ihn zu bitten, mir den beschissenen Ventilator anzuschmeißen. Bis ins Wohnzimmer geschafft, wohl wissend, es ohne den elektrischen Erfrischer nicht aushalten zu können. Wohl wissend, dass ich beim Einschalten immer so meine liebe Not habe. Versuchte es erst mit einem Fuß. Vergeblich. Bückte mich, das Ding kam in Betrieb, richtete mich auf… Und fiel um! Eingefädelt zwischen den beiden Hinterrädern, deren Achsen. Eins der Räder drückte sich angenehm in meine Rippen. Völlig unbeweglich. Aber zumindest der Ventilator auf mich ausgerichtet, blies mir ins Gesicht…
Erst mit dem Telefon versucht. Er hörte es nicht. Dann brüllte ich seinen Namen. Die Nachbarn müssen sich schon sonst was denken! Er hörte mich nicht! Einziger Vorteil: Ich wusste, wie unsere Wiesen beschaffen sind, dass sie eben nicht für einen normalen Rasenmäher taugen, dass dieser beim kleinsten hölzernen Gewächs ausgeht. Und genau diesen Moment wartete ich jetzt. Und der kam, zum Glück schnell genug.

Was gibt es noch festzuhalten? Beim Blick zum Bildschirm alles beim Alten. Unscharf. So ich eine Korrektur durchführen möchte, einzelne Buchstaben nicht erkennen können. Ja ja, das ist NUR die Hitze!
Der Rollstuhl lädt auf. Dies wurde nachts vergessen. Mein Hintern tut schon wieder weh. Meine Haare wären fällig. Keinen Plan, wie der klägliche Rest des Tages genutzt werden soll.