17. Juni 2019, Sonntag „The roof is on fire!“

8:39
Der letzte Rest der Küchenschlacht, über Ohrstöpsel, und synchron das Headset montiert. Es stinkt nach Rauch. Ich habe sogar den Geschmack im Mund. Aschehaufen auf meinem Tisch.

Grauer Himmel, ein bisschen Wind und die große Frage: Regnet es heute?
Der Hals verschleimt. Versuchen, die letzten trockenen Krümel meines Frühstücks mit Tee aus dem Mund zu spülen. Was für ein Desaster!
Mein armer, kleiner Vogelgast putzt sich gerade. Nun sieht es in der Tat so aus, als würde ER doch eine SIE werden. Ich symbolisiere schon wieder… Das Küken ein Synonym für mein inneres Kind, mich als Kind. Genauso kaputt, genauso zerstört. Eine Herangehensweise, bei der ich nicht unverzüglich mit Ekel und Abscheu reagieren KANN! Denn wer würde solch negative Gefühle diesem winzigen Lebewesen gegenüber hegen?! Also eine neue Herangehensweise…

Alles lief schief! Während mein Eiweißbrot im Toaster „gebraten“ wurde, durfte wiederum ich feststellen, kein Netz zu haben. Anruf bei Sebastian: „Du musst hinten am Computer den USB-Stecker ziehen und wieder reinstecken…“.
Aber da komme man mal erst an die Kiste heran! Die Kabel sind doch alle zu kurz, und auch wenn der PC auf einer Rollplatte steht. Mindestens 10 Minuten verplempere ich damit, das falsche Kabel zu ziehen und nicht wieder in seine Buchse gesteckt zu bekommen. Der Stecker für die Stereoanlage verabschiedet sich währenddessen. Alles in allem dauerte es sicherlich 30 Minuten!! 30 Minuten mit dem Kopf unterm Tisch, konnte die Arme doch gar nicht heben, also wie irgendetwas aus- und wieder anstecken? Und mit WELCHER Feinmotorik???

Schlussendlich hatte ich doch das richtige Teil erwischt. Dafür ist die Stereoanlage nicht mehr angesteckt. Der Computer steht nun vor meinen Füßen unterm Tisch quer.
Aber damit hatte sich das Spektakel noch nicht gegessen! Währenddessen hatte sich mein Frühstück in Knäckebrot verwandelt, Röstaromen satt! Versucht, auf meinem Tisch Ordnung zu schaffen, ehe ich esse. Das Stövchen mit meinem Tee drauf stand so perfekt neben dem Stapel Klopapier, dass wiederum dieses Kontakt mit der Kerze bekam, und ehe man sich versah stand alles in Flammen! Mir die Finger verbrannt, das kleine Feuerchen kurzzeitig ratlos und planlos hin und her verfrachtet, dann irgendwie auf meinen Teller verlagert, dort fing dann auch noch die Butter an zu brennen….

Mir reicht’s! Jetzt schon! Dabei hatte ich einige Pläne. Definitiv, mich zu bewegen. Die Temperatur soll heute ja angeblich wieder normal sein. Also meine eigene Temperatur. Es ist auch kühler, angenehmer, und ich sehe mich mit der Frage konfrontiert, ob ich nicht gleich eine Runde gehen sollte oder erst mittags Sebastian entgegen? Mit dem Risiko, dass es dann regnet, ich mich wieder nicht vom Fleck rühre?
Je länger ich hier sitze, desto klarer kristallisieren sich die Verspannungen wieder heraus, Kopfschmerzen… Und der wäre ja noch der Aschehaufen auf meinem Tisch, die Reste vom Klopapier, die glücklicherweise auf dem Stapel mit Darmschmeichlersäckchen gelandet waren.

Von Resi, unsere Nachbarin, hatten wir einen riesengroßen Korb Kirschen geschenkt bekommen. Ich müsste den Korb zurückbringen, könnte in diese Richtung gehen.

Gestern in den Aufnahmen gesehen, dass der Flügel meines kleinen Gastes wohl schon nach dem Sturz versehrt war. Also nach dem ersten Sturz. Es tut mir so leid, so unsagbar leid… Bleibt „ihr“ eine Zukunft in Freiheit verwehrt? Ebenfalls immer noch unklar, was mit ihren Beinen los ist. Auch darüber nachgedacht, ob ich sie -zwecks Annäherung an mein inneres Kind- „Klein-Bibi“ nenne. Oder ihr einen Namen verpasse, den ich gerne meinen Kindern gegeben hätte, den ich gerne gehabt hätte, den ich schöner empfinde als meinen…
Und das ist wahrlich keine Kunst!! Bianca… Was für eine beschissene Bezeichnung!!!
Charlotte, Paula, Johanna… Um es leichter zu machen, mit diesem Kind in Kontakt zu treten, die Sichtweise dieses Kindes zu verändern…

Materialtechnisch bin ich mit dem Film am Endpunkt angekommen, was die Länge betrifft. Noch gar nicht eingebaut Intro und Abspann. Also es fehlen noch zwei Tage, Minimum, die geschnitten werden müssen. Und das wiederum wird Tage fressen; wer weiß, was mir nicht noch alles einfallen wird.

Das schöne Gewicht vom Wochenende hinüber… 60,5 um 7:00 Uhr.
Arg, egal was ich jetzt mache, es wird falsch sein. Und in ein paar Jahren werde ich zurückblicken und mich auch über diese vergeudete Zeit ärgern. „Warum hast du nicht!! Warum bist du nicht!!!“….
Ich kann mich nicht aufraffen, und muss tatenlos zusehen, wie der kleine Piepmatz Trockenübungen an Land macht, für ein Leben in der Luft bestimmt, das er wohl nie haben wird… Die Kopfschmerzen werden stärker…

9:24
Na zumindest diese Frage wird mir abgenommen, wie gnädig! Da der Computer gestern ja sich selbst schlafen gelegt hat, obwohl ich ihn nur dösen lassen wollte, all meine Seiten, meine Programme noch offen, kam es wohl zu einem ordentlichen Zusammenbruch und mein Videoprogramm funktioniert nicht mehr. Kongenial. Und da ich keine Version hier liegen habe, um sie neu zu installieren, ist der Vormittag zumindest das betreffend schon einmal „freigestellt“. Das jetzt endlich der Anreiz, meinen Arsch zu bewegen? Zumal die Sonne schüchtern durch die Wolkendecke blinzelt?
Die Kopfschmerzen werden stärker und stärker…

9:45
Mein Findelkind einmal aus der Schachtel genommen, das Tuch unter ihm entfernt, um es zurück auf den flachen Kartonboden zu setzen…

Nun erst wird die Tragweite der ganzen Katastrophe sichtbar, auch mit Blick auf dessen Bauchseite, die immer noch ganz nackt ist, vom ständigen Liegen…
Der linke Flügel in der Mitte einmal abgeknickt, und wie mir scheint beide Beine gelähmt!
ES TUT MIR SO LEID…

Wieder flennen…

Mir einreden, es wäre nicht bei einem der ganzen Stürze von meinem Schoß, vom Tisch passiert??? Sondern tatsächlich bei jenem aus dem Nest, aus etwa 3 m Höhe, auf die Klinker? Auf den Rücken???

DU BIST SCHULD!!!
DU HAST SIE AUF DEM GEWISSEN!!!
DU BIST EIN MÖRDER!!!

Schwer schlucken…

11:16
Ich will mich aufschlitzen!!! Einmal das ganze Programm bitte!!!
30 Minuten, NICHT EINMAL 30 Minuten war ich draußen mit dem Rollator. Die meiste Zeit ging ohnehin fürs Vogelrestaurant drauf, gebückt stand ich allein eine Ewigkeit vor dem Eimer mit dem Futter. Weil ich für einen Handgriff zehnmal zugreifen muss!
Nun auch noch kurz mit dem Rollstuhl draußen gewesen, das Körbchen zurückgegeben und mich bedankt…
Um mir von einem jungen Hirschkäfer fest in den Finger kneifen zu lassen… Dafür habe ich Aufnahmen bekommen. In mir kollabiert schon wieder etwas. Mein Blutzucker? Die Kopfschmerzen werden stärker und stärker, die Verspannungen im Rücken schmerzhafter und schmerzhafter.
Die kleine Meise ist umgezogen in die große Amazonschachtel. Es sieht grausam aus, wie sich dieses winzige Wesen vorwärtsschleppt, heftig mit den Flügeln schlagend, den linken dabei immer mehr zu brechen scheint. Und nun landet meine kleine „Johanna“ auf der Seite, liegt dort erschöpft und sieht mich an…

Was ich sehe? Was ich zugleich gespiegelt bekomme? MICH SELBST!!!
Wie man eben bei so einem Tier darüber sinniert, ob dieses Leben lebenswert sei, drängt sich mir natürlich auch in meinem Fall exakt die gleiche Frage auf…
Ich sehe, dass alles vorbei ist…
Ich sehe, dass mein Leben verbraucht ist…
Endgültig…
Dass ich so nicht leben kann, will…

Der Blick ist so wach, so lernbegierig, hat doch noch nichts gesehen, schreit nach der großen Freiheit… Aber es bleibt ihr verwehrt…
Was hab ich getan?…
……………
…………
……

.

12:03
PUNKTUM: ICH bin SCHULD!!!
Die Kleine falsch gefüttert! Ganz einfach!

DU RUINIERST IHR DAS LEBEN!!!!

Die scheiß Vitamintropfen für’n Arsch!!!

15:02
ICH BRINGE IHN UM!!!!
ICH HAB IHN UMGEBRACHT!!!!!
Kurz lag die Meise auf dem Rücken, und erst da sah ich das ganze Ausmaß der Katastrophe: Beim wilden Flattern hat sie sich das linke Beinchen regelrecht AUSGERISSEN!!!!
Zeitgleich kanllte ein junger Kleiber gegen das Wohnzimmerfenster; ich musste mich sputen, ehe die Katze die Sache erledigen. Er lag auf dem Klinkerweg, auf der Seite, keuchte mit weitaufgerissenem Schnabel. Ließ sich widerstandslos einfangen, und klammerte sich sofort mit festem Griff an einen meiner Finger. Nach kurzer Zeit konnte ich ihn wieder in die Freiheit entlassen. Und mein Findelkind kämpft weiter…
ALLES FALSCH GEMACHT, DIE GESAMTE FÜTTERUNG??!!!
Sebastian meinte, das mit den Beinen hätte er schon seit wir ihn gefunden haben…
Aber nicht, dass eines davon jetzt blutig ausgerissen unter dem kleinen Federknäuel hängt!!! Dass die Knochen brechen!!!

Aber wen fragt man hier? Wer kann helfen? Wer weiß Rat? KEIN SCHWEIN!!!
Die Schuld abwälzen… Genau…

GENAU!!!!!
FAULE AUSREDE!!!!
MÖRDERIN!!!!!!!!!

Zu 1,3 mg Hydal mittags noch einmal 2,6. Bin nicht allein. Noch nicht. Ich will mich massakrieren. Ich MUSS mich massakrieren. Ich MUSS mich bestrafen. Und kämpfe schon wieder mit den Tränen…

SELBSTMITLEID!!!!!!!!!!!!

15:35
Allein.

Und nun?

16:40
Sie saß noch auf meiner Hand, und flatterte und flatterte und flatterte…
Sie hat noch was gefressen…
Scheinbar vor Schmerzen zwickte sie immer wieder in das Tuch, auf dem sie saß…
Und jetzt liegt sie da, in ihrer Schachtel, ganz ruhig und atmet SO langsam…
Es geht zu Ende…
Jetzt öffnet sie sogar noch einmal die Augen…
16:44… AUS!…

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16. Juni 2019, Sonntag „Alles falsch!“

12:00
59,8 Kilo ohne Entwässerung gestern. Alles falsch machen! Alles!
Wieder träumte ich in irgendeiner Form von Missbrauch. Wieder habe ich genau diesen Teil vergessen. Aber erinnern konnte ich mich daran, in der letzten Stunde Schlaf davon geträumt zu haben, 75 °C Fieber zu haben.
Der Gang ins Bad eine Katastrophe, der Gang zurück ins Wohnzimmer eine Katastrophe, zum Thermometer gegriffen… Und zumindest „DAFÜR“ eine kausale Erklärung bekommen: 38 °C!
Abends hätte ich das erwartet. Als ich einen Koller bekam, einen ebensolchen, wie ich ihn letztes Jahr in einer meiner Videos beschrieben habe. Aber die Temperatur soll angeblich normal gewesen sein, meine Stirn war auch eiskalt, ALLES an mir war eiskalt, schweißgetränkt… Bis auf meine Hände, die normalerweise immer klamm halbtot und eiskalt irgendwo an mir dran hängen, und den Heizstrahlerbetrieb über das ganze Jahr rechtfertigen. Nein! Die waren jetzt kochend heiß!
Ein Gemisch aus heftigen Verspannungskopfschmerzen, weil ich den ganzen Tag mehr oder minder unbeweglich am Computer saß, die Rückenschmerzen, die Kopfschmerzen immer schlimmer wurden, und nichts gegessen. Die paar Kirschen, das Wassereis… Machte es wohl alles nur noch schlimmer. Einerseits ein heftiger Blutzuckercrash… Und dazu diese Hitze! Eine Ewigkeit saß ich vor meinem Salat abends, unfähig, zu essen. Fühlte mich eher nach Übergeben. Zusammenbrechen. Die Kopfschmerzen waren allumfassend. Dementsprechend ging ich lieber ins Bett, dort war es wenigstens einigermaßen kühl. Um zuvor noch Gesicht und Hände unter eiskaltem Wasser abzukühlen; genau wie letztes Jahr beschrieben.

Der kleine Wicht ist wieder munterer, flattert wie ein Irrer, scheint keine Schmerzen zu haben! Hinaus zu fahren keine Option. Obwohl es draußen vermutlich im Schatten angenehmer wäre als hier in dieser Backstube. Vor wenigen Minuten als ich nach dem „Frühstück“ mit seiner Hilfe aufstand angepinkelt.
Wieder sagt mir eine Stimme, ich mache mich in der Infektiologie zum Deppen! Dass das von einer Blasenentzündung käme! Also das erneute „Fieber“. Nun meine ich mich zu erinnern, dass ich im Traum ein angegriffenes Herz gehabt hätte. Der Internist, dessen Termin nächste Woche ansteht, hätte dies herausgefunden.
Ich bin so erschlagen. Aber weiß genau, ich darf hier nicht zu lange in der nassen Einlage sitzen. Muss sie schnellstmöglich wechseln, sonst verschärfe ich noch zusätzlich DIESES Kriegsgebiet.
Na? Wie lange wird es heute dauern, ehe ich wieder solche Kopfschmerzen und Verspannungen ernte?

Kurz bin ich irritiert, warum ein Herz plötzlich so rast. So dumm! Gerade eben erst doch das Betmiga geschluckt…
Ich möchte doch nicht mehr als konzentriert am Video arbeiten, an den ganzen Animationen, jetzt, wo ich das Programm einigermaßen verstanden habe…

15. Juni 2019, Samstag „Die Katastrophe nimmt ihren Lauf…“

12:05
Ich wollte mich freuen, den Tag triumphierend, recht spät, beginnen. Dass mehrere Tage hintereinander mit Entwässerungstabletten mich wieder in ansatzweise „sichere Gewässer“ fahren haben lassen… 59,7 Kilo um ca. 10:00 Uhr. Missbrauchsträume, Flucht vor dem Täter, Versuche, dem Täter auf jeden Fall aus dem Weg zu gehen. Davon, nicht mehr sehen zu können. Keine Luft mehr zu bekommen.
Aufstehen und im Wohnzimmer meinen kleinen Freund piepsen hören. Erst mal beruhigt.
Böhmermann zum Frühstück und alles noch gut, Pläne, gleich anschließend spazieren zu gehen. Arsch hochkriegen.

Aber dann das… Sebastian ist es nicht aufgefallen, mir aber sofort, als ich den kleinen Wicht vor mir auf dem Handtuchnest sitzen sehe…
Und brach unverwandt in Tränen aus. Wie bei der Sitzung. Zum Kind mutieren. „Der Flügel ist gebrochen!…“, stammeln. Sebastian wie ein liebevoller Papa, den ich nie hatte (zumindest kann ich mich daran nicht erinnern, er war ja nie da, ein Kriegsendekind, geschädigt von traumatisierten Eltern, scheinbar gefühlskalt): „Damit war ja zu rechnen, muss jederzeit zu rechnen sein, leider… Ach, Süße…“.
Und der Kleine? Flatterte weiter und weiter… Als hätte er keine Schmerzen! Nun sind da nicht nur die Beine, die mir Sorgen machen, weil er sie seit einer Woche nicht mehr einsetzt, nun auch noch der Flügel, sein kleiner, zierlicher Kinderflügel… Es tut mir so leid.
Wie wiederum DIE Kleine, die mit der sterbenden Babyamsel in der Hand im Frühling unterm Flieder saß, zarter Mairegen, und mit dem Vogel stirbt EIN Kind, stirbt DAS Kind im Kind…

Aber er frisst. Seit gestern Abend nimmt er sich die Sachen sogar schon selbst mit dem Schnabel vom Stäbchen.

Was dieses winzige Tier mit mir macht… Mich schlecht fühlen, weil ich von dieser Achterbahnfahrt „profitieren“ möchte, das „fragwürdig Gute“ darin herauskehren, für mich unterstreichen, den Kontakt zu mir als Kind wiederherstellen zu können…

Ihn einzuwickeln, wie eine Mumie, hielt nur für wenige Minuten. Dann hatte er sich wieder freigestrampelt. Nun liegt er dick verpackt in unterschiedliche Tücher in einer kleinen Schachtel. Und hat Hunger.
Mein Tag scheint sich gegessen zu haben. Obwohl ich erst gestern Abend, als ich den Sonnenuntergang, den Mondaufgang beobachtete, so viele Gedanken im Kopf hatte. Was ich alles verloren habe, weil ich es einfach nur nicht umsetzen… wollte? Potenzial verschwendet? Alles über mich kommen lassen, die ganzen Behinderungen? Anstatt WIRKLICH dagegen aufzustehen? Laufen und Malen. Und dazwischen nichts. Kein Spaziergang. Kein Training. NICHTS.

Und gleich der nächste Gedanke, als ich ihn da mit seinem versehrten Flügel sah: „Wenn er stirbt, schlitz ich mich auf! Jetzt sollte ich mich abschießen! Ist doch eh alles kaputt, fürn Arsch!!!“.

Achterbahnfahrt…

13. Juni 2019, Donnerstag „Aufruhr…“

8:38
60,5 Kilo um 6:45 Uhr.
Jetzt, jetzt endlich, kristallisiert sich heraus, dass es der Ischias ist, der seit Tagen das Sitzen erschwert. Immer noch Kopfschmerzen, aber die Temperatur läge angeblich bei 37 °C.

Martina kommt um 10, ein 4-Stunden-Block. Mir fallen so viele Sachen ein, die endlich gemacht werden müssten. Ob sich das alles ausgeht?

Was war gestern mit mir geschehen? Der kleine Wicht wirkte so matt. Es war auch unangenehm, erschlagend warm. Und ist mir da nicht nach einer Stunde Sitzung die Schachtel mit unserem Findelkind runter gefallen??? Hätte nur die andere Seite sein müssen, und er wäre der Katze vor die Pfoten geplumpst!!!
Markus wusste gar nicht, wie ihm geschieht… Ich brach in Tränen aus und lautes Schluchzen!!!
Dass sich meine Tollpatschigkeit noch einmal für die Therapie förderlich zeigen würde…
Ein emotionaler Aufstand erfasste meine kaputte Seele, meinen schrottreifen Körper und schüttelte diesen einmal kräftig durch!!! Es ging jetzt nicht mehr NUR um den Vogel, es ging um das Kind, das er symbolisierte, das innere Kind, ich als Kind… Plötzlich war da nicht mehr die Rede davon, das ist eine dreckige Schlampe, ein durchtriebenes Miststück, an allem selber schuld, obwohl immer noch unklar, WELCHER Natur diese Schuld sein sollte! Ich sah das nackte, bloße Kind, von hinten. Und die Gefahr, die ihm auf die Pelle rückt. Unerträglich!!!

Mehrfach trat ich oberflächlich weg. Musste mehrfach nachfragen: „Was hast du gerade gesagt? Worüber reden wir jetzt? Was wollte ich sagen?“. Die Weidensamen, die da unentwegt hypnotisch durch die Luft schwebten,…

Wieder so eine Myoklonie. Und der Vogel fing an zu schreien und ich so kurz vor der nächsten Absenz!
Ich wollte sagen, sie schwebten hypnotisch durch die Luft, ließen alles noch surrealer erscheinen, als sei die Realität bereits ein Traumzustand. Und jedes Mal wenn es schwierig wurde, wenn es an die Substanz ging, wurde in meinem Denkprozessor ein Schalter umgelegt, wie ein Überhitzungsschutz, ein großer Hebel im Sicherungskasten… Und alles, wonach ich noch in mir greifen konnte, war Leere, Watte. Alle Schubladen leer, ausgeräumt, einfach nur NICHTS. Stammeln.
Eine intensive, schwierige und zugleich gute Sitzung, wie schon lange nicht mehr. Aber was davon kann ich festhalten? Welche Erkenntnisse gewinne ich daraus? Wenn doch alles in meinem Kopf nur ein kurzes Gastspiel genießt? Von kurzer Lebensdauer?

Mir bereits jetzt Hydal reinpfeifen. Na immerhin nachts hatte ich keine genommen, und eine geraume Zeit mit Krämpfen zu tun gehabt. Aber ich brauche jetzt den Vorschlaghammer, um wenigstens ein bisschen arbeiten zu können, ehe sie in einer Stunde kommt, und damit ich bestenfalls ENDLICH meinen Arsch hochkriege, um wenigstens ein paar Schritte zu tun!!! Augenblicklich ist das ein einziges Dahinsiechen, das mitunter die Schmerzen in Form von Verspannungen natürlich noch mehr triggert…

12. Juni 2019, Mittwoch „Außer Haus!“

8:40
60,2 Kilo um 6:45 Uhr. Verdammt, ich müsste JETZT rausfahren. JETZT meinen Arsch bewegen, ehe wieder alles zu spät ist, ehe ich in 38 °C versinke.
Aber ich bleibe sitzen, arbeite weiter am Video… So bescheuert!
Vitamintropfen auf das Wasser-Mehlwurm-Ei-Gemisch. Der Kleine ist nicht satt zu bekommen. Mir gestern noch einmal die Bilder angesehen, die ersten von ihm. „Wie schnell die Kinder doch erwachsen werden“! Jetzt hat er schon richtiges Gefieder, kaum noch nackte Stellen. Jetzt kann auch der Laie erkennen, dass es eine Kohlmeise wird. Was mir von vornherein klar war, beim Ansatz der zu entstehenden Bauchfedern. Es hat etwas „Unwirkliches“, wie dieses winzige Leben da vor mir auf dem Tisch in einer Handtuchfalte schlummert. Allein dieser Anblick genügt, um Derealisationen auszulösen. Oder waren diese schon vorher da, wirkt deswegen so surreal?

Gestern insgesamt fünf Mal weggetreten! Das letzte Mal in Sebastians Beisein, aber ihm ist nichts aufgefallen, hat sich nicht gewundert, dass ich auf seine Frage nicht geantwortet habe. Und als ich dann antworten wollte, minutenlang nach Worten suchte. Ich konnte nicht einmal benennen, was gerade mit mir passiert sei, „Wortfindungsstörung“.

Gut geschlafen, „ausgeschlafen“. Dennoch in einem Dauerdejavue gefangen. Meine Träume werden abgeglichen mit dem Hier und Jetzt. Wieder zweifle ich daran, dass es sich um dissoziative Absenzen handeln soll.

Auf einmal erschrecken! Ich habe die Sitzung mit Markus vergessen, Sebastian ebenso, kein Tablet! Was ist nur mit mir los in letzter Zeit???

19:50
Es gäbe so viel zu erzählen, von der Sitzung heute. Von dem, was passiert ist. Was immer noch passiert.
Einen großen Teil darf ich nicht sagen. Und gerade jetzt, da ich mir doch gerade eben erst die Brille wieder sauber geputzt habe, ist mir wieder nach Weinen.
Und los geht’s…
Unabhängig von all dem, das sich heute zugetragen hat, was für Erkenntnisse sich aufgetan haben, um vermutlich lediglich von mir erneut vergessen zu werden… Der kleine Wicht… Ich sehe ihn sterben!!!
Denn wie ich schon so oft sagte: „Ein kleiner Tod im Abendrot“! Irgendetwas stimmt mit ihm nicht. Sind seine Beine gebrochen? Bin ich schuld? Weil er mir doch runter gefallen ist, mehrfach? Oder vom ersten Sturz vom Dach, noch völlig nackt???
Jetzt, im Augenblick, gebe ich mir die Schuld!!! Und JA, er IST das Sinnbild für mein inneres Kind, mich als Kind!!! Für den Tod, den ich selbst schon erleiden musste, weswegen ich mich seit 32 Jahren tot fühle!!! Weil die Gefahr eben „von hinten“ kam, ein Kind doch völlig unbedarft in die Welt hinaus geht, nichts Böses ahnend… Wie kann denn die Gefahr gerade von dort herrühren, wo man doch die meiste Unterstützung erwarten würde??? Wie die Schnecke, hinten keine Augen, ausgeliefert… Und der Schaden, der da „hinter meinem Rücken“ angerichtet wurde, der entzieht sich mir bis heute. Ich weiß nicht wie groß das Loch an meinem Schneckenhaus ist, weiß nicht, wann ich sterben muss, wann ich sterben werde, wann ich mich umbringe. Sollten die Menschen, die direkt hinter einem stehen, nicht eigentlich stützend die Hände aufhalten, wenn man bei den ersten Schritten umfällt??? Dich auffangen??? Einen beschützen, wenn von vorne Gefahr droht???
Wer rechnet denn damit, dass in der Konstellation das Messer genau aus DER Richtung kommt, die einen ins Leben hinaus sendet???

10. Juni 2019, Montag „Keine Chancen…“

19:06

Alles weg! Mein ganzer Eintrag! Ameisen klettern auf meinen Beinen herum, der kleine Wicht, um den es hauptsächlich ging, schreit sich die Seele aus dem Leib! Zuerst konnte ich nicht auf mein Tagebuch, auf den Datenbunker zugreifen. Dann hat WordPress nicht funktioniert. Und in dem ganzen Chaos ist dann die Zwischenablage von mir höchstpersönlich „ersetzt“ worden, durch eine andere Zwischenablage, der Computer wurde neu gestartet, und und und…

Draußen ist es so heiß! Verzweifelt versuchen eine Mehlmotte aufzuspießen…

11. Juni 2019, Dienstag „Alles auf Anfang…“

8:34
Mein Findelkind schreit sich die Seele aus dem Leib; angeheizt von meiner Stimme beim Diktieren.
Mir ist nicht gut, gar nicht… Verärgert, wieder meinen Traum vergessen zu haben… Die Schulterpartie der Inbegriff einer Verspannung, profundes Schmerzmaterial für den Kopf, der an diesem noch jungen Tag die Vorstufe zur Hölle bereits überschritten hat. Noch bin ich irgendwie betäubt. Aber auch nur irgendwie.
60,3 Kilo. Entwässerungstablette. Nach dieser kann ich mein Gesicht besser ertragen.
Der Inbegriff einer Kalkleiste… Was habe ich schon gesagt, was verschwiegen, was gar zu oft thematisiert, in dem guten Glauben, eine brandneue Erkenntnis gewonnen zu haben?

Wo ist vorne, wo hinten?
Nach einem kleinen Streit, von dem ER meinte, „das sei ja wieder mal klar, dass ich das monieren würde“, und wiederum ICH „zu beanstanden hatte, dass ich genau auf diese Reaktion gewartet hätte“, weil ich ihn fragte, ob er „dieses oder jenes“ bereits erledigt oder bedacht hätte, und er zurück bellte, dass er sich gerade eben erst hingesetzt und schon darauf gewartet hätte, dass ich just in DEM Moment um die Ecke biege und ihn beim „vermeintlichen Faulenzen ertappe“… Ach herrje!!!
Er ist mittlerweile so empfindlich… Oder schlicht und ergreifend überfordert?
Ich fühlte mich sehr allein. Und wusste, dass er nach 5 Minuten wieder so tun würde, als sei nie etwas passiert. An manchen Stellen mangelt es ihm total an Selbstkritik, und egal, wie und wo und wann man die Dinge anspricht, es ist falsch.

Eine doppelte Dosis Tramal. Schön zugedröhnt. Als ob ICH mich in dieser Position, dieser Situation als nerviger Bittsteller wohlfühlen würde!
Worüber ich wahrlich froh sein kann, dass zumindest HEUTE keine Invasion droht. Abends schaffte ich tatsächlich wieder 38,1 °C. Wie auch immer.
Es wird ein schöner Tag. Dezent Zahnschmerzen. „Aber da sei nichts“, so meine Zahnärztin zuletzt. Wer weiß, wie sehr ich mir mein Gebiss seit dem schon wieder ruiniert habe. Wo ist das Aspirin, das hier noch gestern herumlag? Ob ich ihm mittags entgegengehe? Notdürftig ein paar Dehnungsübungen machen. Es knirscht, es kracht im Gebälk. Wieder konnte ich nicht einschlafen, besessen davon, eine Seite nach der anderen in dem Buch zu lesen. Um 2:00 Uhr nachts musste ich dann noch etwas googeln, „weißer Hautkrebs“. Um anschließend eben nicht beruhigter einschlafen zu können.
Eigentlich, so gesehen, habe ich gar nichts zu sagen. Genauso gut hätte ich am Video weiter arbeiten können und dabei meinen Tee trinken. Mein Schädel fühlt sich erneut heiß an. Aus einem halbierten Frotteegeschirrtuch einen fragwürdig kuscheligen Ring gebildet, darunter Küchenrolle, ein paar Blätter, und darauf in die Mitte mein Ersatzkind gesetzt. Augenblicklich, so von der Seite, erinnerte er mich an meine Oma. Das Thermometer sagt, immer noch alles in Ordnung. Mit 37,2, mehr oder minder. Der Abend gestern war ruhiger. Es war auch schon dunkel im Raum, und ich hatte mir den kleinen Schreiwicht auf den Bauch gelegt, wo er unverzüglich einschlief. Knuffig, wie er seine Dehnungsübungen macht.
Gefühlt erneut unter Zeitdruck. Jetzt wäre es draußen wohl noch auszuhalten. Der morgige Vormittag ohnehin „verschissen“. Die Sitzung mit leichten Magenschmerzen betrachten. Er sagt so viel Kluges, und dann zwischendrin immer wieder so absurde, absonderliche Sachen, die mich an seiner Professionalität zweifeln lassen. Vertrauen? Vor ein paar Nächten in meinem Traum kam er wieder gut weg, trotz aller Vorbehalte.
Wie festzementiert fühle ich mich, hier im Rollstuhl, genau in diesem Augenblick. Vermutlich weil mein Körper nach Schlaf schreit. Aber mein Gewissen diesen nicht gewährt. Unfähig, auch nur einen winzigen Schritt, wenn auch nur in Gedanken, zu tun. Wieder hatte ich darüber nachgedacht, die Leinwand so unfertig wie sie ist abzuschließen. Sonst bleibt sie wieder liegen bis zum Winter. So ich dann überhaupt noch malen kann.

9:52
Aufs Klo, mit dem Rollstuhl. Alles an mir ist spastisch, ist verkrampft. Meine Beine, meine Hände, BEIDE. Sozusagen mit zwei Fäusten Hände waschen… Dilettantisch!
60 Kilo.
Zurück die Heizdecke auf die Schultern legen. Das Gesicht kalt zu waschen diente nur kurz als Abkühlung. Jetzt heizt die Birne wieder . Das Telefon klingelt, ich kenne die Nummer nicht, lasse meinen unfreundlichen Anrufbeantworter die Arbeit übernehmen. Vermutlich wieder das Orthopädiegeschäft. Vermutlich weil sie immer noch nicht die Verordnung bekommen haben! Mutmaße ich jetzt einfach mal ganz böswillig…
Und so wird es 10:00 Uhr, noch nichts geschafft. Nicht einmal Zähne geputzt, nicht einmal die blutgetränkte Hose von gestern in die Waschmaschine zu werfen. NADA!!!

Thermometer… Endlich gibt es mir recht! Vermutlich messe ich so oft, bis mir das Ergebnis passt!…
37,9 °C!
Das Videoprojekt geöffnet, doch keinen Plan, was ich machen soll, wie ich es machen soll… Mein Schädel scheint in sich zu kochen. Aber wenn ich dann an meine Eltern denke, was ich ihnen antue, mit meiner erneuten „Kontaktsperre“, erscheint dies nur ein kleiner Preis für meine Grausamkeiten zu sein!
Da muss ich an das aktuelle Buch denken, da sitzt sie als erwachsene Frau vor Gericht, weiß, dass ihr Vater all ihre Schwestern brutal missbraucht hat, sogar ihre kleine fünfjährige Nichte, von der er nicht Halt gemacht hat, weiß ganz genau, was er mit IHR getrieben hat in ihrer Kindheit, und dennoch wagt sie nicht, ihm in die Augen zu sehen, fühlt sich schuldig, möchte, dass alles ungeschehen gemacht wird, alles rückgängig, alles wieder „normal“ sei!!

Wenn nicht einmal SIE es schafft, was soll ich dann sagen mit meinen lächerlichen emotionalen Verfehlungen, die ich aufzählen könnte, für die mich jeder auslachen würde???
Diesen Satz diktiert, plötzlich wieder das Gefühl in der Nase, DIESES Gefühl in der Nase, als hätte mir jemand draufgehauen, als würde ich Blut riechen, zugleich Rauch… Nur in diesem Fall trete ich nicht weg.
Vielleicht für eine Hundertstelsekunde leicht abdriften, und noch viel mehr, als ich „Nur in diesem Fall…“ diktiere.

15:39
Verhältnismäßig kurz draußen, dennoch hat der kleine Ausflug, bei dem ich nicht weiter kam als unsere Einfahrt runter, seine Folgen. Es waren davor 38,1, nach dem sporadischen Mittagessen 37,7 und jetzt 38 °C. Als vermöge sich der Körper nicht auf die Temperatur einzustellen, mir läuft Schleim im Hals hinunter, Wasser aus der Nase.
Und wieder und wieder und IMMER WIEDER DIESELBE Frage stellen!!! Liegt es an der Müdigkeit, der allgemeinen Erschöpfung? Oder befinde ich mich genau in dieser Verfassung, wie aus früher Kindheit bekannt, in einem verstärkten Panikzustand, unausgeschlafen, weil die Nacht ein Albtraum war???
Schon als ich langsam die Einfahrt runter rollte, packten mich mehrfach Gerüche und Geräusche, immer wieder für wenige Sekunden, und es machte den Eindruck, als würde ich im nächsten Augenblick dissoziieren. Aber knapp daneben ist auch vorbei. Als es dann erneut BEINAHE knallte, hatte ich dieses Gefühl noch an einer dünnen Schnur. Und der nächste Reiz riss mich wieder mit sich!!!
15:23 Uhr bis 15:25 Uhr… Ein Geräusch, das ich zuvor sehen konnte, war definitiv das Geschrei von unserem Findelkind. Doch davor? Der Traktor, die Meiseneltern am Vogelhäuschen? Irgendetwas reihte sich in eine Melodie, die mir so wohl vertraut war, nur noch das Echo von etwas zu sein schien, das ich seit Kindertagen kennen muss! Was habe ich gesehen? Dass es dunkel wird. Schlussendlich habe ich ja auch meine Augen geschlossen, ehe diese Melodie zu einer Art Stoßgebet wurde, in meinem Kopf, und ich wiederholte sie und wiederholte sie, hoch und runter, als versuche ich selbst mich in Trance zu versetzen, einzulullen, wegzuschalten!!! Und dann sah ich mich wieder den Dachboden hoch steigen, im Gasthaus.

Um dabei meine Mutter in meinem Kopf protestieren zu hören: „Es IST KEIN Gasthaus mehr!“.

Muss ich mich nun wirklich hinlegen? Der Zwerg in meiner Bauchtasche hat unstillbaren Hunger, fängt jedes Mal an aufs Neue zu betteln, wenn er meine Stimme vernimmt.
Erinnerungen, die ich nicht auf dem Schirm hatte, werden nun auf meinem inneren Bildschirm ein- und wieder ausgeblendet. Ob das alles was zu bedeuten hat, oder eben nicht?
Eine grüne Zikade klettert über meinen nackten vernarbten Unterarm. Mein Schädel droht zu platzen. Beide Hände klimpern immer noch bis 4, wie zuvor während dem Ausblenden.
Der Körper will auf den Sofasessel, die Augen fallen zu… Ich kann nicht mehr…

9. Juni 2019, Sonntag „DEINE Mutter!…“

13:31
Zwei Tage Entwässerungstabletten. Meine Unterarme, meine Hände wirken verhältnismäßig feingliedrig! Meine Füße ebenso. Erst mein Gesicht. Wie Tag und Nacht! 60,1 Kilo. Im Traum ging es erneut irgendwie um Missbrauch, um „den Täter“. Aber wie sehr ich auch versuche, das nächtliche Konstrukt wieder herzustellen, zusammenzufügen, es gelingt nicht, und je mehr Zeit verstreicht, desto schlechter. Aufgeben. In der letzten Nacht war es in etwa so: „DER Täter“ sah zu, wie Gäste im Gasthaus sich ebenfalls an mir vergreifen wollten. Und ich trat einem nach dem anderen in die Eier. Darauf sagte er wohl noch zu mir: „So kannst du doch nicht mit unseren Gästen umgehen!“.

Komme mir wieder einmal total bescheuert vor. Seit Tagen dieses Fiebertagebuch führen, und eigentlich kein Fieber einzutragen. Und wieder der Satz, die Angst, mich dann beim Termin in der Infektiologie zum Deppen zu machen. So war ich gestern Abend ein paar Schritte spazieren, es fühlte sich gut an. Sicherlich auch wegen weniger Wasser in den beschissenen Beinen. Und zuvor war ich 45 Minuten unterwegs; lediglich die pralle Sonne hat mir ein wenig das Genick gebrochen.
Morgens war es so lange still, ich konnte weder Sebastian noch den Vogel hören, ich machte mir Sorgen, sah ihn schon tot in seiner Schachtel liegen, und klimperte mehr und mehr und mehr. Wurde schlagartig wach. Insofern hatte ich gar nicht die Zeit, noch die Gedanken, mich um den Traum zu kümmern.

Gestern bei unserem Einkauf, wir ließen noch einmal Sebastians Shoppingtour mit meiner Mutter am Freitagnachmittag Revue passieren. Und er sprach wahre Worte: „Da sieht sie dich nach Wochen mal wieder. Aber anstatt sich darüber zu freuen, sich damit zufrieden zu geben, wirst du von ihr regelrecht überrannt!!! Du gibst ihr den kleinen Finger und sie frisst dich mit Haut und Haar!! Anstatt es zu genießen ERSCHLÄGT sie einen förmlich!!!“.
„Soll ich zu Pfingsten was für euch mit kochen?“
„Ich mache nächste Woche Strudel, möchtet ihr welchen?“
„Der Kirschbaum im Garten geht über, willst du Kirschen haben??“
„Willst du WIRKLICH keinen Strudel???“… Etc. etc. …

Wie oft hat Sebastian ihr, wie oft habe ich ihr gesagt, was Dinge „von ihr“ hier im Haus mit mir anrichten?
Wie oft???
Aber ich? Schrumpfe sofort auf das Niveau eines kleinen Kindes, ich WERDE auf meiner Gefühlsebene zu dem inneren Kind, und habe meine Gefühle nicht mehr unter Kontrolle!!! Bin diesen hoffnungslos ausgeliefert!!! Und JEDE EINZELNE Frage, wie sie da nun ein paar Zeilen weiter oben steht, wie ein Schlag in die Magengrube!!! Also eigentlich wird der Schlüssel immer dann betätigt, wenn ich NEIN sage. Wenn ich ihr gegenüber etwas ABLEHNE, ABWEHRE!!! Und jeder einzelne Schlüssel, jedes NEIN wird zu einem Dolchhieb!!!
ICH UNDANKBARE, GRAUSAME, MISSRATENE TOCHTER STECHE MEINE EIGENE LIEBENDE, GÜTIGE, SICH SORGENDE UND UMSORGENDE, SO GROSSZÜGIGE, GUTHERZIGE MUTTER AB!!! UND SCHAUE IHR DABEI AUCH NOCH INS GESICHT!!! ES FÜHLT SICH VON MIR WIE EIN DERART GRAUSAMES VERBRECHEN AN, ALS WÜRDE ICH SIE DABEI AUCH NOCH VERHÖHNEN, AUSLACHEN, WIE ICH IHR MIT JEDEM STICH DIREKT INS HERZ MEHR UND MEHR SCHMERZEN ZUFÜGE, WIE SIE MEHR UND MEHR BLUTET, AUSBLUTET, WIE SIE WEGEN MIR STIRBT!!!! ES FÜHLT SICH SO GIGANTISCH SCHLIMM AN, ALS WÜRDE ICH NOCH AUF IHREN LEICHNAM SPUCKEN!!!!

Das Wörtchen „Leichnam“ war nun zu viel. Die Augen werden geflutet, und ich stehe diesem Prozess machtlos entgegen! Keine Handhabe!

Über diesen Satz hat sich Sebastian schrecklich aufgeregt. Sie war ja im Gespräch mit unserem entfernten Nachbarn, diesem alten Herrn. Und die beiden erzählten (also eigentlich erzählte nur sie), werden nun alles krank geworden, wer gestorben sei! Abschließend meinte sie noch zu ihm: „… Tja, und wir sind die nächsten! Wir sind die nächste Generation!…“…

Sebastian regt sich auf. Und ich flenne, wenn ich den Satz zitiere. Dabei ist das Diktieren nicht mal das ausschlaggebende Problem, die Worte meiner Mutter haben sich wieder in mein Gehirn eingebrannt!!! Mich noch deutlicher ermahnt, dass mir die Zeit davon läuft!!! Die Zeit mit ihr!!! Dass ich sie vergeude, weil ich mich zurückziehe und sie nicht aushalte!!!
Schwer schlucken, Brille abmontiert kullern die Tränen. Unverzüglich fangen beide Augen zu brennen an, als sei meine Tränenflüssigkeit vergiftet. Und irgendwie ist sie das ja auch, wenn man es mal genauer betrachten möchte!
Seit ich LEBE trauere ich um diese Frau!!! Ist das Soll nicht langsam erfüllt?!!! Müsste ich dann…
Selbst diese Worte werden mir „zur Last gelegt“, „als würde ich sie damit umbringen“…
Müsste ich dann nicht eigentlich bei ihrer Beerdigung…

Ich bin sechs Jahre alt und muss sterben, wenn ihr was passiert!
Weil ihr was passieren wird! Weil ich nicht verhindern kann, dass sie stirbt!
Sie stirbt in jedem Abendrot! In JEDEM!!! Sie stirbt JEDE Nacht!!!

Der Blick wird glasig, verliert sich ins Leere, als ich versuche, mir dieses Kind vorzustellen. Währenddessen wurden allerhand Notfallstrategien durchdacht, WAS und WIE VIEL WOVON eingenommen werden könnte, WIE tief die Schnitte sein sollten, WIE lange es bluten muss!

Und dann bin ich plötzlich DOCH fähig, den Satz zu Ende zu bringen. In mir scheint etwas gestorben. Oder zumindest mit dem Holzhammer betäubt. Die letzte Träne läuft kalt über meine Wange:

Müsste ich dann nicht eigentlich bei ihrer Beerdigung mein Tränenkontingent aufgebraucht haben? Keine einzige Träne vergießen, weil ich die gesamte Trauerarbeit die Jahrzehnte zuvor bereits im Voraus abgeleistet habe?“

Das Buch, das ich gerade lese… Viele Erfahrungsberichte musste ich wie getrieben durchackern. Wieder und wieder. Aber diese eine, spezielle und zugleich frappierende Parallele ist mir dabei noch nicht begegnet! Bei etwas über 50 % des Buches (Kindle) berichtet sie: „Ich kann meine Kinderfotos nicht ansehen, auf denen ich 6-17 Jahre alt bin! Ich ertrage die Fotos nicht! Das Kind darauf ist dreckig, schuldig!“… (Frei zitiert).

Warum ich das jetzt erzähle?
Weil bei alldem einfach nur der Eindruck entsteht, dass entweder ICH das schadhafte Zahnrad im System bin, und meine Mutter meint alles nur gut, gut, GUT!!!
ODER ein gewaltiger „Brainfuck“ stattgefunden haben muss!!! Ein doch durchaus latenter emotionaler Missbrauch!!!

Und bei diesem Gedanken hing ich gerade. ABER es erklärt nicht, warum ich meine Kinderfotos ebenfalls nur aus diesem Blickwinkel betrachten kann, aus diesem derart eingeschränkten, vergifteten Blickwinkel. Und – SIEHE DA – da kommt dann doch wieder der sexuelle Missbrauch ins Spiel! Dass der Emotionale einfach nur alles andere darunter verdeckt! Die Schriftstellerin wurde missbraucht. Und berichtet aus ihrem Leben OHNE MEIN ZUTUN von exakt dem gleichen Empfinden, was eben diese Fotos betrifft!

ER fragt gerade, was MICH wiederum dazu bemächtigt, die Sache mit den Fotos als eindeutiges Symptom für einen zurückliegenden sexuellen Missbrauch zu deuten… Es könne ja auch EINFACH NUR ein Zufall sein, ein Symptom für alles mögliche… Ganz zu schweigen von der Selbstbeschimpfung/Beschimpfung, die darauf folgt… Dass meine Theorie auf tönernen Füßen steht!

Ich fühle nichts mehr. Mein Findelkind piepst und ich breche gefriergetrocknete Mehlwürmer in der Mitte auseinander, um sie in das Ei-Wassergemisch zu werfen. Dann werden sie weicher und ich kann sie an der Bruchstelle aufspießen. Sebastian darf die nächste Schicht übernehmen, ich muss raus…

Beim Einkauf hat er ihr WIEDER gesagt, sie soll oben nicht langfahren… Wie eben schon zuletzt…

7. Juni 2019, Freitag „Kollateral…“

8:35
61,1 Kilo um 7:00 Uhr. Die Diskussion abends mit Sebastian darüber, ob das rechte Sprunggelenk geschwollen sei oder nicht, fand ich weniger amüsant. „Ist doch völlig normal!“, und er keinen Bock, auf diese unsägliche Debatte mit mir die ganze Zeit, voll konzentriert auf sein Dartspiel. Nicht nur subjektiv, auch objektiv ließ sich das Ödem schon daran erkennen, dass er nachts den rechten Strumpf kaum abziehen konnte, klemmte am Fuß.
Mein Findelkind ruft mich… Und ich wäre gerne draußen, weil um diese Uhrzeit wenigstens noch was los ist, aber zugleich so erschlagen, dass ich hier sitzend immer wieder für Sekunden einnicke. Nachts träumte ich davon, zusammen mit meiner letzten besten Freundin den Plan verfolgt zu haben, mit Fahrrädern ins Schwimmbad nach Fürstenfeld zu fahren. So kaufte ich mir einen neuen Drahtesel, aber dieser hatte doch tatsächlich quadratische Reifen! Das müsste doch erst gerichtet werden, ehe ich damit fahren könne. Und dann von Zugfahrten, bei denen die Insassen nicht merkten, sich in einer Zeitschleife zu befinden, in einer Illusion, während dieser sie in der Realität fehlten, abgängig waren und Lebenszeit verpassten.

Allein schon während dieser Tätigkeit hier einschlafen. Schöne Grüße von den Benzos.

Der Kleine verdrückt riesengroße Brocken. Die Blase krampft und tröpfchenweise landet Urin in der Monstereinlage. Gegen den Schlaf ankämpfen; die Butter muss doch noch in den Kühlschrank. Seit zwei Tagen nicht Zähne geputzt, und die Temperatur heute vermeintlich auf dem Weg in die Normalität. Meine Brille unter den Tisch fallen lassen; da liegt sie auch gut. Und sobald ich mich nach vorne beuge, sozusagen mit meiner fetten Wampe auf die Blase drücke, quetscht diese noch mehr Urin durch den regulären Ausgang. Ich weiß nicht wohin mit mir, nicht, womit ich anfange, was ich sein lasse. Der Kopf geht auf Stand-by, Augen zu. Müsste ich mir einen Wecker stellen? Würde ich von seinem Piepsen rechtzeitig aufwachen, wenn wieder Fütterungszeit ist?

Als wir ins Bett gingen, war ich ebenso desolat. Im Wachzustand halb am Träumen. Um wieder Kindheitserinnerungen serviert zu bekommen. Irgendwelche Geburtstagsfeiern. Und dann, war ich plötzlich wieder wach, kratzte mir die Haut, das Gesicht blutig, war so übermüdet, dass ich wiederum nicht einschlafen konnte…
Kaum den Stofffetzen über seinem Köpfchen berührt, piepst er erneut und streckt mir seinen weit aufgesperrten gelben Schnabel entgegen. Die Butter…

Meine Güte, gib dir einen Tritt in den Hintern, steh wenigstens kurz auf!! So eine träge Pensionistenveranstaltung!!! Würde ich hinausfahren, die Luft würde mich schon aufwecken… Denke ich.

Die Butter gerettet. Das Gehen fällt so unsagbar schwer. Die offene Spülmaschine mit gewaschenem Geschirr stinkt zum Himmel; ich hasse diese Kiste!
Kopf auf den Tisch und gute Nacht…

Fahr raus!
Den halben Tag verpassen… Absolutes Nogo! Wir haben doch bereits den 7., die Zeit vergeht so schnell! Was verpasse ich draußen? Wieder das Eichhörnchen? Vielleicht Schlangen und Blindschleichen, die sich in der Einfahrt auf dem Asphalt aufwärmen? Wunderbare Schmetterlinge, diverse Käfer, eben all das, was dann bei meinen Ausflügen bei der Hitze erwartungsgemäß nicht zu sehen sein wird, sich versteckt? Wieder so ein Zwiespalt, wieder Gewissensbisse, Interessenskonflikte??? Das Gesicht immer noch überzogen mit einer Fettschicht. Aus dem gebogenen Strohhalm spritzt mir der heiße Tee nach dem letzten Schluck ins Auge. Die Schale ist noch halb voll.
Tu was!
Lass es!
Wäre mein Gebiss nicht so marode, könnte ich tatsächlich wieder anfangen Fingernägel zu kauen. Und wieder schließen sich die Augen wie von selbst und aus Erinnerungen werden Traumbilder. Ich werde mich so hassen!!!…

Kopf auf den Tisch und duster.
Aber nicht ohne vorher mein „Baby“ noch einmal glücklich zu machen. Dabei setzt er den nächsten Haufen ab, ich zu langsam, es landet im Stoffnest, den Kleinen heraus fischen – irgendwie in die linke Hand, und er schmiegt sich ganz fest an meinen Bauch, sucht Nähe, Wärme – um das Malheur zu beseitigen.

Wie auf Bestellung beginnt das linke Bein zu krampfen. Na danke…

6. Juni 2019, Donnerstag „Zwerg Nase…“

8:53
61,1 Kilo um 7:00 Uhr. Beide Sprunggelenke geschwollen. Bzw. dort fällt es am meisten auf.

FAULE AUSREDE!!! FETTE SAU!!!

Selbst in meinem Traum sagte ich, dass es in meiner Situation schwer wäre, aktiv abzunehmen. Dass ich einfach aufhören werde zu essen.
Der Himmel ist grau, eine feuchte Dunstglocke hängt über der Landschaft und erst jetzt ist mir aufgefallen, dass Sebastian den vollen Eimer mit Vogelfutter draußen stehen hat lassen. Alles nass. Er ist aber auch eine Pappnase, wenn wir schon bei „Nasen“ wären.
Aber ich? Keinen Deut besser? Wenn ein Blinder und ein Krüppel zusammenkommen…
Zwerg-Nase ist mir doch tatsächlich gleich bei der ersten Fütterung runter gefallen, unter den Tisch…

DU BRINGST IHN UM!!!!

Und? Was schert es dich? Soll dir doch nur recht sein!!!
Wie in dem Moment, als ich ihn fand, in Tränen ausbrach und kindlich wimmerte, dass er mir nicht wegsterben soll… Mittlerweile etablieren sich Verlustängste, dass ihm irgendetwas passiert, spätestens in der Auswilderungsphase, dass die beschissenen Katzen ihn umbringen, dass mir ein Missgeschick passiert, ICH ihn um die Ecke bringe!!! Oder einfach in einem stillen Moment, ich unter sein Stofffetzennest luge… Und der kleine Wicht bewegt sich nicht mehr!!! Ich kann noch nicht direkt die Verbindung zur einem menschlichen Kind, zu mir als Kind herstellen. Aber als sei es in mir ganz natürlich verankert, vorprogrammiert, sehe ich in ihm das Kindliche, völlig unbedarft, unschuldig, nicht wissend, welche Gefahren lauern… Und muss mir permanent vorstellen, dass er sogar der Katze sein wackeliges Köpfchen entgegen gestreckt hätte, den gelben Schnabel weit aufgesperrt, in Erwartung, immer nur in der Erwartung einer guten Tat, dass man sein kleines Bäuchlein füllt…

DAS TUT SO WEH!!!
Die Katze hätte einfach zugebissen!!! Ich hasse die Katzen, die Katzen werden zu Tätern!!!…
Schon kullern die Tränen. DARÜBER hätten wir gestern reden sollen, nicht über all diese belanglosen Dinge, zweieinhalb anstrengende, ermüdende Stunden lang!!!

Die beschissene Blase krampft. Ich bleibe zum Glück trocken. Zumindest unten herum. Die Hände GELÄHMT, verflucht noch mal BESCHISSEN GELÄHMT!!! Das Thermometer: 37,8 °C. Und ich muss dankbar dafür sein, dass es „nur das“ ist!!! Ich müsste den Internisten anrufen; hatte längst vergessen, dass er auch in Jennersdorf eine Praxis hat seit geraumer Zeit. Aber Sebastian hat das Telefon irgendwohin gelegt, ich sehe es nirgendwo…

Das letzte Wort musste ich lauter wiederholen, das Programm hat mich nicht verstanden, und der kleine Plüschkopf piepst wieder nach seiner Mama. Auf die winzigen Stückchen gekochtes Ei Vitamintropfen geträufelt.
Ihn rausgenommen, damit er sein Häufchen machen kann, und er drängt sich in meine Hand. Er ist so warm. Seine Beinchen überproportional lang, er stolpert drüber, hat sie noch nicht unter Kontrolle. Und zittert ganz fürchterlich. Dann komme ich, mit meinen eiskalten Zombiehänden… Er ist SO HILFLOS!!! WIE KANN MAN SO EINEM ZARTEN WESEN ETWAS ANTUN???!!!

10:54
Ein Telefonmarathon. Und kaum fang ich an zu diktieren, meldet sich mein Findelkind. Gerade eben hat er noch das Köpfchen auf seinen Rücken gelegt friedlich geschlafen.
DIE sind alle so dumm!!! Allesamt!!! Und zum Glück habe ich mich gestern Abend so sehr darüber geärgert, dass ich nun nicht locker ließ, und einfach weiter telefoniert habe. Ganz abgesehen davon, dass ich gleich mehrere Internisten genervt habe, mit meiner Herzuntersuchung… Aber das Krankenhaus hat mich erleuchtet; da hätte vielleicht ICH mal vorher den neuen Befund lesen sollen… Ein einfaches Herzultraschall genügt! Mir dann gleich einen Termin in der Infektiologie besorgt, natürlich an einem Donnerstag. Taxi und Krankenwagen organisiert, und dann weiter telefoniert mit der Rotkreuz-Zentrale in Eisenstadt, abschließend der Zentrale der Krankenkasse, ebenfalls in der Landeshauptstadt. Und ENDLICH wurde erklärt, wie das mit der Dauerbewilligung funktioniert!!! Alles Pappnasen!!! Eine kleine E-Mail später sollte alles erledigt sein! Und wetten, das stand auch so auf dem Plakat, das der Hausarzt in seiner Praxis hängen hat?

Der Himmel sieht immer noch scheiße aus, mir geht es auch noch scheiße. Ich muss hier raus!!! Ich halte die Damen nicht aus, ich halte die Invasion nicht aus!!! Und immer noch nicht Zähne geputzt…

11:45
Der Himmel weißlich. Aber zumindest habe ich ganz kurz die Sonne gesehen. Ich solle ein Fieber-Tagebuch führen.

38,2. Meine rechte Hand ließ es voraus ahnen, meine Augen fühlen sich geschwollen an, Schleim läuft innen meine Nase runter, ich fühle mich matt, schwach… Soll ich mir von mir selbst weismachen lassen, dass am Dienstag „die fragwürdige Blasenentzündung nur noch nicht so weit fortgeschritten war wie jetzt“? Deswegen war nichts in den Blutbefunden zu sehen, und das Fieber lässt sich ganz einfach mit der erneuten Entzündung erklären? Oder liegt an dem warmen Tee, an der warmen Heizdecke im Rücken?

19:08
Den kleinen Wicht in die große Bauchtasche gestopft, Futter mitgenommen. Um dann oben auf meine Mutter zu treffen. Wie war das zuletzt bei unserem Frühstück in der Stadt? Er hätte ihr gesagt, sie soll hier oben nicht mehr lang fahren? Sie ließ mich auch gleich wissen, dass sie an besagtem Tag tatsächlich Ausschau nach einem Parkplatz gehalten hatte… Und ich unfähig ihr zu sagen, dass ich zu einer Zusammenkunft unfähig gewesen wäre, diese partout nicht wollte, mich wegen ihr so hastig aus dem Staub gemacht habe. Und dann gibt sie mir den guten Ratschlag, dass ich unten bei der Nachbarin eiskalt vorbeifahren soll, mir eine Ausrede einfallen lassen soll: „Sag doch einfach knallhart, du hast keine Zeit und fährst weiter!“. Na toll… Das bin nicht ich? Ich bin nicht sie?! Und eigentlich hätte ich die von ihr geforderte Ehrlichkeit dann auch gleich postwendend an sie zurückgeben können, an ihr auslassen können… Aber das schaffe ich nicht!

Man tat so, als sei alles in Ordnung. Über meine Therapie, den aktuellen Stand der Erkenntnisse, wurde nicht geredet. Vielleicht auch besser so, sonst hätte sie sich mit hoher Wahrscheinlichkeit mit vermutlich jeder zweiten Aussage erneut nur in die Nesseln gesetzt, und ich hätte Gründe en masse bekommen, um die nächsten Tage wieder mehrfach durchzudrehen und mein hehres Ziel, meine Arme in einen sommertauglichen Zustand zu verfrachten, über die Häuser geworfen! Ein entfernter Nachbar hatte sich dazu gesellt, teilweise unterhielt man sich sogar zu viert. Vielleicht wurden dann diese Dinge, die heiklen Themen, auch deswegen ausgespart. Aber sie war ohnehin sehr damit beschäftigt, von sich zu erzählen. Von Kranken und Toten wurde philosophiert. Mit der Endaussage zu besagtem Nachbarn: „Tja, und wir sind die nächsten…“.
Zwischendurch und erst recht kurz vor dem Abschied ein Angebot nach dem anderen: „Ich mache Strudel, soll ich euch nicht welchen mitmachen? Soll ich euch, soll ich für euch zu Pfingsten etwas mitkochen? Ich habe so viele Prozente, wollt ihr morgen nicht mit mir einkaufen fahren? Brauchst du irgendetwas? Du weißt, wenn du was brauchst, wir sind immer für dich da! Möchtest du irgendetwas?“…
Ja? Meine Ruhe? Meinen Frieden, wenn ich draußen bin, und keine permanente Angst, jederzeit mit so einem „Überfall“ (und so fühlt es sich für mich jedes Mal an) rechnen zu müssen. Was unterm Strich zu hoher Anspannung und Dauerpanik führt. Könnte man da nicht sagen, vereinbaren, alle zwei Monate machen wir uns einen Termin aus und sehen uns irgendwo? Und wie soll ich damit umgehen, so zu tun, tun zu müssen, oder sie dabei zu beobachten, wie sie so tut, ALS SEI ALLES IN ORDNUNG???

Sie umarmte mich, küsste mich, teilte mir mit, WIE LIEB SIE MICH HÄTTE, und genau an diesem Punkt hätte ich sie fragen können: „Wenn das so ist, warum informierst du dich dann nicht über mein Problem? Meinen psychischen Schaden, der mir >>angetan<< wurde? Hast du überhaupt schon eine einzige Zeile aus dem Buch gelesen über posttraumatische Belastungsstörung, welches ich dir vor Monaten in die Hand gedrückt habe? Hast du überhaupt eine Ahnung, was mit mir abläuft???“…

Stattdessen Schuldgefühle. Weil sie alles nur von ganzem Herzen GUT meint! Mir verzweifelt mit einem Angebot nach dem anderen die Hand entgegengestreckt, und ich schlage sie weg, sage, ich will nichts, will DAS nicht, nein, nein und nein und Kopfschütteln. Ich bin so gemein. Ich bin so böse. Ich bin so ein schlechtes Kind. Ein 38-jähriges Kind. Insofern schluckte ich dann 2,6 mg Hydal und 1 mg Temesta. Ich habe noch den Geschmack des Tramals auf der Zunge, eine bittere Erinnerung… Aber wie viel habe ich genommen? Wie geplant eine volle Dosis von 20 Tropfen? Um diesen Trip, die Beruhigung, zu untermauern? Ich habe nicht aufgepasst, es mir nicht gemerkt, und überhaupt kein Problem damit, noch mehr einzuwerfen. Ganz kurz waren meine Gedanken auch bei der nagelneuen Rasierklinge in der Tablettendose mit all diesen wunderschönen Betäubungsmitteln. Irgendwo, in einem unbeobachteten Moment, meine fette Wampe bluten lassen, massakrieren…

Warten. Darauf warten, dass mir alles egal ist. Außer der kleine Zwerg-Nase, der gerade wieder lautstark Hunger ankündigt. Und WAS für einen Hunger, kriegt den Rand nicht voll, liegt an meinen Bauch gelehnt, in meiner Hand. Ich fühlte mich nach meiner Heimkehr scheiße. Aber das Thermometer würgte mir eins rein: „Na jetzt ist aber eigentlich wieder alles paletti!“…

Es galt auch noch ein paar Details mit Sebastian zu besprechen. Woher wusste meine Mutter die ganzen Sachen, woher wusste sie von der PET-Untersuchung? Dass ich in Graz war? Usw. und so fort? Und das mit dem Rollstuhl? „Bitte, sei so lieb und höre auf ihr meinen Lebensweg nachzuzeichnen. Das geht sie nichts an. Wenn man schon aufeinander trifft, möchte ich selbst darüber entscheiden, was ich ihr mitteile oder nicht. Du bist ja nicht ihre Informationsquelle zu meinem Dasein. Zuständig, sie über mein Leben auf dem Laufenden zu halten. Ich will das nicht!“.

Ein leichter Rausch… Mich ans Video machen…

Wie immer!!! VIEL LÄRM UM NICHTS, du dumme FOTZE!!!

5. Juni 2019, Mittwoch „Status quo…“

9:18
60,9 Kilo um 7:00 Uhr. Ein ärmelloses Shirt, die Unterarme mit blasslila Strichen übersät, und Schuppen, die Haut ist total schuppig, von den hunderten Kratzern auf der linken Seite. Gestern sporadisch und brachial mit einem alten Einwegrasierer drüber gegangen. Um die Ärmel wenigstens hochkrempeln zu können. Die ganze Prozedur dauerte 6 Stunden. Davon allein zwei für die Blutabnahme. Fünf Ärzte und unzählige Schwestern. Ehe man meinem Ratschlag Gehör schenkte, ich die Hände keine 2 Minuten unter brennend heißes Wasser hielt, und schon lief der Saft.
Ganz neue Gerätschaften, sauteuer, kamen gestern zum Einsatz. Ich hatte erst „Venen-Fur“ von der Schwester verstanden und meinte mit Stirnrunzeln zur jungen Ärztin, ob meine Venen anschließend Fell bekämen. Aber das Hightechgerät, der heißeste Scheiß vom neuesten Scheiß, trug den klangvollen Namen „Venen-Viewer“. Lasertechnik? Infrarot? Ein grünes Licht wurde auf die Haut geworfen und machte tatsächlich Blutgefäße sichtbar! Bei jedem dort im Raum! Nur bei mir nicht… Aber dass es so lange dauerte, dass ich sicher mindestens sechsmal gestochen wurde, spielt keine Rolle. Es war lustig.
Ich erfuhr, dass ich im Zuge meines Aufenthalts zuletzt bereits auf Pilze getestet worden war. Offiziell war ich schon so gut wie aufgenommen, man wartete nur noch auf die Laborergebnisse. Aber trotz meiner Probleme mit der Blase… WIEDER KEINE ENTZÜNDUNGSWERTE!!!
Ich wurde nicht stationär aufgenommen. Außerdem hatte Sebastian wohl etwas falsch verstanden, und unser Findelkind bereits abends bei Sonja und ihrem Mann wieder abgeholt; die wollten ihn gar nicht mehr hergeben, aber würden in den nächsten Tagen in Urlaub fahren. Oder zu nem Ausflug.
Also war ich abends wieder zu Hause. Der kleine Scheißer hat gerade wieder gepiepst. Schon wieder, noch mehr Hunger?? Heute Nachmittag geht’s ab nach Fürstenfeld -Mehlwürmer müssen dran glauben. Und Toni, Sonjas Mann, hat ebenfalls mit Joachim telefoniert (wer kennt ihn nicht), und dieser hatte noch den Ratschlag, ein Vitaminpräparat aus der Apotheke zu holen. Dieses wurde bestellt, bekommt er am Nachmittag… Damit er groß und stark werden kann!!!

Also wie soll es mit mir weitergehen? Mein rechter Arm hängt unbeteiligt und schlaff runter. Der Körper spastisch verstimmt. Als ich nach Hause kam hatte ich wieder 37,5 °C und war unbeweglich. Nur noch hastig mit dem Rollator ins Badezimmer, Zähneputzen, Fritteuse abwaschen, irgendwo ein Gelpack auftreiben, welches ich mit heißem Wasser warm mache und ihn unter sein Stofffetzennest in der Schachtel schiebe. Ich soll mir einen Termin beim Internisten holen, zwecks Herzuntersuchung. Und auf jeden Fall in der Infektiologie einen weiteren Termin ausmachen. Und was habe ich abends noch rumgehustet??
Gleich ist Sitzung, ich will hinaus, mein „Baby“ muss mit. Und da die Rettung gestern 1 Stunde zu spät kam, hatte wiederum ich die Möglichkeit den Schwarzspecht und sogar in einer grandiosen Nahaufnahme unser Eichhörnchen vor die Linse zu bekommen… Ehe es flüchtete und mich ausschimpfte… Und nächste Woche gibt’s die neue Auswertung der aktuellen Blutbefunde. Erneut wird auf Pilze untersucht, und alles andere eben auch…

16:56
Aus Regen wird kapitaler Hagel.
Kein Zähneputzen, die Rechte noch unbrauchbarer…
Aber was für eine glückliche Fügung!!! Ab 14 Uhr hatte ich erneut 38,2°C!!

19:07
Das Gewitter ist abgezogen, der Himmel bleibt bewölkt. Der kleine Drops ist von Montagabend bis heute mindestens um ein Viertel gewachsen, schwerer geworden, stärker geworden. Heute hat er tatsächlich die Augen zu kleinen Schlitzen geöffnet, ist also demnach offiziell neun Tage alt. Schnappte sich das Futter selbst vom Holzstäbchen, regelrecht rabiat. Bei einer Vogelschutzwarte hatten Toni und Sonja wohl angerufen; die wollten ihn auch nicht nehmen, rechneten ihm auch keine großen Chancen aus. Aber es muss doch mit dem Teufel zugehen, wenn dieser kleine Kerl, der immer kräftiger wird, es nicht packt?!! Oder???

Und ich… UNFÄHIG, mein Video zu schneien, am Video zu arbeiten. Sitzen kann ich eigentlich längst nicht mehr und ich will gar nicht wissen, wie geschwollen meine Füße wieder sein werden. Wenn doch alles an mir geschwollen ist. Meine dämliche Visage, meine fetten Oberarme… Und, Himmel, diese kugelrunde, aufgeblähte Wampe!!! Was hilft es da mittlerweile zwei Ärzte zu haben, nein, mit mindestens zwei Urologen sogar vier, die mir bestätigten, wie viel Luft sich in meinem Bauch staut. So viel, dass man die Organe nicht einmal mit dem Ultraschall betrachten kann!!! Das soll doch was heißen, oder???

Aber stattdessen nichts anderes als Selbstbeschimpfung. Und mein Körper ist Schrott, ich kann damit nichts anfangen, ich kann nicht einmal die Maus halten, sie bedienen… Zum NICHTSTUN verdammt!!! Und so hatte ich Angst vor dem Thermometer, dass es mir wieder eine reinwürgt, wie die letzten Tage, mit beinahe Normaltemperatur… Den kleinen Flüsenkopp gerade noch einmal gefüttert, und dann noch einmal gemessen… DANKE!!!
Die Panik vor einem Schub, einer Verschlechterung versuchen zur Seite zu schieben… Immer noch 38,1 °C!