22. Juli 2018, Sonntag

11:24
Rotz hängt in der Nase, im Hals. Der Himmel klärt auf, sommerliches Blau kommt zum Vorschein. Ich will raus. Und kann nicht. Als müsse ich mich selbst bestrafen. Als müsse ich mich erneut selbst an den Galgen knüpfen.
56,8 Kilo um 8:15 Uhr. Gestern Einlauf. Keine Reaktion. Mein Stoffwechsel schläft den Schlaf der Gerechten… Slogan: „Mir geht alles am Arsch vorbei!“.
Nicht gehen, nicht stehen… Ich erhebe mich vom Rollstuhl. Minutenlang muss ich mich davon überzeugen, mich regelrecht dazu zwingen.
Kaum stand ich, kippte ich auch schon wieder wie ein gefällter Baum nach hinten, zum Glück auf den Rollstuhl, so halbwegs. Die Extremitäten spastisch von mir gestreckt, bewegungsunfähig.

Markus hat mir vor drei Tagen einen Film empfohlen und ich ihn mir um Mitternacht angesehen, während Sebastian hinter mir sofort eingeschlafen war. Erst dachte ich: „Oh je… Schon wieder so eine klassische deutsche Produktion!! Dieser Muff, Großstadt, Industrielle, geleckte Bürohengste… Schema F!!“…
Doch als die ersten 20 Minuten überwunden waren, nahm der Film Fahrt auf. Entwickelte sich in Richtungen, die ich nicht vermutet hätte. Und lösten bei mir so widersprüchliche Gefühle aus, körperlich wie psychisch. Eine Zeit lang war mir einfach nur nach Weinen.

Meinem Liebsten angekündigt, dass er ihn sich mit mir noch einmal bei Tag ansehen muss. Eben bei besagter 20. Minute die Reaktion der Frau des Hauptdarstellers… Ob sich Sebastian darin wieder finden kann?

https://www.zdf.de/filme/das-kleine-fernsehspiel/die-haende-meiner-mutter-100.html

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21. Juli 2018, Samstag

14:57
Schon wieder ist der nächste Tag so gut wie vorbei. 56,7 Kilo um 9:15 Uhr. Mir platzt der Schädel, während draußen der Sommer an mir vorbei zieht. Es ist unerträglich. Heute Nacht von zwei Albträumen gebeutelt worden, ich müsste sie aufschreiben, aber mir läuft die Zeit davon. Dieses dämliche Diktiergerät war schon wieder leer! Erst vor zwei Tagen aufgeladen, hatte es nachts (oder besser gesagt frühmorgens als ich schweißgebadet die Augen aufriss) keinen Saft mehr. Lächerlich. Eine Ewigkeit suchte ich nach einem Schreibutensil. Sebastian am Vortag zum Glück gebeten, mein Notizbuch auf mein Nachtkästchen zu legen…

Aber was habe ich davon, wenn ich nicht schreiben kann???
Ich konnte nach dem Aufstehen, ich kann jetzt immer noch nicht GEHEN! Meine Füße kleben auf dem Boden!! Meine Hände gelähmt!! Der ganze Körper für die Ansprüche eines Tages zu schwach!!
Diese beschissenen Fragen die ganze Zeit!!! Und wieder gibt mir keiner Antworten!… Ich werde depressiv. Ich will mich umbringen. Sehe keine Zukunft mehr. Formuliere den Satz „Ich kann nicht mehr…“ zum 100.000. Male!!! Mir kommt dieser mittlerweile wie Kotze hoch!! Aber keine Konsequenzen!!! Wie soll das weitergehen? Wie soll es nur weitergehen??!!!
Wie oft noch, wie lange kann ich noch abwarten und mir selbst vorgaukeln, Ruhe zu bewahren?

Als ich mich eben an den Tisch setzte, vermochte ich die Maus nicht in die Hand zu nehmen. Schwer seufzen…
Um dann beim Einkauf vormittags auf meiner kurzen Strecke vom Baumarkt zum etwa 400 m entfernten Supermarkt meine Laufmusik zu hören, dazu die Sommergräser, Sommerblumen am Wegesrand… Multiple Stiche ins Herz. Meine eigene Hoffnung, an meinem Zustand könne sich noch etwas ändern, zu Grabe getragen. Für lächerlich erklärt.

Palliativ hat nicht unbedingt was mit Krankheiten zu tun, an denen man stirbt. Dabei geht es um chronische Krankheiten…“, erklärte Kerstin zuletzt bei ihrem ersten Besuch hier.
Aber heute, heute sehe ich mich in naher Zukunft sterben. Und im Traum, im zweiten Traum, war ich ohnehin permanent mit dem Tod konfrontiert. Mehrfach wollte man mich erschießen, erstechen, in die Luft jagen oder mir wie all den anderen die Kehle aufschlitzen. Die Waffe an der Schläfe fragte ich mich: „In 1 Sekunde ist das Leben vorbei. Was sollte mein letzter Gedanke sein… Schade? Oder Scheiße? Oder dann vielleicht doch ein Endlich?? Habe ich jemals gelebt? Ich weiß es nicht…“.

19. Juli 2018, Donnerstag (mit Nachtrag vom KH)

8:32
Die Dissoziation gewinnt!
Unentwegt entgleitet der Blick ins Chaos, um dort Nichts zu suchen. Weil ich müde bin? Schlafen will? Noch in meinem Traum hänge?
So sehr, ich habe doch tatsächlich die Waage vergessen! Abends eine „gefährliche“ Anmerkung zu meinem Spiegelbild, bevor wir ins Bett gingen: „Habe ich abgenommen? Sieht man, dass ich ein wenig abgekämpft wirke?… Warum frage ich das! Egal, was du darauf antwortest, es kann ohnehin nur falsch sein! Falsch oder ich glaube dir nicht…“. Ich selbst empfand meine Visage als annehmbar. Ich weiß nicht, wie es heute ist. Mich selbst noch nicht im Spiegel betrachtet.

Die Schmerzen in den Eingeweiden wurden immer stärker. Auf dem hölzernen Wäschekorb liegen nun die beiden Packungen mit unterschiedlichem Einlauf. Ich freue mich schon…
Und habe Angst, die 56 Kilo zu verlieren. Dabei ist doch eindeutig von meiner Muskulatur kaum noch etwas übrig geblieben. Oder doch ein Schub?
Keinen Appetit. Keinen Hunger. Es fällt viel leichter, eben auch heute, über das unangetastete Frühstück hinweg den Ausstieg aus der Realität vorzuziehen, um mit offener Kinnlade und starr geweiteten Augen vermeintlich durch die Scheiben der Terrassentüren zu glotzen, um doch mit Brennweite und Geist irgendwo in der Zwischenwelt des vielleicht ein oder zwei cm dicken Glases verloren zu gehen. Eine Art Wachkoma. Friedlicher ist als die kalte Realität. Alles gedämpft, gepuffert, verlangsamt. Keine Schreckmomente. Ein Projektil würde als langes Echo in der zähen Flüssigkeit der Dissoziation zum Stillstand kommen. Weit weg, alles ist ganz weit weg. Kein schlechtes Gewissen, keine Schuldgefühle, keine Selbstvorwürfe, kein Selbsthass, kein Hass anderer in mir, um mich und erst recht keine Sterbefantasien, weder andere noch mich betreffend. Als sei man nicht mehr als das Standbild einer Videoaufnahme, einer eingefrorenen Bewegung, ohne Laut, ohne Rauschen. Als könne man damit das Elend der Welt abwenden.

Es ist definitiv wie seit mindestens 22 Jahren. Ansatzweise wie seit 32 Jahren. Der Morgen ist unbelastet, ist sauber, rein und alle Türen stehen mir offen… Da sind noch keine Dämonen der Nacht, die an meinen Fersen kleben und mich zu Sturz bringen wollen. Wie ein langersehntes Aufatmen, wie der erlösende Atemzug nach 2 Minuten, die einem UNENDLICH erscheinen, weil man sie nicht selbst unter Wasser gewählt hat. Die Lungen füllen sich, der Brustkorb hebt sich, keine Schwere zerquetscht ihn, man kann es ganz deutlich spüren: „Ich lebe noch!!!“.

Um im Laufe des Tages träge und langsam zu werden. Vielleicht auch unvorsichtig? Denn wie sonst könnte ich jeden Abend aufs Neue in dieselbe Falle tappen??? Warum lerne ich nichts daraus? Mache einen großen Bogen um die Panikschlinge, die da auf dem Boden liegt und sich dabei nicht einmal die Mühe gibt, jedes Mal in einem anderen Aufzug ihre Beutechancen zu verbessern! Denn sie weiß, mein Gehirn ist klein. Nicht mit sonderlich Grips gesegnet. Der IQ einer Amöbe! Und SO vergesslich…!

BUMMS!!!
Die Falle schnappt zu. Die tagsüber weggesperrten Geister der Vergangenheit entweichen ihrem Verlies. Der Tag mit seinem Licht gab Sicherheit. Aber die Sonne ist ein Verräter, lässt mich im Stich, lässt mich allein mit der Dunkelheit, im Schlepptau derer ein Tross aus vergangenen Monsterepochen. Die allesamt mit dem JETZT nichts zu tun haben. Aber das weiß mein Verstand nicht. Das weiß die Seele nicht. Und sie lässt sich anketten, anschreien, auspeitschen, aufschlitzen, unter Wasser drücken, erdrosseln, schlagen, stechen, vergiften, alle Knochen brechen… Und alles bis zu dem Punkt, an dem man den Tod bereits mit weiten, einladenden Armen vor sich erkennen kann, die Erlösung nur noch einen einzigen Schritt entfernt…

Aber dann wird es dunkel. Richtig dunkel. Und darauf folgt der nächste Tag, das nächste Erwachen. Die Seele liegt da, schier unberührt, makellos, kein einziger Kratzer… Alles nur Einbildung? Traum? Aber dazu, darüber nachzudenken, kommt man mich, ist einfach nur dankbar, wieder Luft holen zu dürfen. Profane Bedürfnisse, die doch existenziell sind, werden vorne eingereiht.

Bereits nach 9:00 Uhr. Zumindest das zu bearbeitende Dokument von der Firma schon einmal geöffnet. Mit der Videoarbeit beginnen. Wann ich „Zeit und Muse“ für den Einlauf finde, weiß ich nicht. Um 13:00 Uhr droht der Termin mit der Volkshilfe. Als stünde am Lebensweg dieses Tages ein beängstigend aussehender Anhalter am Wegesrand der Zeit, in den haarigen und muskulösen Händen eine Axt, die Lederschürze, um die Hüfte geschnürt, blutverschmiert.
Und DA soll ich ERNSTHAFT stehen bleiben? So freundlich sein, und dieses fleischgewordene Monster mitnehmen, die nächsten 90 Minuten Fahrt, dem Abend, der Nacht und ihren eigenen Schreckgespenstern entgegen???
Ich weiß, dass der „Schlächter“ mit helfender Hand und lächelndem, wohlwollendem Gesicht gleich mit Übertreten der Schwelle die Axt schwingt und dem Tag mit einem Schlag das Genick bricht!!! Hektisch, denn es muss sich ja an die 90 Minuten gehalten werden!!! Zu viel wird gesagt, Lärm, Eingriffe in meine Privatsphäre, die ich auch noch selbst bezahlen muss, und wohl am schlimmsten, dass der bis dato vor sich hin schippernde Tag plötzlich mit der Zeit konfrontiert wird!!! Bekommt an irgendeinem Punkt die erste Deadline gesetzt!!! Und wenn man die Uhr erst einmal ticken gehört hat, vermag man nicht länger sich einzureden, der glücklichste Mensch auf Erden zu sein, weil man atmen kann, weil man lebt! Jeder Schlag des Sekundenzeigers bricht ein Stückchen der Illusion, das Leben für sich entdeckt zu haben, aus dem vermeintlich sicheren Fundament, auf dem man erst morgens wieder ganz neu zu stehen und darauf zu vertrauen gelernt hat. Ein Bruchteil nach dem anderen… Für mein Gefühl zu verfrüht! Die Sonne geht doch noch gar nicht unter!!! Und alles nur wegen Terminen und Zeitdruck!!!

Und dann soll ich nicht vor der Volkshilfe flüchten? Vor dem Eindringen in mein Haus, in meinen Tag davonlaufen? Er bricht doch sowieso jeden Abend in sich zusammen und lässt mich krepieren, ohne den Tod als Ausweg zu gewähren!!!

Keine Zeit. Und sich bereits jetzt damit auseinanderzusetzen ist so, als würde ich mir die Panikschlinge gleich selbst um den Hals legen und festziehen…

Erinnerungsfetzen an Familienurlaube. Hauchdünne Fragmente, so dünn, man kann regelrecht hindurch sehen, und würde man nun noch versuchen, sie zu fangen, lösten sie sich zwischen den Fingern unverzüglich auf.
Mir wird schlecht…

15:40
Mehr als 20 Tropfen Novalgin. Mit den Nerven am Boden. Warum bin ich nicht geflohen?…

18:20
Schmerzen und Angst. Die große Kuckucksuhr wirft ihre beiden Pendelketten um meinen Hals und zieht diese zusammen. Fester. Noch fester.
Mich nicht rühren können. Auf dem Sofa nicht sitzen können. Wieder läuft Wasser aus meiner Nase, nachdem ich mich gebückt habe. Die Arbeiten hier in der Wohnküche wurden für mein Verständnis nicht abgeschlossen. Die Spüle ist dreckig geblieben…

Kein Wunder, so viel wie du redest!! Du hast viel zu viel geredet!! Sie wird jetzt denken, du bist total gestört!!!
Wird auch Zeit!!!

Ein weiteres Mal auf meine „Neurosen“ die Küche betreffend eingegangen und hinterher das Gefühl gehabt, es übertrieben zu haben.
Deswegen das Novalgin. Aber gerade eben auf dem Sofa, bevor Sebastian nach Hause kam, wie von einem Scharfschützen abgefeuert, versteckt auf der gegenüberliegenden Hügelkette, traf mich die Panik in Bild und Ton…

Du kriegst nichts mehr gebacken! Dein Video…

Und sie zeigte mir all die Sachen, all die Aufnahmen, die es noch zu schneiden gilt…

Das wirst du NIE abschließen können!! Und morgen kommt schon wieder Sonja!! Hast du Sonja eigentlich letzte Woche freitags vergessen??! Und sie war da und stand vor verschlossener Tür???
Aber dein Video, du kriegst doch jetzt schon nichts mehr hin!!! Und draußen verpasst du alles!!! Und in einer Woche hast du wieder Sitzung, dann kommt wieder Brigitte, und die Volkshilfe und wieder die Volkshilfe und wieder Markus und wieder die Volkshilfe und wieder die Volkshilfe und wieder Markus und noch mal Markus und sowieso Markus und malen kannst du auch nicht mehr, gehen kannst du nicht, stehen kannst du nicht, deine Hände sind zu nichts zu gebrauchen, sitzen kannst du nicht…
DIR LÄUFT DIE ZEIT DAVON!!!…

Wie ein Stich ins Herz!!! Keine Sekunde mehr überlegen, sofort zur Tat schreiten, Schluss!!!

2018-07-15-LKH-Land der Schafe

18. Juli 2018, Mittwoch „Fassade versus Realität…“

17:24
Als Kerstin von der Caritas da war, um sich vorzustellen, meinte sie in dem langen Gespräch irgendwann, nach einer diesbezüglichen Äußerung meinerseits: „Du machst mir gerade nicht den Eindruck, sehr depressiv zu sein… Oder liege ich da etwa falsch?“. Ich nickte. Grinste…

Ein verdammt langer Tag und wieder nichts geschafft. 56,7 Kilo um 6:45 Uhr. Keine Verdauung. Die Luft in meinem Torso wird mehr und mehr. Mir ist so speiübel, als hätte ich einem „Nimmersatt“ gleich das Zwanzigfache von einer Portion verdrückt, welche ich normalerweise zu essen pflege. Als sei ich heillos überfressen! Doch in der Tat… Es ist lediglich Luft, die nirgendwo entweichen will und mir die Lungen quetscht.
Sebastian ist noch einmal weg, trifft sich mit Jan, ich allein und froh darüber. Ich denke, ich muss irgendetwas unternehmen. Ob dessen, was ich heute wieder von mir gegeben habe? Weil ich Markus‘ Thesen und Diagnosen zugelassen habe, weil dieselben Fakten im Buch von Michaela Huber zu lesen waren, sich alles erklärte, die Ängste beim Erinnern, diese von außen kaum zu verstehende Todessehnsucht usw. und so fort? Weil, weil, weil… JA! WARUM eigentlich??!!
Ein wunderschöner Tag. Unfähig, hinaus zu fahren. Unfähig, mich selbst nur hinaus zu denken! Völlige Überforderung, totale Erschöpfung, Resignation und Kapitulation…

Die nächste Nacht kaum geschlafen. Im Rettungswagen beinahe gekotzt. Beim Radiologen mitgeteilt bekommen, heute eigentlich gar keinen Termin zu haben. Da aber die geforderte Untersuchung viel kleiner ausfiel, als von den Sprechstundenhilfen eigentlich erwartet, wurde ich sofort dran genommen. Noch keinen Blick in das riesige Kuvert mit den Bildern geworfen, dem Befund noch keine Aufmerksamkeit geschenkt.
Das mit dem Antibiotikum war, wie ich bereits gestern sagte, völlige Idiotie! Der Urologe, mit dem ich heute kurz sprechen konnte, gab mir da völlig recht. Natürlich gibt es das Präparat auch in Tablettenform! Und natürlich wären die Augmentin genauso gut gewesen, wie gestern von mir zu Sebastian gesagt, als er in der Apotheke stand, dies den Damen mitteilte, sie aber ihm und schlussendlich mir widersprachen.
Endergebnis??!! Trotz fünf Tage hochdosierter Antibiotika mittels Infusionen, genügen die zwei Tage Pause, um die Antibiose völlig wertlos zu machen! Heute Abend muss ich erneut damit anfangen, eben -wie gestern selbst spekuliert- mit dem Präparat Augmentin!!! Welches ja dieselben Wirkstoffe enthält wie Curam!!! Einfach nur Kopfschütteln…

In meinem Schädel verdreht sich alles. Zum Teil das Gefühl, mit offenen Augen zu träumen. Realität, Erinnerungen und Träume gehen eine homogene Liaison ein. Ich bin völlig überfordert. Und hatte von einem Moment auf den anderen das dringende Bedürfnis, mich zu bestrafen. Der ganze Tag verschissen!! Während draußen das Leben an mir vorbeiläuft, das Jahr gnadenlos und ohne auf mich zu warten voranschreitet, abläuft, ich alles verpasse…
Alles schmerzte. Der Rücken und noch mehr mein blöder Hintern. Das Gefühl, von diesem nicht enden wollenden Druckgefühl in meinem Bauch Fieber zu haben, hat sich nicht bestätigt. Aber das macht die Missempfindung keineswegs erträglicher. Ich wackelig, instabil, unfähig, selbst nur für 1 Sekunde frei zu stehen, viel zu schwach für alles… Ich schluckte einfach so, einfach gleich, ohne nachzudenken, ohne Gewissensbisse 2,6 mg vom Hydal. Das Mittagessen hatte sich auf beinahe 16:00 Uhr verschoben. Es war doch nur Salat!!… Aber ich fühle mich scheußlich, als hätte ich gesündigt, alles noch schlimmer gemacht. Halte den Geschmack im Mund nicht aus. Erst recht nicht den Essiggeruch vom Plastikbecher, der immer noch drüben auf dem Sofa steht und die Unordnung verstärkt.
Die Dosis fuhr rein. Schlug ein. Kurzfristig fühlte ich mich angenehm berauscht. Doch weil das nicht sein darf oder es sich dabei um eine Nebenwirkung handelt, erschlug mich mit einmal kräftig Ausholen meine Panik. Ich sehe Menschen sterben. Ich sehe Kindheitserinnerungen. Das Unwohlsein schlingt sich um meinen Leib wie eine Würgeschlange. Wieder denke ich, alldem nicht entgehen zu können. Was auch immer dieses „Alldem“ sein soll! Die Ratio hat kein Mitspracherecht, braucht gar nicht erst ankommen mit irgendwelchen Zitaten aus dem Buch „Multiple Persönlichkeit“, welches ich heute Mittag beim Warten auf die Rettung gelesen habe.
Angst, vor Sebastians Rückkehr. Ich muss handeln. Dabei mein linker Unterarm förmlich zerfleddert. Die Haut löst sich zwischen den unzähligen Kratzern in dicken Fetzen. Eigentlich müsste man da erst mit Seife, warmem Wasser und einem Einwegrasierer für Klarheit schaffen.

Die Panik ist scheußlich. Unerträglich. Wie aus dem Nichts! Doch nur eine Nebenwirkung? Ebenfalls verstärkt durch die Müdigkeit, die ich nicht gewähren lassen will?
Meine Klingendose aus der Tasche zaubern. Die Vögel beobachten; Sebastian hat zumindest ein wenig Futter direkt auf die „Gästeterrasse“ des Vogelrestaurants gestreut. Meine Augen fressen sich fest, dissoziieren, wollen den Rest von mir mit sich in den Zusammenbruch reißen. Schlafen. Völlig unbeweglich.
Er meinte, um 18:00 Uhr zurück zu sein. Das wäre in 8 Minuten. Das Gefühl, keine Zeit zu haben. Das Gefühl, sterben zu müssen. Mich stante pede umbringen zu müssen. Die Klingendose landet selbstverständlich unterm Tisch…

Der dämliche Krüppel kommt nicht ran!!!

Schweißausbruch. Das Gesicht glänzt vor Speck, wie ein frisch gebackener Krapfen, schmierig, eklig, widerlich!!
Die auftauchenden Erinnerungen, angestoßen von diesem Lichteinfall draußen, nehmen mich erst recht in die Mangel. Die Hände klimpern. Während dieser ganzen Zeit hätte ich bereits mit dem Video weiter arbeiten können… Alles vergeudet!! Unwiederbringlich verschwendet!! Auf Nimmerwiedersehen!!!
Mir plötzlich schmerzlich bewusst werden, die letzten 20 Jahre nicht gelebt zu haben! Verpasst zu haben! Und ich denke noch: „Sebastian, tu dir einen Gefallen und bleib noch ein paar Minuten aus!…“. Im Garten, in den Büschen ruft ein Pirol. Macht mich noch unruhiger. Früher wäre ich sofort aufgestanden, losgerannt, hätte nachgesehen, ob ich ihn mit der Kamera einfangen kann… Ich spüre regelrecht, wie jeder seiner Rufe der Panik noch mehr Kraft verleiht, mich zu strangulieren!!!

So wird es nebenbei 18:02 Uhr, die Klinge in der Hand… Ist es die Richtige? Ich sehe mich 2001 im Gasthaus oben auf der Terrasse zu unserem Schlafzimmer sitzen, die Sommersonne geht unter, das Blut läuft in einem dicken Schwall aus der klaffenden Wunde am Unterarm. Bewegungsunfähig. Das werde ich jetzt nicht hinbekommen. Ich hatte doch Tücher und Verbände gewaschen. Irgendjemanden gebeten, sie aufzuhängen? Nur wen und erst recht WO?

Ich halte inne. Es kommt ins Stocken. Warum habe ich es seit meiner Heimkehr nicht geschafft, mich wenigstens mal für 10 Minuten aufs Klo zu setzen und der Verdauung eine klitzekleine Chance gegeben?
Draußen rumort es. Flugzeug? Auto?? Unruhe!!! Er darf mich nicht erwischen. Er soll das nicht sehen.
Die Augenlider schwerer und schwerer. Wäre ich auf dem Sofa geblieben… Unverzüglich wäre ich eingeschlafen. Dabei bemerke ich natürlich, zumindest im Ansatz, wie ich mich selbst soeben immer weiter in diese Gedankenspirale hineinschraube!!!

Ich bin so feige. Die erste Kante ist unbrauchbar. Die Zweite ebenfalls. Erst recht, wenn man dabei immer weniger andrückt.
Sieben Kratzer. Alle Kanten wertlos.

NIMM ENDLICH DIE FLACHEN SEITEN!!!

Oberflächlich. Ganz oberflächlich. 20 Stück. Als hätte ich keine Lust da drauf. Als würde es DARUM gehen!

Der Versuch, den letzten sauberen Strumpf überzustreifen. Im Buch heute gelesen, wie es nach der Abreaktion weitergeht. Wie eine erfolgreiche Traumatherapie am Ende aussehen könnte. Dass der Klient plötzlich anfängt zu leben. Keine Selbstmordgedanken mehr. Keine Schuldgefühle mehr. Das klingt alles zu fantastisch… Surreal…

Die Armstulpe komplementiert das verpfuschte Kunstwerk. Die restlichen Abendtabletten einwerfen. Noch unangetastet die volle Schale Milchtee. Das letzte Wort ausgesprochen, entflammt tief in mir an einer anderen Stelle ein weiterer Flächenbrand. Alles verdreht sich. Tief durchatmen. Versuchen, mit mir selbst Verträge auszuhandeln. Vielleicht darf ich ja doch zurück aufs Sofa, „Bares für Rares“ kucken, dabei einschlafen…

Dabei liegt im Posteingang noch Arbeit vom Büro. Beim Gedanken daran wird mehr noch schlechter.

17. Juli 2018, Dienstag „Empfang mit Pauken und Trompeten…

9:15
Der verzweifelte Versuch, alles Wichtige zu erledigen, die nächsten Tage und Wochen zu strukturieren. Eine halbe Stunde lang Telefonate führen, Termine vereinbaren, und doch noch nicht fertig.
Das Vogelrestaurant ist leer und macht mich nervös. Warum ich die Sachen nicht auf die Treppe stelle und mit dem Rollstuhl für wenige Minuten das draußen selbst erledige, bleibt wie so oft ein Rätsel…

Was grübelst du da noch drüber??!
FAULE DRECKSSAU!!!

Es wird ein schöner Tag, von hier aus im Süden keine Wolken in Sicht.
Die letzte Infusionsflasche hing gestern seit dem Frühstück, bis etwa 15:15 Uhr. Der winzige Venenzugang längst am Ende mit seinen Kapazitäten nach zwei oder besser gesagt drei Tagen. Ein Tropfen nach dem anderen, quälte sich noch zäher als sein Vorgänger in den Schlauch. Etwa 1 Stunde vor dem Abhängen, der Erlösung vom Venflon, kam die Sache unerwartet in die Gänge, schneller und immer schneller, mit einem leichten Pulsieren im linken Handrücken. Das hatte ich doch schon so oft erlebt, dazu die Hand, der Zugang dermaßen mit Mullbinde eingewickelt, damit dieser heilige Venenzugang bloß nicht das Zeitliche segnet!! Dementsprechend konnte ich nicht sehen, was sich unterdes im Geheimen abspielte. Mir fiel die Kinnlade runter, als Unterarm und Hand von all dem Krempel befreit waren: WASSERLEICHE!!!
Also eine gute Stunde lang war der größte Teil von dieser Infusion (sicherlich 500 ml) schnurstracks unter die Haut gewandert!! Die Vene hatte die Schnauze voll!! Oder tot, abgesoffen, ertrunken!!
Die Maße meiner Extremität nahmen obskure Dimensionen an! Regelrecht skurril, wie in einem Comic und jenseits von jeglicher Realität!!! Aber das Schönste daran: Durch die Einstichstelle im Handrücken wurde die Flüssigkeit gequetscht!! Genügte doch eine winzige Anspannung, die zumal den Eindruck verstärkte, die Hand würde jeden Augenblick an irgendeiner Stelle platzen, und es spritzte teils sogar durch die winzige Öffnung!!

Heute sind vielleicht gerade mal 50 % (wenn überhaupt) dem Entwässerungsmittel von gestern zum Opfer gefallen. Auch meine Füße waren dick geschwollen. 56,7 Kilo um 6:45 Uhr. Davon könne man nun eben auch jede Menge Ödem abziehen!

Ich konnte nicht schlafen. Wieder war ich bis 2:00 Uhr wach, las erst das Missbrauchsbuch, die Zeilen hüpften und tanzten wild vor meinen Augen auf und ab. Aber leider kein Indikator dafür, zugleich einzuschlafen. Tragischerweise fing ich wieder an, an mir selbst herum zu montieren. Zu kratzen, zu quetschen, mit dem dämlichen Gesichtsausdruck eines alten Affens! Nur mit dem Unterschied, dass die Tiergattung sich dabei nicht zum Affen macht… Nur bei mir sieht es dämlich aus!!

Eigentlich müsstest du dich in Grund und Boden schämen, du kotzt mich an!!!…

Vor lauter Konzentration (?), Anstrengung und noch viel mehr Besessenheit die Unterlippe weit nach vorne geschoben… Was für eine Witzfigur! Aber unfähig, das Licht auszuschalten und mich der Nacht auszuliefern.

Hinzu kommt noch ein anderer „Umstand“… Scheinbar ging es mir die letzten Tage im Krankenhaus einfach zu gut. Herausgerissen aus meiner beinahe schon krankhaften, dabei definitiv neurotischen Tagesstruktur. Keine Panik, wenig Panik; ich fühlte mich sicher. Leider… Kaum das Haus betreten, die Türschwelle passiert, stürzte die Panik euphorisch auf mich zu, brachte mich zu Fall, wie ein monströser Höllenhund, der sein Frauchen schon so sehr vermisst hat die letzten Tage, mit seiner nicht minder gigantischen Rute peitschend alles zu Kleinholz verarbeitend, während er sich nicht mehr einkriegt!!!…

Ich wollte mich abschießen. Ich wollte mich aufschlitzen. Natürlich auch voller Interesse, wie sich das mit der gespannten Haut verhalten würde… Würden die Schnitte zwangsläufig breiter werden? Käme auch Wasser aus den Wunden? Oder erst recht durch den Druck jede Menge Blut? Es juckte mir in den Fingern, ich wollte es unbedingt in Erfahrung bringen!!…

Sebastian machte mich nervös. Mit jedem Satz von ihm, jedem Schritt oben im ersten Stock, mit jedem einzelnen, noch so leisen Geräusch… Ich erschrak in einem fort!
Fertig! Fix und fertig!
Und da ich seit Ankunft im Krankenhaus keinen Stuhlgang mehr hatte, verhält es sich mit meinem Torso ähnlich wie mit dem Ödem! Der gesamte Darm scheint mit Luft aufgeblasen, die nirgendwo abgelassen werden kann, geschweige denn freiwillig entfleucht! Zerquetscht meine Lungen, meinen Magen, kann nicht atmen, nicht schlucken, nicht essen, mich nicht bewegen.
Und was es mit der Lähmung in der Rechten auf sich hat… Wer weiß. Ich blätterte gestern stundenlang voller Inbrunst andächtig durch mein „Galeriebuch“. Erlaubte ich mir ernsthaft von meinem eigenen Schaffen begeistert zu sein? Stolz zu sein? Und zugleich im Hintergrund das verwirrende Gefühl, gefühlt NIE fähig gewesen zu sein, SO zu arbeiten!!!
Dazu glich das Betrachten der Hochglanzdrucke mit seiner Emotionsmelange (in Wien wäre ich mit diesem Ausdruck der King) jenem Vorgang, wenn ich Lauffotos von mir sehe. Als betrachte ich eine längst beerdigte Leiche. Unwiederbringlich beerdigt, gestorben. Aus und vorbei. Nur noch ein Resthauch Leben, eine Bestätigung dessen, dass es mal da war, oder dass es mal existiert haben muss.
Ich vermag immer noch nicht darüber nachzudenken, was nun passiere, wenn ich nicht mehr malen kann…

Aber die nette Sozialarbeiterin am zweiten Tag hat ja für mich bereits Kontakte zur Caritas geknüpft, sollte so etwas wie letzte Woche wieder vorkommen und ich benötige dringend Hilfe.
Was bin ich für ein Glückskind!!
WIEDER gratis!!! Genauso wie die Psychotherapie mit Brigitte!!!
Und warum? Weil ich mich mit einer sekundär progredienten MS als Diagnose in der äußerst bequemen Lage befinde, im Staate Österreich in die Schublade „Palliativ“ zu fallen. Und die Kosten bei Todkranken werden vom Staat getragen! Ist es nicht fein, als todkrank zu gelten? Wenn andere bereits wissen, wie es mit dir (und erst recht: wann) zu Ende gehen wird? Ich freue mich richtig auf die Zukunft!!…
Zeitgleich höre ich zu diesem Gedanken meine Rasierklingen rufen…

Und verdammt! Die Zeit läuft davon, eigentlich wollte ich das Frühstück abblasen und sofort schlafen. Nichts da! Es gilt Träume festzuhalten, wichtige Träume, wie mir scheint!

Die letzte Nacht im Krankenhaus, auch da konnte ich nicht einschlafen, träumte ich frühmorgens doch davon, dass Sebastian ständig mit meiner Mutter unterwegs war. Sie steckten sozusagen unter einer Decke. Sie lief hier im Haus ein und aus, als sei es das Normalste der Welt. DAS allein missfiel mir schon! Doch als die beiden vom Einkaufen oder vielleicht auch irgendeiner Party nachmittags nach Hause kamen, schien sie bekifft zu sein! Ihr doch ständig von Wohlwollen gezeichnetes Antlitz veränderte sich zur Grimasse einer Verrückten! Sie sah nur mich so an; Sebastian bekam davon nichts mit, dementsprechend glaubte er mir auch nicht. Sie drohte mir mit irgendetwas. Ihr stechender Blick, das Zucken der Mundwinkel, jagten mir von einer Sekunde auf die andere eine Todesangst ein…
Grande Finale: Ich versuchte wieder einmal meine Kinderzimmertür abzuschließen!! Aber (wie gewohnt) scheiterte ich kläglich!! Das Türblatt war plötzlich viel zu klein für die Zarge; da konnte ich den Schlüssel dreimal herum drehen, da konnten fünf Riegel aus dem Schloss geschoben werden, sie griffen aber in keine Öffnung gegenüber!!! Und ich stehe da und drehe und drehe den Schlüssel, versuche die Tür auf die Seite der Zarge zu ziehen, dass der Riegel sich fest krallen kann… Aber sinnlos! Und ich weiß, das Unheil wird kommen! Es ist Tag, Ruhetag in diesem verfluchten Gasthaus, alles ist still, keiner wird mich schreien hören…

Der Traum von heute Morgen: Ich sah Kriegsschauplätze in Jennersdorf. Die Amis bereiteten sich auf einen Krieg mit den Russen vor, ich durfte bei einer Krisenübung mit dabei sein. Beängstigend. Und irgendwie war Jennersdorf zugleich auch Fürstenfeld, der Marktplatz dort, oder irgendeine Wiese auf den unzähligen Hügeln hier ums Haus. Ein Termin mit Brigitte war vereinbart, irgendwo in Jennersdorf wollte man sich treffen. Am Dorfende (bei der Post) marschierten wir beide los und musterten die Häuser, die die Dorfstraße säumten. Die ganzen Schaufenster. Wo dürften wir wohl unser Gespräch abhalten?
Es war bereits Nacht geworden, oder zumindest dunkel, wie eben im Winter, schon sehr früh. Schlussendlich hatten wir uns für den Kirchenplatz entschieden. Die Bänke standen da in kleinen Kreisen, gruppiert jeweils um ein Lagerfeuer. Es war angenehm, die kalten, klammen Finger dem warmen Licht entgegen zu strecken…
Doch dann tauchte meine Mutter auf! Setzte sich rotzfrech auf die Bank links von mir, und ohne jemals gefragt worden zu sein, begann sie damit, den neuesten Dorftratsch zu erzählen. Um irgendwie Kontakt zu mir herzustellen, ging es zuerst um das Schicksal diverser Klienten von vamos. Ich war erbost und auch Brigitte meinte, dass das so nicht gehen würde! Ich maßregelte meine Mutter, sie solle gefälligst woanders hingehen, niemand hätte sie eingeladen. Daraufhin sie egozentrisch und aufmüpfig: „Ich kann und darf hier überall sitzen, wo ich will, das ist ein öffentlicher Platz!!! Da hast du mir gar nichts zu sagen!!!“…
Meine Therapeutin und ich erhoben uns und gingen jeweils in unterschiedliche Richtungen. Sie blieb allein zurück, man sah ihr an, wie irritiert sie war. Bis auch sie aufstand, langsam davon schlenderte. Permanent hielt sie, mehr auffällig als sonst was, um sich umzusehen, wo wir als nächstes hingehen würden. Aber hauptsächlich ging es ihr um mich. Sie WOLLTE mich!!! Mit Haut und Haar, voll und ganz besitzen, regelrecht in mich hinein schlüpfen, in mein Leben und mich auf diese Weise töten.
Zugleich aber -was für eine Macke- vermochte ich nicht ihren Anblick zu ertragen. Von hinten, mit ihrem schwarzen Pferdeschwanz, der bei jedem Schritt von einer Seite zur anderen schaukelte, sah sie aus wie ein kleines Kind, das keine Freunde hatte, das niemand lieb hatte, niemand einlud… Und nun verstieß auch noch ICH sie. ICH, IHR eigen Fleisch und Blut, IHRE Tochter!! Die ihrerseits nicht minder egozentrisch eigenen Zielen folgte, um irgendwie Heilung zu finden. Wie undankbar von ihr! Aber definitiv, und davon am meisten: WIE GRAUSAM!!! Wusste ich doch ganz genau, dass sie jetzt nach Hause geht und nur wegen mir weint.
So musste ich über Konsequenzen, über Bestrafungen nachdenken. Wozu es schlussendlich nicht mehr kam. Eine wilde Hetzjagd durch den kleinen Ort, der eigentlich nur aus einer Straße mit Häusern auf beiden Seiten besteht. Sie verfolgte mich. Sie war besessen. Und ich total verzweifelt. Mich aber sehr wohl fragend, ob meine Meinung über sie tatsächlich der Wahrheit entspräche, oder ich nicht auch irgendetwas fehlinterpretiert haben könnte, Missverständnisse fehlgedeutet, haltlose Unterstellungen zu meinem Todschlagargument hochstilisiert, warum ich keinen Kontakt mehr mit ihr wünsche. Ab und an hatte sie mich beinahe erwischt. Ich versteckte mich. Verkleidete mich. Warf mich unter parkende Autos, wenn sie vorbeifuhr. Gab einmal sogar vor, zusammen mit Sebastian ein besoffenes Pärchen zu sein, das es da hemmungslos vor der dunklen Polizei miteinander auf dem Gehweg trieb, und zuletzt auch noch einen Alkoholiker mimend, die Kapuze vom Pulli tief ins Gesicht gezogen, eine große Rumflasche in der Hand. So überquerte ich direkt vor ihr einmal den Fußgängerüberweg.
Als ich dann endlich wieder auf Brigitte traf, war die Zeit bereits um. Ich war stinksauer auf meine Mutter, wusste genau, was diese sagen würde: „Ist doch nicht so schlimm, wenn die Therapie ausfällt! Ich bezahle das schon!!“.
Am Ende traf man dann doch aufeinander. Der Wunsch in mir, ihr alles zu erklären, erst recht mein Verhalten, war zu groß. Sebastian fungierte als Dolmetscher (glaube ich), aber definitiv als Schutzmauer zwischen uns.
Es stellte sich heraus, zumindest behauptete sie das oder ich hatte das Gefühl, es sei so, dass wir mit demselben Fluch versehen waren. Dass wir beide gleich, mit demselben Schicksal gezeichnet waren. Auf eine magische Art und Weise Auserwählte seien und ich würde ihr Erbe antreten müssen. Also wie konnte ich sie nur vorverurteilen, wenn wir doch im selben Boot saßen?
Die letzte Szene: Wir fuhren mit unserem Auto durchs nächtliche Dorf, meine Mutter auf der Rückbank und wir suchten nach Antworten. Nicht ganz sicher, ob wir nun tatsächlich dasselbe Ziel verfolgten oder alles ein riesengroßer Betrug sei, der kriminelle Versuch, mich in die Irre zu führen?… Ich sah Kinder an einem Bachlauf. Der Bachergrabenbach floss in die entgegengesetzte Richtung, nicht nach Jennersdorf, sondern von dort aus zu seinem Ursprung unten im Graben, bergauf zu unserem Haus. Eines der Kinder war ich…

Die Geschirrspülmaschine piebste permanent, als ich nach meiner Heimkehr erschöpft aufs Sofa gesunken war. Das erinnerte mich an eine Fahrt nach Oberwart, Cortisontherapie, langer und anstrengender Tag, ich allein zu Hause und irgendein Gerät schimpft in kleinen Abständen von vielleicht einer Minute.
Die Ahnung dieser Erinnerung wurde zum Schlüssel, wurde zur Aura, zu dem warnenden Vorgefühl, gleich die Kontrolle über mein Denken und Handeln zu verlieren, mit Erinnerungen überschwemmt zu werden, vermeintlich harmlos und doch begleitet von der Panik, umgebracht zu werden. Soweit kam es nicht… Also kein wirklicher Kontrollverlust. Keine dissoziative Absenz oder Flashback. Aber stattdessen sehr wohl aus dem Nirwana geschossen Erinnerungsfetzen an längst vergessene Zeiten. Angerichtet auf einem Salatbouquet von Ängsten.

Da gab es ein Zitat im Buch von Michaela Huber, in dem sie eben die Aussage einer Koryphäe (Pierre Janet, meine Mutmaßung) bemüht: „…So kommt es zu einer Erinnerungsphobie (bei einer Abreaktion/Erinnern des Traumas), nicht nur vor Flashbacks. Sondern zu einer generalisierten Angst vor jedweder Sorte Erinnerung, ob gut oder schlecht!!..“ (frei interpretiert von mir, wie ich den Satz verstanden habe).

Sprich (wie z.B. bei mir): Schöne Kindheitserinnerungen, ohne sichtbaren Makel, aber als Einlage in einer vergifteten, ungenießbaren Suppe schwimmend!!

So trat ich gestern dann im Zustand des „Vorflimmerns“ zwischen Fetzen 1 und 2 kurz in Kontakt mit dem inneren Kind, fragte, wovor die Angst rührt, was als Nächstes geschehen sein könnte…
Sie nahm mich mit in Fetzen 2, der die Fortsetzung von 1 zu sein schien. Ich sah das Kind, war das Kind, sah und fühlte, was es fühlte, um zugleich wie auf einem Bildschirm mit der Kleinen zu kommunizieren. Denn sie drehte sich in der Szene im Gastzimmer (nachm., Sommer, einiges los) zu mir um, während das Treiben drum herum -meiner nicht gewahr- ganz normal, wie in diesem Moment in meinem Leben vermeintlich GENAU SO stattgefunden und abgespeichert, weiter lief. Ich fragte das blonde Mädchen: „Warum immer Nachmittag, die ganzen Erinnerungen… Hast du davor Angst?“. Sie sah mich an, hinter ihr vor den Fenstern wurde es dunkel, Licht an der Theke, es roch nach noch mehr Tabak und verschüttetem Alkohol…

Ging sie allein? Hab ich sie, in ihr steckend, bewusst gesteuert? Oder das ihre Antwort auf meine Frage?
Kurz sah ich mich durch ihre Augen an einem der Tische im Tanzsaal sitzend. Allein. Schummrige Beleuchtung, zwei Räume weiter Abendbetrieb. Vor ihr/mir das Stickeralbum, ich muss 10 oder 11 sein.
Und dann eben, wie sie die zuvor beschriebene, nun verdunkelte Szene verlässt, raus zum kleinen Vorraum, im Herzen der grauen Burg.

Dort steht das Telefon gleich rechts an der Wand. Die Tür rechts führt ins Wohnzimmer. Daneben gerade aus ins Bad, links daneben gerade aus die drei Stufen runter in den erdrückend dunkel verfliesten Gang zum Magazin links (Vorratskammer, alte, weiße Tür), weiter kommt rechts die Damentoilette (in Moosgrün und Tannengrün gehalten, erst links das Waschbecken, dann noch ne Tür und das eigentliche Klo), hin zur letzten Tür, ebenfalls rechts (erst Pissoir li. und Waschbecken re., geradeaus winziges Kabuff für die Kloschüssel, alles mit dunkel furnierten Türen). Die Herrentoilette dunkler als die für Damen.
Erinnere mich plötzlich an den uralten Kondomautomaten neben dem Waschbecken bei den Männern. Oder gleich neben der Tür.
Der Flur mündet im Hinterausgang, vergitterte Glastür.
Aus DER Richtung kam der Perversling, als ich 9-11 Jahre war, noch zur Volksschule ging. Dieser Mann, den man ja nicht anzeigen durfte; zuerst, weil er „ein Gast war“ und „der Kunde ist König“, tags drauf weil er Frau und kleine Kinder hatte, die ja traurig gewesen wären, hätte man den Papa eingesperrt…

Also packte er mich, die dunkle Glastür zum Gastzimmer geschlossen, aber er stand mit mir ohnehin in der Ecke, vor der letzten Abzweigung in dem kleinen Flurraum mit dem Telefon, links neben dem dunklen Flur, wo es immer nach Urinstein stinkt, ebenfalls gerade aus die hell verfliesten Stufen hoch, zu Kinder- (li.) und Eltern- sowie Gästezimmer (rechts weiter, nächster langer Flur), dazwischen noch der Aufgang zum Dachboden (graue o. weiße Brandschutztür)…

Durch die braun getönten Scheiben der Zwischentür von Gasthaus und Flur wäre es rein optisch nicht möglich gewesen zu sehen, wie er mich an sich ran presst. Wäre meine Mutter zufällig von der Gastube aus durch die Küche, von dort ins Wohnzimmer weiter, hätte sie die dunkelbraun furnierte Tür geöffnet, hinaus zu diesem winzigen Raum, der Kreuzung des Hauses, hätte sie direkt vis-a-vis ihn am andren Ende stehen gesehen, wie er gerade meinen Kopf mit Küssen überzieht, mich abschleckt… Mein Gesicht, meinen Mund auch?…
Aber meine Mutter war hinter der Theke geblieben, vielleicht 2,5m Schrank und Mauer zwischen uns.

Aber ich in mir, sehe im Bildschirm die Kleine von hinten. Sie verweilt da an dieser Stelle zwischen Schrank und Treppe, vor dem Heizkörper mit den vielen weißen Lackfarbnasen lediglich einen Atemzug lang. 90° nach rechts von dem Ort, wo sich dieser ekelhafte Kerl mit Schnauzer kurz meiner ermächtigt hatte, zur Treppe. Sie erklimmt das Treppenhaus, den ersten Teil. Schafft aber die 180° nach rechts, den 2 Treppenteil nicht mehr…. Das Bild verschwimmt, hektische Erinnerungskanalsprünge!!!
Und Raus aus dem Bild. Andere Erinnerung. Draußen. Harmlos…

18:50
Unzählige Anrufe. Einer von der Uro: Der festgestellte Keim ließe sich nur mit Infusionen behandeln; von Sebastians Anruf und der Bitte, das Ergebnis nach Fürstenfeld zu schicken, wusste keiner was.
Das Thema noch nicht ausdiskutiert. Die Apotheke meinte, den Wirkstoff von den letzten Tagen gäbe es NUR als Infusion, nicht in Tablettenform. Das Internet sagt was anderes. Also fallen die Einnahme heute und morgen aus. Morgen nochmals in Oberwart anrufen und klären, ob die verabreichten Antibiotikainfusionen mit Curam vielleicht schon der richtige Wirkstoff waren. Der Arzt in Fürstenfeld meinte ja widersprüchlich, als ich dort ebenfalls anrief, dass es keine Keime gibt, die nicht mit Tabletten behandelt werden können. Zumal im Uricult vom Donnerstag der Notfallambulaz auch nicht die Rede von so einem Spezialerreger war…

Wer kennt sich jetzt noch aus???
Gratulation!!!
Ich nämlich längst nicht mehr.

Fühle mich krank. Nichts geleistet. Wieder Fieber? Nach dem Anruf der Urologie (oder bereits vorher) die nächsten Blasenkrämpfe. Draußen beginnender Abend. Ich hasse mich!

PLATZ ENDLICH, DU FETTER, AUFGEDUNSENER LUFTBALLON!!!!

Noch weniger Luft. Kopfschmerzen. Rückenverspannung. Ischias.

Noch ein Nachwort: Sebastian las mittags laut den vorläufigen Entlassungsbrief vor. Mir stockte der Atem. Mir blieb die Luft weg, hatte es nicht gesehen. „…Emotional instabile Persönlichkeitsstörung, Typus Borderline…“, und fügte hinzu: „Die nehmen dich einfach nicht ernst!“.
WIE OFT habe ich die letzten Tage Schwestern und Ärzten gegenüber voller Inbrunst versucht, Aufklärungsarbeit zu leisten??? Dass Selbstverletzung NICHT Borderline bedeutet??!! Und die ganze restliche Litanei???
Und man gibt mir das Gefühl, mich ernst zu nehmen, kein Widerspruch, Zustimmung, Kopfnicken… Um dann wieder von hinten das Messer zwischen die Schulterblätter gerammt zu bekommen??

12. Juli 2018, Donnerstag „Siechtum Teil 2…“ (kompletter Nachtrag)

8:31
66,6 Kilo um 6:00 Uhr. Abzüglich der Menge, die gerade eben wieder in die Windel gegangen ist, wären es sicherlich 66,5 oder 66,4. Davon sieht man an mir nichts. Zu allem Überfluss die Füße dick geschwollen! Lediglich nachts, als ich raus musste, meine Visage etwas bleich. Aber vielleicht verwechsle ich diesen Anblick nun mit jenem Spiegelbild in meinem Traum. Denn irgendwann hab ich geschlafen. Erst vermochte ich nicht einzuschlafen. Also las ich. Bis die Zeilen verschwammen, ich immer wieder im Text die zuletzt gemerkte Stelle suchen musste. Die Stelle im Buch ergab wieder eine 100-prozentige Übereinstimmung mit meinen Symptomen. Das wühlte mich so sehr auf, sodann war es erst recht unmöglich zu schlafen. Und Sebastian schnarchte. Es dauerte und dauerte und ich wurde wieder putzmunter. Schmökerte weiter. Bis mir das Psychopax einfiel, dass ich dieses doch ins Schlafzimmer mitnehmen wollte, ärgerte mich über mich selbst, und wurde dann auf der Suche nach Buscopan auf meinem Nachtkästchen zumindest die Benzos betreffend fündig. Zehn Tropfen. Es war irgendwann nach 3:00 Uhr. Vermutlich 3:30 Uhr. Endlich, ich konnte schlafen. Bis um 5:00 Uhr… Mein Darm! Selbiges noch einmal kurz vor 6:00 Uhr. Das lief alles glatt, keine Unfälle…

Aber natürlich… Kaum bin ich allein, das nächste Fiasko!
Kann sich ein einigermaßen gesunder Mensch vorstellen wie es ist, stocksteife Beine zu haben und dann zu versuchen, diese in eine Windel zu stecken??
Es dauerte mindestens 6, wenn nicht sogar 10 Minuten. Und dann habe ich das beschissene Ding doch tatsächlich schon wieder falsch herum angezogen!!
Werde schwächer und schwächer. Zurückgekehrt zum Thermometer greifen… 37,8 °C.
Ich vermag weder meine Arme zu heben, noch die Tastatur zu bedienen.
Mein Ischias schmerzt so pervers, ich kann nicht mehr sitzen. Nicht einmal liegen. In mir pulsiert etwas. Aber tatenlos wird minutenlang ins Nichts da draußen gestarrt. Ich weiß nicht, welcher Schritt der nächste sein sollte oder wieder nur der falsche wäre.
Mein Schädel platzt. Vom Headset. Von den Oropax nachts schmerzten die Ohren.

Die nächste Frage aufwerfen: Was macht unsereins in dieser Situation, mit leichtem Fieber geschlagen zur völligen Unbeweglichkeit verdammt, und sich dann permanent in die Hose machen, als sei man hinterher in der Lage, die Unterwäsche zu wechseln. Geschweige denn SICH DEN HINTERN SELBST ABZUWISCHEN!!! Man keinen Transfer mehr hin bekommt. Auf dem Rollstuhl nur noch zusätzliche Schmerzen ernten. Was machen die Leute? Gehen ins Krankenhaus? Gleich ins Pflegeheim, vorübergehend? Oder holen sich für sehr, sehr viel Geld eine Ganztagespflege ins Haus?? Und müssten selbst darauf noch eine Ewigkeit warten, weil man eine solche nicht von einem Tag auf den anderen bestellen kann?
Und Sebastian darf wohl keinen Pflegeurlaub mehr nehmen. Hat diesen verbraucht.
Wortwörtlich eine beschissene Situation…

19:29
Und ich dachte schon… Das beschissene Diktierprogramm hätte in den Wochen der fehlenden Nutzung des Notebooks plötzlich den Geist aufgegeben…
Tatsache: Es hat nun 15 Minuten benötigt, um hochzufahren.
Mein E-Mail-Programm funktioniert hier nicht, aus welchem Grund auch immer. Wollte ich doch, dass mir Sebastian, wenn er wieder zu Hause ist, den Anfang des heutigen Eintrags hierher schickt.

Ich habe nicht die Kraft, den Mist noch einmal wiederzugeben. Mein Hals kratzt, ich bekomme nur schwerlich Luft. Kurz um: Der gestrige Tag ging in die Verlängerung. Aber kaum hatte sich Sebastian verabschiedet, musste ich das erste Mal aufs Klo… Schon wieder zu spät. Und man frage nun nicht, wie viel Kraft und Zeit das Wechseln der Windel gekostet hat! Ich kam auf 38 °C!
Zurück im Wohnzimmer; ich aß lieber Salzbrezeln zu meinem Tee. Der warme Tee donnerte einmal durch meinen Organismus, mein Gedärm setzte eine letzte Warnung ab, während ich verzweifelt versuchte, die Heizdecke vom Rollstuhl zu reißen. Aber sie ging nicht ab, hing irgendwo und irgendwo saß ich auch drauf…

Um mir sodann volle Breitseite in die Hose zu scheißen…
Ich griff zum Telefon, rief Sebastian, hörte nur noch ganz kurz seine Stimme, um zugleich auf dem Handtuch, das den Rollstuhlsitz vor mir schützen sollte, gemeinsam mit diesem vom Rollstuhl zu rutschen, ganz langsam, ich kam sogar noch dazu, aufzulegen, und dann landete ich unterm Tisch, eingeklemmt zwischen Computertower und Rollstuhl. Halb saß ich auf den Fußstützen. Es hat alles nur noch weh getan, kurz vom nächsten Nervenzusammenbruch, und die Scheiße lief weiter aus mir raus…
Er rief sogleich besorgt zurück. 5 Minuten später kam er zur Hintertür rein. Das ganze Procedere noch einmal, von wegen Waschen, Windelwechsel, andere Klamotten… Es hatte ALLES erwischt! Sebastian reichte es. Gelinde gesagt mir ebenfalls. Er drückte sogleich auf den roten Knopf vom Rotkreuz-Kasten. Der junge Mann am anderen Ende verstand mich nicht richtig und meinte wohl, dass so etwas nicht unbedingt der Rettung bedürfe. Es würde ohnehin länger dauern. Bis sie eintrudelten, war Sebastian längst fertig damit, mich zu waschen und umzuziehen, war gefahren und ich hatte mir wieder in die Hose gemacht. Und verzweifelt sowie vergebens versucht, mir die Zähne zu putzen. Meine Hand macht nichts mehr!!!
Ich wusste nicht einmal, wohin wir fahren würden. Zum Glück, ZUM GLÜCK FÜRSTENFELD!!!

Alle total nett und lieb zu mir. Und ich hatte wieder zu viel geredet. Viel zu viel. Ein Venenzugang war nicht möglich. Nach einer Ewigkeit stach jemand endlich die Halsvene an. Der attraktive, freundliche Arzt meinte dann auch noch: „Nun ist es aber gut, dass sie hierhergekommen sind!! Ich werde Ihnen die Sozialarbeiterin vorbei schicken, die wird sie dann aufklären darüber, wie sie gerade in solchen Fällen rasch Hilfe bekommen. Es gibt für alles eine Lösung!“. Das beruhigte ein wenig, eben ganz besonders, „nur mit einem Durchfall“ hier mit der Rettung anzutanzen. Ich bekam etliche Flaschen angehängt, kein Mittagessen. Und sowas von freundlich, gleich geduzt werden ist schon die Wucht!…
Aber kaum hatte man mich hier ins Bett verfrachtet, mit einer Dekubitusmatratze unter mir, die sich ständig aufbläst und mich wie auf hoher See hin und her schaukelt, war es dann endlich soweit…

WAS HAST DU SCHON WIEDER ANGERICHTET???!
WAS LABERST DU FÜR EINEN SCHWACHSINN??!! DU WILLST DOCH NUR MITLEID HABEN!!
JETZT REICHT ES LANGSAM!! WAS BIST DU FÜR EINE UNSÄGLICHE BELASTUNG???!
MACH JETZT ENDLICH SCHLUSS, ES REICHT!!!

Eigentlich konnte ich längst nicht mehr die einzelnen Sätze vernehmen. Aus dem Wortschwall wurde ein Gefühl. Ein Gefühl mit klarer Botschaft: „Ich habe es nicht verdient, dass man so nett zu mir ist! Erst recht nicht, dass es mir gut geht!“… Mal im Ernst: Bei Beschreibung meiner psychischen Problematik, wie sich das aktuell alles darstellt, ein kleiner Diskurs durch meine Kindheit, wie was zusammenhängen könnte… Ich habe mir das alles selbst abgekauft! Und ich war verzweifelt und bereits zu diesem Zeitpunkt kurz davor zu flennen. Alles erschien so klar…
Hier im Zimmer, im Bett, liebevoll versorgt; mMeine Augen wurden geflutet. Doch just in dem Augenblick betrat eine Psychologin den Raum. Sie meinte, mich vielleicht schon zu kennen. Auch ich hatte so ein vertrautes Gefühl… Vielleicht damals Anfang 2000 während der einjährigen Chemotherapie, als ich zwischen all den Krebspatienten saß und auch mir zugute kam, ein Gespräch mit der Psychologin führen zu können. Vielleicht war man auch aus anderen Gründen in den ganzen anderen Aufenthalten hier bei mir, von wegen Nachfragen, wie ernst man meine Suizidgedanken nehmen müsse.
Und wieder, SCHON WIEDER habe ich zu viel erzählt, geredet, mich aus dem Fenster gelehnt mit meinen Hypothesen…
Ich sollte dann noch einen Vertrag unterschreiben, mir hier nichts anzutun.
Natürlich wurden mir meine Medikamente weggenommen.

Etwa 1 Stunde nach meiner Ankunft hier, als ein Pfleger im Untersuchungsraum einen Witz erzählte (ich klimperte unterdes bereits seit einer Ewigkeit), hätte mich jedes fünfte steirische Wort aus seinem Mund beinahe getriggert und wegtreten lassen… Immer wieder dieses „schua“ (schon)… Eine klassische Aura!

Das kam NUR davon, weil du dieser jungen Ärztin diesen ganzen Blödsinn gerade erzählt hast!!!

Scheinbar bleibe ich bis Montag.
Dreimal sollte ich unterschreiben. In der Rettung, einen Zettel, dass man mich aufnehmen und behandeln darf und zuletzt eben den Lebensvertrag. Spätestens dieses Gekrakel war nicht mehr als meine Unterschrift zu identifizieren. Wie ein ganz kleines Kind, das erste Mal mit einem Stift in der Hand, oder eine gebrechliche 100-jährige, die wenige Sekunden vor Aushauchen ihrer Seele ein Testament unterschreibt.

DU WIRST NIE WIEDER MALEN KÖNNEN, hast du gehört??!!
JETZT IST SCHLUSS MIT DEM MIST!!!

Meine Beine krampfen. Seit Stunden. Erst hatte ich Schüttelfrost, stundenlang. Jetzt sind die Beine zu heiß geworden. Trotz der noch einigermaßen kalten Gelpacks, die mir zuvor ein freundlicher „Bruder“ gebracht hat, springt die neuropathische Spastik fröhlich weiter von einem Bein zum anderen; ich kann über nichts nachdenken! Mein Gehirn ist völlig leer! Ich konnte keine Medikamente benennen, geschweige denn wusste ich, wie meine eigene Homepageadresse lautet… Andererseits: Wen interessiert dieser Scheißdreck schon…

Vor der offenen Terrassentür im Abendlicht ruft ein Schwarzspecht. Meine Fersen brennen. Mein Ischias, mein Hintern brennt. Mein Rücken schmerzt. Der Schädel hämmert. Im Hals kratzt es vielversprechend. Und würde ich sitzen, bekäme ich unverzüglich den schmerzhaften Druck in den Eingeweiden und erst recht in der Blase zu spüren…

Und zu allem Überfluss setzt nun auch noch Panik…

13. April 2017, Freitag „Sicherer Ort…“

9:21
Und wieder dauerte es eine Ewigkeit, bis das Diktierprogramm bereit für die Zusammenarbeit ist. Nach Waschen und Frühstücken weiter im Buch gelesen. Es ist nun WIRKLICH das dritte Mal… Oder bereits das vierte Mal? Und mit jedem Mal schockiert es mich mehr, als läse ich es zum ersten Mal. Da tun sich wieder Fragen auf, neue Wege, scheinbar verworrene Netzwerk meiner Gedanken, Verknüpfungen. Mir drängen sich gewisse Kindheitserinnerungen auf und schreien regelrecht danach, sie sich zum 1000. mal anzusehen… Vielleicht hat man die ersten 999 Male etwas übersehen?…

Die Frage, die da primär aus dem Äther angeschwommen kam, oder besser gesagt Erinnerung, war jene: Ich sehe mich in der Küche stehen….

DU WIEDERHOLST LEDIGLICH DENSELBEN SCHEISSDRECK WIE ER!!!
Das grenzte schon an Gehirnwäsche!!!

Beim Lesen vom Buch, glaube ich das nicht. Die detaillierte, schockierende Erzählung der ersten Vergewaltigung geht in meinem Fall dermaßen unter die Haut. Ihr Ekel vor Waschmaschinen, auf der er sie „einfach genommen“ hat, vor dem Badezimmer…
Ich war sofort wieder in meinem eigenen Film, in der Küche, dem Abfluss, den Kühlschränken, Schimmel, Ekel und erst recht jener vor Lebensmitteln. Also Sachen, die einem in den Mund gesteckt werden, obwohl sich dein Körper vom Scheitel bis zur Sohle dagegen wehrt, alles ausspeien will, demjenigen, der es da hineinstopft, wie auch sie es im Buch beschreibt, direkt ins Gesicht, in den Mund, damit er oder sie sich mit seinem eigenen Dreck beschmutzt… Aber damit wirst du am Leben erhalten. Oder redet man es dir nur ein?

Es ist doch genau DASSELBE! DAS GLEICHE! IDENT!!!
Zumindest fühlt es sich beim Lesen so an. Da existiert eine Verbindung, die gerade dieser Tage breiter und breiter wird…

…….

Beim Lesen wurde mir schlecht. Ich habe mich mit ihr, mit ihren Worten ebenfalls von meinem Torso getrennt, abgespalten. Ich habe ihn weg dissoziiert…

Kopfschmerzen. Das Headset, schlecht geschlafen, die Sinusitis… Weiß der Teufel! Mein Schädel wird wieder ganz heiß und ich kämpfte gestern um meine Überlegung, auch wenn man nun mit einem Ohrthermometer tatsächlich 0,5 °C abziehen sollte, es für den MS-Kranken eine Katastrophe ist, wenn eben nur der Schädel glüht, weil dort eine Infektion stattfindet. Ist dem Gehirn am nächsten und, das sagt mir zumindest meine Logik, beeinflusst somit, auch wenn man offiziell nicht von Fieber sprechen kann, die Leitung der Nervenbahnen ganz gewaltig… Oder liege ich falsch? Wenn man zu viel Sonne auf den Kopf bekommt, fühlt man sich doch auch wie bei einem heftigen Schub, oder nicht? Wird sich erst zeigen, was von dem ganzen Mist wieder hängen geblieben ist, oder ob es schlimmstenfalls das Potenzial hatte, einen echten Krankheitsschub auszulösen?

11. Juli 2018, Mittwoch „Siechtum…“

(nicht korrigiert!)

9:39
Der Körper besticht mit einem neuen Spektrum an Schmerzqualitäten… Die letzten 60 Minuten saß ich auf der Toilette.

Abends ein Säckchen Molaxole, meinen Darmschmeichler. Um 4:00 Uhr wachte ich auf. Im Gedärm steckte eine riesengroße steinharte Kugel. Es schmerzte, was wiederum Krämpfe in den Beinen auslöste.
Gleich morgens saß ich 20 Minuten auf der Toilette. 58,5 Kilo das vorläufige Endergebnis. Beim Frühstück dissoziierte ich mehr als zu essen. Um dann mit dem Rollstuhl hastig wieder ins Bad zu fahren… Für eben eine Stunde…

DU DRECKSAU!!!

Ich habe das Klo verstopft!! Und zu allem Überfluss, die Bauchschmerzen fangen schon wieder. Wäre es wenigstens Durchfall…
Sebastian hatte mich morgens aus dem Traum gerissen. In diesem war ich soeben auf der Suche nach einer Toilette, längst dabei, mich anzuscheißen. Lediglich ein Teil erschien wichtig: Ich hatte den Rollator auf meinem Weg nach Jennersdorf verloren. An einer Stelle des Waldes hörte ich in der Nähe einen Traktor, der immer näher und näher kam, aber ich vermochte nicht auszumachen, aus welcher Richtung…

10:16
Gesagt, getan! Durchfall! Aber zum Glück löst sich endlich die Verstopfung in der Toilette!!
Morgens bereits 37,7 °C…

Traum:… Also ich wusste nicht, aus welcher Richtung ich den Traktor hören konnte. Ebenfalls waren Kettensägen zu vernehmen. Ich stand an der Kreuzung, 2 km von hier entfernt, und die Situation unübersichtlich und erst recht bedrohlich. Ich musste davon ausgehen, dass jederzeit ein Baum umfallen könnte (weil er umgesägt würde) oder die großen, schweren Maschinen mich übersehen und dann platt walzen könnten!!!
Ganz plötzlich hatte ich eine Idee, bzw. schien es mir logisch, und in meinem Kopf sah ich bereits, wie es ablaufen würde! Der Baum fiele um, würde mich nur um Haaresbreite verfehlen, ich mich fürchterlich erschrecken und durch diese Retraumatisierung würde ich in der nächsten Sekunde abdriften, in eine Absenz stürzen… Und in dieser Trance sah ich bereits irgendwelche Erinnerungen, wie hinter einer Nebelwand, die Stimmen und die Geräusche ganz dumpf und undeutlich…

Jetzt ist es genau wie gestern! Der Tee schmeckt gut. Bis nur noch etwa ein Drittel da ist. Und wie eben schon gestern plötzlich völlig ungenießbar! Bitter wie Galle!! Widerlich!! Und schade drum…
Bin ich krank? Mein Schädel fühlte sich so schwer an, sank ab und an auf der Toilette auf meinen Schoß… Und es brannte und brannte, wie ein Lauffeuer ausgehend vom linken Nasenloch hoch in die Stirnhöhlen, hinein ins Gehirn (vermeintlich). Dann eben auch noch diese Baustelle!
Ob es mir lieb ist oder nicht: Die Fragen tun sich wieder auf wie unterschiedliche Türen in unterschiedliche Richtungen. Man muss sich entscheiden und dann die Verantwortung für den eingeschlagenen Weg übernehmen! Krank? Alles die Tabletten? Ein Schub? Immer noch die Sinusitis? Alles zusammen oder nur einzelne Antworten in Kombination?
Wenn man es selbst nicht erlebt hat, vermag man sich kaum eine Vorstellung davon zu machen: Die Hose jedes Mal wieder hochzuziehen kostet so unglaublich viel Kraft; zumal Stehen fast nicht möglich ist, ständig am Wanken, Umfallen.
Und deswegen habe ich mich jetzt beim letzten Toilettengang ihrer entledigt. Das Oberteil ist nicht so lang, aber um die Windel zu verbergen, reicht es gerade. Im Mund klebt alles zusammen. Selbst das Leitungswasser schmeckt bitter. Der letzte Stand von meinem Gewicht: 57,5 Kilo.

Und da fragt Sebastian morgens ernsthaft: „Was willst du zum Mittagessen haben?“.
ICH WEISS ES EINFACH NICHT!!! NICHTS SCHMECKT MEHR!!! Ich hab so was von ÜBERHAUPT KEINE Idee, worauf ich Lust hätte!!! Ein Bissen und dann abdriften, dissoziieren und mit offenem Mund Maulaffen feilhalten…

Da fällt mir gerade ein, im Traum Fotoalben gesehen zu haben, die Sebastian bei meinen Eltern für mich abgeholt hat. Nur hatte er sie im Auto vergessen. Als ich sie sah, bekam ich bereits einen Flashback, obwohl ich mich zugleich nicht an die Alben erinnern konnte. Was würden sie mir für Erkenntnisse eröffnen?

Und ist nun erst mal Ruhe, bitte? Mich hinlegen, auf das neue Möbelstück, für etwa 350 €. Wieder wird nichts fertig. Alles bleibt liegen. Soll ich froh sein, dass es seit gestern Abend regnet? Meine Stimme versagt, der Hals kratzt, die Lippen miteinander genauso wie die Zunge an den Gaumen getrocknet, haften aneinander. Das Gefühl in der Nase wird schlimmer. Es pocht, obwohl ich aufrecht sitze.

12:00
DIE KRÖNUNG!!…
Rumpelstilzchen hatte seine Freude, ich sah mich Selbstmord begehen, Sebastian verhältnismäßig routiniert, und hielt mich ganz fest…

Nach dem letzten Satz zuvor wieder gen Toilette gerast. Und während ich aufstehe, mühevoll, nach dem Bund der Unterhose, der Windel greifen will, kuckt mich meine Linke an, als wäre sie senil, oder ganz perfide, darauf wartend, dass die Katastrophe einfach geschieht und sie tut nichts, um eventuell die Auswüchse nicht so schlimm werden zu lassen…
Eine Faust! Eine völlig verkrampfte, tatenlose Hand!! Unterdes scheiße ich mir in die Hose, volle Breitseite, und kann nichts dagegen machen. Dann sitze ich irgendwann, alles verteilt sich und es dauert gefühlt Stunden, ehe ich Entscheidungen treffen kann. Verzweifelt versucht, wegzuwischen, was sich wegwischen ließ. Aber spätestens beim Ausziehen der Unterhose landet alles auf den Beinen!! Und ich DARF sogar noch FROH sein, zuvor die lange Hose ausgezogen zu haben!!! Meine Beine krampfen, mir ist schwindelig, und ich soll mich bücken?

Auf den Rotkreuzknopf gedrückt… Kein Lebenszeichen!
Unser Telefon funktioniert schon seit Tagen nicht mehr, aber da der Kasten vom Roten Kreuz eben nicht wie gewohnt geschimpft hat, dass er keine Verbindung hat, war ich davon ausgegangen, alles sei in Ordnung. Ein großes Handtuch auf den Rollstuhl gelegt. Damit ins Wohnzimmer, noch einmal gedrückt… Und kurz leuchtet es am Knopf… Aber das war es dann schon! Mein Handy aus der Tasche gekramt. Eingeschaltet. „Akku leer! Akku leer!! Akku leer!!!“. Normalerweise habe ich hier im Haus keinen Empfang. Sebastian geht nicht an sein Telefon. Es bei der Firmennummer versucht, endlich hörte ich seine Stimme, und keuchte dagegen stimmlos: „Der Knopf funktioniert nicht, kannst du bitte, bitte kurz kommen? Ich hab eine Sauerei angerichtet…“.

Es wäre unvernünftig gewesen, allein unter die Dusche zu gehen… Oder?! Hätte ich mir doch nicht einmal mein Oberteil und geschweige denn die Socken ausziehen können!!
Er half mir, ich entschuldigte mich unentwegt, er wiederholte, ich solle das sein lassen, und ständig drohte ich umzufallen, das Gleichgewicht zu verlieren. Ganz abgesehen davon, gleich zu Beginn anstatt warmes ganz heißes Wasser „aus Versehen“ aufzudrehen, unfähig, das Wasser abzudrehen, fiel mir der Brausen kopfstattdessen aus den Händen und der schmerzhafte Strahl traf meinen nackten, hyperempfindlichen Beine. Abschließend dann konnte ich die Brause wieder nicht mehr halten, sie fiel mir aus der Hand und knallte links auf den Nagel der großen Zehe… Erst ein Schrei und dann fiel ich nach hinten auf den Sitz. Dermaßen auf die Kante, ich wäre die nächsten Sekunden runtergerutscht!! Der Schmerz hatte mir wortwörtlich die Beine weggezogen. Er packte mich hastig, hob mich hoch, stellte mich hin, aber beide Beine spastisch verkrampft, stocksteif, landete der eine Fuß auf dem anderen. Jegliche Berührung der Fußsohle löst unverzüglich schmerzhafte Krämpfe aus!!! Dann war der scheiß Katheterschlauch wieder im Weg, ALLES STELLTE SICH IN DEN WEG!!!
Ich brach in Tränen aus, nachdem mein Täterintrojekt eingängig geäußert hatte, was er von mir hält. Nun war es Sebastian, der fluchte: „Meine Fresse!! Es kann sich einem doch nicht alles in den Weg stellen!!!“. Ich umklammerte seinen Hals und weinte. Er umarmte mich ganz fest. In diesem Augenblick hätte es nur eines Fingerschnipsen meinerseits bedurft, so es so einfach ginge, und ich hätte mir den Garaus gemacht!
Aber er war da und hielt mich fest…
Und…-weil es ja noch nicht reichte- begannen meine Augäpfel wieder dermaßen zu brennen und zu kratzen, als seien meine Tränen eine ätzende Säure.

Die Schnauze voll. Kopfschmerzen. Rückenschmerzen. Und egal, wie viel ich trinke, der Gaumen bleibt trocken, der Hals kratzt.

HEILIGE SCHEISSE!!! WAS BRAUCHST DU NOCH???!

Mal im Ernst: WIE soll meine Zukunft aussehen?…