21. November 2019, Donnerstag „Schrottkiste…“

8:29
64,6 Kilo um 6:25 Uhr. Hass. Mein Schädel gut mit Kopfschmerzen versorgt. Meine Lendenwirbelsäule am Ächzen, Herr Morbus Scheuermann zetert und schimpft und kriegt sich nicht mehr ein, seit der Lumbalpunktion bzw. seit ich gezwungenermaßen flach liegen musste. Da entdecke ich draußen doch tatsächlich einen Gimpel, ein Männchen, ein roter Farbklecks im Grau. Wagt er sich ans Restaurant? Bekomme ich ihn vor die Linse? Die Kamera im Anschlag. Schade…

Die Panik will mich um die Ecke bringen. Und alles nur wegen der Sitzung heute Vormittag. Ich versuche auf mich selbst einzuwirken, einzureden, mich zu beruhigen, meine Innenwelten wieder in Gleichklang zu bekommen. Aber wie klingt Gleichklang? Weiß ich das überhaupt?
Wieder läuft ein Wiederherstellungsprogramm, zwei doch tatsächlich irgendwie durch einen Pfusch meinerseits die Daten der einen SD-Karte aus dem Krankenhaus verloren gegangen. Aber nun, nun endlich, scheine ich sie gefunden zu haben. Eine einstündige Zeichenstrecke fehlt, geschweige denn von unzähligen Aufnahmen meiner Wenigkeit, in diversen kritischen Lebenslagen. Der Gimpel ist verschwunden.
Beruhigen. Aufruhr. Beruhigen. Herzrasen.
Aber der Markus tut uns doch nicht weh!!

Aber er klaut uns Zeit…

Vielleicht wäre es klüger gerade dieser Tage Sitzungen auf den Nachmittag zu schieben. Wieder konnte ich nicht schlafen, oder zumindest sehr schlecht. Würde ich mir nun tatsächlich erlauben den Kopf auf den Tisch sinken zu lassen und das nachzuholen, was versäumt wurde? Eine volle Dosis Tramal, 20 Tropfen, vor mir liegt eine Blisterpackung Mexalen, davon möchte ich mir auch noch welche einwerfen. Wie penetrant, grenzwertig schon eine Qual diese Missempfindung im linken Bein. Wie ein Wasserfall der Neuropathie, der sich wieder und wieder und wieder und ohne darauf einwirken zu können über meine Extremität ergoss.

Und nun? Die verbleibende Zeit auszurechnen heizt die Panik erneut an, lässt sie erneut aufkochen. Warum ist das so??? Der Blick wandert angestrengt durch den Sanddorn. Kein Gimpel. Mir ist schlecht… Definitiv geplant: Aufschlitzen. Früher oder später. Was für ein asoziales Leben, was für ein Assi. Die Panik liegt schwer auf dem Eingeweidesack und drückt und drückt und drückt… Konsequenzen…

20. November 2019, Mittwoch „Heimweh…“

9:06

Abzüglich allem Ballast sieht das Ergebnis nicht minder erschütternd aus: 64,1 Kilo!
Mein Schädel dröhnt. Als hätte ich einen fulminanten Rausch hinter mir. Alles mögliche an mir schmerzt. Der größte Witz vermutlich der nagelneue Port „Nein, nein… Mit dem ist alles in Ordnung!“
100.000 Kabel vor und unter mir. Gordische Knoten aller Varianten. Erst einmal das Licht ausschalten. Hoffe, Markus bekommt meine Nachricht rechtzeitig, dass ich heute definitiv NICHT in der Lage bin, eine Sitzung durchzustehen.

Ein Beschluss wurde gefasst. Ich brauch‘ einen neuen, kleinen Computer, ein leichtes Notebook, aber stark genug, um mit Dragon zu funktionieren. Um bei den nächsten Krankenhausausflügen nicht wieder solche Sperenzchen erleben zu müssen. Was für eine Kiste. Ausrede, dass das Gerät bereits ziemlich alt ist? Minuten allein fürs Hochfahren! Das war ein einziger Ärger und am dritten Tag gab ich ihm die Kiste mit nach Hause. Soviel zu meiner Büroarbeit, zum Tagebuch und der Idee, in langweiligen Phasen zumindest mit Photoshop von meinen Bildern irgendwelche Figuren ausschneiden und bearbeiten zu können, aus denen ich dann wiederum Animationen basteln könnte. Was für eine Scheiße.
Was für ein Schrecken, der November auch schon wieder fast vorbei! Dabei verging die Zeit im Krankenhaus überhaupt nicht, sie kroch wie eine gelähmte Schnecke. Panikattacken und völlige Sinnlosigkeit machten mir den Alltag zur Hölle. Und dabei noch ein Wochenende in der Klinik! Zermürbung vom Feinsten! Und wieder die Frage: FÜR WAS LEBE ICH NOCH???!!!

Immer wieder, genau diese Frage und in einsamen, stillen Momenten der Trauer Platz eingeräumt und in Tränen ausgebrochen. NICHTS ist passiert. Nur mal abgesehen von den Untersuchungen und zwei Einheiten Physiotherapie, die lediglich darauf abzielten, Herrn Morbus Scheuermann in meiner Lendenwirbelsäule mittels Massage wieder zu befrieden. Angesichts meiner erst jungen Zimmergenossen, zu dem Zeitpunkt noch 17 (mittlerweile ist sie 18), die ebenfalls eine Lumbalpunktion bekommen hatte und, ganz klassisch in jungem Alter, eine Woche lang mit Kopfschmerzen und Brechreiz verwöhnt wurde.

Markus schreibt…

Insofern hatte auch ich doch mit großen Bedenken zu kämpfen, ob ich diese Untersuchung wirklich machen lasse. Zumal das MRT doch bereits ergeben hatte, dass es sich zu 99 % nicht um PML handeln kann. Aber, ich bin ja ein braver und pflichtbewusster Patient, die perfekte Testunterlage… Also das eben auch noch, und mit Verspätung. Ein paar kurze Anekdoten?

Man hatte mich wieder einmal ohne Zugang Richtung MRT geschoben. Und hätte nicht ich moniert, dass eine Magnetresonanz ohne Kontrastmittel dem Interpretieren eines Klecksbildes eines Schimpansen im Zoo gleichen würde, hätte auch dieses Unterfangen in Nichts geendet. Die Schwester, jene, die mich gleich am ersten Tag angeschnauzt hatte, als ich noch im Untersuchungszimmer auf mein Bett wartete und vor Langeweile ein Stethoskop an der Wand filmte: „FILMEN IST HIER STRIKT VERBOTEN! SOFORT ALLES LÖSCHEN!!!“, meinte erst resolut, sei nicht nötig, wollte sich dann doch rückversichern und wurde eines Besseren belehrt! Nicht umsonst hatte man mich vor Monaten für ein MRT dreimal dorthin zitiert!! Zweimal umsonst, aus selbigen Gründen!!! Verdammt noch mal!!! Was für ein Sauhaufen, was für ein unkoordinierter Sauhaufen!!!

Das MRT hatte als Ergebnis keinerlei Veränderung zum letzten Mal, keinerlei Kontrastmittelaufnahme. Aber so ich den Befund richtig gedeutet habe, meine Halswirbelsäule eine einzige Läsion.

Freitags sollte die Lumbalpunktion stattfinden. Eine Dreiviertelstunde vergaß man mich im Untersuchungszimmer. Kein Schwein kam, und bei telefonischer Nachfrage hieß es dann, es sei zu spät, das Material könne man nicht mehr rechtzeitig wegschicken. Nächste Woche. Kotz! Ein Wochenende im Krankenhaus, na danke vielmals!!! Ich versuchte zu zeichnen, wenn ich mich nicht irre, drei oder vier Comics. ICH KANN DEN BLEISTIFT NICHT FESTHALTEN!!! ICH KANN DEN FINELINER NICHT FESTHALTEN!!! ICH KANN DEN RADIERGUMMI NICHT BENUTZEN!!! ABER DIESBEZÜGLICH GIBT ES WOHL KEINEN HANDLUNGSBEDARF!!!
Um dann phasenweise, wie zum Beispiel gestern Mittag, nicht mehr fähig zu sein, mit der Gabel mein Essen aufzunehmen, geschweige denn diese zum Mund zu führen.

Auch besser so!!!
Du bist nichts anderes als ein fettes Stück Scheiße!!!
Hör auf zu fressen, du Schwein!!!

War da nicht diese eine Schwester, mit der ich ohnehin nicht unbedingt klar komme? Sie ist immer sehr reserviert und ruht aufrecht und stolz in sich, und hat dabei eine leicht strenge Ausstrahlung. Meine Witze versteht sie ohnehin nicht. Oder ignoriert diese, reagiert auf diese nicht aus Prinzip. Meinte sie nicht doch tatsächlich: „Ja, in der Tat, dass Sie zugenommen haben sieht man sehr deutlich. Aber ordentlich.“, und dann noch als Deckel oben drauf: „Keiner wird jünger!“. Danke vielmals. Wie wäre es, wenn Sie in die Psychiatrie wechseln, in eine psychosomatische Klinik, die Überbelegungszahlen bei den Essstörungen können so in Windeseile nach unten korrigiert werden. Ein paar Selbstmorde mehr, meine Güte, was soll’s!

Beim MRT hatte sich meine Lendenwirbelsäule bereits dermaßen angestellt, Schmerzen verursacht.
Und dann erst recht nach der Lumbalpunktion, als ich 2 Stunden flach liegen musste. Was für eine Katastrophe!! Und zum krönenden Abschluss gestern noch das Finale! Der Entlassungsbrief bereits fertig, warten auf die Rettung, bat ich noch einmal, und das habe ich mehrmals getan, weil man mich nicht erhörte, dass mein Port unbedingt neu gespült und geblockt werden müsste. Nun steht in meinem Befund: „Ich hätte AUSDRÜCKLICH darum gebeten, den Port zu spülen…“. Was soll das denn? Eine Rechtfertigung, warum es gemacht wurde, für den Fall, dass ich mich beschwere? Denn beim Spülen brannte es im Hals. Wenige Sekunden später konnten auch Arzt und Schwester oberhalb des Port-Gehäuses unter der Haut eine leichte Schwellung entdecken. Ich dachte schon, nun doch nicht nach Hause zu dürfen, der Katheter sei kaputt! Wurde zum Röntgen gejagt, obwohl mir einfach nicht logisch einleuchten will, wie man bei einem ganz popligen Röntgen erkennen will, ob er noch funktioniert oder nicht! Ja, mag ja sein das die Lage noch korrekt ist. Aber was ist, wenn das Blutgefäß kollabiert ist? Und wenn der Schlauch angeblich den Hals hochgehen soll und dann oben eine Kurve wieder nach unten macht… Warum hat es denn oben unter den Kiefer hinein gebrannt, noch dazu so, als würde sich da etwas flächendeckend ausbreiten??? Bei Entfernen der Port-Nadel ein kleiner Springbrunnen aus Spülung und Heparin. Mit großem Druck wurde die Mischung wieder hervor quetscht. Aber was mich nun ein wenig beunruhigt, dass das Areal um den Port herum heute noch weh tut, Druckschmerzen, als wäre da etwas unter der Haut. Wie zum Beispiel Flüssigkeit, um nun mal so eine irrwitzige Theorie aufzustellen. Aber ICH bin ja nur der „Träger“, der Patient, was weiß ich schon nach fünf Port-a-Kaths…

Wann war ich zu Hause? Um 17:00 Uhr!! Und so fertig!! Kopfschmerzen, Rückenschmerzen und das Gefühl, tot besser aufgehoben zu sein als dieses wertlose Leben fortzuführen.
Anruf vom orthopädischen Techniker. Ich bekomme meinen neuen Rollstuhl zurück, wow, nach Monaten, Freitagvormittag wird er zugestellt. Ich habe meine Lebensgeschichte so oft erzählt, ich fühlte mich so schlecht deswegen und zugleich fühlte es sich aber auch an, als würde ich es ein Stückchen mehr zulassen können. Immer dankbar für entsetzte Reaktionen, wenn ich wiederum von den Reaktionen meiner Mutter berichtet habe…

Apropos: Kaum zu Hause, erste Nacht und schon verfolgt mich diese Frau wieder in meinen Träumen. Im ersten Teil war sie ein Riese und ich ein Zwerg, und ständig fuhr sie mit dem Auto vorbei, zusammen mit Sebastian versuchte ich mich immer wieder auf den Erdhügel zu retten, bei der Hausbaustelle, auf der ich mit meinen Freunden zu Volksschulzeiten immer gespielt hatte. Im zweiten Teil fuhr sie wieder mit dem Auto, eine Straße entlang, auf der ich soeben mit dem Fahrrad unterwegs war. Ich erspähte sie und bog einfach rechts ab, von der Straße schnurstracks auf einen gedroschenen Maisacker. Es ging steil bergab, also wirklich steil, aber mein Mountainbike blieb stecken, in irgendwelchen Spinnweben, ich kam einfach nicht von der Straße weg, sozusagen nicht vom Fleck. Unterdes war meine Mutter bereits ausgestiegen. Verfolgte mich. Rannte mir sogar auf dem Acker hinterher. Unten an der Bundesstraße, sie hatte sich unterwegs zu einem Zombie-Werwolf verwandelt, kam es zu einer Kollision mit einem Auto und sie war tot. Ob das half, wage ich zu bezweifeln. Und mit wem habe ich mich im Zimmer am besten? Mit einer älteren Dame, aus Rax, also sprich Jennersdorf.

Weitere Mutmaßungen anstellen… Die Abnutzungen? Die Läsionen? Verspannungen durch die Krankenhausmatratze? Die letzte Nacht eigentlich nicht geschlafen, irgendwann um 4 erst. Also ich meine die letzte Nacht im Krankenhaus. Eine neue Neuropathie. Phasenweise vom Oberschenkel ausgehend an der Innenseite schießt da so eine Missempfindung das Bein hinab, um dann unten in Wade und Fuß zu brennen. Wieder und wieder und wieder. Beinahe pulsierend. Selbiges Phänomen auch in der linken Hand. Aber richtig pervers und penetrant gestern Abend die Neuropathie in beiden Händen, die einschießenden Beugespasmen. Permanent verbogen sich meine Hände, die Arme, unwillkürlich und unnatürlich. Ekelhaft, möchte ich dazu fast sagen. Jetzt? Zu diesem Feuerwerk an Fehlleitungen auch noch Kämpfe im rechten Bein. An einem Tag war meine Blase plötzlich „angepisst“, und machte wiederum mir in die Hose. Das Phänomen ging wie es gekommen war. Und der beste Witz, man möchte beinahe von einem Kalauer ausgehen, weil sich diese Situation nun in einem fort wiederholt hat, der nächste Termin erst in zwei Wochen!!! Wieder warten!!! Und hoffen, dass sich dann zumindest das Beantragen vom Sativex und meiner Reha erledigt hat!!! Oder wieder vergessen?!!

Ich bekomme Panik. Vier Berichte warten auf meine Korrektur. Jede Menge Aufnahmen gemacht, illegal versteht sich. Zumal ich bei einer Visite noch einmal einen Rüffel erhielt: „Uns wurde berichtet, dass sie hier immer wieder mit einer Kamera gesichtet werden… Das ist strikt verboten usw. und so fort!“. Meine Erläuterungen dahingehend wollte keiner hören, dass ich keine anderen Patienten, keine Gespräche, etc. filme oder benutze, genau weiß, was Persönlichkeitsrechte bedeuten und so weiter und so fort… Ich fragte auch jedes Mal, wenn ich mich selbst aufnahm, ob es meinen Zimmerkolleginnen recht sei. Ach naja…

Mich um meine Arbeit kümmern? Schlafen kann ich nachmittags auch noch. Schon wandern meine Gedanken weiter an den morgigen Tag, die Volkshilfe und die nächste Panikklatsche…

16:00
Zweites Morphium, 1,3 mg. Auf die Wirkung warten. Mein Körper ein Schmerzinferno. Kopfschmerzen, in einem fort dieses Brennen links in der Wade, im Fuß. Und wie von mir selbst prophezeit löste diese Missempfindung Krämpfe aus. Es genügte noch nicht, wieder krampften beide Arme. Ein einziges Chaos auf meinem Tisch, schon wieder. Da ist doch noch dieser Comic von gestern, den ich schwarz nachzeichnen muss. Wie soll ich den dünnen Filzstift halten, wie den Stift führen? Ein vielsagender Titel: „Nummer sicher“. Meine Comicversion, mit unterschiedlichen Suizidplänen. Am Galgen, mit Betonfüßen und zwischen den Händen Tabletten, Rasierklingen und Skalpelle jonglierend. Versuchen, den Rollstuhl ordentlich hinzustellen. Sebastian ist weggefahren, und wüsste ich nun, wo meine Stulpen sind, sofort würde ich mich aufschlitzen!! Die Wunden an beiden Armen am Verheilen. Außerdem, im Krankenhaus kurzfristig 37,4 °C axial. Das ergab meistens im Ohr Werte bis 38 °C. Dementsprechend beschissen ging es mir. Und auch jetzt schon wieder, dezent kratzt es im Hals. Mich anstecken lassen?
Zum Fineliner greifen und irgendwie den ganzen Krempel vor mir zur Seite schieben, um Platz für den Zeichenblock zu haben…

16. November 2019, Samstag

11:12
Neuro. Wochenende. Festhängen. Gestern sollte die Lumbalpunktion noch stattfinden, 45 min im Bett im Untersuchungszimmer, nix! Abgeblasen, verschoben, ging sich nicht aus mit dem Verschicken. Montag. PML soll ausgeschlossen werden. Obwohl das MR schon mehr oder minder dagegen spricht. Kann nicht tippen und nichts funzt an dem Schrott-Notebook!

19:27
Mein Text ist weg, das Diktierprogramm funzt nicht, ich verzweifle an dem Kübel, meiner Situation, mir selbst…
HASS!!HASS!!!! HASS!!!!! Verrecken und die Zeit vergeht nicht, und morgen NOCH so ein SCHEISS TAG!!!

12. November 2019, Dienstag „Winterschlussverkauf!!…“

9:23
Die Küchenschlacht liegt in den letzten Zügen, der Juror bewertet. Verspätetes Frühstück. Aber genau genommen auch nicht viel später als sonst. Sonntags einen meiner Zähne abgeschossen, mit einem sauren Haribo-Krokodil. Der Urologe war ohnehin nicht da, auf Schulung, nicht zu erreichen. Kurzerhand gestern zwei Termine organisiert. Der Erste fand heute um 7:45 Uhr statt, den Zweiten gibt es dann um 16:00 Uhr. Und wehe er steckt mir den Katheter wieder oben rein und bis unten durch!! Bei dem Gedanken allein wird mir schlecht!!

Gestern mich schon wieder verletzt, 16 Schnitte. Ich habe den dringenden Wunsch in mir, morgen „Aufmerksamkeit zu erwecken“, oder meine Situation mit Schweigen drastisch jedem darzustellen. Wie „amüsant“ ich die letzten Wochen fand. Also ist mein rechter Arm heute auch noch mindestens einmal dran.
Drei Absenzen hatte ich gestern. Die Erste um ca. 6:30 Uhr im Bett. Die Zweite um 12:01, und die Letzte schlussendlich um 15:26 Uhr. Das war keine direkte Kollision, aber so, als würde man von einem schnellen Vehikel mitgeschleift werden. Als hätte ich „Kontrolle“ darüber, als würde ICH bestimmen, was passiert. Und dabei schon wieder vergessen, was ich sah. Fühlte sich an wie ein Echo weit weg in meinem Kopf. Hat der Traum von heute Nacht eine Bedeutung? Nicht fähig, ihn mir noch einmal genau anzusehen. Mir läuft die Zeit davon. Die Zahnärztin meinte, so etwas solle man auch nicht essen. Kaugummi auch nicht. Zu ihrer kleinen Assistentin meinte ich dann nur abschließend als ich von der Rettung wieder rausgeschoben wurde: „Mein Leben ist beschissen genug, da will ich wenigstens Scheiße naschen!“. Nur noch zwei Tage im neuen Videoprojekt zu bearbeiten, der Rest ist fertig und sieht meiner Meinung nach recht gut aus. Aber wie fatal die letzten Aufnahmen, von mir, hier am Tisch, in der Dunkelheit…

Was für eine abstoßende fette Mastsau!!!
Du siehst aus wie eine aufgequollene Wasserleiche!!!

Das Bildmaterial gelöscht. Bei aller Authentizität… Genug ist genug! Und zum Glück gibt es noch eine kurze Tonaufnahme wenige Stunden davor, die ich mit „schönen“ Bildern überlegen kann. Tieren, Pflanzen, Landschaft, Himmel… Nur nicht dieses Monstrum!

Beide Hände klimpern. Gefühlt auf dem besten Wege in die nächste Absenz. Hatte extra die Tischkamera mitlaufen lassen, stundenlang. Aber nichts passierte. Natürlich!

10:21
In meiner Kehle steckt etwas. Ist mir schon vorher aufgefallen, als ich einen Bissen vom Brötchen unter schluckte. Fühlte sich wie ein Fremdkörper an. Oder die Speiseröhre selbst, der Schluckvorgang? Ich hänge. Die Derealisation nicht fern. Ein Fetzen Kindheit nach dem anderen ereilt mich ungefragt, wie immer harmlose und schöne Erinnerungen, aber das Gefühl passt nicht dazu. Das Gefühl weiß von Angst und Tod zu berichten. Schnürt mir die Kehle extra zu. So wie ich gerade eben mich mit dem Lichteinfall erinnert fühlte an eine Situation zu Ostern. Völlig banal. Aber als hätte jemand die Szenerie vergiftet, als wäre an diesem Bild irgendetwas KOMPLETT falsch, SCHLECHT. Nur ich müsste herausfinden, WO und WAS der Schandfleck ist. Der alles kaputt macht.

Ganz plötzlich, schlagartig wieder Weihnachten, die wieder und wieder zitierte Weihnachtsfeier. Und was hat mich getriggert? Meine eigene Handbewegung mit der Maus zur Seite. Als würde man etwas „wegwischen“. Die Feiertage überlappen sich, es ging doch ohnehin immer nur um Geschenke, darum, „gekauft zu werden“. Ein weiterer Trigger könnten die Aufnahmen sein, die ich augenblicklich einzufügen versuche. Herbstlich, winterlicher Sonnenuntergang. Über meinen so sehr geliebten Hügeln. Klimpern, während sich die Vögel draußen gegenseitig die Körner aus dem Schnabel klauen…

12:12

Eine Spritztour ins Klo. Nach dieser Tortur mir eine erfrischende Salbung mit „Hädensa“ auf meinen Bürzel gönnen. Ein kühlender Hauch von Menthol macht sich im Untergeschoss breit. Kaum aufstehen können. Die Hose kann ich natürlich nicht wieder hochziehen. Ich bin reif für die Tonne!…

13:39
40 Schnitte auf den rechten Unterarm. Brennen tut aber nur jener am Daumen, aus Versehen…

14:13
40 Schnitte auf den linken Unterarm. Der Arm wollte vor jeder einzelnen Blessur flüchten, ich blieb unnachgiebig. Krampfte er doch bereits beim Mittagessen, einfach so, ganz plötzlich, wie aus dem Nichts. Die Schnitte an der Handbeuge brennen wenigstens…

40 Tropfen Tramal. Doppelte Maximaldosis zu mittags bereits 20…

16:28
Zurück vom Arzt, Wechsel erfolgreich durchgeführt, ohne große Schwierigkeiten oder Schmerzen oder Ekel. Kräftiger Regenfall. Spüre ich etwas vom Opium, oder bedarf es doch noch des Morphiums?
Da wird mir selbst vorwurfsvoll die Frage gestellt, warum ich mich abschießen will. Wegen meiner Grundverfassung? Um mich auf morgen vorzubereiten? Mich scheiße zu fühlen?

Prompt bekomme ich Panik.
Dabei hatte ich erst heute Morgen im Rettungswagen mit meinem inneren Kind gesprochen. Beruhigend auf es eingeredet: „Du brauchst nun keine Angst haben! Die kommen nicht zu uns ins Haus, WIR haben sie gerufen! Die wollen nicht von uns, wir wollen was von ihnen!“.

Ich muss noch meine Sachen packen…

19:32
Ganz plötzlichnicht zu zügelnde Lust auf Benzos, nen leichten Abschuss. Mich zügeln, nur 1 Temesta.

10. November 2019, Sonntag

13:17
64 Kilo. Trotz Entwässerungstablette. Seit Tagen wieder kein Lebenszeichen meiner Verdauung. Bescheidene Ausrede. Bescheiden bis beschissen. Mein Selbsthass kocht über, wie ich hier hocke, in meinem trägen Fett. Der Bauch der einer Hochschwangeren. Das Gesicht, diese ekelhafte, schuppige und verpickelte Hackfresse, permanent mit einer Schicht Fett überzogen. Was an und in mir ist nicht fett?!

Angesichts der Sitzung mit Brigitte morgen sollte und wollte ich noch eine Tatsache festhalten. Mir ist da etwas aufgefallen. Obwohl ich es nicht als den Stein der Weisen verkaufen sollte, den NUR ich entdeckt habe, ich ganz allein. Versucht nicht Markus diese Tatsache seit Jahren in meinen Schädel hinein zu bekommen? Wir guckten „Bares für Rares“. Das Klientel dort hauptsächlich ü 50. Und mir ekelte. Mir ekelte so dermaßen, dass sich mit dem Ekel gleichermaßen Ablehnung und Hass paarten. Und warum? Die Beine in diesen engen Jeans, die alten Füße in diesen Ballerinas… Ja, ich müsste blind sein um nicht erkennen zu können, dass ich meine Mutter sehe, und damit die Ablehnung, die ich ihr aus irgendeinem Grund entgegenbringe!
[…]

9. November 2019, Samstag „Alles NICHTS!!“

16:18
Seit zwei Tagen weniger gegessen, aber die fette Sau wiegt mehr und mehr.

Ich war unterwegs. Soll ich dankbar sein, dass es mir schlecht ging, dass ich mich schlecht fühlte und vorzeitig den Heimweg eintrat? Weil jetzt regnet es dicken Tropfen? Ernsthaft?!

Wieder mit den Bahngleisen kokettiert. Gerade eben fünf Stück 1,3 mg Hydal geschluckt. Wüsste ich, dass sein Fußballspiel noch länger läuft, hätte ich längst meine Arme aufgeschlitzt.

Das neue, gebrauchte Telefon, welches ja als Kilometerzähler fungiert und als MP3-Player, insgesamt dreimal verloren und auf dem Asphalt hinter mir her geschliffen. Unfähig, das Stativ hinzustellen. Unfähig, die neue Kamera einzuschalten. Unfähig, Akkus zu wechseln. Unfähig, das Stativ wieder hinter dem Gurt einzufädeln, damit es auf den Fußstützen steht. Diese Litanei lässt sich endlos so weiterführen…

Als mir eine Gruppe Radrennfahrer entgegen kam, alle so sportlich und fröhlich, wusste ich, würde nur einer etwas zu mir sagen, ich würde unverzüglich in Tränen ausbrechen. Ich will nicht mehr leben. Und kein einziges Auto blinkt, wenn es an mir vorbei fährt. Ist das kollektive Idiotie? Warum machen sie dann nicht ernst, was sie ankündigen mit ihrem Verhalten, und fahren mich endlich über den Haufen???!!!

8. November 2019, Freitag „Zeit für Professor, Doktor Google…“

16:36
Den ganzen Tag verschlafen. Nach dem Frühstück unverzüglich verpennt. Davon geträumt, nicht wirklich aufwachen zu können, und nicht mehr fähig, mein linkes Auge zu öffnen. Gestern bei meinem Ausflug wurde mir bewusst, dass die einzige koordinierte Bewegung an meinem Körper tatsächlich noch das Drehen meines Kopfes ist. Das ist „geblieben“. Weil die Nervenstrecke vom Gehirn zum Hals natürlich die kürzeste ist, Ausfälle sich nicht dermaßen bemerkbar machen. Noch nicht. Aber dann? Irgendwann? Wenn man nicht mal mehr sprechen kann? Wieder denke ich an diesen einen Mitpatienten bei der Reha, über den sich (ich habe seinen Namen doch tatsächlich vergessen) ein weiterer MS-Kollege und ich mehrfach unterhalten hatten, mit dem Konsens, so nicht leben zu wollen. Was nicht heißen soll, eben diesem das Leben abzusprechen. Aber er stand meistens vorm Schwesternzimmer auf unserer Station in seinem Rollstuhl, die Rückenlehne nach hinten gekippt, damit er liegen konnte. Und sonst eben nichts mehr!! Die Frau, die sich um ihn kümmerte, kam wohl aus Rumänien, wenn er sie nicht sogar geheiratet hatte, damit sie abgesichert ist. In der Tat, so einen drastischen Fall von Multiple Sklerose hatte ich bis dato auch noch nie gesehen.

Warum das nun Thema ist, wichtig…
Nach dem Mittagessen wieder verpennt. Ich weiß nicht, was heute mit mir los ist. Ein krasser Einbruch von Fatigue? Oder hätte ich mich einfach mehr zusammenreißen müssen? Aber wofür?

Den ganzen Tag Nebel. Dunkel.
Als sei es eine intuitive Eingebung gewesen, oder etwas „Übernatürliches“. Sebastian, sein Handy auf lautlos gestellt, griff zu eben diesem, um im Internet etwas zu suchen.

Wieder krampft meine Blase und alles an mir zieht sich schmerzhaft zusammen. Der ganze Körper brennt. Könnte man nun darauf zurückführen, es gestern und sogar heute noch einmal gewagt zu haben, zu denken, mit eben dieser augenblicklich gut zurecht zu kommen und nicht auf Kriegsfuß zu stehen. Was ja grundsätzlich einer Einladung für das Gegenteil gleichkommt. Oder ist es Rumpelstilzchen, der da die Hebel in Händen hält? Oder wollte mich die Blase daran erinnern, bloß nicht zu vergessen, heute den Urologen anzurufen und nach einem Termin zu fragen? Nächste Woche sind eben sechs um, der Katheter wieder fällig. Aber der Urologe hatte heute geschlossen, Fortbildung. Aber viel wahrscheinlicher der Umstand, durch das viele Schlafen so gut wie nichts getrunken zu haben, was sofort Auswirkungen hat. Wenn der Urin nicht permanent stark verdünnt ist…

Also er griff wie gesagt zu seinem Telefon, und sah, dass ein Anruf einging. Die Vorwahl kannte er doch, das muss das Krankenhaus sein, die Neurologie… Ich schlief, er hob ab und prompt wachte ich auf, als er sagte: „Moment, die Frau Samer kann ich Ihnen gleich geben!“, und mir mit Lautsprecherfunktion das Handy reichte. Meine Ärztin. Die Vorstellung hätte sie sich sparen können, ich kenne ihre Stimme doch. Ich sehr verwundert. Was kommt jetzt? „Sie kommen ja am Mittwoch, aber ich möchte Sie gerne stationär aufnehmen. Eine neue Lumbalpunktion und ein neues MRT. Unbedingt Ihren JC-Status noch einmal testen lassen. Wie geht es Ihnen denn jetzt augenblicklich?“. „Beschissen?“. Und bedankte mich, mehrfach. Denn JETZT wird wenigstens etwas getan, unternommen, aktiv. Und im besten Fall (aber vermutlich bleibt auch dies wie in den zurückliegenden Jahren wieder und wieder Wunschdenken) ergibt die Magnetresonanz neue Läsionen, die dann behandelt werden müssen. Noch einmal Cortison oder vielleicht doch Plasmapherese, wenn ich es wagen darf, so weit zu denken? Sagte ich nicht gestern Nacht zu Sebastian, dass wir den Rucksack nun endlich wieder ausräumen können? Dieser seit dieser missverständlichen Aussage mit der Fahrt nach Graz und der Blutwäsche gepackt.

Draußen wird es richtig dunkel. Beide Hände klimpern. Schwer seufzen… Was zu einem Schub passen würde, dass die Ausfallsymptomatik rechtsseitig DEFINITIV stärker geworden ist. Eben nicht nur, dass ich kaum noch etwas greifen kann. Mein linkes Bein hat seit 2008 Ausfälle. Also seit 2008 haben diese mehr und mehr und mehr zugenommen. Aber dennoch, wenn ich liege, durfte ich beobachten, die Zehen links durchaus noch bewegen zu können. Und rechts ist das augenblicklich gar nicht mehr möglich. Nun muss ich aber sehr wohl eingestehen, zumindest diese Tatsache betreffend nicht genau beobachtet zu haben, wie das vor ein paar Monaten aussah. Aber auch bei meinen Versuchen, vorgestern und gestern zumindest die paar Schritte ins Badezimmer zu gehen, war nicht zu übersehen, dass gerade mein rechtes Bein sich nicht mehr heben lässt. Das fällt auf, wenn er mir ins Bett hilft, oder ich vor der Waage und wie gewohnt immer erst den rechten Fuß darauf stellen will, was oft genug er bewerkstelligen muss, also er muss mein Bein hochheben und dort platzieren.

Immer noch Kopfschmerzen. Also werde ich jetzt gleich Doktor Google fragen, was für Symptome bei einer PML auftreten könnten. Äußerte direkt nach dem Telefonat die Vermutung, dass dieses Umschwenken vielleicht den Verdacht unterliegt, dass eine PML eine Lymphopenie auslöst? Vermutlich liege ich falsch, aber was Näherliegenderes ist mir so schnell nicht eingefallen…

Nichts finden. Jedoch die Symptome einer PML würden mitunter zu den Ausfällen der letzten Monate passen. Wie sie eben auch zu einer MS passen. „Du wirst es schon nicht haben!“. Sicher hat er recht. Ein bisschen den Hypochonder raushängen lassen. Klimpern.

Am neuen Video, an einem 3 Minuten Clip locker mal zwei Tage arbeiten. Bin ich so langsam geworden? Oder so besessen davon, dass das Bildmaterial immer zum Gesprochenen passt? Und da gilt es wohl zu überlegen und bedacht auszuwählen. Und so groß ist die Auswahl in der Tat nicht, die sich mir da präsentiert. Ich dachte, besseres Material gesammelt zu haben. Aber vermutlich, rede ich mir das nur ein, rede es mir schön mit der Ausrede, dass der Computer ja beim Übertragen die Festplatte kaputt gemacht hat und auf diesem Wege gut 200 Dateien gefressen hat, die ich nie sichten konnte.

7. November 2019, Donnerstag „Die Zeit rast…“

8:26
Nur um das noch einmal festzuhalten: Mittags gab es einen Salat. Zumindest die Bohnen waren aus dem Supermarkt, vom Salatbuffet. Wurde dann nur noch mit Eisbergsalat gestreckt. Und das war’s! Abends eine Milchschnitte. Fertig. 64,1 Kilo um 6:45 Uhr. Ein ganzer Kilo mehr als gestern. O. k., gestern die Finger von den Diuretika gelassen. Es reichte, mich Dienstagabend schon wieder übergeben zu müssen.

Eine gute Sitzung war das gestern. Die Dinge kommen allmählich in mir an. Oder besser gesagt, ich darf sie zulassen. Prompt, nachmittags, bei unserem Schläfchen etwa um 16:30 Uhr eine Absenz. Heute Morgen, etwa um 5:30 Uhr, eine weitere. Sah mich auf dem Dachboden im Gasthaus. Wie schon so oft denselben Satz wiederholend: „Das kenne ich schon, das kenne ich schon, das kenne ich schon…“.

Panik will sich breitmachen, keine Zeit. Dachte ich doch noch vor 1 Stunde, hier am Tisch unverzüglich schlafend zusammenzubrechen. Sebastian schnarchte so laut, ich konnte nicht einschlafen. Aber nun, scheine ich wach, voller Tatendrang oder zumindest so gestresst, um irgendetwas in Angriff nehmen zu müssen. Aus dem Büro Arbeit bekommen. Wie vermutlich bereits geschrieben. Mich in diese Akten zu vertiefen gleicht einem einzigen Trigger. Permanent beschleicht mich beim Lesen dieser Sätze und Worte, die ich in diesen Konstellationen doch bereits so oft zu lesen bekommen habe, ein Dejavuegefühl. Die Realität verzerrt. Trotz davor, wegzutreten. Aber nun muss ich weitermachen. Mache beides gleichzeitig, synchron. Am Video arbeiten und die Aufgaben von Mieke. Das Wetter ist hässlich, grauer Himmel, nachts regnete es. Abends einmal mit dem Rollator ins Badezimmer gegangen… Mich geschleppt… Was für ein Kampf! Wieder kocht die Panik hoch. Sollte ich nicht wenigstens versuchen, etwas zu zeichnen oder zu malen? Meine Felle davon schwimmen sehen, und ich bin selber schuld, mit meiner Agonie und Lethargie und Faulheit!