14. November 2018, Mittwoch

14:31
58,5 Kilo um 6:00 Uhr. Ich hasse mich. Ich hasste mich, als er mich auszog und in die Dusche verfrachtete. Was für ein unförmiger, klobiger, fetter, hässlicher Körper das geworden ist. An allen Ecken hängt irgendwo irgendetwas drüber.

Geschlafen habe ich schlecht. Dann doch nur den Rollator gewählt, um vermutlich den Rollstuhl seit ich hier bin bereits mindestens viermal gebraucht zu haben.
Alle sind so dermaßen nett und ich so DERMASSEN WIDERLICH DARAUF ERPICHT, MIR „FREUNDE“ ZU MACHEN. Witzigerweise kannte mich die Ärztin bei der Narkosebesprechung. Bei mir dauerte es etwas länger, bis der Groschen fiel, und es bedurfte erst ihrer Erklärung, woher wir uns den kennen würden. Und dann fiel mir doch tatsächlich ein, sie damals vor sicherlich zwölf Jahren bei der Fahrt ins Krankenhaus nach Oberwart fotografiert zu haben, mit der Frage, ob sie damit einverstanden sei, dass ich das Foto auf meine Seite stelle.
Aber ob kennen oder nicht… Allesamt sehr bemüht und freundlich. Nur meine Blutabnahme ist schief gegangen, ein Wert muss nachgeholt werden.

Schämst du dich nicht?! Was redest du für einen Schwachsinn daher?!
Halt endlich deine blöde Fresse!!!

Ich wollte doch nur Spaß machen, die Leute zum Lachen bringen…

DU BIST WIE DEINE MUTTER!!!

Bereits unten in der Ambulanz, als wieder diese putzige junge Dame an der Anmeldung saß und mich wohl wiedererkannt hat… Und ich irgendeine Geste machte…
Was für ein gravierender Fehler!! Zu Hause müsste ich mich jetzt massakrieren… Und ich dachte an eines meiner Videos, in dem ich genau von dieser Situation schon einmal erzählt habe…

Aber hier wird es wohl auch nicht besser… Habe ich nicht soeben einen „Bruder“ bemüht, mir aufs Bett zu helfen? Jetzt muss ich doch tatsächlich aufs Klo!! Gerade ICH!!

Schaffe ich das alleine? Und außerdem bin ich noch dermaßen dumm, dass ich doch morgens zu Sebastian sagen wollte, er solle mir noch schnell einen geladenen Akku einpacken. Nun habe ich die Kamera im Gepäck, aber der Akku ist leer. Und natürlich kein Kabel zum Aufladen.

15:48
Genau in diesem Augenblick kam eine Ärztin hereingeschneit. Die Blutabnahme musste wiederholt werden. Ich vermag jetzt auch nicht viel mehr dazu zu sagen, als mich aufgehoben gefühlt zu haben… Und definitiv wieder VIEL ZU VIEL VON MIR PREISGEGEBEN ZU HABEN!!!

Als ob das irgendeine Sau interessiert!!!

Kopfschmerzen und unsagbar müde. Und die Konfrontation mit dem Spiegel nicht mehr aushalten. Habe ich mich verändert? Gleich so dermaßen, drastisch ins Negative verändert???

Ich hasse mich!!!

19:09
Meinen Unterarm haben lediglich zwei Personen wirklich gesehen. Und die sind nicht mehr hier und wissen morgen sicherlich nicht, wie genau mein Schnittmuster angelegt war… Also rein theoretisch könnte ich…

Depressiv. Weil „allein im Zimmer“? Eine Runde im Flur gedreht, darauf wartend, dass die 2,6 mg anschlagen. Die Beine krampfen und krampfen und krampfen. Gefühlt steht mein Schädel unter Hochdruck. Kochendem Hochdruck. Ob der Venflon noch bis morgen funktioniert? Die Vene doch beängstigend winzig gewesen. In mir ist alles im Aufruhr. Darf ich mich sicher fühlen? Oder nicht? Ein Hauch von Panik liegt in der Luft… Und von meiner Entertainerfassade ist so gut wie nichts mehr übrig. Vielleicht bin ich auch einfach nur todmüde… Aber jedes Mal wenn ich mich hinlegte, begann eines der Beine zu krampfen.
WIE kann das sein? Also nicht, dass ich es nun auf Teufel komm raus provozieren möchte, aber ich verstehe schlicht und ergreifend nicht, warum sich meine Extremitäten so konsequent abwechseln? Da wird nicht mal eben auf beiden Seiten gezappelt… Nein! Wenn das Linke seit 3 Stunden krampft und plötzlich läuft dem Rechten etwas „über die Leber“ (ein winziger Reiz im Untergeschoss oder eine marginale Berührung der Fußsohle), wird das Linke stante pede still sein! Reicht meine Konzentration nur für eine der beiden Nervensägen? Oder steht jede Seite für einen Selbstanteil, der dann die Kontrolle halb und doch ganz übernimmt?

Die Kopfschmerzen stärker und stärker…

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13. November 2018, Dienstag

8:42
57,9kg. Nebel. Reger Betrieb am Restaurant, obwohl es nur noch Erdnüsse gibt. Aber diese sind mit Mottenlarven verfeinert. Ohne Vorwarnung taucht immer wieder für Sekunden ein winziger Zaunkönig auf der Ziegelsteinmauer um die halbkreisförmige Terrasse auf. Viel zu schnell und unverhofft, um reagieren zu können.
Ich träumte absurdes Zeug, wieder war ich laufen, der Fischotter war mein kleiner Bruder, uns gehörte eine Gästepension im Gasthaus. Nachts stieg ein Mörder ein und brachte alle um. Am Tag drauf lebten wieder alle und er erklärte, wie er sich Zutritt verschaffen konnte. Und irgendwo in all diesen obskuren Bildern hatte ich entweder einen Flashback oder träumte nur von einem solchen. Definitiv wurde dieser im Traum erklärt, entschlüsselt, ergab Sinn (wie eigentlich immer, auch tagsüber). Um direkt anschließend nach Erläuterung wieder zu verschwimmen, bis er ganz verschwunden ist. Außerdem fällt mir gerade ein, für mich selbst Kirschkompott gekocht zu haben. Da ich es „ohnehin wieder auskotzen würde“, wäre es wohl nicht fair, die Vorräte meiner Mutter dafür zu missbrauchen. Aber viel mehr weiß ich schon nicht mehr.

Das linke Bein beginnt zu krampfen. Ich hatte nachts Ruhe, ich durfte ernsthaft schlafen. Bis auf die meckernde Blase („War eine halbe Tablette nachts zu wenig?“), aber dieses Problem klärte sich morgens, als ich den Knick im Katheter entdeckte.
Eigentlich wollte ich nun die Frage auftun, ob ich jetzt weiter schlafe oder versuche zu malen. Aber beides erscheint schwerlich möglich, wenn die Extremität im Intervall von etwa 10 bis 18 Sekunden den ganzen Körper mit seiner Neuropathie in Mitleidenschaft zieht. Mir wird schlecht vom Schmerz.

Ob ich Angst vorm Eingriff habe, fragte er mich gestern. Nein? Oder doch? Meine Haut „schlagartig“ mit roten Flecken übersät. Was auch immer das nun sein soll, Röschenflechte oder Neurodermitis -jeder Hautarzt diagnostizierte etwas anderes. Aber definitiv auffällig, dieses plötzliche Auftreten, erst recht an Stellen im Gesicht, die bis dato so noch nicht befallen wurden. Und erst recht in dieser Größe.

Meine Worte sind wertlos, der Tee mittlerweile kalt. Die Kohlmeisen hängen wie jeden Herbst und Winter an den Fensterrahmen oder gleich Fliegengittern und picken sich lebende oder tote Insekten heraus. Plötzlich erinnere ich mich an einen Besuch bei meiner Oma in Fürstenfeld. Nur so ein Gefühl, wie es sich damals angefühlt hat.

Auch gestern versuchte ich mir vorzustellen, das Kind auf meinem Schoß sitzen zu haben, während ich durchs Dorf rollte. Aber es wollte mir nicht so recht gelingen, außerdem hätte ich das Kind fürchterlich erschreckt mit meiner cholerischen Art und Weise…
Die nächste Erinnerung ist wieder viel zitierter Weihnachtsfeier gewidmet. Meine Mutter mit mir im Wald, um eine winzige Fichte auszubuddeln; sie soll als Weihnachtsbaum im Puppenhaus dienen.
Noch Jahre später fühlte ich mich schlecht und schuldig deswegen, weil wir doch in der Schule gelernt hatten, dass man das „nicht darf“. Sie ist ohnehin sofort eingegangen, hab sie nicht gegossen… Aber nun zu Potte kommen! Eine Entscheidung muss her! Dabei habe ich nicht einmal Platz, die Sachen, die im Weg sind, woanders hinzustellen, und die Leinwand misst doch etwa 100 × 70 cm. Und wie lange hat es gedauert zu realisieren, dass die Nebelkrähe auf dem Bild eine Dohle ist?! Wie blöd muss man, muss ICH sein? Ganz zu schweigen davon, in den fünfeinhalb Monaten vergessen zu haben, was mit dieser Symbolik gemeint war…

10:57
90 Minuten, 1292:15h gesamt.
Geh ich ihm entgegen? Kann ich? Kann ich mich anziehen?

15:16
25 Minuten für ein paar Schuhe und einen Pullover. Beinahe wäre ich gar nicht mehr losgegangen.
30 Minuten in etwa waren machbar; Sebastian hatte sich besonders beeilt, damit wir noch (und eben nicht wie gestern) in Ruhe zu Mittag essen können, war also früher da.
Als ich nach dem Essen die Augen schloss, in diesem Halbzustand unverzüglich die Sogwirkung wahrgenommen. „Noch sind das Erinnerungen, aber gleich…“. Diese Vorahnung, und wieder so, als müsse ich mich dem nur Prozess hingeben, und würde auf diese Weise einen Flashback evozieren. Und dann bin ich eingeschlafen, noch nicht richtig (glaube ich zumindest)…
13:33 Uhr die Augen wieder aufgerissen, weggetreten, die Augen wieder geschlossen (oder alles noch im Traum/Schlaf und sie erst danach wieder geöffnet), und alles wurde erklärt. Nachträglich zumindest so viel festgehalten (wieder), das die Erklärung in „surrealer Traumlogik und Traumbildern“ aus der Vergangenheit daherkam.

37,9 °C im rechten Ohr.

Das die Zahlen des Tages.
Draußen ist es unheimlich, düster. Esther hat angerufen; das zweite Paar Stulpen ist fertig. Da ich mich in keinster Weise erkenntlich zeigen kann, dachte ich, ich mache ein wenig Werbung für ihr Handwerk; beklagte sie doch, seit dem Umzug hierher keinerlei Aufträge mehr bekommen zu haben.

https://drive.google.com/drive/folders/1QZU4bA7I0n7UAGSkjSiX_6BktPVsUXVv?usp=sharing

Und vorrangig deswegen bin ich jetzt aufgestanden. Was hat mich das Kraft gekostet. Und malen wollte ich auch noch, ich wollte es versuchen. Meine Visage mit kaltem Wasser gewaschen… Aber ich fühle mich nicht wacher und jedes meiner Worte bestätigt das Dejavue in meinen Gehirnwindungen…

19:09
Mit Markus diskutieren: „Habe ich dir jetzt etwas vorgespielt, weil ich meine zu glauben, was du von mir hören willst?“. Seine Gegenargumente klangen in meinen Ohren alles andere als logisch.
Etwa 1 Stunde lang „das Kind gemimt“. Oder gespielt… Oder echt?
Er stellte Fragen direkt an das Kind, nachdem ich ihm erzählt hatte, dass ich diese turbulenten Tage scheinbar mehr Kontakt aufgenommen hätte. Also was war das? Fiebrig war ich am Abwägen, am Überprüfen, voller Selbstzweifel und noch mehr Selbsthass… Wer redet da? Habe das alles nicht ICH kontrolliert und gesteuert? Oder gewinnt doch der Eindruck, aus dem Hintergrund das Gesagte und Gedachte des Kindes kommentiert zu haben?? Denn ich war gleich mit Beantworten der ersten Frage in meine Hände gerutscht, die zwanghaft bis vier klimperten. Mich selbst sogar gefragt, ob das Kind Schwarztee mit Milch mag, weil eben dieser schön langsam eine Haut bekam.
Der nächste Anflug von Dejavue und von dem Bedürfnis, an Verschwörungstheorien zu glauben: WIE kann es sein, dass das Programm Sachen falsch schreibt, und wenn ich die Korrektur öffne (natürlich sprachlich), und mir mal eben zehn Optionen geliefert werden, zu 80 % die Nummer 4 zutreffend sein wird???!!!
Und WIE OFT habe ich das schon geschrieben/diktiert?!

Also Fragen wurden gestellt, was sich für das Kind wie angefühlt hat. Die „kleine Bianca“ sagte: „… Ich muss auf Mama aufpassen… Ich sterbe für Mama, damit sie weiterleben kann… Und am Morgen fühlt es sich komisch an, aber ich weiß nichts mehr… Bis es Abend wird und sie wieder stirbt und ich sie wieder beschützen muss…“… Um mir selbst JETZT vorzuwerfen/vorwerfen zu lassen, dass ich all das nur schreibe, um auch in der „Öffentlichkeit“ dieses Bild von mir zu verstärken.
Und dabei permanent Grimassen geschnitten, wie es eigentlich ein kleines Kind tut… Dermaßen in der Rolle aufgegangen? Ist ein grandioser Schauspieler an mir verloren gegangen?!

Sebastian ist erst jetzt wirklich nach Hause gekommen. Und hat mich um Aufschub gebeten: „Ist es in Ordnung, wenn wir dich erst um 20:00 Uhr unter die Dusche stellen?“.
Bei „WillHaben“ eine Kamera erspäht, genauso billig wie die zuletzt erstandene. Nur ist diese noch viel besser als meine beiden Letzten!! Ich hoffe, der Verkäufer antwortet noch. Habe ihm das Angebot gemacht, etwas mehr zu bezahlen, wenn er mir die Kamera ins Krankenhaus bringen könnte. Idiotisch?

Du schmeißt sie sowieso runter und machst sie kaputt!!!

Mich auf den Weg machen, ein paar Sachen packen. Der morgige Tag wird anstrengend, vor allem wortwörtlich der Morgen… Um 6:45 Uhr will er mich holen. Ich noch immer nicht fertig mit der Überlegung, ob Rollstuhl oder Rollator…

12. November 2018, Montag

8:25
58,2 Kilo um 6:45 Uhr. Nebel. Fine, Mitte November gespickt mit Zecken, während dem Frühstück ins Haus gelassen, extra aufgestanden, nur damit sie draußen meine Vögel in Ruhe lässt. Und wieder weiß ich nicht ein noch aus. Die Nachricht ans Krankenhaus bereitet mir Magenschmerzen, macht mich krank, nachts Sodbrennen. Aber das war wohl mein kleinstes Problem… Ich hatte gleich 4 mg Hydal retard geschluckt, und auf dem Sofa bis kurz vor Mitternacht herrschte Ruhe, doch kaum im Bett, Krämpfe noch und nöcher. Gefühlt schlug ich stundenlang auf das linke Bein ein. Als dieses endlich aufhörte, übernahm nahtlos sein rechter Kollege für die nächsten (gefühlt) Stunden. Irgendwann früh morgens muss ich geschlafen haben und träumte vom Krankenhaus, träumte von Krämpfen und dass das Bett viel zu klein war.

Es muss doch ein Gerät geben, das leichte Stromimpulse in die Muskulatur abgibt. War da nicht irgendwas bei Teleshopping? Von wegen „gestählter Superbody OHNE Sport dank dem SUPER-Muscle-3000“? Es kann doch nicht so schwer sein und ich werde doch wohl nicht die Erste sein, die auf diese Idee kommt, dieses Bedürfnis hat?! Und dann gibt dieser Gurt alle 10 Sekunden einen Impuls ab und ich brauche selbst nicht ständig auf mich selbst eindreschen? Und darf stattdessen schlafen…? Oder zu viel verlangt? Anmaßend von mir?

Ich sah mich bereits jetzt vornüber auf den Tisch gesunken hier liegen und die Nacht nachholen… Bis es wieder anfängt, dieses vermaledeite Teufelstheater!
Und was ist mit Donnerstag? Was ist wenn während dem Eingriff eines meiner Beine zu zappeln beginnt? Keiner damit rechnet und der Arzt „abrutscht“? Und das war’s dann mit Geschmack und Geruch?
Schöne Horrorszenarien…
Wenn ich sogar im Koma gekrampft habe?! Da wird mich eine Narkose nicht lahmlegen…

Worauf warten? Dass ich einschlafe? Der Tee zur Neige geht? Sollte und wollte ich nicht die ersten Pinselstriche tun?
Fine liegt auf ihrer Bank vor der Terrassentür und schnarcht laut. Inspirierend…
Immer noch sind viel zu viele Sachen im Weg, um die Leinwand an mich ran zu ziehen. Immer noch ist Denken und Handeln blockiert. Langsam wandert der Blick über den Tisch… Was kann ich wohin verschieben…

Alles überfordert mich, ganz plötzlich… Die Volkshilfe, ich muss noch Zähneputzen, sollte ich trainieren usw. und so fort… Und vorrangig: Sollte ich mich nicht schuldig fühlen? Mich nicht bestrafen?
Beide Hände beginnen zu klimpern, zählen bis 4. Nachts erst alle 4 Sekunden, dann 8 und schlussendlich alle 16 auf den jeweiligen Oberschenkel geschlagen, um den Krampfaufbau zu unterbrechen. Aber es musste definitiv mit der Vier zu tun haben!
Und was ist besser als 4 × 4?
Diese verfluchte Zahl… Den Rest vom Tee auf einmal runtergeschluckt. Kann man da hinter dem Nebel die Sonne erahnen? Ich war so sauer auf mich, nachts nicht die Zähne geputzt zu haben. Als ob ich das sonst tun würde. Mir diese Aufgabe immer noch als nette Alternative aufheben, um von der Volkshilfe zu flüchten. Und ich weiß ganz genau, wie stinksauer ich auf mich sein werde, wenn heute wieder so ein schöner Tag wird und ich mich nicht entscheiden kann, ob raus oder rein oder raus, und/aber erst recht, wenn nichts geleistet wurde!

Platz schaffen?! Ich lach mich tot!!!

Die Teeschale genommen und samt Untersetzer darauf als Deckel gekippt… Und auf den Boden rieseln mal eben so 20 Süßstofftabletten…

DU BIST SO DUMM!!!

11:01
Da kommt sie, die Sonne. Und mir ist schlecht. 75 Minuten gemalt. Je nachdem welches Musikstück mir aus der Stereoanlage entgegen donnerte, schwankte ich zwischen Euphorie und Selbstmord. Obwohl Letzteres noch nicht abgehakt scheint. Dieses dumpfe Gefühl in der Magengegend… Was habe ich schon wieder angestellt? Was ausgelöst? Berechtigt, unberechtigt?

Ein Lächeln auf dem Gesicht und dahinter lauter Aversionen. Das ganze Haus erscheint mir kontaminiert, dreckig, ekelhaft, besudelt! Ich hielt nicht aus, dass Sebastian abends nach dem Baden hier barfuß herumrannte… Mir kam die Kotze hoch! Und hielt ebenfalls nicht aus, was alles an Krümeln an meinen Socken haftete. Als er sich setzte, musste ich in die andere Richtung gucken, ehe er sich ein Kissen über die nackten Füße gelegt hatte. Ich konnte mir mein Abendessen beinahe schon zweimal durch den Kopf gehen lassen! Der Gedanke, dass er so ins Bett ging… Ich habe ja zumindest den Vorteil, dass er mir hinein helfen muss und im Zuge dessen wischt er mir meine Fußsohlen jedes Mal ab. Pure Hysterie, in Reinform! Und gerade eben, nach Entleeren meines Katheterbeutel, beim Spülen irgendwie mit dem Zeigefingernagel zwischen Taste und Blende gerutscht, in diese Ritze, die ich doch erst vor einiger Zeit als mit Schimmel behaftet stigmatisiert habe! Und dann mit Chlor sauber gemacht oder nicht? Oder war es nur Staub?

Nun meine ich etwas unter dem Fingernagel zu spüren. Meine, da drunter sitzt jetzt das Übel, das früher oder später über Umwege in meinen Mund gelangen wird, so in den restlichen Körper, um absorbiert zu werden und mich von innen heraus komplett zu zerstören!!!…
Genauso wie der „schlechte“ Kühlschrank, der seit Wochen bestialisch stinkt, aber niemand findet den Grund dafür.
Genauso wie die Sendung gestern über Abtreibung, in der die Gynäkologin anhand einer Plastik erklärt, wie eine solche von statten geht. Diese naturgetreue Nachbildung des weiblichen Geschlechtstraktes aus Gummi und Plastik… „…Und das ist die Scheide…“…

AUS! VORBEI!!! Wie das Ding direkt vor der Gebärmutter einen Knick macht… Derealisation! Wie die Eierstöcke aussehen… Siebzigerjahre, Flower-Power-Porno, Captain Kirk suhlt sich auf irgendeinem rosaroten Planeten im Strandsand mit einer blauhäutigen Außerirdischen mit Stöpseln auf dem Kopf, dahinter schweigend zwei Palmen, die zukucken und aussehen wie Eierstöcke… Ich möchte kotzen! Mir diesen Krempel da unten rausreißen!!

Hysterie pur? Nach meinem letzten Satz fange ich doch tatsächlich an zu flennen…

Sebastian sprach gestern mit meiner Mutter, bezeichnete sie als „Helikopter-Mutter“ und dass es ja kein Wunder sei, was für Ängste ihre Kinder vor dem Erwachsenwerden hatten…

Da wären wir wieder bei Brigittes „emotionalem Missbrauch“…
Dass die ganzen Theorien, dass Markus‘ Überzeugung schlichtweg falsch sind! Und ich erst recht „schuld“ am „Leiden aller“! An deren aktueller Misere! Weil ich, bequem wie eine Schnecke, den Kopf eingezogen habe, strikt von allen meine Ruhe einfordere, um kurz vor Verschwinden noch ein paar harsche Worte und infame Anschuldigungen losgeworden zu sein!!!

ICH BIN SCHEISSE! ICH BIN SCHULD!

Aber… Andererseits… Warum und vor allem WIE sollte DIESE Sorte Mutter, die immer da war und immer alles erledigt hat, dafür sorgen, dass ich mir mein Geschlecht rausreißen will??? Dass ich dessen Anblick nicht ertrage??? Dass Füße besudelte Aliens sind, die nur einem Zweck dienen: mich zu vergewaltigen und dann, voll mit Dreck und Unrat und Schuld, in meinen Mund gesteckt zu werden???!!! DAMIT ICH SCHEISS BLAGE ENDLICH DIE FRESSE HALTE!!!!

… Zusammenbruch.
Die Sonne scheint mir ins Gesicht. Muss sie ihrerseits noch gar nicht brechen, wenn man ihr so einen Anblick zumutet?
Kann nicht weinen, die Augen brennen. Ist das der Gipfel der abendlichen „Vorstellung“ gestern?
[…]

Bereits beim ersten Anflug von Tränen fing das rechte Bein wieder an zu krampfen. Ich möchte mit Zuständen dieser Art arbeiten, möchte Erkenntnisse daraus gewinnen… Aber entweder bin ich zu blöd dafür, zu schwach oder ICH DARF SCHLICHT UND ERGREIFEND NICHT!!!

Der Nebel ist weg. Kein Wind. Vor der Invasion flüchten und meine Rasierklingen mitnehmen… Morphium samt Rausch darf ich mir jetzt schon verordnen…

18:11
Mein Nacken ist ganz steif. Kopfschmerzen. Mit 1,3 mg war ich gestartet, unterwegs weitere 2,6 mg Hydal geschluckt. Ich hatte das Bedürfnis, mich ruhigzustellen. Und habe es jetzt immer noch… Weitere 1,3 mg und eine volle Dosis Tramal. Eine Zikade krabbelt über meinen Unterarm. Es wäre der perfekte Frühlingstag gewesen… Wäre eben nicht Mitte November. Die Vögel zwitscherten hemmungslos und überall waren unterschiedliche Libellen zu sehen. Sogar einen Schmetterling, einen C-Falter, konnte ich filmen.
Den Duft der Natur aufgesogen und mir vorgestellt, es wäre das letzte Mal.
Der Wind strich mir um die Ohren und darüber nachgedacht, ich müsse nachts sterben.
Mein Leben ergab keinen Sinn mehr. Ist es jetzt anders?
Ich war felsenfest davon überzeugt, mich verletzen zu müssen. Ist das Bedürfnis verraucht?
„Wie eine Baby!!…“, hatte ich noch zähneknirschend von mir gegeben, als er mich nach dem hastigen Mittagessen dick einpackte wie ein kleines Kind.
„Das BIST du aber nicht! Und für mich ist es was ganz NORMALES!“. Ich war so zornig und zugleich verzweifelt, er wiederum kann meine Litanei nicht mehr hören. Und natürlich schaffte ich es zum ersten Mal, die neue Kamera samt Stativ umzuwerfen! Zu deren Glück landete sie aber in einem dicken Laubkissen im Wald. Dafür haben die Aufnahmen nun keinen Ton, was wohl eher weniger mit dem Unfall zu tun hat.

Ein herzzerreißender Sonnenuntergang. Jedes einzelne Video mal eben locker 10-20 Minuten lang. Und als ich nach 17:00 Uhr in der Dunkelheit das Haus betrat, war ich allein… Zum Glück!
Zum Glück für Anita, die heute da war. Ich wäre unerträglich und mit ziemlicher Wahrscheinlichkeit äußerst ungerecht gewesen!
Das Licht im Flur eingeschaltet, fiel mein Blick natürlich wieder einmal auf mein Spiegelbild, auf meine uralte, hässliche Visage! Ich hasse mich!!

Die Hände sind eiskalt. Die Haare zuvor von Sebastian gewaschen worden. Auf der Speicherkarte Urlaubsvideos des Vorbesitzers. Ein Sonnenaufgang, irgendwo am Meer oder an einem See?

Hätte ich Verbandsmull mitgehabt, wäre ich nicht dermaßen eingepackt gewesen wie ein Eskimo und schon allein deswegen bewegungsunfähig, irgendwo an einer ruhigen Stelle wäre ich dem Ruf in mir nachgekommen, diesem Wunsch, mit der Klinge einmal von der Handbeugen hoch bis zur Ellenbeuge zu ritzen.

19:25
Versuchen, mich mit den Videos abzulenken. Aber eigentlich bin ich über deren Qualität ziemlich enttäuscht. Im Vergleich zu meiner anderen Kamera…
Und das frustriert. Und dass ich mit Frust nicht umgehen kann, HEUTE nicht umgehen kann noch will, habe ich eindrucksvoll bewiesen. Dabei fühlte ich mich wie der größte Versager, kaum 200 m die Straße hoch gefahren. Denn: „Das kann doch nicht so weitergehen! Wenn ich wegen solchen Banalitäten bereits die Flucht antreten muss… Wie soll mein Dasein bloß in Zukunft funktionieren???! Und DAS ist doch erst der Anfang!!!“…

Ins Badezimmer verschwinden oder hier? Der Tee schmeckt nicht; Sebastian wollte mir heute die andere Sorte unterjubeln und testen, ob ich den Unterschied schmecke.
Ja, leider…

19:47
Während man von oben sein Computerspiel hören kann, hier unten eine blutige Sauerei veranstalten. 20 Schnitte. Auf anfängliche Betäubung folgt Herzrasen, folgt Panik.

Damit du im Krankenhaus wieder unter Beweis stellen kannst, was für ein Stück SCHEISSE du bist!!!

Und das Beste: Ich darf oder besser gesagt muss davon ausgehen, dass dieser Haufen Schmerzmittel gegen die Krämpfe samt Neuropathie nachts nichts ausrichten wird!

Und ganz plötzlich bin ich wieder davon überzeugt, wie bereits mittags und bei meinem Fluchtversuch, dass DAS ALLES HIER eben NIE ein Ende finden wird!! Dass eine Traumaaufarbeitung nicht funktionieren kann!! Dass ich meine Verhaltensweisen nicht ändern kann!! Dass meine Denkmuster UNAUSLÖSCHLICH sind und nur einem Zweck dienen: Mich früher oder später umzubringen, und wenn ich es schon selbst nicht hinbekomme, in Gestalt eines garstigen Krebsgeschwürs, das mich dahinraffen wird…

Ich denke, ich habe Fieber…

11. November 2018, Sonntag

12:04
57,7 Kilo um 10:00 Uhr. Der ganze Fernsehabend ruiniert von Krämpfen im linken Bein. Im Bett derbe Blasenkrämpfe. Ab 8:00 Uhr Krämpfe im rechten Bein. Vor dem Frühstück Temperatur gemessen… 37,7 °C. Machen abzüglich der 0,5° immer noch ein erhöhtes Ergebnis. Die Arme nicht heben können. Und kaum hat das Frühstück begonnen, krampfte das linke Bein weiter.

Meine Stimme bricht zusammen. Unfähig, die Glasschälchen zu heben. Die Sonne sticht penetrant zur Terrassentür herein, während der Mäusebussard seine Mittagsrunde dreht, sich in die Lüfte erhebt, in den strahlend blauen Himmel, der so tut, als wäre es nie anders gewesen. Ich hatte überlegt, ob ich versuche zu malen. Aber die Lichtbedingungen sind beschissen. Dabei vermutlich entscheidender die Verfassung meiner Hände… Seit dem Termin bei der Zahnärztin nicht mehr Zähne geputzt. Keine Ahnung… Kann ich jetzt?

Können oder nicht können… Völlig blockiert, der Blick schweift unentwegt ab ins große Nichts. Dieses Nichts will mich gefangen nehmen, mich absorbieren, aufsaugen mit Haut und Haar. Alles in mir abtöten, mich töten. Und übrig bleibt eine leere Hülle…

Ein Teil meines Traumes, der überhaupt nichts zu bedeuten schien, hatte aber im Wachzustand heftige Nebenwirkungen. Ich träumte natürlich wieder einmal im Gasthaus gefangen zu sein. Es war schon so spät, aber Sebastian ließ sich nicht wecken. Er lehnte mit nacktem Oberkörper an der Wand hinter dem Bett. Meine Arme unter seine Achseln geschoben hievte ich ihn mehrmals hoch, schüttelte ihn. Dabei fühlte es sich an, als würde ich ein adipöses Kind in den Armen halten. Er wachte nicht auf, und im Traum wusste ich, dass das die Vorschau darauf war, wie es sein wird, wenn ich ihn das letzte Mal in den Armen halten werde, weil er an seinem Übergewicht gestorben ist…
Wir mussten auf die Hütte aufpassen, denke ich mal. Irgendwann 5 Minuten bevor er ohnehin fahren musste, war er endlich bereit aufzustehen. Aber meine Haare waren noch nass… Wer würde sie mir machen? Einen Zopf flechten? Unten auf der Straße, vom Kinderzimmerfenster aus sichtbar, stand meine Mutter und schmachtete zu mir herauf: „ICH FAHRE DICH ÜBERALL HIN, WO DU WILLST! ICH MACHE ALLES FÜR DICH!“. Wiederum ich versuchte den Vorhang vorzuziehen, um sie nicht sehen zu müssen. Und wieder hatte ich mit der Schule begonnen, mit der letzten Klasse Gymnasium. Aber von einem Tag auf den nächsten vergaß ich jedes Mal was ich gelernt hatte, welche Fächer ich habe und erst recht wie meine Schulkollegen heißen.

Und an dieser Stelle passiert das Seltsame. Ich sehe die ganze Situation vor dem Aufbruch zur Schule, sehen mich dann dort vor dem hässlichen Gebäude stehen (die Architekten hatten damals im Burgenland wohl ihre kubische Phase), alles im Schnelldurchlauf, in wachem Zustand, und dieser eine Satz drängt sich penetrant in den Vordergrund: „Ich bin ganz allein, ich bin ganz allein, ich bin ganz allein…“.
Und ich liege da auf dem Bett, das Bein krampft alle 10 Sekunden, und die Traumerinnerung löst in mir schlagartig ein Panikgefühl aus, das dermaßen tief geht… Als stamme es aus einem Flashback, als würde in den nächsten Sekunden einer über nicht kommen, oder, noch besser, als könne ich einen solchen nun bewusst auslösen!!
Wieder und wieder und wieder…

Augenblicklich dieser Lichteinfall nicht besser, hat das Potenzial, etwas zu triggern. Es wird wohl seine Gründe haben, warum ich mich immer wieder an diese Weihnachtsfeier erinnern muss.

In meinem Video einen gravierenden Fehler entdeckt. Diesen dann gestern Abend noch ausgemerzt. Der Computer lief die ganze Nacht, um das Projekt noch einmal zu exportieren. Was ich nun damit mache, bleibt fraglich. Mein innerer Zwiespalt wegen diesem Wetter gerade kostet Substanz sondergleichen. Da bleibt nicht mehr viel Platz für anderes, das man sich eventuell durch den Kopf gehen ließe.
Verdammt, ich muss den scheiß Schein von der Krankenkasse noch einscannen…

Mit meinen spärlichen Ressourcen haushalten, muss auf einen grünen Zweig kommen. Sonst bleibe ich hier hocken, schließe mich ab und schlitze mich früher oder später auf. Dann lieber meine Zähne putzen, um sodann die Schrottkiste raus in den Tag zu fahren.

15:32
Mich wie ein Verbrecher fühlen. Wie kann ich an so einem Tag nur wieder zurück ins Haus fahren? Weil meine Ohren anfingen zu schmerzen? Ganz zu schweigen von meinem beschissenen Arsch, der in der Zeit draußen mindestens fünfmal den sterbenden Schwan in Komplettlänge aufgeführt hat?

Ich putzte mir also die Zähne. Ich versuchte mir die Zähne zu putzen. Die doch in letzter Zeit so spastikaffine rechte Hand (ich weiß plötzlich nicht mehr, wie man Spastik schreibt…ach ja…) wollte GENAU DAS NICHT!! Sie weigerte sich partout die Zahnbürste festzuhalten. Ich musste also nicht nur mit dem Rollstuhl ganz dicht ans Waschbecken herangefahren, um den rechten Arm an dessen Rand abzustützen, NEIN, ich musste auch den linken Arm dort ablegen und mit der linken Hand die Rechte festhalten, damit deren Finger geschlossen um die Elektrozahnbürste blieben. Die Finger wurden wieder und wieder abgespreizt… Als hätte es das Problem mit dem unwillkürlichen Faustschluss nie gegeben! Ich hasste mich! Kaum vor der Tür, fragte ich ihn (aus meiner Warte heraus völlig selbstverständlich, wie ich finde): „Sei mal ehrlich… Die ganze Zeit brauche ich dich, brauche etwas von dir, mach mal dies, mach mal das… Welchen Profit ziehst du überhaupt noch aus meiner Existenz, meinem Dasein an deiner Seite?“.
„Auf so dumme Fragen antworte ich nicht!“.
Für mich erscheint das überhaupt nicht dumm, weil ich wieder einmal am Abwägen bin, wie lange ich diesem Theater noch beiwohnen möchte…

Er machte draußen allerhand Sachen, die schon lange darauf gewartet haben, erledigt zu werden. Und während er diesen alten Birnenast von unserer Nachbarin vorne vor der Terrasse in den Boden rammte, ereilte mich beinahe ein Flashback. Aber ich konnte die Auslöser nicht zusammenhalten, noch die Bilder über mich hereinbrechen lassen…

Der Rest des Nachmittags verlief unspektakulär. Bei der neuen gebrauchten Kamera war eine SD-Karte mit 64 GB dabei. Also stellte ich das Stativ vor den Wannenteich und habe nun mindestens 1 Stunde Material, das es zu durchforsten gilt. Und vermutlich saßen die Erlenzeisige dann doch jedes Mal woanders. Die Vögel draußen haben den toten Ast bereits akzeptiert und an meinem neuen Teich steht nun eine Art Totem. Ein Pflock und oben drauf der Schafschädel, den mir Daniela von der Volkshilfe vor sicherlich einem Jahr mitgebracht hat. Er starrt nun Richtung Eingangstür und heißt Rüdiger. „Kinderbesuch werden wir keinen mehr bekommen…“, befand Sebastian nach ein paar Schritten zurück, mit Blick aus der Distanz aufs neue Kunstwerk. Die Kiefer sollen noch unterhalb angebracht werden. Davon hat mir Daniela sogar vier Einzelteile mitgebracht (also zwei Unterkiefer), die dann bestenfalls im Wind schön aneinander klappern, wie ein Windspiel. Und hoffentlich verscheucht er alles und jeden!!!

Und natürlich krampft schon wieder eines meiner Beine! Probeweise hatte ich einen Pinsel in die Hand genommen. Und vermutlich bedarf es wirklich nur das Versuchs… Aber ich vermag mich nicht zu überwinden.

19:31
Panik. Ganz plötzlich Panik wegen morgen, wegen der Volkshilfe. Das ist ZUM KOTZEN!!!

Außerdem krampfte es stundenlang rechts. Ich quälte mich ins Badezimmer, der Beutel musste geleert werden. 1,3 mg Hydal und eine volle Dosis Tramal. Für einen Augenblick ward Frieden unterm Tisch. Aber -kaum zurück- zum Pinsel zu greifen konnte ich mir stecken. Und kurz drauf fing das linke Bein wieder an zu krampfen. Ich werde verrückt. Ich halte die Dunkelheit draußen nicht aus. Panik auch wegen meiner Nachricht an meine Ärztin. Hat sie mich schon wieder vergessen und es ist gerechtfertigt? Oder hat sie längst etwas an die Krankenkasse geschickt und ich mache mich zum unhöflichen Volltrottel?

Die letzten Zeilen noch einmal zum Zwecke der Korrektur zu Überfliegen löst das nächste Dejavuegefühl aus. Und für den Bruchteil einer Sekunde erinnere ich mich an einen Ausflug zu einem Autocrashrennen… Nur mit meinem Vater, oder war die ganze Familie dort? In einer rasanten Überblendung sah ich danach den Hügel links von der Volksschule, mit den beiden Birken unten, die immer als Tor dienten, wenn wir Fußball spielten.

Harmlos! Und dennoch Todesängste!

Sebastian ist zu meinen Eltern gefahren, Essen holen. Für sich. Ich will nichts davon. Dafür habe ich lauter Schwachsinn in mich hinein gestopft… Viel zu viele Waffeln und Kekse… Hätte das Kotzbedürfnis zwecks Panik gleich nutzen sollen.
Augenblicklich den aktuellen Videoordner leerräumen und versuchen zu sortieren, was noch benötigt wird und was eben nicht mehr. Jener auf der Festplatte mit den Clips der letzten drei Videos dermaßen voll gestopft, dass er sich kaum noch ohne Probleme öffnen lässt. Aber es dauert alles zu lange, taugt nicht als Ablenkung, und meine Haare müssten noch gewaschen werden… Ich bekomme das nicht hin.
Alles, was ich soeben von mir gebe, ist Müll, dient lediglich dem verzweifelten Versuch, der Angst etwas entgegenzusetzen.

10. November 2018, Samstag

16:41
Womit habe ich DAS verdient? Es gab doch wieder einen mit Salz geschwängerten Salat, der grundsätzlich hohes Gewicht nach sich zieht.
57,5 Kilo. Waren nicht meine Füße total geschwollen?
Es war eine unruhige Nacht. Die Krämpfe in den Beinen lösten sich periodisch ab. Erst links und dann rechts und links und wieder rechts, um in den frühen Morgenstunden davon zu träumen, Fieber zu haben und mich deswegen nicht bewegen zu können. Abgesehen von der Sequenz, in der meine Mutter wieder einmal den Dachboden (sozusagen die Erinnerung) aufräumte und gruselige gigantische Baumaschinen die Straßen blockierten, aufrissen und schlussendlich damit begannen, den Hang neben der Bundesstraße unterhalb der Brücke abzubaggern. Unter all der Erde befanden sich Utensilien, die eigentlich auf den Dachboden gehörten. Es gab auch geheimnisvolle Schächte, in die meine Mutter ganze Säcke mit „Geheimnissen“, oder zumindest Erinnerungen, die man gut und sicher bewahren sollte, geworfen hatte. Es sah aus, als würde man einen Ameisenbau auseinandernehmen… Und alles kam zutage! Einfach ALLES!!!

Morgens dann dezent erhöhte Temperatur. Und auch deswegen hatten die Beine wohl gekrampft. Unfähig, mir die Butter auf mein Brötchen zu schmieren.
Ich fuhr trotzdem mit zum Einkaufen, um auch meine neue/alte Brille zu holen. Verjüngt diese vielleicht sogar? Die Fassung ist doch tatsächlich noch von der ersten Brille zu Hauptschulzeiten. Ich war wohl 14 oder so…
Aber, nichtsdestotrotz, mich den ganzen Einkauf über selbst beschimpft. Erst recht, als ich plötzlich der Meinung war, ich hätte gerne eine Mütze… Aber mir steht so etwas nicht! Ich sah, ich sehe damit zum Brechen aus! Und ich hasste mein Gesicht…
Und während draußen die Sonne untergeht, vielleicht noch festhalten, nach unserer Heimkehr dick eingepackt und mit meiner Wärmeflasche auf dem Schoß nach draußen gefahren zu sein. Um mich mit der neuen Kamera vertraut zu machen. Es bedurfte Sebastians Versuch, um erkennen zu können, dass man das Display doch drehen kann. Dennoch hat diese Kamera einige Defizite.
Ein paar bunte Herbstaufnahmen… Aber jetzt schon wieder Stau in meinen Stirnhöhlen, leichte Kopfschmerzen und mich heute noch überhaupt nicht bewegt. Aber es sitzt sich hier so schön, mit Blick ins Nichts und ausdrucksloser Miene…

18:32
Eines meiner alten Videos gucken…


Dabei krampfte ich eine Ewigkeit, zappelte eine Ewigkeit, schluckte gleich 2,6 mg Hydal, und rief dann Sebastian von oben, um mir aus den Stützstrümpfen zu helfen. In der Tat hörte zuerst das Krampfen auf, und jetzt erst setzt die Wirkung der Schmerzmittel ein. Eine ungerechte Mischung aus Panik und Rausch. Allein bei dem Gedanken während dem Gucken, vielleicht noch etwas diktieren zu wollen, nahm die Angst überhand.
Mit vermutlich jede Menge Endorphin voll gestopft erscheint mir auch jede gesprochene Silbe wie die Wiederholung der Wiederholung, der beste Weg, einen Flashback loszutreten.
Ja! Ich habe tatsächlich aus meinen beiden Videos die Fragestellung, ob es sich dabei nicht doch um Epilepsie handelt, gestern oder vorgestern gestrichen! Genauso will ich aufhören, wie im Video beschrieben, mich selbst als Kind permanent als Flittchen zu betrachten! Bei jedem Hochkochen der Ängste packe ich in Gedanken dieses innere Kind, pflanze es zu mir aufs Sofa, drücke ihm eine Tasse Kakao in die kleinen Hände und wiederhole einen Satz: „JETZT ist JETZT!! JETZT gerade wird NICHTS passieren!!“.

9. November 2018, Freitag

8:46
58 Kilo um 6:45 Uhr. Womit habe ich das verdient? Er hat doch abends nach dem Abholen der Kamera noch Essen von McDonald’s mitgebracht… Ich bin davon ausgegangen, ich hätte sicherlich 59,5 Kilo. Mindestens.
Und schon den Einstieg gefunden: Er hört mir nicht zu und ich höre ihm nicht zu. Die neue Kamera, für 80 €… Ist in der Tat ein Modell, unzählige Stufen unter meinen beiden. Aber so richtig entsetzt hat mich gerade eben beim Kennenlernen, dass man das Display nicht drehen kann. Auch dass es sich nicht um einen Touchscreen handelt, bedarf noch eingängiger Bewertung. Ist das nun gut oder nicht? Der Steuerknüppel für die Navigation ist mikroskopisch! Und jetzt habe ich in der Tat die Angst, dass die Kamera, die in eine Überprüfung für die Garantie ging, völlig kaputt gemacht wurde. Denn das Ergebnis der „Untersuchung“ lautete ja wie folgt: Totalschaden! Aber das stimmt so nicht. Der Stabilisator funktioniert nicht mehr. Aber mit Stativ und kurzer Vorlaufzeit, in der man dem Gerät erlaubt, sich aus zu zittern, funktioniert sie ja immer noch.

Das hat mir jetzt das ganze Frühstück über keine Ruhe gelassen. Nun unverzüglich bei einschlägigen Seiten nach Alternativen suchen. Ja! Dann kaufe ich von mir aus noch eine dritte Kamera! Ich habe Bilder verkauft, Geld bekommen und warum sollte ich dieses immer unangetastet aufs Sparkonto schieben, mir nichts davon gönnen?
Des weiteren stellt sich die Frage, ob ich anschließend endlich mit dem Malen beginne oder wieder nur schlafend auf dem Tisch lande. Die Augen sind so müde, die Nacht war teilweise anstrengend. Er hat geschnarcht, war nicht wach zu kriegen, und ich mit Krämpfen beschäftigt. Sicherlich eine Stunde lang, so um 1:00 Uhr herum. Witzigerweise fühlte ich mich nach dem ersten Schluck vom Milchtee so, als hätte ich vor einer halben Stunde ordentlich getankt. Aber nichts dergleichen. Und nachts waren es auch nur 2 × 1,3 Milligramm Hydal. Kein Rausch, die Müdigkeit? Und wieder bunte Träume, teilweise dramatisch, aber ohne brauchbare Aussage für mich und mein Problem…

9:29
Keine Alternativen. Schlafen oder malen? Der Termin um 11 mit Sonja macht mich krank. Dabei wäre das Wetter perfekt zum Dösen…
Außerdem… Gestern nur flüchtig Farbe in der Hand gehabt. Dennoch ein weißer Feck auf meinen guten Wollstulpen, ebenso auf dem schwarzen T-Shirt…

Blöder Trampel!

16:29
Selbstbeschimpfung…
Den Vormittag verpennt. Dabei beim Einschlafen so einige Schwierigkeiten gehabt. Mich vor mir selbst oder vor dem NICHTS erschrocken! Oder vielleicht doch vor dem eigentlichen Akt des Einschlafens, bei dem man ja schlussendlich die Kontrolle abgibt und wehrlos wird?
Sebastian hatte mich morgens geküsst. Wie er es immer tut, bevor er zur Arbeit fährt. Doch heute hatte er einen Lustigen gefrühstückt und steckte mir die Zunge in den Mund. Bzw. zwischen die Lippen, denn weiter kam er nicht. Ich reagierte völlig hysterisch, stieß ihn von mir, wenn ich ihn nicht sogar angeschrien habe. Als er spät mittags nach Hause kam und ich ihm erläuterte, was diese winzige Aktion mit mir gemacht hat, entschuldigte er sich dafür. „Ich will aber nicht, dass du Entschuldigung sagst! Du hast ja nichts falsch gemacht und ich bin froh über die heftige Reaktion. Ein Puzzleteil mehr…“.
Die ganze Zeit, die ich wach war, darüber nachgedacht, WORAN es mich erinnert hat. So richtig angewidert hat mich der Zwiebelgeruch, Zwiebelgeschmack. Aber auch der Umstand, dass sich die Realitäten verschoben und sich seine Zunge nicht mehr wie diese angefühlt hat. Aber WAS dann?

Die erste Eselsbrücke: eine Schildkröte. Ich dachte an die Schildkröte von Markus, dem Nachbarsjungen, die der Familie „zugelaufen“ war, bzw. irgendein Arschloch an der Bundesstraße ausgesetzt haben muss. Sie hieß Susi, eine griechische Landschildkröte. Es sah doch jedes Mal so putzig aus, wenn sie ihr uraltes Mäulchen öffnete und ihre dem des Menschen ähnliche winzige Zunge zum Vorschein kam, bevor sie ins Salatblatt biss. Genauso mit „Noppen“ übersät wie bei uns. Die nächste Assoziation, wenn man diese denn frei fliegen lässt, ist eine alte Frau, eine Oma, meine Oma (mütterlicherseits), die ihren faltigen Mund öffnet und ihre spitze Zunge dringt nur ein bisschen in wiederum meinen ein. Oder doch keine Zunge? Etwas Heißes, Warmes, Feuchtes, Glitschiges… Eine vor Erregung glänzende Eichel, die mir in den Mund geschoben wird? Nur ein wenig, der Mund zu klein? Oder eben „unten rein“? Dort könnte es auch wiederum die Zunge sein…

Nachdem Sonja gegangen war, suchte ich nach weiteren Videos zu Dissoziationen. Ich suchte nach Aufnahmen wie den meinigen. Zumindest fand ich nachgestellte Situationen…
Markus darf ich nicht glauben. Er ist der Spinner aus Wien. Von dem nicht einmal klar ist, ob er überhaupt etwas mit Psychoanalyse zu tun hat, ob er nicht so tut als ob. Vor dem mich sogar meine Ärzte warnen… Die Neurologin in Graz, der für MS zuständige Neurologe in Radkersburg und nicht zu vergessen der Chef der Rehaklinik. Weil sich Markus mit ihnen angelegt hat, damals, 2013. Weil man mir die Möglichkeit verwehrte, irgendwo für die Dauer der Therapie ein stilles Zimmer zu okkupieren, an dem ich meine täglichen Analysesitzungen abhalten hätte können. Weil in meinem Zimmer ein behindertes Mädchen lag, das die ganze Zeit laut geredet hat…

Wenigstens deren Eltern hatten Verständnis und machten zu den Therapiezeiten Ausflüge mit ihr. Denn eigentlich wollte man mich schon aus der Klinik schmeißen. Man wollte, dass ich mich hier auf die Rehabilitation konzentriere, und nicht auf meine Psyche. Als ob man das so einfach abstellen könnte. Und Markus, seines Zeichens ein kleiner Anarchist und Alt-Punk, lässt sich nichts gefallen, ist ein Querulant, dezent hitzköpfig? Erst recht wenn es um seine Patienten und deren Recht geht? Man nicht mit ihm zusammenarbeiten will, als Behörde, Arzt, Klinik, etc.?
Und ich immer wieder zu hören bekomme, dass sein Gehabe äußerst unseriös sei, ich aufpassen müsse, den Kontakt besser abbrechen solle, etc.?

Wenn dem so wäre, warum hat er immer wieder gesagt, ich solle ihm kein Bild schenken, das wäre viel zu viel wert und mit seiner Arbeit könne er das niemals aufwiegen? Wäre er ein Perverser, hätte ich das in den letzten Jahren doch schon bemerkt, oder? Wäre er auf Geld aus, hätte ich es doch längst bemerkt, oder etwa nicht? Und alles was er prophezeit hat, was ich ihm nicht abkaufte, trat früher oder später genauso ein!

Aber ich darf ihm nicht glauben, weil er von seiner Theorie, mein Trauma betreffend, überzeugt ist, und dieses in eine Richtung steuert, die Rumpelstilzchen absolut gegen den Strich geht. Die nicht sein darf, deretwegen ich mich eigentlich schon längst umgebracht haben müsste!!!

O.k., ich glaube ihm nicht, ich darf ihm nicht glauben. Aber all das, was er sagt, findet sich anderweitig in unterschiedlichster Lektüre wieder! In Studien! Usw. und so fort…

Und so sahen diese gestellten Absenzen in den zuvor angesprochenen Videos EXAKT so aus wie bei mir. Die beschriebenen Rahmenbedingungen EXAKT wie bei mir. Und eine derart pathologische Häufung der dissoziativen Phänomene KOMMT VERDAMMT NOCH MAL NICHT VON EINER LIEBEVOLLEN ÜBERMUTTER UND EINER PERFEKTEN KINDHEIT, IN DER MAN ALLES HATTE!!!
HAST DU GEHÖRT, RUMPELSTILZCHEN??!!

Panik…
Während dem Mittagessen krampfte es. Nach dem Mittagessen krampfte es noch stärker. Magnesium… 1,3 mg Hydal… Noch mehr Krämpfe… 2,6 mg Hydal obendrauf. Um dann, nach zwei Stunden Quälerei, endlich aufzustehen, den Wünschen meiner Verdauung ins Klo zu folgen, und die Krämpfe waren weg…

Mein ganzes Gesicht juckt. Ein wunderschöner Rauschzustand. Demoliert, demontiert von Angstzuständen.
Aber was bilde ich mir auch ein, zu glauben, diese innere Stille genießen zu dürfen…
Mit Sonja darüber geredet, ob wir heute Übungen machen oder mein schmerzender Rücken doch Vorrang hat. „Es bringt doch überhaupt nichts! Ich werde die Übungen alleine nicht weiter machen! Weil ich… Was weiß ich… Mich nicht motivieren kann? Fertig bin mit mir? Depressiv? Oder lange genug gekämpft habe? Und weil die Übungen so schwer, ZU schwer erscheinen…?“.
Meine Physiotherapeutin brachte es wieder auf den Punkt: „Und das ist schlicht und ergreifend zu RESPEKTIEREN! Es ist ganz allein deine Sache, wie du dir den Tag einteilst, und wenn du nicht mehr kannst, muss man das akzeptieren! Fertig!“, und fing an, meinen knochigen Rücken zu massieren.

Ich fühle mich dennoch schuldig. Ich BIN schuldig. ICH BIN DIE SCHULD!!!!
…Und ich sollte tot sein.

Meine Hände verkrampfen just in diesem Augenblick. Die Rechte völlig unbrauchbar. Die Stimme kratzig. Ich fühle mich nach Fieber, habe aber keines. Keine Ausrede, keine Rechtfertigung… Außer vielleicht von Anbeginn meiner Zeit SCHLECHT gewesen zu sein…

Einen Schritt zur Seite tun: „Eindeutig! Spricht alles für ein schweres Trauma!“.
Aber wie praktisch, dass für mich diese Schlussfolgerungen nicht gelten. Erspart so manch einem um mich Kopfzerbrechen!

…Und an meiner eigenen Ironie ersticken…

Da wird es nebenbei 17:34, der ganze Tag vertan, mir ist flau und ich öffne die Butterkekspackung. ICH HASSE MICH!!!

19:30
Ich kann mich nicht aufraffen. Zu NICHTS! Nur in völliger Lethargie hier zu hocken ein Verbrechen. Die Hände ein wenig entspannt, ich hätte es wenigstens versuchen können…

Und während ich diesen Satz formuliere, plötzlich wieder so ein Schlag auf die Nase, ich rieche schon wieder Rauch, für eine Hundertstelsekunde! Aber die Absenz bleibt aus. Wie sollte ich mich selbst auch ernst nehmen, nachdem ich den ganzen „wachen“ Tag damit zugebracht habe, mich mit dieser Thematik auseinanderzusetzen? Und NEIN! So ein Video wie meine beiden fand ich nirgends.

Ein paar Kekse zum Tee.

DU FETTE SAU!!!

Meinen Gedanken freien Lauf, das Kind in mir sprechen und die Assoziationen und Bilder fließen lassen…?
Markant definitiv folgender Umstand, bei meiner Suche immer wieder auf Verschwörungstheoretiker gestoßen zu sein. Für mich DIE Gruppe schlechthin, in der sich die meisten Traumaopfer tummeln. Auf der Suche nach Sicherheit, irrt man auf paranoiden Pfaden, ruft neue Feindbilder aus und wähnt sich so auf dem Trockenen. Weil man ja alles durchschaut…
Ich würde sagen, man hat wohl eher die Angst ans Steuer gelassen. Und es nervt mich, mich NERVEN diese Menschen, weil ich wirklich ein gefundenes Fressen für derart gepolte Individuen darstelle! Aber genauso ist es mit der Kirche… Gibt es denn keine „normalen“ Zeitgenossen mehr? Die ihrerseits beschädigt wurden, aber nicht gleich einem Extrem anheimgefallen sind?
Und so änderte ich nach kurzem so manch eine positive Bewertung in eine negative.
Und so verkrampfen sich meine Finger erneut und gefühlt stehe ich mit der Stirn zur Wand.

8. November 2018, Donnerstag

8:58
58,2 Kilo. Und DAFÜR eine ganze Entwässerungstablette geschluckt…
Mein Frühstück verzögerte sich ungemein. Das Grüne Heupferd, welches ich gestern noch nach meinem Spaziergang beim Betreten des Hauses außen auf der Eingangstür sitzen gesehen habe, beehrte mich mit einem Besuch. Schon spannend genug, wie sie von hinten nach vorne, also einmal quer durchs Haus gelangt sein muss. Und ob es dieselbe Schrecke ist. Ich aß gerade die erste Scheibe Vollkornbrot mit Streichkäse, guckte eher unkonzentriert die Wiederholung der Küchenschlacht von letzten Donnerstag, als mir der ungebetene Gast auf meinem Teller ins Auge stach. Saß da nicht tatsächlich dieser kleine Kerl (und ja, es war ein Männchen) an der Ecke der zweiten Brotscheibe und knabberte unverschämt an meinem Frühstück. Der Versuch, den Gesellen zu bestimmen, hat mich viel Zeit gekostet, zumindest die müden Geister verjagt, denn sonst würde ich mich jetzt erneut zum Schlafen hinlegen, und zu allem Übel eine heftige Derealisation serviert! DAS soll das große, grüne Heupferd sein??? Mit nur 3 cm Länge??? Spinne ich jetzt total???
Dieser kleine, zartgliedrige Wicht hat doch nichts mit der großen Heuschrecke zu tun! Nichts mit dem Tier zu tun, das in meinem Video immer wieder vorkam? Auf meinem Schoß saß! Und mal eben dreimal so groß war??!!

Aber Wikipedia meint nun ernsthaft, die Körperlänge würde lediglich plus oder minus 3 cm aufweisen… Mein „Weltbild“ soeben erschüttert!!
Draußen Nebel, alles versinkt in diffusem Licht. Was ist echt und was ist es nicht? Als hätte es gestern noch für jedermann selbstverständlich eine Tierart gegeben, und heute ist diese wie ausgelöscht. Als hätte sie nie existiert!

Anspannung? Ja, bitte! Ich will wieder spazieren gehen. Was es zu Mittag gibt, bleibt fraglich. Und dann vermutlich um 13:30 Uhr steht die Rettung vor der Tür, ab zur Zahnärztin, und inständig hoffen, dass die Volkshilfe währenddessen hier ist, um alles zu erledigen und eben NICHT erst dann einzutreffen, wenn auch ich wieder heimkehre.

Was mache ich jetzt? Da wären immer noch die beiden Berichte fürs Büro. Die Zeichnung, die noch nicht wirklich fertig ist. ODER ich tue den großen Schritt, ENDLICH, nach über fünf Monaten, nach fünfeinhalb Monaten, und widme mich der Leinwand. Aber habe ich überhaupt noch einen Plan? Weiß ich überhaupt noch worum es ging, und erst recht wie es weitergehen sollte?

Unter dem Zeichenblock versteckt die beiden blutbesudelten Strümpfe. Abends genügte ein winziger Gedanke an den heutigen Tag, an die „Invasion“, und mein Angstsystem rastete aus!
Noch ist mein Tisch und eben auch sogar die Leinwand voll geräumt mit unterschiedlichsten Dingen und Utensilien. Noch habe ich Tee.

Abräumen, Farbe portionieren, Pinsel in die Hand nehmen und weiter sehen…

10:29
Und nun? Alle Freistunden in dem zum Bild gehörenden Dokument eingetragen. Der Keilrahmen liegt vor mir, alles total verstaubt, voller Krümel, und in der Ecke rechts eine große Delle. Zu viele Sachen draufgeworfen, zu schwere Sachen… Oder war sie vorher schon da?
Dann jagt mich meine Verdauung ins Bad, und ich putze mir bei der Gelegenheit gleich mal die Zähne. Heute kann ich nicht gut stehen. Bin nicht stabil. Und die Hand… War schon damit überfordert, die Leinwand zu mir heranzuziehen. Jetzt ist sie klinisch tot.
Abends heimliche Tränen. Die linke Hand dermaßen spastisch, ich vermochte nicht einmal mit Gewalt die Finger ganz durchzustrecken. Und die Rechte… Immer derselbe Text!
Da ich alle Bücher im Schlafzimmer bereits durchgelesen habe, schmökerte ich noch kurz in meinem Notizbuch, welches in der obersten Nachtkästchenschublade darauf wartet, hastig Träume oder Erinnerungen festzuhalten. Die rechte Hand baute doch bereits 2011 ab, noch lange vor der Psychoanalyse. Was will ich mir da einreden von wegen „rotem Faden, Psychosomatik“? Alles Schwachsinn??

Im rechten Bein beginnt es zu krampfen. Ich weiß nicht, ob ich die Nebelkrähe auf dem Bild abgeschlossen habe. Ich weiß nicht mehr, wie es weitergehen sollte. Ich weiß nichts mehr…

15:38
Nicht wissen, wohin mit mir. Zumindest die Leinwand entblößt, liegt nun nackt vor mir, mit all ihren Defiziten. Noch lange nicht fertig… Aber es genügte doch bereits, die Farben aus den Kisten zu graben, ein paar Töne in Petrischalen zu portionieren. Mein Rücken schreit Alarm! Als hätte ich bereits Stunden gemalt! Was soll und will mir das sagen?

DU MALST NIE WIEDER!!!

Meine Zahnärztin machte mir bereits Freude: „Da kann man nicht mehr viel machen…“, und sah mich bereits nach Graz in die Zahnklinik pendeln. Sie schaute noch einmal genau hin und korrigierte sich dann. „Ach, klar geht da noch was…“. Kunststoffplombe. Der Zahn halbiert. Und hätte sie es nicht selbst angesprochen, hätte ich sie auch darum gebeten: „Ich schaue noch einmal durch, denn nicht, dass Sie in einer Woche wiederkommen müssen!“. Und in der Tat gab es da noch Einiges zu sehen… Ein Zahn wurde noch abgeschleift, und jenen unter dem eigentlichen „Grund“ für den heutigen Termin, den hätte ich wohl „gesprengt“. Immer wieder spricht sie davon, dass ich sehr stark zu knirschen scheine. In der Tat überflutete mich gleich mehrere Panikwellen während der Untersuchung. Aber nicht der Behandlung wegen, sondern ganz allein wegen dem, was mich zu Hause erwarten könnte.

Ramida war gerade fleißig zugange. Ich hatte Sebastian doch gesagt, er muss den Rotkohl wegwerfen… Als ich mit der Rettung das Haus betrat, erschlug uns eine Kohlwolke, wohl gemerkt eine vergammelte Wolke. Die riesengroße Menge im großen Topf hatte wohl schon fröhlich vor sich dahin geschimmelt! Und in der Vorratskammer fand sie einen großen Sack Kartoffeln, total vergammelt und am Stinken! Hatte er nicht erst vorgestern Kartoffeln für mich gemacht? Da riecht er das nicht??!!

Sie hatte es eilig, und ist ohnehin wie immer die fleißigste. Es wurde nicht viel geredet und das dämpfte die Panik. Aber jetzt, wieder allein, krampft das linke Bein. Der Rücken duldet nicht, mich nach vorne zu beugen. Ich habe Kopfschmerzen; zuvor als ich niesen musste, schmerzte es anschließend heftig in den Stirnhöhlen. Der Nebel hat sich den ganzen Tag gehalten, das Wetter wird auch ordnungsgemäß drücken.

Vielleicht noch ein oder zwei Sätze zu meinem Vormittag, der völlig verschwendet wurde, zu meinem eigentlichen Plan… Schaffte es zumindest bis zur Tür. Aber mein Pullover war falsch herum und ich vermochte nicht ihn umzudrehen. Auch den grünen Poncho konnte ich nicht anziehen noch umdrehen. Und wie ich seit zwei Tagen zu Sebastian gesagt habe: „Mein leichter brauner Umhang muss im Auto sein!“. Mit dem wäre ich zurecht gekommen… Ich kann mir nicht mal eine Jacke anziehen! Also blieb ich sitzen. Völlig wertlos. So verläuft jetzt auch der Nachmittag. Die Krämpfe werden immer stärker. Einziges Highlight: Heute Abend trifft er sich mit dem Verkäufer der gebrauchten Kamera!! Endlich!!

Das nächste Gerät, das du kaputt machen kannst!! Du beschissener Krüppel!!

7. November 2018, Mittwoch

8:27
„Na Frau Samer, was machen wir heute Schönes?“…
58,7 Kilo um 6:45 Uhr. Der Spann auf beiden Seiten dezent geschwollen. Allerlei bunte Träume. In einem kämpfte ich darum, dass man mir zugesteht, mich selbst als fett zu bezeichnen. Aber ich geriet wohl in so eine Art esoterische Emanzentruppe, die das nicht zulassen wollte. Doch in der Tat war ich eine kleine Wuchtbrumme, hatte mal eben locker 30 Kilo mehr. Ein Speckring stapelte sich auf dem anderen. Im nächsten war ich mit meinen Eltern unterwegs. Bzw. hatten wir Kontaktlinsen losgeschickt, die unsere Augen sein sollten.

Schon fantastisch, was man sich im Traum zusammenbastelt. Hatte ich gestern doch endlich die E-Mail abgeschickt, an meine Mutter, voll gestopft mit Links zu diversen Dokumentationen über das Thema Missbrauch und dessen Folgen.

Und auch wenn ich jetzt nicht mehr wie noch vor einer Stunde alle Träume zusammen bekomme, kann ich unterm Strich sagen: „Harmlos, harmlos, harmlos!“. Aber frappierend, wie bereits gestern, die extreme Müdigkeit. Draußen entsteigt dem Nebel die aufgehende Sonne. Der Feldahorn leuchtet noch mehr. Ich sollte, ich müsste doch…
Machte überhaupt keinen Sinn, mir meine Laufschuhe heute anzuziehen. „Du weißt schon, dass nicht klar ist, wann genau ich nach Hause komme, dass ich nicht pünktlich sein werde?“. Nein? Daran hatte ich nicht gedacht; völlig verpeilt. Ich hatte ja nicht einmal bemerkt, dass ich nach dem Anziehen eine halbe Stunde geschlafen haben muss. Für mich erschien es so, dass ich mich zurück lehnte nach dem Anziehen und im nächsten Augenblick steht er schon wieder vor mir, reicht mir die Hände und will mir beim Aufstehen helfen. Desorientiert: „Ist schon Halb??“.

Er hat mir mein Wasserglas fürs Malen nicht zurückgegeben.

Dann beweg deinen faulen Arsch und hole es selbst!!!

Ist es ein Fehler, mir erneut zu erlauben, zu schlafen? Weil ich nachmittags ganz sicher nicht mehr fähig sein werde, den Pinsel zu halten? Zumal die Zeichnung noch nicht einmal fertig ist. Oder doch? Und es gibt nicht mehr zu sagen als das, was bereits DA ist?

Zwei Dokumente warten auf meine Bearbeitung, für die Firma. Ich müsste den Videoordner auseinandernehmen, die Animationen separat abspeichern, die benutzten Videos auf die Festplatte schieben, die nicht gebrauchten in den nächsten für das nächste Video. Da schlafe ich doch schon beim Diktieren ein. Und natürlich… Ein winziger Nervenimpuls schießt daneben, wie ein kleiner Nadelstich in der Fußsohle, und das linke Bein krampft. Mittwochs wird doch ohnehin nach dem Mittagessen gemeinsam auf dem Sofa gepennt, gedöst.

Verkrustetes Blut vom Arm kratzen. Ich fühlte mich definitiv im Traum noch schlecht für meinen gestrigen Eintrag. Versuchte ihn zu rechtfertigen.
Aufgrund der Kommentare aufs Video jemanden gebeten, die ebenfalls Flashbacks und Absenzen hat, sich meine Aufnahme diesbezüglich anzusehen, mit der Fragestellung, ob das ihres Erachtens Ähnlichkeiten hat mit dem, was sie erlebt. Und sie hat mir recht gegeben… Hilft das jetzt? Oder werde ich weiterhin kostbare Sitzungen damit vergeuden, Grundsatzfragen bis zum Erbrechen debattieren zu müssen? Weil „sie ist ja kein Arzt, keine Fachfrau für Epilepsie“?!

Draußen in den Jungbirken gleich drei Eichelhäher am Streiten. Ich brauche eine Kamera!
Andererseits… Wie soll ich schlafen, wenn das Bein unentwegt zappelt und Schmerzen bereitet? Prompt fällt mir noch ein Teil vom Nachtkino ein: Sebastian hatte irgendetwas gemacht und plötzlich dieselben neuropathischen Beugespasmen in seinen Beinen, und er jammerte und jaulte vor Schmerzen. Woraufhin ich nur bitter lachte: „Willkommen in meiner Welt!…“.

Mein Nacken, meine Schulterpartie völlig verspannt. Mir gestern beim Spazieren extra Mühe gegeben, genau diese Problemzonen immer wieder zu lockern. Wie man sieht -umsonst!
Und doch… Ich hole mir jetzt mein Kissen…

19:45
Es „ging besser“. Zumindest anfangs. Etwa 52 Minuten hatte ich mit Gehen zugebracht, und zum Glück kam Sebastian genau dann nach Hause, als ich gerade wieder die Einfahrt erreichte… Diese zu erklimmen wäre zu diesem Zeitpunkt äußerst schwierig gewesen. Ich war fertig. Meine Beine waren mit mir fertig. Aufrichtung hatte ich keine mehr.

Definitiv erwähnenswert die Minute vor Verlassen des Hauses. Ich hatte also den ganzen Vormittag verpennt, schon wieder. Dieses Mal konnte ich mich noch später aufraffen, es war sogar 11:35 Uhr, als ich ENDLICH aufstand. Wieder bunte Träume, aber wie so oft am Tag, mir keinen einzigen davon gemerkt. Aber nun stand ich eben im Flur, neben der Eingangstür, vor Schuhregal und Spiegel. Und betrachtete mich selbst…
Gefiel mir, was ich sah?
War es gar in Ordnung?
Es nicht vonnöten, mich für mich selbst zu schämen?
Der Bauch zu diesem Zeitpunkt noch nicht wieder zur schwangeren Monsterkugel mutiert…
Mir gefiel mein Kleidungsstil. Ich dachte, ich wagte zu denken, es würde cool aussehen.
Aber was würden andere dazu sagen? Würde man mich kritisieren, sich etwa über mich lustig machen, das Maul zerreißen, weil ich rumlaufe wie ein „Zigeuner“? Und dann der völlige Fehlgriff: die Laufschuhe dazu… Wie dumm sieht das denn aus??!
Ich starrte in mein Gesicht. Verwuschelte noch meine Haare, damit man von vorne nicht gleich sieht, dass das Haarband seine liebe Not hat, auf dem Schädel zu bleiben, weil ich so eine Flachbirne hintenrum habe.
Der Blick wanderte Halt suchend vom Spiegel zu den Leinwänden daneben. Was ist das eigentlich für ein Gesicht? Wie kann man das bezeichnen? Zu behaupten, ich hätte „perfekte“ Ohren, keinen Zinken und oben rum zumindest einigermaßen gerade Zähne, nicht schon wieder der Beweis dafür, wie selbstverliebt und egozentrisch ich sein muss? Wie würde das ein anderer bewerten? Der von anderen Kriterien ausgeht?
Der Blickwechsel immer hastiger, chaotischer, hektischer… und verzweifelter?
Mit WEM oder WAS konnte man diese Visage vergleichen?
Mir fiel keine einzige Person ein, die dieser Anordnung von Augen, Nase und Mund glich, oder gar nur im Ansatz ähnelte.
Da war NIEMAND!! Und mein Spiegelbild begann sich zu verändern…
In den letzten Tagen mir selbst ab und zu versucht gut zuzureden…

Die arme Frau hat aber eine riesengroße Knollennase! Da kannst du noch von Glück reden!
Die Arme hat ja unförmige, riesengroße Elefantenohren! Da kannst du wahrlich froh sein mit deinen Lauschern!

Das Gesicht im Spiegel verlor seine Konturen. Es wurde plan. Wie ein unbeschriebenes Blatt Papier!!
Himmel!! Und wenn nun ICH der Fehler im System bin??! ICH bin die Derealisation??! ICH verzerre das „Raum-Zeit-Kontinuum“??! ICH bringe alles durcheinander??! Denn nichts und niemand ist wie ich, MICH gibt es also gar nicht???!!!

Gehen die Wertvorstellungen nicht immer von der eigenen Person aus? Bewertet andere nach dem Bild, das man von sich selbst?! Spricht nicht das für einen Narzissten??!! Hat keinerlei Bestand noch Wert??!!!

Genau an dieser Stelle wusste ich nicht mehr, wie ich aussehe. Auch die Abbildungen auf den Keilrahmen ergaben keinerlei Sinn mehr!! Aus der Derealisation in die Depersonalisation?…

Nachmittags rief Esther an; die Wollstulpen für die Arme, die sie für mich stricken wollte, seien fertig. So fuhr ich nach 15:00 Uhr zu ihr runter und sie erwartete mich schon am offenen Fenster. Im Gespräch meinte sie dann: „Versteh mich bitte nicht falsch und nimm mir das nicht übel: Aber du bist selbst schuld dran, dass du nicht gehen kannst.“.
Ich wusste, worauf sie anspielt. Dass ich die Krankheit auch als Versteck nutze, und dass sie durch die Psyche ausgelöst und am Leben erhalten wird. Und ich mit meiner negativen Haltung permanent füttere. Dann erzählte sie mir aus ihrem Leben, von ihrer Erfahrung, den Bandscheibenvorfällen, Lähmungen…
Und obwohl ich genau wusste, was sie meint, wäre ich, wäre ich denn zu diesem Zeitpunkt nach Hause gefahren, dort Amok gelaufen. In mir kam es so an, als hätte ich nie gekämpft… Und empfand es sogar als „anmaßend“, Bandscheibenvorfälle mit Multiple Sklerose zu vergleichen.

Aber wir unterhielten uns weiter und auch ich konnte meine Problematik noch einmal etwas klarer darstellen. Dass es eben „nicht so einfach ist“, nun von heute auf morgen mein Leben umzukrempeln. Erläuterte, dass und warum ich ständig das Gefühl habe, mich selbst bestrafen zu müssen.

Sie wäre auf gar keinen Fall „schuld gewesen“, hätte ich mir hier die Kante gegeben. Aber die Worte anderer sind das Substrat, von dem Rumpelstilzchen zehrt. Nicht einmal Brigitte versteht es wirklich…
Das tut nur Markus. Und sagt mir immer wieder, dass das ganz typisch sei bei „meiner“ Störung. Und dass man das Täterintrojekt in sich nicht los wird, wenn man sich jeden Morgen positiv zuspricht und sich selbst sagt, dass man sich liebt oder derlei Gefasel. Dies funktioniere lediglich über den Weg der Aufarbeitung! Und davon bin auch ich überzeugt!

6. November 2018, Dienstag

8:29
58,2 Kilo um 6:45 Uhr. Ich war nun also der Meinung, heute, gleich mit dem Malen anzufangen. Draußen versinkt die Welt im Nebel; ich habe den Nebel immer so sehr geliebt. Aber ich bin fertig, völlig fertig. Mal abgesehen davon, dass der Tisch dermaßen zugemöhlt ist, sodass ich die Leinwand so ohne weiteres ohnehin nicht zu mir heranziehen könnte. Meine Augenlider hängen auf Halbmast. Wieder zu wenig geschlafen? Dabei hat mir Sebastian heute Morgen bereits meine Laufschuhe angezogen, weil ich ihm entgegengehen möchte, wie schon gestern, aber da kam ich lediglich unsere Einfahrt hinunter, ehe ich mich von einem von hinten kommenden Auto fürchterlich erschrecken musste, und dann noch die Fahrerin unverwandt stehen blieb und ausstieg, um sich mit mir zu unterhalten. Das war zu lange Stehen. Außerdem kam Sebastian dann bereits nach Hause.
Was nun nicht heißen soll, mich nicht gefreut zu haben, Rosie zu sehen. […]
Das Gefühl, meine Augen drehen über. Wie ein glühender Zweig steht ein schwachbrüstiger Feldahorn inmitten all der Himbeeren. Erinnerungen an die Volksschulzeit, an das Sammeln von Kastanien und Eicheln und Bucheckern im Herbst. Am quadratischen Wannenteich treibt sich augenblicklich so einiges an Spezialgästen herum: ein kleiner Schwarm Erlenzeisige, Grünfinken und Stieglitze sind zu hören, und exorbitant auch die paar Sommer- oder Wintergoldhähnchen, die wir samstags nach unserem Einkauf zu sehen bekamen. Aber die Kamera, die Spiegelreflexkamera trotz wuchtigem Teleobjektiv, keine Hilfe. Aber freitags soll ich ja meine gebrauchte Videocam bekommen. Sony Teil drei, das selbe Modell wie die anderen beiden.
Jetzt lassen sich die Augen überhaupt nicht mehr öffnen und mein weiterer Tagesverlauf erscheint auf Messers Schneide zu stehen…

13:38
Wie kann man nur schimmelige Lebensmittel von A nach B schieben, ohne sie wegzuwerfen?!

Ein flüchtiger Exkurs in meine ehemalige Küche. Sie ist seit dem Zeitpunkt nicht mehr „meine“ Küche, als ich nicht mehr fähig war, sie sauber zu machen. Das ganze alte Brot… Wird für Daniela gesammelt, von der Volkshilfe, für ihren Tierpark zu Hause. Und dazwischen zweimal Vollkornbrotreste, schön mit Grünspan überzogen… Wie kann man das nicht sehen? Die Frage geht gleich an mehrere Personen!

Mir ekelt. Zumal ich weiß, dass das neue Brot von gestern jetzt in derselben Plastiktüte schlummert, in der sonntags oder sogar erst gestern noch das jetzt vergammelte Pilzsubstrat gelegen hat!!
Den großen Becher Joghurt zurück in den Kühlschrank gestellt, sehe ich in diesem unten schon die nächsten Lebensmittel ihren letzten Atem aushauchen. Die Salatgurke, der Eisbergsalat… Aber ich schließe die Tür wieder. Und in mir drinnen geht eine Diskussionsrunde los.
Aber auch diese lasse ich hinter mir; dann kommt man eben zu dem Konsens, dass ich eine faule Sau bin! Ich bin unrund, unruhig… Während dem Mittagessen kam die Sonne raus.

Nicht gemalt. Auch nicht weiter gezeichnet. Die Maske, die auf dem zerstückelten Kinderkörper thront, erinnert mich an meine Mutter. Der Nagellack, der meine Hände noch älter aussehen lässt, ergibt mit den runzligen Fingern erst recht die Kopie der Hände meiner Mutter. Und ich fange an meine Hände zu hassen…
Was heißt hier „anfangen“… Sie funktionieren ja ohnehin nicht, ohnehin immer weniger, also bekommt der Hass obendrauf eine kräftige Zierborte, die das Gesamtkunstwerk noch hassenswerter macht!

Ich hatte geschlafen. Mit dem Kissen auf dem Tisch, exakt 2 Stunden. Dann klingelte draußen das Telefon… Ich dachte ja, er hätte es oben vergessen. Aber es lag auf der Treppe. Aber egal. War effektiver als der gestellte Alarm meiner Stoppuhr, die wenige Minuten später abging. Dennoch haderte ich noch beinahe eine Viertelstunde lang damit, überhaupt aufzustehen und nicht weiter zu schlafen. Im Badezimmer angekommen großes Staunen… Lag es an den neuen Laufschuhen, deren breitem Profil? Hatte das Schläfchen dermaßen gewaltige Auswirkungen?
Ich konnte frei stehen! Das ganze Zähneputzen über! Kein Wanken, kein Wackeln oder Kippen! Das Gehen betreffend war ich auch viel schneller als gestern! Aber die Gedanken… „Die Gedanken sind frei…“… Und die Gedanken lähmten, machten mich steif. „Kommt jemand aus dem Haus? Spricht mich wieder jemand an? Hält mich wieder jemand auf? Und noch entscheidender: Geht es mir ZU GUT???!“.
Sicherlich auch beteiligt die Kälte, die ich mit meinem Outfit unterschätzt hatte. Hallo… Ich konnte mich im Spiegel leiden??! Ich kam mir sogar wieder irgendwie „cool“ vor… Also hätte ich eigentlich stürzen müssen, um in meine Schranken gewiesen zu werden.

Nachts kamen wir uns also näher. Zu sagen, man hätte miteinander geschlafen, wäre übertrieben… Wenn überhaupt, dann ER mit mir. Ich konnte es mir nicht verkneifen: „…Wie mit einer Barbiepuppe…“.
Spaßbremse!… „Muss das jetzt sein?“, er wie vor den Kopf gestoßen. In meinem Kopf sah ich lediglich meine eigenen nackten Gummipuppen von damals, wie man ihnen mitunter mit Gewalt die Beine brechen musste, um sie abzubiegen… Es fielen weitere Vergleiche: „ausgewickelte Mumie“, „Zombie“, „sperriger Holzbausatz“…
Was soll man dazu sagen? Wie soll man es benennen? Wie damit umgehen?
Schön, wenn es für ihn ganz „normal“ oder gar „natürlich“ sein mag… Aber für mich ist es das nicht! Ich war immer eine Puppe, meine Kindheit hindurch eine Puppe. Und aus der beschädigten, kaputten Kinderpuppe wird jetzt eine ganz kaputte oder vielleicht sogar tote Erwachsenenpuppe für gewisse Stunden.
Aber nicht wie diese Aufblasdinger, die sind wenigstens weich und lassen sich verbiegen.
Vielleicht sollte ich nach Hollywood gehen, beim Film arbeiten… Viel besser kann man eine Leichenstarre nicht darstellen! Wenn ich für meine authentische Darbietung nicht mindestens einen Oscar absahne… Vielleicht bei einem Blockbuster über Nekrophilie?…

Darüber wird nicht gesprochen. 100.000 Seiten gibt es über „Fatigue-Syndrom“, Millionen Seiten zu irgendwelchen Nahrungsergänzungsmitteln bei MS… Aber was gerade dieses spezielle Thema betrifft…? Und dann komme gerade ICH daher, und mache ein Solches daraus? Und habe das Bedürfnis, darüber zu reden?!!!

Und in meinem Schädel wurde mein Täterintrojekt wieder zum skrupellosen Menschenhändler, Zuhälter, skandierte geschmacklose Aufforderungen, wie man mit mir zu verfahren hätte… Nur gut, dass man ihn draußen nicht hören kann?

Das Sonnenlicht ist schön. Es ist sicherlich auch warm geworden. Beinah durchsichtige, kleine Fliegen schweben in der Luft. Vielleicht hätte ich zumindest die Chance, mit der alten Kamera ein oder zwei Insekten einzufangen. Aber ich klebe schon wieder, an diesem Tisch, im Rollstuhl, bin völlig wie erstarrt. Als müsse ich mich schon wieder herausschneiden.

Es darf mir nicht gut gehen.

15:47
War draußen. Kurz. Oder etwas länger. Aufnahmen mit der Spiegelreflexkamera zu machen ist nichts mehr für den dummen Krüppel!
Ein kleiner Trupp Erlenzeisige flatterte von einem Baum zum anderen, leise zwitschernd.

Jetzt klingelt das beschissene Telefon schon wieder!! Wieder der Schumacher, wie heute Vormittag? Und nein! Ich werde das Telefon nicht holen! Prompt fängt es an in der linken Handfläche zu brennen… Fehlgeleitete Nervenimpulse?
Ich dachte, ich mache es mir bequem, gemütlich, bereite mir einen Tee zu…

Aber was macht die dumme Kuh?!!

Mein Strohhalm fällt zweimal runter. Beim zweiten Mal habe ich bereits das Stövchen und den kleinen Teller mit den ganzen Süßstofftabletten darauf auf dem Schoß. Meine Vernunft sagt mir, ich sollte es besser noch einmal oben abstellen. Aber ich bin nun mal unbelehrbar und, wie schon gesagt wurde, DUMM! Der kleine Teller rutscht vom Stövchen und zerbricht auf den Terrakottafliesen in mehrere Teile. Jetzt habe ich nur noch einen Teller von diesem Service.

Aber wenigstens die Schnitte von gestern sehen gut aus. Hübsch blutunterlaufen ist alles dabei, von Rot bis Violett und Blau. Eine nagelneue Klinge ist und bleibt eine nagelneue Klinge. Nicht müde werden, diesen Satz wieder und wieder zu bemühen.
Vom Büro ist Arbeit gekommen, außerdem sind da noch Kommentare zum Video… Irgendetwas in mir will wie ferngesteuert sofort zur Tablettendose greifen. Als sei auch das ein Automatismus. Und als ich mir soeben dezent meiner Rückenschmerzen gewahr werde, finde ich die Idee gar nicht mehr so blöd…

Arbeit, Nachrichten… Sonnenuntergang. Ich will flüchten, den Kopf einziehen, mich aus der Verantwortung stehlen…

17:18
Und nun ist es doch passiert. Mein Bein meldete die ersten Anzeichen von Krämpfen an. Meine Medikamente geholt, Abenddosis, unnötigerweise das Tramal von zwei auf vier Hübe angehoben, und als „Leckerli“ bereits jetzt 2,6 mg Hydal.
„Nun“… Vor sicherlich über 20 Minuten schon, denn die Wirkung beginnt einzusetzen. Nur das Bein krampft weiter. Ich muss aus den beschissenen Stützstrümpfe raus!…

Hätte ich Sebastians E-Mail, dass er sich noch mit Jan im Lokal trifft, früher gesehen… Hätte ich mich…?
„Was war der Anlass?“, gestern Markus‘ Frage zu jeder einzelnen Beichte, mich da und dort und dann verletzt zu haben. Es ist MEIN Körper! Auch wenn ich das Gefühl habe, er gehört auch noch irgendwie meiner Mutter. Und dass er sowieso tut und lässt was er will. Um mir auf jeden Fall zuwider zu handeln. Mir zum Trotz.
Das klingt doch nach einem guten Grund, oder nicht?

Aber dann denke ich weiter, fühle in mich hinein, und das Morphium versprüht rosa Watte in meinen hohlen Schädel, kleistert diesen damit zu. Es quillt aus meinen Augen, gut zu bemerken, wenn ich blinzeln will, die Augenlider aber verzögert und weich hernieder sinken.

18:13
Die Strümpfe weg, es fühlt sich leichter an. Aber das Bein krampft ausdauernd, athletisch weiter…

Die Finger kann ich nicht mehr spreizen, für „Strg+C“ oder „Strg-V“ reicht es nicht mehr. Die Rechte eine Faust. Die Linke, teilnahmslos wie gewohnt, auf dem Schoß.

19:09
Zu schön, um wahr zu sein…
Es genügt ja bereits, das Tagebuchdokument erneut zu öffnen, und die Panik legt noch eine Schippe zu.
Ich möchte, ich will, ich muss… Als hätte ich die Verpflichtung, „etwas gutzumachen“. Hätte „Rechenschaft abzulegen“. Und erneut gilt meine Sorge Sebastian, dass er mich in flagranti erwischen könnte. Genügte nicht schon, dass er zuvor, gleich nachdem er nach Hause gekommen war, unter meinem Tisch etwas entdeckte, es aufhob, mit „Igitt!“ kommentierte und mir meinen beinahe vollständig mit Blut getränkten Verbandstrumpf auf den Schoß geworfen hat?
Ich will nicht ins Badezimmer, will nicht die Tür hinter mir schließen. Rausch und Angst liefern sich einen heftigen Schlagabtausch. Mir fehlt augenblicklich die Konzentrationsfähigkeit, um mit Willensstärke in mich hinein zu sagen: „JETZT ist JETZT!! Keiner stirbt, keiner ist gestorben!! JETZT AUGENBLICKLICH IST ALLES IN ORDNUNG!!“, und um im Kopf das Bild entstehen zu lassen, wie ich das innere Kind aus dem Gasthaus, wie bei einem Computerspiel, „entnehme“, es hier aufs Sofa setze, in eine Decke kuschelig eingewickelt, um ihm sodann freundlich zuzuzwinkern: „HIER bist du sicher! Ich passe auf dich auf!“…

Während ich diese wertlose Scheiße diktiere, das Programm permanent Fehler macht, die ich wiederum ausbessern muss, vergeht kostbare Zeit „allein“. Das Geschirrtuch von gestern falten. Zumindest versuche ich es. Das Blut darauf ist sogar noch feucht. Meine arme Lederschultasche…

Was ist der Auslöser?“…

Ich will meine Ruhe haben. Aber ich habe sie nicht. Kann mir einreden, die Angstgefühle rühren von der Tablette für die Blase, die ich mir extra noch aufgehoben hatte, um sie verzögert einzunehmen, aber dann doch vor etwa 20 Minuten geschluckt habe.

Der noch unverbrauchte Strumpf landet auf dem Boden. Anstatt Strumpf zu schreiben erscheint im Text das Wort „Strom“… Wie albern ist das jetzt? Das Wort löst Angst aus!!
Ich zögere immer noch. Mich wieder beim Kind entschuldigen? Augenblicklich fühle ich mich wie der einsamste Mensch auf Erden. Spricht doch Bände, diesen SCHEISS zu veröffentlichen. Will ich aufgehalten werden? Will ich beobachtet werden? Will ich ernst genommen werden?

MITLEID!!!

Die Ohren gespitzt… Tut sich oben etwas? Wie soll ich jemals von diesen Strategien ablassen können? Oder wie Markus gestern meinte: „… Und dann irgendwann wirst du dich auch von der Krankheit, von der MS verabschieden…“, was wieder unverzüglich Ängste und den Wunsch, mich umzubringen, evozierte. WIE BESCHEUERT MUSS MAN SEIN???

Die Verspannung in den Schultern quillt durch den Rauschzustand. Sätze manifestieren sich: „Das Leben macht keinen Sinn mehr! Ich kann nicht einmal mehr sitzen ohne Schmerzen! Wie soll das bloß weitergehen?! Es wird immer schlimmer werden!!“.
Die Klinge ansetzen… Und nachher wieder lächeln und Scherze machen. Schauspieler.

Hör auf die Augen zuzumachen und die Luft anzuhalten!! Mach es gefälligst anständig!!

Die Haut zwischen Daumen und Zeigefinger spannen. Kinderkacke!

Das hätte die kleine Nutte besser hinbekommen!!!

Erst zwei Kratzer; noch nichts verschwendet. Ich denke an all die Dokus, denke an die Mitpatienten in Psychiatrie und psychosomatischer Klinik… DAS waren Schnitte! DAS waren Narben!

Die Augen schließen. Die Atmung, erst noch beschleunigt, wird langsamer. Ich müsste einmal kräftig ausholen…
Versuche ich, das Werkzeug anders zu halten, zwischen den Fingern zu drehen, stoße ich an meine Grenzen. Meine Hand verweigert mir die Kooperation. Ist noch mehr Faust. Nebenbei erneut vergessen, wie viele Ventile es jetzt waren… Neun Stück?

Dann denke ich an den morgigen Tag. Panik. Das Kind in mir hinter einen Vorhang stecken. „Schau weg…“.
Derealisation. Was ist echt, was nicht?
Und voller Entsetzen fällt der Blick auf die Uhrzeit rechts unten am Bildschirm… 19:40!

19:41
Vor 30 Sekunden noch hatte ich die Anzahl im Kopf. Auch den Satz, den ich jetzt festhalten wollte. Dass sich zumindest die 15 (?) der Kontrolle entzogen hat. Ein bisschen. Mittlerweile klammert sich die Hand dermaßen an das Stückchen Metall, dass davon auszugehen ist, sie wird dieses nicht mehr loslassen.
Derealisationen beim Anblick all der Blutperlen. Der Fleck auf dem Tuch immer größer.

LÄCHERLICH!!!

Ich kann und ich darf noch nicht aufhören. Noch nicht den Verband überstreifen. Weil das Spektakel bereits am Abebben ist. Mindestens einer der Kratzer muss unter dem Stoff weiter bluten…

Panik! Die Geräusche oben ändern sich! Letzte Chance!!
Weitere 10, quer über die Schnittfläche, denn keiner davon genügt!!
Die Linke erst recht eine Faust, lässt nicht zu, dass ich mein schmutziges Geheimnis kaschiere. Die Rechte scheitert an ihrer fehlenden Feinmotorik, den noch neuen Strumpf ohne Umkrempeln über das Desaster zu streifen…

SCHEISSE… Blutflecken auf der Hose! Ein neurotisches Zucken huscht über meine Gesichtszüge. Augenblicklich unfähig zu entscheiden, wohin nun der getränkte Lappen soll. Die Armlehne ist voll mit Blut, aber sie ist schwarz, man sieht es nicht. Die rechte Hand ist voll mit Blut, aber es ist zu dunkel hier im Raum, man sieht es nicht.
Sage ich jetzt nur aus Gewohnheit, dass es mir leid tut? Ebenso: „Liebe Kinder, auf gar keinen Fall nachmachen!“??! Dass es mir leid tut, so ich jemanden getriggert habe?!!
Alles nur, um das Bild von mir aufzuhübschen? Um besser dazustehen? Als hätte ich ein Gewissen, einen Blick für meine Umwelt, für andere?

DU SIEHST NUR DICH SELBST, DU BESCHISSENER EGOMANE!!! BRING DICH ENDLICH UM UND ERLÖSE DIE WELT VON DIR!!!!!!

Kaltes Wasser auf ein Tuch und damit über die Hose schrubben. Mit dem Wahnsinn beweisen, dass mit mir etwas nicht stimmen kann? Dass irgendetwas passiert sein MUSS?

20:13
Musik anmachen. Die Selbstmord-Playlist. Rausch. Kindheitserinnerungen. Völlig hohl, keine Aussagekraft, belanglos oder schön. Keine Rechtfertigung für DAS hier.

Jedoch bemerken, mich auf diese Weise wunderbar in eine suizidale Sackgasse einbiegen zu lassen.

Er ist unten. Ich funktioniere…
ES tut mir leid, DAS HIER tut mir leid, WIRKLICH, und WIEDER EINMAL.

SCHEISSDRECK KRÜPPEL-PSYCHO!!!

Oder schreibe ich letztendlich auch DAS nur, um Mitleid zu erheischen?…
Kann nicht denken…

5. November 2018, Montag

19:46
58,3 Kilo. Ich weiß nicht so recht, was mich gestern getrieben hat. Weil er mir die Nägel schwarz angemalt hat? Was ich immer noch sehr befremdlich finde, ich empfinde meine Hände als uralt und hässlich damit?

Aber auch ohne Lack sind sie das wohl oder übel.
Erst noch ein paar Seiten in „Tagkind Nachtkind“ gelesen und dann dieses Gefühl im Unterleib gehabt. Teilweise taub. Aber dennoch so, als wäre da eine Geisterhand in meiner Unterhose. Und das dringende Bedürfnis, ES abzuführen, wie man in der Analyse sagen würde.
Mich auf meine dezente, unauffällige Weise an Sebastian rangeschmissen. Aber er reagierte nicht. Und als er dann plötzlich das Licht ausschaltete und sich drehte, bekam ich einen halben Herzinfarkt vor Schreck! Und wieder dieses Gefühl, von irgendetwas Schwerem zerquetscht zu werden, keine Luft mehr zu bekommen! Und es war nicht mehr er, der gerade für Dunkelheit und dann Bewegung im Bett gesorgt hat.

Was ich anschließend machte? Mit meiner beschissenen, spastisch immer mehr verkrampften Krüppelhand wiederum den linken Unterarm fest (zumindest im Rahmen meiner Möglichkeiten) durchgeknetet, darauf herumgekratzt. Bis es eben anfängt zu brennen und ich mir ausmalen konnte, dass es zumindest ein bisschen blutet…

Nachmittags mit der Volkshilfe nett unterhalten. Aber wieder überfordert. Wieder Hydal geschluckt. Und auf einen grandiosen Sonnenuntergang hastig in den wenigen Minuten vor der Sitzung mit Markus erneut zur Klinge gegriffen; dieses Mal jene aus der Blechdose. Sie war nagelneu, und unverbraucht, scharf…
21 Schnitte, die wenigstens etwas mehr bluteten.
Gleich nach dem Aufstehen morgens hatte ich das Bedürfnis, eine Zeichnung anzufertigen. Während der Sitzung noch etwas daran herumgekritzelt. Aber sie ist noch nicht fertig…
Es war eine sehr gute Therapieeinheit und alles machte Sinn. Die Diagnose. Der Auslöser. Einfach ALLES. Und dennoch, oder gerade deswegen während der zweieinhalb Stunden weitere 2 mg Hydal retard geschluckt. Wäre noch Hydal 2,6 oder 1,3 in der Tablettendose gewesen, hätte ich natürlich diese präferiert.